
Полная версия:
Manfred Eisner Im Bann der bitteren Blätter
- + Увеличить шрифт
- - Уменьшить шрифт
Als sie wenig später die Treppe des Bürogebäudes emporsteigen, begegnen ihnen die Sargträger, die Ralphs Leichnam hinunterbringen. Oben empfängt sie der Chef des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Kiel, Prof. Dr. Christoff Klamm. Da der Pathologe gerade an einer Studie für die Landesregierung über den Drogenkonsum und seine Folgen arbeitet, hat er es sich nicht nehmen lassen, persönlich am Tatort zu erscheinen, um den Fall zu untersuchen.
„Guten Tag, Herr Professor. Können Sie uns schon etwas sagen?“
„Hallo, Frau Oberkommissarin, lange nicht gesehen, und auch Ihnen guten Tag, Breiholz. Ja, offensichtlicher Tod durch eine Überdosis Kokain. Allerdings ziemlich unübliche Umstände, behauptet doch die Schwester des Toten, dieser sei nach einer längeren Entwöhnungskur in der Schweiz clean gewesen und habe sich anschließend, so auch während der ganzen letzten Zeit, absolut unauffällig verhalten. Sie kann sich dieses Malheur überhaupt nicht erklären. Ich werde also den Fall näher untersuchen. Sobald ich den Leichnam seziert habe, gebe ich Ihnen Bescheid.“
Sascha Breiholz unterhält sich zunächst mit Feuerwehr-Einsatzleiter Hansen und lässt sich alles genau berichten. Steffi Hink geht an den Schreibtisch zu Melanie Westphal, die vollkommen apathisch ins Leere blickt. Der Notarzt hat ihr eine Beruhigungstablette verabreicht. „Guten Tag, Frau Westphal, ich bin Oberkommissarin Steffi Hink, Bezirkskriminalinspektion Kiel. Das da vorn ist mein Kollege, Oberkommissar Breiholz.“ Sie deutet auf Sascha, der inzwischen hinzugekommen ist. „Gemeinsam ermitteln wir im Todesfall Ihres Bruders – Ralph, nicht wahr? Zunächst unser allerherzlichstes Beileid zu diesem tragischen Vorfall.“
Professor Klamm, die Feuerwehr und der Notarztwagen sind inzwischen abgefahren. Stattdessen sind die hinzugerufenen Mitarbeiter der Spurensicherung und zwei Streifenpolizisten anwesend.
Sascha fragt: „Ich weiß, es muss furchtbar für Sie sein, aber wären Sie dennoch in der Lage, uns einige Fragen zu beantworten?“
Melanie nickt.
„Würden Sie uns bitte erzählen, was geschehen ist?“, sagt Steffi.
Melanie berichtet ausführlich über die Vorgeschichte. „Ich kann mir einfach nicht erklären, wie es plötzlich zu diesem bösen Rückfall gekommen ist. Ralph hat sich doch absolut unauffällig verhalten, und ich bin sicher, ich hätte es bemerkt.“
Lars Kruse, ein Mitarbeiter der Spurensicherungsmannschaft, erscheint in seiner weißen Montur mit einem kleinen Plastikbeutel in der Hand. „Kokain, kein Zweifel, anscheinend sehr rein. Geht ins Labor, okay?“
Sascha nickt. „Haben Sie eine Ahnung, wo Ihr Bruder sich das Kokain beschafft haben könnte?“, fragt er Melanie.
„Ich weiß es nicht, aber ich vermute, es kann nur in Lübeck gewesen sein, und zwar an der Fachhochschule. Dorthin ist Ralph täglich gefahren. Wer weiß, wem er dort alles begegnet ist.“
Die beiden Oberkommissare sehen sich vielsagend an. „Wir müssen Waldi informieren“, sagt Steffi. Dann klärt sie Melanie auf: „Kommissar Walter Mohr ist unser Spezialist von der Drogenfahndung. Er wird sich um alles Weitere kümmern. Dürfen wir Sie jetzt nach Hause bringen?“
„Vielen Dank, aber ich habe meinen Wagen in der Tiefgarage stehen.“
„Sie sollten jetzt nicht selbst fahren, da Sie die Beruhigungstabletten genommen haben. Kommen Sie bitte mit.“ Saschas Tonfall lässt keine Widerrede zu. „Ach, mein Gott, ich muss ja noch die Eltern anrufen. Wie soll ich ihnen nur das Furchtbare erklären?“ Melanie verfällt wieder in Panik.
Steffi versucht sie zu beruhigen: „Wann wollten sie denn zurückreisen?“
„Am Mittwoch gegen Mittag. Ich soll sie am Hamburger Flughafen abholen. Oh Gott, oh Gott, was mache ich nur?“
„Also, wenn Sie meine Meinung hören möchten“, sagt Sascha, „ist es wenig sinnvoll, Ihre Eltern schon jetzt mit der Todesnachricht Ihres Bruders in Aufruhr und Trauer zu versetzen. Es sind ja nur vier Tage bis zu ihrer geplanten Rückkehr. Viel früher könnten sie sowieso nicht zurückkommen, und damit wäre auch nichts gewonnen. Haben Sie eine gute Freundin oder einen Freund, der Sie zum Flughafen begleiten könnte? Allein sollten Sie keineswegs dorthin fahren.“
Melanie denkt nach. „Ja, ich habe eine sehr gute Freundin aus meiner Hamburger Gymnasialzeit, die Nili. Mit ihr treffe ich mich sehr oft. Übrigens eine Ihrer Kolleginnen, sie ist Oberkommissarin in Oldenmoor.“
„Dürfen wir bitte den Büroschlüssel haben?“ Sascha nimmt den Schlüssel entgegen und übergibt ihn an einen der Streifenpolizisten. „Wenn die Spusi hier fertig ist, verschließen Sie bitte das Büro und versiegeln die Tür.“
Dann gehen Sascha und Melanie gemeinsam in die Tiefgarage. Sascha lenkt Melanies Cabrio, gefolgt von Steffi im schwarzen Kombi. Sie bringen die immer noch von Weinkrämpfen geschüttelte junge Frau nach Hause.
Als die beiden Oberkommissare gemeinsam auf dem Weg zurück in die Bezirksinspektion sind, verkündet Steffi: „Ich werde sofort Waldi anrufen, er muss diesem Fall auf die Spur kommen. Die arme Frau Westphal tut mir so leid!“
Sascha pflichtet ihr bei: „Eine bodenlose Gemeinheit! Wenn schon mal einer von der Sucht loskommt – und dann das! Manches Mal verzweifle ich an unserer Justiz. Man ist viel zu nachlässig mit der Bestrafung dieser gewissenlosen Kanaille. Die Erpresser, Entführer und Drogenhändler gehören doch alle …“
„Genug, Sascha!“, unterbricht ihn Steffi. „Ich weiß, was du fühlst, und manches Mal bin auch ich geneigt, aus Frust über unsere Ohnmacht gegenüber diesen Verbrechern alles hinzuwerfen. Wir geben uns die beste Mühe, sie ausfindig und dingfest zu machen, damit sie ihre gerechte Strafe erhalten. Und dann schaffen es oftmals die gewieften Herren Verteidiger, unter Ausnutzung sämtlicher Gesetzeslücken und Tricks, diesen miesen Übeltätern zu milden Urteilen oder sogar zu einem Freispruch zu verhelfen. Trotzdem, ich bin froh, in einem Staat zu leben und diesem zu dienen, in dem das Gesetz regiert und nicht die Willkür. Und das solltest auch du, lieber Herr Kollege Oberkommissar!“
2. Nili
Kriminaloberkommissarin Nili Masal legt betroffen den Telefonhörer auf. Sie ist erschüttert über das, was sie soeben von ihrer Freundin Melanie erfahren hat. Sie kennen sich seit ihren gemeinsamen Pennezeiten am Heilweg-Gymnasium in Hamburg, wo sie beide ihr Abitur bestanden haben. Auch in den Jahren danach ist ihr Kontakt nicht abgebrochen. Während Nili – so hatten ihre Eltern sie genannt, zu Ehren jener jüdischen NILI1-Untergrundorganisation, die schon während der türkischen Besatzungszeit bestrebt war, im Heiligen Land wieder einen eigenständigen Verbleib für Juden zu gestalten – ihre sechs Semester an der Fachhochschule für Verwaltung und Dienstleistung in Altenhof bei Eckernförde sowie danach das Praktikum an der Polizeischule in Eutin absolvierte, trafen sie sich regelmäßig. Melanie machte zwischenzeitlich ihre Ausbildung als Finanzwirtin beim Finanzamt Kiel-Nord. Deswegen verbrachten die beiden Freundinnen die gemeinsamen Stunden meistens in Kiel, wo Nili auch gelegentlich im Hause der Westphals übernachtete und dabei die Bekanntschaft mit Melanies Halbbruder Ralph machte. Sie mochte den verträumten, netten jungen Mann und war auch ab und zu bei seinen gelegentlichen musikalischen Auftritten zugegen. Melanie hatte ihr später von der Entziehungskur berichtet und ebenso, äußerst erleichtert und froh, von Ralphs Wiederaufnahme des Studiums in Lübeck. Und jetzt diese furchtbare Nachricht!
Nili geht in den Toilettenraum der kleinen Polizeidienststelle in Oldenmoor, um sich die Tränen abzuwischen und das Gesicht zu waschen. Das Bild, das ihr oberhalb des Waschbeckens aus dem Spiegel entgegenblickt, ist das noch recht jugendliche, faltenlose Gesicht einer hübschen Enddreißigerin mit kurz gestylten, brünetten Haaren, freundlich blickenden dunkelbraunen Augen und einem sehr schön geformtem Mund. Der eng sitzende Rollkragenpulli verrät einen wohlproportionierten Busen, die blaue Uniformhose vermag es nicht vollständig, ihre weiblichen Rundungen zu kaschieren. Trotz der offensichtlich seelischen Belastung wegen des soeben Erfahrenen eine aparte und sympathische junge Frau. Ein wenig erholt von dem Schreck kehrt sie wenig später an ihren Arbeitsplatz zurück.
Ihrem wohlbeleibten Vorgesetzten, Hauptkommissar Boie Hansen, Leiter der Polizeidienststelle Oldenmoor, ist die Aufruhr, die das Telefonat bei seiner tüchtigen Mitarbeiterin verursacht hat, nicht entgangen. In seiner ihm eigenen, stets kurz gehaltenen Ausdrucksweise fragt er sie: „Nun vertell, mien Deern, wat hesst du op’m Haarten?“ Der umfangreiche Kahlkopf grient sie freundlich an. Auch der Kollege, Oberkommissar Hauke Steffens, hebt neugierig den Kopf.
Nili berichtet kurz von dem, was sie soeben erfahren hat. Dabei muss sie sich zusammenreißen, damit nicht wieder Tränen fließen.
„Ist wohl kein Einzelfall“, kommentiert Hauke Steffens. „Ich traf neulich durch Zufall auf Waldi Mohr, den Kieler Drogenfahnder. Er erzählte mir, es gäbe da neuerdings eine gemeine Bande, die es besonders auf jüngere Schüler und Studenten, die mit der Bahn zwischen Kiel und Lübeck pendeln, abgesehen hat.“
Nili reagiert spontan: „Könnte passen. Der Tote wohnte in Kiel und fuhr täglich mit der Bahn nach Lübeck. Melanie, seine Schwester, hat mir soeben erzählt, dass er vom Bahnhof aus immer mit seinem Fahrrad zur Hochschule fuhr.“ Sie überlegt einen Augenblick. „Er verstarb aber im elterlichen Steuerbüro in Kiel. Demnach müsste sein Drahtesel noch am Lübecker Bahnhof sein, oder?“
Boie Hansen greift zum Telefonhörer. „Dann wollen wir doch mal sehen, ob wir diesem Waldi einen nützlichen Tipp geben können. Ich rufe das Kieler Drogendezernat an.“
„Ach, Chef, ich muss Sie um einen Gefallen bitten. Dürfte ich mir den Mittwoch freinehmen? Melanie bat mich, sie zu begleiten, um ihre Eltern vom Hamburger Flughafen abzuholen. Sie kommen an dem Tag aus dem Urlaub zurück und wissen noch gar nichts von dem Unglück.“
Boie Hansen grient abermals: „Dann fier man een paar Överstundn af, geiht in Ordnung!“ Anschließend spricht er in den Hörer: „Hier Hauptkommissar Boie Hansen, Polizeidienststelle Oldenmoor. Kann ich bitte Ihren – wie heißt der Waldi wirklich? –, also Ihren Kommissar Walter Mohr sprechen? Habe einen wichtigen Hinweis für ihn.“
Polizeimeister Willi Seifert betritt das Büro. Seine Ledermontur ist völlig durchnässt und an der linken Seite mit dem dunklen Schlamm der Marscherde verschmiert. „So’n Shiet aber ok!“ Wütend wirft er seinen Motorradhelm auf den Stuhl. „Beinahe hätte ich die Golfdiebe erwischt, da kommt mir doch so ein blödes Rehkitz in die Quere! Ich musste so stark bremsen, dass ich auf der nassen Fahrbahn mit meinem Krad inne Grippe geschliddert bin. Hatte noch Glück im Unglück, ist nichts Schlimmes passiert, aber die Kerle sind mir durch die Lappen gegangen. Ich habe die Kollegen in Wilster, Sankt Margarethen und Glückstadt per Funk alarmiert, aber ich glaube nicht, dass wir sie kriegen. Ganz schön dreiste Hunde! Brechen doch heute in aller Früh im Autohaus Scholz ein, holen sich den Schlüssel aus dem Laden und klauen einen nagelneuen schwarzen VW Golf GTI vom Hof!“
„Ja, wir haben Ihren Funkruf gehört, Seifert. Na, wir werden die Kerle schon fassen – früher oder später. Jetzt gehen Sie man erst mal nach Hause und ziehen sich um, in so einer Aufmachung können Sie ja hier keinen Staat machen.“ Diese Worte sind Boie Hansens Art, Trost zu spenden. „Dann bringen Sie Ihr Motorrad sicherheitshalber zur Inspektion nach Heiligenstedten, dort soll man sicherstellen, dass alles okay ist. Am besten, Sie fahren mit dem Transporter gleich mit, Seifert, und bringen ihn dann wieder her.“
Nili wirft ein: „Und auf der Rückfahrt fahrt ihr bitte beim Autohaus Scholz vorbei und holt euch die Bänder von der Überwachungskamera ab, ja? Wir sehen uns genau an, wer da alles in den letzten Tagen in den Geschäftsräumen war und den Laden ausbaldowert haben könnte. Sagen Sie mal, Seifert, Sie waren doch ziemlich nah dran am Golf. Wie haben Sie überhaupt bemerkt, dass es sich um den gestohlenen Wagen handelt?“
„Ich kam gerade von der Streifenfahrt zurück, da bemerkte ich im Rückspiegel, wie der schwarze VW plötzlich aus der Ausfahrt vom Jammertalweg kam. Ich wendete und nahm die Verfolgung auf. Die Typen gaben Gas und versuchten, in Richtung Brokdorf davonzujagen. Muss ein verdammt geübter Fahrer sein, er nahm die engen Kurven mit mindestens 120 Sachen, obwohl sie ja nur für 70 Stundenkilometer zugelassen sind. Beim Überholen eines Pkws drängten sie sogar einen entgegenkommenden Lieferwagen von der Straße, einen Sprinter. Ich hielt kurz an. Der Fahrer war okay und machte mir deutliche Zeichen, ich solle weiterfahren. Ich gab wieder Vollgas und kam allmählich ziemlich nahe ran, sie hatten ein Lübecker Kennzeichen, KS 727, am Heck. Irgendwann kam eine Kurve, ich musste runter vom Gas, und dann schoss plötzlich das verdammte Rehkitz quer auf die Fahrbahn.“
„Das Nummernschild ist ganz sicher gestohlen, aber wir checken es trotzdem.“ Nili greift nach dem Telefonhörer. „Und nun ab mit euch!“
***
Nili wartet schon vor ihrer Haustür, als Melanie in dem Mercedes Kombi ihres Vaters in die Theodor-Heuss-Straße einbiegt und neben ihr anhält. Sobald sie eingestiegen ist, fahren sie los.
„Vielen Dank, liebe Nili, dass du mich bei meiner so schweren Mission begleitest“, sagt Melanie und drückt ihrer Freundin fest die Hand.
„Ist doch selbstverständlich, wozu sonst hat man denn Freunde? Nochmals mein allerherzlichstes Beileid.“ Nili blickt auf ihre ganz in Schwarz gekleidete ehemalige Schulkameradin, die nur wortlos nicken kann. Sie selbst hat einen grauen Pulli und eine schwarze Hose angezogen.
„Wie geht es deiner Mutter?“, fragt Melanie etwas später.
„Ach, eigentlich wieder ganz gut!“ Nach einer kurzen Pause setzt Nili fort: „Seit sie auf dem Eulenhof der Familie Carstens ihre freilaufenden Hühner betreut, ist sie wieder ganz in ihrem Element.“
Danach schweigen sie. Während sie entlang der Bundesstraße in Richtung Autobahn und dann weiter nach Hamburg fahren, versinkt jede in ihren eigenen Gedanken.
Nachdem Nilis Großeltern, Heiko und Clarissa Keller, Anfang der fünfziger Jahre aus dem langjährigen Exil in Bolivien nach Oldenmoor zurückgekehrt waren, hatte ihre Mutter, Elisabeth Keller, damals noch Teenager, ihre beiden letzten Jahre bis zum Abitur in Hamburg verbracht. Danach machte sie aber ihren bereits in Bolivien gefassten Entschluss wahr, nach Israel auszuwandern. Eigentlich meinte Lissy, wie sie von allen genannt wurde, sie sei ja gewissermaßen nur „eine vierteljüdische Deutsche“, jedoch hatten sie die schwerwiegenden Begleiterscheinungen der argen nationalsozialistischen Ära, die sie, ihren Bruder Oliver und ihre Eltern zur Auswanderung genötigt hatten, derart geprägt, dass sie sich innerlich uneingeschränkt ihrem Judentum verbunden fühlte. Dies allerdings in einer absolut konfessionslosen Manier, denn ebenso wie ihr Vater und auch ihr Bruder hielt sie absolut nichts von irgendeinem Glauben und dessen Religionsausübung.2
In Israel eingetroffen, trat Lissy in den Kibutz Halonim in Galiläa ein, am Fuße der Golanhöhen ganz in der Nähe der damaligen Grenze zu Syrien gelegen, und gesellte sich dort zu den vielen Vereinskameraden ihrer vormaligen La Pazer jüdischen Jugendbewegung. Schon während der Kindheit war sie betont naturverbunden gewesen. In den zumeist auf der Hacienda ihrer Nennonkel und -tante verbrachten Schulferien hatte sie sich immer schon besonders für die Aufzucht und Hege von Federvieh interessiert. Diese Vorliebe brachte sie auch bald dazu, hauptsächlich im großen Hühnerstall des Kibutz, dem Lul, beschäftigt zu werden. In der La Pazer Jüdischen Primärschule, die sie sechs Jahre lang besuchte, hatte sie im einschlägigen Religionsunterricht eine solide Grundlage der alttestamentarischen hebräischen Sprache mitbekommen, die es ihr jetzt ziemlich erleichterte, sich rasch der neujüdischen Sprache, dem Iwrith, zu bemächtigen. Es dauerte dann auch nicht lange, bis sie bei der Kibutzleitung den Antrag stellte, Geflügelzucht wissenschaftlich zu studieren, wie ihre „Tante“ Frauke ihr in deren Nachlassbrief ans Herz gelegt hatte. Der Kibutz war erst kurz vor der Staatsgründung Israels von den aus mehreren südamerikanischen Ländern eingewanderten jungen Chalutzim3 gegründet worden und deshalb auch noch nicht besonders wohlhabend. Wegen seiner risikoreichen Grenzlage wurde er zudem von der syrischen Seite aus häufiger von marodierenden Eindringlingen heimgesucht und man stand deswegen stets in angespannter Wachsamkeit bereit. Dennoch rechnete man sich gute Zugewinnmöglichkeiten durch eine Erweiterung der Eier- und Geflügelwirtschaft aus und beschloss, neben Lissy auch ihren Mitarbeiter Iakov an eine spezialisierte Ausbildungsstelle zu entsenden und die dadurch entstehenden Kosten zu tragen. Mit ihrem Freund Ruben Masal, den Lissy noch aus ihrer La Pazer Zeit so gut kannte, weil er in der Bäckerei ihres Vaters gelernt und danach dort als tüchtiger Geselle gearbeitet hatte, war sie erst vor einigen Wochen eine engere Beziehung eingegangen. Ruben war deshalb auch überhaupt nicht begeistert von ihrer ganzwöchentlichen Abwesenheit im Internat, die sich voraussichtlich über die nächsten zwei Jahre erstrecken würde. Sie konnten sich ab jetzt nur an den Wochenenden sehen. Mit großem Eifer widmeten sich alsdann die beiden Ausgewählten ihrem Studium an der Landwirtschaftlichen Ruppin-Akademie in Hefer nordöstlich von Netanya, zwischen Tel Aviv und Haifa gelegen. Lissy war natürlich durch ihr Abitur im Vorteil und konnte ihrem Kollegen in den Fächern Mathematik, Chemie, Physik, Biologie und Englisch erfolgreich unter die Arme greifen. Bei der besonderen Ernährungslehre und den im zweiten Studienjahr schwerpunktmäßig gelehrten Fächern Tierheilkunde und Anatomie sowie Futterlehre traf sie aber ebenso auf Neuland wie Iakov. Dieser revanchierte sich jedoch, indem er anfänglich manche bei Lissy noch vorhandene Sprachlücke überbrückte, denn das Studium stellte nicht alltägliche Forderungen an die Eleven.
Liliths – wie Lissys neuer hebräischer Name in Israel lautete – Liebesbeziehung zu Ruben blieb nicht lange ohne Folgen und so brachte sie ihren Sohn fast gleichzeitig mit der erfolgreichen Beendigung des Studiums zur Welt. Beide hatten anlässlich der Anwesenheit eines Rabbi im Kibutz noch vor der Geburt geheiratet und durften nun gemeinsam mit dem Neugeborenen von den bisherigen Junggesellen-Schlafgemächern in ihren bescheidenen Shikun – eine kleine Behausung für Ehepaare – umziehen.
Zur Erinnerung an Lissys so sehr verehrten Großvater Hans-Peter von Steinberg gaben sie dem Jungen den Namen Hanan-Peres, damit wenigstens die Anfangsbuchstaben übereinstimmten. Kurz nach der Geburt und dem Einzug in ihr neues Zuhause konnten sich beide Eltern wieder ihren Aufgaben – Ruben in der Bäckerei, Lilith mit ihren Hühnern – voll widmen. Ebenso wie alle anderen Neugeborenen im Kibutz umsorgten tagsüber geschulte Kleinkinderbetreuerinnen ihren Sprössling im Hort. Gemeinsam mit ihrem Fachkollegen Iakov und einigen weiteren Kameraden machte Lilith den Ausbau des Luls zu ihrer Lebensaufgabe. Die Stallungen wurden erweitert und den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst. Allerdings hatte man sich gleich zu Beginn für eine artgerechte Bodenhaltung der Tiere entschieden, anstatt sie in jene engen Legebatterien zu pferchen, die gerade damals überall als State of the Art in Mode gekommen waren. Lilith sah ihre Schützlinge immer noch eher als Geschöpfe und nicht nur als nackte Brathändelspießkost oder Eierlegemaschinen an. Dennoch war ihre Arbeit und die des Teams erfolgreich, und schon bald konnte das landwirtschaftliche Gemeinschaftsunternehmen einen guten Gewinn aus der Hühnerzucht und der Eierproduktion erwirtschaften.
Alles wäre so schön gewesen, wäre da nicht immer wieder zwischendurch die grausame Gegenwärtigkeit des Krieges aufgetaucht. Seit der Staatsgründung war Israel der Bedrohung durch die umliegenden feindlichen Nachbarn ausgesetzt, zu der sich nun auch der Terror der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO unter Jassir Arafat summierte. Die während des Befreiungskrieges teils geflüchteten, teils verjagten Araber hatten zwar in den umliegenden Ländern ungeliebte Zuflucht, aber keinerlei Integration oder gar eine neue Heimat gefunden. Sie wurden von deren Regierenden wohlweislich in elenden Flüchtlingscamps zusammengedrängt und lebten dort unter sehr prekären Bedingungen – eine probate Methode, um ihren Hass auf Israel zu wahren und weiter zu schüren. Neben den immer wieder vorkommenden militärischen Kriegsscharmützel, die meist von der israelischen Armee erfolgreich abgewehrt werden konnten, waren es die oft vorkommenden Kommandoaktionen von PLO-Attentätern, die alle Grenz-Kibutzim und -städte zur kontinuierlichen und erhöhten Wachsamkeit zwangen. Auch Halonim befand sich in einer dieser unmittelbaren Gefahrenzonen und blieb nicht von solchen hinterhältigen Attacken verschont, die von meist im Schutz der Dunkelheit heranrobbenden, mordlüsternen Tätern durchgeführt wurden.
Ständig waren deswegen Wachen an den strategisch relevanten Posten aufgestellt und inspizierten aufmerksam das umliegende Gelände. Dennoch geschah es eines Tages, dass es einem dieser Täter gelang, sich während der sengenden Mittagshitze unbemerkt bis in die Nähe des Kinderhorts heranzuschleichen und zwei Handgranaten durch ein Fenster auf die wehrlosen Kleinen zu werfen. Eine der Betreuerinnen schaffte es noch, sich zu opfern, indem sie versuchte, mit ihrem Körper die Granatenexplosion von den Kindern abzuschirmen, die andere Granate explodierte jedoch ungehindert im Raum und verursachte ein Massaker: Sieben Kinder, darunter auch der gerade einjährige Hanan-Peres Masal, waren auf der Stelle tot, vierzehn andere teils schwer verwundet. Leider eine halbe Minute zu spät entdeckte man den Attentäter vom Wachturm aus und tötete ihn mit gezielten Schüssen. Der Schock traf die ganze Gemeinschaft zutiefst. Mit einem Schlag hatte der Mörder fast zwei Drittel der Kibutz-Nachkommenschaft vernichtet oder schwer verletzt. Untröstlich die Eltern der Getöteten, schwer traumatisiert jene der Verletzten. Verständliche Rachegefühle wurden geweckt. Während eines nächtlichen bewaffneten Überfalls auf ein unweit gelegenes syrisches Dorf auf dem Golan, in dem sich auch ein PLO-Stützpunkt versteckte, gelang es, fünf weitere dieser Terroristen unschädlich zu machen. Aber auch dies konnte das junge verblutete Leben nicht wiederbringen. Lilith musste drei Monate in einem Nervensanatorium verbringen, um über ihre schwere Depression hinwegzukommen. Als begleitende Therapie begann sie wieder mit dem Flötenspielen, das ihr schon damals in Bolivien und danach auch in ihrer Hamburger Gymnasialzeit so viel Freude bereitet hatte. Das geliebte Instrument hatte sie zwar während ihrer Auswanderung nach Israel begleitet, doch sie war seitdem nicht dazu gekommen, ihr vormals so geschätztes Hobby weiter zu betreiben.
Erst allmählich schwand der tiefe Schmerz beider Eltern über den grausamen Verlust und es stellte sich mit dem Ablauf der Jahre wieder ein gewissermaßen normaler Alltag ein. Als dann 1972 Lilith schon fast 38 Jahre alt war, schenkte sie Ruben eine Tochter, die sie Nili nannten. Bald danach schlug bei den Masals abermals und unerbittlich das grausame Schicksal zu: Israel war nach den vergangenen, für sie erfolgreich beendeten Kriegen bedauerlicherweise gegenüber den Arabern zu hochmütig geworden und wog sich in einer fatalen, falschen Sicherheit. Während des Jom-Kippur-Krieges im Herbst 1973, der den Staat für einen Moment an den Rand des Untergangs brachte, fiel Ruben bei einem der schweren Artillerie-Angriffe der Syrer, die danach trachteten, ihre im Sechstagekrieg von 1967 eingebüßten Golanhöhen zurückzuerobern. Der simultan ausgeführte ägyptisch-syrische Überfall, der gerade am heiligsten jüdischen Feiertag begann, wurde nach tagelangen Kämpfen im Sinai und am Golan mit äußerst hohem und bitterem Blutzoll zurückgeschlagen und endete dann allerdings abermals mit der militärischen Niederlage der hinterlistigen Angreifer. Der Kibutz Halonim jedoch wurde schwer getroffen, Liliths langjähriges Aufbauwerk, ihre Hühnerstallungen im Lul, Opfer der feindlichen Granateneinschläge. Ihr Bruder Oliver holte kurz danach seine abermals traumatisierte und nun verwitwete Schwester samt der gerade einjährigen Nili zu sich nach Oldenmoor, wo sie von da an verblieben.

