J.D. David Sonnenfeuer
Sonnenfeuer
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J.D. David Sonnenfeuer

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Er seufzte und wendete sich ab. Obwohl er ein Mann des Kampfes war, war es in der Tat höchste Zeit, diesen Zustand zu beenden. Hierfür gab es nur eine langfristige Lösung: der Sieg Tandors. Nun war er gespannt, ob Vincent Nachrichten von seinem Vater brachte, die diesen Plan weiter befeuerten. Dann machte er sich auf und lief die Palisaden hinunter, um auf den kleinen Bergfried zuzusteuern.

„Euer Gnaden, wenn Ihr Euren Besuch früher angekündigt hättet, hätte ich Nordend vorbereitet, um Euch entsprechend willkommen zu heißen. Bitte entschuldigt den Zustand der Stadt und des Hofes.“, sagte Wichart, während er sich tief vor Vincent verbeugte, der gerade aus dem Sattel gestiegen war. Vincent schaute den Mann an, der als Veteran unter seinem Vater in vielen Schlachten gekämpft hatte. Trotzdem war er ein erbärmlicher Speichellecker. Ein Typ von Untertan, von denen Celan von Tandor viel zu viele hatte, zumindest in Vincents Augen.

„Danke, Wichart. Es ist auch nicht nötig. So lange deine Küche mir und meinen Gefährten ein stärkendes Mal und ein kühles Bier servieren kann, bin ich vollkommen zufrieden.“, antwortete Vincent selbstsicher und signalisierte Wichart, sich aufzurichten.

„Sehr wohl, Euer Gnaden. Ich werde Euch natürlich meine Kammer überlassen.“

„Hab Dank auch dafür. Wichart, darf ich dir meinen Gefährten Daron vorstellen. Er ist ein Reisender aus dem Ylonischen Bund, fern im Süden jenseits Kargats, und will unser schönes Tandor kennenlernen. Ich hatte vor, mit ihm morgen an den Valor Kath zu reisen.“

„Es ist mir eine Freude.“, sagte Wichart an Daron gerichtet, allerdings deutlich trockener als die vorher an Vincent gerichteten Worte. Daron antwortete mit einem Nicken.

„Und mir eine Ehre, Wohlgeboren.“

„Dann wollen wir mal eintreten.“, sagte Wichart und wies den Weg in die kleine Halle hinein. Daron folgte Vincent, der sich dem Freiherrn anschloss, als auf einmal eine weitere Stimme von hinter ihnen ertönte.

„Vincent, es ist überraschend und schön dich hier zu sehen.“

Der angesprochene Sohn Tandors wandte sich um und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Narthas. Du bist schon in Nordend!“, rief er freudig aus und ging auf den Mann zu. Daron betrachtete die Gestalt. Narthas war offensichtlich ein Urbe, das zeigten die markanten Gesichtszüge. Er war wohl ähnlich alt wie der Freiherr von Valor Kath. Doch im Vergleich zu diesem, der schon alle Haare verloren und einige Fettpolster angesetzt hatte, war der Urbe drahtig und gestählt von Jahrzehnten des Kampfes. Das Alter hatte die Züge gegerbt und gehärtet, ohne ihnen die Stärke zu nehmen.

„Nun Junge, dein Vater sandte mich schon vor einiger Zeit aus Taarl.“ Vincent nickte lächelnd.

„Ja, aber ich hatte vermutet, dass du dich in Auenstein aufhältst. Narthas, darf ich dir Daron vorstellen, ein Freund, den ich auf meinen Reisen kennen gelernt habe.“, sagte er und zeigte auf den Novizen. „Daron, dies ist Narthas Khan, Sohn des großen Ikran Khan, Stammesführer der Urben und treuer Diener meines Vaters. Außerdem der Grund, dass ich selbst bei wildesten Ritten im Sattel bleibe.“

Daron verneigte sich vor Narthas, der doch eine größere Autorität als Wichart ausstrahlte, obwohl letzterer der eigentliche Herr des Hauses war. So stand der Freiherr etwas alleine und unbeachtet in der Tür zur Halle.

„Daron also.“, sagte Narthas und musterte den Mann. Daron fühlte sich, als würden die kalten Augen des Urben ihn durchbohren. „Woher stammst du?“

„Aus dem Ylonischen Bund, mein Herr.“, antwortete Daron. Narthas nickte, sein Blick noch immer skeptisch.

„Ich habe schon einige Fremde aus anderen Reichen gesehen, aber du ähnelst ihnen nicht.“, sagte Narthas, wurde aber von Vincent unterbrochen, bevor er weitere Fragen stellen konnte. Der Herzogssohn legte einen Arm um die Schulter des Khans um mit ihm Seite an Seite in die Halle zu gehen.

„Narthas, du musst dir unbedingt einige Geschichten von Daron anhören. Über ferne Reiche und mystische Helden.“, sagte er überschwänglich, nur um dann den Kopf zum Ohr des Urben zu neigen, und flüsternd hinzuzufügen: „Und du musst mir unbedingt berichten, wie weit die Vorbereitungen stehen.“ Narthas nickte wortlos, während sie die Halle betraten.

„Meine Gäste…“, versuchte Wichart erneut das Wort zu erheben, wurde aber mit einer kleinen Handbewegung von Vincent unterbrochen. Der Sohn Tandors löste sich von Narthas und ging zielstrebig auf den Kopf der Tafel zu, um sich auf dem aufwändigen Holzstuhl niederzulassen. Er zeigte auf die beiden Stühle an seiner Seite.

„Narthas, Daron, darf ich euch an meine Seite bitten.“ Er spürte, dass Wichart etwas erwidern wollte. Immerhin war es dessen Halle. Doch mit einem ernsten Blick verhinderte Vincent den Einspruch und wandte sich stattdessen an die Diener des Freiherrn. „Diener, bringt uns doch etwas zu Trinken und einige Speisen. Der Koch soll sich außerdem daran machen, etwas Ordentliches auf den Tisch zu bringen. Wir sind hungrig.“, befahl er ihnen.

„Was hast du in Valor Kath vor, Vincent?“, fragte Narthas, nachdem er sich gesetzt hatte.

„Mein Vater hat mir aufgetragen, die entfernten Provinzen seines Reiches auf ihre Wehrfähigkeit hin zu überprüfen.“, antwortete Vincent und schaute dabei eindringlich zu Wichart. Bevor der Freiherr aber endlich zu Wort kommen konnte, fuhr er einfach fort. Der Speichellecker aus Nordend war es nicht wert, zu Wort zu kommen. „Außerdem wollte ich mit Daron zum Pass von Valor Kath. Wir werden aber bald weiterreisen. Nach Auenstein und Lyth Valor.“

„Eine mutige Entscheidung, an den Pass zu reisen, wo die Geister nach Rache suchen bei jenen, die das Reich verraten haben.“, hörte Daron die Stimme eines alten Mannes und drehte sich um. In der Tat saß in der Ecke ein alter Mann, den er vorher nicht bemerkt hatte. Er hatte keine Haare mehr, seine Haut war eingefallen und seine Augen milchig weiß. Er musste das übliche Alter eines valorischen Mannes schon lange überschritten haben, hatte bestimmt schon mehr als siebzig oder achtzig Sommer gesehen.

„Ach sei still, alter Mann.“, fuhr ihn Wichart an, doch auch Vincent drehte sich um.

„Welche Geister, alter Mann? Und wer bist du?“

Der Alte schnaubte nur. „Die Festung am Valor Kath wird von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht, den Geistern derer treuen Untertanten St. Gilberts, die hinterrücks verraten wurden. Sie spüren den Verrat und steigen vom Pass hinab, um die Verräter zu bestrafen. Verräter wie Celan von Tandor und alle die ihm folgen.“

Noch bevor Vincent etwas erwidern konnte, schlug Wichart mit der Faust auf den Tisch. „Sei still, Rodrik. Genug, dass du meine Nerven jeden Tag strapazierst, wagst du es, meine Gäste zu beleidigen. Ich sollte dir auf der Stelle den Kopf abschlagen.“

„Wir werden sehen, wessen Kopf zuerst rollt.“, erwiderte der alte Hofmeister bissig.

„Es reicht.“, rief Wichart laut und wandte sich an eine der Dienerinnen, eine blonde Frau, die vielleicht in ihren Dreißigern war. „Klara, bring deinen Großvater hinaus, bevor ich mich vergesse.“

„Natürlich, Wohlgeboren!“, sagte die Angesprochene mit einem unterwürfigen Knicks und ging auf den alten Mann zu.

„Los, Großvater, ich helfe dir in deine Kammer.“

„Wenn mich…“, wollte Rodrik etwas erwidern, aber Klara legte ihm die Hand auf den Unterarm.

„Es ist gut, Großvater. Bitte denke an uns.“, sagte sie mit weicher Stimme und schaffte es so in der Tat, den alten Mann zum Schweigen zu bringen. Auf ihren Arm gestützt folgte er Klara aus der Halle hinaus.

Vincent schaute ihm noch nach, die Augen zu schmalen Schlitzen verzogen und blickte dann nicht weniger ernst zu Wichart. „Das war ja mal eine unangenehme Überraschung, Wichart.“

„Entschuldigt ihn, Euer Gnaden. Er ist ein alter Mann und verwirrt.“

Vincent zog die Augenbraue hoch, antwortete nicht. Stattdessen schaute er weiter zu Wichart. Sein Blick stellte all die Fragen, die er nicht aussprach. Wieso der Freiherr einer solchen Person erlaubte, hier in der Halle zu sein? Wieso er nicht für den Vorwurf des Verrats, der doch selber einen Hochverrat darstellte, bestraft wurde? Und eben, wer dieser alte Mann war. Der Freiherr schaffte es nicht lange, dem Blick Stand zu halten und schaute auf den Tisch hinab.

„Sein Name ist Rodrik von Eisfurt. Er hat bereits die letzten drei Freiherren von Valor Kath als Hofmeister gedient und ist bei den Menschen von Nordend äußerst beliebt.“

Die Antwort klang wohl weniger überzeugt, als Wichart gewollt hatte. So starrte ihn Vincent weiter an, ohne etwas zu sagen. Der Freiherr erkannte nun den Vater in dem Sohn Tandors. Während er bis zu diesem Moment freundlich, geradezu fröhlich gewesen war, entsprang seinen Augen nun die Kälte, die Celan von Tandor auszeichnete.

„Ich hielt es für das Richtige, ihm die wenigen letzten Jahre seines Lebens am Hof zu belassen. Aber er strapaziert meine Geduld.“, versuchte Wichart noch zu retten, was zu retten war. Die angespannte Situation wurde von einem breiten Lächeln Vincents unterbrochen, der sich ohne Wichart eines weiteren Wortes zu würdigen zu Daron drehte.

„Dann, Daron, sollten wir uns vor Geistern in Acht nehmen, meinst du nicht auch?“

Obwohl der Herzogssohn lächelte, war Daron nicht so überzeugt. Nicht nur seit seiner Verehrung von Laëa wusste der Novize, dass es Kräfte auf dieser Welt gab, die Menschen nicht verstehen konnte. Die Rache der Toten, die verraten wurden… Wieso auch nicht? Dennoch erwiderte er mit einem Lächeln.

„Ich werde dir den Rücken freihalten.“

„Na dann, auf die Geister des Valor Kaths.“, sagte Vincent mit einem Grinsen und erhob seinen Becher.

Die Halle war fast leer. Nur noch Wichart und Vincent saßen am Tisch und Narthas stand in einer Ecke an die Wand gelehnt. Vincents Blick folgte den beiden Dienern, die den Raum verließen, und die Türe hinter sich schlossen.

„Wichart, danke für den angenehmen Empfang. Du kannst dich nun auch entfernen.“, sagte Vincent mit kalter Stimme zu dem Freiherrn, der merklich ein Krug Bier zu viel getrunken hatte. So schwankte er schon leicht und wirkte langsam und behäbig.

„Also werde ich schon aus meiner eigenen Halle geworfen?“

Wieder dieser kalte Blick von Vincent. Es war die gesamte Verachtung für den Mann, die aus den Augen von Celans Sohn sprach. Wie hatte sein Vater nur einen solchen Schwächling zum Freiherrn machen können? Oder was war aus ihm geworden, wenn er einst ein Kämpfer an der Seite Herzog Celans gewesen war?

„Ja, Wichart, du wirst nun aus deiner eigenen Halle geworfen, weil ich mit Narthas Wichtiges zu besprechen habe. Sei froh, dass es nur die Halle ist, die du heute verlierst.“, antwortete Vincent scharf. Es war die Endgültigkeit der Aussage, die keine Erwiderung mehr erlaubte. Wichart zögerte noch kurz, erhob sich dann aber und wankte zum Ausgang. Die Tür schlug fester in das Schloss, als es notwendig gewesen wäre. Dennoch blieb Vincent regungslos. Erst als die Tür nicht mehr zitterte, wandte er sich zu Narthas, der immer noch in der dunklen Ecke stand.

„Narthas, wie weit seid ihr?“

Erst jetzt trat Narthas Khan hervor und an den Tisch. Er blieb an der Tischkante stehen und schaute Vincent in die Augen.

„Ich habe fast zweihundert Mann hier in Nordend. Innerhalb des nächsten Monats werden wir zweihundert weitere hierher verlegen und diese über das Freiherrentum verteilen. Im Sommer werden wir mit dieser Truppe den Norden Fendrons angreifen, am besten bis nach Nordfurt vorstoßen und Forgat so aus Tjemin locken. Die Truppen deines Vaters sind über die Gebiete jenseits des Orb verteilt und werden sich im Frühsommer unauffällig in Auenstein sammeln. Die Burg und umliegenden Dörfer bieten genug Raum, viele Männer zu verstecken, wenn diese verteilt anreisen. Bis Forgats Spione die Finte durchschaut haben, stehen wir schon in Tjemin.“

Vincent nickte. Sein Vater hatte ihm den Plan bereits in Taarl erklärt, aber nun, da sich die Steine ins Rollen setzten, schien das ganze unwirklicher. Celan selbst konnte den Feldzug nicht anführen. Es wäre viel zu auffällig gewesen, wenn er aus Taarl nach Westen gezogen wäre. Narthas würde den nördlichen Angriff führen. Doch die Verantwortung über das Hauptheer hatte Celan seinem Zweitgeborenen überlassen. An seiner Seite würde noch Rimbert von Taneck reiten, der Statthalter von Lyth Valor und jüngere Cousin Celans. Dennoch lag die Verantwortung für den Erfolg auf seinen jungen Schultern. Während Lumos, sein älterer Bruder, wohl nicht mal in den Plan eingeweiht war.

„Gut. Mit diesem Reisenden Daron habe ich eine noch bessere Tarnung, durch das Land zu reisen. Dennoch werde ich aus Nordend verdeckt weiterreisen. Ich möchte weder in Auenstein noch Lyth Valor erkannt werden. Bedenke das, falls du Boten schickst.“, antwortete Vincent.

„Natürlich.“, sagte Narthas und wandte sich schon zum Gehen, als er sich noch einmal umdrehte. „Dein Vater hält große Stücke auf dich.“

Vincent nickte. „Narthas. Ich habe Lumos auf dem Weg hierher getroffen, auf der Jagd auf Triasgläubige. Lass deine Späher Ausschau halten, nicht dass er noch zu eifrig wird.“, warnte Vincent den Urben.

„Das werde ich tun. Danke.“

Die Wolken hingen tief in den Bergen, waren aber im Laufe des Vormittags lichter geworden und so konnte man die Bergspitzen der Dunkelzinnen erahnen. Dennoch war es ein düsteres Bild, hier im Schatten der großen Berge zu stehen, und vor der einsamen Passstraße, die sich ins Gebirge schlängelte.

„Jetzt habe ich wohl das gesamte Reich durchquert.“, merkte Daron schmunzelnd an, als er den Pass hinauf schaute.

„Noch ist es ein recht langer Aufstieg bis zur Grenze. Aber ja, da du vom Eisentor kommst, hast du es zumindest von Süden nach Norden geschafft.“, antwortete Vincent, der sein Pferd gestoppt hatte. Er schaute den Berg hinauf.

Schon vor dem Sonnenaufgang waren sie aus Nordend aufgebrochen, wo sie drei Tage geblieben waren. Daron hatte mit einigen der Bewohner gesprochen, um Geschichten zu hören. Er hatte von den Geistern der Feste am Pass gehört, von den Nordmännern jenseits der Berge, von Mythen und Legenden aus fernen Tagen. Aber auch immer wieder die Geschichte der jungen Freiherrin, der Ritterin Valoriens. Die Geschichte von Eleonora von Mondschein. Eine kurze aber nicht weniger beeindruckende Geschichte. Wie sie, während viele aufgaben, weitergekämpft hatte, und dennoch eine Lösung im Frieden gefunden hatte, ohne Blutvergießen. Wie sie die legendäre Klinge Mondschein geführt hatte, gegen die Feinde des Reiches. Wie sie unterging, im Jahr des Blutes. Spätestens hier unterschieden sich die Geschichten, je nachdem, wen man fragte. Am Ende stand stets der Verrat, jedoch von unterschiedlichen Seiten.

„Dann sollten wir uns an den Aufstieg machen. Ich bin auch sehr gespannt, die Geister der alten Feste zu sehen.“, sagte Daron aufmunternd und wollte schon sein Pferd voran treiben. Doch Vincent schüttelte den Kopf.

„Nein, diesmal nicht. Ich wollte dir gerne das Ende des Reiches zeigen. Oben am Berg sieht man die Feste. Wie sie schwarz und düster über uns ragt, am Ende Valoriens. Aber ich muss weiter nach Auenstein. Falls du zum Pass reiten willst, trennen sich unsere Wege.“, sagte er.

Daron hielt inne. Er spürte, dass diesen Ort etwas Besonderes umgab. Als wäre die Erde näher. Als wäre er näher an Laëa. Als wäre die Kraft der Mutter stärker hier. Mit jedem Schritt, den er sich dem Pass und der Festung näherte, spürte er es mehr. Dennoch war seine Aufgabe eine andere. Die Bekanntschaft von Vincent hatte hier sehr geholfen und obwohl er sehr neugierig auf die schwarze Festung war, wollte er diesen Vorteil nicht riskieren.

„In Ordnung. Dann auf. Ich bin gespannt auf die mächtige Festung Auenstein und auf den Hafen von Lyth Valor.“

Vincent nickte. Er warf einen letzten Blick auf die Festung und zog sich dann die Kapuze über.

„Daron, ab hier werde ich nicht länger offen als Vincent von Tandor reisen. Ich bin ein Wanderer wie du. Unsere Eskorte lassen wir in Nordend. Nenn mich einfach Gren.“, sagte Vincent, als er sein Pferd gewendet hatte.

Daron schaute ihm nach und wollte den Grund erfragen, bemerkte aber, dass er wohl keine Antwort erhalten würde. Also zog er ebenso am Zügel, um dem Sohn von Tandor zu folgen.

„Mein Khan.“, hörte Narthas die Stimme eines seiner Späher vor der Zeltwand.

„Tritt ein.“, rief er nach draußen. Sein Blick war auf eine Karte gerichtet, die auf einem Tisch ausgebreitet lag. Sie zeigte den Orb und die Gronde und die Länder um diese. Den Norden Fendrons ebenso wie die neuen Gebiete Tandors, die einst Teil der Kronlande und eben Fendrons gewesen waren.

„Was hast du zu berichten?“, fragte Narthas den Boten, der nachdem er das Zelt betreten hatte sofort niedergekniet war. Es war ein junger Urbe. Einer jener Soldaten, die den großen Khan und die Niederlage gegen Tandor nicht mehr miterlebt hatten. Die bereits in die Knechtschaft unter Herzog Celan hineingeboren worden waren. Dennoch waren sie vollwertige Urben. Das Blut der Ahnen floss durch sie und die Geister der Steppe beseelten sie, schenkten ihnen Kraft. Es war eine gute Generation.

„Mein Khan, wir haben eine Truppe von Reitern entdeckt, die sich weiter südlich auf die Gronde zubewegt. Es scheinen Gerüstete unter dem Kommando Lumos‘ von Tandor zu sein. Zuletzt verfolgten sie Flüchtende, die nach Fendron unterwegs waren. Einige Dörfer sind auch in Flammen aufgegangen.“, berichtete der Späher seine Erkenntnisse. Er wirkte unsicher und schob so noch etwas nach: „Ihr hattet uns doch befohlen, jegliche Truppenbewegungen, auf beiden Seiten des Flusses, zu berichten.“

Es hörte sich an wie eine Rechtfertigung. Als hätte der Mann etwas Falsches gemacht. Doch Narthas war äußerst zufrieden über diese Nachricht. Nicht, dass sie ihn erfreute, aber immerhin erreichte sie sein Ohr.

„Danke. Das ist wertvolle Information. Geh nun. Lass dir von meinem Hauptmann eine Silbermünze geben und richte ihm aus, mein Pferd und einige Männer als Eskorte bereit zu machen.“, befahl Narthas dem Mann, der mit einer wortlosen Verbeugung verschwand.

Der Khan schaute erneut auf die Karte. Verdammt. Es war, wie Vincent vermutet hatte. Er musste diesen Ritt stoppen, bevor Lumos größeren Schaden anrichten konnte. Wie konnten die beiden Brüder nur so unterschiedlich sein. Irgendwie kamen beide nach dem Vater. Aber während Lumos eher die Kampfkraft und taktische Schläue gewonnen hatte, war Vincent der Stratege, der es schaffte, Menschen für sich zu gewinnen. Leider konnte nur einer den Herzog von Tandor, oder den König von Valorien, beerben. Es würde der Erstgeborene sein…

Kapitel 8

Lerke wusste nicht mehr wo sie war. Nun, sie wusste, dass sie zusammen mit Sylvius in einer Höhle saß, die nur spärlich durch die Sonne, die durch wenige Felsspalten fiel, beleuchtet wurde. Doch wo diese Höhle sich befand oder wie sie hierhergekommen war, wusste sie nicht mehr.

Nachdem sie von den Männern von Arthur gefangen genommen worden waren, hatte man den beiden die Augen verbunden. Dann hatte ein längerer Ritt begonnen. Lerke hatte die ganze Zeit vor dem gleichen Mann im Sattel gesessen, der sie bei der Kutsche mitgenommen hatte. Der Mann mit den mysteriös dunkelroten Haaren. Doch er hatte geschwiegen. Den gesamten Weg.

Sie vermutete, dass sie sich in den Alrinnen befanden. Oder zumindest deren Ausläufern. Jedenfalls hatte sie das öfter am Hofe ihres Großvaters gehört, dass die Rebellen dort vermutet wurden. Dennoch hatten es weder die Soldaten Rethas‘, noch die Reiter aus Tandor geschafft, den abtrünnigen Ritter festzusetzen. So war auch ihre Hoffnung, hier gefunden zu werden, gering. Trotzdem tat es gut, nun wieder an einem festen Ort zu sein, nicht mehr im Sattel zu sitzen. Alleine mit Sylvius, ohne Fesseln, ohne Augenbinden.

„Denkst du, dass dein Vater auf die Bedingungen von Arthur eingehen wird?“, fragte Lerke ihren jüngeren Begleiter. Sylvius saß auf einer der beiden Pritschen, die in der Höhle standen. Obwohl sie offensichtlich im Berg waren, war die Höhle nicht unangenehm. Die Wände waren zwar kühl, aber nicht feucht. Die Pritschen hatten mit Stroh gefüllte Kissen und dicke Decken. Doch die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings trugen ihre Wärme in die Höhle, sodass sie diese zumindest tagsüber nicht brauchten. Sie hatten etwas zu trinken bekommen. Einzig der Hunger meldete sich langsam bei ihnen.

„Ich weiß es nicht.“, antwortete Sylvius ehrlich. Er starrte zu Boden. Obwohl er der Sohn des großen Celan war, wirkte er in diesem Moment viel mehr wie das Kind, das er nun einmal war. „Wir wissen ja nicht mal, was dieser Verräter von uns will.“, fügte er das Offensichtliche hinzu.

„Ich denke nicht, dass er uns Gewalt antun will. Er braucht uns als Druckmittel, gegen unsere herzoglichen Eltern bzw. Großvater. Dazu muss es uns gut gehen. Uns wird bestimmt nichts geschehen.“, sagte Lerke aufmunternd in fast fröhlichem Ton und setzte sich neben Sylvius. Sie legte den Arm um den Jungen. „Wir werden schon bald wieder hier raus sein. Ich glaube nicht, dass Arthur ein unehrenhafter Mann ist.“

Er war hart. Das hatte sie schon oft gehört. Und auch gesehen. Der Überfall auf ihre Eskorte war natürlich kalt und brutal gewesen. Dennoch hatte er weder ihr noch Sylvius ein Leid zugefügt. Am Ende war er doch ein Ritter Valoriens, zumindest sah er sich selbst als ein solcher. Oder?

„Mmh.“, sagte Sylvius und nickte mit dem Kopf. Er war wohl deutlich weniger zuversichtlich. „Ich habe Hunger. Denkst du, die lassen uns hier einfach verhungern?“, fügte er dann hinzu.

„Dann hätten sie uns die Höhle hier nicht so schön ausgestattet, oder?“, sagte Lerke wieder mit einem Lächeln. Sie konnten die Situation nicht ändern. Also sollten sie wenigstens so zuversichtlich und positiv bleiben, wie es ging. Nicht verzweifeln. Es würde sich schon alles zum Guten wandeln.

„Ich werde mal nachfragen.“, sagte sie mit einem Grinsen und ging zu der Holztür, die ihre Höhle versperrte. Sie klopfte kräftig an diese.

„Hey, hört mich jemand? Wir haben Hunger!“, rief Lerke laut. Sie ging näher an die Tür und legte ihr Ohr an das Holz um zu lauschen, ob sie dahinter etwas hörte. Erst meinte sie nichts auszumachen, aber dann schienen da Schritte zu sein. Sie trat erneut zurück.

„Siehst du, sie haben uns gehört. Wir werden bestimmt gleich etwas bekommen.“, sagte sie zu Sylvius just bevor die Tür aufging. Oder eher aufschlug.

Zwei Männer betraten die Höhle. Offensichtlich einfache Soldaten im Gefolge Arthurs, in Leder und Stoff gekleidet wie die meisten seiner Männer, die sich aus den einstigen Schwarzen Pfeilen und weiteren Bauern und Freiwilligen aus den Dörfern des Herzogtums zusammensetzten.

„Einen schönen guten Tag.“, sagte Lerke freundlich. Sie hatte in ihrem Leben oft gelernt, dass man mit Freundlichkeit weiter kam, als mit Befehlen. In dieser Situation schien dies wohl umso mehr zu gelten. „Sylvius und ich haben schon länger nichts zu essen bekommen und würden uns über etwas freuen. Es kann auch etwas Einfaches sein.“

Die Männer blieben am Eingang stehen. Der eine, ein Mann wohl in seinen Dreißigern mit ungepflegtem Bart und struppigen Haaren, schaute zu seinem Kameraden, einem jüngeren Mann, der zwar seinen Bart geschnitten hatte, dem aber die dunkelbraunen Haare lang auf die Schultern fielen und von Fusseln durchzogen waren. Der Ältere verschränkte die Arme.

„Was dürfen wir Euer Gnaden denn kredenzen? Einen Fasan vielleicht? Mit frischen Früchten? Oder doch lieber ein paar Süßspeisen?“, fragte er hämisch. Lerke gab aber nicht auf und lächelte offen freundlich zurück.

„An einem solchen Ort, scheint mir das doch ein bisschen viel Aufwand. Uns würde ein Eintopf reichen, mit ein bisschen Brot. Oder Schinken. Habt vielen Dank.“

Dann verzog sich das hämische Lächeln des Mannes und wurde düsterer. „Ich habe alles verloren, wegen deinem Großvater und seinem Vater.“, sagte er und deutete auf Sylvius. „Vielen Männern hier geht es so. Und da soll ich, wenn du rufst, wie ein Dienstbote springen?“

„Es tut mir leid für deinen Verlust.“, antwortete Lerke ehrlich. „Und nein, ich meine…“, stammelte sie, nicht mehr sicher, was sie sagen sollte. Sie spürte, dass die Situation gefährlich wurde. Vielleicht hätte sie nie fragen dürfen. Doch nun war es zu spät.

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