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J.D. David Sonnenfeuer
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„Werft die Waffen auf den Boden, wenn euch etwas an eurem Leben liegt.“, sagte der Offizier mit fester Stimme und schaute dann kurz auf den toten Eggbert hinunter. „Indem ihr die Klingen gegen Soldaten des Kaisers erhebt, habt ihr euer Leben verwirkt wie dieser Mann. Aber vielleicht bin ich gnädig.“, fügte er noch hinzu und schaute dann mit aufforderndem Blick zu den Gefährten.
Benno ließ als erstes sein Schwert fallen. Auch Florenzo senkte die Klinge, steckte dieser aber in aller Ruhe in die Scheide. Taskor stieß seine Klinge in den Waldboden und schaute dann ernst zu Sinja. Die Tochter des Getöteten war die letzte, die ihre beiden Klingen fallen ließ. Gilmar saß wie eingefroren am Boden und beobachtete die Szenerie, wobei sich nur seine Augen nervös bewegten, während der Kopf vollkommen ruhig blieb.
„Wir sind einfache Reisende, die sich vor Banditen schützen wollen. Was will das Kaiserreich von uns?“ Es war Taskor, der als erstes sprach. Obwohl Florenzo offensichtlich auch einige Worte auf der Zunge gelegen hatten, war es die Besonnenheit des älteren Mannes, die die Stimmung etwas beruhigte. So senkten auch die Reiter ihre Armbrüste leicht, gleichzeitig stiegen allerdings noch mehr Soldaten aus dem Sattel.
„Ihr befindet euch im Kaiserreich der Sonne und es herrscht Kriegsrecht. Ihr hättet besser in eurer Heimat bleiben sollen, anstatt des Nachts durch die Gegend zu ziehen. Bewaffnet.“, entgegnete der Offizier kalt und wandte sich dann einen seiner Soldaten.
„Vierter Veran, lass diese Männer entwaffnen und durchsuchen. Wenn sie Widerstand leisten, tötet sie.“, befahl er kalt. Der jüngere Soldat, offensichtlich ein Unteroffizier der kaiserlichen Armee, signalisierte weiteren Reitern abzusetzen und ging auf die Reisenden zu. Seine Klinge musste er nicht ziehen, denn die tödliche Drohung der Armbrustschützen hing noch immer in der Luft.
Sonya beobachtete die Szene aus ihrem Versteck mit Unbehagen. Sie erkannte, wie die Soldaten die Gefährten mit Gewalt gegen Bäume drückten, während andere die Klingen einsammelten und begannen, das Gepäck zu durchwühlen. Es war die Ohnmacht über die Situation, die sie erzittern ließ. Ihre Mutter hielt sie noch immer im Arm. Beide versuchten so regungslos und leise wie möglich zu bleiben. Hier konnten sie nur beobachten, bangen und hoffen. Hoffen, dass sie nicht entdeckt wurden. Hoffen, dass die Kaiserlichen einfach weiterziehen würden. Hoffen, dass das Leben von Taskor und den anderen verschont werden würde.
Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen. Sie wurde gepackt. Kräftige Hände zogen sie und Hega tiefer in das Unterholz. Sonya wollte schreien, spürte aber wie eine dreckige und stinkende Hand ihr Stimme und Atem nahm. Dennoch war ein Rascheln zu hören, als sie nach hinten gezogen wurden, und sich instinktiv wehrten. Hatten sie die Kaiserlichen doch gefunden? Aber wieso würden diese darauf achten, dass sie nicht schreien?
„Still, meine Schöne.“, hörte sie das Flüstern einer tiefen Stimme an ihrem Ohr. Sie spürte den warmen Atem des Mannes, der sie fest im Griff hatte. „Schau einfach zu.“
„Da war etwas, schaut nach!“, hörte sie die laute Stimme des Offiziers über die Lichtung schallen. Drei Soldaten lösten sich von den restlichen Kaiserlichen und nahmen brennende Scheite aus dem Feuer, um die Dunkelheit des Waldes auszuleuchten.
„Jetzt!“, hörte Sonya noch die flüsternde Stimme an ihrem Ohr, dann vernahm sie schon das sirrende Geräusch fliegender Pfeile.
„Hinterhalt!“, hörte sie noch den Ruf des Unteroffiziers, doch es schien zu spät. Viele der getroffenen Soldaten fielen ohne Gegenwehr zu Boden, gespickt von Pfeilen. Die Armbrustschützen suchten ihre Feinde, konnten diese aber in der Dunkelheit nicht ausmachen. Dann plötzlich strömten mehrere Bewaffnete auf die Lichtung. Sie waren in dunklen Klamotten gekleidet, vorher mit dem Wald verschmolzen, und wirkten wie erfahrene Kämpfer. Blitzschnell zogen sie die Reiter von ihren Pferden, um sie am Boden niederzumachen. Der Kampf, der entbrannte, war kurz und einseitig.
Taskor selbst blieb gerade noch genug Zeit sein eigenes Schwert aufzuheben, nachdem seine Bewacher tot zu Boden gegangen waren, doch dann war er bereits umzingelt. Nun von anderen Bewaffneten, die aber nicht weniger feindselig schienen, wie die Kaiserlichen, die nun tot am Boden lagen.
Sonya wurde von ihrem Bewacher auf die Beine gezogen. Sie spürte die Kälte einer Klinge an ihrem Hals, als dieser sie nach vorne drückte und mit ihr die Lichtung betrat.
„Die Waffen fallen lassen.“, sagte ihr Bewacher entschieden.
„Irgendwie hatten wir das schon mal…“, konnte sich Florenzo einen sarkastischen Kommentar nicht verkneifen und ließ seinen Blick erst über die toten kaiserlichen Soldaten, dann über die neuen Angreifer schweifen.
„Mir scheint dieser Landstrich ist stärker bevölkert, als angenommen.“, erwiderte dann auch Taskor, ließ aber aufgrund der Situation, in der er Hega und Sonya sah, sofort seine Klinge fallen. „Lasst die beiden Frauen gehen. Sie sind für euch keine Gefahr.“, fügte er dann an den offensichtlichen Anführer gerichtet hinzu. Man konnte spüren, das Taskor ob dieser brenzligen Lage nervös war. Dennoch schaffte er es einen beherrschten Eindruck zu vermitteln.
„Wir haben euch schon länger beobachtet, genauso wie diese Soldaten. Dieser Wald gehört uns, und somit auch alles, was sich darin befindet. Dessen stimmst du mir doch zu, oder, General Taskor?“, antwortete der Mann. „Und nein, ich glaube nicht, dass ich diese besonders wertvollen Juwelen wieder frei lasse. Wann bekommt denn ein bescheidener Mann wie ich schon einmal die Chance, die Prinzessin Kargats im Arm zu halten?“
Sonya erkannte, wie sich die Augen Taskors weiteten, als ihre Tarnung offensichtlich aufgeflogen war. Woher kannte dieser Mann den General? Und sie? Doch dann gab Taskor selber die Antwort, als er die Augen zusammenkniff.
„Rufus. Rufus Failgrad.“
„Oh, mein General, wie schön, dass du mich nach all den Jahren noch erkennst.“
„Also bist du auch einer jener Männer, die zu einem räudigen Banditen geworden sind. Ich hätte Besseres von dir erwartet.“, warf ihm Taskor entgegen. „Und nun, was habt ihr jetzt mit uns vor?“, fragte der General.
„Wir werden sehen. Eine so wertvolle Beute sollte man gut geschützt an einen sicheren Ort bringen, nicht wahr?“, sagte der Mann mit einem Lächeln. Doch gleichzeitig lockerte er den Griff um Sonya und ließ die Prinzessin dann schließlich gänzlich los. Sofort lief sie zu ihren Gefährten, gefolgt von ihrer Mutter, die ebenfalls losgelassen wurde.
Während Taskor sich sofort vor Hega stellte, erkannte Sonya wie der junge Benno vortrat und sich zwischen sie und Rufus stellte. Erst jetzt konnte sie einen Blick auf ihren Bewacher werfen.
Er sah wirklich wie ein Bandit aus. Seine dunkle Kleidung verdeckte ein verdrecktes Kettenhemd, das aber an einigen Stellen sichtbar war. Seine Haare waren kraus und von grauen Strähnen durchzogen, genauso wild wie sein Bart. Sein Grinsen offenbarte einige Lücken, und dennoch war sein Blick nicht der eines gewöhnlichen Halsabschneiders. Er wirkte entschlossener, gefestigter.
„Woher kennst du diesen Mann, Taskor?“, fragte die Königin dann leise. Taskor behielt seinen Blick auf Rufus gerichtet, als er mit lauter Stimme antwortete, sodass alle Männer es hören könnte.
„Dies ist Rufus Failgrad, einstiger General der kargatianischen Streitkräfte, der mit seinem Flankenangriff die Schlacht am Tarrag entschied und damit den Sieg gegen den Ylonischen Bund einläutete. Doch anscheinend ist er von dem Pfad der Rechtschaffenheit abgewichen und hat sich den Gesetzlosen angeschlossen, die sich selbst das Nachtrudel nennen. Ist das nicht so, Rufus?“
„Fast, General Taskor. Mit der Ausnahme, dass ich mich durchaus auf der Seite der Rechtschaffenheit sehe. Nur eben nicht als Knecht der Krone, die aber nun sowieso gestürzt scheint. Aber wie ihr alle sehen könnt, stehen wir auch nicht an der Seite der neuen Besatzer.“, antwortete der Mann mit ruhiger Stimme.
„Wir brechen auf.“, befahl er dann seinen Männern. „Wenn sich unsere Gäste widersetzen, fesselt sie.“ Mit diesen Worten wandte sich Rufus ab und verschwand erneut in der Dunkelheit der Nacht.
Benno spürte jeden Knochen seines Körpers. Fast zwei Tagen waren sie durchgehend geritten und marschiert. Nur kurz hatten sie jeweils gerastet, um dann von Rufus und seinen Männern weiter getrieben zu werden. Immerhin hatten sie die Pferde der Kaiserlichen einfangen können, und konnten so wenigstens ab und zu im Sattel schlafen, nur um später weiterzumarschieren und die Pferde zu schonen. Mit jeder Stunde, die verging, hatte er noch mehr das Gefühl, dass diese Reise nie enden würde.
Bis zum Tag ihrer Flucht hatte der junge Mann Härengar noch nicht verlassen. Er war in eine einfache Familie geboren worden, der Vater Soldat, die Mutter half ihrem Bruder des Öfteren auf dem Markt. Er wäre auch lieber Händler geworden, oder Handwerker. Doch die Eltern hatten das Geld für eine Ausbildung nicht aufbringen können. Außerdem sah es sein Vater als gegeben an, dass Benno in seine Fußstapfen als Soldat der kargatianischen Streitkräfte treten sollte. So wurde er gerade in jenem Moment Teil des Militärs, als das Königreich an den Rand des Abgrunds gedrückt wurde. Es taumelte. Und Benno befürchtete schon des Öfteren, dass es fallen würde. Aber da war noch General Taskor Graufels. Königin Hega. Und natürlich die schöne Prinzessin Sonya, die er beschützen sollte. Er war außer dem General der letzte Soldat an der Seite der Prinzessin. In dem Moment, als sie aus Härengar geflohen waren, hatte er sich geschworen, Sonya mit seinem Leben zu schützen. Das war bisher eher schlecht gelaufen. Ja, sie lebte noch, aber sie befanden sich in Gefangenschaft, mit unsicherer Perspektive.
„Was seh ich da am Horizont? – Türme hoch, die Mauern breit – Doch schwarz vor Ruß ist deren Front – die stolze Burg aus andrer Zeit – Wo heute nur noch Geister schreiten – keine hohen Herren reiten – der Tod sein Heim gefunden hat – die alte Feste Dornat.“
Die Stimme des Narren, die durch das Geklimper der Glocken untermalt wurde, riss Benno aus seinen Gedanken. Er hob seinen Blick und erkannte die schwarzen Ruinen am Horizont.
„Ist das wirklich Dornat?“, fragte er, wollte er es doch nicht wirklich glauben, dass diese Banditen sie zu einem solchen Ort führen würden.
„Es scheint so.“, sagte Taskor. Benno schaute zu dem Narren. Er hatte schon öfter erkannt, dass Gilmar offensichtlich nicht mehr ganz klar im Kopf war. Nicht nur, weil er immer in Reimen sprach, sondern weil er auch sonst manchmal verwirrt oder abwesend wirkte. Aber dann gab es wieder Moment wie diese, wo er mit seiner schnellen Auffassungsgabe überraschte. Auch die Reime zu finden war eine Fähigkeit, die Benno beeindruckte.
„Wenn Böses Böses sucht – an einem Ort der ist verflucht“, begann Gilmar weiter zu reimen, nuschelte die weiteren Worte aber für die anderen unhörbar. Erst jetzt merkte Benno, dass auch die Banditen merklich ruhiger geworden waren. Die Burg warf einen Schatten auf das Land, der scheinbar alle Männer kleiner machte, einschüchterte.
„Wieso sollte jemand hier wohnen wollen?“, fragte nun Sonya und schaute dabei zu Taskor und Benno.
„Es ist offensichtlich ein Ort, an dem man nicht suchen würde. Außerdem ist die alte Ruine immer noch eine ordentliche Festungsanlage, wenn man sie ein bisschen ausbaut.“, mutmaßte Taskor.
„Wir sollten dort nicht hin reiten. Wenn nur die Hälfte der Legenden und Geschichten stimmt, sollten wir uns möglichst weit von diesem Ort entfernt halten.“, erwiderte Sonya. Benno nickte. Er wollte kein Feigling sein, aber auch er kannte die Geschichten.
Dornat. Einst Hauptstadt Kargats. Feste der Könige. Bis ein Bruder den anderen verriet und einen Dolch in den Rücken stieß. Ein Kampf entstand, der das ganze Königreich ergriff. Seit diesem Tag war der Sitz der Krone nach Härengar gewandert. Und die Geister der Gefallenen durchschritten die Ruinen der zerstörten und niedergebrannten Burg, auf der Suche, sich an jedem Kargatianer für den Verrat zu rächen. In alle Ewigkeit. Wer an diesen Ort ging, kam nicht mehr zurück. So viel wusste Benno. Man mied Dornat.
„Ich glaube kaum, dass wir eine Wahl haben.“, erwiderte Taskor trocken.
Kapitel 7
Daron war beeindruckt von der Vielseitigkeit des kleinen Valoriens. Obwohl es nur so groß war wie eine mittlere kaiserliche Provinz, bot es so viele Facetten. Von den reißenden Fluten des Calas, den flachen grünen Ebenen und Feldern, die vor Elorath lagen, den großen Forsten in Dämmertan und Rethas, die er aus der Ferne gesehen hatte, über den großen Königssee, bis zu den Dunkelzinnen im Norden. Jeder noch so kleine Landstrich schien sich zu unterscheiden, genau wie seine Bewohner. Er hatte Menschen am Eisentor getroffen, in Elorath, in Goldheim, in Tandor und nun würde er das nördlichste Freiherrentum, Valor Kath, kennen lernen. Obwohl der ständig schwelende Krieg auf dem Land lastete, hatten alle Menschen, die er gesehen hatte, auch ihre Geschichten von Hoffnung und Zuversicht. Dieses Land, das doch auch für ihn einst Heimat gewesen war, war in der Tat beeindruckend. Viel beeindruckender, als er es in Erinnerung hatte. Mehr als einmal hatte er sich an das eigentliche Ziel seiner Reise erinnern müssen.
„Sieh, Daron. Da vorne liegt Nordend. Unser Ziel für den heutigen Tag.“, sagte Vincent und deutete auf die kleine Siedlung, die von Palisaden umgeben wurde. Sie wirkte alles andere als beeindruckend, insbesondere gegenüber Städten wie Goldheim oder gar Elorath.
„Ist dies der Sitz des Freiherrn dieser Gegend?“, fragte Daron neugierig, wie er schon die gesamte Reise seinen Gastgeber über das Land ausgefragt hatte. Im Gegenzug hatte Daron Geschichten über die südlicheren Länder erzählt.
„Ja. Es ist die einzige befestigte Stadt in Valor Kath. Obwohl wir vor einigen Jahrzehnten von Barbaren aus dem Norden angegriffen wurden, sind die kleineren Dörfer nicht befestigt. Der Konflikt konnte schnell beigelegt werden und somit gibt es dafür keinen Grund mehr. Insbesondere jetzt, da die schützende Hand Tandors über diesem Land liegt.“
„Wer ist der Freiherr von Valor Kath?“, hakte Daron nach.
„Wichart von Rabenkamm. Ein treuer Diener meines Vaters, der in der Besatzung der nördlichen Kronlande eine wichtige Rolle spielte, und dafür belohnt wurde. Oder bestraft. Je nachdem, wie man es sieht.“
„Wieso bestraft?“
„Nun, mein lieber Daron, wie du siehst ist Valor Kath nicht gerade einladend. Es ist abgelegen und karg. Die Bewohner sind Tandor gegenüber feindselig eingestellt, obwohl wir sie in den Zeiten des Chaos schützten.“
Daron schaute den jungen Sohn Tandors fragend an. „Wegen der Besatzung? Also die Feindseligkeit?“
Vincent zuckte mit den Schultern, gab dann aber doch eine Erklärung. „Die Menschen von Valor Kath sind stolz. Sie waren es wohl schon immer. Doch noch schwerer wiegt wohl die Tatsache, dass sich die junge Freiherrin, die vor Wichart das Land beherrschte, innerhalb kürzester Zeit Respekt und Beliebtheit erarbeitet hatte. Obwohl sie das Reich verriet, scheinen noch viele Einwohner in Gedanken an ihr zu hängen.“
„Wer war sie?“, fragte Daron, obwohl er die Antwort selber kannte.
„Eleonora war ihr Name. Eleonora von Mondschein nannte sie sich. Die erste und bisher einzige Ritterin Valoriens. Von König Priovan geschlagen, mit dem sie auch ihre Knappschaft absolviert hatte. Viele Zungen behaupten, dass die Ernennung zur Ritterin mit mehr zusammenhing, als ihrer Stärke oder Tapferkeit. Aber man sollte über Tote nicht schlecht reden, selbst dann nicht, wenn es Verräter sind.“, fügte Vincent hinzu. Daron musterte ihn. Der junge Mann schien wirklich aufrichtig. Selbst gegenüber seinen Feinden schien er einen gewissen Respekt zu haben, der ihm etwas Ehrenhaftes verlieh.
„Was hat sie getan?“
Vincent seufzte. „Es war in dem Jahr, das wir nun das Jahr des Blutes nennen. Sie hat sich mit drei weiteren Rittern verschworen, die Macht im Land an sich zu reißen. Einer der drei wurde getötet, einer floh aus dem Land und der letzte, Arthur von Freital, marodiert mit seinen Männern in Rethas. Eleonora wurde in einer großen Schlacht niedergerungen und getötet, wobei sie auch einen weiteren Ritter tötete. Ulf von Darbenkort. Deswegen gibt es nicht mehr viele Ritter, denn ohne König wurden die Schwerter nicht weitergereicht.“
Daron senkte den Kopf. Große Schlacht. Nein. Es war ein sinnloses Gemetzel. Kurz war er versucht, Vincent zu widersprechen, hielt sich aber zurück. Was sollte der Sohn Tandors denn auch sonst sagen? Als dieses schicksalshafte Jahr über Valorien gekommen war, war Vincent noch ein kleiner Junge gewesen. Während Daron alles gesehen hatte. Die Schlacht. Die Toten. Eleonora. Die schöne Ritterin.
„Ein trauriges Ende. Ich hoffe auf eine bessere Zukunft für dein Land.“, sagte Daron. Vincent nickte nur. Ja, Valorien hatte eine bessere Zukunft verdient. Es brauchte Frieden, und nicht den ständigen Konflikt zwischen Herzögen und Rittern. Nicht noch mehr Krieg und Zerstörung. Doch manchmal musste eben noch ein letztes Feuer wüten, um Frieden zu bringen.
Zweiundzwanzig Jahre. Was einst Demütigung und Knechtschaft gewesen war, hatte sich in eine ehrenvolle Aufgabe gewandelt. Dennoch zählte Narthas jedes Jahr das verging, um seine Schuld zu begleichen. Mit jedem Jahr das vergangen war, war er im Respekt Herzog Celans gestiegen und hatte sich nun zu einem seiner wichtigsten Berater und Heerführer entwickelt. Vielleicht auch deshalb, weil er scheinbar der einzige Mann am Hofe von Taarl war, der dem Herzog die Stirn bot und seine Meinung aussprach. Trotz des Pfandes, das Celan in der Hand hielt. Seine Ehre als Krieger gebot es ihm. Der Herzog von Tandor würdigte seine Einschätzungen. Damals, vor zweiundzwanzig Jahren, hätte er niemals erahnt, Seite an Seite mit Celan um sein Reich zu kämpfen. Doch genau dies tat er. Deswegen war er nun in Valor Kath.
Er stand auf der kleinen Palisade, die Nordend umgab. Als die Stadt besetzt worden war, war ein großer Teil niedergebrannt. Doch dies war nun schon viele Jahre her und man hatte die Hütten und Häuser neu errichtet, viele sogar aus Stein. Tandor hatte der Stadt seinen Stempel aufgedrückt, nicht nur durch die Wolfsbanner, die an den verschiedenen Ecken im Wind flatterten. Der neue Freiherr hatte sein eigenes Gefolge mitgebracht, auch Handwerker aus Taarl waren gefolgt. Die nahen Nebelberge boten Erze für ihre Tätigkeiten. So waren auch mehrere neue Bergwerke entstanden, die die Schätze aus der Erde holen sollten. Die Stadt war regelmäßig erweitert worden, sodass die Palisade mittlerweile eher einem unförmigen Ei glich denn dem Kreis, der einst vorhanden war. Für Narthas war Nordend eines jener Beispiele, die den positiven Einfluss Celans auf das Land bewies. Bald würden mehr Orte folgen.
Der Blick des Khans der Urben schweifte über die Zelte, die im Norden der Stadt errichtet worden waren. Vor einigen Tagen hatte die Zahl der urbischen Soldaten die Einhundert überschritten. Jeden Tag kamen mehr an, in kleinen Gruppen. Celan hatte Valor Kath als Basis für seinen Plan gewählt. Narthas hatte ihm nach kurzer Überlegung zugestimmt, obwohl er erst Zweifel gehabt hatte. Valor Kath war abgelegen und lebensfeindlich. Viele der Vorräte mussten mit Karren aus anderen Freiherrentümern hergebracht werden. Bis zu der Grenze Tandors war es eine weite Entfernung. Eine starke Festung gab es nicht. Doch all dies waren Faktoren, die Celans Plan beflügelten. Den nächsten Angriff auf Fendron.
Seit einigen Jahren hatte sich ein stabiles Gleichgewicht zwischen Tandor, Fendron und den verbleibenden Kronlanden eingestellt. Doch dieses würde nicht mehr lange bestehen. Allerdings hatte der Waffenstillstand auch wieder Reisende angeregt, Händler, die durch ganz Valorien zogen. Und so auch Neuigkeiten übermittelten, aus den Städten und Dörfern, aber eben auch Militärbewegungen. Wenn Celan eine große Streitmacht aufgestellt hätte, vielleicht sogar direkt an der Grenze seines Reiches, wäre er sofort bemerkt worden. Forgat würde dann wohl seine Truppen sammeln um sich in einer seiner Burgen oder an einer Furt zu verschanzen, auf den Angriff wartend. So wie er es schon bei den bisherigen nicht erfolgreichen Angriffen getan hatte. Also hatte sich Celan für einen anderen Plan entschieden und wie schon so oft in den Kämpfen spielte Narthas dabei eine wichtige Rolle.
Kleine unscheinbare Truppen sammelten sich entlang der gesamten Grenze zu Fendron. Im Norden der einstigen Kronlande, in Auenstein, in Lyth Valor. Doch die größte Streitkraft von Reitern würde sich hier in Valor Kath sammeln, verdeckt vor den Augen des Feindes, der doch nicht in diesen entlegenen Winkel des Reiches blickte. Mit jedem Tag wuchs also die Truppe unter Narthas Befehl und in ein bis zwei Monaten würde der Angriffsbefehl erschallen. Bis dahin galt es ruhig und unscheinbar zu bleiben, die Männer bei Laune zu halten. Dem Freiherrn und den Bewohnern von Nordend waren die Urben als Verstärkung der nördlichen Grenze erklärt worden. Späher hätten Aktivitäten der Nordlande erkannt. Natürlich ein Vorwand. Zum einen hatte Narthas in diese Richtung keine Späher geschickt, zum anderen gab es jenseits der Berge wohl kaum etwas zu sehen.
Mit langsamen Schritten ging er die Palisaden weiter entlang und beobachtete die jungen Urben, die vor der Stadt mit Pferd und Bogen übten. Viele der Älteren hatten befürchtet, dass die junge Generation unter tandorischem Befehl verweichlichen würde. Narthas war anderer Meinung gewesen und sah sich bestätigt. Er führte ausgezeichnete Urben in die Schlacht, die den Geist der Steppe in sich trugen, obwohl sie weit entfernt der alten Heimat groß geworden waren. Sie waren furchtlos, stolz und stark, wie ihre Vorväter. Wie all die Krieger, die er in den letzten Jahrzehnten in die Kämpfe geführt hatte.
„Mein Herr.“, hörte Narthas eine Stimme hinter sich. Er drehte sich um und erkannte eine der Wachen von Wichart, dem Freiherrn. Er lächelte, amüsiert darüber, wie schwer es den Valoren immer noch fiel, eine Anrede für ihn zu finden. Er war Khan der Urben, ein Titel, den die Valoren nicht einzuordnen wussten. Doch seine Ausstrahlung forderte Respekt und er war bekannt als enger Vertrauter Celans, um nicht wie ein einfacher Mann angesprochen zu werden. So hatte er schon viele Varianten gehört und immer schien sein Gegenüber nervös.
„Ja, mein Junge?“, antwortete er mit hochgezogener Augenbraue.
„Mein Herr, der Freiherr schickt mich Euch zu holen. Es sind Gäste eingetroffen.“
„Gäste?“
„Ja...ja… mein Herr.“, stammelte der Bote, sichtbar unsicher ob der Reaktion des Khan.
„Wer?“
„Seine Gnaden, der Sohn von Herzog Celan.“
„Lumos ist hier in Nordend?“, fragte Narthas ungläubig. Doch der Mann schüttelte den Kopf.
„Nein, mein Herr. Vincent von Tandor.“
Narthas nickte nur. Vincent war besser als Lumos, so viel war klar. Der jüngere Bruder war besonnener und umgänglicher als der Erbe des Herzogtums.
„Gut. Ich komme gleich.“, sagte er und signalisierte dem Mann mit einer Handbewegung zu verschwinden. Noch einmal drehte er sich um und blickte über seine Urben. Der Tag rückte näher, an dem sie das beenden würden, was er vor sechzehn Jahren begonnen hatte. Er erinnerte sich noch wie heute an den Abend nach der Schlacht, in der sie Ismar von Falkenheim geschlagen hatten. Erst an jenem Abend hatte Celan seinen Plan ausgebreitet, und ihn, Forgat und Ulf in seine Gedanken eingeweiht. Der geplante Fall von Eisentor, der die anderen Ritter auseinanderziehen sollte. Die Eroberung Eloraths von Innen. Der Tod von Geron, Heinrich, Arthur und Eleonora, der ja nur teilweise realisiert worden war. Schließlich die Übernahme des Throns durch Celan, dem Erben von Leodegar, dem Bruder des Gründervaters Gilbert. Obwohl sie viele Erfolge gefeiert hatten, war der Plan nicht vollständig aufgegangen. Er selbst hatte seinen Teil erfüllt. Eisentor erobert, die Kargatianer ins Land gelockt, die Burg zurückerobert, um dann den General des Nachbarlandes für seine Zwecke zu gewinnen. Aber der Tod Ulfs war ein Rückschlag gewesen, genau wie die Flucht Arthurs und Gerons und das Erstarken Alois‘. Doch all dies hätte wohl nichts ausgemacht, wenn Forgat von Fendron nicht seine religiöse Eingebung gehabt hätte, die die Machtverhältnisse geändert hatten. Narthas selbst glaubte nicht an jene Trias, wollte aber ihre Existenz auch nicht ausschließen. Wenn die Geister über die Steppen herrschten, konnte es auch andere Wesen geben, die ihre Reiche beanspruchten. Doch deren Einmischung kam zu einem schlechten Zeitpunkt. So hatte sich die ständige Situation des Krieges eingestellt, in der sie nun lebten.