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J.D. David Sonnenfeuer
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Als er gestützt von dem Diener durch die offene Tür trat, sah er in der Tat seine beiden Ritterbrüder als einzige Personen. Valentin stapfte aufgeregt auf und ab. Seine körperlich imposante Gestalt hatte sich über die letzten Jahre kaum verändert, nur das Blond der Haare und des Bartes waren einem Weiß gewichen. Celan hingegen saß ruhig an einem der kleineren Tische am Rand der Halle und nippte ruhig an einem Weinbecher. Seine Augen fokussierten Helmbrecht sofort, als er den Raum betrat. Während der Herzog von Tandor äußerlich gealtert war – die einst schwarzen Haare waren von sichtbaren grauen Strähnen durchzogen und das Gesicht war gegerbt und von Falten gezeichnet – hatte sich die Kraft in seinem Blick nicht abgeschwächt. Es war diese Mischung aus arroganter Überlegenheit, unbändigem Ehrgeiz und einer gewissen Verschlagenheit, die ihn schon als jungen Mann gekennzeichnet hatte. Schon als ihn Helmbrecht als Knappen ausgebildet hatte.
„Helmbrecht!“, rief Graf Valentin laut aus, als er den Herzog sah. „Das ist alles deine Schuld! Ich habe dir schon im letzten Jahr gesagt, dass wir die Schwäche von Freital ausnutzen müssen, um ihn endgültig in die Knie zu zwingen. Wir hätten ihn aus den Wäldern treiben müssen, wie ein Wildschwein. Nun hat er uns in der Hand. Und keine deiner Soldaten konnten das verhindern!“
Helmbrecht lächelte Valentin milde an. Er war es mittlerweile gewohnt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Und sein Alter erlaubte ihm nicht mehr die Kraft, um sich mit Valentin oder Celan zu streiten. Gestützt von dem Diener ging er also weiter auf den Tisch zu, an dem Celan saß.
„Für dich Valentin heißt es immer noch ‚Euer Gnaden‘“, wies er den Grafen ruhig aber bestimmt zurecht. „Des Weiteren würde ich dich bitten, einen sehr alten Mann zunächst zur Ruhe kommen zu lassen, bevor du mich mit Tiraden bewirfst.“
Valentin blieb stehen, als hätte ihn ein Blitz getroffen. Die Worte Helmbrechts waren entwaffnend, und er wusste auch nichts zu erwidern, sodass Helmbrecht genug Zeit blieb, sich in Ruhe zu setzen. Der Diener zog den Stuhl leicht zurück und der alte Herzog ließ sich erleichtert auf die Sitzfläche sinken.
„Ah, viel besser. Nun, junge Freunde. Willkommen in Grünburg. Mir scheint, ihr seid hier in letzter Zeit öfter, als es uns allen beliebt.“, sprach Helmbrecht ruhig weiter. Er bemerkte, wie ihn Celan weiter mit seinem Blick fokussierte, ohne etwas zu sagen. Stattdessen nippte er erneut an seinem Weinbecher.
„Ach, und ihr trinkt meinen Wein leer. Nun gut Diener, für mich bitte ein Becher mit Wasser und einem kleinen Spritzer des Roten aus dem Ylonischen Bund.“, wies er den Diener an und beobachtete, wie dieser die Halle aus einem Diensteingang verließ. Dann schaute er wieder herausfordernd zu Valentin und dann Celan.
„Also, was verschafft mir die Ehre?“
„Das weißt du genau so gut wie wir. Dieser Verräter läuft nun seit fast zwei Jahrzehnten ungestraft durch dein Herzogtum. Und nun hat er einen Sohn Tandors und deine Enkelin in seiner Gewalt. Der treue Dolf ist tot. Und alles, weil du zu untätig gewesen bist.“
„Valentin, in diesem Land führst du die Truppen bereits seit Langem. Mir scheint die Unfähigkeit der tandorischen Eskorte auch eher ein Grund für diese Entführung als meine Person.“, entgegnete der Herzog. Im Vergleich zu vielem anderen hatte ihn sein Verstand noch nicht verlassen.
„Es ist auch deine Enkelin, die in den Händen dieses Mannes ist.“, erwiderte Valentin weiter energisch. „Du bist ein verblendeter alter Mann.“
„Immer noch ‚Euer Gnaden‘“, mahnte ihn Helmbrecht. „Und dieser Mann ist ein Ritter Valoriens…“
Er senkte den Blick leicht. Ja, sein erster Gedanke, als er die Nachricht erhalten hatte, war ähnlich wie die Reaktion Valentins gewesen. Es ging immerhin um Lerke, seine letzte Nachfahrin. Und der letzte Sonnenschein in seinem Leben, das doch sonst von dunklen Wolken überschattet wurde. Aber je länger er darüber nachgedacht hatte, desto ruhiger war er geworden. Ja, Arthur von Freital war auf keinen Fall ein schlechter Mann. Er war im Gegenteil einer der ehrlichsten und offensten Männer, die Helmbrecht in seinem langen Leben kennen gelernt hatte. Und er war ein Ritterbruder Valoriens, Träger von Blutstein. Er würde sich nicht an einem jungen Mädchen vergreifen, selbst wenn es seinen Plänen zuträglich war. Je länger Helmbrecht in den letzten Jahren über Arthur nachgedacht hatte, desto weniger konnte er in ihm einen Verräter sehen. Vielleicht war er selber der eigentliche Verräter an Rethas. Doch dies konnte er nun nicht mehr ändern. Dennoch teilte er die Sorge von Valentin mittlerweile nicht mehr.
„Helmbrecht.“ Es war die tiefe und kraftvolle Stimme von Celan, die den alten Herzog aus seinen Gedanken riss. „Du wirst dafür sorgen, dass mein Sohn und meine zukünftige Schwiegertochter befreit werden. Koste es, was es wolle.“
„Du überschätzt meine Möglichkeiten.“
„Du…“, wollte sich Valentin gerade wieder lautstark zu Wort melden, wurde aber jäh von einer Handbewegung von Celan zum Schweigen gebracht. Auf ein Nicken des Herzogs von Tandor hin nahm stattdessen auch der Graf am Tisch Platz.
„Ich stelle nur Tatsachen fest.“, fuhr Celan fort. „Entweder du schaffst es, sie zu befreien, oder ich werde Rethas mit Krieg überziehen. Feuer und Eisen werden regieren, bis die Kinder frei, oder gerächt sind. Dein Land wird brennen.“
Es war die ruhige Art von Celan, die die Drohung erst glaubwürdig machte. Diese Kälte, mit der der Herzog von Tandor schon jetzt fast die Hälfte Valoriens unter seine Hand gebracht hatte. Mit Rethas würde sein Reich noch weiter wachsen. Helmbrecht zweifelte keinen Moment daran, dass Celan seinen Worten Taten folgen lassen würde. Aber er schüttelte nur resigniert den Kopf.
„Tu das, Celan. Bald ist es sowieso dein Land. Oder denkst du, dass ich meinem Schicksal noch lange entrinnen kann?“, antwortete er dann herausfordernd.
„Ich habe bereits heute Reiter entsendet. In die Alrinnen, nach Freital und in alle anderen Ecken deines Herzogtums.“, entgegnete Celan kühl.
„Dann ist ja allem Sorge getragen.“, antwortete Helmbrecht. „Und was wünschen wir noch zu besprechen? Oder habt ihr dafür einen so langen Weg auf euch genommen?“
Kurz lag Stille im Raum, bevor sich Valentin mit einem Räuspern zu Wort meldete. „Alois hat uns Boten geschickt. Er wünscht die Runde der Ritter in Elorath zu sammeln, um über die Verteidigung Valoriens zu sprechen. Er sichert freies Geleit, bei seiner Ehre als Ritter. Was werden wir tun?“
Celan schaute erwartungsvoll zu Helmbrecht. Der Herzog von Tandor hatte seine Gedanken schon gebildet, dessen war sich der alte Ritter sicher. Und dennoch fragten sie ihn nach seiner Meinung. Immerhin war noch immer er der Herzog von Rethas und traf seine eigenen Entscheidungen.
„Mmh“, war seine erste Antwort. Er überlegte. Alois. Wer hätte gedacht, dass jener Mann, den man eigentlich als den am wenigsten mutigsten Ritter wahrgenommen hatte, derart für das Reich aufstehen würde. Und für die Linie St. Gilberts. Wenn, wie das Gerücht ging, diese nicht mit dem jungen König untergegangen war. Helmbrecht hörte noch immer die Spötter nachhallen, als Alois von Priovan zum Ritter geschlagen wurde. Ein prächtiger Turnierstreiter, der noch nie einen wahren Kampf geschlagen hatte. Auch in der Rebellion Berlans war er oft zögerlich gewesen. Doch nach dem Tod seiner beiden Ritterbrüder in der Schlacht zwischen Ulf und Lora hatte sich der Mann gewandelt. Das Auftreten des Ritters aus Fendron im folgenden Disput um Elorath hatte Helmbrecht beeindruckt und sein Bild des nun herrschenden Reichverwesers geändert. Auch die Beharrlichkeit, mit der er die Kronlande gegen Celan verteidigt hatte, war beeindruckend gewesen.
„Was will er denn von uns?“, fragte Helmbrecht schließlich und schaute insbesondere zu Celan, der doch immer so gut informiert war. „Ich dachte, wir befänden uns bereits in einem Waffenstillstand.“
Erneut war es Valentin, der für den Herzog aus Tandor antwortete. „Sein Bote war unklar. Zumindest will er alle verbliebenden Ritter vereinen, somit wird auch Forgat dort sein. Zumindest wenn er sich nicht gerade mit seiner Priesterin im Bett befindet, um der Trias zu huldigen.“, fügte er spitz hinzu.
Helmbrecht zuckte schließlich mit den Schultern.
„Ich habe keine Zweifel an der Ehrhaftigkeit Alois‘. Wenn es Belange des Reiches gibt, sollten die Ritter in Elorath zusammentreten, obwohl wir uns in den letzten Jahren bekämpften. Ich werde jedoch selber die Reise aus verständlichen Gründen nicht antreten können.“
Celan nickte zustimmend. „Ja, so denke ich auch. Wir wollen uns anhören, was Alois zu sagen hat, während meine Männer Arthur jagen. Valentin wird dich bestimmt würdig vertreten.“
Die Worte des Herzogs von Tandor hatten etwas Abschließendes. Helmbrecht seufzte erleichtert, diese Begegnung offensichtlich auch überstanden zu haben.
„Also, meine Gäste, dann fühlt euch bis dahin in Grünburg willkommen. Ich werde mich nun aber zurückziehen.“, sagte der alte Herzog und wurde sofort von einem Diener gestützt, als er sich daran machte, aufzustehen.
Mit ihm erhoben sich auch Valentin und Celan. Helmbrecht schaute dem anderen Herzog noch in die Augen. Ganz kurz glaubte er die gleiche Müdigkeit zu erkennen, die er spürte, seit Rainald die Krone verraten hatte. Doch es war nur für einen Moment. Dann wich diese wieder der bekannten Kälte. Und der Gewissheit, dass Rethas brennen würde, wenn Arthur den Sohn Tandors nicht frei lassen würde.
„Wollt ihr euch nun hinlegen, Euer Gnaden?“, fragte der Diener den alten Herzog, als sie seine große Kammer betraten. Helmbrecht schüttelte den Kopf, jedoch mit einem milden Lächeln, das ihm etwas Großväterliches gab.
„Nein, mein Junge. Begleite mich doch kurz noch auf den Balkon. Ich möchte noch die letzten Sonnenstrahlen des Tages genießen. Bald werde ich genug liegen können.“
„Natürlich mein Herr.“, antwortete der junge Diener und führte Helmbrecht zu der kleinen Holztür, die auf einen Balkon führte, der einen Blick über Grünburg und die davorliegenden Wälder erlaubte.
„Danke.“, sagte der Herzog und stützte sich dann an der Balustrade des Balkons ab, während er seinen Blick über sein Volk schweifen ließ. Je näher er den kalten Hauch des Todes spürte, desto mehr dachte er über sein langes Leben nach. Hatte er alles richtig gemacht? Würde er als guter Herzog Rethas‘ in die Geschichte einziehen? Oder als gescheiterter Letzter? Unter drei Königen hatte er gedient, nur um dann das Ende der Linie ansehen zu müssen. Sein Volk hatte zu oft gelitten. Doch was hätte er tun können?
Im Nachhinein bereute er gar nicht mal viel. Er hatte stets versucht, die besten Entscheidungen in der jeweiligen Situation zu treffen. Nur eine Sache bereute er: Er hätte Arthur von Freital mehr vertrauen müssen, nicht Valentin, nicht Celan. Der Ritter aus dem kleinen Freital war ein aufrichtiger Mann, dem seine Loyalität zum Verhängnis geworden war. So war auch seine Sorge um Lerke kleiner, als die Sorge Celans um seinen Sohn. Nein, Arthur würde die junge Frau nicht zu Schaden kommen lassen. Natürlich war sie ein wertvolles Pfand, aber der Ritter würde niemals den ultimativen Preis verlangen. Nein, Lerke war im Moment sicher. Es war sein Herzogtum, um das er sich nun Sorgen machen musste.
Kapitel 6
Die Nacht war trotz des Frühlings kalt. Obwohl der Waldboden an vielen Stellen bereits von den ersten Frühblühern durchbrochen wurde, fühlte sich Taskor eher wie im Herbst. Oder gar im Winter. Denn Winter war es fürwahr für Kargat. Vielleicht der Winter eines sterbenden Reiches. Er schien den letzten Keim der Hoffnung in den Händen zu halten. Doch dieser war zerbrechlich, und selbst wenn er sprießen sollte, war es unklar, ob das Königreich Kargat wieder aus dem Winter erwachen konnte.
„General, ich kann nun die Wache übernehmen.“, hörte Taskor die dunkle Stimme von Eggbert, der zu ihm ans Feuer trat.
„Danke. Wieso nennst du mich noch so?“, fragte er den alten Veteranen.
„Wie? General? Weil Ihr das doch seid. Ihr seid General der Streitkräfte Kargats und Anführer unserer Truppen. Obwohl ich meine Differenzen mit der Armee hatte, respektiere ich Euch noch immer. Und Euren Titel.“
Taskor nickte gedankenversunken, den Blick ins Feuer gerichtet.
„Ich glaube nicht mehr, mich General nennen zu können. Immerhin habe ich weder Armee noch Königreich. Noch trage ich eine Rüstung.“, sagte er. Er schaute an sich hinunter und dann zu den beiden schlafenden Frauen. Schnell nach ihrer Flucht aus Härengar hatten sie sich ihrer edlen Kleidung und der Rüstung entledigt. Auf der Flucht war beides nur störend, bei einem echten Angriff würde es kaum helfen, und die Gefahr erkannt zu werden war mit solch auffälligen Gewändern deutlich größer. Doch mit der Rüstung war auch das Gefühl gewichen, ein großer Heerführer zu sein. Taskor, der Schwarze General, hatte man ihn genannt. Nun sah er aus wie ein gewöhnlicher Landstreicher. Immerhin passte er somit zur Lage im Land. Er wusste nicht mal mehr, ob es noch eine kargatianische Armee gab. Große Teile waren in Härengar mit dem König untergegangen. Ob sich die überlebenden Soldaten irgendwo gesammelt hatten, wusste Taskor nicht. Im Moment galt seine Aufmerksamkeit auch etwas anderem.
„Ich glaube nicht, dass man einen solchen Titel einfach abstreifen kann. Immerhin habt Ihr uns mehr als einmal erfolgreich in die Schlacht geführt. Man kann nicht jeden Kampf gewinnen. Dennoch seid Ihr hier und lebt noch. Genauso wie die Königin und Prinzessin“
„Uns? Hast du in meinem Regiment gedient?“
Der alte Veteran nickte, schaute aber wortlos ins Feuer.
„In den Südlandkriegen?“, hakte Taskor nach.
„Ja, gegen die Ylonier.“, antwortete Eggbert. „Und in Valorien.“, fügte er hinzu.
Valorien. Taskor dachte all die Jahre zurück. Es hätte sein großer Triumph sein sollen. Bis zu jenen Tagen hatte er gedacht, die Niederlage mit Prinz Beorn wäre seine größte Schmach gewesen. Doch der Rückzug, der erneute Fall von Eisentor, die Demütigung, hatten dies übertroffen. Der Fall von Härengar bildete nun die dritte Niederlage in dieser Reihe. Doch wie Eggbert sagte, er lebte noch immer.
„Als wir die Brücke in die Heimat wieder passiert hatten, habe ich mich für immer von der Armee davon gemacht. Mein Glauben in die Streitkräfte und ihre Führung war für immer verschwunden, und meine Tochter brauchte einen Vater. Vielleicht war ich nicht immer der beste Vater, aber ich bin stolz darauf, was aus ihr geworden ist.“
„Du bist desertiert?“, fragte Taskor verwundert. Er hatte schon erfahren, dass Eggbert ein Veteran gewesen war, aber gegenüber einem General Kargats Desertation zuzugeben war in der Tat mutig. Immerhin stand darauf der Tod. Aber was hatte das in Zeiten wie diesen noch zu bedeuten.
„Ja. Es gab keinen Grund mehr, der mich gehalten hätte.“
Taskor antwortete nicht. Die Männer schauten wortlos in ihr Feuer. Beide hatten eine vollkommen andere Geschichte, doch ihre Wege hatten sich gekreuzt, und das Schicksal sie nun an diesen Ort geführt. Taskor erkannte viel von sich selbst in Eggbert. Was, wenn er in Armut, und nicht in das reiche Haus der Graufels hereingeboren worden wäre?
„General, könnt Ihr mir eine Frage beantworten?“, fragte dann Eggbert.
„Ich kann es versuchen.“
„Was ist damals in Valorien geschehen?“
Taskor seufzte. Es fiel ihm schwer, darüber zu sprechen. Andererseits hatte ein Mann wie Eggbert es nach so vielen Jahren wohl verdient, die Wahrheit zu erfahren. Immerhin half er nun, die letzte Erbin Wulfrics zu schützen.
„Ich habe Valorien unterschätzt. Insbesondere habe ich Herzog Celan von Tandor unterschätzt. Ich habe mich in eine Falle ziehen lassen, die doch nur den durchtriebenen Plänen dieses Mannes diente. Auch das Schicksal hat uns schwere Schläge verpasst.“, begann Taskor zu reden.
„Eine recht ungenaue Antwort auf meine Frage.“, brummte Eggbert und wollte sich schon abwenden. Taskor lächelte schmerzhaft, als er an die Zeit zurückdachte.
„Ja. Das stimmt. Der Fall von Eisentor war ein abgekartetes Spiel.“, sprach er aber weiter und hielt Eggbert so weiter am Feuer. „Die Valoren wurden anscheinend von den Urben von Herzog Celan hinterrücks ermordet und uns wurde die Pforte geöffnet. Doch ich in meinem Hochmut dachte, dass wir einer guten Fügung des Schicksals entgegen sahen und befahl den Marsch auf Elorath. Immerhin dachte ich, dass der König mit seinem Bürgerkrieg in Fendron gebunden war. Mit ihm die Streitkräfte des Feindes und der anderen Herzogtümer. Außerdem hoffte ich auf schnelle Verstärkungen durch eine Streitkraft von König Magnus. All dies trat nicht ein. Die Burg wurde kurz nach unserem Abmarsch von urbischen Reitern von valorischer Seite erneut eingenommen. Die Streitkraft von König Magnus machte sich auf dem Weg aus Härengar. Allerdings nicht nach Norden, um Valorien einzunehmen, sondern nach Süden, um den ersten Angriff des Kaiserreiches abzuwehren. Wir waren alleine und verloren, geschwächt vom Marsch, einigen Kämpfen und Krankheit, wie du wohl weißt. Doch dann erhielt ich ein Angebot.“
„Was für ein Angebot? Von wem?“, fragte Eggbert, als Taskor erst nicht weitersprach.
„Von einem Kriegsherrn der Urben. Narthas war sein Name. Ich werde mich für immer an diesen Moment erinnern. Er versprach uns freies Geleit nach Kargat, wenn wir unsere Zelte und Fackeln aufgebaut ließen und im Schutz der Dunkelheit fliehen würden. Ich wusste, dass dies nicht ehrenhaft und eine Schmach war, aber die Alternative war, mit wehenden Fahnen unterzugehen. Alle Leben meiner Männer zu verschenken. Leben von Vätern wie dir, von Söhnen, Brüdern und Ehemännern. Doch die Bürde der Niederlage und der Schmach würde nur auf meinen Schultern liegen. Den Rest der Geschichte kennst du wohl.“, schloss Taskor die Erzählung ab. Was Eggbert dann sagte, verwundert Taskor.
„Danke, General.“, sagte der Veteran. „Danke, dass Ihr unser aller Leben bewahrt habt. So hat meine Tochter einen Vater. Hunderte Familien haben ihre Söhne, Väter, Brüder und Männer wiederbekommen.“
Der General nickte nur leicht als Antwort. Er wusste auch sonst nichts auf den Dank zu erwidern. Obwohl er ein Deserteur war, war Eggbert offensichtlich ein aufrichtiger Mann. Das hatte er schon in Härengar gespürt. Der Rest der Truppe war zwar im besten Fall bizarr, aber mittlerweile vertraute Taskor ihnen. Selbst dem verrückten Narren, der offensichtlich einige Knackse abbekommen hatte.
„In Ordnung, ich werde dann noch einige Stunden Ruhe suchen.“, sagte Taskor und erhob sich vom Lagerfeuer. „Sei wachsam. Hier gibt es mehr Gefahren als Kaiserliche…“, sagte er noch zu Eggbert, als er die Lagerstelle verließ, um sich unter einem der Bäume in eine Decke zu wickeln.
Ja, nicht nur durch Angreifer war dieses Land geplagt. Je mehr man sich von der Hauptstadt entfernte und in die abgelegenen Gegenden Kargats kam, desto größer wurde die Gefahr auf den Straßen. Einst waren es nur vereinzelte Räuberbanden gewesen. Doch sie hatten sich gesammelt, organisiert. Das Nachtrudel nannte man bald die Bande, die immer besser bewaffnet und koordiniert vorging. Fast zeitgleich mit seiner Niederlage in Valorien hatte sich die Gruppe formiert. Taskor war sich sicher, dass viele desertierte Soldaten, sowohl von der Front im Norden als auch um Süden, von ihrem Weg abgekommen waren. Soldaten wie Eggbert, der doch anscheinend einen etwas besseren Weg gefunden hatte. Einen etwas besseren Weg.
Es waren düstere Gedanken, die Taskor in den Schlaf begleiteten. Aber für Optimismus gab es in diesen Zeiten fürwahr nicht viel Platz.
Flammen. Es waren immer wieder die Flammen, die sie sah. Obwohl sie es nur aus der Ferne gesehen hatte, stand sie in ihrem Traum direkt neben ihren kleinen Geschwistern. Sie sah, wie das Feuer sich im Raum ausbreitete. Sie wollte weglaufen, doch ihre Füße bewegten sich nicht, wurden von den Schatten gehalten. Sie wollte schreien, doch ihre Stimme wurde überlagert. Von den monotonen Trommelschlägen und –wirbeln und den Klängen der Flöten, die die marschierenden Männer antrieben. Ein Klang, einst entstanden aus Freude an der Musik, zum Vergnügen der Massen, der doch pervertiert worden war. Nun für immer der Klang des Todes für sie war. Nein, sie wollte sie retten. Tyl. Adela. Sie musste sie retten. Sie streckte ihre Hand aus, wollte sie greifen. Doch sofort schlugen die Flammen um sie. Hitze umgab sie. Sie wollte nicht aufgeben.
„Tyl. Adela. Greift meine Hand!“, wollte sie rufen. Doch ihrem Mund entsprangen keine Worte, nur weitere Flammen. Sie erkannte, wie das orange Licht die beiden Kinder umgab. Sich durch Kleidung und Fleisch fraß, nur schwarzen Ruß hinterließ. „Nein!!!“, wollte sie schreien, ob der sterbenden Geschwister, doch immer noch erklang kein Laut. Der Lärm des Todes überlagerte alles. Fast alles. Aus den Flammen hörte sie die flehenden Schreie der Sterbenden.
Sonya. Sonya. Sonya.
„Sonya, wach auf!“
Sie riss die Augen auf und spürte den Schweiß auf ihrer Stirn, über den der kühle Wind der Nacht strich. Über ihr gebeugt erkannte sie nun die Person, die wirklich zu ihr gesprochen hatte.
„Mutter, was…?“, wollte sie fragen, die Stimme noch immer zu laut ob des Traums, wurde aber jäh unterbrochen als ihr Königin Hega die Hand auf den Mund legte.
„Schsch!“, machte sie einen Laut und flüsterte dann weiter. „Irgendetwas stimmt nicht.“
Sonya spürte noch immer ihren schnellen Atem. Sie versuchte sich zu beruhigen. Zu lauschen. Fast schon befürchtete sie die Trommeln und Flöten zu hören, aber dies schien nur aus ihrem Traum nachzuhallen. Erst schien der Wald ruhig zu sein, doch dann hörte sie das Schnauben von Pferden.
Wieso hatte sie ihre Wache nicht gewarnt? Reiter musste man doch aus großer Entfernung bemerken. Sie wollte gerade etwas sagen, als ihre Mutter erneut die Hand über ihren Mund legte. Langsam krochen die Frauen in das nahe Unterholz, in die Dunkelheit.
Der erste lautere Klang waren die schweren Stiefel eines Mannes, der aus dem Sattel seines Pferdes sprang. Trotz des weichen Waldbodens konnte man dies deutlich vernehmen. Die Rüstung klimperte. Der Mann musste eine Metallrüstung tragen. Vielleicht sogar Platte. Also eher ein Soldat, denn ein Bandit.
Sonya schaute aus den Büschen hinaus, in die sie ihre Mutter gezogen hatte. Eingewickelt in ihre Mäntel waren sie wohl in der Tat kaum zu sehen. Sie schaute auf. Wollte sehen, wer dort war. Nur kurz konnte sie ihren Blick über ihr Lager schweifen lassen, bis sie ihre Mutter wieder hinunter zog. Doch sie hatte genug gesehen. Zu viel gesehen.
Sonya presste ihre Hand vor ihren Mund, um nicht aufzuschreien. Sie hatte das Lagerfeuer gesehen. Den Grund, wieso sie niemand gewarnt hatte. Eggbert Einauge, der alte Veteran, hatte neben dem Feuer gelegen. Im Rücken mehrere Bolzen. Hinter den Flammen war eine Gestalt aus dem Wald getreten. Das orangene Flackern der Flammen sah wie in ihrem Traum aus, nur schwächer. Doch die goldene Sonne auf rotem Grund war Realität.
„Aufwachen! Im Namen des Kaisers!“, rief der Offizier laut über die schlafenden Gestalten hinweg. Sonya erkannte, dass die Sorge ihrer Mutter, der Königin, nur ihr gegolten hatte, der letzten Prinzessin Kargats. Die restlichen Gefährten lagen noch unwissend im Schlaf und wurden jäh aus diesem gerissen.
Taskor sprang als erstes auf. In der gleichen Bewegung wie er sich hochdrückte zog er seine Klinge aus der Scheide, die neben seinem Schlafplatz gelegen hatte. Für einen kurzen Moment wirkte er wieder wie ein junger Mann. Auch Florenzo und Benno sprangen hoch und zogen ihre Waffen, wobei man dem Jungen sofort wieder die Unsicherheit und Angst ansah. Doch es war Sinja, die danach am schnellsten reagierte.
„Nein, Vater!“, rief sie noch, bevor sie ihr Ziel fixierte. Eine Mischung aus Überraschung, Trauer und Hass sprach aus ihr, als sie ihre Dolche zog um nach vorne zu stürzen, um das Leben des kaiserlichen Offiziers zu beenden. Vielleicht war es Taskors schnelles Eingreifen, das ihr das Leben rettete.
Mit einem festen Griff an der Schulter zog er Sinja zurück, bevor diese sich auf den Mann stürzen konnte. Trotz der Lage schaffte es der General besonnen zu bleiben. Erst jetzt erkannten auch die anderen die Berittenen, die zwischen den Bäumen auf die Lichtung kamen. Fast alle trugen Armbrüste mit eingelegten Bolzen, zum Schuss bereit. Im Vergleich zu den schweren Armbrüsten der kaiserlichen Infanterie waren diese Waffen kleiner, aber gerade auf kurzer Distanz nicht weniger tödlich.