J.D. David Sonnenfeuer
Sonnenfeuer
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J.D. David Sonnenfeuer

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„Wohin jetzt?“, fragte Daron die Triaspriesterin. Sie waren hinter dem Gasthof zwischen einigen anderen Hütten. Helena zeigte nach Osten.

„Da lang geht es aus der Stadt. Komm.“, sagte sie und griff ihn erneut am Arm. Die Priesterin war trotz der eher ungünstigen Kleidung schnell auf den Beinen. Jetzt, da sie draußen waren, hörten sie noch mehr die Töne des Kampfes. Obwohl es wohl meistens kaum ein Kampf war, sondern ein gnadenloses Gemetzel. Daron roch auch Rauch, der über dem Dorf aufstieg. Aber Helena fokussierte sich nur auf ein Ziel: nach vorne. Raus aus Eschfurt. Sie konnten den anderen Menschen im Zweifel sowieso nicht helfen.

Sie liefen, die Schatten der Häuser über ihnen. Am Ende der Gasse schien die Sonne ihnen entgegen und blendete sie. Es war wie das Licht am Ende einer langen Höhle, das Ziel der Hoffnung. Daron spürte, wie ihn seine Beine immer schneller voran brachten und sie dann das Ende der Gasse erreichten.

Sie hielten kurz inne und Daron musste sich die Hand vor das Gesicht halten, um von der aufgehenden Sonne nicht geblendet zu werden. Doch im nächsten Moment warf etwas ein Schatten auf sein Gesicht. Er blickte auf und erkannte einen Reiter, der sich vor ihnen aufbaute, und so eine weitere Flucht verhinderte. Mit ein bisschen Blinzeln konnte er den Mann näher erkennen.

Seine Rüstung und Kleidung war von höchster Qualität und edlen Materialien. Er saß aufrecht, geradezu herrschaftlich im Sattel und schaute auf die beiden hinunter. Seine Haare waren zu kurzen Stoppeln geschoren, sodass er fast eine Glatze hatte. Dennoch erkannte man die schwarze Farbe der Haare, die sich auch im feinrasierten Kinnbart wiederspiegelte. Doch am herausragendsten waren die Augen des Mannes, die nur Kälte ausstrahlten. Und Verachtung.

Helena blieb starr vor Schreck stehen. Sie wollte sich gerade zur Flucht wenden, als drei weitere Reiter sie umzingelten. Sie schnitten den Weg in alle Richtungen ab.

Daron schloss die Augen und senkte den Kopf. Nun war es also an der Zeit, die Macht Laëas das erste Mal in einem Kampf einzusetzen. Er konzentrierte sich auf die Erde, wurde dann aber von der Stimme des Anführers aus den Gedanken gerissen.

„Bringt die zu den anderen, den Frauen und Kindern. Wir werden dann über ihr Schicksal entscheiden.“, befahl er den Männern und wandte sich dann selber ab. Daron entspannte sich. Er war sich nicht sicher, ob er alleine alle Reiter besiegen konnte. Aber wenn diese sie nicht sofort umbringen wollten, war es wohl erstmal nicht notwendig. Statt anzugreifen schaute er zu Helena.

„Es wird alles gut.“, flüsterte er ihr aufmunternd zu und lächelte leicht, bevor sie die Reiter in Richtung des Dorfplatzes trieben.

Der Anblick des Dorfplatzes war in der Tat erschreckend. Überall lagen Leichen der Männer, die von den tandorischen Soldaten aus den Häusern gezogen worden waren, um sie auf offener Straße abzustechen. Aus allen Ecken von Eschfurt trieben Soldaten, tandorische und urbische, Frauen und Kinder auf den Platz. Daron fragte sich, wieso sie ihn nicht angegriffen hatten. Aber vielleicht lag es an seiner sonderbaren Kleidung.

Man konnte erkennen, dass die ersten Häuser am Rand des Dorfes in Flammen standen, doch bisher hatte das Feuer die Mitte von Eschfurt noch nicht erreicht. Helena und er wurden zu den anderen Menschen getrieben. Viele der Kinder und Frauen weinten, gefangen zwischen Verzweiflung, Trauer und Angst.

Daron selbst wusste nicht, wie er reagieren sollte. Einerseits hatte er eine Macht unter seiner Kontrolle, die jedes Schwert überwog. Aber es waren viele Feinde. Sehr viele. Und es war klar, dass er nicht alle besiegen könnte. Wenn er nun vortrat, um Laëa anzubeten, würde er wohl schnell einen Pfeil im Leib haben. Vielleicht schneller, als er überhaupt die Kraft der Mutter herbeirufen konnte. Andererseits wirkte die Situation mehr als ausweglos. Auch Helena an seiner Seite schien unsicher, was sie tun konnte. Die Antwort war wohl recht einfach: gar nichts.

„Ihr habt alle gegen das Gesetz verstoßen, das die Anbetung der falschen Götzen der Trias verbietet.“, hörte Daron die Stimme eines Mannes, der sein Pferd vor die Bewohner von Eschfurt führte. Er war schmal, geradezu schmächtig, und hatte doch die kalte Ausstrahlung eines Adeligen. „Dafür verdient ihr nur den Tod.“, sagte er kalt, während auch der Adelige, den sie vorher gesehen hatten, angeritten kam. Sein Blick musterte die Menschen, die nun noch mehr vor Angst zitterten.

Daron erkannte, wie der schmale Mann nach vorne ritt und auf ihn zeigte. „Du, bist du ein Priester der Trias?“, fragte er harsch. Der Novize schüttelte den Kopf.

„Nein, mein Herr, ich bin nur ein Reisender aus einem fremden Land. Ich kenne eure Religionen und Gesetze nicht.“, antwortete Daron fast wahrheitsgemäß. Der Adelige nickte und ließ seinen Blick weiter schweifen.

„Golbert.“, sagte Lumos und blickte zu dem Freiherrn. „Es reicht. Die Männer können ihren Spaß haben, danach schneidet allen die Kehlen durch und brennt die Häuser nieder.“

Daron hörte die Schreie der Frauen, vor Angst. Er selbst blieb ruhig, was ihn fast selbst beeindruckte. Es gab nun keinen anderen Weg mehr. Selbst wenn er dabei umkommen sollte, nun galt es sich zu verteidigen. Er schloss die Augen und begann zu summen. Es fühlte sich an, als würde er mit dem Boden verschmelzen. Ein Teil der Steine werden. Ein erstes leichtes Beben durchzuckte die Erde, doch kaum einer der Anwesenden spürte es. Nur die Pferde begannen nervös zu werden.

„Lumos!“, hörte Daron den lauten und wütenden Ruf eines Mannes. Er hielt kurz inne und schaute auf. Eine weitere Gruppe von Reitern näherte sich schnell dem Dorfplatz, und der vorderste Reiter hatte sich bereits abgesetzt. Er sah ähnlich aus wie der Angesprochene. Der Blick und der Ausdruck der Augen, dieser grün-grauen Augen, deutete auf ihre Verwandtschaft hin. Ansonsten hatten die beiden nicht viel gemein. Die Gesichtszüge des Neuankömmlings waren weicher, sein Gesicht glatt rasiert und seine Haare fielen halblang in dunkelbraunen Locken.

„Vincent, was für eine unverhoffte Freude.“, sagte Lumos kalt und ruhig. Er hob die Hand leicht und hielt damit die Männer auf, die sich gerade schon bedrohlich den Frauen und Kindern genähert hatten.

„Lumos, stopp diesen Wahnsinn. Was soll dieses Massaker?“, rief Vincent seinem Bruder zu und schaute ihn tadelnd an. Obwohl er der Jüngere der beiden Brüder war, war er schon größer und kräftiger gewachsen als Lumos.

„Wahnsinn? Nein. Es ist Recht und Gesetz. Diese Menschen haben die Trias angebetet und müssen dafür sterben.“, antwortete Lumos, immer noch in der ruhigen Stimme. Es schien ihn nichts aus dieser Ruhe bringen zu können. Eine bedrohliche Ruhe. Er schaute seinen Bruder finster an.

Vincent hielt dem Blick seines Bruders stand. „Dies endet hier und jetzt. Es sind genug gestorben. Du wirst die Frauen und Kinder verschonen.“

„Wieso?“, gab Lumos zurück.

Vincent wirkte erst etwas verwirrt, sammelte sich dann aber wieder. Statt weiter mit Lumos zu sprechen, wandte er seinen Blick zu Golbert. „Golbert, du weißt genau, das mein Vater dieses Werk hier nicht befürworten würde.“, sagte er scharf zu dem Freiherrn. Man merkte, wie dieser unsicher wurde.

„Aber, Euer Gnaden, Lumos gab den Befehl…“

„Es ist mir vollkommen egal. Ruf die Männer zurück. Meine Reiter werden diese Menschen nach Goldheim begleiten. Alle.“, unterbrach er den Mann scharf. Sein Ton duldete keine Widerworte. Vincents Blick wanderte wieder zu seinem Bruder, den er eindringlich anschaute, ohne ein weiteres Wort zu sprechen. Lumos hielt dem Blick stand, wandte dann aber sein Pferd ab. Er ließ es einige Schritte von den Menschen wegtraben. Man merkte förmlich, wie die Anspannung sich langsam legte. Die Menschen von Eschfurt konnten zwar noch nicht wirklich glauben, gerettet zu sein, aber es gab Hoffnung. In Form von Vincent von Tandor. Und auch der junge Sohn des Herzogs schien erleichtert, dass sein älterer Bruder klein beigegeben hatte. Doch dann hielt Lumos sein Pferd an. Er schaute über die Schulter nach hinten und zeigte dann mit ausgestrecktem Finger auf Helena.

„Sie ist eine Priesterin und muss sterben. Das Dorf soll brennen.“

„Nein!“, rief Daron noch aus, als ein Pfeil flog. Er erkannte noch, wie das Geschoss Helena in die Brust traf und sprang nach vorne, um sie aufzufangen. Sie landete in seinen Armen, doch er spürte schon, wie das Leben aus ihr wich. Ein Blutstrom lief aus ihrem Mundwinkel. Sie schaute ihm in die Augen und lächelte leicht. Der Versuch, die Hand zu heben, scheiterte, denn ihre Kräfte reichten nicht mehr aus.

„Möge Elona deinen Weg schützen.“, sagte Helena leise und starb dann in seinen Armen.

Daron warf einen Blick über seine Schulter zurück. Die Flammen loderten noch hell und hoch, wo einst Eschfurt gewesen war. Lumos Soldaten hatten die Stadt vollkommen den Flammen übergeben. Obwohl Daron gesehen hatte, dass viele der Männer enttäuscht gewesen waren, nicht auch noch einige der Frauen als Beute zu bekommen, hatte Vincent in dieser Hinsicht seinen Willen durchgesetzt.

Als er so die Flammen sah, durchlief ihn ein leichter Schauer. Es war nicht so, dass Helena ihm durch eine Nacht besonders ans Herzen gewachsen war. Beide hatten ein Verlangen gehabt, das der jeweils andere stillen konnte. Für Daron war die Triaspriesterin interessant gewesen. Er hätte gerne mehr über sie, Valorien und ihre Religion erfahren, bevor er einst wieder zurück nach Kloster Sonnfels kehren würde. Dennoch war ihr jäher Tod ein Schock gewesen und verschaffte ihm noch immer ein mulmiges Gefühl.

Er ließ seinen Blick über die Dorfbewohner schweifen. Die Wenigen, die das Massaker überlebt hatten. Alle sahen erschöpft aus, körperlich und geistig. Sie ließen sich einfach von den Soldaten treiben, die ihre Pferde vor und hinter der Gruppe führten. Gemeinsam marschierte die Kolonne in Richtung Westen, nach Goldheim, der nächsten größeren Stadt, aus der Daron auch gekommen war. Es war wohl nur die Resignation und Alternativlosigkeit, die die Frauen, Kinder und einige Alte vorantrieb. Alle Männer im mittleren Alter, der Schmied, der Wirt, die Bauern und Fischer, waren tot.

„He, du.“, hörte Daron die Stimme eines Soldaten, der zu ihm aufgeschlossen hatte. Erst jetzt merkte er, wie er in Gedanken verloren nach unten geschaute hatte, und ihn so gar nicht bemerkt hatte. Langsam und bedächtig hob er den Kopf und schaute dem Mann in die Augen.

„Ja?“

„Seine Gnaden, der Herr von Tandor, will dich sprechen.“

Daron zog die Augenbraue hoch. Obwohl Vincent in gewisser Weise ihr Retter war, verspürte der Novize keinen größeren Drang, mit diesem zu sprechen. Was sollte es auch schon bringen? Andererseits, vielleicht gab es interessante Erkenntnisse. Die Aufforderung an sich erlaubte ja auch eigentlich keine Widerworte.

„Natürlich, wenn das sein Wunsch ist.“, gab er so auch nur in ruhigem Ton zurück und folgte dem Mann, der sein Pferd wieder nach vorne trieb. Er selbst musste so einen schnelleren Schritt anschlagen und erreichte den Adeligen an der Spitze der Truppe leicht außer Atem.

„Mein Herr, hier ist der Fremde wie gewünscht.“, hörte Daron noch den Soldaten in kurzem zackigen Ton sprechen. Vincent saß noch im Sattel und nickte nur zur Bestätigung, schaute dann aber zu Daron hinunter. Bevor er etwas sagte, schwang er sich vom Rücken seines Pferdes hinunter und reichte die Zügel einem weiteren Soldaten. Dann schritt er auf Daron zu und musterte diesen.

Daron verbeugte sich leicht vor dem jungen Mann. Jetzt, da er dem Adeligen näher war, erkannte er, dass dieser wohl erst Anfang zwanzig sein musste, vielleicht sogar jünger.

„Euer Gnaden, wie kann ich Euch zu Diensten sein?“, fragte Daron unterwürfig. Es war wohl das Beste, Demut zu zeigen. Eine Fähigkeit, die er schon lange verinnerlicht hatte.

„Zu Diensten? Nein. Ich habe vorhin gehört, dass du aus fremden Landen stammst, und war interessiert daran, wer du bist und was du im Land meines Vaters machst. Mein Name ist Vincent von Tandor, Sohn von Herzog Celan.“, stellte er sich vor. Er wirkte offen und freundlich, so vollkommen anders als der kalte Bruder, der keine Skrupel gezeigt hatte, Eschfurt auszulöschen.

„Es ist mir eine Freude.“, antwortete Daron mit einem freundlichen Lächeln. „Mein Name ist Daron. Ich stamme aus dem Ylonischen Bund, aus Vadenfall, und habe es mir zur Aufgabe gemacht, möglichst viele fremde Länder zu bereisen.“

„Dann ist deine Wahl des Orts und Zeitpunktes aber sehr ungelegen.“, antwortete Vincent. „Obwohl der Krieg in der Tat über die letzten Jahre etwas ruhiger geworden ist.“

„Ja, ich habe davon gehört.“ Daron überlegte kurz, ob er den Angriff auf Eschfurt erwähnen sollte. Immerhin war dort der Krieg alles andere als ruhig gewesen. Andererseits schien es eine gezielte Bestrafungsaktion von Vincents Bruder gewesen zu sein.

„Es tut mir leid, was Lumos diesem Dorf angetan hat.“, sagte aber nun Vincent von sich aus. „Er hat es sich selbst zur Aufgabe gemacht, alle Priester und Gläubige dieser falschen Religion zu vernichten. Doch manchmal geht er dabei etwas zu rabiat vor.“

„Was hat Euer Bruder gegen die Trias?“

Vincent zuckte die Schultern. „Nun, es ist klar, dass die Trias verboten ist. Seitdem die Menschen im Norden Fendrons im Namen dieser Religion gegen meinen Vater aufgestanden sind, wurde das Verbot in ganz Tandor mit Gewalt durchgesetzt. Aber die Bedrohung ist weitestgehend vernichtet. Nur noch vereinzelte Menschen klammern sich an diesen Glauben.“

„Ich dachte, Fendron wäre ein anderes Herzogtum in Valorien?“, fragte Daron neugierig. Vincent schnaubte leicht.

„Das ist wohl richtig. Anscheinend hast du dich schon vorher über unser Königreich schlau gemacht.“

„Man liest viel in Büchern.“

Vincent nickte, ging aber auf die Antwort nicht weiter ein, sondern erzählte weiter. „In der Tat waren einst Fendron, Rethas und Tandor die drei Herzogtümer Valoriens, die direkt der Krone unterstanden. Der König regierte über die Kronlande. Nach dem Tod des letzten Königs aufgrund des Verrats seiner engsten Vertrauten, hat mein Vater, als Nachfolger von Leodegar von Tandor, die Krone beansprucht.“

„Und wieso ist er dann nicht der König?“

Vincent zögerte kurz, bevor er antwortete. „Die Ritter und Herzöge des Reiches stimmten mit seinem Anspruch nicht überein. Wie wir heute stehen, herrscht mein Vater über die nördlichen Kronlande. Dies schließt Goldheim ein, die Heimat eines der Verräter. Außerdem hat er die nord-westlichen Teile Fendrons im Besitz, bis zur Hafenstadt Lyth Valor. Mit dem Herzog von Fendron und dem Verweser der Kronlande besteht ein brüchiger Waffenstillstand, Herzog Helmbrecht von Rethas erkennt den Anspruch meines Vaters an. Dafür stellt ihm Tandor Truppen zur Seite, um sich gegen Rebellen und Verbrecher zu wehren, die sein Herzogtum bedrohen.“

„Interessant.“, gab Daron zurück. Denn in der Tat waren die genauen Begebenheiten, die Vincent preisgab, von höchstem Interesse für ihn. „Und was ist Eure Aufgabe?“, fragte er neugierig.

„Mein Vater hat mich mit meinen Männern aus Taarl fortgeschickt, um sein Reich zu erkunden. Er gab mir den Auftrag zu verstehen, wie die Situation in den einzelnen Städten und Burgen ist. Meist reise ich verdeckt, deshalb auch nur die kleine Eskorte. Aber nun bist du an der Reihe, von deinen Ländern zu erzählen. Sag, wie war Kargat? Ich kenne das Königreich nur als Feind, doch habe es nie sehen können.“

Daron lächelte ob des Interesses des jungen Adeligen. „Das werde ich gerne lang und breit erzählen. Allerdings bin ich im Moment recht erschöpft, aufgrund der Geschehnisse.“, gab er zu Bedenken.

Doch Vincent winkte ab. „Dann eben später. Was hältst du davon: Du willst doch sowieso die Länder erkunden. Begleite mich auf meinen Reisen durch Tandor. Ich finde dich interessant, Daron. Und dann wird mir auf keinen Fall langweilig, während du unter meinem Schutz stehst. Wie hört sich das an?“

Daron verneigte sich dankbar. „Vielen Dank, Euer Gnaden. Das hört sich sehr gut an, und ich würde den Vorschlag dankend annehmen.“

„Sehr gut.“, antwortete der Sohn Tandors. „Ach, und Vincent ist ausreichend.“

Kapitel 5

Helmbrecht schaute auf seine zitternden Hände hinunter, als er die Seiten umschlug. Er blätterte vorsichtig nach hinten. Für ihn schien es wie eine kleine Reise in die Vergangenheit. Gerne hätte er sagen wollen, eine Reise in die Jugend. Aber so weit blätterte er nicht zurück. Nur einige Jahre, bis zu jenem Jahr, das als Jahr des Blutes in die Geschichte eingegangen war.

Er seufzte und studierte die Worte, die doch die Grausamkeit der Realität kaum fassen konnten. König Priovan, der letzte Erbe St. Gilberts, wurde vom Verräter Heinrich von Goldheim getötet. Dieser wurde von Herzog Celan von Tandor niedergestreckt, doch das Leben des Königs konnte nicht mehr gerettet werden. Es war die offizielle Version der Geschehnisse in Elorath, die er in das Buch des Herzogtums geschrieben hatte. Noch immer zweifelte er an der Version des Herzogs, aber es spielte auch keine Rolle. Wahrheit war relativ, das hatte er Celan schon vor vielen Jahren geraten. Mit dem Alter wurde diese Erkenntnis immer deutlicher. Nun hatte er so viele Jahre hinter sich, wie kein Mensch, den er je gekannt hatte. Doch das Schicksal wollte noch immer nicht seinen Tod. Stattdessen hatte es das Leben aller anderer seiner Verwandten und Nachkommen beendet.

Er erinnerte sich an jenes Jahr zurück. Nachdem er die Nachricht vom Tod des Königs erhalten hatte, hatte er sich persönlich auf die anstrengende Reise nach Elorath aufgemacht. Trotz seines Alters. Es war das letzte Mal gewesen, dass er Grünburg verlassen hatte. Doch es war seine Pflicht gewesen, als Herzog und Ritter. Denn das Reich wollte regiert werden, gerade in schweren Zeiten. Und dies konnte nur aus Elorath geschehen, aus dem Rittersaal. Damals schien ihm die Zukunft noch so gewiss. Celan würde König werden, als Nachfolger von Leodegar. Forgat würde sich diesem sowieso beugen, er wollte am liebsten Rethas in Sicherheit wissen, und die überlebenden Ritter würden sich fügen oder sterben. Schon bald, wenn seine Zeit abgelaufen war, würde sein junger Enkel Helmbrecht, Sohn seines zweitältesten Sohn, das Herzogtum führen. Es schien so einfach. Doch es sollte alles anders kommen.

Er erinnerte sich noch wie gestern, als er bereits im Rittersaal saß. Die Banner der Verräter waren entfernt, die Schwerter von Eleonora, Ulf und Heinrich bereits an ihren Platz gebracht. Während er und Celan sprachen, waren Alois und Forgat in den Saal getreten. Was folgte, waren wüste Beschimpfungen, und nur seine beruhigenden Worte hatten verhindert, dass die Ritter direkt die Klingen kreuzten. Doch die Situation hatte sich schlagartig geändert.

Forgat berichtete vom Wunder von Liamtal, von der Rückkehr des Boten der Trias, wie er Fürst Elian bezeichnete. Und von dem Erben St. Gilberts, der lebte und eines Tages unter dem Segen der Trias nach Valorien zurückkehren würde. Ein Tag, für den Forgat nun beten würde.

Alois war in dieser Hinsicht strategischer. Er warf Celan den Verrat vor, dessen Heinrich bezichtigt war und erzählte von den Befehlen Ulfs, die junge Ritterin Eleonora zu töten. Doch viel wichtiger war: Er hatte mit seiner Streitmacht wichtige Posten der Kronlande besetzt und die Stadtwache Eloraths auf seine Seite gezogen, die alle Soldaten Tandors innerhalb der Stadt verhaftet hatten.

Was folgte, war nicht mehr zu verhindern. Celan schaffte es noch, aus der Stadt zu fliehen, die er gerade noch als seine geglaubt hatte. Helmbrecht selbst hatte Alois und Forgat offen seine Unterstützung für Celan mitgeteilt. Weniger aus dem eigenen Wunsch, diesen auf dem Thron zu sehen, als vielmehr in der Angst um Rethas, in dem sich wohl mehr Tandorer und Urben als rethanische Soldaten aufhielten. Denn diese unterstanden zu der Zeit Alois. Doch er rief Rethas als neutral aus und zog sich zurück. Wenn er auf die Wirren dieses Jahres zurückschaute, war das wohl die beste Entscheidung gewesen. Denn so hatte sich der Krieg nicht nach Rethas ausgebreitet und er hatte nur gegen die Partisanen von Arthur kämpfen müssen.

Seitdem war das Land nicht mehr zu Ruhe gekommen. Seine Hoffnungen in den Sohn von Eilert waren jäh durch dessen Tod zerbrochen worden. Ein Sturz vom Pferd hatte am Ende gereicht, eine Wunde zu schlagen, die den jungen Erben in den Tod gerissen hatte. So blieb dem alten Herzog nur mehr Lerke, die Tochter des jüngsten Sohn, Rainald, der einst in Elorath bei dem Versuch starb, den König zu ermorden. Nach deren geplanter Hochzeit mit dem Erben von Tandor würde seine Linie nun also erlöschen und das einstige stolze Herzogtum Rethas dann wohl auch de jure in Tandor aufgehen. Der Lauf der Geschichte war eben nicht aufzuhalten. Dennoch war es ein trauriges Ende für Rethas.

Mit zittrigen Händen schloss Helmbrecht das Buch und lehnte sich in dem Holzstuhl zurück. Er betrachtete den schweren Band. Ob Lerke das Buch weiterfüllen würde? Selbst wenn Rethas als Herzogtum nicht mehr bestand, seine Menschen würden weiterleben, und die Geschicke ihrer Heimat bestimmen. Doch die junge Herzogin würde wohl in Taarl residieren, das große Buch von Rethas aber hier in Grünburg verweilen.

„Euer Gnaden?“. Helmbrecht hörte die Stimme des Dieners. Er hätte ihn sonst nicht bemerkt. Seine Sinne waren wie die gesamten Kräfte seines Körpers geschwunden. Nur sein Blick war scharf wie eh und je.

„Ja?“, sagte er mit schwacher Stimme und signalisierte dem Mann mit einem Winken, näher zu kommen. Doch seine Augen hielt er fest auf dem Buch, während sich der Diener in seinem Rücken näherte.

„Euer Gnaden, der Herzog von Tandor ist angekommen und wünscht Euch zu sprechen.“

Helmbrecht nickte. „Und wie gerne wäre er als König Valoriens angekündigt worden…“, antwortete er leise.

„Wie meint Ihr, mein Herr?“

„Schon gut.“, sagte Helmbrecht. „Hilf mir bitte.“, wies er den Diener an. Dieser trat sofort näher und reichte dem alten Herzog einen Arm um ihn zu stützen. In die freie rechte Hand des Herzogs gab er ihm einen Stock, auf dem sich der alte Mann zusätzlich stützen konnte. Erneut spürte Helmbrecht, wie viel Kraft es ihn kostete, nur aufzustehen. Der kurze Weg in die große Halle würde ungleich anstrengender werden.

Eigentlich hätte er ob seines Alters und Gebrechens sein Leben im Bett verbringen müssen. Um langsam und siechend zu sterben. Aber er wollte nicht ein solches Bild abgeben. So war die kleine Schreibkammer ein willkommener Platz. Man konnte sitzen, stundenlang und lesen, oder sich einfach ausruhen. Und niemand störte einen. Doch jetzt musste er wieder in die Welt dort draußen zurück. Die Welt voller Lügen, Verrat, Intrigen, Mord und Totschlag. Der Welt, der er eigentlich überdrüssig war. Aber das Schicksal ließ ihn nicht frei.

„Der Graf von Ostwacht ist auch eingetroffen.“, sagte der Diener, als sie einige Schritte gegangen waren. Helmbrecht nickte, antwortete aber nicht. Natürlich, Valentin war auch gekommen. Er war über die letzten Jahre zu einem treuen Diener von Celan verkommen. Mit einem Auge hatte er stets auf Rethas geschielt, das er doch so gerne selbst beherrschen wollte. Aber Celan würde dies nicht erlauben. Helmbrecht selbst wollte einfach nicht sterben. Beides nicht gut für die Ambitionen des Grafen.

Als er mit langsamen Schritten so auf die Wendeltreppe nach oben zuging, dachte Helmbrecht an jenen Tag vor fast sechzehn Jahren zurück. Er war auch in der Kammer gesessen, als der junge König mit Graf Valentin und Freiherr Arthur nach Grünburg gekommen waren, um ihn zu demütigen. Es war das letzte Mal gewesen, dass er Priovan I. gesehen hatte.

Damals dachte er, dass er wohl ein schlechter König für Valorien war, zumindest für Rethas. Heute war er sich nicht mehr sicher. Die Zeit ohne Herrscher war wohl ungleich schlechter für das Land. Er seufzte. Ein Herrscher Celan würde Valorien wohl auch nur Unglück bringen. Doch war dies wohl die wahrscheinlichste Zukunft.

Der Herzog von Rethas hörte die laute Stimme und die stampfenden Schritte von Graf Valentin schon aus einiger Entfernung. Der Ritter aus Ostwacht war über die Jahre immer aufbrausender geworden. Das Chaos im Land hatte sich scheinbar auf sein Gemüt übertragen. An manchen Tagen dachte Helmbrecht fast, die Persönlichkeit seines alten Weggefährten Heinrichs in Valentin zu sehen. Aber es gab einen großen Unterschied: Der Graf von Ostwacht war nicht nur aufbrausend, sondern auch verschlagen. Einen Charakterzug, den er sich wohl eher bei seinem Förderer Celan angeeignet hatte. Sowieso hatte sich Helmbrechts Bild über den jüngeren Mann von Jahr zu Jahr verschlechtert. Nicht verwunderlich, immerhin hatte der Graf die ganze Zeit auf seinen Thron geschielt. Und seine Enkelin. Doch wie es aussah, würde ihm beides verweigert bleiben.

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