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J.D. David Sonnenfeuer
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Lerke spürte, wie Sylvius ihren Arm umklammert hielt. Eigentlich sollte der Knappe ja der Tapfere sein, aber angesichts der Übermacht des Feindes und der Tatsache, dass es sich um den gefürchteten Arthur von Freital handelte, war seine Reaktion verständlich. Als Dolf getötet wurde brachte sie einen spitzen Schrei hervor, hielt sich aber sofort selber die Hand vor den Mund, um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber natürlich waren sie bereits die ganze Zeit unter wachsamer Beobachtung gewesen.
Als Arthur sich zu ihr drehte und ihr direkt in die Augen schaute, erschauderte sie. Das sowieso schon furchteinflößende Gesicht war von einem feinen Nebel aus Blut rot gefärbt. Der Ritter wirkte wie ein Unhold aus den Gruselgeschichten, die sie sich früher gegenseitig erzählt hatten. Doch es war Realität. Sie wollte irgendetwas sagen. Immerhin war sie die Erbin von Rethas. Sie musste doch auch tapfer sein. Doch auch sie brachte kein Wort über ihre Lippen. Was gab es nun auch schon zu sagen?
„Arved, Rogard, holt die beiden aus der Kutsche. Dann verschwinden wir von hier.“, befahl Arthur mit kalter Stimme und wandte sich anschließend selber ab. Lerke sah, wie sich zwei Männer lösten und auf die Kutsche zugingen. Beide waren deutlich jünger als Arthur. Während der eine kräftiger war und wohl schon an die dreißig, war der andere ein junger Mann, vielleicht so alt wie sie.
Seine Haare waren tief dunkelrot, ein Farbton, den sie noch nie gesehen hatte. Sein Körper war muskulös, athletisch und sein Gesicht glatt rasiert. Er erinnerte ganz leicht an Arthur, denn er hatte die gleichen, dunkelbraunen, fast schwarzen Augen. Dennoch war er natürlich um einiges jünger und attraktiver als der alte Ritter.
„Lerke von Rethas, Sylvius von Tandor.“, sprach der Jüngere die beiden Insassen an. Seine Stimme war männlich und dennoch lieblich. Fast wie die Stimme eines Barden oder Sängers. „Dürfte ich euch bitten, aus der Kutsche zu steigen und uns zu begleiten?“
Lerke war kurz etwas verwirrt ob der freundlichen Worte des Mannes. Der andere stand still neben ihm, seine Arme verschränkt. Sein Blick war kälter, dunkler, doch in den Augen des jungen Mannes konnte sie nichts Böses sehen.
„Was wird mit uns passieren, mein Herr?“, fragte Lerke zurück, bevor sie sich regte.
„Nennt mich einfach Arved, Euer Gnaden.“, antwortete dieser. „Ihr werdet uns in die Wälder der Alrinnen begleiten. Dann werden wir mit den Herzögen Helmbrecht und Celan über eure Freilassung verhandeln. Euch wird nichts geschehen. Beiden. Das verspreche ich bei meiner Ehre.“
Dann ging er noch einen Schritt vor, verneigte sich leicht und hielt ihr seine Hand hin. „Darf ich Euch helfen?“
Lerke verharrte noch kurz, immer noch überrascht über den Kontrast der Situation. Dort der brutale Angriff des gefürchteten Ritters und hier der freundliche junge Mann, der sie respektvoll behandelte.
„Ich nehme dich beim Wort, Arved. Und sei gewiss, dass mein Großvater und alle ehrenhaften Männer Valoriens es vernehmen werden, wenn Sylvius oder mir etwas passiert. Dann wird der Tod eine gnadenvolle Erlösung sein.“, fügte sie so bedrohlich hinzu, wie sie konnte. Obwohl die Worte aus ihrem Mund und mit ihrer Stimme weit weniger einschüchternd wirkten, als sie gewünscht hatte.
Arved lächelte ihr zu. „Dann wollen wir das lieber verhindern.“, sagte er mit einem Hauch von Schalk und half ihr dann aus der Kutsche, als sie seine Hand ergriff.
Kapitel 4
„Wo soll ich nur starten?“, überlegte Daron laut. Er schaute in die Runde der Menschen, die ihn erwartungsvoll anschauten. In seinem Rücken prasselte das Feuer des Kamins, der den großen Gastraum der Schenke erwärmte. Vor ihm saßen und standen die Bewohner des kleinen Dorfes, das er am Nachmittag erreicht hatte: Eschfurt. Ein kleines Dorf an der Furt, die einen Weg durch den großen Fluss, der Oberen Varna, ermöglichte.
„Also, es ist fast ein ganzes Jahr her, als ich durch das Stadttor von Vadenfall getreten bin, mit einem Ziel: die Welt, wie sie heute ist, zu erkunden. Und noch mehr. Ich wollte überall Menschen kennen lernen, Geschichten und Mythen erfahren, und vielleicht sogar unentdeckte Orte erkunden. Also machte ich mich auf und startete meine Reise ins Ungewisse.“, begann er zu erzählen. Natürlich war der erste Teil vollkommen falsch und erlogen, aber das machte nichts. Denn die Gedanken und Gefühle, die er schilderte, waren sehr ähnlich, wie an jenem Tag, als er Kloster Sonnfels verlassen hatte. Er hatte einen Auftrag von Prior Cleos, ja, aber viel mehr interessierten ihn die Wunder der Mutter Laëa, die es zu erforschen galt. So fiel es ihm auch leicht, von diesem Punkt an eine authentische Erzählung weiterzuführen. Das war es, was er hier wollte: eine gute Erzählung vortragen. Manchmal dachte er sich, dass er vielleicht Barde hätte werden sollen. Oder Poet. Nun, in einem anderen Leben vielleicht.
Gespannt lauschten die Bewohner seinen Worten. Wie er die ersten Landstriche erkundete, wie er die Grenze zu Kargat passierte und das befeindete Königreich erforschte. Er erzählte über die kaiserlichen Truppen, die begannen, das Land zu besetzen.
„Wieso sollte das Kaiserreich Kargat angreifen?“, fragte einer der Bewohner, ein kräftiger Mann jenseits der vierzig, der hier offensichtlich der Schmied des Dorfes war.
„Wieso nicht? Sie haben es verdient, für all den Krieg, den sie uns gebracht haben. Jetzt wissen sie, wie es sich anfühlt, angegriffen zu werden.“, antwortete eine Frau aufgebracht. Daron schwieg und senkte kurz den Kopf, machte eine kleine Pause, um seiner Antwort Wirkung zu verleihen.
„Dem Kaiser geht es nicht um Krieg, sondern um Frieden. Als ich die äußeren Grenzen des Kaiserreichs besuchte und mit den Bewohnern sprach, hörte ich immer das gleiche: Innerhalb des Kaiserreichs der Sonne gibt es keine Konflikte. Der Blick des Kaisers ist überall und seine Soldaten sorgen für Frieden. Und Frieden bringt Wohlstand mit sich. Doch so lange die äußeren Grenzen des Kaiserreichs unter Gefahr sind, kann dieser Frieden nicht bestehen. Deswegen schickt der Kaiser seine Soldaten in die nahen Länder, um die Wärme der Sonne auch über diese strahlen zu lassen.“
Die Dorfbewohner blieben still. Sie alle schauten sich etwas unruhig an. Nachrichten aus ferneren Ländern wie dem Ylonischen Bund, ja selbst aus dem benachbarten Kargat, wirkten weit weg. Es gab keinen in dem Dorf, der Valorien je verlassen hatte. In der Tat hatten es die meisten maximal bis Goldheim geschafft, der nächsten größeren Stadt. Und doch schien ein großes Reich am Horizont kein beruhigender Gedanke.
„Und was wenn der Kaiser Kargat erobert hat? Wird er dann seinen Blick nach Valorien richten?“, fragte der Schmied erneut mit skeptischem Blick.
„Was sollte er daran interessiert sein, wir wollen das Kaiserreich ja nicht angreifen.“, wandte ein anderer Mann ein.
„Und was, wenn er uns endlich Frieden bringt?“, stellte eine Frau eine Frage und alle nickten stumm. Daron hatte schon in den ersten Gesprächen bemerkt, dass es die Konflikte innerhalb Valoriens waren, die den Bewohnern von Eschfurt große Sorgen machten. Das Dorf war einst in den Kronlanden gewesen, aber im Jahr Priovans Tod, dem letzten König, vom Herzog von Tandor besetzt worden. Genauso wie Goldheim und weitere Städte des Nordens in den Kronlanden und dem Herzogtum Fendron. Seitdem hatte es öfter kleinere Scharmützel an der Furt gegeben, aber seit einiger Zeit schien sich der Status Quo etabliert zu haben.
„Selbst wenn, sie würden genauso wie Kargat am Eisentor abprallen.“, gab die ältere Frau zu bedenken und wandte sich dann wieder direkt an Daron. „Bist du am Eisentor vorbeigekommen? Hast du die große Brücke über den Calas passiert?“
Daron nickte, als sie das Thema wieder ein bisschen wechselte. „Ja, ich bin über die mächtigen Steine gegangen, die euer Königreich von Kargat trennen. Es ist ein beeindruckender Ort aus älteren Zeiten. Man spürt die Energie.“, erzählte er. „In der Burg Eisentor traf ich dann Alois von Schöngau, dem ich mich bis Elorath anschließen durfte. Von dort bin ich alleine nach Goldheim gereist und bin nun auf dem Weg nach Taarl. Aber diese Länder kennt ihr wohl besser als ich, also gibt es nicht mehr viel zu erzählen.“
Die Zuhörer lachten, als er die Erzählung beendete. Einige ließen ihre Krüge neu befüllen und eine Magd schenkte auch in Darons Becher nach. Ein dünnes Bier, das aber eigentlich recht schmackhaft war. Und gut den Durst löschte. Was nach einer solch langen Erzählung wohl das Wichtigste war.
„Und nun habe ich alles über meine Reise erzählt, aber eigentlich wollte ich doch Geschichten aus diesem Land hören.“, sagte Daron mit einem Lächeln.
„Ich kann eine Geschichte erzählen“, hörte Daron die Stimme einer Frau aus einer dunklen Ecke der Schenke in der Nähe der Tür, die dann aus dem Schatten trat. Sie war in eine weiße Robe gekleidet, die mit allerlei Stickereien verziert war. Um die Schultern hatte sie einen dunklen Umhang, der das weiße Kleidungsstück verdecken konnte. Ihre blonden, langen Haare leuchteten im Schein des Feuers, als sie nach vorne trat. Die Dorfbewohner senkten ehrfurchtsvoll die Köpfe, obwohl die Frau vielleicht nur in ihren Dreißigern war und alles andere als hochgestellt wirkte. Eher sehr natürlich.
„Dann will ich gespannt zuhören. Ich glaube, wir haben uns noch nicht kennen gelernt. Mein Name ist Daron, ich bin ein Reisender aus dem Ylonischen Bund.“
Die Frau wirkte erst ernst, lächelte dann aber, als Daron sich vorstellte. „Ja, das habe ich gehört, und es freut mich. Mein Name ist Helena, und ich bin eine Priesterin der Trias.“
Daron hatte bereits von der Trias gehört, einer Religion, die in Valorien eigentlich verboten war. Zumindest war dies der Fall gewesen, als er das Land vor so vielen Jahren hinter sich gelassen hatte. Aber dies schien nicht mehr vollkommen der Fall. Von Alois hatte er erfahren, dass auch der Herzog von Fendron ein Anhänger der alten Religion war. Dennoch wusste er nicht viel über die Religion.
„Was ist das, die Trias?“, fragte er neugierig, als Helena sich in die Mitte der Zuhörer stellte und sich ein bisschen umdrehte, um jedem der Dorfbewohner in die Augen zu schauen.
„Das ist der Beginn der Geschichte“, sagte sie mit einem Lächeln, das sie einige Momente Daron schenkte, während sie ihm tief in die Augen schaute. „Denn es geht um die Gnade der Trias, doch auch um ihre Strenge, ob der Fehler, die wir begehen.“
Man merkte sofort, wie die Atmosphäre sich änderte. War die Runde gerade noch ausgelassen, lauschten die Männer und Frauen Helena nun aufmerksam, ehrfürchtig. Trotzdem erkannte Daron in ihren Blicken auch etwas Erleichtertes, Hoffnungsvolles. Es schien, als wäre der Glauben an diese Kräfte in dem Dorf tief verwurzelt. Wie sein Glauben an die Mutter Laëa. Mit dem Unterschied, dass Laëa ihre Kräfte offenbarte und ihm schenkte. Ähnliches hatte er von einer Trias Priesterin noch nicht gehört.
„Am Anfang waren Elona, die Gnädige, Thorian, der Mächtige und Kylael, der Weise. Sie schufen unsere Welt und ihre Bewohner und bauten die größten Bauten, die wir noch heute bestaunen können. Doch eines Tages überließen sie uns unserem Schicksal, um unser eigenes Leben zu gestalten. Ihre Blicke blieben auf uns gerichtet.“, begann sie zu erzählen. Ihre milde Stimme belebte die Worte und viel mehr als die anderen Zuhörer schaute sie Daron an. Es schien klar, dass die Bewohner von Eschfurt viele der Geschichten der Trias kannten und so die Einführung mehr für ihn bestimmt war.
„Doch sie ließen uns nicht alleine. Vor vielen Jahren schickten sie ihren Boten zu uns. Er blieb verdeckt, lebte unter uns und beobachtete unser Treiben und Streben. Doch er musste mit Enttäuschung feststellen, dass die Menschen sich von der Trias abgewandt hatten. Die Könige des Reiches verboten die Anbetung der wahren Macht dieser Welt. Mehr und mehr Menschen beugten sich den Befehlen und vergaßen die großen Taten, die die Trias für uns vollführte. Anstatt die Gnade Elonas leben zu lassen, verwickelten sich die Menschen in Konflikte und Kämpfe, strebten nach Macht und Rache und führten unerbittliche Kriege. All das endete in dem verhängnisvollen Jahr des Blutes, das unser Reich bis heute verändern sollte. Einstige Verbündete richteten die Waffen aufeinander, aus Gnade entsprang Hass, Vertraute fielen einander in den Rücken und der Tod unseres Königs beendete die Linie von St. Gilbert in Valorien.“ Helena sprach bedächtig, aber verlieh den letzten Worten deutlichen Ausdruck. Daron spürte die Enttäuschung in ihr, über die Konflikte. Er erinnerte sich an seinen eigenen Anteil, an jenem Jahr. Er erinnerte sich an Ulfs Befehle, und all die Pfeile, die er auf gute Valoren abschoss.
„In diesem Moment beobachtete der Bote der Trias unser Treiben und wusste, dass dieses Land verloren ist. Er schickte zur Strafe Donner und Blitz über das Land und verließ Valorien in Groll. Ließ es alleine zurück, und damit auch die Hoffnung auf Gnade und Frieden, die wir uns wünschen. Dieser Bote war bekannt als Fürst Elian. Jeden Tag beten wir um seine Rückkehr. Auf dass die Elfen wieder in unseren Ländern wandern, als Boten der Trias, und ihre Göttliche Macht und Gnade mit uns teilen. Auf dass Frieden einkehren mag in Valorien, und all jene, die ihre Waffen gegen das Volk richten, bestraft werden mögen. Und auf dass wieder Hoffnung in die Herzen der Menschen zurückkehrt, um auf dem Pfad der Gnade, der Stärke und der Weisheit zu wandeln, wie es uns die Trias gebietet. Darum bete ich. Und beten wir.“
Die Priesterin schloss die Erzählung, indem sie die Augen schloss und den Kopf senkte. Daron erkannte, wie die Menschen um ihn herum es ihr gleich taten. Dann sprach Helena ein Gebet und jede Zeile wiederholten die Bewohner von Eschfurt in einem monotonen Chor.
Elona, schenke uns deine Gnade
Thorian, gib uns Kraft und Stärke
Kylael, führe uns auf den Weg der Weisheit
Auf dass die Macht der Trias ihr Licht über uns scheinen lässt
Es erinnerte Daron fast an die Gebete seiner Brüder an Laëa. Doch waren ihre Gebete und Meditationen immer stärker gewesen, hatten die Kraft der Mutter dieser Welt hervorgebracht. Dagegen war die Trias eine reine Hoffnung, gar eine Illusion, der sich die Gläubigen hingaben. Doch war es die Kraft dieser Hoffnung, die den geplagten Bewohnern von Eschfurt anscheinend Stärke gab.
„Und, Daron, was denkst du über die Geschichte?“, fragte Helena nach einer kurzen Pause und schaute ihn eindringlich an. Daron spürte, dass ob der Atmosphäre seine Kehle ganz trocken war und musste sich kurz räuspern.
„Es ist faszinierend und ergreifend. Obwohl ich euren Glauben nicht teile, wünsche ich zutiefst, dass eure Gebete erhört werden.“, antwortete er. Helena lächelte ihn an, obwohl da etwas in ihrem Blick war, das er erst nicht genau deuten konnte.
„Sie werden erhört werden, dessen bin ich mir sicher.“, sagte Helena zuversichtlich. „Aber nun haben wir schon eine fortgeschrittene Stunde. Und morgen will ich dir gerne noch die Geschichte von Lora der Ritterin erzählen, die ich selber einst traf.“
Daron erkannte, wie die Gäste sich erhoben und die ersten bereits den Gastraum verließen. In der Tat merkte auch er, dass er langsam müde wurde und die Anstrengungen des Tages sich auf ihn legten.
„Ich bin schon sehr gespannt.“, gab er mit einem Lächeln zurück und stand auf. Er lief auf die Treppe zu, die zu dem kleinen Zimmer führte, dass man ihm zugewiesen hatte. Dabei passierte er Helena, die die Hand ausstreckte und ihn leicht am Arm berührte. Während die anderen Bewohner aufstanden und so einen Geräuschpegel im Raum erzeugten, flüsterte sie einige Worte, die nur er verstehen konnte.
„Und vielleicht können wir heute Nacht noch mehr als Geschichten teilen.“, sagte sie leise. Daron hielt inne und schaute der Priesterin in die Augen. Nun erkannte er den Blick genauer, den sie ihm zugeworfen hatte. Es war ein Verlangen. Er lächelte zurück.
„Eine gute Idee.“, sagte er mit einem schelmischen Blick. Dies war wohl ein weiterer Vorzug, seitdem er auf Reisen war. Er war nicht länger hinter Klostermauern gefangen, die ihn in gewissen Belangen des Lebens deutlich einschränkten. Und anscheinend hatte auch Helena Interesse an dem Fremden, der er doch war.
Die Nacht lag noch über Tandor, als die Reiter die Lichter des Dorfes sahen. Es war nur ein leichter Schein des Feuers, der aus dem Gasthof zu sehen war. Alle anderen Häuser lagen in der Dunkelheit, nur vereinzelt stieg noch Rauch in den Himmel. Nicht mehr lange und die Sonne des neuen Tages würde auf Eschfurt scheinen. Doch dieser Tag würde wohl nichts Gutes bringen.
Lumos‘ Pferd schnaubte und scharrte nervös im Sandboden. So unruhig der Hengst war, so ruhig und gefasst war der Reiter. Mit kaltem Blick musterte er das Dorf.
„Euer Gnaden, dies ist das Dorf, aus dem wir die Berichte der Triasverehrung haben.“
Lumos blickte wortlos zu dem Freiherrn von Eisenstein hinüber. Golbert war ein treuer Berater und Diener, den sein Vater ihm wohl eigentlich zugeordnet hatte, um auf ihn aufzupassen. Sollte der Herzog das doch tun. Lumos würde schon dafür sorgen, dass die Berichte an Celan stets seinen eigenen Erwartungen entsprachen.
Statt zu antworten zog er nur erwartungsvoll die Augenbraue hoch und musterte Golbert. Im Vergleich zu vielen Kriegern war der Freiherr schmächtig. Er war recht groß gewachsen, hatte aber ein schmales Gesicht und recht schlanke Gliedmaßen. Seine Augen wirkten stets erschöpft und müde, und auch sein Haar war schon licht. In Lumos Augen war Golbert keine starke Person. Er war ein Mann, der Befehle befolgte und nicht dazu gemacht war, wirklich zu führen, echte Macht auszuüben. Lumos verachtete ihn. Aber er konnte ihn als Werkzeug nutzen.
„Euer Gnaden, wie lauten Eure Befehle? Sollen wir das Dorf angreifen?“, hakte der Freiherr nach. Lumos nickte nur mit dem Kopf und drehte dann wieder seinen Blick zu dem Dorf. Er kniff die Augen zusammen und beobachtete Eschfurt. Golbert wirkte noch immer nicht entschlossen, den Angriffsbefehl zu geben. Obwohl er bereits die ruhige Art von Lumos kennen sollte, schien er noch auf einen expliziten Befehl zu warten.
Der Sohn des Herzogs atmete hörbar aus und seufzte. Dann erst erhob er selbst die Stimme. „Ja, greift es an. Tötet die Männer. Brennt die Häuser nieder. Treibt die Frauen zusammen. Die Kinder sind mir egal.“, befahl er kalt, doch laut genug, dass auch die Soldaten ihn verstehen konnten. Er hatte einige tandorische Reiter unter seinem Kommando, aber noch mehr Urben von Narthas Khan. Die Männer der Steppe waren äußerst nützlich. Sie hinterfragten die Befehle weniger. Sie führten sie aus. Und sie waren erfahrene und gefürchtete Kämpfer. Gerade gegen andere Valoren ein hohes Gut. Denn die Urben hatten keine Skrupel.
Golbert wirkte erst etwas verwirrt, schien sich aber nicht zu trauen, Widerworte zu geben. Er hatte gesehen, was mit Männern passierte, die den Befehlen von Lumos nicht folgten. Er wollte nicht zu diesen Männern gehören. Egal wie gut seine Beziehung zu Celan war, im Moment war Lumos der Mann, der hier das letzte Wort sprach. Golbert selbst wollte nicht Bestandteil dieses letzten Wortes sein. Also zog er sein Schwert aus dem Gürtel.
„In Ordnung, Männer, ihr habt die Befehle vernommen. Diese Menschen beten die Lügen der Trias an und untergraben den Anspruch unseres Herzogs Celan. Sie haben das Leben nicht verdient, denn sie sind Hochverräter. Lasst uns ein Exempel statuieren. Alle, die von Eschfurt hören, sollen in Demut vor Tandor knien und seine Herrschaft anerkennen. Für Tandor!“, rief er noch laut und setzte dann sein Pferd in Bewegung.
Lumos sah, wie rechts und links die Reiter losgaloppierten. Er selbst gab seinem Pferd nur den Befehl für einen leichten Trab und folgte seinen Soldaten in Ruhe. Es gab keinen Grund, selbst am Kampf teilzunehmen, wenn er doch auch nur das Resultat begutachten konnte.
„Ob die anderen Menschen endlich lernen werden?“, hörte er eine Stimme neben sich und schaute zur Seite. Der Urbe, der zu ihm aufgeschlossen hatte, trug seine Haare und seinen Bart lang, wie die meisten der Anführer der Stämme. Trotz des jungen Alters wirkte er wie ein mächtiger Krieger der Steppe.
Lumos lächelte kalt. „Wohl kaum. Aber ein um das andere Dorf wird brennen, bis wir diesen Verrat vernichtet haben. Bald schon wird niemand mehr wissen, was diese Trias sein soll, Lokran.“, antwortete er seinem Vertrauten. Lokran, Sohn von Narthas, ein Sohn des Khans, der seinem Vater diente. Und ein Waffenbruder seit jungen Jahre. Denn obwohl die Urben dienen sollten, wusste Lumos, dass er sich auf Lokran verlassen konnte. Vielleicht mehr, als auf die meisten Adeligen Tandors.
Daron schlug die Augen auf. Er sah zum Fenster und spürte, wie die ersten Strahlen der Sonne auf sein Gesicht fielen. Doch es war nicht das Licht, das ihn geweckt hatte. Es waren Geräusche. Lärm geradezu. Erst konnte er es nicht genau zuordnen, denn er war noch immer schlaftrunken. Neben ihm in dem Bett des Gasthofes lag die noch immer unbekleidete Helena. In der Tat schien die Priesterin ein Verlangen gehegt zu haben, für dessen Befriedigung der Fremde eine willkommene Möglichkeit gewesen war. Und die er auch gerne angenommen hatte. Entsprechend wenig hatte er selbst geschlafen und fühlte sich, gemischt mit den Auswirkungen des Biers, recht ausgezehrt. Nun versuchte er sich zu konzentrieren und zu lauschen.
Er brauchte nicht lange, um die Geräusche zu deuten. Pferdehufe, Klingen, rufende Männer und die Schreie Sterbender. Eschfurt wurde angegriffen.
„Wach auf.“, sagte er hektisch zu Helena, die auch nur langsam aus dem Schlaf aufwachte. Als auch sie realisierte, was passierte, schien sie plötzlich hellwach.
„Bei Elonas Gnade… wir müssen hier verschwinden.“, sagte sie und stand hektisch auf, um sich ihr Kleid überzuwerfen und den Umhang umzuhängen. Daron erkannte das erste Mal Angst in den Augen der Priesterin. Gestern, sowohl in der Geschichte, als auch danach, war sie stets selbstsicher gewesen. Sie hatte eine Ausstrahlung, als wäre sie durch ihren Glauben so gefestigt, dass ihr nichts in der Welt etwas anhaben konnte. Aber dies schien sich nun zu ändern.
Auch er sprang auf und warf sich seine Kutte um. Er hatte keine Waffen, um sich und Helena zu verteidigen, aber mit profanen Waffen wäre dieses Vorhaben wohl auch aussichtslos. Er hatte eine stärkere Macht an seiner Seite. Die Macht der Erde selber, die Macht von Laëa.
„Wer greift uns an? Und wieso?“, fragte Daron die Priesterin, als diese gerade ihren Umhang schloss und die Kapuze überwarf, sodass ihre weiße Robe nicht mehr sichtbar war.
„Es sind bestimmt Tandorer oder Urben. Sie jagen uns Triaspriester.“
„Wieso?“
„Laut ihnen ist der Glauben an die göttliche Trias verboten. In ihren Augen ist nur der König eine Macht und alles andere Lüge. In ihren Augen sollte natürlich auch Herzog Celan der König sein, ein Vorhaben, das vor vielen Jahren scheiterte. Aber das erzähle ich dir später, wenn wir hier raus sind. Lass uns den Hinterausgang nutzen und dann am Flussufer in die Wälder fliehen. Folg mir.“, sagte sie nun wieder sicherer und schob vorsichtig die Tür auf, um nach links und rechts zu schauen.
„Ich glaube es ist sicher…“, sagte sie gerade, als man plötzlich schwere Stiefel in dem Gastraum hörte.
„Ihr könnt hier nicht…“, hörte man noch den Ruf des Wirtes, der jedoch jäh erstickte und in das Röcheln eines Sterbenden überging.
„Verdammt, sie kommen.“, zischte Helena leise und zeigte auf das Fenster am Ende des Flures. „Wir müssen dort durch verschwinden.“
Daron nickte nur. Er wollte nicht mehr reden. Seine Gedanken waren schon woanders. Es würde zum Kampf kommen, dessen war er sich sicher. Also musste er seine Waffen ziehen. Langsam begann er, die Erde zu spüren. Die Steine, den Sand, den Boden. Es war schwieriger, wenn er nicht direkte Verbindung hatte. Aber wenn sie erst aus dem Gebäude waren, würde er die Mutter Laëa spüren, dessen war er sich sicher. Er bemerkte, wie Helena ihn am Arm packte und zum Fenster zog.
Der Laden war schnell geöffnet und Daron schwang sich zuerst aus dem Oberschoss nach unten. Es war nicht hoch und so landete er geschmeidig. Sofort merkte er das Gefühl, mit Laëa verbunden zu sein. Doch er musste kurze die Konzentration aufheben, um Helena aufzufangen.