J.D. David Sonnenfeuer
Sonnenfeuer
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J.D. David Sonnenfeuer

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„Mein Name ist Eggbert Einauge. Einst diente ich als Soldat in der kargatianischen Armee. Dies ist meine Tochter Sinja Silberhand, sowie meine Gefährten Florenzo und Gilmar Glockenkron.“, sprach er mit ruhiger Stimme. Taskor ging derweilen die letzten Schritte zurück zu den Frauen und blickte dann Eggbert ins Auge.

„Danke Eggbert, für deine kluge Entscheidung.“, sagte er. Das Gefüge der vier hatte sich sehr schnell geändert. Gerade hatte er noch Florenzo als Anführer gesehen, aber Eggbert strahlte eine andere Art der Autorität aus. Dann wandte sich der General an die Königin.

„Majestät, geht es Euch gut?“, fragte er und Hega nickte sofort wortlos.

„Wir müssen uns beeilen.“, mahnte nun Sonya Taskor.

„Ja, Hoheit.“, gab dieser zurück und schaute dann noch wütend zu Benno, der seine Aufgabe so überhaupt nicht erfüllt hatte. Doch der Junge wich dem Blick aus und Taskor verkniff sich einen Kommentar, der ihnen nun auch nicht mehr helfen würde. Dann drehte er sich wieder zu Eggbert.

„Mein Angebot gilt. Ihr sollt alle entlohnt werden, wenn ihr uns aus der Stadt helft. Wie ihr seht, bin ich mit dem Jungen alleine für den Schutz der Frauen verantwortlich. Und ich habe gesehen, dass ihr von Hilfe sein könnt.“

Eggbert zögerte kurz, nickte dann aber. „Wir helfen euch aus der Stadt. Es gibt Wege, die ihr nicht kennt. Und die Kaiserlichen auch nicht. Dann unterhalten wir uns über unsere Belohnung.“

„Unsere Heimat steht in Flammen, ein Zurück gibt es nicht mehr.“, brachte Eggbert es auf den Punkt, als er den Blick auf Härengar hinunter warf. Sie hatten es geschafft. Es gab viele Winkel und Wege in Härengar, die Adeligen verborgen blieben. Aber Menschen wie sie, Diebe, Streuner, Herumtreiber, fanden diese Wege und Winkel. Mal um einen Schlafplatz zu finden. Mal um die Flucht vor der Obrigkeit anzutreten. Manchmal auch nur, weil einen die Neugier trieb. Der Abwasserweg hatte sie weit aus der Stadt geführt hin zu den Klippen, die nördlich von Härengar die Küste bildeten. Von dort war es noch ein Aufstieg gewesen und schon befanden sie sich auf dem kleinen Hügel, der ihnen den Blick auf die Stadt und den kaiserlichen Belagerungsring davor erlaubte.

Florenzo nickte. „Ja, und es scheint mir, dass das Leben für unsereins unter den Augen des Kaiserreiches nicht einfacher wird. Also, was wollen wir tun?“ Er schaute skeptisch zu der Gruppe hinüber, die um General Taskor stand. Ein einfacher Soldat, eine Königin und eine Prinzessin. Wahrlich nicht ihre Welt.

„Traue keinem Adelsmann - weil er nur Adel adeln kann - auf unsereins schaut er hinab - und schlägt uns schnell die Köpfe ab.“ Gilmar sprach wie immer in Reimen und wirr. Dennoch war es seine Erfahrung mit der Obrigkeit, die ihn zu diesem Urteil führte. Sinja legte die Stirn in Falten und schaute zu ihrem Vater.

„Ich glaube nicht, dass wir eine Wahl haben. Wenn wir dem General helfen, haben wir zumindest die Chance, an ein bisschen Gold zu kommen. Es gibt immer noch Teile Kargats, die nicht besetzt sind. Von hier fliehen wollen wir auch, vielleicht können die Herrschaften uns Türen öffnen, die sonst verschlossen wären.“

„In Ordnung.“, sagte Eggbert und schaute dann in die kleine Runde. „Seid ihr alle dabei?“

Florenzo hielt kurz inne, schien zu überlegen, aber nickte dann. „Ich bin dabei.“

„Es wird wohl sein mein Ende - wenn ich schon wieder mit euch gehe - doch wie ichs dreh und wende - keinen andern Weg ich sehe.“

„Ich bin dabei, Vater.“, bestätigte auch Sinja.

„General Graufels.“, rief der Veteran laut und ging auf die anderen Flüchtenden zu. „Wir haben uns entschieden. Wenn Euer Angebot steht, uns zu entlohnen, werden wir Euch weiter begleiten und schützen. Aber wohin führt uns unser Weg?“

Taskor wandte sich zu dem Mann um und war erleichtert. Außer Benno hatte er keinen anderen Kämpfer und der Junge war, wie gesehen, keine große Hilfe. Die Reise vor ihnen, egal wie sie es angingen, würde gefährlich sein. Er wusste nicht wieso, aber er hatte das Gefühl, dass man den vier Gestalten trauen konnte. Sie waren auf den ersten Blick alles andere als vertrauenserweckend, aber aus ihnen sprach eine gewisse, bodenständige Ehrlichkeit. Eben nur ein Gefühl. Aber sie hatten ja nicht viel zu verlieren.

„Sehr gut. Die südlichen und westlichen Teile des Königreiches sind eingenommen. Die Städte im Norden der Küste wie Tengemünde, die Zwillinge und Wulfricshafen werden sich bald ergeben. Wir sollten nach Osten fliehen, ins Landesinnere, und dort nach Unterschlupf und Verbündeten suchen.“ Dann drehte er sich von dem Mann weg und ging auf die Königin zu, die im Gras saß. Neben ihr hockte Sonya.

„Majestät, ich verstehe, wenn Ihr eine Pause braucht, aber wir sollten aufbrechen. Wir müssen heute so weit es geht vor den kaiserlichen Soldaten fliehen. Ich versprach, Eure Sicherheit und die Sicherheit Eurer Tochter zu gewährleisten.“

Hega nickte kraftlos. Es war nicht einmal die körperliche Anstrengung, die ihr alle Energie nahm. Es war die gesamte Situation. Zu viele Menschen waren gestorben. Alle ihre Stiefenkel hatten nur zwei Tage nach ihrem Stiefsohn den Tod gefunden. Ebenso ihr Mann. Nun blieb nur noch ihre Tochter als Hoffnung für Kargat. Denn sie selbst spürte, wie ihre Kräfte wichen. Außerdem war sie im Vergleich zu Sonya nicht vom Blute Wulfrics. Doch daneben waren auch so viele weitere Kargatianer gestorben. Soldaten. Bürger. Frauen. Kinder. Es würden noch viele folgen, bis der Tag sein Ende fand.

„Majestät?“, hakte Taskor nach, als Hega nicht direkt antwortete. Nur langsam drehte die Königin den Kopf zu dem älteren General und schaute dem langjährigen Vertrauten in die Augen.

„Sag, Taskor, gibt es noch Hoffnung?“ Der General streckte den Rücken wieder durch und richtete sich auf. Kurz hielt er inne, bevor er antwortete.

„Ja, es gibt Hoffnung.“, sagte er mit fester Stimme, „Sonya ist die nächste Königin Kargats. In ihr fließt das Blut Wulfrics. Egal ob es Monate, Jahre, oder Jahrzehnte dauern wird, wir werden unser Land wieder zurückerobern. Jeden noch so kleinen Fleck. So lange es noch Menschen wie unsere neuen Gefährten gibt, die trotz aller Widrigkeiten unsere Flucht unterstützen wollen, gibt es Hoffnung für Kargat. Denn Kargat, das sind keine Steine und Titel, es sind die Menschen, die dieses Königreich beleben.“

Hega schaute kurz zu Boden, streckte dann aber ihre Hand zu Taskor, der ihr half, aufzustehen. „In Ordnung, General, ich glaube dir.“, antwortete sie und schaute dann zu ihrer Tochter. „Sonya, danke für deine Stärke. Ich werde von nun an versuchen, dir eine gute Mutter zu sein. Wir können nicht mehr ändern, was passiert ist. Aber wir können die Zukunft des Königreiches gestalten. Ich glaube an dich.“

Sonya lächelte, fast schüchtern, ob der ehrlichen Worte der Mutter. Dann senkte sie den Kopf und verbeugte sich leicht vor ihr.

„Danke Mutter. Ich werde diese Hoffnungen nicht enttäuschen.“

„Wir sollten nun aufbrechen.“, mahnte Eggbert die Adeligen zur Eile. „Florenzo wird uns führen, ich werde mit Sinja die Nachhut bilden.“

Kapitel 3

„Du musst mir alles über Taarl erzählen, Sylvius.“, forderte Lerke ihren jungen Mitreisenden auf und unterbrach so die Stille in der Kutsche. Es war der zweite Tag, seit ihrem Aufbruch aus Grünburg. Gestern war sie in Gedanken noch in ihrer Heimat gewesen. Der Hauptstadt von Rethas, die sie in ihren neunzehn Lebensjahren eigentlich nie verlassen hatte. Außer kleinen Spaziergängen und Ausritten in die umliegenden Wälder. Doch es war nun genug der Melancholie. Nun galt es für sie, nach vorne zu schauen. Denn dass ihre Zukunft in Tandor, in Taarl, lag, war nicht mehr umzukehren. Also sollte sie die Reise dahin nutzen, so viel wie möglich zu erlernen.

Sylvius schaute sie etwas überrascht mit großen Augen an, als er so direkt angesprochen wurde. Er war seinem Vater, dem Herzog von Tandor, wie aus dem Gesicht geschnitten, hatte die gleichen schwarzen Haare, ordentlich kurz gestutzt, und durchdringenden grünen Augen. An seiner Oberlippe zeichneten sich schon erste leichte Haare ab, die den Übergang des Vierzehnjährigen hin zum Mann andeuteten.

„Ja, in Ordnung.“, sagte er etwas verwirrt, räusperte sich dann aber. „Was willst du denn wissen?“ Lerke von Rethas galt nicht ohne Grund als eine der schönsten Jungfrauen des Reiches. Über die Jahre war die goldene Farbe ihrer Locken noch durch einen leichten Rotstich ergänzt worden, der für das Haus Rethas üblich war. Ihre strahlendblauen Augen vermochten es, jeden Mann um den Finger zu wickeln. Auch ihre Figur war attraktiv anzusehen. Kein Wunder, dass es der Sohn des wohl mächtigsten Mannes Valoriens war, der sie bald heiraten würde: Lumos von Tandor.

„Naja, einfach so alles. Ich will wissen, wie die Stadt ist. Wie deren Bewohner sind. Wie die Burg von Taarl aussieht. Und was mich erwartet, wenn ich deinen Bruder heiraten werde. Stimmt es, dass in den Straßen viele Urben umherstreifen? Die machen mir ja immer ganz viel Angst.“

„Mmh, wo fange ich da am besten an.“, überlegte Sylvius kurz laut. „Wir fangen bei der Stadt an. Lass es mich mit Grünburg vergleichen. Grünburg erscheint in diesem Vergleich wie ein Baum. Die Festung ist der mächtige Stamm und all die Häuser und Straßen wachsen in alle Richtungen. Man kann den Wuchs des Baums nicht kontrollieren, und so ist auch Grünburg. Herzliche Menschen, die gemeinsam in den Tag hinein leben und sich wie ein Blatt im Wind wiegen. Taarl hingegen ist wie ein Fels. Es ist schroff und kalt, und dennoch von beeindruckender Schönheit. Die Mauern und Straßen sind klar angelegt, nichts ist dem Zufall hinterlassen. Und die Bewohner sind hart und entschlossen, ihre Stadt auf alle Ewigkeit zu verteidigen.“

Lerke merkte, dass Sylvius einiges von seinem Vater hatte, das über das Aussehen hinausging. Für einen so jungen Mann hatte er einen äußerst scharfen Verstand, der aber neben der strategischen Kälte des legendären Herzogs auch eine gewisse Kreativität barg. So war die Beschreibung zugleich lyrisch, aber auch anschaulich für sie.

„Das hört sich ja eher unangenehm an. Und da kann man gut leben?“

Sylvius musste leicht auflachen ob der Zweifel von Lerke. „Nein, so schlimm ist es nicht. So hart die Stadt nach außen wirkt, so warm kann sie innen sein. Die Feste meines Vaters hat viele Kamine und Feuerstellen, für kalte Winter, wenn der Wind von den Dunkelzinnen hinab bläst. Im Sommer kann man durch das ganze Umland reiten, auf den besten Pferden Valoriens. Meine Mutter wird sich sehr auf dich freuen. Und meine Schwester Cecilia bestimmt auch.“, antwortete er mit einem warmen Lächeln. Auch er selbst freute sich, wieder in seine Heimat zurück zu kommen. Seit nunmehr vier Jahren war er in der Knappschaft bei Graf Valentin von Ostwacht, und hielt sich so meist in Ostwacht, am Stammsitz des Grafen oder in Grünburg auf, wo Valentin die meisten der Regierungsgeschäfte von Rethas übernommen hatte.

„In Ordnung. Und das mit den Urben?“, hakte Lerke nach.

„Ja, es gibt einige Urben in Taarl. Aber sie sind treue Diener meines Vaters. Und wenn sie dir Angst machen, wird Dolf sie mit Sicherheit verscheuchen, nicht wahr?“, wandte sich der junge Knappe an den älteren Soldaten, der den beiden gegenüber saß. Dolf Hammerstein war ein alter Veteran aus den Kriegen des Herzogs von Tandor. Obwohl er nur aus einer Handwerkerfamilie Taarls stammte, genoss er hohes Ansehen.

„Natürlich, Euer Gnaden.“, antwortete er schroff. Dolf war in der Tat eine Person, vor der man Angst haben konnte. Die meisten Männer überragte er deutlich, seine Arme waren stark und dick, wie die eines Schmiedes, und sein Gesicht war durch den grau-braunen Vollbart untermalt stets hart und bedrohlich.

„Siehst du. Und, glaubst du, es wird dir gefallen?“, fragte Sylvius dann Lerke abschließend.

„Ich bin bereit, es kennen zu lernen.“, gab sie mit einem fast frechen Grinsen zurück. „Dann muss mich nur noch dein Bruder von sich überzeugen.“

Sylvius nickte bedächtig. Das würde wohl die schwierigere Aufgabe. Lumos war nicht gerade die Person, die man als liebenswert bezeichnen konnte. Er war äußerst still, abweisend und kalt. In seiner Kindheit hatte Sylvius immer lieber Zeit mit seinem anderen älteren Bruder, Vincent, verbracht. Aber vielleicht konnte das sonnige Gemüt von Lerke ja den Erben von Tandor erwärmen.

Auf einmal blieb die Kutsche mit einem Ruck stehen.

„Was is…?“, wollte Lerke fragen, als von draußen auf einmal Rufe zu hören waren. Schreie. Und Kampfgeräusche.

„Haltet euch von der Tür der Kutsche fern!“, befahl Dolf und zog, beengt vom Innenraum des Gefährts, seine Klinge aus dem Gürtel, um sich direkt vor der Kutschtür zu positionieren. Dann wartete er.

Lautlos lief Arthur durch den Wald. Ihm folgten die Männer der Schwarzen Pfeile, wobei immer wieder einer stehen blieb und sich im Unterholz versteckte. Als nur noch er und Rogard übrig waren, hielt er kurz inne und schlich dann geduckt in Richtung der Straße, bis er direkt am Rand des Waldes war. Er hockte sich hinter einen Busch und lauschte. Absolute Stille. Selbst er, der wusste, dass die Männer in Stellung waren, konnte sie nicht sehen, schon gar nicht hören. Nur aus der Ferne hörte man schon die Hufschläge der Pferde und das ratternde Geräusch der fahrenden Kutsche.

„Wir sind bereit und warten auf deinen Befehl.“, flüsterte Rogard. Arthur nickte dem jungen Mann zu. Der Sohn seines Cousins Hagen hatte nach dessen Tod an einem Fieber eine wichtige Rolle bei den Schwarzen Pfeilen eingenommen und war stets an Arthurs Seite gewesen. Jedoch kam er mit seinen dunkelbraunen, lockigen Haaren mehr nach der Mutter, denn dem Vater, der doch Arthur so ähnlich gewesen war.

„In Ordnung. Geh nach vorne zum Tau und zieh es fest wenn die Eskorte die Stelle erreicht.“, befahl der Ritter dem jungen Mann. Das Seil auf der Straße war mit Blättern und Erde bedeckt und für einen unwissenden Beobachter so gut wie unsichtbar. In Spannung über der Straße würde es aber zu einem unüberwindbaren Hindernis für die Reiter aus Tandor werden.

Dann galt es zu warten. Obwohl die Geräusche aus der Ferne schon zu hören waren, würde es noch einige Momente dauern. Am Boden kauernd atmete Arthur tief aus, um Kraft zu sammeln. Dies war ein entscheidender Tag, ein entscheidender Moment für ihren Kampf um Freital, wenn nicht gar um Rethas oder gar ganz Valorien.

Die letzten Jahre waren mehr durch Rückschläge denn durch Siege gekennzeichnet gewesen. Nachdem sie aus Freital geflohen waren, hatte es erste Priorität gehabt, einen sicheren Unterschlupf zu finden. Zwei Jahre hatte sie in den Alrinnen verbracht, ungestört von den Häschern der Herzöge aus Grünburg oder Taarl. Doch dann hatte sich der Freiheitstrieb in Arthur wieder breitgemacht. Und der Drang nach Rache, für die Ungerechtigkeit und den Verrat von Celan. Schließlich galt es noch, die Heimat zurück zu erobern.

Es war ein erbitterter Kampf seitdem. Auf der einen Seite die Soldaten von Herzog Celan, die unter der Zustimmung Herzog Helmbrechts in Rethas stationiert waren, um für Sicherheit zu sorgen. So zumindest die offizielle Aussage. Sie waren in den wichtigsten Burgen und Städten stationiert und patrouillierten die großen Straßen. Fast überall regierten nun de facto Adelige aus Tandor.

Als Gegenseite hatte Arthur eine kleine Anzahl von Männern geführt, denen es wie ihm nach Freiheit und Rache gierte. Sie hatten immer wieder zugeschlagen. Transporte überfallen. Kleine Dörfer befreit. Tandorische Adelige bestraft. Anfangs hatte Arthur noch Skrupel gehabt, die brutalen Angriffe zu befehlen. Immerhin waren auch die Feinde Valoren, viele sogar wie er aus Rethas. Diese waren gewichen, als er die ersten Dörfer gesehen hatte, die von Herzog Celans Männern ausgelöscht worden waren. Die Bewohner inklusive Frauen und Kinder massakriert. Gewalt konnte man nur mit Gewalt beantworten und wenn der Feind keine Skrupel hatte, durfte man sich selbst kein Gewissen erlauben. Das war die traurige Realität des Krieges.

Trotz der ersten Erfolge waren sie immer wieder zurückgeschlagen worden. Befreite Dörfer waren in Flammen aufgegangen. Unterschlüpfe von ihnen gefunden und ausgelöscht. Während immer wieder neue junge Männer hinzukamen, fielen die alten Weggefährten Arthurs den ständigen Scharmützeln zum Opfer. Jorgen. Hagen. Wulf. Sie alle waren nicht mehr. Oft fühlte er sich einsam, im Alter, das ihn doch so deutlich kennzeichnete. Doch dann gaben ihm die Jungen wieder Stärke und Zuversicht. Vielleicht würde sich ihre Beharrlichkeit endlich auszahlen.

Ein Spion in Grünburg war an äußerst interessante Informationen gekommen. Die Enkelin von Herzog Helmbrecht sollte Lumos von Tandor heiraten. Da sie auch die letzte Erbin Rethas war, wäre dies das endgültige Ende des freien Herzogtums und der Beginn einer Personalunion mit Tandor. Doch hierin lag ihre Chance, denn zusammen mit einem anderen Sohn Celans reiste die junge Frau von Grünburg nach Taarl. Und Arthur kannte ihre Route.

Die lauteren Geräusche schreckten ihn aus seinen Gedanken. Der Ritter blickte auf und schaute die Straße hinunter. Hinter einer Biegung kamen die ersten Reiter zum Vorschein, dann die Kutsche und schließlich noch mehr Reiter. Insgesamt waren es zwei Dutzend Soldaten, vielleicht einige mehr. Die Eskorte war also keine große Herausforderung. Anscheinend hatte es sich ausgezahlt, dass sie sich in den letzten Monaten bedeckt gehalten hatten. Vielleicht hatte Celan schon geglaubt, sie in die Knie gezwungen zu haben. Eine fatale Fehleinschätzung.

Arthur zog vier Pfeile aus dem Köcher und steckte sie vor sich in den Boden. Dann nahm er einen weiteren und legte ihn auf die Sehne seines Bogens. Er atmete ruhig ein und aus und konzentrierte sich. Der Erfolg des Angriffs hing vom Überraschungsmoment ab. Und von dem ersten Schlag, der vernichtend sein musste. Im besten Fall waren alle Soldaten tot, bevor sie richtig bemerkt hatten, dass sie angegriffen wurden.

Die Reiter kamen näher. Nicht mehr lange. Arthur suchte Sichtkontakt zu Rogard, der hinter ihm im Unterholz ausharrte, das schwere Tau in der Hand. Ein dicker Knoten im Tau war in eine Astgabel gelegt, sodass die Pferde das Tau nicht durchlaufen konnten. Schließlich nickte Arthur. Und Rogard zog am Seil.

Von da an ging alles blitzschnell. Die vordersten Pferde scheuten und warfen ihre Reiter ab, die Kutsche und Reiter dahinter kamen ebenfalls abrupt zum Stehen. An beiden Seiten der Straße erhoben sich Schwarze Pfeile und ließen einen tödlichen Hagel auf den Feind hinabprasseln. Die Männer waren wortlos, standen in ihren dunklen Umhängen da und schickten einen Pfeil nach dem nächsten auf die Eskorte. Arthur selbst ließ den ersten Pfeil auf den Kutscher nieder, den er perfekt ins Herz traf. Auch die anderen vier Pfeile zog er blitzschnell und schickte sie auf die Tandorer. Dann hielt er inne.

Beim Anblick des Werkes stellten sich ihm die Nackenhaare auf. Obwohl er schon zu oft in Schlachten gewesen war, zu oft getötet hatte, war es kein einfacher Anblick. Überall lagen die von Pfeilen gespickten Leichen der Soldaten. Einige kämpften am Boden liegend noch mit dem Tod, aber nur wenige machten noch lautere Geräusche als das Röcheln eines Sterbenden. Einige der Pferde rannten in verschiedene Richtungen davon, andere lagen wie ihre Reiter tot oder sterbend am Boden. Rings um den Ort des Geschehens standen die Schwarzen Pfeile ruhig und verharrten wie er.

Mit einem Schritt nach vorne durchbrach er den Moment der Regungslosigkeit. Er hängte sich seinen Bogen um und lief auf die Kutsche zu. Seine Männer taten es ihm gleich. Einige traten zu ihm, andere kümmerten sich um die noch Lebenden, um diesen ein gnädiges Ende zu schenken. Dann erreichte der Ritter die Tür der Kutsche, die auch von einigen Pfeilen getroffen war. Von innen hörte er geflüsterte Worte der Insassen.

„Öffnen!“, befahl Arthur einem seiner Männer und baute sich vor der Tür der Kutsche auf.

Lerke kauerte ängstlich auf dem Boden der Kutsche. Als die ersten Pfeile durch das Holz geschlagen waren, hatte Dolf Sylvius und sie angewiesen, sich auf den Boden zu legen. Sie zitterte am ganzen Körper. Es waren nur wenige Sekunden gewesen, aber wohl zweifellos die Schlimmsten ihres Lebens. Sie fürchtete, dass das wahre Grauen erst beginnen würde.

Lerke fühlte sich vollkommen ohnmächtig. Alle drei hatten gehört, was draußen passiert war. Erst die Pferde, das abrupte Stoppen der Kutsche und dann die Schreie der sterbenden Männer, die schnell erstickt waren. Es hatte nicht wirklich Kampfgeräusche gegeben. Nun saßen sie hier drin und warteten auf ihr Schicksal. Obwohl Lerke viel Vertrauen in den Recken aus Tandor hatte, der sie beschützen sollte, glaubte sie nicht daran, dass er all die Feinde besiegen konnte. Dies hatte schon ihre Eskorte nicht gekonnt. Dann hörte sie Schritte von Stiefeln.

„Öffnen!“, hörte sie die dunkle Stimme eines Mannes und im selben Moment wurde die Tür aufgerissen und Licht schien in die Kutsche hinein. Dolf schien auf diesen Moment gewartet zu haben und sprang mit der Klinge nach vorne hinaus, um den Mann zu töten, der die Tür geöffnet hatte. Aber direkt vor der Kutsche war kein Feind, den er erreichen konnte. Die Tür war seitlich geöffnet worden, und so stand Dolf direkt vor der Kutsche, umzingelt von mehreren Feinden, und schwenkte seine Klinge hektisch umher, um alle gleichzeitig in Schach zu halten. Ein auswegloses Vorhaben. Lerke versuchte einen Blick an dem Junker vorbei zu erhaschen.

Sie musste ob des hellen Licht des Tages blinzeln, erkannte dann aber die Feinde. Alle waren in dunkle Umhänge gekleidet, in Braun- und Grüntönen. Sie trugen Bögen und Schwerter, viele hatten sogar ihr Gesicht verhüllt. Nur der Mann, der sich direkt vor Dolf aufbaute, war gut zu erkennen.

Obwohl er nicht der größte Mann war, hatte er eine imposante Gestalt. Man erkannte noch die rotbraune Farbe seiner Haare und seines Bartes, doch mittlerweile waren diese weitestgehend grau. Sein Bart war ein wilder Vollbart, der doch auch die dunklen Augen hervorhob. Seine Gestalt war sehnig und in vielen Kämpfen gestählt. Doch am herausragendsten war das Schwert, das er auf dem Rücken trug, und von dem Lerke nur einen Teil sah. Die bronzene Scheide mit roten Edelsteinen war unverkennbar: Dies war Blutstein. Und der Mann vor der Kutsche damit Arthur von Freital. Der verräterische Ritter, Erzfeind ihres Großvaters und aller aufrichtigen Bürger Rethas und Valoriens. Der Mann, den selbst der mächtige Herzog Celan von Tandor nicht in die Knie hatte zwingen können.

„Dolf Hammerstein nehme ich an?“, sagte Arthur herausfordernd zu dem letzten überlebenden Leibwächter. „Leg die Klinge nieder, dann werde ich mir überlegen, ob wir dich lebend zu Celan zurückschicken.“, fügte er dann kalt hinzu.

Dolfs Blick fokussierte sich jetzt auf Arthur. Er konnte sowieso nicht gegen alle Männer gleichzeitig kämpfen, also war es nur sinnvoll, sich auf den wichtigsten Feind zu konzentrieren.

„Ich glaube nicht, Arthur. Selbst wenn deine Männer mich töten, dich werde ich mitnehmen.“, warf er dem Ritter zurück und sprang dann mit blanker Klinge nach vorne gerichtet auf den Feind zu.

Arthur zog kurz die Augenbraue hoch. Dann wich er mit einem Schritt nach hinten links dem Angriff aus und ließ Dolf so ins Leere laufen. Als dieser sich umdrehte hatte Arthur bereits die mächtige Klinge aus der Scheide gezogen und mit beiden Händen umfasst. Den nächsten Schlag des Junkers parierte er mit hochgerissener Klinge. Stahl schlug auf Stahl und mit einem Ruck des Schwertes stieß Arthur seinen Gegner zurück. Dann leitete er den Gegenangriff ein. Seine Schläge waren sowohl präzise als auch kräftig. Man hörte Dolf schon keuchen, nachdem er die ersten zwei Hiebe pariert hatte. Sein Arm begann zu zittern. Andere Männer hätten vielleicht Spott und Höhne über ihrem Feind ausgegossen, der nun langsam in die Enge getrieben wurde, aber Arthur blieb vollkommen still und ließ seinen Stahl sprechen. Ein von oben geführter Schlag wurde dem tandorischen Junker zum Verhängnis. Seine Klinge war noch nach unten gerichtet, nachdem er einen seitlichen Hieb abgewehrt hatte. Er versuchte das Schwert noch hochzureißen, doch Blutstein hatte den Punkt bereits passiert und fand seinen Weg.

Dolfs Kopf wurde sauber vom Körper abgetrennt. Dolf sackte zusammen, als der Kopf bereits durch den Dreck rollte. Arthur schaute noch einmal auf den Feind hinunter und steckte dann sein Schwert zurück in die Scheide.

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