J.D. David Sonnenfeuer
Sonnenfeuer
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J.D. David Sonnenfeuer

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Dann schaute der alte Mann zu Daron.

„Bitte tötet mich nicht.“, sagte Daron. Seine Stimme hörte sich wieder erstaunlich ruhig an. Aber wie schon vorher bei der drohenden Gefahr durch die Urben blieb er fest verwurzelt am Boden stehen. An den beiden Reitern hatte man sehen können, dass eine Flucht ausweglos war.

„Wieso sollten wir dich erst retten, um dich nun zu töten?“, fragte der alte Mann, auf dessen hartem Gesicht sich auf einmal ein geradezu unpassendes Lächeln abbildete.

„Wer seid ihr?“, fragte Daron unsicher und fügte dann gleich die nächste Frage an. „Und wieso habt ihr mich gerettet?“

Der Alte ging einige Schritte nach vorne auf Daron zu und blieb erst kurz vor ihm stehen. Er legte seine Hände auf dessen Schulter und schaute dem Jungen tief in die Augen.

„Ja, du bist es.“, sagte er mysteriös.

„Wer bin ich?“

„Mein Name ist Prior Cleos.“, beantwortete der Fremde nun Darons erste Frage. „Dies sind Bruder Nexan, Bruder Kortan und Bruder Gregos. Wir sind Mönche des Ordens der Laëa, aus dem Kaiserreich der Sonne.“

Daron schaute verwundert. Die Worte sagten ihm nichts. Er wusste nicht, was ein Mönch tat. Er wusste nicht, wer oder was Laëa war. Nur vom Kaiserreich hatte er Geschichten gehört, Mythen, von diesem fernen Ort.

„Wie habt ihr das gemacht?“, stellte er aber als nächstes die offensichtlichste Frage und deutete auf die Felsen und Spalten, die den Waldboden durchzogen.

Diesmal war es nicht Cleos, der antwortete, sondern der Braunhaarige, den dieser als Nexan vorgestellt hatte. „Laëa ist die Mutter dieser Erde. Sie durchzieht alles Land. Wir sind ihre demütigen Diener und dafür schenkt sie uns ihre Kraft. Wir beten sie an, auf dass wir diese Kraft gegen unsere Feinde einsetzen können.“

„Ist das Magie?“, fragte Daron vorsichtig, hatte er doch schon so viele Geschichten über die Zauberei der Altvorderen gehört. Wie sie Elorath errichtet hatten. Oder die Brücken über den Calas. Oder mit ihrer Zauberei gegen böse Mächte gekämpft hatten.

Es war wieder Cleos, der antwortete. „Nenne es, wie du willst. Aber es gibt nur wenige, die von Laëa gesegnet sind. Doch sie hat uns den Weg zu dir gezeigt. Und ich erkenne es. Du trägst die Kraft in dir. Laëa hat dich ausgewählt. Begleite uns in das Kaiserreich und werde ihr Diener, junger Daron.“

Daron schaute Cleos verwundert hat. Woher kannte der Alte seinen Namen? Und wieso dachte er, dass er ähnliches vollbringen könnte, wie diese Männer? Er war Valore, hier geboren und aufgewachsen. Und bis er eingezogen worden war, hatte er seine Heimat, Velken, nie verlassen. Und nun wollte Cleos, dass er diese fremden Männer in das weit entfernte Kaiserreich begleitete?

„Ihr müsst Euch täuschen, mein Herr.“, sagte Daron mit zittriger Stimme. „Ich kann solche Dinge nicht vollbringen. Ich bin ein einfacher Junge aus Rethas, aus Valorien.“

Cleos lächelte und schüttelte den Kopf.

„Nein, mein Junge. Du bist alles andere als gewöhnlich. Und du wirst die Wege der Laëa lernen, wenn du das willst.“

Daron zögerte. Er schaute sich um. Traurig blickte er auf den toten Feslan hinunter. Er war ihm ein Bruder gewesen. Und nun war er tot. Genau wie Dodo und Borchart. Genau wie seine Eltern. Genau wie die schöne Ritterin. Und hunderte weiterer Soldaten. Dennoch hatte dieser Krieg doch gerade erst begonnen. Viele Weitere würden genauso sterben. Und Velken, seine Heimat. Es war unklar, wie lange es die kleine Stadt überhaupt noch geben würde. Wenn der Tod seine Klauen aus Krieg, Krankheit und Hunger ausstreckte. Doch Cleos gab ihm eine Hand. Einen Weg. Daron hatte gesehen, was die Macht dieser Göttin im Stande war. Die Mutter Laëa. Was, wenn er wirklich solche Kraft erlangen könnte? Um jene zu schützen, die ihm einst wieder wichtig sein würden. Anders als Feslan, dessen Tod er nur mit ansehen konnte.

Er nickte. „In Ordnung. Ich begleite euch.“

Er hatte schon bald aufgehört, die Tage zu zählen. Doch als er schon glaubte, die Reise würde ewig dauern, zeichnete sich am Horizont ein einsamer Berg ab. Und schließlich erkannte er die Klosteranlage, die auf halber Höhe des Berges war und wie in den Fels geschlagen wirkte. Nur ein kleiner Pfad schlängelte sich zu dieser hoch. Die Architektur erinnerte mehr an eine Burg, denn an einen Tempel. Und gleichzeitig schien die Anlage alt, denn viele der Felsen waren bereits durch Wind und Wetter geschliffen.

„Ist dies das Kloster?“, fragte Daron dann schließlich Bruder Nexan, der neben ihm wanderte. Der ältere Mönch nickte.

„Ja, dies ist Kloster Sonnfels. Die Heimat unseres Ordens. Der heilige Sitz Laëas.“

„Wie viele Mönche leben hier?“, fragte Daron, kurz bevor sie das schwere hölzerne Tor erreichten, das die Klostermauern mit der Außenwelt verband.

„Im Moment ungefähr fünfzig Brüder. Es ist schwierig, Auserwählte der Laëa zu finden, und wir müssen die gesamte Welt bereisen, wie in deinem Fall.“, antwortete Nexan.

Dann erreichten sie geführt von Prior Cleos die Mauern. Doch bevor er durch das große Holzportal schritt, drehte dieser sich um und schaute Daron an. „Daron, von diesem Tag an bist du ein Novize der Laëa. Lerne fleißig, bete demütig und diene mit Hingabe. Dann wirst auch du einst die Macht unserer Mutter in deinen Händen halten.“

Teil 1:


Der Novize


Frühling 786 St. Gilbert

Kapitel 1

Der kalte Wind wehte ihm ins Gesicht und durchdrang selbst den dicken Stoff seiner Kutte, als er auf der kleinen Straße wanderte, die auf die Grenzgarnison zulief. Ein Nordwind, der wohl der letzte Atem des Winters war, der langsam dem Frühling wich. Mit jedem Schritt, den er dem Deich näher kam, wurde der Wind durch ein weiteres Geräusch untermauert: Das grollende Rauschen des Calas, der in der Tiefe reißend gen Westen strömte.

Daron blieb kurz stehen und hielt inne. Er strich die Kapuze vom Kopf, um die frische Luft zu fühlen und den Wind aus Valorien einzuatmen. Er war in all den Jahren natürlich älter geworden, wirkte aber noch jünger als die gut dreißig Jahre, die er mittlerweile zählte. Seine Haare waren in der typischen Frisur der Mönche gebändigt, sein Gesicht so gut rasiert wie die Seiten seines Kopfes, und auch aus den grünlichen Augen strahlten eine jugendliche Stärke. Er schaute der Straße entlang. Der Weg war vor vielen Jahren gepflastert worden, aber offensichtlich war wenig investiert worden, um die Straße auch in einem akzeptablen Zustand zu halten. Auch die kleine Toranlage am Ende wirkte eher brüchig. Doch das würde sich ändern, wenn der kaiserliche Frieden erst über ganz Kargat gebracht war. Die Bauwerke dahinter waren nämlich umso beeindruckender. Die große Brücke war zeitlos. Es schien, als wären die Zeitalter an ihr vorbei gegangen, ohne sie zu berühren. Auch die große Festung mit dem eisernen Tor wirkte in der Realität noch imposanter, als in all den Geschichten. Denn Daron sah diese zum ersten Mal. Als er damals aus Valorien gereist war, hatten sie gemeinsam den Weg über Ostwacht gewählt.

Fast sechzehn Jahre waren vergangen, seit er die Heimat mit Prior Cleos verlassen hatte, um ein Mönch der Laëa zu werden. Ein Weg, der länger war, als er sich damals vorgestellt hatte. Ein Weg voller Entbehrungen, Hindernisse und Lasten. Jeder Tag war sowohl strikt geregelt, als auch sehr anstrengend gewesen. Vor dem Sonnenaufgang aufstehen. Gebete im Sonnenaufgang. Ein karges Frühstück. Morgendliche Arbeiten oder Ertüchtigungen. Ein noch kargeres Mittagsmahl. Gebet und Meditation. Körperliche Anstrengungen. Ein Abendmahl. Wieder Beten. Dann spät, nachdem die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, wieder in das harte Bett. Tag ein, Tag aus. Dennoch hatte er sein Ziel noch immer nicht erreicht. Er war ein Novize. Sein Weg war noch nicht abgeschlossen, doch durch seine Reise nach Valorien sollte dies geschehen. So hatte es ihm Cleos aufgetragen.

Mit jedem Schritt, den er der Grenze näher kam, spürte er die geheimnisvolle Kraft seines Landes. Als sich seine Fähigkeiten langsam aufgebaut hatten, er die Kraft von Laëa immer mehr spürte, hatte ihm Cleos erzählt, wie er Valorien wahrgenommen hatte. In der ganzen Welt gab es Orte, die eine besondere Nähe zur Mutter Laëa boten. Hier war es einfacher, die Kraft der Erde unter sich zu spüren, die Macht der Natur zu befehlen. Und Valorien war ein solcher Ort. Es hatte Daron fasziniert, wie beeindruckt Cleos von seinem Heimatland gewesen war. Kein Ort, selbst Kloster Sonnfels, hätte eine stärkere Ausstrahlung auf ihn gehabt. Jetzt, da er wieder in das Land zurückkehrte, spürte er es auch. Schon von den alten Bauwerken schien diese Macht auszugehen, vom reißenden Calas, und noch viel mehr von dem Land dahinter.

„Halt, Fremder.“, hörte er die harsche Stimme der Wache, als er sich dem kargatianischen Grenztor näherte. „Hier endet das Königreich Kargat. Kehre am besten um.“

Daron hielt in der Tat inne und musterte den Soldaten kurz. Es war ein junger Mann in den Farben Kargats. Rot und weiß. Kaum älter als zwanzig Jahre. Hier, im nördlichsten Winkel des Königreiches, gab es noch die Soldaten von König Magnus. Doch auch dies würde sich wohl bald ändern.

Daron lächelte den Soldaten an. „Vielen Dank für die Warnung, guter Mann. Allerdings liegt das Ziel meiner Reise jenseits des Flusses und wenn nichts dagegen spricht, würde ich nun gerne passieren.“

„Vor uns liegt das Königreich Valorien. Dort herrscht Krieg.“, mahnte der junge Mann. Doch Daron behielt sein Lächeln bei.

„Ohh, hinter mir liegt auch Krieg. Doch wie ein Sturm im Sommer, werden diese Kriege auch wieder vorbei gehen. Also kann ich auch dorthin reisen.“

Der Soldat wirkte irritiert. Es kam nicht oft vor, dass sich Reisende auf diese Straße verirrten. Und die meisten drehten nach einer Warnung um. Doch sein Gegenüber schien fest entschlossen, das kleine Königreich im Norden zu bereisen.

„Wie steht es im Krieg im Süden?“, fragte er den Fremden, der doch offensichtlich aus dem Süden kam. Das erste Mal schwand das Lächeln von Daron und seine Stirn legte sich in leichte Falten.

„Das ist wohl immer eine Frage der Sicht. Jedoch hoffe ich, dass die Kämpfe bald beendet sein werden.“, antwortete er ungenau. Der junge Mann wirkte ein bisschen erleichtert.

„Sehr gut. Ich hatte schon befürchtet, auch noch in die Schlacht kommandiert zu werden. In Ordnung, dann geh weiter.“

Daron lächelte wieder und verbeugte sich leicht. „Hab Dank!“ Dann ging er durch den kleinen Spalt im Tor, den der Soldat geöffnet hatte, und schritt auf die große Brücke, die die verfeindeten Königreiche verband.

In einem leichten Trab führte Alois sein Pferd in den Burghof der Grenzfestung. Er schaute die Mauern hoch und beobachtete die Soldaten, die auf den Wehrgängen patrouillierten. Es waren mittlerweile nur noch wenige, die das Eisentor schützten. Zu viele Männer wurden benötigt, um die Kämpfe im Kernland des Königreiches auszutragen. Dennoch schien es ausreichend zu sein, denn Kargat hatte seine eigenen Probleme. So hörte er zumindest.

„Euer Gnaden, ich hatte nicht mit Eurem Besuch gerechnet.“, hörte Alois die Stimme des Kommandanten, der auf ihn zukam. Der Ritter schwang sich aus dem Sattel, so langsam und kontrolliert er konnte. Jeden Tag spürte er, wie ihm das Alter weiter zusetzte. Seine Locken, einst hellbraun und kräftig, waren fast vollständig grau, und bildeten an der Stirn schon deutliche Ecken. Sein Gesicht wirkte leicht eingefallen. Und dennoch war es nicht das fortschreitende Alter alleine, das ihn so gekennzeichnet hatte. Es waren die Sorgen um sein Königreich und die große Pflicht, die so schwer auf ihm lasteten.

„Es war nicht von langer Hand geplant.“, antwortete der Reichsverweser matt. Er hatte sich angewöhnt, seine Kräfte, und insbesondere seine Stimme, für Situationen zu schonen, wenn sie wirklich benötigt wurden. Für Diskussionen mit anderen Adeligen. Für Kommandos im Feld. Oder auch nur für eine Ansprache, um dem Volk Mut zu machen. Obwohl es aktuell in Valorien nicht viel gab, was Mut machen konnte.

„Es ist gut dich zu sehen, Wieland. Wie steht es um Eisentor? Haben wir Neuigkeiten über die Situation in Kargat?“, fragte er den jüngeren Kommandanten und schritt an dessen Seite in Richtung der imposanten Toranlage.

„Ich hatte Euch ja bereits von den Engpässen der Garnison berichtet. Im Moment können wir die Wachen noch besetzen, aber im letzten Monat hatten wir erneut zehn Deserteure und zwei Todesfälle, die noch nicht ersetzt wurden.“, begann der Kommandant über seine Sorgen zu sprechen. Nach dem Tod seines Vaters Diethard hatte Alois Wieland von Felden als den neuen Freiherrn des Freiherrentums in den Kronlanden eingesetzt. Seine Familie hatte stets treu zur Krone und den Erben St. Gilberts gestanden, selbst in den schweren Zerwürfnissen der letzten Jahre. So vertraute er, dass Wieland auch ihm als Reichsverweser Valoriens treu dienen würde. Ihm die Verantwortung der Grenzverteidigung zu übertragen war so nur konsequent gewesen.

„Verstanden. Ich werde sehen, was ich tun kann, wenn ich wieder in Elorath bin.“, antwortete Alois, während sie die Treppe auf die Mauer hochstiegen. Wieland lächelte bitter.

„Also werde ich wieder keine neuen Männer bekommen.“, konsternierte er.

Alois nickte bedächtig. Der Mann war ein Realist. Obwohl er wie versprochen schauen würde, ob er weitere Männer nach Eisentor schicken konnte, war er sich fast sicher, dass dies ein nicht mögliches Unterfangen war.

„Wahrscheinlich nicht.“, gab Alois zu, als sie die Zinnen erreichten und auf die Brücke und den reißenden Fluss schauten. „Hast du Nachrichten aus Kargat erhalten?“

Der Kommandant schüttelte den Kopf. Grundsätzlich war es schwierig, Nachrichten von jenseits des Calas zu erhalten. Seit jedoch der Krieg im Nachbarland ausgebrochen war, schienen noch weniger Männer den Weg über die Brücke nach Valorien zu finden.

„Nein, Euer Gnaden. Unsere letzten Informationen sind schon einige Monate alt. Demnach stand das Kaiserreich im Hügelland von Balor.“

Alois nickte, seinen Blick immer noch auf die Brücke gerichtet. „In Ordnung.“, antwortete er. Im Prinzip war es alles gut so. Valorien hatte genug mit sich selbst zu tun. Wenn Kargat auch beschäftigt war, gab es immerhin aus dieser Richtung nichts zu befürchten. Andererseits erhöhte sich dadurch die Gefahr, auf dem Eisentor nachlässig zu werden. Insbesondere, wenn es sowieso schon zu wenige Männer waren.

„Was, wenn Kargat fällt?“, fragte der Kommandant den älteren Ritter. Alois legte die Stirn in Falten und überlegte. Eine gute Frage, die doch so ungeheuerlich erschien. Seit hunderten Jahren war der Konflikt zwischen Valorien und Kargat eine Konstante der Geschichte gewesen. Obwohl man auch in dem nördlichen Königreich von vielen Konflikten gehört hatte, die der südliche Nachbar um seine Grenzen führen musste, erschien eine vollständige Auslöschung des Königreiches unglaublich. Doch die Nachrichten, die sie Anfang des Jahres erreicht hatten, waren besorgniserregend. Das Kaiserreich der Sonne, das eigentlich weit im Süden lag, drängte nach Norden. Und es führte große Armeen.

„Ich weiß es nicht. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. Wenn unsere Worte des Friedens kein Gehör finden, werden wir diese Mauern mit dem Schwert in der Hand verteidigen.“, sagte Alois entschlossen.

„Wenn wir dann noch Männer auf den Mauern haben.“, merkte Wieland schmerzlich an und schaute sich um. Alois nickte zustimmend. Er hatte das Eisentor noch nie so leer gesehen, wie in den letzten Monaten.

„Du hast Recht, wir sollten Burg Eisentor wieder stärker besetzen. Ich werde nach meiner Ankunft in Elorath nach den Rittern des Reiches schicken. Denen, die noch übrig sind. Vielleicht erkennen selbst Celan in seinem Hochmut und Forgat in seinem Wahn, dass ein Fall des Eisentors gravierender ist, als jeder Kampf, den wir innerhalb Valoriens führen können.“

Wieland schaute skeptisch. War es nicht der Herzog von Tandor, der zumindest in großem Verdacht stand, schon den ersten Fall der Grenzfeste begünstigt zu haben? Dennoch wagte er es nicht dem Reichsverweser zu widersprechen. Das Wesen von Alois, das über die Zeit immer wieder zwischen strenger Entschlossenheit und naiver Vergebung gegenüber anderen schwankte, war vielleicht der Grund, wieso das Reich noch nicht vollkommen in Flammen versunken war. Ein jähzorniger Mann wie der einstige Reichsverweser Heinrich von Goldheim hätte schon längst einen großen Krieg gegen Celan geführt. Vielleicht auch gegen Forgat. Doch Alois hatte selbst in den schwersten Stunden einen Ausgleich mit den Herzögen gesucht. Selbst einigen Eroberungen Tandors stattgegeben, wenn ein Gegenangriff nicht erfolgsversprechend war. Umso entschlossener hatte er die verbleibenden Länder der Kronlande verteidigt. Vielleicht war es gerade diese Unberechenbarkeit, die Celan, den ewig strategisch Berechnenden, bisher von einem endgültigen Sieg abgehalten hatte.

„Sieh!“ Die Stimme von Alois riss Wieland aus seinen Gedanken. Er hatte dem Ritter und Reichsverweser seine Bedenken nicht mitgeteilt. Es war wohl besser so. Dann lenkte dieser aber die Aufmerksamkeit auf die Brücke. Auch Wieland erkannte, wie das Tor auf der kargatianischen Seite geöffnet wurde und ein einzelner Wanderer auf die große Brücke über den Calas trat.

„Ein Reisender, der wie gerufen kommt.“, antwortete Wieland. „Womöglich bringt er Neuigkeiten aus dem Süden.“

Alois nickte. „Ja, wenn sich schon mal ein Wanderer hierher verirrt, sollten wir auf gute Nachrichten hoffen.“, sagte er und ging mit Wieland den Wehrgang hinunter. Nur wusste er leider selber nicht genau, was er als gute Nachrichten erhoffte. Einen Sieg Kargats? Eine Niederlage? Oder einfach ein endloser Krieg, der das Nachbarland beherrschte, so wie die Herzöge Valoriens dieses Land in ihren Händen und im Krieg hielten.

„Halt. Nenn deinen Namen und dein Belangen, wenn du das Eisentor nach Valorien durchschreiten willst.“, hörte Daron die feste Stimme einer Wache und legte den Kopf in den Nacken. Die Mauern ragten hoch aus dem Tal des Flusses hinaus und im Licht der Sonne konnte er die Konturen des Mannes nur erahnen, der ihn angesprochen hatte. Um ihn ein bisschen besser zu sehen, wenn er antwortete, legte er seine Hand auf die Stirn und schirmte seine Augen gegen die hellen Sonnenstrahlen ab.

„Mein Name ist Daron. Ich bin einfacher Wanderer aus Vadenfall, einer großen Stadt im Ylonischen Bund. Ich bin auf der Reise, um alle Länder dieser Welt kennen zu lernen.“, rief er entgegen. Es war am einfachsten, sich als Wanderer auszugeben. Und nicht zu sagen, dass er aus dem Kaiserreich stammte. Denn der Ruf des ehrgeizigen Kaisers und seiner schlagkräftigen Armeen eilte ihm voraus.

„Du hast einen langen Weg hinter dir, Reisender.“, hörte er die Antwort von den Zinnen. Dann tat sich erstmal nichts. Etwas unsicher stand Daron vor dem verschlossenen Tor. Die Wachen schienen nicht gewillt, ihm Einlass zu gewähren. Nun gut, im schlimmsten Fall würde sich seine Mission verzögern. Dann musste er eben nach Ostwacht weiter. Oder ein Schiff nach Lyth Valor suchen. Es gab genug Routen, um nach Valorien zu kommen, wenn man entschlossen genug war.

Doch dann hörte er zu seiner Überraschung Rufe aus der Burg. Er konnte die Worte hinter den Mauern nicht verstehen, hörte dann aber den mechanischen Laut des Riegels, der zurückgezogen wurde. Im nächsten Moment öffnete sich einer der Flügel mit einem Quietschen, sodass ein Spalt offen stand, weit genug, um hindurchzutreten. Unsicher ging er weiter auf das Tor zu und schritt dann schließlich hindurch.

Hinter dem schweren Eisentor standen drei Wachen mit Speeren in der Hand, die in skeptisch begutachteten. Sie trugen die dunkelblauen Wappenröcke Valoriens.

„Ein Reisender aus dem Ylonischen Bund?“, fragte einer der Männer mit hochgezogener Augenbraue und musterte Daron von Kopf bis Fuß. „Immerhin anscheinend unbewaffnet.“, stellte er fest, als auf einmal zwei weitere Männer hinzutraten und die Wachen respektvoll zurückwichen und sich verneigten.

Der jüngere der beiden Männer lief einen halben Schritt hinter dem Anderen. Seine dunkelbraunen Haare waren kurz geschoren, sein Gesicht pockenvernarbt, und dennoch war es der feste Blick, der ihm die Aura eines Anführers gab. Dies wurde auch durch die aufwändige Rüstung untermauert, die ihn als einen Adeligen auswies. Dennoch schien er dem älteren Mann untergeordnet, der weniger herrschaftlich, ja fast erschöpft wirkte. Trotz all der Jahre erkannte Daron den Ritter sofort. Alois von Schöngau.

„Verschwindet, ich übernehme das.“, herrschte der Kommandant seine Wachen an, die sich sofort wieder daran machten, das Tor zu verschließen und auf ihre Posten zu gehen.

Daron verneigte sich leicht vor den Männern. „Habt Dank, dass Ihr mich in Euer Land gelassen habt.“, sprach er Alois an. „Es ist mir eine Ehre und Freude, einem wahrhaften Ritter Valoriens zu begegnen.“

Alois hob skeptisch eine Augenbraue. „Woher weißt du wer ich bin?“, fragte er den Fremden. Daron ertappte sich, dass er mehr preisgegeben hatte, als vielleicht ratsam war. Natürlich, er würde das Bild des gelockten Ritters, der sich über die sterbende Ritterin von Mondschein gebeugt hatte, niemals aus den Erinnerungen verlieren. Aber er machte sich wohl in der Tat verdächtig, wenn er als Fremder die Adeligen Valoriens erkannte. Dann schaute er auf das Schwert, das Alois an seinem Gürtel trug. Eine silberne Scheide mit violetten Amethysten. Zweifellos eine meisterhafte Arbeit.

„Das weiß ich leider nicht, mein Herr. Doch die Geschichten über die legendären Ritter Valoriens erschallen weiter über die Grenzen Eures Reiches hinaus. Mein Name ist übrigens Daron.“, sagte er und verneigte sich erneut.

Alois Züge entspannten sich und er nickte. „Wohl wahr. Ich bin Alois von Schöngau, Ritter und Reichsverweser Valoriens. Dies ist Wieland von Felden, Kommandant von Burg Eisentor. Sag, Daron, du kommst aus dem Süden, oder? Kannst du uns Neuigkeiten über Kargat bringen? Wie steht der Krieg mit dem Kaiserreich?“

Daron senkte kurz den Kopf um zu überlegen. „Mein Herr, ich bin leider kein Stratege oder Krieger, um das beurteilen zu können.“, begann er zu sprechen. „Allerdings ist es deutlich, dass die Truppen unter der Sonne des Kaisers große Teile Kargats bereits besetzt halten. Ich selbst bin Soldaten aus dem Weg gegangen, aber die südlichen und östlichen Länder sind fest in der Hand der Kaiserlichen. Man sagt, es wird nicht mehr lange dauern, bis der Kaiser seine Hand auch nach weiteren Ländern ausstreckt. Die Angst, das nächste Ziel zu sein, ist in meiner Heimat, dem Ylonischen Bund, groß. Aber vielleicht richtet er seinen Blick auch nach Norden.“, sprach Daron wenig konkret. Natürlich wusste er es besser. Er wusste genau, wo die Soldaten standen. Aber eine Mischung aus Realität mit vagen Andeutungen sollte genug sein, um Alois von seiner Aufrichtigkeit zu überzeugen.

Der Ritter blickte zu seinem Kommandanten, der ernst nickte. Beide schienen sich bestätigt zu fühlen, teilten ihre Gedanken aber nicht mit Daron.

„Danke, Daron.“, sagte Alois. „Noch einmal zu dir: Was suchst du in Valorien?“

Daron lächelte und seine Augen funkelten. Obwohl sein Auftrag, von Prior Cleos ausgesprochen, wohl ein anderer war, war es für ihn ein leichtes, den Grund seiner Reise zu nennen. Denn neben seinen Pflichten als Diener der Laëa war es ihm in der Tat ein großes Anliegen, das Land seiner Herkunft und dessen Helden kennen zu lernen.

„Ich reise durch die Länder dieser Welt, um mein Wissen und meine Erfahrungen zu mehren. Und ich kam nach Valorien, um den Geschichten über die großen Ritter nachzugehen. Und jene über die Herzöge, die gemeinsam mit dem König das Land beherrschen. Sagt, Herr von Schöngau, wo befinden sich die anderen Ritter des Reiches?“

Daron sah, wie Wieland verächtlich schnaubte. In Alois Blick hingegen sah er Enttäuschung. Und Traurigkeit. Doch es war der Kommandant, der das Wort ergriff.

„Die Ritter des Reiches gibt es so im Moment nicht. Sie scheinen wie ein Relikt aus besseren Tagen.“, antwortete er enttäuscht. Alois wandte seinen Blick zu ihm. „Wieland.“, sagte er scharf, wusste aber auch nicht, was er erwidern sollte. Denn genau genommen hatte der Kommandant Recht. Also atmete er kurz durch und wandte sich dann wieder an den Fremden.

„Es ist, wie Wieland sagte. In dieser Zeit gibt es nicht mehr viele Ritter, und jene, die noch existieren, bekämpfen sich gegenseitig. Als Reichsverweser habe ich stets versucht, das Reich zusammen zu halten, aber es scheint jeden Tag mehr auseinander zu gleiten. Ich bin ein Ritter, doch neben mir gibt es nur noch vier Männer, die diesen Titel tragen. Graf Valentin wacht über Ostwacht, doch seine Loyalität ist zweifelhaft. Der alte Helmbrecht von Rethas hat sich schon lange von der Krone und Elorath abgewandt, und sein Leben will nicht enden. Herzog Celan von Tandor führt einen erbitterten Kampf um das Land, der immer mal wieder aufflammt, aber in den letzten Monaten ruhig war. Und Arthur von Freital ist ein geächteter Verräter, der sich in den Wäldern Rethas verschanzt. Geron von Dämmertan verschwand vor vielen Jahren aus dem Reich, genauso wie das Schwert von Fendron. Sein eigentlicher Träger, Forgat, befindet sich in seinem Herzogtum in einem religiösen Wahn. Drei weitere Ritterschwerter befinden sich ohne Nutzen und ohne Träger im Rittersaal in Elorath. Du siehst, Daron, es steht nicht gut um das Reich, das du erkunden willst.“, schloss Alois ab.

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