Книга "Du sollst nicht töten" читать онлайн бесплатно, автор Ursula Corbin – Fictionbook, cтраница 2
Ursula Corbin "Du sollst nicht töten"
"Du sollst nicht töten"
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Ursula Corbin "Du sollst nicht töten"

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In den letzten drei Wochen seines Lebens schrieben wir uns fast täglich. Ich wusste langsam nicht mehr, was ich ihm mehr wünschte: Ein erneuter Aufschub würde bedeuten, dass er nochmals alles durchleben müsste. Alle Berufungsmöglichkeiten waren ausgeschöpft und alle Gnadengesuche abgelehnt worden, wozu sollte ein weiterer Aufschub noch gut sein? Die Hinrichtung schien unausweichlich, war es da nicht besser, sie endlich zu vollziehen?

Das Thema Tod und was nachher kommen werde, war in diesen letzten Briefen sehr wichtig. Clifford betonte darin, er sei bereit zu sterben, durch die Konvertierung zum Islam habe er seinen Weg in Allah gefunden. Angst verspüre er keine mehr, denn er habe seinen Frieden gefunden.

Bevor Clifford nach Texas gezogen war, hatte er im Norden der USA, in Illinois, gelebt. Er war damals verheiratet, hatte einen kleinen Sohn und ein gut gehendes kleines Unternehmen, das darauf spezialisiert war, alte Häuser zu renovieren. Er war auch aktiv in einer religiösen Gemeinschaft und führte ein ganz normales Leben. Bis seine Ehe in die Brüche ging. Die Situation wurde für ihn unerträglich, und er wollte nur noch weg. Als ihm ein Kollege erzählte, dass es leicht sei, in Texas einen Job zu finden, ließ er alles stehen und liegen und machte sich auf nach Texas. Somit verlor er auch jeglichen Kontakt zu seiner Exfrau und seinem Sohn.

Seine Eltern waren beide verstorben, und mit seinen Geschwistern hatte er schon lange keinen Kontakt mehr. Es war ganz einfach niemand mehr da von seiner Familie, denen er etwas bedeutete.


Etwa zwei Wochen vor der Hinrichtung besuchte ich Clifford noch ein letztes Mal. Wie immer flog ich nach Houston, mietete am Flughafen ein kleines Auto und fuhr auf dem Highway 45 etwa eine Stunde Richtung Norden. Kurz nach der Ausfahrt Huntsville steht das Motel 6. Es ist eine billige, aber saubere Unterkunft. Die Tage verbrachte ich im Gefängnis, und mehr als ein sauberes Bett und eine gute Dusche brauchte ich nicht. Frühmorgens fuhr ich jeweils hinaus aufs Land. Die Straße nach Ellis One führte an großen Farmen mit Rindern vorbei und entlang endloser Felder. Die letzten Kilometer waren bewaldet, und man musste sehr aufpassen, die Einfahrt zu Ellis One nicht zu verpassen. Dies war das Gefängnis, in dem mehrere Hundert Männer einsaßen, die schwere Verbrechen begangen hatten. Sie waren alle entweder zum Tode verurteilt worden oder hatten lebenslange Haftstrafen ohne Bewährungsmöglichkeit abzusitzen.

Wenn man mit dem Auto bei Ellis One ankam, musste man etwa 200 Meter vor der Einfahrt stehen bleiben. Von einem Turm wurde an einer Leine ein Korb heruntergelassen, in den man seinen Pass legen musste, woraufhin der Korb wieder hinaufgezogen wurde. Welch altmodische Einrichtung in diesem hoch technologischen Land! Wurde der Pass wieder im Korb heruntergelassen, hieß dies, man dürfe nun hineinfahren und den Wagen vor dem Gefängnis auf einem großen Parkplatz abstellen. Als Nächstes betrat man eine kleine Baracke, in der die obligate Leibesvisitation durchgeführt wurde. Oft war dafür eine blonde, sehr kühle Frau zuständig; wir nannten sie den »Eisengel«. Sie entschied, ob man anständig genug angezogen sei, und sie durchsuchte jede Person ganz genau. Erst wenn sie zufrieden war, durfte man durch das erste verschlossene Tor gehen. Kaum befand man sich auf dem schmalen Asphaltstreifen zwischen den Zäunen, wurde hinter einem das Tor wieder geschlossen und das nächste geöffnet. Drei elektrische Zäune musste ich auf diese Weise passieren, bis ich das eigentliche Gefängnisgebäude betreten konnte. Dort musste ich mich am Schalter anstellen, meinen Pass abgeben und warten. Nach rund 15 Minuten erhielt ich eine Nummer und musste mich auf den entsprechend nummerierten Stuhl setzen. Bis der Gefangene gebracht wurde, verging nochmals mindestens eine halbe Stunde, dann konnten wir durch eine Scheibe und ein Eisengitter über einen Telefonhörer miteinander sprechen.

Clifford und ich blendeten die Möglichkeit aus, dass dies unser letzter Besuch sein könnte. Ich schaute ihn durch das Gitter genau an. Ein gut aussehender Mann, groß, kräftig und gesund. Er hatte eine schöne, tiefe Stimme, ein sympathisches Lachen und er konnte wunderbar zuhören. Wenn er über gewisse Themen wie Religion oder Politik sprach, war er ein leidenschaftlicher Redner, dem man einfach zuhören musste; unmöglich, mir vorzustellen, dass er in Kürze nicht mehr leben würde. Dass man diesen Mann, dieses Menschenleben, mit einer Giftspritze auslöschen würde. Es war unerträglich. Ich musste mich zwingen, an etwas anderes zu denken.

Wir sprachen über sein Leben und was alles hätte möglich sein können, wenn diese verhängnisvolle Nacht nie geschehen wäre. Wäre er nur in Illinois geblieben, zusammen mit seiner damaligen Ehefrau und dem kleinen Sohn hatte er doch ein gutes und sorgenfreies Leben gehabt. Die Scheidung von ihr hatte alles in seinem Leben durcheinandergebracht. Er hätte sicher gut für seinen kleinen Sohn gesorgt. Die Frage, wo sein Sohn wohl jetzt sein möge und wie es ihm wohl gehe, beschäftigte ihn sehr. Das Schlimmste für ihn war, dass er seinen Sohn seit seinem Umzug nie mehr gesehen hatte, er musste inzwischen ein erwachsener Mann sein.

Bei einem Rundgang auf dem Hof in Ellis One hatte er einen sehr interessanten Mitgefangenen kennengelernt. Dieser war ein glühender Anhänger von Louis Farrakhan und Mitglied in dessen Gruppe »Nation of Islam«. Aufgrund der Erzählungen des Mitgefangenen begann Clifford sich intensiv mit dem Islam zu beschäftigen. Seine Schlussfolgerung: Der Islam ist die richtige Religion für ihn und für alle Menschen. Diese Erkentnis schrieb Clifford dem Imam, der wöchentlich in Ellis One vorbeischaute, und teilte ihm mit, dass er übertreten wolle. Nach der Konvertierung gehörte er mit Leib und Seele zum Islam und hieß nicht mehr Clifford (das sei ja sicherlich nur ein Name eines weißen Sklavenhalters), sondern nannte sich Abdullah. Er bat mich, ihn ab sofort nur noch mit Abdullah anzusprechen, und sagte, er wünsche sich so sehr, dass ich mich auch mit dieser Religion befasse. Auch ich würde dann begreifen, dass das Christentum leider nur ein Irrglaube sei. Er werde mir sofort einen Koran zuschicken. Meine Einwände, dass ich viele Jahre in arabischen Ländern gelebt habe und diese Religion recht gut kenne und ich zufrieden sei mit meinem Glauben und auf keinen Fall konvertieren würde, ließ er überhaupt nicht gelten. Nach meiner Rückreise lag ein dicker Koran in meinem Briefkasten und jeder Brief von ihm handelte fast nur noch vom Islam.

Ab und zu sprachen wir über Mary, seine zweite Frau. Er bat mich, mit ihr in Kontakt zu bleiben, denn es war ihm bewusst, wie schwierig sein Tod für sie werden würde.

Lange redeten wir auch über den Tod und seine bevorstehende Hinrichtung. Diesmal werde es passieren, meinte er, er glaube nicht mehr an einen Aufschub. Ich versuchte noch, ihm zu sagen, dass dies ja schon so viele Male geschehen sei, doch er blieb dabei, er glaubte nicht mehr an einen Aufschub.

Als die Wärterin ankündigte, die Besuchszeit sei in fünf Minuten abgelaufen, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Er versuchte mich zu beruhigen, aber auch ihm liefen Tränen über die Wangen. Schließlich erschienen zwei Wärter, und ich musste den Raum verlassen. Ich winkte ihm noch ein letztes Mal zu, und er nickte und lächelte – zurückwinken konnte er nicht, da seine Hände auf dem Rücken in Handschellen gelegt waren.

Bis am späteren Nachmittag des 15. Dezember 1993 wussten wir alle nicht, ob dies das definitive Datum war. Oder ob es doch nochmals einen Aufschub geben würde?

Die Stunden vergingen ätzend langsam, und ich begleitete ihn im Geist auf seinem letzten Gang. Um ein Uhr morgens unserer Zeit rief schließlich seine Frau an. Clifford war tot, gestorben durch eine Giftspritze; es war sein neunter Hinrichtungstermin gewesen.


Das erste Mal traf ich mich mit Mariam alias Mary in Huntsville, Texas. Eine rothaarige, sommersprossige Frau, etwa 40 Jahre alt. Sie trug ein Kopftuch und erzählte mir gleich, dass sie eigentlich Mary heiße, aber nun den moslemischen Namen Mariam angenommen habe und auch so angesprochen werden wolle. An diesem Treffen tauschten wir ein paar Nettigkeiten aus und schrieben uns später auch hin und wieder ein paar Sätze, doch ich spürte kein Bedürfnis, sie näher kennenzulernen.

Mariam war Engländerin und hatte ihr ganzes Leben in England verbracht. Sie war dort verheiratet und hatte zwei kleine Mädchen von sechs und acht Jahren. Im Teilzeitpensum arbeitete sie dort als Krankenschwester, ihr Mann in einem Büro. Durch eine Organisation bekam sie die Adresse von Clifford und fing an, ihm zu schreiben. Sie schrieben sich immer öfter, und es dauerte nicht lang, bis sie das Gefühl von Verliebtheit empfand. Sie hatte ein paar Fotos von ihm bekommen – er war ein gut aussehender Mann, sie war angetan davon, dass er sehr gut zuhören und schreiben konnte. Auch wenn er nur die Highschool absolviert hatte, war er doch an vielem interessiert. Zudem hatte er alle Zeit der Welt, ihr jeden Tag zu schreiben, und Mary genoss diese Aufmerksamkeit sehr. Sie konnte ihm sogar ihre Eheprobleme anvertrauen, und er half ihr, damit irgendwie zurechtzukommen.

Bald einmal erzählte er ihr dann auch vom Islam, und sie nahm alles dankbar auf. Sie besorgte sich einen Koran, begann ihn zu lesen, und in ihren Briefen besprachen sie jedes einzelne Kapitel. Schließlich fand sie, dass sie eigentlich nie eine richtig gläubige Christin gewesen sei und der Islam ihr viel mehr bieten könne.

Ihr irischer Ehemann war entsetzt, als sie ihm eines Tages erklärte, sie trete aus der katholischen Kirche aus. Zudem teilte sie ihm kurz darauf mit, sie habe sich entschieden, aus diesem eintönigen Leben auszubrechen, und sie gedenke, in Kürze nach Amerika zu ziehen. Mary gestand ihm, sich in einen Amerikaner verliebt zu haben und dass sie mit ihm ein neues Leben beginnen wolle. Sie erzählte ihm jedoch nicht, dass dieser Mann in der Todeszelle saß. Nach tagelangem heftigem Streit, vor allem um die Frage, was mit den beiden Mädchen passieren solle, verließ Mary ihren Mann und ihre Kinder und zog nach Texas.

In einem Spital in Houston fand sie rasch eine Anstellung als Krankenschwester und mietete nicht weit entfernt vom Gefängnis eine kleine Wohnung. Kaum richtig angekommen, konvertierte sie sehr zum Gefallen von Abdullah (alias Clifford) zum Islam, nannte sich von da an Mariam und trug immer ein Kopftuch und einen Gebetsteppich mit sich. Zwei Wochen später heirateten die beiden, eine rein amtliche Sache: Sie musste in einem Gemeindebüro die Papiere unterschreiben, und er anschließend dasselbe Papier in seiner Zelle. Kein Treffen, kein besonderer Besuch, keine Umarmung – nur ein amtliches Papier.

Eine Mutter verlässt ihre Kinder wegen eines Mannes, der zum Tode verurteilt ist, den sie nur durch ein Glasfenster sehen und mit dem sie nur per Telefonhörer kommunizieren kann. Sie heiratet einen Mann, mit dem sie nie einen Abend allein verbracht hat und den sie nicht einmal nach der zivilen Trauung in die Arme nehmen durfte. Das ist schwer zu verstehen, geschweige denn nachzuvollziehen.

Mariam fühlte sich unendlich tief verbunden mit diesem Mann, und der Islam schweißte sie zusammen. Sie glaubte daran, dass Allah ihre Gebete erhören und dass Abdullahs Strafe vielleicht doch noch in lebenslängliche Haft umgewandelt würde. Ihre Hoffnung ging so weit, dass er bei guter Führung nach Verbüßung seiner Strafe wieder freikommen und sie eines fernen Tages mit ihm zusammen noch die restlichen Jahre verbringen könne. Sie schmiedete bereits Pläne, wo und wie sie dann mit ihm leben werde.

Nach der Hinrichtung von Abdullah war Mariam am Boden zerstört. Sie wollte auf keinen Fall länger in Texas bleiben, sondern so schnell wie möglich zurück nach England. In der Zwischenzeit hatte ihr ehemaliger Mann die Scheidung durchgezogen und erreicht, dass Mariam ihre Kinder nicht mehr sehen durfte. Alles Bitten half nichts, der Ehemann wollte nichts mehr von ihr wissen, und Mariam musste in einer anderen Stadt ihr Leben noch einmal von vorne beginnen.

Danach habe ich nie mehr etwas von ihr gehört.


Im Laufe der vielen Jahre, in denen ich mit Gefangenen korrespondierte, habe ich etliche Frauen kennengelernt, die sich in ihre Brieffreunde im Gefängnis verliebt und sie manchmal auch geheiratet haben. Immer wieder habe ich in Gesprächen mit ihnen versucht herauszufinden, wie es so weit kommen kann. Es muss ihnen doch klar gewesen sein, dass diese Männer nie mehr freikommen – im Gegenteil, dass sie irgendwann hingerichtet würden. Es gibt nicht die geringste Chance auf ein gemeinsames Leben, darauf, eine Familie zu gründen …

Da ist auf der einen Seite ein Mann, der verurteilt ist und der weiß, dass seine Zeit begrenzt ist. Er ist womöglich seit Jahren in eine winzige Zelle eingesperrt, völlig isoliert von der Welt, und wünscht sich nichts mehr, als mit einem Menschen über seine Ängste, sein Leben, seine Tat, seine bevorstehende Hinrichtung, seine Gedanken über den Tod, über Gott – über alles, was ihn zutiefst beschäftigt – zu sprechen. Wer auch immer ihm schreibt, er ist einfach nur froh, endlich jemanden gefunden zu haben, dem er sich anvertrauen kann. Dieser Mann hat den ganzen langen Tag Zeit, um auf seine Brieffreundin einzugehen und ihr zu schreiben. Er hört sich ihre Sorgen an, gibt Ratschläge, vermittelt ihr das Gefühl, dass sie gebraucht wird. Oft hat er recht schnell das Gefühl, dass er sie liebe. Sie ist ja meist der einzige Mensch, der noch an seinem Leben teilnimmt.

Auf der anderen Seite eine sozial denkende Frau. Sie möchte etwas Gutes tun, möchte mit ihren Briefen etwas Menschlichkeit in ein verpfuschtes Leben bringen. Vielleicht ist sie auch einsam, vielleicht hat sie schlechte Erfahrungen in ihrem Leben gemacht. Auch sie ist froh, endlich jemanden zu haben, dem sie alles anvertrauen kann. Auch ihr bedeutet diese Brieffreundschaft immer mehr und wird zu einem wichtigen Teil in ihrem Leben. Je mehr sie sich verbunden und verstanden fühlt, desto leichter kommen auch bei ihr Gefühle auf.

Oft wird dann verdrängt, dass dieser Mann kein unbeschriebenes Blatt ist und dass er nun wegen eines Mordes zum Tode verurteilt wurde. Die Frau beginnt alles erdenklich Gute auf ihn zu projizieren – all das, was sie sich von einem Mann erträumt. Auf einmal sieht sie in ihm den idealen Mann, der Einzige, der sie versteht, der einfühlsam ist und sie bedingungslos liebt, so wie sie ist. Sie will gar nicht mehr daran denken, dass sie niemals die Gelegenheit haben wird, mit ihm zusammen zu sein. Sie versinkt in ihrer Fantasiewelt, was für beide ja auch schön sein kann: raus aus der brutalen Wirklichkeit, hinein in eine Welt voller Möglichkeiten.

Solange nur die beiden involviert sind in einer solchen Beziehung, ist das auch in Ordnung. Beide haben nichts zu verlieren, und es geht auch nur sie beide etwas an. Problematisch wird es dann, wenn, wie im Falle von Mary, ein Ehemann oder Kinder betroffen sind und Familien oder Beziehungen daran zerbrechen.

Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, es ist oft eine äußerst schwierige Gratwanderung: Zu geben – und doch nicht zu viel –, zu nehmen – und doch immer Grenzen aufzuzeigen!

Grüße aus dem Radio

Es war wieder einer dieser feucht-heißen Tage in Texas; mein Auto hatte sich auf dem Parkplatz des Gefängnisses von Ellis One in einen Backofen verwandelt. Völlig erschöpft von der emotionalen Anspannung während meines Besuches bei Clifford und dieser Hitze, kam ich eine halbe Stunde später im Motel in Huntsville an. Obwohl es eine billige Unterkunft war, gab es eine Klimaanlage im Zimmer. Die kühle Luft half dennoch nicht, es roch muffig.

Ich zog meine Schuhe aus und schlüpfte gleich in die Flipflops, um mit meinen Füßen auf keinen Fall den garantiert mit Bakterien getränkten Teppich im Zimmer betreten zu müssen. Wie bei nahezu allen amerikanischen Motels gab es auch in diesem nur ebenerdige Zimmer, ständig gingen Leute vor dem Fenster hin und her, darum ließ ich die Vorhänge des Fensters immer zu. Ohne das Licht anzumachen, ließ ich mich aufs Bett fallen. Als ich die Augen wieder öffnete, bemerkte ich das blinkende rote Licht am Telefonapparat; jemand hatte eine Nachricht für mich an der Rezeption hinterlassen. An der Rezeption erzählte mir die ältere, rundliche Frau, die Dienst hatte, dass während meiner Abwesenheit ein Anruf von einer lokalen Radiostation für mich gekommen sei. Sie reichte mir einen Zettel mit einer Nummer und der dringenden Bitte um einen Rückruf.

Unter der Nummer meldete sich eine weibliche Stimme, die sofort wusste, wer ich war. Sie hatte von irgendjemandem erfahren, dass ich mit Clifford Phillipps in Kontakt stehe und ihn regelmäßig besuche. Da Mr. Phillipps in wenigen Tagen hingerichtet werde, sei mein jetziger Aufenthalt in Huntsville vermutlich der letzte Besuch bei ihm. Ob ich bereit wäre, ihnen ein Interview zu gewähren, das sie im Rahmen ihrer Berichterstattung über Cliffords Hinrichtung ausstrahlen möchten? Ich fühlte mich überrumpelt, sagte dann trotzdem zu, ihren Kollegen am folgenden Tag in einem mexikanischen Restaurant gleich um die Ecke von meinem Motel zu treffen. Sein Erkennungsmerkmal: eine Zeitung unter dem Arm.

Ein großer, hagerer und nicht unsympathischer Mann stellte sich als John Hudson vor, Reporter bei der lokalen Radiostation, und er lotste mich in eine ruhige Ecke des Restaurants. Zuerst bestellten wir etwas zu essen und plauderten über Belanglosigkeiten, doch er wurde zunehmend ungeduldiger und signalisierte, dass er so schnell wie möglich mit dem Interview beginnen wollte. Kaum hatte er das Mikrofon eingestellt, legt er los: Warum ich ausgerechnet jemandem schreibe, der zum Tod verurteilt worden sei? Ob mir klar sei, dass Clifford Philipps schuldig sei? Und ob ich wisse, dass er eine Frau umgebracht habe? Er wollte wissen, was mir in Bezug auf die bevorstehende Hinrichtung durch den Kopf gehe und ob ich mich entschieden hätte, dabei zu sein. Selbst die Angehörigen der getöteten Frau brachte er ins Spiel, er wollte wissen, ob ich mich auch mit ihrer Seite der Geschichte beschäftige und sie kontaktiert hätte?

Eine ganze Stunde dauerte das Gespräch, und ich beantwortete geduldig jede seiner Fragen. Ein paar Tage darauf wurde dieses Interview in der Umgebung von Huntsville ausgestrahlt.

In den 1990er-Jahren hatte jeder Gefangene noch die Möglichkeit, sich eines der kleinen, simplen Radios im Gefängnisladen zu kaufen, die dort von den Behörden zu völlig überteuerten Preisen angeboten wurden. Nur die Gefangenen, die etwas Geld von ihrer Familie oder von Freunden erhielten, konnten sich ein Radio leisten. Das Programm der lokalen Radiostation, das für alle Bewohner der Region gedacht war, wurde in den verschiedenen Gefängnissen gut empfangen und war bei den Gefangenen ausgesprochen beliebt.

Etwa zwei Wochen nach Ausstrahlung meines Interviews in Huntsville begann sich mein Briefkasten in Zürich mit Briefen aus Texas zu füllen. Der Sender hatte jedem Insassen, der bei der Redaktion nach meiner Anschrift fragte, meine genaue Adresse in der Schweiz bekannt gegeben, und ich wurde mit Anfragen von Gefangenen überhäuft. Falls Clifford nun hingerichtet werde, könnte ich vielleicht ihnen schreiben.

Ich war völlig überrumpelt und legte die Briefe vorerst auf die Seite. Noch lebte Clifford, und ich hatte weder die Absicht noch die Zeit, andere Brieffreundschaften anzufangen. Ein paar Monate später nahm ich die vielen Briefe trotzdem hervor, denn ich empfand es als feige von mir, nicht wenigstens zu antworten und zu erklären, warum ich nicht mehr schreiben wollte. Also las ich jeden einzelnen Brief und legte dar, dass Cliffords Tod für mich kaum zu verkraften war und ich das, so leid es mir tue, nicht noch einmal durchstehen könne.

Doch einige dieser Gefangenen gaben nicht auf und antworteten wieder. Jeder bat mich darum, wenigstens seine Adresse zu behalten für den Fall, dass ich meine Meinung ändern würde und doch eines Tages wieder mit jemandem korrespondieren möchte …

Das Ganze endete damit, dass ich ein paar Monate später doch wieder anfing, vier von diesen Männern regelmäßig zu schreiben. Und es blieb nicht dabei. Eine Kollegin stand in Briefkontakt mit einem Gefangenen in der Todeszelle in San Quentin, Kalifornien. Dieser wiederum hatte einen guten Freund im Gefängnis, der unbedingt eine Brieffreundschaft suchte. Also fragte sie mich, ob ich nicht vielleicht auch ihm schreiben könne …

Wie wichtig das Medium Radio für Gefangene ist, zeigt die Geschichte der Station KDOL, die ich im Internet fand.

»The Shout-out Show« auf Radio KDOL 96.1

Eine kleinere Radiostation, KDOL 96.1 in Livingston, Texas, durchbricht Gefängnismauern. Die »Shout-out Show« wird jeweils sonntags zwischen 14:00–19:00 Uhr ausgestrahlt und gibt Familienmitgliedern, Freunden und vor allem den Gefangenen in Polunsky Unit die Möglichkeit, sich per Radio zu verbinden.

KDOL, eine lokale Radiostation, die von Jim und Joy Wolf im Jahre 2003 gegründet wurde, sendet ihr Programm aus dem Hause der Wolfs im Zentrum von Livingston. Alles begann damit, dass die Wolfs mit einem Mann in der Todeszelle namens Greg Summers zu korrespondieren begannen. Dieser war ein eifriger Hörer ihres Programms und fragte sie eines Tages an, ob sie für ihn »Irish Blessings« spielen könnten. Daraufhin baten auch andere Gefangene darum, dass ihre Musikwünsche gesendet wurden. Im Mai 2005 wurde KDOL via Web Radio online gestellt, und die »Shout-out Show« entwickelte sich schnell von einem einfachen Wunschkonzert zu einem Kommunikationskanal zwischen Gefangenen und ihren Angehörigen.

Die Gefangenen erzählten sich untereinander von dieser Sendung. Da sie keine Möglichkeit haben, live anzurufen und so ihre Grüße und Nachrichten durchzugeben, schicken sie ihre Botschaften per Brief. Die Wolfs bekommen jede Woche zwischen 35 und 60 Briefe aus dem Gefängnis. Darin enthalten sind Musikwünsche und Dankesworte, aber auch Nachrichten für Familien und Freunde, in denen die Gefangenen ihre Zuneigung und Verehrung ausdrücken.

Zusätzlich erhalten die Wolfs jede Woche fast 250 Anfragen für »Shout-outs« von den Familienangehörigen und Freunden. Um diese Briefe und E-Mails alle durchzulesen und zu sortieren, arbeiten sie zwischen 60 und 70 Stunden pro Woche. Sie müssen vorsichtig sein, nichts zu verlesen, was eine Nachricht von einem Gefangenen an einen anderen Gefangenen sein könnte. Als einmal ein Gefangener von Huntsville wollte, dass man seinen Brief am Radio vorlese, der für seinen Sohn gedacht war, der im Todestrakt in Livingston einsaß, durften sie dies nicht tun, denn das Gesetz verbietet die Kommunikation von Gefangenen mit anderen Gefangenen.

KDOL macht auch eine eigene Sendung für diejenigen, die sterben müssen. Sie beginnt jeweils am Abend der Hinrichtung um 19:00 Uhr und macht es so möglich, dass Familien und Freunde jenes Mannes noch Worte der Unterstützung an ihn durchgeben können. Während der ganzen Sendung werden dann die von ihnen gewünschten Songs gespielt. Diese Sendung begann im Mai 2005 mit der Hinrichtung von Richard Cartwright und wurde danach vor jeder neuen Hinrichtung ausgestrahlt. Meistens kommen an diesen Abenden die Familienmitglieder und Freunde ins Studio und geben dort ihre Nachrichten persönlich durch!


Radio KDOL war wirklich etwas Besonderes. An gewissen Wochentagen und zu bestimmten Zeiten durften Angehörige oder Freunde eines Gefangenen anrufen und Nachrichten für ihn hinterlassen sowie ein Musikstück für ihn auswählen. Anschließend wurde der Name des Gefangenen aufgerufen, die Nachricht verlesen und die Musik für ihn gespielt.

Natürlich missfiel das den Gefängnisbehörden, denn nun gab es eine Möglichkeit für Angehörige und Freunde, mit den Insassen persönliche Nachrichten auszutauschen, ohne dass sie die Kontrolle darüber hatten.

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