Wolfgang Breuer Mords-Stünzel
Mords-Stünzel
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Wolfgang Breuer Mords-Stünzel

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„Hin- und herkarren ist stark übertrieben. Das waren beim Rangieren höchstens mal 15 Meter. Die Gründe hat er Dir genannt. Und außerdem saß die Dame ja nicht auf seinem Rücksitz im PKW. Sie lag im Anhänger.

„Und trotzdem!“, fuhr sie Winter an. So, als wollte sie sagen: ‚Wer führt denn hier die Ermittlungen? Du oder ich?’ „War doch in Ordnung, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Verdächtig ist nun mal verdächtig“, glimmte sie nach.

Jürgen schaute konsterniert drein. „Aber wieso ist der Mann denn verdächtig? Weil er uns gemeldet hat, dass in seinem Pferdeanhänger eine tote Frau liegt? Wenn er der Täter wäre, hätte er mit dem Leichnam längst abhauen können. Kein Hahn hätte nach dem Mädel gekräht, das er längst irgendwo hätte einbuddeln können, bevor es überhaupt vermisst gemeldet worden wäre.“

Keine Reaktion mehr von der Kollegin. Er sah nur ihre Halsschlagadern immer weiter hervortreten. ‚Au weia, das kann heiter werden’, dachte er sich.

„In Ordnung Herr Stremmel, Sie können dann nach Hause fahren. Danke“, hatte sie noch knapp nachgelegt und dann abgedreht.

„Vielen Dank, dass Sie sich so viel Zeit genommen haben und sorry, dass Sie warten mussten“, schob Jürgen Winter hinterher. „Machen Sie’s gut.“ Er reichte Winnie die Hand und ging dann auch zum Mondeo rüber, in dem die Kollegin gerade mit hochrotem Kopf Platz genommen hatte.

„Was ist los? Wolltest Du mir die Schau stehlen? Oder was sollte das jetzt?“, empfing sie ihn spitz.

„Was sollte WAS jetzt?“

„Na, die große Verabschiedung mit Entschuldigung und so.“

„Äääh …, verstehe ich jetzt nicht. Ein wenig Höflichkeit schadet doch wirklich nicht. Uns, der Polizei, schon mal gar nicht.“ Winter war angefressen. Was war bloß los mit dieser Kollegin, fragte er sich, während er sich setzte und anschnallte.

„Und Du entscheidest, was und wer höflich ist? Ja?! Du sagst mir, wie ich mich zu verhalten habe. Das ist ja stark. Danke für die Belehrung, Herr Polizeikommissar.“

„Gerne, Frau Kollegin. Kannst ab sofort alles selbst entscheiden. Auf mich wirst Du verzichten müssen. Ich habe nämlich keine Lust, in brennender Luft zu arbeiten.“ Stinksauer stieg Jürgen Winter wieder aus und knallte die Beifahrertür von Corinnas Wagen zu.

Drinnen tobt eine Furie, hatte er den Eindruck. So war ihm die Kollegin noch nie begegnet. Was sie da drinnen schrie und warum sie ständig mit dem Finger auf ihn zeigte, wurde ihm nicht klar. Schließlich startete sie mit wutverzerrtem Gesicht ihren Mondeo und ließ ihn mit einem Riesensatz nach vorne anfahren. Dann raste sie los, dass die Steine auf dem Weg nur so spritzten. In Nullkommanix war sie um die nächste Wegbiegung verschwunden.

„Na klasse!“, brüllte Winter in den Wald hinein. „Das haben wir ja prima hingekriegt!“ Wie ein kleiner Junge, allerdings mit wesentlich mehr Schmackes, schoss er Steine auf dem Weg vor sich her, während er sich langsam per pedes in Richtung des Dorfes aufmachte. Was sollte er jetzt machen? Fußstreife laufen bis Berleburg, oder was? Er war nämlich ohne Auto. Er hatte vor einiger Zeit zwei Kollegen losgeschickt, um bei einem Frühschoppen zu schlichten. War per Funk gekommen.

„Suuuuuper gemacht, du Pfeife!“, schalt er sich. „Sieht gewiss klasse für die Leute aus, wenn ich so in Uniform durch die Gegend latsche. Das suggeriert Sicherheit.“

Er war gerade am Rand des Festplatzes an einer Dreiwegegabelung vorbei gekommen, da hörte er, wie ihm ein Wagen entgegen kam. Mit Vollgas. Dem Motorengeräusch nach konnte das nur Corinna sein. Der wollte er jetzt nicht noch mal begegnen. Daher verschwand er nach links hinter einer Art hoher Hecke in einem kleinen Wiesengelände und stolperte derart, dass es ihn fast hingehauen hätte. Zum Glück konnte er sich an einem Ast festhalten und durch das Gesträuch nach draußen Ausschau halten. Der Wagen war jetzt bedeutend langsamer und blieb fast stehen. Und dann konnte er sie sehen. Corinna, die mit verheulten Augen aus dem offenen Beifahrerfenster schaute und rief: „Ich habe gehört, hier rennen versprengte Polizisten herum, die nicht heim kommen!“

‚Das sollte jetzt wohl lustig sein’, dachte Winter. ‚Klang es aber nicht.’ Was sollte denn dieser Blödsinn? War die Frau nun total übergeschnappt? Er rührte sich nicht und blieb mucksmäuschenstill.

„Nun komm, Jürgen, mach’s mir nicht so schwer“, schniefte sie. „Ich will mich entschuldigen.“ Wieder Schniefen. „Ich hab’ Mist gebaut, großen Mist. Tut mir leid.“

Er rührte sich nicht. ‚Nix da. Jetzt sollst Du braten, Du Miststück.’

„Jürgen, bitte, komm da raus. Ich hab’ Dich doch um die Ecke verschwinden sehen. Ich will mich in aller Form bei Dir entschuldigen. Das war Riesenbockmist, den ich da gebaut habe. Ich glaub’, das geht mir immer so, wenn ich einen Fall mit einem Toten habe. ‚Mein Fall’, überkommt es mich dann immer. ‚Da rührt mir keiner drin rum. Da hab’ nur ich zu sagen.’ Das ist irgendwie …, ich kann’s nicht erklären. Das …, das ist irgendwie manisch.“

„Da wirst Du noch reichlich dazu … lernen müssen“, wollte er noch sagen. Aber da lag er schon auf dem Bauch. Denn als er mit Schwung hinter der Hecke vor und um die Ecke wollte, war er wieder an etwas hängen geblieben, das da am Boden lag. „Scheißast!“, motzte er, als er wieder aufstand und das Teil in der Hand hielt. Doch beim näheren Hinsehen bemerkte er, dass unter dem belaubten Ast noch etwas lag. Sah aus wie ein Männerbein in Jeans und Sportschuhen.

„Hallo!“, rief er, während er weitere Äste von dem Mann herunterzog, „meinen Sie nicht auch, dass es sich daheim zig Mal besser schlafen lässt?“ Doch der Angesprochene konnte ihn nicht mehr hören. Sein Schädel war zerschmettert, sein Mund stand weit offen und war mit Blut gefüllt. Auch aus Nase und Ohren quoll es heraus.

„Scheiße!“, brüllte Jürgen Winter. „Scheiße, Scheiße, Scheiße! Corinna, komm’ her! Ganz schnell! Komm bitte, komm’, komm’, komm’!“ Sein Geschrei hatte etwas Panisches und versetzte die Kollegin in pures Entsetzen. Schnell sprang sie aus dem Wagen, kam herum und stand, die rechte Hand auf der Waffe am Gürtel, direkt vor der aufgedeckten Männerleiche.

Corinna Lauber brachte keinen Ton heraus, schüttelte nur den Kopf. Fassungslos stierte sie auf den Toten. Zunächst unfähig, irgendetwas zu sagen. Aber dann fing sie sich und verstieg sich in ganz eigentümliche Formulierungen: „Wer, um alles in der Welt, tobt sich denn hier auf diesem wunderschönen Fleckchen Erde in so widerwärtiger Weise aus? Warum bringt er denn auf einem so tollen Fest wahllos Menschen um?“

Jürgen war traurig und wütend. Kleine Spuckefetzen flogen durch die Luft, als er rief: „Diese miese Kreatur kriegen wir, verdammt noch mal! Das schwör’ ich Dir!“

Als sie wieder halbwegs klar denken konnte, war die Kollegin zum Wagen rübergelaufen und hatte per Funk alle notwendigen Dienststellen über den neuerlichen Leichenfund informiert. Spurensicherung, Rechtsmedizin und natürlich alle verfügbaren Kräfte aus Berleburg. „Und bitte, lasst jemanden ein paar Pizzas und was zu trinken mitbringen. Das wird Überstunden geben hier.“

Kurz darauf stand sie wieder neben Jürgen Winter, vor der Leiche. Sie hatte ihr Smartphone in der Hand.

„Das ist kein schönes Souvenier“, schaltete sich Jürgen ein. „Lass doch die SpuSi die Fotos machen. Die haben sowieso immer die besseren Bilder.“

„Ich will gar net fotografieren“, wehrte sie sich. „Ich will Svens Fotos von den Bekannten mit unserem Mann vergleichen. Ich habe nämlich einen bösen Verdacht.“ Und dann riss sie die Augen auf und rief: „Tatsächlich! Hier, guck, das ist der Junge, der von vorne gesehen links von der Kathrin gesessen hat. Den erkennt man sofort. Obwohl sein Gesicht so entstellt ist. Außerdem hat er dieselben Klamotten an.“

Corinna stierte auf das Smartphone.

„Nicht zu fassen, einfach nicht zu fassen“, wiederholte sich der Kommissar ständig, während er wie ein Löwe in dem von Hecken umgebenen Geviert herumwanderte. Lediglich zum Dorf hin stand da noch eine Hütte, deren Funktion ihm nicht klar wurde. Jedenfalls waren alle Läden und die Tür sperrangelweit offen. Drinnen konnte niemand sein.

Sven Lukas dreht fast durch, als er in Berleburg von dem zweiten Stünzel-Mord erfuhr. Und wer das Opfer war. Es war Holger, dessen Nachnamen er leider nicht kannte.

Natürlich war der ‚Freak‘ nicht heimgegangen, wie Corinna gefordert hatte. Er war auf der Wache geblieben. Um eventuell über die drei Laaspher Bekannten von Kathrin etwas im Internet zu finden. Jetzt sprang er wie ein Irrer von seinem Bürostuhl auf, brüllte Flüche in den Raum und schmiss seinen kleinen ledernen ‚Wutball’ gegen die Wand. Immer wieder. Wie in Trance. Drum herum flogen Pokale von Regalbrettern und Urkunden lösten sich aus ihren Rahmen. Das Trümmerfeld war beträchtlich. Aber Sven bemerkte das alles nicht. Er war in diesem Moment im wahrsten Sinne des Wortes ‚außer sich’.

„Hey, Sven!“, rief Pattrick Born, der die Bürotür nur einen Spaltbreit aufgemacht hatte. „Sveeeeheeeen! Hör’ doch mal’n Moment auf damit. Bitte!“

Der ‚Freak‘ zuckte zusammen, folgte der Aufforderung und knetete jetzt den kleinen Ball. „Gehen wir das Schwein suchen, das sich da oben ausgetobt hat?“

„Du nicht. Aber wir“, kam’s von Pattrick zurück. „Du bist heute schon genug malträtiert worden. Halt mal den Ball nicht nur ’n bisschen flach, halt ihn lieber fest und räum’ am besten hier auf. Wenn Klaus gleich kommt, gibt’s sonst was zu hören. Da kannste einen drauf lassen.“

Der andere schaute ihn entsetzt an. „Klaus? Der hat doch noch Urlaub. Was will der denn heute hier?“

„Naja, hör mal“, Pattrick kam jetzt ganz in des ‚Freaks‘ ‚Laboratorium‘ hinein, „uns gehen die Leute aus. Und zwei Morde, mein Lieber, die stemmen wir nicht mit links. Ich habe ihn eben angerufen und über die Lage informiert. Da hat er sofort zugesagt zu kommen. Und das ist auch gut so. Weil Corinna da oben auf dem Stünzel am Rad dreht.“

„Wie kommste denn da drauf?“ Sven war ein ausgemachter Fan dieser Kollegin, nach der er sich eigentlich jeden Tag mal die Augen ausguckte. Aber das Mädel war ja nicht zu haben. „Corinna dreht am Rad. Wer hat das denn behauptet?“

„Sag’ ich nicht.“

„Jetzt komm, stell Dich nicht so an.“

„Nee, kann ich nicht.“

„Mann, jetzt mach’ mal Butter bei die Fische. Der Chef kommt aus dem Urlaub zum Dienst. Und ich darf den Grund nicht erfahren?“

„Okay. Aber behalt’s für Dich. Jürgen erzählte mir vorhin am Handy, dass die Kollegin ausgetickt wäre und ihn angeschissen hätte für nix und wieder nix. Und dann wäre sie eine Weile darauf wieder angekrochen gekommen, um sich zu entschuldigen. Sie sei manchmal einfach nicht teamfähig, habe sie eingestanden und wolle alle Entscheidungen für sich treffen.“

Der Andere begleitete diese Schilderungen mit Kopfschütteln, während er den einen oder anderen Pokal wieder vom Boden aufsammelte.

„Aber ich sag’ Dir Alter, halt bloß die Schnauze. Wenn Corinna nur ein Sterbenswörtchen davon erfährt, kriegen wir obersten Krach. Ich mag sie nämlich auch. … Jetzt nicht so auf die Art wie Du. Aber sehr.“

„Kein Thema“, antwortete der nachdenkliche Sven Lukas. „Aber was ist denn bloß los mit Corinna? Das gibt’s doch gar nicht, so was.“

Erst jetzt begriff der ‚Freak‘, was Pattrick ihm da eben mehr oder weniger ‚verbal subkutan’ untergejubelt hatte. „Was soll denn das bedeuten: ‚… nicht so auf die Art wie Du’?“

„Na, hör mal. Meinst Du, hier hätte noch niemand mitbekommen, wie sehr Du Corinna nicht nur als Kollegin, sondern auch als Frau verehrst? So blind kann man doch gar nicht sein, um das nicht mitzubekommen.“

Sven bekam rote Ohren.

„Is’ ja auch ’n Sahneschnittchen, unsere Oberkommissarin. Kann man nicht anders sagen“, legte Pattrick nach.

„Weiß ich alles. Aber komm jetzt, hör auf. Ich hab’ grad’ echt andere Probleme. Meine Sahneschnitte, um im Bild zu bleiben, ist nämlich tot. Und mit ihr ein Freund oder Bekannter, oder irgend so was.“

‚Wo hat er plötzlich diese Abgeklärtheit her? Noch vor fünf Minuten wären ihm die Tränen gelaufen, bei solch einer Schilderung’, sinnierte Pattrick Born.

„Wir werden den oder die Mörder finden. Das verspreche ich Dir, Sven. Und sie werden ihre Strafe bekommen.“

Vorne im Kripo-Büro klingelte das Telefon. Pattrick spurtete rüber und nahm ab. Es war der Kollege Jost Gmeiner aus Laasphe. „Ist die Kollegin Lauber über Dich zu erreichen? Auf ihrem Handy meldet sie sich jedenfalls nicht.“

„Nein. Leider nicht. Sie ist immer noch auf’m Stünzel. Dort haben sie mittlerweile einen weiteren Toten gefunden.“

„Wie denn? Auch Mord?“

„Sieht ganz so aus. Und wahrscheinlich auch einer aus der Clique um Kathrin Kögel, dem ersten Opfer.“

„Ach Du heilige Scheiße! Das darf doch alles nicht wahr sein! Was ist denn hier plötzlich los? Haben die Briten Jack the Ripper wieder auferstehen lassen und vorab schon mal als Brexit-Beilage auf’s Festland exportiert?“

„Kann ich Dir nicht sagen. Das Entsetzen ist ganz auf unserer Seite. Aber sag’ mal, habt Ihr denn irgendwelche Infos zu dieser Vivien?“

„Das ist ja der Grund, warum ich anrufe“, antwortete der Kollege Gmeiner. „Wir haben die Wohnung zwar gefunden und auch mit ihren Eltern gesprochen. Aber die Frau ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen.“

„Und was ist mit ihren Bekannten?“

„Die sind den Eltern nicht bekannt. Sie wüssten auch nicht, wer darüber Auskunft geben könnte. Denn sie kennen das private Umfeld ihrer Tochter nicht, haben mit ihr selbst auch kaum noch Kontakt. Sie lebt einfach nur noch im Elternhaus, oben in einer Dachgeschosswohnung. Weil’s nix kostet.“

„Oh, armes Deutschland“, stöhnte Pattrick. „Die soziale Verarmung schreitet immer weiter fort. Und die Generationenkonflikte in den Familien tragen ihr Übriges dazu bei.“

„Da sagste was. Ich hätte die Wände hochsteigen können bei den Kommentaren der Eltern. Zwei ziemlich alte Leutchen, total verbittert und ohne irgendeine Form von Verständnis dafür, dass junge Leute ihr Leben ein wenig anders gestalten wollen. Anders jedenfalls, als sie selbst das aus ihrer Jugend in den Kriegsjahren gewohnt waren.

‚Wird sich schon irgendwo rumtreiben, die Vivien’, sagte die Mutter, ‚die kennt ja keine Pflichten. Außer in ihrem Studium. Wir zählen da nichts mehr. Unser ganzes Leben haben wir uns krummgelegt. Damit’s unseren Kindern mal gut geht. Und wie danken sie uns das? Die beiden Großen sind schon längst ausgezogen und lassen nichts mehr von sich hören. Nichts, gar nichts. Und Vivien macht daheim was sie will. Nur nichts für uns. Und mit uns schon mal gar nicht. Höchstens mal zum Einkaufen fahren oder mal zum Arzt.’

Das war schon sehr eigentümlich dort. Die haben nicht einmal wissen wollen, warum sich die Polizei für ihre Tochter interessiert. Da haben wir auf jede weitere Frage verzichtet und sind ganz schnell wieder verschwunden.“

„Wäre ich auch“, pflichtete Born dem Laaspher Kollegen bei. „Ich würde Euch aber bitten, da heute Abend noch mal vorzusprechen. Wir müssen die Tochter finden. Unter allen Umständen. Wir müssen nur ein Lebenszeichen von ihr haben und von ihr wissen, was sich in der vergangenen Nacht abgespielt hat.“

„Alles klar“, wollte sich Gmeiner schon verabschieden. „Ich sehe zu, dass die Leute vom Spätdienst heute da noch mal vorbeifahren und klingeln. Mehr können wir ja wohl nicht machen. Oder?!“

„Mir fällt im Moment nichts ein, nee. Ach so, doch. Lass’ bitte eben noch die Adresse und den Nachnamen von Vivien da.“

„Klar. Haste was zu schreiben? … Also, Vivien Schreiber, Hubertusweg 14.“

„Und irgendwelche Erreichbarkeiten gibt’s wohl nicht. Handy oder so?“

„Wussten die Eltern nicht. Sie hätten sich die Nummer irgendwo aufgeschrieben, aber schon neulich nicht mehr gefunden, als sie sie dringend gebraucht hätten. Die ‚Schickse’ sei wieder mal unterwegs gewesen und nicht auffindbar.“

„Das ist ja’n Hammer. Sach ma’, ha’m die se noch alle? Mensch! Wenn ich das Mädel wär’, dann würde ich mir überlegen, ob ich dort überhaupt noch leben wollte“, erwiderte Born, der noch einen Moment grübelte und dann sagte: „Bitte, tut mir einen Gefallen und fahrt von Euch aus noch mal die Wege ab, die normalerweise gelaufen werden, wenn man vom Stünzel runter nach Laasphe will. Da kommt man doch in der Regel oben beim Schloss raus. Oder?“

„In der Regel schon. Anders wäre eher blöd, weil man immer in den Seitentälern runterkäme. An der Bracht oder so. Das macht bei dieser Dunkelheit keinen großen Spaß.“

„Umso wichtiger ist die Nachsuche nach den zwei jungen Menschen, die noch fehlen. Ich schick’ Dir mal ’n Handyfoto per WhatsApp mit drei Leuten. Der Junge, von Dir aus gesehen links auf dem Bild, der ist auch tot. Die anderen beiden, diese Vivien und einen Bastian, die suchen wir.“

„Okay, schick’ mal rüber, werden uns drum kümmern.“ Dann gab er Pattrick seine Mobilfunknummer für die WhatsApp und meinte: „Damit sind wir dann mit der gesamten kleinen Mannschaft hier auch auf Stünzel-Mord gepolt.“

„Haja, soweit das neben der Erledigung der üblichen Aufgaben geht. Wundert mich eh, dass Ihr nicht über den zweiten Mord informiert worden seid. Die müssen da oben auf dem Festplatz richtig Druck haben, scheint mir.“

„Wer hat Druck?“, kam es vom Flur her. Klaus Klaiser stand in der offenen Bürotür. Etwas verhalten lächelnd und braun gebrannt.

„Mensch, Chef, schön dass Du da bist!“, rief ihm Pattrick Born zu. „Hab’ gerade einen Kollegen aus der Laaspher Wache dran – wegen Personensuche.“ Dann wandte er sich wieder seinem Gesprächspartner zu und verabschiedete den. „Wie gesagt, lasst bitte von Euch hören, sobald Ihr was habt. Geht auch per Handy, WhatsApp oder was Ihr wollt. Okay?! Ciao.“

Dann drehte er sich wieder zu Klaus um. „Wir haben alle Druck. Kannste Dir ja wahrscheinlich vorstellen. Aber Corinna auf’m Stünzel erst recht. Zwei Leichen, zweimal Mord. Das ist heftig.“

In kurzen Zügen ließ sich Kriminalhauptkommissar Klaiser in die Lage einweisen. Er war ja nur in einem Kurztelefonat mehr oder weniger alarmiert worden. Ungefähr eine Stunde, nachdem er mit seiner Frau Ute aus Fuerteventura zurückgekehrt war.

Waren das tolle zehn Tage in El Cotillo. Die beiden hatten sich ein Studio gemietet. Direkt am Strand.

Und Ute weihte Klaus in ein bis dahin gehütetes, süßes Geheimnis ein. Sie war in der sechsten Woche schwanger. Endlich! Beide hatten sie sich das so sehr gewünscht. Das Glück kannte für die beiden keine Grenzen in diesen Tagen. „Doch in dieser Ausnahmesituation“, hatte selbst Ute gemeint, „musst Du den Kollegen helfen. Trotz des letzten halben Urlaubstags. Immerhin musst Du ja auch Corinna unterstützen.“ Und das war schließlich Utes beste Freundin.

„Gut“, sagte er zu Pattrick, „ich werde gleich mal dort rauffahren. Und Du machst bitte eine Fahndungsmeldung für die Presse fertig. Wir müssen die Namen der jungen Leute erfahren. Sieh bitte zu, dass Du dafür noch ein Foto von dem Toten bekommst. Ein annehmbares.“

„Okay, kein Problem. Sven Lukas hat welche gemacht. Vielleicht schaust Du mal eben nach ihm. Dem geht es nicht so besonders. Und er macht sich insgeheim irgendwelche irrationalen Vorwürfe. Der hätte das Drama doch nie und nimmer verhindern können.“

„Mach’ ich“, versprach Klaus. „Der arme Kerl kann einem ja leid tun.“

Dann ging er rüber zum „Freak-Labor“. Dessen Inhaber war gerade dabei, die letzte Urkunde beiseite zu legen, deren Rahmen den Angriff durch den ‚Wutball‘ nicht überlebt hatte. Verstohlen schob Sven mit dem rechten Fuß noch ein paar Scherben unter einen Aktenschrank, als er Klaus durch die offene Tür kommen sah.

„Lass’ gut sein. Ich weiß, was passiert ist. Ich kann mir vorstellen, wie Dir zumute ist. Ich hätte auch alles kurz und klein gehauen.“ Klaus reichte dem Kriminalhauptmeister die Hand, die sich irgendwie untypisch schlaff und labberig anfühlte. „Grüß Dich, mein Lieber“, schob er nach. „Mein Beileid.“

„Danke Klaus.“ Sven Lukas hätte laut losheulen können, als ihm der Kripo-Chef in die Augen schaute. „So eine Scheiße, Mann. So eine verfluchte Scheiße. Und ich konnte nichts dagegen machen. Weißt Du, das ist sogar noch viel scheißer als Du denkst.“

Klaiser drehte sich ein wenig ab. Denn er musste trotz der tieftraurigen Situation unweigerlich grinsen. ‚… noch scheißer …’ hatte er auch noch nicht gehört.

„Wieso?“, fragte er, jetzt mit ernstem Gesichtsausdruck, zurück.

„Weil ich noch nicht mal helfen kann beim Benennen der Freunde.“ Und dann flocht er ein: „Sofern die überhaupt noch leben …“ und stierte vor sich hin. „Aber ich kenne deren Nachnamen nicht. Nicht einen. Nur die Vornamen. Und ich habe zwei Bilder von ihnen. Mehr nicht.“

„Ja, aber das ist doch ’ne ganze Menge. Deutlich mehr, als die meisten Fahnder zu Beginn einer Fallermittlung in der Hand haben. Und es wird doch auch schon nach denen gesucht“, versuchte Klaus den Kollegen zu beruhigen. „Pattrick Born hat die Fotos an die Laaspher Kollegen weitergegeben. Die kümmern sich jetzt auch und werden verstärkt die Augen aufmachen.“

„Verstärkt die Augen aufmachen. Haha“, lachte der ‚Freak‘ ein wenig irre. „Ich weiß nicht, ob das reicht. Immerhin sind zwei aus dieser Vierergruppe mittlerweile tot. Und wo die beiden anderen sind, davon hat keiner auch nur einen blassen Schimmer. Zum Kotzen ist das!“

„Jetzt komm’ mal wieder ’n bisschen runter, Sven. Alle versuchen ja ihr Möglichstes. Mehr geht im Moment nicht. Und wir müssen ganz nebenbei auch noch den oder die Täter suchen.“

Als Klaus Klaiser auf dem Stünzelplatz ankam, war, wie es so schön heißt, der Markt bereits verlaufen. Weitestgehend jedenfalls. Der Leichnam des jungen Mannes mit Vornamen Holger lag bereits im, allerdings noch offenen, Zinksarg. Eingepackt in einen weißen Leichensack, dessen Reißverschluss aber ebenfalls noch offen war. Ein SpuSi-Mann machte noch Fotos in Frontalaufnahme. Kein schöner Anblick. Der Schädel wirkte oberhalb der Stirn etwas verschoben. Die Augen waren noch halb geöffnet. Dazu seltsame Blutschlieren, die quer über die linke Wange des Toten liefen.

Corinna führte ein Gespräch mit Gert Steiner, dem Chef der Spurensicherung. Der war, ähnlich wie Klaus, trotz Dienstfrei von daheim bei Siegen hier hinaufgekommen, als er gehört hatte, dass es zwei Leichenfunde gab.

Jürgen Winter informierte sich derweil per Smartphone beim zuständigen Wetterdienst. „Kommissar Jürgen Winter, Polizei Bad Berleburg. Verzeihen Sie eine Frage. Können Sie mir sagen, wann in der vergangenen Nacht der Starkregen über dem Wittgensteiner Land eingesetzt hat?“ Was zu beantworten offenbar kein großes Problem für die Damen und Herren Meteorologen war. Sie wollten nur wissen, wo genau über Wittgenstein. Sie besaßen ja Computeraufzeichnungen der Wetterabläufe und der Wettermodelle. „Über Bad Berleburg-Stünzel. Ich weiß nicht, ob Sie das auf der Karte haben.“

„Stünzel, wie schreibt man das?“ Jürgen buchstabierte. „Aaah, kleinen Moment.“ Die Antwort brauchte wirklich nur einen Moment. „Ziemlich genau um 21.43 Uhr hat dort der Starkregen eingesetzt. Quasi von null auf hundert. Davor hatten wir keine messbaren Niederschläge in diesem Gebiet.“

Jürgen bedankte sich, unterbrach das Gespräch und kam nun auf Klaus Klaiser zu, dem er herzlich die Hand schüttelte. „Dieser Mann hier muss definitiv vor 21.43 Uhr heute Nacht gestorben sein“, teilte er dem Kripo-Chef mit.

„Wie kommst Du zu dieser Erkenntnis? Vor 21.43 Uhr.“

„Weil da der Regen eingesetzt hat. Und die Stelle unter der vom Regen nassen Leiche ist definitiv pulvertrocken. Schau hier.“ Er wies auf den hellen und trockenen Flecken, in dem zu Beweiszwecken auch ein dünner Grassoden abgestochen worden war. Eindeutig keine Feuchtigkeit im Boden. Auf einem Testflecken 20 Zentimeter neben der Liegefläche war der Boden dagegen dunkel und feucht.

„Ausgezeichnete Arbeit, Jürgen, danke“, sagte Klaus und klopfte ihm auf die Schulter. Mir wäre das gar nicht aufgefallen. Ich habe die Unterschiede im Gras erst gesehen, nachdem Du mich darauf aufmerksam gemacht hast. Dann ging er rüber zur Kollegin, die noch immer mit dem ‚Leichenfledderer‘ im Gespräch war. Die Oberkommissarin grüßte kurz durch Winken und versenkte sich wieder in die Unterhaltung mit dem Doktor.

„Grüße Sie, Herr Klaiser. Dachte, Sie wären im Urlaub. Aber schön, Sie zu sehen. Also passen Sie auf“, legte der plötzlich los, ohne auf Corinna Rücksicht zu nehmen. Und die nahm das sichtbar übel, konnte aber nicht einschreiten. Chef ist Chef.

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