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Matthias Boden Ein tödliches Komplott
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Matthias Boden Ein tödliches Komplott

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Der Ein­satz­lei­ter gab sich ge­schla­gen und gab An­wei­sung zu­sam­men­zu­pa­cken und die Woh­nung zu ver­las­sen. Im­mer­hin war Spears Bun­de­s­agen­tin des FBI und ge­gen­über ihm wei­sungs­be­fugt. Sei­ne Kol­le­gen pack­ten ihr mit­ge­brach­tes Equip­ment zu­sam­men und schlen­der­ten da­mit zum Aus­gang. Der Ein­satz­lei­ter war, der letz­te der ging und die bei­den Agen­ten mit dem Ser­geant al­lei­ne ließ. Spears folg­te ihm in den Gang und for­der­te Bar­ber auf, sich et­was an­zu­zie­hen. Dann schloss sie die Tür zum Schlaf­zim­mer und die bei­den Män­ner blie­ben al­lei­ne zu­rück. We­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter öff­ne­te Bar­ber die Tür und kam mit ih­rem Kol­le­gen aus dem Schlaf­zim­mer.

»Darf ich ih­nen einen Kaf­fee an­bie­ten?«, frag­te er die Agen­ten.

Spears ant­wor­te­te nach ei­nem kur­z­en Blick zu ih­rem Kol­le­gen »Ger­ne. Aber bit­te mit nor­ma­lem Zu­cker, falls sie wel­chen ha­ben.«

Bar­ber lach­te mit tiefer Stim­me und bat die bei­den in die Kü­che an den run­den Tisch aus hel­lem Kie­fern­holz. Er be­gann fri­schen Kaf­fee auf­zu­set­zen. Die Agen­ten setz­ten sich auf die Stüh­le. As­hleigh er­griff er­neut das Wort und rich­te­te ei­ne ers­te Fra­ge an Bar­ber.

»Trei­ben ih­re Kol­le­gen öf­ter sol­che Scher­ze mit ih­nen, Ser­geant?«

»Ei­gent­lich nicht. Ich kann mir auch nicht vor­stel­len, wer dar­an ein In­ter­es­se ha­ben soll­te. Wir ver­ste­hen uns un­ter­ein­an­der gut auf dem Re­vier, aber sol­che Scher­ze er­laubt sich kei­ner von uns. Die Be­am­ten ha­ben schon mehr als ge­nug zu tun, da muss man nicht noch ei­lig ei­ne Durch­su­chung beim Staats­an­walt be­an­tra­gen, ein Te­am zu­sam­men­stel­len und dann ei­ne Woh­nung aus­ein­an­der­neh­men. Au­ßer­dem ist es kaum mög­lich wäh­rend ich un­ter­wegs bin hier ein­zu­stei­gen oh­ne, dass ich es be­mer­ke. Nur mei­ne Nach­ba­rin be­sitzt einen Schlüs­sel zu mei­ner Woh­nung. Aber die ist der­zeit gar nicht in der Nä­he. Sie wur­de letz­te Wo­che mit Ver­dacht auf ei­ne Lun­gen­ent­zün­dung in die Kli­nik ge­bracht«, er­klär­te er freund­lich, als der Duft nach fri­schem Kaf­fee die hel­le Kü­che er­ober­te. Dann füg­te er hin­zu, »Mir scheint eher, dass man ver­sucht hat mir et­was an­zu­hän­gen. Al­ler­dings ist mir nicht klar, warum man da­zu Zu­cker in mei­nem Schlaf­zim­mer ver­ste­cken soll­te.«

»Genau das ist der Punkt, der mir auch un­be­greif­lich ist. Ein Dea­ler, der et­was ge­gen sie hat, wür­de wohl kaum Zu­cker ver­ste­cken, son­dern ei­ne gan­ze An­zahl ver­schie­de­ner Dro­gen über­all de­po­nie­ren und dann auf dem Re­vier an­ru­fen und ein Ver­bre­chen mel­den.«

Bar­ber dreh­te sich zu ihr um, lehn­te sich an die An­rich­te und frag­te, »Je­mand hat die Dienst­stel­le an­ge­ru­fen und ein Ver­bre­chen ge­mel­det?«

Cooper Knight er­wach­te aus sei­nen Tag­träu­men mit sei­ner Kol­le­gin in der Haup­trol­le, »Es gab einen An­ruf auf der Num­mer des Dro­gen­de­zer­nats. Ein Of­fi­cer hat ihn ent­ge­gen­ge­nom­men und die er­for­der­li­chen Schrit­te ein­ge­lei­tet. Der An­ru­fer hat auch ex­pli­zit auf das Schlaf­zim­mer ver­wie­sen, wo die Dro­gen an­geb­lich lie­gen wür­den. Man hat den An­ruf schon zu­rück­ver­folgt. Laut Aus­kunft der Tech­nik kam der An­ruf aus Fayet­te­ville in Ar­kan­sas.«

Der Ser­geant über­leg­te ei­ne Se­kun­de, »Schon wie­der ein An­ruf. Las­sen Sie mich ra­ten. Der An­ru­fer woll­te an­onym blei­ben und mich nur an­schwär­zen. Na­tür­lich nur ganz zu­fäl­lig, wenn ge­ra­de sie vom FBI bei uns auf­tau­chen. Bei Nash war es eben­falls so ein An­ruf, der uns auf die Spur ge­bracht hat. Ir­gend­je­mand ver­folgt wohl das Ziel mich aus dem Weg zu räu­men. Aber warum mit Kan­dis­zu­cker? Das er­gibt doch über­haupt kei­nen Sinn!«

»Wer war sonst noch in der Woh­nung au­ßer ih­nen? Sie hat­ten heu­te Abend de­fi­ni­tiv Be­such. Weib­li­chen Be­such wie ich ver­mu­te und hat­ten ein biss­chen Spaß in der Ho­ri­zon­ta­len, wie ich am Zu­stand des Betts er­ken­nen konn­te«, woll­te Spears wis­sen.

»Gu­te Er­mitt­lungs­ar­beit Spe­ci­al Agen­tin Spears«, lob­te Bar­ber. »Sie ha­ben recht. Ich war nicht al­lei­ne. Zu mei­ner Schan­de muss ich ge­ste­hen, dass mich ein­mal die Wo­che ei­ne jun­ge Da­me be­sucht. Auf die nä­he­ren De­tails muss ich hof­fent­lich nicht ein­ge­hen.«

»Mal ab­ge­se­hen da­von, dass sie ei­ne Pro­sti­tu­ier­te in An­spruch neh­men, was üb­ri­gens il­le­gal ist, geht es mir dar­um auf­zu­klä­ren, warum man zu sol­chen Mit­teln greift. Ganz zu schwei­gen von der Un­fä­hig­keit, wenn man statt ei­ner Dro­ge Kan­dis­zu­cker ver­steckt. An­ge­nom­men, der Fall Ed­win Nash und die­ses Schau­spiel hier ge­hö­ren zu­sam­men, muss die Da­me, die sie re­gel­mä­ßig be­sucht, dar­in ver­wi­ckelt sein. Ei­ne an­de­re Mög­lich­keit wür­de mir auf die Schnel­le jetzt nicht ein­fal­len. Wie heißt die Da­me, wo ar­bei­tet sie und wo ist sie zu fin­den?«, frag­te Spears ganz of­fen her­aus.

Bar­ber woll­te das nicht ein­fach so be­ant­wor­ten. Es war ihm mehr als un­an­ge­nehm von der FBI Agen­tin er­tappt wor­den zu sein. Wenn sie das wüss­ten, könn­te er auch gleich einen Aus­hang auf dem Re­vier ma­chen. Al­ler­dings war es of­fen­sicht­lich, dass sei­ne be­vor­zug­te Ser­vice­mit­ar­bei­te­rin et­was da­mit zu tun ha­ben muss­te und er es nicht mehr ver­schwei­gen durf­te. Des­we­gen er­zähl­te er ganz of­fen da­von, dass auf­grund sei­nes Jobs nicht viel Zeit für ei­ne Be­zie­hung blieb. Sei­ne ers­te Ehe war am Zeit­man­gel zer­bro­chen und durch die vie­len Schich­ten auf dem Re­vier ge­lang es ihm nicht ei­ne an­de­re Da­me für sich zu be­geis­tern. Na­tür­lich hat­te er, wie je­der an­de­re Mensch auch, das Be­dürf­nis nach Kör­per­kon­takt und Nä­he. Sein Ge­halt war zwar nicht sehr üp­pig, aber ein­mal die Wo­che leis­te­te er sich ei­ne jun­ge Frau aus die­sem Ge­wer­be. Sie nann­te sich Ma­de­lei­ne und ar­bei­te­te auf frei­wil­li­ger Ba­sis bei Em­ma Reed. Ihr Eta­blis­se­ment war nicht orts­ge­bun­den. Sie un­ter­hielt au­ßer­halb Port­lands meh­re­re klei­ne­re wirk­lich her­un­ter­ge­kom­me­ne Lä­den und tarn­te sie als Bar.

Sie selbst lei­te­te ih­re Ge­schäf­te über das In­ter­net und Te­le­fon. Wo sie al­ler­dings ih­re Un­ter­kunft hat­te, wuss­te nie­mand. Spears woll­te nicht glau­ben, dass man ih­ren Auf­ent­halts­ort nicht ganz ein­fach her­aus­fin­den konn­te. Ei­ne Ab­fra­ge der Te­le­fon­ge­sell­schaft oder der IP Num­mer ih­res Com­pu­ters wa­ren ei­ne Sa­che von we­ni­gen Mi­nu­ten. Bar­ber fing an zu schmun­zeln und er­klär­te, »Stel­len sie sich das nicht so ein­fach vor. Em­ma Reed hat gu­te Ver­bin­dun­gen bis in die höchs­ten Krei­se von Port­land. Fra­gen Sie mal einen Staats­an­walt nach ei­nem Be­schluss. Das dau­ert kei­ne Stun­de bis sie ei­ne Ab­sa­ge er­hal­ten, weil die Be­wei­se, die sie vor­le­gen, zu ge­ring wa­ren oder nicht aus­rei­chen wür­den. Die Sit­te hat schon die gan­zen Er­mitt­lungs­ak­ten der letz­ten Jah­re vor­ge­legt, die al­le auf Em­ma Reed hin­deu­te­ten, aber ein Be­schluss blieb ih­nen im­mer ver­sagt.«

»Ich darf an­neh­men, dass die Staats­an­wäl­te eben­falls al­lein­ste­hen­de Män­ner sind?«, frag­te Spears grin­send.

»Sehr gut ge­ra­ten Agen­tin Spears. Aber lei­der falsch. Drei der vier Staats­an­wäl­te sind ver­hei­ra­tet, in­klu­si­ve des Ober­staats­an­walts.«

»Ver­ste­he. Sie ha­ben wohl Abends sehr lan­ge im Bü­ro zu tun und be­ar­bei­ten dort die Stress­bäl­le in den De­kol­letés der Da­men. Falls die Ehe­frau­en da­von er­fah­ren, steigt die Schei­dungs­ra­te sprung­haft an. Da­rum will na­tür­lich auch nie­mand, dass in die­se Rich­tung er­mit­telt wird.«

Cooper Knight flüs­ter­te sei­ner Kol­le­gin et­was zu. Er woll­te die­se Auf­räum­ar­bei­ten nicht auch noch er­le­di­gen. Spears dach­te ein biss­chen dar­über nach, dann gab sie ihm einen Wink, der Zu­stim­mung si­gna­li­sier­te. Cooper ver­ließ dar­auf­hin die Kü­che des Ser­geants und zück­te sein Te­le­fon. Wäh­rend­des­sen un­ter­hiel­ten sich der Haus­be­sit­zer und die Agen­tin wei­ter. Er er­klär­te ihr, dass auch vie­le hoch­ran­gi­ge Po­li­ti­ker der Stadt in die Ak­ti­vi­tä­ten von Em­ma Reed ver­strickt wa­ren. Selbst der Bür­ger­meis­ter der Stadt war bei ih­ren An­ge­stell­ten als Kun­de ge­lis­tet. So­zu­sa­gen hat­te es Em­ma Reed im Lau­fe der Zeit ge­schafft al­le wich­ti­gen Stel­len er­folg­reich zu in­fil­trie­ren. Nie­mand trau­te sich in die­ses We­s­pen­nest zu ste­chen.

Spears muss­te ein­se­hen, dass in die­ser Rich­tung ei­ni­ges pas­sie­ren muss­te. Ei­ne Un­ter­neh­me­rin im Be­reich der Pro­sti­tu­ti­on kon­trol­lier­te die Stadt. Die­ser gan­ze Sumpf muss­te tro­cken­ge­legt wer­den. Es war nicht hin­nehm­bar von il­le­ga­len Ak­ti­vi­tä­ten, de­nen vie­le Ent­schei­dungs­trä­ger ver­fal­len wa­ren, blo­ckiert zu wer­den. Trotz­dem brauch­ten sie die Hin­wei­se die­ser Ma­de­lei­ne, wer denn hin­ter dem Kom­plott ge­gen den Ser­geant stand. Em­ma Reed fiel da­bei aus. Sie konn­te kaum ein In­ter­es­se dar­an ha­ben, einen Kun­den los­zu­wer­den, der je­de Wo­che ei­nes ih­rer Mäd­chen buch­te. Laut Bar­bers Aus­sa­ge hat­te sie mit Dro­gen auch nichts Hut. Ihr Ge­schäft war eben­falls il­le­gal, aber die Stra­fen da­für wa­ren weit nied­ri­ger. Bar­ber gab aber auch zu, dass ei­ni­ge ih­rer Mäd­chen, die sie kon­trol­lier­te, ab­hän­gig von die­sem Zeug war. Sie ver­kauf­ten ih­re Kör­per, um an das be­nö­tig­te Geld zu kom­men, ih­re Sucht zu fi­nan­zie­ren.

Kurz dar­auf kam Cooper Knight wie­der zu­rück. Er hat­te in Wa­shing­ton an­ge­ru­fen und mit dem Verant­wort­li­chen ih­res Ein­sat­zes ge­spro­chen. Er woll­te sich um das wei­te­re küm­mern. Knight zeig­te sei­ner Kol­le­gin den Dau­men nach oben. Da­mit wuss­te sie auch Be­scheid, dass der Agen­ten­füh­rer im Haupt­quar­tier ih­rer Bit­te ent­spro­chen hat­te. Wäh­rend sie zu dritt die Kan­ne fri­schen Kaf­fees ge­nos­sen, stell­ten sie im­mer neue Ver­mu­tun­gen auf, wer ein In­ter­es­se dar­an ha­ben könn­te, Ser­geant Bar­ber aus dem Weg zu räu­men. Der Be­am­te kann­te sei­ne Kan­di­da­ten schon lan­ge ge­nug. Kei­ner der bei­den Baro­ne, die in der Stadt den Markt kon­trol­lier­ten, hat­ten ernst­haf­te Ver­su­che un­ter­nom­men, ihn los­zu­wer­den. Mehr­heit­lich be­kam er so­gar aus den bei­den La­gern Hin­wei­se zu grö­ße­ren Lie­fe­run­gen. Schein­bar wa­ren Ar­thur An­tu­nes und Ky­lie Richard­son nicht be­strebt ei­nem Neu­an­kömm­ling einen Teil der Stadt zu über­las­sen.

11. Kapitel

Bahamas, Nassau

Das Te­am um Liz Croll war ge­ra­de in ih­rem Bü­ro beim Mit­ta­ges­sen als das Te­le­fon klin­gel­te. Micha, der ge­ra­de mit fri­schem Saft für die Kin­der aus der Kü­che kam, stell­te die Kar­af­fe auf den Schreib­tisch der An­füh­re­rin und nahm den Hö­rer ab.

»Wer stört?«, frag­te er et­was brum­me­lig.

Das Ge­spräch, was eher ein Mo­no­log war, dau­er­te ei­ni­ge Mi­nu­ten. Je län­ger er den Hö­rer in der Hand hielt, um­so mehr ver­dun­kel­te sich sei­ne Mie­ne. Dann sag­te er, »Ich ge­be es wei­ter, Rhon­da«, und leg­te auf. Wäh­rend er die Kar­af­fe wie­der an­hob und sich auf den Weg zum Tisch mach­te, setz­te er wie­der sein Po­ker­face auf. Zu­erst schenk­te er den vier Kin­dern den ge­kühl­ten Saft ein, be­vor er sich wie­der auf sei­nen Platz setz­te und das Te­am un­ter­rich­te­te.

»Rhon­da hat an­ge­ru­fen. Wir sol­len in Ame­ri­ka dem FBI hel­fen ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on auf­zu­de­cken. Sie nen­nen sich SNB und las­sen Dro­gen, so­wie Waf­fen durch ein­fa­che, meist jun­ge Stu­den­ten und Be­rufs­an­fän­ger mit we­ni­ger Geld die Wa­ren quer durchs Land trans­por­tie­ren. Das FBI hat zwei Agen­ten ab­ge­stellt, die das un­ter­su­chen sol­len, die al­ler­dings in Ly­on an­ge­ru­fen ha­ben und Un­ter­stüt­zung brau­chen. Amy und ihr Te­am sind ge­ra­de in Schwe­den un­ter­wegs, was be­deu­tet wir sol­len de­nen hel­fen.«

»Da kann mal wie­der se­hen, was das für Blind­gän­ger sind«, scherz­te Mi­ke. »Kaum wird es et­was schwie­ri­ger, brau­chen sie Hil­fe, um einen Ta­ge­dieb zu über­füh­ren.«

Da­mi­en, der Sohn von Liz, der ge­ra­de auf ei­nem Stück Fleisch kau­te, frag­te in die Run­de »Was ist ein Ta­ge­dieb? Klaut der an­de­ren Ta­ge?«

Das Te­am be­gann zu la­chen. Die Kin­der mach­ten fra­gen­de Ge­sich­ter. Aus ih­rer Sicht war die Fra­ge an die Er­wach­se­nen mehr als be­rech­tigt. Mi­cha­el kann­te das schon von sei­nen bei­den Mäd­chen. In dem Al­ter stell­ten sie den Tag über mehr als ge­nug Fra­gen. Er stand auf und knie­te sich ne­ben die Kin­der am Tisch, als er er­klär­te, »Der Aus­druck Ta­ge­dieb ist ein al­tes deut­sches Sprich­wort, was be­reits vor 200 Jah­ren schon ge­bräuch­lich war. Jo­hann Wolf­gang von Goe­the, ein be­rühm­ter deut­scher Dich­ter, ver­wen­de­te den Ta­ge­dieb schon in sei­nen Wer­ken. Es be­zeich­net ei­ne Per­son, die kei­ner nütz­li­chen Be­schäf­ti­gung nach­geht und den gan­zen Tag nichts tut.«

Die Ant­wort reich­te den Kin­dern aus und sie küm­mer­ten sich wei­ter um ihr Mit­ta­ges­sen. Den Müt­tern ge­fiel es wie der ehe­ma­li­ge Bo­dy­guard mit den Kin­dern um­ging. Leo­nie und Dol­ly er­leb­ten das täg­lich zu Hau­se. Die bei­den Mäd­chen wa­ren stän­dig am Fra­gen und Micha er­klär­te ih­nen ge­dul­dig al­les, was sie wis­sen woll­ten. Liz und Ka­rya­ni be­wun­der­ten die­se Fä­hig­keit bei ihm. Sie hat­ten nach ei­ni­gen Stun­den in­ten­si­ven Fra­gens der Kin­der nicht mehr die Ner­ven al­les zu er­klä­ren. Ihn schi­en das nicht zu stö­ren, ob­wohl Leo­nie und Dol­ly wuss­ten, dass er teil­wei­se auch ge­nug da­von hat­te. Al­ler­dings war es ihm wich­tig sei­nen bei­den ge­lieb­ten Kin­dern ih­re Fra­gen zu be­ant­wor­ten so gut er das konn­te.

Liz woll­te das The­ma jetzt nicht beim Mit­ta­ges­sen an­spre­chen und gab non­ver­ba­le Hin­wei­se an ih­re Freun­de. Nach dem Es­sen, wenn die vier wie­der zu­sam­men spiel­ten, blieb noch ge­nug Zeit, das al­les zu dis­ku­tie­ren. Na­tür­lich gab es kei­ne pas­sen­de­re Zeit, als sie ge­nau dann wie­der in der Welt her­um­zu­schi­cken, als ih­re Kin­der ge­ra­de ih­re Fe­ri­en hat­ten. Ihr ge­fiel das nicht. Wie­der ein­mal muss­ten sie ih­ren Nach­wuchs al­lei­ne zu­rück­las­sen und Ver­bre­cher aus­fin­dig ma­chen. Für die Müt­ter war das im­mer wie­der ei­ne Her­aus­for­de­rung. Ja­son war nicht mehr in der La­ge sich ei­ni­ge Wo­chen um al­le vier zu küm­mern. So­lan­ge sie noch klein wa­ren und im Sand zu­sam­men spiel­ten, konn­te er sie be­auf­sich­ti­gen und sich um ih­re Be­dürf­nis­se küm­mern. Mitt­ler­wei­le wa­ren sie aber nicht mehr zu hal­ten und ent­wi­ckel­ten ei­ge­ne Ide­en.

Im Hau­se Korn und Pa­re­des gab es die­ses Pro­blem nicht mehr. Die drei hat­ten schon seit Mo­na­ten zwei Stu­den­tin­nen en­ga­giert, die sich um die bei­den Mäd­chen be­müh­ten. Sie wech­sel­ten sich bei der Kin­der­be­treu­ung ab, wenn die El­tern mal wie­der un­ter­wegs wa­ren. Da­mi­en blieb na­tür­lich bei sei­nem Va­ter, so­lan­ge Liz auf Tour war. Nur Ka­rya­ni und Mi­ke, die ja bei­de zum Te­am ge­hör­ten, brauch­ten für Mi­ka je­man­den. Da sie aber bis­her nie­man­den ge­fun­den hat­ten der auf ih­ren drei­jäh­ri­gen auf­pas­sen konn­te, durf­te er für die Zeit zu Va­le­ria und Emi­lia. Da war er un­ter sei­nen Freun­den und die Stu­den­tin­nen küm­mer­ten sich um die An­lie­gen des kleins­ten.

Nach dem Mit­ta­ges­sen räum­te Mi­cha­el den Tisch ab und die Kin­der wid­me­ten sich wie­der ih­rer Ta­ges­be­schäf­ti­gung. Da­nach fand er sich dann vor der Tür ein, um mit Leo­nie und Liz, die bei­den Rau­che­rin­nen, einen Glimm­stän­gel zu in­ha­lie­ren. Leo­nie mach­te sich Sor­gen dem FBI un­ter die Ar­me grei­fen zu müs­sen. Es war zwar ein paar Jah­re her, seit sie in Hou­ston von ex­akt die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on ver­haf­tet wor­den war. So viel Gu­tes war ihr in der Zwi­schen­zeit pas­siert, was sie un­ter kei­nen Um­stän­den wie­der ver­lie­ren woll­te. Sie hat­te Mi­cha­el und Do­lo­res an ih­rer Sei­te, durf­te sich über die Ge­burt ih­rer Toch­ter freu­en und ih­re Halb­schwes­ter mach­te das Glück per­fekt. Liz wuss­te das na­tür­lich, sie war ja haut­nah da­bei, wie sich das al­les ent­wi­ckel­te. Ih­re Angst er­kannt zu wer­den war re­gel­recht spür­bar.

Mi­cha­el emp­fand die vor ih­nen lie­gen­de Auf­ga­be als ex­trem un­an­ge­nehm. Er mach­te ge­gen­über der Te­am­che­fin auch kei­nen Hehl dar­aus. Mit Aus­nah­me von Micha und Do­lo­res wa­ren sie in den USA im­mer ge­fähr­det. Mi­ke muss­te vier Jah­re im Ge­fäng­nis brum­men, sei­ne ge­lieb­te Frau wur­de we­gen di­ver­ser Straf­ta­ten ge­sucht und Leo­nie als ehe­ma­li­ge Auf­trags­kil­le­rin ent­kam mit­hil­fe von Liz und Mi­ke aus den Fän­gen des FBI. Falls man sie er­ken­nen wür­de, was leicht pas­sie­ren konn­te, wa­ren sie al­le ge­fähr­det. Dem gan­zen Te­am war nicht wohl da­bei in der Höh­le des Lö­wen ar­bei­ten zu müs­sen.

Liz ver­sprach den bei­den sich schon im ei­ge­nen In­ter­es­se dar­um zu küm­mern. Be­vor sie zu ei­ner Be­spre­chung zu­sam­men­ka­men, rief sie Rhon­da Mil­ler in Ly­on an.

Die Di­rek­to­rin von In­ter­pol mel­de­te sich schon nach dem ers­ten Klin­gel­zei­chen, »Hal­lo Liz, was brauchst du?«

»Si­cher­hei­ten Rhon­da. Du weißt, dass un­ser ge­sam­tes Te­am in den Ve­rei­nig­ten Staa­ten ex­trem ge­fähr­det ist. Falls je­mand von uns dort er­kannt wird sind wir und un­se­re Fa­mi­li­en in Ge­fahr. Wir möch­ten nicht auf dem Prä­sen­tier­tel­ler sit­zen, oh­ne ir­gend­wie ab­ge­si­chert zu sein«, leg­te Liz los.

»Ich woll­te ei­gent­lich Amys Te­am schi­cken, aber die sind an­der­wei­tig ge­bun­den und ich ha­be nur euch zur Ver­fü­gung. Ich weiß um die Ver­stri­ckun­gen Be­scheid. Ihr habt von mei­ner Sei­te aus jeg­li­chen Rück­halt den ihr braucht. Um es ganz deut­lich zu for­mu­lie­ren, und das kannst du ger­ne al­len aus­rich­ten, falls euch ir­gend­was pas­siert, ihr er­kannt wer­det oder ir­gend­je­mand ge­gen euch vor­ge­hen will, dürft ihr un­ge­straft je­den um­le­gen. Ihr habt je­des Recht, das in eu­ren Ar­beit­s­pa­pie­ren steht und das welt­weit«, er­klär­te Rhon­da ein­dring­lich.

»Was pas­siert, wenn man uns di­rekt vor Ort ver­haf­tet?«, woll­te Liz wis­sen.

»Dann, mei­ne lie­be Liz, bin ich ver­sucht je­den ein­zel­nen In­ter­pol­mit­ar­bei­ter in die Staa­ten zu ent­sen­den und euch da raus­zu­ho­len. Falls sie es wirk­lich ver­su­chen soll­ten, lernt die­ser Staat wie es sich an­fühlt Krieg zu spie­len. Aber die­ses Mal in der Hei­mat di­rekt vor der ei­ge­nen Haus­tür.«

Liz konn­te sich ein Grin­sen nicht ver­knei­fen. »Wol­len wir hof­fen, dass es nicht so weit kommt!«

»Kann ich sonst noch was für euch tun?«

»Der­zeit nicht Rhon­da. Wir mel­den uns, wenn wir et­was brau­chen. Dan­ke!«, ent­geg­ne­te die An­füh­re­rin und leg­te dann auf.

Nach ei­ner kur­z­en Pau­se bat die Che­fin ihr Te­am an den Tisch zur ers­ten Be­spre­chung. Mi­ke, der Ha­cker des Te­ams, hat­te be­reits die Un­ter­la­gen, die man ih­nen zur Ver­fü­gung stell­te, über­flo­gen und konn­te die Hin­wei­se wei­ter­ge­ben. Die Kin­der wa­ren drau­ßen be­schäf­tigt und spiel­ten fan­gen. Das gab ih­nen ge­nug Zeit sich das al­les an­zu­hö­ren. Be­vor Mi­ke sei­nen Be­richt los­wer­den durf­te, be­ru­hig­te Liz ihr Te­am und gab ih­nen das Er­geb­nis ih­res Ge­sprächs mit Rhon­da Mil­ler wei­ter.

»Wir al­le sind in den Ve­rei­nig­ten Staa­ten ge­fähr­det, das will ich auch nicht in ir­gend­ei­ner Form schön­re­den. Ich ha­be mit Rhon­da in Ly­on te­le­fo­niert und sie um Si­cher­hei­ten ge­be­ten. Sie steht hin­ter uns bei al­lem was pas­siert. Sie er­laubt uns je­den zu kil­len der ge­gen uns vor­geht, egal wer es auch sein soll­te. Falls man uns ver­haf­tet wird sie al­le He­bel in Be­we­gung set­zen uns her­aus­zu­ho­len. Not­falls ist sie auch da­zu be­reit, ganz In­ter­pol zu be­waff­nen und einen Krieg ge­gen die Ame­ri­ka­ner vom Zaun zu bre­chen. Sie hat mich noch ein­mal an un­se­re Ar­beit­s­pa­pie­re er­in­nert, in de­nen uns zu­ge­si­chert wird, je­des auch il­le­ga­le Mit­tel an­zu­wen­den, das wir für er­for­der­lich hal­ten. Uns kann al­so nichts pas­sie­ren.«

Mi­cha­el rich­te­te ein Wort an Liz, »Mit dei­ner Er­laub­nis Queen wür­de ich ger­ne an­re­gen, dass un­se­re Fa­mi­li­en, ins­be­son­de­re die Kin­der, wäh­rend un­se­rer Ab­we­sen­heit zu­min­dest durch Schuss­waf­fen ge­si­chert sind. Da­zu wür­de ich ger­ne min­des­tens drei al­te Kol­le­gen hier­her be­or­dern, die auf­pas­sen, dass nichts pas­siert!«

»Meinst du wirk­lich, das wird nö­tig sein, Micha?«, woll­te Ka­ry wis­sen. »Wir ha­ben un­se­re Tar­ni­den­ti­tä­ten im Aus­land zwar ab­ge­legt und ope­rie­ren wie­der un­ter un­se­ren nor­ma­len Na­men, aber ich glau­be nicht, dass je­mand Rück­schlüs­se auf den Wohn­ort un­se­rer Kin­der zie­hen kann.«

»Nenn es mei­net­we­gen Vor­sicht oder völ­lig be­scheu­ert, aber ein blö­der Zu­fall wür­de aus­rei­chen sie aus­fin­dig zu ma­chen und wir wol­len al­le nicht das ih­nen auch nur das ge­rings­te pas­siert«, gab er zu be­den­ken.

Al­le mach­ten sich Ge­dan­ken um ih­re Kin­der. Nie­mand woll­te, dass ih­nen et­was ge­schieht und sei­ne Be­den­ken wa­ren nicht von der Hand zu wei­sen. Das Fe­deral Bu­reau of In­ves­ti­ga­ti­on hat­te ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten den Auf­ent­halts­ort zu er­mit­teln, auch au­ßer­halb der Ve­rei­nig­ten Staa­ten. Liz er­in­ner­te ih­re Mit­strei­ter an den Fall ›Ika­rus‹, der in Eng­land sei­nen Ab­schluss fand. Da­mals war es so­gar not­wen­dig, einen Kil­ler, der auf sie an­ge­setzt war, vor der Bar ih­res Man­nes aus­zu­schal­ten. Dort war es ei­nem Pri­vat­mann ge­lun­gen, die Adres­se aus­fin­dig zu ma­chen. Leo­nie beug­te sich zu ih­rem Ehe­mann und flüs­ter­te ihm et­was ins Ohr. Er nahm sich einen kur­z­en Mo­ment Zeit, um über ih­ren Vor­schlag nach­zu­den­ken. Micha nick­te nur stumm. Liz, die das mit­be­kam, woll­te wis­sen, was Leo­nies An­lie­gen war.

Die klei­ne Blon­di­ne er­klär­te, »Emi­lia trai­niert an Waf­fen, wie ich als Kind. Sie hat von François ei­ne töd­li­che Hand­feu­er­waf­fe ge­schenkt be­kom­men. Ich möch­te, dass sie im Not­fall sich, Va­le­ria und Mi­ka ver­tei­di­gen kann, so­zu­sa­gen als letz­te Ver­tei­di­gungs­li­nie. Ganz da­von ab­ge­se­hen, was wir hier ent­schei­den.«

»Früh übt sich, wer ei­ne Meis­te­rin wie ih­re Mut­ter wer­den will«, ver­such­te Mi­ke einen klei­nen Scherz.

Die An­füh­re­rin hat­te ge­nug da­von und woll­te zu ei­nem En­de kom­men. Des­halb ließ sie die Trup­pe über Michas Vor­schlag ab­stim­men. Al­le scho­ben ih­re Be­den­ken im In­ter­es­se ih­rer Kin­der bei­sei­te und stimm­ten dem An­ge­bot zu. Micha ließ dar­auf­hin die an­de­ren kurz al­lei­ne und te­le­fo­nier­te vor der Tür mit ei­nem al­ten Kol­le­gen. Wäh­rend­des­sen un­ter­hielt sich das Te­am über Emi­li­as Hob­by und die Fort­schrit­te, die sie schon ge­macht hat. Do­lo­res er­wähn­te auch, dass sie ihr bei­ge­bracht hat­ten, nie auf Le­be­we­sen an­zu­le­gen, mit der Aus­nah­me, wenn ihr oder ih­ren Freun­den Ge­fahr droh­te. Ka­rya­ni be­gann zu la­chen. Sie hat­te al­so die glei­che Ent­wick­lung wie Leo­nie vor sich, nur mit dem Un­ter­schied nicht auf die schie­fe Bahn zu ge­ra­ten.

Kurz dar­auf kam Micha von sei­nem Te­le­fonat zu­rück und be­rich­te­te, »Ich ha­be einen al­ten Kum­pel an­ge­ru­fen. Er kommt mit drei wei­te­ren Bo­dy­guards zu uns und passt auf un­se­re Fa­mi­li­en auf wäh­rend wir weg sind. Die Be­zah­lung ist be­reits ge­re­gelt.«

»Okay, dan­ke Micha«, sag­te Liz und dreh­te sich zu Mi­ke um. »Mi­ke, bring uns auf den neues­ten Stand, was ha­ben wir vor uns?«

Die vier Frau­en und Mi­cha­el schlos­sen die Au­gen und ent­spann­ten sich. Sie hat­ten die Metho­de von Mi­cha­el über­nom­men, der sich so die Fak­ten no­tier­te. Der Ha­cker räus­per­te sich kurz, rück­te auf dem So­fa nach vor­ne und be­gann zu re­fe­rie­ren, »Ei­ne un­be­kann­te Grup­pe setzt in den gan­zen Staa­ten ein­fa­che Bür­ger als Ku­rie­re für Dro­gen und Waf­fen ein. Sie tar­nen sich als Ge­heim­dien­st­or­ga­ni­sa­ti­on mit dem Kür­zel SNB. Seit et­was mehr als fünf Mo­na­ten wer­den über­all im Land im­mer wie­der Pri­vat­per­so­nen mit Cry­stal Meth oder ver­schie­de­nen ver­bo­te­nen Waf­fen er­wi­scht und lan­den da­für hin­ter Git­tern. An­ge­wor­ben wer­den sie mit ein­fa­chen Brie­fen und Bar­geld, das sie in ih­rem Brief­kas­ten fin­den, wenn sie einen Auf­trag er­le­digt ha­ben. Die Ur­he­ber konn­ten bis­her nicht er­mit­telt wer­den. Das FBI hat zwei Agen­ten an­ge­wie­sen, dem nach­zu­ge­hen. Ei­ne Spe­ci­al Agen­tin As­hleigh Spears und einen Spe­ci­al Agent Cooper Knight. Sie be­fin­den sich der­zeit in Port­land und sind be­sorgt, weil sie zu we­nig Per­so­nal ha­ben. Das FBI hat bei In­ter­pol um Un­ter­stüt­zung ge­be­ten. Trotz mehr­fa­cher Über­wa­chung der Lie­fe­run­gen konn­te bis­her nie­mand der Or­ga­ni­sa­ti­on ent­tarnt wer­den. Di­rekt vor den Au­gen der Po­li­zei sind Be­weis­mit­tel aus ei­ner Lie­fe­rung ver­schwun­den oh­ne, dass es be­merkt wur­de. Un­ser Auf­trag lau­tet, mit den bei­den Agen­ten die Or­ga­ni­sa­ti­on SNB aus­fin­dig zu ma­chen und die Hin­ter­grün­de auf­zu­de­cken.«

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