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Bernd Boden Dismatched: View und Brachvogel
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System / ClockedCounter / Update_567 / Takt_19.870.261
„Geckos kleben löst die Traumerinnerung.“
unbekannter Oneironaut
Eng mit dem Gesicht zur Wand ihres Hexagons hin gekauert hockte die Citizen, das linke Bein ausgestreckt und das rechte unter ihrem Gesäß angewinkelt, hinter einer Ecke ihres ManagingDesks; einem der beiden toten Winkel, die nicht vollständig von ihrem MatchingEye eingesehen werden konnten. Vergaußt, sie hasste es, sich derart zu verrenken, aber es war nötig, denn so waren Hinterkopf, linkes Bein und linke Schulter gut sichtbar und solange die Kameralinsen ihres Eyes nicht mehr als 70 Prozent ihrer Körpermasse aus dem Focus verloren, würde kein Alarm ausgelöst werden. Ihre rechte Seite aber war verdeckt und in der gewölbten linken Hand fast verborgen umklammerte sie ein kleines Gadget, das sie mit der rechten hektisch bearbeitete.
Lalic4j8 oder Esther, wie sie in Kreisen der Oneironauten genannt wurde, bereitete sich auf ihren ersten Außeneinsatz vor. Das Gadget, das sie in der Linken barg, war ein DreamKey, eine HackWare, mittels derer sie ihr Drittes Auge auf Traumzeit umstellen würde. Über entsprechend segmentierte und manipulierte Kopien von automatisch aufgenommenen Recordings der MatchingEyes war es den Oneironauten gelungen, sich einen Freiraum zu schaffen, innerhalb dessen sie von den omnipotenten Agenten des Systems unbeobachtet agieren konnten: die Traumzeit. Sie hatten für jeden „Nauten“ ein umfangreiches und äußerst aufwändig gestaltetes Set von Fake-Schleifen entwickelt, die in sein Eye eingelesen werden konnten und ihn, während er einer subversiven Tätigkeit nachging, in unverfänglichen Situationen zeigten. Neben Modulen, die auf der üblichen Alltagsroutine des jeweiligen Nauten aufbauten, gab es auch etliche, RedAlertFakes genannte Settings, die eingesetzt werden konnten, um in kritischen Situationen der individuellen Überwachung eines MatchingEyes zu entkommen.
In der Regel provozierte es einen Alarm und den sofortigen Zugriff des Systems auf den Echttaktspeicher eines Eyes, der den synchronen Stream der Aufzeichnung enthielt, wenn die im Blutkreislauf der Citizens zirkulierenden Nanobots eine sprunghafte Veränderung ihres Körperstatus meldeten. Und da die Aktionen der Oneironauten meist mit aus dem Mittel fallenden Ortswechseln und hoher innerer Anspannung und Aufregung verbunden waren, manipulierte der Traumzeit-Hack neben dem Recording auch das GeoTracking und die Körperstatusdaten.
Esther, die inzwischen derart aufgeregt war, dass sie neben ihrem hämmernden Puls förmlich zu spüren vermeinte, wie auch ihr Blutdruck kontinuierlich anstieg, war sich sicher, dass sie jetzt unausweichlich einen Alarm ausgelöst hätte, würden ihre Körperstatusdaten nicht durch den Hack künstlich unterhalb einer unbedenklichen Schwelle gehalten. Um einen Alarm zu verhindern, hatte sie wohlweislich auch schon lange im Vorfeld, bevor sie ihren DreamKey zur Hand genommen hatte, damit begonnen, ihre Nervosität mit speziellen Atemtechniken einzudämmen.
Sie musste ihre Aktion im Rahmen eines großzügig gepufferten Zeitfensters planen, das zwischen den RetrievalPoints lag, an denen das System die für die dauerhafte Archivierung bestimmten Daten aus dem Zwischenspeicher ihres Eye abrief; Takt 43.200 und 86.400. Da das System alle seine stationären und mobilen Agenten als unmittelbare organische Verlängerung der eigenen Hardware betrachtete, liefen die Eyes in der Zeit zwischen den RetrievalPoints völlig autonom. An den RetrievalPoints aber wurde ein Sicherheitsstatus gezogen und dazu ein Monitoring sämtlicher in die Software eines Eyes implementierten Parameter vorgenommen. Es war nahezu unmöglich, eine Fake-Schleife über einen solchen Abfragepunkt hinweg aufrecht zu halten, ohne dass der Hack entdeckt werden würde. Esthers Aktion sollte Takt 72.000 starten und maximal 3 MacroTakte dauern; sie würde also genügend Takt haben, bis das System am nächsten RetrievalPoint die zu archivierenden Daten von ihrem Eye abzog.
Sie konnte aber nicht einfach voraussetzungslos eine Fake-Schleife einspielen, sondern musste dazu vielfach äußerst knifflige Übergangs- und Anschlussstellen einnehmen, um die Schnittstellen, an denen der Fake beginnen und enden sollte, mit dem automatischen Recording ihres Eyes zu synchronisieren. Je nahtloser Fake und Recording ineinander übergingen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Fake nicht aufflog. Aus diesem Grund begann und endete jede Fake-Sequenz mit einem statischen Setting, das die bewegungslose Esther isoliert von anderen Citizens vor einem Hintergrund zeigte, der sich nicht veränderte. Die Position, die sie dazu jeweils als Anschlussstelle während des automatischen Recordings einnahm, musste mit den Einstellungen des jeweiligen Fakes deckungsgleich sein.
In Bezug auf Sequenzen, die in ihrem Hexagon spielten, war die Erstellung solch eines passenden Kongruenzsettings kein Problem. Wollte sie dagegen ihr Eye außerhalb ihrer 6 Wände zu einem Ausflug in die Traumzeit überreden, war dies schon schwieriger. Das Andocken einer Fake-Schleife an ein Außensetting war immer dann erforderlich, wenn sie zu einer Aktion auf einem weiter entfernten Ground aufbrach oder zu einer Traumsitzung im Refugium der Oneironauten eingeladen war, das in den Katakomben unter GroundZero lag. Es war in jedem Fall sicherer, die Dauer einer Fake-Schleife so kurz wie möglich zu halten. Auf dem Weg zu einer Traumsitzung fuhr sie also zunächst unter den wachsamen Augen ihres Eyes zu einer auf GroundOne gelegenen Station der AntiGrav, die sich dadurch auszeichnete, über mehrere tote Winkel zu verfügen, in deren Schutz sie ihren DreamKey entsprechend der aktuell vorgefundenen Situation programmieren konnte. Wenn sie dann eine geeignete Ausgangsposition einnahm, an der sie das Recording ihres Eyes auf eine Fake-Schleife umstellen konnte – beispielsweise eine Shoppingtour, die just an dieser Station der „Grav“ begann –, musste sie darauf achten, dass weder andere Citizens noch der Stream eines InfluenceBoards oder hinter ihr dahingleitende Cabs in den Focus ihres Eyes gerieten. Um hier den richtigen Moment abzupassen, war es erforderlich, ständig den Überblick zu behalten und dann blitzschnell zu reagieren. Zu ihrem großen Bedauern hatte Esther schon so manche Sitzung ausfallen lassen müssen, weil sich mindergauß keine passende Gelegenheit ergeben hatte, ihre Position entsprechend freizustellen. Alle Fake-Schleifen endeten immer in ihrem Hexagon, so dass zumindest hier keine Schwierigkeit bestand, den Fake wieder in das normale Recording zu überführen.
Da ihre aktuelle Aktion sie nicht so weit weg führen würde, startete sie die dafür erforderliche Traumzeit von ihrem Hexagon aus und wählte eine Szene, die sie auf ihrem RestBoard liegend zeigte, während sie Musik hörte und daran anschließend dokumentierte, wie sie noch etwas Housekeeping erledigte, sich danach in ihrer Nasszelle mit einer üppigen Ganzkörperaquamassage für ihre Ruhephase fertig machte und sich dann auf ihr RestBoard legte. Der Fake lief exakt 3 MacroTakte, so dass sie sich gegen Takt 82.800 wieder in ihrem Hexagon einfinden musste. Den Beginn der Schlafsequenz würde sie zeitlich auch noch etwas strecken können, so dass sie noch einen Puffer hatte, sollte ihr etwas dazwischenkommen und ihre Aktion länger als geplant dauern.
Nachdem Esther ihren DreamKey entsprechend programmiert hatte, verbarg sie ihn so in ihrem Suit, dass sie den Startbutton durch den Stoff hindurch ertasten und betätigen konnte und arbeitete sich wieder hinter ihrem ManagingDesk hervor. Dann fuhr sie ihr RestBoard aus, legte sich rücklings ausgestreckt flach darauf und positionierte die linke Hand direkt an dem Button ihres DreamKeys. Diese Körperhaltung entsprach genau dem Eingangssetting der Fake-Schleife, die sie gewählt hatte. Per VoiceResponse schaltete sie ihre SoundSpheres ein und wählte den Anfang von „We all march to the Middle“, das dann auch in ihrer Fake-Schleife einsetzen würde.
Im Grunde aber war ihr die Musik völlig egal. Im Grunde war auch ihr Leben unter dem MatchingEye völlig egal: ein Fake. In ihrem Job – sie war JuniorAdvisor bei einem der Betreiber der groundgebundenen AntiGrav – im OmniNet und den MatchingSessions verhielt sie sich wie eine Citizen, die begeistert Angebote wahrnahm und ihre Wahlmöglichkeiten nach allen Maßgaben ihres BuyingGuards voll ausschöpfte. Sie verkörperte die exakte abstrakte Mitte einer völlig ebenmäßigen Gaußkurve auf zwei Beinen: Sie war immer, im Rahmen einer jeden Wahl, einer jeden Kategorisierung und zu jedem Takt absolut und zu 100 Prozent gemittelt. Ihr wirkliches Leben aber spielte sich in der Traumzeit ab.
Jetzt dreimal tief durchatmen und dann vorsichtig, so, als würde sie sich kratzen, den Button ihres DreamKeys drücken. Ein leichtes Vibrieren bestätigte ihr, dass ihr Hack geglückt war: Traumzeit! Es hatte immer etwas aufregend Befreiendes, dem alles durchdringenden Blick des Dritten Auges entronnen zu sein. Im Grunde genommen konnte sie jetzt alles tun, was sie nur wollte, ohne befürchten zu müssen, reglementiert und von ihren sogenannten Mates in die zermürbende Routine eines MatchingLoops gezwungen zu werden, um wieder „gemittelt“ zu sein. Aber natürlich wäre es völlig verfehlt, die Traumzeit für irgendwelche mindergaußen Aktionen zu nutzen, dazu war sie den Oneironauten und allem, was sie mit dem Erlebnis des Träumens verband, viel zu sehr verbunden und verpflichtet. Denn nicht die Überlistung der Eyes und die Einleitung der technischen Traumzeit war es, worum es wirklich ging, sondern um das Träumen als solches. Ihr ganzes Bestreben drehte sich um das, was die Traumzeit an der Erfüllung naiver Neugier, grenzenlosen Hoffnungen, ziehenden Sehnsüchten, an neuem Erleben, tiefem Empfinden und ja – überwältigenden Träumen – bereithalten mochte.
Sie erinnerte sich noch sehr eindrücklich daran, wie es gewesen war, als sie zum ersten Mal die Erfahrung gemacht hatte zu träumen. Irgendwie war sie damals schon lange von dem deprimierenden und verflachenden Gefühl niedergedrückt worden, dass sich ihr Leben in einer endlosen Schleife der immer gleichen Routinen erschöpfte. Alles und jedes war berechnet, vorherbestimmt und absehbar. Ihr ganzes Leben war gemäß den Anträgen des Systems durchgetaktet und von den Mittelungen der Agency of SocialTechnology und den MatchingLoops ihrer Mates fixiert wie die auf Nadeln gespießten Urinsekten in ihren durchsichtigen ConservationBoxes, die sie einmal bei einem Besuch im AnimalDrom gesehen hatte. Jeder Tag begann auf die gleiche Weise, verlief auf die gleiche Weise und endete auf die gleiche Weise. Die wenigen Veränderungen, die sie erlebt hatte, zeichneten sich schon, lange bevor sie eintraten, mit exakt quantifizierbarer Eintretenswahrscheinlichkeit und Sicherheit ab, so dass sie sich, wenn sie dann gemäß sämtlicher Anträge des Systems und nach allen Regeln der Agency gemittelt umgesetzt waren, nicht nach etwas Neuem anfühlten, sondern nur als fade Fortsetzung der üblichen Routine. Es war, als liefen die im Mittel erwartbaren 95 MajorTakte ihres Lebens wie auf einem schnurgraden String der AntiGrav reibungs- und ereignislos ihrem gemittelten und erwartbaren Ende entgegen. An diesem Gefühl konnten auch die megagaußen Events und die stetige Flut von Produktinnovationen und neuen Services nichts ändern, die ihre Mates taktauf und taktab im OmniNet diskutierten, kategorisierten, wählten und rankten.
Doch eines Morgens war sie erwacht und hatte die Ahnung von etwas völlig anderem in sich gespürt. Sie war nicht wie sonst vom Sinuston ihres Morpheustrons aus ihrer Ruhephase gerissen worden, sondern irgendwie allmählich von selber aus dem Schlaf in den Tag geglitten. Neben der Tatsache, dass ihr „Tron“ offensichtlich einen Defekt hatte und der völlig ungewohnten Befürchtung, vielleicht zu spät zum Job zu kommen, drängte sich ihr da noch etwas anderes auf. Was war da? Was streckte da aus dem Schlaf völlig unbekannte Fühler nach ihr aus? Sie sprang nicht wie gewohnt gleich auf, sondern rührte sich nicht, blieb einfach liegen und spürte intensiv nach. Zunächst nahm sie nur Äußerliches wahr: Das Gewicht ihres ausgestreckten Körpers auf dem RestBoard. Die Decke, die etwas über ihren aufgerichteten Zehen spannte. Ein leichtes Jucken an der Nase, aber nicht so stark, dass sie sich hätte kratzen müssen. Das Licht, das schräg durch das Bullauge ihres Hexagons fiel. Allmählich drang sie tiefer. Da war die sachte Empfindung von etwas, dass sie während ihrer Ruhephase erlebt hatte. Wie konnte das sein? Sie hatte nur wie immer auf ihrem Board gelegen und ihre sieben MacroTakte dauernde Entspannungsphase durchgeführt, um ihre Ressourcen für den nächsten Tag wieder aufzuladen. Nicht mehr und nicht weniger. Da war sonst nie etwas. Doch heute war es anders.
Domescraperhoch war sie in der Luft gewabert. Über eine Landschaft geschwebt. Über Berge, Täler, Flüsse und mit Wäldern bestandene Ebenen, die es so in der Urb nicht gab. War gemächlich in unterschiedliche Höhen mäandriert. Hatte windbrausende Geschwindigkeit aufgenommen, bis die Konturen der Welt unter ihr verschwammen. Sich verlangsamt, bis die Luft zu einem leichten Säuseln wurde und sich jedes Detail unter ihr scharf stellte. Ganz wie es ihr beliebte. Ein grenzenloses Glücksgefühl war in ihr aufgestiegen. Sie durfte aber nicht zu hoch fliegen. Einen bestimmten Abstand zum Untergrund nicht überschreiten. Sonst hätte es sie weggerissen. Das taxierende Spiel mit der Gefahr der Grenze rief ein unbekanntes, prickelndes Kitzeln in ihrem Bauch hervor. Als sie sich lustvoll zwischen Höhen und Tiefen eingeschwungen hatte, fühlte sie, wie sie sich im schwerelosen Dahingleiten auflöste. In der unbekannten Landschaft, die unter ihr vorbeizog. In der Bläue des unendlichen Himmels, die sie trug. Und doch war sie völlig auf den innersten Kern ihres Selbst konzentriert gewesen.
So sehr sie auch versucht hatte, das Empfinden festzuhalten, verblasste es allmählich vor der Folie des sich unabwendbar aufdrängenden Alltags und sie war unendlich traurig, dieses unglaubliche Gefühl zu verlieren. Doch gelang es ihr, einen Abglanz davon festzuhalten und in ihren Tag hinüberzuretten.
In den nächsten Takten hatte sie dann immer wieder solche Erlebnisse und war völlig von diesen Zuständen vereinnahmt worden. Je mehr sie lernte, ihre Erfahrungen zu konkretisieren und sich bewusst zu machen, desto mehr schienen sie ihr einen Ausweg aus der endlosen Tristesse ihres Alltags zu bieten.
Was genau es mit dem Träumen auf sich hatte, sollte sie erst viel später von den Oneironauten erfahren. Vorerst hatte sie das, dem sie nach so mancher Ruhephase nachspürte, für sich als „aus dem Takt gefallen sein“ bezeichnet.
Nachdem sie ihr Eye unschädlich gemacht hatte, rollte sich Esther ihre EmptyFace-Maske über Kopf und Gesicht und zupfte sie solange zurecht, bis sie an Ohren, Augen, Nase und Mund richtig anlag. Die Iris ihrer auffallend grünen Augen verbarg sie hinter dem Hypergel grauer Kontaktlinsen. Zwar spannte die Latexhülle zunächst unangenehm auf ihrem Schädel, doch ertrug sie dieses Gefühl von Enge und Abgeschnürtsein in der Hoffnung, sich frei bewegen zu können, ohne erkannt zu werden. Sobald die Gesichtsfolie Körpertemperatur angenommen hatte, würde sich das ohnehin geben. Die Maske war auf der Grundlage der übereinstimmenden Merkmale der MimikScans hunderter Citizens entwickelt worden, so dass ihr Ausdruck so glatt und nichtssagend war, als wäre ihre Trägerin unsichtbar. Wahrscheinlich würde sich niemand an sie erinnern, auch wenn er ihr stundenlang gegenübergesessen hätte. Hier wurde Mittelung eingesetzt, um das System mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, pflegte Kassandra, die Seherin ihrer Sektion der Oneironauten, zu sagen.
Als Esther aus ihrem Hexagon in den CircuitWalk ihres Habitats trat, endete das Gefühl der Freiheit abrupt, das sie nach der Deaktivierung ihres Eyes überkommen hatte. Sie konnte die Linsen der überall montierten stationären Aufnahmeeinheiten, der in den Gängen zirkulierenden mobilen Drohnen und der MatchingEyes, die über den Köpfen der anderen Citizens schwebten, wie zudringliche Blicke, die ihren Körper abtasteten, fast körperlich spüren. Sie war hoch nervös. In dem abgeschirmten Refugium der Nauten in der Mnemosyne-Lösung im Tank zu liegen und seine Träume zu analysieren, war etwas völlig anderes, als in aller Öffentlichkeit gegen das System aktiv zu werden. Sie war die allgegenwärtige Beobachtung und Überwachung so gewohnt, dass sie sich nur schwer vorstellen konnte, direkt unter den Augen des Systems MorpheustronDisrupter zu positionieren.
Auf dem Weg zum Lift kam ihr einer ihrer FirstMates entgegen, Greve2m8, mit dem sie die UniqueSchool besucht hatte und dessen Hexagon ein Stück den CircuitWalk hinunter lag. Wie sie während der Mittelungen der letzten MatchingSessions erfahren hatte, war Greve seit Neuestem Anhänger des RhythmClimbing, eines von CreativeClimb.Inc. massiv auf allen Kanälen des OmniNet forcierten neuen Trends. Hier erklomm man zum Takt eigens kompilierter Klangfolgen Kletterwände und gruppierte sich dabei mit weiteren Climbern zu Teams, die jeweils synchron die Bewegungen anderer Teams widerspiegelten. Das Ganze gipfelte dann in einer symmetrisch schwingenden Aufwärtsbewegung der Teams aller Beteiligten. Mit dem ihm eigenen Sendungsbewusstsein für seine Marken wurde Greve nicht müde, seinen Mates die MovingPics der so entstehenden LevitationChoreografien zu promoten, um neue Anhänger für seine aktuelle Obsession zu werben. Im Gegensatz zu Esthers SocialScore war der seine kein Fake, denn Greve setzte voll auf die Empfehlungen seines BuyingGuards und folgte den aktuell gaußen Marketing-Trends wie ein MatchingEye seinem Citizen, ohne dabei zu merken, dass der absolut ultimative Thrill ständig immer wieder aufs Neue versprochen wurde. Im Grunde schien das eigentlich auch sonst niemand zu bemerken.
Greve kam von seinem Job als DataAggregator bei der MatchingAdministration und würde wohl gleich wieder zu einer ClimbingSession aufbrechen. Wahrscheinlich kam sie, um den Schein zu wahren, nicht darum herum, sich demnächst ebenfalls an einer dementsprechenden Kletterwand abzustrampeln. Da sie ihrem Mate jetzt nicht mehr ausweichen konnte, wollte sie ihn schon grüßen und wie immer ihren unverbindlichen Smalltalk abspulen, der unter Beweis stellen würde, in welch hohem Grad sie gemittelt war und interessiert an allen aktuellen Trends teilnahm und natürlich auch die gaußen Moves seiner RhythmClimbings verfolgte, als ihr die leichte Spannung auf ihrer Gesichtshaut ins Bewusstsein rief, dass sie ja ihre Maske trug. Greve ging an ihr vorbei, als wäre sie unsichtbar. Esther atmete auf. Ganz offensichtlich erfüllte ihre Gesichtsfolie ihren Zweck und es würde schon alles gut gehen. Etwas zuversichtlicher betrat sie den Lift, der sie nach kurzer Fahrt in das Basement ihres Habitats entließ. Es war exakt Takt 72.000.
Auf dem MainWalk zwischen den Habitaten herrschte Feierabendstimmung. In den Kuppeln der Domes war die Abendanimation angebrochen und die über ihr auf den Strings der AntiGrav dicht an dicht dahinschwebenden Cabs kurvten lange Lichtschleifen in den künstlichen Himmel. Die spiegelnden Fassaden der umliegenden Habitate, OfficeTower und ShoppingCenter strahlten in antiseptisch klaren Komplementärfarben. Über der in der Mitte des Grounds ragenden Dependance von Pear.Inc. kreiste das dreidimensionale SculptureLogo in Form einer riesigen Birne, über die in weithin sichtbarer Schrift ständig wechselnde Werbebotschaften liefen. Andere Anbieter mit geringerer Marktmacht mussten sich damit begnügen, ihre Werbung auf flachen Boards zu streamen, die Esther deswegen aber als nicht weniger aufdringlich empfand, weil sie überall ihr Blickfeld infiltrierten. Immerhin sah sie ab und an auch die Botschaft der Oneironauten aufblitzen: „Dein Schlaf gehört dir!“ Sie war dankbar, dass die Beschallung mit Entspannungsmusik, die den rekreativen Flow der Citizens anregen sollte, gerade ausgesetzt hatte.
Den olfaktorischen Angeboten der Hersteller von BodyCare-Produkten konnte sie dagegen nicht entgehen. Den gesamten Walk entlang waren SmellJets angebracht, die je nachdem, welche Gruppe von Citizens gerade an ihnen vorbeizog, die zu ihrem gemittelten Einkaufsprofil passenden Düfte emittierten. Sobald die nächste Gruppe nahte, wurde der aktuelle Geruch neutralisiert und von einem neuen überlagert. Da Esther nicht wie alle anderen in einer Gruppe, sondern alleine unterwegs war, registrierten die Sensoren der Jets sie als nicht kaufkräftig genug, und sie schwamm in einer Wolke ständig wechselnder penetranter Gerüche.
Die Citizens, die zu Fuß oder in Pulks von Hovern den MainWalk bevölkerten, strebten zu den MarketingEvents, den PromoShows der HoloCines, in die SensualCaves, die GameMiles, die BodyPower-Center oder in eines der zahlreichen LoveGyms, die auf dem JoyCircle des Grounds lagen. Die aktuell gaußen Farben, Outfits, Gadgets und Accessoires wurden zur Schau getragen. Direkt vor Esther produzierte sich eine Gestalt in den grellsten CoatingColours, die dort, wo sie direkt auf der Haut auflagen, je nach Veränderung des Hautwiderstands anders changierten. Und mit freier Haut geizte die Citizen nicht; wahrscheinlich war sie auf dem Weg in ein LoveGym. An beiden Handgelenken trug sie AeroFlats, die sie synchron bediente. Da Esther aus ihrem Blickwinkel die Projektionsfläche der Flats nicht wahrnehmen konnte, sah es aus, als tippe die Citizen mit beiden Händen in der leeren Luft herum.
Sie entdeckte etliche SecurityCorps in ihren charakteristischen grauen Carbonharnischen in der Menge. Sie hatte weder gesehen noch davon gehört, dass ein SecCorp jemals seinen Paralysator eingesetzt hätte, doch gewiss gab es eine vom Board of PredictiveProfiling auf der Basis welcher Parameter auch immer ausgewiesene Korrelation, dass pro Menge X Citizens in Feierabendlaune ein ganz bestimmter Prozentsatz von Y SecCorps zu patrouillieren hatte. Und wahrscheinlich war dieser Prozentsatz auf der nach oben offenen Sicherheitsskala eher zu hoch als zu niedrig angesetzt.
Die Gesprächsfetzen, die sie aufschnappte, drehten sich um neue und alte Marken, neue und alte Trends und darum, ob der Relaunch ehemaliger Kulttrends wohl greifen würde. Es wurde heftig darüber diskutiert, wann welcher Anbieter welche Innovation auf den Markt bringen könnte oder würde. Es ging darum, wer, was schon angetestet oder länger in Gebrauch hatte und wer, wem, was empfehlen konnte. Es ging darum, ob das eigene Psychogramm oder der Kauftrend seiner SocialUnit mit bestimmten Produkten oder Services kompatibel war und was die BuyingGuards dazu zu sagen hatten. Und natürlich ging es um die Abweichungen von Mates, die einem MatchingLoop unterzogen worden waren.
„Kennt ihr Mea7y2? Der ServiceTrend ihrer SocialUnit geht signifikant in Richtung Convenience-Food. Die rühren in ihrer Küche keinen Finger, bestellen sich alles fertig ins Habitat. Übrigens soll da PleasureMeal.Inc. gauße Sachen haben. Die erwärmen sich, nachdem du die Folie aufgerissen hast, durch die Zufuhr von Sauerstoff von selbst. Aber egal. Jedenfalls fing diese Mea auf einmal an, selber Sachen zu kochen. Also ich hätte das ja nicht essen wollen. Und was soll das überhaupt? Entweder ich bin in einer Unit, die kocht oder in einer, die Fertiggerichte mag. Und wenn man unterschiedliche Fertiggerichte mag, ist das ja auch in Ordnung. Produktvielfalt soll ja sein. Aber so was? Wie will die je mit ihrem BuyingGuard klarkommen und durch eine einigermaßen stringente Einkaufsbiografie ihr Psychogramm optimieren, wenn sie gegen den Trend der eigenen Unit angeht und sich in solch grundlegenden Merkmalsausprägungen nicht mit ihren Mates matcht?“
Esther wandte sich ab. Sie konnte und wollte das alles nicht mehr hören. Früher war es auch für sie megagauß gewesen, völlig in dieser kurzlebigen und oberflächlichen Welt des Marketing im künstlichen Kosmos der Produkte aufzugehen. Doch nach ihrem ersten Traum war sie immer öfter „aus dem Takt gefallen.“ Was geschah mit ihr? Woher kamen diese Bilder, Gefühle, Eingebungen, Eindrücke und Gesichte, die sie stärker berührten als alles, was sie bisher gesehen und erlebt hatte? Je intensiver sie die verlockenden Verheißungen ihre Träume umschmeichelten, desto eindrücklicher setzte sich die Ahnung in ihr fest, hier aus völlig unbekannten Tiefen von etwas berührt zu werden, das sie weiter bringen würde, als sämtliche gaußen Trends, Produktinnovationen und lebenserleichternden Services zusammen. Die Jagd von Innovation zu Innovation glich immer mehr einem auf Hochtouren betriebenen Leerlauf. Als sich die Erfahrung des Träumens dann verstetigte und es ihr gelungen war, ihre Traumbilder bewusst festzuhalten und mit ihrem Alltag zu kontrastieren, war in ihr die Erkenntnis gereift, dass ihr Bestreben, immer im signifikanten Trend ihrer SocialUnit mit zu schwimmen, ihr zwar ein Gefühl der Zugehörigkeit und Sicherheit vermittelte, sie letztlich aber dazu verurteilte, auf der Stelle zu treten. Die Mittelung nahm ihr nicht nur die Verantwortung, eigenständig zu sich selbst zu finden, sondern verstellte ihr ganz grundsätzlich den Weg dazu.