Bernd Boden Dismatched: View und Brachvogel
Dismatched: View und Brachvogel
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Bernd Boden Dismatched: View und Brachvogel

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View schnupperte: Die SmellJets emittierten einen Geruch von Jasmin. Aus den SoundSpheres erklang der neueste Hit der Mediatics, der allerdings im Don­nern des herabstürzenden Wassers fast unterging. Geschieht euch recht, dachte View. Zwar standen die Mediatics in den Rankings ihrer SocialUnit ganz oben, aber sie fand ihre Harmonien einfach nur einfältig und plump. Unterschwellig wunderte sie das, denn in allen anderen Rankings war sie zu 95 Prozent gemittelt, aber was Musik anging, war sie offensichtlich etwas eigen. Wenn, wie sie mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartete, das Gespräch mit dem Recruiter der Agency erfolgreich verlaufen war, würde sie sich in ihrem neuen CatharsisEgg erst einmal eine Session mit ihrer Lieblingsband, den Averagers, gönnen.

Das Egg war eine eiförmige Entspannungseinheit, deren Deckel View hinter sich zuziehen und sich so von der Außenwelt hermetisch abkapseln konnte. Die innere Wölbung des MusicCaves des Eggs ihrer Wonne war ganzflächig mit SoundSpheres bestückt, deren Klänge ihren Körper wie ein zähflüssiges Fluidum umhüllten und die Liege, auf der sie sich wohlig ausstreckte, in frequenzgenaue Schwingungen versetzte, die sich unmittelbar ihrem Rückgrat mitteilten. View genoss es, auf den Klängen ihrer Lieblingsband zu floaten. Das Egg war kostspielig und von ihrem Grundein­kommen hätte sie sich diesen Luxus nicht leisten können. Aber Pear.Inc, die MateCompany, die als Kundenpate Views Werdegang sponserte, hatte ihr zum Abschluss der UniqueSchool mit der Basisversion des KatharsisEgg einen langgehegten Wunsch erfüllt. Sollte sie einmal richtig Pay­Points verdienen, würde sie sich die AdvancedVersion des Egg zulegen, deren SensoHaptoren nicht nur den Anschein der Schwerelosigkeit erweckten, sondern den Floater tatsächlich schweben ließen.

Jeder Citizen ging im Alter von 12 Jahren mit einem Anbieter seiner Wahl eine auf Langfristigkeit angelegte Kundenbindung ein. Mit Zwölf hatte jeder hinreichende Produkt- und Angebotskenntnisse sowie genügend Markttransparenz erworben, um eine begründete Wahl für diese wichtige Partnerschaft treffen zu können, die exklusiv, aber nicht verbindlich war. Kunden und Unternehmen sahen in dieser Allianz eher Chance als Pflicht. Vonseiten der Anbieter, die ihre angehenden Kunden mit einer Patenschaft umwarben, hieß es daher:

„Wir haben die Verpflichtung, unseren Kunden zu dienen. Unsere Kunden aber nicht die Pflicht, bei uns zu kaufen.“

Mit dem Zustandekommen eines Clientingkontrakts wurden die jungen Citizens zu Markenbotschaftern ihrer MateCompany. Sie testeten Warenmuster, bevor die Produkte in den offenen Verkauf kamen und beantworteten im Zuge von Neuentwicklungen entsprechende Fragen zu Design und Funktionalität. Im Gegenzug gewährte ihnen der Konzern Sonderkonditionen, sponserte ihre Ausbildung und stellte einen Arbeitsplatz in Aussicht, den sie antreten konnten, falls ihnen das System keine anderen Möglichkeiten antrug. Die Unternehmen hatten mit ihren Patenkunden Scouts und Multiplikatoren in den Zielgruppen und konnten hoffen, lebenslang einen begeisterten Kunden zu haben und dessen Ertragswert in Form des CustomerLifetimeValue voll auszuschöpfen.

Die jungen Citizens ließen sich das Logo ihrer MateCompany auf die Innenseite ihres linken Unterarms einskinnen. Auf Views Arm prangte das Bildlogo von Pear: eine stilisierte auf der rechten Seite angebissene Birne, mit einem einzelnen, ebenfalls nach rechts gerichteten Blatt. Lange vor Views Zeit hatte Pear mit dem PearMonchalard den Prototyp eines portablen Kommunikators auf den Markt gebracht. Die Technik dieses AirSolidifiers beruhte darauf, durch Ionisation aus einer nur wenige Moleküle mächtigen Luftschicht ein nanostrukturiertes Gitter zu formen, das als Projektionsfläche für die durch einen Laser projizierten Inhalte diente und wie ein Touchscreen benutzt werden konnte. Inzwischen trug jeder ein solches, AeroFlat genanntes Gadget am Arm, über das die gesamte mobile Kommunikation lief. Die MatchingEyes, die alle Citizens, zwei Armlängen über ihren Köpfen schwebend, wie ihr persönlicher Duft überallhin begleiteten, stellten als HotSpot die Verbindung zum System her.

View war sich lange nicht sicher gewesen, welches Unternehmen sie zu ihrer MateCompany machen sollte, aber neben den gaußen Produkten, dem besonderen Flair und der Stimmigkeit der Markenwelt hatten letztlich ihre Einkaufsstatistik und ihre Rankings und Suchen im OmniNet den Ausschlag für Pear gegeben. View hatte sich bei ihren Peers sehr engagiert für ihre Company eingesetzt und war mit der Zeit für ihre Alterskohorte zu einer der maßgebenden OpinionLeader geworden. Und jetzt hatte sich das Unternehmen dafür erkenntlich gezeigt. Dass MateCompanies ihren Paten zum Abschluss der UniqueSchool Geschenke machten, war durchaus üblich, wenn auch nicht in dieser Großzügigkeit. Das nagelneue KatharsisEgg in ihrem Hexagon führte View auf sehr angenehme Weise vor Augen, damals zur richtigen Entscheidung geleitet worden zu sein. Pear war einfach eine doppelgauße Company. View hatte immer gedacht, einmal hier zu arbeiten, aber gerade aufgrund ihres Erfolgs als Multiplikatorin und des Gespürs für wirtschafts-soziale Zusammenhänge und die entsprechenden individuellen Befindlichkeiten, die sie damit unter Beweis gestellt hatte, hatte ihr das System in letzter Zeit vermehrt Auswertungen angetragen, die ihr ausgezeichnete Analysefähigkeiten sowie einen äußerst hohen Score in Networking und emotionaler Intelligenz bestätigten. Konsequenterweise konnte das nur auf einen Job in der Agency hinauslaufen. Und hier war sie nun auf ihrem Weg zum Einstellungsgespräch!

Um zur Agency zu gelangen, musste View die halbe Urb durchqueren. Der Sitz der Sozialtechniker lag auf Ground 32, 2 Höhenlevel über ihrem Habitat auf Ebene 22. Sie gab die Zielkoordinaten auf dem Reif ihres AeroFlats ein und nach kurzem Takt scherte eine Einheit der AntiGrav aus dem endlosen Strom der an ihr vorbeiziehenden Cabs aus und hielt direkt vor ihr. Sie stieg in die rundum transparente Kabine und sank in den Sitz, dessen Gurte sich sofort locker um ihr Becken und ihre Unterschenkel wanden, die Arme aber frei ließen. Mit dem Schließen der Einlassöffnung hob sich das Cab an, setzte sich langsam in Bewegung und driftete allmählich nach außen, wobei es zunehmend Geschwindigkeit aufnahm, bis schließlich auf dem äußersten String die wuchtigen Blöcke der Schwerkraftneutralisatoren aus massivem Cavorit in immer schnellerer Folge unter ihr vorbeiwischten und zu einem einzigen grauen Streifen verschwammen, als die Höchstgeschwindigkeit erreicht war. Da innerhalb der Kabine nun Schwerelosigkeit herrschte, teilte sich Views Körper die rapide Beschleunigung nicht mit. Während die Gurte sie sanft in ihrem Sitz hielten, genoss sie das Gefühl, ihre Arme ohne jede Muskelanstrengung in der Luft schweben lassen zu können. Eine ganze Weile glitt sie zwischen den Grounds auf dem Höhenlevel ihrer eigenen Ebene dahin, bis sich ihr Cab verlangsamte, um dann in einem senkrechten Uplift zum nächsten und übernächsten Höhen­level hinauf zu schwimmen. Hier querte View noch 2 weitere Plattformen und umrundete fast den halben Ground 32, bis endlich die Station in Sicht kam, die ihr der TrafficPilot als DockingStation für diese Ebene zugewiesen hatte. Das Cab manövrierte nach innen, verringerte die Geschwindigkeit, kam kurz zum Stillstand, um sich dann auf einem der 8 Strings einzuordnen, über die der Verkehr transGround auf den Plattformen onGround verteilt wurde.

Auf Ground 32 gab es keine Habitate und Wohnkuben, es war die kleinste und höchstgelegene aller Plattformen und wurde nicht umsonst CapitalGround genannt. Hier waren neben den Headquartern der maßgeblichen MarketPlayer und der Agency of SocialTechnology auch alle anderen administrativen Organisationen angesiedelt: die MatchingAdministration und ihre gigantischen Datenspeicher; die BigDataAlliance mit ihren mächtigen Kumulatoren und Aggregatoren; das Board of PredictiveProfiling, dessen Wahrscheinlichkeitsberechnungen sämtliche Aktionen der SecurePatrol steuerten und die sozial-urbanen Planungen fundierten; die Authority of PoliticalIndoctrination, die unter anderem für die BadPastLessons verantwortlich war; die BuyingGuidance, deren BuyingGuards darauf achteten, dass jeder Citizen sein Persönlichkeitsprofil über eine stringente Einkaufsbiographie stärkte; die für die Einführung von Produktinnovationen zuständige BetterLifeCorporation; die PeerNetworkingParty, die während ihres gesamten Konsumentenlebens die Vergleichswerte der Einkäufe der Peers einer Alterskohorte verwaltete und deren CustomerLifetimeValue erstellte, der SocialRankingCircle, der die Wahlen der Citizens anleitete, die ihre sozialen Aktivi­täten betrafen, und viele weitere Organisationen, die dafür sorgten, dass das Leben der 3 Millionen Citizens der Urb komfortabel und sicher war, weil es in gemittelten und erwartbaren Bahnen verlief, deren Eintretenswahrscheinlichkeit exakt quantifizierbar war. Es wurde gemunkelt, dass sogar die Zentraleinheit des Systems auf dem CapitalGround untergebracht war.

Heute Morgen schien die halbe Citizenship der Urb hier zu tun zu haben, doch der TrafficPilot verteilte den Andrang wie immer souverän und der Verkehr lief zwar langsam, aber flüssig. View ließ ihre Arme über ihrem Kopf schweben und die Werbung auf sich wirken, die auf die megaformatigen InfluenceBoards gestreamed wurde, die sich zwischen den Gebäuden spannten und an deren Wänden hochzogen. Im jeweiligen Einflussbereich eines Boards emittierte ihr Cab den jeweils passenden Sound. Wie 98,5 Prozent der Peers ihrer Bezugsgruppe genoss View intelligent gemachte Werbung und fand es erstaunlich, welchen Output an faszinierenden Produkten und sinnvollen Services die Corporations der Urb leisteten. Sie freute sich darauf, durch eine Tätigkeit in der Agency zukünftig dazu beitragen zu können, dass dieser nie versiegende Strom an Leistungen in den Bahnen verlief, die Komfort, Wellness und Sicherheit aller Citizens steigerten. View fand es wesentlich beeindruckender, die Commercials auf den Influen­ceBoards zu verfolgen als auf dem Screen ihres Hexagons. Die riesigen Bilder und bewegten Szenen vor der im Licht der DomeAnimation flirrenden Kulisse der Urb unter den weit gespannten Kuppeln zu erleben, überwältigte sie jedes Mal von neuem.

Aha, da waren ja die CoatingColours, die ihr Siema gestern Abend vorgeführt hatte. Und hier: Offenbar gab es eine noch neuere Version des KatharsisEgg, die mit einem Set von Düften arbeitete, das man entsprechend der Musikrichtung wählen konnte, mit der man den MusicCave des Eggs beschallte. Sie wies ihr Matching­Eye per VocalCommand an, einen entsprechenden CommercialMarker in ihren DayStream zu setzen: Dieses gaußaktuelle KatharsisEggOdour wollte sie sich gemütlich zuhause im OmniNet näher ansehen. Sie war gespannt, welche Duftalternativen ihr das System für die Musik der Averagers antragen würde.

Regelmäßig wurde die Werbung durch Indoctrinations des Systems oder irgendeiner Administration unterbrochen, deren Urheber immer kurz nach dem Slogan eingeblendet wurde.

„Korrelationen ermöglichen Berechenbarkeit. − Berechenbarkeit schafft Sicherheit.“ Das musste von der MatchingAdministration und BigDataAlliance kommen. Korrekt!

„Sicherheit ermöglicht Freiheit. − Freiheit erfordert Sicherheit.“ Das war mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit zukünftiger Arbeit­geber. Richtig, das Logo der Agency erschien: eine stilisierte gaußsche Glockenkurve.

„Wer die Zukunft er-mittelt, sichert die Gegenwart.“ Board of PredictiveProfiling.

„Nur ein professionell angeleiteter Kauf stärkt dein Persönlichkeitsprofil!“ BuyingGuidance.

„Messen, wählen, teilen. Was nicht messbar ist, existiert nicht.“ SocialRankingCircle.

Der Screen flimmerte und wurde völlig dunkel. Dann erschienen große weiße Schriftzeichen. Kein Clip, kein Ton, nur Text.

„Dein Schlaf gehört dir!“

Das konnte View nicht einordnen. Ein Anbieter von Luxusliegen? Kein Urheber. Da, auch auf dem nächsten InfluenceBoard.

„Dein Schlaf gehört dir!“

Jetzt überlagerte dieser seltsame Slogan immer wieder für einige MicroTakte die Werbung auf sämtlichen Boards, die View passierte, ohne dass jemals angezeigt wurde, von wem er stammte. Dann war es vorbei und die üblichen Reminder erschienen wieder.

Inzwischen war der Tower der Agency in Sichtweite gerückt. Er lag mitten in einem Geschäftsviertel, an dessen Peripherie die AntiGrav endete. View verließ ihr Cab, gewöhnte sich kurz an die Schwerkraft, die ihre Arme nun wieder nach unten zog, und bestieg einen der bereitstehenden Hover, mit denen Kurzstrecken zurückgelegt wurden. Als Member der Agency hätte sie einen speziellen Zubringer der AntiGrav nutzen können, aber noch hatte sie keinen Kontrakt mit ihrer DNA gesiegelt und so schlängelte sie sich durch die Menge der Citizens, die ganz offensichtlich ihre CasualFreeTime genossen und durch die ShoppingMalls flanierten, die eine der Prachtstraßen der Urb, die GaußAvenue, säumten. Selbst in diesem dichten Gedränge konnte sie sich erlauben, den SpeedoMat des Hovers hochzuziehen, denn dessen CrashDefender verhinderten Zusammenstöße, verur­sach­ten aber des Öfteren einen ziemlichen Schlingerkurs, um eben diese zu vermeiden.

Vor View tauchte eine Citizen auf, deren Brust und Rücken mit Tafeln behängt waren, auf denen Werbung für RetroFashion aufgebracht war. Richtig, die BadPastLessons hatten ja wieder einmal CuriosityWeeks ausgerufen, deren Thema diesmal „Die Entwicklung der Werbung vor dem Finalen Kataklysmus“ war. Diese Citizen war eine SandwichWoman, ein wandelnder Werbeträger und EyeCatcher, wie er damals wohl üblich gewesen war. View grinste vor sich hin. Kurios, in der Tat. Sie konnte sich nicht vorstellen, sich mit solch statischen und analogen Informationen begnügen zu müssen, sondern liebte es, alle Pros und Cons von Angeboten umfassend und in allen Fassetten im OmniNet zu recherchieren und sämtliche Rankings der Peers ihrer SocialUnit dazu einholen zu können. Nur so ließ sich eine sichere und ihrem Psychogramm kongruente Kaufentscheidung treffen.

Die GaußAvenue endete unter einem monumentalen Bogen in Gestalt einer Glockenkurve, der auf den MesotesCircus führte, einen weitläufigen Platz, auf dem der Tower der Agency bis fast unter die Kuppel ragte. „Ohne Mittelung keine Freiheit. – Abweichung erfordert Intervention.“, stand über dem Portal. Diese Botschaft wurde nicht wie üblich auf ein InfluenceBoard gestreamed, sondern war als gewissermaßen in Stein gehauenes MissionStatement in weithin sichtbaren Lettern in das Material der Außenhaut des Gebäudes eingelassen. View stellte ihren Hover ab und sah sich um. Der Platz war dicht mit Citizens besetzt, die nach ihrer Shoppingtour an einer der zahlreichen Fontänen saßen oder in das Foyer des AgencyTowers strömten, um sich vor Ort die neuesten Statistiken anzusehen, was vor dem Hintergrund dieses Ambientes wesentlich eindrucksvoller war, als die Daten lediglich im OmniNet abzurufen.

View fiel ein Citizen auf, der sich gerade auf eine Mauer schwang, die eine der Fontänen einfasste. Seine Erscheinung wirkte irgendwie deran­giert, ohne dass sie hätte sagen können, woran das lag. Der Mann breitete die Arme aus und schrie etwas über die schwach blinkenden Statusanzeigen der MatchingEyes hinweg, die über den Köpfen der Menge schwebten. View konnte nur den Rest verstehen:

„Ich bin ein Rufer in der Wüste und wahrlich, ich sage euch:

Die Fülle des Daseins ist verdorrt,

das Salz des Lebens ist verweht,

das eherne Regime der Mittelung verurteilt euch zu ewigem Gleichmaß.

Was ihr nicht suchet, werdet ihr nicht finden.

Was ihr nicht erwartet, wird euch nicht geschenkt werden.

Was ihr euch nicht vorstellen könnt, wird euch nicht beglücken.“

Erst als die Gestalt von der Mauer sprang und zwischen den Citizens untertauch­te, wurde View klar, was ihr so seltsam vorgekommen war. Ein Solist? Konnte es sein, dass über dem Kopf dieses „Rufers“ kein MatchingEye schwebte? Doch ehe sie darüber Gewissheit erlangen konnte, war er schon in der Menge verschwunden.

Sie wies dem Vorfall keine besondere Bedeutung zu und betrat das Foyer der Agency, dessen Decke sich erst in der Höhe mehrerer Stockwerke über ihr wölbte. Auf den HoloSäulen, mit denen der weitläufige Raum bestückt war, tickerten die aktuellen Statistiken und Umfrageergebnisse und nahmen in um die eigene Achse rotierenden Kubusdiagrammen dreidimensionale Formen an.

View ließ sich auf ihrem AeroFlat den Weg zu Sonols WorkingCell 68/56 in einer der oberen Etagen zeigen. Da der Lift keine Zwischenhalte ansteuerte, erreichte sie Level 68 nach kurzem Takt. Dort passierte sie eine lange Flucht identisch aussehender Türen und hatte schließlich Cell 56 erreicht. Ihr Besuch wurde schon auf dem VisitorDisplay angezeigt: Kibele2k5, Takt 54.000. Die Anzeige blinkte. Sie wurde also erwartet und konnte eintreten. Sonol2ak saß über sein ManagingDesk gebeugt und arrangierte und manipulierte mit weit ausholenden ikonografischen Gesten die zahlreichen 3D-Diagramme, die aus dessen Screens wuchsen und mit ihrer Gestalt auch ständig ihren Aussagegehalt veränderten. Eine Seite der Cell war transparent und bot View einen spektakulären Ausblick. Vor ihr breitete sich nicht nur die Topografie des CapitalGround, sondern auch die der nächstgelegenen Plattformen aus.

Sonol blickte auf: „Willkommen in der Agency, Kibele2k5. Sei gemittelt.“

„Sei ebenfalls gemittelt, Sonol2ak“, erwiderte View, die Mühe hatte, ihren Blick von dem phänomenalen Panorama loszureißen. „Ich freue mich sehr, hier zu sein.“

„Ja, wir überblicken von hier aus die halbe Urb und was noch besser ist, wir haben das Verhalten der 3 Millionen Citizens und der 93.750 SocialUnits der gesamten Urb fest im Griff“, lachte Sonol und legte besondere Emphase auf „gesamte Urb“. „Aber nimm doch Platz.“

View sah sich um. Die einzige freie Sitzgelegenheit, ein drehbarer und in Höhe und Achsneigung stufenlos verstellbarer Sitzpilz, war nicht, wie sie eigentlich erwartet hätte, vor dem ManagingDesk, sondern dahinter, direkt neben Sonols Pilz platziert. Das ließ erfreulicherweise darauf schließen, dass in der Agen­cy LeanManagement nicht nur propagiert, sondern auch praktiziert wurde. View nahm Platz, richtete sich aus und arretierte mit einem leichten Schlag auf den Stil Sitzhöhe und Neigung.

Sonol wandte sich von seinen Diagrammen ab und schwang auf View zu. „Vorab bin ich gehalten ‒ nur für den Fall, dass wir nicht zusammenkommen, wovon ich zwar nicht ausgehe, aber immerhin ‒ dich darauf hinzuweisen, dass du alles, was du in diesem Gespräch erfährst, streng vertraulich behandelst. Wenn du Member der Agency bist, bekommst du ohnehin eine Sicherheitseinstufung, aber solange du die noch nicht hast, muss ich mich darauf verlassen können, dass nichts, worüber wir nun sprechen werden, aus den 6 Wänden dieser Cell dringt. Einverstanden?“

„Sicher.“

„Wir hier in der Agency versehen gewisse hoheitliche Aufgaben, die mehr als entscheidend für die Mittelung und damit für die Sicherheit und das Weiterkommen der Urb sind und wir sind der Meinung, dass uns das zu einem gewissen Sonderstatus berechtigt.“

Aufmerksam fixierte Sonol Views Blick und als er nichts darin fand, was ihn daran hindern konnte, offen zu sprechen, fuhr er fort: „Bislang bist du, wie alle anderen auch, sicher der Ansicht, dass alle Citizens in ihrem Wünschen, Streben und Verhalten nach Möglichkeit gemittelt und folglich gleich sind. Das ist im Prinzip auch angemessen und in Bezug auf Wellness und Sicherheit aller auch dringend notwendig. Und doch gibt es einen Unterschied. Du kennst den Grundsatz: ‚Jedem nach seinen Bedürfnissen.‛ Diesem Grundsatz trägt das BasicIncome Rechnung, das jeder Citizen bezieht und das unabhängig dessen, was er zum großen Ganzen beiträgt, einen grundlegenden Lebensstandard sichert, hinter den niemand zurückfallen kann.“

Hier drängte sich View sofort der Gedanke an ihr KatharsisEgg auf. Schon die BasicVersion hätte sie sich von ihrem Grundeinkommen nicht leisten können und an das KatharsisEggOdour wäre erst gar nicht zu denken.

„Wir hier in der Agency erweitern nun den Grundsatz ‚Jedem nach seinen Bedürfnissen‛ um den Zusatz ‚Dem Einzelnen gemäß seinen Fähigkeiten‛. Die Grundbedürfnisse aller Citizens sind gleich und jeder der 3 Millionen Citizens unserer Urb hat ein Anrecht darauf, dass sie befriedigt werden.

Doch die Fähigkeiten der Citizens sind ungleich verteilt und um die Urb in Funktion zu halten, ist auch eine gewisse Diversität der unserer Citzenship zugrunde liegenden Genkulturen unumgänglich. Ganz vordergründig betrachtet erfordern administrative und steuernde Funktionen nun einmal höhere Qualifikationen als rein repetitive und reproduktive Tätigkeiten. Die BadPastLessons werden dir anschaulich gemacht haben, dass in den Zeiten vor dem Finalen Kata­klysmus ein Großteil der Menschen in solchen rein reproduktiven oder gar repetitiven Sektoren tätig war. Die sich in sturer Mechanik ständig wiederholenden repetitiven Tätigkeiten haben wir gründlich abgeschafft und auch der Großteil der reproduktiv versorgenden Arbeiten ist von den Service- und MaintenanceUnits übernommen worden.

Mit dem erforderlichen Abstand und angesichts der komplexen Hintergründe betrachtet, wäre es aber trotz dieser Errungenschaften in Wissenschaft, Robotik und Nanotechnologie suboptimal, in unseren GenBanken und UterusLabs nur Citizens mit herausragenden Fähigkeiten zu generieren, weil wir damit gewissermaßen alles auf eine Karte setzen würden. Denn sämtliche Informationen, die uns aus der Zeit vor dem Kataklysmus zur Verfügung stehen, haben gezeigt, dass nur die Systeme längertaktig überlebensfähig waren, die über eine gewisse Vielfalt ihrer Mitglieder verfügen konnten. Ausschläge ins Extreme, sowohl eine zu hohe Diversität und Vielfalt als auch eine zu große Homogenität und Einheitlichkeit, waren dagegen immer verhängnisvoll.

Eine überschaubare Vielfalt in gemittelter Qualität zu schaffen lautet daher die Devise. Im Grunde eben genau das, was die klassische Gaußsche Glockenkurve auszeichnet.“

Sonol hielt inne, lächelte und sah View an: „Wenn ich zu sehr ausschweife, unterbreche mich ruhig. Konntest du mir bis dahin folgen?“

„Geht schon in Ordnung. Ich frage mich nur, was hier konkret die Aufgabe der Agency ist.“

„Die Aufgabe der Agency ergibt sich aufgrund der Tatsache, dass Genpool und Sozialisation zu ungefähr gleichen Teilen zur Entwicklung und damit dem Verhalten der Citizens beitragen; es ist bislang noch nicht gelungen, das genaue Verhältnis exakt zu ermitteln. Den GenCoktail können wir zwar zu 100 Prozent bestimmen, die Sozialisation, die ja bei aller Normierung und Mittelung immer auch auf subjektivem Erleben beruht, lässt sich dagegen nicht hundertprozentig beeinflussen.

Die Generierung neuer Citizens überlassen wir getrost den Biotechnikern, die gemittelte Qualität der Sozialisation zu gewährleisten aber ist unser Ding. In Bezug auf die Konzeption neuer Citizens hört die Arbeit der Genbastler genau dann auf, sobald ein kleiner Citizen sich anschickt, den BirthSimulator zu passieren. Da die Sozialisation aber ein Leben lang andauert, begleitet die Agency einen Citizen eine weitaus längere Strecke und unsere Einflussnahme endet erst, wenn ein Citizen die Ebene wechselt und sein Körper in den ZeroWaste-Kreislauf eingespeist wird.

Schon die Einführung des BirthSimulators geht auf uns zurück. Statt unseren ausgereiften Nachwuchs einfach den NucleusTanks zu entnehmen, schicken wir ihn durch den engen Schlauch des BirthSimulators und simulieren so die Bedingungen der Humangeburt. Als Kinder noch auf dem sogenannten natürlichen Wege auf die Welt kamen, war die Erfahrung der Enge des Geburtskanals das erste Angsterlebnis, das für ihre spätere Einstellung gegenüber Risiken und Gefahren prägend war. Der Mythos und psychologische Studien besagen, dass das Angstempfinden von Kindern, die dieses Geburtstrauma nicht durchleben, geringer ausgeprägt ist. Und Citizens, die wenig oder gar keine Angst haben, verhalten sich nicht berechenbar und sind damit nur schlecht zu mitteln. Das ebenfalls von uns entwickelte Konzept der BadPastLessons beruht ebenfalls auf Angst.“

Und es funktionierte, erinnerte sich View schaudernd an ihre Fahrt in dem „Zer­knall­treibling“.

„Aber ich schweife ab – deine Aufgabe in der Agency: Um also im Rahmen der Sozialisation jedes Citizens diese, wie schon gesagt, überschaubare Vielfalt in gemittelter Qualität schaffen zu können, suchen wir solche aus der Masse he­rausragenden Talente wie dich. Du hast mit deinem Einsatz für deine MateCompany – übrigens eine sehr gute Wahl – eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass du nicht nur die Motive der Peers deiner unmittelbaren SocialUnit, sondern da­rüber hinaus auch die anderer Citizens nachvollziehen und in gemittelte Bahnen lenken kannst, die daher geeignet sind, die WirtschaftsSozialität der Urb zu stärken.“

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