Bernd Boden Dismatched: View und Brachvogel
Dismatched: View und Brachvogel
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Bernd Boden Dismatched: View und Brachvogel

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Wenn er es irgend ermöglichen konnte, ließ Brachvogel nach der Fron des Tages oder der Nacht den Wall der Klave hinter sich, um am Ufer des Flusses oder unter den Bäumen des Waldes seinen Gedanken und Fantasien nachzuhängen. Es war dies die Zeit des Untergangs oder Aufgangs der großen Gestirne, die Stunde der Dämmerung, die er so sehr liebte. Luna oder Sol hatten ihre Bahn vollendet und das jeweils andere Gestirn das Firmament noch nicht erobert. Die Konturen verschwammen geheimnisvoll im Graublau, die Dinge schienen zu schweben und legten ihre Bestimmung noch nicht offen, nichts war festgeschrieben, es herrschte weder gestern noch morgen, war weder Mond- noch Sonntag und alles schien möglich. Seit er denken konnte, lebte Brachvogel im Dazwischen, fühlte sich nirgends zugehörig, mochte sich nicht festlegen, liebte den offenen Horizont der Möglichkeiten, in dessen endlosen Weiten er sich verlieren konnte. Hier im Dazwischen war er wirkmächtig, wob sein Gespinnst von Ideen und empfand, was immer es zu empfinden gab.

Vielleicht würde es ihm ja heute Nacht gelingen, etwas ins Leben zu rufen, dass die Geschicke der Klave in neue Bahnen lenken konnte.

Doch noch war Brachvogel weder Herr seiner Zeit, noch Jagdfrau, noch der Schmiedin Gehilfling, sondern nur ein unbedeutendes, fest im Gewerk der Klave verzahntes Rädchen, das unausweichlich und unbarmherzig angetrieben wurde. Schnell schöpfte er in der Wölbung der zusammengelegten Hände Wasser aus der Schüssel, warf es sich ins Gesicht und rieb sich den Schlaf aus den Augen, säuberte sich die Zähne mit dem ausgefaserten Ende eines Buchenreises, das er vorher mit etwas Pottasche bestreut hatte, band sein Schamtuch um, zog seinen Kittel an und schlüpfte in seine Sandalen.

Nachdem die Oberfläche des Wassers in der Schüssel nun wieder glatt wie ein Spiegel war, strich er sich seine braunen, schulterlangen Haare hinter die Ohren und beugte sich über das Gefäß, um sich die Stoppeln seiner Gesichtsbehaarung abzuschaben. Ein hageres Gesicht, mit weit auseinander liegenden grünen Augen, dichten Brauen, einer leicht schief stehenden Nase, einem schmalen Mund und einem energischen Kinn blickte ihn an. Vorsichtig begann er sich mit einer Tonscherbe, deren Kante er an einem Wetzstein geschärft hatte, über die Wangen zu fahren. Brachvogel hasste diese mühsame Prozedur, aber hierzu ein Messer zu benutzen, war ihm, wie allen anderen Mannlingen, die unter Haarwuchs im Gesicht litten, verwehrt. Da sein Gesichtshaar sehr schnell spross, hätte er es gern einfach wachsen lassen, doch das war verpönt und selbst die Stoppeln erregten den Anstoß der Frauen.

Als er mit seinen Genossen aus der Hütte trat, gewahrte er in einem Winkel der Gasse eine kleine Gestalt, die sie ganz unverhohlen neugierig anstarrte. Sicher ein frisch aus der Stätte der Aufzucht entlassenes Milchkind, ein Knabling, der an den Anblick von Mannlingen noch nicht gewöhnt war. Wie alle unter dem Rund von Luna geborenen Mannlinge war auch Brachvogel in der Stätte der Auf­zucht ausschließlich im Kreise der Mütter aufgewachsen und bis zum Alter von sieben Umlaufzwölfen von wechselnden Brüsten genährt worden.

Seit vielen Lunaumläufen schon waren immer weniger Menschen zur Welt gekommen und jedes neue Leben war zu kostbar und unterlag unüberschaubaren Einwirkungen, als dass die Mütter es von Geburt an dem alltäglichen Leben in der Klave aussetzten. Stattdessen wurden die neugeborenen Knablinge als Milchkinder in der Stätte der Aufzucht von den Müttern umhegt und von allen schädlichen Einflüssen ferngehal­ten, bis sie die Milch der Friedfertigkeit untereinander, der Behutsamkeit im Umgang mit der Schöpfung und der Demut gegenüber Luna zur Gänze in sich aufgesogen hatten und in die­sem Geiste gefestigt und erstarkt schließlich in das Leben in der Klave entlassen werden konnten. Die Kleinen Frauen dagegen, so munkelte man, wurden unter nicht offenbaren Umständen an einem Ort namens Hort der Weisung auf ihre Lenkungsaufgaben den Mannlingen und ihre Verantwortung der Schöpfung gegenüber vorbereitet. Es war schon seltsam, dachte Brachvogel, Mannlinge waren zwar für die Zeugung nötig, schienen aber sonst einen eher schädlichen Einfluss auf die Milchkinder auszuüben, sonst würden sie nicht so strikt von ihnen ferngehalten.

Kein Wölkchen zog am Nachthimmel dahin und die volle Luna stand schon hoch über der Klave, die von schmalen Gassen durchzogen an den Steilhang eines Berges geschmiegt am Ufer eines großen Stromes lag, den ein breiter Fahrweg säumte. Diese wenigen Nächte in den Frühjahres- und Herbstmonaten, in denen Luna gegen Ende des zweiten Viertels ihres Um­laufs fast ihre volle Gestalt erreicht hatte, bis sie in ganzer Rundung erstrahlte und dann im dritten Viertel ihres Umlaufs wieder langsam an Fülle abnahm, waren dem Pflügen der Felder und dem Säen gewidmet. So war es Brauch seit alters her und die Worte der Archontin und der Weisen Frauen bestätigten ohne Unterlass, dass diesen überlebensnotwendigen Verrichtun­gen, die den Ernteertrag der Klave sichern sollten, nur unter dem Lichte des Nachtgestirns ein gutes Gelingen beschieden war. Unausweichlich würde auch in dieser Nacht der vollen Mon­din die Archontin die Bewohner der Klave wieder mit einer Rede voller Salbung überzie­hen, um die nächtlichen Arbeiten weihevoll einzuleiten.

Während die anderen Mannlinge von dergestalt Sprüchen offensichtlich angerührt und beflügelt wurden, war Brachvogel ihrer allmählich überdrüssig, konnte er doch zwischen dem, was die Archontin deklarierte und prophezeite und dem, was sich dann tatsächlich begab, niemals einen wie auch immer gearte­ten Zusammenhang ausmachen. Das, was sich tatsächlich ereignete, schien gänzlich von dem unabhängig zu sein, was die Archontin oder eine der Weisen Frauen stets so würdevoll ver­kündeten. Alle Zeremonien und Rituale konnten augenscheinlich weder Heil hervorrufen noch Unheil bannen. So hatten während der letzten Pflanzperiode in den dem Pflügen und Säen geweihten Nächten dichte Wolken den Himmel bedeckt, so dass Lunas Strahlen die Erde nicht erreichen konnten, darob die Klave gezwungen war, die Erde am Tage aufzubrechen und den Samen im Lichte der Sonne in sie zu legen. Obwohl dies natürlich als sehr bedroh­liches Omen galt, war die Ernte so gut oder so schlecht ausgefallen wie ehedem. Und obwohl die Weisung der Schamaninnen immer wieder lautete, dass die Zeichen für die Empfängnis neuen Lebens gut stünden, waren in den zurück­liegenden Umlaufzwölfen der Klave immer weniger Nachkömmlinge gewährt worden.

Heute Nacht nun strahlte das Licht der Mondin so hell, dass Brachvogel vom Hüttenkranz seiner Frauschaft aus die gesamte Klave bis hinunter zur Lunagleiß überblicken konnte, auf deren Wassern eine breite Bahn schimmernden Glanzes lag, die dem Strom wahrlich alle Ehre machte. Der Tag war sehr warm gewesen und der würzige Geruch von Rosmarin lag in der Luft, der sich im Sonnenglast von dem Kraut gelöst und durch den Tau der Dämme­rung noch verstärkt hatte. Hinter Brachvogel ragte die Flanke des Fernwarte geheißenen Ber­ges in die Höhe. Im Süden links neben ihm verlief zwischen Steilhang und Ufer einer der beiden Wälle, die die Klave zum offenen Land hin sicherten. Rechts neben sich erspähte er in nord­östlicher Richtung in der Ferne den gegenüberliegenden Wall. Die Klave erstreckte sich etwa zweitausend Doppelschritte in der Biegung des Flusses und mochte wohl an die dreißigtausend Häupter zählen.

Überall waren jetzt die Mannlinge zu den Versammlungsstätten unterwegs und auch Brachvogel und seine Genossen mussten flussaufwärts zum in der Mitte der Klave gelegenen großen Rund der Kündung und Ver­sammlung. Als sie sich auf den Weg machten, sah er neben sich seinen Schatten und die der anderen schreiten. Statt sich dem Gewirr der engen Gassen zwischen den Hütten der einzelnen Frauschaften auszusetzen, die sich an der Flanke des Berges hinzogen, nahmen sie den kürzesten Weg hinunter zur Lunagleiß und folgten dann dem breiten Fahrweg am Ufer.

Die Gleiß war die Lebensader der Klave. Ihre Wasser erlaubten den Transport schwerer Lasten aus dem stromaufwärts gelegenen Umland. Die leeren Lastschuten wurden von Ebseln, die die Wildheit und Stärke des Ebers mit der Fügsamkeit und Ausdauer des Esels vereinten, weite Strecken stromauf gezogen und trieben beladen mit Getreide, Kartoffeln und Rüben, tonhaltiger Erde, Bauholz und Steinen, die zur Errichtung festerer Bauten als der üblichen Hütten benötigt wurden, wieder stromab und landeten am unmittelbar unterhalb des flussaufwärtigen Walles gelegenen Hafen an, wo sie entlastet wurden.

Es war ein immerwährender Kampf – der natürlich stets auch der beschwörenden Worte der Archon­tin bedurfte – den Treidelpfad, der am Ufer dahinführte, nach den Überschwem­mun­gen im Frühjahr und Herbst wieder gangbar zu machen. Es war keine geringe Kunst, die Zugleinen so auszurichten und zu halten, dass die Leinenreiter die Schuten gut lenken konnten und die kostbare Ladung weder der Gewalt des Stromes anheimfiel und abgetrieben wurde, noch am Ufer auflief und zum Stillstand kam. Aber war die Fahrt einmal in Gang gekommen, bedurfte es nur noch geringer Anstrengung, die Schute auf Kurs zu halten. Im Gegensatz zu den vielen anderen Aufgaben, die er zu versehen hatte, liebte Brachvogel die langen und trägen Tage, an denen er von seiner Weisungsfrau zum Leinenreiter bestellt wurde. Unter sich das dampfende Tier, neben sich den behäbig murmelnden Fluss, zog er dann gemächlich dahin und musste lediglich darauf achten, dass die Leine, die vom Geschirr seines Ebsels zur Schute führte, immer straff ge­spannt blieb, und so gesichert war, dass sich die Zuglast gleich­mäßig auf die anderen Leinen­reiter verteilte und konnte ansonsten seinen Gedanken freien Lauf lassen.

Die Kraft der Lunagleiß trieb auch die Mechaniken mannigfaltiger Gewerke an, die zu diesem Behufe zwischen dem Fahrweg und in gebüh­rendem Abstand zum Ufer gelegen waren, um gegen die Überschwemmungen gefeit zu sein. Schon von weitem vernahm Brachvogel das dumpfe, rhyth­mische Wummern der ersten Gruppe der drei mal drei gewaltigen Wasserräder, die durch den Druck der Fluten auf ihren Schaufeln um ihre Achsen gewuchtet wurden. Wie urtümliche Wasserwesen, die sich anschickten, ans Ufer zu steigen, erhoben sich nach einiger Zeit die Umrisse der Wasserräder aus ihren Gräben, die vom Wasser der Gleiß gespeist wurden. Ihre Naben verlängerten sich zu Wellen, an denen breite Treibrie­men anlagen, die viele kleine Bewegungs­werke antrieben. Ein ausgeklügeltes System von Umlenkrollen und Zahnrädern ermöglichte es, die Energien des Wassers in die jeweils er­wünschte Richtung zu lenken und so zu drosseln, dass sich die Mechanik am anderen Ende genau mit der erforderlichen Kraft und Geschwindigkeit bewegte. So pumpte der Blasebalg, der die Esse der Schmiede mit Sauerstoff versorgte, in einem zwar kräftigen aber eher gemächlichen Takt, während die Wetzsteine der Messer- und Sensenschleiferei in rasender Drehung um ihre Mitte tanzten.

Neben Brachvogels Gruppe strebten jetzt auch viele andere Mannlinge dem zentralen Rund der Ver­kündung zu und der Fahrweg füllte sich allmählich mit eilig vorwärtsstrebenden Gestalten. In der Menge erblickte Brachvogel seinen Freund Agror, der als Gehilfling in der Schmiede der Eisenfrau arbeitete. Wie die meisten seiner Art war er hochgewachsen, überragte Brachvogel um Haupteslänge und neigte schon in jungen Jahren etwas zur Fülle.

„Schone die Schöpfung, Agror.“

„Ah, Brachvogel, schone die Schöpfung“, begrüßte ihn der Freund mit der seinesgleichen eigenen hohen Stimme. Eine Weile gingen die beiden schweigend nebeneinanderher.

„Diese Nacht scheint Luna uns gütig gesonnen“, meinte dann schließlich Agror, in den sternenklaren Himmel blickend.

„Wie du wohl weißt“, entgegnete Brachvogel, „kann ich einfach nicht glauben, dass der Stand oder die Fülle der Mondin während des Pflügens und Säens sich später auf den Ertrag der Ernte auswirkt. Dass dem vielmehr nicht so ist, haben, finde ich, die Widerfahrnisse der letzten Umläufe ja auch sattsam bewiesen. Weitaus bedeutender scheint es mir da schon zu sein, ob die Vögel die Saat aufpicken oder uns das Ungeziefer die Ähren vom Halm frisst und wie viel es in der Zeit des Wachstums regnet. Also“, und hier senkte er die Stimme, „sollte die Archontin statt weihe­volle Sprüche zu sprechen und es den Strahlen Lunas zu überlassen, wo die Erde zum Säen aufgebrochen werden darf, zum Exempel lieber sämtliche Felder knapp außerhalb der Hochwasserzone an den Ufern der Gleiß anlegen und Bewässerungsgräben ziehen lassen, damit wir gegen Trockenzeiten gefeit sind.“

Solches hätte Brachvogel keinem anderen Mann­ling gegenüber geäußert. Doch Agror war sein einziger Vertrauter und seit ihrer gemeinsa­men Zeit in der Stätte der Aufzucht schätzten sie einander wert. Weder dass der eine Gehilfling und der andere nur Springling war, noch dass sie meistens eine unterschiedliche Meinung ver­fochten, hatte jemals einen Keil zwischen sie treiben können.

„Ich kann nicht ergründen, wie sich das im Einzelnen und im Ganzen zueinander verhält und will auch über unsere Regeln den Stab nicht brechen“, entgeg­nete Agror. Auch wenn er es so nicht auszudrücken vermocht hätte, war er im Grunde doch überzeugt davon, dass die Rituale der Archontin und das den Alltag beherrschende Regelwerk zumindest niemandem schadeten, sondern im Gegenteil Vertrauen und Sicher­heit vermittelten und dafür sorgten, dass alle an einem Strang zogen.

„Wie dem auch immer sein mag“, knurrte Brachvogel, „jedenfalls sind wir bedingungslos Luna, der Archontin und dem Kreis der Weisen Frauen anheimgegeben und es ist uns verwehrt, den eigenen Brägen gebrauchen.“

Das Thema war ein immerwährender Streitpunkt zwischen ihnen. Während Brachvogel ständig mit neuen – und meistens undurchführbaren – Ideen schwanger ging, wollte Agror alles so belassen, wie es war. Weniger, weil er wie viele seinesgleichen ein träges Gemüt hatte, sondern weil er fest daran glaubte, dass die Welt, so wie sie war, zum Gedeih aller eingerichtet war und es dem Menschen nicht zustand, den Dingen bis auf den letzten Grund zu gehen.

Nach einer Weile hatten sie etwa auf Höhe des großen Versammlungsplatzes eine Stromschnelle der Lunagleiß erreicht, an der die Wasser mehrere Spannen in die Tiefe stürzten. Hier lagen die Getreidemühle, die Sägemühle und die Ölmühle, deren Mechaniken ebenfalls durch Wasser­räder in Rotation versetzt wurden. Diese Gewerke benötigten mehr Kraft als die flussabwärts gelegenen und so hatten die Baumeisterinnen der Klave oberhalb und unterhalb der Strom­schnelle längs des Flusslaufs schmale Gräben treiben lassen, in denen die Wasserräder aufge­hängt waren. Durch diese Engführung erreichte das Wasser eine höhere Strömungsgeschwin­digkeit und das hier starke Gefälle der Lunagleiß ermöglichte einen Versprung zwischen Ober- und Untergraben, so dass das vor der Stromschnelle durch den Obergraben zulaufende Wasser die Schaufelkränze der Wasserräder aus mehreren Spannen Höhe traf und so seine ganze Kraft entfalten konnte, ehe es durch den deutlich tiefer liegenden Untergraben hinter der Stromschnelle wieder in den Fluss zurückgeleitet wurde.

In der Ferne konnten Brachvogel und Agror nun auch in der Nähe des nordöstlichen Walles die am Hafen liegenden Lagerhäuser und die letzte Dreiergruppe Wasserräder erkennen, die dort viele kleine Mechaniken antrieben. Hier vereinte sich ihr Zug von Mannlingen mit denjenigen, die ebenfalls den breiten Fahrweg gewählt hatten und vom anderen Ende der Klave zum großen Rund der Versammlung und Kündung strebten. Es mochten wohl an die sechshundert Häupter sein, schätzte Brachvogel. Vereinzelt waren auch schon Weisungsfrauen in ihren bodenlangen Gewändern zu sehen. Sie hatten Kränze aus ineinander verflochtenen Reisern über der linken Schulter hängen, die sie immer wieder einmal abnahmen, um allzu saumselige Mannlinge anzutreiben, indem sie ihnen damit sanft auf den Rücken tippten.

Die beiden Freunde bogen nach rechts ab und folgten einem breiten Weg aufwärts in Richtung des Zentrums der Klave. Zu beiden Seiten erstreckte sich das von schmalen Gassen und Gässchen durchzogene Wirrwarr der Hüttenkränze der einzelnen Frauschaften, aus dem weitere Mannlinge zu ihnen stießen. Nach einer Weile erweiterte sich der Weg und sie betraten einem kreisrunden Platz, an dessen zur Flanke der Fernwarte gelegenen Seite sich ein zweistöckiges aus Stein errichtetes Gebäude erhob: Der Hort der Beratung. Immer mehr Mannlinge drängten nun nach und allmählich füllte sich das Rund. Wie Schafe in den Pferch trieben die Weisungsfrauen die Mannlinge nun in geordneten Reihen zusammen und hießen sie, für die Zeremonie, in der in Bälde die Ar­chontin zu ihnen sprechen würde, Aufstellung zu nehmen.

Nachdem Ruhe in die tief gestaffelten Reihen der Mannlinge eingekehrt war, sah Brachvogel sich um. Zusätzlich zum Licht der Mondin wurde die Freifläche von zwei Reihen Fackeln erhellt, die parallel zueinander in regelmäßigen Abständen vom Hort der Beratung bis zur Mitte des Platzes hin aufgestellt waren. Dort standen über Lagen von Holzkohle Dreibeine, an denen Kupferkessel hingen, in denen Kräuter schwelten und den Platz mit ihrem Duft schwängerten. Ganz offensichtlich nahm die Archontin ihre neue Regel, in Nächten der vollen Luna dieser kein von Menschen gemachtes Licht entgegenstrahlen zu lassen, in Bezug auf ihr eigenes Auftreten nicht allzu ernst. Auf ihre Wirkung erpicht, würde sie wahrscheinlich zwischen den Fackelreihen hindurch zum Zentrum des Platzes schreiten. Das mondüber­strahlte Rund mit der erwartungsvollen Menge der Mannlinge, auf welche die qualmenden Fackeln zuckende Schatten warfen, bot in der Tat einen eindrucksvollen Anblick. Neben dem harzigen Geruch der Fackeln und dem Duft der Kräuter stieg Brachvogel, wie schon so oft während solcher Ansprachen, die kaum wahrnehmbare Spur eines leicht pilzigen Aroms in die Nase. Wurde er davon leicht benommen oder bildete er sich das nur ein? Die anderen Mannlinge um ihn herum schienen jedenfalls nichts zu bemerken und auch niemand sonst wunderte sich über die Fackeln.

System / ClockedCounter / Update_566 / Takt_15.592.006

View sah sich um. Wie immer war die CinemaHall ihres Habitats bis auf den letzten Platz besetzt. Ein Member der Authority of PoliticalIndoctrination betrat die Bühne.

„Ich hoffe, bei euch ist alles im Mittel? Wie immer freue ich mich, euch zu unserer gigataktlichen BadPastLesson in diesem historischen Ambiente begrüßen zu können. Wieder einmal möchte ich euch zu unser aller Erstaunen und Erheiterung von den Absonderlichkeiten und Kruditäten aus der Zeit vor dem Finalen Kataklysmus berichten.“

Gar nichts war im Mittel, grollte View innerlich. Wie jeder Citizen war sie es gewohnt, sich über die Immersionsfunktion ihres AeroFlats, wo und wann auch immer sie wollte, Bildinformationen direkt auf die Netzhaut projizieren zu lassen und so tief in das Geschehen eintauchen zu können. Hier dagegen saß man Ellenbogen an Ellenbogen, Reihe um Reihe auf mega niedergaußen Sitzgelegenheiten, die auf einer schiefen Ebene angeordnet, jedem dem Blick auf die sogenannte „Leinwand“ erlauben sollten, über die die von der Authority of PoliticalIndoctrination aus historischen Beständen zusammengestellten „Filme“ flimmerten.

Die CinemaHall war einem der sogenannten „Kinos“ nachempfunden, wie sie vor dem Kataklysmus üblich gewesen waren. Viel FakeWood und die Wände von einer roten, wallenden Textur bedeckt, die wohl „Samt“ oder „Plüsch“ geheißen hatte. Die Toninformationen schepperten aus „Lautsprecher“ genannten Kästen, die ebenfalls an der Wand hingen. Die Luft roch stumpf und abgestanden. Im Licht der „Scheinwerfer“ stiegen und sanken unzählige Staubpartikel. View schau­derte. Wenn die Atmosphäre in ihrem Hexagon so kontaminiert wäre, würde sie umgehend eine ServiceUnit ordern, damit die Filter durchgecheckt würden. Doch dauerten die Lessons nie so lange, dass ihr die Luft schädlich wer­den konnte und sie lernte so manches Wissenswerte über eine Vergangenheit, die die Urb zum Glück längst hinter sich gelassen hatte. Vieles von dem, was sie hier erfuhr, konnte sie kaum glauben und vieles ängstigte sie sogar.

„Heute werden wir sehen, wie sich die Menschen vor dem Kataklysmus eingezwängt in sogenannte Automobile fortbewegt haben. Diese, nennen wir sie besser Zerknalltreiblinge, bezogen ihre Energie aus einem Explosionsmotor, in dem die zu einer sirupartigen, schwarzen Flüssigkeit zusammengepressten Überreste von Tieren und Pflanzen verbrannt wurden. Diese Motoren verursachten einen Höllenlärm und stießen stinkende Abgase aus, die die gesamte Umwelt vergifteten. Aber seht und – vor allem – riecht selbst.“

Die Authority machte nie viele Worte, sondern ließ die Bilder sprechen, die auf archaischen Datenträgern in Archiven gefunden worden waren, die die Wirren des Kataklysmus weitgehend unbeschadet überstanden hatten.

Auf der Leinwand erschien ein körniges Bild, das sich flackernd in Bewegung setzte. Aus großer Höhe zoomte die Kamera auf eine endlose Schlange leidlich aerodynamisch geformter Vehikel, über der die Luft vor Hitze flimmerte. Nur alle paar MinorTakte schob sich die Kolonne ein paar Meter vorwärts, um dann wieder zum Stillstand zu kommen. Die Gesichter der Insassen hinter den geschlossenen Scheiben der Vehikel sahen nicht besonders glücklich aus. Aus den Lautsprechern hämmerte der Lärm der Motoren und jetzt emittierten verborgene SmellJets den beißenden Gestank der Verbrennungsmotoren, der den Teilnehmern der BadPastLesson binnen MicroTakten die Tränen in die Augen trieb.

„Und sollten die Blechkisten tatsächlich einmal freie Fahrt gehabt haben, ist es oft zu schrecklichen Unfällen gekommen“, verkündete der Moderator der Authority.

Unversehens wechselte der RetinaLaser von Views AeoroFlat aus dem StandBy in den Modus höchster Immersion und ihre Netzhaut wurde mit einer Flut beängstigender Bilder überzogen. Sie saß am Steuer einer solchen Blechkiste. Die Frontscheibe war voller Schlieren, doch konnte View sehen, dass sie mit rasender Geschwindigkeit unausweichlich auf ein Hindernis, offensichtlich ein anderes Automobil, zusteuerte. Der Aufprall raubte ihr sämtliche Sinne. Ihr Sitz bebte.

Die Immersion brach ab und View fand sich zitternd im Saal des antiken Kinos wieder.

„Für viele von euch mag die heutige Vorführung etwas drastisch gewesen sein“, beruhigte der Moderator seine Teilnehmer. „Aber ihr kennt die GuideLine der Authority: So schonend wie möglich, um eure, an den Komfort und die Sicherheit der Urb gewöhnten Gemüter nicht zu erschüttern, aber so authentisch wie nötig, um euch vor Augen zu führen, dass wir durch den Prozess der Mittelung im Begriff sind, die beste aller Welten zu erschaffen.“

Immer noch mit weichen Knien, drängelte sich View neben den anderen Citizens durch die engen Türen der CinemaHall in die gewohnte antiseptische Weite der Urb und war froh, für ihren anstehenden Besuch bei dem Recruiter der Agency die AntiGrav benutzen zu können.

Als sie die ihrem Habitat nächstgelegene TransmissionStation am Rand ihres LivingGround betrat, erstreckte sich vor ihr das Panorama der Urb über mehrere Plattformen, die in unterschiedlicher Höhe und Ausdehnung in die v-förmig gegrätschten Pfeiler der gewaltigen Pylone eingehangen waren, die auch die Kup­peln der Domes stützten, die die Urb überspannten. Jede der 32 auf 8 Höhenleveln versetzt zueinander angeordneten Ebenen trug eine Sektion, einen Ground der Urb, dessen Skyline jeweils von den Flagshipstores eines bestimmten Premiumanbieters beherrscht wurde. Während sich View auf ihrem Ground 22 auf Level 6 im unmittelbaren Umfeld ihres Habitats mit sämtlichen Produkten des täglichen Verbrauchs versorgen konnte, besuchte sie für viele Events oder eine möglichst repräsentative Shoppingtour auch die anderen Ebenen. Wie immer, wenn sie ihre Plattform länger nicht verlassen hatte, genoss sie die Weitsicht, die sich ihr von der Station aus bot.

Unmittelbar vor ihr dehnten sich die Bänder der AntiGrav in die Ferne, über deren ZeroGravitationStrings Gütertransport und Individualverkehr der gesamten Urb verliefen. Die 4 parallel angeordneten Strings waren um diese Zeit dicht mit geräuschlos dahingleitenden Cabs besetzt, die auf den äußeren Bändern mit hoher Geschwindigkeit passierten, während das Tempo auf den inneren Spuren kontinuierlich abnahm. Direkt über View trafen 2 Kuppeln aufeinander, deren Dome­Animation an den Rändern fließend ineinander überging. Heute Morgen projizierten die Laser einen strahlend blauen Sommerhimmel in die Wölbungen der Domes und ließen einen glutroten, scharf konturierten Sonnenball seine Bahn ziehen, ohne dass dabei Licht und Wärme der natürlichen Sonne abgeblockt wurden. Eine Schönwetterwolke, die von der über Ground 28 stehenden animierten Sonne rötlich angestrahlt wurde, schwamm von Ground 24 über Views LivingGround. Die Kongruenzfunktion der DomeAnimation sorgte dafür, dass der simulierte Himmel auch unter die tragenden Flächen aller Plattformen projiziert wurde und sich dort nahtlos fortsetzte, so dass für den Betrachter, dessen Position sich unterhalb einer Ebene befand, der Eindruck entstand, als würde sie schweben. Tief unter sich blickte View auf die mit üppiger Vegetation besetzten Dächer der vielstöckigen DomeScraper von Ground 18 und leicht versetzt noch darunter lagen die Tops der Habitate von Ground 12. Die Sockel vieler Gebäude standen in Feuchtbiotopen, deren Wasser durch den Wasserdruck und die an den Außenhüllen anliegenden Antischwerkraftfelder direkt an den Wänden in die Höhe geleitet wurde. Der so entstehende dünne Wasserfilm versorgte die Moose und Kletterpflanzen, mit denen die Wände bewachsen waren und schuf so ausgedehnte Verdunstungsflächen, die die Atmosphäre unter den Kuppeln verbesserten. Links von View war die Luft vom Tosen eines Wasserfalls erfüllt, der hoch über ihr von Ground 32 auf den weit unter ihr schwebenden Ground 16 hinunterstürzte. Feiner Nebel stieg auf, der in allen Farben des Regenbogens glitzerte, den die DomeAnimation in die Wassermassen projizierte. Die Kaskade war Teil der GaußKatarakte, deren Kreislauf die Grounds 32, 24, 16 und 8 miteinander verband.

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