Bernd Boden Dismatched: View und Brachvogel
Dismatched: View und Brachvogel
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Bernd Boden Dismatched: View und Brachvogel

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View gehörte zu denen, die morgens immer ihren Smiley oder Grumpie setzten und sie hasste es, wenn andere sich nicht entscheiden konnten. Endlich war sie mit ihren Gefühlen nicht mehr völlig auf sich zurückgeworfen, war aus dem Sumpf ihrer Innerlichkeit gezogen, der sie von den anderen isoliert hatte. Sie musste nicht länger befürchten, nicht verstanden zu werden oder unangemessen zu reagieren. Sie legte ihre Befindlichkeit und ihre Gefühle offen und im Gegenzug offenbarten sich die anderen ihr. So konnte es weniger zu Missverständnissen und Animositäten kommen. Und das Setzen der Smileys oder Grumpies geschah nicht etwa nur nach Lust und Laune der Kinder, sondern war vom MatchingAdvisor und den anderen großen Citizens ausdrücklich erwünscht und verbindlich gemacht worden, so dass die Kinder über­zeugt davon waren, das Richtige zu tun. Falls Views Befindlichkeit sich tagsüber einmal nicht so entwickelte, wie sie es morgens angezeigt hatte ‒ und das war eigentlich oft der Fall ‒ be­mühte sie sich trotzdem, sich so zu fühlen oder zumindest so zu geben, um den Erwartungs­haltungen ihrer Peers zu entsprechen und sie nicht ins Leere laufen zu lassen. Damit lagen die sonst so komplizierten zwischenmenschlichen Dinge nun zum Greifen offen. View hatte end­lich Verhaltenssicherheit erlangt und binnen weniger Wochen dümpelte sie nicht mehr im Brackwasser am Rande ihrer Gruppe, sondern stand in deren Zentrum.

Vergaußt und gemittelt, waren diese Zeiten schon lange vorbei, lächelte View in sich hinein. Anstelle der Unsicherheit und des Gefühls des Verlorenseins, die ihre ersten Lebensjahre geprägt hatten, waren Sicherheit und Berechenbarkeit getreten und heute bereiteten ihr ihre SocialRelations keinerlei Probleme mehr. Das System hatte ihr auf der Basis von identischen oder kompatiblen MatchingPoints jede Menge Mates zugewiesen, mit denen sie eine Grundgesamtheit bildete, deren Mitglieder mit ihren übereinstimmende Features und Merkmalsausprägungen aufwiesen oder solche, die sich sinnvoll ergänzten. Ihr gesamtes gesellschaftliches Leben spielte sich innerhalb dieser SocialUnit ab und sie genoss es, rund um den Takt eine Gruppe von Peers zu haben, mit denen sie ihre Interessen, Ideen, Wünsche und Vorlieben passgenau teilen und auch weiterentwickeln konnte. Jede Minute ihrer Zeit war getaktet und verplant. Sie war es gewohnt, ständig aktiv zu sein, Dinge zu machen und Spaß zu haben. Wie alle anderen Citizens auch genoss sie jederzeit schnelle und konkrete Verwirklichung im Hier und Jetzt. Alles war berechenbar und umgeben von Services und Produkten, die ganz unmittelbar Nutzen und Vergnügen stifteten, waren die Menschen in ein absehbares und verlässliches Gefüge von Abläufen und Aktivitäten eingebettet.

Wie View im Geschichtsunterricht an der UniqueSchool of Averaging gelernt hatte, war das Leben nicht immer so erfüllt und so sicher gewesen. In den Zeiten vor dem Finalen Kataklysmus, als die Community sich dem Takt des Systems noch nicht überantwortet hatte, konnte man nie wissen, was auf einen zukam und wälzte folglich ständig Probleme, hegte weitreichende Vorstellungen und wartete geduldig auf irgendetwas Erhabenes oder Beglückendes, das ebenso groß wie unbestimmt war und ohnedies niemals eintrat.

Jetzt hatte View die School mit einem Score von fast 100 Prozent abgeschlossen und ihr vom System erstelltes Profil im OmniNet würde das Interesse vieler spannender Organisationen wecken, so dass sie aus etlichen Jobalternativen frei würde wählen können. Sie war sich noch nicht restlich darüber im Klaren, welche Richtung sie exakt einschlagen sollte. Aber die Ergebnisse der noch ausstehenden Tests und Auswertungen würden auch ihre letzten Zweifel und Unsicherheiten ausschließen, so dass sie sich hundertprozentig sicher sein konnte, zur richtigen Entscheidung geführt worden zu sein. Die Konturen ihres zukünftigen Lebens waren abgesteckt und vermessen und erstreckten sich klar vor ihr wie das feste Band der AntiGrav, über die die Verkehrs- und Warenströme der Urb verliefen.

„Na, alles im Mittel?“, zog Siema27#X, eine von Views FirstMates, sie auf die Seite. „Wie findest du mich?“ fragte sie mit einem triumphierenden Grinsen, reckte den rechten Arm in die Höhe, winkelte die Hand ab und deutete mit dem Zeigefinger von oben auf ihren Kopf, während sie sich um die eigene Achse drehte.

Siema surfte immer auf dem Kamm der höchsten Welle dessen, was gerade gauß war. Aktuell waren das die CoatingCo­lours. Siema schillerte in allen 7 Farben des Regenbogens, dessen Streifen sich ohne Unterbrechung gleichermaßen über ihre Kleidung, die textilfreien Hautpartien an Händen, Armen und Ausschnitt, ihr Gesicht und ihre Kopfhaut zogen.

„Wie hast du das denn hinbekommen?“ erwiderte View anerkennend.

„Neue Produktlinie von EpidermaSoft und SecondSkin. Du ziehst ein spe­zialbeschichtetes weißes Suit an, gewissermaßen als Grundierung ‒ und da gibt es einiges an Auswahl ‒, gehst dann zu einem ColourPoint, schlüpfst in die Kabine, wählst ein Motiv, machst die Augen zu und bekommst es dann nahtlos auf die Klamotten und dein Astralkörperchen appliziert. Funktioniert ungefähr so wie eine Rundumdusche, in der du das Ganze dann übrigens abends auch wieder abspülen kannst.“

„Das ist auch gut so, sonst würdest du morgens wahrscheinlich aussehen wie ein zerlaufenes Ganzkörpermakeup“, lachte View.

„Hab dir und den Mates den Lead zu den Produktsites schon geschickt“, infor­mierte Siema und verschwand wieder zwischen den Leuten, um sich bewundern zu lassen.

View ließ ihren Blick über die bunte Vielfalt im Saal schweifen. Siema war eindeutig der Paradies­vogel und würde wahrschein­lich wie schon so oft wieder einmal Trendsetterin sein.

Da waren etwas abgehoben wirkende Gestalten in grauen Overalls mit dem Emblem der MaAd auf der Brust; zwei senkrecht aufgestellte Handflächen, die zu einem HighFive ansetzten und durch eine Spiegelung in einer langen Kette von HighFives ins Unendliche zu laufen schienen. View hatte dieses Emblem der Mat­chingAdministration immer als etwas unpassend empfunden. Die „Matchies“, wie sie genannt wurden, waren als kühle Techniker und akribische Verwalter eher nicht für ihre Temperamentsausbrüche bekannt. Wahrschein­lich versuchte man durch das Symbol der HighFive die Akzeptanz und Attraktivität der Adminis­tration in der Öffentlichkeit zu erhöhen.

In der MatchingAdministra­tion liefen sämtliche Datenströme der Urb zusammen. Diese LegionBytes an Daten wurden auf der Basis von auf molekularer Ebene codierter und dann synthetisierter DNA in gigantischen Datenbanken gespeichert und für den Zugriff der verschiedensten Stellen und Dienste aggregiert. Wer hier arbeitete, nahm zum Frühstück wahrscheinlich codierte DNA-Sequenzen zu sich, um die darin gespeicherten Informationen im Falle eines Systemausfalls jederzeit abrufbereit zu haben. Das war nicht Views Ding, denn das System hatte ihr stark ausgeprägte Empathiefähigkeiten und einen hohen Wert in emotionaler Intelligenz ausgewiesen und daher wollte sie nicht mit Daten, sondern mit realen Menschen arbeiten. Das Betätigungsfeld der Matchies betraf dagegen immer nur den digitalen Abdruck der Realität, auch wenn View natürlich klar war, dass der in der Administra­tion geschärfte Abdruck dann wiederum der Realität seinen Stempel aufdrückte.

Völlig anders dagegen lagen die Dinge bei der Agency of SocialTechnology, die stets von der Aura des Geheimnisvollen umgeben war. View war zwar bekannt, dass hier die LifeScripts aller Citizens, ihre sämtlichen Ratings und Rankings sowie die der Mates ihrer jeweiligen SocialUnits ausgewertet und daraus dann Psychogramme und die entsprechenden MatchingPoints abgeleitet wurden, aber wie das im Detail ablief und was hier noch so alles abging, konnte sie nur vermuten. Ganz offensichtlich an der Arbeit der Agency war nur, dass von Zeit zu Zeit deren Scouts auf­tauchten, viele Fragen stellten oder als stille Beobachter aus einer Ecke heraus das Geschehen mit Argusaugen verfolgten, um dann wieder zu verschwinden. So konnte View auch jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit ausmachen, wer von den Citizens im Raum ein Scout der Agency war. Nicht an der Kleidung, denn die Agents passten ihr Outfit in der Regel dem des Umfelds an, in dem sie gerade tätig waren, wohl aber an ihrem Verhalten: Diejeni­gen, die sich intensiv mit anderen unterhielten, dabei aber oft die Gesprächsgruppen wechselten, um möglichst viele Eindrücke zu gewinnen, mochten Scouts der Agency sein.

View tauchte in der Menge ihrer Mates und Buddies unter und steuerte auf das Buffet zu, um sich mit einem SurpriseDrink auszustatten. Dieses von der EventFactory neu entwickelte Getränkekonzept beruhte darauf, dass der unbedarfte Flüssigkeitsliebhaber aus den unter­schiedlichsten Zutaten, die nicht im Detail, sondern nur in Form allgemeiner Geschmacksrich­tungen oder ihrer erwartbaren Wirkung ausgewiesen waren, sein ganz individuelles Getränk zusammenstellte. Das Areal der SurpriseDrinks nahm auf dem Buffettisch eine erstaunlich große Fläche ein.

In Fächern mit Beschriftungen wie süß, sauer, salzig, fruchtig, bitter, aromatisch, pfeffrig, klebrig, perlend oder belebend, beruhigend, aufwühlend, nachdenklich stim­mend, euphorisierend und vielen mehr lagen unscheinbare Aluwürfel, die lediglich die entsprechende Kategorie, eine Mengenangabe und – wenn vorhanden – den Alkoholgehalt oder den einer anderen Droge aufwiesen. Außerdem gab es da Korrelationen, die View bislang noch nie mit einem Getränk in Verbindung gebracht hatte: Pelzig-samtig, trocken-sandig, langsam-sackend, feurig-stürzend, quälend-ziehend, kurzlebig-wuchtig, nachhaltig-erstaun­lich etc. Angesichts der Jobanbahnungsgespräche, die sie hier noch führen würde, beschloss sie, um die Zutaten mit Prozentangaben einen weiten Bogen zu machen. Auch das Fach mit dem Hinweis „?!“ mied sie geflissentlich. Nachdem sie spontan etwa 10 Aluwür­fel mit der Beschriftung nach oben auf ein Tablett gelegt hatte, ordnete sie diese in 3 Gruppen an, legte einige Würfel zurück und ersetzte sie durch solche, die ihr passender erschienen. Mit ihrer Komposition zufrieden, schob sie die Aluwürfel nacheinander in die Aufnahmeöff­nung des Mixers und betätigte den Startknopf. Das Gerät heulte kurz auf und entließ dann eine schäumende Flüssigkeit undefinierbarer Farbe in das unter dem Ausguss stehende Glas. Sie nahm einen vorsichtigen Schluck.

Uh, auf diese Geschmacksexplosion war sie nicht vorbereitet, fruchtig und dabei süß und pfeffrig zugleich. Gar nicht übel eigent­lich, nur sehr ungewohnt, aber vielleicht gerade deshalb interessant genug, um sich schwarz auf weiß ausdrucken zu lassen, welche Ingredienzien genau sie sich da in welchem Mischungsver­hältnis zusammengerührt hatte. So konnte sie die Mixtur bei einer späteren Gelegenheit exakt reproduzieren. Einen passenden Namen dafür hatte sie auch schon: SecureFuture. Ganz sicher mit dieser Benennung war sie sich allerdings nicht. Vielleicht erlebte sie ja bezüglich der Kategorie „nach­haltig-erstaunlich“ noch eine böse Überraschung, doch vorerst ging es ihr sehr gut.

Ihr Glas in der Hand stand View eine Weile unschlüssig herum und überlegte, in welches der Grüppchen sie sich einklinken sollte, als einer der Citizens, von denen sie vermutet hatte, dass er zur Agency gehörte, direkt auf sie zusteuerte.

„Kibele2k5?“

Aha, dachte View und nickte, tatsächlich die Agency.

„Sei gemittelt. Schöne Feier hier! Mein Name ist Sonol2ak von der Agency of SocialTechnology. Sicher hast du schon von uns gehört.“

„Natürlich ist mir die Agency ein Begriff.“

„Wir besuchen Initiationsfeiern wie diese hier aus gutem Grund, weil sich uns so eine Gelegenheit bietet, persönlich mit solch hoffnungsvollen Talenten wie dir, die frisch die UniqueSchool abgeschlossen haben, ins Gespräch zu kommen. Hast du Interesse?“

„Wie könnte ich kein Interesse haben? Die Agency ist einer der potenziellen Arbeitgeber, die mir das System mit hoher Wahrscheinlichkeit angetragen hat – aber das weißt du schon.“

„Sicher. Aufgrund deines Profils war das natürlich abzusehen. Aber Genaueres müssen wir hier auch gar nicht besprechen. Widme dich doch wieder deinen Gästen und komm morgen nach der BadPastLesson gegen Takt 54.000 bei uns vorbei. Dann besprechen wir alles Weitere. Den Lead zu meinem Profil und meinen LokalisationPoint habe ich dir bereits übermittelt. Ist das so Okay für dich?“

„Vielen Dank, ja, das werde ich tun“, bestätigte View. „Ich freue mich.“

„Dann also bis morgen“, nickte ihr der Agent noch einmal freundlich zu und verschwand wieder in der Menge.

Doppelgauß, das ließ sich ja ganz wie erwartet an, resümierte View. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde sie also bei der Agency anfangen!

Erst jetzt merkte sie, wie angespannt sie den ganzen Takt über gewesen war. Zwar hatte sie ein Recruitinggespräch in etwa dieser Richtung erwartet, aber eine Realität, die ihre Erwartungen auch tatsächlich eingelöst hatte, war immer beruhigender, als eine lediglich erwartbare Realität, selbst wenn sie eine relativ hohe Eintrittswahrscheinlichkeit hatte.

Views Blick blieb an einem der HoloScreens hängen, die die Szenen aus ihrem LifeStream zeigten. Hier musste sie etwa 12 MajorTakte alt gewesen sein. Sie stand mit der Gruppe ihrer Peers vor einem Gehege im AnimalDrom und bot sichtlich begeistert einem Waschbären, der sie durch seine von dunklem Fell umrandeten Augen zutraulich ansah, auf der flachen Hand eine Portion synthetischer Kerne an. Sie konnte sich noch daran erinnern, selbst auf die Gefahr hin, dass etwas von dem Waschbärnasch herunterfiel, den Hinweis ihres AnimalAdvisors genau befolgt zu haben, dabei die Handfläche keinesfalls zu wölben, damit das AnimalPet nicht auf die Idee kam, an ihren emporgerichteten Fingerspitzen zu knabbern.

View aktivierte den Timer ihres AeroFlats: Takt 3.487. Es war schon spät und sie merkte, dass ihre Energie um den Nullpunkt herumdümpelte. Sie drehte noch eine kurze Runde, um sich bei Freunden und Besuchern ihres Initiation­Events zu bedanken und zu verabschieden und machte sich dann zu ihrem Hexagon auf. Bevor sie das Bewerbungsgespräch mit dem Recruiter der Agency führte, wollte sie ihren Entspannungszyklus voll ausschöpfen. Die Wohnräume innerhalb der einzelnen Habitate waren konzentrisch um den MatchingCube angeordnet und so dauerte es nicht lange, bis sie die Tür ihres Hexagons hinter sich geschlossen hatte, das nur ein kleines Stück den CircuitWalk hinunter lag.

Auf dem großen Screen, der den Raum beherrschte, trat ihr eine mittelgroße Frau gegenüber, unter deren fließendem Gewand sich schlanke Glieder abzeichneten. Unter kaum wahrnehmbaren, wie fragend hochgezogenen Augenbrauen blickten sie leicht oval geschnittene blaue Augen an. Dieser Gesichtsausdruck und die Tatsache, dass sie sich niemals damit begnügte, die Dinge nur oberflächlich wahrzunehmen, sondern überall genau hinsah, um Durchblick zu bekommen, hatten View auch ihren Nickname eingetragen. Sie fand, dass die filigranen Win­dungen ihrer kleinen, enganliegenden Ohren zu der fast perfekt symmetrisch geformten Wölbung ihres kahlen Kopfes einen wirkungsvollen Kontrast bildeten. Die relativ hoch angesetzten Wangenknochen gaben ihrem Lächeln etwas strahlend Offenes. Mit ihrer Nase dagegen war sie nicht ganz so einverstanden, der vielleicht eine Spur zu breite Sattel erschien ihr ein wenig unvorteilhaft. Auch ihre Lippen waren vielleicht etwas zu schmal, das Kinn vielleicht eine Spur zu weich definiert. Aber all das würde sich gegebenenfalls ändern lassen. Nach einer Phase ziemlich radikaler schönheitschirurgischer Eingriffe sah es aktuell allerdings fast so aus, als würde wie so oft der Trend ins Gegenteil umschlagen und sogenannte natürliche Gesichtszüge gauß werden. Momentan war View mit ihrem Aussehen aber ganz zufrieden. Es diente ihrer Selbstvergewisserung, wenn sie sich zusätzlich zu ihrem Konterfei auf dem Screen noch in den Spiegeln sah, mit denen 3 der 6 Wände des wabenförmig angelegten Raumes versehen waren.

Sie klatschte in die Hände:

„Licht: 500 Lux, flächendeckend, cremeweiß; Geruch: Anis; Musik: Brain-

Smoother von den Averagers.“

Da sie Ordnung, Überschaubarkeit und Klarheit über alles schätze, verfügte Views Hexagon über eine Ausleuchtung, die keine Schattenareale entstehen ließ. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass der Duft von Anis sie in kürzester Zeit herunterbrachte und die Klänge von Brain­Smoother taten ihr Übriges. View bevorzugte klare Linien und matte, helle Farben und so hatte sie ihren Raum in den LivingStyles „elementar“, „funktional“, „sachlich“ und „puristisch“ ausgestattet; Kategorien, in denen sie jeweils die höchste von 5 möglichen Merkmalsausprägungen gewählt hatte. Sie konnte nicht nachvollziehen, wie sich Sonoki3ab, eine ihrer FirstMates, in Styles wie „verschwurbelt“, „versponnen“ und „verschattet“ wohlfühlen konnte. Deren Hexagon war eine von schwach rötlichem Licht erfüllte Höhle, in der nichts an dem Platz zu sein schein, an den es gehörte und allein die Anzeigen auf dem Screen verlässliche Orientierung ermöglichten. Da View und Sonoki aber 95 Prozent ihrer Mat­chingPoints teilten und so in fast allen anderen Kategorien übereinstimmten, verstanden sie sich trotz dieser unterschied­lichen Auffassung von Wohnen blendend. Das zeigte wieder einmal, welch differenzierte Analyse das System leistete, wenn es Citizens antrug, sich zu matchen.

View teilte ihr Hexagon mit einer MonsteraDeliciosa, deren große Photosyntheseflächen nachgewiesenermaßen halfen, das Wohnklima zu verbessern. Da sie gern die Kontrolle über die Dinge behielt, bereitete ihr ungehemmtes und chaotisches Wachstum Unbehagen und sie versuchte, die Triebe ihres floralen Elementes in eine möglichst zylindrische Form zu binden. Überstehende Photosyntheseflächen stutzte sie regelmäßig zurück, wobei sie darauf achtete, die Luftwurzeln nicht zu beschädigen, da diese der Versorgung dienten.

Für eine MatchingSession war sie jetzt zu müde und wollte gleich auf ihr RestBoard. Sie war sich ziemlich sicher, dass heute nichts vorgefallen war, das gematched werden musste und auch das Screening und Classifying der Rankings, die ihre Peers den Tag über vorgenommen hatten, konnte bis morgen Abend warten. Aber eine möglichst pralle Zirkulationsdusche musste einfach sein. Sie zog sich aus, schlüpfte in die Nasszelle und stellte die 8 Brauseköpfe auf höchste Intensität. Nachdem sie sich von den konzentrierten Wasserstrahlen 2 Intervalle hatte durchprickeln lassen, schaltete sie auf Trocknen und ließ sich von der warmen Luft umschmeicheln. Wie immer nach einem Tag, der ihre Erwartungen mehr oder weniger zuverlässig eingelöst hatte, beschloss die Dusche Views Aktivitätsphase und sie fühlte sich physiologisch optimal auf ihre Regenerationsphase von 7 MacroTakten vorbereitet. Sie fuhr das RestBoard aus der Wand und wählte als Einschlafmodus „sanfte Dünung“. Die Ruhepneumatik versetzte das Board in die entsprechende Bewegung und innerhalb des Medians ihrer Einschlafzeit von 5 MinorTakten sank View in ihren traumlosen Schlaf. Sobald die Sensoren ihres MatchingEyes registrierten, dass ihr Körper in den Ruhezustand übergegangen war, aktivierte sich das in das dritte Auge integrierte Morpheus­tron, dessen Strahlung dafür sorgte, dass die Citizens ihre Ruhephase optimal nutzten und nicht durch Traumerinnerungen aufgewühlt erwachten.

Sommersaat; dritter Umlauf im fünfhundertachtundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin

Das Rund des Kreises gebiert Sicherheit und Gelingen. Wer sich ihm in Demut und Besonnenheit anheimgibt, des Werk wird glücken und seine Seele wird gesunden.

Der geraden Linie aber folgen Unsicherheit und Misslingen. Wer sie hochmütig und vorwärtsdrängend beschreitet, des Werk wird scheitern und seine Seele wird zuschanden werden.“

Archontin Ayiah

„Schonet die Schöpfung“ schallte weithin der Weckruf über das mondbeschienene Rund der Klave und befreite Brachvogel aus seinem, seit einiger Zeit immer wiederkehrenden Alb­traum. In seiner Butze war es so finster wie im Bauch der Schafe, die die Freien Männer schlach­teten, wenn einer der ihren die Prüfung bestand, die aus einem Mannling einen Mann machte. Gewöhnlich zuckten Schatten über ihm, die das Feuer an die Decke warf, das die ganze Nacht in einem Eisenkorb an der Ecke der Gasse unterhalten wurde. Aber seit Archontin Ayiah, die vor einem Umlaufzwölft zur Regentin bestellt worden war, dem Kreis der Weisen Frauen vorsaß, wurden nächtens nur die unbedingt zur Verteidigung oder Orientierung erforderlichen Feuer und Fackeln in den Gassen entzündet, damit Luna das volle Ausmaß ihrer Kraft über die Erde ergießen konnte, ohne dass übermäßiger Feuerschein ihre Strahlen schwächte. Das galt besonders für eine Nacht wie diese, in der die Mondin fast ihr volles Rund erreicht hatte.

Es hatte Brachvogel wieder einmal geträumt, so tief im abgründigen Rund des Brunnens im Hort der Empfängnis zu stecken, dass er selbst am lauteren Tage am Ende der sich steil über ihm reckenden endlos langen Brunnenröhre die Gestirne sehen konnte. Aus dem eiskalten Brackwasser, in dem er bis zum Nabel stand, wanden sich langsam die schuppigen und schleimigen Leiber von Schlangen und Mollusken an ihm hoch, bis er in den Windungen von Muskelpaketen und den Schlingen von warzenbedeckten Tentakeln zu ersticken drohte. Als ihm in dem verzweifelten Versuch, sich an den schlüpfrigen Quadern des Brunnenrundes in die Wärme Sols empor zu ziehen, die Fingernägel blutig brachen, drängten die Steine des Schachtes immer enger auf ihn ein und ihr tonnenschwerer Druck zerpresste ihm die Rippen.

„Schonet die Schöpfung“ ertönte es abermals und Brachvogel kletterte, erleichtert, dass der Albdruck des Traums allmählich von ihm abfiel, noch ganz benommen von seinem Lager und rüstete sich, sein Mondwerk zu beginnen. Auch in den anderen Butzen regte und reckte es sich nun und die Mannlinge, mit denen Brachvogel hauste, verließen ebenfalls ihre Bettstatt.

Die Weisen Frauen hatten ihn zum Springling bestimmt und also gehörte er zu denen, die keine feste Berufung hatten, wie diejenigen Mannlinge, die als Gehilflinge in der Großmeisterinschaft der Köhlerin, der Schmiedin, der Kesslerin, der Wagnerin, der Küferin, der Korbmacherin, der Töpferin, der Glasbläserin, der Metzgerin, der Käserin, der Müllerin, der Imkerin, der Kürschnerin, der Gerberin, der Weberin, der Schneiderin, der Schusterin oder im Gewerk der Berg- oder Holzfrau ihr Tag- oder Mondwerk verrichteten. Die Springlinge dagegen versahen die immer wieder­keh­renden Obliegenheiten des Alltags, die im Haushalt einer Frauschaft anfielen, als da waren, mit den anderen Mannlingen am Fluss Wasser zu holen, das Essen zu bereiten, Feuerholz zu spalten, den Herd zu warten, die Wäsche zu versorgen. Zu ihren Aufgaben gehörte es, das Vieh zu tränken, zu füttern und auf die Weide zu führen, der Kühe und Ziegen Milch zu melken, der Schafe Wolle zu sche­ren, der Hühner Eier zu sammeln, des Ackers runde Furchen zu treiben und der Erde Gaben zu ernten, die Ebsel auf dem Treidelpfad zu lenken, die Esse in der Schmiede zu versorgen und den Brennofen in der Töpferei zu warten oder sich mit den anderen Springlingen zu vereinen, um in einem gemeinsamen Kraftakt einen im Schlamm versunkenen Karren wieder auf die Räder zu stellen oder mit dem Flaschenzug eine besonders schwere Last auf einen der Speicher am Hafen zu hieven.

Bei all dem war Brachvogels Zirkel eng beschränkt und immer hatte er auf das Genaueste den Anweisungen und Befehlen seiner Weisungsfrau Folge zu leisten. Und so kehrte, putzte, scheuerte, feudelte, wusch, sammelte, schabte, pulte, zupfte, klaubte, sortierte, harkte, hackte, hob, schleppte, jätete, ackerte, rackerte und fronte er, dass es eine Art hatte, bis er spätabends oder frühmorgens – wenn der Arbeitstag wie jetzt ein Mondtag war – todmüde in seine Butze sank. In sein Tagwerk eingespannt war er wie in ein Fass gesperrt, das in rasendem Lauf einen steilen Abhang herunterrollte und ihn am Ende eines jeden Tages im Felsengrund zerberstend wieder aus der Zwinge entließ, ohne dass er etwas Lebenswertes gefühlt oder geschaffen hätte.

Er neidete den Jagdfrauen ihr Tun, die nie­mandem Rechenschaft abzulegen hatten und un­gebunden weit auf den Ebenen umherschweiften, um das gebogene Wurfholz nach Vögeln und die Bola nach größerem Wild kreisen zu lassen.

Gerne wäre er auch wie sein Freund Agror Gehilfling der Schmiedin Ferruma, Eisenfrau genannt. Zwar wich wahrscheinlich auch Ferruma unter dem ehernen Gebot der Einhaltung der Tradition keine Spanne von dem seit Frauengedenken ausgetretenen Pfad und ließ ihre Gehilflinge unter dem ewigen Gleichklang von Hammer und Amboss tagein und tagaus die ewig immer gleichen Dinge anfertigen. Aber immerhin schuf sie etwas, das nützlich und von Dauer war, und erschöpfte sich nicht in sich täglich wiederholender Fron, aus der nichts Bleibendes erstand. Sie konnte ihn gut leiden und verwehrte es ihm nicht, seine Zeit in der Schmiede zu verbringen, wann immer es ihm möglich war. Er liebte das unergründliche Glühen der Essen, das helle Klingen der Hämmer auf den Ambossen, den leicht bissigen Geruch von Holzkohle, der über allem lag, das tiefe Seufzen der Blasebälge, die die Essen mit Luft versorgten und das scharfe Zischen des weißglühenden Metalls, wenn es zum Abkühlen ins Wasser getaucht wurde. Er durfte zwar nichts anfassen, saugte aber alles, was er sah, begierig in sich auf. So hatte er beobachtet, wie die Eisenfrau und ihre Gehilflinge prüften, ob ein Werk­stück heiß genug war, um bearbeitet zu werden: Sie spuckten darauf. Wenn der Speichel sofort zischend verdampfte, war das Metall noch nicht bereit. Wenn der Sputum sich aber zu kleinen Tröpf­chen zusammenballte, die, bevor sie ver­gingen, auf dem Metall herumsprangen, wie die fla­chen Steine, die Brachvogel über die Wasseroberfläche der Gleiß schnellen ließ, war es richtig.

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