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Bernd Boden Dismatched: View und Brachvogel
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„Lasst los. Lasst euch fallen“, rief der RhythmMaster mit Emphase. „Auch, wenn ihr scheinbar haltlos seid, die Mittelung wird euch retten. Wer abweicht, wird von den anderen aufgefangen. Fasst euch bei den Händen.“
In dem bauchkitzelnden Auf und Ab der Elastik ihrer ShortLine streckte Esther die Arme aus und bekam um sich herumtastend tatsächlich nach einiger Zeit Hände zu fassen. Sie drehte sich nach links: Tatsächlich Greve, dessen marketingselig breites Grinsen ihr lauthals verkündete: „Habe ich nicht gesagt, RhythmClimbing ist megagauß?“ Sie drehte sich nach rechts: Eine unbekannte Citizen, die sie mit hochgezogenen Augenbrauen so eindringlich und intensiv musterte, als würde sie sagen: „Du bist mir ein Rätsel, aber ich würde dich nur zu gern ergründen.“
Die Blicke in der Urb checkten meist nur oberflächlich ab, mit wem man es einkaufstechnisch und meinungsmäßig zu tun hatte. Trafen auch nur zwei Drittel möglicher Kategorien zu, war man klassifiziert und abgetan. Der Blick dieser Citizen aber ging tiefer, schien mehr von Esther erfahren und wissen zu wollen. Endlich war hier vielleicht jemand, dem sie sich außerhalb ihrer Treffen mit den Oneironauten, bei denen es vorwiegend um strategische Dinge ging, offenbaren konnte. Jemand, dem sie von den Träumen, die sie geträumt und den Büchern, die sie gelesen hatte, erzählen konnte. Schwerelos an ihrer ShortLine wogend schwang Esther ihre Gedanken in die Weite. So, wie die alten Helden, von denen sie gelesen hatte, in froher Runde aus Bechern ihren Wein „gebechert“ hatten, würde sie vielleicht mit dieser Citizen Bücher „büchern“ und Träume träumen.
Diese Lalic ist völlig anders, als ich sie mir vorgestellt habe, dachte View. Völlig anders als alle Citizens, die ich je classified habe.
Jetzt glitt die Wall langsam in die Senkrechte zurück und Esthers Hände und Füße bekamen wieder Kontakt mit den Sprossen.
„Gleicht eure Moves in Tempo und Rhythmus einander an. Wir sind nun ein gemitteltes Ganzes und schwingen uns gemeinsam weiter hinauf“, tönte der RhythmMaster.
Der Rhythmus der Musik wurde drängender und trieb die Climber förmlich die Sprossen hoch.
„Links – rechts! Rechts – links!“, skandierte der RhythmMaster. „Recht so. Uns alle eint und verbindet ein großes Ziel: Die Mittelung. Verleiht eurem Streben danach körperlichen Ausdruck. Rechts – links! Links – rechts!“
Aus den Augenwinkeln heraus nahm Esther wahr, wie sich die Bewegungen der Climber allmählich einander anglichen. Linker Fuß. Rechte Hand. Hüftschwung. Schulterdrehung. Der gemeinsam geteilte Groove war wie ein Sog, der sie wider besseres Wissen mit sich riss. Rechter Fuß. Linke Hand. Hüftschwung. Schulterdrehung. Die Sprossen der Wall bebten und das gesamte Gerüst begann zu schwingen. Als sämtliche Climber sich an der Spitze der Wall zusammenballten, schwoll die Musik zu einem Crescendo an und legte sich über die synchron pulsierende Bewegung aus hunderten von Körpern. Esther wiegte sich mit ihnen. Sie fand sich in eine unbestimmt beschwingte Weite versetzt, in der sie schwebte, ein Gefühl ähnlich dem, das sie in ihren Träumen in der Traumzeit hatte, und gab sich ganz der tranceartigen Bewegung hin.
Nach einer Weile hatte sie sich völlig verausgabt und schlagartig wurde ihr bewusst, was sie hier eigentlich tat. Gerade hatte sie sich voller Inbrunst in eines der meistgehypten Events hineingesteigert, an dessen Konzeption sicher auch die Authority of PoliticalIndoctrination ihren Anteil hatte. Sie stürzte innerlich ab. Vergaußt, sie hatte sich vereinnahmen lassen. Dieses RhythmClimbing war doch bloßes Mittel zum Zweck, die Mittelung mit positiven Emotionen aufzuladen und in den Köpfen der Citizens zu verankern. Esther fühlte sich missbraucht und in ihren innersten Gefühlen verletzt.
„Unsere Citizenship. Ein Puls. Eine Richtung. Ein Ziel: Die Mittelung.“, endete jetzt der RhythmMaster die Session. Die Musik ebbte ab. „Klettert nun langsam wieder hinunter, jeder wieder in seinem eigenen Tempo. Die LongLines sichern euch. Wer nicht klettern mag, wird abgeseilt.“
Tatsächlich hingen nicht wenige Climber schlaff in ihren LongLines, während sie dem Boden entgegen sanken. Ernüchtert ließ sich Esther langsam die Sprossen herunter gleiten. Neben sich entdeckte sie die Citizen, deren Hand sie ertastet hatte. Wieder dieser eindringlich fragende Blick.
„Wie heißt du?“
„Lalic. Lalic4j8.“
„Ich bin Kibele2k5, aber alle nennen mich View. Zum ersten Mal beim Climbing?“
„Ja.“
„Und wie fandest du es?“
„Megagauß!“ antwortete Esther mit der ihr geboten erscheinenden Begeisterung. Niemandem Einblick in ihre tatsächlichen Gefühle zu geben, war ihr zur zweiten Natur geworden.
„Ich bin auch neu hier, finde allerdings, RhythmClimbing wird etwas überschätzt“, versuchte View Esther mit einer kritischen Einschätzung aus der Reserve zu locken.“
„Take your Choice. Jeder in der Urb hat das Recht auf seine eigene Meinung“, wich diese mit gesenkten Augen und einem Gemeinplatz aus.
Inzwischen waren sie am Fuß der Wall angekommen.
„Man sieht sich“, verabschiedete sich View unverbindlich.
Glaubwürdigkeit. Nicht zu schnell und gekünstelt einen Kontakt eingehen, lautete eine der Leitlinien der Agency für die Arbeit ihrer Scouts. Obwohl diese Lalic eigentlich recht authentisch rübergekommen war, wirkte ihre Begeisterung doch irgendwie nicht echt. Es würde nicht einfach werden, an sie heranzukommen. Aber wenigstens war View diese so schnell gemittelte Dismatchte nicht unsympathisch. Ganz im Gegenteil. Irgendetwas war an ihr. Nicht umsonst war sie ihr aufgefallen.
„Gerne“, sagte Esther.
Diese View war irgendwie anders als alle Citizens, mit denen sie sich sonst abgeben musste. Seltsam, wie sie sie angesehen hatte. „Die Augen sind die Fenster der Seele“, hatte Esther in einem ihrer Bücher gelesen. Und tatsächlich ließen sie die Augen dieser View tiefer blicken, als sie es von den genormten Citzens mit ihren geglätteten Persönlichkeitsprofilen gewohnt war. Schade, dass sie diese Citizen vielleicht nicht näher kennen lernen würde, aber sie musste ihre SocialRelations überschaubar halten und konnte sich daher nicht erlauben, aktiv auf jemanden Neues zuzugehen.
Esther sah View hinterher, bis sie sie im Gedränge am Ausgang der Halle aus den Augen verlor.
View stand in einem Winkel vor der Ausgabestation der HyperTube in Lalics Habitat und hielt Ausschau nach der Citizen, deren Verhalten sie knacken wollte. Durch das Röhrensystem der Tube, das sich wie ein Adergeflecht durch die gesamte Urb zog, pulsierte unaufhörlich eine Flut von Waren, die sich bis in die einzelnen Habitate hinein verästelte und verzweigte. Jeder Citizen konnte seine Bestellungen in sein Habitat oder dorthin beordern, wo er sich gerade befand. Während die Ausgabestationen an den zentralen Knotenpunkten der AntiGrav meist stark frequentiert wurden, da die meisten Citizens, die in der Urb unterwegs waren, es nicht erwarten konnten, ihr neues Gadget oder ein gaußes Accessoire in Händen zu halten, ging es an den Stations in den Habitaten wesentlich ruhiger zu. View kannte Lalics Alltagsroutinen bis ins Detail und diese würde, nachdem sie ihr Arbeitsintervall als JuniorAdvisor bei einem der Betreiber der groundgebundenen AntiGrav absolviert hatte, die Station der HyperTube im MatchingCube ihres Habitats aufsuchen und sich dann in ihr Hexagon zurückziehen.
Lalic hatte sich ein Gadget bestellt, das die Citizenship der Urb schon seit geraumer Zeit in zwei Lager spaltete: die traditionellen ScreenMatcher und die spontanen RealMatcher. Viev selbst war glühende Anhängerin der RealMatcher und nannte schon länger ein entsprechendes Tool ihr Eigen.
Im Grunde war der RealMatcher lediglich eine Erweiterung der Funktionen des AeroFlats, doch hatte Pear.Inc. dafür eine separate Hardware entwickelt, deren verschiedene und unterschiedlich luxuriöse Ausführungen am Handgelenk getragen werden konnten. Auch wenn View jetzt bei der Agency war, Pear war einfach eine megagauße Company. Der RealMatcher ermöglichte es, sein gesamtes Psychogramm aus dem OmniNet herunter zu laden, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und Kategorien zu selektieren, zu hypen oder zu downen und so sein Profil je nach Anlass und Befindlichkeit zu fokussieren und zu schärfen. Schaltete man das Gerät dann in den MatchingModus, wurde auf einer Farbskala von hellblau bis dunkelrot angezeigt, in welchem Ausmaß man mit welchen Citizens, die im unmittelbaren Umkreis ebenfalls einen Matcher trugen und freigeschaltet hatten, bestimmte Vorlieben und Kategorien teilte.
„Das Gesicht in der Menge, der RealMatcher von Pear: Wir bringen die MatchingPower des OmniNet auf den MainWalk.“
View schmunzelte in sich hinein. So ganz löste die Company ihr Produktversprechen dann doch nicht ein. Denn bislang ließ sich der Matcher nur im Rahmen entsprechend autorisierter Partys nutzen. Das mochte daran liegen, dass die Technik noch nicht völlig ausgereift war oder aber auch daran, dass Pear diverse Immobiliengeschäfte betrieb und die jeweiligen Locations zu horrenden Preisen vermietete. Aber, was nicht war, konnte ja noch werden.
View hatte schon etliche dieser MatchingPartys besucht und es war einfach gauß gewesen, immer jemand zu finden, der exakt die gleichen Präferenzen frei geschaltet hatte, die auch sie für dieses Event gehighlightet hatte. Sie fühlte sich an ihre Kindheit erinnert, als ihr das Anlegen der Smileys und Grumpies Verhaltenssicherheit gegeben hatte. Darüber war sie jetzt wirklich weit hinaus und sie genoss den ganz besonderen Thrill, den ihr auf den MatchingPartys der spontane und unmittelbare Face-to-Face-Kontakt zu völlig unbekannten Citizens vermittelte, mit denen sie aus dem Stand eine Ebene erreichte, die sie sonst nur mit wenigen ihrer Mates 1st-step teilte. Allerdings hatte sie nach solchen Begegnungen keinerlei Grund gefunden, diese, wie sie es nannte, fremde Vertrautheit fortzusetzen. Und schließlich war sie ja auch so eng getaktet, dass es letztlich unmöglich war, solche spontanen Bekanntschaften weiter zu führen. Trotzdem, diese MatchingPartys hatten was, da sie ihr die Möglichkeit boten, sich darin zu üben, wirkungsvoll mit Fremden umzugehen, was für ihren Job als Scout nur nützlich sein konnte. Die Angst davor, die Wucht der Unmittelbarkeit nicht bewältigen zu können, war wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass die Fraktion der ScreenMatcher solche Events ablehnte. Die setzten nach wie vor auf die Kontaktaufnahme via OmniNet, da konnte man sich längerfristig darauf einstellen, wie und wen man dann tatsächlich outNet treffen würde. Mindergauße Feiglinge. Aber diese Lalic war ja nun auch auf der richtigen Spur. Interessant, wie sich Trends und Opinions innerhalb einer SocialUnit entwickelten.
Nachdem Pear seinen RealMatcher gelauncht hatte, hatte SocialUnit 66.862 zunächst sehr zögerlich reagiert. Das neue Gadget war zwar diskutiert worden, aber die Beharrungskräfte, Face-to-Face-Begegnungen wie bisher vorwiegend über das OmniNet zu managen, waren stark. Einige sehr auf Sicherheit und Überschaubarkeit ihrer SocialRelations bedachte Member, die dementsprechend auch überproportional viele MatchingSessions initiierten, hatten sogar eine ScreenMatcher-Gruppierung gebildet. Warum das Risiko eingehen, outNet spontan Fakten zu schaffen, die sich dann nicht mehr steuern ließen? Dann hatte der Opinionleader und Trendsetter der Unit, ein Greve2m8, einen Matcher angeschafft und mit seinem üblichen Enthusiasmus die anderen mitgerissen. Zuletzt hatte dann auch Lalic nachgezogen und sich ebenfalls ihr Gadget bestellt. Und das würde sie jetzt hier abholen.
View zog sich noch etwas tiefer in ihren Winkel zurück. Sie wollte zunächst beobachten, wie Lalic ihre Sendung in Empfang nahm und sie dann erst ansprechen. Nach einiger Zeit trat Lalic durch das Gate, querte seltsam unbestimmt die Eingangshalle, lief an der Station der HyperTube vorbei und bog in den CircuitWalk zu ihrem Hexagon ab. Dann hielt sie inne, kehrte um und näherte sich zögerlich der Station. Dort angekommen tippte sie einen Empfangscode in ihr AeroFlat und mit einem verheißungsvollen „Plopp“ fiel ihre Sendung aus dem Ausgabeschacht. Die monochrome Verpackung deutete auf die Standardversion hin. Ohne dem Päckchen weitere Aufmerksamkeit zu schenken oder es gar einer eingehenderen Prüfung zu unterziehen, stopfte sie es achtlos in eine Tasche ihres Suits und strebte wieder ihrem Hexagon zu. Seltsam, in der Regel konnten es die Citizens gar nicht erwarten, einen Neuerwerb in Händen zu halten und im Detail zu begutachten.
View trat Lalic in den Weg.
„Hallo Lalic. Na, alles im Mittel? Was hat dir denn die Tube da zugespielt?“
„Oh“, stammelte Lalic. Sie wirkte irgendwie ertappt. „Hallo ... View. Wir kennen uns vom RhythmClimbing?
„Sicher. Was hast du denn da? Komm sag’s mir, ich bin neugierig.“
„Einen RealMatcher.“
„Ist ja gauß. Welche Edition denn?“
„Äehm ... Standard, glaube ich“, erwiderte Lalic, Views Blick ausweichend.
„Ich selbst habe den GetTogetherDeluxe und damit beste Erfahrungen gemacht. Es ist schon etwas völlig anderes, spontan outNet zu daten als inNet.“
„Ja, sicher.“
„Mhm, so völlig überzeugt scheinst du mir aber nicht.“
„Doch, eigentlich ...“
„Weißt du was? Wir gehen mal zusammen auf eine MatchingParty. Dann kann ich dich ein bisschen coachen. Aber jetzt muss ich weiter, lass uns unsere Daten tauschen und ich kontakte dich dann.“
„Ja, in Ordnung.“
Beide erteilten den über ihren Köpfen schwebenden MatchingEyes den entsprechenden VocalCommand:„Change BasicData“, View nickte Lalic noch einmal kurz zu und lief dann eilig in Richtung Gate.
Diese Lalic benahm sich wirklich eigenartig. Wie konnte sie etwas bestellen, ohne zu wissen, für welche Ausführung sie sich entschieden hatte? Auch schien sie nicht sonderlich an den Möglichkeiten interessiert, die sich ihr mit ihrem neuen Gadget boten. Ständig war sie Views Blick ausgewichen, so, als ob sie etwas zu verbergen hätte. Die grundlegenden Gesichtsausdrücke konnte View durchaus deuten, obwohl sie es im Zweifel oder im Rahmen einer MatchingSession vorzog, ihr Gegenüber einem MimikScan zu unterziehen. Aber trotz aller Eigentümlichkeit und Fremdheit, die diese Citizen ausstrahlte, hatten ihre vagen Bewegungen und vorsichtig tastenden Blicke etwas, das sie anzog und dem sie auf den Grund gehen wollte. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit war eine MatchingParty das geeignete Setting, genau das zu tun.
Lalic oder Esther, wie ihr Deckname bei den Oneironauten lautete, lag auf dem RestBoard ihres Hexagons. Die Arme um die Schienbeine geschlungen und die Knie ans Kinn gezogen hatte sie sich in ihrer üblichen Abwehrhaltung zusammengekauert, die sie immer einnahm, wenn sie sich isoliert und einsam fühlte und ihr das Leben in der Urb, das Leben außerhalb der Traumzeit klare und eindeutige Entscheidungen abverlangte, die sie an einen Alltag fesselten, den sie zutiefst verabscheute. Sie dachte über die unerwartete Begegnung nach, die sie eben gehabt hatte. Schon die Relations innerhalb ihrer SocialUnit aufrechtzuerhalten kostete sie so viel Energie, dass sie völlig ausgelaugt in ihrer Sehnsuchtswelt ankam, sollte sich ihr einmal eine der seltenen Gelegenheiten bieten, in die Traumzeit abzudriften.
Ihr war kalt. Vergaußt, warum konnte sie sich nicht einfach in ein Bett kuscheln und lesen? „Bett“, so hatte sie aus ihren Büchern erfahren, war ein behaglich geborgener, warmer Ort, an den sich die Menschen zurückgezogen hatten, um zu schlafen, einander zu lieben und allein oder gemeinsam zu träumen. Ihr RestBoard dagegen war eine den aufdringlichen Linsen ihres MatchingEyes und den traumvernichtenden Strahlen seines Morpheustrons preisgegebene Regenerationsfläche, auf der sie eine vorgetaktete Ruhezeit absolvierte.
Jetzt war ihr diese View schon zum zweiten Mal über den Weg gelaufen. Wie sollte sie sich ihr gegenüber verhalten? In der Urb waren alle immer auf Neues aus. Neue Produkte, neue Services, neue Relations. Egal, was auch immer schon lief, bot sich etwas Neues, musste der gemittelte Citizen zugreifen. „Take the Opportunity: Make your Choice.“ Alle jagten dem aktuellsten Thrill nach, der schon bald wieder in Vergessenheit geriet, um der nächsten hohlen Vergnügung Platz zu machen. Es wäre unklug, die Einladung Views auszuschlagen, sie auf eine dieser MatchingPartys zu begleiten. Jetzt, da sie sich endlich dazu durchgerungen hatte, sich dem Trend ihrer SocialUnit zu beugen und einen Matcher anzuschaffen, kam sie ohnehin nicht darum herum, eine solche Veranstaltung zu besuchen. Nutzte sie das Ding nicht, würde sie sich verdächtig machen. Da konnte sie ebenso gut mit dieser View dorthin gehen. Vielleicht wäre es sogar gut, eine Begleitung zu haben, die sie flankieren und ihr Verhalten stabilisieren konnte. Allein fiel man immer auf.
Esther war es so vergaußt leid, immer etwas vorgeben zu müssen, das sie nicht war und das, worauf es ihr wirklich ankam, mit niemandem teilen zu können. Sie blutete innerlich aus und sehnte sich nach einer Freundin. Keine SocialRelations, keine Peers, keine Mates, welchen Steps auch immer, sondern eine Freundin, wie die, von denen sie in den Büchern gelesen hatte. Jemand, mit dem sie vorbehaltlos über alles reden konnte, das ihr in der Traumzeit begegnete. Jemand, der ihr nicht nur zuhörte, sondern ihre Erfahrungen, Eindrücke, Wünsche und Träume teilte. Jemand, der gemeinsam mit ihr, nicht der Citizen Lalic4j8 oder der Oneironautin Esther, sondern mit der, die sie in ihrem innersten Wesen war, dazu beitrug, dass die Traumzeit ein offen gelebter Teil ihrer Realität werden konnte.
In den Reihen der Oneironauten gab es so jemanden nicht für sie. Um das Risiko, dass die weit verzweigte Organisation aufflog und entdeckt wurde, so gering wie möglich zu halten, kannten sich die einzelnen „Nauten“ untereinander nicht. Während der Traumsitzungen und strategischen Treffen, bei denen Einsatzpläne entwickelt und Disrupter zugeteilt wurden, sprachen sie sich nur mit ihren Decknamen an und trugen zudem die leeren Gesichter ihrer EmptyFace-Masken. Und den Peers ihrer SocialUnit konnte sie mit ihren Träumen nicht kommen. Auch war es nicht möglich, sich hier ein dafür sensibilisiertes Umfeld heranzuziehen. Im Mittel einer nach allen Regeln der Agency of SocialTechnology gemittelten Unit zu bleiben war die beste Tarnung für einen Nauten und daher konnte sie nachvollziehen, dass es ihnen in diesem frühen Stadium der Infiltration der Urb mit Träumen streng verboten war, die Traumsaat in der eigenen Unit zu säen.
Aber halt. Da gab es doch jetzt diese View. Auch wenn sie ganz offensichtlich völlig auf der urbumspannenden Welle der Mittelung schwamm, war irgendetwas an ihr, das Esther anzog. Was wäre, wenn sie ihr Geckos applizieren würde und die Citizen mit dem intensiven Blick ebenfalls anfing zu träumen? View war völlig neu in den Kreisen von Esthers SocialRelations und wahrscheinlich kannte sie auch niemand aus ihrer Unit. Vielleicht würde es Esther gelingen, View aus allem herauszuhalten. Eigenmächtig Disrupter zu verteilen, war strengstens verboten, doch vielleicht endlich eine Vertraute zu haben, war jedes Risiko wert. Außerdem würde es interessant sein, hautnah zu erleben, wie sich eine ganz normale Citizen, unter dem Einfluss der Träume veränderte. Ob und wie tief sich zwischen ihnen tatsächlich ein Austausch entwickeln und wie er sich im Einzelnen gestalten würde, würde sich dann schon finden.
System / ClockedCounter / Update_563 / Takt_21.349.284
„Es ist der Fluch (je)der Zeit, dass Irre Blinde führen.“
Shakespeare, King Lear
Im Zentrum der weitläufigen Halle ruhte das Rund eines mächtigen Eichentisches auf geschwungenen Beinen, die in wie zum Fang gespreizten Löwenklauen endeten. In der Mitte der mit Intarsien verzierten Tischplatte sandte eine stilisierte Sonne ihre Strahlen zum Rand des Tisches hin, wo sie jeweils in eine Szene aus dem Ritterleben ausliefen. Von den kunstvollen Einlegearbeiten war allerdings nichts zu sehen, denn die Tischplatte war überladen mit einem üppigen Angebot an Speisen und Genussmitteln. Auf Tellern und Platten, in Tiegeln, Schüsseln und Schälchen häuften sich helles und dunkles Fleisch, Fische, Schalentiere, Meeresfrüchte und die unterschiedlichsten Wurzeln und Gemüse. Es gab Aufläufe, Suppen, Gratins, Gegrilltes, Geschmortes, Gegartes, Gesottenes, Geselchtes und Gekochtes, Puddings, Cremes, Mousses, Süßspeisen und Patisserie sowie eine umfassende Auswahl an Käse und Wurstwaren. Wo noch Zwischenräume waren, erhoben sich aus feinster Confiserie geschichtete Türmchen und Pyramiden. In Gläsern und Pokalen perlten und schäumten die unterschiedlichsten Getränke. Eine Batterie von Flaschen mit Spirituosen bildete im Meer der Speisen eine Insel mit alkoholischen Angeboten. Von dem sie umgebenden Genussbiotop hoben sich die Konturen der mit Mimikryfarben behandelten nackten Körper eines Mannes und einer Frau kaum ab. In ihren geöffneten Händen lagen Früchte, in Bauchnabel und Magengrube glitzerte eine orangenfarbene Flüssigkeit. Um die Brustwarzen der Frau war ein Kranz von Himbeeren gelegt. An den Rand des Tisches gelehnt, dessen Zentrum auch mit ausgestrecktem Arm bei weitem nicht erreichbar war, standen Teleskopstangen aus ultraleichtem Carbon, deren oberes, sensorgesteuertes Ende jeweils in eine Gabel, einen Löffel, einen Greifer oder ein Saugröhrchen auslief.
Der Boden der Halle war mit mehreren Lagen Teppichen ausgelegt. Perser überlappten sich mit Berbern, Berber begruben Perser unter sich und chinesische Seidenteppiche buhlten mit Tibetern um Liegeplatz. Licht fiel durch eine mit verschiedenfarbigen Glasplatten gedeckte Kuppel, die der Jugendstilarchitektur des Stammhauses der Galeries Lafayette in Paris nachempfunden war, und streute bunte Prismen auf die Teppichlandschaft. Üppig mit Kissen bestückte Ottomanen, Diwane und Fauteuils luden zum Sitzen und Ruhen ein. Überall im Raum verteilt standen Skulpturen und an den Wänden hingen Gemälde, die ein Amalgam sämtlicher Stilepochen bildeten. Neben den überbordenden rosa Fleischwülsten rubensscher Frauen brannten Dalis Giraffen, strahlte die Mona Lisa ihr spitzbübisches Lächeln, spreizte sich ein weiblicher Akt von Egon Schiele. Auf einem Podest grübelte Rodins Denker. Aus Kanopenkrügen, wie sie vor Urzeiten in den Grabkammern ägyptischer Pyramiden standen, wucherten fleischfressende Pflanzen, die alabasterne Skarabäen zu verschlingen schienen. Vor einem Arrangement der knolligen Gemüsegesichter Arcimboldos wölbten sich die fröhlich bunten Rundungen einiger Nanas von Niki de Saint Phalle. In einer Ecke krampften etliche Abgüsse aus den Hohlräumen, die die verbrannten Körper der beim Ausbruch des Vesuvs in Pompeji umgekommenen Römer nach ihrem Feuertod in der erkaltenden Lava zurückgelassen hatten. In einer Vitrine glänzten Halsketten und Broschen aus dem Schatz des Priamos von Troja. Die wimmelnden apokalyptischen Szenen von Hieronymus Bosch kontrastierten mit den meditativen monochromen Flächen von Piet Mondrian. Dunkel oszillierte eine Quantendiffusion von Shelly Floatgrave in glimmenden Farben. Ob es sich bei diesen Kunstwerken um Reproduktionen oder Originale handelte, war nicht festzustellen.
Eine breite Flügeltür schwang nach innen auf und 5 Personen, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, betraten die Halle. Vorneweg schritt ein aristokratisch aussehender Gentleman im Cut, dessen Schöße bis in die Kniekehlen seiner Hose aus grob gemustertem Tweed reichten. Sein hageres Gesicht zierte ein Backenbart und ein sorgfältig getrimmter Schnäuzer säumte seine Oberlippe. Auf dem Kopf trug er einen Zylinder, den er keck auf sein linkes Ohr geschoben hatte. Ihm folgte eine junge Frau, deren unter der Brust geraffter Chiton bis auf die bloßen, in aus dünnen Lederschnüren gefertigten Sandalen steckenden Füße fiel. Ihr halblanges, lockiges Haar wurde durch ein Netz zusammengehalten, das eng am Kopf anlag und in einen Kupferring auslief. In der rechten Hand hielt sie eine Lyra und die Linke ruhte auf dem ausgestreckten Unterarm eines Mannes in knielangen Culotten und einem Hemd aus weißem Batist, dessen Ärmel und Halsausschnitt mit Volants besetzt waren. Sein schulterlanges Haar war im Nacken mit einer schwarzen Taftschleife zusammengebunden und über den Ohren zu Papilloten aufgedreht. Auf seinen Wangen lag ein Hauch von Rouge. Einen dünnen Spazierstock zwischen den Fingern zwirbelnd tänzelte eine bunte, in knalligen Komplementärfarben gehaltene Gestalt an ihnen vorbei, deren in tiefen Rot bemalter Mund bis an die Wangenknochen hochgeschminkt war, wodurch das grellweiß grundierte Gesicht zu einer dauergrinsenden Fratze gerann. Immer wieder mit der Umgebung verschmolzen die Konturen einer schmalen, weiblichen Gestalt in einem enganliegenden, wie aufgesprüht wirkenden Trikot, das in ständig wechselnden Farben oszillierte. Den Abschluss bildete eine maskulin wirkende Frau in einem blauen Kostüm, die herausfordernd ihre schwarze Handtasche schwang. Um den Hals trug sie eine doppelreihige Perlenkette und ihr zu einer Föhnwelle hochtoupiertes Haar schien wie aus Beton gegossen. Mit einem satten Dröhnen, das die Soßen, Suppen und Säfte in den Schalen und Tiegeln auf der Tafel in Schwingungen versetzte, fiel die Flügeltür hinter ihnen wieder ins Schloss.