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Bernd Boden Dismatched: View und Brachvogel
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Diese Einsicht ging mit einer existentiellen Verunsicherung einher. Da sie mit niemandem über ihre Träume und die Irritationen, die sie in ihr auslösten, reden konnte, fühlte sie sich zunehmend getrieben, Votings abzugeben, Wahlen zu treffen und Kategorisierungen vorzunehmen, die von ihrem bisherigen Verhalten und vom Mittel ihrer SocialUnit abwichen. Immer öfter wurde sie von ihren Mates in MatchingLoops eingebunden und ehe sie sich versah, drohte sie völlig abzudriften, ohne jedoch den neuen Weg, den ihr ihre Träume zu weisen schienen, konkret beschreiten zu können.
In dieser Situation waren die Oneironauten an sie herangetreten und sie war glücklich gewesen, endlich eine Orientierung gefunden zu haben und hatte sich, mit allem, was ihr noch geblieben war, auf die Vision der Traumzeit eingelassen.
Neben dem Träumen und der nun von berufener Seite angeleiteten Beschäftigung mit ihren Gesichten erfuhr Esthers Leben durch die Oneironauten eine weitere Bereicherung: Bücher lesen! Die ihr von den Oneironauten zugänglich gemachten alten Bücher aus der Zeit vor dem Finalen Kataklysmus zu lesen, erwies sich als pure Wonne für ihr vom Marketing schaler Angebote ausgetrocknetes Herz. Die Botschaften, die ihr längst vergangene Menschen ins Hirn raunten, deren Schicksal noch nicht dem unerbittlichen, alles Lebenswerte verdrängenden Systemtakt überantwortet war, erschlossen ihr Welten, die denen, derer sie im Traum teilhaftig wurde, in nichts nachstanden. Esthers bevorzugte Fake-Schleifen in die Traumzeit waren Auszeiten des Lesens und sie arbeitete nun bewusst daran, ihrem Gefühl, „aus dem Takt gefallen zu sein“, eine konstruktive Richtung zu geben. Wenn sie las oder wie die antike Göttin der Erinnerung, Mnemosyne, im Refugium der Oneironauten der gleichnamigen Salzwasserlösung des Traumtanks entstieg – „etwas entsteigen“, auch so ein Wort, das sie im Lesen kennen gelernt hatte – erfuhr sie Dinge über sich und das Leben, die ihr unter dem Diktat der Mittelung nie zugänglich geworden wären.
Wie betonte Kassandra immer:
„Das stählerne Gehäuse hundertprozentiger Berechenbarkeit und Sicherheit betrügt uns um jede Möglichkeit herauszufinden, wer wir wirklich sind und vor allem, wer wir sein könnten. Die Mittelung stutzt unser Potential auf konfektionierbare Normgrößen zurück und die allgegenwärtige Beobachtung durch die Agenten des Systems legt sich wie Mehltau über unser Leben. Erst Träume zu träumen und Bücher zu lesen öffnet uns die Pforten zu unserem wahren Sein.“
Die ersten Generationen von Citizens in den Anfängen der Urb hatten noch Bücher gekannt und sie hatten auch geträumt und sich an ihre Träume erinnert. Mit zunehmendem Erstarken des Systems aber war irgendwann der Punkt erreicht, an dem die meisten Bücher den systematischen Cleanings zum Opfer gefallen waren und die damals noch nicht mit den MatchingEyes verschmolzenen Morpheustrone die Erinnerungen an die nächtlichen Träume flächendeckend abgeschnitten hatten. Einige Generationen weiter hätte der bei weitem überwiegende Teil der Citizens auf die Frage, was sie gerade lasen oder ob und was sie letzte Nacht geträumt hatten, mit völligem Unverständnis reagiert.
Doch waren das Träumen und seine Symbole viel zu tief im evolutionären Erbe und dem kollektiven Unbewussten der Menschen verwurzelt, als dass sie innerhalb weniger Generationen unter dem Takt des Systems hätten ausgerottet werden können. Und so konnten die Morpheustrone nicht das Träumen als solches verhindern, sondern lediglich die Alphawellen stören, die zwischen den unbewussten und bewussten Hirnarealen der Träumenden vermittelten, und so einen undurchsichtigen Firnis über die Träume legen, der die morgendliche Erinnerung daran verblassen ließ. Diesen Firnis zu zerreißen, hatten sich die Oneironauten zur Aufgabe gemacht.
Citizens, die sich am System vorbei mit dem beschäftigten, was sozial nicht erwünscht und unter dem Systemtakt nicht möglich war, hatte es natürlich immer schon gegeben und es ließ sich im Detail nicht mehr nachvollziehen, wann und wie die Gruppierung der Traumschiffer konkret entstanden war. Lange Zeit waren die Oneironauten lediglich ein mehr oder weniger loser Zusammenschluss von Citizens gewesen, die unter welchen Umständen auch immer, Bücher gefunden und gelesen hatten oder den Manipulationen der Morpheustrone nicht erlegen waren und sich an ihre Träume erinnern konnten. Es gab Citizens, die im Kreise weniger eingeweihter Mates mit ihren Traum- und Leseerlebnissen kokettierten, für die ein Traum oder ein Buch aber letztlich ein Angebot unter vielen war, das ihnen nicht mehr bedeutete als ein Besuch in den SensualCaves oder im LoveGym. Es waren aber auch echte Outcasts darunter, die sich, völlig fasziniert von der neuen Welt, die sich ihnen da erschloss, gänzlich vom System losgesagt, ihr MatchingEye deaktiviert hatten und als Solisten dauerhaft in den Untergrund abgetaucht waren.
Mit der unaufhaltsam fortschreitenden Entfremdung der Menschen von ihren Ursprüngen war in diesen Kreisen dann zunehmend das gesellschaftliche Potential von Büchern und Träumen in den Focus geraten und allmählich hatten sich die Oneironauten zu einem organisierten Widerstand gegen das System, die Überwachung und die Mittelung formiert. Tief unter der Sohle von GroundZero, der natürlichen geologischen Basis, auf der die gigantischen Pylone gründeten, die die 32 Grounds der Urb trugen, in den Tunneln, Gängen, Röhren und Kavernen uralter Versorgungs- und Ableitungssysteme, war das Refugium entstanden, von dem aus die Oneironauten ihren Widerstand planten und umsetzten.
An Esthers Aktivität in den Reihen der „Nauten“ war indes nichts Umstürzlerisches. Sie war es gewohnt, allnächtlich mit ihrem DreamKey die Funktion ihres „Trons“ zu überlagern, so dass sie sich an ihre Träume erinnern würde. Sie war es gewohnt, Bücher zu lesen. Sie wollte ihre tiefe Freude am Träumen und Lesen und die Fülle der Möglichkeiten, die sich ihr darüber eröffneten, an andere Citizens weitergeben. Sie wollte diesen Erfahrungen, die ihr der Schlüssel für eine sinnvolle Begründung ihrer Existenz zu sein schienen, nicht im Geheimen nachgehen müssen, sondern sie offen mit anderen Citizens teilen können. Vergaußt, was könnte nicht alles daraus erwachsen, wenn nicht mehr das Mittel, sondern jeder sein eigener Maßstab wäre? Wie würde es sein, wenn dann wie in Träumen und Büchern das Leben nicht mehr berechenbar wäre? Eine Vorstellung, die sie gleichermaßen ängstigte wie faszinierte. Letztlich aber hatte sie nichts zu verlieren. Seit sie Bücher las und sich an ihre Träume erinnerte, war ein Leben unter dem Takt des Systems nicht mehr lebenswert. Je mehr Citizens aus dem Takt fielen, umso besser konnten die Dinge nur werden. Und genau diesen Zweck verfolgte ihre aktuelle Aktion.
Esther war auf ihrem Ground eine Sektion zugeteilt worden, in der MorpheustronDisrupter positioniert wurden, die ihrerseits die Strahlung der Trone überlagerten und unschädlich machten. Damit sie unentdeckt blieben, waren Stärke und Reichweite der Disrupter eng begrenzt, doch würde sich in ihrem Einflussbereich, einem Radius von etwa 300 Meter, ein hoher Prozentsatz von Citizens an ihre Träume erinnern.
Die Disrupter waren so flüchtig wie die Träume selbst. Jeden Abend brachten wechselnde Nauten ihre Saat aus, die sich bis zum Morgen selbst zerstörte. Eine in jeden Disrupter eingekapselte Säure fraß sich innerhalb der Einsatzzeit von 8 MacroTakten durch eine Membran und löste die Elektronik restlos auf; zurück bleib nur eine unverdächtige Kunststoffhülle, wie sie für die Verpackung vieler EnergizerPops üblich war. Dabei störten die Disrupter nicht die Funktion der Morpheustrone, denn das hätte sofort einen Alert ausgelöst, sondern überlagerten lediglich deren Wellen, die verhinderten, dass sich die Citizens an ihre Träume erinnerten.
Strategie der Oneironauten war es, möglichst viele Citizens durch dauerhafte Traumerlebnisse derart zu irritieren und in MatchingLoops zu treiben, dass möglichst viele SocialUnits destabilisiert wurden. War hier dann eine kritische Masse von Dismatchten erreicht, die sich bewusst für einen DreamKey entschieden hatten, war das die Basis, um das System und seine Agenten lahm zu legen. Doch vorerst blieb das lediglich eine kühne Vision.
„Es gibt Träume, die uns in der Nacht widerfahren und über die Maßen staunen lassen. Diese begründen die Hoffnung auf ein besseres, menschengerechteres Leben. Und es gibt Träume, die den Stoff von Visionen bilden, die wir wahr werden lassen müssen, um auf diesem Fundament eine neue Gesellschaft zu errichten“, waren die Worte Kassandras.
Noch aber waren die Zellen aktiver Oneironauten dünn gesät und die Kapazitäten, die erforderlichen, immer größeren Mengen von Disruptern herzustellen, nahezu ausgeschöpft.
Wegen der geringen Reichweite musste Esther, um einen möglichst großen Einflussbereich abzudecken – und das wollte und sollte sie auch – viele Disrupter ausbringen. Die 50 Störeinheiten von der Größe einer Energizerpille, die sie mit sich führte, würden es etwa 2.500 Citizens ermöglichen, sich morgens über ihre Träume zu wundern. Um statistisch auffällige Häufungen von verändertem Verhalten innerhalb eines zusammenhängenden Gebietes zu vermeiden, wurden die Disrupter in zufallsbestimmten, weit auseinander liegenden Sektionen positioniert. Sie hatte also eine große Runde vor sich.
Damit ihr Weg nicht auf direkter Linie zurückverfolgt werden konnte, entfernte Esther sich langsam von ihrem Hexagon, wechselte ständig die Richtung, tauchte immer wieder in Gruppen von Citizens unter und fuhr dann eine Strecke mit der AntiGrav etwa in die Mitte ihres Operationsgebietes. Von hier ging sie sternförmig vor und arbeitete systematisch Cluster von Gebieten ab, die auf möglichst kurzem Wege zu Fuß, mit dem Hover oder der „Grav“ erreichbar waren. Auf dem CircuitWalk eines Habitats konnte sie mit wenigen Disruptern möglichst viele Citizens, die einander Face-to-Face kannten und zu einem hohen Prozentsatz sogar Mates ein und derselben SocialUnit waren, direkt in ihren Hexagons erreichen. Die Habitate waren die Hotspots, die Inkubatoren der Wandlung von der System- in die Traumzeit. In Geschäfts- oder Bürovierteln – viele Citizens übernachteten regelmäßig an ihrem Arbeitsplatz – war die Trefferquote dagegen geringer. Aber auch hier war die Streuung einer gewissen Quote von Disruptern sinnvoll, denn die Citizens, die nach einem langen Arbeitstag ihre knappe Ruhephase in einer der am Arbeitsplatz zur Verfügung stehenden NappingCells verbrachten, würden die Saat der Träume punktuell in sämtliche Bereiche des Grounds oder gar in die gesamte Urb tragen. Hier lag das Zufallsmoment der Wandlung, von dem sich die Oneironauten mit der Zeit eine exponentielle Weitung ihrer Aktivitäten versprachen.
Esther konnte ihre Disrupter nicht einfach irgendwo auslegen. Zu groß war die Gefahr, von einer Kamera erfasst oder einem Citizen beobachtet zu werden. Und würde ein Disrupter entdeckt, bevor er sich selbst zerstört hatte, musste das Untersuchungen nach sich ziehen, die die Oneironauten gefährden konnten. Deshalb waren die Disrupter auf molekularer Ebene nanotechnisch mit einer Haft- und Mimikryschicht ausgestattet. So hielten sie auf jedem Untergrund, nahmen Farbe und Textur jeder Oberfläche an und konnten mit einer knappen Handbewegung überall dort angebracht werden, wo sie nicht auffielen. Zwar waren sämtliche Oberflächen der Urb antiseptisch glatt und wiesen weder Simse noch Überkragungen auf, doch gab es an den Anschlusstellen von Verblendungen und Deckplatten immer wieder Dehnungsfugen, Ritzen und Spalten, in die die Oneironauten ihre Saat säen konnten.
Nachdem ein „Naut“ einmal im AnimalDrom beobachtet hatte, wie äonenalte Echsen, die, wie ihnen wohl vorgegeben war, auch den Finalen Kataklysmus überlebt hatten, senkrecht die Wände ihres Biotops hoch liefen und sich dabei der Farbe des jeweiligen Untergrundes anpassten, hatte sich für das Ausbringen von Disruptern der Begriff „Geckos Kleben“ eingebürgert. Und selbst die dumpfen Reptilienhirne der prähistorischen Echsen mochten Botschaften bergen, die der erstarrten Citizenship der Urb hilfreich sein konnten, die Fesseln von Mittelung und Marketing zu sprengen.
Mit einem Kreisumfang von 1.500 Metern bog sich jetzt vor Esther der gigantische Circuit des Wohnbereichs der School of PoliticalIndoctrination, an den die Hexagons von etwa 300 Anwärtern für eine Stelle bei der gleichnamigen Authority grenzten. Um psychologisch besser vereinnahmt werden zu können, wohnten diese in dem gleichen Gebäude, in dem sie auch trainiert und geschult wurden. Inzwischen hatte Esther erfolgreich 39 „Geckos“ für ihr nächtliches Treiben freigesetzt, sich beruhigt und würde wohl auch ohne die Fake-Schleife, die in ihrem Dritten Auge lief, keinen Alarm mehr auslösen. Sie war fast ausgelassener Stimmung: „Wohlan denn ... “ – das war eine Floskel, die sie in einem der alten Bücher gelesen hatte – „Geckos Kleben!“ Ihre kleinen Tierchen würden schon dafür sorgen, dass die angehenden „PolitIndocs“ morgen früh etwas zum Staunen hatten, das sie vielleicht von ihrem vorgezeichneten Weg abbrachte.
„In den Zeiten vor der Übernahme des Taktes durch das System konnten die Menschen ihres Lebens nie sicher sein.“
„Die Sicherheit aller dominiert die Freiheit Einzelner.“
„Berechenbarkeit bedeutet Sicherheit und Wohlstand durch stetigen Fortschritt. – Unberechenbarkeit bedeutet Bedrohung und Verelendung durch lähmenden Stillstand.“
„Hoher Innovationsdruck und steter Konsum sichern die Grundlagen unserer Citizenship.“
Mit den BadPastLessons, die die Urb im Lichte einer düsteren und bedrohlichen Vergangenheit als die beste aller Welten erscheinen ließen, und ihren rund um den Takt auf die InfluenceBoards gestreamten Indoctrinations, hämmerte die Authority die ideologische Grundlage für den Primat der Sicherheit durch Berechenbarkeit und Mittelung in die Köpfe der Citizens. Im Verbund mit der Agency of SocialTechnology war sie die mächtigste und einflussreichste Organisation der Urb. Gerade die zukünftigen „PolitIndocs“ verdienten es also, in ihrem Glauben an die Sinnhaftigkeit der Mittelung erschüttert zu werden.
Die waagerecht hinter einer Lichtleiste verlaufenden Anschlussfugen der Innenverkleidung des Circuits boten Esther eine gute Möglichkeit, ihre Disrupter anzubringen. Sie fischte einen Gecko aus ihrer Tasche und wischte dann wie beiläufig über den oberhalb der Lichtleiste angebrachten Handlauf, wobei sie ihr Tierchen von der flachen Hand verdeckt in die Fuge darunter drückte. Keiner der zahlreichen Citizens, die den Circuit bevölkerten, um das Habitat zu verlassen und sich auf dem JoyCircle des Grounds zu vergnügen oder in den höher gelegenen Stockwerken des IndoctrinationTowers eines der nächtlichen ImpressiveSeminare zu besuchen, schenkte ihr Beachtung und soweit sie aus dem Augenwinkel heraus beurteilen konnte, fokussierte sich auch keiner der oft aufdringlich näher rückenden mobilen Agenten des Systems auf sie. Am Morgen würde die Säure neben der Elektronik auch die Adhäsions- und Mimikryschicht der Disrupter zerstören, die Hülle herunterfallen und wie achtlos weg geworfener Abfall wirken. Den Rest würden die CleaningBots erledigen. Ausgezeichnet, ja, so würde es gehen!
Würde sie im Bereich der Einlassöffnung jedes fünfzigsten Hexagons einen Disrupter positionieren, hätte sie den gesamten Circuit abgedeckt und maximal 300 Citizens erreicht, die als zukünftige Member der Authority eine maßgebende Rolle in der Urb spielen würden. Im besten Fall wären die, denen Esthers Tierchen Träume zugewispert hatten, derart irritiert, dass sie diese Stelle gar nicht erst antreten würden. Es war mittlerweile schon Takt 79.450 und zu Fuß würde die Runde zu lange dauern. Esther wollte ihre Fake-Schleife nicht überdehnen und schwang sich auf einen Skater, um den Circuit zügig abzuarbeiten. Ohne Zwischenfall hatte sie ihre Traumfracht bald ausgebracht und verließ die School of PoliticalIndoctrination.
Ihr letzter Job war die Repräsentanz von Pear.Inc. Während alle Citizens in der Regel zu den CircuitWalks der Wohnbereiche von Habitaten freien Zugang hatten und es hier also relativ einfach war, Traumsporen zu säen, bestand bei den meisten Büro- und Geschäftsgebäuden das Problem, sich über einen RetinaScan authentifizieren zu müssen. Ganz besonders galt das für Pear.Inc. Aber die Mitarbeiter des führenden Technologieanbieters waren natürlich auch ein besonders lohnendes Ziel für die Infiltration durch Träume. Im Prinzip verfügten die Oneironauten durchaus über das technische Know-how und auch die entsprechenden Ressourcen, das retinale Pigmentepithel des Auges jedes beliebigen Citizens nachzubilden. Aber das Risiko, dann im Gebäude auffällig zu werden, war nicht tragbar. Und einen Pear-Mitarbeiter selbst für die Traumzeit zu gewinnen, war den Nauten bislang noch nicht gelungen.
Esther stand mitten auf dem PearSquare und ließ die Szenerie auf sich wirken. Links von ihr lagen Store und Showrooms, rechts die Verwaltung und vor ihr ragte ihr Ziel, die Entwicklungszentrale. Der dicht mit Citizens besetzte Platz wurde von der Projektion einer transparenten Filigrankuppel überspannt, – „Nur Pear hat die Kuppel unter dem Dome“ – auf deren Scheitelpunkt sich die riesige Birne drehte, deren ständig wechselnde Anzeigen stroboskopartig bunte Lichtsprengsel auf die Menge warfen. Die Fassade des Entwicklungsgebäudes konnte sie nicht erreichen, da es, wie eine der alten Burgen aus ihren Büchern, von einem breiten Gürtel aus Feuchtbiotopen umgeben war, die den üppigen Bewuchs aus GreenwallCrawlern, die die Wände überwucherten, mit Nährstoffen versorgten. Der einzige Zugang führte über zwei Viadukte, an deren Geländer sie ihre Geckos hätte platzieren können, wenn da nicht die Wachleute gewesen wären, die jeden, der sich den Übergängen auch nur näherte, argwöhnisch abcheckten.
Um im Falle einer Entdeckung den Schaden zu begrenzen, war das Netz der Oneironauten dezentral organisiert. Jeder Naut hatte lediglich einen einzigen Kontakt zu jemandem, von dem er Weisungen erhielt und mit Equipment ausgestattet wurde, agierte aber ansonsten isoliert und unabhängig von anderen Nauten auf der gleichen Ebene. Das Fehlen allgemeiner Regularien und Einsatzpläne gestaltete die Operationen für den Einzelnen zwar aufwändiger, hatte aber den immensen Vorteil, dass kein einheitliches Muster zu erkennen war. Schließlich war die Identifikation von Mustern der Schlüssel für Berechenbarkeit und Mittelung, Mustererkennung im Grunde Sinn und Zweck des Systems. Würden sich vor den Linsen und Sensoren seiner Agenten auf bestimmten Georastern innerhalb bestimmter Taktfenster Dinge abspielen, die signifikante und kohärente Verlaufsmuster aufweisen und aus den bekannten und als unbedenklich eingestuften Settings heraus stechen würden, wäre eine Entdeckung lediglich eine Frage des Taktes.
Esther war also völlig auf sich allein gestellt und musste sich etwas einfallen lassen. Obwohl morgen Abend schon wieder ein anderer Naut bereitstände, der es vielleicht besser wusste, durfte sie es auf gar keinen Fall darauf ankommen lassen, dass Pear auch nur eine einzige Nacht von der Traumfährte wich. Pear war Technologieführer, unvorstellbar, welche Möglichkeiten sich den Nauten erschließen würden, wenn es gelänge, auch nur einen einzigen der HighPotentials, die hier im Entwicklungszentrum arbeiteten – und hoffentlich auch in den NappingCells übernachteten – auf ihre Seite zu ziehen. Forschung und Entwicklung von Pear standen schon seit mehreren TeraTakten im Focus der Nauten und für alle Operationen galt Kassandras Leitsatz: „Nur steter Traum weitet und differenziert das Mittel.“ Esther musste ihre Disrupter auch unter diesen ungünstigen Umständen unbedingt positionieren, um die Kontinuität der Traumerlebnisse aufrecht zu erhalten. Wo aber sollte sie hier ihre letzten 5 Tierchen nur unterbringen?
Sie blickte über den Platz. Sie konnte ihre Geckos kaum am Rand des Feuchtbiotops aussetzen, das um das Entwicklungsgebäude herumlief. Aber halt, da gab es eine Reihe von WasteBoxen, die in regelmäßigen Abständen aufgestellt waren. Die würden erst am Morgen geleert und wenn sie jede dritte mit ihrer Traumsaat befrachtete, hätte sie genau die richtigen Distanzen, um die gesamte Front abzudecken. Langsam schlenderte sie auf die erste Box zu, griff in die Tasche und ließ mit einer gleitenden und selbstverständlichen Bewegung einen Disrupter hineinfallen. Sie ging wieder zurück in Richtung Platzmitte und näherte sich Kurven und Schleifen schlagend der nächsten Box, um auch hier eine Pille zu versenken. Da sie verhindern wollte, dass ihre Route nachverfolgt werden konnte, ging sie zunächst wieder über den Platz, schlenderte in einem der Showrooms herum und steuerte erst dann eine weitere Box an. Als sie hier den drittletzten Gecko hatte springen lassen, bemerkte sie die verwunderten Blicke eines Citizens, der sie offensichtlich beobachtet hatte. War ihre Maske verrutscht? Sie startete die Spiegelfunktion ihres AeroFlats. Nein, offensichtlich nicht. War es vielleicht ungewöhnlich, einen einzelnen EnergizerPop zu entsorgen? Würde jemand tatsächlich deswegen extra zu einer Waste-Box gehen? Vielleicht war es glaubwürdiger und realistischer, so etwas zusammen mit anderem Abfall wegzuschmeißen. Sie kramte in ihren Taschen. Was hatte sie dabei, das sie wegwerfen konnte? Einen abgelaufenen Chip fürs HoloCine. Einen angebissenen VulcanoBagel, den sie unterwegs gekauft und halb gegessen hatte, um sich den Anschein zu geben, ihre Freetime in vollen Zügen zu genießen. Extra scharf gewürztes Fingerfood war gerade gauß. Wer sich während des Verzehrs dieser Dinger am längsten dagegen wehren konnte, dass ihm der Schweiß auf die Stirn trat und das Wasser aus den Augen lief, hatte gewonnen. „Wein ihm keine Träne nach. Kauf gleich einen Neuen!“ Was ihr dagegen die Tränen in die Augen trieb, war der völlig unsinnige Aufwand, mit der das Merchandising rund um die „Produktwelten“ dieser VulcanoBurger betrieben wurde. Ein gebrauchtes Reinigungstuch. Ein defektes Multifunktionstool. Ein Stick für ... Sie hatte vergessen, wofür. Sie knüllte alles mit dem Gecko in einer Hand zusammen. Den fettigen Burger balancierte sie ganz oben.
Gerade als sie die Ladung in die Box werfen wollte, spürte sie mehr als dass sie es sah, wie der Strahl eines LaserPointers vor ihr die Luft zerschnitt und mitten auf ihrer Brust endete.
„Halt! Die Citizen da an der WasteBox mit dem angebissenen Bagel auf der Hand“, ertönte die elektronisch verstärkte Stimme eines SecCorp.
Esther erstarrte, die Hand mit dem Abfall direkt über der Box. Jetzt war alles vorbei. Sollte sie die Ladung einfach fallen lassen? Das hatte keinen Zweck. Sie war aufgeflogen. Durch eine Gasse von Citizens kam der SecCorp unaufhaltsam näher, wie das in ihren Büchern so oft beschworene Schicksal, und baute sich, zwei Köpfe größer als sie, in seinem Carbonharnisch vor ihr auf: „Zeig mal her!“
Vergaußt, er wusste genau, wonach er suchen musste. Sie war ihm nicht wegen ihres Verhaltens aufgefallen, als sie vielleicht doch zu unglaubwürdig um die WasteBoxen herumgestrichen war. Er musste von den Disruptern wissen. Man hatte sie schon auf ihrer gesamten Tour observiert und jetzt die Falle zuschnappen lassen. Nicht nur sie, sondern die gesamte Organisation der Oneironauten war gefährdet. Esther streckte ihre zitternde Hand aus. Der Corp zog eine Kugel Formschaum aus der Tasche, die sich zu einem Tablett dehnte und arrangierte die Dinge darauf, allen Blicken ausgeliefert den Gecko in der Mitte.
Jetzt lag es an ihr. Sie musste unter allen Umständen die anderen schützen und durfte selbst das Wenige, das sie wusste, nicht preisgeben. Bei dem Gedanken, schlimmstenfalls auf die LetheKapsel beißen zu müssen, die sie während eines Einsatzes unter ihrer Zunge trug, brach ihr der kalte Schweiß aus. Vor etlichen MajorTakten, als sie völlig niedergeschlagen im belanglosen Einerlei ihrer Tage unterzugehen drohte, hätte sie dergleichen wahrscheinlich phlegmatisch hingenommen. Aber jetzt, wo sie in den Reihen der Oneironauten aktiv an Veränderungen arbeitete und auf eine menschenwürdigere Zukunft hoffte, versetzte sie die Vorstellung, die Ebene wechseln zu müssen, in abgrundtiefe Panik. Sie wollte nicht ins völlig Ungewisse, sondern hier, exakt auf dieser Ebene dazu beitragen, eine bessere Zukunft zu verwirklichen, die ihr paradoxerweise jetzt, da sie vielleicht für sie nie eintreten würde, zum Greifen nahe schien. Esther brach der kalte Schweiß aus und obwohl die Membran ihrer Maske atmungsaktiv war, hatte sie das Gefühl, als würde sie auf ihrem Gesicht herumschwimmen und sämtliche Konturen verwischen. Sie schloss die Augen.