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Блейк Пирс Ersehnt
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Riley lächelte beim Anblick ihrer gleichzeitig panischen und aufgeregten Tochter und fing sofort an ihr zu helfen. April würde am nächsten Morgen einen Schulausflug beginnen – eine Woche in der Nähe von Washington DC. Sie würde mit der Gruppe ihres Geschichtsunterrichts und einigen Lehrern fahren.
Als Riley die Erlaubnis unterschrieben und die Gebühren für den Ausflug bezahlt hatte, war sie unsicher gewesen. Peterson hatte April in der Nähe von Washington gefangen gehalten und auch wenn sie am entgegengesetzten Ende der Stadt sein würde, hatte Riley Angst, dass die Reise das Trauma an die Oberfläche bringen könnte. Aber April schien es erstaunlich gut zu gehen, sowohl in akademischer Hinsicht, als auch emotionaler. Und die Reise war eine wundervolle Gelegenheit.
Inmitten von scherzhaftem Necken über die Kleiderauswahl, bemerkte Riley, dass sie Spaß hatte. Der Abgrund, über den sie und Mike erst kurz vorher gesprochen hatten, schien weit entfernt zu sein. Sie hatte auch außerhalb des Abgrundes noch ein Leben. Es war ein gutes Leben und wie auch immer ihre Entscheidung ausfallen würde, sie war entschlossen es auch zu behalten.
Während sich der Koffer langsam füllte, kam Gabriela in den Raum.
“Señora Riley, mein Taxi kommt pronto, jede Minute”, sagte sie lächelnd. “Ich habe gepackt und bin fertig. Meine Koffer stehen neben der Tür.”
Riley hatte fast vergessen, dass auch Gabriela los wollte. Da April unterwegs sein würde, hatte Gabriela um ein paar Urlaubstage gebeten, um ihre Verwandten in Tennessee zu besuchen. Riley hatte fröhlich zugestimmt.
Riley umarmte Gabriela und sagte, “Buen viaje.”
Gabrielas Lächeln wurde schwächer und sie erwiderte, “Me preocupo.”
“Du machst dir Sorgen?” fragte Riley überrascht. “Worüber machst du dir Sorgen, Gabriela?”
“Sie”, sagte Gabriela. “Sie werden ganz alleine in dem neuen Haus sein.”
Riley lachte leicht. “Mach dir keine Sorgen, ich kann auf mich selber aufpassen.”
“Aber Sie waren nicht sola seit so viele schreckliche Dinge passiert sind”, sagte Gabriela. “Ich mache mir Sorgen.”
Gabrielas Worte brachten Riley zum Nachdenken. Sie hatte nicht Unrecht. Seit der Sache mit Peterson war zumindest April immer bei ihr gewesen. Könnte sich ein dunkles und beängstigendes Loch in ihrem neuen Zuhause auftun? Drohte der Abgrund selbst jetzt?
“Es geht mir gut”, sagte Riley. “Geh und habe eine schöne Zeit mit deiner Familie.”
Gabriela grinste und reichte Riley einen Umschlag. “Das war im Briefkasten”, sagte sie.
Gabriela umarmte April, dann noch einmal Riley, und ging nach unten, um auf ihr Taxi zu warten.
“Was ist das, Mom?” fragte April.
“Ich weiß es nicht!” sagte Riley. “Es wurde nicht mit der Post geschickt.”
Sie riss den Umschlag auf und fand eine Plastikkarte darin. Dekorative Buchstaben auf der Karte lasen “Blaine's Grill.” Darunter stand, “Abendessen für Zwei.”
“Ich nehme an, es ist eine Geschenkkarte von unserem Nachbarn”, sagte Riley. “Das ist nett von ihm. Wir können zusammen zum Abendessen hingehen, wenn du wieder da bist.”
“Mom!” schnaufte April. “Er meint nicht dich und mich.”
“Warum nicht?”
“Er lädt dich zum Essen ein.”
“Oh! Glaubst du wirklich? Das steht hier nicht.”
April schüttelte den Kopf. “Sei nicht doof. Der Mann will mit dir ausgehen. Crystal hat mir gesagt, dass ihr Dad dich mag. Und er ist wirklich süß.”
Riley konnte spüren, wie sie rot wurde. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal jemand zu einer Verabredung eingeladen hatte. Sie war so lange mit Ryan verheiratet gewesen. Seit ihrer Scheidung war sie gezwungen, sich in ihrem neuen Zuhause einzuleben und Entscheidungen über ihre Arbeit zu treffen.
“Du wirst ja ganz rot, Mom”, lachte April.
“Lass uns lieber deine Sachen zusammenpacken”, grummelte Riley. “Ich denke später darüber nach.”
Sie sahen weiter durch Aprils Schrank. Nach ein paar Minuten des Schweigens sagte April, “Ich mache mir auch irgendwie Sorgen um dich, Mom. Wie Gabriela gesagt hat, …”
“Mir geht es gut und das bleibt auch so”, unterbrach Riley.
“Wirklich?”
Riley faltete eine Bluse zusammen und dachte darüber nach, was sie antworten sollte. Sicherlich hatte sie in letzter Zeit schlimmeres erlebt, als ein leeres Haus – darunter mörderische Psychopathen, besessen von Ketten, Puppen und Fackeln. Aber würden sich alte Dämonen melden, wenn sie alleine war? Plötzlich kam ihr die eine Woche wie eine sehr lange Zeit vor. Und die Aussicht entscheiden zu müssen, ob sie mit ihrem Nachbarn ausgehen wollte oder nicht, war auf ihre eigene Weise beängstigend.
Das schaffe ich schon, dachte Riley.
Außerdem hatte sie auch noch eine andere Möglichkeit. Und es war Zeit eine Entscheidung zu treffen.
“Ich wurde gebeten an einem Fall zu arbeiten”, erzählte Riley April. “Dafür müsste ich sofort nach Arizona fliegen.”
April hörte auf ihre Kleidung zusammenzufalten und sah Riley an.
“Also wirst du gehen?” fragte sie.
“Ich weiß es nicht, April”, sagte Riley.
“Was gibt es da zu wissen? Das ist dein Job, oder nicht?”
Riley sah in die Augen ihrer Tochter. Die harten Zeiten zwischen ihnen schienen tatsächlich vorbei zu sein. Seit sie beide die Folter von Peterson überstanden hatten, gab es zwischen ihnen eine ganz neue Verbindung.
“Ich habe darüber nachgedacht, mich aus dem Außendienst zurückzuziehen”, sagte Riley.
Aprils Augen weiteten sich vor Überraschung.
“Was? Mom, böse Menschen schnappen ist das, was du am besten kannst.”
“Ich bin auch gut im Unterrichten”, sagte Riley. “Ich bin sehr gut darin. Und ich liebe es. Das tue ich wirklich.”
April sah sie verständnislos an. “Okay, dann geh und unterrichte. Niemand hält dich auf. Aber hör nicht auf den Bösen in den Hintern zu treten. Das ist genauso wichtig.”
Riley schüttelte den Kopf. “Ich weiß nicht, April. Nach allem, was ich dir zugemutet habe…”
April sah aus, als könnte sie nicht glauben, was sie da hörte. “Nach allem, was du mir zugemutet hast? Wovon redest du? Du hast mir gar nichts zugemutet. Ich wurde von einem Psychopathen namens Peterson entführt. Wenn er mich nicht geschnappt hätte, dann jemand anderen. Hör auf, dir dafür die Schuld zu geben.”
Nach einer kurzen Pause, sagte April, “Setz' dich, Mom. Wir müssen reden.”
Riley lächelte und setzte sich auf das Bett. April klang jetzt selber wie eine Mutter.
Vielleicht ist eine kleine elterliche Moralpredigt jetzt genau das, was ich brauche, dachte Riley.
April setzte sich neben Riley.
“Habe ich dir je von meiner Freundin Angie Fletcher erzählt?” fragte April.
“Ich glaube nicht.”
“Wir haben uns eine Weile sehr gut verstanden, aber dann hat sie die Schule gewechselt. Sie war wirklich klug und nur ein Jahr älter als ich, fünfzehn. Ich habe gehört, dass sie angefangen hat Drogen von einem Typen zu kaufen, den alle Trip nennen. Sie ist schwer heroinabhängig geworden. Und als sie kein Geld mehr hatte, hat Trip sie auf die Straße geschickt. Er hat sie persönlich trainiert, sie dazu gebracht bei ihm einzuziehen. Ihre Mutter ist so durch den Wind, dass sie kaum gemerkt hat, dass Angie weg war. Trip hat sie sogar auf seiner Webseite angeboten, hat sie gezwungen sich eine Tätowierung machen zu lassen, dass sie für immer ihm gehört.”
Riley war entsetzt. “Was ist mit ihr passiert?”
“Na ja, Trip wurde schließlich verhaftet und Angie ist in einer Entzugsklinik gelandet. Das war diesen Sommer, während wir in New York waren. Ich weiß nicht, was danach mit ihr passiert ist. Alles was ich weiß ist, dass sie jetzt sechzehn ist und ihr Leben ruiniert.”
“Es tut mir so leid das zu hören”, sagte Riley.
April stöhnte ungeduldig auf.
“Du verstehst es wirklich nicht, oder Mom? Dir muss gar nichts leidtun. Du hast dein ganzes Leben damit verbracht diese Art von Dingen zu verhindern. Und du hast alle möglichen Leute wie Trip ausgeschaltet – manche für immer. Aber wenn du aufhörst das zu tun, was du am besten kannst, wer soll dann für dich weitermachen? Jemand, der so gut ist, wie du? Das bezweifle ich, Mom. Das bezweifle ich wirklich.”
Riley schwieg für einen Moment. Dann drückte sie April mit einem Lächeln die Hand.
“Ich denke, ich muss einen Anruf tätigen”, sagte sie.
Kapitel Sieben
Der FBI Jet hob ab und Riley war sich sicher, dass sie wieder einmal einem Monster gegenübertreten würde. Es war ein beunruhigender Gedanke. Sie hatte gehofft, sich eine Weile von Mördern fernhalten zu können, aber diesen Job anzunehmen war ihr letztendlich wie die richtige Entscheidung erschienen. Meredith war sichtlich erleichtert gewesen, als sie ihm die Entscheidung mitgeteilt hatte.
Am Morgen war April zu ihrem Schulausflug aufgebrochen und jetzt waren Riley und Bill auf dem Weg nach Phoenix. Vor den Fenstern des Flugzeugs war der Nachmittag dunkel geworden und Regen lief über das Glas. Riley blieb angeschnallt, bis das Flugzeug die rauen Regenwolken überwunden hatte und in klarere Luft aufgestiegen war. Dann erstreckten sich unter ihnen die Wolken, die die Erde versteckten, auf der die Menschen vermutlich gerade versuchten sich vor dem Regen in Sicherheit zu bringen. Und, dachte Riley, ihre alltäglichen Freuden und Schrecken erlebten oder was auch immer dazwischen lag.
Sobald das Flugzeug eine stabile Fluglage erreicht hatte, drehte sich Riley zu Bill und fragte, “Was kannst du mir zeigen?”
Bill klappte seinen Laptop vor ihnen auf dem Tisch auf. Er rief das Foto eines großen, schwarzen Müllsacks auf, überspült von seichtem Wasser. Eine tote weiße Hand ragte aus der Öffnung des Müllsacks.
Bill erklärte, “Die Leiche von Nancy Holbrook wurde in einem künstlichen See außerhalb von Phoenix gefunden. Sie war ein dreißig Jahre altes Callgirl mit teuren Dienstleistungen. Mit anderen Worte, eine teure Prostituierte.”
“Ist sie ertrunken?” fragte Riley.
“Nein. Es scheint, dass Erstickung die Todesursache war. Dann wurde sie in den Müllsack gesteckt und in den See geworfen. Der Plastiksack wurde mit großen Steinen beschwert.”
Riley sah sich das Foto genau an. Fragen schossen ihr durch den Kopf.
“Hat der Mörder Beweise hinterlassen?” fragte sie. “Fingerabrücke, Fasern, DNA?”
“Absolut gar nichts.”
Riley schüttelte den Kopf. “Das verstehe ich nicht. Die Beseitigung der Leiche, meine ich. Warum hat sich der Mörder nicht mehr Mühe gegeben? Ein Süßwassersee ist perfekt, um eine Leiche loszuwerden. Leichen sinken und verwesen schneller in Süßwasser. Natürlich könnten sie durch Aufschwemmen und Gase später an die Oberfläche kommen. Aber genug Steine auf dem Sack würden das Problem lösen. Warum hat er sie in seichtem Wasser gelassen?”
“Ich nehme an, das müssen wir herausfinden”, sagte Bill.
Bill zeigte ihr weitere Fotos des Tatortes, aber sie sagten ihr nicht viel.
“Also, was denkst du?” fragte sie. “Haben wir es mit einem Serienmörder zu tun, oder nicht?”
Bill zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen.
“Ich weiß es nicht”, sagte er. “Bis jetzt haben wir nur eine ermordete Prostituierte. Sicherlich sind auch schon andere Prostituierte in Phoenix verschwunden. Aber das ist nichts Neues. Das passiert regelmäßig, in jeder großen Stadt im Land.”
Das Wort 'regelmäßig' hatte einen unangenehmen Klang für Riley. Wie konnte man so das Verschwinden einer bestimmten Klasse von Frauen beschreiben? Trotzdem wusste sie, dass Bill die Wahrheit sagte.
“Als Meredith angerufen hat, klang es sehr dringend”, sagte sie. “Und jetzt gibt er uns sogar die VIP Behandlung und fliegt und direkt mit dem BAU Jet hin.” Sie dachte einen Moment nach. “Seine genauen Worte waren, dass sein Freund möchte, dass wir den Mord als die Arbeit eines Serienmörders betrachten. Aber es klingt so, als wäre sich niemand sicher, dass es ein Serienmörder ist.”
Bill zuckte mit den Schultern. “Vielleicht ist es das nicht. Aber Meredith scheint Nancy Holbrooks Bruder, Garret Holbrook, sehr nahe zu stehen.”
“Ja”, nickte Riley. “Er hat mir erzählt, dass sie zusammen auf die Akademie gegangen sind. Aber die ganze Sache ist ungewöhnlich.”
Bill widersprach ihr nicht. Riley lehnte sich in ihrem Sitz zurück und dachte über die Situation nach. Es war offensichtlich, dass Meredith die Regeln des FBI für seinen Freund beugte. Das sah Meredith nicht ähnlich.
Aber sie dachte deshalb nicht schlecht von ihrem Chef. Tatsächlich bewunderte sie seine Hingabe für seinen Freund. Sie fragte sich:
Gibt es jemanden, für den ich die Regeln beugen oder sogar brechen würde? Bill, vielleicht?
Er war viele Jahre lang ihr Partner gewesen und mehr als nur ein Freund. Trotzdem war Riley sich nicht sicher. Und das brachte sie zum Nachdenken – wie nahe stand sie ihren Mitarbeitern wirklich, Bill eingeschlossen?
Aber es lohnte sich nicht, jetzt darüber nachzudenken. Riley schloss die Augen und schlief ein.
*
Es war ein heller, sonniger Tag, als sie in Phoenix landeten.
Als sie aus dem Jet stiegen, stieß Bill sie an und sagte, “Wow, super Wetter. Vielleicht bekommen wir wenigstens ein paar Urlaubstage aus diesem Trip.”
Riley bezweifelte, dass sie viel Spaß haben würden. Es war schon lange her, dass sie richtigen Urlaub gemacht hatte. Ihr letzter Versuch mit April in New York, war durch die üblichen Morde und Schrecken unterbrochen worden, die ein so großer Teil ihres Lebens waren.
Eines Tages werde ich richtigen Urlaub machen müssen, dachte sie.
Ein junger, örtlicher Agent traf sie am Flughafen und fuhr sie zur FBI Außenstelle in Phoenix, einem beeindruckenden neuen, modernen Gebäude. Als er auf den Parkplatz des Büros fuhr, meinte er, “Cooles Design, oder? Hat sogar eine Auszeichnung bekommen. Können Sie raten, was es darstellen soll?”
Riley sah über die Fassade. Sie bestand aus geraden, langen Rechtecken und engen, vertikalen Fenstern. Alles schien sorgfältig arrangiert und das Muster kam ihr vertraut vor. Sie hielt inne und starrte es einen Moment an.
“DNA-Sequenz?” fragte sie.
“Genau”, antwortete der Agent. “Aber ich wette Sie erraten nicht, wie das Steinlabyrinth dort drüben von oben aussieht.”
Aber sie gingen zum Gebäude bevor Riley oder Bill Vermutungen anstellen konnten. Innen sah Riley das DNA-Motiv in den gemusterten Bodenfliesen reflektiert. Der Agent führte sie zu dem Büro des leitenden Spezialagenten Elgin Morley und ließ sie dort alleine.
Riley und Bill stellten sich Morley vor, einem kleinen, strebsam aussehenden Mann Mitte fünfzig mit einem dicken schwarzen Schnurrbart und einer runden Brille. Ein anderer Mann wartete ebenfalls auf sie in dem Büro. Er war Mitte vierzig, groß, hager und leicht gebeugt. Riley dachte er sah müde und deprimiert aus.
Morley sagte, “Agenten Paige und Jeffreys, ich würde Ihnen gerne Agent Garrett Holbrook vorstellen. Seine Schwester ist das Opfer, das im Nimbo Lake gefunden wurde.”
Sie schüttelten sich die Hände und setzten sich.
“Danke, dass Sie gekommen sind”, sagte Holbrook. “Das Ganze ist ziemlich überwältigend.”
“Erzählen Sie uns von Ihrer Schwester”, bat Riley.
“Ich kann Ihnen nicht viel sagen”, erwiderte Holbrook. “Ich kann nicht behaupten, dass ich sie sehr gut kannte. Sie war meine Halbschwester. Mein Vater war ein fremdgehender Arsch, hat meine Mutter verlassen und Kinder von drei verschiedenen Frauen. Nancy war fünfzehn Jahre jünger als ich. Wir hatten kaum Kontakt über die Jahre.”
Er starrte mit leerem Blick auf den Fußboden vor ihm, währen seine Finger gedankenverloren an der Armlehne des Stuhls spielten. Dann, ohne aufzublicken, sagte er, “Das letzte was ich von ihr gehört hatte, war ein Bürojob und Sommerkurse am College. Das war vor ein paar Jahren. Ich war geschockt, als ich herausgefunden habe, was aus ihr geworden ist. Ich hatte keine Ahnung.”
Dann schwieg er. Riley dachte, dass er etwas unausgesprochen gelassen hatte, aber sagte sich selbst, dass es vielleicht alles war, was der Mann wusste. Was hätte Riley schließlich über ihre eigene Schwester sagen können, wenn sie jemand fragen würde? Sie und Wendy hatten schon so lange nicht mehr gesprochen, dass sie genauso gut keine Schwestern mehr sein konnten.
Trotzdem spürte sie mehr als Trauer in Holbrooks Verhalten. Das erschien ihr seltsam.
Morley schlug vor, dass Riley und Bill ihm zur Forensischen Pathologie folgten, wo sie sich die Leiche genauer ansehen konnten. Holbrook nickte und sagte, dass er in seinem Büro sein würde.
Während sie dem leitenden Agenten über den Flur folgten, fragte Bill, “Agent Morley, welche Gründe gibt es für die Annahme, dass es sich um einen Serienmörder handelt?”
Morley schüttelte den Kopf. “Ich bin nicht sicher, dass wir dafür einen Grund haben”, sagte er. “Aber seit Garrett von Nancys Tod erfahren hat, weigert er sich die Sache ruhen zu lassen. Er ist einer unserer besten Agenten und ich habe versucht ihm entgegenzukommen. Er hat versucht, seine eigenen Ermittlungen durchzuführen, aber ist nicht weit gekommen. Um ehrlich zu sein, ist er nicht er selbst seit die Sache angefangen hat.”
Riley war aufgefallen, wie erschüttert Garrett zu sein schien. Vielleicht mehr, als es ein erfahrener Agent sein sollte, selbst wenn es um den Tod eines Verwandten ging. Dabei hatte er deutlich gemacht, dass sie sich nicht nahe standen.
Morley führte Bill und Riley in den Bereich der Forensischen Pathologie, wo sie dem Team-Chef, Dr. Rachel Fowler, vorgestellt wurden. Die Pathologin zog das Kühlfach auf, in dem Nancy Holbrooks Leiche aufbewahrt wurde.
Riley zuckte bei dem vertrauten Geruch von Verwesung zusammen, auch wenn er noch nicht sehr stark war. Sie sah, dass die Frau recht klein und sehr dünn gewesen war.
“Sie war nicht lange im Wasser”, sagte Fowler. “Die Haut hat gerade angefangen zu knittern, als wir sie gefunden haben.”
Dr. Fowler zeigte auf die Handgelenke.
“Sie können die Fesselspuren von den Seilen sehen. Es sieht aus, als wäre sie zum Zeitpunkt des Todes gefesselt gewesen.”
Riley bemerkte vielsagende Zeichen im Ellbogen der Leiche.
“Das sieht aus wie Einstichmale”, sagte Riley.
“Genau. Sie hat Heroin geschossen. Ich nehme an, dass sie in eine schwere Abhängigkeit gerutscht ist.”
Die Frau schien magersüchtig gewesen zu sein, was zu Fowlers Theorie bezüglich der Abhängigkeit passte.
“Die Art von Abhängigkeit scheint nicht typisch für ein Luxus-Callgirl zu sein”, sagte Bill. “Woher wissen wir, dass sie eins war?”
Fowler zeigte ihnen eine laminierte Visitenkarte in einer Asservatentüte. Darauf war ein provokatives Foto der toten Frau zu sehen. Als Name stand auf der Karte einfach 'Nanette' und die Firma hieß 'Ishtar Escorts.'
“Die Karte haben wir bei ihr gefunden”, erklärte Fowler. “Die Polizei hat sich mit Ishtar Escorts in Verbindung gesetzt und ihren richtigen Namen herausgefunden, was dann dazu geführt hat, dass sie als Halbschwester von Agent Holbrook identifiziert wurde.”
“Irgendeine Idee, wie sie erstickt wurde?” fragte Riley.
“Da sind Verletzungen an ihrem Hals”, sagte Fowler. “Der Mörder könnte ihr eine Plastiktüte über den Kopf gezogen haben.”
Riley sah sich die Verletzungen genauer an. Waren sie das Resultat eines schief gelaufenen Sexspiels oder ein Zeichen für vorsätzlicher Mord? Sie konnte es nicht sagen.
“Was hat sie getragen, als sie gefunden wurde?” fragte Riley.
Fowler öffnete eine Kiste, in der die Kleidung des Opfers lag. Sie hatte ein pinkfarbenes Kleid mit einem tiefen Ausschnitt getragen – nicht wirklich seriös, dachte Riley, aber definitiv besser als typische Outfits von Straßenprostituierten. Es war das Kleid einer Frau, die sowohl sehr sexy, als auch passend für einen Nachtklub angezogen sein wollte.
Auf dem Kleid lag eine Asservatentüte mit Schmuck.
“Darf ich?” fragte Riley Fowler.
“Nur zu.”
Riley nahm die Tüte aus der Kiste und sah sich den Inhalt genauer an. Das meiste war recht geschmackvoller Schmuck – eine Perlenkette, ein Armband und einfache Ohrringe. Aber ein Gegenstand stach hervor. Es war ein schmaler Goldring mit einem eingefassten Diamanten. Sie zeigte ihn Bill.
“Echt?” fragte Bill.
“Ja”, erwiderte Fowler. “Echtes Gold und echter Diamant.”
“Der Mörder hat sich nicht die Mühe gemacht ihn mitzunehmen”, kommentierte Bill. “Also ging es nicht um Geld.”
Riley wandte sich an Morley. “Ich würde gerne sehen, wo die Leiche gefunden wurde”, sagte sie. “Jetzt gleich, solange es noch hell ist.”
Morley sah sie leicht verwundert an.
“Wir können Sie mit dem Hubschrauber hinbringen”, sagte er. “Aber ich weiß nicht, was Sie sich davon versprechen. Die Polizei und unsere Agenten haben alles durchkämmt.”
“Vertrauen Sie ihr”, sagte Bill wissend. “Sie findet etwas.”
Kapitel Acht
Die große Oberfläche des Nimbo Lake sah still und friedlich aus, als der Helikopter sich ihm näherte.
Aber Aussehen kann trügen, ermahnte Riley sich selbst. Sie wusste nur zu gut, welche dunklen Geheimnisse unter einer ruhigen Oberfläche liegen konnten.
Der Helikopter sank in Richtung Boden und schwebte einen Moment schwankend, auf der Suche nach einem Landeplatz. Rileys Magen rebellierte gegen die unstete Bewegung. Sie mochte Helikopter nicht besonders. Sie sah zu Bill, der neben ihr saß. Ihm schien es ähnlich zu gehen.
Aber als sie einen Blick auf Agent Holbrook warf, kam der ihr seltsam unbewegt vor. Er hatte kaum ein Wort gesprochen auf dem halbstündigen Flug von Phoenix. Riley wusste noch nicht, was sie von ihm halten sollte. Sie war es gewohnt Leute einfach lesen zu können – manchmal einfacher, als ihr lieb war. Aber Holbrook war ihr ein Rätsel.
Der Helikopter fand schließlich einen Platz zum Landen und alle drei FBI Agenten stiegen aus, während sie ihre Köpfe unter den noch rotierenden Hubschrauberrotoren duckten. Die Straße, auf der der Helikopter gelandet war, bestand aus nicht mehr, als parallelen Autospuren im Gras.
Riley bemerkte, dass die Straße nicht häufig genutzt zu werden schien. Trotzdem waren offenbar genug Fahrzeuge in der letzten Woche darüber gefahren, um jegliche Spuren zu verdecken, die auf das Fahrzeug des Mörders hätten schließen lassen können.
Der laute Helikoptermotor erstarb und erleichterte die Unterhaltung, während Riley und Bill Holbrook folgten.
“Was können Sie uns über diesen See erzählen?” fragte Riley Holbrook.
“Er ist einer von mehreren Reservoirs, die durch Staudämme entlang des Acacia Flusses erzeugt werden”, sagte Holbrook. “Das ist der kleinste der künstlichen Seen. Er ist mit Fischen besetzt und er ist ein beliebter Erholungsort, aber die öffentlichen Bereiche sind auf der anderen Seite des Sees. Die Leiche wurde von einem Teenager Pärchen entdeckt, die hier Marihuana geraucht haben. Ich zeige Ihnen die Stelle.”
Holbrook führte sie von der Straße zu einem Steinwall, der den See überblickte.
“Die Kinder waren genau hier, wo wir jetzt stehen”, sagte er. Er zeigte auf den Rand des Sees. “Sie haben dort etwas gesehen. Sie sagen, dass es einfach wie eine dunkle Form im Wasser aussah.”
“Zu welcher Tageszeit waren die Kinder hier?” fragte Riley.
“Etwas früher als jetzt”, sagte Holbrook. “Sie hatten die Schule geschwänzt, um Joints zu rauchen.”
Riley überblickte die Szene, die sich vor ihr ausbreitete. Die Sonne stand tief und die Spitzen der roten Steilwände auf der anderen Seite des Flusses leuchteten auf. Es waren einige Boote auf dem Wasser. Von dem Steinwall aus war es nicht weit bis zum Wasser – wahrscheinlich nicht mehr als drei Meter.
Holbrook zeigte auf einen Punkt in der Nähe, an dem der Abhang nicht so steil war.
“Die Kinder sind dort heruntergeklettert, um sich die Sache näher anzugucken”, sagte er. “Da haben sie herausgefunden, was es wirklich ist.”
Arme Kinder, dachte Riley. Es war fast zwanzig Jahre her, seit sie Marihuana im College versucht hatte. Trotzdem konnte sie sich den gesteigerten Schock vorstellen, den so eine Entdeckung unter dem Einfluss der Drogen ausgelöst haben musste.





