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Andreas Bahlmann Red House
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Und ich bin an einen ganz bestimmten Tisch gewechselt.
An diesem Platz, in diesem Laden saß ich vor über dreißig Jahren schon einmal. Ich kann und werde diese Situation nie vergessen, weil es selten Momente gab, wo Glück und Verzweiflung für mich so nah beieinanderlagen.
Ich hörte damals ständig »Sweet Virginia« von den Stones aus dem »Exile on Mainstreet«- Album, für mich eigentlich bis heute das stärkste Lied dieses Meisterwerk-Albums der Rolling Stones. Diese Eingangs-Melodie, dieser Garagensound und dann das unnachahmliche Reinrumpeln von Charlie Watts in diesen Song!!
Später, mit »Faraway Eyes« auf dem »Some Girls« -Album ist den Stones übrigens noch so ein relativ unbeachteter, aber umwerfender und kaum gespielter B-Seitenhit gelungen, ein echter Grinsgesicht-Song.
Zurück zum »de drie Gezusters«, denn vor über dreißig Jahren saß ich genau hier, mit meiner damaligen Freundin, die ich über alles liebte, an diesem Tisch und ich war so unglaublich glücklich, …aber »Red House« schob sich unaufhaltsam, unaufhörlich und schon körperlich schmerzhaft dazwischen, zwischen uns. »Red House« bohrte erste Risse in diese Liebe hinein. Ich spürte unbestimmt und von ganz weit und tief her, dass diese, unsere Liebe zum Scheitern verurteilt war und ich wehrte und stemmte mich innerlich so sehr dagegen. Aber es gelang mir nicht, es war, als ob mich irgendeine, von mir nicht zu steuernde Kraft antrieb, weitertrieb und wegtrieb, … unaufhaltsam auf die nächste Biegung zu?
Ich wollte aber gar nicht wissen, was dahinter liegt, ich wollte nicht alleine weiter, um alleine dahinter zu schauen, … ich wollte nur bei ihr bleiben, endlich zur Ruhe kommen.
Es war ein sonniger Tag, ein klarer, sonniger Vormittag in Groningen und wir hatten die Nacht so gut wie gar nicht geschlafen. Ein Zustand, der einen alles noch extremer aufnehmen und fühlen lässt, man ist buchstäblich mit Haut und Haaren durch und durch sensibilisiert, beinahe »psychotisiert«.
Ich liebte sie, wie ich noch nie zuvor einen Menschen geliebt hatte, aber dennoch stieg diese tiefe Traurigkeit in mir hoch. Ich konnte mich einfach nichts dagegen tun. Ich spürte, wie die Geräusche um mich herum seltsam verhallten und meine Freundin immer weiter abzurücken schien. Aber es war nicht sie …, ich löste mich aus dieser ganzen Szene heraus! Es war, als ob ich dem Ganzen geradezu entschweben würde. Ich hing oben in einem Deckenwinkel und sah mich mit meiner Freundin da unten sitzen. Sie nahm meine Hand, streichelte sie sanft und lächelte mich irgendwie hilflos schüchtern an.
»Ich verstehe dich schon … «, hörte ich sie sagen und ich dachte nur noch: »… nein, du verstehst leider gar nichts …«, aber sagen konnte ich es ihr nicht.
Ich hätte laut und hemmungslos losweinen können, so weh tat das alles. Meine hilf- und haltlos trudelnde Seele ließ mich einfach straucheln und unsere Liebe sollte unaufhaltsam und quälend langsam einem Abgrund, unseren eigenen Abgrund entgegentaumeln. Verzweifelt konnte ich mich nicht dagegen wehren – ich war ja da oben, herausgelöst an der Decke und gleichzeitig saß ich mit ihr da unten …
Außerdem weinte ein Junge ja nicht, auch wenn ich schon ein junger Mann war, aber Tränen zu zeigen war immer noch »tabu – erzogen« und »eingebläut«.
Klar, ich hätte meine USA-Reisepläne stoppen und der … – nein! – … DIESER Liebe wegen opfern können, aber es ging einfach nicht, mein Entschluss stand fest, ich konnte einfach nicht mehr umdrehen.
Der Ruf der »Straße« und die Neugier, die Angst und die Suche nach so vielen Antworten brannten einfach einfach zu groß in mir. Die ganze Erziehung der Sechziger prallte brutal auf und in diese Liebe und für diese Liebe war da irgendwie kein Platz. Jimi spielte tief in meiner Seele, in meinem Herzen immer wieder sein so schmerzhaft-schönes, so unendlich sehnsuchtsvolles Gitarren-Intro zu »Red House«.
Mein liebeskrankes Herz hämmerte verzweifelt in mir, aber es ging einfach nicht anders, ich musste die Sache mit den USA einfach durchziehen.
Noch nicht einmal sechs Wochen später hatte ich schwer daran zu schlucken, meine große Liebe, meinen bis dahin wohl besten Freund gleich mit eingeschlossen und mein Auto, einen weißen Peugeot 504 mit Lenkrad-Schaltung verloren zu haben.
Die von mir Jahre später geschriebenen Lieder »Burning Rain«, »Sit down« oder auch »Get rid« und »Sunrise«, die auf dem »Happy Fiesta« -Album unserer Band »Wrong Haircut« erschienen sind, bildeten einen sehr wertvollen, musikalischen Kanal, das alles zu verarbeiten, um weiter nach vorne schauen zu können, auf der Suche nach der nächsten Biegung …
Das Gesicht und das Innere des Cafés »de drie Gezusters« in Groningen hat sich in den ganzen Jahrzehnten nie verändert. Was für Schicksale und Erlebnisse dieses Haus schon in seinen Wänden aufgenommen hat, lachende, traurige, fröhliche, feiernde, verzweifelte, glückliche, einsame Menschen. Kaffee- und Biertrinker, Schachspieler und Zeitungsleser. Oft saßen und sitzen hier mehrere Generationen an einem Tisch, etwas, was man in Holland häufiger erlebt, bei uns in Deutschland hingegen nicht so oft oder so selbstverständlich, da wird eher getrennt gelebt, vielleicht achtet man aber auch im Ausland mehr darauf – vor allen Dingen, wenn man alleine ist und die Dinge um sich herum aus einer gewissen Einsamkeit in der Fremde wahrnimmt.

Mit »Red House« wurde eine, mich mein ganzes Leben begleitende Einsamkeit, eine unbestimmte, suchende, drängende, ferne Sehnsucht zum Klingen gebracht. Diese Sehnsucht war und ist nicht immer, schon gar nicht nur traurig, sie konnte oder kann auch sehr schön und spannend, ja beinahe zärtlich sein und Geborgenheit geben, die die Angst vor Veränderungen oder neuen Dingen nahm oder nehmen kann.
Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist, dass ich alleine mit einem großen Ball in den Händen, mit Mütze und Wollpullover bekleidet, im Garten stand. Ich schaute über den großen Rhododendron-Busch im Garten auf unser Haus und hörte hinter und über mir das fantastisch-silbrige Rauschen der riesigen Pappelbäume. Ich fühlte mich sehr alleine und werde nie diesen ganz besonderen Klang des Alleinseins vergessen. Damals kann ich höchstens eineinhalb Jahre alt gewesen sein und ich weiß nicht, wieso sich diese Situation so in meinem Gedächtnis eingegraben hat, aber ich habe es mir nicht eingebildet, da ich zu dem Zeitpunkt noch keine Brüder hatte. Ich höre das Alleinsein und diese Einsamkeit heute noch in mir, sie haben einen ganz bestimmten Klang. Wenn ich ihn in mir höre oder wahrnehme, genieße ich, dass ich alleine oder auch einsam bin.
»Red House« schickte die Sehnsucht auf die Reise, die mich immer weiter probieren und suchen lässt. Musik ist bestimmt durch eine ständige Suche unbestimmbarer Sehnsucht, die gleichzeitig eine unbändige Sicherheit gibt und Schutz bietet. Du weißt eigentlich nie, wonach du suchen sollst, aber es gibt dann auch diese Momente des totalen Glücks, die wirklich alles andere überdecken und manches sogar in die Bedeutungslosigkeit drängen.
Diese Momente sind ebenso kostbar wie rar und fast immer nur von kurzer Dauer. Eine neue Komposition, eine Melodie, ein guter Gig (Auftritt), eine gute Probe, das erfolgreiche »Knacken« eines instrumentalen oder musikalischen Problems, das Stück oder den Song beim fünfhundertsechsundzwanzigsten Mal endlich einmal so gespielt, wie er eigentlich immer gespielt werden wollte, ein endlicher Durchbruch bei der eigenen Soundsuche …
Diese Momente sind ebenso wenig erklärbar wie austauschbar, aber unverzichtbar und absolut lebensnotwendig.
Ein Freund zerbricht dein Vertrauen, deine Liebe zerbricht, dein Auto geht kaputt, du hast Geldsorgen, du hast Streit mit deinen Liebsten …, all das gerät zur Nebensache oder verschwindet, wenn du spielst, wenn ich spiele, spielen kann, spielen darf.
Ich will eigentlich immer nur spielen, spielen, spielen, unterwegs sein, Musik machen. Es ist ein anstrengendes, oft zynisches, finanziell äußerst naives Leben, aber diese Kraft der Musik macht glücklich, gibt so unendlich viel Lebensmut und es ist einfach der Blues, der mir diese Kraft und schwermütige Klarheit zu geben vermag.
Viele Auftritte und dabei die falsche Musik, – die für mich persönlich falsche Musik –, zu spielen, machen todunglücklich und zynisch gegenüber dem Leben.
Ich habe so viele Arten oder Stile von Musik gemacht und gespielt, Kinderlieder, Volkslieder, klassische Musik (am Klavier), Singspiele, Tanzmucke, »Lagerfeuermucke« auf der Gitarre, Folk, Popmusik, Rockmusik, Rock'n'Roll, Shantybilly, Afropop, Dixie, Swingblues, Texasblues, Rockabilly, Bluesrock, Swing-Jazz, Liedermachermusik in hoch- und plattdeutsch, sogar für 'ne ägyptische Bauchtänzerin habe ich gespielt und … bezeichnenderweise landete ich jetzt wieder, nach langer, mir ewig scheinender, unbestimmter Suche oder vielleicht auch aus einer sehnsüchtigen Neugier heraus beim Blues der dreißiger bis sechziger Jahre, … also der Zeit vor »Red House«.
Diese Art, Blues zu spielen, verlangt neben instrumentalen Fähigkeiten vor allem, dass man das Gefühl, das Bild, die Seele der staubigen Straße oder des trägen Flussdeltas, die Tränen der verlassenen Liebe, die sehnsüchtige Begierde der Liebe nicht einfach nur spielt, sondern wirklich ist. Diese Musik verlangt einem wirklich alles ab, um sie wirklich zu spielen. Es gibt für mich nichts so unvergleichlich Intensives.
Die »Beatles« sind wirklich genial und großartig gewesen, aber für mich ist es Pop-Musik und Popmusik schafft durch das Anwenden und Gebrauchen vielfältiger und äußerst raffinierter Produktionsmöglichkeiten auditive und akustische Illusionen, sie geht einfach nicht so tief.
Die Beatles legten 1967 mit »Sgt. Pepper« einen bahnbrechenden, fundamentalen Meilenstein, wenn nicht sogar DEN Meilenstein der Popgeschichte hin. Ein, trotz der damals noch sehr eingeschränkten technischen Möglichkeiten grandios und trickreich produziertes Meisterwerk der Popgeschichte, was neue Maßstäbe setzte.
Seitdem wird Popmusik vielfach sehr aufwendig produziert und schafft musikalische Illusionen, die einen punktuell in bestimmte Drei-Minuten Geschichten mitnehmen.
Blues dagegen lebt dagegen fast ausschließlich von den Geschichten, vom »feeling«, schlicht und authentisch transportiert durch die Instrumente und den musikalischen Vortrag. Die Blues-Riffs, die musikalischen Phrasen, wirken oft wie mitten aus einem stetig fließenden Fluss entnommen – ohne richtigen Anfang und ohne richtiges Ende. Man ist sofort und ohne Umschweife und ohne Refrain mitten drin. Blues lässt sich nicht illusionieren oder zu einer »akustischen Fata Morgana« produzieren. Er wäre dann schlicht zu glatt und nicht mehr glaubwürdig und authentisch.
Wie im Leben: das Herz ist immer mit dabei und schlägt seinen ganz eigenen Beat. Ich probierte nahezu jede Musikrichtung aus und ich liebe Musik und ihre Melodien. Wichtig oder entscheidend ist für mich immer das Gefühl, was sie auslöst, wie authentisch sie ist und auf mich einwirkt. Das spürst du sofort und augenblicklich finde ich ein Stück gut oder einfach scheiße.
Gute Musik ist immer ein intensives Erlebnis. Ein Stück ganz »nett« zu finden ist auch vernichtend.
Ich kann mir eigentlich keine Musik »guthören«, also so oft oder so lange hören, bis ich sie gut finde.
Oft muss ich Musik in meiner Umgebung ertragen, was an die seelisch-traumatische Grenzbelastung und Zumutbarkeit geht. Das ist aber der Preis der zivilen, demokratischen Toleranz …manchmal Hasse ich zugegebenermaßen auch dieses Toleranz-Verständnis und hätte durch Intoleranz einfach meine Ruhe, aber wohl auch einen Bluthochdruck-bedingten Herzinfarkt in der inneren Warteschleife …
Wenn ich Musik mache, ist dieser Zustand sehr verletzbar und ich bin sehr verletzlich.
Ein kleiner, bedeutungslos erscheinender, nicht einmal wirklich wahrgenommener Fehler kann die ganze Gemütslage nachhaltig umhauen.
Eine gutgemeinte Kritik schnürt einem manchmal die Seele zu.
Beim Blues, aber nur dann, wenn der Blues mich lässt, schlüpfe ich in eine gewisse Immunität hinein, eigentlich schlüpft er ja mehr in mich und gibt mir eine gewisse Immunität. Zu viele Menschen hören einfach zu wenig Blues und so hat man als »Blueser« auch eine gewisse Narrenfreiheit als musikalischer Sonderling, was einfach ein grandioser Status sein kann. Der Blues erlaubt und verzeiht musikalisch beinahe alles, er muss nur authentisch und gut gespielt werden.
Spielt man beispielsweise Songs von Elvis, dann wird man auch an ihm gemessen, und das ist schon 'ne harte Bürde.
Vielleicht sollte man aus Respekt auch einfach die Finger von bestimmten Stücken lassen, aber es gibt viele Bands, die kennen da einfach keine Gnade.
Die musikalische Qualität ihres Vortrags von einigen wirklich großartigen Songs ist häufig einfach grausam anzuhören.
Jeder darf natürlich jede Musik machen, die man will und auf die man Lust hat, gar keine Frage, aber öffentliche Auftritte bedeuten gleichzeitig auch ein sich der öffentlichen Kritik Stellen.
Kritik darf nicht beleidigend sein, aber das öffentliche Präsentieren von gecoverten Songs darf auch nicht beleidigend für die Ohren sein.
Bescheidenheit gegenüber der Musik und gegenüber seinen musikalischen Fähigkeiten sind hier gute musikalische Ratgeber.
Viele dieser Coverbands nehmen sich zu ernst, zu wichtig und fühlen sich als die »Kings« und genau das ist das Problem, denn dadurch bekommen so manche Konzerte einen grotesken Beigeschmack. Einige spielen wirklich so schlecht, dass man es nur noch durch Weggehen aushalten kann, andere stehen sogar mit ihren Instrumenten posierend auf der Bühne und spielen zum Playback. Es wirkt täuschend echt und »live«, aber ist das etwas, was auch nur ansatzweise das Herz eines Musikers am Leben erhält?
Welche musikalischen Maßstäbe gilt es hier zu erfüllen?
Wo bleibt da bloß die Selbstachtung?
Wo ist da die Liebe zur Musik, das Gefühl für dieses so kostbare Gut?
Alles überdeckt und ertrunken in den paar Geldscheinen Gage?
Woran wird man im Blues gemessen?
Das wichtigste Kriterium ist doch das »feeling« und nur das zählt wirklich und es darf nie aufgesetzt wirken.
Blues ist einfach die Musik des Lebens und für mich die gefühlsmäßig intensivste Variante des musikalischen Ausdrucks.
Du denkst beim Spielen und Hören nicht über die Musik nach, du bist die Musik, sie nimmt dich mit und du lässt sie durch dich über dein instrumentales Sprachrohr rausfließen. Mal hart, mal weich, mal grinsend, mal weinend, mal fröhlich lachend, mal rau, mal sanft, mal an der Grenze zur Kitschigkeit entlang schrammend, nie verkniffen, mal liebestrunken, mal liebeskummernd, himmelhochjauchzend und höllenabgrundtief … das ganze Leben in der Gesamtheit.
Die Texte erzählen oft punktuelle Geschichten, aber die Erlebnisse, die Musik, das in Blues verpackte Gefühl entspringen immer dem ganzen Leben – und das endet fast nie nach drei Minuten …
Es gibt da sogar die Momente, wo man den, nicht nur an Kreuzungen lauernden Blues-Geistern begegnet. Sie sind warm, freundlich und neugierig und sie begleiten einen für eine Weile und diese Augenblicke sind geradezu magisch und manchmal spüren unsere Zuhörer und Zuschauer das auch.
Ein Blues-Stück wird meist aus einem langsam und stetig gleitenden Lebens-Fließband genommen, gespielt und dann wieder dem Fluss des Lebens zurückgegeben, bis es vom Nächsten gespielt und interpretiert wird … Die Stücke sind einfach immer da und kommen zu dir, wenn du sie brauchst – wie und wann auch immer.
Vielleicht ist das auch ein Grund, dass sich in den Ohren vieler Blues-Stücke auch sehr ähneln.
»… für mich hört sich das alles gleich an …« – höre ich öfters, aber es ist nie gleich, es sind die oft nur sehr feine Nuancen, die den Unterschied machen. Oft kaum wahrnehmbar, aber um so schwieriger, nicht nur in der Umsetzung beim Spielen. Man muss zuhören können, wie im Leben auch.
Musikalisch bewege ich mich im Blues-Duo teilweise genau dort, was Jimi zu seinem magisch-genialen Intro zu »Red House« gebracht hat und es macht wunschlos und auch glücklich. Manchmal ist es wie eine langsame Reise auf einem Fluss, der einen sanft umspült und behutsam mitnimmt. Ich fühle mich sehr wohl in der Gegenwart so vieler Blues-Geister. Die Blues-Geister schreiben dir die Geschichten des Lebens in die Seele und du hast keine Chance, diesen Erlebnissen aus dem Weg zu gehen. Du musst offen sein und diese Geschichten erkennen, in dein Leben aufnehmen. Geschichten wie die folgende gehören dazu:

»Ey, Gottfried, … nee …, das sollen dir die anderen selbst erzählen und du müsstest mal den Einheitenzähler am Telefon sehen … der hört überhaupt nicht mehr auf zu laufen! …« – »Komm, … scheißegal! … Du kriegst mein Auto für die Rechnung! Jetzt erzähl mir endlich, was los ist! Was ist zu Hause passiert?« wollte ich nur wissen.
Das Auto-Argument überzeugte schlagartig und mein Wohngemeinschafts-Kumpel erzählte mir die ganze Geschichte, zumindest das, was er wußte oder wissen wollte, um mir die herzzerreißenden Details zu ersparen. Aber es war genug, um zu wissen oder die Gewissheit zu haben, dass da im fernen Europa, in Deutschland, in meiner Stadt, in meiner Wohngemeinschaft, in meinem Herzen etwas fürchterlich schief gelaufen und so richtig beschissen aus dem Ruder gelaufen war.
Wie betäubt legte ich den Telefonhörer auf und ging mit zerrissenem Herzen zurück zu meiner Unterkunft.
Ich hatte ein »R«-Gespräch aus den USA, dem Staat New York, zu meiner Wohngemeinschaft angemeldet und dieses Gespräch ist bis heute das teuerste Telefongespräch meines Lebens geblieben.
Nachdem das recht kurze, aber so teure Gespräch mit meinem Wohngemeinschafts-Kumpel beendet war, musste ich mir schmerzhaft klar machen und wehrlos verkraften, dass ich innerhalb weniger Sekunden meine große Liebe, meinen bis dahin besten Freund und zu guter Letzt auch noch mein Auto, einen weißen Peugeot 504 mit Lenkrad-Schaltung verloren hatte.
Scheiß-Telefon!
Wie diskret war da doch der Postweg gewesen, hatte ich doch seit Wochen keine Antwort auf meine Briefe erhalten. Mittlerweile ist das weit über dreißig Jahre her und ich musste ein derartiges Telefongespräch nie wieder führen.
Ich hatte nun keinen weißen Peugeot 504 mit Lenkradschaltung mehr zum Bezahlen. Es bleibt jetzt jedem selbst überlassen, zu beurteilen, was im Nachhinein und rückblickend betrachtet der schwerwiegendste Verlust war …
Mein WG-Kumpan fuhr auf jeden Fall anschließend mit dem »ertelefonierten« weißen Peugeot 504 mit Lenkradschaltung in den Urlaub nach Griechenland.
Er war zu der Zeit ein wirklicher Wohngemeinschafts-Kumpel. Wir praktizierten eine ganz eigene Art des Zusammenwohnens. Er war damals Soldat im Grundwehrdienst, war mit der Verweigerung gescheitert, hatte kaum Geld und keine Lust auf die Übernachtungen in der Kaserne, also fragte er mich, ob in unserer WG ein Zimmer oder Schlafplatz frei wäre.
In unserer siebenköpfigen WG gab's kein freies Zimmer, aber ich fuhr zu der Zeit fast jede Nacht Taxi.
Mein Bett war also Teilzeit-frei oder eben Teilzeit-belegt. Naja, und so teilten wir uns für das nächste halbe Jahr eben ein Bett.
Bedsharing.
Wenn ich morgens von der Schicht nach Hause kam, weckte ich ihn oder er war schon aufgestanden und zum Bund gefahren. Mein Bett war während dieser Zeit – ohne Übertreibung – dauerwarm. Ich habe nie wieder so eng mit jemandem auf rein platonischer Basis zusammengelebt, aber auch nie wieder ein Auto durch die Kosten eines Telefongesprächs verloren. Ich habe aber auch nie wieder bei meiner Abreise einem Freund gesagt, er möge bitte auf meine Freundin achten und auf sie aufpassen, so weit ging mein Vertrauen nie wieder. Außerdem fuhr und fahre ich auch zu gerne Auto. Irgendwie war das alles aber auch Blues, und zwar was für einer …
Der Blues brachte und bringt so manche harte Lebens-Prüfungen und Hindernisse mit sich, die es erstmal zu überwinden galt und gilt.

»Zum Gitarrespielen sind deine Finger zu klein!« Das war die tiefst enttäuschende Antwort, die ich erhielt, als ich zu Hause fragte, ob ich Gitarre lernen darf. Mein Vater besaß eine kleine, alte, warm klingende Wandergitarre, die bei uns weitgehend unbenutzt und unglücklich in der Ecke stand, weil niemand mit ihr spielte. Leider weigerte sich mein Vater, mir einiges auf der Gitarre beizubringen.
Stattdessen hieß es: »Spiel erst mal Klavier, das ist sowieso die Königin der Instrumente …«
»Kann ich denn später Gitarre lernen?«
»Ja, das können wir dann mal sehen …«
Also begann ich im Alter von acht Jahren mit dem Klavierunterricht, nachdem ich zuvor bereits ungefähr ein Jahr Glockenspiel und ein weiteres Jahr tapfer durch die musikalische Hölle des Blockflötenunterrichts gegangen war. Alles ohne Tränen. … Ein Indianer kennt keinen Schmerz …
Blockflöte sollte ich erstmal als musikalische Grundlage lernen. So wurde damals von den Musiklehrern der städtischen Musikschule argumentiert.
Grundlage?
Wofür?
Ich möchte wirklich wissen, was für eine musikalische Grundlage mir die Blockflöte geben sollte. Wenn man Blockflöte als »musikalische Grundlage« erlernt und nicht, weil man es gerne möchte, stellt das Blockflötenspiel eine nicht unerhebliche nervliche Belastung aller Personen in der näheren Umgebung dar. Ich wollte einfach Gitarre lernen, nur Gitarre, sonst nichts.
Wahrscheinlich war das Blockflötentrauma oder die Blockflötenhölle eine entscheidende Hürde, die ertragen und bewältigt werden musste, gewissermaßen als mentale Abhärtung und Vorbereitung für den späteren, eigentlich nie endenden Existenzkampf als Musiker. Die Blockflöte war sozusagen mein musikalisches Fegefeuer …
Wer das Stahlbad Blockflöte überdauert und untraumatisiert gemeistert hat, darf sich berechtigte Hoffnung auf ein erfülltes musikalisches Leben machen.
Dass meine Hände für die Gitarre zu klein, fürs Klavier aber groß genug waren, lag wohl einerseits am gesellschaftlichen Status, den das Klavier als Instrument in den Sechzigern darstellte und wohl auch noch heute darstellt und andererseits an der damaligen verstaubten, altmodischen und knochenkonservativen Leitung der städtischen Musikschule.
Es ist bis heute erstaunlich, in wie vielen Wohnungen und Häusern irgendwo ein altes Klavier oder ein edler Flügel herumstehen, oft nur dekorativ und ungeliebt, weil niemand eines dieser Instrumente spielt. Man muss Musikinstrumente spielen, sonst leiden sie.
Ich mochte das Klavier als Instrument nie besonders gerne, zumindest war es nie eine Beziehung, die auf gegenseitiger Liebe basierte und die auch nur einen Anflug von aufkeimender Leidenschaft zuließ. Vielmehr ertrug ich den Klavierunterricht und auch die Konzerte, die ich von Zeit zu Zeit bei bestimmten Anlässen, mich dem geballten Druck der Eltern und der Musikschule ergebend, auf dem Klavier spielen oder vortragen musste.
Das hatte auch sein Gutes, denn ich betrat völlig immer unaufgeregt eine Bühne und spielte mein Konzert oder Vortragsstück runter. Einfach so. Danach stand ich auf, verbeugte mich und verließ unter donnerndem, ja tosenden Applaus die Bühne. Einfach so. Ich freute mich, dass es vorbei war. Der Applaus war nach dem Klavier-Vorspielen immer das Beste, bedeutete es doch für mich das von Anfang an angestrebte Konzert-Ende.
Der Klavierunterricht war im Nachhinein betrachtet eine siebenjährige Durchgangsstation, geprägt und genährt von der Hoffnung auf Gitarren-Unterricht, aber einer ganz guten Gehörschulung.

»Wenn du drei Lieder auswendig auf dem Klavier spielen kannst, bekommst du von uns und Opa eine Uhr geschenkt!« – Da war sie: Meine erste Gage! Eigentlich war's ja eher eine miese Bestechung, aber ich bekam Geld für eine musikalische Gegenleistung, wobei die Bandbreite der musikalischen Gegenleistung in meinem weiteren Leben deutlich reduziert wurde, was aber nicht an der Unkenntnis vieler Songs und Liedern liegt, als mehr an der für mich manchmal unerträglichen musikalischen Qualität … Ich kann das beurteilen und kann mitreden, denn ich habe später auch Musik gespielt, die ich nicht mal vom Weghören aus dem Radio kannte, geschweige denn die dafür einschlägig bekannten Radiosender jemals hörte. Ich habe mit dieser Musik so viel Geld verdient, aber es war immer ein »Hand-aufmachen« und »Ohren-zumachen«, was nie absolut gelang, da ich mit einigen dieser fiesen Melodien im Kopf nicht nur einschlief, sondern auch noch damit aufwachte und dann hartnäckig-treu durch den ganzen nächsten Tag begleitet wurde. Musste ich abends noch so eine Aushilfe spielen, wurde das ganze musikalisch »recycled«. Das ist die andere Seite eines Musikers, man ist auch bis zu einem gewissen Grade käuflich, sozusagen eine musikalische Hure … Zum Vorspielen auf der Blockflöte wurde ich hingegen nie aufgefordert, von einer ausgelobten Prämie für eine Unterrichts-Verlängerung ganz zu schweigen …