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Alfred Adler Gesammelte Werke
Gesammelte Werke
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Alfred Adler Gesammelte Werke

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Der Beratene muß unter allen Umständen die Überzeugung bekommen, daß er in bezug auf die Behandlung absolut frei ist. Er kann tun und lassen, was er will. Nur soll man es vermeiden, glauben zu machen, daß mit dem Beginne der Behandlung auch schon das Freisein von Symptomen beginnt. Den Angehörigen eines Epileptikers wurde von anderer Seite in der ersten Beratung zugesagt, daß er, wenn er allein gelassen würde, keine Anfälle mehr haben würde. Der Erfolg am ersten Tage war ein heftiger Anfall auf der Straße, der dem Patienten einen zerschmetterten Unterkiefer eintrug. Ein anderer Fall verlief weniger tragisch. Ein Junge kam wegen Diebstahlsverübung zu einem Psychiater und trug ihm nach den ersten Beratungen einen Regenschirm fort.

Einen weiteren Vorschlag kann ich empfehlen. Man verpflichte sich dem Patienten gegenüber, daß man zu niemandem über die Auseinander­setzungen mit ihm sprechen werde � und halte diese Verpflichtung ein. Dagegen stelle man dem Patienten frei, über alles zu sprechen, was ihm gutdünke. Man riskiert dabei wohl, daß gelegentlich ein Patient die Aufklärungen dazu benützt, in Gesellschaft in die »Aha-Psychologie« zu verfallen (»Was haben doch die Herrn für ein kurzes Gedärm«), kann aber dem durch eine freundliche Aussprache die Spitze nehmen. Oder es erfolgen Anschuldigungen gegen die Familie, was man ebenfalls voraussehen muß, um vorher dem Patienten gegenüber festzustellen, daß seine Angehörigen nur so lange schuldig sind, als er sie durch sein Verhalten schuldig macht. Daß sie aber sofort unschuldig sind, sobald er sich gesund fühlt. Ferner, daß man von Angehörigen nicht mehr Wissen verlangen kann als der Patient selbst besitzt, und daß er unter eigener Verantwortung die Einflüsse seiner Umgebung als Bausteine benützt hat, um seinen fehlerhaften Lebensstil zu entwickeln. Auch ist es gut darauf hinzuweisen, daß sich seine Eltern wegen eventueller Irrtümer auf ihre Eltern, die auf die Großeltern usw. berufen könnten. Daß also eine Schuld in seinem Sinne nicht besteht.

Es scheint mir wichtig, in dem Beratenen nicht die Meinung aufkommen zu lassen, daß das Werk des Individualpsychologen zu dessen Glanz und zu dessen Bereicherung dienen soll. Emsigkeit und Hitzigkeit in der Erwerbung von Patienten bringt nur Schaden. Ebenso abfällige oder gar gehässige Äußerungen gegen andere Berater.

Ein Beispiel genüge: Ein Mann kam zu mir, um sich von einer nervösen Müdigkeit, wie sich herausstellte als Folge von befürchteten Niederlagen, heilen zu lassen. Er teilte mir mit, daß ihm noch ein anderer Psychiater empfohlen worden sei, den er auch aufsuchen wolle. Ich gab ihm die Adresse. Am nächsten Tag kam er zu mir und erzählte mir von seinem Besuch. Der Psychiater empfahl ihm nach Aufnahme der Krankengeschichte eine Kaltwasserkur. Der Patient erwiderte, daß er bereits fünf solcher Kuren erfolglos absolviert habe. Der Arzt riet ihm, eine sechste Kur in einer gutgeleiteten Anstalt zu machen, die er besonders empfahl. Der Kranke teilte ihm mit, daß er dort schon zweimal mit der Wasserkur erfolglos behandelt worden war und fügte hinzu, daß er zu mir in Behandlung kommen wolle. Der Psychiater wendete sich dagegen und bemerkte, Dr. Adler werde ihm nur etwas suggerieren. Der Patient erwiderte: »Vielleicht wird er mir etwas suggerieren, was mich gesund macht«, und empfahl sich. Wäre dieser Psychiater nicht von seinem Wunsch besessen gewesen, die Anerkennung der Individualpsychologie zu verhindern, so hätte er wohl gemerkt, daß er diesen Patienten gar nicht aufhalten konnte, zu mir zu kommen, und hätte dessen treffende Bemerkungen besser verstanden. Meine Freunde aber bitte ich, abfällige Bemerkungen Patienten gegenüber zu vermeiden, auch wenn sie berechtigt wären. Der Platz, unrichtige Meinungen zu korrigieren und sich für richtige Auffassungen einzusetzen, ist wohl im freien Feld der Wissenschaft mit wissenschaftlichen Mitteln zu suchen.

Besteht bei dem Patienten in der ersten Unterredung ein Zweifel darüber, ob er in die Behandlung kommen will, so überlasse man ihm die Entscheidung für die nächsten Tage. Die gewöhnliche Frage betreffs der Dauer der Behandlung ist nicht leicht zu beantworten. Ich finde sie berechtigt, da ein großer Teil der Besucher von Behandlungen gehört hat, die bis acht Jahre gedauert haben und erfolglos waren. Eine richtig geführte individual­psychologische Behandlung müßte in drei Monaten wenigstens einen wahrnehmbaren Teilerfolg gezeitigt haben, meist auch schon früher. Da aber der Erfolg von der Mitarbeit des Patienten abhängt, so handelt man recht, wenn man hervorhebt, um gleich von Anfang an dem Gemeinschaftsgefühl ein Tor zu öffnen, daß die Dauer von der Mitarbeit des Patienten abhängt, daß der Arzt wohl schon, wenn er in der Individualpsychologie festen Fuß gefaßt hat, nach einer halben Stunde orientiert ist, daß er aber warten muß, bis auch der Patient seinen Lebensstil und dessen Fehler erkannt hat. Immerhin kann man hinzufügen: »Wenn Sie in ein oder zwei Wochen noch nicht überzeugt sind, daß wir auf dem richtigen Wege sind, gebe ich die Behandlung auf.«

Die unumgängliche Honorarfrage macht Schwierigkeiten. Ich habe eine Anzahl von Patienten bekommen, deren oft nicht unbeträchtliches Vermögen in vorherigen Kuren verschwunden war. Man wird sich nach den ortsüblichen Honoraren richten müssen, darf wohl auch die größere Mühe und den Zeitverbrauch bei jeder Behandlung in Anschlag bringen, soll aber im Interesse des erforderten Gemeinschaftsgefühls von unnatürlich großen Forderungen, besonders wenn sie den Patienten schädigen könnten, Abstand nehmen. Unentgeltliche Behandlung muß mit jener Vorsicht durchgeführt werden, die den armen Patienten nicht etwa ein mangelhaftes Interesse fühlen läßt, worauf er wohl in den meisten Fällen sein Augenmerk richtet. Eine Pauschalsumme, auch wenn sie günstig erscheint, oder ein Versprechen, nach erfolgter Heilung zu zahlen, ist abzulehnen, nicht weil letzteres unsicher erscheint, sondern weil dadurch künstlich ein neues Motiv in die Beziehung des Arztes zum Patienten gebracht wird, das den Erfolg erschwert. Die Bezahlung soll wöchentlich oder monatlich erfolgen, immer zu Ende dieser Zeit. Forderungen oder Erwartungen welcher Art immer schädigen die Kur. Sogar kleine Liebesdienste, zu denen sich nicht selten der Patient selber anträgt, müssen abgelehnt werden, Geschenke sollen freundlich zurückgewiesen, oder ihre Annahme soll bis zur erfolgten Heilung aufgeschoben werden. Gegenseitige Einladungen oder gemeinsame Besuche sollen während der Behandlung nicht stattfinden. Die Behandlung von verwandten Personen oder Bekannten gestaltet sich etwas schwieriger, weil es in der Natur der Dinge liegt, daß ein etwaiges Minderwertigkeitsgefühl bekannten Personen gegenüber drückender wird. Auch der Behandelnde bekommt diese Aversion, das Minderwertigkeitsgefühl des Patienten deutlich zu spüren und muß alles aufbieten, den Patienten dabei zu erleichtern. Hat man das Glück, wie in der Individualpsychologie, dabei immer nur auf Irrtümer, nie auf angeborene Defekte, immer auf Heilungsmöglichkeiten und Gleichwertigkeit, immer auch auf den allgemeinen Tiefstand des Gemeinschaftsgefühls hinweisen zu können, so sind das namhafte Erleichterungen und lassen verstehen, warum die Individualpsychologie nie den großen Widerstand zu verspüren bekommt wie andere Richtungen. Man wird leicht verstehen, daß es in der individualpsychologischen Behandlung nie zu Krisen kommt, und wenn ein nicht sattelgerechter Individualpsychologe, wie etwa Kunkel, die Krisen, die Erschütterung und Zerknirschung des Patienten für notwendig hält, dann sicher nur deshalb, weil er sie zuerst künstlich und überflüssigerweise hervorruft. Auch wohl, weil er damit fälschlicherweise glaubt, der Kirche einen Gefallen zu tun. Ich habe es immer als ungeheuren Vorteil gefunden, das Spannungsniveau in der Behandlung so weit als möglich niedrig zu halten, und ich habe es geradezu zu einer Methode entwickelt, fast jedem Patienten zu sagen, daß es Scherze gibt, die der Struktur seiner eigenartigen Neurose vollkommen gleich sind, daß letztere also auch leichter genommen werden kann, als er es tut. Wenig geistreichen Kritikern muß ich überflüssigerweise das Wort vom Munde nehmen, indem ich hinzufüge, daß solche Scherze natürlich nicht das Minderwertigkeitsgefühl (das Freud derzeit für so außerordentlich aufklärend findet) aufleben lassen dürfen. Hinweise auf Fabeln, auf historische Personen, auf Aussprüche von Dichtern und Philosophen helfen mit, das Vertrauen in die Individualpsychologie und in ihre Auffassungen zu stärken.

Jede Unterredung sollte darauf Bedacht nehmen, ob der Untersuchte auf dem Wege der Mitarbeit ist. Jede Miene, jeder Ausdruck, das mitgebrachte oder nicht mitgebrachte Material legen Zeugnis dafür ab. Das gründliche Verständnis der Träume gibt gleichfalls Gelegenheit, den Erfolg, den Mißerfolg und die Mitarbeit zu berechnen. Besondere Vorsicht aber ist in der Anspornung des Patienten zu irgendwelchen Leistungen geboten. Kommt die Sprache darauf, so soll man unter selbstverständlicher Ausschaltung allgemein gefährlicher Unternehmungen weder zu- noch abreden, sondern feststellen, daß man wohl von dem Gelingen überzeugt sei, daß man aber nicht ganz genau beurteilen könne, ob der Patient wirklich schon dazu bereit sei. Ein Anspornen vor dem Erwerb eines größeren Gemeinschaftsgefühls rächt sich meist durch eine Verstärkung oder durch Wiederkehr von Symptomen.

In der Berufsfrage darf man kräftiger vorgehen. Nicht etwa, als ob die Aufnahme eines Berufes gefordert werden sollte, aber durch den Hinweis, daß der Patient für diesen oder für jenen Beruf am besten vorbereitet sei und darin etwas leisten könnte. Wie überhaupt bei jedem Schritt in der Behandlung die Richtung der Ermutigung eingehalten werden muß, im Sinne der individualpsychologischen Überzeugung, durch die so viele haltlose Eitelheiten sich auf die Zehen getreten fühlen, »daß (abgesehen von erstaunlichen Spitzenleistungen, über deren Struktur wir nicht allzuviel aussagen können) jeder alles kann«.

Was das erste Examen des zu beratenden Kindes anlangt, so halte ich den von mir und meinen Mitarbeitern entworfenen Fragebogen, den ich hier folgen lasse, für den besten unter allen bis jetzt vorliegenden. Freilich wird ihn nur der richtig handhaben können, der über genügende Erfahrungen verfügt, der das eherne Netzwerk der individualpsychologischen Anschauung genau kennt und der in der Fähigkeit des Erratens eine genügende Übung hat. Er wird dabei wieder auf die Wahrnehmung stoßen, daß alle Kunst des Verstehens menschlicher Eigenart darin besteht, den in der Kindheit gefertigten Lebensstil des Individuums zu begreifen, die Einflüsse wahrzunehmen, die bei seiner Bildung am Werke waren, und zu sehen, wie dieser Lebensstil sich im Ringen mit den Gemeinschaftsproblemen der Menschheit auswirkt. Dem aus früheren Jahren stammenden Fragebogen sollte noch hinzugefügt werden, daß man den Grad der Aggression, die Aktivität festzustellen hat und nicht vergessen soll, daß die ungeheure Mehrzahl der kindlichen Fehlschläge aus der Verwöhnung stammen, die das emotionelle Streben des Kindes dauernd steigert und es so stets in Versuchung führt, so daß es Verlockungen der verschiedensten Art, auch durch schlechte Kameradschaft schwer widerstehen kann.

Individualpsychologischer Fragebogen

Inhaltsverzeichnis

zum Verständnis und zur Behandlung schwer erziehbarer Kinder. Verfaßt und erläutert vom Internationalen Verein für Individualpsychologie.

1. Seit wann bestehen Klagen? In welcher äußerlichen und seelischen Situation war das Kind, als die Fehlschläge sichtbar wurden?

Bedeutsam sind: Milieuänderungen, Schulbeginn, Schulwechsel, Lehrerwechsel, Geburt jüngerer Geschwister, Versagen in der Schule, neue Freundschaften, Krankheiten des Kindes und der Eltern usw.

2. War es vorher schon irgendwie auffällig? Durch körperliche oder geistige Schwäche? Durch Feigheit? Nachlässigkeit? Zurückgezogenheit? Ungeschicklichkeit, Eifersucht? Unselbständigkeit beim Essen, Ankleiden, Waschen, Schlafengehen? Hatte es Angst vor dem Alleinsein? Vor der Dunkelheit? Ist es klar über seine Geschlechtsrolle? Primäre, sekundäre, tertiäre Geschlechtsmerkmale? Wie betrachtet es das andere Geschlecht? Wie weit ist seine sexuelle Aufklärung vorgeschritten? Stiefkind? Illegitim? Kostkind? Wie waren seine Pflegeeltern? Besteht noch ein Kontakt? Hat es rechtzeitig sprechen und gehen können? Fehlerlos? Rechtzeitige Zahnentwicklung? Auffallende Schwierigkeiten beim Schreibenlernen? Rechnen? Zeichnen? Singen? Schwimmenlernen? Hat es sich auffälligerweise an eine einzige Person angeschlossen? An Vater? Mutter? Großeltern? Kinderfrau?

Zu achten ist auf die Feststellung einer feindlichen Einstellung zum Leben, auf Ursachen zur Erweckung von Minderwertigkeitsgefühlen, auf Tendenzen zur Ausschaltung von Schwierigkeiten und Personen und auf Züge von Egoismus, Empfindlichkeit, Ungeduld, Affektsteigerung, Aktivität, Gier, Vorsicht.

3. Hat es viel zu schaffen gemacht? Was und wen fürchtet es am meisten? Hat es nachts aufgeschrien? Das Bett genäßt? Ist es herrschsüchtig? Auch gegen Starke oder nur gegen Schwache? Hat es einen auffälligen Hang gezeigt, im Bett eines der Eltern zu liegen? Ungeschickt? Intelligent? Wurde es viel geneckt und ausgelacht? Zeigt es äußerliche Eitelkeiten bezüglich Haare, Kleider, Schuhe? Nasenbohren? Nägelbeißen? Gierig beim Essen? Gestohlen? Stuhlschwierigkeiten ?

Geht auf Klarstellung, ob mit mehr oder weniger Aktivität nach dem Vorrang gestrebt wird? Ferner ob Trotz die Kultivierung seiner Triebhandlungen verhindert hat.

4. Hat es leicht Kameradschaft geschlossen oder war es unverträglich und quälte Menschen und Tiere? Schließt es sich an Jüngere, Ältere, Mädchen (Knaben) an? Hat es Führerneigung? Oder schließt es sich ab? Sammelt es? Ist es geizig? Geldgierig?

Betrifft seine Kontaktfähigkeit und den Grad seiner Entmutigung.

5. Wie ist es in allen diesen Beziehungen jetzt? Wie benimmt es sich in der Schule? Geht es gern hin? Kommt es zu spät? Ist es vor dem Schulgang aufgeregt, hastet es? Verliert es seine Bücher, Schultasche, Hefte? Aufgeregt vor Schulaufgaben und Prüfungen? Vergißt es seine Aufgaben zu machen oder weigert es sich? Vertrödelt es die Zeit? Ist es faul? Indolent? Wenig oder gar nicht konzentriert? Stört es den Unterricht? Wie steht es zu seinem Lehrer? Kritisch? Arrogant? Gleichgültig? Sucht es die Hilfe anderer bei seinen Aufgaben oder wartet es immer auf deren Aufforderung? Zeigt es sich beim Turnen oder Sport ehrgeizig? Hält es sich für partiell oder ganz unbegabt? Liest es auffallend viel? Welche Lektüre zieht es vor? Schlecht in allen Gegenständen?

Diese Fragen ergeben die Einsicht in die Vorbereitungen des Kindes für die Schule und in den Ausfall des Experiments der Schule bei dem Kind. Ferner auch in seine Stellung zu Schwierigkeiten.

6. Richtige Nachweise über die häuslichen Verhältnisse, über Krankheiten der Familie, über Alkoholismus, Verbrechensneigung, Neurosen, Debilität, Lues, Epilepsie, über den Lebensstandard? Todesfälle? In welchem Alter des Kindes? Ist das Kind verwaist? Wer dominiert in der Familie? Ist die Erziehung streng, nörgelnd, verzärtelnd? Werden die Kinder vor dem Leben geschreckt? Wie ist die Aufsicht? Stiefeltern?

Man sieht das Kind in seiner Familienposition und kann ermessen, welche Eindrücke dem Kind vermittelt wurden.

7. An welcher Stelle in der Geschwisterreihe steht das Kind? Ältestes, zweites, jüngstes, einziges, einziger Knabe, einziges Mädchen? Rivalitäten? Häufiges Weinen? Boshaftes Lachen? Blinde Entwertungstendenzen gegen andere?

Bedeutsam für die Charakterologie, erklärend in Hinsicht auf die Stellungnahme des Kindes zu anderen.

8. Was für Berufswahlgedanken hatte das Kind bis jetzt? Wie denkt es über die Ehe? Welchen Beruf üben seine Familienmitglieder aus? Wie ist die Ehe der Eltern?

Ermöglicht Schlüsse auf Mut und Zuversicht des Kindes für die Zukunft.

9. Lieblingsspiele? Lieblingsgeschichten? Lieblingsfiguren aus Geschichte und Dichtung? Stört es gern die Spiele der anderen? Verliert es sich in Phantasien? Denkt es nüchtern und lehnt Phantasien ab? Tagträume?

Ergibt Hinweise auf Vorbilder in der Richtung auf Überlegenheit.

10. Älteste Erinnerungen? Eindrucksvolle oder oft wiederkehrende Träume? (Vom Fliegen, Fallen, Gehemmtsein, Zuspätkommen zum Eisenbahnzug, Wettlauf, Gefangensein, Angstträume).

Man findet dabei oft Neigung zur Isolierung, warnende Stimmen im Sinne übergroßer Vorsicht, Ehrgeizregungen und den Vorzug, der einzelnen Personen, der Passivität usw. gegeben wird.

11. In welcher Hinsicht ist das Kind entmutigt? Fühlt es sich zurückgesetzt? Reagiert es günstig auf Aufmerksamkeit und Lob? Hat es abergläubische Vorstellungen? Läuft es vor Schwierigkeiten davon? Fängt es verschiedene Dinge an, um sie bald stehenzulassen? Ist es seiner Zukunft unsicher? Glaubt es an die nachteiligen Wirkungen einer Vererbung? Wurde es von seiner Umgebung systematisch entmutigt? Hat es eine pessimistische Weltanschauung?

Ergibt wichtige Gesichtspunkte dafür, daß das Kind den Glauben an sich verloren hat und in einer fehlerhaften Richtung seinen Weg sucht.

12. Weitere Unarten: Schneidet es Grimassen? Gebärdet es sich dumm, kindisch, komisch?

Wenig mutige Versuche, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

13. Hat es Sprachfehler? Ist es häßlich? Plump? Klumpfuß? Rachitis? X- oder O-Beine? Schlecht gewachsen? Abnorm dick? Abnorm groß? Abnorm klein? Hat es Augen-, Ohrenfehler? Ist es geistig zurückgeblieben? Linkshändig? Schnarcht es bei Nacht? Ist es auffallend schön?

Hier handelt es sich um Lebensschwierigkeiten, die das Kind meist überschätzt. Es kann dadurch dauernd in die Stimmungslage der Entmutigung kommen. Eine ähnlich fehlerhafte Entwicklung findet man öfter auch bei sehr schönen Kindern. Sie geraten in die Suggestion, als ob sie alles geschenkt, ohne Anstrengung erhalten müßten und versäumen dabei die richtigen Vorbereitungen für das Leben.

14. Spricht es offen von seiner Unfähigkeit, von seiner »mangelnden Begabung« für die Schule? Für die Arbeit? Für das Leben? Selbstmordgedanken? Ist ein zeitlicher Zusammenhang zwischen seinen Mißerfolgen und seinen Fehlern? (Verwahrlosung, Bandenbildung.) Überwertet es den äußeren Erfolg? Ist es servil? Frömmelnd? Revoltierend?

Ausdrucksformen weitgehender Entmutigung. Oft erst nach vergeblichen Ansätzen emporzukommen, die wegen der anhaftenden Unzweckmäßigkeit, aber auch mangels genügenden Verständnisses der Umgebung scheitern. Sodann Suchen einer Ersatzbefriedigung auf einem Nebenkriegsschauplatz.

15. Positive Leistungen des Kindes. Visueller, akustischer, motorischer Typus?

Wichtiger Fingerzeig, da möglicherweise Interesse, Neigung und Vorbereitungen des Kindes in eine andere Richtung als die bisher eingeschlagene weisen.

Auf Grund dieser Fragen, die nie punktweise, sondern gesprächsweise zu stellen sind, niemals schablonenmäßig, sondern gleichzeitig aufbauend, ergibt sich immer ein Bild der Persönlichkeit, aus der die Fehlschläge wohl nicht als berechtigt, aber als begreiflich zu verstehen sind. Die aufgedeckten Irrtümer sind immer freundlich, mit Geduld und ohne Drohung aufzuklären.

Bei Fehlschlägen von Erwachsenen hat sich mir folgendes Untersuchungsschema als wertvoll erwiesen, bei dessen Einhaltung der Geübte wohl schon innerhalb einer halben Stunde eine weitreichende Einsicht in den Lebensstil des Individuums erhält.

Meine Erkundigungen verlaufen, freilich nicht immer nach der Regel, in folgender Reihenfolge, bei der der Kundige eine Übereinstimmung mit medizinischer Fragestellung nicht vermissen wird, wobei sich dem Individualpsychologen in den Antworten kraft seines Systems eine ganze Menge von Hinblicken ergeben, die sonst unbeachtet bleiben. Folgendes ist ungefähr die Reihenfolge:

1. Welches sind Ihre Klagen?

2. In welcher Situation waren Sie, als Sie Ihre Symptome wahrnahmen?

3. In welcher Situation leben Sie jetzt?

4. Welches ist Ihr Beruf?

5. Schildern Sie mir Ihre Eltern in bezug auf Charakter, Gesundheit, eventuell Todeskrankheit, und in Beziehung zu Ihnen.

6. Wie viele Geschwister haben Sie, an welcher Stelle stehen Sie, wie verhielten sich Ihre Geschwister zu Ihnen, wie stehen die anderen im Leben, sind sie auch leidend?

7. Wer war der Liebling des Vaters, der Mutter? Wie war die Erziehung?

8. Fragen nach Zeichen der Verwöhnung in der Kindheit (ängstlich, schüchtern, Schwierigkeiten in der Anknüpfung von Freundschaften, unordentlich usw.).

9. Erkrankungen und Verhalten zu Krankheiten in der Kindheit.

10. Älteste Kindheitserinnerungen?

11. Was fürchten Sie oder fürchteten Sie am meisten?

12. Wie stehen Sie zum anderen Geschlecht, seit Kindheit und später?

13. Welcher Beruf hätte Sie am meisten interessiert und, falls Sie ihn nicht ergriffen haben, warum nicht?

14. Ehrgeizig, empfindlich, zu Zornausbrüchen geneigt, pedantisch, herrschsüchtig, schüchtern, ungeduldig?

15. Wie sind die Personen Ihrer jetzigen Umgebung? Ungeduldig? Zornig? Liebevoll?

16. Wie schlafen Sie?

17. Träume? (Vom Fallen, Fliegen, wiederkehrende Träume, prophetische, von Prüfungen, Versäumen eines Zuges usw.)

18. Krankheiten im Stammbaum.

Ich möchte an dieser Stelle meinen Lesern einen wichtigen Hinweis geben. Wer bis zu dieser Stelle gelangt ist, aber die Bedeutung dieser Fragen nicht vollkommen begreift, sollte wieder von vorne anfangen und nachdenken, ob er dieses Buch nicht mit mangelnder Aufmerksamkeit oder � verhüte es Gott! � in feindlicher Absicht gelesen hat. Sollte ich die Bedeutung dieser Fragen für den Aufbau des vorliegenden Lebensstils hier erläutern müssen, so müßte ich auch das ganze Buch noch einmal wiederholen. Das wäre doch unbillig. So kann diese Fragenreihe und der Kinderfragebogen recht gut als Testprüfung gelten, als deren Resultat hervorgeht, ob der Leser mitgegangen, das heißt, ob er genügend Gemeinschaftsgefühl erworben hat. Dies ist ja auch die wichtigste Aufgabe dieses Buches, nicht nur in den Stand zu setzen, andere zu verstehen, sondern die Wichtigkeit des Gemeinschaftsgefühls zu begreifen und es bei sich selbst lebendig zu machen.

Menschenkenntnis

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

I. Kapitel: Die Seele des Menschen

II. Kapitel: Soziale Beschaffenheit des Seelenlebens

III. Kapitel: Kind und Gesellschaft

IV. Kapitel: Eindrücke der Außenwelt

V. Kapitel: Minderwertigkeitsgefühl und Geltungsstreben

VI. Kapitel: Die Vorbereitung auf das Leben

VII. Kapitel: Das Verhältnis der Geschlechter

VIII. Kapitel: Geschwister

Charakterlehre

I. Kapitel: Allgemeines

II. Kapitel: Charakterzüge aggressiver Natur

III. Kapitel: Charakterzüge nicht aggressiver Natur

IV. Kapitel: Sonstige Ausdrucksformen des Charakters

V. Kapitel: Die Affekte

Anhang:Allgemeine Bemerkungen zur Erziehung

Schlußwort

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Dieses Buch versucht dem breitesten Leserkreis die unerschütterlichen Grundlagen der Individualpsychologie und ihren Wert für die Menschenkenntnis, zugleich auch ihre Bedeutung für den Umgang mit Menschen und für die Organisation des eigenen Lebens zu zeigen. Es ist aus Jahresvorlesungen hervorgegangen, die im Volksheim in Wien vor einem vielhundertköpfigen Publikum gehalten wurden. Die Hauptaufgabe dieses Buches wird demnach darin zu suchen sein, die Mängel unseres Wirkens und Schaffens in der Gesellschaft aus dem fehlerhaften Verhalten des Einzelnen zu verstehen, seine Irrtümer zu erkennen und eine bessere Einfügung in den gesellschaftlichen Zusammenhang zu bewerkstelligen.

Irrtümer im Erwerb, in den Wissenschaften sind gewiß bedauerlich und schädlich. Irrtümer in der Menschenkenntnis sind meist lebensgefährlich. Die fleißigen Mitarbeiter an unserer Wissenschaft werden, so hoffe ich, weit über unseren Kreis hinaus die vorliegenden Feststellungen und Erfahrungen ebensowenig übersehen wollen wie unsere früheren.

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