Das mächtigste Wort der Welt
Jens Lämmerzahl


Der Schriftsteller Paul wird eines Tages von einem seltsamen alten Mann angesprochen. Er wäre der Hüter eines uralten und sehr mächtigen Wortes, welches das Gleichgewicht im Universum aufrecht hält. Der alte Mann bietet Paul seine Nachfolge an. doch Paul tut ihn zunächst als Spinner ab. Nach einer Reihe von tragischen Ereignissen, nimmt er das Angebot doch an. Eine unglaubliche und gefährliche Reise beginnt für Paul und seinen Sohn Sam. Nun müssen sie sich erstmal beweisen, Rätsel müssen gelöst werden, Abenteuer lebendig überstanden werden, um ein würdiger Nachfolger werden zu können. Doch auch böse Mächte sind an diesem Wort interessiert. Ein Wettlauf beginnt. Doch ist Paul wirklich der «Neue Hüter»??? Ein Muss für jeden Fantasie-Fan.




Jens Lämmerzahl

Das mächtigste Wort der Welt

Wie alles begann



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Inhaltsverzeichnis

Titel (#u7761bfab-e2f0-5e8a-81b4-ba51f9c5dbce)

Kapitel 1 (#ue61cc1a0-ce2f-570b-b402-fd61329d2b6b)

Kapitel 2 (#u3d20a812-658c-5d5e-88a2-9a490bf56cce)

Kapitel 3 (#u18dcc1d7-81b8-5346-92ba-ed7bbbcffcec)

Kapitel 4 (#u01063eee-a8ac-5378-ba1b-63d03390dfbb)

Kapitel 5 (#ude80cbed-50b2-5167-b1ad-53c5c62471cf)

Kapitel 6 (#u8123e229-a68c-51b1-8750-d59acf82a49e)

Kapitel 7 (#u3c672e28-7373-5129-bd0c-e6c926f174d2)

Kapitel 8 (#u3aba5d16-dc34-5a86-949a-8a9afb90e45c)

Kapitel 9 (#u08f0badf-23e2-5dda-b193-12ec937c7ace)

Kapitel 10 (#uff39fd8f-5fd7-56ba-9a47-9ba740a29787)

Kapitel 11 (#ua888eb70-a591-590b-a316-bba36febdfa6)

Kapitel 12 (#u183b2cff-f217-54e2-a350-b8e5ee2068f4)

Kapitel 13 (#u4649df6a-8a33-59c5-9ad5-078bccbc782b)

Kapitel 14 (#u1854f499-95e9-507e-9fbb-b7d1a2b2d952)

Kapitel 15 (#uaf321ed3-cc17-5200-a104-77cd1b602f8e)

Kapitel 16 (#u9e6ce86b-4a25-529b-bc86-4511fd109874)

Kapitel 17 (#u5e4a084e-5dbb-5306-9928-99c8e5ad57a4)

Kapitel 18 (#u14fa119c-8fe8-582a-9ead-1030f6004dde)

Kapitel 19 (#ua33a7c6f-580a-53e9-9e25-f8db8e499cc2)

Kapitel 20 (#uad92ae3e-f61f-5139-99cd-f972b0f2ef33)

Kapitel 21 (#u34dd91d3-bfdf-5852-ba81-6fa61268b640)

Kapitel 22 (#u7dce77db-5116-5509-aa90-5a7c8b4285c2)

Kapitel 23 (#uf02384ba-3c6a-54d8-9edc-22b6995393ac)

Kapitel 24 (#ucef10155-fa34-5dab-9606-1b17d61ee258)

Kapitel 25 (#u1334f073-0cd3-5dbd-a3f8-91fd26c2493c)

Kapitel 26 (#u479585fe-0541-5466-b074-53a00b79bf3a)

Kapitel 27 (#u319f1f3c-539d-557c-9ad7-bb5672749062)

Kapitel 28 (#u23fc912d-2c0f-55c0-b189-42c72152f41a)

Kapitel 29 (#ud708a479-45c3-55e4-905a-860399c4d0fd)

Kapitel 30 (#u07b48073-a2c1-5eca-9676-ac9d55415906)

Kapitel 31 (#u7a7fbd3e-1f76-5fd9-bb36-cb26e03821f6)

Kapitel 32 (#u177f74af-696d-5f8b-8411-6ed4d1c9cd8f)

Kapitel 33 (#u40291cbe-b2a5-5a91-8f13-8a4e31b3eed4)

Kapitel 34 (#uf069ebd3-3a9b-5a83-9a61-3eadb9370f8e)

Kapitel 35 (#u9f490189-3584-5604-8e9a-63656bc21a6c)

Kapitel 36 (#u07e2a9dc-2d26-51c3-a144-fe538a7d566f)

Kapitel 37 (#uba992e09-8def-5fc1-b4b0-db8e4c872e78)

Kapitel 38 (#u2f74b75b-e979-5a6b-b0e1-e6386fa11a0b)

Kapitel 39 (#u6ef2af49-4d89-5948-b82f-f6441617744d)

Kapitel 40 (#u9f0522d0-fbdf-56fe-9b17-0c9eefb14fed)

Kapitel 41 (#ubc5b0f26-2738-58b2-9e2b-27ac5ddba1e5)

Kapitel 42 (#u1940ea18-f196-5aab-8d97-6ef868aece66)

Kapitel 43 (#uf980ca74-4c03-53e1-bd00-b9182674dda4)

Kapitel 44 (#u0a4b9436-67e0-5485-927c-948218119c13)

Kapitel 45 (#u4ac8dde2-ec21-570b-8218-0a8b88b7f199)

Kapitel 46 (#ua55c614d-9535-56ab-a23b-fb295dbcb63f)

Kapitel 47 (#u49acef7e-0f9e-59a6-8154-11298b83b101)

Kapitel 48 (#u7045c75f-9d4d-52ad-9355-aeb8784d63b1)

Kapitel 49 (#ucf1005a9-d928-57b6-91f8-701c89ede162)

Kapitel 50 (#u7d5f8f0c-82c6-505a-bfd5-6d65cef34e9d)

Kapitel 51 (#u2baf08b9-237c-5c0c-9579-92933b7f6c86)

Kapitel 52 (#u89e9731d-581b-5cbe-8f1f-d0f170ddd180)

Kapitel 53 (#u4c1d09ac-a94c-55eb-bba7-c37df64126e6)

Kapitel 54 (#ud24f1fd9-dc29-5001-9dc5-e69d7d1352a6)

Kapitel 55 (#ub357c7da-59a2-5afb-853d-6462d1918f62)

Kapitel 56 (#u6e188fba-bec1-5968-bb3c-e5868f218601)

Kapitel 57 (#u40d0c3cc-3e54-5d2d-b585-a8ce4b2603b7)

Kapitel 58 (#u05bfdb40-0077-54dd-93a6-1b6c361daee4)

Kapitel 59 (#ud9c975c7-c303-5128-8b2b-e71acaaf2aeb)

Kapitel 60 (#uc1195c9a-61c0-5368-9f86-98f434cb9293)

Kapitel 61 (#ue036ce93-11d1-50d7-be09-6cf5f19a830a)

Kapitel 62 (#u454eb332-9251-5584-b4e4-124a84f806ce)

Kapitel 63 (#u0397b19c-c4e9-5f0c-ab94-a714b05794b5)

Kapitel 64 (#u1bff1eee-b67b-5707-befb-0a62ca141245)

Kapitel 65 (#u52a46bac-af43-553b-aa96-b118e1f8654e)

Kapitel 66 (#uaec10cee-d7a3-5ef9-97c5-dd8a34eeff48)

Kapitel 67 (#u650166aa-824a-509f-99da-fe3c31c360f9)

Kapitel 68 (#u85ae7f29-114c-5d45-82a3-83a940b585c0)

Kapitel 69 (#u82aa8d2a-c387-53fb-bec0-5f82fe330d8d)

Kapitel 70 (#u484a82ef-071b-5c51-a3dd-d0b42231f1a6)

Kapitel 71 (#udff12b3c-ad55-51ea-9a64-cddf5f65bb82)

Kapitel 72 (#u5bb3d622-65b3-543d-88a0-480f2a8cce70)

Kapitel 73 (#u91245b08-33d5-5619-af2f-ecd55a75b3d4)

Kapitel 74 (#u30298bbc-715a-594e-b2ef-92bac3b426ea)

Kapitel 75 (#ucc90acbc-5d0a-585f-934f-39663f8265bc)

Kapitel 76 (#ucdbffd64-ab07-57c0-b5bd-bdb45d932ee4)

Kapitel 77 (#u22825ec8-b615-5da0-9db9-122581f9a5c2)

Kapitel 78 (#uaf95e6f7-cd0c-54e6-a23a-1a6c12f28778)

Kapitel 79 (#u023583e5-a633-562d-8876-1180a009d13f)

Kapitel 80 (#ufef9f148-8f43-5a06-8554-f5e36876d223)

Kapitel 81 (#u75f26ecc-f030-5cde-9628-4423c8f34c3a)

Kapitel 82 (#ua0d8ca05-082b-5678-8bc0-0cb7c079ea42)

Kapitel 83 (#u7388e948-348f-52d5-a8b4-d621772fb9b6)

Kapitel 84 (#u153cad8a-d0b2-56ae-89f0-219623158b13)

Kapitel 85 (#u99eb6843-efd0-533b-9370-f47d54a8df12)

Kapitel 86 (#u7673b50c-2512-573c-9a47-fd08050e3325)

Kapitel 87 (#u809c3c78-1b77-5966-95c5-7d25e7e731ec)

Kapitel 88 (#uc3931606-13ab-5856-a5f2-9ab1af202fac)

Kapitel 89 (#ufe2a26db-e136-5329-8029-5707f7a867bd)

Kapitel 90 (#ud9bfd8b8-0dae-5cbf-bdeb-5a704924c6fe)

Kapitel 91 (#u5037280c-994f-59e0-b467-47077a689421)

Impressum neobooks (#u77bedabc-8135-5bda-8248-6d53cbb06e0a)




Kapitel 1


„Tick, tick, tick“, die Zeiger der großen Uhr über dem Eingang der Turnhalle, irgendwo in Berlin sprangen auf 12.20Uhr. An den vier Schreibtischen in Reihe und Glied bildete sich eine lange Schlange von Autogramm-Jägern. Drei Schreibtische waren voll mit dem neuesten Werk von Paul König, „Warum sterben wir?“. Er saß am vierten Tisch und gab seit fast dreieinhalb Stunden unentwegt ein Autogramm nach dem anderen. Seine Hand fing bereits an zu schmerzen. Er rieb sich seine brennenden blauen Augen und fuhr sich durch die korrekt geschnittenen schwarzen Haare. Die Sonne brannte ihm ins Genick.

Nach drei Stunden Autogramme geben an diesem warmen Sommertag musste er nun doch den Knoten seiner blauen Krawatte lockern. Im Nachhinein musste er sich nun doch eingestehen, dass der Standort etwas ungünstig gewählt war.

Die bunte Warteschlange aus älteren Männern und Frauen, aus Literatur-Studenten, aus Philosophie-Liebhabern und denjenigen, die bereits seine elf vorherigen Werke kannten, schien kein Ende zu nehmen.

Eine junge, attraktive Frau schob ihm vorsichtig sein Buch zu, ganz nah an Pauls Hände. Beim Zurücknehmen ihrer Hand streifte sie Pauls Hand. Ein wohliges Gefühl durchfuhr Paul dabei. Paul schaute ihr in die Augen. „Wow, was für eine Frau“, dachte er. Paul schaute auf das Buch. Offenbar lag etwas unter dem Buchdeckel. Die Hand der Frau nahm den Buchdeckel und hob ihn so an, dass nur Paul sehen konnte, was darin lag. Paul erstarrte für einen Moment. So eindeutig wurde er noch nie zu einer Pause aufgefordert. Er nahm unbemerkt ein Kondom aus dem Buch, setzte sein Autogramm und gab der Wahnsinns-Frau das Buch. Als sie ging, warf sie Paul noch einen Blick zu, der ihm den Schweiß auf die Stirn trieb. Sein Blut jedoch floss in eine andere Richtung. Er verfolgte jede Bewegung der Frau, die sich Richtung Ausgang bewegte. Das leichte rhythmische Wackeln ihrer straffen und offensichtlich gut trainierten Pobacken beim Gehen, was durch das enge weiße Minikleid besonders gut zu sehen war oder das Wippen ihrer langen schwarzen, glatten Haare bei jedem Schritt. Kurz bevor sie außer Sicht war, warf sie Paul nochmal einen hypnotisierenden Blick mit ihren katzenartigen grünen Augen zu.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte der ältere Herr im Nadelstreifen-Anzug. Er wartete ungeduldig auf sein Autogramm. Paul setzte schnell seine Unterschrift und sprang auf.

Paul sprach zur Warteschlange: „Sehr geehrte Damen und Herren, ich bitte um ihr Verständnis, das wir jetzt eine Pause einlegen. Es ist Mittag und ich möchte mich gern etwas stärken, so dass ich im Anschluss auch jedem von ihnen meine Aufmerksamkeit widmen kann. Aufgrund des Wetters haben wir draußen vor der Halle einen Grill und ein Buffet aufgebaut. Bitte stärken sie sich ebenfalls und lassen sie es sich schmecken.“ Ein Raunen machte die Runde. „Es ist kostenlos“, ergänzte Paul. Daraufhin drängten die Leute nach draußen. Paul setzte sich wieder hin.

Hundert Gedanken gingen ihm plötzlich zugleich durch den Kopf:

„Sollte ich das wirklich tun? Kann ich danach meiner Frau noch in die Augen schauen? Ok, wir hatten seit fast sechs Monaten eh keinen Sex mehr. Warum eigentlich? Ich bin viel unterwegs. Aber ist das ein Grund? Ich liebe meinen Job. Es geht uns finanziell gut. Ich habe zwei gesunde Kinder. Ach, verdammt…, ich will wieder mal Sex haben. Oh je, …, kann ich das überhaupt noch mit meinen 44 Jahren? Mein Körper sagt ja“. Paul spielte die ganze Zeit nervös mit dem goldenen Kugelschreiber, den ihm seine Frau zum vierzigsten Geburtstag schenkte. „Verdammt, ich brauche unbedingt wieder Sex“, wiederholte er den einen Gedanken. Er sprang auf und ging Richtung Toilette.

Mit schweiß-nasser Hand öffnete er vorsichtig die Toilettentür und lunzte langsam hinein. Niemand da. Drei Kabinen, alle Türen geschlossen. Paul ging hinein. Ihn durchdrangen Angst und Erregung zugleich. Er eilte zum Waschbecken, um sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht zu werfen. Paul drehte das Wasser auf schaute einige Sekunden auf sein Spiegelbild und schob dann sein Kopf unter den erfrischenden Wasserstrahl.

Unbemerkt öffnete sich leise hinter ihm eine Kabinentür. Die Frau kam heraus. Sie ging auf Paul zu. Langsam schob sie ihre Hand zwischen seine Beine. Mit einem Aufschrei schreckte Paul hoch und drehte sich um. Dabei verletzte er sich am Wasserhahn. Etwas Blut floss an Pauls Jochbein herunter, doch er merkte das gar nicht. Die Frau warf ihm einen verschmitzten aber durchdringenden Blick zu.

Nicht gerade zimperlich schob Paul die Frau in die Kabine, schloss die Tür, riss ihr Kleid hoch, während sie ihm hastig die Hose öffnete. Ruckartig drehte Paul sie um und erforschte mit seinen Händen ihren straffen Körper unter dem Kleid und küsste dabei ihren Hals. Beide fingen an schwer zu atmen. Ihr stöhnen und ihre Beckenbewegungen verrieten, dass sie es genauso wollte. Paul nahm ihre Pobacken fest in die Hände und bewegte ihre Hüfte kräftig vor und zurück. Erst langsam, dann immer schneller. Beide wurden dabei immer lauter. Keine Minute später fing Paul an zu schreien und die Frau hielt den Atem an und schlug auf den Spülkasten, musste dabei aber zwischendurch lautstark Luftholen. Einen kurzen Moment verharrten sie in der Stellung. Dann schob sie sich an Paul vorbei aus der Kabine, rückte ihr Kleid zurecht und zog ein kleines Notizbuch aus ihrer kleinen schwarzen Handtasche und schrieb etwas hinein.

Sie ging zu Paul und flüsterte ihm ins Ohr: „Schriftsteller, 3 Minuten, 24 Sekunden. Jetzt fehlt nur noch ein Filmproduzent“. Sie gab Paul einen Kuss, steckte ihm noch ihre Telefonnummer zu und verschwand. „Was war das denn?“, runzelte Paul die Stirn. Dann fing er laut an zu lachen. Als er dann aber das unbenutzte Kondom aus der Hosentasche angelte, stockte ihm der Atem: „Oh, Scheiße“.

Paul stand am Waschbecken und säuberte seine Kopfwunde, die aber nicht mehr zu bluten schien. Die Tür öffnete sich und ein alter Mann mit Gehstock kam ohne Umwege auf Paul zu.

„Ja, ja, so eine Frau hatte ich auch mal, vor vielen Jahren“, gab der alte Mann Paul frech zu verstehen. Paul fiel der teure Maßanzug des Mannes auf. Er war so ein Lieber-Opa-Typ mit kurzem, grauen Haar, halb-glatze und modischer Brille.

„Kann ich ihnen helfen?“, fragte Paul misstrauisch. „In einer Minute“, sagte er zu Paul und ging in eine der Kabinen. Während der alte Mann unüberhörbar sein Geschäft verrichtete, sprach er zu Paul. „Ich habe ihnen ein Geschäft anzubieten. Doch zuvor denken sie mal über ein Rätsel nach:

Ein Mann kommt in eine Bar und bittet um ein Glas Wasser. Der Barkeeper nimmt ein Gewehr und schießt knapp am Kopf des Mannes vorbei. Daraufhin bedankt sich der Mann, legt Geld auf den Tresen und geht. Warum?“ Der alte Mann kam heraus und ging zum Waschbecken. Dabei schaute er immer wieder Paul erwartungsvoll an, wie dieser grübelte. „Bedenken sie, Herr König, dass Worte nicht wiederspiegeln, was gemeint ist“, ergänzte der alte Mann freundlich lächelnd. „Das bedeutet?“, fragte Paul völlig ratlos. „Bitte schenken sie mir draußen 5 Minuten ihrer kostbaren Zeit“, bettelte der alte Mann. „Ich möchte gern noch etwas essen. Solange können wir uns unterhalten“, antwortete Paul. Beide gingen nach draußen.

Paul stellte sich am Buffet eine Kleinigkeit zusammen. Ein Stück Zitronentorte mit Schlagsahne, eine Bulette vom Grill und eine große Tasse schwarzen Kaffee. Dabei suchte er unauffällig mit den Augen immer wieder nach der Frau von der Toilette, doch die war verschwunden.

Paul ging zu dem alten Mann der allein unter einem schattigen Baum saß und eine Pfeife paffte. „Was hat es nun mit dem Rätsel auf sich?“, fragte Paul nach. „Ich heiße übrigens Paul König. Und wie ist ihr Name?“, versuchte Paul es etwas aufzulockern. „Mein Name ist unwichtig“, sprach der alte Mann und kaute dabei auf seiner Pfeife. „Aber nennen sie mich Mister Nullius.“ Paul runzelte die Stirn und genoss seine Torte. „Nullius…, so wie Nemo…, also Niemand. Dann würde ich sie gern Mister Latein nennen“, scherzte Paul. Der alte Mann lachte verzückt. „Sie haben es verstanden“, frohlockte der alte Mann. Paul hielt kurz inne. „Machen wir hier Wortspiele?“, fragte Paul. Der alte Mann beugte sich zu Paul:

„Haben sie sich schon mal gefragt, was das wohl kraftvollste oder mächtigste oder wichtigste Wort der Welt ist?“ Paul schob sich das letzte Stückchen Torte in den Mund und spülte mit Kaffee nach. Er begann angestrengt nachzudenken. „In diesem Augenblick das erste Mal“, antwortete Paul und sah den alten Mann mit großen Augen an. Paul durchfuhr ein kalter Schauer. „Was für ein Gedanke. Ein einziges Wort, das die Welt veränderte und es noch tut.“

„Hören sie, Herr König, da sie gleich wieder Autogramme geben müssen. Ich kaufe alle ihre Bücher, wenn sie dieses eine Wort finden“. Paul verschluckte sich bald am Kaffee, als er das hörte. Er begann laut zu lachen und versuchte das Gespräch zu beenden. Paul gab ihm die Hand zum Abschied. „Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich denke, sie haben nen Knall“, verabschiedete sich Paul. Der alte Mann drückte ihm beim Handschlag eine Visitenkarte in die Hand, goldene Schrift auf völlig transparentem Untergrund. „Ich kann mir vorstellen, wie verrückt sich das anhören muss. Denken sie ein paar Tage darüber nach“, verabschiedete sich der alte Mann und verschwand.

Paul war den Rest der Autogrammstunde nicht mehr bei der Sache. Er dachte nur noch über dieses seltsame Gespräch nach. Ein einziges, mächtiges Wort. Gibt’s das überhaupt?“ Gedanklich ging er alle Worte durch, die er für mehr oder weniger mächtig hielt. „Leben, Liebe, Tod, Gott, Glaube. Hatte das etwas mit den Büchern zu tun, die ich bisher geschrieben hatte?“




Kapitel 2


Der Haustürschlüssel klapperte im Schloss. Paul öffnete die Tür seines gemütlichen Hauses im Landhausstil. Es ist bereits 23.00Uhr als er nach Hause kam. Im Haus war es still.

„Hallo.“, versuchte er herauszufinden ob jemand da ist. Keine Antwort. Er streifte die blaue Krawatte ab, öffnete den obersten Hemdknopf und lies sich in seinen hohen Ledersessel am Schreibtisch fallen. „Ich kaufe alle ihre Bücher“, schoss ihm immer wieder durch den Kopf. „Wohnt wohl in der Arktis und es gibt kein Brennholz mehr. Oder will er seinen Rentieren und Wichteln das Lesen beibringen?“, dachte er weiter scherzhaft darüber nach.

Da bemerkte er leise Klaviermusik aus der oberen Etage. Paul goss sich einen Cognac ein und ging nach oben. Oben öffnete Paul eine Tür, an der ein Poster eines berühmten Klavierspielers hing. Darunter ein weiteres Poster, das eine Explosion darstellte. Sam, sein 18-jähriger Sohn saß am Klavier. Groß, sportliche Erscheinung.

Dieselben dunklen Haare, wie Paul, ein junger Frauenschwarm eben. Er liebte das Spielen und übte es in jeder freien Minute. Ein stolzes Lächeln durchzog Pauls Gesicht. Er ging zu seinem Sohn, so dass er Paul bemerkte und setzte sich einen Augenblick daneben und hörte zu. Paul sah auf die weiteren Poster, die im Zimmer verteilt waren. Es drehte sich nur um Klavier spielen und um Explosionen. Ein einziges Poster zeigte jedoch eine sexy Blondine im knappen Bikini auf einem Bike. Paul entwich ein kleines Lächeln. Schnell verlor er sich in Gedanken. Er musste fünf Jahre zurückdenken, als sein Sohn einen Chemie-Baukasten zum Geburtstag bekam.

Chemie, Physik und Musik waren Sams Lieblingsfächer in der Schule. An diesem Tag hatte Sam fast den Swimmingpool in die Luft gesprengt. Zum Glück waren nur alle Partygäste nass geworden. Seit diesem Tag wollte Sam später Mal Pianist und Sprengmeister werden. Sam schlug die letzte Taste an.

„Hallo, Dad. Auch mal wieder im Lande?“ „Was hast du denn Schönes gespielt? Das war mir unbekannt.“ „Ich habe mal versucht ein Stück von Beethoven mit ein paar Klängen von Bruce Springsteen zu mischen“, sagte Sam verlegen. „Wow, …, na wenn das mal keine Schule macht in einer Zeit, in der klassisches Ballett mit modernem Style vermischt wird“, sagte Paul begeistert. „Habe lange gebraucht, um das so hinzubekommen. War ein paar Mal kurz davor das Klavier in die Luft zu sprengen", “antwortete Sam etwas genervt. Paul musste schlucken. „Nur gut, dass du es hingekriegt hast. Mache dich dann Bettfertig, es ist schon spät“, sagte Paul beim Aufstehen. Sam schaute zur Wanduhr.

„Dad“, hielt Sam Paul am Arm fest. Paul setzte sich wieder. „Ich würde gerne mal wieder mit dir was unternehmen, wenn du Zeit hast“, sagte Sam traurig. Paul war einen kurzen Moment sprachlos und sah Sam nur an. „Was möchtest du unternehmen?“, fragte Paul etwas überrascht. „Irgendwas“. Paul nickte aufmunternd und konnte Sam ein Lächeln entlocken. „Wo ist deine Mutter?“, wunderte sich Paul. „Sie wollte mit einer Kollegin was trinken gehen“, warf Sam müde zurück und verschwand im Badezimmer.

Auf dem Weg nach unten trank Paul sein Glas aus und füllte nach. Hinter dem Schreibtisch in der Wand aus Naturstein war ein Fernseher eingearbeitet. Paul betätigte die Fernbedienung. Der Fernseher sprang an. Er betätigte eine weitere Fernbedienung eines Recorders.

Ein Aquarium-Programm zum Relaxen begann. Paul setzte sich wieder in den Sessel und starrte auf den Fernseher. Er drehte sich mit dem Sessel im Uhrzeigersinn. Rechts von ihm der Blick Richtung Flur.

Wenn Paul sich ein wenig zurücklehnt, sieht er die Haustür. Ein Stück weiter ist ein Kamin an der Wand, ebenfalls mit Naturstein umkleidet. Eine weitere Viertel Drehung die große Fensterseite. Die Fenster gehen bis zur Decke. Braune Möbel, grauer Fußboden und weiße Wände zieren den Wohlfühlbereich. Ein großes Gemälde einer Pferdeherde, auf der gegenüberliegenden Seite des Kamins bringen etwas Farbe hinein.

Paul sieht es gerne an. Ist er doch früher viel geritten. Doch seit einem Unfall hat er Angst davor. Auffällig an der hohen Decke die Stützbalkenkonstruktion. Paul verfiel in Gedanken: „Ein Wort. Welches Wort ist so viel Aufmerksamkeit wert? War der Alte verrückt?“

Plötzlich klapperte ein Schlüssel im Türschloss. Pauls Tochter, die 14-jährige Jenny kam nach Hause. „Hallo, meine Tochter. Schon mal auf die Uhr geschaut?“, wetterte Paul. „Und wenn schon“, gab sie genervt als Antwort. Ihre blauen, müden Augen verrieten, dass sie öfter die Nächte durchmachte. Bunte Haare, schwarze Lippen und die Nietenjacke zeigten ungefähr, welchen Umgang sie pflegte.

Eine leichte Alkohol-Fahne lies Paul fast sprachlos werden. „Du bist erst 14 Jahre alt“, wurde Paul etwas lauter. „Ja, sorry. Kommt nicht wieder vor. Kannst du mir am Wochenende etwas Geld geben?“, versuchte Jenny das Thema zu wechseln. „Darüber reden wir noch. Gehe ins Bett.“ Jenny drehte sich um und wollte hoch in ihr Zimmer. „Sag mal, Jenny. Was ist für dich ein wirklich wichtiges Wort?“, stoppte Paul sie. Jenny überlegte kurz. „Geld…, Gute Nacht, Paul.“ „Sag bitte Dad zu mir…, Gute Nacht.“

Paul verfiel wieder in Gedanken: „Ein starkes Wort. Geld bewegt die Menschheit im Guten wie im Bösen. Ein Leben ohne Geld ist fast nicht mehr möglich.“ Er dachte noch eine Weile darüber nach und schlief ein.




Kapitel 3


Paul schreckte auf, als er durch Gelächter an der Haustür geweckt wurde. Er schaute vorsichtig um die Ecke.

Bevor die Haustür zufiel sah er, wie ein Mann seiner Frau, Carmen einen Abschiedskuss gab. In Paul stieg blitzartig die Eifersucht hoch. Paul sah zur Uhr, 1.03Uhr. Carmen hoffte, dass alle schon im Bett waren. Sie zuckte erschrocken zusammen, als plötzlich Paul vor ihr stand.

Paul hatte sich damals in sie verliebt, weil sie so eine Frau ist, der sehr kurze Haare einfach stehen. Das hatte sie bis zum jetzigen Tag beibehalten. „Sie bringen deine großen Augen sehr schön zur Geltung“, sagte Paul ihr einst.

„Du bist noch auf?“, fragte sie nervös. „Habe gar nicht gewusst, dass deine Freundin einen Drei-Tage-Bart trägt“, entgegnete Paul schnippisch. „Seit wann interessiert es dich, mit wem ich ausgehe?“, fragte Carmen forsch. „Seit ich gesehen habe, dass deine Freundin dir an der Tür einen Abschiedskuss gibt“, wurde Paul etwas zorniger. „Wer war das?“, wollte Paul wissen. „Das Gespräch ist beendet“, konterte Carmen und drehte sich um.

Paul griff ihren Arm und zog sie energisch zurück. „Was?“, fing Carmen an zu weinen. „Willst du mich jetzt schlagen?“ Paul ließ sie los. „Was redest du da für einen Unsinn?“, fragte Paul völlig eingeschüchtert. „Hast du getrunken?“, fragte Paul ganz ruhig. „Ja. Das, was du mit mir seit Monaten nicht mehr gemacht hast. Wir gehen nicht mehr aus. Wir laden keine Freunde mehr ein. Wir haben keinen Sex mehr. Was ist mit uns passiert? Hast du nur noch deine blöden Bücher im Kopf?“, fauchte sie. „Diese blöden Bücher bringen uns das nötige Geld nach Hause“, antwortete Paul beleidigt.

„Als ich dich kennen lernte, warst du bereits Schriftsteller. Da hast du aber immer wieder Zeit für mich und unsere Kinder gefunden. Ist dir mal aufgefallen, dass Jenny dich bloß noch mit deinem Vornamen anredet? Ist dir mal aufgefallen, wie wir uns auseinandergelebt haben?“ Paul

musste sich am Schreibtisch abstützen.

„Seit wann triffst du dich schon?“, fragte Paul, ohne die Antwort wirklich wissen zu wollen. „Ich habe ihn letzte Weihnachten eingeladen“, sagte sie schluchzend. „Ich wollte einfach nicht allein feiern. Du warst ja wieder mal nicht da. Ich treffe mich seit sechs Monaten mit diesem Mann“, wurde ihre Stimme fester. „Und erst jetzt fällt es dir auf. Ich liebe dich, Paul König. Aber ich glaube das reicht nicht mehr.“

Pauls Blick wanderte Richtung Fußboden. Eine gespenstige Stille breitete sich aus. Carmen ging wortlos ins Schlafzimmer. Paul fiel in seinen Sessel und atmete schwer. Er dachte nach:

„Was ist da gerade passiert? Hat meine Frau da soeben mit mir Schluss gemacht? Oh, mein Gott… Seit sechs Monaten trifft sie sich schon mit diesem Kerl. Habe ich sie wirklich so sehr im Stich gelassen? Ich muss das unbedingt wieder geradebiegen. Ich will doch meine Familie nicht verlieren.“ Dabei begann er zu weinen und erstickte seinen Kummer im Cognac.




Kapitel 4


Am nächsten Morgen.

Alle vier sitzen am Frühstückstisch. Keinem scheint es so recht zu schmecken. Fragende Blicke wandern hin und her. Jenny versuchte die Stimmung etwas aufzumuntern:

„Wir sollten uns einen Hund kaufen“. Carmen stand auf und wollte ihren noch vollen Teller wegbringen. Versehentlich ließ sie ihn fallen. Mit lauten Geklirren zersprang er. Sie hielt sich die Hände vor das Gesicht und begann zu weinen. Paul ging zu ihr, um zu trösten. Sie wehrte ab: „Lass mich…, ich will die Scheidung“…, und ging ins Badezimmer und schloss sich ein. Sam und Jenny schauten erwartungsvoll zu Paul. Einen Moment später stand Jenny auf und hob die Scherben auf. Paul nahm eine Jacke, die Autoschlüssel und verschwand.

Paul saß an einer kleinen Gartenhütte auf einer kleinen Bank und schaute auf einen See. Das Ufer ist nur drei Meter von der Hütte entfernt. Dahinter völlig umschlossen von Mischwald. Nur ein leises Summen der Autos von der weit entfernten Bundesstraße ist zu hören. In der rechten Hand hielt Paul eine Bierflasche, aus der er immer mal nippte. In der Linken sein Handy. Er legte das Handy neben sich auf die Bank, als es im selben Moment piepte. Es war eine Textnachricht von Carmen:

„Danke, dass du Jenny in die Schule gefahren hast. Jetzt muss ich es machen und komme zu spät zur Arbeit.“

„Mist“, wütend warf Paul das Handy ins Wasser, sprang aber gleich hinterher, um es wieder zu holen. Er suchte eine geschlagene Stunde danach.

Als es dämmerte kam Paul nach Hause. Ein Polizeiwagen stand vor dem Haus. Paul ging schnellen Schrittes hinein. Im Wohnzimmer saßen zwei Polizisten und Sam auf der Couch. Sam weinte. Als er Paul sah, sprang er wütend auf und wollte ihn angehen. Die Polizisten hielten ihn zurück. „Wo warst du…, wo warst du“, schrie Sam seinen Vater an. Ein Polizist stützte Sam und führte ihn aus dem Wohnzimmer. Paul setzte sich dem anderen Polizisten gegenüber und blickte ihn ängstlich an.

„Mein Name ist Krüger. Ich…, ich habe ihnen eine traurige Mitteilung zu machen. Ihre Frau und ihre Tochter sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich kann mir…“ Den Rest konnte Paul nicht mehr wahrnehmen. Das Zimmer drehte sich. Die Farben erschienen blass und verschwommen. Paul nahm plötzlich jede Emotion gleichzeitig wahr, gute wie schlechte. Dadurch konnte er in Wirklichkeit gar nichts mehr fühlen. „…fuhr viel zu schnell, kam ins Schleudern und prallte frontal gegen einen entgegenkommenden LKW. Wenn sie irgendwas brauchen, zögern sie nicht zu fragen“, beendete Krüger seine Ansprache.

„Warum sagen sie mir, wie es passierte?“, fragte Paul verstört. „Sie hatten mich doch eben gefragt“, antwortete Krüger. Krüger nahm ein Handy und wählte eine Nummer. „Krüger, Polizei. Können sie bitte einen Krankenwagen in die Hansegasse 9 schicken? Ja…, wir haben hier offenbar eine Person, die unter Schock steht…, danke.“ Paul versuchte aufzustehen. Doch dann wurde ihm schwindelig und er kippte um. Krüger konnte ihn gerade noch auffangen.

„Mein Sohn“, fragte Paul besorgt. „Mein Kollege ist bei ihm. Wir bleiben solange, bis der Kranken…“. Paul verlor das Bewusstsein.




Kapitel 5


Paul saß im schwarzen Anzug in seinem Ledersessel und starrte auf das Foto seiner Frau und seiner Tochter. Plötzlich begann er bitterlich zu weinen. Die Beerdigung war vor einer Stunde zu Ende.

Er konnte es einfach nicht fassen, dass er dafür verantwortlich war, dass seine Frau und seine Tochter nicht mehr da sind.

Im Haus war es ungewöhnlich still. Sam war zwar in seinem Zimmer, doch mehr als das Knarren des Fußbodens, wenn er durch das Zimmer ging, war nicht zu hören. Sam spielte gewöhnlich jeden Tag Klavier. Er spielte so oft, dass es Paul auch ab und zu nervte. Doch seit drei Tagen schwiegen die Tasten.

Paul sah zur Uhr und atmete tief durch. Er wischte sich die Tränen ab und ging die Treppe zu Sams Zimmer hoch. Einen Augenblick blieb er an der Tür stehen, dann klopfte er-keine Antwort. Vorsichtig öffnete Paul die Tür. Sam saß auf dem Fußboden, ans Bett gelehnt und drehte gelangweilt einen Kugelschreiber zwischen den Fingern.

„Hast du Hunger, Sam?“ „Verschwinde.“ Sam schenkte Paul keinen einzigen Blick. Paul fühlte sich sehr unwohl. Er schloss die Tür wieder und ging nach unten.

Auf seinem Schreibtisch stand eine angebrochene Flasche Cognac. Er nahm sie, starrte darauf und kippte sie schließlich in den Abguss.

„Ich muss jetzt für meinen Sohn da sein“, dachte er dabei. Paul legte sich auf die Wohnzimmer-Couch und starrte nachdenklich in den Kamin. Das gleichmäßige Flackern der Flammen und das leise Knistern beruhigten ihn ein wenig. Irgendwann, nachdem er mehrmals aufgezuckt war, schlief er ein.

Am nächsten Morgen: Sam weckte Paul. Dad…, Dad.“ Paul sprang auf und rieb sich die Nacht aus den Augen. „Ich wollte dich nur daran erinnern, dass du mich in einer Stunde zu meiner ersten Fahrstunde fahren wolltest.“ „Ja, natürlich. Du wirst pünktlich sein.“ Schlaftrunken schleppte sich Paul ins Badezimmer.

Pauls dunkler SUV steckte im Morgenverkehr fest. Peinliches Schweigen. Paul wollte das Radio anmachen, doch Sam machte gleich wieder aus. Nach zwanzig Minuten hatten sie Sams Fahrschule erreicht. „Wenn ich in sechs Wochen die Prüfung bestehe, kann ich dann mal mit deinem Auto fahren?“ „Na klar.“ Ohne Abschied sprang Sam aus dem Auto. Paul musste tief durchatmen. Ihm war klar, dass das ein langer Weg werden würde.




Kapitel 6


Sechs Wochen später: Paul saß bei seiner Hütte am Wasser und warf gelangweilt Steine ins Wasser. Er sah müde und ungepflegt aus.

Eine kräftige Brise wehte über die Wasseroberfläche. Das Rauschen des Windes in den Bäumen regte zum Nachdenken an. „Ring“, klingelte Pauls Handy.

„Hallo Sam…, du bist fertig…? Bin gleich da“, und legte auf.

Plötzlich wehte der Wind einen Zeitungsabriss, direkt vor Pauls Füße. Zu lesen war bloß „Gott teilt deinen Schmerz und schenkt Liebe im Krieg und im Frieden“. Paul fokussierte vier Wörter: Krieg, Frieden, Liebe und Gott. Plötzlich schoss ihm der alte Mann wieder in den Kopf. Er kramte die Karte des alten Mannes hervor und rief an.

Es war 10.27 Uhr, als Pauls schwarzer SUV vor der Fahrschule hielt, wo Sam bereits wartete. Er sprang wortlos in den Wagen. „Hallo, mein Sohn, begrüßte er Sam. „Ich habe bestanden“, hielt Sam seinen Führerschein hoch.

„Ist es in Ordnung, wenn wir noch einen kleinen Abstecher machen? Ich möchte jemanden besuchen und hätte dich gern dabei, fragte Paul. „Wenn es sein muss. Ist besser, als zu Hause die Wände anzustarren“, willigte Sam ein. „Ich wäre aber dafür, wenn du vorher mal duschst“, ergänzte Sam und runzelte die Nase. Paul lächelte etwas beschämt.

„Möchtest du nach Hause fahren?“ „Ernsthaft?“ „Ich habe es dir versprochen.“ Sie tauschten die Plätze und fuhren los. Paul genoss das Lächeln in Sams Gesicht. Das hatte er seit langer Zeit vermisst. Eine Stunde später verließen sie das Haus Richtung Autobahn.

Sie fuhren auf der Autobahn und es dämmerte bereits. Sam durfte auch mal fahren. Paul war überrascht, wie gut er bereits fahren konnte. „Einen kleinen Abstecher?“, fragte Sam zähneknirschend. Paul versuchte zu beruhigen.

Wusste er doch, wie schwer die ersten drei Wochen nach der Beerdigung waren. Doch Paul hielt an Sam fest und gab nicht auf. Er wollte nicht auch noch ihn verlieren. Doch das Verhältnis war immer noch brüchig. Mit dem Besuch des alten Mannes hoffte Paul, etwas Abwechslung hinein zu bringen.

„Laut Navi noch ungefähr eine Stunde“, antwortete Paul.

Als sie die Autobahn verließen, zog ein Unwetter auf und es begann wie aus Eimern zu schütten. Paul blieb plötzlich am Seitenstreifen der Landstraße stehen. Der Regen prasselte auf das Auto. „Laut Navi sind wir da“, sagte Paul verdutzt und starrte auf das Navigationsgerät. „Hier ist doch nur Wald und sonst nichts“, sagte Sam und versuchte irgendein Orientierungslicht zu finden.

Paul bemerkte plötzlich einen Wegweiser, wenige Meter vor sich. Er fuhr langsam näher heran, um es zu erkennen. „Nullius-Villa, 2 Kilometer“, las Sam vor. Ein Pfeil darunter deutete in einen Waldweg. Beide sahen den schlammigen Weg und blickten sich einen kurzen Moment fragend an. „Besser, als zu Hause die Wände anzustarren“, sagten beide gleichzeitig und mussten dabei lachen.




Kapitel 7


Mit Mühe wühlte sich der SUV zirka zehn Kilometer durch den schlammigen Boden, bis sie schließlich aus dem Wald herauskamen. Der Regen hatte vor zirka 5 Minuten aufgehört.

Plötzlich passierten sie ein seltsames Licht, wie eine Wand, eine Barriere. Was sie dann sahen, verschlug ihnen fast den Atem. Eine riesige alte Villa, einem Schloss gleich, stand auf einer Lichtung, mitten in einer traumhaften Landschaft. Dunkles altes Gemäuer, das fast die Wolken berührte. Wilder Wein umschloss die halbe Ostseite der Villa, von wo auch die Wolken kamen, jedoch keineswegs ungepflegt.

Durch die abwechselnd hellen und dunklen Wolken und den nassen Blättern des Weines, sah man ein beeindruckendes Farbenspiel.

Eine zwei Meter hohe Steinmauer umschloss das ganze Gelände. Auf der Steinmauer ein nochmal ein Meter hoher Stahlzaun mit nach oben ragenden Speer-Spitzen.

Paul fuhr ans geschlossene Tor heran und klingelte. Das Tor öffnete sich automatisch. Paul fuhr auf das weitläufige Gelände. Nun war das Fahren wieder angenehmer, da sie sich auf Kies bewegten. Paul fuhr ans Haus heran. Sie stiegen aus und sahen sich erstmal überwältigt um.

Ein Butler öffnete ihnen die große Eisentür, die mit Beschlägen verziert war. „Guten Abend“, begrüßte sie höflich der Butler. „Ich bin Sinclair. Wenn sie mir bitte in die Bibliothek folgen würden. Der Hausherr wird sie in wenigen Minuten empfangen“.

Staunend gingen sie durch die Eingangshalle nach links in eine beeindruckend große Bibliothek. Eine weitere Tür in der Eingangshalle führte zur Küche.

Zwei große, halbrunde Steintreppen führten links und rechts der Halle in die oberen Räume. Die Treppenstufen waren akkurat gearbeitet und ein roter Läufer aus Samt sorgte für sicheren Tritt. Gegenüber der Bibliothek befand sich eine dritte Tür, die in das Arbeitszimmer führte. Etliche Kerzenhalter und verschiedene Gemälde zierten die Wände. Drei Stockwerke hoch und voller Bücher ragte die Bibliothek in der Paul und Sam nun standen. Sie waren sprachlos.

„Zu meiner linken finden sie ein paar Erfrischungen. Bedienen sie sich“, sagte Sinclair und schloss die Tür. Beide sahen sich überwältigt um.

Sam fiel sofort eine mindestens zweihundert Jahre alte Kanone auf, die mitten im Raum Stand. Paul begutachtete die vorzügliche Auswahl an alkoholischen Getränken. Schließlich machte er sich einen Brandy.

Paul sah plötzlich ein separates Regal, in der alle seine Werke in Reihe und Glied aufgebahrt waren- „Was ist der Sinn des Lebens?“, „Warum weinen wir?“, „Wer ist Gott?“, „Welcher Gott ist Gott?“, „Wie entstand das Bewusstsein?“, „Wieviel Geld ist genug Geld?“, „Wieso können wir lieben?“, „Wer begann den ersten Krieg und warum?“, „Wann kommt der letzte Krieg?“, „Warum töten wir?“, „Warum ist das Universum so groß?“, „Warum sterben wir?“. Paul geht etwas verlegen näher heran.

Unterdessen ist Sam in der zweiten Etage und bestaunt die Darstellung eines Schlachtschauplatzes in Miniaturformat. Es handelte sich wohl aus der Zeit der napoleonischen Kriege.

Paul bestaunt mittlerweile einige sehr alte Bücher. „Ich hatte schon gar nicht mehr mit ihnen gerechnet“, hörte Paul plötzlich von der Eingangstür. Der alte Mann hatte unbemerkt die Bibliothek betreten. Sam kam herunter und sie begrüßten den alten Mann.

„Als allererstes möchte ich ihnen mein tiefstes Beileid bekunden. Ich war schwer erschüttert als ich es in der Zeitung las.“ Paul bedankte sich. „Einen stattlichen Sohn haben sie.“ Sam lächelte verschmitzt. „Für was interessieren sich junge Männer in deinem Alter heutzutage?“, möchte der alte Mann von Sam wissen. Sam zuckte mit den Schultern.

Der alte Mann ging zu einer Sprechanlage an einem der vielen Holzstützbalken und drückte einen Knopf. „Sinclair“, sprach er in den Lautsprecher, würden sie bitte Maik zu mir schicken?“ „Sofort“, krächzte zurück.

„Sie haben meine Bücher, wie ich gesehen habe“, fragte Paul neugierig. Es brannte ihm längst auf der Seele, danach zu fragen. „Sie haben eine faszinierende Art, die Dinge zu betrachten, Herr König“. „Sagen sie bitte Paul zu mir“. „Wie sie wünschen, Paul. Dann sagen sie bitte ebenfalls Paul zu mir“, grinste der alte Mann. „Ach, was. Nun gut…, Paul“. Beide lachten.

In dem Moment öffnete sich die Tür und ein junger Mann in dunkelgrüner, abgewetzter Arbeitskleidung kam herein. „Hallo“, begrüßte er alle. „Ah, Maik. Würdest du bitte Sam mit nach draußen nehmen und ihm den Zoo zeigen?“ Sam sah zu Paul. Paul nickte zustimmend. Sam und Maik verließen die Bibliothek. „Eine beeindruckende Bibliothek haben sie hier“, staunte Paul. „Einige Bücher habe ich selbst geschrieben. Die anderen Bücher sind mir…, sagen wir mal…, so zugeflogen“, antwortete der alte Mann mit glänzenden Augen, während sein Blick durch die Bibliothek wanderte. „Ich würde vorschlagen, dass wir in mein Arbeitszimmer gehen“, sagte der alte Mann und ging voraus.




Kapitel 8


Sie betraten das Arbeitszimmer.

Dunkle Brauntöne dominierten den Anblick. Alte Ölgemälde und Wandteppiche gaben den richtigen Farbtupfer. Das prasselnde Kaminfeuer sorgte für angenehme Atmosphäre, optisch wie akustisch.

Der alte Mann verwies Paul höflich auf einen Platz auf einem Ledersofa in der Nähe des Kamins. Der alte Mann selbst setzte sich schräg gegenüber in einen Schaukelstuhl, sodass er schräg-rechts zum Kamin schaute und schräg-links zu Paul. Er reichte Paul eine Schachtel Zigarren. Paul nahm dankend an. Der alte Mann steckte sich seine Pfeife an. Beide zogen ein paar Mal genüsslich an ihrer Rauchware.

Ein leichter Rauchschleier breitete sich im Raum aus. „Als sie mich damals ansprachen, dachte ich, sie sind verrückt“, begann Paul das Gespräch. „Touché“, erwidert der alte Mann mit einem Kopfnicken.

„Wie sind sie zu ihrem Reichtum gekommen?“, fragte Paul ganz interessiert. „Ich habe einmal wie sie angefangen“, murmelte der alte Mann Pfeife-kauend. „Als ich so alt war wie sie war ich ebenfalls ein bedeutender Schriftsteller.

Eines Tages trat ein schwerreicher Mann an mich heran und behauptete der Hüter eines uralten Geheimnisses zu sein. Doch er war schon sehr alt und müsste dieses Geheimnis an den nächsten weitergeben. Es gab nur einen Haken bei der Sache. Man kann dieses Wissen nicht einfach weitersagen, sondern der Nachfolger muss es allein ergründen.“ „Und dieses Geheimnis soll wohl dieses ominöse Wort sein?“, unterbrach Paul. „Sie kapieren schnell. Vielleicht nur eins, vielleicht zwei oder drei.“ Paul beugte sich ungläubig nach vorn. „Das verstehe ich nicht“, sagte Paul kopfschüttelnd.

„In Zeiten von Internet und Wikipedia weiß das doch mittlerweile jeder Mensch auf dieser Welt.“ Der alte Mann konnte sich ein flüchtiges Lachen nicht verkneifen. „Denken sie vielleicht an so etwas wie die Worte Krieg oder Frieden oder sogar Gott?“, fragte er Paul mit einem prüfenden Blick.

„Was soll das denn für ein eigenartiges Wort sein?“, hakte Paul nach. Der alte Mann nahm einen kräftigen Zug aus der Pfeife.

„Stellen sie sich ein Wort vor, dass, wenn es ausgesprochen, Zeit und Raum beeinflussen kann“, versuchte der alte Mann verständlicher zu werden. Man sah Paul die Ungläubigkeit an. „Es tut mir leid, aber jetzt halte ich sie für noch verrückter, als zuvor“, sagte Paul mit einem abwertenden Blick. „Ich dachte mir schon, dass sie einen Beweis haben möchten“, sagte der alte Mann lächelnd und sah konzentriert zum Kaminfeuer. Er murmelte plötzlich etwas völlig Unverständliches, eine Mischung aus Zischen und Hallen. Es klang auch so, als käme die Stimme nicht vom alten Mann, sondern von überall her. Paul sah sich überrascht im Zimmer um. Plötzlich wurde es dunkel im Zimmer. Das Kaminfeuer erlosch. Wieder murmelte der alte Mann unverständlich und das Feuer ging wieder an.

Das schlug ein wie eine Bombe. Langsam dämmerte es Paul, dass es hier um was viel Größeres ging als bloß um ein banales Wort. Paul bekam plötzlich am ganzen Körper Gänsehaut. Er begann leicht zu zittern. Paul erhob sich, ging zu einer kleinen Bar und goss einen Brandy in ein Glas. Dann gab er das Glas dem alten Mann und nahm selbst einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Anschließend setzte er sich wieder.

„War das gerade dieses ominöse Wort?“, fragte Paul mit zittriger Stimme. „Nein, das war mein Schwert“, sagte der alte Mann in einer Seelenruhe. „Ihr was?“ Paul verstand kein Wort. Der alte Mann nippte am Brandy.

„Stellen sie sich einen Ritter vor“, holte der alte Mann weit aus. „Ein Ritter ist kein Ritter ohne sein Schwert, seine Rüstung oder sein Pferd. Das, was sie gehört haben, war mein Schwert, meine Rüstung und mein Pferd.“ Für einen Moment war Paul sprachlos. Doch dann wandte er sich mit ernstem Blick zum alten Mann. „Sind sie ein Zauberer?“, fragte Paul völlig perplex. „Nein, ein Hüter“, antwortete der alte Mann mit erhobenem Zeigefinger.

„Und sie wollen jetzt, dass ich dieses Wort erfahre und mir dafür ein Haufen Geld geben?“, versuchte Paul das Ganze zu begreifen. „Ich möchte es mal so sagen, wenn sie sich dazu bereit erklären meine Nachfolge anzutreten, bekommen sie weit, weit mehr. Zum einen erben sie alles, was ich besitze. Es kann nämlich immer nur einen Hüter geben. Und das andere müssen sie schon selbst herausfinden.“

Paul sah einige Sekunden in den Kamin und dachte nach. „Gibt es eine Kehrseite der Medaille?“, wollte Paul wissen. Der alte Mann stand auf und klopfte seine Pfeife am Kamin aus. Dann setzte er sich wieder.

„Nun, zum einen müssten sie sterben“, sagte der alte Mann ganz trocken. „Wie bitte?“ Paul dachte er hätte sich verhört. „Sie und ihr Sohn müssten für die Welt da draußen für tot erklärt werden“, ergänzte der alte Mann.

„Dieses Wort finden sie nirgendwo auf der ganzen Welt in irgendwelchen Schriften. Nur sie und ihr Sohn würden es kennen, vorausgesetzt sie finden es. Sie wären der Hüter. Der Beschützer und Bewahrer des mächtigsten und wohl auch gefährlichsten Wortes der Welt.

Zum zweiten…, dieses Wort braucht nicht ohne Grund einen Hüter. So, wie es hell zu dunkel oder kalt zu warm gibt, gibt es auch etwas sehr Boshaftes, etwas Vernichtendes.“ „Was kann denn dieses Wort noch alles?“ „Oh“, begann der alte Mann mit seinem Stuhl zu schaukeln. „Es ist wie eine Zeitreisemaschine oder wie Aladins Wunderlampe. Das ist echt schwer zu erklären.

Versuchen sie sich den Urknall vorzustellen. Nur, dass dabei auch ein Wort entstand dessen Macht und Möglichkeiten so gut wie unbegrenzt sind. So, wie das Universum expandiert, so wächst auch die Macht dieses Wortes.“

„Sie müssen verzeihen, aber das klingt alles ziemlich verrückt." "Paul, wie viele Fantasie-Romane haben sie bisher gelesen? Dies ist wie einer dieser Romane, nur das es echt ist."

Da schoss Paul ein verrückter Gedanke durch den Kopf: „Kann ich meine Frau und meine Tochter damit zurückholen?“

Plötzlich klopfte es an der Tür. „Herein“, rief der alte Mann. Sinclair, der Butler trat ein. „Sir, das Abendessen ist angerichtet.“ „Danke, Sinclair“, und erhob sich aus dem Schaukelstuhl. „Würden sie bitte Sam im Zoo Bescheid sagen?“ „Schon geschehen, Sir. Er müsste jeden Moment kommen.“ Sinclair schloss die Tür.

„Darf Paul sie zum Abendessen einladen, Paul“, scherzte er zu Paul. Paul erhob sich. „Auch wenn mir etwas flau im Magen ist, mit dem größten Vergnügen.“ Beide gingen nach draußen.




Kapitel 9


Die beiden Pauls saßen bereits an einer großzügig gedeckten Tafel, als Sam hereinkam.

„Dad…, der Zoo ist der Wahnsinn. Da gibt es Tiere, die ich noch nie gesehen habe. Ein Greif und ein Knuff, oder…“ „Stopp…, ein Greif und ein was?“ „Ein Knuff.“ „Was zum Geier ist ein Knuff?“ Der alte Mann begann zu lachen.

Sam setzte sich und fiel halbverhungert über die Tafel her. Der alte Mann amüsierte sich köstlich. Paul hingegen bekam nur wenige Bissen herunter. Regen peitschte an die Fenster. Es blitzte und donnerte.

„Was haltet ihr beiden davon, die Nacht hierzubleiben?“, warf der alte Mann in die Runde. „Oh, Dad, bitte.“ Paul schaute zum Fenster und nickte zustimmend. „Sam, ich habe für dich ein Zimmer mit Klavier herrichten lassen“. „Woher wussten sie…?“, fragte Paul verdutzt. „Schon gut. Ich habe so eine Ahnung.“ „Gibt es hier einen Fernseher?“, fragte Sam neugierig. „Auf deinem Zimmer findest du alles, was du brauchst“, warf Sinclair ein, der irgendwie verloren neben dem alten Mann stand. „Danke, Sinclair…, hatte gerade den Mund voll. Das Rebhuhn ist aber auch wieder köstlich“, schmatzte der alte Mann genüsslich.

Alle waren fertig mit dem essen und wirkten zufrieden. „Sinclair, würden sie bitte Sam sein Zimmer zeigen.“ Sam sprang auf und folgte Sinclair.

Der alte Mann sah Paul fragend an. Paul schaute nachdenklich auf den Tisch dann schüchtern zum alten Mann, schnell wieder auf den Tisch und wieder zum alten Mann. Der alte Mann grinste schelmisch.

„Was passiert, wenn ich mich dagegen entscheide?“, brannte Paul auf der Seele. „Ich habe ja nun Kenntnis, dass es da ein seltsames Wort gibt, dass, keine Ahnung, was alles kann. Wäre ich dann nicht eine Gefahr?“ Der alte Mann atmete tief durch. „Würden sie mich bitte begleiten, Paul? Ich möchte ihnen etwas zeigen“, erhob sich der alte Mann. Beide gingen aus dem Speisesaal. Plötzlich blieb der alte Mann im großen Vorsaal stehen, schloss die Augen und lauschte genussvoll den Klängen des Klaviers, was in den großen Sälen besonders gut hallte. „Ihr Sohn hat ein besonderes Talent. Das könnte noch von Nutzen sein“, sprach der alte Mann mit einem verschmitzten Lächeln. Dann gingen sie Richtung Kellertreppe.

Währenddessen in Sams Zimmer. Sam schlug noch zwei Tasten an und klappte den Deckel des etwas in die Jahre gekommenen Flügels herunter. Er sah sich im Zimmer um. Stylische und moderne Einrichtung. Großer Flachbildschirm an der Wand. Jede Menge DVDs aus verschiedenen Genres. Soundanlage und eine geheimnisvolle Kiste in der Ecke, etwa die Größe eines Reisekoffers. Sam machte den Fernseher an. Eine Dokumentation über Brückensprengungen lief gerade, untermalt mit Klavierklängen.

Sam schaute einen Moment gebannt zu. Doch sein Blick wanderte immer wieder in Richtung der Kiste. Sam ging zu ihr und öffnete sie. Da lagen nur zwei kleine Kästchen darin, ein schwarzes und ein weißes, nicht größer als ein normales Smartphone. Er nahm vorsichtig das weiße Kästchen heraus und begutachtete es. An der Seite befand sich ein kleiner Druckknopf in Form eines Notenschlüssels.

Plötzlich begann der Knopf wie ein Smaragd zu leuchten. Sam war wie hypnotisiert und drückte drauf. Plötzlich faltete sich das Kästchen blitzschnell auf. Sam ließ es erschrocken fallen. Einen Augenblick später stand ein glänzend-weißes Klavier vor ihm. Sam war einen kurzen Moment platt.

„Haben die mir irgendwas ins Essen getan?“ Sam berührte vorsichtig das Klavier mit dem Finger, nichts passierte. Er klappte vorsichtig den Deckel der Tasten hoch. In dem Moment kam ein Hocker darunter hervor, welcher ihm fast in die Beine fuhr. Er setzte sich und fing an zu spielen.

Es hallte durch das ganze Haus, ja sogar bis in den Wald. Der Klang hatte etwas Magisches. Die beiden Pauls gingen gerade eine lange steinerne Wendeltreppe herunter als dem alten Mann eine Spinne in ihrem Netz auffiel, oberhalb seines Kopfes. Sie wankte im Rhythmus des Klavierspiels.

Plötzlich hörte die Musik auf und die Spinne fiel wieder über eine Fliege her, die sich im Netz verfangen hatte. Der alte Mann lächelte und ging dann weiter die Treppe runter. „Alles in Ordnung?“, fragte Paul. „Ja, ja“, antwortete der alte Mann. „Musste nur mal durchschnaufen.“ Am unteren Ende der Wendeltreppe angekommen, zwängten sie sich durch einen dunklen, schmalen Gang.

Ein paar kleine Wandlichter erlaubten es den beiden wenigstens etwas zu sehen. Paul musste den Kopf einziehen, um sich an der halbrunden Deckenkonstruktion nicht zu stoßen. Er war mindestens eineinhalb Köpfe größer als der alte Mann. Der alte Mann ging mit geschlossenen Augen vorneweg und murmelte leise. „Siebzehn, achtzehn, neunzehn und zwanzig Schritte.“ Er blieb stehen und öffnete die Augen. Freudig lachend starrte er nun auf eine Wand aus Naturstein.

Paul wunderte sich. „Keine Tür weit und breit. Und an der Wand endete der Gang.“

Wieder murmelte der alte Mann. Es zischte und hallte. Paul tat es in den Ohren weh in der Enge des Ganges. Plötzlich wuchs der enge Gang zu einem großen, gut begehbaren Raum. Es sah aus, als ob die Wände des Ganges dabei verbrennen würden.

Paul duckte sich und hielt schützend die Arme über den Kopf. Nun standen sie in einem hell erleuchteten Raum. Türkis-blaue Marmorwände. Schwarz-weißer Granitfußboden. Und bei der Decke hatte man das Gefühl, sie sei offen, da man dort Wolken vorbeiziehen sah.

„Was ist das hier?“, fragte Paul schlicht überwältigt. „Nennen wir es mal einen Übungsraum“, sagte der alte Mann und ging zu etwas in der Mitte des Raumes, was wie eine große, runde Waschschüssel aus weißem Marmor aussah. „Paul, legen sie bitte ihre beiden Handflächen auf die Wasseroberfläche.“ Zögerlich trat Paul heran und tat es. Der alte Mann tat auf der gegenüberliegenden Seite das Gleiche. Er schaute Paul mit ernstem Blick an. „Sie werden jetzt einen kleinen Eindruck davon bekommen, was das Wort kann. Sie werden sehen, was ich sehe und fühlen was ich fühle…, bereit?“ „Was muss ich tun?“, fragte Paul ängstlich.“ Einfach bloß stehenbleiben, bereit?“ Paul nickte etwas unsicher. „Dann schließen sie nun die Augen.“

Beide schlossen die Augen. „Haaah“, schrie Paul plötzlich auf. „Was denn? Ich hatte doch noch gar nichts gemacht“, wunderte sich der alte Mann. „Ah, ok“ Paul war das etwas peinlich. Er atmete nochmal durch. „Gut, bin bereit“ Beide schlossen wieder die Augen.

Währenddessen in Sams Zimmer: Sam begutachtete das Klavier. Er fand schließlich wieder den kleinen Notenschlüssel-Knopf am rechten, vorderen Standbein und drückte drauf. Blitzartig faltete sich das Klavier wieder zusammen. „Wie cool ist das denn?“, staunte er und legte es zurück in die Kiste. Sam wollte nach dem schwarzen Kästchen greifen. Er zögerte jedoch.

„Dich schau ich mir später an“, und schloss die Truhe. „Ich will mir erstmal dieses Haus anschauen.“ Sam schaute vom Geländer auf den großen Vorsaal. Eine gespenstige Atmosphäre war zu spüren in den großen verlassenen Räumen. Plötzlich wanderte Sinclair unten umher, ging von einem Raum zum nächsten. Sam duckte sich und verfolgte seinen Weg. Als Sinclair aus dem Sichtfeld verschwand, fiel Sam die Wendeltreppe zum Keller ins Auge.

Auf leisen Sohlen begab er sich dorthin, vergewisserte sich immer wieder, dass er nicht gesehen wird. An der Wendeltreppe angekommen, blickte er hinab in eine gespenstige Dunkelheit. Doch ab und zu wird die Dunkelheit durch ein aufblitzendes Leuchten unterbrochen. Neugierig stieg Sam hinunter.

Sinclair blinzelte um die Ecke. Er hatte Sam bemerkt. Sam befand sich unten in dem engen Gang. Am Ende des Ganges sah er den Raum, der durch das Blitzen gut zu sehen war. Sam schlich sich heran und lunzte um die Ecke. „Was zum Geier ist das denn?“, verschlug es ihm den Atem. Er sah seinen Vater und den alten Mann. Zwischen den beiden drehte sich ein Lichtstrudel, der bis zur Decke reichte. Der alte Mann blinzelte mit einem Auge in Richtung Sam.

Plötzlich wurde Paul mit einem lauten Aufschrei zurück an die Wand geschleudert und landete auf dem Hintern. Sam und der alte Mann eilten zu ihm. Paul atmete schwer und hastig. Er war völlig fertig. „Was…, was zur Hölle war das denn?“, rang Paul nach Luft. Langsam beruhigte sich Paul wieder. „Das war Zodoriantes.“ „Zodo…, wer?“ „Er ist der Grund, warum das Wort einen Hüter braucht“, erklärte der alte Mann. „Was ich da gesehen habe, war so unfassbar bösartig“, sagte Paul und übergab sich. „Wir machen für heute erstmal Schluss“, sagte der alte Mann und half mit Hilfe von Sam Paul auf die Beine. Sie stützten Paul und trugen ihn raus.




Kapitel 10


Paul stand auf dem Balkon seines Zimmers und betrachtete nachdenklich den Vollmond. Der wirkte besonders groß und schien mit seinem Rand die Baumspitzen zu berühren. Sam trat auf den Balkon zu Paul.

„Na, hat der alte Mann dir alles erklärt?“, fragte Paul mit ruhiger Stimme. Sam nickte. „Zodoriantes. Mit so einem blöden Namen kann man nichts Gutes im Schilde führen“, sagte Sam spöttisch. „Was soll ich tun? Was denkst du, mein Sohn? „Willst du das wirklich machen, Dad?“ Paul schaute Sam an. „Glaub mir, Sam. Das, was ich da gesehen und richtig gefühlt habe, hat mich nicht gerade zuversichtlich gestimmt. Ich möchte nichts tun, was du nicht auch tun möchtest“, versuchte Paul Sam zu beruhigen und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Also, mein Sohn. Was willst du?“ Sam stützte sich auf das Geländer und schaute zum Mond. „Ich habe Angst. Ich will wieder nach Hause.“

„Dann ist es entschieden“, sagte Paul etwas wehmütig. „Morgen werde ich es dem alten Mann mitteilen. Ich werde jetzt schlafen gehen, bin völlig fertig.“ Gut, Dad. Ich werde noch etwas schwimmen gehen. Habe einen coolen Pool entdeckt“, verabschiedete sich Sam und verschwand.

Sam stand vor einem großen Swimmingpool. Das Wasser leuchtete Türkis-blau und gab das nötige Licht, obwohl keine Lampen zusehen waren. Etliche Pflanzen zierten die Ränder. Ein kleiner Wasserfall am anderen Ende sorgte für die richtige Atmosphäre. Es roch nicht nach Chlor, sondern nach Wald, Wiese und Strand. Sam atmete tief durch.

Gerade, als er sich ausziehen wollte, nahm er Geräusche aus einem Nebenraum wahr. Neugierig ging er hin und lunzte durch einen Türspalt. Eine junge Frau trainierte Kampfsport.

Mit atemberaubend-professionellen Griffen, Tritten und Würfen rang sie drei Gegner gleichzeitig nieder. Sam war sofort hin und weg. Die junge Frau war in Sams Alter. Lange, blonde Haare zu einem Zopf gedreht. Strahlend-blaue Augen. Traumfigur. Bildschön. Sie bemerkte Sam und winkte ihn freundlich herein.

„Trainingsprogramm, Ende“, sprach sie in den Raum. Die drei Kämpfer verschwanden als ob man ein Licht ausknipst. Sie schnappte sich ein Handtuch, wischte sich den Schweiß ab und ging auf Sam zu. „Du musst Sam sein. Ich bin Mia“, reichte sie Sam die Hand. Sam begrüßte sie ganz schüchtern. „Wer bist du?“, fragte Sam neugierig. „Mia…, sagte ich doch gerade“. „Nein…, was machst du hier?“ Sam wurde immer verlegener.

„Ich bin die Hüterin des Hüters“, sagte sie mit einem süßen Lächeln. „Und du bist der Sohn des neuen Hüters, richtig?“ Sam nickte und lächelte schüchtern zurück.

„Außerdem ist er mein Vater.“ Sam schluckte. „Dein Vater? Er ist doch mindestens Hundert.“ Mia warf Sam einen beleidigten Blick zu. Sie schob sich an Sam vorbei zum Pool.

Sam wusste sofort als er es aussprach, dass er ins Fettnäpfchen getreten war. „Oh…, das war nicht so gemeint…! Es tut mir leid.“

Mia streifte ihre Trainingsuniform ab und öffnete ihren Zopf. Ein knapper Bikini kam zum Vorschein. Sam war völlig verloren. „Es tut mir wirklich leid“, wiederholte er sich wehleidig-bettelnd.

Mit einem Kopfsprung verschwand sie im türkis-blauen Wasser. Erst beim Wasserfall kam sie wieder an die Oberfläche. „Kommst du mit rein, oder hast du Angst vor kleinen Mädchen?“, rief sie Sam frech lächelnd zu. Sam zog sich aus und sprang hinterher. Er schwamm zu ihr. Mia war hinter dem Wasserfall. Sam schaute eine Weile auf das herabfallende Wasser.

Er verlor sich in den bildschönen Konturen, die Mia besonders niedlich strahlen ließen. Nach einem kurzen Augenblick nahm Mia Sam an der Hand und zog ihn zu sich hinter den Wasserfall. Beide kamen sich sehr nah und sahen sich tief in die Augen.

„Es tut mir leid“, wiederholte er mit ruhiger Stimme. „Ist schon gut, muss ja wirklich merkwürdig wirken“, beruhigte sie ihn mit einem flüchtigen Lächeln. „Erklärst du es mir?“, fragte Sam und kam ihr noch etwas näher. Mia wich zurück und setzte sich auf einen Stein.

„Es ist ganz einfach. Als mein Vater der Hüter wurde, hatte er einen einzigen Wunsch frei. Er wünschte sich für unsere Familie Unsterblichkeit. Doch das Schwert, wenn du weißt, was ich meine, hat seinen Preis. Es nimmt dir, jedes Mal, wenn man es benutzt, etwas von dem Wunsch wieder weg, also der Unsterblichkeit. Und glaub mir, Zodoriantes hat meinen Vater oft genug dazu gezwungen, das Schwert einzusetzen. Und so alterte er wieder.“

„Und wo ist deine Mutter?“ „Sie wurde getötet bei unserer ersten Begegnung mit Zodoriantes.“ „Ich dachte, ihr seid unsterblich?“ „Ja, aber nicht unverwundbar, zumindest nicht für mich und meine Mutter. Man muss die Worte schon sehr sorgfältig wählen, wenn man seinen Wunsch äußert.“ „Wow“, Sam war überwältigt.

Mia hopste runter vom Stein und kam Sam sehr, sehr nahe. „Habt ihr euch schon entschieden? Ich könnte mir gut vorstellen die Unendlichkeit mit dir zu verbringen“, fragte sie und legte ihre Hände um Sams Hals. Sam wurde ganz verlegen. „Ähm…, ja, das haben wir. Wir wollen es deinem Vater morgen mitteilen. Mia lächelte, gab Sam einen Kuss auf die Wange und stieg aus dem Wasser. Noch einen flüchtigen Blick zu Sam, dann verschwand sie. „Puh…, was für eine Frau, seufzte er.

Paul lag im Bett und schlief ziemlich fest. Plötzlich wurde er unsanft aus dem Schlaf gerissen, als Sam lautstark die Tür aufstieß. „Dad, ich habe es mir anders überlegt. Ich möchte hierbleiben“, rief er seinem Vater zu und schlug die Tür wieder zu. „Was…? Wie jetzt? Was war das?“, fragte Paul völlig schlaftrunken.




Kapitel 11


Am nächsten Morgen. Paul schlenderte vergnügt die Treppe herunter, als er Sinclair vorbeigehen sah.

„Guten Morgen, Sinclair. Wissen sie wo…“, Sinclair unterbrach ihn. „Der Hausherr möchte, dass sie ihn nach dem Frühstück im Zoo aufsuchen, Mister König.“ „Mister König. Sagen sie bitte Paul zu mir“, und stahl sich dabei eine Weintraube von Sinclairs Tablett. „Wie sie meinen, Mister Paul.“ „Paul…, einfach bloß Paul“, rief Paul nach und verschwand im Esszimmer.

Paul saß allein beim Frühstück. Als er gerade ein gekochtes Ei köpfte, kam Sinclair mit einer Kaffeekanne herein. „Wissen sie, wo mein Sohn ist, Sinclair?“, fragte Paul und streute Salz auf das Ei und genoss den ersten Löffel. Sinclair schenkte Paul eine Tasse Kaffee ein. „Ihr Sohn war schon früh auf und ist mit der Tochter des Hausherrn unterwegs.“ Paul verschluckte sich fast am Ei. Sinclair wollte gerade wieder gehen. „Moment…, mit der Tochter des Hausherrn?“ „Der Hausherr wird es ihnen bestimmt erklären. Bitte entschuldigen sie mich nun, wenn sie keinen Wunsch mehr haben.“ „Oh, Mann. Vielleicht sollte ich den Kaffee weglassen und gleich mit Brandy anfangen. Das erklärt, warum mein Sohn plötzlich hierbleiben möchte“, murmelte Paul. „Möchten sie einen Brandy?“ „Danke, Sinclair…, ist noch etwas zu früh.“

Paul verließ das Haus und begab sich hinter das Gebäude. Es war ein warmer Sommertag. Nach zwei Minuten Fußmarsch stieß er auf ein großes Gelände. Ein einfacher Maschenzaun umschloss es. Paul ging hinein.

Es dauerte nicht lange, da wunderte sich Paul, dass es keine Ställe oder abgegrenzte Buchten gab. In einiger Entfernung sah er den alten Mann. Vor dem alten Mann kniete Maik vor einem Tier. Er ging direkt auf sie zu. Paul sah sich immer wieder um. Nur Bäume, Wiese und Hügel und ein paar kleinere Naturteiche.

Plötzlich flatterte ein Vogel vor Paul herum. Paul blieb stehen, ihm stockte der Atem. Der Vogel sah aus wie ein Papagei. Allerdings sah man kein Federkleid. Der Vogel schien am ganzen Körper türkis-farben zu brennen. Immer wieder versuchte sich der Vogel auf Pauls Kopf zu setzen.

Paul fuchtelte mit den Armen. Der alte Mann bemerkte es. „Ist schon gut, Paul. Der tut ihnen nichts.“ „Der Vogel brennt“, schrie Paul etwas panisch. „Das sind kalte Flammen“, versuchte der alte Mann zu beruhigen. Paul beruhigte sich allmählich. Nach dem dritten Ausweichmanöver ließ er den Vogel gewähren. Der Vogel setzte sich auf Pauls Schulter und knabberte an den Haaren. Mit dem Vogel auf der Schulter kam er bei dem alten Mann und Maik an.

Maik kniete vor einem weißen Wolf, dessen Augen ebenfalls weiß zu glühen schienen. Maik zog ihm gerade eine Tannennadel aus der Pfote. Plötzlich sprach der Wolf mit tiefer männlicher Stimme. „Danke, Maik. Lass uns bei Gelegenheit wieder mal auf Hasenjagd gehen.“ „Keine Ursache, Hektor. Wünsche dir noch einen schönen Tag.“ Der Wolf verschwand. Paul kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Was ist das hier? Und was ist das für ein Vogel? Und wieso spricht der Wolf?“, klang Paul etwas durcheinander.

„Verdammt, ich hätte doch den Brandy nehmen sollen.“ „Das, mein lieber Paul, was sie da auf der Schulter haben, ist ein Knuff. Ich nannte ihn Knuff, weil er so knuffig aussieht. Den wahren Namen kenne ich nicht“, lachte der alte Mann. „Und was ist dieser sprechende Wolf?“ „Das ist ein Wolf“, sagte Maik ganz trocken.

„Was…, was erwartet mich denn noch? Wo…, wo kommen diese Tiere her? Und, wieso haben sie eine Tochter?“ Paul wirkte etwas verzweifelt. „Ganz ruhig, lieber Paul“, beruhigte der alte Mann und nahm den Knuff von Pauls Schulter. „Sie werden schon sehen. Nach ein paar Tagen haben sie sich daran gewöhnt.“

Der alte Mann hatte den letzten Satz kaum ausgesprochen, da wühlte sich ein Maulwurf, so groß wie ein Pferd, aus der Erde und gleich wieder hinein. Als Paul das sah, fiel er in Ohnmacht. „Keine Sorge, Paul. Das ist mir auch passiert“, warf der alte Mann noch nach.




Kapitel 12


Paul lag im völlig fertig im Bett mit einem feuchten Handtuch auf der Stirn. Der alte Mann saß neben ihm auf dem Bettrand.

„Worauf lass ich mich hier ein?“, stöhnte Paul. „Mein Name ist Albert von der Hohen. Ich wurde im Jahre 1698, in der Nähe vom heutigen München, geboren. Im Jahre 1733 wurde ich der nächste Hüter. Meine Frau starb durch einen Angriff von Zodoriantes. Meine Tochter lernte seitdem, eine große Kämpferin zu werden. Nun ist meine Kraft fast aufgebraucht und ich wünsche mir, dass sie der nächste Hüter werden.“

„Ach, Albert. Warum haben sie das nicht gleich gesagt. Ich bin übrigens Daisy Duck und nicht Paul und werde hier bestimmt noch zum Alkoholiker“, antwortete Paul schnippisch.

Albert gab Paul ein großes, seltsames und in braunem Leder gebundenes Buch. „Hier steht alles drin, was sie wissen müssen. Wenn sie es gelesen haben, sprechen wir uns wieder. Doch eines müssen sie noch wissen. Öffnen sie das Buch nur, wenn sie sicher sind, dass sie diesen Weg gehen wollen.“ Albert verließ das Zimmer.

Paul saß im Bett und klopfte nervös mit den Fingern auf das Buch. Er nahm den Deckel in die Hand, ließ ihn aber gleich wieder los. „Oh Mann, oh Mann…, was mach ich.“ Er warf das Buch neben sich auf das Bett und ging im Zimmer nervös auf und ab. Schließlich öffnete er es vorsichtig. Ein grelles Leuchten durchströmte den Raum. Paul musste die Augen zusammenkneifen.

Die Buchstaben darin schienen sich wie ein Kreisel zu drehen. Nach und nach wurden sie langsamer und formten sich allmählich zu einem Vers.

Paul las laut vor: „Das Wort, das du suchst aus drei Teilen besteht. Um es zu finden- nicht mehr als ein Jahr vergeht.“

Plötzlich blitzte und donnerte es draußen. Der Himmel verdunkelte sich und eine kräftige Windböe stieß die Fenster auf. Paul war ein paar Sekunden wie versteinert.

Schließlich klappte er das Buch wieder zu. Wie von Geisterhand wurde das Wetter wieder schön. Paul schloss die Fenster und starrte dann eine ganze Weile auf das Buch. „Wow, das wird bestimmt heftig“, dachte er bloß. Paul lief im Zimmer auf und ab und schaute immer wieder auf das Buch. Wenige Augenblicke später klemmte er sich das Buch unter den Arm und suchte Albert. Er fand Albert schließlich in der Bibliothek in ein Buch vertieft. Schnurstracks ging er auf Albert zu.

„Ich habe das…“ „…Buch geöffnet“, unterbrach ihn Albert und klappte sein Buch zu. „Es hat begonnen“, sagte er zu Paul mit einem Kopfnicken. „Zwei Dinge sind nun passiert, Paul.“ Albert und Paul setzten sich währenddessen.

„Erstens: Von nun an haben sie ein Jahr Zeit das Wort zu finden. Einen Tag länger und die Suche beginnt von vorne. Doch sie werden es nie wieder können. Zweitens: Nun weiß auch Zodoriantes, dass das Wort einen neuen Hüter braucht. Hier im Haus sind wir sicher. Sobald sie aber losziehen, wird er nicht aufhören, seine Schurken auf euch zu hetzen. Und glauben sie mir, Paul. Das sind nicht irgendwelche Gangster.

Mein Schwert wird mich noch genau ein Jahr beschützen. Aber dann sind sie dran. Ihre Suche muss umgehend beginnen. Gleich morgen früh brecht ihr auf. Meine Tochter wird euch begleiten. Versuchen sie sie gar nicht erst zu fragen, wo es hingeht, sie weiß genauso viel, wie ihr.“

Paul verzog keine Miene. Er sah Albert bloß an. Plötzlich hörten sie laute Geräusche von draußen. Bei einem Blick aus dem Fenster, sahen sie Sam und Mia, die voller Angst auf das Gelände sprangen. Paul und Albert eilten nach draußen.

Was zur gleichen Zeit noch geschah: Ein kleiner See inmitten einer idyllischen Landschaft, etwa fünfhundert Meter vom Haus entfernt. Sam saß an einen Baum gelehnt und sah verträumt auf die glatte Wasseroberfläche. Mia pflückte ein paar Blumen und ging zu Sam. Sie setzte sich zu ihm. „Ich habe dich Klavier spielen hören. Du kannst das ziemlich gut. Würdest du auch mal nur für mich spielen?“, fragte sie verlegen. „Ich wüsste nicht, was ich lieber täte.“, antwortete er mit einem verliebten Gesichtsausdruck.

Beide sahen sich lächelnd an als sie plötzlich das Donnergraulen über dem entfernten Haus wahrnahmen. Sie standen auf, um das Haus besser sehen zu können. Eine große dunkle Wolke bildete sich über dem Haus, welche aber auch gleich wieder verschwand. Mia und Sam nahmen plötzlich Plätschern von der Mitte des Sees wahr.

Eine menschliche Gestalt, geformt aus Wasser, erhob sich aus dem See. Die Gestalt schwebte langsam über das Wasser und bewegte sich auf Sam und Mia zu.

„Was ist das?“, fragte Sam besorgt. Plötzlich wurde das Wasserwesen schneller und schneller. „Lauf, Sam. Wir müssen zum Haus“, schrie Mia. Beide rannten so schnell sie konnten. Die Gestalt kam immer näher. Mia zog zwei kleine Kugeln aus der Tasche. Sie sahen aus, wie Tischtennisbälle. Plötzlich stolperte sie und fiel hin. Das Wesen kam schnell näher. Sam sah es, kehrte um und half ihr auf. Mia verlor dabei die Kugeln. Sam zog an ihr und rannte weiter. „Die Kugeln, Sam.“ „Lauf weiter, Mia. Ich mache das.“

Sam rannte zurück und hob die Kugeln auf. Dann lief er wieder Mia nach. „Was mache ich damit?“ Das Wasserwesen hatte Sam fast erreicht. „Wirf sie schnell auf den Boden“, schrie Mia. Sam warf sie auf den Boden. Plötzlich erhob sich eine breite und hohe Nebelwand. Sam blieb mit einem Siegerlächeln stehen und beobachtete, dass das Wesen nicht weiterkam. „Lauf weiter, Sam. Das wird es nicht lange aufhalten.“ Beide rannten weiter.

Die Wassergestalt prallte immer wieder gegen die Nebelwand, welche mehr und mehr durchsichtiger wurde- der Rauch verzog sich allmählich. Plötzlich brach es durch und nahm wieder die Verfolgung auf. Sam und Mia hatten das Tor fast erreicht, doch das Wasserwesen wurde noch etwas schneller. Nur noch wenige Meter.

Mia kam als erste an. Sam schaffte es nicht und wurde vom Wasserwesen komplett umschlossen. Sofort kroch es in seine Lunge. Sam rang nach Luft. Mit einem Hechtsprung sprang er über die magische Linie, welche der Zaun war, auf das Grundstück. Gerade noch geschafft. Das Wasserwesen löste sich schnell in Dampf auf.

Auf dem Boden liegend kam Sam langsam wieder zu Atem. Mia umarmte ihn überglücklich, dass sie es noch rechtzeitig geschafft hatten.

Paul und Albert kamen zu den beiden. „Was ist passiert?“, fragte Albert. „Wir wurden von einem Wasserwesen angegriffen“, antwortete Mia, während Sam noch ein wenig nach Luft rang. Paul half Sam auf die Beine und stützte ihn.

„Dad, ich glaube, das war der Gleiche, der Mutter tötete“, sagte Mia mit Tränen in den Augen. „Das war „Mutare“, ein Elementwesen. Das ging ja schnell“, runzelte Albert die Stirn. „Was ist dieses Elementwesen?“, fragte Paul. „Das ist einer von drei Dienern von Zodoriantes. Es kann mit den fünf Elementen arbeiten und die jeweilige Gestalt dazu annehmen. Bis heute habe ich nicht herausbekommen, wie man ihn besiegt, wenn das überhaupt möglich ist“, erklärte Albert mit Sorgenfalten auf der Stirn.

„Ich wäre fast ertrunken. Das war wohl die Variante Wasser“, sagte Sam mit schwacher Stimme.

Sinclair und Maik kamen ebenfalls hinzu und halfen Sam zurück ins Haus. Albert blieb einen Moment stehen und schaute besorgt in den klaren, blauen Himmel. „Das ging mir doch jetzt etwas zu schnell.“




Kapitel 13


Albert und Paul saßen am Kamin. Es war mittlerweile Abend geworden. „Albert, wieso können sie mir nicht einfach sagen, wie ich dieses Wort finde? Dann gehen wir gleich zu diesem Zodoriantes und hauen ihm ordentlich auf die Murmel.“

Albert grübelte angestrengt. „Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Jeder Anwärter bekommt eine neue Aufgabe. Es ist niemals derselbe Weg, den schon ein anderer Hüter ging. Das allerwichtigste ist, das sie das Wort verstehen, es in seiner Vollkommenheit verinnerlichen.“

„Ich muss es mir also verdienen ein Hüter zu werden?“ Albert nickte zustimmend. „Was passiert, wenn das Wort ausgesprochen wird?“, fragte Paul, während er sich eine Zigarre anzündete. Albert steckte sich seine Pfeife an. „Ich weiß es nicht. Chaos oder Kontrolle… oder beides. Kontrolle über das Chaos oder Chaos ohne Kontrolle. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft würden zeitgleich existieren. Dies hätte nicht nur Auswirkungen auf unsere Welt.

Zum Glück hat Zodoriantes es niemals geschafft den Hüter zu vernichten. Sobald er aber weiß, dass das Wort einen neuen Hüter braucht, beginnt ein gnadenloser Wettlauf. Ich habe ihn jetzt schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen und weiß daher nicht, wie stark oder schwach er ist.“

Beide machten einen kräftigen Zug ihrer Rauchware. „Wieso ist es eigentlich ein Wort und kein… Kaugummi oder eine Badewanne?“, fragte Paul. „Wieso ist Luft, Luft oder ein Stern ein Stern?“, konterte Albert lächelnd. „Ich denke einfach…, wenn es was zum Anfassen wäre, dann wäre es viel zu leicht dran zu kommen“, ergänzte Albert.

Zur selben Zeit in Sams Zimmer: Sam lag auf dem Bett. Mia brachte ihm ein Tablett ans Bett und setzte sich an die Bettkante. „Mmh, ein Käse-Schinken-Sandwich und ein Glas Erdbeersaft von einer schönen Frau. Genau, was ich jetzt brauche“, freute sich Sam und stürzte darüber her. Mia lächelte zufrieden.

Plötzlich hörte Sam auf zu kauen und sah Mia tief in die Augen. „Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert.“ Mias Augen funkelten vor Entzückung. „Danke, dass du mich heute gerettet hast“, sagte Mia und streichelte Sam über sein schwarzes Haar. „Ich habe uns gerettet“, versuchte Sam die Situation zu relativieren. „Ich werde jetzt schlafen gehen. Wir müssen morgen sehr bald los“, verabschiedete sich Mia und gab Sam noch einen Kuss.

In diesem Moment sackte Albert plötzlich zusammen, so als hätte er einen Herzinfarkt. Er krümmte sich und fiel auf die Knie. „Albert, ist alles in Ordnung?“, fragte Paul besorgt. Albert erholte sich schnell wieder. Paul reichte ihm ein Glas Wasser. „Was ist passiert?“, fragte Paul. „Ich weiß nicht genau. So ein eigenartiges Gefühl. Ich kann es nicht erklären“, antwortete Albert etwas benommen.

Es war fünf Minuten vor Mitternacht. Paul und Sam schliefen bereits tief und fest. Mia saß am Bett ihres Vaters. Sie hielten ihre Hände. "Mia, in wenigen Minuten ist es soweit. Das Wort wird sich den neuen Hüter suchen. Ich dachte, es wäre bereits entschieden. Doch heute Abend war etwas Eigenartiges geschehen. Ich kann nicht sagen, was. Wir werden es bald erfahren. Du musst mir versprechen, dass du Paul und Sam begleiten wirst.“ Mia nickte mit Tränen in den Augen. Sie legte sich zu ihrem Vater und legte ihren Arm um ihn. Albert schlief langsam ein.

Wenige Augenblicke später begannen Albert, Paul und Sam zeitgleich unruhig zu werden.

Sie träumten den gleichen Traum: Alle drei bewegten sich in einer seltsamen Landschaft. Vor ihnen jede Menge Vulkane, Lavaströme und die Luft geschwängert von stinkenden Schwefeldämpfen. Eine sehr lebensfeindliche Umgebung.

Hinter ihnen eine blühende Traumlandschaft. Die Bäume und Wiesen hatten ein sattes Grün. Hirsche, Tiger, Giraffen und Papageien tranken harmonisch zusammen aus einem klaren Fluss. Dort, wo die drei standen, war die Grenze der beiden Welten. Aus dem Schwefeldunst trat plötzlich eine Gestalt hervor und blieb unmittelbar vor Albert stehen. Es war Zodoriantes. Auch seine drei Schurken nährten sich und blieben stehen. Im Nebel des Schwefeldunstes war nur ihre feurig-leuchtende Silhouette zu sehen. Der Rest blieb in der Dunkelheit verborgen.

Plötzlich verlies ein grellend-weißer Lichtstrahl Alberts Körper. Er schleuderte Zodoriantes und seine Schurken außer Sicht in die Vulkane. Der Lichtstrahl fuhr in den Himmel, teilte sich und raste hinab.

Rasend schnell verschwanden die Blitze in den Körpern von Paul und Sam. In diesem Moment schreckte Albert schweißgebadet aus dem Schlaf. „Oh, mein Gott. Es wird zwei Hüter geben. Das hat es noch nie getan“, sagte Albert ganz verstört. „Und was bedeutet das?“ „Ich weiß es nicht, mein Schatz…, ich weiß es nicht. Aber es macht mir große Sorgen.“




Kapitel 14


Am nächsten Morgen:

Paul, Sam und Mia luden ihre Rucksäcke ins Auto. „Ich hatte vielleicht einen seltsamen Traum, gestern Nacht“, sagte Paul. Albert und Mia warfen sich geheimnisvolle Blicke zu. Albert trat vor Paul.

„Paul, öffnen sie nun das Buch, um zu erfahren, wo die Reise hingeht.“ Paul öffnete das Buch. Wieder kreiselten die Buchstaben über einem seltsamen Leuchten, bis sich langsam ein Vers formte.

„Feuer, Wasser, Erde, Wind und Eis. Ein Feind dieser Elemente den ersten Wortteil weiß“, las Paul laut vor. Etwas unsicher schaute Paul gen Himmel, doch das Wetter blieb schön. „Feuer, Wasser, Erde, Wind und Eis. Ein Feind dieser Elemente den ersten Wortteil weiß. Mmh…, das ist mal ein schweres Rätsel“, murmelte Albert wiederholt die Worte, während er angestrengt grübelte.

„Wir sollten in die Bibliothek gehen und schauen, ob wir dort eine Antwort finden“, ergänzte Albert und ging voran zurück ins Haus.

Aufgeregtes Treiben in der Bibliothek. Jeder befand sich in irgendeiner Ecke der Bibliothek und wälzte ein Buch nach dem anderen in der Hoffnung irgendeinen Hinweis zu entdecken.

„Ist doch ganz logisch“, sagte Sam plötzlich. „Feuer hat Wasser zum Feind und umgekehrt. Eis hat Feuer zum Feind und so weiter. Welches Land gilt als das Land des Feuers?“, fragte er in die Runde. Nur ratloses Kopfschütteln. „Vielleicht Hawaii“, warf Mia in die Runde.

„Aserbaidschan heißt übersetzt „Das Land des Feuers“, sagte Sam ganz stolz und lächelte dabei Mia zu. „Ach, schade. Hawaii hätte mir besser gefallen“, sagte Paul etwas traurig. „Irgendwo müssen wir ja anfangen.“

„Also möge dort die Reise beginnen“, sagte Albert. Die Drei verabschiedeten sich herzlich von Albert, besonders Mia. Dann stiegen sie ins Auto.

Albert stoppte Paul nochmal. „Paul, können sie sich noch an das Rätsel erinnern, das ich ihnen bei unserer ersten Begegnung auftrug?“ „Die Antwort lautet: Er hatte Schluckauf“, antwortete Paul mit einem Schmunzeln. Albert nickte zufrieden.

„Aber, wozu dieses Rätsel?“, hackte Paul nach. „Es geht darum, um die Ecke zu denken. Nicht immer ist etwas so, wie es zu sein scheint.“ Albert trat nochmal ans Auto heran und nahm Mia bei den Händen.

„Ihr habt einen gewissen Schutz gegenüber Zodoriantes. Er kann euch nicht überall sofort sehen. Seid aber trotzdem vorsichtig. Dieser Angriff am See kam für meinen Geschmack etwas zu bald“, verabschiedete sich Albert nochmal. „Dad, warum kommst du nicht mit?“, fragte Mia traurig. „Nur dem zukünftigen Hüter ist die Suche gestattet. Außerdem freue ich mich auf meine Bibliothek. Da habe ich einiges nachzuholen“, ermutigte er Mia mit einem Lächeln. Dann fuhren sie los.

Es war mittlerweile Abend geworden. Albert schlenderte gemütlich an einem Buchregal entlang in seiner Bibliothek, als Sinclair eintrat. „Sinclair, würden sie mir bitte eine schöne, heiße Tasse Tee in mein Arbeitszimmer bringen?“ „Mit einem Löffel Honig, Sir?“ „Nein, Sinclair. Heute mal mit einem kleinen Schnäpschen“, sagte Albert und zog dabei ein dickes Buch aus dem Regal. Albert verließ die Bibliothek und ging in sein Arbeitszimmer. „Mmh…, Moby Dick habe ich lange nicht mehr gelesen“, und ließ sich in den Schaukelstuhl fallen.

Eine Weile später. Albert saß schlafend im Schaukelstuhl, das aufgeklappte Buch auf dem Schoß und die leere Teetasse neben sich. Plötzlich wurde er durch seltsame Geräusche aus dem Schlaf gerissen. Er ging in die Empfangshalle, um zu hören, wo das herkommt. Offensichtlich kamen die Geräusche von oben. Auch Sinclair war darauf aufmerksam geworden. Beide gingen nach oben. Vor Sams Zimmer blieben sie stehen. Dort war dieses seltsame Geräusch am lautesten, ein seltsames Fauchen und Zischen.

Mit einer Handbewegung machte Albert Sinclair klar, dass er die Tür öffnen möge. Sinclair öffnete.

Was sie dann sahen, verschlug ihnen den Atem. Eine kleine aber heftige Windhose bewegte sich direkt über dem Bett. In der Windhose wirbelte eigenartiger Weise das braune Buch. Eine Weile schauten beide gebannt dem Wirbel zu, doch plötzlich verschwand der Wirbel und das Buch fiel auf das Bett.

„Hat Paul etwa sein Buch vergessen?“, fragte Albert, während er langsam darauf zuging. Vorsichtig nahm Albert das Buch hoch und klappte es auf. Die Buchstaben drehten sich rasant im Kreis, bis sie sich zu einem Vers formten: Aus Feuer wird ein Flammenmeer-musst reisen ihnen hinterher.

Kreidebleich schlug Albert das Buch zu und gab es Sinclair. „Sinclair, packen sie die Wanderschuhe und legen sie das Buch mit in den Koffer. Sie begleiten mich. Ich befürchte, dass sich da etwas Großes zusammenbraut.“

„Nehmen wir den Donnerschlag?“, fragte Sinclair. „Aber natürlich. Bereiten sie alles vor. Ich muss nochmal in die Bibliothek. Ich habe da so eine Ahnung“, antwortete Albert. „Yippie“, freute sich Sinclair. Beim Verlassen des Zimmers sprang er in die Höhe und schlug dabei die Haken zusammen.

Albert durchstöberte hastig drei alte Bücher. Er blätterte verzweifelt hin und her, bis er plötzlich innehielt und nachdachte. „Kann es sein…, dass das Rätsel selbst die Antwort ist…? Ich bin doch ein alter Narr. Verlange ich von Paul etwas, was ich selbst nicht einhalte. Nicht immer ist etwas so, wie es zu sein scheint. In Aserbaidschan finden wir die Antwort jedenfalls nicht.“




Kapitel 15


Mittlerweile war der Flieger in Baku gelandet. In der Flughafenhalle bewegten sie sich auf einen Infostand zu.

Mia nahm einen Reiseführer mit Landkarte von Aserbaidschan aus einem Ständer. „Wo fangen wir an zu suchen?“, fragte sie, während alle auf die Karte schauten. Ihre Blicke wanderten eine ganze Weile quer über die Karte. „Da“, rief plötzlich Sam und legte seinen Zeigefinger auf die Karte, unweit von Baku entfernt. „Yanardag- Hang des brennenden Berges.“ „Kennst du dich etwa hier aus?“, fragte Mia ganz ungläubig. Sam lächelte einfach bloß. „Klingt logisch“, sagte Paul mit einem Kopfnicken. „Besorgt ihr mal etwas Proviant. Ich kümmere mich um einen Mietwagen“, ergänzte er und verschwand.

Albert verließ in einem schwarzen Anzug, eine Art Rennfahrer-Anzug, das Haus und ging in Richtung Zoo. Auf dem Weg dahin, flog ihm Knuff auf die Schulter. „Hallo, mein kleiner Freund. Du wirst uns begleiten.“ Bei Sinclair angekommen, begutachtete er voller Stolz den Donnerschlag, eine Mischung aus Sportwagen und Panzerwagen.

Sinclair, der ebenfalls so einen Anzug trug wie Albert, testete die Systeme des mausgrauen, futuristischen Wagens. Der Wagen hatte keine Fenster, dafür jede Menge Kameras. Albert lief um das Fahrzeug und begutachtete es. „Haben sie die Kameras getestet?“, fragte Albert wie ein kleiner General. „Sir, jawohl, Sir“, machte sich Sinclair gerne einen Spaß daraus. „Haben sie die Räder getestet, Sinclair?“

Sinclair drückte einen Knopf eines kleinen Bedienpultes in seinen Händen, ähnlich der Bedienung eines ferngesteuerten Spielzeugautos. Überall schnellten viele, kleine Räder aus dem Wagen, am Boden, an den Seiten und auf dem Dach. Ein weiterer Knopfdruck und die Zusatzräder fuhren wieder ein. „Sir, funktioniert, Sir.“ „Eine Sache haben sie aber vergessen, Sinclair.“ „Sir…?“ Albert zog ein Duftbäumchen hervor. „Sinclair, sie neigen zu unangenehmer Transpiration, wenn es ungemütlich wird“, gab er frech-grinsend Sinclair das Bäumchen. Sinclair nahm es etwas beleidigt entgegen.

Plötzlich bohrte sich der riesige Maulwurf aus der Erde. Zeitgleich kam Hektor bei Albert an. „Ah, da seid ihr ja. Dann kann es ja losgehen“, freute sich Albert. Sinclair öffnete eine seitliche Flügeltür des Wagens. Hektor sprang als erster hinein. Sinclair kletterte nach und schnallte Hektor im hinteren Teil des Wagens fest. Danach setzte er sich auf den Fahrersitz und warf die Systeme an.

Mit einem lauten Knall sprang eine Turbine an. Lauter bunte Lämpchen und ein paar Bildschirme leuchteten auf. Es sah aus, wie in einem Flugzeugcockpit. Der Knuff flog hinein, in einen, an Federn gelagerten Käfig mit besonderer Polsterung.

Albert sprach zum Maulwurf. „Also, Miss Jeanette. Wann waren sie das letzte Mal in Aserbaidschan?“ Albert schloss die Tür. Einen Moment später verschwand der Maulwurf in der Erde. Der Wagen folgte. Mit einem Affenzahn grub sich der Maulwurf durch die Erde. Der Wagen hatte keine Mühe ihm zu folgen. Gelegentlich machte der Maulwurf einen Schlenker, um festem Gestein auszuweichen, durch das er sich nicht graben konnte. Sinclair hatte ein breites Grinsen im Gesicht. Ihm machte das einen riesen Spaß. Die Strecke verfolgte er über Infrarot-Bildschirme.

Paul, Sam und Mia waren mittlerweile am „Yanar Dag“- Am Hang des brennenden Berges angekommen, als es bereits dämmerte. Eine bunte Gruppe von Touristen bestaunte die etwa drei Meter hohen Flammen, die direkt aus der Erde kamen. Die großen Erdgasvorkommen ließen den Berg seit Ewigkeiten brennen, ein sehr ansehnliches Spektakel. Paul, Sam und Mia gingen so nah heran, wie sie durften und bestaunten die Flammen.

„Seht euch mal um, ob ihr etwas Auffälliges finden könnt“, sagte Paul und sah sich am Rande des Berges um. Sam und Mia gingen in die entgegengesetzte Richtung. Sie fanden nichts. Keine Merkwürdigkeit, keine Höhlen oder sonst irgendwas, was sie weiterbringen könnte.

Alle drei trafen sich wieder vor den Flammen. Plötzlich fingen die Flammen an zu wandern und umschlossen langsam die Menschen, die davorstanden. Panik brach aus. Die meisten Touristen konnten den Flammen entkommen. Ein paar Wenige wurden grausame Opfer der Flammen. Beim Sprung durch die Flammen, fing ihre Kleidung an zu brennen und sie erlitten schwere Verbrennungen.

Mit einem Mal waren Paul, Sam und Mia von den Flammen umschlossen. Ein Entkommen war nicht möglich. „Was passiert hier?“, fragte Paul voller Angst. „Das ist Mutare“, sagte Mia und sah sich nach einem Fluchtweg um.

Ein paar Touristenführer kamen mit Feuerlöschern und versuchten zu löschen. Doch das Feuer flammte immer wieder neu auf. Langsam begann der Feuerring, in dem sich nur noch Paul, Sam und Mia befanden, zu schrumpfen. Es wurde ihnen allmählich immer heißer und unerträglicher. Ein paar Helfer warfen eine Tür über die Flammen, eine Art Brücke.

Sam, Paul und Mia rannten hinüber und rannten immer weiter. Plötzlich formte sich aus den Flammen eine brennende Person. Mutare rannte hinter ihnen her. Er war deutlich schneller und hatte nicht viel Mühe sie einzuholen.

Mia zog ein paar ihrer Kugeln heraus und warf sie auf den Boden. Wieder blieb Mutare an der Nebelwand hängen. Doch er hatte dazugelernt. Wie eine Zündschnur kroch er links und rechts rasend schnell um die Nebelwand herum und umschloss die drei wieder. Und dieses Mal wurden die Flammen doppelt so hoch.

Es gab wohl kein Entkommen mehr und die Hitze wurde unerträglich. Überall liefen Touristen panisch hin und her.

Plötzlich stieß der Maulwurf durch die Erdoberfläche, gefolgt vom Donnerschlag. Das Fahrzeug fuhr durch die Flammen in den Kreis. Die Tür sprang auf.

„Schnell, rein hier“, rief Albert. Ohne zu zögern sprangen sie, einer nach dem anderen, ins Auto. Paul sprang als letzter rein. Eine Flamme züngelte, wie eine Peitsche in seine Richtung und umschloss seinen Knöchel. Die Flamme, die wie eine Hand aussah, versuchte ihn wieder aus dem Wagen zu ziehen. Paul schrie vor Panik.

Alle versuchten Paul ins Auto zu ziehen. Die Flamme brannte sich langsam durch die Hose. Alle nahmen ihre ganze Kraft zusammen. Mit einem kräftigen Ruck schafften sie es ihn im letzten Moment ins Auto zu ziehen. Die Tür sprang zu. „Los, los, los“, rief Albert. Der Wagen fuhr los. Die Flamme verfolgte sie sofort. Immer wieder schlug sie wie eine Peitsche auf das Auto.

Albert murmelte wieder mit Zischen und Hallen. Plötzlich wurde die Flamme von einer riesigen Schneeflocke verfolgt. Die Schneeflocke umschloss die Flamme, die sich heftig wehrte. Das gab ihnen aber genügend Zeit, um zu entkommen. Außer Sicht der Flamme, stieß der Maulwurf plötzlich vor dem Wagen in die Erde und der Wagen folgte.

Es war geschafft. „Werden wir verfolgt, Sinclair?“ Sinclair sah auf die Bildschirme. „Nein, Sir.“ Alle atmeten erleichtert auf. „Dad, was ist hier los? Es wurden Menschen angegriffen. Das ist noch nie passiert“, fragte Mia völlig durcheinander. „Ich weiß, mein Schatz…, ich weiß.“

Sam untersuchte den Knöchel seines Vaters. „Hast nochmal Glück gehabt, Dad. Brauchst nur ein paar neue Schuhe und ne neue Hose.“ „Und ne frische Unterhose“, murmelte Paul leise vor sich hin. Was machst du eigentlich hier, Dad?“, fragte Mia. „Haben sie ihr Buch vergessen, Paul?“ „Nein, hier ist es“, zog Paul das Buch aus einer Umhängetasche.

Albert kramte sein braunes Buch hervor und zeigte es allen. „Dann ist das wohl dein Buch, Sam“, überreichte er Sam das Buch. „Ich habe eine Nachricht bekommen, dass ich euch nachreisen sollte. Und als ich euch in Bedrängnis sah, ist mir das eingefallen. Nur der Ort, an dem sich der Wortteil befindet ist geschützt vor Zodoriantes.“ „Also, wenn wir falsch liegen, werden wir angegriffen?“, fragte Sam nach. „Normalerweise auch nicht. Das macht mich ja so nachdenklich. Zu meiner Zeit war es zwar nicht weniger gefährlich, aber ich konnte in aller Ruhe nach dem Wort suchen. Wir fahren erstmal wieder nach Hause.

Ich kenne da jemanden, der uns helfen kann“, antwortete Albert. „Und wer soll das sein?“, fragte Mia. Albert zögerte einen kurzen Moment. „Der Herr der Zeit“, sagte er schließlich. Mia lief ein kalter Schauer den Rücken runter.

„Nein, Dad“, sagte sie völlig aufgelöst. „Doch, Mia. Es geht nicht anders.“ „Können wir nicht einfach weitersuchen?“, flehte Mia ihren Vater an. „Hier ist was viel Größeres im Gange. Er muss uns helfen“, sagte Albert etwas besorgt.

„Im Traum sah ich, dass das Wort zwei Hüter auserwählte. Der Blitz fuhr in Paul und Sam gleichzeitig.“ „Den Traum hatte ich auch“, sagte Paul. „Ja, ich auch“, ergänzte Sam. „Wir drei hatten denselben Traum. Man könnte es als Symbolik betrachten. Ich bin quasi als Hüter abgelöst wurden und ihr werdet die neuen Hüter. Allerdings gab es noch nie zwei Hüter zur gleichen Zeit. Auch die Angriffe geschahen viel zu schnell. Und dann sollte ich euch plötzlich nachreisen. Das ist alles irgendwie beunruhigend“, sagte Albert.

„Und wer ist dieser Herr der Zeit?“, fragte Sam. „Wie der Name schon sagt. Allerdings ist das nicht ungefährlich. Mit der Zeit lässt sich nun mal schlecht verhandeln. Er ist mir aber noch etwas schuldig.“, sagte Albert.

Paul hob den Zeigefinger und deutete abwechselnd auf sich und Albert. „Albert, wir müssen an unserer Kommunikation arbeiten.“ Sinclair hingegen genoss die rasante Fahrt und fuhr mit breitem Grinsen wie ein Irrer dem Maulwurf hinterher.




Kapitel 16


Wieder zuhause angekommen: Völlig erschöpft betraten alle die Eingangshalle. Hektor blieb an der Eingangstür stehen. Albert wandte sich zu ihm.

„Danke, dass du uns begleitet hast, Hektor. Es war zwar nicht nötig aber man weiß ja nie. Beim nächsten Mal könnten wir dich vielleicht gebrauchen.“ „Mache dir kein Kopf, mein Alter“, grinste Hektor und verschwand nach draußen.

Paul beobachtete das Gespräch und ging zu Albert. „Sie müssen mir noch einiges erklären, Albert. Wieso spricht der Wolf? Wieso sind Maulwürfe so groß, wie ein Haus? Und, wieso gibt es hier Papageien, die aussehen, wie eine Taschenlampe? Und, wo zum Geier haben sie diesen futuristischen…Panzer her?“

Albert ging in sich. „Sie haben Recht, Paul. Ich wollte sie nicht gleich überfordern. Nach dem Abendessen setzen wir uns alle zusammen und dann werde ich euch alles sagen, was sie wissen wollen.“

Sam half Mia, ihre Sachen ins Zimmer zu tragen. Er legte ihren Rucksack auf dem Bett ab und beobachtete ihr weiteres treiben. Mia ging zum Fenster. Auf dem Fensterbrett standen drei völlig verwelkte Blumen. Sie steckte ihren Finger in eine Gießkanne und gab in jeden Blumentopf nur einen Tropfen Wasser. Blitzschnell erholten sich die Blumen und erstrahlten in voller Blüte. Eine hatte schwarze Blüten und die zweite hatte goldene Blüten. Die dritte Blume erstrahlte in ständig wechselnden Farben. Alle drei sahen Rosen sehr ähnlich. Sam staunte nicht schlecht.

„Es gibt Parallel-Welten“, sagte sie, während sie eine Vierte auf dieselbe Weise goss. Eine winzig kleine Pflanze in einem ziemlich großen Topf auf dem Fußboden. Kaum fiel der Wassertropfen in den Topf, wuchs eine riesige Ranke aus dem Topf und verteilte sich über die ganze Zimmerdecke. Als sie aufhörte zu wachsen, erblühten an der ganzen Ranke leuchtend-weiße Blüten.

„Parallel-Welten?“, fragte Sam. Mia nickte, während sie sich auszog und plötzlich nur noch in Unterwäsche vor Sam stand. Der bekam plötzlich einen feuerroten Kopf. „Würdest du jetzt bitte mein Zimmer verlassen? Ich möchte ein heißes Bad nehmen.“, fragte sie mit einem frechen Grinsen. Ganz verlegen stolperte Sam aus dem Zimmer. Mia war äußerst amüsiert.

Alle saßen beim Abendessen, bis auf Albert. Die Tafel war reichlich gedeckt. Nach dieser anstrengenden Reise futterten alle, als gäbe es morgen nichts mehr. Albert betrat den Raum mit einem großen, dicken Buch in den Händen. Angestrengt ließ er das schwere Buch neben zwischen Paul und Sam auf den Tisch knallen.

„Das sind alle Aufzeichnungen, die ich in den vergangenen Jahren gemacht habe. Nachdem meine Frau umkam, begann ich dieses Buch zu schreiben. Hier stehen alle unsere Reisen und alle unsere Erlebnisse drin. Viel Spaß beim lesen“, sagte Albert lächelnd und setzte sich an den Tisch. Paul kaute nur noch zögerlich. War doch die Neugier riesengroß, was da wohl drinstehen würde. Den letzten Bissen spülte er mit Rotwein runter, dann öffnete er das Buch. Auch Sam musste immer wieder ins Buch schauen. Es dauerte nicht lange, da waren beide äußerst fasziniert in das Buch vertieft. „Oh, mein Gott“ „Der Wahnsinn“ oder „Ich glaube es nicht“, war immer mal wieder von beiden zu hören.

Mittlerweile war es Nacht geworden. Die Tafel war längst leer. Paul und Sam saßen immer noch über dem Buch. Sinclair saß in einer Ecke und schnarchte fröhlich vor sich hin. „Es gibt also unzählige Welten da draußen und man kann sie alle besuchen“, stellte Sam fasziniert fest. Die Augen der Beiden leuchteten, wie bei kleinen Kindern, die gerade ihre Geschenke auspackten. „Ja. Wir können also mit allen Lebewesen kommunizieren, weil wir die angehenden Hüter sind. Und es gibt Lebewesen, von denen wir nicht mal zu träumen wagten.

Leben wir wirklich, wie ein Floh auf einem Hund, auf oder in anderen Lebewesen?“, stellte Paul fasziniert fest. „Alle meine Bücher, meine Ideen…, oh Mann, unsere Vorstellung von Größe, Raum und Zeit sind ja so klein und engstirnig. Ich komme mir vor, wie diejenigen, die mal behaupteten, die Erde wäre eine Scheibe.“ „Wie meinst du das denn jetzt, Dad?“ „Na ja. Der Floh ist sich nicht bewusst, dass er auf einem Hund sitzt. Er ist sich nur, vielleicht, darüber im Klaren, dass es seine Nahrungsquelle ist. Wir sind uns nur über die Erde und das Sonnensystem im Klaren. Vielleicht ist das Universum mehr als nur das, was wir darüber bereits wissen.“ „Das ist sehr verwirrend, Dad.“ „Das sagten die Menschen, die die Erde für eine Scheibe hielten auch, über diejenigen, die schließlich behaupteten, dass die Erde rund sei“, sagte Paul mit einem flüchtigen lächeln. Sam begann zu gähnen, während Paul immer tiefer ins Buch eintauchte.

Der Morgen brach an. Während Sam mit dem Kopf auf dem Tisch schlief, las Paul noch immer im Buch. Immer wieder rieb er sich seine müden Augen. Sinclair deckte den Frühstückstisch. Als er eine Gabel auf den Tisch fallen ließ, schreckte Sam hoch. Albert kam herein und begrüßte alle mit einem freundlichen Lächeln.

„Na, meine Freunde. Wie ich sehe, seid ihr äußerst angetan von meinem Tagebuch“, sagte er und setzte sich an den Tisch. Sinclair servierte Albert ein großes Glas Milch, was er in einem Zug austrank. „Mmh…, so beginnt man einen Tag“, sagte er und rieb sich die Hände, während sein Blick neugierig über den Tisch wanderte.

Mia und Maik betraten gleichzeitig den Saal und scherzten miteinander, was Sam etwas missfiel-war Maik doch ein junger, attraktiver Mann. Ein gequältes Lächeln verließ Sam als er freundlich von Mia begrüßt wurde. Alle stürzten sich erstmal über das Buffet her. „Was ist der Plan für heute, Albert?“, fragte Paul nebenbei kauend. „Mia und Sam könnten Sinclair bei einigen Einkäufen helfen. Sie, lieber Paul, brauchen wohl erstmal eine Mütze voll Schlaf.“ Paul nickte zustimmend. „Ich hingegen werde mal herausfinden, wo wir den Herrn der Zeit antreffen können. Der hat nämlich für alles einen Zeitplan. Wahrscheinlich ist er in Ägypten bei den Pyramiden oder in China bei der großen Mauer. Da hält er sich am liebsten auf. Er nennt sie die „Zeitlosen“, sagte Albert mit einem frechen grinsen.




Kapitel 17


Albert befand sich wieder im Kellergewölbe und stand vor dem Marmorbecken. Er atmete nochmal tief durch und legte dann seine Hände auf die Wasseroberfläche. Er schloss die Augen und plötzlich begann er wild zu zucken. Der Raum begann zu funkeln und zu leuchten, als ob man eine Discokugel anstrahlen würde und gleichzeitig die Wellen eines Sees das Licht reflektieren. Seine Gesichtszüge wechselten von Lächeln über Trauer bis sehr konzentriert. Auch kurze Aufschreie blieben ihm nicht verschont.

Langsam schwanden seine Kräfte. Die Beine wurden schwerer und schwerer und er sank zu Boden. Das Leuchten verschwand wieder allmählich. Albert hatte Mühe sich wiederaufzurichten. „Oh je, …, dieses Schwert raubt mir immer schneller meine Kräfte“, dachte er, während er sich am Marmorbecken hochzog.

Er schleppte sich zum Eingang des Raumes, wo sich eine Sprechanlage befand. „Sinclair…, ich könnte ihre Hilfe beim Auge gebrauchen“, sagte er mit letzter Kraft. Dann sackte er zusammen. Einige Minuten später kam Maik zu Albert geeilt.

„Was machen sie hier, Maik?“, fragte er mit leiser Stimme. Maik half ihm auf die Beine und stützte ihn. „Sie haben doch Sinclair zum Einkaufen geschickt.“ „Ach, ja. Bringen sie mich bitte ins Bett, Maik.“ „Es scheint sie mehr und mehr anzustrengen, Albert.“ „Ich habe mich seit vielen Jahren nicht mehr so schwach gefühlt. Sagen sie bitte meiner Tochter nichts. Versprechen sie mir das.“ „Sie wird nichts erfahren, Sir.“ Dann brachte er ihn ins Bett.

Sam, Mia und Sinclair waren bei einem Einkaufscenter angekommen. „Wenn sie möchten, können sie vorerst ihren Interessen nachgehen. Ich kontaktiere sie, wenn ich fertig eingekauft habe“, sagte Sinclair, während sie aus dem alten Mercedes ausstiegen.

Sinclair hatte eine Vorliebe für schöne Autos. Als ehemaliger Rennfahrer schwor er dieser Leidenschaft nie ab. Besonders diesen 1960er S-Klasse Mercedes mochte er. Fast alle seine Wagen waren weiß. Albert hatte dafür nicht allzu viel übrig, dass überließ er ganz Sinclair.

Sam stoppte Mia an den Schultern. „Hast du eigentlich noch diese Kugeln, mit denen wir Mutare am See aufgehalten haben?“, fragte er. „Jede Menge“, antwortete Mia und warf Sam einen verträumten Blick zu. „Komm mit. Ich habe eine Idee.“ Sam nahm Mia an der Hand und eilte mit ihr, gut gelaunt, in das Einkaufscenter. Drin angekommen, gingen sie in ein Elektrogeschäft, geradewegs auf die Drohnen-Abteilung zu. Sam nahm einen Karton mit einer Flugdrohne und bestaunte ihn. „Was hast du vor damit?“, fragte Mia ungläubig. „Ich kann die Dinger so umbauen, dass sie uns begleiten, wie ein Mückenschwarm“, sagte er mit glänzenden Augen.

Mia fiel unterdessen ein großer, dunkelhaariger Mann auf, der sie die ganze Zeit zu beobachten schien. „Okay. Nimm ein paar Drohnen mit. Wir müssen weg hier“, drängelte sie und zeigte Sam unauffällig diesen Mann. Als sie das Geschäft verließen, folgte ihnen der Mann. Mia drehte sich nochmal um und sah es. Daraufhin gingen sie etwas zügiger.

Der Mann ging an einer jungen Frau vorbei und streifte ihren Arm. Plötzlich begann auch die junge Frau Sam und Mia zu verfolgen. Der Mann und die Frau berührten immer mehr Menschen, die dann ebenfalls folgten. Sam und Mia wurde es immer unheimlicher. Sie rannten zum Parkplatz, wo Sinclair bereits die Einkäufe in den Kofferraum legte. Mia rief Sinclair. Als der plötzlich die große Menschentraube sah, bekam auch er Angst.

Schnell sprang er in den Wagen, startete ihn und fuhr Sam und Mia entgegen. Sam sprang als erster in den Wagen. Zwei ziemlich kräftig gebaute Männer griffen sich Mia. Die zögerte nicht lange und warf die Männer blitzartig mit ein paar Judo-Griffen zu Boden. Sie sprang in den Wagen und Sinclair gab Vollgas.

Mit quietschenden Reifen rauschten sie gerade noch davon. „Was war das denn? Wieso haben die uns verfolgt?“, fragte Sam. „Das war „Amator“. Er kann durch Berührung anderen Lebewesen seinen Willen aufdrängen. Lass dich also niemals von ihm berühren“, antwortete Mia. „Wo kommen die nur her und wieso können die das?“, fragte Sam. „Ich habe doch die Parallelwelten erwähnt“, sagte Mia. Sam nickte. „Der Hüter ist nicht nur für eine Welt verantwortlich, sondern für das ganze Universum.“ „Halt…, willst du damit sagen, dass es auf anderen Welten keine geeigneten Hüter gibt?“, fragte Sam skeptisch. „Das Wort wählt den Hüter. Es ist einfach Zufall, dass es schon wieder die Erde ist. Früher waren es andere Welten. Ist einfach so“, sagte Mia schulterzuckend. „Und wir können auf diese Welten reisen?“, wurde Sam immer neugieriger. „So ist es“, antwortete Mia mit einem verspielten Lächeln.

Sam überlegte einen Moment. Er konnte nicht fassen, dass dieses Abenteuer immer größer würde. Langsam begann er das Erlebte zu verarbeiten. Auch die Zuneigung zu Mia wuchs dabei. „Hast du einen Zettel und Stift dabei?“, fragte er. Sinclair öffnete das Handschuhfach und kramte beides heraus. „Sinclair, sie fahren nochmal zurück ins Einkaufscenter und besorgen mir diese Sachen. Es wird Zeit, dass wir uns verteidigen können. Ich möchte dir das nächste Mal helfen und nicht weglaufen, Mia.“, sagte Sam während er den Zettel vollschrieb. Mit einem verzückten Lächeln beobachtete Mia Sam beim Schreiben.

Wieder zuhause angekommen, luden sie etliche Kartons aus dem Wagen und brachten sie in die Garage. „Sinclair, ich werde ihre Hilfe benötigen.“ „Sehr wohl, Sir.“ Nach dem Ausladen eilte Mia ins Haus, um Albert mitzuteilen, was sie erlebt hatten. Sam begann sofort einige Kartons aufzureißen. Doch dann überlegte er einen Moment und ging schließlich ins Haus.

Paul saß unterdessen auf dem Bettrand und starrte auf ein Foto von seiner Frau, Carmen und Jenny. Dabei wischte er sich eine Träne von der Wange. Noch immer war es zu schmerzhaft, dass er damals so viel Mist gebaut hat. Die Schuldgefühle schienen immer stärker zu werden. „Ihr glaubt nicht, was ich hier für Wunder gesehen habe. Die scheinen keine physikalischen Grenzen zu kennen. Das bestärkt meine Hoffnung, dass ich euch irgendwie wieder zurückholen kann“, murmelte er mit zittriger Stimme.

Noch eine ganze Weile starrte er auf das Foto. Da klopfte es plötzlich an der Tür. Sam öffnete die Tür. „Hallo Dad, wir sind wieder da.“ Paul rieb sich die Augen. Wollte er doch vermeiden, dass Sam ihn so sieht.

Sam sah das Bild, ging zu seinem Vater und setzte sich neben ihn. Beide sahen auf das Bild. „Weißt du noch, wo das aufgenommen wurde?“, fragte Paul. „Ja. Da waren wir im Disney-Land Paris. Das war das letzte Mal, dass wir was zusammen unternommen hatten. Du warst gerade weg, um die Karten zu kaufen. Dad…, ich vermisse sie“, sagte Sam traurig. Plötzlich begann Paul unkontrolliert zu weinen. Sam nahm ihn tröstend in den Arm.

Es war Abend geworden. Alle saßen zusammen beim Abendessen. „Wo müssen wir nun hin, Albert?“, fragte Paul. Unser lieber Freund, der Herr…, oder sollte ich besser sagen, der Hüter der Zeit, ist in China“, antwortete Albert zufrieden lächelnd. „Allerdings ist er…, naja… nicht der freundlichste Zeitgenosse. Also, was auch passiert, lasst mich alles regeln.“ Alle machten ein besorgtes Gesicht. „Keine Sorge…, ich kriege das hin“, versuchte Albert sie aufzumuntern.




Kapitel 18


Albert, Paul, Sam und Mia standen nun auf der großen, Chinesischen Mauer. Einige Touristen bestaunten die Mauer, machten Erinnerungsfotos oder fachsimpelten über die Länge und Bauweise. Es war ein warmer, sonniger Tag.

„Ihr bleibt bitte hier stehen. Egal, was passiert. Sprecht nicht, bewegt euch nicht und macht nichts“, sagte Albert mit ernstem Blick zur Gruppe. Albert ging einige Schritte nach vorn und blieb stehen. Er schloss die Augen. Ein Zischen und Hallen waren wieder zu hören als Albert sein Schwert benutzte.

Plötzlich schien es, als öffnete sich ein durchsichtiger Vorhang und umschloss die Vier. Eine andere Dimension tat sich auf. Die Touristen, die noch immer zu sehen waren, bemerkten davon nichts. Paul, Sam und Mia staunten nicht schlecht.

Plötzlich kam in der Dimension eine Person zum Vorschein, ein als Clown verkleideter kleiner Mann, der fröhlich auf der Mauer tanzte und sang. Da bemerkte er Albert und seine Truppe. Wie ein Blitz, stand er plötzlich vor Albert. „Ah, mein junger Freund, Albert. Ach, nein…, mein alter Freund, Albert, hi, hi, hi. Der Zahn der Zeit hat an dir genagt, hi, hi, hi.“ Blitzartig stand er vor Mia. „Hallo, meine Schönheit. Als ich dich das letzte Mal sah, warst du… genauso schön, hi, hi, hi.“

„Wieso bist du als Clown verkleidet und was machst du hier in China?“, fragte Albert neugierig. „Der Clown war schon immer zeitlos. Den gibt es seit Anbeginn von…, ja, von mir, hi, hi, hi. Und diese Mauer…, die kann ich nur schwer beeinflussen“, sagte der Clown mürrisch.

Der Clown erhob sich in die Lüfte und kreiste wie ein Ballon um die Truppe. „Was ist der Anlass, dass du den Herrn der Zeit aufsuchst? Ich habe doch keine Zeit. Quatsch, ich bin ja die Zeit, hi, hi, hi.“ Albert versuchte mit fester Stimme zu sprechen. Und doch wusste er, um die Gefährlichkeit, was ihm etwas anzusehen war. „Ich gehe mal davon aus, dass du die Zeichen der Zeit erkannt hast.

Irgendwas Unheimliches braut sich zusammen.“ „Die Zeichen der Zeit, was für eine geschickte Wortwahl, hi, hi, hi“, unterbrach er Albert. „Das Wort hat zwei zukünftige Hüter auserwählt. Außerdem greift Zodoriantes unschuldige Menschen an.“ „Zwei Hüter…, das Wort verliert ja keine Zeit. Genauso, wie Zodoriantes, dieser widerliche, abstoßende…“ „Du musst mir helfen das Wort zu finden“, unterbrach ihn diesmal Albert.

„Normalerweise würde ich dich für diese Bitte aus der Zeitlinie nehmen, aber ich bin dir noch was schuldig. Also, was willst du wissen…, hi, hi, hi?“ „Wo finden wir die Teile des Wortes?“ „Na, du verlierst ja keine Zeit, hi, hi, hi.“ Plötzlich lösten sich einige Steine aus der Mauer und bildeten eine eigene, kleine Mauer, die Paul, Sam und Mia komplett umschloss. Paul und Sam wurden unruhig. „Nicht bewegen“, versuchte Mia leise zu beruhigen.

Die Touristen bekamen von alldem nichts mit. „Ganz so einfach kann ich dir diese Antwort natürlich nicht geben. Zwei Rätsel musst du mir jeweils innerhalb von zehn Sekunden beantworten. Wir wollen ja schließlich keine Zeit verlieren, hi, hi, hi. Zweimal darfst du falsch liegen…, aber beim dritten Mal sind deine Tochter und die zukünftigen Hüter Teil der Geschichte, hi, hi, hi“.

Plötzlich verdunkelte es sich um den Herrn der Zeit und sein Aussehen veränderte sich zu einem Horror-Clown. „Dann ist ihre Zeit abgelaufen“, sagte er plötzlich mit einer angsteinflößenden Mimik. Albert trieb es den Angstschweiß auf die Stirn.

„Also gut. Nenne mir deine Rätsel.“ Der Clown fing gut gelaunt an, zu tanzen. „Hi, hi, hi…! Hier mein erstes Rätsel: Sie jagen sich bei Nacht und Tag- doch sich zu fangen, dies keiner vermag, hi, hi, hi.“ Albert begann angestrengt zu grübeln. Der Clown begann von Zehn an rückwärts zu zählen. Im selben Moment schrumpften die Wände um Paul, Sam und Mia und würden sie am Ende zerquetschen. Große Angst machte sich breit. „Nicht bewegen“, wiederholte Mia. „Sechs, fünf, vier…“, zählte der Clown runter. „Äh, …, Sonne und Mond ist die Antwort“, unterbrach ihn Albert sichtlich nervös. Der Clown tobte. „Mist, das war zu leicht.“ Alle atmeten erleichtert auf. „Nun das zweite Rätsel: Immer schneller, immer schneller, immer schneller…, hi, hi, hi.“ Wieder zählte der Clown rückwärts und wieder schrumpften die Wände. „Eine Rakete“, sagte Albert. Die Wände schrumpften weiter. „Ein Lichtstrahl.“ Doch die Wände schrumpften immer noch. Albert überlegte, doch er kam nicht drauf. Mittlerweile mussten sich Paul, Sam und Mia gegen die Wände drücken, um nicht zerquetscht zu werden. Doch die Wände drückten unaufhaltsam weiter. Paul, Sam und Mia begannen zu schreien. „Vier, drei, zwei…“, freute sich der Clown. „Das Universum“, schrie Mia. Blitzartig war der Clown vor Mia und er hatte einen sehr erbosten Blick. Doch plötzlich hörten die Wände auf, zu drücken und der Clown begann zu lachen. „Die Ausdehnung des Universums, hi, hi, hi. Wenn du es falsch beantwortet hättest, wärst nur du gestorben, hi, hi, hi.“

„Also, wo finden wir das Wort?“, fragte Albert. „Welchen Hinweis gab dir das Buch, mein alter Freund, hi, hi, hi.“ „Feuer, Wasser, Wind, Erde und Eis- ein Feind dieser Elemente den ersten Wortteil weiß“, wiederholte Albert den Satz. Der Clown überlegte kurz. „Ein Feind dieser Elemente den ersten Wortteil weiß. Wer, deiner drei Widersacher von Zodoriantes hatte dich daraufhin angegriffen?“

Da wurde es Albert klar. „Mutare…, er kann sich diese Elemente zu Nutze machen. Wir finden den ersten Teil auf seinem Heimatplaneten“, stellte Albert überrascht fest. „Und dafür hast du nun deine Zeit geopfert, hi, hi, hi. Nun geht.“

Plötzlich verschwand die Mauer, der Vorhang schloss sich und alles war, als wäre nichts geschehen. Alle atmeten erleichtert auf. „Es ist die Welt von Zodoriantes selbst, die wir aufsuchen müssen“, murmelte Albert sichtlich erschöpft.




Kapitel 19


Wieder zuhause angekommen: Sam war seit zwei Tagen in der Garage und bastelte unentwegt an seinen Drohnen, die er zur Verteidigung zukünftiger Angriffe verwenden möchte.

Mia stand am Fenster und beobachtete ihn. Auch ihre Zuneigung zu Sam wuchs. Sie fasste sich ein Herz und ging zu ihm. Eine Weile stand sie am Eingang der geräumigen Garage und sah Sam fasziniert zu. Sam lötete, schraubte oder fummelte mit winzigen Drähten. Irgendwann bemerkte er Mia. Die Luft knisterte plötzlich, als sie sich in die Augen sahen. Sam lächelte ihr zu. Mia lächelte zurück und kam langsam auf Sam zu.

Da wurde sie plötzlich abgelenkt, von der Masse an elektrischen Spielereien auf dem Tisch. Eine Armada an Flugdrohnen stand in der ganzen Garage verteilt. Ein paar wenige noch in Einzelteilen.

„Wow“, staunte sie. „Willst du es mal sehen?“, fragte Sam. Mia nickte neugierig. Sam nahm eine Fernbedienung zur Hand, die mehr einem kleinen Computer glich. Er drückte ein paar Knöpfe, drehte ein paar Schalter und plötzlich sprangen alle Drohnen gleichzeitig an. Ein Brummen wie hundert Bienenstöcke durchströmte die Umgebung.

Plötzlich hoben alle Drohnen ab und flogen davon. Sam und Mia gingen nach draußen, immer die Drohnen im Auge. Sam drückte ein paar Knöpfe und die Drohnen umkreisten sie wie Geier. „Such dir eine aus“, sagte Sam. „Hm…, die Blaue gefällt mir.“ Ein kurzer Knopfdruck und eine einzelne, blaue Drohne löste sich von der Gruppe und flog im Sturzflug direkt auf die beiden zu. Gekonnt steuerte Sam die Drohne und ließ sie knapp über ihre Köpfe hinweg sausen.

Amüsiert und ängstlich zugleich schrie Mia auf und duckte sich. Dabei hielt sie sich an Sams Arm fest. Die Drohne verschwand wieder zwischen den anderen. „Und nun alle.“ Kaum gesagt, stürzten alle Drohnen auf die beiden zu. Mia schrie und duckte sich. Sam lachte sich halb kaputt. Beide waren sichtlich amüsiert. Nach ein paar weiteren Scheinangriffen wurde Sams Mimik ernster.

„Nun zeige ich dir mal was“, sagte er. Sam drückte den einzigen roten Knopf seiner Fernbedienung und gab noch eine Nummer ein. Plötzlich sauste eine Drohne im Sturzflug auf den entfernten See zu. Mit einem riesigen Knall explodierte sie, als sie die Wasseroberfläche traf. Beide bestaunten die schwarze Rauchwolke, die sich erhob.

Albert und Paul kamen nach draußen geeilt, um nachzusehen, was das war. „Was war das denn?“, fragte Albert. „Das ist unsere Verteidigung, wenn wir das nächste Mal wieder angegriffen werden“, sagte Sam mit breiter Brust. Da sahen Paul und Albert die Drohnen am Himmel. „Gefällt mir“, schmunzelte Albert. Nach wenigen Augenblicken lies Sam die Drohnen wieder heil und sanft landen. Albert wandte sich zu Sam. „Hast du in deiner Kiste schon mal das schwarze Kästchen geöffnet?“ „Nein, was ist da drin?“ „Schaue einfach mal rein. Sei aber vorsichtig.“

Sam war wieder in seinem Zimmer. Neugierig öffnete er die geheimnisvolle Kiste und nahm das schwarze Kästchen heraus. Er betrachtete es von allen Seiten. Es war nichts Auffälliges daran. Nach einer Weile schüttelte er es, warf es auf den Boden und in die Luft, es passierte nichts.

Irgendwann nahm Sam auch das weiße Kästchen heraus und lies das Klavier sich wieder entfalten. Er legte das schwarze Kästchen auf den Flügel und betrachtete es, während des Spielens.

„Ich könnte jetzt eine Cola trinken“, dachte er bloß. Plötzlich schälte sich unter einem weißen Leuchten eine Cola aus dem schwarzen Kästchen. Sam vergaß das Klavier spielen.

Plötzlich füllte sich das Zimmer mit unzähligen Gegenständen, eines nach dem anderen. Computer, Sportwagen, Pudding, Ventilator, Schokoriegel, sogar eine ausgestopfte Ziege drängten Sam allmählich zur Tür. Alles, was er kurz dachte, materialisierte sich plötzlich. Es wurde immer mehr. Sam flüchtete, doch die Gegenstände verfolgten ihn, wie eine Lawine. Mittlerweile kroch die Welle die Stufen der Empfangshalle herunter, immer Sam hinterher. Er bekam es mit der Angst. Das Klappern, Scheppern und Schlürfen machte die Anderen aufmerksam.

„Stoppen sie es, Sam“, rief Albert. „Wie?“ „Denken sie, Halt.“ Sam versuchte sich zu konzentrieren. Die Welle stoppte. „Nun denken sie, hinfort.“ Plötzlich war alles verschwunden. Alle atmeten erleichtert auf. „Sam, alles was sie denken, außer lebende Objekte, materialisiert sich, sobald sie das Kästchen ansehen. Und erst der Gedanke „Halt“ stoppt das Ganze. Am besten wir üben das draußen.“

Sam und Albert traten nach draußen vor die Garage. Zur Sicherheit hatte Sam zuvor das Kästchen in ein Tuch gewickelt. Er packte es aus und legte es vor sich auf den Boden. „Und nun schließen sie die Augen, Sam. Denken sie nur an eine Sache, egal was. Halten sie sich immer dieses Bild vor Augen.“ Sam nickte. „Nun öffnen sie die Augen und sehen das Kästchen an.“ Sam sah das Kästchen an. Nichts passierte. Ein flüchtiger Blick Richtung Garage, auf die Drohnen, dann sah er wieder das Kästchen an.

Plötzlich materialisierte sich eine Drohne vor ihnen. „Gut, und jetzt den gleichen Gedanken nochmal, Sam.“ Eine zweite, identische Drohne tauchte auf. Dann eine Dritte, Vierte und Fünfte. „Nun denken sie, „Genug“, Sam. Malen sie in Gedanken das Wort.“ „Und dann?“, fragte Sam. „Nun denken sie nochmal an die Drohne.“ Sam konzentrierte sich, doch die Drohnen vermehrten sich nicht weiter. „Gut gemacht. Du lernst schnell“, freute sich Albert.

Mia trat lächelnd heran. Sam lächelte zurück, dann konzentrierte er sich. Plötzlich materialisierte sich eine goldene Rose. Sam gab Mia die Rose. Ihre Augen funkelten dabei. Albert genoss, was er da sah. „Wann brechen wir auf“, fragte Sam. „Wenn der Zeitpunkt günstig ist“, antwortete Albert. „Wie gelangen wir überhaupt dahin?“, fragte Sam erneut. „Es gibt nur einen Zugang, zu anderen Welten. Einer, der wenigen Wege, die für Normalsterbliche verborgen bleiben, durch einen aktiven Vulkan.“ Sam sah Albert mit großen Augen an. „Ich muss nur noch herausbekommen, welcher Vulkan der Richtige ist. Dafür muss ich das Auge befragen“, ergänzte Albert und atmete mit besorgtem Blick tief durch.




Kapitel 20


Paul und Albert waren auf dem Weg zum Auge. „Ich möchte sie nun weiter mit dem Auge vertraut machen, Paul. Wir müssen wissen, welchen Vulkan wir brauchen, um zu Mutare zu kommen.“ Vor dem Becken wandte sich Albert zu Paul:

„Was ich ihnen nun sage, darf niemand erfahren.“ „Ich werde es für mich behalten, Albert.“ „Ich habe nicht mehr viel Kraft für das Auge. Deshalb müssen sie für mich hineinsehen.“ „Was sie wollen, Albert. Was muss ich tun?“ „Wie gehabt…, legen sie ihre Hände auf die Wasseroberfläche und konzentrieren sie sich auf den Zugang zu Mutares‘ Reich.“ Paul tat, was Albert sagte und schloss die Augen. Seine Mimik verriet, dass er mittendrin war. Plötzlich schreckte er zurück.

„Was haben sie gesehen, Paul?“, fragte Albert ganz ungeduldig. „Lava, Schwefeldämpfe, Hitze. Ich konnte es aber nicht sehen, welcher Vulkan das war.“ „Okay, versuchen sie es erneut.“

Albert sagte nicht die Wahrheit. Tatsächlich manipulierte er Paul, um zu einem bestimmten Vulkan zu gelangen. Doch Paul und Sam waren noch nicht bereit die Wahrheit zu erfahren. In einem bestimmten Vulkan hatte Albert nämlich ein Geheimnis versteckt, welches er unbedingt mitnehmen musste. Erneut legte Paul seine Hände auf die Wasseroberfläche und konzentrierte sich. Albert beobachtete ungeduldig das Geschehen.

Nach einer Weile beendete Paul die Übung. „Und?“, fragte Albert. „Wir müssen nach Japan zum Kilimandscharo“, antwortete Paul. „Sie meinen nach Afrika?“ „Nein, zum Kilimandscharo.“ „Also nach Afrika- da ist der Kilimandscharo. In Japan ist der Fujiyama.“ „Klingt ja fast genauso“, war Paul etwas durcheinander. „Also, wohin nun?“ „Wir müssen nach Japan zum Fujiyama. Jetzt brauche ich einen Cognac.“ Beide brachen in Gelächter aus. „Gut, mein Freund. Einen Cognac, dann gehe ich zu Bett. Es ist schon spät“, gähnte Albert.

Sam schwamm noch ein paar Bahnen im Pool. Das schummrige Licht des Wassers und der Umgebung sorgte für sehr entspannte Atmosphäre. Leise kam Mia herein, streifte ihren Bademantel ab und ließ sich unbemerkt ins Wasser gleiten. Zielstrebig schwamm sie auf Sam zu, umarmte ihn und gab ihm einen langen Kuss. Es knisterte gewaltig zwischen beiden. Sam wusste gar nicht, wie ihm geschah. Doch schnell erwiderte er den Wahnsinns-Kuss. „Wieso?“, fragte er. „Naja…, ich komme nicht allzu oft hier raus. Und ich finde dich süß“, sagte sie mit einem frechen Lächeln. „Mia, was sagt eigentlich dein Vater dazu?“ „Der ist froh, dass es nicht irgendein junger Mann ist, sondern der Sohn des zukünftigen Hüters.“




Kapitel 21


Es war spät geworden. Paul rollte unruhig im Bett hin und her. Ein Albtraum quälte ihn und er schwitzte stark. Im Traum sah er, wie er starb und seine Frau und Tochter leben. Doch eines war merkwürdig an dem Traum: Er starb zwar, doch wachte er immer wieder auf und wurde dann wieder von Zodoriantes getötet.

Plötzlich schreckte er hoch. Nach kurzer Benommenheit rappelte er sich auf, um sich ein Glas Milch aus der Küche zu holen. Auf dem Weg nach unten, bemerkte Paul, wie Albert durch das gespenstig ruhige Haus schlich. Er folgte Albert unbemerkt. Albert verließ das Grundstück und ging in Richtung des Sees. Irgendwo auf halber Strecke öffnete sich plötzlich der Rasen und Albert verschwand. Paul näherte sich der Öffnung, dann stieg er Albert auf einer schmalen Treppe nach. Am Ende der Treppe befand sich ein enger, dunkler Gang. Paul konnte sich nur tastend vorarbeiten. Plötzlich verlor er den Halt und sauste eine steile und kurvenreiche Rutsche hinab.

Unten angekommen, überschlug er sich ein paar Mal. Was Paul dann sah, verschlug ihm, wie schon so oft, den Atem. Ein riesiger blau-leuchtender Wirbel, einem Auge gleichend, drehte sich vor ihm. Er schien alles in seiner Umgebung hinein zu saugen.

Gerade noch konnte er sehen, wie Albert darin verschwand. Dann wurde der Wirbel kleiner und schien zu verschwinden. Paul sprang auf, rannte und sprang mit einem Hechtsprung in den Wirbel, bevor dieser sich schloss. Nun fand er sich in einer völlig fremden Welt wieder. Eine öde und karge Landschaft dominierte den Anblick. Schwarzer Sand unter seinen Füßen und beißender Schwefelgestank machten einen dauernden Aufenthalt schwierig.

Paul wollte am liebsten gleich wieder weg. Doch die Neugier, was Albert da treibt, war größer. Mit jedem Meter, dem er Albert folgte, wurde ihm bewusst, dass er sich auf einem anderen Planeten befand. Endgültige Klarheit hatte er, als er in den Nachthimmel sah, und mit großem Erstaunen plötzlich zwei ziemlich nahe Monde sah. Man hätte fast die Umrisse einer kleinen Stadt mit bloßem Auge erkennen können, so nah waren sie.

Im Lichtschein der Monde, konnte Paul Albert weiter unbemerkt in einiger Entfernung folgen. Nach einer Weile blieb Albert plötzlich vor einer steilen Felswand stehen. Paul kam noch etwas näher heran und versteckte sich hinter einem kleinen, losen Felsbrocken. Plötzlich tauchte eine schemenhafte Gestalt auf und unterhielt sich mit Albert. Paul musste noch näher heran, um etwas von der Unterhaltung zu verstehen. Vorsichtig arbeitete er sich an einen weiteren Felsbrocken heran. Nun konnte er der Unterhaltung lauschen.

„Albert, mein liebster Feind. Ich hoffe, du hast einen vernünftigen Grund, an diesem gefährlichen Ort aufzutauchen.“ „Zodoriantes- was läuft da auf der Erde? Du schickst deine Schergen, um…was? Du kennst die Regeln des Wortes. Kein Angriff bleibt unbeantwortet. Und jede Einmischung wird früher oder später bestraft. Bedenke…, dass das Wort sich immer auf die Seite des Angegriffenen schlägt.“

Paul lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, als er hörte, mit wem sich Albert da unterhielt. Umso mehr hörte er genauer hin und bemerkte nicht, dass sich etwas ihm näherte. Eine ganze Schar von zwei Meter großen Tausendfüßlern kam langsam von hinten auf ihn zu. Die Unterhaltung von Albert und Zodoriantes schien sich dem Ende zu nähren. „Also…, ich wünsche, dass die Angriffe aufhören oder ich werde das Wort um Hilfe bitten.“

Für einen kurzen Moment sah Zodoriantes Albert über die Schulter, in Richtung von Paul- er hatte ihn bemerkt. „Wie du wünschst, Albert. Aber wenn du mich angreifen solltest, lass ich das nicht unbeantwortet.“ Mit einem verhaltenen Kopfnicken verabschiedete sich Albert und entfernte sich.

Kaum war Albert einige Meter entfernt, fielen die Tausendfüßler blitzartig über Paul her, sodass er nicht mal zum Schreien kam. Zodoriantes kam auf den gefangengenommenen Paul zu.

„Was willst du Made in meiner Welt?“ „Ich bin Paul und ich…“ „Ich weiß, wer du bist. Und als zukünftiger Hüter solltest du nicht so neugierig sein“, kam er Paul gefährlich nah. „Ich habe euer Gespräch mitgehört. Du kannst mich nicht umbringen.“ „Nein, das kann ich nicht, aber ich kann dich gefangen nehmen.“ „Wenn du das tust, wird ein Krieg losbrechen. Willst du das?“ „Nanu, zukünftiger Hüter. Das klingt, als hättest du einen Plan mitgebracht.“

Mit einer Handbewegung befahl er, Paul frei zulassen. „Wehe, dein Plan überzeugt mich nicht. Dann riskiere ich vielleicht einen kleinen Krieg“, grinste Zodoriantes. „Ich biete dir mein Leben.“ „Was verlangt der zukünftige Hüter im Gegenzug?“ „Bring meine Frau und meine Tochter wieder zurück.“ „Wieso glaubst du, dass ich das kann?“ „Ich kenne das Tagebuch von Albert. Du hast es schon einmal getan.“ Die schemenhafte Gestalt von Zodoriantes, die noch immer nicht zu erkennen war, drehte sich für einen Moment nachdenklich weg. Dann wandte er sich wieder Paul zu. „Ich hoffe, du weißt, dass der Deal endgültig wäre? „Wann und wo?“, fragte Zodoriantes. „Bei unserer nächsten Begegnung.“ Zodoriantes nickte zustimmend. „Einverstanden. Nun gehe in deine Welt zurück, bevor Albert das Portal wieder schließt. Paul rannte los, um Albert noch einzuholen. Paul rannte so schnell er konnte. Doch das Portal schloss sich zu schnell. Mit einem Hechtsprung versuchte er noch durch zu schlüpfen, blieb jedoch stecken. Er schrie vor Schmerzen.

Plötzlich schreckte er in seinem Bett hoch. Schweißgebadet realisierte er allmählich, dass er nur geträumt hatte. Er hatte einen Traum im Traum. „Puh, …, das ging ja nochmal gut.“




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