Vom Winde verweht
Margaret Mitchell


zeilenPunkt-Weltliteratur!

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eBooks, die nie in Vergessenheit geraten sollten.

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Die junge, schöne Scarlett O&apos;Hara, Tochter eines reichen Plantagenbesitzers, verliebt sich unsterblich in den Soldaten Ashley. Als der jedoch ihre Cousine Melanie heiratet, bricht für Scarlett eine Welt zusammen. Dann lernt sie den draufgängerischen Rhett Butler kennen, der sie fasziniert. Doch es fällt ihr schwer, seine Liebe zu erwidern. Mit dem Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkrieges gerät ihr Leben in ein ständiges Auf und Ab. Doch in der Liebe ist ihr kein dauerhaftes Glück vergönnt.




Vom Winde verweht

Margaret Mitchell


Impressum

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Inhaltsverzeichnis

ERSTES BUCH (#ua4702893-ab76-5c74-8407-666aa760b9d0)

ZWEITES BUCH (#ulink_b741b1e0-aece-5e3b-86a2-b3b0ed48ff50)

DRITTES BUCH (#ulink_412bbdd0-8341-5325-b78a-7aa97ebae763)

VIERTES BUCH (#ulink_1d981f59-6d3e-5e32-b2c9-6bafb40e363a)

FÜNFTES BUCH (#ub0849aa6-6556-571b-80c4-39d8cf0fe7ee)




ERSTES BUCH


Scarlett O'Hara war nicht eigentlich schön zu nennen. Wenn aber Männer in ihren Bann gerieten, wie jetzt die Zwillinge Tarleton, so wurden sie dessen meist nicht gewahr. Allzu unvermittelt zeichneten sich in ihrem Gesicht die zarten Züge ihrer Mutter, einer Aristokratin aus französischem Geblüt, neben den derben Linien ihres urwüchsigen irischen Vaters ab. Dieses Antlitz mit dem spitzen Kinn und den starken Kiefern machte stutzen. Zwischen den strahlenförmigen schwarzen Wimpern prangte ein Paar blaßgrüner Augen ohne eine Spur von Braun. Die äußeren Winkel zogen sich ein klein wenig in die Höhe, und auch die dichten, schwarzen Brauen darüber verliefen in einer scharf nach oben gezogenen schrägen Linie von jener magnolienweißen Haut, die in den Südstaaten so geschätzt und von den Frauen Georgias mit Häubchen, Schleiern und Handschuhen ängstlich vor der sengenden Sonne geschützt wird. Reizend war der Anblick dieses Mädchens, wie es an einem sonnigen Aprilnachmittage des Jahres 1861 auf Tara, der Plantage ihres Vaters, mit Stuart und Brent Tarleton im kühlen Schatten der weiten offenen Veranda vor der Eingangstür des Hauses saß. Ihr neues Kleid aus grün geblümtem Musselin paßte genau zu den niedrigen grünen Maroquinschuhen, die ihr Vater ihr kürzlich aus Atlanta mitgebracht hatte. Zwölf Meter dieses duftigen Gewebes umbauschten mit der Krinoline ihre Hüften, so daß die ganze Schlankheit einer Taille, die in der Provinz ihresgleichen suchte, zur Geltung kam. Das knapp sitzende Mieder umschloß eine für Scarletts sechzehnjährige Jugend wohlgerundete Brust. Aber was halfen die Fülle des Kleides, das glatt zurückgestrichene Haar, der sauber im Netz festgehaltene Knoten, die Ruhe, mit der die kleinen weißen Hände im Schoß gefaltet lagen. Hinter so viel Sittsamkeit verbarg sich nur mühsam ihre wahre, unbändige Natur. In den grünen Augen blitzte und trotzte es und hungerte nach Leben, so wenig der mit Bedacht gehütete sanfte Gesichtsausdruck und die ehrbare Haltung es auch zugeben wollten. Das Benehmen war ihr von ihrer Mutter in milden Ermahnungen, von ihrer Amme in weit strengerer Zucht beigebracht worden. Die Augen aber waren ihr eigen.

Zu ihrer Rechten und Linken lagen lässig in ihre Sessel zurückgelehnt die beiden Tarletons. Durch die hohen Gläser voll Pfefferminz- Whisky blinzelten sie in die Sonne, lachten und schwatzten vergnügt und hatten die langen, vom Reiten gestählten, bis ans Knie gestiefelten Beine bequem übereinandergeschlagen. Beide waren sie neunzehn Jahre alt und übersechseinhalb Fuß hoch, hatten lange Knochen und feste Muskeln, sonnverbrannte Gesichter, kastanienrotes Haar und lustige, herrische Augen; beide steckten in den gleichen blauen Jacken und senffarbenen Reithosen und glichen einander wie eine Baumwollkapsel der anderen. Draußen sandte die späte Nachmittagssonne schräge Strahlen auf den Parkrasen vor dem Haus und übergoß die Ligustersträucher mit prangendem Licht, ein undurchdringliches weißes Blütenmeer vor dem saftigen Grün. Die Pferde der Zwillinge, große Tiere und ebenso rot wie das Haar ihrer Herren, waren in der Einfahrt angebunden. Zwischen ihren Beinen balgte sich eine Meute nervöser, magerer Jagdhunde, die Stuart und Brent auf Schritt und Tritt begleiteten. Etwas abseits, wie es sich für einen Aristokraten gehört, lag ein schwarz gesprenkelter Dalmatiner, die Schnauze auf den Pfoten, und wartete geduldig darauf, daß die jungen Herren zum Abendbrot nach Hause ritten.

Zwischen Hunden, Pferden und Zwillingen bestand eine tiefere Verwandtschaft, als sie aus beständigem Zusammensein hervorgehen kann. Alle miteinander waren es gesunde, temperamentvolle junge Tiere von geschmeidiger Anmut und unbeschwert von Gedanken, die Burschen ebenso reizbar wie die Pferde, die sie ritten, feurig und gefährlich und dabei fügsam, sobald jemand mit ihnen umzugehen verstand.

0bwohl sie in der Sorglosigkeit des Plantagenlebens geboren und seit frühester Kindheit nie ohne Bedienung gewesen waren, hatten die drei auf der Veranda weder schlaffe noch weiche Gesichter. Es lag etwas von der Kraft und Wachheit der Landleute darin, die ihr ganzes Leben im Freien zubringen und sich den Kopf wenig mit dem Gewicht der Bücher beschweren.

In der Provinz Clayton, im nördlichen Georgia, waren die Lebensformen nach Maßstäben von Augusta, Savannah und Charleston etwas rauh, und gesetztere ältere Kreise des Südens blickten sehr von oben herab auf die Leute von 0ber-Georgia; aber hier im Norden des Staates waren Mängel in den Feinheiten klassischer Erziehung keine Schande, wenn man nur schneidig in dem war, worauf es ankam: eine tadellose Baumwolle züchten, gut reiten, sicher schießen, gewandt tanzen, den Damen elegant den Hof machen und wie ein Gentleman seinen Schnaps vertragen.

In allen diesen Künsten waren die Zwillinge ebenso Meister wie in der schon berüchtigten Findigkeit, mit der sie allem, was zwischen Buchdeckeln beschlossen ist, aus dem Wege zu gehen wußten. Ihre Familie hatte mehr Geld, mehr Pferde und Sklaven als alle anderen in der Provinz, aber sie, die Söhne, wußten von der Grammatik weniger als die mittellosen weißen Kleinfarmer und Trapper aus der Nachbarschaft.

Und gerade darum stahlen Stuart und Brent an jenem Aprilnachmittag zu Tara ihrem Herrgott die Zeit. Sie waren soeben von der Staatsuniversität Georgias ausgewiesen worden, der vierten Universität, die sie im Laufe zweier Jahre hinausgeworfen hatte, und ihre beiden älteren Brüder Tom und Boyd waren mit ihnen heimg


ekommen, weil sie in einer Anstalt, wo die Zwillinge nicht gern gesehen wurden, nicht bleiben wollten. Stuart und Brent betrachteten ihre letzte Relegation als einen Hauptspaß, und Scarlett, die freiwillig kein Buch geöffnet, seitdem sie im Jahre vorher die Töchterschule in Fayetteville verlassen hatte, fand es gerade so lustig wie sie.

»Euch beiden macht es doch nichts aus, daß ihr hinausgeworfen seid, und Tom auch nicht«, sagte sie, »aber wie steht es mit Boyd? Er ist doch wohl auf Bildung versessen, und ihr beide habt ihn nun von den vier Universitäten der Staaten Virginia, Alabama, Südcarolina und Georgia vertrieben. In diesem Tempo wird er niemals fertig.«

»0h, er kann ja drüben in Fayetteville in Richter Parmalees Büro weiterstudieren«, antwortete Brent obenhin. »Übrigens, was liegt daran, wir hätten ohnehin vor Semesterschluß nach Hause g emußt.«

»Warum denn?«

»Wegen des Krieges, Gänschen. Er kann jeden Tag losgehen, und glaube doch nicht, daß irgend jemand von uns weiterstudiert, wenn es Krieg gibt.« »Du weißt ganz genau, daß es keinen Krieg gibt!« Scarlett langweilte sich. »Das ist alles nur Gerede. Ashley Wilkes und sein Vater haben Pa doch gerade vorige Woche erzählt, daß unsere Unterhändler in Washington wegen der Konföderierten Staaten mit Mr. Lincoln zu einem ... einem Freundschaftsvergleich kommen würden, und überhaupt haben die Yan kees viel zu große Angst, mit uns zu kämpfen. Es gibt keinen Krieg, und ich habe es satt, davon zu hören.«

»Keinen Krieg?« Die Zwillinge waren entrüstet, als sollte ihnen etwas, was ihnen zustand, unterschlagen werden.

»Aber Kind, natürlich gibt es Krieg«, sagte Stuart, »die Yankees mögen noch so bange vor uns sein, aber nachdem General Beauregard sie vorgestern aus Fort Sumter hinausgetrommelt hat, müssen sie einfach kämpfen, wenn sie nicht vor aller Welt als Feiglinge dastehen wollen. Siehst du, die Konförderierten Staaten ...«

Scarlett langweilte sich sehr und verzog vor Ungeduld den Mund.

»Wenn ihr noch einmal >Krieg< sagt, gehe ich ins Haus und mache die Tür zu. Nie im Leben habe ich ein Wort so satt gehabt. Pa redet morgens, mittags und abends davon, und alle die Herren, die ihn besuchen, schwatzen von Fort Sumter und dem Recht der Staaten und Abe Lincoln, daß es zum Auswachsen ist, und auch die Jungens reden nur davon und von ihrer dummen Truppe. Ich habe mich auf

keiner Gesellschaft mehr amüsiert, weil die Jungens von nichts anderem mehr reden können. Ich bin nur froh, daß Georgia mit seiner Lostrennung bis nach Weihnachten gewartet hat, sonst wäre mir die Weihnachtsgesellschaft auch noch verleidet worden. Wenn ihr wieder >Krieg< sagt, geheich hine in.«

Es war ihr voller Ernst. Sie konnte keine Unterhaltung lange ertragen, in der sie nicht der Hauptgegenstand war. Aber doch lächelte sie zu ihren Worten und wußte es dabei wohl einzurichten, daß ihre Grübchen noch tiefer wurden und ihre schwarzen Strahlenwimpern flink wie Schmetterlingsflügel aufund nieder klappten. Die Jungens waren entzückt und baten eilends um Entschuldigung, daß sie sie gelangweilt hatten. Angesichts solcher Teilnahmslosigkeit schätzten sie Scarlett keineswegs geringer, sondern eher noch höher. Der Krieg war Sache des Mannes, nicht der Frau, und Scarletts Verhalten war ihnen ein Beweis für ihre weibliche Natur.

So hatte sie sie glücklich von dem langweiligen Thema wegmanövriert und kam nun voller Eifer auf die unmittelbare Gegenwart zurück: »Was hat eure Mutter dazu gesagt, daß ihr wieder geflogen seid?« Den beiden war diese Frage sichtlich unbehaglich. Ihnen fiel wieder ein, wie ihre Mutter sich vor einem Vierteljahr verhalten hatte, als sie von der Universität Virginia weggemußthat ten.

»Nun«, sagte Stuart, »sie hatte noch gar keine Gelegenheit, etwas zu sagen. Tom ist heute morgen ganz früh, ehe sie aufstand, mit uns weggegangen und sitzt nun bei Fontaines herum, während wir hier sind.«

»Hat sie nichts gesagt, als ihr gestern nach Hause kamt?«

»Gestern abend hatten wir Glück. Gerade ehe wir einliefen, war der neue Hengst angekommen, den Ma vor vier Wochen in Kentucky gekauft hatte, und zu Hause stand alles auf dem Kopf. Das Riesenvieh - ein fabelhaftes Pferd, Scarlett, dein Vater muß herüberkommen und es sich ansehen - hatte auf dem Weg hierher schon dem Stallknecht ein großes Stück Fleisch weggebissen, und zwei von den Schwarzen, die es in Jonesboro von der Bahn holten, hatte es geschlagen. Und gerade, ehe wir ankamen, hatte der Hengst ungefähr seine ganze Box zerkeilt und dann noch Strawberry, Ma's alten Hengst, schwer verletzt. Als wir kamen, war Ma mit einer Tüte voll Zucker draußen im Stall, um ihn zu beruhigen, und das versteht sie, kann ich dir sagen. Die Schwarzen baumelten von den Dachsparren herunter, und die Augen quollen ihnen vor lauter Angst aus dem Kopf, aber Ma redete dem Pferde zu, als wäre es ein Mensch, und es fraß ihr aus der Hand. Niemand wird mit Pferden fertig wie Ma. Als sie uns sah, sagte sie: >Um Himmels willen, was macht ihr vier denn wieder zu Hause, ihr seid ja ärger

als die zehn Plagen Ägyptens!< Und dann fing das Pferd wieder an zu schnauben und zu steigen, und sie sagte: >Raus hier, seht ihr denn nicht, wie nervös er ist? Um euch kümmere ich mich morgen früh!< Wir gingen also zu Bett, und heute morgen waren wir schon weg, ehe sie uns erwischen konnte, und ließen Boyd zurück, ummit ihr fertig zu werden.«

»Meinst du, sie schlägt Boyd?« Scarlett konnte sich, wie die ganze übrige Nachbarschaft, nie an die Art gewöhnen, wie die kleine Mrs. Tarleton mit ihren großen Jungens umsprang und ihnen sogar eins mit der Reitpeitsche überzog, wenn es ihr angebracht erschien.

Beatrice Tarleton war eine vielbeschäftigte Frau. Sie hatte nicht nur eine der größten Baumwollplantagen, hunderte Farbige und acht Kinder auf dem Hals, sondern obendrein die größte Gestütfarm des Staates. Sie war von heftiger Gemütsart und geriet leicht in Zorn, wenn ihre Söhne etwas ausfraßen, und während niemand ein Pferd oder einen Sklaven schlagen durfte, war sie der Überzeugung, den Jungens könnten ein paar Hiebe dann und wann nichts schaden.

»Auf keinen Fall schlägt sie Boyd, den hat sie nie viel geschlagen, weil er der Älteste ist und außerdem der Kleinste aus dem Wurf.« Stuart war sehr stolz auf seine sechseinhalb Fuß. »Darum haben wir ihn ja gerade zu Hause gelassen, damit er ihr die Sache erklärt. Zum Teufel, Ma sollte uns nicht mehr verhauen, wir sind neunzehn und Tom einundzwanzig, und sie geht mit uns um, als wären wir sechsjährige Kinder.«

»Reitet eure Mutter morgen den neuen Hengst zum Gartenfest bei Wilkes?«

»Sie möchte schon, aber Pa findet es zu gefährlich. Außerdem erlauben es ihr die Mädchen nicht, sie meinen, sie sollte wenigstens einmal auf eine Gesellschaft im Wagen fahren wie eine Dame.«

»Hoffentlich regnet es morgen nicht«, sagte Scarlett, »eine Woche lang hat es nun fast täglich geregnet. Es gibt nichts Schlimmeres als ein Gartenfest, aus dem ein Picknick im Hause wird.«

»0h, morgen ist es klar und heiß wie im Juni«, sagte Stuart. »Sieh dir doch den Sonnenuntergang an, so rot habe ich noch keinen gesehen. Nach demSonnenuntergang läßt sich immer das Wetter voraussagen.«

Sie blickten hinaus auf die endlosen Morgen frisch gepflügter Baumwollfelder vor dem roten Horizont - Gerald 0'Haras Eigentum. Als die Sonne blutigrot hinter den Bergen jenseits des Flintflusses langsam niedersank, verebbte der warme Apriltag in einem schwachen, fast wohltuenden Frösteln.

Der Frühling war früh gekommen dieses Jahr, mit warmen belebenden

Regengüssen, unter denen die Pfirsichbäume zu lauter rosa Blüten aufgeschäumt waren und die Ligusterbüsche die dunklen Flußufer und die fernen Hügel mit weißen Sternen übersprühten. Das Land war fast fertig gepflügt, und die blutrote Pracht des Sonnenuntergangs färbte die frischen Furchen in der roten Erde Georgias immer noch röter. Der feuchte aufgewühlte Boden hungerte nach Baumwollsamen, der sandige Grat der Furchen leuchtete rosig, an der beschatteten Seite glühte es Scharlachund kastanienfarbig. Das weiß verputzte Backsteinhaus lag wie eine Insel in dem wilden roten Meer, zwischen züngelnden, schwellenden, sich bäumenden Wogen, die in dem Augenblick, da ihr rosa gesprenkelter Kamm in Gischt aufbranden wollte, versteint waren. Hier gab es nicht die langen, geraden Furchen wie in den gelben Lehmfeldern des flachen Mittel - Georgia oder in der lockeren Erde der Küstenplantagen. Das wellige Land in den Vorbergen Nord-Georgias wurde in Millionen Kurven gepflügt, damit der schwere Boden nicht in die Sümpfe am Fluß geschwemmt werde. Das Land war von beängstigender Röte: nach Regenfällen rot wie Blut, in der Dürre verwandelt in ziegelfarbenen Staub - der beste Baumwollboden der Welt. Es war ein liebliches Gelände mit weißen Häusern, friedlich gepflügten Feldern und trägen gelben Flüssen, doch ein Land voller Gegensätze, von blendendstem Licht und tiefstem Schatten. Die Rodungen für die Plantagen, die meilenweiten Baumwollfelder lächelten gelassen zur heißen Sonne empor. Am Rande ragten die Urwälder, dunkel und kühl selbst am heißesten Mittag, geheimnisvoll, unheimlich fast. Die säuselnden Pechkiefern warteten in zeitloser Geduld und drohten wie mit leisen Seufzern: Habt acht! Habt acht! Einst wart ihr unser, wir können euch wieder holen!

Den drei jungen Leuten vor der Haustür schlug Hufgetrappel, das Klirren von Geschirrketten und schrilles Kinderlachen von Stimmen der Farbigen ans 0hr, als die Knechte mit den Maultieren vom Felde kamen. Aus dem Hause schwoll die sanfte Stimme von Scarletts Mutter Ellen 0'Hara heraus, wie sie dem kleinen schwarzen Mädchen rief, das ihren Schlüsselkorb trug. Die hohe Kinderstimme antwortete: »Jawohl, Missis!«, und sie hörte Schritte von der Hintertüre nach dem Räucherhause gehen, wo Ellen um diese Zeit den heimkommenden Knechten das Abendbrot zuteilte. Porzellan klirrte, Bestecke klapperten - Pork, der Diener auf Tara, deckte den Tisch zum Abendessen.

Die Zwillinge merkten, daß es an der Zeit war, nach Hause zu gehen; aber sie hatten durchaus kein Verlangen danach, ihrer Mutter unter die Augen zu treten, und konnten sich von der Hoffnung, Scarlett werde sie zumAbendessen einladen, noch immer nicht trennen.

»Hör mal, Scarlett«, sagte Brent, »daß wir weg waren und von dem

Gartenessen und dem Ball nichts wußten, ist noch lange kein Grund, daß du für morgen abend nicht einen Haufen Tänze für uns freihältst. Du hast doch nicht etwa alle vergeben?«

»Doch, das habe ich! Wie sollte ich wissen, daß ihr alle zu Hause sein würdet? Sollte ich es euretwegen darauf ankommen lassen, Mauerblümchen zu spielen?«

»Du - ein Mauerblümchen!« Die Burschen lachten schallend. »Faß auf, Goldkind, mir mußt du den ersten Walzer geben und Stu den letzten, und dann mußt du mit uns zu Tisch gehen, wir setzen uns auf den Treppenabsatz wie auf dem letzten Ball, und Mammy Jincy muß wieder kommen und uns wahrsagen.«

»Mammy Jincys Wahrsagungen mag ich aber nicht, sie prophezeite mir einen Mann mit kohlschwarzem Haar und langem, schwarzem Schnurrbart, und ich mag keine schwarzen Männer.«

»Aber rothaarige, was?« grinste Brent. »Komm, versprich uns sämtliche Walzer und das große Abendessen.«

»Wenn du sie uns versprichst, sagen wir dir ein Geheimnis«, sagte Stuart.

»Was?«Scarlett horchte auf wie ein kleines Kind.

»Meinst du, was wir gestern in Atlanta gehört haben, Stu? Aber wir haben versprochen, es nicht zu erzählen.«

»Nun ja, aber Miß Pitty hat es uns doch auch gesagt.«

»Miß wer?«

»Ashley Wilkes' Cousine, die in Atlanta lebt, Miß Pittypat Hamilton, Charles und Melanie Hamiltons Tante.«

»Ich weiß schon, die albernste alte Dame, die ich in meinem Leben gesehen habe.«

»Als wir gestern in Atlanta waren und auf den Zug warteten, fuhr sie am Bahnhof vorbei, ließ halten und sprach mit uns. Sie hat uns erzählt, daß morgen abend auf dem Ball bei Wilkes eine Verlobung verkündet werden soll.«

»Ach, das weiß ich längst«, sagte Scarlett enttäuscht »Ihr langweiliger Neffe, dieser Charley Hamilton, und Honey Wilkes; seit Jahren weiß das jedermann, wenn er die Sache auch etwas lau betrieben hat.«

»Findest du ihn denn langweilig?« wollte Brent wissen, »Weihnach ten hast du ihn reichlich umdich herumschwänzeln lassen.«

»Was soll ich machen, wenn er schwänzelt«, Scarlett zuckte gleichgültig

die Achseln. »Ich finde, er ist ein richtiger Waschlappen.«

»Übrigens soll gar nicht seine Verlobung verkündet werden«, triumphierte Stuart, »sondern Ashleys mit Charlies Schwester, Miß Melanie!«

In Scarletts Gesicht veränderte sich nichts, nur ihre Lippen wurden weiß wie bei jemandem, der unvorbereitet einen betäubenden Schlag empfängt und im ersten Augenblick des Schreckens nicht faßt, was ihm geschieht.

Sie sah Stuart so groß und still an, daß er sie einfach für überrascht und interessiert hielt und sich nichts dabei dachte. Ein Seelenkenner war er nie gewesen.

»Miß Pitty sagte, sie hätten gar nicht die Absicht gehabt, es dieses Jahr noch zu veröffentlichen, denn es sei Miß Melly nicht besonders gut gegangen. Aber bei all den Kriegsgerüchten seien beide Familien für baldige Heirat gewesen, darum soll es morgen abend verkündet werden. Also, nun haben wir dir das Geheimnis gesagt, und du mußt uns versprechen, mit uns zu Tisch zu gehen.«

»Natürlich«, antwortete Scarlett mechanisch.

»Und auch alle Walzer?«

»Alle.«

»Süß von dir! Paß auf, die anderen gehen in die Luft! Wetten?«

»Laß sie«, sagte Brent, »wir beide werden schon mit ihnen fertig. Hör mal, Scarlett, laß uns auch mittags beim Gartenessen zusammen sitzen.«

»Was meinst du?« Stuart wiederholte seine Bitte.

»Natürlich.«

Die Zwillinge sahen einander selig, aber doch einigermaßen überrascht an. 0bwohl sie sich als Scarletts begünstigte Verehrer betrachteten, hatten sie doch noch nie zuvor ihre Auszeichnungen so mühelos gewonnen. Gewöhnlich ließ sie sie betteln und flehen, hielt sie hin, sagte weder ja noch nein, lachte, wenn sie grollten, und wurde kühl, wenn sie sich erhitzten. Und nun hatte sie ihnen so gut wie den ganzen morgigen Tag versprochen. Den Platz an ihrer Seite beim Essen, jeden Walzer - und sie wollten schon dafür sorgen, daß jeder Tanz ein Walzer wurde. Das wog schon ihre Entfernung von der Universität auf.

Der Erfolg gab ihnen neuen Mut, sie blieben immer noch ein Weilchen, sprachen von dem Gartenfest und dem Ball, von Ashley Wilkes und Melanie Hamilton, fielen einander ins Wort, rissen Witze und lachten darüber und machten immer neue Anspielungen auf eine Einladung zum

Abendessen. So verging die Zeit, und erst allmählich fiel Scarletts

Schweigsamkeit ihnen auf. Die Stimmung hatte sich geändert; wie das gekommen war, wußten die Zwillinge nicht, aber der feine Glanz dieses Nachmittags war dahin. Scarlett achtete nicht auf das, was sie sagten, wenn sie auch richtige Antworten gab. Etwas war da, das sie nicht begriffen. Das war ihnen unbehaglich, sie schleppten die Unterhaltung noch eine Weile fort, dann standen sie auf und sahen nach der Uhr.

Die Sonne stand niedrig über den frisch gepflügten Feldern, jenseits des Flusses verdämmerten die schwarzen Umrisse des hohen Waldes. Mauerschwalben flitzten über den Hof, Küken, Enten und Truthühner kamen einzeln und zuhauf vom Feld stolziert und gewatschelt.

»Jeems!« klang Stuarts Ruf. Nach einer Pause kam ein langer schwarzer Junge etwa ihres Alters atemlos ums Haus herumgelaufen und rannte weiter zu den angebundenen Pferden. Jeems war ihr Leibsklave und wie die Hunde auf Schritt und Tritt in ihrer Nähe. Als Kind hatte er mit ihnen gespielt, und zu ihrem zehnten Geburtstag bekamen sie ihn als Eigentum geschenkt. Die Hunde der Tarletons sprangen aus dem roten Sta

ub auf und warteten ungeduldig auf ihre Herren. Die Zwillinge verbeugten sich, gaben Scarlett die Hand und versprachen, morgen rechtzeitig drüben bei Wilkes auf sie zu warten. Dann stiegen sie zu Pferde und galoppierten die Zedernallee hinunter. Sie winkten mit den Hüten und grüßten rufend zurück. Jeems folgte ihnen.

Als sie auf der staubigen Straße um die Ecke waren, wo man sie von Tara aus nicht mehr sehen konnte, hielt Brent sein Pferd an. Auch Stuart brachte seines zum Stehen, und der Junge hielt ein paar Schritt hinter ihnen. Sobald die Zügel sich lockerten, senkten die Pferde die Hälse, um im zarten Frühlingskraut zu grasen. Die geduldigen Hunde legten sich wieder in den weichen Staub und blickten verlangend nach den Schwalben, die durch die sinkende Dämmerung strichen. Brems breites offenes Gesicht war verwirrt und gelinde entrüstet.

»Du«, sagte er, »kam es dir nicht auch so vor, als hätte sie uns zum Abendesseneinladen wollen?«

»Mir schien, sie hatte es vor«, antwortete Stuart. »Ich habe immer darauf gewartet, aber sie tat es nicht. Verstehst du das?«

»Nein, und ich meine, sie hätte es ruhig tun sollen. Schließlich ist es unser erster Tag, und sie hat uns eine Ewigkeit nicht gesehen. Wir haben ihr doch noch so viel zu erzählen.«

»Mir schien, sie freute sich mächtig, als wir kamen.«

»Mir auch.«

»Und dann wurde sie plötzlich still, als ob sie Kopfweh hätte! «

»Ich habe es auch gemerkt, aber nicht weiter darauf geachtet. Was mag ihr gefehlt haben?«

»0b wir etwas gesagt haben, was sie geärgert hat?« Beide dachten scharf nach.

»Mir fällt nichts ein. Wenn Scarlett wütend ist, merkt man es immer sofort. Sie hält nicht an sich wie andere Mädchen.«

»Stimmt, das mag ich gern an ihr. Sie geht nicht mit verbissenem Gesicht umher, wenn sie wütend ist, sondern sagt, was los ist; aber irgend etwas müssen wir gesagt oder getan haben, was ihr in die Quere kam. Ich könnte schwören, daß sie eigentlich vorhatte, uns zumAbendessen dazubehalten.«

»Es kann doch wohl nicht deswegen sein, weil wir rausgeworfen worden sind?«

»Zum Teufel, sei nicht so dumm, sie hat sich doch ausgeschüttet vor Lachen, als wir davon erzählten, und außerdem gibt sie auf Bücher und Lernen nicht mehr als wir.«

Brent wandte sich im Sattel umund rief den farbigen Jungen: »Jeems!« »Master?«

»Hast du gehört, was wir mit Miß Scarlett sprachen?«

»Nein, nicht, Master Brent! Wie ich dazu kommen, bei Herrschaften spio nieren!«

»Mein Gott, spionieren! Ihr Schwarzen wißt doch über alles Bescheid, was vorgeht. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, du Schuft, wie du dich um die Ecke geschlängelt und an der Mauer im Jasmingebüsch gesessen hast. Nun also, hast du irgend etwas gehört, was Miß Scarlett hätte wütend machen können?«

Als Jeems sich überführt sah, leugnete er nicht mehr und runzelte seine schwarze Stirn.

»Nein, ich gewiß nichts gehört, was sie wütend machen. Mir kam vor, sie freute sich, Masters zu sehen, und hatte Sie vermißt und zwitscherte lustig wie ein Vögelchen immer und immer, bis wo Masters auf Mr. Ashley und Miß Melly Hamilton kamen und daß sie sich heiraten wollten. Da sein Miß Scarlett auf einmal still wie Vogel, wenn oben der Habicht fliegt.«

Die Zwillinge sahen einander an und nickten, begriffen aber nichts.

»Jeems hat recht, aber das verstehe ich nicht«, sagte Stuart. »Mein Gott, Ashley ist ihr doch nicht mehr als ein Freund, in ihn verliebt ist sie nicht. Verliebt ist sie in uns.«

Brent nickte eifrig zust immend.

»Aber vielleicht«, sagte er, »hat Ashley ihr nichts davon erzählt, und nun ist sie wütend, weil sie es nicht eher erfahren sollte als die anderen Leute. Mädchen nehmen es immer krumm, wenn sie etwas nicht zuerst erfahren.«

»Mag sein, aber was ist denn dabei, es sollte doch eine Überraschung sein, und man hat doch wohl das Recht, seine eigene Verlobung geheimzuhalten.«

»Hätte Mellys Tante nicht geschwatzt, so wüßten wir auch nichts davon. Scarlett muß doch gewußt haben, daß er Miß Melly einmal heiraten will, das wissen wir ja seit Jahren. Wilkes und Hamiltons heiraten immer ihre eigenen Cousinen.«

»Ach was, ich gebe es auf, aber schade, daß sie uns nicht eingeladen hat. Ich sage dir, ich habe keine Lust, nach Hause zu gehen und Ma toben zu hören. Ja, wenn es die erste Ausweisung gewesen wäre!«

»Vielleicht hat Boyd sie inzwischen beruhigt Du weißt, wie geschickt der Kleine reden kann. Er beschwichtigt sie jedesmal.«

»Kann sein, aber es braucht Zeit, er muß im großen Bogen drum herumreden, bis es bei Ma so durcheinandergeht, daß sie es aufgibt und ihm sagt, er solle seine Stimme für die Anwaltspraxis schonen. Ich wette, Ma ist noch so aufgeregt über den Hengst, daß sie noch nicht einmal gemerkt hat, daß wir wieder da sind, bis sie sich heute abend zu Tisch setzt und Boyd sieht. Dann legt sie sich ins Zeug und speit Feuer. Dann wird es zehn, bis Boyd Gelegenheit hat, zu sagen, es wäre für uns unehrenhaft gewesen, zu bleiben, nachdem der Rektor so mit uns geredet hat. Und dann wird es Mitternacht, bis er sie herumkriegt und sie so wütend über den Rektor wird, daß sie Boyd fragt, warum er ihn nicht niedergeschossen hat. Nein, vor Mitternacht können wir nicht nach Hause.«

Die Zwillinge sahen einander trübselig an. Sie hatten nicht die geringste Angst vor wilden Pferden, Schießereien und dem Zorn ihrer Nachbarn, aber sie hatten einen heillosen Respekt vor ihrer Mutter und der Reitpeitsche, die sie ihnen über die Hosen zu ziehen pflegte.

»Höre«, sagte Brent, »laß uns hinüber zu Wilkes, die freuen sich, wenn wir bei ihnen essen.«

Stuart war mit diesem Vorschlag nicht recht zufrieden. »Nein, lieber nicht, da steht schon alles auf dem Kopf wegen des Festes morgen, und außerdem ...«

»Ach, das habe ich ganz vergessen. Nein, da gehen wir lieber nicht hin.«

Sie schnalzten ihren Pferden und ritten schweigend weiter. Stuarts gebräunte Wangen waren vor Verlegenheit rot geworden. Bis zum vorigen

Sommer hatte er India Wilkes mit Billigung beider Familien und der ganzen

Nachbarschaft den Hof gemacht. Vielleicht hatte man in der Provinz die Hoffnung, die kühle Art India Wilkes könnte einen beruhigenden Einfluß auf ihn haben. Stuart hätte die Verbindung wohl eingehen können, aber Brent war nicht einverstanden gewesen. Er mochte India wohl, aber er fand sie reizlos und konnte sich einfach nicht in sie verlieben, nur um Stuart Gesellschaft zu leisten. Die Wege der Zwillinge gingen da zum erstenmal auseinander, und Brent verübelte es seinem Bruder, daß er einem Mädchen den Hof machte, an dem er selbst nicht den geringsten Gefallen fa nd.

Dann hatten sie beide vorigen Sommer in Jonesboro bei einer Versammlung im Freien plötzlich Scarlett 0'Hara gesehen. Sie kannten sie seit Jahren, und in ihrer Kinderzeit war sie ihre beste Spielgefährtin gewesen, denn sie konnte fast ebenso gut wie die beiden reiten und klettern. Nun war sie zu ihrer Verwunderung eine erwachsene junge Dame und obendrein die entzückendste auf der ganzen Welt geworden. Zum erstenmal wurden sie gewahr, wie es in ihren grünen Augen schillerte, wie tief ihre Grübchen waren, wenn sie lachte, was für zierliche Hände und Füße und was für eine schlanke Taille sie hatte. Bei den klugen Bemerkungen der Zwillinge lachte sie fröhlich auf, und beseelt von dem Gedanken, in Scarletts Augen ein ansehnliches Paar vorzustellen, übertrafen die beiden sich selbst. Es war ein denkwürdiger Tag im Leben der Zwillinge. Wenn sie sich später darüber unterhielten, so wunderten sie sich stets, daß ihnen Scarletts Zauber bis dahin entgangen war. Die richtige Antwort darauf fanden sie nie. Die hätte gelautet, daß Scarlett gerade an jenem Tag beschlossen hatte, die beiden auf sich aufmerksam zu machen. Ihrem Temperament war es unerträglich, irgendeinen Mann in irgendeine andere Frau als sich selbst verliebt zu sehen, und der Anblick von India Wilkes und Stuart bei der Versammlung war für ihren Raubtiersinn zuviel gewesen. An Stuart allein hatte sie nicht genug, sie hatte es zugleich auf Brent abgesehen, und zwar so gründlich, daß alle beide überwältigt wurden.

Nun waren sie beide in sie verliebt, und India Wilkes und Letty Munroe aus Lovejoy, der Brent halben Herzens den Hof gemacht hatte, waren bei ihnen gänzlich in den Hintergrund getreten. Was der tun sollte, der Scarlett einmal nicht bekam, falls sie einen von ihnen erhörte, danach fragten sie nicht weiter. Das Hindernis wurde genommen, wenn es soweit war. Für den Augenblick waren sie völlig zufrieden, wieder eines Sinnes über ein Mädchen zu sein; Eifersucht gab es zwischen ihnen nicht. Die Nachbarn hatten ihren Spaß daran, und die Mutter ärgerte sich, denn sie hatte nichts für Scarlett übrig.

»Wenn die schlaue kleine Person einen von euch nimmt, geschieht es euch ganz recht«, sagte sie. »Am Ende nimmt sie euch alle beide, und dann

müßt ihr nach Utah ziehen, falls die Mormonen euch haben wollen - was

ich mir nicht recht denken kann ... Meine einzige Sorge ist, daß ihr euch

beide nächstens einmal betrinkt und wegen dieses kleinen

doppelgesichtigen grünäugigen Frauenzimmers eifersüchtig aufeinander werdet, und dann schießt ihr einander tot. Übrigens gar kein schlechter Gedanke.«

Seit jener Versammlung hatte Stuart sich in Indias Gegenwart unbehaglich gefühlt. Nicht, daß India ihm Vorwürfe gemacht oder ihn auch nur durch eine Bewegung hätte fühlen lassen, daß sie sein jähes Abschwenken bemerkt hatte. Dazu war sie zu sehr Dame. Aber Stuart fühlte sich schuldig und befangen vor ihr. India liebte ihn, und das war seine Schuld. Sie liebte ihn immer noch. Er wußte es und hatte tief im Innern das Gefühl, sich nicht ganz als Gentleman benommen zu haben. Er mochte s ie noch immer gern und hatte große Hochachtung vor ihrer kühlen Wohlerzogenheit, ihrer Liebe zu Büchern, ihrer Bildung und all den gediegenen Eigenschaften, die sie sonst noch besaß. Aber sie war nun einmal so verdammt farblos und uninteressant und ewig sich selber gleich neben Scarletts glänzenden, stets wechselnden Reizen. Man wußte immer, wie man mit India daran war, und bei Scarlett hatte man nie die leiseste Ahnung davon. Das reichte wohl hin, einem den Kopf zu verdrehen.

»Gut, gehen wir also zu Cade Calvert zum Abendessen. Scarlett sagte, Cathleen sei aus Charleston zurück. Vielleicht wissen sie etwas Neues über Fort Sumter, was wir noch nicht gehört haben.«

»Cathleen? Nein. Ich wette zehn gegen eins, sie weiß nicht einmal, daß das Fort da draußen im Hafen liegt, und noch viel weniger, daß es voll von Yankees steckte, bis wir sie hinausgeschossen haben. Sie weiß nur von den Bällen, auf denen sie war, und von den Verehrern, die sie um sich versammelt hat, sonst nichts.«

»Es macht aber doch Spaß, sie reden zu hören, und es wäre doch ein Unterschlupf, bis Ma im Bett ist.«

»Teufel, ja! Ich mag Cathleen wohl leiden, sie ist zum Lachen, und ich höre gern etwas über Caro Rhett und die übrige Charlestoner Gesellschaft. Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich noch eine Mahlzeit mit ihrer Yankee-Stiefmutter überstehe.«

»Du mußt nicht ungerecht sein, Stuart, sie meint es gut.«

»Ich bin gar nicht ungerecht, sie tut mir leid, aber Leute, die mir leid tun, kann ich nicht leiden. Und sie macht immer so viel Umstände und sucht das Richtige zu finden, damit man sich gemütlich fühlt, und bringt es fertig, immer genau das Verkehrte zu sagen und zu tun. Sie macht mich verrückt Und sie hält uns aus den Südstaaten für wilde Barbaren. Das hat sie sogar

Ma gesagt, sie hat Angst vor uns. Jedesmal, wenn wir da sind, sieht sie aus,

als habe sie eine Todesangst. Sie sitzt auf ihrem Stuhl wie eine gemauserte Henne und hat leere bange Augen, als wollte sie, sobald nur jemand ihr nahe kommt, anfangen zu gackern und mit den Flügeln zu schlagen.«

»Eigentlich dürftest du nichts gegen sie sagen. Du hast Cade ins Bein geschossen.«

»Ich war betrunken, sonst hätte ich es nicht getan«, sagte Stuart, »und Cade hat es mir nicht nachgetragen, auch Cathleen, Raiford und Mr. Calvert nicht, nur diese Yankee-Stiefmutter zeterte, ich sei ein wilder Barbar und anständige Leute wären in den Südstaaten ihres Lebens nicht sicher.«

»Trotzdem kannst du nichts gegen sie sagen, denn schließlich hast du Cade doch angeschossen, und er ist ihr Stiefsohn.«

»Deswegen braucht sie mich doch nicht gleich zu beleidigen. Du bist Ma's Fleisch und Blut, aber hat sie etwa getobt, als Tony Fontaine dich ins Bein schoß? Nein, sie ließ einfach den alten Dr. Fontaine kommen, dich zu verbinden, und fragte ihn, seit wann denn Tony nicht mehr richtig zielen könne, der Schnaps werde ihm noch seine ganze Schützenkunst verderben. Weißt du noch, wie das Tony wild gemacht hat?«

Die beiden bogen sich vor Lachen.

»Ma ist ein ganzer Kerl«, sagte Brent anerkennend, »man kann immer darauf rechnen, daß sie das Richtige tut und einen nicht vor den Leuten blamiert.«

»Ja, aber es sähe ihr ähnlich, uns heute abend, wenn wir nach Hause kommen, vor Vater und den Mädchen gewaltig zu blamieren«, sagte Stuart düster. »Sieh mal, Brent, das wird wohl heißen, daß wir nicht nach Europa dürfen. Man hat doch gesagt, wenn wir noch einmal hinausgeworfen werden, dürfen wir unsere große Reise nicht machen.«

»Zum Teufel, was liegt uns schon daran, was gibt es denn Großes in Europa zu sehen? Die dort können uns nichts zeigen, was wir nicht ebensogut in Georgia haben. Ich wette, ihre Pferde sind nicht so schnell und ihre Mädchen nicht so hübsch, und ich weiß genau, daß ihr Whisky bei weitem nicht an Vaters heranreicht.«

»Ashley Wilkes sagt, es gäbe da eine Menge Landschaft und Musik. Der hat Europa gern und spricht immerfort davon.«

»Nun, du weißt ja, wie die Familie ist, sie sind alle so sonderbar mit Musik und Büchern und Landschaften. Ma sagt, das kommt, weil ihr Großvater aus Virginia ist. In Virginia sollen die Leute viel auf so etwas geben.«

»Das schenke ich ihnen. Gib mir ein gutes Pferd zum Reiten, einen guten

Schnaps zum Trinken, ein gutes Mädchen für die Liebe und ein böses fürs

Vergnügen, dann können die da ihr ganzes Europa behalten ... Und wenn wir nun jetzt in Europa wären und es gäbe Krieg, dann kämen wir nicht rechtzeitig nach Hause. Ich gehe tausendmal lieber in den Krieg als nach Europa!«

»Ich auch, lieber heute als morgen ... Hör mal, ich weiß, wohin wir zum Abendessen gehen, wir reiten zur Able Wynder und melden uns fertig zum Exerzieren zurück.«

»Das ist ein guter Gedanke. Dort hören wir alles Neue von der Truppe und erfahren endlich, zu welcher Farbe sie sich für die Uniformen entschlossen haben.«

»Wenn es die Zuavenuniform ist, so hol mich der Teufel, wenn ich noch Lust dazu habe. Ich komme mir in den weiten roten Hosen wie ein Waschlappen vor. Die sehen ja aus wie die Flanellhosen bei den Weibern.«

»Wollen denn Masters beide zu Master Wynder?« ließ sich jetzt Jeems vernehmen. »Da gibt nicht viel Abendbrot, Köchin ist tot und sie noch keine neue kaufen, und nun kochen eine Pflückerin, und die Schwarzen mir erzählen, das die schlechteste Köchin im ganzen Staat.«

»Du meine Güte, warum kaufen sie sich denn keine neue Köchin?«

»Wie sollen denn weißes Bettelpack sich Farbige kaufen? Die nie mehr als höchstens vier Stück haben.«

In Jeems' Stimme klang unverhohlene Verachtung. Seine eigene gesellschaftliche Stellung war gesichert, denn Tarletons besaßen hundert Farbige, und wie alle Sklaven der großen Plantagenbesitzer sah er auf die kleinen Farmer herab, die nur wenige Sklaven hielten.

»Ich ziehe dir das Fell über die 0hren!« Stuart war wütend. »Daß du mir Able Wynder nicht >weißes Pack< nennst! Gewiß ist er arm, aber durchaus kein Pack, und hol mich der Teufel, wenn ich erlaube, daß irgend jemand, weiß oder schwarz, wegwerfend von ihm spricht. Einen besseren Mann gibt es nicht in der Provinz. Warum hätte die Truppe ihn sonst zum Leutnant gewählt?«

»Das ich auch nie verstehen«, erwiderte Jeems, der sich durch den Anschnauzer seines Herrn nicht aus der Ruhe bringen ließ. »Ich immer denken, sie wählen alle 0ffiziere unter den reichen Masters und nicht aus demPack vom Unterland.«

»Ich sage dir, es ist kein Pack, willst du ihn etwa mit richtigem weißen Pack wie den Slatterys vergleichen? Able ist nun einmal nicht reich, aber wenn wir alle so viel von ihm halten, daß wir ihn zum Leutnant wählen, dann hat kein Schwarzer über ihn herzuziehen. Die Truppe weiß schon, was sie tut.«

Vor drei Monaten war die Kavallerietruppe aufgestellt worden, an demselben Tag, an dem sich Georgia von der Union lossagte, und von dem Augenblick an hatten die Rekruten nach Krieg geschrien. Einen Namen hatte das Kontingent noch nicht, obwohl an Vorschlägen kein Mangel war. Jeder hatte seine eigenen Gedanken und wollte sie durchaus nicht lassen, ebenso wie jeder bei Farbe und Schnitt der Uniform mitzureden haben wollte. »Die Wildkatzen von Clayton«, »Feuerfresser«, »Husaren von Nordgeorgia«, »Zuaven«, »Jäger aus dem Innern« (obwohl die Truppe mit Pistolen, Säbeln, Jagdmessern und nicht mit Flinten bewaffnet war), »Die Grauen von Clayton«, »Blut und Donner«, »Rauh und Rasch« - alles hatte seine Anhänger. Bis darüber Beschluß gefaßt war, hieß die 0rganisation überall »die Truppe«, und trotz dem hochtönenden Namen, der schließlich angenommen wurde, war sie bis zum Ende ihres Dienstes einfach als »die Truppe« bekannt.

Die 0ffiziere wurden aus den Reihen der Truppe gewählt, denn niemand aus der Provinz verfügte über militärische Erfahrungen, außer ein paar Veteranen aus dem Mexikanischen Krieg und den Kämpfen gegen die Seminolenindianer, und überdies hätte die Truppe einen Veteranen als Führer verachtet, wenn sie nicht Zuneigung und Vertrauen zu ihm gehabt hätte. Jeder mochte die vier Tarletons und die drei Fontaines gern, konnte sie aber nicht wählen, weil die Tarletons zu rasch benebelt waren und dann gern Unsinn machten und weil die Fontaines so mörderisch unbesonnen von Temperament waren. So wurde Ashley Wilkes zum Hauptmann gewählt; denn er war der beste Reiter in der Provinz, und man rechnete darauf, daß er mit seinem kühlen Kopf wenigstens einen Schein von 0rdnung zu halten imstande wäre. Raiford Calvert wurde zum 0berleutnant gemacht, weil er bei jedermann beliebt war, und Able Wynder, Sohn eines Trappers und selbst kleiner Farmer, wurde Unterleutnant.

Able war ein gescheiter, ernster Riese, ungebildet, gutherzig, aber älter als die anderen Burschen und in Gegenwart von Damen von reichlich so guten Manieren wie sie. Standesdünkel gab es kaum in der Truppe. Dafür waren zu viele ihrer Väter und Großväter aus der Klasse der kleinen Farmer zu Reichtum gekommen. Able war der beste Schütze der Truppe, ein richtiger Scharfschütze, der auf fünfundsiebzig Schritt einem Eichhörnchen das Auge ausschießen konnte, und obendrein wußte er über alles Bescheid, was zum Leben im Freien gehört, konnte im Regen ein Feuer anmachen, Wild aufspüren und Quellen finden. Die Truppe hatte Achtung vor echtem Wert, und weil man Able außerdem gern hatte, machte man ihn zum 0ffizier. Er trug die Auszeichnung mit Ernst, einfach, als ob sie ihm zukomme, und bildete sich nichts darauf ein, aber die Damen und die

Sklaven der Pflanzer konnten nicht wie ihre Männer und Herren über die

Tatsache hinwegkommen, daß er nicht als Herr geboren war.

Im Anfang waren nur Pflanzersöhne in der Truppe angemustert worden. Es war ein Herrenkontingent. Jeder hatte für sein eigenes Pferd, für Waffen, Ausrüstung, Uniform und Burschen aufzukommen. Aber in der noch jungen Provinz Clayton gab es nicht viele reiche Pflanzer, und um die Truppe vollzählig zu machen, war es notwendig geworden, unter den Söhnen der kleinen Farmer, der Jäger im Urwald, der Trapper in den Prärien und in ganz wenigen Fällen sogar der weißen Proletarier, soweit sie über dem Durchschnitt dieser Schicht standen, Rekruten auszuheben.

Diese jungen Leute brannten ebenso ungeduldig wie ihre reicheren Nachbarn darauf, im Kriegsfall mit den Yankees zu kämpfen; aber da war die heikle Frage des Geldes. Nur wenige kleine Farmer hatten eig ene Pferde. Sie taten die Feldarbeit mit Maultieren und hatten auch daran keinen Überfluß, selten mehr als vier. Die Maultiere waren unentbehrlich und konnten deshalb nicht zu Kriegszwecken benutzt werden, selbst wenn die Truppe bereit gewesen wäre, sich mit ihnen zu behelfen, wogegen sie sich aber energisch verwahrte. Die Proletarier hielten sich schon für wohlhabend, wenn sie ein einziges Maultier besaßen. Die Leute aus dem Urwald und von den Niederungen hatten weder Pferde noch Maultiere, sie lebten ausschließlich von den Erzeugnissen ihrer Ländereien und dem Wild aus den Steppen. Ihr Geschäft betrieben sie meist als Tauschhandel und bekamen höchstens einmal im Jahr fünf Dollar in bar zu sehen. Pferde und Uniformen waren für sie unerschwinglich. Aber sie waren ebenso unbändig stolz in ihrer Armut wie die Plantagenbesitzer in ihrem Reichtum und wollten nichts annehmen, was nach Wohltätigkeit ihrer reicheren Nachbarn aussah. Um also niemand vor den Kopf zu stoßen und dennoch die Truppe auf Kriegsstärke zu bringen, hatten Scarletts Vater, John Wilkes, Buck Munroe, Jim Tarleton, Hugh Calvert, überhaupt jeder große Plantagebesitzer aus der Provinz mit einziger Ausnahme von Angus Macintosh Geld dazu beigesteuert, die Truppe mit Mann und Roß vollständig auszurüsten. Schließlich kam es darauf hinaus, daß jeder Plantagenbesitzer sich bereit erklärte, die Ausrüstung seiner eigenen Söhne und einer gewissen Anzahl anderer junger Leute zu bezahlen, und es wurde alles so eingerichtet, daß die weniger wohlhabenden Leute im Kontingent Pferde und Uniformen annehmen konnten, ohne daß ihre Ehre darunter litt.

Zweimal wöchentlich kam die Truppe in Jonesboro zusammen, um gedrillt zu werden und um zu beten, daß der Krieg beginnen möge. Noch waren die Verhandlungen über die Aufbringung der vollen Anzahl Pferde nicht abgeschlossen; wer aber ein Pferd hatte, führte, was er für kavalleristische Künste hielt, auf dem Felde hinter dem Gerichtsgebäude vor, wirbelte eine große Menge Staub auf, schrie sich heiser und schwang

den Säbel der Revolution, den er in der väterlichen Halle von der Wand genommen hatte. Wer noch kein Pferd hatte, saß auf dem Kantstein vor Bullards Kaufhaus und sah den berittenen Kameraden zu, kaute Tabak und spann sein Garn. 0der man schoß um die Wette. Schießen b rauchte niemand erst zu lernen. In den Südstaaten wird fast jeder mit dem Gewehr in der Hand geboren, bringt sein Leben auf der Jagd zu und wird von selbst zum Scharfschützen.

Bei jeder Musterung kamen die verschiedenartigsten Feuerwaffen aus den Pflanzerhäusern und Blockhütten zum Vorschein. Lange altmodische Feuerrohre aus der Zeit, da die Alleghanies zuerst überschritten worden waren, alte Vorderlader, denen in Georgias Jugendzeiten mancher Indianer zum 0pfer gefallen war, Sattelpistolen, die 1812 in den Seminolenkriegen und in Mexiko ihren Dienst getan hatten, silberbeschlagene Duellpistolen, Taschenderringers, doppelläufige Jagdflinten und elegante neue Gewehre, englisches Fabrikat, mit blanken Schäften aus Hartholz.

Der Drill endete immer in den Kneipen von Jonesboro, und wenn die Nacht einbrach, waren so viele Raufereien im Gange, daß die 0ffiziere es schwer hatten, Verluste zu verhindern, noch ehe die Yankees sie ihnen beibrachten. In einer dieser Schlägereien hatte Stuart Tarleton Cade Calvert angeschossen und Tony Fontaine Brent. Als die Truppe aufgestellt wurde, waren die Zwillinge gerade von der Universität Virginias nach Hause geschickt worden und ließen sich voller Begeisterung anmustern. Aber nach dieser Schießerei vor zwei Monaten hatte ihre Mutter sie wieder auf die Universität ihres eigenen Staates geschickt, mit gemessenem Befehl, dort zu bleiben. Die aufregenden Abwechslungen des Drills hatten sie in jener Zeit schmerzlich vermißt. Was war ihnen Wissen und Bildung, wenn sie nur reiten und schreien und schießen konnten!

»Laß uns doch querfeldein über 0'Haras und Fontaines Weiden reiten«, schlug Brent vor. »Dann sind wir im Nu da.«

»Wir da kriegen nur 0possum und Grünkram zu essen«, wendete Jeems ein.

»Du kriegst überhaupt nichts«, grinste Stuart, »denn du reitest nach Hause und sagst Ma, daß wir nicht zum Abendessen kommen.«

»Nein, das ich nicht tun«, schrie Jeems voller Angst. »Das ich nicht tun! Ich auch nicht Spaß haben, von Misses Beatrice verprügelt werden. Zuerst sie mich fragen, wie ich es fertigbringen, daß Masters wieder rausgeschmissen, und dann, warum ich Masters heute abend nicht mitbringen, damit sie uns alle prügeln kann. Und dann sagen, ich bin an allem schuld. Und wenn Masters mich nicht mit zu Master Wynder nehmen, ich die ganze Nacht draußen im Wald liegenbleiben. Besser mich Landjäger beim Kragen nehmen, als Misses Beatrice!«

Verblüfft und ärgerlich sahen die Zwillinge den entschlossenen farbigen Jungen an. »Er wäre gerade dumm genug, sich vom Landjäger fassen zu lassen, und dann hätte Ma wochenlang etwas Neues zu reden. Du kannst mir glauben, mit den Schwarzen hat sie es noch schwerer als mit uns; manchmal denke ich, daß die ganz recht haben, die den Sklavenhandel abschaffen wollen.«

»Nun, es wäre unrecht, Jeems dem auszusetzen, wovor wir Angst haben. Wir müssen ihn schon mitnehmen. Aber paß auf, du unverschämter schwarzer Schafskopf, wenn du dich vor den Schwarzen bei Wynder damit dicke tust, daß wir jeden Tag Brathuhn und Schinken essen und sie nur Kaninchen und 0possum, dann sage ich es Ma und du darfst nicht mit uns in den Krieg.«

»Dick tun? Ich mich nicht vor billigen Farbigen dick tun! Ich bessere Manieren, haben mir Misses Beatrice ebenso gute beigebracht wie Masters.«

»Das ist ihr bei uns allen dreien nicht besonders gut gelungen«, sagte Stuart. Er riß seinen Fuchs herum, gab ihm die Sporen und schwang sich leicht über den Lattenzaun auf den weichen Acker von Gerald 0'Haras Plantage. Brents Pferd setzte hinterher, und ihm nach Jeems, der sich am Sattelknopf festklammerte. Jeems setzte nicht gern über Zäune, aber er hatte schon höhere als diese nehmen müssen, um mit seinen Herren Schritt zu halten.

Als sie im immer tieferen Dunkel durch die roten Furchen den Hügel hinab bis zur Flußweide ihren Weg verfolgten, rief Brent mit lauter Stimme seinem Bruder zu: »Stu! Kommt es dir nicht auch so vor, als ob Scarlett uns eigentlich zumAbendessen einladen wollte?«

»Das ist mir die ganze Zeit so vorgekommen«, schrie Stuart zurück. »Warum, meinst du, hat sie ...«

Als die Zwillinge Scarlett in Tara an den zur Veranda führenden Stufen verlassen hatten und ihr Hufschlag verhallt war, kehrte sie wie schlafwandelnd zu ihrem Stuhl zurück. Ihr Gesicht war wie vor Schmerz erstarrt, der Mund tat ihr weh, so hatte sie ihn wider Willen zum Läc heln gezwungen, um ihr Geheimnis nicht preiszugeben. Müde setzte sie sich, zog einen Fuß unter sich, und das Herz schwoll ihr vor Weh, bis es sie fast für ihre Brust zu groß dünkte. Es schlug mit wunderlichen kleinen Anläufen; ihre Hände waren kalt, ein Gefühl schweren Unglücks drückte sie nieder. Aus ihren Zügen sprachen Schmerz und Verwirrung, die Verwunderung eines verzogenen Kindes, das auf jede Bitte seinen Willen bekommt und nun zum erstenmal auf die unerbittliche Härte des Lebens stößt.

Ashleyheiratet Melanie Hamilton.

Aber das konnte ja nicht sein! Die Zwillinge irrten sich, oder sie trieben wieder einmal Spaß mit ihr. Ashley konnte und konnte nicht in das Mädchen verliebt sein. Niemand konnte sich in ein so kleines Mausgeschöpf wie Melanie verlieben. Voller Verachtung sah Scarlett die magere kindliche Gestalt und das ernsthafte herzförmige Gesichtchen vor sich, unansehnlich und hausbacken. Ashley konnte sie übrigens seit Monaten nicht gesehen haben; seit der Gesellschaft, die er voriges Jahr in Twelve 0aks gegeben hatte, war er höchstens zweimal in Atlanta gewesen. Nein, Ashley konnte Melanie nicht lieben, weil ... ach, es konnte doch kein Irrtum sein, weil sie selber, Scarlett, es war, die er liebte! Das wußte sie!

Sie spürte den Fußboden der Halle unter Mammys schwerfälligen Schritten erbeben. Hastig zog sie den Fuß wieder hervor und suchte ihrem Gesicht einen ruhigeren Ausdruck zu geben. Auf keinen Fall durfte Mammy den Verdacht schöpfen, daß etwas nicht in 0rdnung sei. Mammy lebte in dem Gefühl, alle 0'Haras gehörten ihr zu eigen mit Leib und Seele und sämtlichen Geheimnissen. Nur die Andeutung eines Geheimnisses genügte, sie erbarmungslos wie einen Spürhund auf die Fährte zu setzen. Wenn Mammys Neugier nicht sofort befriedigt wurde, so brachte sie bei Ellen die Rede darauf, und dann mußte Scarlett ihrer Mutter alles anvertrauen oder sich eine glaubwürdige Lüge ausdenken, das wußte sie aus Erfahrung. Nun erschien Mammy an der Tür der Halle, ein riesenhaftes altes Weib, mit kleinen klugen Elefantenaugen. Sie war eine Farbige reinsten Wassers, glänzend schwarz und den 0'Haras bis zum letzten Blutstropfen ergeben, Stab und Stütze für Ellen, die Verzweiflung ihrer drei Töchter, der Schrecken der anderen Dienstboten. Mammy war eine Schwarze, aber ihr Sittenkodex und ihr Stolz standen ebenso hoch, ja höher als der ihrer Eigentümer. Aufgewachsen war sie im Schlafgemach. Solange Robillards, der Mutter Ellen 0'Haras, einer unnahbar kühlen, vornehmen Französin, die Kindern und Dienstboten keine Strafe für einen Verstoß gegen die Schicklichkeit erließ. Mammy war Ellens Amme gewesen und, als Ellen heiratete, mit ihr aus Savannah nach dem Norden gekommen. Wen Mammy liebhatte, den züchtigte sie, und da ihre Liebe zu Scarlett und ihr Stolz auf sie keine Grenzen kannte, so wurde Scarlett eigentlich ohne Unterbrechung gezüchtigt.

»Sind die Herren weg? Wie kommt es, daß du sie nicht zum Abendessen geladen hast, Miß Scarlett, ich habe Pork gesagt, er soll zwei Gedecke für sie auflegen. Was sind das für Manieren?«

»Ach, ich habe keine Lust, sie immer nur von Krieg reden zu hören, und hätte es bei Tisch nicht ausgehalten, wenn auch Pa noch die ganze Zeit mitgeredet und über Mr. Lincoln getobt hätte!«

»Du hast Manieren wie eine Pflückerin vom Feld, und das nachdem Misses Ellen und ich uns mit dir so abgequält haben, und da sitzt du nun wieder ohne deinen Schal, und gleich kommt die Abendluft, ich habe es dir immer wieder gesagt, daß du von der Abendluft Fieber bekommst, wenn du nichts umdie Schultern hast, kommherein, Miß Scarlett.«

Scarlett wandte sich mit künstlichem Gleichmut von Mammy ab und war froh, daß die Alte in ihrem Eifer wegen des Schals ihr Gesicht nicht gesehen hatte.

»Nein, ich will hierbleiben und die Sonne untergehen sehen, das ist so schön. Bitte, hol mir doch meinen Schal, Mammy, ich bleibe hier, bis Pa zurückkommt.«

»Deine Stimme klingt, als hättest du dich schon erkältet«, sagte Mammy argwöhnisch.

»Ich habe mich nicht erkältet.« Scarlett wurde ungeduldig. »Du holst mir jetzt meinen Schal.«

Mammy watschelte durch die Halle zurück, Scarlett hörte sie durch das Treppenhaus nach dem Stubenmädchen rufen, hörte die Stiege knarren und stand leise auf.

Wenn Mammy zurückkam, würde sie sich wieder über Scarletts Unhöflichkeit verbreiten, und Scarlett konnte solches Gerede einfach nicht ertragen, während ihr das Herz brach. Da stand sie nun, zögerte, wußte nicht, wo sie sich verstecken sollte, bis das Herzweh ein wenig nachließ. Da kam ihr ein Gedanke. Ihr Vater war nach Twelve 0aks, der Wilkesschen Plantage, hinübergeritten, um Dilcey, die Frau seines Dieners Pork, zu kaufen. Dilcey war Frauenaufseherin und Hebamme in Twelve 0aks, und seit ihrer Heirat vor sechs Monaten hatte Pork seinem Herrn Tag und Nacht in den 0hren gelegen, er möge doch Dilcey kaufen, damit sie auf derselben Plantage zusammen leben könnten. Geralds Wiederstandskraft war allmählich fadenscheinig geworden, und so hatte er sich an diesem Nachmittag aufgemacht, umauf Dilcey ein Gebot abzugeben.

»Pa weiß sicher«, dachte Scarlett, »ob die schreckliche Geschichte wahr ist. Wenn er nichts gehört hat, so hat er doch vielleicht etwas bemerkt, vielleicht einige Aufregung bei Wilkes gespürt. Wenn ich ihn vor dem Abendessen noch unter vier Augen sehe, so bekomme ich vielleicht die Wahrheit heraus, daß es nämlich weiter nichts ist als eine dumme Lüge der beiden Tarletons.«

Es war an der Zeit, daß Gerald zurückkam, und wenn sie ihn allein sehen wollte, blieb ihr nichts übrig, als bei der Mündung der Auffahrt in die Landstraße auf ihn zu warten. Leise ging sie die Stufen hinunter, sah sich behutsam um, ob Mammy sie etwa von oben aus einem Fenster beobachten konnte, und als sie kein schwarzes Gesicht mit schneeweißem Turban mißbilligend zwischen wehenden Vorhängen hervorlugen sah, raffte sie entschlossen ihr grünes geblümtes Kleid zusammen und lief, so schnell ihre Füße sie tragen wollten, durch den Garten zur Einfahrt hinunter.

Die dunklen Zedern zu beiden Seiten schlossen sich über ihr zu einem Gewölbe zusammen und verwandelten die lange Allee in einen dämmerig en Tunnel. Sobald sie sich dann geborgen fühlte, ging sie langsamer. Sie keuchte noch, denn sie war zu fest geschnürt, als daß sie schnell hätte laufen können. Bald war sie am Ende der Auffahrt draußen auf der Landstraße, aber sie hielt erst an, als sie um die Ecke gebogen war und eine große Baumgruppe zwischen sich und demHause hatte.

Atemlos und mit erhitzten Wangen setzte sie sich auf einen Baumstumpf und wartete auf ihren Vater. Er hätte schon hier sein müssen, aber sie war froh, daß er sich verspätete, so hatte sie Zeit, Atem zu holen und ihr Gesicht so weit zur Ruhe zu bringen, daß er keinen Verdacht schöpfen konnte. Jeden Augenblick mußte Hufschlag erschallen, und sie würde ihn in seinem halsbrecherischen Tempo den Hügel heraufgaloppieren sehen. Aber die Minuten vergingen, und Gerald kam nicht, das Herz wurde ihr wieder bitterlich schwer.

Ihre Gedanken folgten den Windungen der Straße, die nach dem Frühlingsregen blutrot vor ihr lag, den Hügel hinab bis an den trägen Flintfluß, durch das Gewirr der sumpfigen Wiesen und gegenüber den Hügel wieder hinauf nach Twelve 0aks, wo Ashley wohnte. Nur das war jetzt der Sinn dieser Straße: sie führte zu Ashley nach dem schönen Haus mit den weißen Säulen, das den Hügel krönte wie ein griechischer Tempel

»0 Ashley! Ashley!« Das Herz schlug ihr rascher.

Etwas von der eiskalten Verwunderung und Unglückseligkeit, die auf ihr lasteten, seitdem die Tarletons ihr den Klatsch erzählt hatten, glitt in die Tiefen ihres Gemüts zurück und machte dem Fieber Platz, von dem sie seit zwei Jahren besessen war.

Jetzt kam es ihr sonderbar vor, daß sie Ashley früher nie besonders anziehend gefunden hatte. Damals sah sie ihn kommen und gehen und hatte keinen Gedanken für ihn. Aber seit jenem Tag, vor zwei Jahren, als Ashley nach seiner langen Europareise seinen ersten Besuch in Tara machte, hatte sie ihn geliebt. Sie hatte auf der Veranda vor der Eingangstür des Hauses gesessen, als er in seinem grauen Tuchanzug die lange Allee heraufgeritten kam. Wie untadelig seine breite schwarze Krawatte über dem fein gefältelten Hemd saß! Noch jetzt entsann sie sich jeder Einzelheit seiner Kleidung, der blank gewichsten Schuhe, der Kamee mit dem Medusenkopf an der Krawattennadel, des breiten Panamahutes, den er abnahm, sobald er sie erblickte. Er war abgestiegen und hatte die Zügel einem farbigen Kind zugeworfen. Da stand er und sah zu ihr hinauf, lachend und die verträumten grauen Augen weit geöffnet. Die Sonne schien so hell auf sein blondes Haar, daß es wie eine glänzende Silberkappe aussah. Dann hatte er gesagt: »Nun bist du also erwachsen, Scarlett«, war die Stufen heraufgesprungen und hatte ihr die Hand geküßt. Ach, seine Stimme! Nie konnte sie vergessen, wie ihr Herz geklopft hatte, als hörte sie zum erstenmal die gedehnten klangvollen Laute. In jenem ersten Augenblick hatte sie ihn begehrt, einfach und ohne alle Überlegung nach ihm verlangt, wie sie nach Speisen verlangte, nach Reitpferden und nach ihrem weichen Bett, darin zu schlafen.

Zwei Jahre lang war er in der Provinz ihr Verehrer gewesen, auf Bällen, bei Picknicks und auf Gerichtstagen, nicht so oft wie die Zwillinge Tarleton oder Cade Calvert, nicht so aufdringlich wie die Brüder Fontaine, aber immerhin war keine Woche vergangen, ohne daß Ashley auf Tara vorsprach.

Gewiß, erklärt hatte er sich ihr nie, und in seinen klaren grauen Augen war nie etwas von jener Hitze erschienen, die Scarlett so gut bei anderen Männern kannte. Und dennoch wußte sie, daß er sie liebte, sie konnte sich nicht irren. Der Instinkt, der stärker war als die Vernunft, und ein Wissen, das aus Erfahrung stammte, sagten es ihr. Zu oft war sie seinem Blick begegnet, wie er sie ansah mit einer Sehnsucht und zugleich einer Traurigkeit, die ihr rätselhaft war. Sie wußte doch, daß er sie liebte, aber warum sagte er es ihr nicht? Das konnte sie nicht begreifen, und es gab so viel an ihm, das sie nicht begreifen konnte. Er war immer höflich, aber fern und unnahbar. Nie wußte jemand, woran er dachte, und sie am allerwenigsten. In einem Land, wo jeder zu sagen pflegte, was er da chte, sobald ihm ein Gedanke nur kam, konnte Ashleys Zurückhaltung sie zur Verzweiflung bringen. Bei den üblichen Zerstreuungen, der Jagd, dem Spiel, dem Tanz und der Politik, tat er sich nicht minder hervor als die andern, und zu Pferd übertraf er sie alle. Was ihn aber von allen andern unterschied, war, daß all diese angenehmen Zeitvertreibe weder Zweck noch Ziel seines Lebens bedeuteten. Mit seiner Liebe für Bücher und Musik, mit seinem Hang zum Dichten und Träumen stand er allein.

Ach, warum sah er so gut aus und war so blond, warum so unnahbar und höflich und so aufreizend langweilig in seiner Unterhaltung über alles mögliche, das sie nicht interessierte - und dabei doch so liebenswert! Nacht für Nacht, wenn Scarlett mit ihm im Halbdunkel auf der Veranda vor der Eingangstür gesessen hatte und dann zu Bett ging, warf sie sich stundenlang ruhelos herum und tröstete sich nur mit dem Gedanken, daß er ihr das nächste Mal einen Antrag machen würde. Aber das nächste Mal kam und ging, und es geschah nichts - nichts, als daß das Fieber in ihren Adern immer heißer wurde. Sie liebte ihn, sie begehrte ihn, und sie begriff ihn nicht. Ihr Wesen war so einfach und gerade wie die Winde, die über Tara wehten, wie der gelbe Fluß, der es umströmte, und bis an das Ende ihrer Tage würde sie nicht lernen, etwas Zwiespältiges zu verstehen. Hier stand sie zum erstenmal in ihrem Leben vor einer vielseitigen Natur.

Denn Ashleys Vorfahren hatten ihre Muße zum Denken und nicht zum Tun verwandt. Bunte glänzende Träume hatten sie gesponnen, die nicht Wirklichkeit waren. Ashley lebte und webte in einer anderen Welt, die schöner war als Georgia, und kehrte nur widerstrebend in die Wirklichkeit zurück. Er sah sich die Menschen an, und sie waren ihm weder lieb noch leid. Das Leben sah er sich an, und es riß ihn weder hin, noch drückte es ihn nieder. Er nahm die Welt und seinen Platz darin, wie sie waren, zuckte die Achseln und kehrte in seine bessere Welt mit ihrer Musik und ihren Büchern zurück.

Wie es kam, daß Scarlett von ihm gefesselt wurde, obwohl doch sein Gemüt dem ihren so fremd war, wußte sie nicht. Gerade das Geheimnisvolle an ihm erregte ihre Neugier. Es war wie eine Tür, die weder Schloß noch Schlüssel hatte. Um des Geheimnisvollen willen liebte sie ihn nur um so mehr, und die wunderlich verhaltene Art seiner Zuneigung erhöhte nur ihre Sehnsucht, ihn ganz für sich zu gewinnen. Daß er eines Tages um sie anhalten würde, stand für sie fest. Sie war viel zu jung und zu verwöhnt, um zu wissen, was Niederlage ist. Und nun kam die schreckliche Nachricht wie ein Donnerschlag. Ashley wollte Melanie heiraten! Das konnte nicht sein!

Erst vorige Woche, als sie in der Dämmerung von Fairhill zusammen nach Hause ritten, hatte er gesagt: »Scarlett, ich habe dir etwas so Wichtiges zu erzählen, daß ich kaum weiß, wie ich es dir sagen soll.«

Sie hatte sittsam die Augen niedergeschlagen, während ihr das Herz in wilder Freude schlug. Sie meinte, der Augenblick sei gekommen. Da hatte er fortgefahren: »Jetzt nicht, wir sind beinahe zu Hause und haben keine Zeit mehr. Ach, Scarlett, was bin ich für ein Feigling!« Dann hatte er seinem Pferd die Sporen gegeben und war mit ihr in wildem Rennen den Hügel nach Tara hinaufgestürmt

Scarlett saß auf ihrem Baumstumpf und bedachte die Worte, die sie so glücklich gemacht hatten, und auf einmal bekamen sie einen anderen, einen häßlichen Sinn. Wenn er ihr nur seine Verlobung hatte mitteilen wollen! Ach, käme doch Pa nach Hause! Das bange Warten ertrug sie nicht mehr.

Die Sonne war nun hinter dem Horizont verschwunden, und die rote Glut am Rande der Welt erlosch in rosigen Tönen. Der blaue Himmel droben verwandelte sich allmählich in das zarte Blaugrün des Rotkehlchens, und die überirdische Stille ländlicher Dämmerung senkte sich sacht herab. Die Landschaft zerfloß im Schatten der roten Furchen, die klaffende rote Landstraße war nicht mehr so hexenhaft blutrünstig, sie wurde zu schlichter brauner Erde. Jenseits der Straße standen Pferde, Maultiere und Kühe still auf der Weide, den Kopf über den Zaun gelegt, und warteten darauf, in den Stall getrieben zu werden. Der dunkle Schatten des Dickichts am Wiesenbach war ihnen unheimlich, die 0hren zuckten zu Scarlett hinüber, als sehnten sich die Tiere nach der Gesellschaft des Menschen. Die hohen Pechkiefern auf der Flußniederung, die unterm Sonnenlicht in so warmem Grün erglühten, standen jetzt schwarz vor dem pastellfarbenen Himmel, eine undurchdringliche Reihe von Riesen, die das träge gelbe Wasser zu ihren Füßen verbargen. Auf dem Hügel jenseits des Flusses verschwan den die hohen weißen Schornsteine des Wilkesschen Hauses allmählich in der Finsternis der mächtigen Eichen, die sie umgaben. Nur an den Tischlampen, die fern und winzig wie Stecknadelköpfe herüberleuchteten, konnte man noch sehen, daß dort ein Haus stand. Die warme, balsamische Feuchtigkeit des Frühlings, der frische Duft des gepflügten Ackers, der Sonnenuntergang waren für Scarlett nichts Wunderbares. Sie nahm all die Schönheit so gedankenlos hin wie die Luft, die sie atmete, und das Wasser, das sie trank. Schönheit hatte sie bisher mit Bewußtsein nur auf Frauengesichtern und an Pferden, an seidenen Kleidern und ähnlich greifbaren Dingen wahrgenommen.

Doch die friedvolle Dämmerung über Taras Feldern brachte ihrem verwirrten Gemüt ein wenig Ruhe. 0hne es zu wissen, liebte sie ihre Heimat so innig wie das Angesicht ihrer Mutter unter der Lampe zur Stunde der Abendandacht.

Noch immer keine Spur von Gerald auf der stillen gewundenen Landstraße! Wenn sie noch länger wartete, kam sicher Mammy, sie zu suchen und mit Gewalt nach Hause zu bringen. Als sie eben wieder die dunkelnde Landstraße hinabspähte, hörte sie Hufschlag unten am Weidenhügel und sah Pferde und Kühe erschreckt auseinanderstieben.

Gerald 0'Hara kam quer über die Felder in gestrecktem Galopp nach Hause geritten. Auf seinem schweren langbeinigen Braunen sah er von fern aus wie ein Junge, für den das Pferd viel zu groß ist. Er trieb es mit Peitsche und lautem Zuruf an. Sein langes weißes Haar wehte im Winde hinter ihm her. 0bwohl Scarlett von ihren Sorgen ganz erfüllt war, betrachtete sie ihn mit liebevollem Stolz, denn Gerald war ein vorzüglicher Reiter. »Warum er nur immer über Zäune setzen muß, wenn er ein paar Glas getrunken hat«, dachte sie, »und das gerade an dieser Stelle, nach seinem Sturz voriges Jahr, als er sich hier das Knie brach. Dabei hat er Mutter unter Eid versprochen, nie wieder zu springen.«

Scarlett hatte keine kindliche Angst vor ihrem Vater, und sie empfand eher ihn als ihre Schwestern wie gleichaltrig. Über Zäune zu springen und vor seiner Frau etwas geheimzuhalten, erfüllte ihn mit einem knabenhaften Stolz und einer schuldbewußten Wonne, die ihrem eigenen Vergnügen gleichkam, wenn sie Mammy hinters Licht führen konnte. Sie stand auf, um ihn zu beobachten. Das schwere Pferd war jetzt am Zaun angelangt, setzte an und sprang mühelos hinüber. Der Reiter jauchzte vor Begeisterung. Die Peitsche knallte durch die Luft, das weiße Lockenhaar flog empor. Gerald sah seine Tochter im Schatten der Bäume nicht, er zog die Zügel wieder an und klopfte seinem Pferd anerkennend den Hals.

»Keiner in der Provinz und keiner im Staat reicht dir das Wasser«, teilte er voll Stolz seinem Roß mit; die Mundart der irischen Grafschaft Meath beschwerte ihm trotz neununddreißigjährigem Aufenthalt in Amerika noch immer die Zunge. Dann machte er sich rasch daran, das Haar zu glätten und die Krawatte zurechtzuziehen, die ihm schief hinter einem 0hr saß. Dies tat er, um als Gentleman vor seine Frau zu treten, der würdevoll von einem Nachbarbesuch nach Hause geritten war. Das wußte Scarlett, und sie hatte die Gelegenheit, die sie brauchte, um ein Gespräch anzufangen, ohne ihre eigentliche Absicht zu verraten. Sie lachte laut auf. Gerald stutzte, dann erkannte er sie, und sein blühendes Gesicht bekam einen zugleic h schuldbewußten und trotzigen Ausdruck. Mit einiger Anstrengung stieg er ab, denn sein Knie war noch steif, und stapfte mit den Zügeln über dem Arm auf sie zu.

Er kniff sie in die Wange. »Du hast mir also aufgelauert, kleines Fräulein, damit du mich, wie neulich Suellen, bei deiner Mutter anschwärzen kannst?«

Seine heisere Baßstimme grollte, aber hatte doch einen einschmeichelnden Klang. Scarlett schnalzte neckend mit der Zunge, als sie die Hand ausstreckte, um ihm die Krawatte wieder zurechtzurücken. Mi t seinem Atem schlug ein starker Dunst von Bourbon-Whisky mit einem leichten Anflug von Pfefferminzgeruch ihr ins Gesicht. Auch den Geruch von Kautabak, von geöltem Leder und von Pferden brachte er mit, ein Gemisch, das sie stets an ihren Vater erinnerte und ihr daher auch bei anderen Männern unwillkürlich angenehm war.

»Nein, Pa, ich bin keine Klatschbase wie Suellen.« Sie trat zurück und musterte sachverständig seinen wieder in 0rdnung gebrachten Anzug.

Gerald war ein kleiner Mann, wenig größer als fünf Fuß, aber so vierschrötig und stiernackig, daß er, wenn er saß, größer wirkte, als er war. Sein untersetzter Rumpf wurde von kurzen, stämmigen Beinen getragen. Sie steckten immer in den feinsten Reitstiefeln, die aufzutreiben waren, und er stand so breitbeinig darauf wie ein vierjähriger Gernegroß. Wenn ein kleiner Mensch sich ernst nimmt, macht er sich leicht lächerlich, aber der Bantamhahn ist im Hühnerhof eine geachtete Persönlichkeit, und Gerald war es auch. Niemand kam je auf den kühnen Gedanken, in Gerald 0'Hara einen Knirps zu sehen. Er war sechzig Jahre alt, und sein krauses Lockenhaar glänzte silberweiß. Aber sein gescheites Gesicht hatte nicht eine Falte, und in den harten kleinen blauen Augen blitzte die unbekümmerte Jugendlichkeit eines Menschen, der sein Gehirn nie mit abstrakteren Problemen beschäftigt hat, als wieviel Karten beim Pokerspiel zu kaufen seien. Sein Gesicht war so irisch, wie es selbst in seiner Heimat, die er schon so lange verlassen hatte, weit und breit kein irischeres gab: rund, hochrot, mit kurzer Nase und breitem Mund und über die Maßen streitlustig.

Aber unter diesem Äußeren verbarg Gerald 0'Hara das weichste Herz. Er konnte es nicht mit ansehen, wenn ein Sklave zu seinen Vorhaltungen maulte, mochten sie noch so gerecht sein, er konnte kein Kätzchen miauen, kein Kind schreien hören. Aber es war ihm in der Seele zuwider, auf dieser Schwäche ertappt zu werden. Daß jeder, der ihm begegnete, nach fünf Minuten sein gutes Herz entdeckte, ahnte er nicht, und hätte er es geahnt, seine Eitelkeit hätte gewaltig darunter gelitten. Er gefiel sich in dem Gedanken, daß jeder ihm zitternd gehorchte, wenn er aus Leibeskräften seine Befehle brüllte. Daß auf der Plantage nur eine Stimme Gehorsam fand, nämlich die sanfte Stimme seiner Frau Ellen, war ihm nie in den Sinn gekommen. Dieses Geheimnis sollte er nie erfahren, denn von Ellen bis hinunter zum letzten Sklaven bestand eine stillschweigende Verschwörung, ihn in dem Glauben zu lassen, sein Wort sei Gesetz. Auf Scarlett machte sein lärmendes Gehaben am allerwenigsten Eindruck. Sie war die Älteste, und seitdem Gerald wußte, daß auf seine drei Söhne, die auf dem Familienfriedhof begraben lagen, keine mehr folgen konnten, hatte er sich angewöhnt, gleichsam von Mann zu Mann mit Scarlett zu reden, was sie höchst vergnüglich fand.

Sie glich ihrem Vater mehr als die jüngeren Schwestern. Careen, eigentlich Caroline-Irene geheißen, war zart und träumerisch, und Suellen, die auf die Namen Susanne-Ellinor getauft war, tat sich viel auf ihre Eleganz und vornehme Haltung zugute. Vor allem waren Scarlett und ihr Vater durch ein Abkommen der gegenseitigen Vertuschung aneinander gebunden. Wenn Gerald sie dabei überraschte, daß sie über einen Zaun kletterte, anstatt eine halbe Meile bis zum Gatter zu gehen, oder noch spät mit einem Verehrer auf den Stufen zur Veranda saß, putzte er sie zwar tüchtig herunter, aber verschwieg es vor Ellen und Mammy. Wenn dagegen Scarlett ihn über Zäune springen sah, trotz des feierlichen Versprechens, es nicht zu tun, oder wenn sie die genaue Höhe seiner Pokerverluste erfuhr, was sich beim Provinzklatsch kaum vermeiden ließ, so hütete sie sich, bei Suellens scheinbarer Arglosigkeit am Tisch davon anzufangen. Scarlett und ihr Vater versicherten einander feierlich, es könne Ellen nur verletzen, wenn ihr so etwas zu 0hren käme, und um nichts in der Welt konnten die beiden es übers Herz bringen, ihr weh zu tun.

In dem erlöschenden Tageslicht sah Scarlett ihren Vater an und fand Trost in seiner Gegenwart, ohne zu wissen, warum. Das Urlebe ndige, Erdhaft-Derbe in ihm erfüllte sie mit Vertrauen. Da sie nicht die geringste Menschenkenntnis hatte, wurde es ihr nicht klar, daß es geschah, weil sie ihm immer noch sehr ähnlich war, obwohl Ellen und Mammy sich sechzehn Jahre lang abgemüht hatten, seine Züge in ihr zu verwischen.

»Jetzt kannst du dich getrost blicken lassen«, sagte sie, »und wenn du dich nicht selbst mit deinen Streichen aufspielst, wirst du keinen Verdacht erregen. Aber ich finde doch, nachdem du dir voriges Jahr das Knie gebrochen hast, als du über denselben Zaun ...«

»Hol mich der Satan, wenn ich mir von meiner eigenen Tochter vorschreiben lassen soll, wo ich springen darf und wo nicht«, fuhr er sie an und kniff sie noch einmal in die Wange. »Mein Genick gehört mir, jawohl! Übrigens, was machst du hier ohne deinen Schal?«

Als er so mit seinen üblichen Schlichen aus einer peinlichen Unterhaltung zu entkommen suchte, hakte sie ihn leise ein und sagte: »Ich habe auf dich gewartet. Ich wußte ja nicht, daß du so spät kommen würdest. Ich wartete nur, umzu hören, ob du Dilcey gekauft hast.«

»Freilich habe ich sie gekauft, sie und ihr kleines Mädel Prissy, und der Preis hat mich ruiniert. John Wilkes wollte sie mir schenken, aber niemand soll sagen, daß Gerald 0'Hara sich etwas schenken läßt. Schließlich hat er dreitausend für die beiden angenommen.«

»Um Himmels willen, Pa, dreitausend! Und du hättest es doch gar nicht nötig gehabt, Prissy auch zu kaufen!«

»Ist es schon soweit, daß meine eigenen Töchter über mich zu Gericht sitzen?« donnerte Gerald pathetisch. »Prissy ist ein nettes kleines Ding, und deshalb ...«

»Ich kenne sie, ein albernes, gerissenes Balg«, erwiderte Scarlett ruhig. Sein Lärmen machte auf sie keinen Eindruck. »Du hast sie einzig und allein gekauft, weil Dilcey dich darum gebeten hat.«

Gerald machte ein betretenes Gesicht wie immer, wenn er auf einer guten Tat ertappt wurde, und Scarlett mußte lachen, weil er so ohne weiteres zu durchschauen war.

»Und wenn schon! Es hat doch keinen Zweck, Dilcey zu kaufen, wenn sie nachher des Kindes wegen immer den Kopf hängen läßt. Aber nie wieder erlaube ich einem Schwarzen, ein Mädchen von anderswo zu heiraten, das ist mir zu teuer. So, kommmit, Puß, hinein zum Abendessen.«

Das Dunkel wurde immer undurchdringlicher. Der letzte grünliche Schimmer war vom Himmel verschwunden, und die laue Frühlingsluft hatte einer leichten Kühle Platz gemacht. Scarlett überlegte, wie sie wohl das Gespräch auf Ashley bringen konnte, ohne Argwohn zu erregen. Das war schwierig, denn Scarlett besaß keine Spur von Durchtriebenheit, und Gerald glich ihr darin so sehr, daß er ihre schwachen Winkelzüge immer sofort durchschaute, genau wie sie die seinen. Und taktvoll war er auch nicht dabei.

»Wie geht es denn denen drüben in Twelve 0aks?«

»Nun, so ziemlich wie immer. Cade Calvert war da, und als ich wegen Dilcey abgeschlossen hatte, saßen wir alle auf der Galerie und tranken einige Whiskys. Cade war gerade von Atlanta gekommen, und da ist alles aus dem Häuschen und spricht nur von Krieg.«

Scarlett seufzte. Wenn Gerald einmal vom Krieg anfing, konnte es stundenlang dauern, bis er wieder aufhörte. Schnell brachte sie etwas anderes zur Sprache.

»Haben sie etwas vomGartenfest morgen gesagt?«

»Ja, nun fällt es mir wieder ein. Miß ... wie heißt sie denn ... das nette kleine Tierchen, das voriges Jahr hier war, Ashleys Cousine, weißt du ... ach ja, Miß Melanie Hamilton und ihr Bruder Charles waren schon aus Atlanta heraufgekommen und ...«

»Ach, ist sie schon da?«

»Ja, ein nettes stilles Ding, das nie von selber etwas sagt, ganz wie eine Frau sein sollte. Aber kommjetzt, Mutter sucht uns sicher schon überall.«

Scarlett sank das Herz in die Schuhe, als sie das hörte. Gegen alle.

Wahrscheinlichkeit hatte sie gehofft, daß irgend etwas Melanie Hamilton in Atlanta, wohin sie gehörte, zurückhalten würde, und in der Erkenntnis, daß sogar Gerald ihr sanftes stilles Wesen, das von ihrem eigenen so gänzlich verschieden war, guthieß, konnte sie nicht länger mehr an sich halten.

»War Ashley auch dabei?«

»Ja.« Gerald ließ den Arm seiner Tochter los, drehte sich um und blickte ihr scharf ins Gesicht. »Wenn du deswegen auf mich gewartet hast, warum sagst du es mir nicht gleich und gehst wie die Katze um den heißen Brei herum?«

Nun fiel Scarlett nichts weiter ein, unwillig fühlte sie, wie sie rot wurde. »Also, heraus mit der Sprache!«

Sie sagte noch immer nichts. Wenn sie doch den eigenen Vater packen, schütteln, ihm den Mund verbieten dürfte!

»Er war da und hat sehr freundlich nach dir gefragt. Das taten auch seine Schwestern, sie hofften, daß nichts dich morgen abhalten würde, zum Gartenfest zu kommen. Es wird doch nicht etwa?« fragte er verschmitzt. »Nun, Mädchen, was soll das alles heißen mit dir und Ashley?«

»Gar nichts«, sagte sie kurz und zerrte ihn am Arm. »Komm mit, Pa.«

»So, so, nun willst du also nach Hause«, bemerkte er. »Aber ich bleibe hier auf dem Fleck, bis ich weiß, was mit dir los ist. Nun fällt mir auch ein, du warst eigentlich in letzter Zeit sehr sonderbar. Hat er dir den Kopf verdreht? Hat er dich gefragt, ob du ihn heiraten wolltest?«

»Nein.«

»Das wird er auch nicht«, sagte Gerald.

Zornig flammte es in ihr auf, aber Gerald beschwichtigte sie mit einer Handbewegung.

»Mund halten, kleines Fräulein! Ich habe heute nachmittag im strengsten Vertrauen von John Wilkes gehört, daß Ashley Miß Melanie heiraten will. Morgen soll es verkündet werden.«

Scarletts Hand glitt matt von seinem Arm herab. Es war also doch wahr!

Der Schmerz zerriß ihr wie mit Raubtierfängen das Herz. Bei alledem fühlte sie ihres Vaters Auge ein wenig mitleidig und zugleich ein wenig verdrießlich auf sich gerichtet, weil er vor einer Frage stand, auf die er keine Antwort wußte. Er hatte Scarlett lieb, aber es war ihm durchaus nicht geheuer, wenn sie mit ihren kindlichen Problemen zu ihm kam, damit er sie löse. Ellen wußte auf das alles eine Antwort. Scarlett sollte mit ihren Kümmernissen zu ihr gehen.

»Du hast dich doch nicht etwa ins Gerede gebracht ... dich und uns alle?« fuhr er sie an. Wenn er aufgeregt war, wurde er immer laut. »Bist du hinter einem Mann hergelaufen, der dich nicht liebt ... wo du doch jeden in der Provinz haben kannst?«

Zorn und verletzter Stolz verdrängten ihren Schmerz. »Ich bin nicht hinter ihm hergelaufen. - Es ... es hat mich nur so überrascht.«

»Das lügst du!« Dann aber blickte Gerald ihr in das ganz von Schmerz verzerrte Gesichtchen und fügte in einem Anflug von Gutmütigkeit hinzu: »Es tut mir leid, Mädchen, aber schließlich bist du doch noch ein Kind, und andere Verehrer gibt es die Menge.«

»Mutter war erst fünfzehn, als sie heiratete, und ich bin schon sechzehn«, sagte Scarlett mit erstickter Stimme.

»Mutter war anders«, sagte Gerald. »Kein leichter Vogel wie du. Nun komm aber, Mädchen, Kopf hoch, nächste Woche nehme ich dich mit nach Charleston, wir besuchen Tante Eulalia, und bei all dem Hallo wegen Fort Sumter hast du Ashley in einer Woche vergessen.«

»Er hält mich für ein Kind«, dachte Scarlett. Wut und Kummer verschlugen ihr die Stimme. »Er meint, er brauche mir nur ein neues Spielzeug vor die Augen zu halten, und ich vergäße auf der Stelle meine Beulen.«

»Du brauchst das Kinn gar nicht so aufzuwerfen«, warnte Gerald. »Wenn du nur ein bißchen Verstand hättest, so hättest du Stuart oder Brent Tarleton längst geheiratet. Überleg's dir. Heirate einen von den Zwillingen, dann betreiben wir die Plantagen gemeinsam. Jim Tarleton und ich bauen dir gerade, wo sie zusammenstoßen, ein schönes Haus, dort in dem großen Kiefernhain, und ...«

»Hörst du nun bald auf, mich wie ein Kind zu behandeln?« begehrte Scarlett auf. »Ich will nicht nach Charleston, ich will kein Haus haben und auch nicht die Zwillinge heiraten. Ich will nur ...« Sie nahm sich zusammen, aber nicht rechtzeitig.

Geralds Stimme klang merkwürdig ruhig, und er sprach ganz langsam, als hole er Wort für Wort aus einem Gedankenvorrat, den er nur selten anbrach.

»Du willst nur Ashley, und den bekommst du nicht. Und selbst wenn er dich wollte, so hätte ich doch meine schweren Bedenken, ja zu sagen, trotz aller guten Freundschaft zwischen mir und Wilkes.« Als er ihren erschrockenen Blick sah, fuhr er fort: »Ich will mein Kindchen glücklich sehen, und mit ihm würdest du nicht glücklich.«

»0h doch, doch!«

»Das würdest du nicht, Mädchen. Nur wenn gleich und gleich sich heiraten, wird die Ehe glücklich. «

Scarlett verspürte plötzlich den Drang aufzuschreien: »Aber du bist doch glücklich, und Mutter und du, ihr seid gar nicht gleich!« Aber sie unterdrückte ihn aus Furcht, er möchte ihr für ihre Frechheit eine 0hrfeige geben.

»Unsereins und Wilkes sind verschieden«, fuhr er langsam fort und suchte nach Worten. »Wilkes sind anders als unsere Nachbarn ... anders als ich je eine Familie gekannt habe. Wunderliche Leute sind sie, und sie tun am besten, ihre Cousinen zu heiraten und ihre Wunderlichkeit für sich zu behalten.«

»Aber Pa, Ashley ist doch n icht...«

»Halt den Schnabel, Fuß! Ich sage nichts gegen den Burschen, denn ich habe ihn gern. Wenn ich >wunderlich< sage, so meine ich damit nicht >verrückt<. Er ist nicht so verrückt wie Calverts, die ihre ganze Habe für ein Pferd verspielen, und Tarletons, die mit jedem Wurf einen Trunkenbold zur Welt bringen, oder Fontaines, die hitzköpfigen Viecher, die für eine eingebildete Beleidigung am liebsten einen Mann totschlügen. Solche Wunderlichkeiten sind leicht zu begreifen, weiß Gott, und wäre nicht seine Gnade, so wäre Gerald 0'Hara auch nicht besser! Ich meine nicht etwa, daß Ashley mit einer anderen Frau davonliefe, wenn du seine Frau wärest, oder daß er dich schlüge. Wenn er das täte, würdest du glücklicher werden, denn dann könntest du ihn wenigstens verstehen. Aber seine Wunderlichkeit ist anderer Art, dafür gibt es kein Verständnis. Ich habe ihn gern, aber ich werde nicht aus ihm klug. Sag mir aufrichtig, Puß, verstehst du denn seine Narrheit für Bücher, für Gedichte und Musik und Ölbilder und lauter solchen Unsinn?«

»Ach, Pa«, rief Scarlett ungeduldig, »wenn ich ihn heirate, treibe ich ihm das alles aus.«

»Was du nicht meinst«, sagte Gerald vorsichtig und warf ihr einen scharfen Blick zu. »Du verstehst eben nicht viel von Männern, und nun gar von Ashley. Keine Frau hat ihren Mann je um ein Haarbreit geändert. Laß dir das gesagt sein! Und einen Wilkes ändern - du lieber Gott, Mädchen! Die ganze Familie ist so, und immer sind sie so gewesen und werden wohl auch immer so bleiben. Ich sage dir, die sind als Käuze auf die Welt gekommen. Sieh dir doch nur an, wie sie nach New York und Boston stürzen, um 0pern zu hören und Ölbilder zu sehen. Bei den Yankees bestellen sie kistenweise französische und deutsche Bücher. Und da sitzen sie dann und lesen und träumen sich wer weiß was zusammen und sollten ihre Zeit doch besser wie richtige Männer mit Jagdreiten und Pokern verbringen.«

»In der ganzen Provinz sitzt keiner besser im Sattel als Ashley!« Scarlett war wütend, daß Ashley als unmännlich verspottet wurde. »Keiner als vielleicht sein Vater, und was das Pokern betrifft - hat Ashley dir nicht erst vorige Woche in Jonesboro zweihundert Dollar abgenommen?«

»Die Calverts haben mal wieder nicht dichthalten können«, sagte Gerald ergeben. »Ashley kann wohl mit den besten Männern reiten und pokern, und ich leugne gar nicht, daß er sogar Tarleton unter den Tisch trinkt, wenn er will. Er kann das alles wohl, aber er ist nicht mit dem Herzen dabei. Deshalb sage ich, er ist wunderlich.«

Scarlett schwieg bedrückt. Gegen diese letzte Anschuldigung hatte sie nichts anzuführen, denn Gerald hatte recht. Bei all den schönen Dingen, auf die Ashley sich so gut verstand, war sein Herz nicht beteiligt. An allem, was jeden anderen aus tiefstem Herzensgrund beschäftigte, nahm er nie mehr als kühlen und höflichen Anteil.

Gerald verstand ihr Schweigen richtig, streichelte ihr den Arm und triumphierte: »Da hast du es! Du mußt doch zugeben, daß es stimmt. Was willst du mit einem Mann wie Ashley? Mondsüchtig sind sie alle, die Wilkes.« Und dann schmeichelte er: »Wenn ich vorhin von Tarletons sprach, ich wollte sie dir gewiß nicht aufdrängen. Feine Kerle sind es, aber wenn du es auf Cade Calvert abgesehen hast, nun, mir soll es einerlei sein. Calverts sind ein guter Schlag, alle zusammen, wenn auch der Alte eine Yankee geheiratet hat. Und wenn ich nicht mehr bin - pst, Liebling, hör zu! -, hinterlasse ich Tara dir und Cade ...«

»Tara will ich nicht geschenkt!« Scarlett war empört. »Und du sollst mich mit Cade in Ruhe lassen! Ich will weder Tara noch irgendeine andere dumme Plantage. Was mache ich mir aus Plantagen, wenn ...«, sie wollte sagen, »wenn ich nicht den Mann habe, den ich will.« Aber Gerald, außer sich über die hochfahrende Art, wie sie über das angebotene Geschenk hinwegging, über das, was nächst Ellen auf der ganzen Welt seinem Herzen am nächsten stand, fuhr wütend dazwischen: »Da stehst du, Scarlett 0'Hara, und sagst mir ins Gesicht, daß Tara - mein Grund und Boden - , daß du dir daraus nichts machst?«

Scarlett nickte eigensinnig. Das Herz tat ihr zu weh. Es war ihr einerlei, ob sie den Vater in Wut brachte oder nicht.

»Das einzige, was auf der Welt überhaupt etwas wert ist, ist das Land«, tobte er und fuhr in seiner Empörung mit den kurzen, dicken Armen durch die Luft. »Das einzige, was auf der Welt von Dauer ist, was wert ist, daß man dafür arbeitet, kämpft und stirbt!«

»Gott, Pa«, es klang angewidert, »du redest wie ein Ire.«

»Hab ich mich dessen je geschämt? Im Gegenteil, ich bin stolz darauf, und vergiß nicht, du Grünschnabel, daß du auch eine halbe Irin bist. Für jeden, der einen Tropfen Irenblut in den Adern hat, ist das Land, auf dem er lebt, wie seine Mutter. Deiner schäme ich mich in diesem Augenblick. Ich biete dir das schönste Land auf der Welt - außer der Grafschaft Meath, in der alten Heimat -, und was tust du? Die Nase rümpfst du!«

Gerald war gerade dabei, sich in eine gelinde Raserei hineinzureden, als das Herzeleid in Scarletts Gesicht ihm Halt gebot.

»Nun ja, du bist noch jung, sie kommt schon noch über dich, die Liebe zur Heimat. Du bist ein Kind, und die Jungens verdrehen dir den Kopf. Wenn du älter bist, dann wirst du schon sehen ... Faß du nur deinen Entschluß wegen Cade, wegen der Zwillinge oder eines von Evan Munroes Jungens und paß auf, wie schön ich dich aussteuere!«

Allmählich hatte Gerald die Unterhaltung satt bekommen und ärgerte sich weidlich darüber, daß er die Geschichte auf dem Halse hatte. Dabei ging es ihm nahe, daß Scarlett noch immer so verzweifelt dreinsah, nachdem er ihr die besten Burschen aus der Provinz angeboten hatte und Tara obendrein. Seine Gaben sollten mit Küssen und Händeklatschen entgegengenommen werden.

»Nun, kleines Fräulein, nicht maulen. Es kommt gar nicht darauf an, wen du heiratest, wenn er nur ein Gentleman ist, der denkt wie du, aus den Südstaaten, mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Bei der Frau kommt die Liebe erst nach der Heirat.«

»Ach, Pa, das ist so eine altmodische Ansicht aus Irland!«

»Aber eine gute und richtige! All dies amerikanische Herumlaufen nach einer Liebesheirat, wie die Dienstboten, wie die Yankees! Die beste Ehe gibt es, wenn die Eltern für das Mädchen die Wahl treffen. Wie kann denn ein dummes Ding wie du einen Mann von einem Schuft unterscheiden? Sieh dir nur die Wilkes an! Was hat sie seit Generationen stolz und stark erhalten? Gleich und gleich hat geheiratet, ihre Cousinen haben sie geheiratet, wie die Familie es immer von ihnen erwartete.«

»Ach Gott!« Es schnitt Scarlett ins Herz, als Geralds Worte ihr die fürchterliche, unausweichliche Wahrheit klarmachten. Gerald sah ihren gesenkten Kopf und trat unruhig von einem Bein aufs andere. »Du weinst doch nicht?« Er tastete ungeschickt nach ihrem Kinn und versuchte, ihr Gesicht zu sich aufzurichten.

»Nein!« Wild zuckte sie zurück.

»Du lügst wieder, und ich bin stolz darauf. Ich freue mich über deinen Stolz, Puß, und auch morgen beim Gartenfest will ich dich stolz sehen. Die Provinz soll nicht über dich klatschen, wie du dir das Herz abhärmst für einen Mann, der nie mehr als Freundschaft für dich empfunden hat.«

»Er hat mehr für mich empfunden«, ging es Scarlett durch das betrübte Herz, »sehr viel mehr! Ich habe es gemerkt. Hätte ich nur ein bißchen länger Zeit gehabt, ich hätte ihn so weit gebracht, daß er es mir gesagt hätte - ach Gott, wenn doch die Wilkes nur nicht immer das Gefühl hätten, sie müßten ihre Cousinen heiraten!«

Gerald faßte sie unter den Arm. »Nun wollen wir zum Abendessen hineingehen. All dies bleibt zwischen uns. Ich will Mutter damit nicht beunruhigen, tu du es auch nicht. So, nun schnupf dich aus, Mädchen!«

Scarlett putzte sich mit ihrem zerrissenen Taschentuch die Nase, und Arm in Arm gingen die beiden die dunkle Einfahrt hinauf. Die Pferde folgten langsam. Nahe beim Haus wollte Scarlett wieder anfangen, aber da erblickte sie ihre Mutter im Schatten der Veranda. Sie trug Haube, Schal und Handschuhe. Hinter ihr stand Mammy, das Gesicht wie eine Gewitterwolke, und hatte die schwarze Ledertasche in der Hand, in der Ellen 0'Hara immer Verbandzeug und Arzneien mitnahm, wenn sie nach den kranken Sklaven sah. Mammys Lippen hingen tief herab; wenn sie böse war, konnte sie die untere so weit vorschieben, daß sie doppelt so breit wurde wie sonst. Sie hatte sie jetzt vorgeschoben, und Scarlett wußte, Mammybrütete über irgend etwas, was ihr gegen den Strich ging.

»Mr. 0'Hara«, rief Ellen, als sie die beiden die Einfahrt heraufkommen sah. Ellen gehörte zu einer Generation, die auch nach siebzehnjähriger Ehe, in der sie sechs Kinder geboren hatte, noch die Förmlichkeit wahrte. »Mr. 0'Hara, bei Slatterys ist jemand krank. Emmies Kleines ist geboren und liegt im Sterben und muß getauft werden. Ich gehe mit Mammy hin und sehe nach, ob ich etwas für sie tun kann.«

Sie hob fragend die Stimme, als hinge ihr Vorhaben von Geralds Einwilligung ab; eine reine Formsache, aber eine, an der Geralds Herz hing.

»In Gottes Namen!« polterte er. »Warum muß das weiße Pack dich gerade zur Abendessenszeit abrufen, gerade wo ich dir von den Kriegsgerüchten erzählen will, die in Atlanta umgehen. Aber geh nur, du kannst ja doch die Nacht nicht ruhig schlafen, wenn du nicht irgendwo draußen helfen kannst.«

»Sie kriegt überhaupt keine Ruhe, weil sie jede Nacht aufspringt, um nach den Farbigen und dem weißen Pack zu sehen, das lieber für sich selber aufpassen soll«, brummte Mammy eintönig, als sie die Stufen zu dem Wagen, der auf demSeitenwege hielt, hinabschritt.

»Setz dich bei Tisch auf meinen Platz, Liebes«, sagte Ellen und streichelte Scarlett mit ihrer behandschuhten Hand leise die Wange.

Trotz der Tränen, an denen sie noch schluckte, spürte Scarlett bis ins Innerste den nie versagenden Zauber der mütterlichen Liebkosung und zugleich den feinen Duft von Zitrone und Verbene, der Ellens rauschendem Seidenkleid entströmte. Für Scarlett hatte Ellen 0'Hara etwas förmlich Atemberaubendes, wie ein Wunder, das mit ihnen im Hause lebte, das sie entzückte, beruhigte und in seinem Bann hielt.

Gerald half seiner Frau in den Wagen und sagte dem Kutscher, er möge behutsam fahren. Toby, der schon zwanzig Jahre mit Geralds Pferden umgegangen war, stülpte in stummer Entrüstung über diese Ermahnung die Lippen vor, und so fuhr er mit Mammy an seiner Seite davon, ein Doppelbild der grollenden Mißbilligung Afrikas.

»Wenn ich nicht so viel für dies Slattery-Gesindel umsonst täte, wofür sie anderswo bezahlen müßten«, brummte Gerald, »so würden sie mir ihre elenden paar Morgen Sumpfland verkaufen müssen, und man wäre sie los!«

Dann strahlte er auf einmal im Vorgefühl eines Schabernacks, den er seinem Diener antun wollte, über das ganze Gesicht. »Komm, Mädchen, wir wollen Pork weismachen, ich hätte ihn an John Wilkes verkauft, anstatt Dilcey für mich zu kaufen!«

Er warf den Zügel seines Pferdes einem kleinen farbigen Jungen zu, der dabeistand, und ging die Stufen hinauf. Scarletts Kummer hatte er ganz vergessen, so freute er sich darauf, seinen Diener zum besten zu haben. Scarlett folgte ihm bleiernen Fußes. Schließlich, meinte sie, könnte eine Ehe zwischen ihr und Ashley doch nicht wunderlicher sein als die zwischen ihrem Vater und Ellen Robillard. Wie immer wunderte sie sich darüber, daß es ihr geräuschvoller, rauhbeiniger Vater fertiggebracht hatte, eine Frau wie ihre Mutter zu heiraten. Eine Kluft wie zwischen diesen beiden, nach Geburt, Erziehung und geistiger Haltung, gab es nicht leicht wieder.

Ellen 0'Hara war zweiunddreißig Jahre alt, nach dem Maßstab ihrer Zeit eine Frau mittleren Alters, eine Frau, die sechs Kinder geboren und drei begraben hatte. Sie war eine hochgewachsene Erscheinung, einen Kopf größer als ihr feuriger kleiner Gatte, aber sie bewegte sich in den wiegenden

Hüften mit so ruhiger Anmut, daß ihre Größe gar nicht auffiel. Der elfenbeinfarbene, wohlgerundete schlanke Hals erhob sich aus der schwarzen Tafthülle ihres enganliegenden Kleides, von der Fülle des üppigen Haars, das ein Netz am Hinterkopf zusammenhielt, scheinbar sacht nach hinten gezogen. Von ihrer französischen Mutter, deren Eltern in der Revolution von 1791 aus Haiti geflohen waren, hatte sie die schräggeschnittenen dunklen Augen, die tintenschwarzen Wimpern, die sie überschatteten, und das dunkle Haar; von ihrem Vater, einem Soldaten Napoleons, die lange gerade Nase und das eckig geschnittene Untergesicht, dessen Strenge durch die sanfte Rundung der Wangen gemildert wurde. Aber das Leben selbst hatte Ellens Gesicht seinen Ausdruck verliehen, jenen Ausdruck von Stolz, dem doch jeder Hochmut fremd war, von Güte, Melancholie und völliger Beherrschtheit.

Sie hätte eine auffallend schöne Frau sein können, wäre in ihren Augen nur ein Fünkchen Glut gewesen; ein wenig entgegenkommende Wärme in ihrem Lächeln, ein Unterton von Natürlichkeit in der Stimme, die als sanfte Melodie ihren Angehörigen und ihren Bediensteten ans 0hr schlug.

Sie sprach in der weichen, undeutlichen Mundart der georgianischen Küste, mit klingenden Vokalen, leichten Konsonanten und einer Spur von französischem Akzent. Nie hob sich die Stimme zum Befehl an einen Diener, zum Verweis an ein Kind, aber ihr wurde in Tara aufs Wort gehorcht, während das Poltern und Stürmen des Gatten stillschweigend überhört wurde.

Für Scarlett war ihre Mutter seit unvordenklichen Zeiten stets sich selber gleich. Ihre Stimme war ebenmäßig sanft und süß, ob sie lobte oder tadelte, ihre Art und Weise immer gleichmäßig und bestimmt, trotz der täglichen Anforderungen, die Geralds bewegter Haushalt mit sich brachte, der Geist immer ruhig und der Rücken ungebeugt, sogar als die kleinen Söhne starben. Scarlett hatte nie gesehen, daß der Rücken ihrer Mutter eine Stuhllehne berührt hätte. Nie hatte sie gesehen, daß sie sich ohne eine Näharbeit niedersetzte, es sei denn zum Essen, zur Krankenpflege oder zur Buchführung für die Plantage. Wenn Besuch da war, arbeitete sie an feinen Stickereien, sonst waren ihre Hände mit Geralds fein gefältelten Hemden, mit der Garderobe ihrer Töchter oder den Kleidungsstücken für die Sklaven beschäftigt. 0hne goldenen Fingerhut konnte Scarlett sie sich gar nicht vorstellen, ebensowenig wie sie sich von der Seite der seidenraschelnden mütterlichen Gestalt das kleine farbige Mädchen wegdenken konnte, dessen einziges Amt im Leben war, die Heftfäden aufzulesen und der Herrin den Nähkasten aus Rosenholz von Stube zu Stube nachzutragen, wenn sie durchs Haus ging, um die Küche, das Reinmachen und die große Schneiderei für den Bedarf der Plantage zu überwachen.

Nie hatte sie ihre Mutter aus ihrer strengen Gelassenheit heraustreten sehen, nie ihre Kleidung anders als untadelig erblickt, einerlei zu welcher Tagesoder Nachtstunde. Wenn Ellen sich zum Ball, für Gäste oder auch nur für einen Gerichtstag in Jonesboro anzog, brauchte sie für gewöhnlich zwei Stunden, zwei Kammerjungfern und Mammy dazu, bis sie mit ihrer Erscheinung zufrieden war. Dagegen war es ganz erstaunlich, wie geschwind sie sich im Notfall zurechtmachen konnte.

Scarletts Zimmer war von dem ihrer Mutter nur durch die Halle getrennt, und sie kannte von frühester Jugend an das leise Geräusch, mit dem in der Morgendämmerung nackte schwarze Füße über das Hartholz des Fußbodens huschten, das dringende Klopfen an ihrer Mutter Tür und die gedämpften, angstvollen Stimmen der Farbigen, die von Krankheit, Geburt und Tod in der langen Reihe weiß verputzter kleiner Häuser im Viertel der Farbigen flüsterten. Als Kind war sie oft an die Tür geschlichen und hatte durch einen winzigen Spalt Ellen aus dem Dunkel des Zimmers, in dem Gerald mit ungestörter Regelmäßigkeit weiterschnarchte, auftauchen und in das flackernde Licht einer emporgehaltenen Kerze treten sehen, die Arzneitasche unter dem Arm, das Haar in seiner glatten 0rdnung, und am Kleid kein Knopf, der nicht sauber zugemacht war.

Es hatte Scarlett immer so beruhigt, wenn sie ihre Mutter flüstern hörte, bestimmt und doch mitfühlend, während sie auf den Zehenspitzen durch die Halle eilte: »St, nicht so laut. Ihr weckt Mr. 0'Hara. So krank sind sie nicht, daß sie daran sterben müßten.«

Ach ja, es tat so gut, wieder ins Bett zu kriechen und zu wissen, daß Ellen in der Nacht unterwegs und alles in 0rdnung war.

Wenn Ellen die ganze Nacht bei Geburt und Tod aufgesessen hatte, weil sowohl der alte wie der junge Dr. Fontaine bei Patienten über Land waren und ihr nicht zu Hilfe kommen konnten, saß sie morgens wie gewöhnlich am Frühstückstisch. Die dunklen Augen hatten Schatten vor Müdigkeit, aber weder der Stimme noch dem Benehmen war eine Spur von Anstrengung anzumerken. Etwas Stählernes verbarg sich hinter ihrer verhaltenen Sanftmut, vor dem das ganze Haus eine scheue Achtung hatte, Gerald nicht minder als die Mädchen, obwohl er lieber gestorben wäre, als es zuzugeben.

Wenn Scarlett sich manchmal abends auf die Zehenspitzen stellte, um der hochgewachsenen Mutter die Wange zu küssen, sah sie hinauf zu dem Munde mit der zu kurzen, allzu zarten 0berlippe, der viel zu empfindsam war für die rauhe Welt, und sie dachte, ob er sich wohl je zu mädchenhaftem Kichern gekräuselt und nächtelang einer Freun din Geheimnisse zugeflüstert hätte. Nein, das war nicht möglich. Mutter war.


immer genau so gewesen wie jetzt, eine Säule der Kraft, eine Quelle der Weisheit, der einzige Mensch, der auf alles eine Antwort wußte.

Aber Scarlett irrte sich. Vor Jahren hatte Ellen Robillard in Savannah genauso ausgelassen gekichert wie jede Fünfzehnjährige in der reizenden Küstenstadt, hatte mit Freundinnen die ganze Nacht hindurch getuschelt und Vertraulichkeiten ausgetauscht und jedes Geheimnis, bis auf eines, offenbart. Das war das Jahr gewesen, da Gerald 0'Hara, achtundzwanzig Jahre älter als sie, in ihr Leben trat - das gleiche Jahr, da die Jugend und ihr schwarzäugiger Vetter Philippe Robillard daraus verschwanden. Als Philippe mit den kecken Augen und dem wilden Wesen Savannah für immer verließ, nahm er allen Glanz aus Ellens Herzen mit und ließ dem säbelbeinigen kleinen Iren, der sie heiratete, nur die freundliche Schale zurück.

Aber für Gerald genügte sie. Er war ganz überwältigt von dem unvorstellbaren Glück, sie wirklich heiraten zu dürfen. War etwas an ihr dahin, er vermißte es nicht. Als gescheiter Mann wußte er, daß es für ihn, einen Iren aus unbekannter Familie und ohne Geld, so etwas wie ein Wunder war, die Tochter einer der reichsten, stolzesten Familien der K üste für sich zu erobern. Denn Gerald war ein Selfmademan.

Mit einundzwanzig Jahren war er aus Irland nach Amerika gekommen. Überstürzt, wie mancher bessere und mancher schlimmere Ire vor und nach ihm, mit der Kleidung, die er gerade auf dem Leibe trug, zwei Schilling außer seiner Passage in der Tasche und einem Preis auf seinem Kopf, der nach seinem Dafürhalten höher war, als seine Missetat es verdiente. Diesseits der Hölle gab es keinen Anhänger der 0ranier, der der britischen Regierung, ja dem Teufel selber, hundert Pfund wen gewesen wäre. Aber nahm sich die Regierung den Tod des Rentmeisters eines nicht einmal auf seinem irischen Gut residierenden englischen Großgrundbesitzers so zu Herzen, da war es für Gerald 0'Hara höchste Zeit, abzureisen. Freilich h atte er den Rentmeister einen »0ranierbastard« genannt, aber das gab dem Mann noch lange nicht das Recht, die Anfangsstrophen vom »Boynefluß« vor sich hin zu pfeifen, umihn zu verhöhnen.

Es war schon länger als hundert Jahre her, daß die Schlacht am Boynefluß geschlagen worden war. Für die 0'Haras und ihre Freunde aber war es wie gestern, daß ihre Hoffnungen und Träume mitsamt ihrem Landbesitz und ihrem Vermögen in derselben Staubwolke aufflogen, die die Flucht eines verängstigten Stuartprinzen verhüllte und Wilhelm von 0ranien und seinen verhaßten Truppen die irischen Anhänger der Stuarts zumNiedermachen zurückließ.

Aus diesen und anderen Gründen sah Geralds Familie den tödlichen Ausgang seines Streites nicht als tragisch an, es sei denn wegen der erns ten Folgen, die er unfehlbar haben mußte. Seit Jahren standen die 0'Haras bei der englischen Polizei in dem Verdacht der Wühlarbeit gegen die Krone, und Gerald war nicht der erste 0'Hara, der die Beine unter die Arme nehmen und Irland zwischen Tau und Tag verlassen mußte. Seiner beiden älteren Brüder James und Andrew erinnerte er sich nur dunkel als schweigsamer junger Männer, die zu sonderbaren Nachtstunden auf geheimnisvollen Wegen kamen und gingen und oft, der Mutter eine stets nagende Angst, für Wochen verschwanden. Sie waren schon vor Jahren nach Amerika gegangen, auf die Aushebung eines kleinen Arsenals von Flinten hin, die unter dem 0'Haraschen Schweinestall vergraben lagen. Nun waren sie erfolgreiche Kaufleute in Savannah - »obwohl der liebe Gott allein weiß, wo das liegen mag«, wie ihre Mutter bei der Erwähnung ihrer beiden Ältesten nie zu bemerken unterließ. Und zu ihnen sollte jetzt der junge Gerald fahren.

Er verließ sein Vaterhaus mit einem hastigen Kuß der Mutter, ihren inbrünstigen katholischen Segensworten und der Abschiedsermahnung des Vaters: »Denk daran, wer du bist, und nimm von niemandem etwas an!« Seine fünf großen Brüder sagten ihm mit einem anerkennenden, aber doch ein klein wenig gönnerhaften Lächeln Lebewohl, denn Gerald war der Jüngste und Kleinste dieser verwegenen Brut.

Seine fünf Brüder und sein Vater maßen mehr als sechs Fuß und entsprechend viel in der Breite, aber der kleine Gerald wußte mit einundzwanzig Jahren, daß fünfeinhalb Fuß Höhe alles war, was der Herr in Seiner Weisheit ihm beschieden hatte. Es sah Gerald ähnlich, daß er nie einen Kummer hieran verschwendete und sich auch nie durch diesen Mangel an Körpergröße in seinem Selbstbewußtsein beeinträchtigt fühlte. Im Gegenteil, seine feste, untersetzte Gestalt machte ihn erst zu dem, was er war, denn er lernte früh, daß kleine Leute dreist sein müssen, wenn sie sich zwischen den Großen durchsetzen wollen. Und dreist war er. Seine großen Brüder waren ein grimmiges, wortkarges Geschlecht, welches seinen endgültig verlorenen Ruhm mit einem verschwiegenen Groll und Haß trug, der nur ab und zu in bitterem Humor aufflackerte. Wäre Gerald auch so verschlossen wie sie gewesen, so wäre er den Weg der anderen 0'Haras gegangen und hätte heimlich und still mit den Aufsässigen gegen di e Regierung gewühlt. Aber er hatte »ein lautes Maul und einen Bullenschädel«, wie seine Mutter es liebevoll ausdrückte. Von Temperament war er ein Pulverfaß, seine Fäuste waren rasch geballt, und unter den großen 0'Haras stolzierte er herum wie ein kleiner Bantamgockel im Hühnerhof unter riesigen Cochinchinahähnchen. Sie hatten ihn lieb, zogen ihn gutmütig auf, um ihn zum Toben zu bringen, und bearbeiteten ihn mit ihren Fäusten nicht mehr als notwendig war, um ihm den ihm gebührendenPlatz anzu weisen.

Das Gepäck an Bildung, das Gerald mit nach Amerika nahm, war dürftig, aber er wußte es nicht. Seine Mutter hatte ihn Lesen und Schreiben gelehrt, auch rechnen konnte er gut, und damit war seine Weisheit erschöpft. Das einzige Latein, was er kannte, waren die Responsorien der Messe, die einzige Weltgeschichte war für ihn all das Unrecht, das Irland angetan worden war. In der Poesie kannte er nur Moore, in der Musik nur die irischen Lieder aus den alten Überlieferungen. Er hatte eine lebhafte Hochachtung vor Leuten, die mehr gelernt hatten als er, aber seine eigenen Lücken empfand er nie als Mangel. Wozu auch all das in einem Neuland, wo seine ungebildetsten Landsleute das größte Vermögen gemacht hatten, wo man nur danach fragte, ob jemand kräftig war und keine Arbeit scheute!

Auch James und Andrew, die ihn in ihrem Kaufhaus in Savannah unterbrachten, vermißten nichts an seiner Bildung. Seine Handschrift, sein gutes Rechnen und seine kaufmännische Gerissenheit gewann ihren Beifall. Literarische und musikalische Kenntnisse hätten nur ihre Verachtung erregt. Im Anfang des Jahrhunderts war Amerika den Iren freundlich gesonnen. James und Andrew, die damit angefangen hatten, Waren im Planwagen aus Savannah in das Innere Georgias zu bringen, hatten es jetzt zu einem Kaufhaus gebracht, und Gerald kam mit ihnen voran. Der Süden und seine Bewohner gefielen ihm, und bald gehörte er nach seiner eigenen Meinung völlig dazu. Der Süden und seine Bewohner hatten zwar manches an sich, was ihm immer unverständlich blieb; aber wie alles, was er tat, von ganzem Herzen geschah, so machte er sich auch ihre Ansichten und Gewohnheiten ganz zu eigen: Poker und Pferderennen, ihre politische Hitzköpfigkeit und ihren Ehrenkodex, die Rechte der Südstaaten und den Groll gegen die Yankees, Sklaverei und Baumwolle, Verachtung für das besitzlose Gesindel und übertriebene Höflichkeit gegen die Damen. Er hatte sogar Tabakkauen gelernt; das Whiskytrinken brauchte er nicht erst zu lernen; das konnte er von der Wiege auf.

Und doch blieb Gerald 0'Hara er selbst. Seine Lebensgewohnheiten und Ansichten veränderten sich, aber seine Eigenart wollte er nicht ändern, auch wenn er es gekonnt hätte. Er bewunderte die lässige Eleganz der reichen Pflanzer, die aus ihren moosverhangenen Königreichen auf V ollblutpferden nach Savannah geritten kamen, hinter ihnen die Equipagen ihrer nicht minder eleganten Damen und die Leiterwagen ihrer Sklaven. Bis zur Eleganz brachte es Gerald nie. Ihre gedehnten, verschleierten Stimmen schlugen angenehm an sein 0hr, er aber blieb bei seiner harten irischen Mundart. Er hatte die Grazie gern, mit der sie wichtige Angelegenheiten obenhin behandelten, ein Vermögen, eine Plantage oder einen Schwarzen auf eine Pokerkarte setzten, ihre Verluste mit sorglosem Gleichmut hinnahmen, als wären sie nicht mehr als die Pfennige, die sie den farbigen Junden zuwarfen. Aber Gerald hatte die Armut gekannt und lernte nie, mit Grazie und Humor Geld zu verlieren. Ein angenehmer Schlag waren sie, diese Georgianer von der Küste, mit ihrem raschen Aufbrausen, das sich doch in ihrer Sprache so sanft ausnahm, mit ihren scharmanten Widersprüchen und Ungereimtheiten. Gerald hatte sie gern. Der junge Ire, der eben aus einem Lande zugewandert war, wo der Wind kalt und kräftig weht, wo es keine dunstigen, fieberbrütenden Sümpfe gibt, besaß eine unverwüstliche Lebenskraft, die ihn von der trägen Aristokratie der Malarianiederungen mit ihrem subtropischen Klima ein für allemal unterschied. Was ihm nutzen konnte, lernte er; um den Rest kümmerte er sich nicht. Als nützlichste aller südstaatlichen Gepflogenheiten erkannte er bald das Pokerspiel und einen Kopf, der dem Whisky standhielt. Seine angeborene Begabung für Karten und Schnaps trug Gerald zwei seiner drei kostbarsten Besitztümer ein, seinen Diener und seine Plantage. Das dritte war seine Frau, und sie verdankte er, nach seiner Meinung, allein der unerforschlichen Güte Gottes.

Der Diener namens Pork, tiefschwarz und in den erlesensten Feinheiten der Schneiderkunst beschlagen, fiel ihm in einer Nacht zu, die er mit einem Pflanzer aus St.-Simons-Island verpokerte, einem Manne, dessen Kühnheit im Bluffen der Geralds gleichkam, dessen Kopf aber dem New-0rleans - Rum nicht in gleichem Maße standhielt. Porks früherer Besitzer erbot sich, ihn um das Doppelte zurückzukaufen, aber Gerald blieb fest. Mit dem Besitz seines ersten Sklaven und nun gar des »verdammt noch mal besten Dieners an der ganzen Küste« war die erste Stufe zur Erfüllung seiner Herzenswünsche erklommen. Gerald wollte Sklavenhalter und Großgrundbesitzer werden.

Er war entschlossen, nicht wie James und Andrew seine Tage mit Feilschen und seine Nächte bei Kerzenlicht über langen Zahlenreihen zu verbringen. Seine Brüder empfanden nicht den gesellschaftlichen Makel, der den »Händlern« anhaftete. Gerald aber tat es. Er wollte Plantagenbesitzer werden. Mit der unstillbaren Sehnsucht eines Iren, der das Land, auf dem seine Familie einst als Herren gesessen und gejagt, als verarmter Pächter bebaut hatte, verlangte er nach eigenen Morgen Landes, die sich grün vor seinen Augen dehnten. Mit einer Zielsicherheit, die keine Bedenken kannte, begehrte er ein eigenes Haus, eine eigene Plantage, eigene Pferde und eigene Sklaven. Hier in diesem neuen Lande, wo er vor den beiden Gefahren, die über seiner alten Heimat schwebten, der Steuer und der Pachtentziehung, sicher war, hier wollte er sich das alles verschaffen. Aber solchen Ehrgeiz zu haben und ihn auszuführen, war zweierlei. Die Küste Georgias war zu fest in den Händen einer in sich abgeschlossenen Aristokratie, als daß er hoffen konnte, sich je die ersehnte Stellung zu erringen.

Aber dann wirkten Schicksal und Poker zusammen und schenkten ihm die Plantage, die er später Tara nannte, und trieben ihn zugleich von der Küste weg in das 0berland im Norden des Staa tes.

An einem heißen Frühlingsabend in einer Kneipe zu Savannah wollte es der Zufall, daß Gerald das Gespräch eines Fremden in seiner Nähe mit anhörte. Der Fremde war aus Savannah gebürtig und soeben nach zwölfjährigem Aufenthalt im Innern zurückgekehrt. In der Landlotterie, durch die der Staat das große Gebiet in Mittelgeorgia, das die Indianer abgetreten hatten, aufteilte, hatte er ein Los gezogen. Er war dann hinausgefahren und hatte dort eine Plantage angelegt. Aber dann war das Haus abgebrannt, und er war seitdem des Platzes überdrüssig und wäre ihn mit tausend Freuden los gewesen.

Der Gedanke an eine eigene Besitzung beschäftigte Gerald ununterbrochen. Er ließ sich deshalb dem Manne vorstellen, und sein Interesse wuchs, als der Fremde erzählte, wie die Einwanderer nach dem Norden Georgias strömten. Gerald hatte so lange in Savannah gelebt, daß er die landläufige Auffassung, der ganze übrige Staat sei Urwald, in dem hinter jedem Busch ein Indianer lauerte, übernommen hatte. Eine Geschäftsreise im Auftrage seiner Brüder hatte ihn seinerzeit hundert Meilen den Savannahfluß aufwärts nach Augusta geführt. Dabei war er so weit ins Innere vorgedrungen, daß er sich die alten Städte westlich von Augusta ansehen konnte. Er wußte, daß die Gegend dort ebenso di cht besiedelt war wie die Küste, aber nach der Beschreibung des Fremden lag die Plantage gut hundertfünfzig Meilen westlich von Savannah im Innern, nur wenige Meilen südlich vom Chattahoocheefluß. Gerald wußte, daß das Gebiet nördlich des Flusses noch in den Händen der Cherokesen war. Deshalb verwunderte er sich höchlichst, daß der Fremde seine Vermutung, es könne dort zu Unzuträglichkeiten mit den Indianern kommen, auslachte und erzählte, wie dort blühende Städte emporwuchsen und wie die Plantagen auf demjungfräulichen Boden gediehen.

Eine Stunde später, als das Gespräch einzuschlafen drohte, schlug Gerald in einer Verschlagenheit, die die offene Unschuld seiner blauen Augen Lügen strafte, ein Spielchen vor. Als es immer später wurde und der Schnaps die Runde machte, kam der Augenblick, da alle anderen Mitspieler die Karten niederlegten und Gerald und der Fremde allein weiterspielten. Der Fremde setzte seine gesamten Spielmarken und dazu die Eigentumsurkunde seiner Plantage. Gerald tat desgleichen und legte statt des Dokumentes seine Brieftasche obendrauf. Daß der Inhalt zufällig der Firma Gebrüder 0'Hara gehörte, beschwerte sein Gewissen nicht sonderlich. Morgen früh in der Messe war Zeit genug, es zu beichten. Er wußte, was er wollte, und wenn Gerald etwas wollte, so verschaffte er es sich auf dem kürzesten Weg. Außerdem hatte er so viel Vertrauen in sein Schicksal und das Kartenglück, daß er sich keinen Augenblick überlegte, wie das Geld zurückgezahlt werden könnte, falls er überspielt werden sollte.

»Sie machen kein Geschäft damit, und ich bin froh, daß ich keine Steuern mehr dafür zu zahlen brauche«, seufzte der Verlierer, als er Tinte und Feder bestellte. »Das Haupthaus ist vor einem Jahr abgebrannt, und auf den Feldern wuchern Unterholz und Kiefernschößlinge. Aber nun gehört es Ihnen.«

»Mische nie Karten und Whisky, wenn du nicht mit irischem Whisky entwöhnt worden bist«, sagte Gerald denselben Abend zu Pork, als dieser ihm ins Bett half, und der Diener, der aus Bewunderung für seinen Herrn angefangen hatte, sich im irischen Dialekt zu versuchen, gab die gebührende Antwort in einer Mischung seines Kauderwelsch mit der Mundart der Grafschaft Meath, die jeden anderen als die beiden Eingeweihten in starke Verlegenheit gebracht hätte.

Der schlammige Flintfluß, der lautlos zwischen Mauern von Pechkiefern und mit wirren Weinranken überwucherten Flußeichen dahinströmte, umarmte gleichsam Geralds neuen Besitz von beiden Seiten. Als Gerald auf der niedrigen Kuppe stand, die das Haus getragen hatte, nahm er die hohen, grünen Schranken für eine ebenso sichtbare und angenehme Bestätigung seines Besitzrechtes über den Grund und Boden wie einen Zaun, den er mit eigener Hand errichtet hätte. Er stand auf dem verkohlten Fundament des niedergebrannten Gebäudes, schaute die lange Allee hinunter, die zur Landstraße führte, und fluchte inbrünstig, da ihm für ein Dankgebet die Freude zu tief ging. Die beiden Reihen düsterer Bäume waren sein, sein der verwahrloste Rasen, auf dem unter weißbesternten jungen Magnolienbäumen das Unkraut bis zur Gürtelhöhe wuchs. Die brachliegenden Felder, die über und über mit winzigen Kiefern und Unterholz bestanden waren, dehnten sich wellig in allen vier Himmelsrichtungen aus. Alles das gehörte Gerald 0'Hara, weil sein Irenschädel nicht so leicht zu benebeln war und weil er den Mut hatte, alles auf eine Karte zu setzen.

Gerald schloß die Augen, und in der Stille all der unbearbeiteten Morgen Landes hatte er das Gefühl, er sei nun nach Hause gekommen. Das Wohnhaus, aus weißverputzten Backsteinen, sollte sich hier erheben, wo er stand. Jenseits der Straße sollten Lattenzäune fettes Vieh und Vollblutpferde einfriedigen, und die rote Erde am Berghang, bis hinunter zur Flußweide, sollte weiß wie Eiderdaunen in der Sonne flimmern: ein riesiges Baumwollfeld. Mit seinem eigenen kleinen Anlagekapital, das er von seinen wenig begeisterten Brüdern geborgt hatte, und einer Hypothek kaufte Gerald die ersten Feldsklaven und zog auf Tara ein, wo er als Junggeselle einsam bis zu der Zeit, wo die weißen Mauern aus dem Boden steigen sollten, in demvierzimmerigen Haus des Aufsehers wohnte.

Er rodete die Felder, pflanzte Baumwolle und borgte abermals Geld von James und Andrew, um sich mehr Sklaven zu kaufen. Sie liehen es ihm und bekamen es in den folgenden Jahren mit Zinsen zurück. Allmählich vergrößerte sich die Plantage, Gerald kaufte einige Morgen hinzu, und mit der Zeit wurde das weiße Haus aus einem Traum zur Wirklichkeit.

Es wurde von Sklaven erbaut und breitete sich schwerfällig und weitläufig auf dem Hügel aus. Es gefiel Gerald ausnehmend gut, denn schon als es noch neu war, sah es ganz altersgrau aus. Die alten Eichen, unter deren mächtigen Armen die Indianer dahingezogen waren, umhegten es mit ihren dicken Stämmen, und ihre Äste, die höher reichten als d as Dach, hüllten es in dichte Schatten. Auf dem Rasen, der dem Unkraut wieder entrissen war, wuchsen üppiger Klee und Bermudagras, und Gerald sorgte dafür, daß er gut gehalten wurde. Von der Zedernallee bis zu der weißen Reihe der Sklavenhäuser hatte alles sein gediegenes, dauerhaftes Aussehen, und jedesmal, wenn Gerald um die Straßenbiegung galoppierte und sein eigenes Dach aufleuchten sah, schwoll ihm wieder das Herz vor Stolz, als sähe er es zum ersten Male.

Das alles hatte er geleistet, der kleine dickschädelige, hitzköpfige Gerald.

Mit allen seinen Nachbarn stand er auf bestem Fuß, ausgenommen die Maclntoshs, deren Ländereien zur Linken an die seinen grenzten, und die Slatterys, deren dürftige drei Morgen sich rechts, jenseits der Weide, zwischen dem Fluß und John Wilkes' Plantage erstreckten.

Maclntoshs waren Iren schottischen Ursprungs und Anhänger Wilhelms von 0ranien, wodurch sie es für alle Zeiten mit Gerald verdorben hatten, obwohl sie siebzig Jahre lang in Georgia und davor schon ein Menschenalter in Carolina gelebt hatten. Aber das erste Mitglied der Familie, das die amerikanische Küste betreten hatte, kam aus Ulster, und das genügte Gerald. Es war eine steife, zugeknöpfte Familie, die sich streng für sich hielt und nur mit ihren Verwandten aus Carolina Ehen einging. Das Gerücht, sie begünstigten die Abschaffung des Sklavenhandels, erhöhte ihre Beliebtheit keineswegs. Der alte Angus hatte zwar nie einen einzigen Sklaven freigelassen und sich sogar das unverzeihliche Vergehen zuschulden kommen lassen, einige seiner Schwarzen an durchreisende Sklavenhändler zu verkaufen, aber trotzdem wollte das Gerücht nicht verstummen. Wenn bei einem »0rangeman« ein Grundsatz mit schottischem Geiz ins Gehege kommt, so zieht der Grundsatz dabei den kürzeren.

Mit den Slatterys war es anders. Sie waren mittellose Weiße, und ihnen wurde nicht einmal die widerwillige Achtung zuteil, die Angus Maclntoshs starrköpfige Unabhängigkeit sich erzwang. Der alte Slattery, der trotz wiederholter Angebote Geralds und John Wilkes' eigensinnig an seinen paar Morgen hing, war ein jämmerlicher armer Schlucker. Seine Frau, eine kränkliche, verblichene Erscheinung mit unordentlichem Haar, hatte eine kaninchenhafte Brut von mißratenen Kindern zur Welt gebracht, die sie gewissenhaft Jahr für Jahr vermehrte. Tom Slattery besaß keine Sklaven. Mit seinen beiden ältesten Söhnen plagte er sich auf seinen paar Baumwollfeldern ab, während die Frau und die kleineren Kinder ein Stück Land zu bearbeiten suchten, welches so etwas wie einen Gemü segarten vorstellen mochte. Aus irgendwelchen Gründen mißglückte es mit der Baumwolle fortwährend, und da Mrs. Slattery beständig ein Kind erwartete, lieferte der Garten selten genug, um ihre Schar satt zu machen. So hatte man sich daran gewöhnt, Tom Slattery bei seinen Nachbarn herumlungern und um Baumwollsamen und eine Speckseite betteln zu sehen, um sich über Wasser zu halten. Mit dem bißchen Energie, das er besaß, haßte er seine Nachbarn, weil er aus ihrer Höflichkeit die Verachtung herausfühlte, haßte er vor allem die hochnäsigen Schwarzen der Reichen. Die farbigen Bediensteten der Provinz hielten sich für etwas Besseres als das »weiße Pack«, und ihr unverblümter Hohn kränkte ihn tief, während ihre gesicherte Lebensstellung seinen Neid erweckte. Im Gegensatz zu seinem kümmerlichen Dasein waren diese Schwarzen wohlgenährt und gut gekleidet, und in Alter und Krankheit wurde für sie gesorgt. Sie waren stolz auf den Namen ihrer Besitzer und zum größten Teil auch darauf, Eigentum von Leuten zu sein, die der guten Gesellschaft angehörten, während Slattery mit allgemeiner Geringschätzung betrachtet wurde. Er hätte seinen Hof an jeden Pflanzer in der Provinz für seinen dreifachen Wert verkaufen können; man hätte das Geld gern daran gewendet, um ihn los zu sein. Ihm aber war es eine Genugtuung und ein Trotz, zu bleiben und von dem Ertrag eines Ballens Baumwolle und der Wohltätigkeit seiner Nachbarn sein Leben zu fristen.

Mit allen anderen in der Provinz stand Gerald auf freundschaftlichem Fuß, und mit einigen war er eng vertraut. Wilkes, Calverts, Tarletons, Fontaines, alle freuten sich, wenn die gedrungene Gestalt auf dem schweren Schimmel ihre Auffahrt heraufgaloppiert kam. Man lächelte und ließ die hohen Gläser kommen, in die ein Gläschen Bourbon-Whisky über einen Teelöffel Zucker und etwas zerquetschte Pfefferminze gegossen war. Man mußte Gerald gern haben, und mit der Zeit entdeckten auch die Nachbarn, was die Kinder, Farbige und Hunde auf den ersten Blick herausgehabt hatten, daß hinter der lärmenden Stimme und der rauhen Formlosigkeit ein gütiges Herz, ein verständnisvolles 0hr und eine offene Brieftasche zu finden waren. Bei seiner Ankunft ging es jedesmal wie in einem Tollhaus zu. Hunde bellten, schwarze Kinder jauchzten, wenn sie ihm entgegenliefen, stritten sich darum, sein Pferd halten zu dürfen, und grinsten über seine gutmütigen Flüche. Die weißen Kinder wollten auf seinem Knie reiten, während er mit ihren Eltern über die Niedertracht der Yankees schimpfte. Die Töchter seiner Freunde vertrauten ihm ihre Liebesgeschichten an, die Söhne, die Angst hatten, ihre Spielschulden im Arbeitszimmer des Vaters zu gestehen, hatten an ihm einen Helfer in der Not.

»Das also sind Sie schon einen Monat schuldig, Sie junger Schurke!« fuhr er sie dann wohl an. »Warum, verdammt noch mal, sind Sie nicht eher zu mir gekommen?«

Sein Polterton war zu gut bekannt, als daß ihn jemand übelgenommen hätte. Die jungen Leute lächelten nur betreten und antworteten: »Ach, Mr. 0'Hara, es war mir peinlich, Ihnen damit zu kommen, und mein Vater ...«

»Ihr Vater ist unleugbar ein guter Mann, aber strenge. Darum nehmen Sie dies hier, und damit ist die Sache erledigt.«

Die Damen der Plantagenbesitzer kapitulierten zuletzt. Als aber Mrs. Wilkes, eine vornehme Dame mit einer ungewöhnlichen Gabe zu schweigen, wie Gerald sie schilderte, eines Abends, nachdem Geralds Pferd die Einfahrt hinausgetrappelt war, zu ihrem Manne sagte: »Er hat eine etwas rauhe Zunge, aber er ist ein Gentleman« - da war Gerald endgültig anerkannt. Daß er fast zehn Jahre dazu gebraucht hatte, ahnte er nicht. Von dem Augenblick an, da er Tara betreten, hatte er nie gezweifelt, daß er zur vornehmen Gesellschaft gehörte. Aber als er dreiundvierzig Jahre alt war, sehnig und strotzend von Gesundheit, daß er aussah wie ein Edelmann auf der Hetzjagd auf einem jener Farbstiche, wurde ihm klar, daß Tara, so lieb er es harte, und alle die Nachbarn mit ihren offenen Herzen und Häusern ihm nicht genügten. Er brauchte eine Frau.

Tara verlangte gebieterisch nach einer Hausfrau. Die dicke Köchin, eine Schwarze vom Feld, die nur, weil irgend jemand die Küche versorgen mußte, zur Köchin befördert war, brachte das Essen nie zur rechten Zeit auf den Tisch, und das Hausmädchen, eine frühere Pflückerin, ließ den Staub sich auf den Möbeln häufen und hatte nie reine Wäsche zur Hand, so daß jedesmal, wenn Gäste kamen, alles drunter und drüber ging. Pork, der einzige ausgebildete farbige Bedienstete auf Tara, hatte die allgemeine Aufsicht über die anderen Dienstboten, aber selbst er war im Zusammenleben mit Gerald allmählich nachlässig geworden. Er hielt Geralds Schlafzimmer in 0rdnung und servierte mit Würde bei Tisch, aber sonst ließ er so ziemlich alles gehen, wie es wollte.

Mit ihrem unfehlbaren afrikanischen Instinkt hatten die Farbige alle längst heraus, daß Gerald zu der Sorte von Hunden gehörte, die bellen und nicht beißen. Das nutzten sie schamlos aus. Fortwährend wurden zwar von Gerald schreckliche Drohungen, die Sklaven nach dem Süden zu verkaufen oder durchzupeitschen, ausgestoßen, aber noch nie war ein Sklave aus T ara verkauft worden, und gepeitscht wurde nur ein einziges Mal, weil Geralds Lieblingspferd nach einem langen Jagdtag nicht gepflegt worden war.

Gerald sah mit seinen scharfen blauen Augen, wie gut bei seinen Nachbarn der Haushalt aufgezogen war und wie die Frauen mit dem glatten Haar und den rauschenden Seidenkleidern ihre Dienstboten zu regieren verstanden. Er wußte nicht, wie gehetzt diese Frauen von Sonnenaufgang bis Mitternacht waren, wie angekettet an ihre Pflicht, Küche, Kinderzimmer, Nähstube und Waschraum unter steter Aufsicht zu halten. Er sah nur das äußere Ergebnis, und das machte ihm Eindruck.

Wie nötig er eine Frau hatte, wurde ihm eines Morgens klar, als er sich anzog, um zum Gerichtstag in die Stadt zu reiten. Pork hatte das gefältelte Hemd herausgesucht, aber es war von dem Mädchen so schlecht ausgebessert worden, das höchstens der Diener es noch tragen konnte.

»Master Gerald«, sagte Pork und rollte das geschenkte Hemd mit Danksagungen zusammen, während Gerald vor Zorn kochte, »was Sie brauken, sein eine Frau und eine dicke Menge farbige Bedienstete.«

Gerald schnauzte Pork wegen seiner Frechheit an, aber er wußte, daß er recht hatte. Eine Frau und Kinder wollte er haben, und wenn er sie sich nicht bald verschaffte, wurde es zu spät. Aber jede beliebige wollte er auch nicht heiraten, wie Mr. Calvert, der die Erzieherin seiner mutterlosen Kinder zur Frau genommen hatte. Seine Frau mußte eine Dame von Geblüt sein, mit so vornehmen Formen wie Mrs. Wilkes und der Fähigkeit, in Tara so gut zu wirtschaften wie Mrs. Wilkes auf Twelve 0aks.

Aber aus zwei Gründen war es schwierig, in die großen Familien der Provinz hineinzuheiraten. Erstens herrschte Mangel an heiratsfähigen Töchtern, und der zweite, noch schwerer wiegende Grund war, daß Gerald trotz seines fast zehnjährigen Aufenthaltes in der Gegend immer noch als Eindringling galt. Von seiner Familie wußte niemand etwas. Wenn auch die Gesellschaft in 0ber-Georgia sich nicht so unbedingt absonderte wie die Aristokraten der Küste, so wollte doch keine Familie ihre Tochter einem Manne geben, über dessen Großvater nichts bekannt war. Gerald wußte sehr wohl, daß trotz aller echten Zuneigung kaum einer der Herren, mit denen er jagte, trank und politisierte, ihn zum Schwiegersohn haben wollte. Deshalb kam er sich aber durchaus nicht etwa geringer als seine Nachbarn vor. Es gab überhaupt nichts, das je in ihm das Gefühl irgendeiner Unterlegenheit hätte erwecken können. Für ihn war es nichts weiter als ein wunderlicher alter Brauch im Lande, daß die Töchter nur in Familien hineinheiraten durften, die länger als zwei Jahrzehnte in den Südstaaten gelebt hatten, Land und Sklaven besaßen und in all der Zeit keinen anderen als den gesellschaftlich anerkannten Lastern ergeben gewesen waren.

»Pack ein, wir gehen nach Savannah«, sagte er zu Pork, »und wenn ich noch einmal >Halt's Maul< oder >Donnerkeil< von dir höre, dann verkaufe ich dich, denn solche Worte nehme selbst ich nur selten in den Mund.«

Vielleicht wußten James und Andrew Rat. Sie hörten sich die Geschichte geduldig an, machten ihm aber wenig Hoffnung. Sie hatten keine Verwandten in Savannah, die ihnen behilflich sein könnten, denn sie waren beide schon als verheiratete Leute nach Amerika gekommen. Die Töchter ihrer alten Freunde aber waren längst Ehefrauen und hatten Hausstand und Kinder.

»Du bist kein reicher Mann, und du stammst nicht aus einer großen Familie«, sagte James.

»Ich habe mein Geld gemacht, da wird es mir auch mit der großen Familie gelingen. Ich heirate nicht die erste beste.«

»Viel Glück«, bemerkte Andrew trocken.

Doch sie taten für Gerald, was sie konnten. James und Andrew waren alt und angesehen in Savannah. Sie hatten viele Freunde, und einen Monat lang schleppten sie Gerald von Haus zu Haus, zum Abendessen, zum Ball, zum Picknick.

»Nur eine einzige kommt in Frage«, sagte Gerald schließlich. »Und sie war noch nicht einmal geboren, als ich hier an Land ging.«

»Und auf wen hast du dein Auge geworfen?«

»Auf Miß Ellen Robillard.« Gerald versuchte, dies recht obenhin auszusprechen, denn Ellen Robillards ein klein wenig schräggeschnittene Augen hatten weit mehr als nur seine Blicke gefesselt. Trotz ihrer rätselhaft teilnahmslosen Art, die an einem fünfzehnjährigen Mädchen so seltsam anmutete, zog sie ihn in ihren Bann. Außerdem hatte sie etwas Verzweifeltes an sich, das ihm tief zu Herzen ging und ihn nicht losließ, so daß er sich weit sanfter und gesitteter gegen sie benahm als gegen irgendeinen andern Menschen auf der Welt.

»Du bist ja alt genug, ihr Vater zu sein!«

»Ich bin in meinen besten Jahren!« Gerald war gekränkt.

»Jerry, auf kein Mädchen in Savannah kannst du weniger rechnen als auf sie. Ihr Vater ist ein Robillard, und diese Franzosen sind stolz wie die Spanier. Ihre Mutter - Gott hab sie selig - war eine sehr vornehme Dame.«

»Was schert das mich?« Gerald wurde hitzig. »Übrigens ist die Dame tot, und der alte Robillard hat mich gern.«

»Als Mann wohl, aber als Schwiegersohn nicht.«

»Das Mädchen nimmt dich doch nicht«, warf Andrew ein. »Sie ist seit einem Jahr verliebt in ihren Vetter Philippe Robillard, einen tollen Draufgänger, obwohl ihre Familie ihr Tag und Nacht in den 0hren liegt, sie solle ihn laufen lassen.«

»Diesen Monat ist er nach Louisiana abgereist«, sagte Gerald. »Woher weißt du das?«

Gerald hatte keine Lust, ihnen anzuvertrauen, daß er diese unschätzbare Auskunft Pork verdankte, und auch nicht, daß Philippe auf den ausdrücklichen Wunsch der Familie in den Westen gefahren war.

»Sie wird schon nicht so verliebt sein, daß sie ihn nicht vergessen könnte. Mit fünfzehn weiß man noch nicht viel von Liebe.«

»Die Eltern werden den tollköpfigen Vetter immer noch lieber nehmen als dich.«

Aber James und Andrew waren sprachlos, als die Nachricht kam, daß Pierre Robillards Tochter den kleinen Iren aus dem 0berland heiraten wollte. In Savannah zerbrach man sich den Kopf über Philippes Reise nach dem Westen, aber die Klatschmäuler brachten nichts heraus. Warum Robillards reizendste Tochter einen geräuschvollen kleinen Mann mit rotem Gesicht heiraten sollte, der ihr kaum bis an die 0hren reichte, blieb ihnen allen ein Rätsel. Gerald wurde sich selbst nie recht klar darüber, wie alles gekommen war. Ihm war ein Wunder geschehen, und deshalb war er dieses eine Mal in seinem Leben aus ganzem Herzensgrund demütig, als die sehr blasse, aber ganz ruhige Ellen ihm ihre leichte Hand auf den Arm legte und sagte: »Ich will Sie heiraten, Mr. 0'Hara.«

Die Robillards, die wie vom Blitz getroffen waren, konnten wohl einiges ahnen. Nur Ellen und ihre Mammy kannten die ganze Geschichte jener Nacht, da das Mädchen herzzerreißend wie ein Kind bis Tagesanbruch geschluchzt hatte und am Morgen als entschlossene Frau wieder aufgestanden war. Mit bangen Ahnungen hatte Mammy ihrer jungen Herrin ein kleines Paket aus New 0rleans mit einer Anschrift von fremder Hand überbracht. Es enthielt ein Miniaturbildnis von Ellen - sie warf es mit einem Aufschrei zu Boden -, vier Briefe von ihrer eigenen Hand an Philippe Robillard und die kurze Mitteilung eines Priesters aus New 0rleans, der ihr den Tod ihres Vetters bei einer Schlägerei in einer Bar anzeigte.

»Sie haben ihn vertrieben. Vater, Pauline und Eulalia. Sie trieben ihn fort! Ich hasse sie alle, alle! Ich will sie nie wiedersehen! Weg will ich, weg und keinen von ihnen wiedersehen, weder die Stadt noch irgend etwas, was mich an ihn erinnert.«

Als die Nacht fast vorüber war, hatte Mammy, die sich über den Kummer ihrer Herrin selbst die Augen ausgeweint hatte, Einspruch erhoben: »Aber Liebling, das kannst du nicht.«

»Das will ich aber. Mr. 0'Hara ist ein guter Mann. Ich tue es, oder i ch gehe nach Charleston ins Kloster.«

Die Drohung mit dem Kloster gewann schließlich die Zustimmung des ganz verstörten, tiefgetroffenen Pierre Robillard. Er war strenger Presbyterianer, trotz seiner katholischen Familie, und der Gedanke, seine Tochter könnte Nonne werden, war ihm schrecklicher als die Heirat mit Gerald 0'Hara. Schließlich war ja gegen den Mann nichts weiter einzuwenden, als daß er nicht aus bester Familie stammte.

So kam es, daß Ellen Savannah den Rücken kehrte, um es niemals wiederzusehen, und mit ihrem nicht mehr jungen Mann, mit Mammy und zwanzig bediensteten Farbigen nach Tara reiste.

Im nächsten Jahr wurde das erste Kind geboren. Sie nannten es Katie Scarlett nach Geralds Mutter. Gerald war enttäuscht, weil er sich einen Sohn gewünscht hatte, aber er freute sich dann doch so sehr über die kleine schwarzhaarige Tochter, daß er jedem Sklaven auf Tara Rum ausschenken ließ und sich selbst einen tosenden, seligen Rausch antrank.

Wenn Ellen ihren jähen Entschluß je bedauerte, so bekam es jedenfalls niemand zu wissen, am allerwenigsten Gerald, der vor Stolz schier bersten wollte, sooft er sie ansah. Ellen hatte Savannah und seine Erinnerungen hinter sich gelassen, und von dem Augenblick ihrer Ankunft auf Tara an wurde Nordgeorgia ihre Heimat.

Ihr Vaterhaus, das sie auf immer verlassen hatte, war in seinen Umrissen schön und fließend wie ein Frauenleib oder wie ein Schiff mit vollen Segeln gewesen: ein blaßrosa Stuckhaus im französischen Kolonialstil, das zierlich vom Boden aufragte, mit geschwungenen Treppen und spitzenzarten Geländern; ein dämmeriges, üppiges Haus, freundlich und unnahbar. Mit ihm zugleich hatte sie die ganze Kultur zurückgelassen, die dort beheimatet war, und sie fand sich in einer so fremden Welt wieder, als hätte sie einen ganzenErdteil durchquert.

Nordgeorgia war ein rauhes Land, bewohnt von einem wetterharten Volk. Auf der Hochebene, am Fuß der Blue Ridge Mountains, wogten die rötlichen Hügel, so weit das Auge reichte. Riesige Blöcke des granitenen Kerns traten überall daraus hervor, von hageren Pechkiefern überragt. Für ihr Auge war das alles wild und unbändig. Es war die Küste gewohnt, die ruhige Urwaldschönheit der Inseln mit ihrer Hülle von weichem Moos und wucherndem Grün, den weißen Strand unter der tropischen Sonne, den weiten Blick über das flache, sandige Land mit seinen hohen zierlichen Palmen.

Hier aber war eine Gegend, die Winterfrost und Sommerhitze kannte, und die Kraft und Tüchtigkeit der Bewohner waren ihr fremd. Freundliche Leute waren es, großherzig und von guter Laune, aber derb und aufbrausend. Die Küstenbewohner konnten sich wohl rühmen, all ihre Angelegenheiten, bis zu ihren Fehden und Duellen, mit lächelnder Anmut zu betreiben; die Leute von Nordgeorgia hatten einen Schuß Gewalttätigkeit im Blut. An der Küste schien das Leben vom Alter gereift. Hier war alles jung, lustig, frisch und rauh. Die Leute von Savannah waren alle aus gleichem Guß, gleich nach Anschauung und Herkommen, während es hier ein buntes Gemisch von Typen gab. Aus den verschiedensten Gegend en waren die Leute nach Nordgeorgia gekommen, aus anderen Teilen der Provinz, aus den beiden Carolinas und Virginia, aus Europa und vom Norden her. Einige davon waren, wie Gerald, von unverbrauchtem Blut, das hier sein Glück suchte, einige, wie Ellen, Kinder alter Geschlechter, die im Vaterhaus das Leben unerträglich gefunden und in der Ferne eine Zuflucht gesucht hatten. Viele waren ohne jeden Grund eingewandert, das rastlose Blut ihrer Väter, der Pioniere in der Wildnis, das in ihren Adern nicht ruhen wollte, hatte sie hergetrieben.

All dies Volk, das hier zusammengeströmt war, gab dem ganzen Leben eine Formlosigkeit, die Ellen neu war und an die sie sich nie ganz gewöhnen konnte. Wie die Leute von der Küste jeweilig handeln würden, wußte sie aus Instinkt; wie aber einer von Nordgeorgia sich verhalten würde, war nie vorauszusagen.

Alles in dieser Gegend wurde durch die Flut des Gedeihens, die damals über den Süden kam, belebt. Die ganze Welt verlangte nach Baumwolle, und der jungfräuliche Boden der Provinz, unverbraucht und fruchtbar, wie er war, brachte sie üppig hervor. Baumwolle war das Herzblut des Landes, Baumwollaussaat und Baumwollernte der Pulsschlag der roten Erde. Aus den gekrümmten Furchen wuchsen Reichtum und Hochmut. Wenn Baumwolle schon in der ersten Generation so reich machte, wieviel reicher mußte erst die nächste werden! Die Gewißheit über den morgigen Tag gab dem Leben einen prickelnden, hohen Schwung, und die Leute genossen es so herzhaft, wie Ellen es nie begreifen konnte. Sie hatten Geld und Sklaven in Hülle und Fülle und damit Zeit genug zum Spiel, und spielen taten sie gern. Nie waren sie zu beschäftigt, um nicht um eines Jagdreitens oder eines Pferderennens willen die Arbeit liegenzulassen, und kaum eine Woche verging ohne Gartenfest und Tanz.

Ellen wollte oder konnte nie eine der Ihren werden, dazu hatte sie zuviel von sich selbst in Savannah zurückgelassen; aber sie hatte Achtung vor ihnen und lernte mit der Zeit das offene, gerade Wesen dieser Leute bewundern, die wenig Hemmungen hatten und den Mann danach einschätzten, was er wirklich war. Sie wurde die beliebteste Nachbarin in der Provinz, sie war eine gute und tüchtige Hausfrau, eine vorzügliche Mutter, eine hingebende Gattin. Die Selbstlosigkeit eines gebrochenen Herzens, das sie der Kirche hatte weihen wollen, widmete sie nun dem Dienst ihres Haushalts und dem Manne, der sie ihren Erinnerungen entrissen und der ihr nie eine Frage gestellt hatte.

Als Scarlett ein Jahr alt und so kräftig und gesund war, wie es einem so kleinen Mädchen nach Mammys Ansicht eigentlich kaum zukam, gebar Ellen ihr zweites Kind, Susan-Ellinor getauft, doch allezeit Suellen genannt, und nach einiger Zeit erschien Carreen, die unter dem Namen Caroline - Irene in die Familienbibel eingetragen wurde. Dann kamen drei kleine Jungen, die alle drei starben, ehe sie laufen gelernt hatten, und nun unter den knorrigen Zedern, hundert Schritt vom Hause entfernt, auf dem Friedhof lagen, unter drei Steinen, deren jeder die Aufschrift »Gerald 0'Hara jun.« trug.

Von dem Tage an, da Ellen auf Tara einzog, verwandelte es sich. Mit ihren fünfzehn Jahren war sie bereit und imstande, die Verantwortung einer Plantagenherrin auf sich zu nehmen. Vor der Heirat mußten junge Mädchen vor allen Dingen anmutig, schön und lieb, eine Zierde sein; nach der Heirat sollten sie plötzlich einen Haushalt führen können, der hundert Köpfe und darüber zählte, weiße und schwarze. Für diese Aufgaben wurden sie erzogen. Ellen hatte die Vorbereitung auf die Ehe bekommen, wie jede wohlerzogene junge Dame sie erhielt, und obendrein hatte sie Mammy zur Seite, die dem tolpatschigsten Farbige Anstand beizubringen wußte. Sie brachte rasch 0rdnung, Würde und Anmut in Geralds Haushalt und machte Tara so schön wie nie zuvor.

Das Haus war ohne jeden Bauplan errichtet, neue Räume waren angebaut worden, wann und wo es bequem war, aber unter Ellens aufmerksamer Fürsorge gewann es einen Reiz, der für seine Planlosigkeit entschädigte. Die Zedernallee, die von der Hauptstraße nach dem Hause führte und bei keinem Heim eines georgianischen Pflanzers fehlen durfte, erhöhte mit ihrem kühlen, dunklen Schatten die freundliche Wirkung anderen Grüns.

Die Glyzinien, die von den Veranden herabflossen, hoben sich farbig von dem weißen Putz ab und vereinten sich mit dem rosa Krepp der Myrtensträucher neben der Haustür und dem weißen Blütenmeer der Magnolien auf dem Parkrasen, um die ungeschickten Linien im Umriß des Hauses auf das schönste zu verkleiden.

Im Frühling und Sommer bekamen das Bermudagras und der Klee auf dem Rasen einen so berückenden Smaragdschimmer, daß die Truthühner und weißen Gänse, die eigentlich hinter dem Hause bleiben sollten, unwiderstehlich davon angelockt wurden. Unentwegt fühlten sich die Anführer des Geflügels verstohlen nach vorn vor. Das grüne Gras, die schmackhaften Verheißungen der Jasminknospen und Zinnienbeete verführten sie immer aufs neue. Vor der Haustür stand ein farbige Junge Schildwache, um ihren Plünderungen Einhalt zu tun. Der Kleine, der mit einem zerfetzten Handtuch bewaffnet auf den Stufen saß, gehörte mit zu dem Bild von Tara. Die Waffe war reichlich unwirksam, denn es war ihm verboten, damit nach dem Hühnervolk zu schlagen; er durfte nur mit dem Tuch wedeln und die Hühner wegscheuchen. Ellen betraute Dutzende von kleinen Schwarzen mit dieser Aufgabe, der ersten verantwortlichen Stellung eines Sklaven auf Tara. Nach Vollendung ihres zehnten Jahres wurden sie zu dem alten Väterchen, dem Plantagenschuster, in die Lehre geschickt, oder zu Amos, dem Stellmacher und Zimmermann, oder zu dem Kuhhirte n Philippe, oder zu dem Maultierpfleger Cuffee. Wenn sie für keins dieser Gewerbe Begabung zeigten, so wurden sie Ackerknechte und hatten damit nach Auffassung der ein für allemal jeden Anspruch auf eine gehobene Stellung verloren.

Ellens Leben war weder leicht, noch war es glücklich. Mühelosigkeit erwartete sie vom Leben nicht, und daß ihm das Glück fehlte, war Frauenlos. Die Welt gehörte dem Mann, und so nahm sie sie hin. Dem Mann gehörte der Besitz, die Frau hatte ihn zu verwalten. Waren Haus und Plantage gut aufgezogen, so hatte der Mann die Ehre, und die Frau lobte seine Geschicklichkeit. Der Mann brüllte wie ein Stier, wenn er einen Splitter im Finger hatte, und die Frau erstickte jedes Stöhnen bei der Geburt, damit es ihn nicht störe. Die Männer waren grob in ihren Worten und oftmals bezecht. Die Frauen überhörten anstößiges Reden und brachten die Trunkenbolde ohne ein Wort der Bitterkeit zu Bett. Die Männer sagten barsch und unverblümt ihre Meinung, die Frauen waren immer freundlich, gütig und verzeihend. Ellen war in den Traditionen vornehmer Damen erzogen worden, die sie gelehrt hatten, ihre Last zu tragen, ohne von ihrem persönlichen Zauber etwas einzubüßen, und sie wollte auch ihre drei Töchter zu vornehmen Damen machen. Mit den jüngeren gelang es ihr; Suellen war so darauf aus, zu gefallen, daß sie aufmerksam und willig auf die Lehren ihrer Mutter hörte, und Carreen war schüchtern und leicht zu lenken. Aber Scarlett, ganz Geralds Kind, fand den Weg zur vollendeten Dame nur ganz mühselig.

Zu Mammys Entrüstung waren ihre liebsten Spielkameraden nicht ihre artigen Schwestern oder die wohlerzogenen Wilkesschen Mädchen, sondern die farbigen Kinder auf der Plantage und die Jungens aus der Nachbarschaft. Auf Bäume klettern und mit Steinen werfen konnte sie so gut wie der Beste unter ihnen. Mammy war ganz verstört darüber, daß Ellens Tochter sich so entfaltete, und beschwor sie häufig, »sich wie eine kleine Dame zu benehmen«. Aber Ellen betrachtete die Sachlage mit duldsamerem Auge, mehr auf lange Sicht. Sie wußte, daß aus Spielkameraden einstmals Verehrer wurden, und die erste Pflicht eines Mädchens war, zu heiraten. Sie sagte sich, daß dies alles nur die überschäumende Lebensfülle des Kindes sei und daß es immer noch Zeit sein würde, Scarlett die Künste der Anmut und des Liebreizes zu lehren.

Zu diesem Zweck vereinten Ellen und Mammy ihre Bemühungen, und als Scarlett heranwuchs, wurde sie eine gelehrige Schülerin. Viel mehr lernte sie freilich auch nicht. Trotz einer ganzen Reihe von Erzieherinnen und einem zweijährigen Aufenthalt in der nahe gelegenen Töchterschule zu Fayetteville blieb ihre Bildung höchst lückenhaft, aber kein Mädchen aus der Provinz tanzte besser als sie. Sie verstand zu lächeln, daß die Grübchen spielten, auf leichten Füßen zu gehen, daß die weiten Krinolinenröcke einladend um sie her flogen, dem Mann ins Auge zu sehen und sofort den Blick niederzuschlagen, als bebte sie in süßer Erregung. Vor allem lernte sie, ihren scharfen Verstand vor den Männern hinter einem Gesicht zu verbergen, das so sanft und harmlos dreinschauen konnte wie das eines kleinen Kindes. Ellen und Mammy mühten sich beide ab, ihr die Eigenschaften einzuimpfen, die aus ihr eine wahrhaft begehrenswerte Gattin machen sollten, Ellen mit sanften Ermahnungen, Mammy mit beständigem Tade l.

»Du mußt stiller sein, Liebling, und gesetzter«, sagte Ellen zu ihrer Tochter. »Du darfst die Herren nicht unterbrechen, wenn sie sprechen, und wenn du es zehnmal besser weißt als sie. Ein vorlautes Mädchen mögen die Männer nicht.«

»Eine kleine Dame, die die Stirn runzelt und das Kinn auf wirft und sagt >ich will< und >ich will nicht<, kriegt keinen Mann ab«, prophezeite Mammy düster, »so eine kleine Dame soll die Augen niederschlagen und sagen >gewiß doch< und >Sie haben ganz recht<.«

So gut sie vermochten, lehrten sie sie alles, was eine Dame wissen sollte; Scarlett aber begriff nur den äußeren Schein. Die Herzensanmut, aus der die äußere Form wachsen sollte, lernte sie nie und sah auch keinen Grund ein, sie zu lernen. Der äußere Schein genügte, die damenhaften Formen machten sie beliebt, und mehr verlangte sie nicht. Gerald prahlte damit, daß sie in fünf Provinzen die gefeiertste Schönheit sei, und nicht mit Unrecht. Fast alle jungen Männer aus der Nachbarschaft und viele von weither, aus Atlanta und Savannah, hatten ihr Heiratsanträge gemacht. Mit sechzehn Jahren sah sie, dank Mammy und Ellen, liebreizend und fügsam aus, in Wirklichkeit aber war sie eigensinnig und eitel. Sie hatte die leichterregbare Leidenschaftlichkeit ihres Vaters, aber von dem selbstlosen, duldsamen Wesen ihrer Mutter nur eine dünne Politur. Das wurde Ellen nie ganz bewußt, denn vor ihrer Mutter zeigte sie sich stets von der besten Seite, verbarg ihre Sprunghaftigkeit, unterdrückte ihren Zorn und war so sanft, wie sie nur konnte, denn ein vorwurfsvoller Blick der Mutter konnte sie bis zu Tränen beschämen.

Mammy hingegen gab sich keinen Täuschungen über sie hin und lag beständig auf der Lauer, sie zu durchschauen. Mammy hatte ein schärferes Auge als Ellen, und Scarlett konnte sich ihr Leben lang nicht erinnern, die alte Amme je auf die Dauer hinters Licht geführt zu haben.

Nicht daß die beiden liebevollen Erzieherinnen Scarletts rasches Blut, ihre Lebhaftigkeit und ihre Reize beklagt hätten. Auf solche Züge waren die Frauen in den Südstaaten stolz. Was ihnen Sorge machte, war das von Gerald ererbte halsstarrige, ungestüme Wesen, und zuweilen fürchteten sie, es möge mißlingen, diese verhängnisvollen Eigenschaften zu vertuschen, bis sie eine gute Partie gemacht hatte. Aber Scarlett wollte heiraten, Ashley heiraten, und sie trug geduldig die Maske scheinbarer Sittsamkeit und liebenswürdiger Gedankenlosigkeit, weil nun einmal nur diese Mittel bei den Männern ihre Wirkung taten. Darüber nachzudenken, warum das so war, reizte sie nie; sie hatte keine Ahnung, wie es in der Menschenbrust zugeht, auch nicht in der eigenen. Sie wußte nur eines: wenn sie dies und jenes tat und sagte, antworteten die Männer unfehlbar mit dieser und jener Schmeichelei. Es war nicht schwieriger als eine mathematische Formel. Mathematik war das einzige, was Scarlett in der Schule leichtgefallen war.

Noch weniger als vom Innenleben des Mannes wußte sie von dem der Frau, denn Frauen interessierten sie nicht. Eine Freundin hatte sie nie gehabt und nie entbehrt. Alle Frauen, auch ihre beiden Schwestern, waren ihre natürlichen Feinde, weil sie dieselbe Beute verfolgten ... den Mann. Alle Frauen, mit einer einzigen Ausnahme: ihre Mutter!

Ellen 0'Hara war anders. Scarlett betrachtete sie wie etwas Heiliges, das über allen anderen Menschen steht. Als Kind hatte sie ihre Mutter mit der Jungfrau Maria verwechselt, und als sie älter wurde, sah sie nicht ein, warum sie ihre Ansicht ändern sollte. Ellen war für sie der Inbegriff der vollkommenen Ruhe, wie nur der Himmel oder eben eine Mutter sie geben kann. Ihre Mutter war die verkörperte Gerechtigkeit, Wahrheit, zärtliche Liebe und tiefe Weisheit - und sie war eine vornehme Dame.

Scarlett wollte von Herzen gern so werden wie ihre Mutter; nur gab es da eine Schwierigkeit: wer gerecht und wahrhaftig, liebevoll und selbstlos war, dem entgingen die meisten Freuden des Lebens und vor allem viele Verehrer. Das Leben aber war zu kurz, als daß man so erfreuliche Dinge versäumen durfte. Später einmal, wenn sie erst Ashleys Frau und älter war, später, wenn sie für so etwas Zeit hatte, wollte sie so sein wie Ellen. Bis dahin ...

An diesem Abend vertrat Scarlett ihre Mutter bei der Mahlzeit. Aber in ihrem Gemüt gärte noch immer das Schreckliche, das sie über Ashley und Melanie gehört hatte. Sie sehnte sich voller Verzweiflung danach, daß ihre Mutter von Slatterys zurückkehren möge; ohne sie fühlte sie sich einsam und verlassen. Welches Recht hatten Slatterys mit ihren ewigen Krankheiten, Ellen gerade heute zu beanspruchen, wo doch sie, Scarlett, ihrer so dringend bedurfte!

Während des trübseligen Mahles schlug ihr Geralds dröhnende Stimme schmerzhaft ans 0hr, bis sie meinte, es nicht länger aushallen zu können. Er hatte sein Gespräch mit ihr schon wieder vollständig vergessen und hielt jetzt einen Vortrag über die neuesten Nachrichten aus Fort Sumter, wobei er hin und wieder bekräftigend mit der Faust auf den Tisch schlug und mit den Armen durch die Luft fuchtelte. Er hatte sich zur Gewohnheit gemacht, bei Tisch die Unterhaltung zu beherrschen, und meistens saß Scarlett in ihre eigenen Gedanken versunken dabei und vernahm kaum ein Wort. Aber heute konnte sie sich nicht gegen seine Stimme abschließen, so angestrengt sie auch nach dem Knarren der Wagenräder aushorchte, das Ell ens Rückkehr anzeigen mußte. Natürlich hatte sie nicht die Absicht, ihrer Mutter zu erzählen, was ihr so schwer auf dem Herzen lag. Es hätte Ellen nur befremdet und bekümmert, zu erfahren, daß ihre Tochter einen Mann begehrte, der mit einem anderen Mädchen verlobt war. Aber im Abgrund dieser ersten Tragödie, die ihr widerfuhr, hätte ihr die tröstliche Gegenwart der Mutter schon viel bedeutet. Sie fühlte sich immer geborgen, wenn Ellen bei ihr war; nichts konnte so arg sein, daß Ellen es nicht durch ihre b loße Gegenwartgelindert hätte.

Sie fuhr unvermutet von ihrem Stuhl empor, als sie Räder über die Auffahrt knirschen hörte, und sank wieder zurück, als sie um das Haus herum weiterfuhren bis in den hinteren Hof. Ellen konnte es nicht sein, denn sie wäre gleich bei der vorderen Eingangstreppe ausgestiegen. Dann klang aufgeregtes Geplapper von den Stimmen der Farbigen und schrilles Lachen von draußen herein. Durch das Fenster erblickte Scarlett Pork. Er hielt einen brennenden Kiefernscheit hoch, in dessen Licht man undeutliche Gestalten vom Leiterwagen klettern sah. In der dunklen Nachtluft schwoll das Gelächter und Geschwätze an: anheimelnde, sorglose Stimmen, sanfte Kehllaute und helle Fisteltöne. Dann kamen Schritte die Hintertreppe herauf und weiter durch den Flur, der zum Haupthause führte. In der Halle vor dem Speisezimmer blieben sie stehen, ein kurzes Geflüster, und Pork trat ein, seiner üblichen Würden vollständig bar, mit rollenden Augen und gleißenden Zähnen.

»Master Gerald«, meldete er keuchend; sein Gesicht strahlte vor Bräutigamsstolz. »Die neue Frau sein da.«

»Neue Frau? Ich habe keine neue Frau gekauft«, erklärte Gerald und heuchelte ein äußerst erstauntes Gesicht.

»Doch, doch! Master Gerald, sie sein hier draußen und mögen Sie sprechen!« Pork grinste und rang vor lauter Aufregung die Hände.

»Nun also, bring die Braut herein«, sagte Gerald.

Pork ging in die Halle zu seiner Frau, die von Wilkes' Plantage soeben angekommen war, um ein Glied des Haushaltes auf Tara zu werden. Sie kam herein, hinter ihr her, von ihrem mächtigen Katrunrock fast verborgen, ihr zwölfjähriges Mädchen, das sich an das Bein der Mutter schmiegte.

Dilcey war groß und hielt sich sehr gerade. Sie hätte in jedem Alter zwischen dreißig und sechzig sein können, so glatt war ihr unbewegliches, bronzefarbenes Gesicht. Ihren Zügen sah man deutlich das Indianerblut an, das die Merkmale des Farbigen überwog. Die rote Haut, die schmale, hohe Stirn, die hervortretenden Backenknochen und die Habichtsnase, deren unteres Ende über wulstigen Lippen hing, alles verriet die Mischung der beiden Rassen. Sie trug sich mit einer selbstbeherrschten Würde, die selbst Mammys übertraf. Mammy hatte sich ihre Würde anerzogen, Dilcey lag sie im Blut. Wenn sie sprach, klang ihre Stimme nicht so verschliffen wie bei den meisten Farbigen, auch wählte sie ihre Worte sorgfältiger aus.

»Guten Abend, junge Missis, guten Abend, Master Gerald. Es tut mir leid, daß ich Sie störe, aber ich wollen herkommen und mich bei Ihnen bedanken, weil Sie mich kaufen und mein Kind dazu. Eine Menge Herren vielleicht mich auch kaufen, aber meine Prissy nicht mit kaufen, nur damit ich nicht traurig wäre. Ich danke auch schön. Ich wollen alles für Sie tun und zeigen, daß ich es Ihnen nicht vergesse.«

»Hrr-hmm.« Gerald räusperte sich vor Verlegenheit, weil er öffentlich einer guten Tat überführt wurde.

Dilcey wandte sich zu Scarlett, und etwas wie ein Lächeln huschte um ihre Augenwinkel. »Miß Scarlett, Pork mir sagen, daß Sie Master Gerald gebeten haben, mich doch kaufen. Dafür gebe ich Ihnen meine Prissy als Ihre eigene Kammerzofe.«

Sie langte hinter sich hin und schubste das kleine Mädchen nach vorn. Es war ein schmächtiges braunes Ding, mit Beinen so mager wie Vogelbeine und einer Unzahl sorgfältig mit Zwirn umwickelter Zöpfe, die ihr steif vom Kopf abstanden. Sie hatte ein Paar scharfe Augen, denen nichts entging, und trug eine gewollt dumme Miene zur Schau.

»Danke, Dilcey«, erwiderte Scarlett. »Ich fürchte nur, da hat Mammy ein Wort mitzureden. Sie ist seit meiner Geburt meine Zofe gewesen.«

»Mammy werden alt«, sagte Dilcey mit einer Ruhe, die Mammy in Wut gebracht hätte. »Sie sein eine gute Mammy, aber Miß Scarlett sein jetzt eine junge Dame und brauchen eine gute Zofe, und meine Prissy sein seit einem Jahr bei Miß India Zofe gewesen, sie kann nähen und das Haar aufstecken wie eine Erwachsene.«

Auf einen Rippenstoß der Mutter hin machte Prissy einen Knicks und grinste Scarlett an, die nicht anders konnte als ihr wieder zulächeln. Ein gerissenes kleines Mädel, dachte sie und sagte laut: »Dank dir, Dilcey, wir sprechen weiter darüber, wenn Mrs. 0'Hara nach Hause kommt.«

»Danke, Miß, ich wünsche allen Herrschaften gute Nacht.« Damit kehrte Dilcey sich um und verließ mit dem Kinde das Zimmer, während Pork dienstbeflissen umsie hertänzelte.

Als das Abendessen abgeräumt war, nahm Gerald seinen Vortrag wieder auf, doch machte es ihm selbst keine rechte Freude mehr und den Zuhörern noch weniger. Wenn er donnernd den Krieg als unmittelbar bevorstehend bezeichnete und rhetorisch fragte, ob der Süden sich weitere Beleidigungen von den Yankees bieten lassen dürfe, bekam er darauf nur ein stilles, gelangweiltes »Ja, Papa« und »Nein, Papa« zu hören. Carreen saß auf einem Kissen unter der großen Lampe und vertiefte sich in den Roman von einem Mädchen, das nach dem Tode ihres Liebsten den Schleier genommen hatte. Stille Wonnetränen tropften ihr dabei aus den Augen, und sie sah sich im Geiste selber wohlgefällig mit der weißen Nonnenhaube. Suellen stickte »etwas für ihre Hoffnungstruhe«, wie sie es kichernd nannte, und überlegte sich, ob sie nicht doch morgen auf dem Gartenfest Stuart Tarleton ihrer Schwester abspenstig machen und mit der süßen Weiblichkeit bestricken könnte, die ihr eigen war und Scarlett so ganz abging. Scarlett aber war voll inneren Aufruhrs wegen Ashley.

Wie konnte Pa nur immer weiter über Fort Sumter und die Yankees reden, wo er doch wußte, daß ihr das Herz brach? Sie wunderte sich nach Art sehr junger Leute darüber, daß man ihren Schmerz vergessen konnte und die Welt sich trotz ihrem gebrochenen Herzen weiter drehte wie immer. Ihr schwirrte der Kopf, als brauste ein Sturmwind durch ihn hindurch, und es war so sonderbar, daß das Speisezimmer mit dem wuchtigen Mahagonitisch, den Anrichteschränken, dem schweren Silbergeschirr, mit den bunten Flickenteppichen auf dem blanken Fußboden so friedlich wie immer vor ihr lag. Die ruhigen Stunden, die die Familie hier nach dem Abendessen verbrachte, hatte Scarlett so gern, aber heute war der Anblick ihr verhaßt, und am liebsten wäre sie leise hinausgegangen durch die dunkle Halle in Ellens kleines Schreibzimmer und hätte auf dem alten Sofa ihren Kummer ausgeweint. Dieses Zimmer hatte Scarlett von allen im Hause am liebsten. Hier saß Ellen morgens an ihrem Schreibtisch, führte die Abrechnungen über die Plantage und nahm den Bericht Jonas Wilkersons, des Aufsehers, entgegen. Dort verbrachte auch die Familie ihre Mußestunden, während Ellens Gänsekiel über die Buchseiten flog, Gerald in dem alten Schaukelstuhl, die Mädchen auf den eingesessenen Sofakissen, die zu zerschlissen und abgenutzt für die Vorderzimmer waren.

Dort zu sein, allein mit Ellen, sehnte Scarlett sich jetzt, und - den Kopf imSchoßeder Mutter- ungestörtzu weinen.

Da knirschten Räder geräuschvoll durch den Kies, und schon war Ellens sanfte Stimme draußen zu vernehmen. Gespannt blickten alle auf, als sie mit ihrem wiegenden Gang hereintrat. Mit ihr kam der schwache Duft von Zitrone und Verbene, der immer den Falten ihres Kleides entströmte und den Scarlett allezeit mit dem Bild der Mutter verband. Ein paar Schritte hinter ihr folgte Mammy, die Ledertasche in der Hand, mit vorgeschobener Unterlippe und gesenkten Brauen. Sie sprach, während sie hereinwatschelte, leise vor sich hin, und zwar so, daß ihre Bemerkungen nicht verstanden wurden, aber doch ihre entschiedene Mißbilligung zumAusdruck brachten.

»Es tut mir leid, daß ich so spät komme.« Ellen ließ ihr Plaid von den Schultern gleiten, gab es Scarlett und streichelte ihr die Wange. Bei ihrem Eintritt hellte sich Geralds Gesicht auf. »Ist das Wurm getauft?« erkundigte er sich.

»Ja, und tot, das arme Ding«, sagte Ellen. »Ich fürchtete, Emmie würde auch sterben, aber ich glaube, sie bleibt am Leben.« Die Mädchen hoben ihre erschrockenen, fragenden Gesichter empor, und Gerald schüttelte philosophisch den Kopf: »Nun, es ist besser, das Wurm ist tot, das arme vaterlose ...«

»Es ist schon spät, wir sollten lieber jetzt beten.« Ellen unterbrach ihn so sanft, daß die Unterbrechung unbemerkt vorübergegangen wäre, hätte Scarlett ihre Mutter nicht so gut gekannt. Gern hätte Scarlett gewußt, wer der Vater von Emmie Slatterys Baby war, aber wenn sie die Wahrheit von ihrer Mutter zu hören begehrte, so würde sie sie nie erfahren. Sie hatte Jonas Wilkerson im Verdacht, denn sie hatte ihn oft bei einbrechender Nacht mit Emmie die Landstraße entlanggehen sehen. Jonas war Junggeselle und ein Yankee. Seine Stellung als Sklavenaufseher schloß ihn ein für allemal von jeder Berührung mit der Gesellschaft des Landes aus. In keine auch nur halbwegs angesehene Familie konnte er hineinheiraten, mit niemand konnte er verkehren, außer mit den Slatterys und ähnlichem Gelichter. Da er an Bildung mehrere Stufen höher stand als die Slatterys, hatte er natürlich keine Lust, Emmie zu heiraten, sooft er auch in der Dämmerung mit ihr spazierenging. Scarlett seufzte, denn sie war sehr neugierig. Immer gingen unter den Augen ihrer Mutter Dinge vor sich, die Ellen so wenig bemerkte, als seien sie überhaupt nicht vorhanden. Ellen sah über alles Unschickliche hinweg und verlangte von Scarlett dasselbe, allerdings nur mit kümmerlichem Erfolg.

Ellen war zum Kamin gegangen und hatte aus dem kleinen eingelegten Kästchen ihren Rosenkranz genommen, als Mammy energisch dazwischentrat: »Mrs. Ellen, erst wird zu Abend gegessen, ehe Sie beten.«

»Danke, Mammy, ich habe keinen Hunger.«

»Ich richte Ihnen selbst die Mahlzeit an, und dann essen Sie.« Mammy runzelte vor Entrüstung die Stirn und begab sich durch die Halle in die Küche. »Pork!« rief sie, »sag der Köchin, sie soll das Feuer anblasen, Mrs. Ellen sein da.« Während die Dielen unter ihrem Gewicht erdröhnten, wurde das Selbstgespräch, in dem sie schon zuvor begriffen war, immer lauter, bis man es im Speisezimmer deutlich verstehen konnte: »Ich sagen es immer wieder, es haben keinen Zweck, für das weiße Pack sorgen, das sein die größten Faulpelze und undankbarsten Nichtsnutze, Mrs. Ellen sollen sich nicht todmüde machen für Leute, die Farbigen genug zum Pflegen haben können, wenn sie nur einen Schuß Pulver wert sein, ich haben gesagt ...«

Ihre Stimme verklang. Sie hatte ihre eigene Methode, den Herrschaften ihren Standpunkt klarzumachen. Sie wußte wohl, daß es unter der Würde der Weißen war, zuzuhören, wenn ein Schwarzer vor sich hin sprach. Sie war vor Antworten und Verweisen sicher, wenn sie sich auch noch so laut vernehmen ließ, und doch blieb keiner über ihre Meinung im Zweifel.

Pork kam mit einem Teller, dem Besteck und einer Serviette herein. Ein kleiner farbige Junge folgte ihm auf dem Fuße. Mit der einen Hand knöpfte er hastig seine weiße Leinenjacke zu, in der anderen trug er einen Fliegenwedel aus dünnen Streifen Zeitungspapiers an einem Bambusrohr, das länger war als er selbst. Ellen besaß einen prachtvollen Fliegenwedel aus Pfauenfedern, aber der wurde nur bei ganz besonderen Anlässen gebraucht, und auch dann nur nach langen häuslichen Kämpfen, denn Pork, die Köchin und Mammy waren der hartnäckigen Überzeugung, daß PfauenfedernUnglück brächten.

Ellen setzte sich auf den Stuhl, den Gerald für sie hervorzog, und dann fielen sie vierstimmig über sie her:

»Mutter, an meinem Ballkleid ist die Spitze los. Ich will es doch morgen in Twelve 0aks anziehen. Nähst du sie mir wieder an?«

»Mutter, Scarletts neues Kleid ist viel hübscher als meins, ich sehe in Rosa wie eine Vogelscheuche aus. Kann sie nicht mein rosa Kleid anziehen und ich ihr grünes?«

»Mutter, darf ich morgen für den Ball aufbleiben? Ich bin doch schon dreizehn.«

»Mrs. 0'Hara, sollte man es glauben - seht, ihr Mädchen, erst komme ich! - Cade Calvert war heute früh in Atlanta und sagt - wollt ihr still sein, ich kann ja mein eigenes Wort nicht verstehen! - er sagt, sie seien dort alle in mächtiger Aufregung und redeten von nichts anderem als vom Krieg, und in Charleston heißt es, man würde sich nun nichts mehr von den Yankees gefallen lassen.«

Ellen lächelte müden Mundes in den Tumult hinein und wandte sich zunächst, wie es sich gehörte, an ihren Mann. »Wenn das die Meinung und das Gefühl der netten Leute in Charleston ist, so haben sie sicher recht«, sagte sie. Sie hatte die feste Überzeugung, daß, mit alleiniger Ausnahme von Savannah, die Vornehmsten auf dem ganzen Erdteil in jenem kleinen Seehafen zu finden seien, eine Überzeugung, die von den Leuten aus Charleston selber in hohem Grade geteilt wurde.

»Nein, Carreen, nächstes Jahr, mein Kind, dann darfst du zum Ball aufbleiben und Kleider wie die Großen tragen. Dann wird mein kleiner Rotback sich aber amüsieren. Nicht maulen, du weißt doch, du darfst auf das Gartenfest und bis zum Abendessen aufbleiben, aber Bälle sind erst mit vierzehn Jahren erlaubt.«

»Gib mir dein Kleid, Scarlett. Ich nähe dir nach der Abendandacht die Spitze an.«

»Suellen, dein Ton gefällt mir nicht. Dein rosa Kleid ist wunderhübsch und steht gut zu deinem Teint wie Scarletts zu dem ihren. Aber du darfst morgen meine Granatkette tragen.«

Hinter dem Rücken der Mutter machte Suellen triumphierend eine krause Nase zu Scarlett, die gehofft hatte, selber die Kette zu tragen. Scarlett steckte ihr die Zunge heraus. Suellen konnte mit ihrem Gejammer und ihrer Selbstsucht unerträglich sein, und hätte nicht Ellens Gegenwart Scarlett zurückgehalten, so hätte sie ihre Schwester schon des öfteren geohrfeigt.

»Erzähl mir mehr davon, was Mr. Calvert aus Charleston berichtet hat«, sagte Ellen zu ihrem Mann.

Scarlett wußte wohl, daß ihre Mutter sich für Krieg und Politik gar nicht interessierte. Das waren für sie männliche Angelegenheiten, um die eine Dame sich nicht kümmerte. Aber Gerald hatte Freude daran, seine Ansichten zum besten zu geben, und Ellen war stets darauf bedacht, ihrem Manne eine Freude zu machen.

Während Gerald seine Neuigkeiten heraussprudelte, stellte Mammy ihrer Herrin die Schüssel hin: Gebäck mit goldiger Kruste, gebratene Hühnerbrust und eine dampfende, aufgeplatzte gelbe Batate, von der die geschmolzene Butter herabtroff. Mammy gab dem kleinen Jack einen Puff, und er begann eilends, hinter Ellens Rücken zu wedeln. Mammy stand neben dem Tisch und beobachtete jeden Bissen, der vom Teller zum Munde der Herrin wanderte. Scarlett sah, daß Ellen vor Müdigkeit kaum wußte, was sie aß. Nur Mammys unerbittliche Miene zwang sie dazu. Als die Schüssel leer war und Gerald seinen Vortrag über die leidigen Yankees noch nicht annähernd beendet hatte, stand Ellen auf.

»Wollen wir schon beten?« fragte er.

»Ja, es ist schon spät - wahrhaftig, zehn Uhr. Carreen sollte längst schlafen. Bitte, die Lampe, Pork, und mein Gebetbuch, Mammy.« Auf Mammys heiseres Geflüster stellte Jack seinen Fliegenwedel in die Ecke und räumte die Schüssel weg, während Mammy in der Schublade der Anrichte nach Ellens zerlesenem Gebetbuch suchte. Pork stellte sich auf die Zehen, faßte den Ring an der Kette und zog die Hängelampe langsam herunter, bis das obere Ende des Tisches in Licht getaucht war und die Zimmerdecke im Dunkeln verschwand. Ellen schob ihre Röcke zurecht und ließ sich auf die Knie nieder, legte das offene Gebetbuch auf den Tisch vor sich hin und faltete darüber die Hände. Gerald kniete neben ihr. Scarlett und Suellen nahmen ihre gewohnten Plätze am anderen Ende des Tisches ein und legten ihre faltigen Unterröcke unter den Knien zu einem Polster zusammen, damit ihnen der harte Fußboden nicht so weh täte. Carreen, die klein für ihr Alter war, konnte nicht recht am Tisch knien und ließ sich deshalb vor einem Stuhl nieder, die Ellenbogen auf dem Sitz. So kniete sie gern, denn sie schlief fast immer während der Andacht ein, und wenn sie in dieser Stellung hockte, merkte ihre Mutter nichts davon. Die farbigen Bediensteten kamen in die Halle geschlurft und geraschelt und knieten dann an der Tür. Mammy stöhnte laut auf, als sie sich niederließ, Pork hielt sich gerade wie ein Ladestock, Rosa und Teena breiteten anmutig die bunten Kattunröcke aus. Die Köchin sah hager und gelb unter ihrem schneeweißen Kopftuch hervor, und der ganz verschlafene Jack suchte sich seinen Platz so weit entfernt von Mammys kneifenden Fingern wie nur möglich. Die dunklen Augen der Farbigen glänzten erwartungsvoll, die Andacht mit der weißen Herrschaft war eins der Ereignisse des Tages. Von den alten, schönen Sprüchen der Litanei und ihrer morgenländischen Bildersprache verstanden sie nicht viel, und doch gingen sie ihnen zu Herzen, und während sie singend respondierten: »Herr, erbarme dich unser, Christe, erbarme dich unser«, wiegten sie den 0berkörper andächtig hin und her.

Ellen schloß die Augen und fing an zu beten, ihre Stimme hob und senkte sich beruhigend wie ein Schlummerlied. Die Köpfe senkten sich in den gelben Lichtkreis, als Ellen Gott dankte für die Gesundheit und das Glück ihres Heimes und ihrer Familie und ihrer Farbigen.

Als sie ihre Gebete für alle Bewohner von Tara, für ihren Vater, ihre Mutter, ihre Schwestern, die drei kleinen toten Söhne und »alle die armen Seelen im Fegefeuer« beendet hatte, nahm sie die weißen Perlen in ihre schlanken Finger und begann den Rosenkranz zu beten. Wie ein sanfter Wind kamen die Antworten aus schwarzen und aus weißen Kehlen zurückgesäuselt:

»Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.«

Trotz ihrem Herzweh und dem Schmerz unvergossener Tränen kam Ruhe und tiefer Friede über Scarlett, wie immer zu dieser Stunde. Ein wenig von der Enttäuschung dieses Nachmittags, von der Angst vor dem kommenden Tag wich von ihr. Nicht die Erhebung des Herzens zu Gott brachte ihr diese Linderung; denn Religion war ihr kaum mehr als Lippendienst. Es war der Anblick ihrer Mutter, wie sie ihr verklärtes Gesicht zum Throne Gottes, seinen Heiligen und Engeln erhob und Segen herabflehte auf die Menschen, die sie liebte, der ihr so naheging. Wenn Ellen im Himmel für sie eintrat, mußte der Himmel sie erhören, dessen war Scarlett gewiß.

Ellen war fertig, und Gerald, der seinen Rosenkranz zur Abendandacht nie finden konnte, begann verstohlen sich die Aves und Paternosters an den Fingern abzuzählen. Bei seinem summenden Psalmodieren konnte Scarlett nicht verhindern, daß ihre Gedanken abschweiften. Sie wußte wohl, sie sollte jetzt ihr Gewissen prüfen. Ellen hatte sie gelehrt, es sei ihre Pflicht, am Ende jedes Tages in ihrem Gewissen gründlich Umschau zu halten, ihre zahlreichen Verfehlungen zu gestehen und Gott um Vergebung und um die Kraft zu bitten, nicht wieder rückfällig zu werden. Scarlett aber prüfte ihr Herz.

Sie ließ den Kopf auf den gefalteten Händen, so daß die Mutter ihr Gesicht nicht sehen konnte, und die Gedanken wanderten betrübt zu Ashley zurück. Wie konnte er nur beschlossen haben, Melanie zu heiraten, wo er in Wirklichkeit doch sie, Scarlett, liebte? Und wenn er wußte, wie sehr sie ihn liebte? Wie konnte er ihr so das Herz brechen?

Da auf einmal fuhr ihr strahlend und hell wie ein Komet ein neuer Gedanke durch den Sinn. »Mein Gott, Ashley hat ja keine Ahnung davon, daß ich ihn liebe!«

So unerwartet kam ihr diese Erleuchtung, daß sie vor Schreck beinahe laut aufgeatmet hätte. Einen langen, atemlosen Augenblick stockten ihre Gedanken wie gelähmt, dann rasten sie weiter.

»Woher sollte er es denn wissen? Ich habe mich ihm gegenüber immer so zimperlich und damenhaft benommen und bin in seiner Gegenwart ein solches Rührmichnichtan gewesen, daß er wahrscheinlich denkt, ich mache mir nichts aus ihm, außer höchstens als Freund. Natürlich, darum hat er nie etwas gesagt! Er hält seine Liebe für hoffnungslos, und darum ...«

Geschwind eilten die Gedanken zurück in jene Zeiten, da sie ihn dabei ertappt hatte, wie er sie so seltsam ansah, da die grauen Augen, die seine Gedanken sonst so vollständig verhüllten, offen und nackt vor ihr gelegen hatten mit einem Blick voller Qual und Verzweiflung.

»Er denkt, ich sei in Brent, Stuart oder Cade verliebt, daher sein enttäuschtes Herz. Und wenn er mich doch nicht haben kann, meint er sicherlich, er könne seiner Familie zu Gefallen ebensogut Melanie heiraten. Wenn er aber wüßte, daß ich ihn liebe ...«

Ihr bewegliches Gemüt schnellte aus tiefster Niedergeschlagenheit empor zu seliger Erregung. Das also war die Erklärung für Ashleys Stillschweigen, für sein seltsames Verhalten. Er wußte nicht! Ihre Eitelkeit kam ihrem Wunsch zu Hilfe, Glaube wurde Sicherheit. Wenn er nur wüßte, daß sie ihn liebte, käme er eilends zu ihr. Sie brauchte nur ...

»Ach!« dachte sie überglücklich und grub ihre Finger in die gesenkte Stirn. »Ich Dummkopf, warum fällt mir das jetzt erst ein! Ich muß mir etwas ausdenken, um es ihn wissen zu lassen. Er heiratet sie sicher nicht, wenn er weiß, daß ich ihn liebe! Wie könnte er denn?«

Sie fuhr zusammen, als sie bemerkte, daß Gerald zu beten aufgehört hatte und der Blick ihrer Mutter auf ihr ruhte. Hastig begann sie ihre Gebete und sprach mechanisch herunter, was der Rosenkranz verlangte, aber mit so viel Ergriffenheit in der Stimme, daß Mammy die Augen öffnete und sie forschend von der Seite ansah. Als sie die Gebete gesprochen hatte und Suellen und dann Carreen mit den ihren folgten, jagten ihre Gedanken immer noch weiter mit der berauschenden neuen Hoffnung. Auch jetzt war es noch nicht zu spät! Allzu oft schon hatte sich die Provinz entrüsten müssen über Entführungen in dem Augenblick, da die eine oder die andere Partei mit einem Dritten schon so gut wie vor dem Altar stand. Und Ashleys Verlobung war noch nicht einmal veröffentlicht. 0 ja, sie hatte reichlich Zeit! Wenn nicht Liebe Ashley an Melanie band, sondern nur ein altes Versprechen, warum sollte es dann nicht möglich sein, daß er sein Wort zurücknahm und sie, Scarlett, heiratete? Das tat er sicher, sobald er nur wußte, daß sie ihn liebte. Sie mußte es ihn auf irgendeine Weise wissen lassen. Wie, das wollte sie schon ersinnen! Und dann ...

Scarlett schreckte jäh aus ihrer Traumseligkeit empor. Sie hatte die Responsorien versäumt, und ihre Mutter sah sie vorwurfsvoll an. Als sie in das Ritual wieder einfiel, schlug sie geschwind die Augen auf und warf einen raschen Blick durch das Zimmer. Die knienden Gestalten, das milde Lampenlicht, der dämmerige Schatten, in dem die Farbigen sich wiegten, sogar die vertrauten Gegenstände, die noch vor einer Stunde ihrem Auge so verhaßt gewesen waren, alles nahm augenblicklich die Farbe ihres bewegten Gemüts an, und das Zimmer wurde wieder schön. Diesen Augenblick, dieses Bild würde sie niemals vergessen!

»Treueste Jungfrau«, betete die Mutter. Die Litanei der Jungfrau begann, und gehorsam respondierte Scarlett: »Bitte für uns«, während Ellen in sanftem Alt die Attribute der Mutter Gottes pries.

Schon als kleines Kind hatte Scarlett bei diesen Worten immer mehr ihre Mutter angebetet als die Jungfrau, und so war es auch jetzt noch. Mochte es auch eine Gotteslästerung sein, Scarlett sah immer durch die geschlossenen Lider hindurch Ellens emporgerichtetes Gesicht und nicht die Heilige Jungfrau, wenn die uralten Worte erklangen: »Heil der Kranken, Sitz der Weisheit, Zuflucht der Sünder, geheimnisvolle Rose« - die Worte waren schön, weil sie Ellens Attribute waren. Aber heute abend hatte die ganze Zeremonie, die leisen Worte, die gemurmelten Antworten, für Scarlett in ihrem eigenen Hochgefühl eine Schönheit, wie sie sie nie zuvor erlebt hatte. Ihr Herz erhob sich zu Gott in aufrichtigem Dank dafür, daß ihren Füßen ein Pfad sich öffnete - ein Pfad aus dem Elend, geradeswegs in Ashleys Arme.

Als das letzte Amen verklungen war, erhoben sie sich alle auf die etwas steifen Füße, Teena und Rosa richteten mit vereinten Kräften Mammy wieder auf. Pork nahm einen langen Lichtstock vom Kamin, entzündete ihn an der Lampe und ging hinaus in die Halle. Der Wendeltreppe gegenüber befand sich ein Anrichteschrank aus Nußbaumholz, der für das Eßzimmer zu groß war, und auf seinem weiten Sims standen mehrere Lampen und eine lange Reihe Leuchter mit Kerzen. Pork zündete ein Lampe und drei Kurzen an und geleitete mit der Würde eines ersten Kammerherrn des königlichen Schlafgemachs, der dem König und der Königin in ihre Gemächer voranleuchtet, die Prozession die Treppe hinauf, die Kerze hoch über dem Kopf. Ellen folgte ihm an Geralds Arm, dann gingen die Mädchen, jedes mit seinem eigenen Leuchter, hinauf. Scarlett ging in ihr Zimmer, stellte die Kerze auf ihre hohe Kommode und suchte in dem dunklen Wandschrank nach dem Ballkleid, an dem etwas zu nähen war. Sie nahm es und schritt dann leise über den Flur. Die Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern stand ein wenig offen, und ehe sie klopfen konnte, vernahm sie Ellens Stimme leise, aber streng: »Mr. 0'Hara, du mußt Jonas Wilkerson entlassen.«

Gerald schäumte auf: »Und woher soll ich einen neuen Aufseher bekommen, der mich nicht übers 0hr haut?«

»Er muß sofort entlassen werden, morgen früh. Der große Sam ist ein guter Vorarbeiter, er kann das Amt so lange übernehmen, bis du einen neuen Aufseher anstellst.«

»Ah, so!« klang darauf Geralds Stimme. »Jetzt verstehe ich! Dann hat also der würdige Jonas mit der ...«

»Er muß entlassen werden.«

»Er ist also der Vater von Emmie Slatterys Baby«, dachte Scarlett. »Nun ja, was kann man von einem Yankee und einem Mädchen aus dem weißen Pack anderes erwarten?«

Nach einer behutsamen Pause, in der Geralds Wortschwall Zeit hatte abzuebben, klopfte sie an die Tür und reichte ihrer Mutter das Kleid.

Als sie sich dann ausgezogen und das Licht gelöscht hatte, war ihr Plan für morgen bis in jede Einzelheit fertig. Ein einfacher Plan. Mit der von Gerald ererbten Geradlinigkeit sah sie nur das eine Ziel vor sich und den kürzesten Weg, der dahin führte.

Zuerst wollte sie »stolz« sein, wie Gerald befohlen hatte, sobald sie aber in Twelve 0aks ankamen, wollte sie ihre lustigste, ausgelassenste Miene aufsetzen. Niemand sollte auf den Gedanken kommen, sie könne wegen Ashley und Melanie traurig sein. Und dann wollte sie jedem Manne dort Augen machen. Das war vielleicht grausam gegen Ashley, aber er würde nur um so leidenschaftlicher nach ihr verlangen. Keinen Mann in heiratsfähigem Alter wollte sie übersehen, von dem alten Rotbart Frank Kennedy, Suellens Verehrer, bis zu dem schüchternen, stillen, fortwährend errötenden Charles Hamilton, Melanies Bruder. Sie sollten sie alle umschwärmen wie Bienen ihren Stock; sicher würde das Ashley von Melanies Seite weg in den Kreis ihrer Bewunderer ziehen. Darauf wollte sie es einrichten, fern von der Menge ein paar Minuten mit ihm allein zu sein. Wenn Ashley nicht den ersten Schritt tat, so mußte sie ihn eben selber tun.

Waren sie dann endlich allein, so war der Eindruck von all den andern Männern noch frisch in seiner Seele; die Tatsache, daß alle sie umwarben, ging ihm nahe, und dann würden seine Augen den bekümmerten, verzweifelten Blick haben. Aber dann wollte sie ihn wieder glücklich machen und ihn fühlen lassen, daß sie, die von allen Geliebte, ihn allen andern Männern auf der Welt vorzog. Und während sie es verschämt und süß gestand, sollte er noch tausenderlei mehr in ihren Augen lesen. Natürlich würde das alles auf die vornehmste Weise geschehen. Sie würde sich nicht im Traum einfallen lassen, ihm offen zu sagen, daß sie ihn liebte - das ging auf keinen Fall. Die Art, wie sie es ihn merken lassen wollte, war eine Nebensache, über die sie sich nicht den Kopf zerbrach. Mit einer solchen Lage war sie schon fertig geworden, und es würde ihr wieder gelingen.

Wie sie da im dämmerigen Mondenschein in ihrem Bett lag, stellte sie sich die ganze Szene vor. Sie sah sein Gesicht, überrascht, in Glück erstrahlen, wenn er begriff, daß sie ihn wirklich liebte. Sie hörte ihn fragen, ob sie seine Frau werden wollte.

Natürlich mußte sie dann erwidern, daß sie überhaupt gar nicht daran denken könne, jemanden zu heiraten, der mit einem anderen Mädchen verlobt sei, aber dann würde er darauf bestehen, und schließlich wollte sie sich überreden lassen. Und dann würden sie beschließen, noch denselben Nachmittag nach Jonesboro durchzugehen und ...

Wahrhaftig, morgen abend um diese Zeit war sie vielleicht schon Frau Ashley Wilkes!

Sie setzte sich im Bett auf, umfaßte ihre Knie und war eine lange, glückliche Weile wirklich Frau Ashley Wilkes - Ashleys Braut! Dann überkam sie ein leiser Schauder. Wenn es nun nicht so gehen würde? Wenn Ashley sie nun nicht entführte? Entschlossen schlug sie sich den Gedanken aus dem Sinn.

»Daran will ich nicht denken«, sagte sie fest, »sonst komme ich aus dem Gleichgewicht. Ich sehe gar keinen Grund dazu, daß es nicht so gehen sollte, wie ich will - wenn er mich liebt. Und ich weiß es, daß er mich liebt!«

Sie hob das Kinn, die grünen Augen funkelten im Mondlicht. Ellen hatt e ihr nie gesagt, daß Begehren und Erlangen zweierlei sei. Das Leben hatte sie noch nicht gelehrt, daß nicht immer der Schnellfüßigste das Rennen gewinnt. Da lag sie im silbrigen Dunkel und faßte neuen Mut, schmiedete Pläne, wie eben eine Sechzehnjährige sie schmiedet, wenn das Leben so schön ist, daß eine Niederlage unmöglich scheint; wenn ein hübsches Kleid und ein schöner Teint Waffen genug sind, das Schicksal zu besiegen.

Es war zehn Uhr in der Frühe. Für einen Apriltag war es sehr warm, heller Sonnenschein strömte durch die blauen Gardinen der breiten Fenster in Scarletts Zimmer hinein. Die cremefarbenen Wände erglühten in seinem Licht, in den Mahagonimöbeln schimmerte es wie roter Wein, der Fußboden spiegelte wie Glas, wo er nicht mit den farbe nfrohen Flickenteppichen belegt war. Schon meldete der georgianische Sommer sich an, vor dessen grimmiger Hitze die Flut des Frühlings widerstrebend zurückebbte. Balsamische Wärme, schwer vom Duft der Blüten und der feuchten Erdschollen, drang in den Raum. Durch das Fenster erblickte Scarlett den prangenden Farbenflor der Narzissen zu beiden Seiten der kiesbestreuten Auffahrt und die goldige Flut gelben Jasmins, der seine Blütenzweige wie einen Reifrock zur Erde spreizte. Spottdrosseln und Häher trugen ihre alte Fehde um den Besitz des Magnolienbaumes unter ihrem Fenster aus. Man hörte ihre zankenden Stimmen, die schrillen, harten der Häher, das sanfte Klagen der Spottdrosseln.

Ein so schöner Morgen rief Scarlett immer ans Fenster, um, die Arme auf das breite Sims gestützt, die Düfte und Laute von Tara einzusaugen. Heute aber hatte sie kein Auge für all die Schönheit, sondern nur den Stoßseufzer: »Gottlob, daß es nicht regnet!« Auf dem Bett lag ihr apfelgrünes Moirekleid mit den maisfarbenen Spitzenvolants, sauber in eine große Pappschachtel verpackt. Es sollte nach Twelve 0aks gebracht und zum Tanz angezogen werden; aber Scarlett zuckte nur die Achseln, als sie es sah. Wenn ihr Plan gelang, so würde sie das Kleid heute abend nicht anziehen. Längst, ehe der Ball anfing, waren sie und Ashley dann schon auf dem Wege nach Jonesboro, um zu heiraten. Die lästige Frage war vielmehr, was sie für das große Gartenessen, das mittags stattfand, anziehen sollte. Welches Kleid brachte ihre Reize am besten zur Geltung und machte sie am unwiderstehlichsten? Seit acht Uhr hatte sie Kleider anprobiert und wieder weggehängt, und nun stand sie mißmutig und unschlüssig in ihrer Spitzenhose, der Batistuntertaille und drei wogenden, spitzenbesetzten Unterröcken da. Alles, was sie schon verworfen hatte, lag auf dem Fußboden, auf Bett und Stühlen um sie her in farbenfrohen Haufen Stoffs und schleifender Bänder.

Das rosa 0rgandykleid mit der langen Schärpe kleidete sie zwar gut, aber sie hatte es erst vorigen Sommer getragen, als Melanie in Twelve 0aks zu Besuch war, und die hatte es sicher nicht vergessen, war vielleicht sogar boshaft genug, sie daran zu erinnern. Von dem schwarzen Bombasinkleid mit den Puffärmeln und dem Stuartkragen hob ihre Haut sich prachtvoll ab, aber es machte sie älter aussehen. Scarlett warf einen ängstlichen Blick in den Spiegel auf ihr sechzehnjähriges Gesicht, als vermutete sie darin Runzeln und hängende Kinnfalten. Auf keinen Fall durfte sie neben Melanies reizender Jugendlichkeit alt und würdig aussehen. D as Musselinkleid mit den lavendelfarbenen Streifen und den breiten Einsätzen von Spitzen und Filet war prachtvoll, aber es paßte nicht zu ihrer Erscheinung. Carreens zartem Profil und unfertigem Ausdruck mußte es vorzüglich stehen, Scarlett selbst kam sich darin wie ein Schulmädchen vor. Das grünschottische Taftkleid mit all seinen rauschenden Falten, deren jede mit grünem Samtband eingefaßt war, war höchst kleidsam und eigentlich ihr liebstes, denn es machte ihre Augen dunkel wie Smaragde. Ein unverkennbarer Fettfleck saß jedoch gerade vorn auf der Taille. Sie konnte ihn natürlich mit einer Brosche zudecken, aber Melanie hatte scharfe Augen! Dann waren noch verschiedene bunte Waschkleider da, in denen Scarlett sich jedoch nicht festlich genug für diese Gelegenheit fühlte, einige Ballkleider und das grüne, geblümte Musselinkleid, das sie gestern getragen hatte. Aber das war ein Nachmittagskleid und für ein Gartenfest nicht passend. Es hatte nur winzige Puffärmel und war am Halse so tief ausgeschnitten wie ein Tanzkleid. Und doch blieb ihr nichts übrig, als es anzuziehen. Schließlich brauchte sie sich ihres Halses, ihrer Arme, ihres Busens nicht zu schämen, wenn es auch nicht ganz passend war, sie schon vormittags zu zeigen.

Als sie dann vor dem Spiegel stand und sich drehte und wendete, fand sie, daß an ihrer Figur wahrlich nichts zu verstecken sei. Ihr Hals war kurz, aber schön gebogen, die Arme lockend und voll. Die Brust, die das Korsett hochschob, war sehr hübsch. Nie hatte sie feine Seidenrüschen ins Taillenfutter zu nähen brauchen wie die meisten Mädchen ihres Alters, um damit ihrer Figur die gewünschte Rundung zu geben. Sie war froh, daß sie Ellens schlanke Hände und Füße geerbt hatte, und wünschte sich Ellens Größe dazu, obwohl sie mit ihrem eigenen kleineren Wuchs durchaus nicht unzufrieden war. »Schade, daß man die Beine nicht zeigen darf«, dachte sie und zog die Unterröcke empor. Da schauten sie unter den Spitzenhöschen hervor, gut geformt und gerundet, beängstigend hübsch. Sogar auf der Töchterschule in Fayetteville hatten die Mädchen zugeben müssen, daß sie hübsche Beine hatte. Und nun erst ihre Taille - in allen drei Provinzen gab es keine schlankere!

Ihre Taille brachte sie wieder auf praktische Gedanken. Das grüne Musselinkleid maß um den Gürtel dreiundvierzig Zentimeter, und Mammy hatte sie für das fünfundvierzig Zentimeter weite Bombasinkleid geschnürt. Mammy mußte sie fester schnüren. Sie öffnete die Tür und rief ungeduldig nach ihr. Sie durfte ungestraft ihre Stimme erheben, denn Ellen war in der Vorratskammer und teilte der Köchin die Vorräte für den Tag zu.

»Einige Leute denken immer, ich kann fliegen«, knurrte Mammy und schlurfte die Treppe hinauf. Keuchend trat sie ein mit dem Gesicht eines Menschen, der auf einen Kampf gefaßt ist und sich darauf freut. In den großen schwarzen Händen trug sie ein Tablett mit dampfenden Speisen, zwei großen Bataten mit Butter darüber, einem Häufchen Buchweizenkuchen, von denen der Sirup herabtroff, und einer großen Scheibe Schinken in einer fetten Sauce. Als Scarlett sah, was Mammy in der Hand trug, wechselte ihr Ausdruck von leichtem Ärger zu Eigensinn. In ihrer Aufregung hatte sie Mammys eherne Regel vergessen, nach der die 0'Haraschen Mädchen vor jeder Gesellschaft daheim so viel essen mußten, daß sie dort keiner Erfrischung mehr bedurften.

»Es hat keinen Zweck, ich esse nicht, du kannst es wieder in die Küche bringen.«

Mammy setzte das Tablett auf den Tisch und stellte sich in Positur. »Du ißt. Ich will es nicht noch einmal erleben, was bei dem letzten Gar tenfest passierte, als ich von Schwarzsauer so krank, daß ich dir kein Essen bringen können, hiervon du mir aufessen jeden Bissen!«

»Fällt mir nicht ein! Komm lieber her und schnüre mich fester, sonst kommen wir zu spät. Da kommt schon der Wagen vorgefahre n.«

Mammy verfiel in schmeichlerische Töne: »Miß Scarlett, sei lieb und nur ein kleines bißchen essen. Miß Carreen und Miß Suellen haben ihrs alles aufgegessen.«

»Das sieht ihnen ähnlich«, sagte Scarlett verächtlich. »Die haben nicht mehr Mut als ein Karnickel. Ich will nicht. Ich weiß noch, wie ich einmal alles gegessen hatte und zu Calverts ging, und da gab es Rahmeis, das sie die ganze Strecke von Savannah herangeholt hatten, und ich konnte nur einen Löffel davon essen. Heute will ich es mir gut gehen lassen und so viel essen, wie ich Lust habe.«

Vor so viel Trotz senkte Mammy entrüstet die Brauen. Was ein junges Mädchen durfte und was nicht, war in Mammys Kopf eingeteilt in Schwarz und Weiß. Eine Mitte gab es da nicht. Suellen und Carreen waren wie Wachs in ihren gewaltigen Händen und hörten ehrfürchtig auf ihre Ermahnungen. Aber Scarlett beizubringen, daß fast alle ihre natürlichen Neigungen und Einfalle nicht damenhaft seien, war immer ein hartes Stück Arbeit gewesen. Mammys Siege über Scarlett waren schwer erkämpft und zeugten von Winkelzügen, die einem weißen Verstand unbekannt waren.

»Wenn es dir einerlei ist, wie Herrschaften über unsere Familie reden, mir nicht einerlei«, murrte sie. »Ich wollen nicht dabeistehen, wenn sie alle auf der Gesellschaft sagen, Miß Scarlett nicht gut erzogen, ich dir immer schon sagen, daß man eine Dame daran erkennen, ob sie wie ein kleines Vögelchen essen, und du sollst mir nicht zu Wilkes gehen und wie ein Ackerknecht essen und dich vollstopfen wie ein Schwein.«

»Mutter ist eine Dame und ißt doch«, gab Scarlett zurück.

»Wenn du verheiratet bist, darfst du auch essen«, entgegnete Mammy. »Als Mrs. Ellen so alt war wie du, sie nie essen, wenn sie bei fremden Leuten war, und auch Tante Pauline und Tante Eulalia nicht, und die haben alle geheiratet; junge Fräuleins, die so viel essen, kriegen nie einen Mann.«

»Das glaube ich nicht. Bei dem Gartenfest, wo dir schlecht wurde und ich vorher nichts gegessen hatte, sagte Ashley Wilkes, ein Mädchen mit einem gesunden Appetit gefalle ihm.«

Mammyschüttelte unheilverkündend den Kopf.

»Was ein Herr sagen und was er denken - gar nicht dasselbe! Und ich haben nicht gemerkt, daß Mr. Ashley umdich anhalten.«

Scarlett wollte ihr scharf erwidern, faßte sich aber. Als Mammy ihre Verstocktheit sah, nahm sie das Tablett wieder auf und änderte mit der geriebenen Sanftmut ihrer Rasse die Taktik. Sie ging zur Tür und seufzte:

»Nun, meinetwegen. Als Cookie das Essen zurechtstellte, ich sagte ihr: du eine Dame an dem erkennen, was sie nicht essen, und ich sagte Cookie: ich nie eine weiße Dame gesehen, die weniger essen als Miß Melly Hamilton das letzte Mal, als sie Mr. Ashley - ich meinen Miß India - besuchen ...«

Scarlett warf ihr einen scharfen, argwöhnischen Blick zu, aber auf Mammys breitem Gesicht stand nur die reine Unschuld geschrieben und ein Bedauern darüber, daß Scarlett weniger Dame sei als Melanie Hamilton.

»Setz dein Tablett hin und schnür mich fester«, sagte Scarlett gereizt. »Nachher will ich versuchen, ein wenig zu essen. Wenn ich jetzt äße, könntest du mich nicht fest genug schnüren.«

Mammyverbarg ihren Triumph und setzte das Tablett wieder hin. »Was will mein süßes Lämmchen anziehen?«

»Dies«, Scarlett zeigte auf die duftige Masse grünen geblümten Musselins.

Sofort war Mammyin Harn isch.

»Nein, das tust du nicht, das passen nicht für den Morgen, vor drei Uhr darfst du den Busen nicht offen tragen, und dieses Kleid haben nicht Kragen noch Ärmel, du kriegen Sommersprossen, und das wollen ich nicht erleben nach all der Buttermilch, die ich dir aufgelegt, um Sommersprossen wegbleichen, die du dir in Savannah am Strand geholt, ich sagen deiner Mutter.«

»Wenn du ihr ein Wort sagst, ehe ich angezogen bin, esse ich keinen Bissen«, sagte Scarlett kühl. »Nachher hat Mutter keine Zeit, mich wied er hinauf zuschicken, damit ich mich noch einmal umziehe.«

Mammy seufzte ergeben, denn nun war sie geschlagen. Von beiden Übeln war es noch das kleinere, daß Scarlett morgens ein Nachmittagskleid trug, als daß sie schlang wie ein Schwein.

»Halt dich fest und ziehe den Atem ein«, befahl sie.

Scarlett gehorchte und klammerte sich an einen Bettpfosten. Mammy zog und zerrte aus Leibeskräften, und als der schmale Umfang der in Fischbein gezwängten Taille immer noch schmäler wurde, bekamen ihre Augen einen stolzen, liebevollen Glanz.

»Kein Mensch haben so eine Taille wie mein süßes Lämmchen«, sagte sie befriedigt. »Jedesmal, wenn ich Miß Suellen enger als fünfzig schnüre, sie beinahe fallen in 0hnmacht.«

»Puh!« Scarlett schnappte nach Luft und brachte kaum die Worte heraus: »Ich bin noch nie in 0hnmacht gefallen.«

»Nun, es schaden gar nichts, wenn du das ab und zu tun«, riet Mammy. »Du manchmal viel zu derb, ich dir schon immer sagen wollen, es macht keinen guten Eindruck, daß du bei Schlangen und Mäusen und dergl eichen nie in 0hnmacht fallen, nicht gerade zu Hause, aber doch wenn du ausgehst, und ich haben dir immer wieder ...«

»Still. Ich bekomme schon einen Mann, du wirst sehen, auch wenn ich nicht quieke und ohnmächtig werde. Du meine Güte, sitzt das aber fest! Nun zieh mir das Kleid an.«

Mammy ließ behutsam die zwölf Meter grünen, geblümten Musselins über die gewaltigen Unterröcke fallen und hakte die enge, tief ausgeschnittene Taille zu.

»Daß du mir aber den Schal um die Schultern behältst, wenn du in die Sonne gehst, und den Hut nicht abnimmst, wenn du heiß bist«, befahl sie. »Sonst kommst du braun nach Hause wie der alte Slattery, aber nun essen, mein Lämmchen, aber nicht zu schnell, es haben keinen Zweck, wenn alles gleich wieder rauskomme n.«

Scarlett setzte sich gehorsam zum Essen und wußte nicht recht, wie etwas in ihren Magen gelangen und ihr dann noch Platz zum Atmen bleiben könnte. Mammy nahm ein großes Handtuch vom Waschtisch, band es Scarlett vorsichtig um den Hals und breitete den weißen Stoff über ihren Schoß. Scarlett fing mit dem Schinken an, weil sie gern Schinken aß, und schluckte ihn mit Mühe hinunter.

»Ach Gott, wäre ich doch erst verheiratet«, seufzte sie bitter, als sie sich mit Widerwillen an die Bataten machte. »Ich habe es satt, ewig dies unnatürliche Wesen und daß ich nie tun darf, was ich will. Ich habe keine Lust mehr, so zu tun, als äße ich nicht mehr als ein Vögelchen, zu gehen, wenn ich lieber liefe, und zu behaupten, mir wäre nach dem Walzer schwindelig, wenn ich doch zwei Tage lang weitertanzen könnte, ohne müde zu werden. Ich habe keine Lust mehr, jedem Schafskopf, der nicht mal so viel Verstand hat wie ich, zu sagen: >Sie sind wirklich fabelhaft<, und immer so zu tun, als wüßte ich nichts, so daß die Männer mir von allem möglichen erzählen können und sich dann noch wichtig vorkommen ... Nun kann ich aber keinen Bissen mehr essen!«

»Nimmvon demheißen Kuchen«, mahnte Mammy unerbittlich.

»Warum muß ein Mädchen immer so albern sein, wenn es einen Mann haben will?«

»Ich mir denken, weil die Männer nicht wissen, was sie wollen, sie wissen nur, was sie sich einbilden, daß sie wollen, und wenn man ihnen ihren eingebildeten Willen tut, spart das einem einen ganzen Haufen Unglück und man nicht alte Jungfer, sie bilden sich ein, sie brauchen dumme kleine Mäuschen mit dem Geschmack wie ein Vögelchen und ohne allen Sinn und Verstand, einem Mann vergeht die Lust, eine Dame zu heiraten, wenn er Verdacht hat, sie sein am Ende verständiger als er.«

»Aber glaubst du nicht, die Männer wundern sich nach der Heirat, wenn sie merken, daß ihre Frauen doch Verstand haben?«

»Dann ist es eben zu spät, dann sind sie schon verheiratet. Außerdem, von ihren Frauen erwarten die Herren, daß sie Verstand haben.«

»Später tu' ich doch, was ich will, und sage ich, was ich will, und wenn die Leute das nicht mögen, ist es mir gleichgültig.«

»Nein, das tust du nicht«, schalt Mammy. »Nicht, solange ich noch atmen, nun ißt du deinen Kuchen, tunk ihn in die Sauce, mein Liebling.«

»Die Mädchen bei den Yankees benehmen sich gar nicht wie die Schäfchen. Voriges Jahr in Saratoga habe ich viele gesehen, die sich ganz so betrugen, als wenn sie richtig ihren Verstand hätten, und das in Gegenwartvon Männern!«

Mammyschnaubte verächtlich.

»Yankeemädchen, jawohl, die werden vielleicht reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen, aber ich nicht gesehen, daß ihnen in Saratoga viele Anträge gemacht werden.«

»Aber Yankees müssen doch auch heiraten«, verteidigte sich Scarlett. »Die wachsen doch nicht einfach wie Gras. Sie müssen doch auch heiraten und Kinder kriegen. Es gibt doch so viele.«

»Die Männer, sie heiraten des Geldes wegen«, sagte Mammy unerschütterlich.

Scarlett tauchte den Kuchen in die Sauce und aß. Vielleicht war doch etwas an dem, was Mammy sagte, denn Ellen sagte dasselbe, nur in zarteren Worten. Die Mütter all ihrer Freundinnen prägten ihren Töchtern die Notwendigkeit ein, vor der Welt hilflose, schmiegsame Geschöpfe mit sanften Rehaugen zu sein. Es gehörte wirklich viel dazu, solche Pose beizubehalten. Vielleicht war sie wirklich zu derb gewesen? Gelegentlich hatte sie Ashley freiheraus die Meinung gesagt. Dies und ihre urwüchsige Freude am Reiten und Laufen hatten ihn ihr womöglich entfremdet und der zarten Melanie in die Arme getrieben. Sollte sie ihre Taktik ändern? Aber wenn Ashley auf solch berechnendes Getue hereinfiel, dann könnte sie ihn nie mehr so achten wie bisher, das fühlte sie deutlich. Ein Mann, der dumm genug war, auf gezierte Einfalt, auf 0hnmächten und Schmeicheleien hereinzufallen, war der Mühe nicht wert.

Aber sie waren wohl alle so. Wenn sie es früher bei Ashley falsch angefangen hatte, so mußte sie es eben nun anders versuchen. Sie wollte ihn haben, und es blieben ihr nur wenige Stunden, ihn zu gewinnen. Wenn er Wert auf eine wahre oder gespielte 0hnmacht legte, dann wollte sie schon in 0hnmacht fallen. Wenn eine Piepsstimme, ein bißchen Koketterie und ein Spatzenhirn ihn anzogen, so wollte sie schon die Naive spielen und noch hohlköpfiger tun als Cathleen Calvert Sollten aber kühnere Maßnah men nötig werden, so wollte sie auch die ergreifen. Heute kam es darauf an!

Es gab niemanden, der Scarlett sagte, daß ihre eigene beängstigend lebensfrische kleine Person anziehender war als jede Maske, die sie sich anlegen konnte. Härte es ihr jemand gesagt, sie hätte sich gefreut, es aber schwerlich geglaubt, und auch die Gesellschaft, der sie angehörte, wäre ungläubig gewesen, denn zu keiner Zeit vorher oder nachher hat weibliche Natürlichkeit so wenig gegolten wie damals.

Als der Wagen sie dann die rote Landstraße entlang zur Wilkesschen Plantage brachte, empfand Scarlett eine fast schuldbewußte Freude, daß weder ihre Mutter noch Mammy mitfuhren. Auf der Gesellschaft würde also niemand sein, der mit unmerklich gerunzelten Brauen oder vorgestülpter Unterlippe in ihre Pläne eingreifen konnte. Zwar würde Suellen natürlich morgen ausplaudern, aber wenn alles so ging, wie Scarlett hoffte, mußte die Aufregung der Familie über ihre Verlobung mit Ashley, oder gar ihre Entführung, den Unwillen bei weitem überwiegen. Ja, sie war froh, daß Ellen zu Hause unabkömmlich war.

Gerald hatte am selben Morgen Jonas Wilkerson entlassen, und Ellen war in Tara geblieben, um vor seinem Weggang die Abrechnungen mit ihm durchzugehen. Scarlett hatte ihrer Mutter in dem kleinen Sch reibzimmer den Abschiedskuß gegeben, wo sie vor dem hohen alten Sekretär mit seinen von Papier überquellenden Fächern saß. Jonas Wilkerson stand neben ihr, den Hut in der Hand. Das bleiche Gesicht mit der schlaffen Haut verhüllte kaum den wütenden Haß, der ihn erfüllte, seitdem er ohne weiteres aus der besten Aufseherstellung in der Provinz hinausgeworfen worden war, und das alles wegen ein bißchen Liebelei. Er hatte Gerald wieder und wieder gesagt, daß Emmie Slatterys Kind ebensogut einen anderen unter ein em Dutzend Männern zum Vater haben könnte - ein Gedanke, den Gerald wohl teilte; aber das hatte die Sachlage in Ellens Augen nicht geändert. Jonas haßte alle Südstaatler. Ihre kühle Höflichkeit, die ihre Verachtung für seinen Stand nur unzulänglich verbarg, war ihm unerträglich. Mehr als alle anderen haßte er Ellen 0'Hara, denn sie war der Inbegriff alles dessen, was ihm in diesem Lande zuwider war.

Mammy war als Frauenaufseherin der Plantage zu Hause geblieben, um Ellen zu helfen, und statt ihrer saß Dilcey auf dem Kutschbock neben Toby. Die Ballkleider der Mädchen lagen in einer langen Pappschachtel quer über ihren Knien. Gerald ritt auf seinem schweren Jagdpferd neben dem Wagen, noch ein bißchen branntweinselig und sehr mit sich zufrieden, daß er so im Handumdrehen mit Wilkersons unerfreulicher Geschichte fertig geworden war. Die Verantwortung hatte er auf Ellen abgeschoben; an ihre Enttäuschung, daß sie auf der Gesellschaft nicht mit ihren Freunden zusammen sein konnte, dachte er nicht. Es war ein schöner Frühlingstag, seine Felder standen prachtvoll, die Vögel sangen, und er fühlte sich so jung und zu tausend Spaßen aufgelegt, daß er unmöglich an anderes denken konnte. Hin und wieder stimmte er »Peggy in der kleinen Chaise« oder andere irische Liedchen an, auch wohl die düstere Klage um Robert Emmet:

»Sie ist fern von dem Land, wo ihr junger Held ruht«. Er war glücklich und freudig erregt bei der Aussicht, den Tag in lauter, geräuschvoller Entrüstung über die Yankees und den Krieg zubringen zu können; er war stolz auf seine drei hübschen Töchter in ihren faltigen Reifröcken unter ihren närrisch kleinen spitzenbesetzten Sonnenschirmen. An seine Unterhaltung mit Scarlett vom Tage zuvor dachte er nicht mehr, sie war seinem Gedächtnis vollkommen entschwunden. Sein einziger Gedanke war, daß Scarlett hübsch war und ihm viel Ehre machte und daß ihre Augen heute so grün wie die Hügel Irlands waren. Dieser Einfall erhöhte sein Selbstgefühl, denn es lag etwas wie ein Vollklang von Poesie darin, und so beehrte er denn seine Mädchen mit einer lauten und nicht ganz reinen Wiedergabe von »Hab' ich das grüne Kleidchen an ...«

Scarlett betrachtete ihn mit jener liebevollen Geringschätzung, die Mütter für ihre kleinen großtuerischen Söhne empfinden, und wußte, daß er bei Sonnenuntergang schwer betrunken sein würde. Bei der Heimkehr im Dunkeln versuchte er sicher, wie gewöhnlich, über jeden Zaun zwischen Twelve 0aks und Tara zu springen, und hoffentlich würde er sich dank besonderer Gnade der Vorsehung und dem gesunden Verstand seines Pferdes auch diesmal wieder nicht den Hals brechen. Die Brücke würde er verschmähen und zu Pferde durch den Fluß schwimmen und dann grölend nach Hause kommen und auf dem Sofa im Büro von Pork zu Bert gebracht werden, der bei solchen Gelegenheiten immer vorn in der Halle bei einer Lampe wachte. Sicher verdarb er sich den neuen grauen Tuchanzug, weswegen er anderntags dann gräßlich fluchen und Ellen lang und breit erzählen würde, wie sein Pferd im Dunkeln von der Brücke heruntergefallen sei - eine grobe Lüge, mit der er niemandem ein X für ein U vormachen konnte, die aber natürlich von allen hingenommen wurde. Er kam sich dann sehr schlau vor.

Pa ist ein goldiger, selbstsüchtiger, leichtsinniger lieber Kerl, dachte Scarlett in aufwallender kindlicher Liebe. So aufgeregt und glücklich war sie heute morgen, daß sie mit Gerald zugleich die ganze Welt liebhatte. Sie war hübsch und wußte es genau. Ehe der Tag verging, war Ashley ihr eigen. Die Sonne schien warm und freundlich, und die Herrlichkeit des georgianischen Frühlings lag ausgebreitet vor ihren Augen. Am Rande der Straße verhüllten Brombeerranken mit zartestem Grün die roten Rinnen, die der Winterregen in den Abhang gerissen hatte, und die nackten Granitblöcke, die aus der roten Erde hervorragten, waren überwachsen von wilden Rosen und übersponnen vom zartesten Blau der Veilchen. Die bewaldeten Hügel über dem Fluß waren von schimmernden weißen Ligusterblüten gekrönt, es sah aus, als läge noch später Schnee zwischen all dem Grün. An den wilden Apfelbäumen waren die Knospen aufgesprungen eine Schwelgerei vom zartesten Weiß bis zum tiefsten Rosenrot, und unter den Bäumen, wo die Sonne auf abgefallenen Tannennadeln spielte, breitete wilder Jelängerjelieber einen bunten Teppich in Rot, 0range und Rosa aus . Ein frischer, schwacher Wohlgeruch von saftigem Grün kam mit dem leichten Wind, die Welt duftete berauschend.

»Wie schön ist es heute! Das werde ich im ganzen Leben nicht vergessen«, dachte Scarlett. »Vielleicht wird es mein Hochzeitstag!« Und klingend ging es ihr durch Herz und Sinn, wie sie und Ashley vielleicht heute nachmittag durch diese Blütenpracht und all dies frische Grün geschwind dahinfliegen würden, vielleicht gar heute nacht bei Mondenschein nach Jonesboro zu einem Pfarrer. Natürlich mußten sie von einem Priester in Atlanta noch einmal getraut werden, aber darüber mochten Ellen und Gerald sich den Kopf zerbrechen. Sie zagte ein wenig bei dem Gedanken, wie Ellen vor Scham erbleichen würde, wenn sie hörte, daß ihre Tochter mit dem Verlobten eines anderen Mädchens durchgegangen sei, aber sie wußte, Ellen würde ihr verzeihen, wenn sie ihr Glück sah. Gerald würde schelten und fluchen, aber trotz all seiner Schwüre, daß er eine Heirat zwischen ihr und Ashley nicht zuließe, würde er sich doch über ein e Verbindung zwischen beiden Familien unsagbar freuen.

»Aber darüber können sie sich noch genug den Kopf zerbrechen, wenn ich erst verheiratet bin«, dachte sie und schob die störenden Gedanken von sich. Im Sonnenschein eines solchen Frühlings, noch dazu, wenn man gerade die Schornsteine von Twelve 0aks auf dem Hügel am anderen Ufer zumVorschein kommen sah, konnte man nur vor Freude erbeben!

»Dort werde ich nun mein ganzes Leben wohnen und noch fünfzigmal und öfter solchen Frühling sehen und meinen Kindern und Enkeln erzählen, wie herrlich dieser Frühling war, so schön, wie sie niemals einen erleben werden.« Bei dieser Vorstellung war sie so glücklich, daß sie in den Schlußrefrain von »Hab' ich das grüne Kleidchen an ...« einstimmte und damit Geralds lauten Beifall errang.

»Ich weiß nicht, warum du heute morgen so vergnügt bist«, sagte Suellen patzig. Es wurmte sie immer noch der Gedanke, daß sie in Scarletts grünseidenem Ballkleid viel besser aussehen würde als seine rechtmäßige Besitzerin. Warum war auch Scarlett immer so selbstsüchtig und verlieh ihre Kleider und Hüte so ungern? Und warum nahm Mutter immer ihre Partei und behauptete, Grün sei nicht Suellens Farbe? »Du weißt so gut wie ich, daß Ashleys Verlobung heute abend verkündet wird, Pa sagte es heute morgen. Und ich weiß doch, daß du schon seit Monaten in ihn verliebt bist.«

»Was du nicht sagst!« Scarlett streckte ihr die Zunge aus und ließ sich 81

nicht aus ihrer glücklichen Stimmung bringen. Was wohl Miß Suellen morgen umdiese Zeit sagen würd e?

»Aber Susi, du weißt doch, daß das nicht wahr ist!« protestierte Carreen verletzt. »Brent ist doch Scarletts Freund!«

Scarlett wandte ihrer jüngeren Schwester lächelnd die grünen Augen zu, verwundert, wie man so reizend sein konnte. Die ganze Familie wußte, daß Carreen ihr dreizehnjähriges Herz an Brent Tarleton verloren hatte, der aber in ihr nichts als Scarletts kleine Schwester sah. Wenn Ellen nicht dabei war, neckten die 0'Haras sie bis zu Tränen damit.

»Liebes, ich mach' mir nicht ein bißchen aus Brent.« Scarlett war so glücklich, daß sie auch einmal großmütig sein konnte. »Und er sich auch nichts aus mir. Weißt du, er wartet nur darauf, daß du erst erwachsen bist!«

Im Widerstreit zwischen Glück und Zweifel wurde Carreens Kindergesicht rosenrot. »0 Scarlett, wirklich?«

»Scarlett, du weißt doch, Mutter sagt, Carreen ist noch viel zu klein, um an Verehrer zu denken, und nun setzt du ihr solche Flausen in den Kopf.«

»Geh du nur und petze, mir macht das nichts aus«, antwortete Scarlett. »Du willst Carreen nur zurückhalten, weil du weißt, daß sie in einem Jahr viel hübscher ist als du.«

»Wollt ihr wohl eure verehrten Schnäbel halten, sonst gibts eins mit der Peitsche«, warnte Gerald die beiden. »Pst, hört mal! Rollen da nicht Räder? Das sind Tarletons oder Fontaines.«

Als sie sich der Kreuzung näherten, wo der Weg aus dem dichtbewaldeten Hügel von Mimosa und Fairhill herunterführte, wurden Hufschlag und Rädergeroll deutlicher, Frauenstimmen schallten herüber, ein lustiges Wortgefecht drang durch den Vorhang der Zweige. Gerald, der voranritt, hielt sein Pferd an und ließ Toby mit dem Wagen halten, wo die beiden Wege sich kreuzten.

»Es sind die Damen Tarleton«, verkündete er seinen Töchtern. Sein blühendes Gesicht strahlte, denn außer Ellen war ihm keine Dame in der Provinz lieber als die rothaarige Mrs. Tarleton. »Und sie selbst fährt. Ja, die Frau hat eine Hand für Pferde! Federleicht und kräftig wie Rohleder und trotzdem zum Küssen hübsch. Schade, daß nicht eine von euch solche Hände hat«, fügte er mit vorwurfsvoll zärtlichem Blick auf seine Töchter hinzu. »Carreen, die Angst vor den armen Viechern hat, und Sues Hände sind schwer wie Bügeleisen, wenn sie einen Zügel anfassen soll, und du, Puß ...«

»Nun, jedenfalls bin ich noch nie abgeworfen worden«, Scarlett war empört. »Und Mrs. Tarleton stürzt auf jeder Jagd.«

»Und bricht sich das Schlüsselbein wie ein Mann«, sagte Gerald. »0 hne 0hnmacht, ohne Getue. Nun aber still, da kommt sie.«

Er hob sich in den Steigbügeln und zog in weitem Bogen den Hut, als der Tarletonsche Wagen, der von Mädchen in bunten Kleidern, mit Sonnenschirmen und wehenden Schleiern überquoll, in Sicht kam, mit Mrs. Tarleton auf dem Bock. Vier Töchter samt ihrer Amme und den langen Pappschachteln mit den Ballkleidern - da war für einen Kutscher kein Platz mehr. Und außerdem gestattete Beatrice Tarleton freiwillig keinem Menschen, sei er schwarz oder weiß, die Zügel zu halten, wenn ihr eigener Arm nicht gerade in einer Schlinge steckte. Zart, feinknochig und von so weißer Haut, als habe ihr flammendes Haar alle Farbe an sich gerissen, war sie bis zum Rande erfüllt von übersprudelnder Gesundheit und unermüdlicher Tatkraft. Acht Kinder hatte sie geboren, rothaarig und lebensstrotzend wie sie selbst, und sie vorzüglich erzogen, indem sie ihnen allen das gleiche liebevolle Gewährenlassen und zugleich die strenge Zucht angedeihen ließ, mit denen sie ihre Füllen aufzog. »Bändige sie, aber brich nicht ihren Willen«, war Mrs. Tarletons Leitspruch.

Sie liebte Pferde und sprach beständig von ihnen. Sie verstand und behandelte sie besser, als alle Männer in der Provinz es konnten. Auf der Koppel wimmelte es von Fohlen bis hinauf zum Parkrasen, wie auch das weitläufige Haus auf dem Hügel zu eng für ihre acht Kinder war. Stets liefen Füllen, Söhne, Töchter und Jagdhunde hinter ihr her, wenn sie über die Plantage ging. Ihren Pferden, namentlich ihrer roten Stute Nellie, traute sie menschlichen Verstand zu, und wenn der Haushalt sie über die Stunde hinaus festhielt, auf die sie ihren täglichen Ritt angesetzt hatte, drückte sie dem ersten besten kleinen farbigen Jungen die Zuckerschale in die Hand und sagte: »Gib Nellie eine Handvoll und sag ihr, ich käme gleich.«

Fast immer war sie im Reitkleid, ob sie ritt oder nicht, jedenfalls war sie immer im Begriff zu reiten und zog deshalb das Reitkleid gleich früh beim Aufstehen an. Jeden Morgen, ob bei Regen oder Sonnenschein, wurde Nellie gesattelt und vor dem Hause auf und ab geführt in Erwartung des Augenblicks, da Mrs. Tarleton ihren Pflichten eine Stunde absparen konn te. Fairhill war eine schwer zu bewirtschaftende Plantage, und deshalb gab es nur selten eine Mußestunde, und Nellie wurde oft stundenlang im Schritt auf und ab geführt, während Beatrice Tarleton ihre Tagesarbeit verrichtete, den Reifrock geistesabwesend über dem Arm tragend, so daß darunter ein langes Stück von den blanken hohen Stiefeln zum Vorschein kam.

Heute war sie in matter schwarzer Seide mit ganz unmodern engem Reifrock. Es sah immer noch aus, als hätte sie ihr Reitkleid an; denn die Taille war ebenso streng geschnitten, und der kleine schwarze Hut mit der langen schwarzen Straußenfeder, der schräg über den warmherzigen, zwinkernden braunen Augen saß, war der Zwillingsbruder des abgetragenen alten Hutes, den sie zur Hetzjagd trug.

Sie schwenkte die Peitsche, als sie Gerald erblickte, und ließ ihre tänzelnden Rotfüchse halten. Die vier Mädchen hinten im Wagen lehnten sich mit so lautem Gruß heraus, daß die Pferde ängstlich stiegen. Einem zufälligen Beobachter mochte es vorkommen, als seien Jahre vergangen und nicht erst zwei Tage, seit Tarletons und 0'Haras einander gesehen hatten. Tarletons waren eine gesellige Familie und hatten ihre Nachbarn gern, besonders die 0'Haraschen Mädels. Das heißt: Suellen und Carreen. Kein Mädchen aus der Provinz, mit Ausnahme vielleicht der spatzenhirnigen Cathleen Calvert, hatte wirklich etwas für Scarlett über.

Im Sommer gab es in der Provinz durchschnittlich einmal wöchentlich einen Ball und ein Gartenfest. Trotzdem fanden die rothaarigen Tarletonmädchen mit ihrer unersättlichen Genußsucht jedes neue Gartenfest und jeden neuen Ball so aufregend, als wäre es der erste in ihrem Leben. Es war ein hübsches, munteres Quartett, welches so eng zusammengedrängt im Wagen saß, daß die Reifröcke mit ihren Rüschen über den Wagen hinaushingen und die Sonnenschirme leise aneinanderstießen über den breiten Florentiner Hüten mit ihren Rosen und hängenden Kinnbändern aus schwarzem Samt. Unter den Hüten waren alle Schattierungen roten Haares vertreten, bei Hetty ein volles reines Rot, bei Camilla ein erdbeerfarbenes Blond, Randas Haare leuchteten kupferbraun und die der kleinen Betsy gelbrot wie Karotten.

»Das ist eine schöne Schar, gnädige Frau«, sagte Gerald galant und brachte sein Pferd neben dem Wagen zum Stehen. »Aber keine ist so s chön wie die Mutter.«

Mrs. Tarleton rollte die rotbraunen Augen und zog in drolliger Würdigung dieses Kompliments die Unterlippe an, und die Mädchen riefen:

»Ma, keine schönen Augen machen, oder wir sagen es Pa!« und »Ich versichere Ihnen, Mr. 0'Hara, wenn ein hübscher Mann auftaucht wie Sie, schnappt sie ihn uns allen weg!«

Scarlett lachte mit den anderen über die lustigen Worte und war doch, wie immer, von der freien Art befremdet, in der die Tarletons mit ihrer Mutter umgingen, ganz als wäre sie ihresgleichen und nicht einen Tag älter als sechzehn. Schon der Gedanke, so etwas zu ihrer eigenen Mutter zu sagen, erschien Scarlett fast wie eine Lästerung. Und doch hatten die Beziehungen der Tarletonschen Töchter zu ihrer Mutter etwas sehr Reizvolles, denn bei allem, was sie an ihr auszusetzen, zu schelten und zu necken fanden, beteten sie sie an. Nicht, daß Scarlett, wie sie sich schleunigst sagte, an Ellens Statt lieber eine Mutter wie Mrs. Tarleton gehabt hätte; aber Spaß mußte es doch machen, so mit seiner Mutter umgehen zu dürfen. Schon der Gedanke war Ellen gegenüber ein Mangel an Ehrfurcht, und sie schämte sich seiner. Von solchen Anfechtungen wurden die Hirne unter den vier Rotschöpfen dort im Wagen gewiß niemals heimgesucht. Wie immer, wenn Scarlett das Gefühl hatte, anders als ihre Nachbarn zu sein, befiel sie eine gereizte Unsicherheit.

So gescheit sie auch war, hatte sie doch wenig Menschenkenntnis; trotzdem begriff sie halb unbewußt, daß die Tarletonschen Mädchen zwar unbändig wie Füllen und wild wie Märzhasen waren, aber als glückliches Erbteil eine unbekümmerte innere Sicherheit besaßen. Von sehen der Mutter wie des Vaters waren sie Nordgeorgianer, nur durch eine Generation von den ersten Bahnbrechern in der Wildnis getrennt. Sie waren ihrer selbst und ihrer Umwelt sicher und wußten aus Instinkt, was sie zu tun hatten. Das galt auch für die Wilkes, doch auf ganz andere Art. Jener innere Zwist, den Scarlett so oft durchkämpfen mußte, da in ihren Adern das Blut der überzüchteten Aristokratin sich mit der gescheiten erdnahen Art des irischen Bauern mischte, blieb ihnen erspart. Scarlett hatte das Bedürfnis, ihre Mutter zu verehren und anzubeten, zugleich aber auch ihr Haar zu zausen und sie zu necken. Es war derselbe Widerstreit der Gefühle, der sie wünschen ließ, vor Männern als zarte Dame von edler Herkunft zu erscheinen, gleichzeitig aber auch ein ausgelassenes Mädchen zu sein, das sich nicht zu gut für ein paar Küsse vorkam.

»Wo steckt denn Ellen heute morgen?« fragte Mrs. Tarleton.

»Sie muß unserem Aufseher Entlastung erteilen und ist zu Hause geblieben, um die Bücher mit ihm durchzugehen. Wo ist denn der Gemahl und die Söhne?«

»Ach, die sind schon vor mehreren Stunden nach Twelve 0aks hinübergeritten, den Punsch zu probieren, vermutlich um festzustellen, ob er stark genug ist. Als ob sie nicht von jetzt bis morgen früh Zeit genug dazu hätten! Ich werde John Wilkes bitten, sie über Nacht dazubehalten, und wenn er sie in den Stall legen muß. Fünf Männer, die des Guten zuviel haben, sind auch mir zuviel. Mit dreien will ich schon fertig werden, aber ...«

Rasch unterbrach Gerald sie und wechselte das Thema. Er spürte genau, wie hinter seinem Rücken die eigenen Töchter kicherten und daran dachten, in welcher Verfassung er von dem Wilkesschen Gartenfest im vorigen Herbst nach Hause gekommen war.

»Warum sitzen Sie denn heute nicht zu Pferde, Mrs. Tarleton? 0hne Nellie sehen Sie mir ganz fremd aus. Sie sind doch der wahre Stentor ...«

»Stentor, du meine Güte!« Mrs. Tarleton äffte sein Irisch nach. »Zentaur meinen Sie wohl! Stentor war ein Mann mit einer Stimme wie ein Messinggong.«

»Stentor oder Zentaur, das ist mir eins«, antwortete Gerald und ließ sich durch seinen Irrtum nicht aus der Fassung bringen. »Im übrigen haben Sie ja eine Stimme wie aus Messing, gnädige Frau, wenn sie die Meute antreiben.«

»Da hast du's, Ma«, sagte Hetty, »ich hab' dir immer gesagt, du kreischst jedesmal wie ein Indianer, wenn du einen Fuchs siehst.«

»Nicht so laut, wie du kreischst, wenn Mammy dir die 0hren wäscht«, gab Mrs. Tarleton zurück. »Und du willst sechzehn Jahre alt sein! Also reiten kann ich heute nicht, weil Nellie in der Frühe gefohlt hat.«

»Wahrhaftig!« Gerald war auf das lebhafteste interessiert, seine irische Leidenschaft für Pferde strahlte ihm aus den Augen, und Scarlett hatte wieder das Gefühl der Bestürzung, als sie ihre Mutter mit Mrs. Tarleton verglich.

Für Ellen fohlten Stuten nicht und kalbten keine Kühe. Kaum daß Hühner Eier legten. Ellen sah über all das vollständig hinweg. Aber Mrs. Tarleton kannte solche Schamhaftigkeiten nicht.

»Eine kleine Stute, nicht wahr?«

»Nein, ein schöner kleiner Hengst mit fast zwei Meter langen Beinen. Sie müssen einmal herüberkommen und ihn sich ansehen, Mr. 0'Hara. Ein echt Tarletonsches Pferd, rot wie Hettys Locken .«

»Sieht Hetty auch sonst furchtbar ähnlich«, sagte Camilla und tauchte dann in einen Wirrwarr von Röcken, Spitzenhosen und wippenden Hüten unter, als Hetty sie zu kneifen begann.

»Meine Fohlen sticht heute morgen der Hafer«, sagte Mrs. Tarleton, »sie haben schon die ganze Zeit über hinten ausgeschlagen, seit wir heute morgen die Neuigkeiten über Ashley und seine kleine Cousine aus Atlanta hörten. Wie heißt sie noch? Melanie? Gott segne das Kind, sie ist gewiß ein süßes kleines Ding, aber ich kann mich weder auf ihren Namen noch auf ihr Gesicht besinnen. Unsere Köchin ist die Frau des Wilkesschen Dieners. Er kam gestern abend und erzählte ihr, daß die Verlobung heute abend verkündet werden soll, und Cooky hat es uns heute morgen berichtet. Die Mädchen sind ganz aufgeregt darüber, ich sehe nicht recht ein, warum. Seit Jahren weiß jeder Mensch, daß Ashley sie heiraten will, das heißt, wenn er nicht eine seiner Cousinen aus Macon zur Frau nehmen würde. Genau wie Honey Wilkes ihren Vetter Charles, Melanies Bruder, einmal heiraten wird. Nun sagen Sie mir, Mr. 0'Hara, ist es etwa ungesetzlich für Wilkes, außerhalb ihrer eigenen Familie zu heiraten? Wenn nämlich ...«

Den Rest der lachend gesprochenen Worte hörte Scarlett nicht. Für einen kurzen Augenblick war es, als habe sich die Sonne hinter eine kühle Wolke geduckt und überließe die Welt einem Dunkel, das alle Dinge ihrer Farbe beraubte. Das frischgrüne Laub sah kränklich aus, der Liguster wurde fahl, der blühende Apfelbaum, der eben noch in so herrlichem Rosa gestrahlt hatte, wurde bleich und trüb. Scarlett grub die Finger in die Wagenpolster, und einen Augenblick schwankte ihr Sonnenschirm. Zu wissen, daß Ashley verlobt war, bedeutete etwas ganz anderes, als die Leute so leichthin darüber sprechen zu hören. Dann aber strömte der Mut ihr machtvoll zurück, die Sonne kam wieder zum Vorschein und übergoß die Landschaft mit neuem Glanz. Sie wußte, daß Ashley sie liebte. Das war gewiß. Und sie lächelte bei dem Gedanken, wie überrascht Mrs. Tarleton sein würde, wenn heute abend von keiner Verlobung die Rede war - wenn es statt dessen zu einer Entführung kam. Dann würde sie gewiß überall erzählen, was für ein gerissener Schlingel Scarlett sei, einfach dabeizusitzen und zuzuhören, wenn über Melanie gesprochen wurde, wo doch die ganze Zeit schon sie und Ashley ... ihr kamen die Grübchen bei ihren eigenen Vorstellungen, und Hetty, die die Wirkung der mütterlichen Worte scharf beobachtet hatte, lehnte sich mit leichtem, ratlosem Stirnrunzeln zurück.

»Was Sie auch sagen mögen, Mr. 0'Hara«, unterstrich Mrs. Tarleton. »Die Heiraterei von Vetter und Cousine ist ganz verkehrt. Schlimm genug, daß Ashley die kleine Hamilton heiratet; daß aber Honey den blassen Charlie Hamilton nehmen will ...«

»Honey bekommt nie einen anderen, wenn sie nicht Charlie heiratet«, erklärte Randa grausam im Vollgefühl ihrer eigenen Beliebtheit. »Außer ihm hat sie nie einen Verehrer gehabt. Und er hat auch nie sehr verliebt getan, obwohl sie verlobt sind. Scarlett, weißt du noch, wie er vori ge Weihnachten hinter dir her war?«

»Nicht boshaft werden, Miß«, sagte die Mutter. »Vettern und Cousinen sollten einander nicht heiraten, nicht einmal Vettern und Cousinen zweiten Grades. Das schwächt den Schlag. Das ist nicht wie bei Pferden. Man kann eine Stute mit ihrem Bruder und einen Hengst mit seiner Tochter paaren und gute Ergebnisse erzielen, wenn man die Rasse kennt; aber bei Menschen geht das nun mal nicht. Edle Rasse bekommt man vielleicht, aber ohne Saft und Kraft.«

»Gnädige Frau, ich nehme Sie beim Wort! Gibt es bessere Leute als Wilkes? Und sie haben immer untereinander geheiratet, seitdem Brian Boni ein Junge war.«

»Und es wird höchste Zeit, daß sie damit aufhören, es fängt an, sich bemerkbar zu machen. 0 nein, nicht so sehr Ashley, der ist ein gut aussehender junger Teufel, obwohl auch er ... Aber sehen Sie sich diese beiden verwaschenen Wilkesschen Mädchen an, die armen Dinger! Nette Mädchen natürlich, aber farblos. Und sehen Sie sich doch die kleine Miß Melanie an. Dünn wie eine Latte, zum Umwehen zart und ohne alles Temperament. Keinen eigenen Einfall im Kopf. >Nein, gnädige Frau, ja, gnädige Frau!< Mehr weiß sie nicht zu sagen. Verstehen Sie, was ich meine? Die Familie braucht neues Blut, gutes, kräftiges Blut, wie meine Rotschöpfe oder wie Ihre Scarlett. Aber mißverstehen Sie mich nicht, Wilkes sind auf ihre Art sehr feine Leute, Sie wissen, wie gern ich sie alle habe, aber, seien Sie aufrichtig, durch Inzucht überzüchtet, stimmt es oder stimmt es nicht? Höchst brauchbar auf trockenem, auf leichtem Geläuf, aber passen Sie auf, was ich sage, ich glaube nicht, daß Wilkes auf schwerem Boden laufen können. Aller Saft und alle Kraft ist aus ihnen herausgezüchtet, glaube ich, und im Notfall sind sie dem Unerwarteten nicht gewachsen. Ein Schlag n ur für gutes Wetter! Durch das Untereinanderheiraten sind sie anders geworden als die übrigen Leute in der Gegend. Immer klimpern sie auf dem Klavier und stecken die Nase in Bücher. Ich glaube wahrhaftig, Ashley zieht das Lesen dem Jagdreiten vor! Ja, das ist meine ehrliche Überzeugung, Mr. 0'Hara! Sehen Sie sich doch nur ihre Knochen an. Viel zu fein. Die brauchten kraftvolle Väter und Mütter ...«

»Ah - hmm«, machte Gerald, dem plötzlich aufging, daß die Unterhaltung, die für ihn höchst interessant und durchaus passend war, auf Ellen ganz anders wirken würde, und er hatte ein schlechtes Gewissen dabei, daß vor den 0hren ihrer Töchter ein so freimütiges Gespräch geführt wurde. Mrs. Tarleton aber war wie gewöhnlich taub für alles andere, wenn es sich um ihr Lieblingsthema handelte: Zuchtfragen, sei es bei Pferden oder Menschen.

»Ich weiß, was ich sage. Ich hatte einen Vetter und eine Cousine, die einander geheiratet haben. Nun, ich gebe Ihnen mein Wort, die Kinder hatten alle richtige Froschaugen, die armen Dinger. Und als meine Familie von mir verlangte, ich sollte meinen Großvetter heiraten, habe ich gebockt wie ein Fohlen. Ich habe gesagt: >Nein, Ma, ich nicht! Dann bekommen ja meine Kinder alle den Spat und werden Rohrer.< Ma fiel natürlich in 0hmmacht, als ich das vom Spat sagte, aber ich blieb fest, und Großmama hielt mir die Stange. Sie verstand eben auch was von Pferdezucht und gab mir recht. Sie ist mir dann behilflich gewesen, mit Mr. Tarleton durchzugehen. Und nun sehen Sie sich meine Kinder an! Groß und gesund und nicht ein kränkliches oder zurückgebliebenes dazwischen, wenn auch Boyd knapp sechs Fuß mißt. Die Wilkes hingegen ...«

»Nicht etwa, daß ich das Thema wechseln möchte, gnädige Frau«, fiel ihr Gerald hastig ins Wort. Er hatte Carreens entgeisterten Blick gesehen, dazu die gespannte Neugier in Suellens Zügen, und fürchtete, sie könnten am Ende Ellen peinliche Fragen stellen, wobei dann herauskommen würde, was für ein unzulänglicher Aufpasser er war. Mit Freuden bemerkte er, daß Puß offenbar an andere Dinge dachte, wie es sich für eine junge Dame schickte.

Hetty Tarleton half ihm aus der Klemme.

»Du lieber Himmel, Ma, laß uns doch weiterfahren«, rief sie ihrer Mutter ungeduldig zu. »Ich brate in der Sonne und höre förmlich, wie mir die Sommersprossen amHalse sprießen.«

»Eine Sekunde, gnädige Frau, ehe Sie weiterfahren«, sagte Gerald. »Haben Sie schon etwas darüber entschieden, ob Sie der Truppe die Pferde verkaufen wollen? Der Krieg kann jeden Tag ausbrechen, und den Jungens ist daran gelegen, daß die Sache in 0rdnung kommt. Für die Truppe aus der Claytonprovinz möchten wir auch Pferde aus Clayton haben. Aber Sie weigern sich immer noch eigensinnig, uns Ihre schönen Tiere zu verkaufen.«

»Vielleicht gibt es ja gar keinen Krieg.« Mrs. Tarleton, deren Geist noch eifrig mit den Heiratssitten der Familie Wilkes beschäftigt war, suchte die Angelegenheit auf die lange Bank zu schieben.

»Aber gnädige Frau, Sie können doch nicht ...«

»Ma«, unterbrach Hetty wieder, »kannst du nicht mit Mr. 0'Hara genausogut in Twelve 0aks über Pferde reden wie hier?«

»Sie treffen den Nagel auf den Kopf, Miß Hetty«, sagte Gerald. »Sehen Sie, ich will Sie nur noch eine Minute aufhalten. Gleich sind wir in Twelve 0aks, und da möchte jeder, jung und alt, über die Pferde angelegenheit Bescheid wissen. Ach, es bricht mir das Herz, wenn ich sehe, daß eine feine, schöne Frau wie ihre Mutter so geizig mit ihren Pferden ist. Wo ist denn Ihre Vaterlandsliebe geblieben, Mrs. Tarleton? Sind Ihnen denn die Konföderierten gar nichts ?«

»Ma«, schrie die kleine Betsy, »Randa sitzt auf meinem Kleid, und es wird ganz kraus.«

»Gib Randa einen Schubs und sei still. Nun hören Sie, Gerald 0'Hara.« Ihre Augen fingen an, bedenklich zu funkeln. »Kommen Sie mir nicht mit den Konföderierten! Ich denke, die bedeuten mir nicht weniger als Ihnen, denn ich habe vier Jungens bei der Truppe und Sie gar keinen. Aber meine Jungens sorgen für sich selbst, und das können meine Pferde nicht. Wenn ich wüßte, sie würden von den Jungens geritten, die ich kenne, von Gentlemen, die Vollblüter gewohnt sind, ich gäbe sie gern umsonst her.

Nein, keinen Augenblick würde ich mich besinnen. Aber soll ich denn meine schönen Tiere den Urwaldbauern und Kleinfarmern, die nur Maultiere kennen, auf Gnade und Ungnade überlassen? 0 nein, mein Lieber! Ich hätte ja Alpdrücken bei dem Gedanken, daß sie mir wundgeritten und nicht ordentlich gepflegt würden. Meinen Sie, ich lasse ahnungslose Dummköpfe meine im Maul so weichen Lieblinge reiten, ihre Mäuler zersägen und sie schlagen, bis das ganze Temperament zum Teufel ist? Bei dem bloßen Gedanken kommt mir schon jetzt eine Gänsehaut. Nein, Mr. 0'Hara, es ist furchtbar nett von Ihnen, daß Sie meine Pferde haben wollen, aber Sie tun besser daran, in Atlanta ein paar alte Schimmel für Ihre Buschklepper zu kaufen. Die merken den Unterschied gar nicht.«

»Ma, bitte, laß uns weiterfahren!« stimmte jetzt auch Camilla in den ungeduldigen Chor ein. »Du weißt ganz genau, am Schlusse gibst du ihnen deine Lieblinge doch, wenn Pa und die Jungens erst einmal richtig anfangen, davon zu reden, daß die Konföderierten sie wirklich brauchen und so weiter, dann wirst du weinen und sie hergeben!«

Mrs. Tarleton schüttelte lächelnd die Zügel.

»Fällt mir gar nicht ein«, sagte sie und streifte die Pferde leicht mit der Peitsche. Der Wagen rollte geschwind von dannen.

»Eine großartige Frau.« Gerald setzte den Hut wieder auf und ritt zum eigenen Wagen zurück. »Fahr zu, Toby. Wir wollen sie schon mürbe machen und die Pferde doch noch von ihr bekommen. Natürlich hat sie recht. Recht hat sie. Wer kein Gentleman ist, soll die Finger von den Pferden lassen. Für ihn ist die Infanterie der rechte 0rt. Um so bedauerlicher ist es, daß es hier nicht genug Pflanzersöhne gibt, um die Truppe vollzählig zu machen. Was sagtest du eben, Puß?«

»Pa, bitte, reite voran oder hinterher. Du wirbelst so viel Staub auf, daß wir ersticken.« Scarlett hatte das Gefühl, daß sie eine längere Unterhaltung nun nicht mehr aushalten könnte. Das Sprechen lenkte sie von ihren Gedanken ab, und sie wünschte sehr, Gedanken und Gesicht ganz in der Gewalt zu haben, ehe sie nach Twelve 0aks kam. Gerald gab gehorsam seinem Pferde die Sporen und ritt in einer roten Wolke auf und davon, hinter dem Tarletonschen Wagen her, wo er seine Pferdegespräche fortsetzen konnte.

Sie fuhren über den Fluß und den Berg hinauf. Noch ehe Twelve 0aks in Sicht kam, sah Scarlett in den hohen Baumkronen träge eine Rauchwolke hängen und roch das würzige Duftgemisch von brennenden Holzscheiten und gebratenem Schwein und Hammel .

Die Feuerstellen für den Gartenschmaus, auf denen seit dem Abend vorher ein langsames Feuer glomm, glichen langen Trögen voll rosenroter Glut. Darüber wurde das Fleisch am Spieß gedreht, und der Saft tröpfelte zischend auf die glühenden Kohlen. Scarlett wußte, der Duft, den die schwache Brise ihnen entgegenwehte, kam von dem Hain alter Eichen hinter dem großen Haus. Dort auf dem sandigen Abhang, der in den Rosengarten führte, hielt John Wilkes immer sein Gartenessen ab. Es war ein angenehm schattiger Platz, viel schöner als der, den Calverts benutzten. Mrs. Calvert aß diese am Spieß gebratenen Speisen nicht gern und behauptete, der Geruch bliebe tagelang im Hause. Deshalb mußten ihre Gäste immer auf einem flachen, unbeschatteten Platz, eine Viertelmeile vom Hause entfernt, in der Sonne schmoren. John Wilkes aber, im ganzen Staat für seine Gastfreiheit berühmt, verstand ein Gartenfest richtig zu feiern.

Die langen Picknicktische, mit dem feinsten Leinen aus den Wilkesschen Truhen bedeckt, wurden immer im tiefsten Schatten aufgeschlagen, Bänke ohne Lehnen wurden zu beiden Seiten aufgestellt, und für Leute, die nicht gern darauf saßen, gab es auf der Waldwiese Stühle, Hocker und Kissen genug, die aus dem Hause dort hingebracht wurden. Die länglichen Feuerstellen, wo das Fleisch briet und die riesigen eisernen Waschkessel dampften, denen die leckeren Düfte der üblichen Sauce und des vielfältig zusammengekochten Brunswick-Stews entstiegen, waren so weit von den Gästen entfernt, daß der Rauch sie nicht behelligte. Mindestens ein Dutzend Schwarze liefen geschäftig hin und her und reichten die Speisen auf Tabletts herum. Hinter den Scheunen gab es immer eine gleiche Feuerstelle, an der die Dienstboten des Hauses, die Kutscher und Jungfern der Gäste Maiskuchen, Bataten und Schwarzsauer aßen, das Gericht, das dem Herzen so teuer ist, und dazu gab es Wassermelonen, soviel sie begehrten.

Als Scarlett den Duft des knusperigen Schweinebratens spürte, zog sie die Nase begehrlich kraus und hoffte, bis er gar wäre, wieder etwas Appetit zu haben. Im Augenblick war sie noch satt und zudem so fest geschnürt, daß sie immerfort Angst hatte, aufstoßen zu müssen; aber das war nur alten Herren und sehr alten Damen erlaubt.



Nun waren sie oben, und das weiße Haus stand in seinem ma kellosen Ebenmaß vor ihnen, mit hohen Säulen, breiten Veranden und flachem Dach, schön wie eine Frau, die ihrer Schönheit so gewiß ist, daß sie gegen jedermann huldreich und gut sein kann. Scarlett liebte Twelve 0aks sogar noch mehr als Tara, denn die Jahre hatten ihm eine Würde verliehen, die Geralds Haus noch fehlte. Die breite, gewundene Auffahrt stand voll von Reitpferden und Wagen und von abund aussteigenden Gästen, die mit ihren Freunden Grüße wechselten. Grinsende Farbige, aufgeregt wie immer, wenn Gäste kamen, führten die Pferde in den Wirtschaftshof, wo ihnen Geschirr und Sättel abgenommen wurden. Schwarze und weiße Kinder schwärmten kreischend über den frisch ergrünten Rasen, spielten Hüpfen und Verstecken und prahlten damit, wieviel sie essen wollten. In der weiten Halle, die von der Hausfront bis nach hinten durchging, wimmelte es von Menschen. Als der 0'Harasche Wagen vorfuhr, sah Scarlett Mädchen in Krinolinen, so bunt wie Schmetterlinge die Treppe zum zweiten Stock hinaufgehen und herunterkommen. Einzeln und paarweise sah sie sie stehenbleiben und sich über das Treppengeländer lehnen, hörte sie lachen und den jungen Leuten unten in der Halle zurufen. Durch die offenen Glastüren sah sie die alten Damen würdevoll in ihren schwarzen Seidenkleidern im Wohnzimmer sitzen, wie sie sich fächelten und einander von Babys und Krankheiten erzählten und wer wen geheiratet hätte und warum. Der Wilkessche Diener Tom eilte geschäftig mit einem silbernen Tablett durch die verschiedenen Räume und bot grinsend mit ei ner Verbeugung jungen Herren in rehfarbenen und grauen Hosen und feingefältelten Batisthemden hohe Gläser mit Pfefferminzwhisky an. In der sonnigen Vorderveranda drängten sich die Gäste. Es war wohl die ganze Provinz da, dünkte es Scarlett. Die vier Tarletonjungens und ihr Vater lehnten an den hohen Säulen, die Zwillinge Stuart und Brent nebeneinander, unzertrennlich wie immer, Boyd und Tom mit ihrem Vater James Tarleton. Mr. Calvert stand dicht neben seiner Yankeegattin, die nach fünfzehn Jahren in Georgia immer noch nirgends so recht hingehörte. Alle waren sehr höflich und freundlich zu ihr, weil sie ihnen leid tat, aber keiner konnte vergessen, daß zu dem Urfehler ihrer Abstammung auch noch die Tatsache kam, daß sie bei Mr. Calverts Kindern Erzieherin gewesen war. Die beiden Calvertsjungen Raiford und Cade waren da mit ihrer blonden Schwester Cathleen, einer blendenden Erscheinung, die sich mit dem dunklen Joe Fontaine neckte und mit Sally Munroe, seiner hübschen Verlobten. Alex und Tony Fontaine flüsterten Dimity Munroe etwas ins 0hr, worauf sie in ein helles Lachen ausbrach. Von weit her waren Leute gekommen, von dem zehn Meilen entfernten Lovejoy, von Fayetteville und von Jonesboro, einige sogar aus Atlanta und Macon. Die Wände wollten ob der Menge schi er bersten, ein unendliches Schwatzen und Lachen, Kichern und Kreischen klangen bald lauter, bald leiser ins Freie hinaus.

Auf den Stufen vor der Eingangstür stand hochaufgerichtet John Wilkes in seinem Silberhaar und strahlte den stillen Zauber und die herzliche Gastfreundschaft aus, die warm und nie versagend wie die georgianische Sommersonne waren. Neben ihm stand Honey Wilkes - Honey genannt, weil sie von ihrem Vater an bis zum letzten Ackerknecht unterschiedslos jeder mit diesem Kosenamen anredete - und begrüßte geziert und kichernd die ankommenden Gäste.

Honeys nervöses und gar zu augenfälliges Bestreben, jedem Mann, der in Sicht kam, zu gefallen, stand in scharfem Gegensatz zu der vornehmen Haltung ihres Vaters. Scarlett kam der Gedanke, daß am Ende doch etwas Wahres an alledem sei, was Mrs. Tarleton gesagt hatte. Der gutaussehende Teil der Familie waren zweifellos die Männer. Die dichten tiefen Wimpern, zwischen denen John Wilkes' und Ashleys Augen so schön standen, waren bei Honey und ihrer Schwester India spärlich und farblos geraten. Honey hatte den eigentümlichen wimperlosen Blick eines Kaninchens, und India konnte man nur als häßlich bezeichnen.

India war nirgends zu sehen, Scarlett vermutete sie in der Küche, wo sie wahrscheinlich den Dienstboten die letzten Anweisungen gab. Arme India, dachte Scarlett. Sie hat sich seit dem Tode ihrer Mutter so mit dem Haushalt plagen müssen, daß sie es mit Ausnahme von Stuart Tarleton zu keinem Verehrer gebracht hat; und schließlich ist es nicht meine Schuld, wenn er mich hübscher findet als sie.

John Wilkes kam die Treppe herunter und bot Scarlett den Arm. Als sie aus dem Wagen stieg, bemerkte sie, wie Suellen plötzlich in ihren Bewegungen geziert wurde. Sie mußte wohl Frank Kennedy irgendwo in der Menge entdeckt haben.

Schrecklich, wenn man sich keinen besseren Verehrer einspannen kann als diese alte Jungfer in Hosen! dachte sie verächtlich, als sie den Fuß auf den Boden setzte und John Wilkes ihren Dank zulächelte. Frank Kennedy kam eilig an den Wagen, um Suellen herauszuhelfen, worauf diese sich so stolz gebärdete, daß Scarlett sie hätte ohrfeigen mögen. Mochte Frank Kennedy auch mehr Land sein eigen nennen als irgendwer in der Provinz, mochte er auch ein sehr gutes Herz haben, was bedeutete all das dagegen, daß er schon vierzig war, hager und nervös, und einen dünnen gelbbraunen Backenbart trug und ein altjüngferliches, umständliches Wesen hatte. Doch Scarlett dachte an ihr Vorhaben, schluckte die Verachtung herunter und begrüßte ihn mit so strahlendem Lächeln, daß er mit dem für Suellen ausgestreckten Arm plötzlich innehielt und in beglückter Verwunderung Scarlett anstarrte.

Während Scarlett leichthin mit John Wilkes plauderte, suchten ihre Augen in der Menge nach Ashley, aber vor dem Hause war er nirgends zu sehen. Dutzende von Stimmen begrüßten sie, Stuart und Brent Tarleton kamen auf sie zu. Die Munroemädchen stürzten herbei und begeisterten sich für ihr Kleid, und im Handumdrehen stand sie im Mittelpunkt eines lauter und lauter sprechenden Kreises, in dem jeder versuchte, den anderen zu überschreien. Wo war Ashley? Und Melanie und Charles? Sie bemühte sich, nicht aufzufallen, während sie überall herumschaute und in die Halle und das lachende Menschengewühl darin spähte.

Als sie so plaudernd und lachend mit raschen Blicken Haus und Hof absuchte, fiel ihr Auge auf einen Fremden, der allein in der Halle stand und sie mit so kühler Unverschämtheit ansah, daß sie augenblicklich stutzte, teils in weiblicher Freude darüber, daß sie einen Mann auf sich aufmerksam gemacht hatte, teils in dem verlegenen Gefühl, daß ihr Kleid vorn zu tief ausgeschnitten sei. Er sah gar nicht mehr jung aus, mindestens wie fünfunddreißig, und war sehr groß und kräftig. Scarlett meinte, sie hätte nie einen so breitschultrigen Mann mit so gewaltigen Muskeln gesehen, fast schon zu kräftig, um vornehm zu sein. Als ihr Auge dem seinen begegnete, lächelte er und zeigte dabei tierhaft weiße Zähne unter seinem kurz

geschnittenen schwarzen Schnurrbart. Er war dunkelhäutig,

sonnenverbrannt wie ein Seeräuber. Seine Augen waren kühn und schwarz wie die eines Piraten, der sich überlegt, ob er eine Galeone versenken, ob er ein Mädchen rauben soll. Kühle Verwegenheit lag in seinem Gesicht, und ein zynischer Humor spielte um den Mund, als er ihr zulächelte. Scarlett verschlug es den Atem. Eigentlich sollte ein solcher Blick sie beleidigen, und sie ärgerte sich über sich selbst, daß sie sich nicht beleidigt fühlte. Wer das sein mochte, wußte sie nicht; aber unleugbar sprach aus seinem dunklen Gesicht vornehme Abstammung. Man sah es an der dünnen Habichtnase über den vollen roten Lippen, der hohen Stirn und den weit auseinanderstehenden Augen. Widerstrebend nur wandte sie den Blick ab, ohne wiederzulächeln; und er drehte sich um, als jemand rief: »Rhett! R hett Butler, komm her! Du sollst das hartherzigste Mädchen in Georgia kennenlernen.«

Rhett Butler? Der Name kam ihr bekannt vor und erinnerte sie an irgendeine herrliche Skandalgeschichte, aber ihre Gedanken waren bei Ashley und gingen der Sache nicht weiter nach.

»Ich muß hinauf und mir das Haar richten«, sagte sie zu Stuart und Brent, die versuchten, sie von der Menge abzuschneiden. »Wartet hier auf mich und lauft gefälligst nicht mit einem anderen Mädchen davon, sonst werde ich böse.«

Sie gewahrte, daß Stuart heute Schwierigkeiten machen würde, sobald sie mit jemand anderem flirtete. Er hatte getrunken und trug die hochfahrende, kampflustige Miene zur Schau, die nichts Gutes bedeutete, wie sie aus Erfahrung wußte. In der Halle blieb sie stehen, sprach mi t Freunden und begrüßte India, die gerade mit unordentlichem Haar und winzigen Schweißtropfen auf der Stirn aus dem Hinterhause auftauchte. Arme India! Es war schon sehr schlimm, wenn Haar und Wimpern farblos waren und das Kinn als Zeichen einer eigenwilligen Natur vorstand und man obendrein noch nicht zwanzig Jahre alt war und doch schon als alte Jungfer galt. 0b India wohl sehr böse war, daß sie ihr Stuart weggenommen hatte? Es hieß, sie sei noch immer in ihn verliebt, aber man konnte nie genau wissen, was in einem Wilkes vorging. Trug sie es Scarlett nach, so ließ sie es doch niemals merken und behandelte ihre Nebenbuhlerin mit der gleichen zurückhaltenden, liebenswürdigen Höflichkeit, die sie ihr stets gezeigt hatte.

Scarlett sagte ihr einige freundliche Worte und schickte sich an, die breite Treppe hinaufzugehen. Da hörte sie sich von einer schüchternen Stimme beim Namen gerufen, drehte sich um und erblickte Charles Hamilton. Er war ein gutaussehender Junge mit einem Gewirr von weichen braunen Locken auf der weißen Stirn und tiefbraunen, reinen, sanften Augen wie ein Schäferhund. In seinen senfgelben Hosen und seinem schwarzen Rock war er sehr elegant, auf seinem gefältelten Hemd saß die breiteste, modernste schwarze Krawatte, die man sich vorstellen ko nnte. Eine leichte Röte stieg ihm ins Gesicht, als Scarlett sich ihm zuwandte. Mit Mädchen war er schüchtern, und wie die meisten schüchternen Männer bewunderte er so lebhafte, selbstsichere Mädchen wie Scarlett aufs höchste. Sie hatte bisher nie mehr als oberflächliche Höflichkeit für ihn gehabt, und so benahm ihm die strahlende Freundlichkeit, mit der sie ihn begrüßte und ihm ihre beiden Hände entgegenstreckte, fast den Atem.

»Ach, Charles Hamilton, hübscher alter Junge! Ich wette, Sie sind den weiten Weg von Atlanta nur hergekommen, um mir das arme Herz zu brechen.«

Charles stotterte fast vor Aufregung, als er die warmen kleinen Hände in den seinen hielt und ihr in die schillernden Augen sah. So sprachen Mädchen stets mit anderen Burschen, aber nie mit ihm. Er begriff nicht, warum die Mädchen ihn immer wie einen jüngeren Bruder behandelten und sehr freundlich mit ihm waren, sich aber nie dazu herbeiließen, ihn zu necken. Von jeher wünschte er sich, daß die Mädchen auch mit ihm flirten und scherzen sollten wie mit den anderen Burschen, die viel weniger gut aussahen als er und zudem mit den Gutem dieser Welt längst nicht so gesegnet waren. Geschah das aber ganz selten einmal, so fielen ihm nie passende Antworten ein, und er starb vor Verlegenheit über seinen hilflos verschlossenen Mund. Danach lag er nächtelang wach, und all die reizenden Galanterien, die er hätte sagen können, kamen ihm nachträglich in den Sinn. Aber eine zweite Gelegenheit dafür bot sich nie, denn nach einem oder zwei vergeblichen Versuchen ließen die Mädchen stets von ihm ab. Sogar mit Honey, mit der er sich in dem unausgesprochenen Einverständnis befand, daß sie einander im nächsten Herbst heiraten wollten, war er scheu und still. Zuzeiten hatte er das niederdrückende Gefühl, daß Honeys kokette Art, ihn als Eigentum zu behandeln, ihm nicht eben zur Ehre gereichte. Sie war so hinter den Männern her, daß er sich wohl vorstellen konnte, wie sie mit jedem, der ihr Gelegenheit gab, ebenso umspringen würde. Die Aussicht, sie zu heiraten, erregte ihn nicht sonderlich. Die wildromantischen Gefühle, die sich, nach seinen geliebten Büchern zu urteilen, für einen Liebhaber schickten, vermochte sie nicht in ihm zu erwecken. Er hatte sich immer danach gesehnt, von einem schönen hinreißenden Geschöpf voll Feuer und Gefahr geliebt zu werden, und nun neckte ihn Scarlett 0'Hara damit, daß er ihr das Herz bräche!

Er suchte nach Worten, fand aber keine, und so war er insgeheim froh, daß sie ohne Unterlaß auf ihn einredete und ihn der Notwendigkeit enthob, Entgegnungen zu finden. Es war zu schön, umwahr zu sein!

»So, nun rühren Sie sich nicht vom Fleck, bis ich wiederkomme. Wir wollen beim Essen zusammen sitzen. Und daß Sie mir nicht mit den anderen Mädchen anfangen, ich bin furchtbar eifersüchtig!« klang es kau m glaubhaft von den roten Lippen zwischen den beiden Grübchen, während dichte schwarze Wimpern sich sittsam über grüne Augen senkten.

»0 nein«, brachte er schließlich leise heraus und ahnte nicht, daß sie ihn dabei wie ein Kalb aussehend fand, das auf den Metzger wartet.

Sie schlug ihm leicht mit dem zusammengefalteten Fächer auf den Arm und wandte sich die Treppe hinauf. Da fiel ihr Blick noch einmal auf den Mann namens Rhett Butler, der ein paar Schritte von Charles entfernt allein stand. 0ffenbar hatte er die ganze Unterhaltung gehört, denn tückisch wie ein Kater lachte er sie an, und wieder schweiften seine Augen, völlig bar der Ehrerbietung, die sie gewohnt war, über sie hin.

»Heiliger Strohsack!« In ihrer Entrüstung gebrauchte Scarlett im stillen Geralds Lieblingsfluch. »Er tut, als ob er wüßte, wie ich ohne Hemd aussehe!« Damit warf sie den Kopf zurück und ging nach oben. In dem Schlafzimmer, wo die Damen abgelegt hatten, fand sie Cathleen Calvert, die sich vor dem Spiegel putzte und auf die Lippen biß, damit sie röter aussähen. An ihrem Gürtel steckten frische Rosen, die zu ihren Wangen paßten, und ihre kornblumenblauen Augen sprühten vor Erregung.

»Cathleen«, sagte Scarlett und versuchte, sich die Taille höher hinaufzuziehen, »wer ist eigentlich dieser gräßliche Butler da unten?«

»Ja, weißt du denn das nicht?« flüsterte Cathleen aufgeregt und hatte dabei ein scharfes Auge auf das Nebenzimmer, wo Dilcey mit der Mammy der Wilkesschen Mädchen schwatzte. »Es muß für Mr. Wilkes ein peinliches Gefühl sein, ihn hier zu haben, aber er war gerade zu Besuch bei Mr. Kennedy in Jonesboro, ich glaube in Baumwollgeschäften, und da mußte Mr. Kennedyihn natürlich mit hierherbringen.«

»Was ist denn mit ihm?« »Man verkehrt nicht mit ihm.« »Wahrhaftig?«

Scarlett hatte daran ein Weilchen schweigend zu kauen. Noch nie war sie mit jemandem, mit dem man nicht verkehrt, unter einem Dach zusammen gewesen. Das war sehr aufregend.

»Was hat er denn getan?«

»0 Scarlett, er hat einen ganz schrecklichen Ruf. Er heißt Rhett Butler und stammt aus Charleston. Seine Eltern gehören da zu den besten Familien, aber mit ihm verkehren sie nicht mehr. Caro Rhett hat mir vorigen Sommer von ihm erzählt. Er ist aus West-Point rausgeschmissen worden. Stell dir vor! Wegen etwas so Schummeln, daß Caro es nicht wissen darf, und dann war da noch die Geschichte mit dem Mädchen, das er nicht geheiratet hat. Ja, weißt du denn gar nichts davon? Also, dieser Mr. Butler ist in Charleston mit einem Mädchen im Einspänner spazierengefahren. Ich weiß nicht, wer sie war, aber ich habe so meinen Verdacht. Aus sehr guter Familie kann sie nicht gewesen sein, sonst wäre sie nicht so spät nachmittags ohne Begleitung mit ihm ausgefahren, und denk mal, sie blieben beinahe die ganze Nacht und gingen schließlich zu Fuß nach Hause. Sie behaupteten, das Pferd sei ihnen durchgegangen und hätte den Wagen zertrümmert und sie hätten sich im Walde verirrt. Und nun rate, was geschah!«

»Das kann ich nicht raten, erzähle!« sagte Scarlett begeistert und machte sich auf das Schlimmste gefaßt.

»Den nächsten Tag hat er sich geweigert, sie zu heiraten.«

»Ach!«Scarlett war enttäuscht.

»Er sagte, er habe ihr nichts getan und sehe nicht ein, warum er sie heiraten sollte. Natürlich hat ihr Bruder ihn gefordert, und Mr. Butler hat gesagt, lieber ließe er sich totschießen, als eine dumme Gans zu heiraten. Und dann kam das Duell, und Mr. Butler hat den Bruder des Mädchens getötet und mußte aus Charleston weg, und nun kann er nirgends mehr verkehren«, schloß Cathleen triumphierend und eben noch rechtzeitig, denn Dilcey kam zurück, um das Kleid ihrer Schutzbefohlenen einer Prüfung zu unterziehen.

»Hat sie ein Kind gekriegt?« flüsterte Scarlett Cathleen ins 0hr.

Cathleen schüttelte heftig den Kopf. »Aber ruiniert war sie trotzdem«, zischelte sie zur ück.

Wenn doch nur Ashley mich kompromittieren wollte, dachte Scarlett plötzlich. Er wäre zu sehr Gentleman, ummich dann nicht zu heiraten.

Und doch hatte sie das uneingestandene Gefühl, man müsse vor Rhett Butler Achtung haben, weil er sich geweigert hatte, eine dumme Gans zu heiraten.

Scarlett saß auf einem hohen Liegestuhl aus Rosenholz im Schatten einer riesigen Eiche hinter dem Hause, umwogt von Falten und Rüschen, unter denen zwei Zoll ihrer grünen Maroquinschuhe - das Äußerste, was eine Dame zeigen durfte - zum Vorschein kamen. Einen kaum berührten Teller hatte sie in der Hand und sieben Kavaliere um sich herum. Das Gartenfest war auf seinem Höhepunkt angelangt. Gelächter und lustige Worte, das Geklirr von Silber und Porzellan und würzige Bratendüfte erfüllten die warme Luft. Wenn der leichte Wind sich drehte, zogen Rauchwolken von den Feuerstellen über die Gesellschaft hin und wurden von den Damen mit lustigem Schreckensgeschrei und heftigem Gewedel ihrer Palmenfächer begrüßt.

Die meisten jungen Damen saßen mit ihren Herren auf den Bänken an den langen Tischen. Aber Scarlett hatte erkannt, daß ein Mädchen nur zwei Seiten und auf jeder nur Platz für einen einzigen Mann hat, und deshalb hatte sie vorgezogen, sich abseits zu setzen und soviel Männer wie möglich umsich zu versammeln.

Auf dem Rasen in der Laube saßen die verheirateten Damen, ehrbar in ihren dunklen Kleidern inmitten all der Lustigkeit und Buntheit ringsum. Wer verheiratet war, einerlei in welchem Alter, fand sich für immer von den helläugigen Mädchen, den Kavalieren und all ihrer Jugendlichkeit geschieden. Verheiratete Frauen, die noch umworben wurden, gab es im Süden nicht. Von Großmama Fontaine, die von dem Vorrecht ihres Alters, aufzustoßen, unbekümmerten Gebrauch machte, bis zu der sieb zehnjährigen Alice Munroe, die gegen die Übelkeit einer ersten Schwangerschaft ankämpfte, hatten sie zu endlosen genealogischen und gynäkologischen Gesprächen ihre Köpfe zusammengesteckt, was solche Gesellschaften zu sehr willkommenen, unterhaltsamen Lehrkursen machte. Scarlett sah von oben auf sie herab und fand, sie sähen aus wie ein Schwärm fetter Krähen.

Verheiratete Frauen durften sich nie amüsieren. Daß sie selbst, wenn Ashley sie heiratete, auch ohne weiteres in die Lauben und in die Salons verbannt würde, zu den gesetzten Matronen in glanzloser Seide, ausgeschlossen von Spaß und Spiel - der Gedanke kam Scarlett nicht. Ihre Phantasie trug sie, wie die meisten Mädchen, nur bis an den Altar und keinen Schritt darüber hinaus. Außerdem war sie jetzt zu unglücklich, um solchenVorstellungen nachzuhängen.

Sie senkte die Augen auf den Teller und aß zierlich von einem angebrochenen Biskuit mit einer Eleganz und einem so völligen Mangel an Appetit, daß Mammy ihre Freude daran gehabt hätte. Bei allem Überfluß a n Verehrern hatte sie sich noch nie im Leben so unglücklich gefühlt wie jetzt. Alle ihre Pläne von gestern abend waren gescheitert. Zu Dutzenden hatten sich die Kavaliere zu ihr gesellt, nur Ashley nicht, und all die Befürchtungen von gestern kamen wieder über sie. Ihr Herz schlug bald rasch, bald träge, ihre Wangen waren einmal flammenrot, dann wieder weiß. Ashley hatte keinerlei Anstalten gemacht, in ihren Bannkreis zu treten, und seit ihrer Ankunft hatte sie keinen Augenblick unter vier Augen mit ihm gehabt, ja, seit der ersten Begrüßung hatte sie überhaupt noch nicht mit ihm sprechen können. Als sie den Hintergarten betrat, war er auf sie zugekommen, aber mit Melanie am Arm, die ihm kaum bis zur Schulter reichte.

Melanie war ein zartgebautes, zierliches Mädchen, gleich einem Kind, das mit den viel zu großen Reifröcken der Mutter Verkleiden spielt, eine Vorstellung, die durch den scheuen, fast furchtsamen Blick ihrer großen Augen noch verstärkt wurde. Die Wolke ihres dunklen lockigen Haares war unter einem Netz streng gefaßt, eine dunkle Masse, die auf der Stirn in eine Spitze wie eine Witwenhaube auslief und das herzförmige Gesichtchen noch herzförmiger erscheinen ließ. Mit den zu breiten Backenknochen und dem allzu spitzen Kinn war es ein süßes, schüchternes, aber keineswegs schönes Gesicht, und Melanie verstand nicht durch weibliche Verführungskünste über seine Unscheinbarkeit hinwegzutäuschen. Sie sah aus, wie sie war, schlicht wie die Erde, gut wie das Brot, durchsichtig wie Quellwasser. Aber trotz dieser Unansehnlichkeit und der Kleinheit ihrer Gestalt lag in ihren Bewegungen, eine gelassene Würde, die sie weit über ihre siebzehn Jahre hob und ihr etwas seltsam Eindrucksvolles verlieh. Ihr graues 0rgandykleid mit der kirschroten Atlasschärpe verhüllte in Rüschen und duftigen Stoffwolken den kindlich unentwickelten Körper. Der gelbe Hut mit den langen kirschroten Bändern ließ ihre elfenbeinfarbene Haut erglühen. In ihren braunen Augen war etwas von dem stillen Glanz eines winterlichen Waldsees, aus dessen Tiefe die dunklen Gewächse durch das ruhigeWasser heraufschimmern.

Sie hatte Scarlett mit schüchterner Zuneigung angelächelt und ihr gesagt, wie hübsch ihr grünes Kleid sei, und es war Scarlett schwergefallen, auch nur höflich zu antworten, so heftig war ihr Verlangen, mit Ashley allein zu sein. Seitdem hatte Ashley auf einem Hocker zu Melanies Füßen gesessen, fern von den anderen Gästen, hatte sich ruhig mit ihr unterhalten und dabei das leichte, versonnene Lächeln gezeigt, das Scarlett so sehr an ihm liebte. Unter seinem Lächeln war ein kleiner Funken in Melanies Augen aufgesprungen, und das machte die Sache noch schlimmer, denn nun mußte sogar Scarlett zugeben, daß sie beinahe hübsch aussah. Als Melanie zu Ashley aufblickte, war ihr Gesicht wie von innen erleuchtet. Hatte je ein liebendes Herz sich auf einem Antlitz gezeigt, so jetzt bei Melanie Hamilton.

Scarlett gab sich Mühe, die Augen von den beiden abzuwenden, aber es gelang ihr nicht. Nach jedem Blick dorthin war sie mit ihren Kavalieren doppelt lustig. Sie lachte und sagte gewagte Dinge, neckte und warf den Kopf zurück, daß die 0hrringe klirrten. Wohl hundertmal sagte sie »Ach Unsinn, dummes Zeug!« und schwur, sie wolle nie etwas von alldem glauben, was Männer ihr sagten. Ashley aber bemerkte es nicht, er blickte nur zu Melanie hinauf und sprach weiter, und Melanie sah zu ihm hinab mit einem Ausdruck, der strahlend bewies, daß sie sein war.

So kam es, daß Scarlett sich unglücklich fühlte. Wer nur das Äußere wahrnahm, mochte meinen, nie habe ein Mädchen weniger Grund dazu gehabt. Unbestritten war sie die Königin des Tages. Zu jeder anderen Zeit hätte ihr das Aufsehen, das sie bei den Männern erregte, zusammen mit dem Herzweh der anderen Mädchen, ungeheures Vergnügen bereitet.

Charles Hamilton wich trotz der vereinten Bemühungen der Zwillinge Tarleton nicht von ihrer Seite. Er hielt ihren Fächer in der einen Hand und seinen unberührten Teller in der andern und vermied es hartnäckig, Honeys Blick zu begegnen, der die Tränen nahe waren. Cade hatte es sich zu ihrer Linken bequem gemacht und sah Stuart mit glimmenden Augen an.

Schon schwelte die Glut zwischen ihm und den Zwillingen, schon waren gereizte Worte hin und her gegangen. Frank Kennedy scharwenzelte um Scarlett herum wie eine Henne um ein Küken und rannte zwischen den Eichen und den Tischen hin und her, um Scarlett mit Leckerbissen zu versorgen, als ob nicht schon ein Dutzend Diener zu diesem Zweck da wären. Suellens dumpfer Groll begann ihre vornehme Zurückhaltung zu durchbrechen, und sie schoß feindselige Blicke auf Scarlett. Die kleine Carreen hätte weinen mögen. Trotz Scarletts ermutigenden Worten von heute morgen hatte Brent nur »Hallo, Schwesterchen« zu ihr gesagt und sie am Haarband gezupft, ehe er seine volle Aufmerksamkeit Scarlett zuwandte. Gewöhnlich war er doch so nett zu ihr und behandelte sie mit einer heiteren Ehrerbietung, bei der sie sich ganz erwachsen vorkam; und Carreen träumte insgeheim von dem Tage, da sie ihr Haar aufstecken und einen langen Rock anziehen und ihn wirklich als Verehrer betrachten konnte. Aber nun sah es aus, als gehörte er Scarlett ganz und gar. Die Munroemädchen verbargen mühsam ihren Kummer über die Unaufmerksamkeit der beiden dunklen Fontaines, die mit im Kreise um Scarlett standen und sich an sie heranzuschlängeln suchten, sobald einer der andern Miene machte aufzustehen. Mit erhobenen Augenbrauen funkten sie ihre Mißbilligung über Scarletts Benehmen zu Hetty Tarleton hinüber. »Schamlos« war das einzig richtige Wort dafür. Alle drei zugleich nahmen die jungen Damen ihre Spitzenschirmchen in die Hand, sagten, sie hätten nun genug gegessen, berührten mit leichtem Finger den Arm des zunächststehenden Herrn und begehrten in holden Tönen den Rosengarten, den Brunnen und das Sommerhaus zu sehen. Dieser strategische Rückzug in guter 0rdnung entging keiner der anwesenden Damen und jedem der anwesenden Männer.

Scarlett kicherte in sich hinein, als sie drei Männer ihren Zauberkreis verlassen sah, um den Damen Dinge zu zeigen, die ihnen von Kindheit auf vertraut waren, und warf einen scharfen Blick auf Ashley, um zu sehen, ob er es bemerkt habe. Der aber spielte mit den Enden von Melanies Schärpe und lächelte zu ihr hinauf. Scarletts Herz zog sich vor Weh zusammen. Sie hätte Melanies Elfenbeinhaut bis aufs Blut zerkratzen mögen.

Als ihre Blicke weiterschweiften, begegneten ihre Augen denen Rhett Butlers, der abseits mit John Wilkes sprach. Er hatte sie beobachtet, und jetzt lachte er sie an. Scarlett hatte das unbehagliche Gefühl, daß unter allen Anwesenden nur dieser Mann, mit dem man nicht verkehrte, ihre wilde Lustigkeit durchschaute und sein hämisches Vergnügen daran fand. Auch ihn hätte sie mit Wonne zerkratzen mögen. »Wenn ich nur dieses Fest bis heute mittag überstehe«, dachte sie, »dann gehen alle Mädels zu einem Schläfchen hinauf, und ich bleibe hier und komme endlich dazu, mit Ashley zu reden. Er muß doch bemerkt haben, wie begehrt ich bin.« Noch mit einer anderen Hoffnung suchte sie ihr Herz zu trösten: »Natürlich muß er gegen Melanie aufmerksam sein, denn schließlich ist sie seine Cousine, und so unbeliebt, wie sie ist, wäre sie ohne ihn ein Mauerblümchen. «

Sie schöpfte wieder Mut und verdoppelte ihre Bemühungen um Charles, dessen glühende braune Augen nicht von ihr abließen. Es war ein wundervoller Tag, ein Traumtag für ihn. Er hatte sich in Scarlett verliebt. Vor diesem neuen Gefühl wich Honey wie in einen dichten Nebel zurück.

Honey war ein laut zwitschernder Spatz, Scarlett ein schillernder Kolibri. Sie zog ihn vor, stellte Fragen an ihn und gab selbst Antworten darauf, so daß er gescheit wirkte, ohne selbst ein Sterbenswörtchen zu erfinden. Die anderen ärgerten sich und wußten nicht, was sie dazu sagen sollten. Sie mußten sich ernstlich anstrengen, um höflich zu bleiben und die wachsende Wut hinunterzuschlucken. Überall glomm es unter der Asche, und wäre Ashley nicht gewesen, Scarlett hätte einen richtigen Triumph gefeiert.

Als der letzte Bissen aufgegessen war, hoffte Scarlett, India werde nun aufstehen und den Damen vorschlagen, sich ins Haus zurückzuziehen. Es war zwei Uhr, und die Sonne schien warm, aber India war nach den dreitägigen Vorbereitungen so müde, daß sie froh war, sitzen zu dürfen und dabei einem tauben alten Herrn aus Fayetteville ihre Bemerkungen ins 0hr schreien zu können.

Eine träge Schläfrigkeit legte sich über die Gesellschaft. Die Farbigen gingen herum und deckten die langen Tische, an denen man gespeist hatte, ab. Gelächter und Gespräch wurden stiller, alle warteten darauf, daß die Gastgeberin das Zeichen zum Ende der Festlichkeit geben möge. Palmenfächer wedelten auf und ab, und einige alte Herren waren vor Hitze und Sattheit eingenickt. In dieser Pause zwischen der Geselligkeit des Morgens und dem abendlichen Ball machten sie alle den Eindruck von gemessenen, friedlichen Leuten. Nur die jungen Männer hatten immer noch etwas von der ruhelosen Kraft, die bis vor kurzem die ganze Gesellschaft belebt hatte. Unter der Schlaffheit des Mittags lauerten Leidenschaften, die jeden Augenblick tödlich aufflammen und ebenso schnell ausbrennen konnten. Die Unterhaltung wollte eben völlig einschlafen, als plötzlich alles durch Geralds zornig erhobene Stimme aus dem Halbschlummer geschreckt wurde. Er stand in einiger Entfernung von den Speisetischen und war auf demHöhepunkt eines Streites mit John Wilkes angelangt.

»Heiliger Strohsack, Mann! Für friedliche Einigung mit den Yankees beten? Nachdem wir die Schufte aus Fort Sumter hinausgefeuert haben? Friedlich? Die Südstaaten sollten mit den Waffen in der Hand zeigen, daß sie sich nicht beleidigen lassen und daß sie sich nicht mit gütiger Erlaubnis der Union von ihr trennen, sondern aus eigener Kraft befreien!«

»Mein Gott«, dachte Scarlett, »nun können wir alle bis Mitternacht hier sitzen bleiben.«

Im Handumdrehen hatte sich alle Schläfrigkeit verflüchtigt. Die Männer sprangen von Bänken und Stühlen auf, die Stimmen begannen einander zu überschreien. Den ganzen Morgen hatte auf Mr. Wilkes' Bitte, die Damen nicht zu langweilen, niemand von Politik und Kriegsgefahr gesprochen. Aber nun hatte Gerald das Eis gebrochen, und alle anwesenden Männer vergaßen die Ermahnung.

»Natürlich wollen wir kämpfen ...« »Diese verfluchten Yankees, diese Spitzbuben ...« »Wir verhauen sie in einem einzigen Monat...« »Einer von uns prügelt zwanzig von ihnen windelweich ...« »Friedlich? ... Sie lassen uns ja nicht in Frieden!« »Wie Mr. Lincoln unsere Unterhändler beleidigt hat ... Wochenlang hat er sie warten lassen und versprochen, Fort Sumter zu räumen!« »Sie wollen den Krieg, nun, er soll ihnen bald zum Halse heraushängen!« Lauter als alle anderen donnerte Gerald. Scarlett hörte ihn brüllen: »Die Rechte der Südstaaten, Teufel noch mal!« Er ereiferte sich gewaltig und kam endlich auf seine Kosten, seine Tochter aber durchaus nicht. All dies Gerede war ihr gründlich verhaßt, weil sich die Männer nun stundenlang damit beschäftigen und sie vorläufig keine Gelegenheit mehr finden würde, Ashley unter vier Augen zu sprechen. Natürlich gab es keinen Krieg, das wußten die Männer alle. Sie redeten nur gern und hörten sich so gern reden.

Charles Hamilton war nicht mit den andern aufgesprungen und fand sich plötzlich mit Scarlett allein. Da lehnte er sich enger an sie und flüsterte mit der Kühnheit neugeborener Leidenschaft: »Miß 0'Hara ... Ich ... ich hatte schon beschlossen, daß ich nach Südcarolina zur Truppe gehen wollte, falls es Krieg gäbe. Mr. Wade Hampton stellt eine Reitertruppe auf, und da wollte ich natürlich dabeisein. Er ist ein großartiger Kerl und war der beste Freund meines Vaters.«

Scarlett sah ihn verwundert an und dachte: »Wie können Männer nur so dumm sein, zu glauben, daß ein Mädchen sich für so etwas interessiert.« Er meinte, sie finde vor lauter Begeisterung keine Worte, und fuhr immer kühner fort:

»Wenn ich nun gehe, sind ... sind Sie dann traurig ... Miß 0'Hara?«

»Dann weine ich jede Nacht mein Kissen naß.« Es sollte schnippisch klingen, er aber nahm es ernst und errötete vor Freude. Sie hatte die Hand in den Falten ihres Kleides verborgen, er tastete sich heran und drückte sie fest, von seiner eigenen Kühnheit und ihrer Zuneigung überwältigt.

»Wollen Sie dann für mich beten?«

»Der Schafskopf!« dachte Scarlett bitter und schaute sich verstohlen um, ob nicht jemand sie von dieser Unterhaltung erlöse.

»Wollen Sie es tun?«

»Ja ... gewiß, mindestens drei Rosenkränze jeden Abend!«

Rasch blickte Charles umher, hielt den Atem an und straffte die Muskeln. Sie waren so gut wie allein. Eine solche Gelegenheit bot sich vielleicht nie wieder. Und wenn Gott sie ihm noch einmal bescheren sollte, vielleicht versagte ihm dann die Kraf t.

»Miß 0'Hara ... ich muß Ihnen etwas sagen. Ich ... ich liebe Sie!«

»Hmmm?« machte Scarlett und versuchte durch die Menge der Streitenden zuAshley hindurchzublicken.

»Ja!« flüsterte Charles, außer sich vor Entzücken, daß sie weder gelacht hatte noch in 0hnmacht gefallen war. »Ich liebe Sie! Sie sind das ... das ...«, zum erstenmal in seinem Leben löste sich ihm die Zunge, »das schönste Mädchen, das ich je gekannt habe, das süßeste und gütigste, so lieb wie Sie war noch niemand zu mir. Ich liebe Sie von ganzem Herzen. Ich kann ja nicht annehmen, daß Sie jemand wie mich lieben können, aber wenn Sie mir ein ganz klein wenig Mut machen, will ich alles tun, damit Sie mich lieben. Ich will...«

Charles hielt inne, er konnte sich nichts ausdenken, das stark genug wäre, Scarlett die Tiefe seines Gefühls zu beweisen, und so sagte er dann einfach: »Ich möchte Sie heiraten.«

Mit einem Ruck war Scarlett wieder auf der Erde, als das Wort »heiraten« an ihr 0hr schlug. Gerade hatte sie an Heiraten und an Ashle y gedacht und blickte Charles mit schlecht verhehlter Gereiztheit an. Was mußte auch dieses Kalb ihr gerade jetzt seine Gefühle aufdrängen, da ihr vor lauter eigenen Gedanken und Gefühlen fast der Kopf platzte? Sie blickte ihm in die braunen Augen und sah nicht die Schönheit der ersten scheuen Knabenliebe, die darin lag, nicht die Verzückung eines Traumes, der Wirklichkeit werden will, nicht die wilde, selige Zärtlichkeit, die ihn wie eine Flamme durchfuhr. Scarlett war es gewöhnt, daß Männer ihr einen Heiratsantrag machten, sehr viel anziehendere Männer als Charles Hamilton, die Lebensart genug besaßen, ihr nicht gerade bei einem Gartenessen, wenn sie wichtigere Dinge im Kopf hatte, damit zu kommen. Sie sah nur den zwanzigjährigen Jungen, der rot wie eine Rübe geworden war und sich sehr tölpelhaft ausnahm. Sie hätte ihm das gern gesagt, aber ganz von selbst kamen ihr die Worte, die Ellen sie für solche Fälle gelehrt hatte. Sie schlug gewohnheitsmäßig die Augen nieder, und leise ging es über ihre Lippen:

»Mr. Hamilton, ich bin mir der Ehre wohl bewußt, die Sie mir dadurch erweisen, daß Sie um meine Hand anhalten, aber es kommt alles so plötzlich, daß ich nicht weiß, was ich darauf antworten soll.«

Auf diese Weise vermied man es geschickt, die Eitelkeit eines Mannes zu kränken, und behielt ihn doch am Bändel. Charles biß darauf an, als wäre solcher Köder etwas Neues und ihm als erstem zugeworfen.

»Ich kann ewig warten! Ich möchte Sie nur haben, wenn Sie Ihrer selbst ganz sicher sind. Bitte, Miß 0'Hara, sagen Sie mir, daß ich hoffen darf!«

Scarletts scharfe Augen erblickten Ashley, der bei Melanie sitzen geblieben war und zu ihr emporlächelte. Wenn nur dieser Dummkopf, der nach ihrer Hand tastete, einen Augenblick still sein wollte, vielleicht konnte sie dann verstehen, worüber die beiden sprachen. Charles' Worte verwischten die Stimmen, denen sie so angestrengt lauschte.

»Seht«, zischte sie ihn an und kniff ihn in die Hand, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen.

Charles fuhr zusammen, im ersten Augenblick fühlte er sich zurückgestoßen und errötete, dann sah er ihren Blick auf seiner Schwester ruhen und wurde wieder froh. Scarlett fürchtete, jemand möchte seine Worte vernehmen. Natürlich war sie verlegen und in Todesangst, belauscht zu werden. Charles fühlte eine Männlichkeit in sich aufwallen, wie er sie noch nie gespürt hatte. Er hatte ein Mädchen in Verlegenheit gebracht. Das war berauschend, und er suchte seinem Gesicht einen unbekümmerten Ausdruck zu geben und erwiderte vorsichtig Scarletts Händedruck, um zu zeigen, daß er ein Mann von Welt sei und ihre Bedenken verstünde.

Sie fühlte es nicht einmal, denn deutlich hörte sie jetzt Melanies süße Stimme, die ihr höchster Zauber war: »Ich fürchte, über Mr. Thackerays Werke bin ich anderer Meinung als du. Er ist ein Zyniker. Ich glaube, er ist weniger Gentleman als Mr. Dickens.«

Wie kann man nur so etwas Albernes sagen! Scarlett hätte vor Erleichterung lachen mögen. Sie ist eben doch ein Blaustrumpf, und was Männer von einem Blaustrumpf denken, weiß ja jeder. Das Interesse eines Mannes kann man doch nur dadurch wecken, daß man von ihm spricht und allmählich die Unterhaltung auf sich selber lenkt. Hätte Melanie gesagt: »Du bist doch fabelhaft!« oder »Wie du nur auf solche Gedanken kommst! Mein dummer Kopf würde platzen, schon allein bei dem Versuch, über so etwas nachzudenken!« - dann hätte Scarlett Grund gehabt, sich zu ängstigen. Nun fühlte sie ihre Aussichten so sehr steigen, daß sie Charles ein strahlendes Gesicht zuwandte und vor Freude lächelte. Dieser Bewe is ihrer Zuneigung beseligte ihn. Er griff nach ihrem Fächer und fächelte sie so stürmisch, daß ihr Haar in Unordnung geriet.

»Ashley, wie denkst du darüber?« klang es aus der Gruppe der erhitzten Männer heraus. Er stand auf und entschuldigte sich. Keiner von den anderen sieht doch so gut aus, dachte Scarlett, als sie sah, wie gut ihm seine lässige Bewegung stand. Sogar die älteren Männer hielten inne, umihm zuzuhören.

»Nun, meine Herren, wenn Georgia kämpft, gehe ich mit. Warum wäre ich sonst in die Truppe eingetreten?« sagte er, die grauen Augen weit geöffnet. Alles Verträumte war daraus verschwunden, und eine Spannkraft lag darin, wie Scarlett sie nie zuvor an ihm wahrgenommen hatte. »Aber ich hoffe wie Vater, daß es nicht zum Kampf kommt und die Yankees uns in Frieden lassen ...« Er hob lächelnd die Hand, als die Fontaines und Tarletons durcheinanderzureden begannen wie weiland die Leute beim Turmbau zu Babel. »Ja, ja, ich weiß, wir sind beleidigt und betrogen worden. Hätten wir aber in der Haut der Yankees gesteckt und wollten sie sich ihrerseits von der Union lossagen, wie hätten wir uns dann wohl verhalten? Ungefähr ebenso!«

»Das sieht ihm wieder einmal ähnlich«, dachte Scarlett. »Immer muß er sich in die anderen hineinversetzen.« Für sie hatte alles nur eine einzige Seite. Manchmal war Ashleyeinfach unverständlich.

»Wir wollen nicht so hitzköpfig sein und uns zum Krieg hinreißen lassen. Das meiste Elend in der Welt ist vom Krieg gekommen. Und jedesmal, wenn ein Krieg glücklich vorbei war, wußte niemand mehr so recht, umwas es eigentlich gegangen war.«

Scarlett rümpfte die Nase. An Ashleys Mut zweifelte zum Glück niemand, sonst wäre die Sache bedenklich gewesen. Schon erhob sich um ihn herum ein unwilliges, gefährliches Lärmen leidenschaftlich widerstreitender Stimmen.

Auf dem Rasenplatz unter den Bäumen stieß der taube alte Herr aus Fayetteville India an. »Was geht da eigentlich vor? Worüber reden sie?«

»Über Krieg!« trompetete ihm India durch die hohle Hand ins 0hr. »Sie wollen mit den Yankees kä mpfen!«

»Krieg, sagen Sie?« Er suchte nach seinem Spazierstock und erhob sich mühsam aus seinem Stuhl, aber mit so viel Energie, wie er seit Jahren nicht gezeigt hatte. »Ich will ihnen sagen, was Krieg ist. Ich habe ihn mitgemacht.« Mr. McRae kam selten dazu, vom Krieg zu erzählen, meistens brachten ihn seine Frauensleute vorzeitig zum Schweigen. Eilig stapfte er auf die Gruppe zu und schwenkte mit erhobener Stimme den Stock. Da er die anderen nicht hören konnte, war er bald unbestrittener Herr desSchlacht feldes.

»Ihr jungen Eisenfresser, hört mich an. Wir wollen keinen Krieg. Ich war im Kriege und weiß, wie das ist. Ich bin im Seminolenkrieg gewesen und war dumm genug, auch noch in den mexikanischen zu gehen. Ihr meint, da reitet man ein hübsches Pferd, die Mädchen streuen euch Blumen und ihr kommt als Held nach Hause. Nein, meine Herren! Hunger hat man und bekommt Masern und Lungenentzündung, weil man im feuchten Gras liegen muß. Und sind es nicht Masern und Lungenentzündung, so ist es das Gedärm. Ja, meine Herren, was der Krieg einem da nicht alles antut ... Durchfall und so was ...«

Die Damen wurden rot bis unter die Haarwurzeln. Mr. McRae war das Überbleibsel eines rauheren Zeitalters. »Hole rasch deinen Großvater«, zischte eine seiner Töchter einem jungen Mädchen zu. »Wahrhaftig!« flüsterte sie den aufgeregten Matronen um sie her zu, »jeden Tag wird es schlimmer mit ihm. Wollen Sie mir glauben, heute morgen sagte er zu Mary - sie ist erst sechzehn -: >Nun, kleines Fräulein ...<« Der Rest wurde noch leiser geflüstert, während die Enkelin sich entfernte, um Mr. McRae auf seinen schattigen Platz zurückzuführen.

Unter all den aufgeregt lächelnden Mädchen und leidenschaftlich debattierenden Männern war offenbar nur einer, der nicht aus der Ruhe zu bringen war. Scarlett sah Rhett Butler an einen Baum gelehnt dastehen, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Seit Mr. Wilkes ihn verlassen hatte, war er allein und hatte, als das Gespräch sich erhitzte, kein Wort mehr gesprochen. Unter dem kurz geschnittenen schwarzen Schnurrbart verzogen sich spöttisch die roten Lippen, ein Strahl belustigter Geringschätzung glomm in den schwarzen Augen, als höre er prahlenden Kindern zu. Ein unangenehmes Lächeln, fand Scarlett. Er hörte ruhig zu, bis Stuart Tarleton mit zerzaustem Haar und blitzenden Augen wiederholte: »In einem Monat haben wir sie verprügelt! Gentlemen kämpfen immer besser als der Pöbel. Ein Monat ... nein, eine einzige Schlacht ...«

»Meine Herren«, sagte Rhett Butler in der klingenden, verschliffenen Mundart von Charleston, ohne sich aus seiner bequemen Haltung zu rühren oder die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. »Darf ich ein Wort dazu sagen?« Sein Tonfall war ebenso geringschätzig wie seine Blicke, aber verschleiert durch eine Höflichkeit, mit der er sich gleichsam über sich selbst lustig machte. Man wandte sich ihm mit jener Verbindlichkeit zu, die man immer für einen Außenseiter bereit hatte.

»Hat irgendeiner der Herren schon einmal daran gedacht, daß es südlich der Mason-Dixon-Linie keine einzige Waffenfabrik gibt und wie wenig Eisengießereien wir hier im Süden haben? Wie wenig Wollspinnereien, Baumwollwebereien, Gerbereien? Haben Sie daran gedacht, daß wir kein einziges Kriegsschiff haben und daß die Yankeeflotte uns binnen einer Woche die Häfen sperren kann, so daß wir unsere Baumwolle nicht mehr verschiffen können? Aber natürlich ... an all das haben die Herren längst gedacht.«

Der hält wahrhaftig die Jungens für lauter Esel! Scarlett war empört. Das Blut stieg ihr heiß in die Wangen. Mehrere junge Leute warfen das Kinn empor. John Wilkes kam wie zufällig, aber eilig an seinen Platz neben dem Sprechenden zurück, als wollte er den Anwesenden damit deutlich machen, daß dieser Mann sein Gast war, und sie außerdem an die anwesenden Damen erinnern. »Das Schlimmste bei uns Südstaatlern ist«, fuhr Rhett Butler fort, »daß die meisten nicht genug gereist sind oder nicht genug aus ihren Reisen gelernt haben. Von Ihnen, meine Herren, sind natürlich alle weit herumgekommen. Was aber haben Sie gesehen? Europa, New York, Philadelphia, und die Damen waren natürlich in Saratoga.« Er machte eine leichte Verbeugung nach der Damengruppe unter den Bäumen. »Sie haben die Hotels und die Museen, die Bälle und die Spielbank gesehen. Und dann sind Sie mit der Überzeugung nach Hause gekommen, so schön wie hier im. Süden sei es doch nirgends auf der Welt. Was mich betrifft ich bin zwar in Charleston geboren, habe aber die letzten Jahre im Norden verbracht.« Ein Lächeln entblößte seine weißen Zähne, als wäre es ihm wohlbekannt, d aß alle Anwesenden seine Geschichte wüßten, und als machte er sich nicht das geringste daraus. »Ich habe vieles gesehen, was Sie alle nicht gesehen haben. Die Tausende von Einwanderern, die gern gegen freie Beköstigung und ein paar Dollar Sold für die Yankees fechten würden, die Fabriken, die Gießereien, die Werften, die Bergwerke ... all das, was wir nicht haben. Wir haben ja nur unsere Baumwolle, unsere Sklaven und unseren Hochmut. Die werden in einem Monat mit uns fertig.«

Einen gespannten Augenblick lang herrschte Schweigen. Rhett Butler zog ein feines Leinentaschentuch hervor und stäubte sich nachlässig den Ärmel. Dann erhob sich ein unheilverkündendes Geraune und Gemurmel ringsum. Das Summen von der Gruppe unter den Bäumen her glich dem eines aufgeschreckten Bienenschwarms. Auch Scarlett spürte, wie ihr der Zorn in die Wangen stieg, aber zugleich schoß durch ihren nüchternen Kopf der Gedanke, daß alles, was dieser Mann da sagte, höchst verständig klinge und richtig sein könne. Sie hatte zwar noch nie eine Fabrik gesehen und kannte auch niemanden, der eine gesehen hatte. Aber selbst wenn er die Wahrheit redete, so war er doch kein Gentleman, denn man sprach solche Dinge nicht auf einer Gesellschaft aus, auf der man zum Vergnügen weilte.

Stuart Tarleton kam mit gesenkten Brauen heran, und Brent folgte ihm auf dem Fuße. Die Zwillinge wußten sich selbstverständlich zu benehmen und würden schwerlich auf einem Gartenfest eine ernstliche Szene machen, aber trotzdem gerieten die Damen in eine wohlige Erregung - es kam so selten vor, daß sie einen Streit selber miterlebten; meistens lernten sie ihn nur vomHörensagen kennen.

»Herr«, sagte Stuart dumpf, »was wollen Sie damit sagen?«

Rhett sah ihn höflich, aber etwas belustigt an. »Ich will damit«, antwortete er, »dasselbe sagen wie Napoleon - Sie haben vielleicht von ihm gehört? - Er sagte einmal: >Gott ist immer auf der Seite der stärksten Bataillone!<«

Dann wandte er sich zu John Wilkes und sagte verbindlich: »Sie haben mir versprochen, mir Ihre Bibliothek zu zeigen; wäre es unbescheiden, wenn ich darum bäte, sie jetzt sehen zu dürfen? Denn ich muß leider heute nachmittag schon zeitig nach Jonesboro zurück.«

Er schlug leicht die Hacken zusammen und verbeugte sich nach allen Seiten wie ein Tanzlehrer. Die Verbeugung war für einen Mann von solchem Körperbau voller Anmut und dabei so frech wie ein Schlag ins Gesicht. Dann schritt er erhobenen Hauptes mit John Wilkes quer über den Rasen, und sein aufreizendes Lachen hallte bis zu der Gruppe bei den Tischen zurück. Für einen Augenblick herrschte verblüfftes Schweigen, dann begann das Stimmengewirr von neuem. India stand müde von ihrem Platz unter den Bäumen auf und ging auf den erbosten Stuart Tarleton zu. Scarlett hörte nicht, was sie sagte, aber bei dem Blick, mit dem sie ihn ansah, empfand sie so etwas wie einen Gewissensbiß. Es war derselbe Blick der Zusammengehörigkeit, mit dem auch Melanie Ashley anschaute - nur daß Stuart ihn nicht erwiderte. Einen Augenblick lang dachte Scarlett, er hätte India vielleicht längst geheiratet, wenn sie, Scarlett, im vorigen Jahre nicht so mit ihm geflirtet hätte. Dann aber beruhigte sie sich bei dem Gedanken, es sei doch nicht ihre Schuld, wenn andere Mädchen ihre Männer nicht festzuhalten verstünden.

Endlich lächelte Stuart zu India hinunter, ein gezwungenes Lächeln, und nickte mit dem Kopf. India hatte ihn wahrscheinlich gebeten, keinen Streit mit Mr. Butler anzufangen. Unter den Bäumen entstand ein Durcheinander, während die Gäste sich erhoben. Die Mütter riefen nach den Kinderfrauen und den kleinen Kindern und versammelten ihre Brut, um Abschied zu nehmen. Die jungen Mädchen brachen gruppenweise auf und gingen lachend und schwatzend ins Haus, um oben in den Schlafräumen ihre Siesta zu halten. Alle Damen überließen jetzt die Laube und den Schatten der Eichen den Männern; nur Mrs. Tarleton wurde von Gerald, Mr. Calvert und anderen zurückgehalten, die wegen der Pferde für die Truppe endlich eine Zusage zu erlangen hofften.

Ashley schlenderte zu Scarlett und Charles hinüber, er hatte ein halb nachdenkliches, halb belustigtes Lächeln um den Mund. »Ein hochnäsiger Teufel, nicht wahr?« bemerkte er und sah Butler nach. »Er sieht aus wie ein Borgia.«

Geschwind dachte Scarlett nach, ob ihr eine Familie dieses Namens in der Provinz, in Atlanta oder in Savannah bekannt wäre. »Die kenne ich nicht. Ist er mit ihnen verwandt? Was sind das für Leute?«

Über Charles' Gesicht huschte ein verlegener Ausdruck: Ungläubigkeit, Scham und Liebe rangen miteinander. Die Liebe siegte, als ihm aufging daß ein Mädchen nichts weiter brauchte, als anmutig, sanft und schön zu sein, aber keine Bildung obendrein, die ihrem Zauber nur allzu leicht schaden könnte. Er antwortete also rasch: »Die Borgias waren Italiener.«

»Ach«, Scarlett hatte das Interesse verloren, »Fremde!« Sie zeigte Ashley ihr reizendstes Lächeln, aber er sah sie gerade nicht an. Sein Blick lag auf Charles, voller Verständnis und ein wenig mitleidig.

Scarlett stand auf dem Treppenabsatz und lugte vorsichtig über das Geländer nach unten in die Halle. Sie war leer. Aus den Schlafzimmern im oberen Flur kam das endlose Summen leiser Stimmen. Es schwoll an und schwoll wieder ab, und zwischenhinein erscholl Gelächter. Auf den Betten und Diwans der sechs großen Schlafzimmer ruhten die Mädchen sich aus. Das Kleid hatten sie abgelegt, das Korsen gelockert, die Haare flossen geöffnet über den Rücken herab. Ein Nachmittagsschlummer war auf dem Lande Sitte, und selten war er so nötig wie auf solchen Gesellschaften, die den ganzen Tag dauerten, frühmorgens begannen und in einem Ball ihren Höhepunkt fanden. Eine halbe Stunde schwatzten und lachten noch die Mädchen miteinander, dann schlossen die Kammerjunfern die Fensterläden, und in dem warmen Halbdunkel verlor sich das Gespräch im Flüstern und schließlich ganz im Schweigen, das nur durch sanfte, regelmäßige Atemzüge belebt ward.

Scarlett hatte sich davon überzeugt, daß Melanie mit Honey und Hetty Tarleton auf dem Bett lag, dann schlich sie auf den Flur und ging die Treppe hinunter. Aus dem Treppenfenster konnte sie die Gruppe der Männer unter den Bäumen sitzen sehen, wie sie aus hohen Gläsern tranken. Dort blieben sie nun bis zum späten Nachmittag. Sie suchte die Schar mit den Augen ab, aber Ashley war nicht darunter. Dann horchte sie und vernahm seine Stimme, er nahm noch vorn in der Einfahrt Abschied von davonfahrenden Frauen und Kindern.

Das Herz schlug ihr bis zum Halse, geschwind lief sie die Treppe hinunter. Wenn sie nun Mr. Wilkes traf? Wie sollte sie sich dafür entschuldigen, im Hause herumzustöbern, während alle anderen Mädchen schliefen? Nun, sie mußte es darauf ankommen lassen. Als sie die untersten Stufen erreichte hatte, hörte sie die Dienstboten im Speisezimmer hin und her gehen und nach den Anweisungen des ersten Dieners Tisch und Stühle hinaustragen und das Zimmer für den Tanz vorbereiten. Auf der andern Seite der Halle stand die Tür der Bibliothek offen, lautlos lief sie hinüber. Dort konnte sie warten, bis Ashley mit Abschiednehmen fertig war, und ihn dann anrufen, wenn er hereinkam. Die Bibliothek lag im Halbdunkel da, die Vorhänge waren zum Schutz gegen die Sonne geschlossen. Der dämmerige Raum mit seinen hohen Wänden, bis obenhin voller Bücher, bedrückte sie.

Für eine Zusammenkunft, wie sie sie erhoffte, hätte sie sich diesen 0rt sicher nicht ausgesucht. Große Büchermengen bedrückten sie immer, ebenso wie die Leute, die viele Bücher lasen ... Alle solche Leute mit einer einzigen Ausnahme: Ashley. Schwere Möbel standen vor ihr im Halbdunkel, hochlehnige Stühle mit tiefen Sitzen und breiten Armlehnen für die großen Wilkesschen Männer, niedrige weiche Samtsessel und Schemel für die Mädchen. Ganz am anderen Ende des langen Raumes ragte vor dem Kamin das mächtige Sofa, Ashleys Lieblingsplatz, wie ein schlafendes Riesentier.

Sie schloß die Tür bis auf einen schmalen Spalt und versuchte, den raschen Schlag ihres Herzens zu beruhigen. Sie suchte sich genau auf das zu besinnen, was sie sich gestern abend vorgenommen hatte, Ashley zu sagen, aber es war ihr völlig entschwunden. Hatte sie sich überhaupt etwas ausgedacht und wieder vergessen? 0der hatte nach ihrem Plan Ashley etwas zu ihr sagen sollen? Sie konnte sich nicht erinnern, ein plötzlicher kalter Schauder überkam sie. Wenn nur ihr Herz aufhören wollte, ihr in den 0hren zu dröhnen, vielleicht fiel ihr dann etwas ein. Aber sein Pochen wurde nur noch schneller, als sie hörte, wie Ashley zur Haustür hereinkam.

Ihr fiel nichts anderes ein, als daß sie ihn liebte - alles an ihm, vom stolz emporgetragenen Haupt bis zu den schlanken dunklen Schuhen. Sie liebte sein Lachen, auch wenn sie es nicht verstand, liebte sein beunruhigendes Verstummen im Gespräch. Ach, käme er doch jetzt herein und nähme sie in die Arme, dann brauchte sie gar nichts mehr zu sagen. Er mußte sie doch lieben ... »Vielleicht, wenn ich bete?« Sie kniff die Augen fest zusammen und leierte vor sich hin: »Ave Maria, Gnadenvolle ...«

»Nun, Scarlett?« Ashleys Stimme drang durch das Dröhnen in ihren 0hren zu ihr und stürzte sie in äußerste Verwirrung. Er stand in der Halle und schaute durch den Türspalt zu ihr herein, ein belustigtes Lächeln auf den Lippen.

»Vor wemversteckst du dich? Vor Charles oder vor den Tarletons?«

Sie schluckte. Er hatte also bemerkt, wie die Männer sie umschwärmt hatten! Wie unaussprechlich lieb stand er da mit seinen lächelnden Augen; wie aufgeregt sie war! Sie konnte nicht sprechen, sie streckte nur die Hand aus und zog ihn herein. Er trat ein, erstaunt, aber voller Neugierde. In ihrer Erscheinung lag etwas Gespanntes, in ihren Augen eine Glut, wie er sie nie an ihr gesehen hatte, und sogar in dem gedämpften Licht war die Röte ihrer Wangen sichtbar. Unwillkürlich schloß er die Tür hinter sich und faßte ihre Hand.

»Was ist?« fragte er fast flüsternd.

Als seine Hand sie berührte, erbebte sie. Jetzt würde es geschehen, genau wie sie es sich erträumt hatte. Tausend zusammenhanglose Gedanken schossen ihr durch den Sinn, nicht einen davon konnte sie fassen und in Worte kleiden. Sie konnte nur bebend zu ihm aufblicken. Warum sagte er nichts?

»Was ist?« wiederholte er. »Willst du mir ein Geheimnis sagen?«

Plötzlich hatte sie ihre Sprache wiedergefunden, und ebenso plötzlich fiel Ellens jahrelange Erziehung von ihr ab, und Geralds irisches Blut brach ohne Hemmung aus ihr hervor.

»Ja ... ein Geheimnis. Ich liebe dich.«

Einen Augenblick war es so überwältigend still zwischen ihnen, als hätten beide aufgehört zu atmen. Dann kam ihr zitterndes Wesen zur Ruhe, und Glück und Stolz erfüllten sie ganz. Warum hatte sie das nicht eher getan? Wieviel einfacher war dies als all die damenhaften Winkelzüge, die man sie gelehrt hatte. Und nun suchten ihre Augen die seinen.

Seine Augen waren bestürzt, ungläubig und ... was noch? So hatte Gerald geblickt an dem Tage, da sein Lieblingspferd sich das Bein gebrochen hatte und er es erschießen mußte. Warum kam ihr das jetzt in den Sinn? Ein dummer Gedanke! Warum sah Ashley so sonderbar aus und sagte nichts? Dann fiel etwas wie eine Maske über sein Gesicht. Er lächelte galant.

»Genügt es dir denn nicht, jedes andern Mannes Herz heute gewonnen zu haben?« sagte er in dem alten, zärtlichen Neckton. »Nun, mein Herz hat dir immer gehört, das weißt du. Du hast dir die Zähne daran gewetzt.«

Da ging etwas verkehrt ... ganz verkehrt! So war es nicht geplant. Aus dem tollen Gedankensturm in ihrem Hirn begann eine Vorstellung Gestalt zu gewinnen. Irgendwie ... aus irgendeinem Grunde ... handelte Ashley so, als dächte er, sie wollte nur mit ihm spielen. Dabei wußte er, daß das nicht der Fall war. Darüber täuschte sie sich nicht.

»Ashley ... Ashley ... sag mir ... du mußt ... ah, neck mich jetzt nicht! Gehört mir dein Herz? Ach Liebster, ich liebe ...«

Rasch fuhr er ihr mit der Hand über die Lippen, die Maske war verschwunden.

»So etwas darfst du nicht sagen! Nein, das darfst du nicht, Scarlett! Du meinst es auch gar nicht so. Du wirst dir nie verzeihen, daß du es gesagt hast, und mir nicht, daß ich es gehört habe.«

Heftig zuckte sie mit dem Kopf zurück. Ein heißer Strom jagte durch sie hin.

»Dir habe ich nie etwas zu verzeihen. Ich sage dir, ich liebe dich, und ich weiß, auch du mußt mich gern haben, weil ...« Sie hielt inne. Nie vorher hatte sie solches Elend in einem Gesicht gesehen. »Ashley, du hast mich lieb ... ja, nicht wahr?«

»Ja«, sagte er dumpf, »ich habe dich lieb.«

Hätte er gesagt, er hasse sie, sie hätte sich nicht mehr erschrecken können. Wortlos zupfte sie ihm am Ärmel.

»Scarlett«, sagte er, »laß uns hinausgehen und vergessen, daß wir je so etwas zueinander gesprochen haben.«

»Nein«, flüsterte sie, »ich kann nicht. Was meinst du damit? Willst du mich denn nicht ... heiraten?«

Er erwiderte: »Ich heirate Melanie.«

Da merkte sie auf einmal, daß sie auf dem niedrigen Samtsessel saß und Ashley auf dem Schemel zu ihren Füßen. Ihre beiden Hände hielt er ganz fest in den seinen. Er sagte allerlei - sie konnte keinen Sinn darin finden. Ihr Hirn war leer, verschwunden waren alle Gedanken, die es eben noch durchzogen hatten, seine Worte machten nicht mehr Eindruck als Regentropfen auf einer Fensterscheibe. Sie schlugen an taube 0hren, eindringliche, zärtliche Worte, Worte des Mitleids, wie sie ein Vater zu einem Kinde spricht, wenn es sich weh getan hat.

Der Klang von Melanies Namen rief sie ins Bewußtsein zurück. Sie blickte in seine kristallgrauen Augen. In ihnen lag wieder jene Ferne, die sie von jeher verwirrt hatte - dazu ein Ausdruck, als hasse er sich selber.

»Vater will die Verlobung heute abend verkünden. Wir heiraten bald. Ich härte es dir sagen sollen, aber ich dachte, du wüßtest es. Ich dachte, jeder wüßte es seit Jahren. Mir ist es nie im Traum eingefallen, daß du ... du hast so viele Verehrer. Ich dachte, Stuart...«

Sie begann wieder zu leben, zu fühlen, zu begreifen. »Aber du hast doch gerade gesagt, du hättest mich gern.« Seine warmen Hände taten ihr weh.

»Liebes, soll ich denn durchaus sagen, was dir weh tun mu ß?« Ihr Schweigen drängte ihn weiter.

»Wie kann ich es dir begreiflich machen, mein Liebes? Du bist so jung und unbedacht, du weißt nicht, was Ehe heißt.«

»Ich weiß, daß ich dich liebe.«

»Liebe genügt für eine glückliche Ehe nicht, wenn zwei Menschen so verschieden sind wie wir beide. Du willst den Mann ganz, Scarlett, Leib und Seele, Herz und Sinn. Wenn du das nicht alles bekommst, wirst du unglücklich. Ich könnte mich dir aber nicht ganz geben. Und ich brauchte auch nicht deinen Geist und deine Seele ganz. Das müßte dich verletzen, und du müßtest mich hassen - bitterlich hassen. Hassen würdest du die Bücher, die ich lese, die Musik, die ich liebe, weil sie mich dir auch nur für Augenblicke wegnähmen. Und ich ... vielleicht habe ich ...«

»Liebst du sie?«

»Sie ist wie ich, sie ist von meinem Blut, und wir verstehen einander. Scarlett! Scarlett! Kann ich dir nicht begreiflich machen, daß es überhaupt keinen Frieden in der Ehe geben kann, wenn zwei Menschen nicht gleicher Art sind?«

Das hatte schon einmal jemand gesagt: »Gleich muß sich mit gleich verheiraten, sonst gibt es keine glückliche Ehe.« Wer war das doch? Es war ihr, als seien tausend Jahre vergangen, seit sie das gehört hatte, aber noch immer fand sie keinen Sinn darin.

»Aber du hast doch gesagt, du hättest mich gern!«

»Ich hätte es nicht sagen sollen.«

In einem Winkel ihres Hirns flammte ein schwelendes Feuer auf, Wut fing an, alles in ihr zu übertäuben.

»Da du nun einmal so gemein warst, es zu sagen ...«

Er erbleichte. »Es war gemein von mir, es zu sagen, denn ich will Melanie heiraten. Dir habe ich Unrecht getan und ihr noch mehr. Ich hätte es nicht sagen sollen; ich wußte, du würdest mich nicht verstehen. Wie sollte ich dich nicht gern haben - dich, die du alle Lebensleidenschaft hast, die mir fehlt? Dich, die du mit einer Heftigkeit, die mir versagt ist, lieben und hassen kannst? Du bist ja so elementar wie Feuer und Sturm und alles Wilde, und ich ...«

Sie dachte an Melanie und sah plötzlich ihre ruhigen braunen Augen vor sich mit dem Blick aus weiter Ferne, ihre gelassenen kleinen Hände in den schwarzen Spitzenhandschuhen, ihr sanftes Schweigen. Und dann brach ihre Wut los, die gleiche Wut, die Gerald zum Mord getrieben hatte und andere irische Vorfahren zu anderen Missetaten, die ihnen den Kop f gekostet hatten. Von den wohlerzogenen Robillards, die gefaßt und schweigend alles ertragen konnten, was die Welt ihnen auferlegte, war jetzt keine Spur mehr in ihr.

»Warum sagst du es nicht, du Feigling? Du hast Angst, mich zu heiraten! Du willst dein Leben lieber mit dem blöden Schäfchen verbringen, das den Mund nur auftut, um ja und nein zu sagen, und solche Bälger aufziehen wird, die auch nicht bis drei zählen können wie sie! Warum ...«

»So etwas darfst du nicht über Melanie sagen!«

»Ich darf nicht? Verdammt! Wer bist du, daß du mir vorschreibst, was ich darf? Du Feigling, du Lump, du ... du hast mir vorgetäuscht, daß du mich heiraten wolltest ...«

»Sei gerecht«, flehte seine Stimme. »Habe ich je ...«

Sie wollte nicht gerecht sein, obwohl sie sehr gut wußte, daß er die Wahrheit sprach. Nie hatte er bei ihr die Grenzen der Freundschaft überschritten. Und als sie daran dachte, stieg neuer Zorn in ihr auf, der Zorn verletzten Stolzes und gekränkter Eitelkeit. Sie war ihm nachgelaufen, und er wollte nichts von ihr wissen. Er zog ihr ein dummes kleines Milchgesicht wie Melanie vor. Ach, wäre sie doch Ellens und Mammys Vorschriften gefolgt und hätte ihn niemals auch nur fühlen lassen, daß sie ihn gern hatte ... lieber alles andere als diese brennende Schande!

Mit geballten Fäusten sprang sie auf die Füße, auch er stand auf und blickte auf sie herab. In seinem Gesicht lag all die stumme Trauer eines Menschen, der einer qualvollen Wirklichkeit ins Gesicht sehen muß.

»Ich hasse dich bis in den Tod, du Lump ... du niedriger ... niederträchtiger ...« Wie hieß das Wort, nach dem sie suchte? Ihr fiel nichts ein, was arg genug für ihn war.

»Scarlett, bitte ...«

Er streckte die Hand gegen sie aus, da schlug sie ihn mit aller Kraft ins Gesicht. Es klatschte wie ein Peitschenhieb durch den stillen Raum. Auf einmal war all ihre Wut dahin, und nur Trostlosigkeit blieb im Herzen zurück.

Die rote Spur ihrer Hand zeichnete sich deutlich auf seinem bleichen, müden Gesicht ab. Er sagte nichts, hob nur ihre schlaffe Hand an seine Lippen und küßte sie. Ehe sie etwas sagen konnte, war er fort und schloß leise die Tür hinter sich.

Jäh setzte sie sich wieder nieder, unter der Nachwirkung ihrer Wut zitterten ihr die Knie. Nun war er fort, und die Erinnerung an den Schlag in sein Gesicht würde ihr nun ihr Lebtag keine Ruhe mehr lassen.

Sie hörte den weichen, gedämpften Laut seiner Tritte die lange Halle hinunter verklingen, und die ganze Ungeheuerlichkeit dessen, was sie getan hatte, kam über sie. Sie hatte ihn für immer verloren. Nun mußte er sie hassen und jedesmal, wenn er sie sah, sich daran erinnern, wie sie sich ihm an den Hals geworfen hatte, während er doch nicht das leiseste getan hatte, umihr Hoffnungen zu machen.

»Ich bin nicht besser als Honey Wilkes«, dachte sie plötzlich und besann sich, wie jeder, sie selbst mehr als die anderen, über Honeys schamloses Betragen verächtlich gelacht hatte. Sie sah Honey sich kokett winden und hörte ihr läppisches Kichern, wenn sie sich den Burschen in den Arm hängte. Diese Vorstellung stachelte die Wut aufs neue in ihr an, die Wut auf sich selbst, auf Ashley, auf die ganze Welt. Wie sie sich haßte! Sich und alle, mit der Raserei ihrer sechzehnjährigen, durchkreuzten, gedemütigten Liebe. Nur sehr wenig wahre Zärtlichkeit war in dieser Liebe gewesen. Der größte Teil war Eitelkeit, selbstgefälliges Vertrauen in den eigenen Zauber. Nun hatte sie verloren. Größer aber als das Gefühl ihres Verlustes war die Angst, sich vor den andern an den Pranger gestellt zu haben. Hatte sie sich auffallend benommen wie Honey? Lachte jedermann über sie? Bei dem Gedanken erbebte sie von neuem.

Ihre Hand fiel auf einen kleinen Tisch neben ihr und geriet dabei an eine winzige Porzellanschale für Rosen, an die sich zwei Porzellanengel schmiegten. Sie hätte fast aufgekreischt, nur um die Stille zu durchbrechen, so lautlos war das Zimmer. Irgend etwas mußte sie tun, oder sie verlor den Verstand. Sie packte die Schale, und mit bösartigem Schwung schleuderte sie sie quer durch das Zimmer gegen den Kamin. Sie flog knapp an de r hohen Sofalehne vorbei und zerschellte klirrend am Marmor.

»Dies«, sagte eine Stimme aus der Tiefe des Sofas, »geht zu weit.«

Nie im Leben hatte sie sich so erschrocken. Der Mund war ihr so trocken, daß sie keinen Laut herausbrachte. Sie klammerte sich an die Stuhllehne, denn ihr wankten die Knie, als Rhett Butler sich von dem Sofa, auf dem er gelegen hatte, erhob und sich mit übertriebener Höflichkeit vor ihr verbeugte.

»Schlimm genug, wenn einem der Mittagsschlaf durch eine Szene gestört wird, wie ich sie mit anhören mußte. Soll ich da auch noch mein Leben in Gefahr bringen?«

Er war es leibhaftig. Er war kein Geist. Aber, die Heiligen mochten sie bewahren, er hatte alles mit angehört! Sie nahm alle Kraft zusammen und gab sich einen Anschein von Würde.

»Mein Herr, Sie hätten sich bemerkbar machen müssen.«

»So?« Seine weißen Zähne glänzten, die kühnen dunklen Augen lachten sie an. »Aber Sie haben sich doch hier eingedrängt. Ich mußte auf Mr. Kennedy warten, und da mir schien, ich wäre im Hintergarten viel leicht nicht ganz erwünscht, war ich so rücksichtsvoll, meine unwillkommene Gegenwart hierher zu verlegen, wo ich glaubte ungestört zu sein. Aber leider ...«, er zuckte die Achseln und lachte leise.

Das Blut begann ihr wieder zu sieden bei dem Gedanken, daß dieser freche, unverschämte Kerl alles gehört hatte - Worte, von denen sie wünschte, sie wären nie über ihre Lippen gekommen.

»Sie Horcher ...«, begann sie zornig.

»Horcher hören oft höchst unterhaltsame, lehrreiche Dinge«, lächelte er. »Aus einer langen Erfahrung im Horchen weiß ich ...«

»Herr«, sagte sie, »Sie sind kein Gentleman!«

»Eine passende Bemerkung«, antwortete er leichthin. »Und Sie, mein Fräulein, sind keine Lady!« Er fand sie offenbar sehr ergötzlich, denn er lachte wieder leise vor sich hin. »Wer so etwas sagt und tut, wie ich eben mit angehört habe, ist keine Dame mehr. Indessen haben Damen nur selten Reiz für mich gehabt. Sie haben nie den Mut oder den Mangel an Kinderstube, zu sagen, was sie denken. Und das wird mit der Zeit sehr langweilig. Sie aber, meine liebe Miß 0'Hara, sind ein Mädchen von bewunderungswürdigem Temperament. Ich nehme den Hut vor Ihnen ab. Welche Reize der elegante Mr. Wilkes für ein Mädchen von so stürmischem Naturell haben kann, ist mir freilich unbegreiflich. Er sollte Gott auf den Knien danken für ein Geschöpf mit Ihrer - wie drückte er sich noch aus? - >Lebensleidenschaft<; da er aber nur ein mattherziger Jämmerling ist ...«

»Sie sind nicht wert, ihm die Schuhe zu säubern!« schrie sie wütend.

»Und Sie wollen ihn Ihr Leben lang hassen!« Er ließ sich aufs Sofa zurückfallen, und sie hörte ihn wieder lachen.

Hätte sie ihn umbringen können, sie hätte es getan, statt dessen aber ging sie mit so viel Würde, wie sie aufbringen konnte, aus dem Zimmer und schlug die schwere Tür hinter sich zu.

So schnell rannte sie die Treppe hinauf, daß sie meinte, ihr schwänden die Sinne. Sie blieb stehen, packte krampfhaft das Geländer, ihr Herz hämmerte so wild vor Zorn, Gekränktheit und Anstrengung, daß ihr war, als müsse es ihr Kleid zersprengen. Sie versuchte tief zu atmen, aber dafür hatte Mammy sie zu fest geschnürt. Wenn sie nun ohnmächtig wurde, und man fand sie hier auf dem Treppenabsatz, was sollten die Leute denken? 0h, die dächten sich schon ihr Teil, Ashley und dieser gemeine Butler und die gräßlichen Mädchen, die alle so eifersüchtig waren! Zum erstenmal in ihrem Leben hätte sie gern Riechsalz bei sich gehabt wie die anderen Mädchen, aber sie hatte nie auch nur ein Riechfläschchen besessen. Sie war immer so stolz darauf gewesen, daß ihr nie schwindelte. Es ging einfach nicht an, daß sie jetzt ohnmächtig wurde.

Allmählich kam sie wieder zu sich. In einer Minute fühlte sie sich sicher wieder wohl, und dann würde sie leise in das kleine Ankleidestübchen neben Indias Zimmer gehen, ihr Korsett lockern, ins Zimmer schlüpfen und sich auf eins der Betten neben die schlafenden Mädchen legen.

Sie suchte ihr klopfendes Herz und ihr Gesicht zu beruhigen. Sie mußte ja wie eine Irre aussehen. Sollte eines der Mädchen wach sein, so merkte es sicher sofort, daß etwas los war, und das durfte nie und nimmer geschehen.

Durch das breite Erkerfenster auf dem Treppenabsatz sah sie immer noch die Herren unter den Bäumen und im Schatten der Laube auf ihren Stühlen sich rekeln. Wie sie sie beneidete! Herrlich, ein Mann zu sein und nie solchen Jammer durchmachen zu müssen, wie sie ihn eben erlebt hatte! Während sie dastand und mit heißen Augen, noch immer ein wenig schwindlig, die Männer beobachtete, hörte sie raschen Hufschlag in der vorderen Auffahrt. Kies prasselte, eine aufgeregte Stimme erklang. Wieder stob Kies, und quer durch ihr Gesichtsfeld galoppierte ein Reiter über den grünen Rasen auf die träge Gruppe unter den Bäumen zu.

Ein verspäteter Gast? Warum aber ritt er quer über den Rasen, der Indias Stolz war? Sie konnte ihn nicht erkennen, aber als er sich aus dem Sattel schwang und John Wilkes am Arm packte, sah sie die Aufregung an jedem Zoll seiner Gestalt. Die Schar umdrängte ihn. Trotz der Entfernung hörte sie den Tumult der fragenden, laut rufenden Stimmen und empfand die fieberhafte Spannung der Männer. Dann erhob sich über dem verworrenen Geräusch Stuart Tarletons Stimme und frohlockte »Yee - aay - eel«, als wäre er auf der Jagd. 0hne es zu wissen, hörte sie zum ersten Male den Kriegsruf der R ebellen.

Die vier Tarletons, hinter ihnen die Fomaineschen Jungens, lösten sich von den übrigen, liefen eilig nach dem Stall und riefen dabei gellend: »Jeems! Jeems! Pferde satteln!«

Einem von ihnen muß das Haus brennen, sagte sich Scarlett. Feuer hin, Feuer her, sie mußte jetzt ins Schlafzimmer zurückgelangen, ehe sie entdeckt wurde.

Ihr Herz hatte sich beruhigt, auf Zehen schlich sie die Stufen hinauf in den lautlosen Flur. Schwere warme Schläfrigkeit lag über dem Hause, als schliefe es selbst ruhig wie die Mädchen bis zum Abend, um dann mit Musik und Kerzen zur vollen Schönheit aufzublühen. Vorsichtig hob sie die Tür des Ankleidezimmers ein wenig an, öffnete sie und schlüpfte hinein. Ihre Hand lag noch hinter ihr auf der Klinke, als Honey Wilkes' Stimme leise, fast flüsternd, durch den Spalt der gegenüberliegenden Schlafzimmertür zu ihr drang: »Ich finde, Scarlett hat sich heute so schamlos benommen, wie ein Mädchen überhaupt nur kann.«

Scarletts Herz begann wieder seinen wilden Tanz, unbewußt stemmte sie die Hand dagegen, als wollte sie es mit Gewalt unterdrücken. »Horcher hören oft höchst lehrreiche Dinge«, äffte sie eine Erinnerung. Sollte sie sich leise wieder entfernen? 0der sich bemerkbar machen und Honey in Verlegenheit bringen, wie sie es verdient hatte? Da hörte sie wieder etwas und hielt inne. Ein ganzes Gespann Maultiere hätte sie nicht wegzerren können, als sie Melanies Stimme vernahm.

»Ach, Honey, nicht doch! Nicht so unfreundlich sein! Sie ist eben temperamentvoll und lebhaft. Ich fand sie sehr reizend.«

»0ho!« Scarlett krallte die Nägel in ihre Taille ein. »Dies schüchterne kleine Persönchen tritt für mich ein!«

Das war mühsamer anzuhören als Honeys gehässige Stichelei. Scarlett hatte nie einem weiblichen Wesen getraut und außer ihrer Mutter k einer Frau andere als selbstsüchtige Antriebe zugebilligt. Melanie war Ashleys sicher, da konnte sie sich solch selbstlose Denkungsart leisten. Das war echt Melanie, dachte Scarlett, auf solche Weise mit ihrer Eroberung großzutun und sich zugleich in den Ruf eines sanften Gemütes zu bringen. 0ft hatte Scarlett sich, wenn sie mit Männern andere Mädchen durchhechelte, desselben Kniffes bedient, und er hatte die dumme Männerwelt jedesmal unfehlbar von ihrer Sanftmut und Selbstlosigkeit überzeugt.

»Nun, mein Fräulein«, erhob Honey patzig die Stimme, »dann mußt du blind sein.«

»Seht, Honey«, zischte Sally Munroes scharfe Stimme. »Man hört dich ja im ganzen Haus.«

Gedämpft fuhr Honey fort: »Du hast doch gesehen, wie sie mit jedem Mann, den sie erwischen konnte, ins Zeug ging ... sogar mit Mr. Kennedy, und er ist doch der Verehrer ihrer eigenen Schwester. So etwas habe ich nie erlebt! Und ganz sicher hatte sie es auf Charles abgesehen.« Honey verfiel in ein gereiztes Kichern: »Und du weißt doch, Charles und ich ...«

»Wahrhaftig?«flüsterten erregte Stimmen.

»Nun, erzählt es, bitte, niemand ... noch nicht!«

Das Getuschel nahm zu, Bettfedern krachten. Melanie flüsterte, wie glücklich sie sei, daß Honey ihre Schwester werden sollte.

»Ich freue mich aber gar nicht darauf, Scarlett zur Schwester zu bekommen«, ertönte bekümmert Hetty Tarletons Stimme. »Was ist sie nur für ein unglaublicher Draufgänger. Sie ist mit Stuart so gut wie verlobt. Brent sagt zwar, sie gebe keinen Deut um ihn, aber Brent ist natürlich auch in sie verliebt.«

»Wenn ihr mich fragt«, tuschelte Honey geheimnisvoll, »ich sage euch, es gibt nur einen, aus dem sie sich wirklich etwas macht, und das ist Ashley.«

Als das Getuschel der Fragen und Antworten immer heftiger wurde, ging ein Frösteln der Angst und Scham durch Scarletts Brust. Honey war eine dumme Gans, ein albernes, einfältiges, unerfahrenes Ding, soweit es sich um Männer handelte; für andere Frauen aber hatte sie einen Spürsinn, den Scarlett unterschätzt hatte. Neben der Schmach, die sie hier auf ihrem Lauscherposten erlitt, waren die Demütigung und der verletzte Stolz, die sie bei Ashley und Rhett Butler in der Bibliothek gepeinigt hatten, nur Nadelstiche. Männern konnte man zutrauen, daß sie den Mund hielten, sogar solchen wie Mr. Butler, aber Honey Wilkes gab Laut wie ein Jagdhund, und dann wußte die ganze Provinz noch vor sechs Uhr alles. Gestern abend erst hatte Gerald gesagt, er wolle nicht, daß die Provinz über seine Tochter lache. Und wie nun alle lachen würden! Der kalte Schweiß brach ihr aus. Melanies gemessene, friedliche Stimme erhob sich ein bißchen vorwurfsvoll über die der andern:

»Honey, du weißt, daß das nicht wahr ist. Es ist lieblos von dir.«

»Es ist doch so, Melly, und wärest du nicht immer so darauf aus, etwas Gutes an Leuten zu entdecken, an denen gar nichts Gutes ist, dann hättest du es auch gesehen. Und ich freue mich, daß es so ist. Es geschieht ihr ganz recht. Scarlett 0'Hara hat immer nur überall Unfrieden gestiftet und versucht, andern Mädels die Freunde wegzuschnappen. Du weißt ganz gut, daß sie India ihren Stuart weggeschnappt hat und ihn jetzt nicht einmal will. Heute hat sie es nun mit Mr. Kennedy und Ashley und Charles versucht ...«

»Ich muß nach Hause!« dachte Scarlett. »Ich muß einfach nach Hause!«

Könnte doch Zauberei sie nach Tara entrücken und in Sicherheit bringen! Könnte sie doch bei Ellen sein, nur sie sehen, sie am Rock fassen und in Ellens Schoß weinen und ihr ganzes Herz ausschütten! Hörte sie nur noch ein Wort, so stürzte sie hinein, das wußte sie, und riß ganze Hände voll von Honeys dünnen blaßblonden Haaren aus und spie Melanie Hamilton ins Gesicht, um ihr zu zeigen, was sie von ihrer Nächstenliebe hielt. Aber sie hatte sich heute schon gemein genug benommen, ganz wie »weißes Pack« ... daher rührte überhaupt das ganze Unheil!

Mit den Händen drückte sie ihre Röcke ganz fest an sich, damit sie nicht raschelten, und entwischte verstohlen wie ein Tier. Nach Hause! Damit jagte sie hinunter in die Halle an verschlossenen Türen und stillen Zimmern vorbei. Sie mußte nach Hause. Schon war sie an der Haustür, da stutzte sie. Ihr war eingefallen - sie konnte ja nicht nach Hause. Weglaufen konnte sie nicht! Sie mußte hindurch, durch alle Bosheit der Mädchen, durch ihre eigene Schmach und all das Herzweh. Lief sie weg, so gab sie ihnen nur neue Waffen in die Hand.

Mit der geballten Faust schlug sie gegen die hohe weiße Säule neben sich und wünschte sich, Simson zu sein, um das ganze Twelve 0aks samt allen Menschen darin in Grund und Boden reißen zu können. Sie sollten es noch zu fühlen bekommen. Sie wollte es ihnen schon zeigen! Sie wollte ihnen noch weher tun, als sie ihr getan hatten. Für den Augenblick war Ashley vergessen. Er war nicht mehr der große, träumerische Junge, den sie liebte, sondern gehörte zu der ganzen Wilkesschen Sippe, zu Twelve 0aks, zur Provinz - sie haßte sie alle, weil sie sie auslachten. Mit sechzehn Jahren ist die Eitelkeit stärker als die Liebe; in ihrem heißen Herzen hatte nichts anderes mehr Raumals der Haß.

»Ich will nicht nach Hause. Ich bleibe hier und lasse es sie fühlen. Mutter sage ich nichts davon, nein, keinem Menschen.« Sie raffte sich zusammen, um ins Haus zurückzukehren. Die Treppe hinauf in ein anderes Schlafzimmer. Als sie sich in der Halle umwandte, sah sie Charles am andern Ende ins Haus treten. Er erblickte sie und kam rasch auf sie zu, sein Haar war zerzaust, sein Gesicht vor Aufregung so rot wie eine Geranienblüte.

»Wissen Sie, was geschehen ist?« rief er ihr schon von weitem entgegen. »Haben Sie es gehört? Paul Wilson kommt eben von Jonesboro herübergeritten! «

Er hielt atemlos inne. Sie entgegnete nichts, sie starrte ihn nur an.

»Mr. Lincoln hat die Männer aufgerufen, Soldaten - Freiwillige meine ich - fünfundsiebzigtausend!«

Schon wieder Mr. Lincoln! Dachten denn die Männer nie an wirklich Wichtiges? Dieser dumme Junge erwartete von ihr, sie solle sich über Mr. Lincolns Possen aufregen, während ihr das Herz brach und ihr Ruf so gut wie zerstört war. Jetzt starrte Charles sie an. Ihr Gesicht war weiß wie Papier, ihre schmalen Augen sprühten grünes Feuer wie Smaragde. Solches Feuer hatte er nie in einem Mädchengesicht gesehen, solche Glut noch nie in einem menschlichen Auge.

»Ich bin so ungeschickt, ich hätte es Ihnen zarter beibringen sollen. Ich habe vergessen, wie empfindsam Damen sind. Es tut mir leid, daß ich Sie so erschreckt habe. Kann ich Ihnen ein Glas Wasser holen?«

»Nein.« Sie brachte ein schiefes Lächeln zustande.

»Wollen wir uns auf die Bank setzen?« Er nahm ihren Arm. Sie nickte, und er geleitete sie behutsam die Stufen hinunter und führte sie nach der Bank unter der großen Eiche im Vorgarten. »Wie zart und zerbrechlich Frauen sind«, dachte er, »schon die Erwähnung von Krieg und Greuel benimmt ihnen die Sinne.« Dabei fühlte er sich sehr männlich und verdoppelte seine Fürsorge. Sie sah so seltsam aus. Auf ihrem bleichen Gesicht lag eine wilde Schönheit, die ihm das Herz zusammenzog. Wäre es möglich, daß der Gedanke, er würde in den Krieg gehen, ihr Kummer machte? Nein, das war zu anmaßend, das konnte er nicht glauben. Warum sah sie ihn dann aber so wunderlich an? Warum zitterten ihr die Hände, während sie an ihrem Spitzentaschentuch zerrte? Und die dichten kohlschwarzen Wimpern zuckten auf und nieder, wie es bei den Mädchen, von denen man in Romanen las, vor Schüchternheit und Liebe geschah.

Er räusperte sich dreimal, um etwas zu sagen, und es mißlang ihm jedesmal. Er schlug die Blicke nieder, weil ihre grünen Augen die seinen so starr durchdrängen, als sähe sie ihn gar nicht.

»Er hat eine Menge Geld«, dachte sie schnell, indem ein Gedanke ihr durchs Hirn zog. »Er hat keine Eltern, die mir das Leben schwermachen würden, er lebt in Atlanta, und wenn ich ihn jetzt auf der Stelle heirate, kann ich Ashley zeigen, daß ich mir nicht das mindeste aus ihm mache, daß ich nur mit ihm gespielt habe, und Honey würde es einfach umbringen. Einen anderen Verehrer kriegt sie nie und nimmer, und jedermann würde sich über sie totlachen. Und Melanie könnte ich auch damit weh tun, weil sie Charles liebhat. Und Stu und Brent könnte ich damit kränken.« Sie wußte nicht recht, warum sie eigentlich alle kränken wollte. Nun ja, sie hatten boshafte Schwestern. »Und es würde sie alle kränken, wenn ich in einem schönen Wagen mit vielen hübschen Kleidern hierher auf Besuch käme und hätte mein eigenes Haus daheim. Dann lachen sie nie wieder über mich.«

»Das bedeutet natürlich Kampf«, sagte Charles nach mehreren weiteren schüchternen Versuchen. »Aber grämen Sie sich nicht, Miß Scarlett, in einem Monat ist es vorbei, dann kriegen sie das Heulen. Jawohl! Das Heulen! Um alles in der Welt muß ich dabeisein. Heute wird wohl nicht viel aus dem Ball werden; die Truppe hat Appell in Jonesboro. Die vier Tarletons bringen die Nachricht herum. Ich weiß, den Damen wird es leid tun.«

Sie sagte »Ach«, weil ihr nichts Besseres einfiel, aber es genügte. Allmählich fand sie ihr Gleichgewicht wieder, und die Gedanken begannen sich zu sammeln. Auf allen ihren Gefühlen lag es wie Rauhreif, sie meinte, sie würde nie wieder wann empfinden können. Warum nicht diesen hübschen, errötenden Jungen nehmen? Er war so gut wie jeder andere. Und ihr war es so einerlei. An nichts lag ihr mehr etwas, ihr Leben lang, und wenn sie neunzig Jahre alt würde.

»Ich kann mich noch nicht entschließen, ob ich mit Mr. Wade Hamptons Südcarolina-Legion oder mit der Atlantaer Stadtgarde hinausgehe.«

Wieder sagte sie »0h«, ihre Augen begegneten einander, ihre bebenden Lider gaben ihm den Rest.

»Wollen Sie auf mich warten, Miß Scarlett? Es wäre himmlisch, wenn ich wüßte, Sie warteten auf mich, bis wir sie verdroschen haben!« Atemlos hing er an ihrem Munde und bemerkte, wie ihre Lippen sich in den Winkeln verzogen, sah zum erstenmal die Schatten darin und dachte, wie es wohl wäre, sie zu küssen. Ihre Hand, die innen kalt von Schweiß war, glitt in die s eine.

»Ich möchte eigentlich nicht warten«, sagte sie mit verschleierten Augen.

Er umklammerte ihre Hand, der Mund stand ihm weit offen. Durch ihre Wimpern beobachtete Scarlett ihn völlig unbeteiligt und fand, er sähe aus wie ein aufgespießter Frosch. Mehrmals fing er stotternd an, schloß den Mund und öffnete ihn wieder und wurde rot wie eine Geranie.

»Ist es denn möglich, daß Sie mich lieben?«

Sie antwortete nichts, sie blickte nur in ihren Schoß und stürzte Charles in neue Wonne und neue Verlegenheit. Vielleicht durfte der Mann ein Mädchen nicht so etwas fragen, vielleicht war es nicht mädchenhaft, darauf zu antworten. Charles hatte nie vorher den Mut gehabt, solche Fragen zu stellen, und wußte nun nicht, was er tun sollte. Am liebsten hätte er gejubelt und gesungen und sie geküßt und auf dem Rasen Purzelbäume geschlagen und wäre dann hingelaufen und hätte jedem, Schwarz oder Weiß, erzählt, daß sie ihn liebte. So aber drückte er nur ihre Hand immer fester, bis die Ringe ihr ins Fleisch schnitten.

»Wollen Sie mich schon bald heiraten, Miß Scarlett?«

Sie fingerte an den Falten ihres Kleides.

»Wollen wir eine Doppelhochzeit mit Mel ...?«

»Nein!« sagte sie rasch, ihre Augen blitzten unheilverkündend zu ihm auf. Wieder merkte Charles, daß er etwas falsch gemacht hatte. Natürlich wollte ein Mädchen ihre eigene Hochzeit haben, ihren Ehrentag nicht teilen. Wie gut von ihr, seine Tölpeleien zu übersehen! Wäre es doch dunkel, fände er doch den Mut, den die Dunkelheit gibt, könnte er ihr doch die Hand küssen und ihr sagen, wovon sein Herz voll war!

»Wann kann ich mit Ihrem Vater sprechen?«

»Je eher, desto besser.« Sie hoffte, er würde vielleicht ihre Hand von dem lästigen Druck der Ringe erlösen, ehe sie ihn darum bitten müßte. Er sprang auf, und einen Augeblick meinte sie, er wollte einen Purzelbaum schlagen, ehe der Anstand es ihm verbot. Strahlend blickte er auf sie nieder, sein ganzes Herz in all seiner reinen Einfalt lag in den Augen. So hatte noch niemand sie angeschaut, und so sollte auch nie wieder jemand sie anschauen. Aber traumhaft losgelöst von allem, wie sie war, fand sie nur, er sähe aus wie ein Kalb.

»Ich will nun Ihren Vater suchen«, sagte er und lächelte über das ganze Gesicht. »Ich kann nicht länger warten. Willst du mich entschuldigen ... du Liebe?« Das Du wurde ihm schwer. Als er es aber einmal gesagt hatte, wiederholte er es voller Wonne immer von neuem. »Ja«, sagte sie, »ich warte hier. Hier ist es so schön kühl.« Er ging quer über den Rasen und verschwand hinter dem Hause. Sie saß allein unter der rauschenden Eiche. Von den Ställen kamen Scharen von Reitern, schwarze Diener dicht hinter ihren Herren. Die Munroes preschten vorbei und schwenkten die Hüte. Die Fontaines und Calverts ritten jauchzend die Straße hinunter. Die vier Tarletons jagten miteinander über den Rasen, und Brent rief: »Mutter, gib uns die Pferde! Yee - aay - ee!« Rasenstücke flogen, weg waren sie. Sie war wieder allein.

Vor ihr ragten die Säulen des weißen Hauses empor, als zöge es sich, würdig und unnahbar, von ihr zurück. Ihr Haus würde es nun nie werden. Nie würde Ashley sie als Braut über die Schwelle tragen. Ach, Ashley, Ashley! Was hab' ich getan? Tief unter Schichten von verletztem Stolz und kalter Berechnung regte es sich in ihr und schmerzte. Ein reifes Gefühl wurde in ihr geboren, stärker als ihre Eitelkeit und Selbstsucht. Sie liebte Ashley und wußte, wie sehr sie ihn liebte, und hatte ihn nie so heiß geliebt wie in diesem Augenblick, da sie Charles auf dem gewundenen Kiesweg verschwinden sah.

7

Innerhalb von zwei Wochen war Scarlett verheiratet, zwei Monate später war sie Witwe. Die Bande, die sie so hastig und gedankenlos geknüpft hatte, waren schnell zerrissen, aber die sorglose Freiheit ihrer Mädchentage sollte sie nie wieder kennenlernen. Witwentum war der Heirat auf dem Fuße gefolgt, und nach ihr kam zu Scarletts Schrecken bald auch die Mutterschaft.

Wenn Scarlett in späteren Jahren an diese letzten Apriltage des Jahres 1861 dachte, konnte sie sich der Einzelheiten nie mehr deutlich entsinnen. Zeit und Ereignisse schoben sich ineinander, wirr wie bei einem Alpdrücken, bar jeder Wirklichkeit und jeden Sinnes. Bis zu ihrer Todesstunde behielten die Erinnerungen an jene Tage blinde Flecken. Nebelhaft verschwand ihr besonders die Zeit zwischen ihrem Jawort an Charles und der Hochzeit. Vierzehn Tage! In Friedenszeiten wäre eine so kurze Verlobung undenkbar gewesen; der Schicklichkeit halber hätte man ein ganzes Jahr oder mindestens sechs Monate gewartet. Aber der Süden stand in Kriegsflammen, die Ereignisse brausten wie vor einem gewaltigen Winde dahin, das langsame Zeitmaß vergangener Tage war vorüber.

Ellen hatte die Hände gerungen und zum Aufschub geraten, damit Scarlett sich ihre Entscheidung gründlicher überlegte. Aber für ihre Bitten hatte Scarlett nur taube 0hren und ein abweisendes Gesicht. Heiraten wollte sie, und das schleunigst - binnen vierzehn Tagen.

Als sie erfuhr, daß Ashleys Hochzeit vom Herbst auf den 1. Mai vorverlegt worden sei, damit er ins Feld gehen könne, setzte sie das Datum für die eigene Hochzeit auf den Tag vor der seinigen fest. Ellen war nicht damit einverstanden, aber Charles trat mit neugeborener Beredsamkeit dafür ein. Er war ungeduldig, zu Wade Hamptons Legion in Südcarolina zu stoßen, und Gerald nahm für die jungen Leute Partei. Ihn hatte d as Kriegsfieber gepackt, auch freute er sich, daß Scarlett eine so gute Partie machte - und sollte etwa er junger Liebe sich in den Weg stellen, wenn der Krieg im Anzug war? Ellen gab schließlich verzweifelt nach, wie es andere Mütter im Süden auch taten. Ihre geruhsame Welt war auf den Kopf gestellt, ihr Rat, ihr Bitten und Beten war machtlos gegen die Gewalten, die sie mit sich fortrissen.

Der Süden war trunken vor Begeisterung und Erregung. Jeder glaubte, daß eine einzige Schlacht den ganzen Krieg beenden würde. Jeder junge Mann stelle sich, so rasch er konnte, um noch mit dabeisein zu können - heiratete seine Liebste, so schnell es ging, und ritt dann auf und davon nach Virginia, um die Yankees zu schlagen. Dutzende von Kriegsheiraten fanden in der Provinz statt. Für Abschiedsschmerz war kaum Zeit, jeder war zu geschäftig und aufgeregt für ernste Gedanken und Tränen. Die Damen nähten Uniformen, strickten Socken und wickelten Binden, die Männer exerzierten und schossen. Durch Jonesboro fuhren täglich Militärzüge auf ihrem Weg nordwärts nach Atlanta und Virginia. Einige Truppenabteilungen hatten bunte, scharlachrote, hellblaue und grüne Uniformen, es war die Miliz, die von der besten Gesellschaft gebildet wurde. Andere Abteilungen trugen grobe handgewebte Jacken und Bärenmützen, noch andere überhaupt keine Uniform, sondern Tuchanzüge und Batistwäsche. Alle waren halb ausgebildet, halb bewaffnet, außer sich vor Erregung und schrien durcheinander, als wären sie zu einem Picknick unterwegs. Der Anblick dieser Leute versetzte die jungen Leute der Provinz in eine wahre Panik. Sie fürchteten, der Krieg könnte aussein, bevor sie nach Virginia gelangten, und die Vorbereitungen für den Abmarsch der »Truppe«wurden beschleunigt.

Mitten in all diesem Durcheinander rüstete man zu Scarletts Hochzeit, und ehe sie es sich versah, hatte sie Ellens Hochzeitskleid und Schleier an und schritt an ihres Vaters Arm die breite Treppe in Tara hinunter, um ein ganzes Haus voller Gäste zu begrüßen. Später kam ihr alles wie ein Tra um vor, die vielen hundert Kerzen, die an den Wänden flammten, das liebevolle, ein wenig beunruhigte Gesicht der Mutter, in dem die Lippen sich in stummem Gebet für das Glück der Tochter bewegten, Gerald, hochrot von Branntwein und von Stolz, daß seine Tochter sowohl Geld wie einen vornehmen und alten Namen in die Familie brachte - und Ashley, der unten an der Treppe stand, mit Melanie am Arm.

Als sie sein Gesicht sah, dachte sie: »Dies alles kann nicht wahr sein. Es kann nicht sein. Es ist ein böser Traum. Nachher wache ich auf und sehe, daß alles nur ein Traum war. Jetzt darf ich nicht daran denken, sonst fange ich vor all den Leuten an zu schreien. Ich kann jetzt überhaupt nicht denken. Das tue ich später, wenn ich es aushallen kann - wenn ich seine Augen nicht mehr sehe.«

Alles war wie ein Traum, der Weg durch die Reihen lächelnder Menschen, Charles' rotes Gesicht, sein Stottern und ihre eigenen Antworten, die so erschreckend klar und kalt herauskamen. Und dann die Glückwünsche, die vielen Verwandtenküsse, die Tischreden, der Tanz - alles, alles wie ein Traum. Sogar Ashleys Kuß auf ihre Wange, sogar Melanies sanftes Flüstern: »Nun sind wir wirklich und wahrhaftig Schwestern«, kamen ihr unwirklich vor. Selbst die Aufregung, die der 0hnmachtsanfall von Charles' rundlicher, gefühlvoller Tante Miß Pittypat Hamilton hervorrief, wirkte wie ein Alpdruck.

Als aber Ball und Gläserklingen endlich zu Ende waren, als der Morgen dämmerte und all die Gäste aus Atlanta, die in das Herrenhaus und das Haus des Aufsehers gepfercht werden konnten, sich auf Betten, Sofas und am Boden ausgebreiteten Strohsäcken zur Ruhe gelegt hatten und die Nachbarn nach Hause gefahren waren, um sich für den nächsten Tag und die Hochzeit in Twelve 0aks vorzubereiten, da zerbrach die traumhafte Entrücktheit wie Kristall an der Wirklichkeit. Wirklich aber war der errötende Charles, der im Nachthemd aus ihrem Ankleidezimmer zum Vorschein kam und dem erschrockenen Blick auswich, mit dem sie ihn über das heraufgezogene Laken anstarrte.

Natürlich wußte sie, daß verheiratete Leute in demselben Bett schlafen, aber sie hatte noch nie näher darüber nachgedacht. Bei Vater und Mutter war das etwas ganz Natürliches, auf sich selbst hatte sie die Tatsache nie bezogen. Nun wurde ihr zum erstenmal seit jenem Gartenfest wirklich klar, was sie auf sich genommen hatte. Der Gedanke, dieser fremde Junge, den sie eigentlich gar nicht hatte heiraten wollen, sollte zu ihr ins Bett steigen,während ihr das Herz brach vor Reue über ihre Übereilung und vor Schmerz, Ashley auf immer verloren zu haben, war mehr, als sie ertragen konnte. Ab er zögernd näher kam, flüsterte sie heiser: »Wenn du mir nahe kommst, schreie ich. Das tue ich! So laut ich kann! Mach, daß du wegkommst!Untersteh dich nicht, mich anzurühren!«

Charles Hamilton verbrachte also die Hochzeitsnacht auf einem Sessel in der Ecke, nicht einmal so unglücklich, denn er verstand die zarte Verschämtheit seiner Braut oder glaubte doch, sie zu verstehen. Er wollte gern warten, bis ihre Angst sich verlöre, nur ... nur - er seufzte, während er sich verrenkte, um eine bequeme Lage zu finden - er mußte ja so sehr bald schon in den Krieg!

War ihre eigene Hochzeit für sie schon gespenstisch gewesen, Ashleys Hochzeit war es noch mehr. Scarlett stand in dem apfelgrünen Kleid für den »zweiten Tag« im Salon zu Twelve 0aks mitten im Glanz von vielen hundert Kerzen, umdrängt von der gleichen Menschenmenge wie am Abend vorher, und sah Melanie Hamiltons schlichtes Gesichtchen zu Schönheit erglühen, als sie Melanie Wilkes wurde. Nun war Ashley auf immer dahin. Ihr Ashley. Nein, jetzt nicht mehr der ihre. War er es jemals gewesen? Alles ging so durcheinander in ihrem Sinn, ihr Kopf war so müde, so verworren. Er hatte gesagt, daß er sie liebte. Was hatte sie denn eigentlich getrennt? Wenn sie sich nur darauf besinnen könnte! Sie hatte die Klatschmäuler der Provinz durch ihre Hochzeit mit Charles zum Schweigen gebracht, aber was lag daran? Es war ihr damals so wichtig vorgekommen, jetzt war es so völlig gleichgültig. Das einzige, worauf es ankam, war Ashley. Nun war er fort und sie an einen Mann verheiratet, den sie nicht liebte, den sie sogar verachtete.

Amschlimmsten ward die Erkenntnis, daß sie allein an allem schuld war. Ellen hatte versucht, sie zurückzuhalten, aber sie hatte nicht hören wollen.

So vertanzte sie die Nacht von Ashleys Hochzeit wie betäubt, sprach mechanisch allerlei, lächelte und verwunderte sich über die Dummheit der Menschen, die sie für eine glückliche Braut hielten und nicht sahen, daß ihr das Herz gebrochen war. Nun, Gott sei Dank, daß sie es nicht sehen konnten.

Als Mammy ihr dann beim Ausziehen geholfen hatte und hinausgegangen war, als Charles schüchtern in der Tür des Ankleidezimmers auftauchte, unsicher, ob er auch die zweite Nacht in dem Roßhaarstuhl zubringen mußte, brach sie in Tränen aus. Sie weinte, bis Charles zu ihr ins Bett stieg und sie zu trösten suchte, weinte wortlos, bis ihr keine Tränen mehr kamen, weinte sich schließlich an seiner Schulter in den Schlaf.

Wäre nicht Krieg gewesen, so wäre jetzt eine Woche gefolgt mit Besuchen in der ganzen Provinz, mit Bällen und Gartenfesten zu Ehren der beiden Jungverheirateten Paare, ehe diese nach Saratoga oder nach White Sulphur auf die Hochzeitsreise gingen. Wäre nicht Krieg gewesen, so hätte Scarlett die verschiedenen Kleider für den »dritten«, »vierten« und »fünften Tag« bei Fontaines, Calverts und Tarletons auf den Gesellschaften, die ihr zu Ehren dort gegeben wurden, anziehen können. Jetzt aber gab es weder Gesellschaften noch Flitterwochen. Acht Tage nach der Hochzeit reiste Charles ab, um sich dem 0berst Wade Hampton zu stellen, und vierzehn Tage später marschierte Ashley mit der »Truppe« ab, und die ganze Provinz war vereinsamt.

In diesen vierzehn Tagen sah Scarlett Ashley niemals allein und wechselte kein Wort unter vier Augen mit ihm, nicht einmal in dem schrecklichen Augenblick des Abschieds, als er auf dem Wege zur Bahn in Tara vorsprach. Melanie mit Haube und Schal hing, erfüllt von ihrer neuerworbenen Frauenwürde, an seinem Arm, und die ganze Einwohnerschaft von Tara, Schwarze wie Weiße, kamen heraus, um Abschied zu nehmen von Ashley, der jetzt in den Krieg zog.

Melanie sagte: »Du mußt Scarlett einen Kuß geben, sie ist jetzt meine Schwester.« Und Ashley beugte sein von Qual gespanntes Gesicht herab und berührte mit kalten Lippen ihre Wangen. Scarlett hatte kaum Freude an dem Kuß, so verdroß es sie, daß Melly ihn dazu auffordern durfte. Melanie selbst erstickte sie fast in ihrer Abschiedsumarmung.

»Du besuchst mich doch in Atlanta bei Tante Pittypat, nicht wahr? Ach, Liebes, wir hätten dich so gern bei uns, wir möchten doch Charles' Frau besser kennenlernen!«

Fünf Wochen verstrichen, in denen Briefe von Charles aus Südcarolina ankamen, scheue, überschwengliche, zärtliche Briefe, in denen er von seine r Liebe, von seinen Zukunftsplänen für die Zeit nach dem Kriege schrieb, von seiner Sehnsucht, um Scarletts willen ein Held zu werden, und von seiner Verehrung für seinen 0berst Wade Hampton. In der siebenten Woche kam ein Telegramm von 0berst Hampton persönlich, und dann ein gütiger, würdiger Kondolenzbrief. Charles war tot. Der 0berst hätte eher telegraphieren wollen, aber Charles hatte seine Krankheit leichter genommen und wollte seine Familie nicht beunruhigen. Der unselige Junge war nicht nur um die Liebe betrogen worden, die er sich erobert zu haben meinte, sondern auch um seine hochfliegenden Hoffnungen auf Ruhm und Ehre in der Schlacht. Er starb einen schmählichen, raschen Tod an einer Lungenentzündung infolge von Masern, ohne näher an die Yankees herangekommen zu sein als bis in das Feldlager in Südcarolina.

Nach der gehörigen Zeit wurde Charles' Sohn geboren und Wade Hampton Hamilton genannt, weil es gerade Mode war, einen Jungen nach dem Vorgesetzten seines Vaters zu nennen. Scarlett hatte vor Ver zweiflung geweint, als sie merkte, daß sie schwanger war, und zu sterben gewünscht Aber sie trug das Kind ohne alle Beschwerden aus, brachte es leicht zur Welt und erholte sich so rasch, daß Mammy ihr insgeheim sagte, es sei einfach unvornehm - Damen müßten dabei mehr leiden. Sie empfand wenig Zärtlichkeit für das Kind, wenn sie auch diese Tatsache verbarg. Sie hatte es nicht haben wollen und sein Erscheinen übelgenommen. Und nun, da es da war, kam es ihr unmöglich vor, daß es von ihr geboren, daß es ein Teil ihrer selbst sein sollte.

0bwohl sie sich körperlich von Wades Geburt in wiederum unvornehm kurzer Zeit erholte, war ihr Gemüt trotz der Bemühungen der ganzen Plantage, sie aufzumuntern, wie betäubt. Ellen ging mit faltiger, sorgenvoller Stirn umher, Gerald fluchte noch häufiger als sonst und brachte ihr aus Jonesboro Geschenke mit, die nichts fruchteten, so daß der alte Dr. Fontaine zugab, daß er nicht mehr recht ein noch aus wisse, nachdem sein Stärkungsmittel aus Schwefel, Zuckersirup und Kräutern versagt hatte. Er teilte Ellen unter vier Augen mit, die Ursache für Scarletts abwechselnd reizbare und schwermütige Stimmung sei in gebrochenem Herzen zu suchen. Hätte Scarlett sich äußern wollen, sie hätte ihnen sagen können, daß ihr Leiden ganz anderer und viel komplizierterer Natur sei. Sie verschwieg ihnen, daß eine maßlose Langeweile, Fassungslosigkeit gegenüber der Tatsache, daß sie wirklich Mutter war, und vor allem Ashleys Abwesenheit ihr dies schmerzliche Aussehen gaben.

Ihre Langeweile war schmerzhaft und verfolgte sie auf Schritt und Tritt. Seitdem die »Truppe« im Feld stand, hatten alle Vergnügungen, alles gesellige Leben der Provinz aufgehen. Alle unterhaltenden jungen Männer waren fort - die vier Tarletons, die beiden Calverts, die Fontaines, die Munroes und alles aus Jonesboro, Fayetteville und Lovejoy, was jung und nett war. Nur die älteren Männer, die Krüppel und die Frauen waren zurückgeblieben und brachten die Zeit mit Stricken und Nähen zu, mit dem Anbau von immer mehr Baumwolle und Getreide, mit der Aufzucht von immer mehr Schweinen, Schafen und Kühen für das Heer. Einen richtigen Mann bekam man nie zu Gesicht, außer Suellens etwas angejahrten Verehrer Kennedy, den Leiter der Intendantur, der allmonatlich kam, u m die erforderlichen Bestände zu requirieren. Die Herren dieser Behörde waren wenig aufregend, und der Anblick von Franks schüchternem Liebeswerben ging Scarlett so auf die Nerven, daß sie Mühe hatte, höflich zu bleiben. Wenn er und Suellen es doch endlich einmal überstanden hätten!

Aber selbst wenn die Herren der Intendantur amüsanter gewesen wären, es hätte Scarlett doch nicht geholfen. Sie war Witwe, und ihr Herz lag im Grabe. So nahm wenigstens jeder an und erwartete von ihr, daß sie sich demgemäß betrage. Das reizte sie unbeschreiblich, denn sosehr sie sich auch bemühte, sie konnte sich keines Zuges an Charles entsinnen außer seines Blickes zu ihrem Jawort, der dem eines verendenden Kalbes glich. Und sogar dieses Bild verblaßte. Aber sie war Witwe und mußte ihre Haltung wahren. Die Vergnügungen der jungen Mädchen waren nicht mehr für sie da. Sie mußte die Trauernde, Unnahbare spielen. Ellen hatte ihr das ernst vorgehalten, nachdem sie Franks Leutnant dabei ertappt hatte, wie er für Scarlett die Gartenschaukel stieß, bis sie vor Lachen schrie. Tiefbekümmert hatte Ellen ihr gesagt, wie leicht eine Witwe ins Gerede komme. Ihr Betragen müsse doppelt so vorsichtig sein wie das einer verheirateten Frau.

Scarlett hörte folgsam auf die sanfte Stimme ihrer Mutter und dachte bei sich: »Gott allein weiß, daß schon eine Frau überhaupt keine Freude mehr hat. Witwen aber täten besser daran, sich begraben zu lassen.«

Als Witwe mußte man scheußliche schwarze Kleider tragen, keine bunten Farben durften sie beleben, keine Blumen, kein Band, keine Spitzen, nicht einmal Schmuck, nur dunkle 0nyxbroschen und Halsketten aus dem Haar des Verstorbenen. Der schwarze Kreppschleier ihrer Haube mußte bis zu den Knien hinabreichen und durfte erst nach dreijähriger Witwensc haft bis auf Schulterhöhe gekürzt werden. Eine Witwe durfte niemals lebhaft plaudern, nie laut lachen. Selbst lächeln durfte sie nur mit gramvoller Miene. Aber das schlimmste war: sie durfte sich auf keine Weise anmerken lassen, daß sie an männlicher Gesellschaft Vergnügen fände. Sollte je ein Mann so unerzogen sein, kundzutun, daß er sie leiden mochte, so mußte sie ihm mit einer würdigen Anspielung auf ihren verstorbenen Mann eine gründliche Abfuhr erteilen. Ja, gewiß, dachte Scarlett müde, es kommt wohl vor, daß eine Witwe später einmal wieder heiratet, wenn sie alt und runzelig geworden ist Aber der Himmel mag wissen, wie sie das unter den Späheraugen ihrer Nachbarn fertigbringt; meistens ist es dann auch ein alter, grämlicher Witwer mit einer großen Plantage und einem Dutzend Kinder.

Ja, für eine Witwe war es für immer mit dem Leben vorbei. Die Leute waren zu dumm, wenn sie ihr immer wieder vorredeten, was für ein Trost der kleine Wade Hamilton ihr nun sein müsse, da Charles von ihr gegangen sei. Zu dumm, wenn sie meinten, sie hätte jetzt etwas, wofür sie leben könnte! Alle redeten davon, wie süß dieses Vermächtnis der Liebe sei, und sie ließ sie bei ihrem Glauben. Ihr aber lag dieser Gedanke am allerfernsten. Wade bedeutet ihr wenig; manchmal fiel es ihr schwer, sich daran zu erinnern, daß er wirklich ihr eigen sei.

Jeden Morgen, wenn sie aufwachte, war sie im Halbschlummer auf einen Augenblick wieder Scarlett 0'Hara. Die Sonne lag hell auf der Magnolie vor ihrem Fenster, die Spottdrosseln sangen, der gute Duft von bratendem Speck stieg ihr sacht in die Nase. Sie war wieder sorglos und jung. Dann hörte sie das hungrige Jammergeschrei, und jedesmal - aber auch jedesmal kam dann ein erschrockener Augenblick, da sie dachte: »Was, ist denn ein Baby im Haus?« Dann fiel ihr ein, daß es ihr eigenes war. Es war sehr schwer, sich darein zu finden.

Und Ashley! Ach, vor allem Ashley! Zum erstenmal in ihrem Leben haßte sie Tara, haßte sie die lange rote Landstraße, die den Hügel hinab bis an den Fluß führte, haßte sie die roten Felder mit der sprießenden grünen Baumwolle. Jeder Fußbreit Erde, jeder Baum, jeder Bach, jeder Feldweg erinnerte an ihn. Er gehörte einer anderen Frau an und war im Krieg, aber sein Gesicht ging in der Dämmerung auf den Wegen um, lächelte ihr aus verträumten grauen Augen im Schatten der Veranda zu. Nie hörte sie Hufschlag die Straße über den Fluß aus Twelve 0aks heraufkommen, ohne einen wonnevollen Augenblick lang zu denken: Ashley!

Jetzt haßte sie auch Twelve 0aks und hatte es doch einst so geliebt. Sie haßte es, und trotzdem zog es sie hin. Dort konnte sie John Wilkes und die Mädchen von ihm erzählen hören - konnte zuhören, wenn sie seine Briefe aus Virginia vorlasen. Sie taten ihr weh, aber sie mußte sie hören.

Indias Steifheit und Honeys dummes Geschwätz waren ihr schrecklich, und sie wußte, die Mädchen mochten sie auch nicht, aber wegbleiben konnte sie nicht. Und jedesmal, wenn sie aus Twelve 0aks heimkam, legte sie sich vergrämt auf ihr Bett und wollte zum Abendessen nicht aufstehen. Daß sie die Nahrung verweigerte, beunruhigte Ellen und Mammy mehr als alles andere. Mammy brachte ihr die verlockendsten Gerichte und legte ihr nahe, daß sie jetzt als Witwe soviel essen dürfe, wie sie wolle. Aber Scarlett hatte keinen Appetit. Als Dr. Fontaine in ernstem Ton Ellen mitteilte, ein gebrochenes Herz führe oftmals raschen Verfall herbei und es gebe Frauen, die sich ins Grab härmten, erbleichte sie, denn davor hatte sie im tiefsten Herzen gebangt.

»Eine Luftveränderung wäre das allerbeste für sie«, sagte der Arzt, dem viel daran lag, die unbequeme Patientin loszuwerden.

Scarlett machte sich also ohne Lust und Liebe mit ihrem Kinde auf und besuchte die 0'Haraschen und Robillardschen Verwandten in Savannah und dann Ellens Schwestern Pauline und Eulalia in Charleston. Aber sie kehrte einen Monat früher als beabsichtigt zurück und gab für ihre vorzeitige Rückkunft keinerlei Erklärung. In Savannah war sie freundlich aufgenommen worden; aber James und Andrew und ihre Frauen waren alt und wollten ihre Ruhe haben und von einer Vergangenheit reden, die Scarlett nicht interessierte. Ebenso war es bei Robillards, und Charleston fand sie einfach schrecklich.

Tante Pauline und ihr Mann, ein kleiner Greis von formvollendeter spröder Höflichkeit mit dem abwesenden Ausdruck derer, die in einem vergangenen Zeitalter leben, wohnten am Fluß auf einer Plantage, die noch viel einsamer lag als Tara. Der nächste Nachbar wohnte zwanzig Meilen entfernt und war nur auf düsteren Wegen durch stille Dickichte von Sumpfzypressen und Eichen zu erreichen. Die Eichen mit ihren wehenden grauen Moosschleiern erfüllten Scarlett mit Schauder und erinnerten sie an Geralds irische Gespenstergeschichten, in denen Geister in flimmernden grauen Nebeln umgingen. Zudem mußte sie dort den ganzen Tag stricken und abends 0nkel Carey zuhören, wenn er aus den belehrenden Werken Bulwer-Lyttons vorlas.

Eulalia, die in einem großen Hause auf der Schanze in Charleston hinter den hohen Mauern ihres Gartens zurückgezogen lebte, war auch nicht unterhaltend. Scarlett war den weiten Blick über wogende Felder gewohnt und fühlte sich nun wie in einem Gefängnis. Das gesellige Leben war hier lebhafter als bei Tante Pauline, aber die Gäste waren Scarlett zuwider durch die Art, wie sie sich selbst, ihre Traditionen und ihre Familien wichtig nahmen. Sie wußte sehr gut, daß man sie hier als den Sprößling einer Mesalliance ansah und es unbegreiflich fand, daß eine Robillard je einen eben eingewanderten Iren hatte heiraten können. Sie spürte, daß Tante Eulalia hinter ihrem Rücken für ihr Dasein um Entschuldigung bat. Das erregte ihren Zorn, denn sie gab nicht mehr auf Familie als ihr Vater. Sie war stolz auf Gerald und auf alles, was er ohne fremde Unterstützung nur mit Hilfe seines gescheiten irischen Kopfes geleistet hatte.

Und wie die Leute in Charleston mit Fort Sumter prahlten! Gott im Himmel, wenn die einen nicht den ersten Schuß in diesem Kriege abgefeuert hätten, so hätten es eben die anderen getan. Scarlett war die scharf akzentuierenden Stimmen 0bergeorgias gewöhnt, die gedehnten, klingenden Laute des Unterlandes kamen ihr geziert vor. Ihr war, als müßte sie schreien, wenn sie noch einmal »Paame« statt Palme, »Hoas«, statt Haus und »Maa« und »Paa« statt Ma und Pa hören mußte. Es fiel ihr so auf die Nerven, daß sie zum Entsetzen ihrer Tante während eines formellen Besuchs den irischen Dialekt Geralds nachahmte. Schließlich kehrte sie nach Tara zurück. Besser noch, sich von Erinnerungen an Ashley quälen zu lassen als von der Charlestoner Aussprache!

Ellen war Tag und Nacht geschäftig, die Ertragsfähigkeit Taras zu verdoppeln, um den Konföderierten nach besten Kräften helfen zu können.

Sie erschrak aus tiefster Seele, als ihre älteste Tochter mager, bleich und mit scharfer Zunge aus Charleston zurückkehrte. Sie wußte selbst, was ein gebrochenes Herz bedeutete, und lag Nacht für Nacht neben dem schnarchenden Gatten wach und grübelte, wie man wohl Scarletts Seelennot lindern könnte.

Charles' Tante, Miß Pittypat Hamilton, hatte ihr mehrmals geschrieben und dringend gebeten, ihr Scarlett für einen langen Besuch nach Atlanta zu schicken. Zumerstenmal zog Ellen den Vorschlag ernstlich in Erwägung.

Sie wohnte mit Melanie allein in dem großen Haus »ohne männlichen Schutz«, schrieb Miß Pittypat, »seitdem unser lieber Charles nicht mehr ist. Natürlich habe ich noch meinen Bruder Henry, aber er hat sein Heim nicht bei uns. Vielleicht hat Scarlett Ihnen von Henry erzählt. Mein Zartgefühl verbietet mir, mehr von ihm dem Papier anzuvertrauen. Wir beide, Melly und ich, würden uns viel behaglicher und sicherer fühlen, wenn Scarlett bei uns wäre. Drei einsame Frauen sind besser als zwei. Und vielleicht findet auch die liebe Scarlett wie Melly einigen Trost darin, unsere braven Jungens im hiesigen Lazarett zu pflegen. - Und natürlich haben Melly und ich große Sehnsucht, den süßen Kleinen zu sehen.«

So wurden Scarletts Trauerkleider denn von neuem in den Koffer gepackt, und sie machte sich mit Wade Hampton und seinem Kindermädchen Prissy auf den Weg, den Kopf voller Ermahnungen von Ellen und von Mammy und in der Tasche hundert Dollar in Banknoten der Konföderierten, die Gerald ihr mitgab. Sie hatte keine Lust, nach Atlanta zu gehen. Tante Pitty war nach ihrer Meinung die albernste alte Dame, die sie sich vorstellen konnte, und der bloße Gedanke, mit Ashleys Frau unter einem Dach zu wohnen, war ihr schrecklich. Aber die Heimat mit ihren Erinnerungen war ganz unerträglich geworden, und jede Veränderung war ihr willkommen.




ZWEITES BUCH


Als an einem Maimorgen des Jahres 1862 die Eisenbahn Scarlett nordwärts trug, meinte sie, Atlanta könne unmöglich so langweilig sein wie Charleston und Savannah, und trotz ihrer Abneigung gegen Miß Pitty und Melanie war sie doch ein wenig neugierig, zu sehen, wie es der Stadt seit ihrem letzten Besuch im Winter vor Beginn des Krieges ergangen war. Atlanta hatte sie immer mehr interessiert als jede andere Stadt, weil Gerald ihr einmal erzählt hatte, sie und Atlanta seien gleichaltrig. Später kam sie allerdings dahinter, daß Gerald es mit der Wahrheit nicht so genau genommen hatte. Atlanta war immerhin neun Jahre älter als sie, aber es gehörte doch ihrer eigenen Generation an. Es war rauh wie die Jugend und ungestüm und eigensinnig wie Scarlett selbst. Geralds Behauptung beruhte darauf, daß Atlanta und sie in demselben Jahre getauft worden waren. Die Stadt hatte zuerst Terminus und dann Marthasville geheißen, und erst in dem Jahre, da Scarlett geboren wurde, war Atlanta daraus geworden. Als Gerald auf seinen neuen Besitz nach Nordgeorgia hinaufzog, hatte es an dieser öden und leeren Stätte noch nicht einmal ein Dorf gegeben. Dann hatte der Staat den Bau einer Eisenbahn nordwärts durch die von den Cherokesen kürzlich abgetretenen Territorien genehmigt. Endpunkt und Richtung der geplanten Eisenbahn waren klar und deutlich, Tennessee und der Westen, aber ihr Ausgangspunkt in Georgia lag noch im dunkeln, bis ein Jahr später ein Ingenieur einen Pfahl in den roten Lehm rammte und damit den südlichen Endpunkt der Linie bezeichnete. Das war der Anfang von Atlanta, geborener Terminus.

Damals gab es noch keine Schienenstränge in Nordgeorgia und auch anderswo nur sehr wenige. Aber in den Jahren vor Geralds Heirat wuchs die winzige Niederlassung fünfundzwanzig Meilen von Tara allmählich zu einem Dorf heran, und die Schienen rückten langsam nach Norden vor. Die Zeit des Eisenbahnbaues begann. Von der alten Stadt Augusta ging westwärts durch den Staat eine zweite Strecke, die die Verbindung mit der neuen Linie nach Tennessee herstellen sollte. Von der alten Stadt Savannah aus wurde eine dritte Linie zuerst bis Macon im Herzen Georgias und dann nordwärts durch Geralds eigene Provinz bis Atlanta geführt, wo sie mit den andren beiden Strecken zusammentraf und dadurch dem Hafen Savannah eine Verbindung mit dem Westen verschaffte. Schließlich wurde von demselben Knotenpunkt Atlanta aus noch eine vierte Strecke südwärts nach Montgomeryund Mobile gebaut.

Mit den Eisenbahnen geboren, wuchs Atlanta auch mit ihnen. Nach Fertigstellung der vier Linien war es nun verbunden mit dem Westen, de m Süden, mit der Küste und über Augusta mit dem Norden und dem 0sten. Es war der Kreuzungspunkt für Reisen nach allen vier Himmelsrichtungen geworden, mit einem Satz stand das kleine Dorf mitten im großen Leben.

In einem Zeitraum, der wenig länger war als Scarletts siebzehn Jahre, war Atlanta aus einem einzigen in den Erdboden geschlagenen Pfahl zu einer blühenden Kleinstadt von zehntausend Einwohnern aufgewachsen, auf die der ganze Staat sein Augenmerk richtete. Die älteren, stilleren Städte blickten auf den geschäftigen Neuling mit den Gefühlen einer Henne, die ein Entlein ausgebrütet hat. Die Einwohner der jungen Stadt waren rastlose, unternehmungslustige, energische Leute, die ihre Ellbogen gebrauchten. Sie kamen von allen Seiten mit Begeisterung herbei. Sie bauten ihre Lagerhäuser an den fünf morastigen Straßen, die sich in der Nähe des Bahnhofs kreuzten. Ihre Villen aber bauten sie in der Whitehallund Washingtonstraße und an dem hohen Hügelrücken, wo unzählige Indianergenerationen mit ihren Mokassins einen Weg getreten hatten, der sich Pfirsichpfad nannte. Sie waren stolz auf die Stadt, stolz auf ihr rasches Wachstum und stolz auf sich selbst. Atlanta kümmerte sich nicht um den Neid der anderen Städte. Aus denselben Gründen, die es in Savannah, Augusta und Macon unbeliebt machten, hatte Scarlett von jeher Atlanta gern gehabt. Es war wie sie selbst, ein Gemisch aus dem alten und dem neuen Georgia, darin sich das alte oft als das weniger Gute erwies. Dazu kam die aufregend persönliche Note, die für sie die Stadt haben mußte, die in demselben Jahre wie sie getauft worden war.

Nachdem es die Nacht zuvor geregnet und gestürmt hatte, war, als Scarlett in Atlanta ankam, die heiße Sonne schon emsig an der Arbeit, die Straßen, die sich wie Ströme roten Schlammes durch die Stadt wanden, wieder zu trocknen. In dem freien Gelände um den Bahnhof war der weiche Boden durch den beständigen Strom des Verkehrs so aufgerissen und durcheinandergequirlt worden, daß die Fuhrwerke in den tiefen Wagenfurchen manchmal bis an die Nabe einsanken. Eine ununterbrochene Reihe von Militärwagen und Ambulanzen, die Vorräte und Verwundete einund ausluden, verschlimmerten noch mit ihrem ewigen Hin und Her die allgemeine Verwirrung. Fahrer fluchten, Maultiere wateten tief durchs Wasser, und meterweit spritzte der Schmutz.

Scarlett stand auf dem unteren Trittbrett des Zuges, eine bleiche, hübsche Erscheinung in ihrer schwarzen Trauerkleidung mit dem Krepp- Schleier, der lang herunterfiel. Sie zauderte, sich Schuhe und Rocksaum zu beschmutzen, und hielt in dem lärmenden Durcheinander von Lastwagen, Einspännern und Equipagen nach der pausbackigen Miß Pittypat Ausschau. Da kam ein alter dürrer Farbiger mit grauem Bart und würdevoller Herrschermiene, den Hut in der Hand, auf sie zugestapft.

»Miß Scarlett, nicht wahr? Ich bin Peter, Miß Pittys Kutscher. Nicht in den Schmutz treten!« befahl er streng, als Scarlett den Rock zusammenraffte, um auszusteigen. »Sie sind genauso schlimm wie Miß Pitty, und sie ist wie ein kleines Kind und holt sich immer nasse Füße. Ich will Sie tragen.«

Trotz seiner Bejahrtheit nahm er Scarlett mühelos auf den Arm, zögerte aber, als er auf der Plattform des Zuges Prissy mit den Kind erblickte. »Ist dieses kleine Mädel Ihr Kindermädchen? 0h, Miß Scarlett, die ist aber v iel, viel zu klein für Master Charles' einziges Baby! Aber das später. Mädel, kommhinter mir her, und daß du mir das Baby nicht fallenläßt!«

Scarlett ergab sich drein, zur Equipage getragen zu werden, und fügte sich auch in 0nkel Peters unverblümte Art, an ihr und Prissy Kritik zu üben. Als sie durch den Schmutz zogen und Prissy maulend hinter ihr herwatete, fiel ihr ein, daß Charles ihr ja auch von »0nkel Peter« erzählt hatte.

»Er hat die ganzen mexikanischen Feldzüge mit Vater zusammen mitgemacht und ihn gepflegt, als er verwundet war. Er hat ihm das Leben gerettet. Eigentlich hat er Melanie und mich aufgezogen, denn wir waren sehr klein, als Vater und Mutter starben. Damals hatte Tante Pitty ein Zerwürfnis mit ihrem Bruder, 0nkel Henry. Daher kam sie zu uns, wohnte bei uns im Hause und sorgte für uns. Sie ist das hilfloseste Geschöpf unter der Sonne - ein liebes erwachsenes Kind, und so behandelt 0nkel Peter sie auch. Um nichts in der Welt kann sie einen Entschluß fassen, also faßt stets Peter ihn für sie. Er hat bestimmt, daß ich mit fünfzehn Jahren ein größeres Taschengeld bekam, er bestand darauf, daß ich für mein Studium nach dem ehrwürdigen Harvard ging, während 0nkel Henry lieber gesehen hätte, wenn ich auf einer der neuen Universitäten möglichst rasch meine Examina machte. 0nkel Peter hat darüber entschieden, wann Melly alt genug war, ihr Haar aufzustecken und auf Gesellschaften zu gehen. Er sagt Tante Pitty, wann es zu kalt und naß für sie ist, um Besuche zu machen, und wann sie einen Schal um die Schultern nehmen muß. Er ist der prächtigste und treueste Schwarze, den ich je gesehen habe. Die einzige Schwierigkeit bei ihm ist, daß wir drei mit Leib und Seele sein Eigentum geworden sind - und daß er das weiß.«

Charles' Worte wurden vollen Umfangs bestätigt, als 0nkel Peter auf den Bock stieg und die Peitsche ergriff.

»Miß Pitty«, erklärte er, »hat Zustände, weil sie Sie nicht von der Bahn holen konnte. Sie fürchtete, daß Sie das nicht verstehen. Aber ich habe ihr gesagt, daß sie und Miß Melly über und über mit Schmutz bespritzt würden, und die neuen Kleider würden dabei verderben, und ich würde es Ihnen schon erklären. Miß Scarlett, Sie nehmen das Kind besser selbst auf den Arm, das kleine farbige Baby läßt es doch noch fallen.«

Scarlett blickte zu Prissy hinüber und seufzte. Das geschickteste Kindermädchen war sie tatsächlich nicht. Ihre neuerliche Beförderung vom hageren Farbigen mit kurzem Rock und steif eingebundenen Zöpfen zu der Würde eines langen Kattunkleides und eines gestärkten weißen Turbans hatte berauschend auf sie gewirkt. Nie hätte sie diese hohe Stufe so früh im Leben erklommen, hätten nicht die Erfordernisse des Krieges es Ellen unmöglich gemacht, Mammy oder Dilcey oder auch nur Rosa oder Teena zu entbehren. Prissy hatte sich bisher nie weiter als eine Meile von Tara oder Twelve 0aks entfernt, und die Reise in der Eisenbahn zusammen mit ihrer Erhebung zum Kindermädchen ging fast über das kleine Hirn ihres schwarzen Kopfes hinaus. Die zwanzig Meilen lange Reise von Jonesboro nach Atlanta hatte sie so aufgeregt, daß Scarlett die ganze Fahrt über das Kleine auf dem Schoß hatte halten müssen. Nun zerrüttete der Anblick so vieler Häuser und Menschen Prissys Haltung vollends. Sie drehte sich von einer Seite nach der andern, zeigte mit dem Finger und sprang in die Höhe und brachte das Baby so in Unruhe, daß es kläglich zu schreien begann. Scarlett sehnte sich nach Mammys festen alten Armen. Mammy brauchte ein Kind nur in ihre Hände zu nehmen, schon war es still. Aber Mammy war auf Tara, und Scarlett konnte nichts tun. Würde sie das Kind nehmen, so würde es genauso durchdringend wie bei Prissy schreien und außerdem an ihren Hutbändern zerren und ihr das Kleid kraus machen. Sie tat deshalb so, als habe sie 0nkel Peters Rat nicht gehört.

»Vielleicht lerne ich noch einmal, mit Babys umzugehen«, dachte sie ärgerlich, während der Wagen sich stoßend und schwankend aus dem Morast herausarbeitete. »Aber mit ihnen spielen werde ich sicher nie!« Als Wades Gesicht bei seinem Geplärr dunkelrot wurde, fuhr sie P rissy unwirsch an: »Gib ihm den Zuckerlutscher aus der Tasche, Priß, damit er nur ja still ist. Ich weiß, er hat Hunger, aber augenblicklich kann ich nichts dabei machen.«

Prissy holte den Lutscher, den Mammy ihr am Morgen gegeben hatte, und das Klagegeheul ließ nach. Scarletts Stimmung hob sich wieder etwas bei all dem Neuen, das sie sah. Als der Wagen endlich aus den Schmutzlöchern heraus war und in die Pfirsichstraße einbog, verspürte sie zum erstenmal seit Monaten ein Interesse an ihrer Umgebung. Wie war die Stadt gewachsen! Es war nicht viel länger als ein Jahr her, daß sie zuletzt hiergewesen war, und es war kaum glaublich, wie sich das kleine Atlanta inzwischen verändert hatte. Von dem Augenblick des Kriegsbeginns an hatte seine Wandlung begonnen. Dieselben Schienenstränge, die die Stadt im Frieden zum Brennpunkt des Handels gemacht hatten, gewannen nun im Krieg die höchste strategische Bedeutung. Fern von der Front bildete die Stadt das Verbindungsglied zwischen den Truppen der Konföderierten in Virginia und in Tennessee und dem Westen. Beide Armeen verband Atlanta wiederum mit den südlichen Gebieten, aus denen sie ihren Bedarf deckten. Es war ein Fabrikzentrum, eine Lazarettbasis und ein Stapelplatz des Südens für die Verpflegung und Ausrüstung des Heeres geworden: nicht mehr die Kleinstadt, deren Scarlett sich noch so gut erinnerte, sondern ein geschäftiger, weit ausgreifender Riese. Es summte wie ein Bienenstock und war stolz auf seine Bedeutung für die Konföderierten. Tag und Nacht wurde gearbeitet, umein Agrarland in ein Industrieland zu verwandeln.

Vor dem Kriege hatte es südlich von Maryland nur wenige Baumwollfabriken, Wollspinnereien, Waffenund Maschinenfabriken gegeben, und die Bewohner der Südstaaten hatten sich viel darauf zugute getan. Sie brachten Staatsmänner und Soldaten, Pflanzer und Ärzte, Juristen und Dichter hervor, aber keine Ingenieure und Techniker. Mit solchen Gewerben mochten sich die Yankees abgeben. Nun aber, da die Häfen von den Kanonenbooten der Yankees gesperrt waren und europäische Waren nur tropfenweise durch die Blockade gelangten, bemühte sich der Süden verzweifelt, sein eigenes Kriegsmaterial herzustellen. Dem Morden stand die ganze Welt offen. Tausende von Iren und Deutschen strömten dem Unionsheere zu, das Handgeld der Nordstaaten lockte. Allein der Süden war ganz auf sich selbst angewiesen.

Mühselig wurden die Maschinen zur Herstellung des Kriegsmaterials gebaut, denn es gab kaum Modelle, und fast jedes Rädchen mußte nach neuen Zeichnungen angefertigt werden, die man aus England bezog. Merkwürdige Gesichter tauchten jetzt in den Straßen von Atlanta auf. Die Bewohner, die noch vor kurzem beim Klang westlichen Jargons die 0hren spitzten, achteten schon nicht mehr auf die fremden Sprachen von Europäern, die die Blockade durchbrochen hatten, um hier Maschinen zur Erzeugung von Munition zu bauen. Es waren geschickte Leute, ohne die es den Konföderierten wohl schwerlich gelungen wäre, Pistolen, Gewehre, Kanonen und Pulver herzustellen. Tag und Nacht schlug das Herz dieser Stadt und trieb das Material durch die Adern der Eisenbahn an die Fronten. Stündlich brausten Züge herein und hinaus. Aus den neugebauten Fabriken fiel der Ruß in dichten Schauern auf die weißen Häuser. Nachts glühten die Öfen und dröhnten die Hämmer noch lange, nachdem die Bürger ins Bett gegangen waren. Wo voriges Jahr noch der Grund und Boden ungenutzt lag, standen jetzt Fabriken, die Zaumzeuge, Sättel und Hufeisen erzeugten, Werke der Rüstungsindustrie, die Gewehre und Kanonen herstellten, Walzwerke und Gießereien, die für Eisenbahnschienen und Güterwagen sorgten und ersetzten, was die Yankees zerstört hatten, und alle möglichen Werkstätten, in denen Sporen, Geschirrteile, Beschläge, Zelte, Knöpfe, Pistolen und Degen angefertigt wurden. Aber schon machte sich ein Mangel an Eisen bemerkbar. Die Blockade ließ so gut wie nichts durch, und die Bergwerke in Alabama standen beinahe still, weil die Bergleute an der Front waren. Keine eisernen Gitter, keine eisernen Tore, ja nicht einmal eiserne Denkmäler gab es mehr auf den Plätzen von Atlanta. Sie waren in die Schmelzkessel und Walzwerke gewandert.

Die Pfirsichstraße und ihre Nebenstraßen waren das Hauptquartier der verschiedenen Heeresabteilungen. Die Requirierungsbehörde, der Nachrichtendienst, die Feldpost, das Eisenbahntransportwesen, der Generalprofos hatten hier ihre Stätte. In allen Gebäuden wimmelte es von Leuten in Uniform. Draußen im Weichbilde der Stadt waren die Remonten untergebracht, Pferde und Maultiere in großen Hürden; an Seitenstraßen lagen die Lazarette. Als 0nkel Peter ihr von diesen erzählte, hatte Scarlett fast das Gefühl, Atlanta wäre eine wahre Krankenstadt, so zahllos waren die Lazarette für Verwundete, für Infektionskranke, für Genesende, und täglich spien die Züge neue Kranke und Verwundete aus.

Der Anblick all der Geschäftigkeit benahm Scarlett, die frisch aus ihrer ländlichen Ruhe kam, fast den Atem. Aber sie sah es gern, fast meinte sie zu fühlen, wie der gleichmäßig rasche Puls der Stadt mit dem ihren zusammenschlug. Während der Wagen sich langsam auf der Hauptstraße seinen Weg suchte, nahm sie all die neuen Eindrücke interessiert in sich auf. Auf den Fußwegen drängten sich die Männer in Uniform mit den Abzeichen aller Dienstgrade und aller Waffengattungen. Die schmale Straße war von Fuhrwerken verstopft. Kuriere in Grau sprengten von einem Hauptquartier zum andern und brachten Befehle und Depeschen. Verwundete humpelten auf Krücken, von besorgten Frauen am Ellbogen gestützt. Von dem Exerzierplatz, wo man Rekruten drillte, schallten Hornsignale, Trommelschlag und helle Kommandos. Scarlett stieg das Herz in die Kehle, als sie zum ersten Male die Uniform der Yankees erblickte. 0nkel Peter zeigte mit der Peitsche auf einen Trupp abgerissen aussehender Blauröcke, die von einer Abteilung mit aufgepflanztem Bajonette zum Bahnhof getrieben wurden, um ins Gefangenenlager abtransportiert zu werden.

Zum ersten Male seit dem Tage jenes Gartenfestes verspürte Scarlett eine frohe Wallung. Immer noch verstärkte sich der Eindruck der Lebendigkeit in dieser Stadt. Neue Bars waren zu Dutzenden wie aus dem Boden gesprossen. Dirnen, die dem Heer folgten, zogen durch die Stadt, und zur Entrüstung der Kirchenleute wimmelte es in den Bordellen von Frauen. Jedes Hotel, jede Pension, jedes Privathaus war überfüllt von Besuchern, die bei den verwendeten Angehörigen in den Lazaretten Atlantas sein wollten. Jede Woche gab es Gesellschaften, Bälle, Basare, dazu Kriegstrauungen ohne Zahl. Der beurlaubte Bräutigam in goldbetreßtem Hellgrau, die Braut in hereingeschmuggeltem Putz, in den Kirchen gekreuzte Degen, zu den Tischreden geschmuggelter Sekt und dann tränenreicher Abschied.

Nachts schurrte es in den baumbepflanzten Straßen von tanzenden Füßen, aus den Salons tönte der helle Klang des Klaviers, Sopranund Soldatenstimmen mischten sich zu den schwermütigen Balladen »Die Hörner tönten Waffenruh« oder »Wohl kam dein Brief, doch ach, er kam zu spät«. Sanfte Augen, die Tränen echten Kummers noch nie gekannt, wurden feucht.

Scarlett stellte Frage auf Frage, und 0nkel Peter gab Antwort, stolz, seine Kenntnisse zum besten geben zu können, und wies mit der Peitsche hierhin und dorthin.

»Das ist das Arsenal. Ja, gnädige Miß Scarlett, da bewahren sie die Kanonen und all so was auf. Nein, gnädige Miß Scarlett, das sind keine Lädchen, das sind Blockadebüros. Aber, gnädige Miß Scarlett, wissen Sie denn nicht, was Blockadebüros sind? Das sind die Büros, wo die Fremden wohnen, die uns die Baumwolle abkaufen und sie nach Charleston und Wilmington verschiffen und dafür Pulver zurückbringen. Nein, ich weiß nicht genau, was für eine Sorte Fremder das ist. Miß Pitty sagt, daß es Engländer sind, aber kein Mensch versteht ein Wort von dem, was sie sagen. Ja, es ist furchtbar rauchig, der Ruß verdirbt Miß Pittys Seidenvorhänge ganz und gar, der kommt aus der Gießerei und dem Walzwerk. Und was die nachts für einen Lärm machen! Kein Mensch kann dabei schlafen. Nein, gnädige Miß Scarlett, ich kann bestimmt nicht halten, ich habe Miß Pitty versprochen, Sie auf dem kürzesten Wege nach Hause zu bringen. Miß Scarlett, Sie müssen wiedergrüßen. Da kommen Miß Merriwether und Miß Elsing und grüßen uns.«

Scarlett entsann sich dunkel der beiden Damen, die aus Atlanta nach Tara zu ihrer Hochzeit gekommen waren. Es waren Miß Pittypats beste Freundinnen. Sie wandte sich rasch um, wohin 0nkel Peter zeigte, und neigte den Kopf. Die beiden Damen hielten in ihrer Equipage vor einem Laden. Der Besitzer und zwei Verkäufer standen mit einem Stoffballen beladen auf dem Fußsteig, wo sie die Ware gerade gezeigt hatten. M rs. Merriwether war eine große, sehr stattliche Frau, die so fest geschnürt war, daß der Busen wie der Bug eines Schiffes vorsprang. Vor der Fülle ihres eisengrauen Haares prangten in stolzem Braun, in die Stirn hineingekämmt, einige falsche Löckchen, die es durchaus verschmähten, sich dem übrigen Haar anzupassen. In ihrem runden, hochroten Gesicht vereinigten sich gescheite Gutmütigkeit und Gewohnheit zu befehlen. Mrs. Elsing war jünger, eine zarte, schlanke Frau, die früher einmal schön gewesen war und der noch immer etwas von verwelkter Frische, etwas vornehm Königliches anhing.

Diese beiden Damen waren mitsamt einer dritten, Mrs. Whiting, die Säulen von Atlanta. Sie hatten die Führung in den drei Kirchen, denen sie angehörten, und hielten die Geistlichkeit, die Chöre und die ganze Gemeinde in Atem. Sie veranstalteten Basare und regierten Nähzirkel. Unter ihrem Schütze fanden Bälle und Picknicks statt Sie wußten, wer eine gute Partie machte und wer nicht, wer heimlich trank und wer ein Kind erwartete. Sie waren die maßgebenden Sachkenner für den Stammbaum eines jeden, der in Georgia, Südcarolina und Virginia jemand war. Über die anderen Staaten zerbrachen sie sich nicht weiter den Kopf. Nach ihrer Ansicht stammte überhaupt niemand, der jemand war, aus einem anderen Staat als diesen dreien. Sie wußten, was sich schickte und was nicht, und hielten mit ihrer Meinung darüber niemals zurück. Mrs. Merriwether äußerte sich, so laut sie konnte, Mrs. Elsing in vornehm ersterbendem Gesäusele und Mrs. Whiting in einem wehleidigen Flüsterton, der zu erkennen gab, wie ungern sie über derlei sprach. Die drei Damen mißtrauten einander aus Herzensgrund und konnten einander ebensowenig leiden wie die Männer des ersten Triumvirats in Rom; und wahrscheinlich hatten sie sich aus ähnlichen Gründen wie jene so eng verbündet.

»Ich habe schon Miß Pitty gesagt, Sie müssen in mein Lazarett kommen«, rief Mrs. Merriwether lächelnd. »Daß Sie mir nicht etwa Mrs. Meade und Mrs. Whiting Zusagen machen!«

»0 nein!« Scarlett hatte keine Ahnung, wovon Mrs. Merriwether sprach, aber das Gefühl, willkommen zu sein und gebraucht zu werden, erwärmte sie. »Ich hoffe, Sie bald wiederzusehen.«

Der Wagen pflügte sich weiter durch den Morast und hielt einen Augenblick, damit zwei Damen mit Körben voll Verbandzeug über dem Arm sich auf Schrittsteinen einen halsbrecherischen Weg über die Straße suchen konnten. Da fiel Scarletts Blick auf eine Gestalt, die für die Straße zu bunt gekleidet war, mit einem schottischen Schal, dessen Fransen ihr bis auf die Absätze herabhingen. Es war eine große, hübsche Frau, mit einem kecken Gesicht und üppigem rotem Haar, zu rot, um echt zu sein. Zum erstenmal sah Scarlett eine Frau, die ohne Zweifel >etwas mit ihrem Haar aufgestellt hatte<, und konnte den Blick nicht von ihr abwenden.


»Wer ist das, 0nkel Peter?«

»Weiß nicht.«

»Natürlich weißt du es, ich sehe es dir an. Wer ist das?«

»Sie heißt Belle Watling.« 0nkel Peters Unterlippe schob sich langsam mißbilligend vor. Es entging Scarlett nicht, daß er weder »Miß« noch »Mrs.«gesagt hatte.

»Wer ist das denn?«

»Gnädige Miß Scarlett«, sagte Peter geheimnisvoll, »Miß Pitty liebt es nicht, daß Sie nach etwas fragen, das Sie nichts angeht. Es gibt hier in der Stadt ein Pack von Leuten, die nicht mitzählen, und über die zu reden, hat überhaupt keinen Zweck.«

Scarlett schwieg auf seinen Verweis. »Das muß bestimmt ein schlechtes Frauenzimmer sein!«

Noch nie zuvor hatte sie ein schlechtes Frauenzimmer gesehen. Sie drehte sich umund starrte der Frau nach, bis sie sich in der Menge verlor.

Endlich hatten sie die Geschäftsgegend hinter sich, die Wohnhäuser kamen in Sicht. Einzelne davon begrüßte Scarlett als alte Freunde, das würdige, stattliche Leydensche Haus, das Bonnellsche Haus mit den kleinen weißen Säulen und den grünen Fensterläden, das unnahbare Barockhaus aus rotem Backstein hinter niedrigen Hecken, das der Familie McLure gehörte. Sie kamen immer langsamer vorwärts. Aus den Haustüren, aus Gärten und vom Fußweg aus wurden sie von Damen angerufen. Einige kannte sie flüchtig, an andere hatte sie eine unbestimmte Erinnerung, die meisten waren ihr völlig unbekannt. Pittypat hatte anscheinend ihre Ankunft überall angekündigt. Immer wieder mußte sie den kleinen Wade in die Höhe halten, damit Damen, die sich durch den Straßenschlamm bis zu den Prellsteinen vorwagten, ihn bewundern konnten. Jede rief Scarlett zu, sie dürfe nur in ihren Strickund Nähzirkel, nur in ihr Lazarettkomitee eintreten, und unbekümmert sagte sie nach rechts und nach links zu.

Als sie an einem weitläufigen grünen Fachwerkhaus vorbeikamen, rief ein kleines schwarzes Mädel: »Da kommt sie!«, und Dr. Meade, seine Frau und der kleine dreizehnjährige Phil kamen heraus und begrüßten sie. Scarlett erinnerte sich daran, sie auch auf ihrer Hochzeit gesehen zu haben . Mrs. Meade trat auf den Prellstein ihres Hauses und reckte den Hals, um das Baby zu sehen. Aber der Doktor achtete nicht auf den Schmutz und stapfte bis an den Wagen heran. Er war groß und hager und hatte einen eisgrauen Spitzbart, die Kleidungsstücke hingen an seiner dürren Gestalt, als habe ein 0rkan sie darangeweht. Atlanta betrachtete ihn als die Wurzel aller Kraft und aller Weisheit, und es war nicht zu verwundern, daß etwas von dem allgemeinen Glauben in ihn selbst übergegangen war. Aber bei all se inen 0rakelsprüchen und seiner etwas pathetischen Art war er einer der gütigsten Männer der Stadt.

Nachdem er Scarlett die Hand geschüttelt und Wade die Wange gestreichelt hatte, verkündete er, Tante Pittypat habe ihm unter Eid versprochen, daß Scarlett keinem anderen Lazarett und keinem anderen Verbandzeugkomitee angehören dürfe als demvon Mrs. Meade.

»0 je, das habe ich doch schon tausend Damen versprochen!« sagte Scarlett.

»Natürlich auch Mrs. Merriwether! Das verflixte Frauenzimmer läuft ja wohl an jeden Zug!«

»Ich habe es ihr versprochen, weil ich keine Ahnung hatte, was das alles bedeutet«, gestand Scarlett. »Wassind denn überhaupt Lazarettkomitees?«

Der Doktor und seine Frau waren beide über ihre Unwissenheit befremdet.

»Nun ja, Sie sind natürlich auf dem Lande vergraben gewesen und können es nicht wissen«, entschuldigte Mrs. Meade sie. »Wir haben Pflegekomitees für verschiedene Lazarette und für verschiedene Arbeitstage. Wir pflegen die Verwundeten, wir helfen den Ärzten und nähen Bandagen und Anzüge, und wenn die Leute so weit wiederhergestellt sind, daß sie entlassen werden können, nehmen wir sie zu uns ins Haus und pflegen sie so lange weiter, bis sie wieder an die Front können. Wir sorgen auch für die Frauen und Kinder der mittellosen Verwundeten - einige sind wahrhaftig noch elender als mittellos. Doktor Meade ist am Institutslazarett tätig, für das auch mein Komitee arbeitet, und alle sagen, er sei großartig und ...«

»Nun, nun«, sagte der Doktor, »du darfst vor den Leuten nicht mit mir prahlen. Ich kann ja nur so wenig tun, da du mich durchaus nicht an die Front lassen willst.«

»Ich lasse dich nicht? Ich?« Sie war empört. »Die Stadt läßt dich nicht, das weißt du sehr gut. Denken Sie, Scarlett, als die Leute hörten, daß er als Militärarzt nach Virginia wollte, haben alle Damen eine Bittschrift unterzeichnet, er möge hierbleiben. Die Stadt ist es, die dich nicht entbehren kann.«

»Nun, nun, Mrs. Meade.« Der Doktor sonnte sich sichtlich in ihrem Lob. »Vielleicht haben wir mit einem Jungen an der Front fürs erste genug getan.«

»Nächstes Jahr gehe ich ins Feld!« rief der kleine Phil voller Aufregung. »Als Trommler! Ich lerne jetzt trommeln. Wollen Sie es hören? Ich hole rasch meine Trommel.«

»Nein, jetzt nicht«, sagte Mrs. Meade und zog ihn mit einem plötzlich gespannten Gesichtsausdruck an sich. »Nächstes Jahr noch nicht, Liebling, vielleicht übernächstes.«

»Aber dann ist der Krieg vorbei!« Ungeduldig riß der Kleine sich von ihr los. »Du hast es mir doch versprochen.«

Über seinen Kopf hinweg sahen die Eltern einander ins Auge. Scarlett gewahrte den Blick. Darcy Meade stand in Virginia, und um so fester klammerte sich die Liebe der Eltern an den Kleinen, der noch im Hause war.

0nkel Peter räusperte sich. »Miß Pitty hatte ihren Zustand, als ich wegfuhr, und wenn ich nicht bald wiederkomme, liegt sie ohnmächtig da.«

»Auf Wiedersehen, ich komme heute nachmittag hinüber!« rief Mrs. Meade ihnen nach. »Und bestellen Sie Miß Pitty von mir, wenn Sie nicht in mein Komitee eintreten - dann wehe ihr!«

Der Wagen glitt und rutschte die schmutzige Straße hinunter. Scarlett lehnte sich in die Kissen zurück und lächelte. Sie fühlte sich glücklicher als seit Monaten. Atlantas Lebendigkeit munterte sie auf.

Wieviel schöner war es hier als auf der einsamen Plantage vor den Toren von Charleston, wo die Alligatoren durch die stillen Nächte bellten! Schöner als in Charleston selbst, das in seinen Gärten hinter hohen Mauern träumte. Schöner als in Savannah mit seinen breiten Palmenstraßen und mit seinem schlammigen Fluß. Vielleicht schöner sogar als Tara, mochte sie Tara auch noch so liebhaben. Diese Stadt mit ihren engen und schmutzigen Straßen mitten im welligen Hügelland hatte etwas Erregendes, Rohes und Ungeschliffenes, verwandt jenem Rohen unter der feinen Politur, mit der Ellen und Mammy Scarlett versehen hatten. Plötzlich hatte sie das Gefühl, hierher gehöre sie und nicht in die ruhigen, abgeklärten alten Städte, die flach an den gelben Flüssen lagen.

Die Zwischenräume zwischen den Häusern wurden immer größer, und als Scarlett sich aus dem Wagen lehnte, sah sie Miß Pittypats rotes Backsteinhaus mit seinem Schieferdach auftauchen. Es war fast das letzte Haus im Norden der Stadt. Weiterhin wurde die Pfirsichstraße schmäler und verlor sich in die stillen dichten Wälder hinein. Der saubere weiße Lattenzaun war frisch gestrichen. In dem Vorgarten, den er einschloß, blühten die letzten Narzissen des Jahres. Auf der Haustreppe standen zwei Frauen in Schwarz, hinter ihnen eine große braune Frau mit den Händen unter der Schürze und einem breiten Lächeln, das die weißen Zähne entblößte. Die rundliche Miß Pittypat wippte aufgeregt auf ihren winzigen Füßen. Die eine Hand hielt sie an den vollen Busen gepreßt, um ihr klopfendes Herz zu beruhigen. Neben ihr stand Melanie. In Scarlett regt e sich der Widerwille, und ihr wurde klar, daß diese feine kleine Person im schwarzen Trauerkleid mit den fraulich geglätteten, widerspenstigen Locken und dem herzförmigen Gesicht, das jetzt ein liebevolles glückliches Willkommenlächeln erhellte, in Atlanta das Haar in der Suppe für sie sein würde.

Wenn jemand aus den Südstaaten einmal seinen Koffer packte und zwanzig Meilen auf Besuch reiste, so dauerte ein solcher Besuch selten kürzer als einen Monat, meist aber länger. Die Leute waren ebenso begeistert Gast wie Gastgeber, und es war nichts Ungewöhnliches, daß Verwandte zu den Weihnachtsferien kamen und bis in den Juli hinein blieben. Junge Paare, die auf der Hochzeitsreise ihre übliche Besuchsrunde machten, blieben oft, wenn es ihnen irgendwo gefiel, bis zur Geburt des zweiten Kindes. Häufig kamen ältere Tanten und 0nkel am Sonntag zum Mittagessen und blieben, bis sie Jahre später begraben wurden. Ein Gast war kein Problem. Das Haus war groß, die Dienstboten waren zahlreich, und einige Mäuler mehr zu sättigen war in dem Lande des Überflusses eine Kleinigkeit. Jedes Alter, jedes Geschlecht fuhr auf Besuch, Hochzeitsreisende, junge Mütter, die ihre Kleinen herumzeigten, Erholungsreisende, Trauernde, Mädchen, deren Eltern Wert darauf legten, sie den Gefahren einer törichten Heirat zu entrücken, andere Mädchen, die unverlobt das gefährliche Alter erreicht hatten und nun unter Führung auswärtiger Verwandten eine passende Partie machen sollten. Gäste brachten Anregung und Abwechslung in das langsam fließende Leben des Südens und waren immer willkommen.

So war auch Scarlett ohne eine Ahnung, wie lange sie bleiben würde, nach Atlanta gekommen. War es dort so langweilig wie in Savannah und Charleston, so kehrte sie nach einem Monat wieder nach Hause zurück. War es aber schön, so konnte sie unendlich lange bleiben. Aber kaum war sie angekommen, so begannen Tante Pitty und Melanie einen Feldzug, um sie zu überreden, sich für die Dauer bei ihnen niederzulassen. Jeden nur erdenklichen Grund führten sie an. Um ihrer selbst willen wollten sie sie dabehalten, weil sie sie liebhätten. Sie wären so einsam und fürchteten sich oft nachts in dem großen Hause; sie aber sei tapfer und mache ihnen Mut. So reizend sei sie, daß sie sie in ihrem Kummer richtig aufmuntern könne. Seitdem Charles nicht mehr lebe, sei ihr und ihres Sohnes Platz bei seinen Verwandten. Außerdem gehöre ihr jetzt laut Charles' Testament die Hälfte des Hauses. Und schließlich brauche die Bundesregierung jede Hand zum Nähen, Stricken, Scharpiezupfen und zur Verw undetenpflege.

Auch Henry Hamilton, Charles' 0nkel, der als alter Junggeselle im Hotel neben dem Bahnhof wohnte, sprach ernsthaft mit ihr darüber. Er war ein untersetzter, unzugänglicher alter Hagestolz mit dickem Bauch, rosigem Gesicht und vollem Silberhaar. Für weibliche Schamhaftigkeiten und Grillen war er ohne jegliches Verständnis. Deshalb sprach er auch kein Wort mit seiner Schwester Pittypat. Von der Kinderzeit an waren die beiden in ihrem ganzen Naturell Gegensätze gewesen und hatten sich dann durc h seine Einwendungen gegen ihre Art, Charles aufzuziehen, noch weiter entfremdet. »Einen richtigen Waschlappen machst du aus einem Soldatenkind!« Vor Jahren hatte er Pitty dermaßen beleidigt, daß sie seitdem nur mit solcher Scheu und so verstohlen von ihm sprach, daß ein Fremder den armen alten Rechtsanwalt mindestens für einen Mörder halten mußte. Zu dieser Beleidigung war es gekommen, als Miß Pitty von ihrem Vermögen, das er verwaltete, fünfhundert Dollar abzuheben und in einem gar nicht vorhandenen Goldbergwerk anzulegen wünschte. Er hatte darauf hitzig erklärt, daß sie nicht mehr Verstand als ein Maikäfer habe, und es mache ihn nervös, länger als fünf Minuten mit ihr zusammen sein zu müssen. Seitdem sah sie ihn nur noch einmal im Monat, wenn sie in seine m Büro ihr Hausstandsgeld in Empfang nahm. Nach diesen kurzen, förmlichen Besuchen mußte sie sich jedesmal für den Rest des Tages unter Tränen und mit Riechsalz ins Bett legen. Melanie und Charles, die ausgezeichnet mit ihrem 0nkel standen, hatten sich oft erboten, ihr diese Prüfung abzunehmen, aber sie hatte stets ihre Kinderlippen fest zusammengepreßt und es abgelehnt. Henry war ihr Kreuz, und ihr Kreuz mußte sie tragen. Daraus konnte man nur schließen, daß sie an solchen gelegentlichen Aufregungen, den einzigen in ihrem behüteten Leben, eine wahre Herzensfreude hatte.

0nkel Henry hatte Scarlett sofort gern; er sehe ohne weiteres - so sagte er -, daß sie trotz all ihrer albernen Ziererei doch ein paar Gran Verstand habe. Er verwaltete nicht nur Pittys und Melanies Vermögen, sondern auch Scarletts Erbteil von Charles. Für Scarlett war es eine angenehme Überraschung, daß sie jetzt eine wohlhabende junge Frau war. Charles hatte ihr nicht nur die Hälfte von Tante Pittys Haus hinterlassen, sondern auch Ländereien und städtischen Grundbesitz. Und die Speicher und Lagerhäuser längs des Schienenstranges beim Bahnhof, die sie ebenfalls geerbt hatte, waren jetzt dreimal soviel wert wie bei Ausbruch des Krieges. Als 0nkel Henry ihr die Abrechnung vorlegte, warf er die Frage auf, ob sie nicht ihren dauernden Wohnsitz in Atlanta aufschlagen wolle.

»Wenn Wade Hampton mündig wird, ist er ein reicher junger Mann«, sagte er. »Wächst Atlanta in diesem Tempo weiter, so steigt der Wert seines Vermögens in zwanzig Jahren um das Zehnfache, und es ist nur richtig, daß der Junge dort aufwächst, wo sein Besitz ist. Dort lernt er am besten, sich um ihn und auch um Pittys und Melanies Vermögen zu kümmern. Und bald ist er der einzige männliche Hamilton, denn ich lebe ja nicht ewig.«

Was nun 0nkel Peter betraf, so war es für ihn beschlossene Sache, daß Scarlett gekommen sei, um zu bleiben. Ihm war es ein Unding, daß Charles' einziger Sohn irgendwo anders als unter seiner, 0nkel Peters, Erziehung aufwachsen sollte.

Scarlett wollte sich nicht entscheiden, ehe sie nicht wußte, wie es ihr hier auf die Dauer gefallen würde. Außerdem mußten erst Gerald und Ellen gefragt werden, und Tara war so fern! Sie verspürte Heimweh nach den roten Feldern, den aufspringenden grünen Baumwollknospen und den sanften schweigenden Dämmerungen. Zum erstenmal ging ihr leise auf, was Gerald gemeint hatte, als er sagte, die Liebe zur Heimat läge auch ihr im Blut.

So vermied sie denn einstweilen mit geschickter Höflichkeit, eine bestimmte Zusage zu geben, und suchte sich zunächst in das Leben des roten Backsteinhauses am Ende der Pfirsichstraße einzufügen. Sie lebte mit Charles' Verwandten zusammen und begann den Mann, der sie so rasch hintereinander zur Frau, zur Witwe und zur Mutter gemacht hatte, ein wenig besser zu verstehen. Sie begann zu begreifen, warum er so schüchtern und so reinen Gemüts gewesen war. Hatte Charles überhaupt etwas von der harten, heißblütigen Soldatenart seines Vaters geerbt, so war das in der vornehm damenhaften Atmosphäre seiner Kindheit bald untergegangen. Er hatte an der kindlichen Tante Pitty gehangen und seine Schwester Melanie mehr geliebt, als es sonst Geschwisterart ist, und zwei sanftere, weltfremdere Frauen konnte man sich kaum vorstellen,

Tante Pittypat war vor sechzig Jahren auf die Namen Sarah Jane Hamilton getauft worden, aber seit dem längst vergangenen Tage, da ihr spaßesfroher Vater ihr wegen ihrer trippelnden, trappelnden Füße den Kosenamen angehängt hatte, wurde sie nie mehr anders genannt. Seither hatte sich vieles an ihr verändert, und der Name wollte nicht mehr recht passen. Von dem wilden frischen Kind war nichts übriggeblieben als zwei überaus zierliche Füßchen, die ihr Gewicht kaum tragen konnten, und eine Neigung, verloren und ziellos vor sich hin zu schwatzen. Sie war d ick, rotwangig und weißhaarig geworden und hatte einen kurzen Atem, weil sie sich immer zu fest schnürte. Weiter als einen Häuserblock vermochte sie auf ihren winzigen Füßchen, die sie obendrein immer in zu kleine Schuhe preßte, nicht zu gehen. Bei jeder Erregung geriet ihr Herz aus dem Takt, denn sie verhätschelte es sehr. Bei jedem Anlaß schwanden ihr die Sinne, aber jeder wußte, daß ihre 0hnmachten nichts weiter waren als zimperliche Posen; und jeder hatte Miß Pittypat zu gern, um es ihr zu sagen. Jeder hatte sie gern, verzog sie wie ein Kind und nahm sie nicht ernst - mit der einzigen Ausnahme ihres Bruders Henry. Mehr noch als alles andere auf der Welt, sogar als die Freuden der Tafel, liebte sie harmlosen Klatsch. Stundenlang schwatzte sie freundlich über die Angelegenheiten anderer Leute. Weder für Namen noch für Daten und 0rte hatte sie ein Gedächtnis, und alle handelnden Personen wurden von ihr hoffnungslos miteinander verwechselt. Das störte aber niemanden, denn niemand war so töricht, ernst zu nehmen, was sie sagte, niemand erzählte ihr je etwas wirklich Anstößiges; ihre altjüngferliche Zimperlichkeit mußte auch mit sechzig Jahren noch geschont und behütet werden, und ihre Freunde waren im allgemeinen Wohlwollen miteinander verschworen, sie als verzogenes und umhegtes Kind zu erhalten.

Melanie war ihrer Tante in manchen Zügen ähnlich. Sie hatte etwas von ihrer Schamhaftigkeit, ihrer Bescheidenheit und ihrer Neigung zum plötzlichen Erröten; aber sie besaß daneben einen gesunden Menschenverstand. »In gewissem Sinne, das muß ich zugeben«, meinte Scarlett mit einigem Widerstreben. Melanie hatte wie Tante Pitty die Miene eines umhegten, herzensguten und einfältigen Kindes, welches das Böse nie mit Augen gesehen hat und es nicht erkennen würde, wenn es ih m begegnete. Sie war immer glücklich gewesen und wollte, daß auch alle um sie herum glücklich und zufrieden seien. Sie betrachtete alles von der besten und freundlichsten Seite. Kein Dienstbote war so dumm, daß sie nicht irgendeinen ausgleichenden Zug der Treue und Herzensgüte an ihm entdeckte, kein Mädchen so häßlich, daß sie nicht seine Gestalt anmutig oder seinen Charakter edel fand, kein Mann so ohne Wert und Bedeutung, daß sie ihn nicht dennoch im Lichte seiner besten Möglichkeiten zu sehen versuchte. Um dieser gutherzigen Züge willen scharte sich alles um sie, denn wer könnte der Anziehungskraft eines Menschen widerstehen, der an allen anderen so hohe Eigenschaften entdeckt, wie sie selber sich niemals träumen lassen! Sie hatte mehr Freundinnen als irgend jemand sonst und auch mehr Freunde, wenn auch nur wenige Verehrer. Ihr fehlten der Eigensinn und die Eigenliebe, die den Männerherzen ein gut Stück voranzuhelfen pflegen.

Melanie tat nur das, was allen Mädchen aus den Südstaaten anerzogen wurde: sie sorgte unentwegt für allgemeine Unbefangenheit und Selbstzufriedenheit. Diese segensreiche Verschwörung der Frauen machte das gesellige Leben in den Südstaaten so angenehm. Ein Land, wo die Männer zufrieden waren, wo ihnen nicht widersprochen und sie in ihr er Eitelkeit nicht verletzt wurden, mußte ein angenehmer Aufenthaltsort für Frauen sein. Das wußten sie und richteten sich danach. Die Männer vergalten es ihnen reichlich mit Ritterlichkeit und Verehrung. Sie gönnten den Damen von Herzen alles in der Welt, nur nicht ihren Verstand. Scarlett ließ dieselben Künste wie Melanie spielen, jedoch mit vollendeter Geschicklichkeit. Der Unterschied zwischen den beiden Mädchen bestand darin, daß Melanie die Menschen, Scarlett aber sich selber glücklich machen wollte.

Charles hatte in diesem Hause keinerlei stählenden Einfluß erfahren und nichts von der rauhen Wirklichkeit des Lebens zu spüren bekommen. Verglichen mit Tara war dies Heim ein weiches, altmodisches Nest. Scarlett fand, es schreie förmlich nach Branntwein und Tabakduft, nach lauten Stimmen und Flüchen, nach Bärten und Gewehren, nach Jagdhunden, die einem zwischen den Beinen herumliefen. Sie vermißte den Klang streitender Stimmen, der auf Tara immer zu hören war, sobald Ellen den Rücken gekehrt hatte. Hier war alles still, jeder fügte sich den Wünschen der andern, und am Ende hatte stets der schwarze grauhaarige Selbstherrscher in der Küche seinen Willen. Scarlett hatte, fern von Mammys Aufsicht, die Zügel lockerer zu Enden gehofft. Zu ihrem Leidwesen mußte sie aber feststellen, daß 0nkel Peters Ansichten über vornehmes Betragen, besonders wo es sich um Master Charles' Witwe handelte, noch strenger waren als Mammys.

Scarlett war erst siebzehn Jahre und von prachtvoller Gesundheit und Lebenskraft, und Charles' Familie tat das Menschenmögliche, um sie glücklich zu machen. Wenn es nicht ganz gelang, so war das nicht ihre Schuld, denn niemand konnte die Wunde in ihrem Herzen heilen, die zu schmerzen begann, sobald Ashleys Name genannt wurde. Und Melanie nannte ihn so oft! Aber Melanie und Pitty waren unermüdlich, immer neue Linderungsmittel für den Kummer herauszufinden, mit dem sie sich nach ihrer Meinung herumquälte. Sie taten alles, um sie zu zerstreuen. Sie nahmen es peinlich genau mit ihrer Ernährung, mit ihrer Ruhe und ihren Spazierfahrten. Sie bewunderten nicht nur über die Maßen Scarletts Temperament, ihren schlanken Wuchs, ihre zierlichen Hände und Füße, ihre weiße Haut, sondern sagten es ihr auch oft und streichelten und umschmeichelten und küßten sie immer aufs neue. An Liebkosungen lag Scarlett nichts, aber sie sonnte sich in den Schmeicheleien. Auf Tara hatte ihr niemand so viel Schmeichelhaftes gesagt; im Gegenteil, Mammy hatte ihre Tage damit verbracht, an ihr herumzumäkeln. Der kleine Wade war ihr keine Last mehr. Die Familie und alles, was an Schwarzen und Weißen dazugehörte, auch alle Nachbarn, vergötterten ihn, und es war eine unaufhörliche Eifersüchtelei im Gange, wem er gerade auf dem Schoß sitzen durfte. Besonders Melanie war in ihn vernarrt. Noch wenn er am durchdringendsten kreischte, fand Melanie ihn himmlisch und schmachtete: >Ach,dusüßer Liebling! Wärstdudochmein! <

Manchmal fiel es Scarlett schwer, ihre wahren Gefühle zu verbergen. Tante Pitty war ihr noch immer die albernste unter allen alten Damen. Ihre Fahrigkeit und ihre Grillen fielen ihr unerträglich auf die Nerven. Scarletts eifersüchtige Abneigung gegen Melanie wuchs mit jedem Tag, und manchmal mußte sie unvermittelt das Zimmer verlassen, wenn Melanie strahlend von Ashley sprach und aus seinen Briefen vorlas. Aber es lebte sich hier doch so glücklich, wie es unter den Umständen nur möglich war. Atlanta bot ihr so viel neuartige Ablenkung, daß ihr zum Denken und Trauern wenig Zeit blieb. Nur manchmal, des Abends, wenn sie das L icht ausgeblasen hatte, seufzte sie, den Kopf im Kissen vergraben: »Wäre Ashley doch nicht verheiratet! Wenn ich nur nicht in diesem schrecklichen Lazarett zu pflegen brauchte! Was gäbe ich nicht umein paar Verehrer!«

Der Krankendienst war ihr vom ersten Tag an abscheulich, aber sie konnte sich der Pflicht nicht entziehen, weil sie sowohl in Mrs. Meades wie in Mrs. Merriwethers Komitee saß.

Viermal in der Woche hatte sie, vom Hals bis zu den Füßen in einer viel zu warmen Schürze steckend und ein Tuch fest um den Kopf gebunden, den ganzen Vormittag in dem stickigen Lazarett Dienst. Jede Frau in Atlanta, ob alt oder jung, pflegte mit einer Begeisterung, die in Scarletts Augen an Fanatismus grenzte. Ihnen allen war es selbstverständlich, daß auch sie von glühendem Patriotismus erfüllt sei; hätten sie gewußt, wie wenig inneren Anteil sie am Kriege nahm, sie wären empört gewesen. Das einzige, was Scarlett beschäftigte, war die ununterbrochene Seelenangst, Ashley könnte fallen.

Romantisch war die Tätigkeit der Krankenschwestern durchaus nicht. Stöhnen, Delirium, Tod und Gestank! Das Lazarett war übervoll von verschmutzten, bärtigen Männern voller Ungeziefer, die abstoßend rochen und so scheußliche Verletzungen am Körper hatten, daß einem Christenmenschen wohl übel davon werden konnte. Der Geruch der brandigen Wunden schlug ihr schon weit vor der Tür in die Nase, ein ekler süßlicher Gestank, der ihr am Haar und an den Händen haftenblieb. Über den Patienten summten Schwärme von Fliegen, Moskitos und Mücken und quälten sie, daß sie fluchten oder matt aufschluchzten. Scarlett kratzte die eigenen Moskitostiche und schwenkte Palmenwedel, bis ihr die Arme schmerzten und sie allen Verwundeten den Tod wünschte.

An Melanie hingegen schienen die Gerüche, die Wunden und die Nacktheit der Männer spurlos vorüberzugehen, was Scarlett an dieser schüchternsten, verschämtesten aller Frauen wundernahm. Manchmal sah Melanie allerdings sehr bleich aus, wenn sie Dr. Meade die Schalen und Instrumente reichte, während er brandiges Fleisch wegschnitt. Einmal fand Scarlett sie nach einer solchen 0peration in der Wäschekammer, wie sie sich heimlich erbrach. Aber solange die Verwundeten sie sehen konnten, war sie sanft, verständnisvoll und froh, und die Leute nannten sie einen Engel des Erbarmens. Diesen Titel hätte Scarlett auch gern gehabt, aber damit war verbunden, daß man verlauste Männer anfaßte, mit dem Finger im Hals von bewußtlosen Patienten nachfühlte, ob sie nicht etwa an einem verschluckten Priem erstickten, daß man Stümpfe verband und faules und eitriges Fleisch säuberte. Nein, sie mochte durchaus nicht pflegen! Vielleicht wäre es hier erträglicher gewesen, wenn sie bei den Genesenden ihren weiblichen Zauber hätte spielen lassen dürfen. Aber als Witwe konnte sie sich derlei nicht erlauben. Die Genesenden waren in der Hut der jungen Mädchen aus der Stadt, die nicht pflegen durften, damit ihre jungfräulichen Augen nichts Unziemliches zu sehen bekamen. Unbeschwert von Ehe und Witwenschaft konnten sie sich ausleben, und auch die Unscheinbar sten unter ihnen hatten, wie Scarlett mißmutig beobachtete, keine Schwierigkeiten, einen Bräutigam zu finden. Abgesehen von den schwerverletzten und sterbenden Männern im Lazarett, lebte Scarlett ganz und gar in einer Welt von Frauen. An drei Nachmittagen in der Woche mußte sie an den Nähzirkeln von Melanies Freundinnen teilnehmen. Alle Mädchen waren sehr freundlich und zuvorkommend gegen sie, besonders Fanny Elsing und Maybelle Merriwether, die Töchter der beiden städtischen Machthaberinnen. Sie kamen ihr mit solcher Ehrerbietung entgegen, als wäre sie alt und zähle nicht mehr mit. Ihr ständiges Gerede über Bälle und Verehrer erfüllte Scarlett mit Bitterkeit, weil ihre Witwenschaft sie davon ausschloß. War sie nicht dreimal so anziehend wie Fanny und Maybel le? Ach, wie ungerecht war das Leben! Wie ungerecht, daß jeder dachte, ihr Herz läge im Grabe, und es war doch in Virginia bei Ashley!

Aber trotz aller Kümmernisse gefiel Atlanta ihr gut. Die Wochen vergingen, und ihr Besuch dauerte länger und länger.

An einem Hochsommermorgen saß Scarlett am Fenster ihres Schlafzimmers und sah betrübt die Leiterwagen und Equipagen voller Soldaten und Mädchen mit ihren Chaperons fröhlich die Pfirsichstraße hinunterfahren, um Blätterschmuck für den Basar zu holen, der am Abend zum Besten der Lazarette stattfinden sollte. Auf die schattige rote Straße fielen helle Sonnenflecken durch das Laubgewölbe der Bäume. Die Hufe wirbelten kleine Staubwolken auf. In einem Leiterwagen, der den anderen voranfuhr, saßen vier dicke Farbige mit Äxten, während sich hinten im Wagen die mit Servietten bedeckten Frühstückskörbe und Dutzende von Wassermelonen häuften. Zwei der schwarzen Gesellen waren mit Banjo und Harmonika ausgerüstet und gaben schwungvoll »Wenn ihr es gut haben wollt, kommt zur Kavallerie!« zum besten. Hinter ihnen her strömte die lustige Kavalkade, die Mädchen in leichten geblümten Waschkleidern mit feinen Schals, Häubchen, Handschuhen und Sonnenschirmchen. Alte Damen lächelten zufrieden unter Scherzen und Anrufen von Wagen zu Wagen. Genesende Soldaten, eingekeilt zwischen dicken Chaperons und schlanken Mädchen, die viel Lärm und Wesens um sie machten, 0ffiziere zu Pferde im Schneckenschritt neben den Equipagen, Rädergequietsch und Sporengeklirr, schimmernde goldene Tressen, Fächergewedel und dem Gesang der Farbigen. Ganz Atlanta fuhr über die Pfirsichstraße hinaus, um Laub zu pflücken und ein Picknick zu feiern. »Ganz Atlanta« dachte Scarlett, »nur ich nicht.«

Man winkte ihr fröhlich im Vorbeifahren zu. Sie suchte mit fröhlicher Miene zu antworten, aber es wurde ihr schwer. Mit einem Stich im Herzen hatte es begonnen und stieg nun langsam zum Halse herauf. Jeder ging zum Picknick, nur sie nicht. Und heute abend ging jeder zum Basar und zum Ball, nur sie nicht. Das heißt, nur sie, Pittypat und Melly und all die anderen Unglücksvögel in der Stadt, die Trauer hatten, nicht. Melly machte sich nichts daraus und kam gar nicht auf den Gedanken, daß sie gern hingegangen wäre. Aber Scarlett fühlte den brennenden Schmerz der Entsagung.

Es war ungerecht. Sie hatte doppelt so schwer wie andere Mädchen in der Stadt gearbeitet, um mit allem für den Basar fertig zu werden, hatte Socken, Babykappen und Halsbinden gestrickt und zahllose Meter Spitzen geklöppelt. Viele Kissenbezüge hatte sie mit der Konfö deriertenflagge bestickt. Die Sterne waren wohl ein wenig schief geworden, einige beinahe rund, andere sechsund sogar siebeneckig, aber es machte sich doch gut. Gestern hatte sie bis zur Erschöpfung in dem alten verstaubten Schuppen eines Waffenarsenals gearbeitet, um die Verkaufsbuden, die an den Wänden entlang errichtet waren, mit buntem Stoff zu verkleiden. Das war rechtschaffene Arbeit und kein Spaß gewesen. Den Damen Merriwether und Elsing zur Hand zu gehen, war niemals ein Spaß, sie sprangen mit ihr u m, als wäre sie eine Schwarze. Dazu mußte sie auch noch mit anhören, wie sie mit der Beliebtheit ihrer Töchter prahlten. Was aber das Schlimmste war, sie hatte sich, als sie Pittypat und Cookie bei den Schichttorten für die Tombola half, zwei Blasen in die Finger gebrannt. Sie hatte gearbeitet wie eine Magd und sollte sich jetzt, wo das Vergnügen anfangen sollte, zurückziehen. Ach, es war hart, daß sie einen toten Mann und ein Kind hatte und von allem Schönen ausgeschlossen war! Noch vor einem Jahre hatte sie getanzt und statt der dunklen Trauer bunte Kleider getragen und war mit drei Burschen so gut wie verlobt gewesen.

Sie war siebzehn Jahre alt, und ihre Füße warteten noch auf viele ungetanzte Tänze. Das Leben ging in grauen Uniformen, mit Sporengeklirr, in geblümten 0rgandykleidem und mit Banjoklang an ihr vorüber. Beim lächelnden Grüßen war es ihr nicht leicht, ihre Grübchen in Zucht zu halten und immer noch so auszusehen, als läge ihr Herz im Grabe. Jäh hörte sie auf zu grüßen und zu winken, als Pittypat ins Zimmer stürzte und sie vom Fenster wegriß. »Kindchen, hast du den Kopf denn ganz und gar verloren, daß du Männer vom Schlafzimmerfenster aus grüßt? Ich bin entsetzt, Scarlett; was würde deine Mutter dazu sagen?«

»Sie wissen doch nicht, daß es mein Schlafzimmer ist.«

»Aber sie könnten es denken, und das ist ebenso schlimm. Alle werden nun über dich reden, und jedenfalls weiß Mrs. Merriwether, daß es dein Schlafzimmer ist!«

»Und nun erzählt die alte Katze das überall herum?«

»Kindchen, Dolly Merriwether ist meine beste Freundin!«

»Meinetwegen, aber eine alte Katze ist sie trotzdem - ach, es tut mir ja leid, Tantchen, weine nur nicht! Ich habe ganz vergessen, daß es mein Schlafzimmerfenster war. Ich wollte sie nur vorbeifahren sehen. Ach, ich wollte, ich könnte mitfahren.«

»UmHimmels willen, Kindchen!«

»Jawohl, ich habe es satt, zu Hause zu sitzen.«

»Scarlett, versprich mir, daß du so etwas nicht wieder sagst. Sonst müßten die Leute ja denken, du ehrtest nicht das Andenken des armen Charlie.«

»Ach, Tantchen, weine doch nur nicht!«

»0h, nein ... sieh, nun mußt du auch weinen«, schluchzte Pittypat voller Wohlbehagen und suchte in der Rocktasche nach ihrem Taschentuch. Auch Scarlett wurde jetzt überwältigt und verlor alle Fassung. Sie schluchzte laut - nicht um den armen Charlie, wie Pittypat dachte, sondern weil das Räderrollen und Gelächter nun verklungen war. Melanie kam aus ihrem Zimmer hereingerasselt, eine Bürste in der Hand, ihr sonst so ordentliches schwarzes Haar war frei vom Netz und plusterte ihr in hundert winzigen Wellen und Löckchen ins Gesicht.

»Ihr Lieben, was ist denn?«

»Charlie!« jammerte Pittypat, barg den Kopf an Mellys Schulter und gab sich ganz dem Genuß ihres Kummers hin.

»Ach!« Mellys Lippen zitterten sogleich, als der Name ihres Bruders fiel. »Sei tapfer, Liebes, nicht weinen. Ach, Scarlett!«

Scarlett hatte sich aufs Bett geworfen und schluchzte herzzerreißend um ihre verlorene Jugend, um die Freuden, die ihr verwehrt wurden, schluchzte empört und verzweifelt wie ein Kind, das einst mit seinen Tränen alles erreichte und nun weiß, daß kein Schluchzen mehr hilft. Sie vergrub den Kopf in die Kissen und weinte und stieß mit den Füßen die mit Quasten behangene Steppdecke weg.

»Ich könnte ebensogut tot sein!« Vor einem solchen Schmerzensausbruch versiegten Pittys wohlige Tränen, und Melly stürzte ans Bett, umdie Schwägerin zu trösten.

»Liebes, nicht weinen! Denke doch, wie lieb Charlie dich gehabt hat, kann dich das nicht trösten? Denk doch an den süßen Kleinen! «

Das Gefühl der Einsamkeit und des Nichtverstandenwerdens war so stark in Scarlett, daß es ihr den Mund verschloß, und das war gut, denn hätte sie jetzt gesprochen, so wäre manche schlimme Wahrheit zutage gekommen. Melly streichelte ihr die Schulter, und Pittypat ging auf Zehenspitzen durch das Zimmer und schloß die Vorhänge. Scarlett hob ihr rotes geschwollenes Gesicht aus den Kissen: »Laß das! Ich bin noch nicht so tot, daß ihr die Vorhänge schließen müßt. Ach, bitte, geht hinaus und laßt mich allein!«

Wieder verbarg sie ihr Gesicht in den Kissen, und nach einigem erregten Geflüster gingen die beiden hinaus. Sie hörte, wie Melanie leise auf der Treppe zu Pittypat sagte:

»Tante Pitty, wenn du doch nicht mehr mit ihr über Charlie sprechen wolltest! Du weißt doch, wie nahe es ihr geht. Armes Ding, sie sieht dann plötzlich so sonderbar aus. Ich weiß, sie versucht dann, die Tränen zu unterdrücken. Wir dürfen es ihr nicht noch schwerer machen.«

In ohnmächtiger Wut stieß Scarlett das Deckbett weg und suchte nach einem Ausdruck, der alles, was sie bewegte, kräftig genug ausdrückte. »Heiliger Strohsack!« kam es schließlich aus ihr hervor, und sie fühlte sich ein klein wenig erleichtert. Wie konnte Melanie sich damit abfinden, zu Hause zu sitzen und für ihren Bruder Krepp zu tragen! Spürte sie nicht, wie das Leben mit Sporenklirren vorüberschritt? Scarlett schlug das Kissen mit Fäusten. »Sie ist nie so geliebt worden wie ich, und deshalb vermißt sie nicht, was ich vermisse. Und ... und ... außerdem hat sie Ashley, und ich habe keinen Menschen!« Und sie brach von neuem in Schluchzen aus.

In düsterer Stimmung blieb sie bis zum Nachmittag auf ihrem Zimmer. Dann kamen draußen die heimkehrenden Picknickgäste wieder vorbeigefahren, müde vor lauter Lebensfreude und Glück, und wieder winkten sie ihr zu, und sie erwiderte trübselig die Grüße. Das Leben war nicht wert, gelebt zu werden.

Die Erlösung aber kam von einer Seite, von der sie sie am wenigsten erwartet hätte. Zur Zeit des Mittagsschlafes kamen die Damen Merriwether und Elsing vorgefahren. Über den unerwarteten Besuch erschrocken, fuhren Melanie, Scarlett und Miß Pittypat in die Höhe, hakten sich rasch die Taille zu, strichen sich das Haar glatt und gingen in den Salon hinunter.

»Mrs. Bonnells Kinder haben die Masern«, sagte Mrs. Merriwether in einem Tonfall, der deutlich zu erkennen gab, daß sie Mrs. Bonell für ein derartiges Vorkommnispersönlich verantwortlich machte.

»Und die McLureschen Mädchen sind nach Virginia gerufen worden«, sagte Mrs. Elsing mit ihrer ersterbenden Stimme und fächelte sich so müde, als ginge das Folgende über ihre Kraft. »Dallas McLure ist verwundet.«

»Wie schrecklich!« riefen ihre Gastgeberinnen im Chor aus. »Ist der arme Dallas ...«

»Nein, nur ein wenig durch die Schulter«, fiel ihnen Mrs. Merriwether ins Wort. »Aber es hätte zu keiner unpassenderen Zeit geschehen können. Die Mädchen fahren nach dem Norden, um ihn nach Hause zu holen. Aber, Himmel, wir haben gar keine Zeit, hier zu sitzen und uns zu unterhalten. Wir müssen sofort zum Arsenal zurück und die Ausschmückung be enden. Pitty, wir brauchen dich und Melly heute abend. Ihr müßt Mrs. Bonnell und die McLures vertreten.«

»Aber Dolly, wir können doch nicht!«

»Pittypat Hamilton«, sagte Mrs. Merriwether energisch, »dieses Wort gibt es bei mir nicht. Ihr müßt die Schwarzen mit den Erfrischungen beaufsichtigen, das war Mrs. Bonnells Amt, und du, Melly, mußt die Bude der McLureschenMädchen übernehmen.«

»Ach, das geht doch nicht, wo der arme Charlie erst ...«

»Ich weiß, wie euch ums Herz ist, aber für die heilige Sache ist kei n 0pfer zu groß«, entschied Mrs. Elsing mit sanfter Stimme.

»Wir würden euch ja so gern helfen, aber ... könnt ihr denn nicht ein paar junge Mädchen für die Bude bekommen?«

»Ich weiß nicht«, schnaubte Mrs. Merriwether, »was die jungen Leute heutzutage haben! Jedenfalls kein Verantwortungsgefühl. Alle jungen Mädchen, die schon Buden übernommen haben, kommen mir mit mehr Ausreden, als ich Haare auf dem Kopf habe. 0h, mir machen sie nichts weis. Sie wollen sich nur ungehindert mit den 0ffizieren amüsieren, das ist alles. Sie sind bange, ihre neuen Kleider könnten hinter den Budenauslagen nicht recht zur Geltung kommen. Ich wünschte wahrhaftig, dieser Blockadebrecher ... wie heißt er doch noch?«

»Kapitän Butler«, half Mrs. Elsing nach.

»Ich wollte, er brächte mehr Lazarettbedarf und weniger Reifröcke und Spitzen herein. Wo ich auch heute ein Kleid bewundern mußte, und es waren mindestens zwanzig, alle hatte er durch die Blockade geschmuggelt. Kapitän Butler ... ich mag den Namen nicht mehr hören. Also, Pitty, wi r haben keine Zeit, länger zu reden, du mußt kommen. Im hinteren Raum sieht dich niemand, und Melly fällt ohnehin nicht auf. Die Bude liegt ganz amEnde und ist nicht sehr hübsch. Da bemerkt euch niemand.«

»Ich finde, wir sollten hingehen«, mischte sich Scarlett ein und versuchte, so harmlos wie irgend möglich auszusehen. »Es ist das mindeste, was wir für das Lazarett tun können.«

Keine der Besucherinnen war auch nur auf den Gedanken gekommen, eine Frau, die kaum ein Jahr Witwe war, bei dieser gesellschaftl ichen Veranstaltung um ihre Mitwirkung zu bitten. Sie sahen sie scharf und erstaunt an; mit großen Kinderaugen hielt Scarlett ihren Blick aus. »Ich finde, jeder hat die Pflicht, das Seine zu tun. Melly und ich könnten doch vielleicht zusammen diese Bude übernehmen, denn ... macht es nicht auch einen besseren Eindruck, wenn wir zu zweien da sind, als eine allein? Was meinst du, Melly?«

»Gott, ja«, stammelte Melly hilflos. Der Gedanke, auf einer gesellschaftlichen Veranstaltung öffentlich zu erscheinen, während sie in Trauer waren, schien ihr so unerhört, daß sie damit nicht zurechtkommen konnte.

»Scarlett hat recht«, sagte Mrs. Merriwether. Sie stand auf und schüttelte den Reifrock zurecht »Ihr beide ... ihr alle müßt kommen. Nein, Pitty, fang nicht wieder mit Entschuldigungen an. Bedenk doch nur, wie dringend das Lazarett Geld braucht! Und wie lieb wäre es Charlie, wenn ihr der heiligen Sache helfen würdet, für die er starb!«

Pittypat war einer stärkeren Persönlichkeit gegenüber immer hilflos. »Wenn ihr meint, daß die Leute es richtig verstehen ...«

»Es ist zu schön, um wahr zu sein! Es ist zu schön, um wahr zu sein!« jubelte Scarletts Herz, als sie unauffällig in die rosa und gelb verhängte Bude schlüpfte, die eigentlich den McLureschen Mädchen gehörte. Sie war auf einer Gesellschaft! Nach einjähriger Abgeschiedenheit in Trauerkleidern und mit gedämpften Stimmen, nach einer Langeweile, die sie schier verrückt gemacht hatte, war sie nun wirklich auf einer Gesellschaft, der größten, die Atlanta je erlebt hatte. Sie konnte wieder Leute sprechen, durfte Lichter sehen und mit eigenen Augen die entzückenden Spitzen, Kleider und Rüschen betrachten, die der berühmte Kapitän Butler auf seiner letzten Fahrt durch die Blockade geschmuggelt hatt e.

Sie sank auf einen der kleinen Hocker hinter der Auslage der Bude und blickte den langen Saal entlang, der noch vor kurzem ein kahler Exerzierraum gewesen war. Wie mußten die Damen heute noch gearbeitet haben, um ihn schön zu machen! Jeder Leuchter und jede Kerze aus ganz Atlanta schienen heute abend hier aufgestellt zu sein. Silberne Leuchter mit einem Dutzend gespreizter Arme, Porzellankandelaber mit zierlichen Figürchen am Fuße, hohe würdige Messingleuchter, alle mit Kerzen von jeder Größe und Farbe versehen, waren auf den Gewehrständern, an den Wänden, auf den langen blumengeschmückten Tischen und sogar vor den offenen Fenstern aufgestellt, durch die die warme Sommerluft gerade kräftig genug hereinwehte, um die Flämmchen ins Flackern zu bringen. Die häßliche Riesenlampe, die in der Mitte der Halle an rostigen Ketten von der Decke herabhing, war mit Efeu und Weinlaub, das in der Hitze schon schlaff wurde, völlig verkleidet worden. Die Wände waren ebenfalls über und über mit würzig duftenden Kiefernzweigen bedeckt, in den Ecken hatte man hübsche Lauben für die alten Damen entstehen lassen. Um die Fensterrahmen und die bunten Buden schlangen sich zierliche Laubgewinde, und inmitten des Grüns prangten überall auf Flaggen und Fahnentüchern die hellen Sterne der Konföderierten auf ihrem rotblauen Hintergrund. Besonders kunstvoll war das erhöhte Podium für die Musik geschmückt: alle Topfund Kübelpflanzen der Stadt waren hier zusammengetragen worden, Geranien, Hortensien, 0leander, Begonien und sogar Mrs. Elsings ängstlich gehütete Gummibäume, die als Ehrenposten an den vier Ecken aufgestellt waren.

Am anderen Ende des Saales, dem Podium gegenüber, hingen große Bildnisse von Präsident Davis und Georgias eigenem »Little- Alec« Stephens, dem Vizepräsidenten der Konföderierten Staaten. Über ihnen prangte ein Riesenbanner, und darunter lag auf langen Tischen alles, was die Gärten nur hatten hergeben können, Farne, Haufen von roten, gelben und weißen Rosen, stolze Sträuße goldgelber Gladiolen, bunte Kapuzinerkresse, hohe steife Stockmalven, die ihre rotbraunen und rahmweißen Köpfe über die anderen Blumen erhoben. Dazwischen brannten helle Kerzen wie auf einem Altar. Die beiden Gesichter blickten von den Bildern auf das Schauspiel herab. Es waren zwei so verschiedene Gesichter, wie sie zwei Männer am Steuer eines so folgenschweren Unternehmens nur haben konnten: Davis mit den eingefallenen Wangen und kalten Augen eines Asketen, die schmalen, stolzen Lippen fest aufeinandergepreßt; Stephens mit tiefliegenden, dunkel glühenden Augen in einem Antlitz, das nur von Krankheit und Schmerz wußte, ihrer aber mit Humor und Feuer Herr geworden war - zwei Gesichter, die sehr geliebt wurden. Nun kamen die ältlichen Komiteedamen, in deren Händen die ganze Verantwortung für die Veranstaltung ruhte, wie mit vollen Segeln hereingerauscht und trieben die verspäteten jungen Frauen und kichernden Mädchen auf ihre Plätze in den Buden, dann wogten sie durch die Türen in die hinteren Räume, wo die Erfrischungen angerichtet wurden - Tante Pitty keuchend hinter ihnen her. Die Musikanten kletterten auf ihr Podium, eine schwarze grinsende Gesellschaft, die fetten Gesichter glänzten schon von Schweiß. Sie begannen ihre Geigen zu stimmen und strichen und lärmten mit ihren Bogen im Vorgefühl ihrer Wichtigkeit. Der alte Levi, Mrs. Merriwethers Kutscher, der seit der Zeit, da Atlanta noch Marthasville hieß, auf jedem Basar und auf jedem Ball das 0rchester dirigierte, klopfte geräuschvoll mit dem Bogen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aller Augen wendeten sich ihm zu. Dann fingen die Geigen, Bratschen, Akkordeons und Banjos unter Begleitung der Schlagzeuge an, »Lorena« zu spielen, vorerst noch zum Tanzen zu langsam. Der Tanz sollte erst später beginnen, wenn die Buden leergekauft waren. Scarlett schlug das Herz rascher, als die süße Schwermut des Walzers an ihr 0hr klang:

»Langsamschwinden die Jahre, Lorena!

Auf den Feldern liegt wieder der Schnee.

Schon tief steht die Sonne amHimmel, Lorena ...!«

Eins, zwei, drei; eins, zwei, drei; tiefe Verbeugung und drehen drei; eins, zwei, drei. Was für ein herrlicher Walzer! Sie breitete die Arme aus, schloß die Augen und wiegte sich in dem traurigen Rhythmus, der einen nicht wieder losließ. In der schwermütigen Melodie von Lorenas verlorener Liebe lag etwas, was sich mit ihrer eigenen Erregung verschmolz und ihr beklemmend in die Kehle stieg.

Dann drangen, als hätte die Walzermusik sie hereingeholt, Klänge von der schattigen, mondbeschienenen Straße herauf: Pferdegetrappel und Wagenrollen, getragen von der warmen, lieblichen Luft, viel frohes Gelächter, Stimmen der Farbigen in ihrer eigentümlich weichen Schärfe, die sich um die Plätze zum Anbinden der Pferde stritten. Von der Treppe her hörte man die frischen Stimmen der Mädchen, die sich mit den Bässen ihrer Begleiter vermischten, muntere Ausrufe der Begrüßung und des freudigen Wiedererkennens. Plötzlich kam Leben in den Saal, die Mädchen erschienen in ihren schmetterlingsbunten Kleidern mit riesigen Reifröcken und Spitzenhöschen, die darunter hervorlugten; kleine, runde, nackte Schultern, zarteste Ansätze ferner, weicher Brüste unter Spitzenrüschen, leicht über den Arm geschlagene Schals, Fächer aus Schwanendaunen und Pfauenfedern, die an Samtbändern von zierlichen Handgelenken herabhingen. Mädchen mit schlicht über den 0hren zurückgestrichenen Haaren, die hinten zu so schweren Knoten geschlungen waren, daß die Köpfe sich in herrischer Gebärde zurückbogen, Mädchen mit blonden Locken um schlanke Nacken und schweren goldenen 0hrgehängen dazwischen. Geschmuggelte Seiden, Spitzen, Borten und Schleifen, alles um so stolzer getragen, als es den Yankees zum Hohn die Blockade durchbrochen hatte.

Nicht alle Blumen der Stadt waren den beiden Führern der Konföderierten Staaten als Tribut dargebracht worden. Mit den allerfeinsten, allerduftigsten Blüten waren diese jungen Mädchen geschmückt. Teerosen staken hinter rosigen 0hren, Jasmin und Rosenknospen hingen in kleinen Girlanden über fallenden Seidenlocken. Blüten wurden sittsam in Atlasschärpen getragen und fanden, noch ehe die Nacht zu Ende ging, ihren Weg als kostbare Andenken in die Brusttaschen grauer Uniformen. In diesen Uniformen waren viele Männer erschienen, die Scarlett vom Lazarett, von der Straße oder vom Exerzierplatz her kannte. Es waren prächtige Waffenröcke mit blanken Knöpfen und funkelnden Goldtressen an Aufschlägen und Kragen; vorzüglich hoben sich von dem Grau der Hosen die roten, gelben und blauen Streifen der verschiedenen Waffengattungen ab. Die breiten Fransen der rot- goldenen 0ffiziersschärpen glitzerten im vielfachen Licht der Kerzen, schimmernde Degen klappten gegen Lackstiefel, Sporen rasselten und klirrten.

»Was für gutaussehende Männer!« dachte .Scarlett in freudiger Erregung, als die Begrüßungen begannen. Trotz der schwarzen und braun en Vollbärte sahen sie alle so jung und unbekümmert aus, mit dem Arm in der Schlinge oder dem erschreckend weißen Kopfverband über dem sonnenverbrannten Gesicht. Einige kamen an Krücken - wie sorgsam paßten ihrem Humpeln die Mädchen den Schritt an! Eine Un iform beschämte durch ihre Farbenpracht den buntesten Putz der Damen und stach aus dem Schwärm wie ein tropischer Vogel hervor. Es war ein Zuave aus Louisiana mit blau und weiß gestreiften Pluderhosen, elfenbeinfarbenen Gamaschen und einem enganliegenden roten Jäckchen - ein dunkler, grinsender kleiner Affe von Mann mit dem Arm in einer schwarzen Seidenschlinge. Das war Maybelle Merriwethers bevorzugter Verehrer, Rene Picard. Das ganze Lazarett war offenbar hier, wenigstens jeder, der gehen konnte, alle Urlauber, alle vom Eisenbahnund Postdienst, von den Sanitäts und Requirierungskommandos zwischen hier und Macon. Wie mußten sich die Komiteedamen freuen! Das Lazarett mußte eine Unsumme von Geld dabei einnehmen.

Von der Straße herauf erscholl Trommelwirbel. Ein Signalhorn ertönte, eine Baßstimme kommandierte: »Rührt euch!« Darauf erdröhnte die schmale Treppe unter den Tritten der Landwehr und des Landsturms, deren bunte Uniformen sich nun gleichfalls in den Saal ergossen. Hier gab es blutjunge Burschen, die sich gelobt hatten, nächstes Jahr um diese Zeit in Virginia zu sein, falls der Krieg so lange dauerte, und alte weißbärtige Männer, die sich wünschten, jünger zu sein, und doch stolz waren, Uniform zu tragen, stolz in dem Abglanz ihrer Söhne an der Front. Unter den Landsturmleuten aber erblickte man vereinzelt auch Männer in felddienstfähigem Alter, die nicht ganz so unbefangen einhergingen wie die Knaben und Greise. Schon begann es um sie her zu tuscheln und zu fragen, warum sie nicht bei General Lee an der Front seien.

Wie sollten sie nur alle in diesem Saal Platz finden! Noch ein paar Minuten vorher hatte er so groß und leer ausgesehen, und nun war er gedrängt voll. Warme sommerliche Düfte erfüllten ihn: Eau de Cologne, Riechwasser, Pomade und brennende Wachskerzen, Blumenduft und schwacher Staub von dem Tritt so vieler Füße auf den alten verbrauchten Dielen. In dem Lärm und Durcheinander der Stimmen war fast nichts mehr zu verstehen, und als spürte der alte Levi die freudige Erregung des Augenblicks, brach er »Lorena« mitten im Takt ab, gab ein lautes Klopfzeichen mit dem Bogen, und das 0rchester spielte, als ginge es ums Leben, die »Schöne blaue Flagge«. Hunderte stimmten ein, sangen mit, jubelten das Lied wie einen einzigen Hochruf. Der Hornist des Landstu rms stieg auf die Plattform und fiel ein, gerade als der Refrain begann, und die hohen Silbertöne stiegen über den Massengesang hinaus, daß es allen durch Mark und Bein ging, auf nackten Armen die Gänsehaut ausbrach und die Erregung kalte Schauer das Rückgrat hinunterjagte:

»Hurra, hurra! Für das Recht des Südens! Für die schöne blaue Flagge, hurra! Nur ein Stern ziert sie, hurra!«

Dröhnend stimmten sie den zweiten Vers an. Scarlett hörte, während sie mitsang, wie hinter ihr Melanies hoher süßer Sopran ebenso klar und eindringlich wie der Silberklang des Horns aufstieg. Sie drehte sich um und sah Melly mit geschlossenen Augen und auf der Brust gefalteten Händen dastehen. Feine Tränen liefen ihr die Wangen hinunter. Als die Musik aufhörte, lächelte sie Scarlett seltsam zu, verzog ein wenig den Mund, als ob sie sich entschuldigen wollte, während sie sich mit dem Taschentüchlein die Augen abtupfte. »Ich bin so glücklich«, flüsterte sie, »und so stolz auf die Soldaten, daß ich weinen muß.« In ihren Augen leuchtete eine tiefe, fanatische Glut, die ihr unscheinbares Gesichtchen überstrahlte und verschönte.

Als das Lied zu Ende war, lag derselbe Glanz auf den Gesichtern aller Frauen, Tränen des Stolzes auf rosigen wie auf runzligen Wangen, ein Lächeln auf den Lippen und in den Augen heiße Glut, wenn sie ihre Männer ansahen, die Liebste den Geliebten, die Mutter den Sohn, die Gattin den Gatten. Alle hatten teil an jener Schönheit, die auch die unscheinbarste Frau verklärt, wenn sie sich ganz und gar geliebt und beschützt fühlt und die Liebe tausendfältig zurückgibt. Sie liebten die Männer ihres Vaterlandes, sie glaubten an sie und vertrauten ihnen bis zum letzten Atemzug. Wie konnte denn der Heimat ein Unglück widerfahren, wenn diese hochgemute graue Mauer der heldenhaftesten und ritterlichsten Männer, die je auf der Welt gelebt hatten, sich zwischen ihr und den Yankees erhob! Aller Herzen waren übervoll von Hingabe und Stolz, übervoll von der gerechten Sache der Konföderierten, deren endgültiger Sieg zum Greifen nahe war. »Stonewall« Jacksons Erfolge im Shenandoahtal und die Niederlage der Yankees in der siebentägigen Schlacht um Richmond ließen daran keinen Zweifel. Wie konnte das bei solchen Heerführern wie Lee und Jackson auch anders sein? Noch ein Sieg, dann lagen die Yankees am Boden und bettelten um Frieden. Dann kamen die Männer nach Hause geritten, und dann war des Küssens und Lachens kein Ende. Noch ein Sieg, und der Krieg war aus.

Freilich stand mancher Stuhl leer, mancher Säugling sollte die väterlichen Züge nie zu Gesicht bekommen, manches namenlose Grab lag an einsamen Bächen in Virginia und in den stillen Bergen von Tennessee. Aber war denn solcher Preis für die heilige Sache zu hoch? Daß Seidenstoffe und Genußmittel schwer zu haben waren, darüber lachte man nur. Außerdem brachten die schneidigen Blockadebrecher vor der Nase der Yankees manches herein, und das machte seinen Besitz doppelt aufregend. Bald würden Raphael Semmes und die konföderierte Flotte sich etwas näher mit den Kanonenbooten der Yankees befassen, und dann standen die Häfen wieder weit offen. Überdies mußte England den Südstaaten zu Hilfe kommen, denn dort standen die Spinnereien still, solange sie keine Baumwolle erhielten. Natürlich stand auch der britische Adel auf seilen der Konföderierten, wie eben Aristokraten gegen ein Gesindel von Geldmachern zusammenhielten.

So ließen denn die Frauen ihre Seide rauschen und empfanden die doppelte Süßigkeit der Liebe im Angesicht von Tod und Gefahr. Scarletts Herz pochte in der stürmischen Erregung, endlich wieder unter Menschen zu sein. Aber der Ausdruck einer schwärmerischen Begeisterung auf allen Gesichtern, die sie nicht teilte und nur halb verstand, dämpfte ihre Freude. Der Saal schien ihr nicht mehr so schön, die Mädchen nicht mehr so elegant, als ihr der Gedanke kam, daß all diese Glut der Hingabe auf jedem Antlitz vergeblich und ... albern sei.

Voller Entsetzen sagte sie sich: »Nein, nein! So etwas darfst du nicht denken, das ist unrecht, das ist Sünde!« Aber doch war ihr klargeworden , daß die große heilige Sache ihr nichts bedeutete. Es langweilte sie nur, wenn alle Menschen mit fanatischem Blick in den Augen davon sprachen. Der Krieg kam ihr durchaus nicht als etwas Heiliges, sondern als etwas sehr Lästiges und Sinnloses vor. Ihr wurde klar, wie müde sie des endlosen Strickens, des Bindenrollens und Scharpiezupfens war, von dem ihre Fingerspitzen rauh wurden. Ach, und das Lazarett hatte sie so satt! Es machte sie elend und krank mit seinen ekelerregenden Gerüchen und dem endlosen Gestöhn. Der Ausdruck nahenden Todes auf den eingefallenen Gesichtern war ihr fürchterlich.

Verstohlen blickte sie sich um, voller Sorge, es möchte jemand in ihrem Gesicht lesen, was in ihrer Seele vorging. Warum konnte sie nicht wie die anderen Frauen empfinden? Sie alle meinten wirklich von ganzem Herzen, was sie sagten und taten, sie aber mußte die Begeisterung und den Stolz, den sie nicht empfinden konnte, spielen; mußte die Maske der Kriegerwitwe anlegen, die ihren Schmerz tapfer trägt, während ihr Herz im Grabe liegt; die davon durchdrungen ist, daß ihres Mannes Tod nichts gegen den Sieg der großen heiligen Sache bedeutet. Ach, wie einsam sie sich fühlte, sie, die doch niemals zuvor einsam gewesen war! Anfangs versuchte sie, sich selber über ihre Empfindungen zu täuschen, aber die harte Ehrlichkeit, die ein Grundzug ihres Wesens war, ließ es nicht zu, und während dieses Wohltätigkeitsfest seinen Gang ging, war ihr Geist emsig beschäftigt, sich vor sich selbst zu rechtfertigen, eine Aufgabe, die ihr selten schwerfiel. Alle andern Männer und Frauen schienen ihr wie benebelt von ihrer Vaterlandsliebe; sie allein, Scarlett 0'Hara-Hamilton, hatte den klaren irischen Verstand, der sich nicht bestechen ließ; aber keiner durfte je die Nüchternheit ihrer Anschauungen erfahren! Welche Empörung würde es hervorrufen, wenn sie plötzlich aufs Podium spränge und sagte, der Krieg möge aufhören, damit sie alle wieder heimkehren und sich um ihre Baumwolle kümmern könnten, damit es wieder Gesellschaften und Verehrer und blaßgrüne Kleider in Hülle und Fülle gäbe!

Für einen Augenblick blickte sie angewidert und voller Hochmut auf das Treiben rings um sie her. Ihre Bude war unauffällig gelegen, selten nur kam jemand daran vorbei, und Scarlett konnte nichts anderes tun als den fro hen Schwarm von weitem betrachten. Melanie, die ihre Mißstimmung bemerkte, sie aber der Sehnsucht nach Charlie zuschrieb, beschäftigte sich damit, die Waren in ihrer Auslage schöner zu verteilen, während Scarlett mürrisch in den Saal blickte und sogar an den vielen Blumen unter den Bildern von Davis und Stephens nichts als Mißfallen fand. »Wie ein Altar sieht es aus«, dachte sie abfällig. »Die beiden könnten fast Gott, Vater und Sohn, darstellen!« Erschrocken über ihren eigenen Einfall bekreuzigte sie sich verstohlen, verfolgte den Gedanken aber doch weiter. Die Leute machten so viel Wesens von den beiden, als seien sie Heilige, und dabei waren es doch nur Menschen, und sie sahen nicht einmal gut aus. Natürlich konnte Stephens nicht dafür, daß er sein Leben lang krank gewesen war; aber Davis' stolzes Gesicht mit den reinen, scharfgeschnittenen Zügen verdroß sie wegen seines Ziegenbartes, und sie sah nicht darin die klare kalte Intelligenz, die die Bürde einer neuen Nation trug. Scarlett fühlte sich nicht glücklich, denn niemand achtete ihrer. Sie war hier die einzige junge, nicht verheiratete Frau, die keinen Verehrer hatte. Sie war siebzehn Jahre alt, ihre Füße wollten tanzen und springen. Sie hatte einen Mann auf dem Friedhof von 0akland liegen und ein kleines Kind in der Wiege bei Tante Pittypat, und jeder meinte, sie könnte mit ihrem Los zufrieden sein, und es half ihr nichts, daß ihre Brust weißer, ihre Taille schlanker, ihre Füße zierlicher waren als bei irgendeinem anderen Mädchen. Sie war nicht alt genug, um Witwe zu sein, und doch mußte sie hier in vorbildlicher Witwenwürde sitzen und ihre Stimme dämpfen und ihre Augen verschämt niederschlagen, wenn Herren an ihre Bude traten. Sie kam sich in dem heißen schwarzen Taft, der kaum ihre Handgelenke freiließ und bis ans Kinn zugeknöpft war, wie eine Krähe vor und mußte geduldig zusehen, wie so viele unscheinbare Mädchen sich gutaussehenden Männern an den Arm hängten. Und alles, weil Charles die Masern gehabt hatte. Nicht einmal den Heldentod in der Schlacht war er gestorben, womit sie wenigstens noch hätte prahlen können. Gereizt stützte sie die Ellbogen auf den Auslagentisch und sah herausfordernd in die Menge. Was scherte es sie, daß Mammy sie so oft ermahnt hatte, die Ellbogen nicht aufzustützen, damit sie nicht runzlig würden! Was lag daran, wenn sie häßlich würden? Wahrscheinlich bekam sie doch nie wieder Gelegenheit, sie zu zeigen. Begehrlich betrachtete sie die Menge. Maybelle Merriwether ging am Arm des Zuaven an der nächsten Bude vorbei. Sie trug ein apfelgrünes Tarlatankleid, übersät von elfenbeinfarbenen Chantillyspitzen, die mit dem letzten Blockadezug aus Charleston gekommen waren, und protzte so damit, als hätte sie selbst und nicht der berühmte Kapitän Butler die Blockade durchbrochen.

»Wie süß müßte ich darin aussehen! Sie hat eine Taille wie eine Kuh. Das Grün ist meine Farbe, meine Augen würden darin ... Warum versuchen Blondinen überhaupt, diese Farbe zu tragen! Ihre Haut sieht darin grün wie Käse aus. Ach, wenn ich denke, daß ich die Farbe nie wieder tragen darf, selbst dann nicht, wenn die Trauer vorüber ist! Dann werde ich altes, verstaubtes Grau und Braun und Lila tragen müssen. War es nicht ein furchtbarer Unsinn, die ganze Mädchenzeit hindurch zu lernen, wie man Männer gewinnt, und seine Fähigkeiten dann nur ein oder zwei Jahre gebrauchen zu dürfen?« Wenn sie über ihre Erziehung unter Ellens und Mammys Augen nachdachte, so wußte sie, daß sie gründlich und gut gewesen war, denn der Erfolg war nie ausgeblieben. Wie unfehlbar und zuverlässig waren die festen Regeln dieser Erziehung! Mit alten Damen war man lieb und arglos und schlicht, um ihre scharfen, mißtrauischen Blicke zu entwaffnen. Mit alten Herren mußte man schlagfertig und keck sein und schon fast ein wenig liebäugeln, doch nur so viel, daß es ihre Eitelkeit kitzelte. Dann fühlten sie sich wieder jung und kniffen einen in die Wangen. Natürlich mußte man alsdann erröten, sonst taten sie es ärger als schicklich war und erzählten ihren Söhnen, man sei flott. Mit jungen Mädchen floß man über vor Liebe und küßte sie jedesmal, wenn man sie sah, und wäre es zwanzigmal am Tag. Man bewunderte unterschiedslos ihre neuen Kleider, neckte sie wegen ihrer Verehrer und sagte nie, was man wirklich dachte. Die Männer anderer Frauen ließ man gänzlich ungeschoren, um nicht ins Gerede zu kommen. Aber mit den jungen unverheirateten Männern war das eine andere Sache! Ihnen konnte man leise zulachen, mit den Augen konnte man viel Aufregendes versprechen, bis der Mann Himmel und Erde in Bewegung setzte, um mit einem allein zu sein. War man aber allein, so konnte man tiefgekränkt oder sehr böse sein, wenn er zu küssen versuchte. Man konnte ihn dann dazu bringen, sich zu entschuldigen, daß er sich wie ein Schuft benommen habe, und ihm so lieb verzeihen, daß es ihm den Kopf vollends verdrehte. Manchmal ließ man sich auch küssen. Dann weinte man hernach und behauptete, nicht zu wissen, was über einen gekommen sei, und nun könne er wohl nie wieder Achtung vor einem haben. Dann trocknete er einem die nassen Augen und machte meistens einen Heiratsantrag, um so seine Achtung gleich zu beweisen. 0h, wieviel ließ sich doch mit Junggesellen anfangen! Und Scarlett beherrschte alle Schattierungen des Seitenblicks und des halben Lächelns, des Wiegens in den Hüften, sie beherrschte die Tränen, die Ausgelassenheit, die Schmeichelei, das süße Mitgefühl. Sie beherrschte sie alle, die Künste und Kniffe, die nie versagten - außer bei Ashley.

Sie wurde in ihren Träumen unterbrochen, als die Menge sich gegen die Wände zu drängen begann. Scarlett hob sich auf die Zehenspitzen und sah über die Köpfe hinweg den Hauptmann des Landsturms auf das 0rchesterpodium steigen. Er rief einige Kommandos in den Saal, und eine halbe Kompanie trat an. Dann gab es einige Minuten scharfen Drill zu sehen, der den Männern den Schweiß in die Stirnen trieb und bei den Zuhörern Beifall und Hochrufe erntete. Auch Scarlett klatschte pflichtschuldigst in die Hände, und als die Soldaten nach dem Wegtreten zu den Punschund Limonadenbuden drängten, wandte sie sich an Melanie: »Wie schön sie aussahen, nicht wahr?«

Melanie machte sich an ihren Strickwaren in der Auslage zu schaffen und antwortete, ohne sich die Mühe zu machen, ihre Stimme zu dämpfen: »Die meisten würden sich in Virginia und in grauer Uniform noch sehr viel schöner ausmachen.«

Mehrere stolze Mütter von Landsturmleuten standen ganz in der Nähe und hörten die Bemerkung. Mrs. Guinan wurde purpurrot und dann bleich. Ihr fünfundzwanzigjähriger Willie war bei der Kompanie.

Scarlett war entgeistert, solche Worte aus Mellys Mund zu hören. »Aber Melly!«

»Du weißt, Scarlett, daß es wahr ist. Ich meine nicht die kleinen Jungens und die alten Herren, aber eine Menge Landsturmleute sind sehr wohl in der Lage, ein Gewehr zu tragen, und sollten es auf der Stelle tun.«

»Aber ... aber ...«, fing Scarlett an, die noch nie darüber nachgedacht hatte. »Jemand muß doch zu Hause bleiben, um ...« Was hatte ihr Willie Guinan doch noch erzählt, um seine Anwesenheit in Atlanta zu entschuldigen? »Jemand muß doch zu Hause bleiben, um den Staat vor feindlichen Einfallen zu schützen.«

»Kein Feind fällt bei uns ein«, sagte Melly kühl und schaute zu ein paar Landsturmleuten hinüber. »Die beste Art, die Grenzen zu schützen, ist, nach Virginia zu gehen und dort die Yankees zu schlagen. Und all das Gerede, der Landsturm müsse hierbleiben, um einen Aufstand der Farbigen zu verhüten, nun, das ist der größte Unsinn, den ich je gehört habe. Das ist nur eine Ausrede für Feiglinge. Ich wette, wir würden mit den Yankees in einem Monat fertig, wenn der Landsturm aller Staaten nach Virginia ginge!«

»Aber Melly!« Scarlett sah sie noch immer fassungslos an. In Mellys sanften Augen blitzte es zornig auf.

»Mein Mann hatte keine Angst hinauszugehen, und auch deiner nicht. Mir wäre lieber, beide wären tot, als hier zu Hause ... Ach, Liebling, sei nicht böse. Wie gedankenlos von mir!« Bittend strich sie Scarlett, die sie groß ansah, über den Arm. Scarlett dachte gar nicht an Charlie, sie dachte an Ashley. Wenn er nun auch stürbe? Rasch wandte sie sich um und lächelte mechanisch, als Dr. Meade auf ihre Bude zugeschritten kam.

»Na, ihr Mädel«, begrüßte er sie, »schön, daß ihr gekommen seid. Ich weiß, welche Überwindung es euch gekostet haben mag. Aber alles für die gute Sache! Ich will euch ein Geheimnis sagen. Ich habe eine Überraschung vor, mit der ich noch mehr Geld für das Lazarett einnehmen will. Aber ich fürchte, einige von den Damen werden Anstoß daran nehmen.« Er hielt inne und zupfte an seinem grauen Spitzbart.

»Was denn, was? Bitte erzählen!«

»Nein, ich glaube, ich lasse es euch lieber raten, ihr werdet schon sehen. Aber ihr Mädchen müßt für mich eintreten, wenn die Kirchenvorstände mich deshalb aus der Stadt jagen wollen.« Feierlich schritt er auf eine Gruppe Chaperons in einer Ecke zu, und gerade, als die beiden Mädchen die Köpfe zusammengesteckt hatten, um herauszubekommen, was er wohl vorhaben könnte, kamen zwei ausgelassene alte Herren schnurstracks auf die Bude zu und verlangten mit lauter Stimme zehn Ellen Spitzen. Scarlett begann abzumessen und ließ es geschehen, daß man sie unters Kinn faßte. Dann zogen die beiden ab, und hin und wieder nahm ein anderer ihren Platz vor der Auslage ein. So viel Kunden hatten sie nicht wie die andern Buden, wo Maybelle Merriwethers gurrendes Lachen und Fanny Elsings Kicher n erklang und die schlagfertigen Antworten der Whitingschen Mädchen allgemeine Lustigkeit erregten. Ruhig und gelassen wie ein Ladenbesitzer verkaufte Melly unnützes Zeug an Männer, die nie irgendeinen Gebrauch davon machen konnten, und Scarlett suchte es ihr gleichzutun. Einige Male erzählten Käufer, daß sie mit Ashley auf der Universität gewesen waren und was für ein ausgezeichneter Soldat er sei, oder sie sprachen voller Hochachtung von Charles, und welchen Verlust sein Tod für Atlanta bedeute. Dann schmetterte die Musik die ausgelassene Melodie »Johnny Booker, hilf dem Farbigen!«. Scarlett hätte schreien mögen. Sie wollte tanzen! Sie blickte über den Tanzboden hin und klopfte mit dem Fuß den Takt. Ihre grünen Augen schillerten lebenshungrig. Auf der andern Seite des Saales bemerkte ein Mann, der soeben in die Tür getreten war, den Blick dieser schrägen Augen in dem rebellischen Gesicht, erkannte sie und stutzte. Dann lächelte er vor sich hin, denn er entzifferte in ihnen, was jedes männliche Wesen sofort zu entziffern vermag.

Er war hochgewachsen, trug einen eleganten schwarzen Tuchanzug und überragte alle Umstehenden. Seine Schultern waren von gewaltiger Breite, aber nach der Taille zu wurde er immer schlanker bis hinunter zu den auffallend kleinen Füßen in Lackstiefeln. Seine gepflegte Kleidung stach wunderlich von der Strenge seiner ganzen Erscheinung und besonders seines Gesichtes ab. Das war die Kleidung eines Dandys auf einem Athletenkörper. Er hatte kohlschwarzes Haar und einen kurzgeschnittenen Schnurrbart, der neben den martialischen Schnauzbärten der Kavallerieoffiziere fast fremdartig anmutete. Er trug eine gelassene, überlegene Unverschämtheit zur Schau. In dem frechen Blick, mit dem er Scarlett ansah, funkelte es boshaft, bis sie den Blick endlich spürte und zu ihm hinblickte. Einen Augenblick lang konnte sie sich nicht darauf besinnen, wer er war. Als er sich verbeugte, grüßte sie wieder, aber als er sich mit seinem eigentümlich geschmeidigen, indianerhaften Gang zu ihr aufmachte, fuhr die Hand vor Entsetzen zum Mund. Sie wußte nun, wer er war, und stand wie vom Blitz getroffen, während er sich durch die Menge Bahn brach. Dann machte sie blindlings kehrt und wollte in die Erfrischungsräume entfliehen, aber ihr Rock verfing sich an einem Nagel. Wütend riß sie sich los, da stand er schon neben ihr.

»Erlauben Sie«, sagte er höflich, beugte sich vor und brachte ihre Rüschen in 0rdnung. »Ich hatte kaum gehofft, Miß 0'Hara, daß Sie mich wiedererkennen würden.«

Es war die schön modulierende Stimme eines Gentleman, klangvoll und doch belegt, in der trägen, verschliffenen Mundart Charlestons. Sie war ihrem 0hr eigentümlich angenehm. Hochrot vor Scham über ihr letztes Zusammentreffen blickte sie zu ihm auf und sah die kohlschwarzen Augen in erbarmungsloser Lustigkeit sprühen. Daß unter allen Menschen gerade dieser hier auftauchen mußte, der Zeuge ihrer Demütigung gewesen war, der abscheuliche Lump, der Mädchen zugrunde richtete und bei anständigen Leuten nicht empfangen wurde! Der verächtliche Kerl, der ihr - mit Recht - gesagt hatte, sie sei keine Dame.

Beim Klang seiner Stimme wandte Melanie sich um, und zum ersten Male in ihrem Leben dankte Scarlett Gott für die Existenz ihrer Schwägerin. »Aber ist das nicht Mr. Rhett Butler?« sagte Melanie und streckte läc helnd die Hand aus. »Ich sah Sie ...«

»... an dem frohen Abend, als Ihre Verlobung verkündet wurde«, vollendete er und beugte sich über ihre Hand. »Es ist sehr liebenswürdig, daß Sie sich meiner entsinnen.«

»Und was machen Sie so weit von Charleston entfernt, Mr. Butler?«

»Langweilige Geschäfte, Mrs. Wilkes. Aber ich werde jetzt öfter in dieser Stadt ein und aus gehen. Es hat sich herausgestellt, daß ich die Ware nicht nur hereinbringen, sondern mich auch darum kümmern muß, was weiterhin damit geschieht.«

»Hereinbringen ...?« Melly zog die Stirn kraus. Aber dann strahlte sie auf: »Was, Sie müssen ja der berühmte Kapitän Butler sein, der Blockadebrecher, von dem wir soviel gehört haben! Jedes Mädchen trägt ja ein Kleid, das Sie hereingebracht haben. Scarlett, ist das nicht interessant? ... Aber was ist dir denn? Ist dir nicht wohl?«

Scarlett sank auf den Hocker. Ihr Herz klopfte rasch. Daß etwas so Schreckliches ihr widerfahren mußte! Sie hatte gehofft, den Mann nie wiederzusehen. Er ergriff ihren schwarzen Fächer und begann, sie mit ernstem Gesicht, aber immer noch funkelnden Augen zu fächeln. »Es ist recht warm hier drinnen«, sagte er, »kein Wunder, daß Miß 0'Hara sich nicht wohl fühlt. Darf ich Sie ans Fenster führen?«

»Nein!« sagte Scarlett so abweisend, daß Melly große Augen machte.

»Sie ist nicht mehr Miß 0'Hara«, sagte Melly. »Sie heißt Mrs. Hamilton und ist meine Schwester.«

Scarlett hatte das Gefühl, als lege sich der Ausdruck in Kapitän Butlers wettergebräuntem Piratengesicht wie eine Klammer umihren Hals.

»Damit haben zwei reizende Damen gewiß sehr viel gewonnen.« Das war eine der üblichen Bemerkungen, die alle Herren machten; die Art aber, in der er es sagte, ließ es ihr so klingen, als meine er das Gegenteil.

»Ihre Gatten sind doch heute bei einem so glücklichen Anlaß zugegen? Es würde mir eine Freude sein, meine Bekanntschaft mit ihnen zu erneuern.«

»Mein Mann ist in Virginia.« Melly hob stolz den Kopf. »Aber Charles ...«

»Er ist im Ausbildungslager gestorben«, sagte Scarlett nüchtern, bei nahe barsch. Wollte denn der Mensch nicht wieder fortgehen? Melly sah sie betroffen an, und der Kapitän erwiderte mit einer Miene aufrichtigen Bedauerns: »Meine lieben, verehrten Damen, wie konnte ich nur ...! Verzeihen Sie mir; doch erlauben Sie einem Fremden, Ihnen zum Trost zu sagen, daß der Tod fürs Vaterland ewiges Leben verheißt.«

Melanie lächelte ihm durch schimmernde Tränen zu, aber in Scarletts Innern nagte ohnmächtiger Haß. Wieder harte er eine höfliche Bemerkung gemacht, wie jeder Gentleman sie machen konnte, aber sie wußte, daß er sie dabei verhöhnte. Ihm war ja bekannt, daß sie Charles nicht geliebt hatte. Melly war zum Glück dumm genug, ihn nicht zu durchschauen. Gott mochte verhüten, daß ihn jemals jemand durchschaute! 0b er wohl ausplauderte, was er wußte? Er war ja kein Gentleman! Sie sah, daß seine Mundwinkel in spöttischem Mitgefühl herabgezogen waren, während er ihr immer noch zufächelte. In einer Aufwallung des Abscheus riß sie ihm den Fächer aus der Hand.

»Mir ist sehr wohl«, sagte sie, »Sie brauchen mir nicht das Haar in Unordnung zu bringen.«

»Scarlett, Liebling! Kapitän Butler, Sie müssen ihr verzeihen, sie ist nicht mehr sie selbst, sobald von dem armen Charlie die Rede ist. Wir hätten beide heute abend nicht herkommen sollen. Sehen Sie, wir sind noch in Trauer, und all die Lustigkeit und die Musik strengt das arme Kind sehr an.«

»Ich verstehe vollkommen«, sagte er mit betonter Zurückhaltung. Als er aber auf Melanie einen forschenden Blick warf und ihren klaren Augen bis auf den Grund schaute, verwandelte sich sein Ausdruck. Verhaltene Achtung und Zartheit zogen über sein dunkles Gesicht. »Sie sind eine mutige kleine Frau, Mrs. Wilkes.« Scarlett war empört, daß er sie in das Kompliment nicht mit einschloß; Melanie lächelte verschäm t.

»Du meine Güte, nein, Kapitän Butler! Das Lazarettkomitee brauchte uns im letzten Augenblick für diese Bude ... ein Kissenbezug gefällig? Hier ist ein sehr schöner, mit einer Flagge darauf.« Sie wandte sich an drei Kavalleristen, die vor ihrer Auslage auftauchten. Einen Augenblick schoß es Melanie durch den Sinn, wie nett Kapitän Butler doch sei. Dann kam ihr der Wunsch dazwischen, es möchte eine festere Schutzwand als der dünne Dekorationsstoff zwischen ihrem Rock und dem Spucknapf sein, der gerade an der Außenseite ihrer Bude stand: mit ihrem bernsteinfarbenen Tabaksaft zielten die Reiter nicht immer so unfehlbar wie mit ihren langen Sattelpistolen. Dann vergaß sie den Kapitän, Scarlett und den Spucknapf über anderen Kunden, die sich herandrängten. Scarlett saß still auf ihrem Hocker und wagte nicht aufzublicken. Sie wünschte Butler zurück an das Deck seines Schiffes, wohin er gehörte.

»Ist Ihr Mann schon lange tot?« »0 ja, schon fast ein Jahr.« »Das ist ja ein Aon!«

Scarlett wußte nicht, was ein Aon sei. Aber der Spott ihres Peinigers war nicht mißzuverstehen. Sie schwieg.

»Waren Sie lange verheiratet? Verzeihen Sie meine Frage, aber ich war so lange nicht in dieser Gegend.«

»ZweiMonate«, antwortete Scarlett widerwillig.

»Darum ist es nicht minder traurig«, fuhr er beharrlich fort.

»Hol ihn der Teufel!« dachte sie zornig. »Wäre er ein anderer, so könnte ich ihn einfach eiskalt behandeln und wegschicken. Aber er weiß von Ashley, und daß ich Charlie nicht geliebt habe.« Sie sagte nichts und blickte auf ihren Fächer nieder.

»Sie sind heute zum erstenmal wieder in Gesellschaft?«

»Ich weiß, es sieht etwas sonderbar aus«, fiel sie rasch ein, »aber die Mädchen, die diese Bude übernehmen sollten, mußten plötzlich abreisen, und es war niemand zum Ersatz da. Deshalb haben Melanie und ich ...«

»Kein 0pfer ist zu groß für die gerechte Sache.«

Das hatte auch Mrs. Elsing gesagt, aber da hatte es ganz anders geklungen. Hitzige Worte wollten ihr über die Lippen, aber sie schluckte sie wieder hinunter.

»Ich habe immer gefunden«, sagte er nachdenklich, »daß die ganze Art, wie die Witwen für den Rest ihres Lebens eingekerkert werden, ebenso barbarisch ist wie die Sati der Hindus.«

»Die Sage?«

Er lachte, und sie errötete über ihre Unwissenheit. Wer Worte gebrauchte, die sie nicht verstand, war ihr unausstehlich.

»Wenn in Indien ein Mann stirbt, wird er nicht begraben, sondern verbrannt, und dann steigt seine Frau zu ihm auf den Scheiterhaufen und läßt sich mitverbrennen.«

»Wie schrecklich! Aber warum tun sie das, und sieht die Polizei da ruhig zu?«

»Eine Frau, die sich nicht verbrennen ließe, wäre eine Ausgestoßene. Alle ehrbaren Hindumatronen würden über sie reden, daß sie sich nicht benehme wie eine wohlerzogene Dame. Genau wie jene ehrbaren Matronen in der Ecke dort drüben über Sie reden würden, wenn Sie heute abend in Rot erschienen wären und einen Walzer tanzen wollten. Mir persönlich kommt die Witwenverbrennung viel barmherziger vor als unsere hiesige Sitte, die Witwen lebendig zu begraben.«

»Wie können Sie sich unterstehen zu behaupten, ich sei lebendig begraben!«

»Wie doch die Frauen an ihren Ketten hängen! Sie finden die Sitte der Hindus barbarisch, aber ob Sie wohl den Mut gehabt hätten, heute abend zu erscheinen, wenn nicht das Vaterland Sie gerade gebraucht hätte?«

Solche Schlußfolgerungen verwirrten Scarlett immer, und diese ganz besonders, weil ihr dämmerte, daß Wahrheit darin enthalten war. Es wurde Zeit, ihm eins auf den Mund zu geben.

»Auf keinen Fall wäre ich gekommen. Es wäre ... eine Kränkung für ... es sähe so aus, als hätte ich Charles nicht ...«

Seine Augen hingen in zynischer Belustigung an ihren Lippen. Sie konnte nicht fortfahren. Er wußte, daß sie Charles nicht geliebt hatte, und all die schönen und edlen Gefühle, die auszudrücken sie sich anschickte, würden bei ihm nicht verfangen. Wie schrecklich war es doch, mit jemandem zu tun zu haben, der kein Gentleman war! Ein Gentleman tat immer, als schenke er einer Dame Glauben, auch wenn er wußte, daß sie log. Das war die Ritterlichkeit des Südens. Dieser Mann hingegen genoß es sichtlich, an peinliche Dinge zu rühren.

»Ich warte in großer Spannung.«

»Sie sind abscheulich«, sagte sie hilflos und schlug die Augen nieder.

Er lehnte sich weit über die Auslage, bis sein Mund ihrem 0hr nahe war, und zischte ihr in überaus glaubwürdiger Nachahmung eines Bühnenschurken die Worte zu: »Fürchte nichts, schöne Dame, dein sündiges Geheimnis ist bei mir sicher.«

»Wie können Sie nur so etwas sagen?« flüsterte sie fiebernd.

»Ich wollte nur Ihr Gemüt erleichtern, was hätte ich sonst sagen sollen? Vielleicht: >Sei mein, schönes Weib, oder ich bringe alles an den Tag<?« Wider Willen begegnete ihr Blick dem seinen, und sie sah den Schalk darin wie bei einem kleinen Jungen. Da lachte sie plötzlich auf. Schließlich war es doch eine gar zu alberne Situation. Er lachte auch, so laut, daß mehrere Chaperons aus der Ecke herüberschauten. Als sie bemerkten, wie gut die Witwe Charles Hamiltons sich mit einem Fremden unterhielt, steckten sie die Köpfe mißbilligend zusammen.

In diesem Augenblick erscholl ein Trommelwirbel. Viele Stimmen zischten, Ruhe heischend, als Dr. Meade auf das Podium trat und mit erhobenem ArmumGehör ersuchte.

»Wir sind den liebenswürdigen Damen den größten Dank dafür schuldig«, hub er an, »daß ihre unermüdliche Arbeit für das Vaterland diese Veranstaltung nicht nur zu einem finanziellen Erfolg gemacht, sondern obendrein diese unwirtliche Halle in einen festlichen Garten verwandelt hat, in den die reizenden Rosenknospen, die ich hier um mich sehe, so recht hineinpasse n.«

Alles klatschte Beifall.

»Die Damen haben ihr Bestes an Zeit und Mühe hergegeben, und alle die schönen Dinge in diesen Buden sind doppelt schön, weil die feinen Hände unserer reizenden Frauen aus demSüden sie verfertigt haben.«

Die Beifallsrufe wurden lauter, aber Rhett Butler, der sich lässig neben Scarlett über die Auslage lehnte, flüsterte ihr ins 0hr: »Pathetischer Ziegenbock!« Erschrocken über diese Majestätsbeleidigung - Dr. Meade war doch Atlantas beliebtester Bürger starrte sie ihn an. Aber tatsächlich sah der Doktor mit seinem grauen Kinnbart, der heftig hin und her wackelte, wie ein Ziegenbock aus, und nur mit Mühe unterdrückte Scarlett ein Kichern.

»Aber das ist noch nicht alles. Die guten Damen des Lazarettkomitees, deren kühle Hände mancher Leidensstirn so wohlgetan und manchen Braven, der sein Blut für die gute Sache vergossen hat, dem Rachen des Todes entrissen haben, kennen unsere Bedürfnisse. Ich will sie nicht aufzählen. Wir brauchen mehr Geld, um Arzneien aus England zu kaufe n, und in unserem Kreise befindet sich heute abend der verwegene Kapitän, der schon ein Jahr lang immer wieder die Blockade durchbrochen hat und es auch künftig tun wird, um uns die notwendigen Arzneien zu verschaffen: Kapitän Rhett Butler!«

Das kam unerwartet. Der Blockadebrecher machte eine anmutige Verbeugung - allzu anmutig, fand Scarlett und versuchte zu deuten, was er damit ausdrücken wollte. Fast schien es ihr, als übertreibe er seine Höflichkeit, weil seine Verachtung für alle Anwesenden so über alle Maßen groß war. Ein Beifallssturm brach aus, und die Damen in der Ecke reckten die Hälse. Das also war der Mann, mit dem sich die Witwe des armen Charles Hamilton amüsierte, und Charlie war doch erst ein Jahr tot.

»Wir brauchen mehr Gold, und ich bitte Sie darum«, fuhr der Doktor fort. »Ich bitte Sie um ein 0pfer, ein kleines 0pfer, lächerlich klein im Vergleich zu den 0pfern, die unsere tapferen Grauen uns bringen. Meine Damen, ich brauche Ihren Schmuck. Ich? Nein, die Konföderierten Staaten bitten darum, und ich weiß, da wird niemand zurückhalten. Wie schön glitzert ein Geschmeide an einem lieblichen Handgelenk, wie herrlich glänzt eine goldene Brosche am Busen unserer patriotischen Frauen! Aber wieviel herrlicher als alles Gold, als alle Edelsteine ist doch das 0pfer auf dem Altar des Vaterlandes! Das Gold wird eingeschmolzen, die Steine werden verkauft, und für das Geld werden Arzneien und anderer Lazarettbedarf beschafft. Meine Damen, zwei unserer tapferen Verwundeten werden jetzt mit einem Korb unter Ihnen die Runde machen ...« Das Ende der Rede ging im Sturm und Tumult des Händeklatschens und der Zurufe unter.

Scarletts erster Gedanke war inniger Dank dafür, daß die Trauer ihr verbot, Großmama Robillards kostbare 0hrringe und schwere goldene Kette zu tragen oder ihre in schwarzem Email eingefaßten goldenen Armbänder und die Granatbrosche. Der kleine Zuave ging mit einem Spankorb am unverwundeten Arm langsam durch die Menge, und alte und junge Frauen zogen in lachendem Eifer ihren Schmuck ab, schrien vor gespieltem Schmerz auf, wenn sie die Ringe aus dem 0hr lösten, halfen einander, das Schloß der Halsketten zu öffnen, nahmen sich die Broschen vom Busen. Fortwährend erklang der helle Laut, mit dem Metall gegen Metall schlägt. Dazwischen rief es durcheinander: »Warten Sie ... einen Augenblick! So, jetzt ist es los!« Maybelle Merriwether zog die hübschen Zwillingsarmbänder, die sie über und unter dem Ellbogen trug, ab; Fanny Elsing rief: »Ma, darf ich?« und löste den Perlenschmuck mit seiner schweren Goldfassung, der seit Generationen in der Familie war, aus ihren Locken. Bei jeder Gabe erhob sich neues Händeklatschen und Beifallsgeschrei.

Der grinsende kleine Mann kam jetzt mit dem Korb auf Scarletts Bude zu, an Rhett Butler vorbei, der ein schönes goldenes Zigarettenetui achtlos hineinwarf. Als er vor Scarlett den Korb auf den Auslagentisch hinstellte, schüttelte sie den Kopf und breitete beide Hände aus, um zu zeigen, daß sie keinen Schmuck zu geben hätte. Da fiel ihr der helle Schimmer ihres breiten goldenen Eheringes ins Auge. Während eines verworrenen Augenblicks suchte sie sich im Geiste Charles' Gesicht, als er ihr den Ring an den Finger steckte, zu vergegenwärtigen. Aber die Erinnerung ward durch die Gereiztheit, die jeder Gedanke an ihn in ihr wachrief, ausgelöscht. Mit raschem Griff wollte sie den Ring abziehen, aber er saß fest. Der Zuave ging weiter zu Melanie.

»Halt!« rief Scarlett. »Ich habe etwas für Sie!« Der Ring glitt vom Finger, und als sie die Hand hob, um ihn auf all die Schmucksachen in den Korb zu werfen, begegnete sie Rhett Butlers Blicken. Seine Lippen waren zu einem winzigen Lächeln verzogen. Trotzig warf sie den Ring in den Korb.

»0h, Liebste!« flüsterte Melly und packte sie am Arm, und die Augen funkelten ihr vor Liebe und Stolz. »Ach, du tapferes Mädchen! Halt! Bitte warten Sie, Leutnant Picard, ich habe noch etwas für Sie!«

Sie zog an ihrem eigenen Trauring, von dem Scarlett wußte, daß er ihr nie vom Finger gekommen war, seitdem Ashley ihn daraufgesteckt hatte. Scarlett wußte wie niemand sonst, was dieser Ring ihr bedeutete. Er ließ sich nur mit Schwierigkeit abziehen, und einen kurzen Augenblick umschloß die kleine Hand ihn fest. Dann legte sie ihn sanft in den Korb. Beide Mädchen schauten dem Zuaven nach, der zu den älteren Damen hinüberging, Scarlett trotzig, Melanie mit einem unbeschreiblichen Blick, der tiefer zu Herzen ging als alle Tränen; und der Mann, der neben ihnen stand, ließ sich nichts von dem entgehen, was auf den beiden Gesichtern zu lesen war.

»Wärest du nicht so tapfer gewesen, ich hätte mich nie dazu entschließen können!« Melly legte den Arm um Scarletts Taille und drückte sie an sich. Einen Augenblick lang hatte Scarlett den Wunsch, sie abzuschütteln und einen kräftigen Fluch auszustoßen, wie Gerald tat, wenn er sich ärgerte. Aber sie sah Rhett Butlers Blick auf sich gerichtet, und es gelang ihr, sich zu beherrschen. Es war ihr verhaßt, wie Melly ihr immer Empfindungen unterschob, die sie gar nicht verspürte ... aber vielleicht doch besser so, als wenn sie die Wahrheit ahnte!

»Welch schöne Geste!« sagte Rhett Butler. »Solch ein 0pfer wie das Ihre macht unseren braven grauen Jungens wieder Mut.«

Eine hitzige Erwiderung drängte sich ihr auf die Lippen, aber sie hielt sie zurück. Mit jedem Wort, das er sprach, machte er sich über sie lustig. Er war ihr von ganzem Herzen zuwider. Aber dennoch, er hatte etwas Anfeuerndes, Lebendiges, Elektrisierendes. Ihr irisches Naturell bäumte sich gegen die Herausforderung seiner schwarzen Augen auf. Sie beschloß, den Kampf mit diesem Mann aufzunehmen. Daß er ihr Geheimnis kannte, gab ihm einen Vorteil, der sie zur Raserei brachte. Aber die Versuchung, ihm ihre Empörung ins Gesicht zu sagen, überwand sie. Mit Zucker fängt man mehr Fliegen als mit Essig, pflegte Mammy zu sagen, und diese Fliege wollte sie fangen! Nie wieder durfte sie ihm auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sein.

»Vielen Dank«, sagte sie liebenswürdig und überhörte geflissentlich seinen Hohn. »Ein solches Kompliment von einem so berühmten Mann wie Kapitän Butler wissen wir zu schätzen.«

Er warf den Kopf zurück und lachte laut auf - kläffte, wie Scarlett zornerfüllt fand, während sie fühlte, daß sie wieder rot wurde.

»Warum sagen Sie nicht, was Sie meinen?« fragte er so leise, daß in dem Lärm ringsumher nur sie es hören konnte. »Warum sagen Sie nicht, ich sei ein verdammter Schuft und kein Gentleman, und ich sollte machen, daß ich fortkäme, sonst würden Sie einen der tapferen grauen Jungens bitten, mich zu fordern?«

Eine patzige Antwort lag ihr schon auf der Zunge, aber sie bezwang sich und brachte liebenswürdig heraus: »Aber Kapitän Butler, wo denken Sie hin? Als wüßte nicht jeder, wie berühmt und wie tapfer Sie sind und was für ein ... was für ein ...«

»Ich bin von Ihnen enttäuscht«, sagte er.

»Enttäuscht ?«

»Ja. Bei unserem ersten, so ereignisreichen Zusammentreffen dachte ich bei mir selbst, ich hätte endlich ein Mädchen getroffen, das nicht nur schön, sondern auch mutig ist. Nun aber sehe ich, daß Sie nur schön sind.«

»Soll das etwa heißen, daß ich ein Feigling bin?«

»Allerdings. Sie haben nicht den Mut, zu sagen, was Sie meinen. Als ich Ihnen zuerst begegnete, dachte ich: da ist unter Millionen endlich ein Mädchen einmal nicht wie die andern Gänse, die alles glauben und nachplappern, was Mama ihnen sagt, einerlei, was sie dabei empfinden, die alle ihre Gefühle unter einem Strom von süßer Heuchelei verbergen; ich dachte, Miß 0'Hara ist ein Mädchen von seltenem Temperament, sie weiß, was sie will, und scheut sich nicht, es auszusprechen - oder Vasen zu zerschmeißen. «

»Dann«, sagte sie mit aufbrechender Wut, »werde ich Ihnen auf der Stelle sagen, was ich von Ihnen denke. Wenn Sie überhaupt eine Spur von Kinderstube hätten, dann wären Sie nie hergekommen und hätten nie mit mir gesprochen, dann hätten Sie gewußt, daß Sie mir aus den Augen zu bleiben haben. Aber Sie sind kein Gentleman! Sie sind ein unerzogener Flegel! Sie meinen, weil Ihre verdammten kleinen Boote schneller fahren als die der Yankees, hätten Sie ein Recht, tapfere Männer und Frauen, die alles für die heilige Sache opfern, zu verhöhnen ...«

»Halten Sie ein!« bat er lachend. »Sie fingen ganz hübsch an und sagten, was Sie dachten, aber nun kommen Sie mir wieder mit der heiligen Sache. Ich mag nichts mehr davon hören, und ich wette, Sie auch nicht. «

»Was, wieso ... roher ...« stammelte sie ratlos. Er hatte sie aus dem Gleichgewicht gebracht, und schon kochte sie wieder vor Zorn, daß er sie so durchschaute.

»Ich stand dort in der Tür, ehe Sie mich sahen, und beobachtete Sie«, sagte er. »Ich beobachtete auch die anderen Mädchen. Die sahen alle aus, als wären ihre Gesichter aus einer einzigen Form gegossen. Nur Ihres nicht. In Ihrem Gesicht ist leicht zu lesen. Ihr Gesicht war nicht bei der heiligen Sache, sondern es war voll davon, daß Sie tanzen und sich amüsieren wollten und nicht durften. Sagen Sie mir die Wahrheit, habe ich recht?«

»Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, Kapitän Butler«, sagte sie so förmlich, wie sie nur konnte, und raffte notdürftig die Reste ihrer Würde zusammen. »Wenn Sie sich etwas darauf einbilden, der große Blockadebrecher zu sein, so gibt Ihnen das noch lange kein Recht, eine Frau zu beschimpfen.«

»Der große Blockadebrecher! Das ist ein Witz! Bitte, schenken Sie mir noch einen Augenblick Gehör, ehe Sie mich in die Finsternis hi nabstoßen. Eine so reizende kleine Patriotin soll nicht im Unklaren bleiben über das, was ich für die Sache der Konföderierten tue.«

»Es liegt mir nichts daran, von Ihrem Heldentum zu hören!«

»Bei mir ist das Blockadebrechen kein Heldentum, sondern lediglich ein Geschäft. Ich mache Geld damit. Wenn das nicht mehr geht, nehme ich meinen Abschied. Was halten Sie nun davon?«

»Ich halte Sie für einen ganz gewöhnlichen Dollarjäger, genau wie die Yankees.«

»Genauso!« grinste er. »Die Yankees helfen mir beim Dollarjagen. Vor einem Monat bin ich mit meinem Boot schnurstracks in den Hafen von New York gefahren und habe eine Ladung an Bord genommen.«

Wider ihren Willen horchte Scarlett auf. »Wie, und die Yankees haben Sie nicht in Grund und Boden geschossen?«

»Sie Unschuldsengel, die Yankees dachten gar nicht daran. Es gibt eine Menge wackerer Patrioten in der Union, die gar nicht abgeneigt sind, den Konföderierten Waren zu verkaufen und dabei zu Geld zu kommen. Ich laufe New York an, kaufe bei einer Firma alles Nötige zusammen und bin wieder verschwunden. Wird mir dort der Boden zu heiß, so fahre ich nach Nassau, wohin die gleichen Patrioten der Union mir Pulver, Kanonenkugeln und Reifröcke bringen. Das ist bequemer, als nach England zu fahren. Manchmal ist es nicht ganz einfach, in Charleston oder Wilmington damit durchzukommen, aber Sie haben keine Ahnung, was ein bißchen Gold alles ausrichtet.«

»0h, ich wußte, daß die Yankees gemein sind, ich wußte aber nicht ...«

»Wozu vertuschen, daß die Yankees ein anständiges Stück Geld damit verdienen, daß sie die Warenbestände der Union ausverkaufen. In hundert Jahren kräht kein Hahn mehr danach. Daß die Konföderierten am Ende doch Prügel bekommen, steht fest, und warum sollten diese Leute dabei nicht verdienen?«

»Wir, Prügel?«

»Selbstverständlich. «

»Wollen Sie bitte gehen ... oder ich lasse meinen Wagen holen und fahre nach Hause, umSie loszuwerden.«

»Sie hitzköpfige kleine Rebellin«, sagte er und lachte über das ganze Gesicht. Dann verbeugte er sich und machte sich gemächlich davon, und sie blieb, bis zum Rande erfüllt von ohnmächtiger Wut und Empörung, zurück. Eine Enttäuschung brannte in ihr, aus der sie nicht klug wurde. Es war die Enttäuschung eines Kindes, das seine Träume in Stücke gehen sieht. Wie durfte er sich unterstehen zu behaupten, die Konföderierten würden Prügel bekommen! Dafür verdiente er, erschossen zu werden wie ein gemeiner Verräter. Sie blickte im Saal umher auf all die vertrauten Gesichter, die des Sieges ihrer Sache so sicher waren und so viel Tapferkeit und Hingebung ausdrückten; und dennoch kroch etwas wie ein kalter Schauer ihr ins Herz. Prügel? Diese Leute? Unsinn! Schon der bloße Gedanke war Verräterei.

»Was hattet ihr beiden da zu flüstern?« wandte sich Melanie an Scarlett, als ihre Kunden sich entfernt hatten. »Mrs. Merriwether hat die ganze Zeit über ein Auge auf dich gehabt, und du, Liebes, kennst ihre Zunge!«

»Ach, dieser Mann ist unmöglich ... ein ungezogener Flegel«, sagte Scarlett, »und die alte Merriwether laß nur reden. Ich habe keine Lust mehr, mich ihr zuliebe wie ein Lamm aufzuführen.«

»Aber Scarlett!« rief Melanie bestürzt.

Plötzlich verstummte der Lärm der Versammlung abermals, als Dr. Meade seine Stimme erhob, um den Damen seinen Dank dafür auszusprechen, daß sie so bereitwillig ihre Schmucksachen hergegeben hatten. »Und nun, meine Damen und Herren«, fuhr er fort, »möchte ich Ihnen eine Überraschung vorschlagen. Etwas ganz Neues, das bei einigen von Ihnen vielleicht Anstoß erregen wird, aber ich bitte Sie, daran zu denken, daß es um des Lazaretts willen geschieht und zum Besten unserer Braven, die dort liegen.«

Alle drängten erwartungsvoll zu ihm hin und versuchten zu erraten, was der würdige Doktor wohl Anstößiges vorschlagen könnte.

»Jetzt beginnt der Tanz, und als erstes natürlich eine Polonäse mit nachfolgendem Walzer. Jedem der folgenden Tänze, den Polkas, den Schottischen, den Mazurkas geht eine kurze Polonäse vorauf. Ich kenne wohl den stillen Wettbewerb umdie Führung dabei, und deshalb ...«

Der Doktor wischte sich die Stirn und warf einen besorgten Seitenblick in die Ecke, wo seine Frau unter den Chaperons saß. »Meine Herren, wenn Sie mit der Dame Ihrer Wahl eine Polonäse anführen möchten, müssen Sie auf Ihre Dame bieten. Ich bin der Auktionator. Der Ertrag geht an das Lazarett. «

Mitten im Wedeln hielten die Fächer plötzlich inne, und ein erregtes Gemurmel lief durch den Saal. Die Ecke der alten Damen geriet in Aufruhr. Mrs. Meade, die ihrem Mann in einer Aktion, die sie mißbilligte, doch von Herzen gern beistehen wollte, befand sich im Nachteil. Die Damen Elsing, Merriwether und Whiting hatten rote Köpfe vor Entrüstung, aber die gesamte Landwehr stimmte einen begeisterten Hochruf an, in den alle andern Gäste in Uniform einfielen. Die jungen Mädchen klatschten in die Hände und liefen vor Aufregung umher.

»Findest du nicht ... es ... es ist doch ein bißchen wie eine Sklavenauktion«, sagte Melanie leise und sah etwas unsicher zu dem unternehmungslustigen Doktor, der bisher in ihren Augen eine Autorität gewesen war, hinüber.

Scarlett erwiderte nichts, aber ihre Augen glänzten, während sich ihr das Herz in leisem Schmerz zusammenzog. Wäre sie doch nur keine Witwe, wäre sie doch wieder Scarlett 0'Hara und dort auf dem Tanzboden in einem apfelgrünen Kleid mit dunkelgrünen Samtbändern, die ihr über die Brust herabhingen, und mit Tuberosen im schwarzen Haar - die Polonäse würde sie anführen und keine andere! Ein Dutzend Männer würden um sie kämpfen und einander bei Dr. Meade überbieten. Ach, daß sie hier sitzen mußte, ein Mauerblümchen wider Willen, und zusehen, wie Fanny oder Maybelle als Königin von Atlanta die Polonäse anführte!

Über den Tumult erhob sich die Stimme des kleinen Zuaven mit seinem unverkennbar kreolischen Akzent: »Wenn's erlaubt ist, zwanzig Dollar für MißMaybelle Merriwet her!«

Maybelle sank errötend an Fannys Schulter. Die beiden Mädchen bargen ihre Gesichter kichernd eins am Nacken des andern, während neue Stimmen neue Namen aufriefen und neue Summen nannten. Dr. Meade hatte seine Sicherheit wiedergewonnen und überhörte das entrüstete Geflüster in der Ecke der alten Damen. Zuerst hatte Mrs. Merriwether laut und energisch erklärt, daß ihre Maybelle sich an solchem Verfahren niemals beteiligen dürfe. Als aber Maybelles Name öfter und öfter genannt wurde und das Gebot bis zu fünfundsiebzig Dollar stieg, begann ihr Widerstand zu erlahmen.

Scarlett stützte die Ellbogen auf das Auslagebrett und stierte in die aufgeregte, lachende Menge, die mit Händen voll konföderierten Papiergeldes das Podium umdrängte. Gleich durften sie alle tanzen, nur sie und die alten Damen nicht. Sie sah Rhett Butler in unmittelbarer Nähe des Doktors stehen. Er blickte sie an, und sein rechter Mundwinkel zog sich sacht herab und seine linke Augenbraue aufwärts. Mit einem Ruck warf sie das Kinn empor und wandte sich weg. Da hörte sie ihren eigenen Namen von einer Stimme gerufen, die sich laut über das Durcheinander all der Namen erhob, von einer allzubekannten Stimme: »Mrs. Charles Hamilton - hundertfünfzig Dollar in Gold!«

Jäh verstummte die Menge, als eine solche Summe und als dieser Name genannt wurde. Scarlett war so erschrocken, daß sie kein Glied rühren konnte. Mit aufgestütztem Kinn blieb sie sitzen, die Augen vor Verwunderung ganz weit geöffnet. Alles drehte sich um und schaute sie an. Sie sah, wie sich der Doktor vom Podium herniederbeugte und dem Kapitän etwas ins 0hr sagte, wahrscheinlich, daß sie in Trauer sei und unmöglich auf dem Tanzboden erscheinen könne. Sie sah Rhett Butler lässig die Achsel zucken.

»Vielleicht eine andere von unseren Schönen?« fragte der Doktor leise.

»Nein«, sagte Rhett Butler mit deutlich vernehmbarer Stimme und ließ die Augen gleichgültig über die Menge schweifen. »Mrs. Hamilton.«

»Ich sage Ihnen, das ist unmöglich«, sagte der Doktor aufgeregt, »Mrs. Hamilton wird nicht ...«

Scarlett hörte eine Stimme, die sie zuerst gar nicht als ihre eigene erkannte: »Ja, ich tanze!«

Sie sprang auf die Füße, das Herz hämmerte ihr so wild, daß sie glaubte umsinken zu müssen, hämmerte in dem Triumphgefühl, daß sie nun wieder der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit, das begehrteste aller anwesenden Mädchen war, und, und, ach, vor allem in der Erwartung, wieder tanzen zu dürfen.

»Ach, laß sie reden, was schert es mich!« flüsterte sie toll vor Aufregung vor sich hin. Zurückgeworfenen Hauptes kam sie aus ihrer Bude hervor, klapperte mit den Hacken wie mit Kastagnetten und öffnete mit einem Ruck den schwarzen Fächer, so weit es irgend ging. Einen flüchtigen Augenblick sah sie Melanies ungläubiges Gesicht, die Mienen der Chaperons, die enttäuschten Blicke der Mädchen, die begeisterte Zustimmung der Soldaten.

Dann stand sie auf dem Tanzboden, und Rhett Butler kam ihr durch das Spalier der Menge, mit seinem widerwärtigen spöttischen Lächeln auf den Lippen, entgegen. Sie kehrte sich nicht daran. Es war ihr einerlei, wer er war, und wäre er Abe Lincoln selber; sie wollte tanzen, die Polonäse anfuhren wollte sie.

Sie verneigte sich vor ihm bis auf die Erde und lächelte ihm funkelnd ins Gesicht. Er verbeugte sich, die eine Hand auf der gefältelten Hemdbrust. Levi, dem die Haare zu Berge standen, brüllte, um über den Augenblick hinwegzukommen, mit schallender Stimme. »Bitte zur Polonäse auffordern!«

Und das 0rchester stimmte krachend den schneidigsten aller Polonäsenmärsche an, den »Dixi e«.

»Wie können Sie sich unterstehen, mich so zu kompromittieren, Kapitän Butler?«

»Aber meine liebe Mrs. Hamilton, Sie hatten so offensichtlich den Wunsch, kompromittiert zu werden.«

»Wie konnten Sie vor aller Welt meinen Namen aufrufen?«

»Sie hätten ja ablehnen können.«

»Aber das konnte ich nicht, eine solche Summe in Gold - ich bin es unserer Sache schuldig. Lachen Sie nicht, alles schaut uns an.«

»Das tun die Leute ohnehin. Versuchen Sie doch nicht, mir den Unsinn von >unserer Sache< aufzutischen. Sie wollten tanzen, und ich gab Ihnen die Gelegenheit. Dies sind die letzten Takte der Polonäse, nicht wahr?«

»Ja. - Ich mußjetzt aufhören undmich setzen.« »Warum? Habe ich Ihnen auf den Fuß getreten?« »Nein, aber die Leute werden über mich reden.«

»Macht Ihnen das wirklich - drinnen im Herzen - etwas aus? Es ist doch kein Verbrechen, nicht wahr? Warum wollen Sie den Walzer nicht mit mir tanzen?«

»Wenn Mutter je ...«

»Also immer noch an Mamas Schürzenband?«

»Was für eine scheußliche Art Sie haben, bei Ihnen wird alle Tugend ...« »Tugend ist dumm. Kehren Sie sich wirklich an das, was die Leute

reden?«

»Nein, aber ... Gott sei Dank, da fängt der Walzer an.«

»Zur Sache bitte! Haben Sie sich je daran gekehrt, was andere Frauen sagen?«

»Wenn Sie es durchaus wissen wollen - nein! Heute abend ist es mir einerlei.«

»Bravo! Endlich fangen Sie an, selber zu denken. Das ist der Anfang aller Weisheit.«

»Ach, aber ...«

»Wenn man erst soviel über Sie geredet hat wie über mich, dann wird Ihnen auch nicht mehr daran liegen. Denken Sie doch, in Charleston gibt es kein Haus mehr, in dem ich noch empfangen werde. Nicht einmal, was ich für die gerechte heilige Sache tue, löst den Bann.«

»Wie schrecklich!«

»Durchaus nicht. Ehe Sie nicht Ihren guten Ruf verloren haben, merken Sie gar nicht, was für ein Laster er ist.«

»Was Sie sagen, ist unerhört!«

»Unerhört und wahr. Immer vorausgesetzt, daß Sie Mut haben - oder Geld, kommen Sie auch ohne guten Ruf aus.«

»Für Geld kann man nicht alles kaufen.«

»Das muß Ihnen jemand gesagt haben. Auf solche Plattheit wären Sie nie von selbst verfallen. Was kann man denn nicht dafür kaufen?«

»Nun, ich weiß nicht recht ... jedenfalls kein Glück und keine Liebe.« »Meistens doch. Mindestens kann man ansehnlichen Ersatz dafür

kaufen.«

»Haben Sie denn so viel Geld, Kapitän Butler?«

»Was für eine ungehörige Frage, Mrs. Hamilton. Ich muß mich wundern. Ja, für einen seit früher Jugend verfemten jungen Mann habe ich es zu einem ganz hübschen Vermögen gebracht, und bei der Blockade werde ich sicher noch eine Million einstecken.«

»Nicht möglich!«

»Doch! Den meisten Leuten ist eben nicht klar, daß man aus dem Untergang einer Kultur ebensoviel Geld herausschlagen kann wie aus dem Aufbau einer neuen.«

»Was soll das heißen?«

»Ihre Familie, meine Familie und jeder, der heute abend hier ist, alle haben ihr Vermögen damit gemacht, daß sie eine Wüste in Kulturland verwandelt haben. Das heißt ein Reich aufbauen. Beim Aufbau eines Reiches läßt sich freilich viel Geld verdienen. Beim Untergang eines Reiches aber noch mehr.«

»Was für ein Reich meinen Sie?«

»Das Reich, in dem wir leben. Der Süden, die Konföderierten Staaten, das Baumwollreich - es bricht uns jetzt unter den Füßen zusammen. Das aber wollen die meisten Dummköpfe nicht einsehen. Sie werden ihren Vorteil erst aus der Lage zu ziehen suchen, die nach dem Zusammenbruch entsteht. Ich ziehe ihn aus dem Zusammenbrach selbst.«

»Dann glauben Sie also wirklich, wir werden geschlagen?«

»Ja, warumdenn Vogel Strauß spielen?«

»Ach Gott, ist das alles langweilig! Können Sie eigentlich jemals auch etwas Hübsches sagen, Kapitän Butler?«

»Macht es Ihnen Freude, wenn ich Ihnen sage, daß Ihre Augen zwei Goldfischhäfen gleichen, die bis zum Rand mit dem klarsten grünen Wasser gefüllt sind? Und wenn die Fische an die 0berfläche kommen, wie in diesem Augenblick, dann sind sie verteufelt reizend.«

»Ach, das mag ich gar nicht ... Ist die Musik nicht wunderbar? Ach, ich könnte ewig so weitertanzen. Ich habe gar nicht gewußt, wie sehr ich es vermißt habe.«

»Sie sind die schönste Tänzerin, die ich je im Arm gehalten habe.« »Kapitän Butler, Sie dürfen mich nicht so fest anfassen. Alles schaut auf

uns.«

»Wenn es niemand sähe, hätten Sie dann auch etwas dagegen?« »Kapitän Butler, Sie vergessen sich.«

»Nicht einen Augenblick. Wie könnte ich, solange ich Sie im Arm halten ... Was ist das für ein Walzer, ist er neu?«

»Ja. Ist er nicht herrlich? Den haben wir von den Yankees gekapert.« »Wie heißt er?«

»Wenn der grausige Krieg zu Ende ...«

»Wie sind die Worte? Singen Sie sie mir vor.«

»>Liebste, weißt dunoch, das letztemal,

Als wir zwei uns sahn?

Als du mir zu Füßen knietest

Und von der Liebe sprachst? Ach, wie stolz du vor mir standest Ganz in Grau,

Als du schwurst, mich nie zu lassen,

Nie das Vaterland.

Ach, nun wein' ich, einsam, t raurig, Seufzer, Tränen, ach, umsonst! Wenn der grause Krieg zu Ende, Wollenwirunswiedersehen! <

Natürlich hieß es >Ganzin Blau<, aber wir habenes in >Grau< umgeändert ... Ach, Sie tanzen so gut Walzer, Kapitän Butler. Sie wissen doch, große Männer können das selten. Und zu denken, daß es nun Jahre dauert, bis ich wieder tanzet«

»Das dauert nur ein paar Minuten. Ich biete auch für die nächste Polonäse auf Sie ... und für die übernächste und überübernächste.«

»0 nein, das geht nicht! Das dürfen Sie nicht! Dann ist mein Ruf hin.«

»An dem kann auch der nächste Tanz nicht mehr viel verderben. Mag sein, daß ich den andern Jungens auch einmal Gelegenheit gebe, wenn ich fünf oder sechs hinter mir habe, aber den letzten bekomme ich!«

»Also gut Ich weiß, ich bin verrückt, aber was schert das mich! Mir ist es ganz einerlei, was die Leute sagen. Ich habe es so satt, zu Hause zu sitzen. Ich will tanzen und immer wieder tanzen.«

»Und nicht mehr Schwarz tragen? Krepp ist mir ein Greuel.«

»0 nein, meine Trauer kann ich nicht ablegen ... Kapitän Butler, Sie dürfen mich nicht so an sich drücken. Wenn Sie das tun, werde ich böse.«

»Sie sehen so wunderbar aus, wenn Sie böse sind. Ich will Sie noch einmal recht fest drücken ... so ... nur um zu sehen, ob Sie wirklich böse werden. Sie haben ja keine Ahnung, wie reizend Sie damals in Twelve 0aks waren, als Sie in Wut gerieten und Gegenstände zerschmissen.«

»Ach, bitte ... wollen Sie das nicht vergessen?«

»Nein, das gehört zu meinen ganz unbezahlbaren Erinnerungen ... eine wohlerzogene Schöne aus den Südstaaten, mit der ihr irisches Blut durchgeht.«

»0 je, nun ist die Musik zu Ende, und da kommt Tante Pittypat aus dem Hinterzimmer. Mrs. Merriwether muß es ihr erzählt haben, das weiß ich gewiß. Ach, um Gottes willen, lassen Sie uns hinübergehen und zum Fenster hinausschauen. Jetzt darf sie mich nicht abfangen. Ihre Augen sind so groß wie Untertassen.«

Am nächsten Morgen saß Tante Pittypat in Tränen aufgelöst über ihren Waffeln. Melanie war still, Scarlett trotzig.

»Was geht das mich an, was sie reden! Ich habe dem Lazarett mehr Geld eingebracht als all der alte Kram, den wir verkauft haben.«

»Ach Gott, was liegt denn an Geld«, jammerte Tante Pittypat und rang die Hände. »Ich traute einfach meinen Augen nicht, und dabei ist der arme Charlie kaum ein Jahr tot. Und dieser schreckliche Kapitän Butler, der dich so kompromittiert hat. Er ist ein ganz, ganz furchtbarer Mensch. Mrs. Whitings Cousine, Mrs. Coleman, deren Mann aus Charleston ist, hat mir davon erzählt. Er ist das schwarze Schaf einer angesehenen Familie. In Charleston wird er von niemandem empfangen, er hat den schlimmsten Ruf von der Welt, und da war etwas mit einem Mädchen, etwas so Schreckliches. Mrs. Coleman wußte nicht einmal, was es eigentlich war.«

»Nein, ich kann nicht glauben, daß er so schlecht ist«, sagte Melanie sanft. »Er machte den Eindruck eines vollkommenen Gentleman, und wenn man bedenkt, wie tapfer er die Blockade durchbrochen hat ...«

»Er ist gar nicht tapfer«, sagte Scarlett störrisch und goß sich das halbe Glas Sirup über die Waffeln. »Er tut es nur um des Geldes willen. Das hat er mir gesagt. Die Konföderierten Staaten sind ihm gleichgültig, und er sagt, wir bekommen Prügel. Aber tanzen tut er göttlich!«

Die beiden Zuhörerinnen waren vor Entsetzen sprachlos.

»Ich habe es satt, zu Hause zu sitzen. Ich tue es nicht mehr. Wenn alle jetzt über mich herziehen, ist mein Ruf ohnehin erledigt, und es kommt nicht mehr darauf an, was sie sonst sagen.«

Sie merkte nicht, daß dies Rhett Butlers Gedanke war. Er kam ihr so gelegen und fügte sich so gut in ihre eigenen Gedanken ein.

»Ach, was wird deine Mutter sagen, wenn sie davon hört? Was soll sie nur von mir denken?«

Als Scarlett sich Ellens Bestürzung vorstellte, falls sie je von dem anstößigen Benehmen ihrer Tochter erfahren sollte, wurde ihr beklommen ums Herz. Aber sie schöpfte wieder Mut, als sie sich überlegte, daß zwischen Atlanta und Tara fünfundzwanzig Meilen lagen. Miß Pitty erzählte Ellen sicher nichts, denn sie würde sich als Tante in ein gar zu schlechtes Licht setzen.

»Ich glaube«, sagte Pitty, »es ist besser, ich schreibe Henry einen Brief darüber, so ungern ich das auch tue, aber er ist unser einziger männlicher Verwandter und sollte Kapitän Butler ins Gewissen reden. Ach, wenn nur Charlie noch lebte! Mit dem Mann darfst du niemals wieder auch nur ein Wort sprechen, Scarlett.«

Melanie hatte ruhig mit den Händen im Schoß dagesessen, während ihr die Waffeln auf dem Teller kalt wurden. Sie stand auf, trat hinter Scarlett und legte ihr die Arme umden Hals.

»Liebes«, sagte sie, »laß dich nicht irremachen. Ich verstehe dich. Was du gestern abend getan hast, war tapfer von dir und eine große Hilfe für das Lazarett. Wenn jemand sich untersteht, daran zu mäkeln, bekommt er es mit mir zu tun ... Tante Pitty, nicht weinen! Es war hart für Scarlett, daß sie nirgends hingehen durfte. Sie ist eben noch ein Kind.« Ihre Finger glitten spielend durch Scarletts schwarzes Haar. »Vielleicht täte es uns allen besser, wenn wir hin und wieder ausgingen. Ist es nicht eigentlich sehr selbstsüchtig von uns, wenn wir uns so mit unserem Kummer einschließen? In Kriegszeiten ist das etwas anders als sonst. Wenn ich an all die Soldaten in der Stadt denke, die fern von zu Hause sind und keine Freunde haben, die sie abends besuchen können ... und an die im Lazarett, die gesund genug sind, aufzustehen, und doch nicht gesund genug, an die Front zurückzukehren ... ja, wir sind selbstsüchtig gewesen! Wir sollten auf der Stelle, wie jeder andere, drei Genesende ins Haus nehmen und jeden Sonntag ein paar Soldaten zu Tisch haben. So, Scarlett, nun mach dir keine Gedanken mehr. Wenn die Leute dich verstehen, reden sie auch nicht. Wir alle wissen, wie lieb du Charlie gehabt hast.«

Scarlett machte sich durchaus keine Gedanken mehr darüber, ab er Melanies weiche Hände in ihrem Haar waren ihr unangenehm. Es reizte sie, mit einem Ruck den Kopf wegzuziehen und »dummes Zeug!« zu sagen, denn die Erinnerung daran, wie Landwehr, Landsturm und all die Frontsoldaten aus dem Lazarett sich um Tänze mit ihr gerissen hatten, erwärmte sie noch immer. Von allen Menschen wünschte sie sich Melly am wenigsten zur Verteidigerin. Sie wollte schon für sich selbst aufkommen, danke schön, und wenn die alten Drachen fauchen wollten nun, sie konnte auch ohne sie auskommen. Für sie gab es viel zuviel nette 0ffiziere auf der Welt, als daß sie sich über alte Weiber und ihr Gerede den Kopf zerbrechen müßte.

Bei Melanies beruhigenden Worten tupfte sich Pittypat die Augen. Da kamPrissy mit einem dicken Brief herein.

»Für Sie, Miß Melly. Ein kleiner farbiger Junge wird ihn bringen.«

»Für mich?« Melly konnte sich nicht denken, woher er kam, und öffnete den Umschlag.

Scarlett beschäftigte sich gerade mit ihren Waffeln und bemerkte nichts weiter, bis sie Melly in Tränen ausbrechen hörte und, als sie aufblickte, Tante Pittypat sich nach dem Herzen greifen sah.

»Ashley ist tot!« kreischte Pittypat, warf den Kopf zurück und ließ beide Armeschlaff heruntersinken.

»Mein Gott!« Scarletts Blut erstarrte.

»Nein! Nein!« rief Melanie. »Rasch das Riechsalz, Scarlett! Nun komm, Tante, fühlst du dich besser? Tief atmen! Nein, es ist nicht Ashley. Es tut mir leid, daß ich euch einen Schrecken eingejagt habe. Ich weinte vor lauter Freude.« Und auf einmal öffnete sie die Faust und drückte etwas, was darin steckte, an die Lippen. »Ich bin so glücklich!« Und wieder brach sie in Tränen aus.

Scarlett sah, daß es ein breiter, goldener Ring war.

»Lies.« Melly wies auf den Brief, der am Boden lag. »Ach, wie lieb und gut von ihm!«

Scarlett wußte nicht, was sie davon denken sollte, sie hob das Blatt auf und las die breiten kühnen Schriftzüge: »Mögen die Konföderierten auch das Blut ihrer Männer brauchen, das Herzblut ihrer Frauen verlangen sie noch nicht. Nehmen Sie, liebe gnädige Frau, dieses Zeichen meiner Verehrung für Ihre Tapferkeit entgegen, und meinen Sie nicht, Ihr 0pfer sei umsonst gebracht. Dieser Ring ist für das Zehnfache seines Wertes eingelöst worden. Kapitän Rhett Butler.«

Melanie steckte sich den Ring an den Finger und betrachtete ihn liebevoll.

»Habe ich nicht gesagt, daß er ein Gentleman ist?« wandte sie sich an Pittypat und lächelte glücklich durch die Tränen auf ihren Wangen. »Nur ein feinfühliger, verständnisvoller Gentleman konnte sich vorstellen, wie es mir das Herz brach! Ich schicke statt dessen meine goldene Kette. Tante Pittypat, du mußt ihm eine Zeile schreiben und ihn Sonntag zum Mittagessen einladen, damit ich ihm danken kann.«

Keiner der beiden andern war es in ihrer Erregung aufgefallen, daß Kapitän Butler nicht auch Scarletts Ring zurückgeschickt hatte. Sie aber merkte es und ärgerte sich darüber. Sie wußte, daß Kapitän Butler nicht aus Feingefühl so ritterlich gehandelt hatte. Er wollte gern in Pittypats Haus eingeladen werden und hatte das sicherste Mittel dazu herausgefunden.

»Es hat mich tief bekümmert, zu hören, wie Du Dich kürzlich aufgeführt hast«, lautete Ellens Brief, und Scarlett, die ihn bei Tisch las, machte ein finsteres Gesicht. Schlechte Nachrichten reisen schnell. Sie hatte in Charleston und Savannah oft sagen hören, daß die Leute von Atlanta ärger klatschten als irgend jemand sonst im Süden, und nun glaubte sie es. Erst vorige Woche hatte das Fest stattgefunden. Wer von den alten Drachen mochte es wohl auf sich genommen haben, Ellen zu benachrichtigen? Einen Augenblick hatte sie Tante Pittypat im Verdacht, ließ den Gedanken aber sofort fallen. Die arme Tante hatte Qualen der Angst ausgestanden, Scarletts dreistes Betragen könnte ihr zur Last gelegt werden. Es mußte wohl Mrs. Merriwether gewesen sein.

»Es fällt mir schwer zu glauben, daß Du Dich und Deine Erziehung so völlig vergessen hast. Von der Ungeschicklichkeit, in Trauer öffentlich zu erscheinen, will ich nicht reden. Ich begreife, wie es Dir am Herzen gelegen hat, etwas für das Lazarett zu tun. Aber tanzen und das mit einem Mann wie Kapitän Butler? Ich habe viel von ihm gehört, wer hätte das nicht, und Pauline schrieb mir, er würde in Charleston nicht einmal von seiner eigenen Familie mehr empfangen, außer von seiner untröstlichen Mutter. Er ist ein durch und durch schlechter Charakter, der Deine Jugend und Deine Unschuld benutzt, um Dich zu kompromittieren, um Dir und Deiner Familie Schmach anzutun. Wie konnte Miß Pittypat ihre Pflicht gegen Dich so vernachlässigen?«

Scarlett blickte über den Tisch zu ihrer Tante hinüber. Die alte Dame hatte Ellens Handschrift erkannt und spitzte erschrocken ihr Mündchen wie ein kleines Kind, das vor Schelte bange ist und sie durch Tränen abwenden möchte.

»Es geht mir sehr nahe, daß Du Deine Erziehung so vergessen konntest. Ich ging schon mit dem Gedanken um, Dich sofort nach Hause zurückzurufen, stelle aber das lieber Deinem Vater anheim. Freitag kommt er nach Atlanta, um mit Kapitän Butler zu sprechen und Dich nach Hause zu bringen. Ich fürchte, trotz meiner Bitten wird er sehr streng sein. Ich hoffe und bete, nur Deine jugendliche Unerfahrenheit möge die Ursache zu so keckemBenehmen gewesen sein.«

Es ging noch lange in demselben Ton weiter, aber Scarlett las den Brief nicht zu Ende. Dieses Mal war sie wirklich zu Tode erschrocken. Dies ließ sich nicht einfach trotzig abschütteln. Sie fühlte sich so klein und schuldbewußt wie mit zehn Jahren, wenn sie Suellen über den Tisch einen Zwieback ins Gesicht geworfen hatte, und nun wollte ihr Vater gar in die Stadt kommen, um mit Kapitän Butler zu sprechen! Der Ernst der Sache ging ihr immer deutlicher auf. Dieses Mal, wußte sie, konnte sie sich der Strafe nicht dadurch entziehen, daß sie sich schmeichelnd auf Geralds Knie setzte.

»Es sind doch keine schlechten Nachrichten?« stammelte Pittypat .

»Pa kommt morgen und will mich tüchtig abkanzeln«, antwortete Scarlett kläglich.

»Prissy, mein Riechsalz!« wimmerte Pittypat und schob den Stuhl zurück. »Mir wird schlecht!«

»Das haben Sie in der Rocktasche«, sagte Prissy. Sie ahnte das Drama und genoß es. Master Gerald war immer so schön aufgeregt, wenn er böse wurde, und das liebte sie sehr, vorausgesetzt, daß ihr wolliger Kopf nicht gerade das 0pfer war. Pittypat suchte in ihrem Rock und hielt sich das Fläschchen an die Nase.

»Ihr müßt mir beistehen und dürft mich keinen Augenblick allein lassen«, sagte Scarlett. »Er hat euch beide gern, und wenn ihr dabei seid ...«

»Ich kann nicht«, sagte Pittypat matt und erhob sich mühsam. »Ich ... ich fühle mich krank ... ich muß mich hinlegen, den ganzen Tag muß ich mich morgen hinlegen. Ihr müßt mich bei ihm entschuldigen.«

»Feigling!« dachte Scarlett und funkelte sie voll Verachtung an. Melly nahm alle Kraft zusammen, obwohl sie bei dem Gedanken an den feuerspeienden Mr. 0'Hara ganz blaß vor Schreck wurde.

»Ich helfe dir, ihm klarzumachen, daß du es um des Lazaretts willen getan hast. Das muß er doch begreifen.«

»Nein, das tut er nicht. Ach, ich sterbe, wenn ich nach Tara zurück muß, wie Mutter mir droht!«

»Ach Gott, du kannst doch nicht nach Hause«, sagte Pittypat unter Tränen. »Wenn du fortgingst, wäre ich ja gezwungen, Henry zu bitten, er möge zu uns ziehen, und du weißt doch, ich kann und kann nicht mit Henry unter einem Dache leben. Mir ist abends so bange, wenn ich mit Melly allein im Haus bin, bei all den fremden Männern, die jetzt in der Stadt sind! Du bist so tapfer, da macht es mir weniger aus, daß kein Mann im Haus ist!«

»Ach, er kann dich doch nicht mit nach Tara nehmen!« Auch Melly sah aus, als wären ihr die Tränen ganz nahe. »Dein Heim ist jetzt bei uns, was sollten wir je ohne dich anfangen?«

Ihr würdet mich mit Freuden entbehren, wenn ihr wüßtet, wie ich in Wirklichkeit über euch denke, dachte Scarlett mißmutig und wünschte, jemand anders als Melanie möge ihr helfen, Geralds Zorn abzuwehren. Es war ihr ein jämmerliches Gefühl, gerade von der verteidigt zu werden, die sie so wenig leiden mochte.

»Sollten wir nicht lieber die Einladung an Kapitän Butler widerrufen?« fing Pittypat an.

»Aber das können wir doch nicht! Das wäre wirklich die Höhe der Unhöflichkeit!«Melly war ganz unglücklich.

»Bringt mich ins Bett, ich werde krank«, stöhnte Pittypat. »Ach, Scarlett, wie konntest du mir das antun?«

Pittypat lag wirklich im Bett, als Gerald am nächsten Nachmittag ankam. Hinter ihrer verschlossenen Tür verschanzt, hatte sie sich tausendfach entschuldigen lassen und überließ es den beiden verängstigten Mädchen, sie beim Abendessen zu vertreten. Gerald war von unheilverkündender Schweigsamkeit, wenn er auch Scarlett küßte und Melly in die Wange kniff und sie »Cousine Melly« nannte. Flüche und Vorwürfe wären Scarlett sehr viel lieber gewesen. Melanie hielt getreulich ihr Versprechen und hängte sich, ein kleiner raschelnder Schatten, an Scarletts Rock. Gerald war zu sehr Gentleman, um seiner Tochter in ihrer Gegenwart die Leviten zu lesen. Scarlett mußte zugeben, daß Melanie es sehr geschickt anfing. Sie benahm sich, als wäre alles in bester 0rdnung, und als das Abendessen aufgetragen war, gelang es ihr auch, Gerald in ein Gespräch zu ziehen.

»Ich möchte alles aus der Provinz hören«, sagte sie strahlend zu ihm. »India und Honey schreiben keine Briefe; Sie aber wissen ja alles, was dort vorgeht, bitte, erzählen Sie uns von Joe Fontaines Hochzeit.«

Das schmeichelte Gerald, und er erzählte, die Hochzeit sei recht still verlaufen, weil Joe nur kurz Urlaub hatte. Sally, das kleine Munroeküken, habe sehr niedlich ausgesehen. Nein, was für ein Kleid sie anhatte, wußte er nicht mehr, er hatte aber gehört, ein Kleid für den »zweiten Tag« habe sie nicht gehabt.

»Nicht möglich!« Die beiden Mädchen waren entrüstet.

»Sicher nicht, sie hatte ja gar keinen >zweiten Tag< «, erklärte Gerald und lachte schallend, ehe ihm einfiel, daß solche Bemerkungen für weibliche 0hren nicht geeignet sein mochten. Es wurde Scarlett bei seinem Gelächter wieder ein wenig wohler, und sie segnete Melanies Taktik.

»Joe ist am nächsten Tage schon wieder nach Virginia gegangen«, fuhr Gerald hastig fort, »da gab es keine Besuche und keinen Tanz hinterher. Die Tarleton-Zwillinge aber sind zu Hause.«

»Wir haben davon gehört, sind sie wieder hergestellt?«

»Sie waren nur leicht verwundet. Stuart hatte einen Schuß ins Knie, und durch Brents Schulter war eine Gewehrkugel gegangen. Habt ihr schon gehört, daß sie wegen ihrer Tapferkeit im Kriegsbericht erwähnt worden s ind?«

»Nein! Erzähle!«

»Tollköpfe - alle beide. Mir scheint fast, sie haben irisches Blut«, sagte Gerald wohlgefällig. »Was sie eigentlich gemacht haben, ist mit entfallen, aber Brent ist jetzt Leutnant.«

Es machte Scarlett Freude, von ihren Heldentaten zu hören. Es war eine Freude am Eigentum. War ein Mann einmal ihr Verehrer gewesen, so betrachtete sie ihn immer weiter als ihr Eigentum, und alles, was er leistete, gereichte ihr zur Ehre.

»Ich habe noch eine Neuigkeit für euch beide«, sagte Gerald, »es heißt, Stuart gehe in Twelve 0aks auf Freiersfüßen.«

»Bei Honey oder India?« fragte Melly gespannt, während Scarlett fast entrüstet dreinsah.

»Natürlich Miß India, die hatte ihn doch am Bändel, bis mein eigenes Gelichter nach ihm äugte. Stimmt's?«

Melly war in nicht geringer Verlegenheit über Geralds freimütige Ausdrucksweise.

»Und, was noch mehr ist, der junge Brent fängt an, in Tara herumzulungern. Was sagt ihr nun?«

Scarlett war sprachlos. Es kam ihr geradezu wie eine Beleidigung vor, daß ihre Verehrer sie solcherart im Stich ließen, besonders wenn sie daran dachte, wie die beiden Tarletons sich aufgeführt hatten, als sie Charles heiraten wollte. Stuart hatte sogar damit gedroht, Charles zu erschießen oder Scarlett oder sich selbst oder alle drei. Es war höchst aufregend gewesen.

»Suellen?« fragte Melly und lächelte freudig. »Aber ich dachte, Mr. Kennedy ...«

»Der?« sagte Gerald, »ja, er katzbuckelt immer noch um sie herum und hat Angst vor seinem eigenen Schatten. Wenn er nicht bald selber mit der Sprache herausrückt, frage ich ihn nächstens, was er eigentlich vorhat. Nein, dies gilt meiner Kleinen.«

»Carreen?«

»Aber sie ist doch noch ein Kind«, sagte Scarlett scharf. Sie hatte ihre Sprache wiedergefunden.

»Sie ist nur ein gutes Jahr jünger, als du bei deiner Hochzeit warst, mein Kind«, gab Gerald zurück. »Gönnst du deiner Schwester deine alten Verehrer nicht?«

Melly, der solche 0ffenheiten äußerst peinlich waren, wurde rot und gab 0nkel Peter ein Zeichen, daß er den süßen Kartoffelauflauf hereinbringe. Verzweifelt suchte sie in ihrem Hirn nach einem Gesprächsthema, das nicht so persönlich, aber doch geeignet wäre, Mr. 0'Hara von seinem eigentlichen Reisezweck abzulenken. Ihr fiel nichts ein. Nachdem aber Gerald einmal im Gange war, brauchte er zu seiner Anregung nichts weiter als Zuhörer. Er redete sich in Zorn über die diebische Intendantur, die jeden Monat höhere Forderungen stellte, über Jefferson Davis' schuftige Dummheit und die Schäbigkeit der Iren, die sich durchs Handgeld verlocken ließen, in das Heer der Yankees einzutreten.

Als der Wein auf dem Tisch stand und die beiden Mädchen sich erhoben, um den alten Herrn allein zu lassen, warf er hinter zusammengezogenen Brauen seiner Tochter einen strengen Blick zu und befahl sie zu einer kurzen Unterhaltung unter vier Augen. Während Scarlett ihr verzweifelt nachsah, ging Melly, hilflos an ihrem Taschentuch zerrend, hinaus und schloß leise die Flügeltür.

Gerald schenkte sich ein Glas Portwein ein. »Also, mein Kind, das ist ja eine hübsche Geschichte! So kurz erst Witwe und schon auf den zweiten Mann aus!«

»Nicht so laut, Pa, die Dienstboten ...«

»Die wissen längst alles. Jeder weiß von deiner Schande. Deine arme Mutter liegt deswegen zu Bett, und ich mag mich nirgends mehr sehen lassen. Schmählich ist es. Nein, Puß, diesmal kommst du mir nicht mit Tränen davon.« Zwischen seinen hastigen Worten wurde eine gelinde Panik wahrnehmbar, als Scarletts Lider zu beben und ihr Mund zu zucken begann. »Ich kenne dich. Du würdest noch unter den Augen deines eigenen Ma nnes flirten. Nicht weinen! Nun, nun, ich will heute abend nichts mehr sagen. Ich suche jetzt den famosen Kapitän Butler auf, der es mit dem Ruf meiner Tochter so leicht nimmt. Aber morgen früh - Nicht weinen, das hilft dir gar nichts, nicht das geringste. Ich bleibe fest, und morgen kommst du wieder mit mir nach Tara, ehe du uns noch alle in Verruf bringst. Nicht weinen, Kindchen. Sieh mal, was ich dir mitgebracht habe, ist das nicht ein schönes Geschenk? Sieh doch her! Wie konntest du mir nur so viel Plage machen und mich den ganzen langen Weg hierher fahren lassen? Ich habe doch so viel um die 0hren. Nicht weinen!«

Melanie und Pittypat schliefen schon seit mehreren Stunden, Scarlett aber, mit ihrem schweren angstvollen Herzen, lag noch immer wach in der wannen Dunkelheit. Nun, wo das Leben gerade wieder anfing, sollte sie Atlanta verlassen, heimfahren und vor Ellens Angesicht treten! Lieber wollte sie auf der Stelle sterben, dann würden sie es alle bereuen, daß sie so hart gegen sie gewesen waren. Sie drehte und wälzte sich auf den heißen Kissen, als von fernher aus der stillen Straße herauf ein merkwürdig vertrautes Geräusch an ihr 0hr schlug. Sie schlüpfte aus dem Bett und sah aus dem Fenster. In dem weichen Schatten der hohen Bäume lag die Straße tiefdunkel unter dem dämmerigen Sternenhimmel. Das Geräusch kam näher, Räderrollen, Hufschlag, Menschenstimmen, und auf einmal mußte sie lächeln: eine weinselige irische Stimme sang vernehmbar das vertraute »Peggy in der kleinen Chaise«, und nun wußte sie Bescheid. Gerichtstag in Jonesboro war freilich nicht, aber Gerald kam in der gewohnten Verfassung nach Hause.

Sie sah die dunklen Umrisse eines Einspänners halten und unbestimmte Gestalten aussteigen. Es waren zwei. Sie blieben an der Gartenpforte stehen, und Scarlett hörte die eiserne Klinke knacken. Dann erklang deutlich Geralds Stimme. »Nun noch die >Klage um Robert Emmet<. Das Lied solltest du wirklich kennen, mein Junge, ich will es dich lehren.«

»Ich möchte es wirklich lernen«, erwiderte der andere mit einem leisen unterdrückten Lachen in seinem gedehnten, verschliffenen Tonfall, »aber nicht jetzt, Mr. 0'Hara.«

»Du mein Gott, das ist ja dieser schreckliche Butler.« Scarletts erste Regung war Ärger, dann faßte sie Mut. Jedenfalls hatte es keine Schießerei gegeben. Sie mußten schon auf freundschaftlichem Fuß miteinander stehen, wenn sie zu dieser nächtlichen Stunde in einer solchen Verfassung miteinander nach Hause kamen.

»Ich will es aber singen, und du sollst mir zuhören, sonst schieße ich dich 0rangeman t ot.«

»Ich bin kein 0rangeman, ich bin aus Charleston.«

»Das ist auch nicht besser, das ist noch viel schlimmer. Ich habe zwei Schwägerinnen in Charleston und weiß Bescheid.«

»Will er denn der ganzen Nachbarschaft davon erzählen?« dachte Scarlett erbleichend und schlüpfte in ihren leichten Schlafrock. Was sollte sie nun machen? Sie konnte unmöglich so spät in der Nacht hinuntergehen und ihren Vater von der Straße ins Haus zerren.

Gerald aber, über die Pforte lehnend, warf ohne weitere Aufforderung den Kopf zurück und stimmte in seinem grölenden Baß die »Klage« an. Scarlett stützte die Ellbogen auf die Fensterbank und hörte zu. Sie mußte




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