Eine Frau - Ihr Leben und was sie dafür opferte Mirko Krumbach Bei einer Zugfahrt treffen der gewöhnliche Autor K. und die attraktive Dame M. im Abteil aufeinander. Ein ungezwungener Kontakt scheint zunächst völlig aussichtslos. Während die weitgereiste Frau durch zahlreiche Erlebnissen mit ihrem Schicksal hadert, wird der verschrobene Autor, gefangen und abgeschieden in seiner Gedankenwelt, verfolgt von abstrusen Gedanken und Ängsten. Ein unvorhergesehener Defekt am Zug gibt den beiden, trotz ihrer gegensätzlichen Natur, scheinbar mehr Gelegenheit zu einem Kennenlernen. Als die Unbekannte an einer Station in Eile den Zug verlässt und dabei ihr Tagebuch vergisst, legt sie dem Autor ihr ganzes Leben offen – der es wenig später zwischen den Sitzen findet. Fortan getrieben von dem Wunsch sie wiederzusehen, sucht er in dem Tagebuch verzweifelt nach einem Namen und der Adresse. Doch eine erfolgreiche Rückgabe scheitert. In Erinnerung an das vertrauensvolle Gespräch und völlig ergriffen von ihren niedergeschriebenen Erlebnissen, entschließt sich der Autor ihr bewegtes Leben in einem Buch zu veröffentlichen. Ebenso in der in Hoffnung von der Frau, die er gerne näher kennengelernt hätte, ein weiteres Lebenszeichen zu erhalten! Es ist ein Glücksspiel! Denn, hatte sie so viel Vertrauen zu dem Fremden und würde sie einer Veröffentlichung ihres Lebens zustimmen? Hat er die Möglichkeit ihr noch einmal persönlich zu begegnen? Mirko Krumbach Eine Frau - Ihr Leben und was sie dafür opferte Dieses ebook wurde erstellt bei (http://www.neobooks.com) Inhaltsverzeichnis Titel (#u12eb2c30-fcbe-5de0-a9cd-3797742124a4) Der seltsame Autor und seine Zugfahrt (#ud49916e9-46e0-574e-9382-39c556bebf9c) Eine zufällige Begegnung? (#u0bf22a2a-02f0-5e11-9895-a8201294f1ee) Nach dieser zufälligen Begegnung (#ue15421cb-1d64-5b6c-af31-cd01494b6d7f) Ein Bild aus glücklichen Tagen? (#uf8e67398-155d-599f-a6ac-32cdf3400ed5) Auf den Spuren eines Lebens (#u4611e766-1d44-56eb-bdc0-7e5120451cde) Viel Arbeit und Planung über Planung (#u5fe6d2c3-df63-5f9a-ac7a-e6b124ab3a87) ...endlich ankommen... (#u688727a0-b0eb-5459-afc4-e827ef7f6df1) Wind im Paradies (#u31015544-b32b-5464-aedb-6c8668e004a9) Aus längst vergangener Zeit (#u828a76fe-83ee-54af-92b2-3a400addfa96) Sturm im Paradies (#uc8f9d261-1d42-51b8-8cbe-9c7d7e0cd239) Was bleibt noch? (#u82e57ccd-372e-53f3-85dd-8696099d8a52) Ein neues Leben! Aber, wo war das Alte? (#u58b39e1a-4fd3-5a33-a612-e92fb97ba2b5) Sie kommt der Wahrheit immer näher (#u00cfdc8a-637c-5a7e-87bc-d65a10859999) Damals, in einer Bar... (#u364f1685-b04d-5e75-bbdc-161e2d99cfe9) Und heute, einige Jahre später (#u28f0f28f-9eb1-58ed-ae37-44d04691d812) Der unaufhaltsame Absturz (#ua4f2ae1c-cfaf-5d6c-bb9a-c29d6eeecbd8) Eine bittere Enttäuschung (#u3719f059-7b2a-569c-bea9-cf921b00b542) Das Alte endlich hinter sich lassen... (#u9e43e383-d444-5ba3-af4a-5b5363128c85) ...und Neues beginnen (#ud69702d7-409a-5320-87ed-fc81fac699ac) Wie gewonnen, so... (#u098bfe4f-79db-505f-8023-3864a3ec686e) Wenige Stunden vor der Zugfahrt (#u564b9cc7-1dee-5c50-9db6-b2cbe3e94a6d) Epilog (#u5914719c-6047-5682-a81c-d81ac7479b7f) Impressum neobooks (#u86d06e36-7427-5351-b1af-8a1dc6f16dba) Der seltsame Autor und seine Zugfahrt Zögerlich betrat Herr K. das Zugabteil. Fast schon verloren stand er mitten im schmalen Gang des Wagons und schaute sich nochmals prüfend um. Ein Irrtum schien dieses Mal ausgeschlossen. Es war der richtige Zug. Endlich geschafft! Die lästige, sehr mühsame “Sucherei“ nach dem richtigen Bahnsteig, hatte mittlerweile eine stattliche Anzahl von Schweiß auf seine Stirn getrieben. Der Mann war Anstrengungen von dieser Art überhaupt nicht mehr gewohnt. Die aufdringlichsten Tropfen tupfte er mit einem Taschentuch ab und steckte es eiligst zurück in seine Hosentasche. Dann sank er zufrieden auf einen der unbesetzten, sehr komfortablen Sitzgelegenheiten nieder und ließ ein paar unbestimmte Gedanken kreisen. Sein kritischer Blick zog abermals prüfend durch das mäßig besetzte Abteil. Aufmerksam, fast schon argwöhnisch musterte der neue Fahrgast die schon anwesenden Passagiere. Einige saßen an ihren Laptops und tippten Berichte. Andere Zeitgenossen lasen ihre E-Mails, oder telefonierten und schauten nebenbei durch die Fenster. Ab und zu wurde das leise Gemurmel und die klickenden Geräusche der Tasten, im Innern des Wagons, von wichtigen Durchsagen auf dem Bahnsteig übertönt. Blecherne, fast krächzende Stimmen ertönten aus Lautsprechern, welche über den Köpfen der Reisenden die quirlige Atmosphäre des Bahnhofs kräftig durchmischten. Von irgendwo aus einem Bahnhofsbüro mühte sich ein Angestellter redlich, wichtige Informationen pünktlich und gewissenhaft an die Fahrgäste weiterzuleiten. Dabei konnte der Mitarbeiter aber niemals ganz sicher sein, dass die Mitteilungen auch richtig verstanden wurden. Während auf dem Bahnsteig weiterhin reges Treiben herrschte, brachte Herr K. seine lästige Aufregung langsam, aber sicher unter Kontrolle. Ein paar entspannende Atemzüge später, ließen ihn endlich zu seiner gewohnten Ruhe finden. Hierbei verriet ein leicht verzücktes Lächeln, in seinem sonst ernsthaften Gesicht, dass er sich schon auf die bevorstehende Bahnfahrt freute. Aber unverhofft spielten seine Sinne ihm einen ungewöhnlichen Streich! Er glaubte einen Moment lang wirklich am Ziel seiner Reise angelangt zu sein! Dieser vollkommen absurde Eindruck, endlich aussteigen zu können, erheiterte plötzlich sein Gemüt – dabei war der Zug noch gar nicht losgefahren! Und seinem endgültigen Reiseziel war er, mit Einnahme des Sitzplatzes, auch noch keinen einzigen Kilometer näher gerollt. Einzig und allein die Tatsache, das schienengebundene Verkehrsmittel pünktlich erreicht und in dem Abteil einen Sitzplatz eingenommen zu haben, löste dieses täuschend ähnliche Hochgefühl in diesem großgewachsenen Mann aus. Zudem fehlten die lieben Familienangehörigen, die nach einer langen, anstrengenden Reise den Besuch voller Freude in Empfang nehmen! Doch am Zielort von Herrn K. wartete lediglich sein alter Schulfreund T. und würde ihn an der Bahnsteigkante freudig begrüßen. Es grenzte wirklich schon an ein wahres Wunder! Sehr viele Jahre waren vergangen, bevor Fortunas fleißige Hände die beiden Männer, auf einer kleinen Buchmesse wieder zusammenbrachte. Zwischen kilometerlangen Bücherregalen und vielen Leseecken liefen sich Herr K. und sein alter Schulfreund T. unverhofft wieder über den Weg. Die Freude über ihre unverhoffte Begegnung war riesig und sogleich wurde ein genauer Termin für einen regen Austausch vergangener Erlebnisse fest gemacht. Beide Freunde hatten schon seit ihren Jugendtagen einen höchst unterschiedlichen Lebensstil gepflegt, der sie über die Jahrzehnte auch immer wieder unbarmherzig trennte. Während Herr K. ein ruhiger, in sich gekehrter Mensch war und ewig lange an seinen Gedanken festhielt, lebte sein Freund T. ein schnelles aufregendes, mitunter gefährliches Leben. In seiner Welt hatte kaum etwas lange Bestand. Bei jeder günstigen Gelegenheit wurde altbekanntes durch neuartiges und reizvolleres ersetzt. Dabei spielte es oft keine Rolle, ob es ein Gegenstand oder eine Person war. Der Gedanke zu lange an einem Gegenstand, gar einem Menschen festzuhalten war ihm äußerst unangenehm. Die Angst enttäuscht, oder verlassen zu werden war bei ihm sehr groß. Die einzige Ausnahme in seinem Leben blieb der verschlossene Herr K.. Schon als Kind war er ein verlässlicher und angenehmer Zeitgenosse, dessen Meinung und Gegenwart der Schulfreund T. immer sehr geschätzt hatte. Und Herr K. seinerseits bewunderte den freizügigen Lebensstil seines Freundes und wollte es, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, ihm gleichtun. Doch alle Versuche aus seiner engen Gedankenwelt an die “Frische Luft“ zu kommen, waren grandios gescheitert. Er blieb eben ein brillanter Theoretiker, der sich seine Welt fast ausschließlich durch das geschriebene Wort erschließen konnte. So ging Herr K. den Weg eines langweiligen Autors von zahllosen Geschichten. Während sein Freund T., ein begnadeter Praktiker, sich ein abwechslungsreiches Leben, mit vielen erfolgreichen Geschäftsideen schuf. Aber nun sollte es endlich wieder soweit sein. Herr K. war ganz begierig zu erfahren, was T. für spannende Abenteuer erlebt hatte – vielleicht konnte er die eine oder andere aufregende Schilderung als Idee für ein neues Buch verwenden. Doch vor allem musste er unbedingt eine gerade fertig verfasst Geschichte mit seinem engsten Vertrauten besprechen. Zu diesem Zweck schien ihm ein längerer Aufenthalt von einigen Tage völlig angemessen. Der Autor konnte es sich dort, in dem viel gepriesenen Luxusleben, mal so richtig gut gehen lassen, bevor er zurück in seinem spartanischen Leben, neue Anekdoten ausbrütete. Aber auch T. hatte das dringende Bedürfnis einige seiner zahllosen Erlebnisse, der letzten Jahre, mit seinem besonderen Freund zu teilen. Und glücklicherweise hatte er in der Nähe des Hauptbahnhofs eine neue, sehr komfortable Bleibe gefunden! Bevor sich also Herr K. mit seinem alten, benzinbetriebenem Vehikel durch den rasant angestiegenen Autoverkehr quälte, stellte die Zugfahrt eine wesentlich angenehmere Art anzureisen dar. So vereinbarten beide kurzum, dieses lange vernachlässigte Massenverkehrsmittel zu nutzen, um bequem und sicher an T`s Wohnort zu gelangen. Insgeheim hegte Herr K. die vage Hoffnung, bei der bevorstehenden Bahnfahrt noch einige Ideen zu seinen neuen Geschichten ordnen und gefälliger formulieren zu können. Reichlich Gelegenheit zur Muse würde sich dem schüchterne Mann sicherlich bieten. Mittlerweile hatte der scheue Fahrgast die Örtlichkeit genau studiert und schaute nun verlegen im Abteil umher. Dabei zogen die nervösen Finger am Reißverschluss der Jacke herum. Prüfend tastete seine Hand nach der Bahnfahrkarte und fädelte sie griffbereit heraus. „Ich möchte vom Kontrolleur keineswegs überrascht werden und anfangen, in seiner Gegenwart hektisch nach dem Fahrschein zu suchen“, sprach er leise zu sich selber. Durch das leicht getönte Panoramafenster trafen ihn immer wieder flüchtige Blicke. Personen, die scheinbar zufällig an dem Abteil vorbeischlenderten und dabei ihre Neugier stillten – oder sie stierten einfach aus Langeweile hinein. Dieses aufdringliche Dreinschauen wurde K. lästig und es steigerte seine Unsicherheit jedes Mal aufs Neue. Aber irgendwann schaute er mit einer geschickt gespielten Gleichmut wieder zurück. Ein Lächeln kam ihm aber dabei nicht in den Sinn! Warum nur? Hatte er nach so langer Zeit wirklich verlernt freundlich und aufgeschlossen zu sein? Jedoch gab es auch zahlreiche Reisende, die hektisch zu ihrem Zug rannten, oder völlig gelangweilt zu Boden starrten. Sie waren in diesem Augenblick die angenehmsten Zeitgenossen, weil sie den schüchternen Mann keines einzigen Blickes würdigten! Die Unbeholfenheit stand Herrn K. schon deutlich im Gesicht geschrieben! Dabei wischte er immer wieder hartnäckige Schweißtropfen der Angst von seiner Stirn. „Man möchte sich doch vor Fremden keine Blöße geben“, säuselte er jedes Mal dazu leise. Seit einer gefühlten Ewigkeit unternahm der nervöse Herr mal wieder eine längere Bahnfahrt. Der anfänglichen Freude und großen Begeisterung war jetzt einem großen Unbehagen gewichen – und etliche Zweifel wurden zu seinen treuen Reisebegleitern. Sie ließen einfach nicht ab von dem verschlossenen, unbeholfenen Mann. Obwohl er sich immer wieder mit Worten und kleinen Handbewegungen Mut machte. Aber zu jedem ungewöhnlichen Anlass nährten weitere Zweifel unablässig seine Angst, vor dem modernen unbekannten, sich schnell weiterentwickelnden Leben. Einem aufmerksamen Beobachter wäre dieses sonderbare Verhalten bestimmt nicht entgangen und hätte sicher, hier oder dort, für einige Heiterkeit gesorgt. Es kostete Herrn K. wirklich große Anstrengung eine unbeschwerte Freude, gar Lässigkeit an die Umgebung auszustrahlen. Seinen wenigen Bewegungen mangelte es zudem an fließenden Übergängen. Die Körpersprache war statisch. Es fehlte ihr fast gänzlich an Ausdruck und Zuversicht – so wie es eine geschickte Orientierung in der Fremde, bei unbekannten Situation verlangen würde. Die zahlreichen neuen Eindrücke, in einer hektischen, modernen und sehr beweglichen Gesellschaft waren nun für ihn zu einer ungeahnten Herausforderung geworden. Kaum etwas war hierbei vertraut, noch selbstverständlich gewesen. Dennoch bei all seinem Unbehagen und der lästigen Unsicherheit stellte er beruhigt fest, dass Bahnhöfe ganz besondere Bauwerke darstellten. An diesen Orten fühlte sich der seltsame Autor unverständlicherweise wohl – trotz der vielen Leute und den ständig wechselnden Eindrücken. Jeden Tag treffen an diesen Punkten verschiedene Menschen auf engem Raum zusammen – Ankommende und Abfahrende, Schaulustige, Besucher, Händler, Einheimische, Fremde, Durchreisende und zahllose Mitarbeiter und Werktätige. Doch bleibt ihnen meist wenig Zeit zum Verweilen, da ein moderner Reisender oftmals in arger Zeitnot von einem Bahnsteig zum nächsten hetzt und dem eng getakteten Fahrplan scheinbar willig folgt. Bei Flughäfen gilt sicher das eben Genannte gleichermaßen! Doch sind diese Gebäude aus einer anderen Epoche. Sie verkörpern den Geist eines noch moderneren, schnelleren und aufwändigeren Lebensstils. Wer ein Flugzeug benutzt, möchte in noch fernere Gegenden reisen – ohne dabei einen großen Zeitverlust hinnehmen zu müssen. Dabei ist Reisen etwas wunderbares und eine richtige Kunst... Und Herr K. verlor sich erneut in nicht enden wollenden Gedanken, die er auch zu dieser Gelegenheit mit niemandem sonst teilen konnte. Am Ende seiner vielen Überlegungen formulierte er noch schnell einen guten Vorsatz: „Wenn ich es einrichten kann, ist ab jetzt die Bahn mein bevorzugtes Reiseverkehrsmittel. Es bleibt eine herrliche Art sich fort zu bewegen“! Wobei er aber zutiefst bedauerte, dass die Züge den Fahrgast nicht von zu Hause abholen... Aber das tun Flugzeuge nun mal auch nicht! Der Bahnsteig leerte sich, scheinbar von Geisterhand gesteuert, immer schneller und gab dabei eine klare, ungestörte Sicht auf die beeindruckende Konstruktion, sowie die Architektur einer längst vergangenen Epoche frei. Der Autor nutze den kurzen Augenblick, diese baulichen Leistungen alter Meister und begnadeter Konstrukteure auf sich wirken zu lassen. Hierbei lächelte er verzückt, als der Blick über kunstvoll verzierte Stahlträger glitt und an zahllosen, alten, verwitterten Glasscheibe entlangfuhr. „Was mir diese alten Baustoffe wohl berichten würden? Was für geschickte Hände sie in Form brachten?. Und durch welche weiteren Hände diese Teile, unter Schweiß und Muskelkraft, hier am Ort ihrer Bestimmung, gekonnt eingesetzt wurden?.. Menschliche Schicksale, Tragödien, vielleicht Unfälle, die sich unter ihnen, gar neben ihnen ereigneten – die sie fest eingefügt in ihren verschiedenen Position stoisch mitverfolgten... Und am Ende vielleicht entsetzt ihre Zerstörung und den anschließenden Wiederaufbau miterleben mussten“! Ja, Herr K. und seine nicht enden wollenden Gedanken. Diese konnten viele Mitmenschen zur ebenso endlosen Verzweiflung treiben! Von irgendwo auf dem Bahnsteig ertönte ein kurzes Pfeifsignal. Kurz darauf ein sanfter Schub, dann strebte der Zug, mit leisem Surren aus dem Bahnhof und ließ das hektische Treiben kurzerhand hinter sich. Mitsamt der vergangenen vierzig Minuten unbeschreiblichem Stress und Betriebsamkeit, welcher Herr K. ausgesetzt war, um in diesen Zug zu gelangen. Mit mäßiger Geschwindigkeit fädelte sich das Verkehrsmittel, geschickt durch ein undurchsichtiges Geflecht von Schienen, bis es schließlich auf freier Strecke seine Reisegeschwindigkeit deutlich erhöhte. Das gleichmäßige Dahingleiten beruhigte den gesamten Körper des Autors und zugleich inspirierte es seinen aufgebrachten Geist, welcher immer noch an der Architektur des Bahnhofs klebte. Aber die Tatsache sich mühelos und rasch fortzubewegen und hierbei die Umgebung, im Inneren wie außerhalb des Zugabteils, gelassen zu beobachten, war für den Mann ein herrliches und zugleich außergewöhnliches Vergnügen. Dabei unaufhörlich zahlreiche Eindrücke sammeln, um vielleicht anschließend altbekanntes neu bewerten zu können. Eigenen Ideen ihren freien Lauf zu lassen, sowie belastendes einfach über Bord zu werfen. So etwas scheint nur während einer Bahnreise möglich zu sein. Doch bald schon hatte der seltsame Fahrgast die ständig wechselnden Eindrücke außerhalb des Zugwagons, welche sich unaufhörlich am Fenster ein kurzes Stelldichein gaben, gründlich satt. An diesem freundlichen, sonnigen Tag sah alles so wunderbar friedvoll aus! Sein ständig reger Geist suchte nach greifbaren Information. So nahm er die zuvor am Bahnhofskiosk erstandene Zeitung und schlug sie auf – so wollte er sich kurzweilig über die wichtigsten Ereignisse auf der Welt informieren. Seine rastlosen Blicke streiften unzählige Artikel und Kommentare. Sie kündeten bedrohlich von ständig heftigeren Klima- und Naturkatastrophen auf der Erde – sinnlose Zerstörung und Ausbeutung von Ressourcen. Nebenbei pompöse Gipfeltreffen der Mächtigen – dabei versicherten sich die Teilnehmer ihrer gegenseitigen, ungeteilten Sympathie. Überflüssige Reisen des Außenministers an Ort, wo niemals ein Tourist hinfliegen würde. Besuch eines fremden Staatschefs hier, um sein Neugier zu Befriedigen. Dazu, sportliche Ereignisse und die, nicht immer erfreulichen Ergebnisse dazu. Es folgten seitenweise persönliche Tragödien, Werbebotschaften, sowie Finanz- und Wirtschaftsnachrichten in Hülle und Fülle. Verwundert nahm er die verschiedenen Nachrichten auf und sprach dazu leise: „Wer liest alle diese Nachrichten überhaupt und ordnet sie auch richtig ein – und das jeden Tag aufs Neue? Die moderne Welt ist viel zu verworren geworden und entzieht sich dadurch immer weiter der Kontrolle und dem Verstand vieler, normaler Menschen! Dabei müssten gerade diese Personen eigentlich verstehen, was dort draußen geschieht und alle nötigen Vorgänge lenken. Denn es ist doch ihre Welt“! Er schaute ratlos über den Rand seiner Zeitung, wieder hinaus durch das Fenster. Er wünschte sich so sehr, beim Anblick der Natur, seinen Geist beruhigen zu können. Doch in schnellem Takt folgten Bäume, Sträucher, Bauwerke, Autos und Menschen. Alles flog vor seinen Augen sinnlos hin und her – und bald darauf konnte er nichts mehr davon lange genug erfassen. Bei dem Anblick dieser unaufhörlich wechselnden Objekten wurde ihm schrecklich schwindlig. Verwirrt flehte sein Geist dabei einzig um Ruhe und Gelassenheit. Leise sprach er vor sich hin und es klang wie ein unverständliches Gemurmel, während das monotone, dumpfe Rattern der Radreifen auf den Schienen leise durch das Abteil waberte. „Und wenn jetzt für einen Moment die Welt einfach still stünde und sich mal eine Pause gönnt? Kaum vorstellbar! Es muss immer weiter gehen! Stillstand ist gleichbedeutend mit Schwäche“! Hastig und ein wenig unzufrieden faltete Herr K. seine Zeitung zusammen und legte sie erschöpft beiseite. Die müden Augen schlossen sich kurz darauf, wie von selber. Und plötzlich begleiteten ihn viele angenehme Überlegungen, auf dem Weg zum Ziel seiner Bahnfahrt. Immer noch zogen monotone Zuggeräusche durchs Abteil und summten dabei ein wohlklingendes Schlaflied. „Ich musste, gottlob nicht mehr umsteigen“, babbelte er ab und an still vor sich hin. Eine zufällige Begegnung? Der elegante Fernzug trieb auf seiner Spur durch die Landschaft und das sanfte, eintönige Klappern der Radreifen wog die Passagiere in eine wohlvertraute Sicherheit. Im unerschütterlichen Glauben, nur eine Stromausfall könne sie noch von ihrem Bestimmungsort fernhalten, ging jeder Fahrgast seinen eigenen Beschäftigungen nach. Auch der seltsame Autor befand sich immer noch im wohltuenden Schlafmodus. Munter trieben seine verschiedenen Visionen ihren Schabernack und stets verzog er dazu das Gesicht zu einem verzückten Lächeln, gar einem komödiantischen Grinsen. Immer wilder wirbelte das riesige Rad der fruchtbaren Fantasie in seinem Kopf umher und zauberte dabei immer neue Falten in sein schmales, ernsthaftes Gesicht. Aus dem vorderen Teil des Zuges trat eine schlanke, sportlich - modern gekleidete Frau durch den schmalen Gang. Sie hatte bisher die Zeit im Bordbistro verbracht und dabei etwas zu sich genommen – während sie angeregt mit dem Personal plauderte. Jetzt zog sie langsamen Schrittes, mit einer gespielten Erhabenheit, an den besetzten Sitzreihen vorbei. Gelegentlich hielt die Dame inne. Und sofort begannen ihre leuchtend blauen Augen aufmerksam die freien Sitzplätze zu musterten. Jedermanns Blicke klebten wie zäher Blütenhonig an ihrer unerwarteten, sehr gefälligen Erscheinung. Manch ein Fahrgast stellte für einen zweiten Blick seine Beschäftigungen ganz ein und drehten sich sofort nach der unbekannten, weiblichen Attraktion um. Unbeirrt von so viel Aufmerksamkeit flanierte sie weiter den Gang entlang. Das Abteil füllte sich nach und nach mit lieblichem Duft. Das verlockend süßliche Parfum strömte in der Luft umher und, mit Hilfe der Klimaventilatoren, Sinne betörend in kleinen Wellen verführerisch in alle Nasen. Erneut blieb sie stehen und betrachtete mit Erstaunen und leichter Neugier Herrn K., der plump und zudem völlig dreist fast vier ganze Sitzplätze für sich zu beanspruchen schien. Dabei befand sich der seltsame Fahrgast immer noch träumenden und verzückt grinsenden im Tiefschlaf. Kaum hörbar zog eine weiche Frauenstimme durch den Wagon. Dabei verharrte die Dame immer noch geduldig stehend, an ihrem ungemütlichen Ort und erwartete eine rasche Antwort. Herr K. regte sich nicht und schien fest in seiner herrlichen Phantasie gefangen zu sein. Doch diese angenehme Frauenstimme wurde zunehmend energischer. Kopfschüttelnd, dazu mit einem hämischen Grinsen, drehte sich der Rest der Passagiere weg. „Was für ein Stoffel“, stand in ihren Gesichtern gut lesbar geschrieben. „Ist hier bei ihnen noch frei?...Stört es sie, wenn ich mich auf einen dieser Plätze setze“, fragte sie weiter höflich, aber einige Dezibel lauter. Dabei kam sie dem fremden Herren, leicht vorgebeugt etwas näher. Sie wirkte fast schon verloren zwischen den zahlreichen Sitzreihen. Aber Madame harrte weiter ungeduldig einer unverzüglichen Antwort – wobei ihre flinke Hand längst, wie selbstverständlich von der Lehne des Sitzplatzes gegenüber Besitz ergriffen hatte. Herr K. war inzwischen erwacht. Hurtig brachte er sich in eine aufrechte Haltung und riss seine Augen weit auf. Die überraschende Anwesenheit einer so schönen Frau und sein eigenartiges, sehr respektloses Verhalten waren ihm in dem Moment zutiefst peinlich. „Bitte sehr“, entgegnete er ohne langes Zögern und bot dabei mit einer Geste der Freigiebigkeit dieser energischen, sehr geduldigen Fremden die freien Sitze an. Die Frau nahm wie selbstverständlich Platz, auf dem Sitz, den ihre Hand schon zuvor fest ergriffen hatte. Dann ließ sie ihren Blick etwas unsicher umherschweifen. Ihr waren keineswegs die abwertenden, völlig unverständlichen Blicke der zahlreichen Fahrgäste entgangen, die sich immer noch über die Wahl ihres gewählten Sitzplatzes wunderten. Wesentlich amüsanter dagegen war der Anblick des Autors ihr gegenüber, der sich wieder und wieder seine verschlafenen, leicht geröteten Augen rieb. Er hatte sichtlich Mühe, in das unverhoffte Geschehen des Zugabteils zurückzukehren. Ebenso bereitete ihm seine Unerfahrenheit im Umgang mit fremden Personen große Schwierigkeiten. Einfachste, zum Teil belanglose, Sozialkontakte stellten den verschlossenen Autor immer wieder vor große Herausforderungen. Und so saßen sich beide, die lieblich duftende Frau und dieser verstört wirkende Autor, nun versetzt und wortlos gegenüber. Doch mit der Ruhe und Beschaulichkeit war es bei Herrn K. endgültig vorbei. Auch wenn sein seltsames Verhalten, tiefe Verschlossenheit, aber auch eine Art Teilnahmslosigkeit signalisiert hatte, ließ ihn etwas unerklärbares nicht mehr zur gewohnten Ruhe zurückfinden. Eine brennende Neugier beherrscht ihn plötzlich – nicht nur wegen des adretten Äußeren, dieser rätselhaften Fremden. Vor allem ließ ihn der besondere Anlass über die Wahl ihres Sitzplatzes nicht mehr in Ruhe. Er kramte angespannt in seiner näheren und weiteren Vergangenheit herum. Die Suche nach vertrauten Gesichtern war schnell abgeschlossen. Seine Freundschaften bildeten einen sehr übersichtlichen Kreis, dessen Radius noch nicht einmal die Mathematik ausreichend erfassen konnte. Und keine seiner weiblichen Bekanntschaften verfügte über diese Ausstrahlung und Eleganz der mysteriösen Dame. So setzten unverzüglich wilde Gedankenspiele, erfüllten von einer ausufernden und lebhaften Phantasie ein. „Ist sie vielleicht eine Agentin und ich bin das nächste Opfer? Bin ich vielleicht mit einer bestimmten Person verwechselt worden und werde alsbald bedroht, oder erpresst...Vielleicht sogar fürchterlich gefoltert“? Sein bemerkenswertes, paranoides Autorenhirn verfing sich nur noch heftiger in diesen kruden Vorstellungen. Jeder anderer Passagier in dem Zug hätte, schlicht und ergreifend, die einzigartige Erscheinung, ihre liebliche Ausstrahlung, mit allen Sinnen genossen. Vielleicht sogar amüsiert dabei zugesehen, wie sich der weibliche Fahrgast mit der sperrigen, leicht trägen Technik der Sitze beschäftigt, oder ganz Kavalier sich um eine besonders bequeme, angenehme Sitzposition der adretten Mitreisenden bemüht. Aber Herr K. hatte keine Sinne für diesen besonderen Moment – von denen es im Leben nicht so unendlich viele gibt. Und so saßen sich die beiden, jeder auf seine Weise beschäftigt, gegenüber und rollten ihrem endgültigen Fahrziel, Meter für Meter entgegen. Ganz ohne Zweifel, sie war eine aufregende Erscheinung und brachte mit ihrer überraschenden Anwesenheit einen besonderen Glanz in den Zug – vor allem in dieses Abteil. Die langen, blonden Haare krönten edel ihr Haupt und fielen federleicht über die schmalen, fast zerbrechlich wirkenden Schultern nach vorne. Immer wieder strich sie diese reflexhaft zurück hinter ihre Ohren. Im Sonnenlicht, das während der Fahrt durch die Fenster fiel, glänzten diese goldenen Fäden mit der feinen, gebräunten Haut um die Wette. Fast wie seltene Naturphänomene, welche zeitlich perfekt abgestimmt einem unvergesslichen Naturschauspiel gleichkommen. Beim Betrachten dieser Frau verfiel jeder sogleich in stille Begeisterung – so wie man es für ein besonderes Gemälde empfinden würde, das ein begnadeter Künstler in seinem Atelier mit größter Hingabe schuf und hernach der staunenden Öffentlichkeit zugänglich macht. Nachdem sie den Sitzplatz eingenommen und für ihre notwendige Bequemlichkeit selber Sorge getragen hatte, schaute sie nicht einmal mehr auf – noch blickte sie im Abteil umher. Mit bewundernswerter Eleganz und Sicherheit kümmerte sie sich ausschließlich um ihre eigenen Belange. Sie war in ihrer Welt mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit unterwegs! Diese Welt stellte ein Notizbuch dar, in das sie sich vertieft hatte. Angefüllt mit zahlreichen Blättern und Notizen, ruhte das Sammelsurium von Blättern vor ihr auf den Beinen. Unheimlich konzentriert, fast schon angespannt, las sie den Inhalt einiger Seiten, oder trug etwas handschriftlich ein. Sie zeigte dabei keine erkennbaren Gefühlsregungen, noch konnte jemand an ihrem Gesicht ablesen, ob ihr etwas unangenehm aufstieß. Ob sie von dem drögen, respektlosen Verhalten ihres Gegenübers enttäuscht gewesen war, blieb weiterhin im Dunklen. Ob sie lieber an einem anderen Platz gesessen hätte, war ebenso ihr kleines Geheimnis geblieben. Auch wenn sich Herr K. als gleichgültig und desinteressiert zeigte, war seine Ruhe erst einmal völlig dahin. Er bemühte sich entspannt zu wirken. Doch wer diesen verschlossenen Autor kannte, wusste was in seinen zahlreichen Hirnwindungen vorging. Vor allem beschäftigte ihn die überraschende Wahl ihres Sitzplatzes. Der Zug verfügte über genügend freie Sitzplätze – aber die Dame wählte jenen Platz, direkt ihm gegenüber! Warum?! War es also keine zufällige, sondern eine beabsichtigte Begegnung?! Die Sache wurde für ihn immer mysteriöser. Und ihr Stillsitzen und dieses konzentrierte Lesen wirkte zudem sehr unheimlich auf ihn. Der besorgte Autor fand keine Erklärung und so starrte er nervös durch das Fenster, um sich unbemerkt zu beruhigen! Aber es war einfach unmöglich in solch einem Moment zu entspannen. Ein schreckliches Unbehagen befiel seinen ganzen Körper und die Angst, wie in einem Kriminalstück ein beklagenswertes Opfer zu werden, hielt seine Augen beständig offen. Das Wechselspiel der tristen Gegend hinter der Scheibe trieb ihn erneut zurück ins Abteil. Auch wenn diese zahllosen, verwirrenden Gedanken ihn peinigten und die eigenartige Begegnung mit der Fremden Ängste auslöste, so fielen seine Augen doch wieder vor Erschöpfung zu. Aber einschlafen wollte er aus Angst nicht! „Darf ich einen Blick in ihre Zeitung werfen“, holte ihre wohlklingende Stimme, Herrn K. aus den wilden und ängstigenden Gedanken heraus. Er nickte freundlich und reichte die Tageszeitung kommentarlos an. Als sie sich zu ihm herüberbeugte, fesselte dieser anregende Duft auf ihrer Haut seine Sinne erneut. Überraschenderweise wirkte er hierbei völlig aufgeräumt und kontrolliert. Seine Bedenken hatte er inzwischen leidlich unter Kontrolle gebracht. „Wer so verführerisch duftet, solch eine liebliche Stimme besitzt und nur meine Tageszeitung lesen möchte, der kann keine Person mit üblen Absichten mir gegenüber sein“. Doch dieses wiedergewonnene innere Gleichgewicht versetzte ihn keinesfalls in Stimmung zu einem vertraulicheren Wortwechsel. Selbst eine belanglose Frage, noch eine gängige Bemerkung unterließ er hierbei vollkommen. Er wollte sich diskret zurückhalten. Doch die besondere Reserviertheit gegenüber der Dame hatte noch einen ganz anderen, viel einfacheren Grund. Dem zurückhaltenden Autor waren diese flüchtigen Begegnungen unheimlich lästig geworden. Schon sehr oft, in der Vergangenheit, erwuchs aus einem harmlosen Gespräch, ein leichtes Interesse und dann steigerte es sich zu einem loderndem Verlangen. Jedoch endeten diese Treffen, mit den grazilen Schönheiten, immer wieder in einer herben Katastrophe und maßlosen Enttäuschung. Herr K. wurde dabei, in der Vergangenheit, zu oft verletzt! Und bevor er wieder neue Herzschmerzen bekam, schaute Herr K. stattdessen lieber in die Fremde hinaus und erfreute sich an der Landschaft – den Äckern und Wiesen, den Wäldern und kleinen Ortschaften, die Mal langsam, Mal schneller an dem gleichgültigen Menschen vorüber zischten. Und in diesem Augenblick ahnte er, dass seine lange Einsamkeit seltsame Früchte hervorgebracht hatte. Seinem Sozialverhalten fehlte die Übung – hatte der schüchterne Autor doch in seinem Kämmerlein mehr Zeit mit Geschichten und in erdachten Welten zugebracht! Und nun wusste er die wirkliche Welt, mit der Anwesenheit ihre Bewohner nicht mehr wirklich zu schätzen. Von einem erfolgreichen Sozialkontakt einmal ganz abgesehen, der einen flüchtigen Blickkontakt und einen kurzen Gruß überdauern würde. Ein Trost blieb ihm indes: „Ich erkenne Schönheit, wenn ich sie sehe“! Dieser Umstand beruhigt ihn vorerst etwas. „Fühlen sie sich auch einsam, machtlos und manchmal ohne das geringste Vertrauen in die Welt“? „Bitte sehr“! Dabei schaute der Angesprochene verlegen in die Richtung des weiblichen Fahrgastes. Sie hob die Tagespresse vor sich leicht nach vorn und deutete mit einem fragenden, kritischen Blick auf die Seiten. Hilflos zuckten des Autors Achseln einmal auf und nieder, gefolgt von ein paar höflichen, aber sinnlos dahin gestammelten Floskeln. Eilig schickte er aber noch ein „... und was halten sie von den vielen Meldungen und Nachrichten“, hinterher, um nicht allzu ungeschickt ihr gegenüber zu wirken. Sie schaute Herrn K. mit ihren leidenschaftlich leuchtenden Augen an, gab aber keine Antwort. Eine Erwiderung war keinesfalls nötig. Denn in diesem Augenblick bildeten diese Augen für ihn das Zentrum des gesamten Universums! Dem Autor reichte das zuversichtliche Strahlen in ihrem gesamten Gesicht als Antwort völlig aus. Der Dame entging dieser entrückte Blick ihres Gegenübers keineswegs. Und so schob sie flugs ein paar allgemeine Bemerkungen nach, um den dünnen Kontakt aufrecht zu halten. „Die Welt ist, wie sie ist. Und das Leben hält für jeden eine geraume Anzahl von Überraschungen bereit, woraus sich wieder unheimlich viele Möglichkeiten ergeben... Man sollte nur bereit sein, das Leben anzunehmen und manche Veränderungen nicht einfach akzeptieren, sondern nach besseren Möglichkeiten für sich suchen“. Schüchtern enthielt er sich jeden Kommentars und schaute nur in ihr frisches, lebendiges Gesicht mit den strahlend blauen Augen. Herr K. war von diesem einzigartigen Moment völlig erfüllt und über alle Maßen glücklich! Konnte er doch ohne Angst in ihrem Gesicht lesen und sich an allen Einzelheiten erfreuen. „Ich konnte mich bisher nicht beklagen“, setzte sie in forschem Ton hinzu und schaute mit einer spürbaren Genugtuung auf ihre zahlreichen Notizen. Hierbei strich sie mit der Handfläche fürsorglich über diese ansehnliche Blättersammlung. Hilflos, wie ein dummer Junge, starrte Herr K. auf den Stapel Blätter neben ihr, der von ein paar ausgefransten Buchdeckeln zusammengehalten wurde. Dabei nickte er anerkennend mit dem Kopf und zollte ihr für die erbrachte Arbeit seinen aufrichtigen Respekt. „Was für eine Lebensgeschichte musste dort auf diesen Seiten schlummern, wenn es die Notizen dieser Frau, Anfang fünfzig gewesen waren“, trieb der Gedanke wie ein Blitz durch seinen Kopf. Allzu gerne hätte der Autor einen Blick hineingeworfen! Doch es war keine Tageszeitung, die man eben Mal so einem Fremden zur Einsicht preisgibt! Der schüchterne Mann schwieg beharrlich – allerdings mehr aus Verlegenheit und dem Mangel an sinnvollen Erwiderungen! Hierzu legte sich eine freundliche Mine auf sein Gesicht. Er hätte leidenschaftlich gerne weiter geredet, jetzt wo eine angenehme Vertrautheit zwischen den beiden herrschte. Doch ihn, überfiel ein eigenartiges Unbehagen. Ihm war so, als wäre diese Frau unendlich weit von ihm selber entfernt, einerlei was der schüchterne Mann auch antworten, noch tun würde. Selbst seine Anwesenheit stünde im deutlichen Gegensatz zu ihrer Welt. Entsetzliche Zweifel plagten ihn ohne Unterlass: „Vermutlich, verfüge ich nicht über den gleichen Erfahrungsschatz, wie die aufgeweckte Dame mir gegenüber. Meine Kommentare würden sie bestimmt langweilen...Und ich mache mich dabei nur lächerlich!“ Einen kurzen Moment lang zog eine dunkle Wolke der niederschmetternden Ernüchterung durch sein Oberstübchen: „Diese attraktive Person musste ein Leben führen, das ich nicht annähernd, in meinen dreiundfünfzig Lebensjahren erfahren, noch gelebte habe! Und somit wäre eine anregende Diskussion, noch ein belebender Erfahrungsaustausch überflüssig und sicherlich auch äußerst einseitig gewesen“. Da waren sie wieder gewesen, diese Ängste und Bedenken, die ihm einen sorglosen Umgang mit fremden Menschen nahezu unmöglich machten. Stattdessen stierte er auf Raps - Monokulturen, die am Fenster im Eiltempo vorbeizogen. Seine Ungeschicklichkeit war wirklich legendär und kaum noch zu überbieten! Wie ein Mensch, ohne die geringste Sozialkompetenz ließ er die Unterhaltung einfach absterben – wegen ein paar unbewiesenen Befürchtungen! Ein kultivierter Bürger hätte Herrn K`s. Verhalten als eine grobe Respektlosigkeit betrachtet. „Sich einer attraktiven Dame gegenüber so unhöflich zu benehmen, sei nicht normal“. Doch für die Frau schien diese krankhafte Zurückhaltung nicht so dramatisch gewesen zu sein. Sie sah den Vorfall als einfaches, belangloses Gespräch, welches wegen mangelnder Argument, soeben beendet wurde. Herr K. dagegen bekam einen trockenen Hals und wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als das Ende dieser Bahnreise! Diese angenehme Art der Fortbewegung, die er so sehr herbeigesehnt und zu Fahrtbeginn noch lobend erwähnt hatte, wurde ihm plötzlich zu einer ungeheuren Last. Dabei waren es doch gerade die sozialen Kontakte, die ein Reise lebendig werden lassen. Der rege Austausch mit fremden Mensch erweitert den Horizont! Zudem war er von ihrer Gegenwart unheimlich angetan und fühlte sich wie ein Magnet von ihrer Attraktivität angezogen! Verzweifelt suchte dieser Mann nach einem Thema, während er durch die Scheibe starrte. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich die Dame weiterhin den vielen Artikeln der Tagespresse widmete. Es brachte ihn auf und er ärgerte sich mächtig über sich selber. In dieser völlig entspannten Situationen das Gegenteil von dem getan zu haben, was eigentlich richtig gewesen wäre! Ein paar einfache Sätze, nur um ein Gespräch in Gang zu halten! Das Autorenhirn mühte sich redlich, aber es bekam keine zündende Idee. Jede Sekunde die wortlos verstrich, erhöhte seinen seelischen Druck ungeheuer. Und Kilometer für Kilometer entwickelte sich die Bahnfahrt zu einem feurigen Höllenritt. Wo es ihm an trefflichen Worten mangelte, glichen ständig kreisenden Gedanken seine Ungeschicklichkeit aus. Wieder und wieder schweiften seine Blicke an ihr vorbei in das Abteil, oder in eine andere, unbestimmte Richtung. Jedes Mal genoss der seltsame Charmeur ihre ansprechende Erscheinung – er suchte zudem völlig hilflos nach einem neuerlichen Anlass für einen Kontakt. Er stellte mit großem Erstaunen fest, dass diese Fremde nicht nur umgänglich, sondern offensichtlich ebenso verständnisvoll war. Sie machte den Eindruck, als hätte sie das absonderliche Verhalten K`s nicht besonders tragisch genommen. Immer wieder strich sein Blick an der Frau entlang. Ihm gefiel ihre sportlich - elegante Kleidung. Zudem, soweit vom ungeübten Auge eines seltsamen Autors zu erfassen, schien sie an allen Stellen des Körpers wundervoll proportioniert. Sie war die Art von Frau, die ganze Bibliotheken mit Lektüre füllte und dennoch niemals ganz treffend beschrieben werden konnte. Ihre Ausstrahlung blieb auf ewig unergründbar! Sie bestach keinesfalls durch makellose Schönheit und vollkommenem Körperbau. Es war ein Komposition aus dem Wesentlichen, was einen interessanten Menschen ausmacht – und das in seiner natürlichsten Form. Dabei empfand Herr K. die kleinen Gegensätze anziehender, als die üblichen Schönheitsideale, die sonst bei griffigen Beschreibungen von attraktiven, charismatischen Menschen verwendet werden. Geblendet von solch einer Anmut, haderte er weiter mit sich und der Suche nach einer unverfänglichen Gelegenheit für eine sinnvolle, der Gegebenheit entsprechenden Bemerkung. „Meine Helden, in vielen meiner Geschichten können es doch auch...Warum gelingt es mir jetzt nicht“, schrie er verzweifelt in sich hinein. „Die Wirklichkeit ist deiner Helden Tod“, klang es nüchtern und dumpf zurück. „ Dir fehlt einfach der Mut zu einem gefährlichen Abenteuer... Dein Leben ist das Papier und die Worte die darauf geschrieben stehen. Dein Geschick ist deine Phantasie und deine erfolgreichste Waffe bleibt der Stift“, rief eine andere Stimme in ihm ernüchternd zu. Jetzt wäre der rechte Moment gewesen sich zu erheben, den inneren Kampf aufzunehmen und seine Dämonen alle Lügen zu strafen! Aber er schwieg beharrlich weiter! Er nickte lediglich zustimmend. Und weil ihm wirklich der Mut fehlte, tröstete er sich mit der bequemen Ansicht: „Dieses Zusammentreffen hat sich vollkommen zufällig ergeben und es wird für meine Zukunft ohne weiteren Belang sein“! Zudem war es nur noch eine gute Stunde Fahrtzeit – dann wäre alles vorbei. Jeder der beiden ginge nach dem Ende der Bahnfahrt seiner Wege – und Herr K. würden dieser attraktiven Dame wahrscheinlich nie mehr begegnen! Erleichtert schaute er aus dem Fenster und lächelte dabei zufrieden, so als hätte er einen grandiosen Einfall gehabt, der ihn von allen Sorgen in der nahen Zukunft befreit habe. Während sich die kleinen Geister der Bequemlichkeit und lästigen Mutlosigkeit in ihren Ecken wieder einmal schamlos freuten und jubilierend Siegestänze aufführten, stieg das Gewissen von beiden unentdeckt empor und zog mit kalter, nüchterner Art durch Herrn K. hindurch. In unterkühlter, fast frostiger Atmosphäre, die auf den Autor sehr großen Eindruck machte, wiederholte es stets nur diese beiden Sätze: „Du Narr, worüber freust du dich?... Willst du dieser Dame wirklich niemals mehr begegnen“? Das zufriedene Gesicht des Autors, mit diesem erlösenden Lächeln verschwand bald darauf. Und den Lachfalten folgten lange, hässliche Sorgenfalten. Wirklich erstaunlich, Herr K. fand auf diese Fragen keine eindeutige Antwort. Es war einfach zum verzweifeln! „Reisen sie oft mit der Bahn“? Diese unerwartete Frage, verbunden mit dem warmen Blick aus ihren blauen Augen – und mit einem Mal war die Kälte in dem verschlossenen Autor vertrieben. Eine wohlige Wärme trat mit den übrigen Lebensgeistern zurück in sein Wesen. „Nein, wenn ich ehrlich bin nicht sooft, wie ich es gern würde“, erwiderte er mit einer überraschenden Wendigkeit. Es schien plötzlich so, als wollte er diese Frau unbedingt wiedersehen, oder wenigstens den Rest der Reisezeit mit ihr in einem vergnüglichen Gespräch bleiben! „Und wie ist es mit ihnen?...Reisen sie oft mit dem Zug“, gab er die Frage anschließend zurück – und dabei klang seine Stimme frisch und interessiert. Sie schüttelte den Kopf und ein leises „Nein“, klang aus ihrem Mund. Hierbei wirkte sie abwesend, während ihre Hände bewegungslos auf den Oberschenkeln ruhten. Schlagartig war die erfrischende, gute Laune aus ihrem Körper völlig entschwunden – das Verhalten wirkte kühl. Einige Atemzüge lang wirke der gesamte Körper vollkommen zurückgezogen und an einem völlig anderen Ort – als wäre ihr Geist auf einer kurzen Reise durch ihre Vergangenheit geflogen. Herr K. wurde von diesem unerklärlichen Verhalten völlig überrascht. „Habe ich sie vielleicht mit der Frage verärgert“, quälte ihn dieser Vorwurf. Ratlos suchte er weiterhin nach den passenden Worten, aber er konnte die verschlossene Fremde nur ansehen. Wie sie so dasaß, völlig entrückt und zu keinem weiteren Wortwechsel fähig, spürte der verschrobene Autor eine starke Kraft, die ihn zu ihr hinzog. Er wollte sich neben sie setzten und einzig mit seiner Nähe trösten – vielleicht sogar mit seiner Hand berühren. In dieser Sekunde, als sie so weit entfernt schien, war sie ihm dennoch unheimlich nah. „Ist es etwa eine Seelenverwandtschaft, zu dieser fremden Frau“, jubelte er still. Diese traurig, hilflos wirkende Dame war ihm jetzt gerade unheimlich sympathisch. Ohne weitere Scheu und Angst ließ er die Zeit vergehen und genoss jede Sekunde davon. Als er seinen Entschluss, sich neben die Fremde zu setzten beherzt umsetzten wollte und genügend Mut hierfür aufgebracht hatte, verringerte der Zug deutlich seine Geschwindigkeit. Das Verkehrsmittel schien nur noch mit seiner Restenergie träger dahinzurollen. Nach wenigen Kilometern, auf der ebenen Strecke, reichte es nur noch für Schrittgeschwindigkeit. „Nein, ich bin sonst mit meinem Auto unterwegs“, antwortete sie wie selbstverständlich, als sei die letzte Minute nichts gewesen. Danach schaute sie etwas irritiert aus dem Fenster, als der Zug endgültig zum Stehen gekommen war. Minutenlang geschah nichts mehr. Es herrschte, bis auf ein leichtes Säuseln der Klimaanlage, gespannte Stille. Auf einer Bahnstrecke, die zu beiden Seiten von Mais und Raps Pflanzungen gesäumt wurde, saßen jetzt alle Passagiere in diesem Zug fest. Ohne eine Information zu diesem unfreiwilligen Halt, blickten die Fahrgäste zumeist verloren aus den Fenstern, oder wechselten ein paar Worte mit anderen Passagieren. Nach wenigen Minuten machte sich, unter den verschiedenen Fahrgästen, doch ein stärkeres Unbehagen breit. Denn das Gemurmel der Passagiere wurde deutlicher und übertönte bald sogar das Säuseln der notleidenden Technik. Es ist in solchen Fällen nichts ungewöhnliches, denn eine große Zahl der Fahrgäste fürchteten zu Recht um ihre Anschlussverbindung! Einige Reisende erhoben sich nun ungeduldig von ihren Plätzen und spähten verloren nach dem Bahnpersonal umher. Andere schauten weiter verstört aus dem Fenster und suchten zu ihrer Orientierung in der Gegend nach vertrauten Anhaltspunkt. Aus dem vorderen Abteil bahnte sich der Schaffner mühsam seinen Weg, durch den langen Gang, an den Sitzreihen vorbei. Immer wieder wurde er dabei von überraschten Fahrgästen aufgehalten, die ihn mit allerlei Sorgen und Bedenken überschütteten. In sich ruhend erstattete der Bahnangestellte pflichtgetreu und geduldig einen kurzen Bericht zur aktuellen Lage und dem genauen Grund des unvorhergesehen Halts. Nach ersten Erkenntnissen gab es ein technisches Probleme, welches zu der unplanmäßigen Fahrtunterbrechung geführt hatte. Doch in Kürze werde die Fahrt wie gewohnt fortgesetzt, versicherte der Bahnangestellte immer wieder dem einen oder anderen verunsicherten Pendler. Diese ersten vagen Information des freundlichen Zugbegleiters brachten sodann ein wenig Ruhe in das Abteil und unter die aufgeregten Fahrgäste. „Haben sie eigentlich Familie“, fragte die Unbekannte, als sei in den letzten zehn Minuten nichts außergewöhnliches passiert. „Nur meine Eltern“, antwortete der Autor knapp. Herr K. schaute ihr dabei in die Augen und trieb bei leichter Strömung in dem erfrischenden Blau dahin. Gerne hätte er die Aufzählung weiterer Personen, wichtiger Angehörige, oder engerer Familienmitglieder fortgesetzt. Doch er schwieg, denn sein Kreis von engen Verwandten und Familienangehörigen war in den letzten Jahren erheblich geschrumpft. Und kein erfreulicher Anlass, noch ein magischer Umstand hatte ihn größer werden lassen. „Geschwister“, schob sie neugierig mit einem kecken Blick nach, während der Zug sich mit einem aufdringlichen Brummen langsam wieder in Bewegung setzte. Herr K. schüttelte den Kopf und fügte mit bitterer Mine hinzu, dass er geschieden sei und keine Kinder habe. Aber bevor er über ihren Familienstand umfangreiche Erkundigungen einholen konnte, huschte der Schaffner mit froher Mine durch den Gang. Dabei informierte dieser wahrheitsgemäß, dass der Zug in Kürze die maximale Reisegeschwindigkeit von siebzig Stundenkilometer erreicht haben werde und nicht schneller fahren wird. Die Ankunftszeiten verschieben sich daher um zirka eineinhalb Stunden. Ein verhaltenes Raunen waberte durch das Abteil. Zahlreiche Wortmeldungen über fehlende Anschlussverbindungen wurden von dem perfekt geschulten Schaffner geschickt zerstreut. Mit fester Stimme versicherte er den betroffenen Fahrgästen einen reibungslosen Weitertransport am Zielbahnhof. Der Zug trieb mit erheblich eingeschränkten Kräften zum Zielort voran. Trotz der zu erwartenden Verspätung und den sich daraus ergebenden Unannehmlichkeiten schien es so, als seien die meisten Passagiere froh, dass es trotz eines technischen Defektes, mit gefühlter Schrittgeschwindigkeit voran geht – einschließlich dieser wundervollen Unbekannten und des nun redselig gewordenen Autors. Dieses unerwartete technische Malheur setzte eine Menge an ungeahnten Fähigkeiten in dem schüchternen Mann frei und ermöglichte dadurch eine angenehme und flüssige Unterhaltung. Die kurze Phase von Traurigkeit, die seine Gesprächspartnerin kurz vorher offenbarte, gab dem Autor einen enormen Vertrauensschub. Ihm war plötzlich so, als würde er diese Frau schon ewig lange kennen. Sie hatte seine Ängste, jedenfalls für kurze Zeit vertreiben können. Zunächst blieben diese Wortwechsel durch schmeichelhafte Nettigkeiten und viel belangloses Gerede geprägt. Es lag den beiden sehr an einer flüssigen Unterhaltung, welche die drohende Langeweile von ihnen fernhalten sollte. „Was machen sie beruflich“? Obwohl Herr K. diese Frage schon früher erwartet hatte und sie mit Leichtigkeit beantworten konnte, hielt er dennoch einen ausgiebigen Atemzug lang inne. „Ich schreibe“. Und da diese Antwort wie eine Selbstverständlichkeit geklungen hatte, fügte er noch ergänzend „Geschichten, Artikel und Bücher“, hinzu. „Sie sind ein Schriftsteller“?! Bei der Gelegenheit schaute sie ihm mit feurigen, erwartungsvollen Augen ins Gesicht. Es war anregend, das gesteigerte Temperament gemeinsam mit ihrer verstärkten Körperspannung zu beobachten. Bei dem wohlvertrauten Begriff “Schriftsteller“, wurde in ihr rasch eine kindliche Neugier wach – die bei vielen Menschen häufig ausgelöst wird. Hierbei kommt, in den meisten Vorstellungen, leider die Realität gegenüber der Romantik oft zu kurz. So schüttelte der schüchterne Herr denn auch seinen Kopf und dämpfte die Erwartung damit etwas. „Ich bin ein schlichter Autor“. Dieser Einwand schien ihr Interesse an seiner Tätigkeit jedoch kaum zu trüben. Und so folgte Welle auf Welle mit verschiedensten Fragen, welche der schüchterne Schreiber daraufhin bereitwillig und mit großer Genugtuung beantwortete. Es machte ihm keine Mühe, sondern große Freude. Seit Jahren hatte er zum ersten Mal wieder die Möglichkeit, einer fremden Person, über seine wundervolle und abwechslungsreiche Arbeit zu berichten. Alsbald entwickelte sich zwischen den beiden eine angeregte, fast schon vertrauliche Unterhaltung. Wobei diese überaus wortgewandte Dame es glänzend verstand, mit gezielten Fragen Herr K. munter zum ständigen antworten zu zwingen. Endlich bekam er nun die Gelegenheit, sich in der Kunst der flüssigen Unterhaltung zu üben. Vor allem aber half es, von seiner unbeholfenen Art abzulenken und den wortkargen und unhöflichen Mann darzustellen. Er war jetzt in seinem Element und vergaß alles andere darüber vollkommen. So zum Beispiel, dass die schöne Fremde die Kunst des Redens so trefflich beherrschte, ohne etwas wirklich wichtiges über sich selber gesagt zu haben. Aber mit ihren ständigen Fragen zu seinen schriftstellerischen Arbeiten erfuhr sie alles, was sie über seine Person wissen wollte. Aber es sei angemerkt, vor allem ihre warme und herzliche Art machte es dem Befragten wesentlich leichter sich mitzuteilen. Sie wirkte an jedem gesprochen Wort interessiert und bei keinem Detail jemals gelangweilt. Ihre Ruhe und Geduld gab dem Sprecher genug Zeit sich erschöpfend mitzuteilen. Kurz gesagt, sie war eine unheimlich angenehme Zugbegleitung – und zudem gefällig anzuschauen. Trotz der mäßigen Geschwindigkeit dieses modernen Reisezugs, folgte schon bald darauf der erste planmäßige Aufenthalt an einer Bahnstation. Der Zug rollte behäbig an den Haltepunkt und blieb dann einfach stehen. Menschen eilten hernach aus allen Richtungen des Bahnhofs heran und drängelten sich an den Abteilfenstern des Zuges vorbei. Rollkoffer wurden über den Bahnsteig gezogen. Die kleinen Plastikrollen krächzten dabei über den aufgerauten Betonboden und waren schon von weitem nicht zu überhören. Eine ungemütliche Atmosphäre breitete sich überall aus. Wie aus dem Nichts entwickelte sich, innerhalb und außerhalb des Zuges ein hektisches Treiben. Einige Reisende zupften ihre Gepäckstücke zurecht und verließen zügig den Wagon. Neue Fahrgäste stiegen einfach hinzu. Hierzu wallte immer wieder unverständliches Stimmengewirr auf und dumpfe Geräusche von verstautem Gepäck waberten durch das enge Abteil. Flüche wurden ausgestoßen und zwischen polternden Gepäckstücken verabschiedeten sich einige Fahrgäste von ihrer Begleitung. Das ungleiche Pärchen ließ sich nicht von diesem Wirrwarr um sie herum irritieren und blieb weiterhin im angeregten Gespräch vertieft. Mit jedem gesprochenen Wort verging die Zeit sehr angenehm und das Verhältnis ,zwischen diesen sehr unterschiedlichen Charakteren, wurde immer vertrauter. Immer wieder bekam der verschlossene Mann den Eindruck, es sei seine Partnerin und diese aufreizende Dame wäre seit einer Ewigkeit mit ihm zusammen. Etwas geheimnisvolles in ihrer Art ließ ihn glauben, es sei niemals anders gewesen. Ob es ihr sanftes Lächeln war, dass eine familiäre herzliche Bindung vermuten ließ, oder ihre warme Stimme, die echtes Interesse an dem anderen signalisierte. Doch bei aller gefühlten Vertrautheit fehlte der Name – wenigstens der Vorname! Bisher hatte es ihn nicht gestört – aber mit zunehmender Vertrautheit verlangte es seiner Meinung nach der Anstand. Es interessiert ihn jetzt ungemein zu erfahren, welchen wohlklingenden Rufnamen ihre Eltern seiner Gesprächspartnerin einstmals gaben. Als zwischen den beiden unvermittelt eine kurze Redepause entstanden war, schien sich eine günstige Gelegenheit zu bieten. Beherzt nutzte der schüchterne Autor diese Sekunde und flink stellte er sich mit seinem Namen vor. Als er sie darauf hin nach ihrem Namen fragen wollte, warf sie nebenbei einen fahrigen Blick aus dem Fenster. „Die Station...ich muss hier aussteigen“, rief sie völlig entsetzt, aus heiterem Himmel aus. Herr K starrte völlig erschrocken in ihr Gesicht. Diese Reaktion kam für ihn vollkommen unerwartet. Mit einem flinken Satz erhob sie sich von ihrem Platz, raffte ihre spärliche Habe zusammen und warf ihm noch einen letzten freundlichen Blick zu. Als sie sich mit einem kurzen Abschiedsgruß von dem überraschten Autor trennte, saß dieser wie gelähmt auf seinem Sitz. Er hatte mit so einem übereilten Aufbruch kaum gerechnet. Doch er fasste sich schnell wieder und warf der Dame einen wehmütigen Blick nach, als sie durch den engen Gang zum Ausstieg strebte. Der Schaffner, der schon alles für die bevorstehende Weiterfahrt vorbereiten wollte, schaute ebenso entgeistert, wie verstört. Das fluchtartige Verlassen der Dame hatte diesen unermüdlichen Angestellten vollkommen überrascht – rechnete er doch nicht mehr mit einem verspäteten Passagier, der den Zug so eilig verlassen wollte. Doch er trat sofort höflich von der Tür weg und grüßte dazu in seiner freundlich Art. Aus irgendeiner Richtung, über den langen Bahnsteig hinweg, ertönte das Signal einer Pfeife. Eine unmissverständliche Mitteilung an den Lokführer zur Weiterfahrt. Kurz darauf schloss sich auch schon, mit einem leisen Zischen, die letzte Tür des Wagons. Unmittelbar darauf rollte der Zug mit unsichtbarer Kraft langsam voran. Traurig schaute Herr K. auf den Bahnsteig hinaus. Personen und verschiedene Gegenstände zogen in langsamer Fahrt an seinem Fenster vorbei. Unbekannte Menschen liefen zum Ausgang. Andere Zeitgenossen waren in Gespräche vertieft, oder standen nur einfach in der Gegend herum. Plötzlich tauchte die schöne Fremde noch ein letztes Mal vor ihm auf. Angestrengt suchend schaute diese den Bahnsteig auf und ab, so als würde sie an der Station von jemandem abholt. Für einen kurzen Augenblick streifte ihr Blick den Wagon und das Fenster hinter dem Herr K. saß und traurig hindurch sah. Er wollte ihr ein letztes Handzeichen zum Gruß zuwerfen, doch er ließ die Gelegenheit ungenutzt verstreichen. So hielt er sie nur mit seinen Augen fest und kostete jede Sekunde ihrer wundervollen Erscheinung aus. Gerne hätte er dort gestanden und bräsig mit ihr gemeinsam in der Mittagswärme gewartet. Sie blieb an ihrem Punkt stehen und schaute weiter suchend auf und ab. Der Zug bog in eine leichte Linkskurve ein und nach und nach rückte alles zurückliegende aus seinem Sichtfeld und wurde immer undeutlicher. Einen kleinen Wimpernschlag später war auch sie auf einmal völlig aus seinem Blickfeld entschwunden – und damit auch aus seinem Leben! Nach dieser zufälligen Begegnung Der moderne Intercity - Express zog sich mühsam aus dem Bahnhof heraus – immer weiter, mit gemäßigter Geschwindigkeit, in Richtung seines endgültigen Reiseziels. Im Nu hatte den Autor wieder eine innere Leere ergriffen. Diese sehr vertraute Empfindung, welche bisher sein treuer Begleiter war, hatte niemals zuvor in ihm einen Zustand ernsthafter Bedrückung, oder schmerzhafter Belästigung hervorgerufen. Doch als die attraktive Fremde sich immer weiter von ihm entfernte, in jenem Augenblick als sie auf dem Bahnsteig unerreichbar war, löste es eine eine ungekannte Niedergeschlagenheit aus. Ihm wurde unheimlich und sehr seltsam zumute, als hätte er sich vor wenigen Minuten schweren Herzens von einem vertrauten, sehr geliebten Menschen trennen müssen. Schwermütige Gedanken lagen wie Bleigewichte auf seiner zarten Seele. Der Körper ruhte hierbei in völliger Teilnahmslosigkeit auf dem Platz. Die Frau, deren Namen Herr K. noch nicht einmal kannte, war einfach so aus seinem Blickfeld verschwunden, aber immer noch in dessen Gedächtnis lebhaft präsent. Im Kopf schritt er jede einzelne Szene, jede Einzelheit, jede Geste dieser Begegnung, genau ab. Es verblieb noch genug Zeit sich die letzten neunzig Minuten Gespräch, mit der Dame, genau ins Gedächtnis zurück zurufen. Die lebendige Vorstellung erfrischte sein Herz und aus dieser Freude erwuchs ein herrliches Gefühl, in dem fahrenden Zug endlich angekommen zu sein. Doch es dauerte nicht lang und schon hatte ihn seine Betrübtheit erneut eingeholt und er machte sich nun wieder große Vorwürfe. „Wie konnte mir diese Person ohne Namen je so nah kommen, sodass ich ab dem Augenblick der Trennung das Bedürfnis verspürte der Fremden unbedingt folgen zu wollen. Ja, sogar ihren Namen, der bis vor wenigen Stunden noch völlig belanglos für mich war, wollte ich jetzt in Erfahrung bringen. Obwohl ich bei Antritt der Reise froh war ungestört und alleine diese Fahrt machen zu können, vermisste ich ihre Gesellschaft“! Er begann sich zu quälen und bittere Vorwürfe über die grandiose Unfähigkeit geißelten sein Hirn. „Jeder Kilometer der mich dieser Zug von ihr wegbringt, jede Sekunde die tatenlos verstreicht, ohne ein Wort mit ihr gesprochen zu haben, ohne Hoffnung jemals in meinem Leben nochmal den angenehmen Duft ihrer Haut zu erleben, ihre klangvolle Stimme vernehmen zu können, noch ihre Gegenwart zu spüren, reißt mich in ein tiefes Loch der vollkommenen Verzweiflung“! Hier und Jetzt wurde ihm bewusst, dass er mit seinen erfundenen Geschichten und der mühseligen Schreiberei in einer verhängnisvollen Blase gelebt hatte. Eine völlig abgeschottete Welt, in der dieser Autor niemals allein hätte existieren können. Doch diese zwei Stunden lebendiger Wortwechsel mit der fremden Dame, eröffnete ihm eine neue ungewöhnliche Art des Lebens. Dieses Leben hätte es sein sollen, davon war er nun fest überzeugt, das er hätte leben müssen! Bei all diesen anstrengenden Überlegungen schaute er, wie schon zu Beginn seiner Bahnfahrt, lediglich aus dem Fenster. Doch dieses Mal war es vollkommen anders. Seine Sinne kreisten nur noch um diesen besonderen Menschen, der wie ein heller Blitz in sein normales Leben geschlagen war – und der ihm genauso schnell wieder entrissen wurde. Herr K. empfand den Ausgang des Treffens als schrecklich ungerecht und in seiner ichbezogenen Einfalt ungeheuer grausam. Kein noch so idyllisches Landschaftspanorama, was sich vor dem Fenster auftat, konnte ihn mehr aufheitern. Die Sonne mit ihren grellen Strahlen wurde ihm plötzlich lästig – die Helligkeit schmerzte in den Augen entsetzlich. Es fiel ihm schwer seine Lider zu schließen. Herr K. hätte sich dann nichts sehnlicher gewünscht, als das die wundervolle Fremde den verschlafenen Autor mit ihrer feinen Stimme erneut aus seinem Traum holt. So jedoch verging der Rest dieser langsamen Fahrt mit einem großen Bedauern und den endlosen, zermürbenden Zweifeln an sich selber. Nach einer Stunde kündigte sich das bevorstehende Ende der Bahnfahrt an. Durch die Panoramafenster empfing den Zugreisende zeitgenössische Zweckarchitektur, die sich rechter Hand mächtig in den Himmel streckte und eng aneinandergeschmiegt Spalier stand. Dem Einheimischen kamen sie selbstverständlich vertraut vor, denn dieser wusste, dass sich Meter für Meter seine Bahnreise nun dem Ende näherte. Der Bahnhof, dieser großartigen und lebendigen Metropole, kündigte sich mit weit verzweigten Schienen- und Gleisanlagen auf dem Boden an. Reger Zugverkehr zu beiden Seiten zog an den Fenstern vorbei. Wohn- und Bürogebäude ragten nach und nach auf und warfen ihre Schatten auf die verwobenen Schienenstränge. Das laute Scheppern, auf der alten Eisenbahnbrücke aus Stahl und Metall, rüttelte jeden noch so verträumten Fahrgast wie ein Gewitterdonner aus seiner Lethargie heraus. Doch bei dem trübsinnigen Autor hatte das Rattern der Radreifen keinen erlösenden Effekt. Dafür haftete das Bild von dieser unvergesslichen Frau, klebrig wie Honig an dessen Gehirn. Um ihn herum stieg eine aufdringliche Unruhe hoch. Auf allen belegten Sitzen herrschte rege Betriebsamkeit. Ein paar sperrige Gepäckstücke wurden aus den Fächern hinunter auf den Boden gestellt – kleinere Taschen eilig mit Habseligkeiten vollgepackt. Viele Kleinigkeiten verschwanden, mit wenigen Handgriffen, in freien Jackentaschen. Suchende Blicke wanderten noch ein letztes Mal über den Sitzplatz. Angespannte Fahrgäste hatten sich schon zeitig an der Tür versammelt und waren bereit zum hastigen Ausstieg. Ihnen war durch die herbe Verspätung nur wenig Zeit zum Umsteigen verblieben. Der Zug fädelte sich wie von selbst in den Bahnhof ein und blieb auf ein schrilles Signal endgültig am Bahnsteig stehen. Mit einem Seufzer betrachtete Herr K. noch einmal den Sitzplatz, auf dem vor zwei Stunden seine Gesprächspartnerin gesessen hatte. Er zog den Reißverschluss seiner Jacke zu und unter einem wehmütigen Gedankenblitz erhob er sich schließlich.Ein letzter Blick zur Sitzreihe gegenüber! Etwas steckte doch merkwürdig gequetscht zwischen den beiden Sitzen. Von seinem Platz aus betrachtet, hatte er es die ganze Zeit für seine Tageszeitung gehalten. Aber jetzt im Stehen und bei genauerem Hinsehen traute er seinen Augen kaum.Eine innere Stimme zweifelte leise: „Konnte es denn wahr sein? War das Glück heute mein treuer Gefährte, oder ein Schelm, der seinen Schabernack mit mir treibt“? Zögerlich an die Stelle gebeugt zog er mit seinen Fingern behutsam die zerfransten Buchdeckel, mit samt Notizblättern, aus dem Zwischenraum heraus. „Doch“, rief die gleiche innere Stimme freudig aus, „ es waren ihre Aufzeichnungen und gut gehüteten Notizen“! Mit zittrigen Händen, ohne jede weitere Bewegung, ohne ein Wort zu sagen verharrte Herr K. in dieser andächtigen, seltsam anmutenden Position. Wie viel Zeit in dieser unüblichen Haltung verstrichen war konnte der glückliche Finder in seinem inneren Freudentaumel nicht genau beurteilen. Aber irgendwann trat der Schaffner besorgt an den versteinerten Fahrgast heran. „Mein Herr, geht es ihnen nicht gut“? Der Angesprochene schaute ihn verwundert an und erwiderte wie selbstverständlich ein,“ Aber ja doch“! Mit großer Erleichterung in seinem Gesicht mahnte der Bahnangestellte den letzten Fahrgast zum Ausstieg, da der Zug hier endete und schon bald einem neuen Einsatzziel zugeführt würde. Herr K. solle bitte zügig seine Sachen an sich nehmen und diesen Zug umgehend verlassen. Der Autor nickte zustimmend, drückte das Notizbuch an seine warme Brust und schickte einen Blick der Dankbarkeit an den Himmel über sich. Zügig verließ der letzte Passagier das Abteil und betrat den Bahnsteig mit teigigen Beinen. Voller Aufregung, angefüllt mit unendlicher Neugier, steuerte dieser auf eine nahegelegene Bank zu und ließ sich dort für einen Moment nieder. Mit Freude und einem breiten Lächeln betrachtete er das Kleinod zwischen seinen Händen. Nun wurde Herr K., durch einen unverhofften Zufall der Träger ihrer Geheimnisse – im wahrsten Sinne des Wortes. Doch der ehrliche Finder schwor, das Werk mit ihren privaten Notizen nur oberflächlich durchzusehen, um einen Anhaltspunkt über die Identität zu bekommen. Der Autor war zu diesem Zeitpunkt fest entschlossen diese attraktive Fremde ausfindig zu machen, um ihr das Eigentum wiederzugeben! Unentwegt blätterten flinke Finger durch die unübersichtlichen Schriften – emsig suchten seine Augen in den Seiten nach verräterischen Anhaltspunkten herum. Doch die Hoffnung auf eine Anschrift, gar einer bestimmten Person, zerstreute sich jedoch ziemlich schnell. Eine erfolgreiche Suche war schwerer als gedacht! Nicht zuletzt sah er sich gezwungen tiefer in das schriftlich Niedergelegte einzutauchen, um zu verwertbaren Hinweisen zu kommen. Er traute seinen Sinnen kaum, aber da lagen die wichtigsten Stationen eines Menschenlebens, unmittelbar vor seinen Augen. Seite für Seite, in allen Einzelheiten und mit persönlichen Gedanken und Erklärungen von Gefühlen angefüllt und unheimlich echt und ergreifend beschrieben. Die lodernde Neugier hatte von diesem faden Autor einen teuflischen Besitz ergriffen. Und so fing dieser fremde Mann an, getrieben von flammender Hoffnung, die ersten Seiten genauer zu studieren. Immer wieder schimmerte das Gesicht der schönen, faszinierenden Frau als Bild vor seinen Augen herum. Seine irritierte Nase glaubte den Geruch ihres “Eau de Toilette“ riechen zu können. Aber trotz des belebenden Zusammenspiels seiner bildhaften, fast filmischen Erinnerung und den schriftlichen Ausführungen, konnte Herr K. weder eine Anschrift noch einen vollständigen Namen finden. Nur ein Vorname – und eine bewegte Vergangenheit dazu, wie sich vermuten ließ. Begierig las er weiter, denn die Geschichte zog ihn, wie durch einen Zauber, in seinen Bann. Darüber hinaus vergaß er alles. Die Uhrzeit, wo er sich befand, und warum er eigentlich hier in diesem Bahnhof war! „Da bist Du ja! Wieso sitzt Du hier herum? Geht es Dir nicht gut?...Ich warte schon seit einer dreiviertel Stunde am Ausgang auf dich“. Und damit holte diese strenge, dunkle Männerstimme den Leser prompt in die Gegenwart zurück. „Meinen alten Schulfreund, den hatte ich ganz vergessen! Er wollte mich abholen“, fiel es dem zerstreuten Autor schreckhaft in die Glieder „Nein danke, es geht mir gut“,antwortete dieser ganz verlegen. Dazu hob er entschuldigend die Hand. Umgehend sprang er von der Bank auf und grüßte seinen Freund herzlich, als sei nichts besonders gewesen. Jedoch spürte der zerstreute Mann mit einem Schlag, dass ihn die Begegnung mit der Dame im Zugabteil doch mehr umtrieb, als er wahr haben wollte. Eilig raffte Herr K. alle seine Sachen zusammen – doch auf das fremde Notizbuch gab er dabei ganz besonders Acht! Der guter alter Freund! Auch nach all den Jahren hatte er sich nicht geändert – und Herr K. wahrscheinlich genauso wenig! Damals wie heute, war es dem schüchternen Autor unmöglich etwas lange genug vor ihm zu verheimlichen – er konnte sich noch so bemühen, aber wenn sein Freund T. einen Verdacht hatte, presste er geschickt das Geheimnis aus Herrn K. heraus. Komischerweise ging es ihm dann nach der Beichte wesentlich besser! Also berichtete der Autor knapp, während beide die Straße entlangliefen, von der überraschenden Begegnung mit der attraktiven Dame auf der Bahnfahrt hierher. Zudem fügte er den Schilderung seinen dringenden Wunsch bei, das Tagebuch der rechtmäßigen Besitzerin zurück geben zu wollen. Denn schließlich fühlte er sich irgendwie an dem Malheur mitschuldig – wären beide nicht so vertieft in dem Gespräch gewesen, hätte sie die Station rechtzeitig bemerkt! „An welcher Station ist sie eingestiegen“, wollte sein neugieriger Freund wissen. Als dieser ihm weder den Namen der Stationen des Zu - und Ausstiegs nennen konnte, noch ihren genauen Namen, lachte T. langanhaltend und laut. Seine ausgelassene Fröhlichkeit unterhielt dabei die ganze Umgebung. Er nickte immer wieder munter mit dem Kopf dazu und feixte: „So kenne ich Dich...Du bist immer noch derselbe Draufgänger, wie früher“! Herr K. wusste mit Gewissheit, diese Bemerkung war keineswegs als Kompliment gemeint, aber dieser besonderen Freundschaft tat es deshalb keinen Abbruch. Schon früher war der Freund mit seiner Art wesentlich erfolgreicher – neidisch war Herr K. deswegen nicht. Jedoch mit seinem Vorschlag, das Buch im Fundbüro abzugeben und zu hoffen, dass die Besitzerin es irgendwann abholt, wollte der schüchterne Finder sich keinesfalls zufrieden geben. Doch er signalisierte vage seine Zustimmung um endlich seine Ruhe zu bekommen, vor den bohrenden Fragen seines heiteren Bekannten. Und irgendwann, zwischen Bahnhofshalle und der Haustür seines Freundes, verlor sich dann auch das ungewöhnliche Thema im Getümmel des Straßenverkehrs. T. kannte das Wesen seines stillen Freundes nur zu gut. Er wusste, dass es ihn innerlich sehr beschäftigte und eine einfache Lösung war für diesen komplizierten Fall, in wenigen Minuten nicht zu erwarten. Und daher ließ der Gastgeber das Geschehene, für die Dauer des Aufenthalts, erst mal auf sich beruhen – beide Herren hatten schließlich Besseres zu tun! Sobald der zerstreute Autor wieder in seinen eigenen vier Wänden weilen würde, könnte er sich über das Fahrgastcenter der Bahn möglichst genaue Erkundigungen einzuholen. Oder falls es nichts nützt, eine besondere Suchanzeige in der Zeitung schalten! Der Aufenthalt war trotz einiger Wehmut ein voller Erfolg. Herr K. hatte jede Minute mit seinem besten Freund ausgiebig genossen. Seine erfrischenden, ehrlichen Worte und zahlreichen Anregungen, sowie die aufregenden Erlebnisse aus der bewegten Vergangenheit waren wirklich ein ganzes Buch wert – und K. fühlte sich bestens aufgehoben und pudelwohl. Trotz der Rücksicht von T. haderte sein Gast zeitweise mit der zurückliegenden Begegnung auf der Bahnfahrt heftig. Dann verbarg er geschickt seine unangenehme Pein, vor dem herzlichen Gastgeber. Aber insgeheim freute er sich auch wieder auf die bevorstehende Heimreise. Diese Frau hatte es ihm wirklich angetan und jede Minute untätig zu verbringen, ohne ihre genau Identität zu kennen, versetzte den ruhigen Autor immer mehr in Unruhe! Als er nach einer Woche endlich wieder zu Hause war, macht er sich voller Zuversicht ans ersehnte Werk. Doch nach wenigen Wochen kam die lähmende Ernüchterung, denn sämtliche Vorhaben führten keineswegs zu dem gewünschten Ergebnis – noch nicht einmal ansatzweise gab es einen Fortschritt. Nach zwei zähen Monaten, ohne nennenswerte Hinweise, nahm er sich die Einträge der fremden Frau genauer vor und forschte noch gewissenhafter als bisher in ihren Aufzeichnungen weiter. Je tiefer dieser Suchende in die zahlreichen Lebenserinnerungen der fremden Dame eintauchte, desto mehr wurde er von ihnen magisch erfasst und in einen wilden Strudel hineingezogen. Zeitweise hatte sich der Autor in die Lektüre so verbissen, dass aller anderen Projekte in dieser Zeit vollkommen still standen. Aber alles bisher Gewünschte und eine unbestimmte Hoffnung in die nahe Zukunft nützten ihm wenig. Es musste langsam eine wichtige Entscheidung gefällt werden. Einige Tage trug sich sein Kopf mit einer heiklen Idee. Dennoch, allen Bedenken zum Trotz: An einem trüben Vormittag im September fasste er den unumkehrbaren Entschluss, diese Erlebnisse in einem Buch zu verfassen. Dabei wollte der Autor gewissenhaft, wie ein Detektiv, aus dem Geschriebenen seine eigenen Schlüsse ziehen und hoffte so auf einen Geistesblitz, der ihm am Ende die wahre Identität enthüllen würde. Als der naive Schreiberling mit der Arbeit begann, eröffnete sich erneut eine sehr schöne und lebendige Welt. Fast so wunderbar und einzigartig, wie die Stunden mit der Unbekannten im Zugabteil. Mit dieser Frau – ihrem Leben und was sie dafür opferte“! Ein Bild aus glücklichen Tagen? „Was hatte ich mir da nur angetan“, grummelte Herr K. mit schwerem Kopf vor sich hin. Er hatte sich auf der Couch eine bequeme Ecke vorbereitet und ließ all seinen Zweifeln und Gedanken hierzu freien Raum. Seine Augen schauten müde aus einem fahlen, fast geisterhaften Gesicht. Die feurige Energie der vergangenen Tage war einer alles lähmenden Nüchternheit gewichen. Neben ihm lag das Konvolut an Blättern und Notizen. In seiner puren Verzweiflung nahm der Autor das wundervolle Meisterwerk, dieser geheimnisvollen verschwiegenen Fremden, immer wieder in seine Händen. Aus den lebhaften Schilderungen wollte er ihre Geschichte schriftlich niederlegen! Obwohl er bisher keine Möglichkeit gefunden hatte, wie er am elegantesten anfangen sollte. Seite für Seite fuhr sein Daumen fast beschwörend das Papier ab, in der stillen Hoffnung auf einer zündenden Eingebung. „Was wusste ich schon von ihrem Leben, ihrem Leiden und den unterschiedlichen Empfindungen, denen diese Frau in ihrem Leben ausgesetzt war“? Beim ziellosen Durchblättern der vielen Seiten, den gefühlvollen Worten auf jedem Blatt, das der Mann bisher gelesen hatte, trieb dieser von einem aufregenden, ja ergreifenden Erlebnis zum nächsten hinüber. Je länger er sich durch die Seiten und ihren Inhalt kämpfte, desto hoffnungsloser wurde er zum Ende hin, dieser Person auch nur mit einem seiner Wort gerecht werden zu können. Als wollte er seine erdrückenden Selbstzweifel vertreiben, hoben die Hände den ganzen Konvolut an Blättern fast beschwörend in die Höhe. „ Ihr Worte, sprecht zu mir und gebt euer Geheimnis endlich Preis“, rief er voller Verzweiflung aus. Bei diesem ungeschickten Akt einer völligen Hilflosigkeit, fiel plötzlich ein dickeres Stück Papier heraus und landete direkt auf dem Boden, neben seinen Füßen. Das kleinere Blatt hatte zwischen zwei Seiten, ganz eng in dem Innersten des Buchrückens, festgesteckt. Herr K. nahm es auf und drehte es langsam und vorsichtig um. Es war aber kein Notizblatt, sondern es handelte sich um ein Foto aus einer Sofortbildkamera. Auf dieser leicht verblassten Oberfläche posierte ein Paar in ausgelassener Stimmung. Im Hintergrund lag das blaue Meer, weißer Sandstrand und einige Palmen bogen ihre grünen Kronen in den wolkenlosen Himmel. Am Bildrand schaute der Teil einer Veranda, mit Schaukel, oder einer stabileren Hängematte heraus. Dieses Foto enthielt eine handschriftliche Notiz auf der Rückseite : „Unser zweites gemeinsames Haus... Wenn Träume endlich wahr werden“! Für Herrn K. war dieses Photo nicht neu. Er hatte es schon des Öfteren beim Durchblättern zur Kenntnis genommen, aber immer wieder an die Stelle zwischen den Seiten eingefügt. Diese Situation war ihm peinlich. Er fühlte sich in diesem Moment als Fremder, der in einem sehr privaten Moment ein Paar bei ihrer gemeinsamen Freude störte. Er hielt es für einen sehr persönlichen Eindruck, der ihn, als Fremden überhaupt nichts anginge. Zudem quälte Herrn K. der glückliche Ausdruck in ihrem Gesicht, mit dem Mann an ihrer Seite – seine Eifersucht konnte er in diesem Moment nicht völlig leugnen! Das Motiv schien zudem völlig belanglos und es hatte bisher für den Autor keinen besonderen Wert dargestellt. Denn er war bisher auf der Suche nach einer außergewöhnlichen Eintragung, gar einem schriftlichen Hinweis gewesen. Aber wie einfältig musste der Betrachter in dem Moment gewesen sein?! Natürlich war es für ihn ein schlichtes Urlaubsmotiv! Doch für die Besitzerin dieses Notizbuchs musste es einen ganz besonderen Wert gehabt haben – und ebenso musste der Anlass ein sehr wichtiger in ihrem Leben gewesen sein. Würde sie sonst auf der Rückseite eine Bemerkung eintragen?! Und es handelte sich um das einzige Bild! Die Ecken des Papiers waren unansehnlich geworden und, vermutlich durch häufigen Gebrauch, etwas zerfranst. Denn dunkle Stellen säumten an den Rändern die Fotografie – viele Hände schienen diese gehalten, viele Augen das Motiv betrachtet zu haben. Mit Sicherheit ist bei jedem Betrachter, wie auch bei dem Autor der Eindruck entstanden, dass es eine sehr glückliche und unbeschwerte Zeit der Menschen gewesen sein musste – auch ohne die handschriftliche Notiz. In den Gesichtern des jungen Paares, voller grenzenloser, ausgelassener Freude war der Wunsch deutlich zu erkennen: „ Niemals soll dieser Augenblick vergehen“! Auf den Anlass dieser besonderen Freude, jetzt noch neugieriger geworden, lass der Autor die nachfolgenden Seiten ganz gewissenhaft durch. Nach einigen Sätzen, der unbekannten Autorin, ließ der Leser endlich entspannt seine Arme sinken. Er fing an sich dazu ein phantasievolles Bild an die Tapete der Wand gegenüber zu malen. Hierzu verschmolzen alle Farben der Natur eigenwillig miteinander und fügten sich wieder sinnvoll zusammen. Durch Licht und Schatten bildete das Urlaubsmotiv eine besondere Atmosphäre. Personen, Gegenständen und Orte, fügten sich vor seinem geistigen Auge zu spannenden Szenen zusammen. Ein Paradies war so entstanden, in dem dieser fremde Mann jetzt einen Moment lang ein willkommener Gast sein durfte. Mit einem Mal hatte Herr K. den Anfang dieser Geschichte, ihrer Geschichte gefunden! Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». 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