Magistrale
Robert Lang


Ein alter Alptraum des Westens wird wahr: Aus einer russischen Atomanlage verschwindet radioaktives Material, mit dem ein fanatischer Islamist eine deutsche Großstadt unbewohnbar machen will. Sein Motiv: Rache für die versehentliche Bombardierung einer afghanischen Schule.

Geplant wird dieser Anschlag durch einen Mann, der sich nur als «der Vermittler» ausgibt. Auf ausgeklügelten Routen entlang der großen russischen Magistralen schickt er vier Transporte mit dem strahlenden Material in Richtung Frankfurt am Main. Wenn nur einer von ihnen sein Ziel erreicht, droht eine Katastrophe.

CIA-Agent Michael Benson und ein Team russischer Agenten sind die Einzigen, die diesen Anschlag noch verhindern könnten. Doch die Zeit ist ihr größter Feind.




Robert Lang

Magistrale



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Inhaltsverzeichnis

Titel (#ubfefe1b4-502b-5642-b946-9f1548355ed9)

Erstes Kapitel (#ub3198e5f-3d3e-51a6-b644-e3fec55e60be)

Zweites Kapitel (#u4fc7aceb-9b20-5258-aa5b-9f14e08b0ae8)

Drittes Kapitel (#u4cd1a8b2-9a51-510f-95ac-473f59d4be91)

Viertes Kapitel (#u5cbd9ef4-ee57-5931-a93c-c6d7e56c1e61)

Fünftes Kapitel (#ucf45844b-eefd-5b34-9310-2995ce8fd8a5)

Sechstes Kapitel (#u20bc4e02-183d-5a79-88ca-e1a2325bf207)

Siebtes Kapitel (#ud197e6a9-4c36-5653-9ef0-280e76ff9f79)

Achtes Kapitel (#ub824f9a1-60af-5e04-81b3-6a07ce43d165)

Neuntes Kapitel (#u6a022421-9e42-55ef-afb6-03b7f3ba8c09)

Zehntes Kapitel (#u563664f8-06df-520a-8d2f-836d852b6086)

Elftes Kapitel (#u6df826f1-d5d9-5bf5-98de-4ae663899c28)

Zwölftes Kapitel (#ud74804b2-55ac-5b54-8862-20354f6041cc)

Dreizehntes Kapitel (#ufb2692a2-b16c-56ad-857f-8be12f829f6e)

Epilog (#uc6505aff-840b-5d5e-9521-b1f3f916f098)

Impressum neobooks (#u701c00ce-3e98-574c-9165-282012b413a1)




Erstes Kapitel


Robert Lang 







Magistrale



Roman



















Atomanlage Majak, Region Tscheljabinsk, Russland

Die beiden Männer schauten zu, wie das letzte der neun Fässer auf den Lastwagen gerollt wurde. Die Etiketten auf diesen Fässern versicherten in russischer und englischer Sprache, dass sie verbrauchtes Getriebeöl für Großanlagen enthielten, was früher auch tatsächlich der Fall gewesen war.

Die riesige Halle war grell ausgeleuchtet, durch das haushohe, halbgeöffnete Schiebetor sah man das Schneetreiben draußen auf dem Werksgelände. Es ging auf Mitternacht zu, niemand arbeitete mehr um diese späte Stunde, mit Ausnahme der zwei Männer an der Rampe, die mit dem Beladen beschäftigt waren. Auch sie durften bald nach Hause gehen und dann würde für einige Stunden Ruhe einkehren, bis die Frühschicht eintraf.

Die Fahrt konnte wegen des Wetters unangenehm werden, auch wenn sie kurz war. So spät abends war kein Räumdienst mehr unterwegs. Aber der Fahrer war ein alter Hase und an solche Bedingungen gewöhnt; sein Laster hatte Allradantrieb und man hatte sicherheitshalber Schneeketten aufgezogen.

Einer der Arbeiter spannte einen breiten Gurt quer über die Ladefläche und zurrte ihn so fest, dass die Fässer weder umfallen noch verrutschen konnten. Dann sprang er hinab und drückte einen Knopf an der Seitenwand des Fahrzeuges, worauf sich die hydraulisch betriebene Heckklappe beinahe geräuschlos schloss.

Der Direktor sah seinen Geschäftspartner an. „Sie wissen hoffentlich, wie Sie mit dem Material umzugehen haben. Ich muss gestehen, dass der größte Teil der Informationen, die mir unsere Chemiker gegeben haben, für mich völlig unverständlich war. Ich bin kein Mann der Wissenschaft, sondern nur ein verknöcherter alter Bürokrat. Mit Isotopen, Halbwertszeiten, Spontanentzündung oder Gammastrahlung kann ich nichts anfangen. Man hat mir nur gesagt, dass dieses Plutonium nicht hoch genug angereichert ist für den Bau von Atomwaffen – aber auch darüber weiß ich im Grunde nur wenig.“

„Das müssen Sie auch nicht, Direktor, ebenso wenig wie ich. Ich verlasse mich auf Ihre und natürlich auch auf meine Spezialisten. Mir reicht die Zusicherung aus, dass der drei- oder vierwöchige Transport dieser Röhren technisch kein größeres Problem darstellt. Das genügt mir.“

„Nun ja, wir hatten ja bereits darüber gesprochen, dass der Umgang mit diesen Stoffen ein gewisses Risiko birgt. Wir konnten wegen des Gewichts der Röhren, das ein limitierender Faktor ist, eine Bleihülle mit einer Stärke von nur fünf oder sechs Millimetern benutzen. Diese wiederum ist verstärkt mit einer Außenhaut aus anderthalb Zentimeter leichten Aluminiums, das aber kaum Schutz vor der austretenden Strahlung…“

„Sie wiederholen sich, mein Freund. Ich habe Vorkehrungen getroffen, was das angeht. Und ich denke, jetzt fehlt mir nur noch das Polonium“, sagte der kleinere der beiden Männer, die das Treiben beobachtet hatten. Der Angesprochene griff in seine Manteltasche und holte ein Röhrchen mit einer pulvrigen, mattsilbern glänzenden Substanz hervor.

„Dreißig Gramm, wie besprochen. Wir produzieren es gar nicht mehr - das glaubt zumindest der Rest der zivilisierten Welt. Wenn man mich erwischen sollte, dann wegen dieser paar Gramm, deren Fehlen auffallen wird, weil der Stoff so selten ist. Weltweit werden kaum hundert Gramm pro Jahr hergestellt. Von dem Zeug in den Fässern habe ich so viel, dass der Schwund wahrscheinlich erst bei der nächsten Inventur auffallen wird – und die ist Ende Juni.

Sie sollten das Polonium bald verwenden, meine Chemiker haben mir gesagt, dass es eine Halbwertszeit von nur viereinhalb Monaten hat.“

Kuljamin schauderte, als er daran dachte, dass man mit diesem nicht einmal halbvollen Röhrchen Polonium dieses Isotops eine mittelgroße Stadt vergiften konnte, wenn man es nur richtig anstellte; und dass dies auch wahrscheinlich geschehen würde, wenn es nach dem Willen seines Kunden ging.

„Achten Sie darauf, dass es bis zu seiner Anwendung gut verschlossen bleibt, es ist absolut tödlich, wenn es in Ihren Körper gelangt. Ein Bruchteil eines Milligramms genügt, hat man mir gesagt.“

Der Käufer nahm das Röhrchen entgegen und steckte es behutsam ein. Es hatte ihn drei Millionen Dollar gekostet, für das gesamte andere Gift, das sich in den Röhren befand, waren weiterer neun Millionen fällig gewesen.

„Ich werde es schon bald an meinen Kurier weiterreichen und hoffe, dass es in der kurzen Zeit bis zu seinem Gebrauch keinen Schaden anrichtet. Sie haben mir das zugesichert, mein Freund.“

Es behagte dem Direktor nicht, wenn ihn der Ausländer ständig als Freund bezeichnete. Bei seiner ersten Kontaktaufnahme vor sechs Wochen hatte er sich als gebürtiger Libanese mit kanadischem Pass vorgestellt. Das konnte die Wahrheit sein oder auch nicht, im Prinzip machte es keinen Unterschied, solange das Geld wie versprochen floss.

Sein Geschäftspartner besaß einen olivfarbenen Teint und war bis auf einen kleinen Oberlippenbart glatt rasiert. Er besaß eine äußerst gepflegte Erscheinung, trug einen braunen Kaschmirmantel über einem hellgrauen Zweireiher, der in London, Rom oder Paris ein kleines Vermögen gekostet haben musste. Seine teuren Schuhe waren jetzt schmutzig vom Schneematsch und seine Fellmütze aus kostbarem Zobel trug er mit heruntergeklapptem Ohrenschutz, was in Russland bei den vergleichsweise milden Temperaturen als unmännlich galt; Kuljamin ließ es unkommentiert.

Dennoch musste er zugeben, dass der Mann eine beeindruckende Person war, die weder in diese schmutzige Halle noch in diesen so hässlichen und von Menschenhand verseuchten Teil Russlands passte. Dagegen empfand sich der Russe selbst als beinahe schäbig; in seinem zerschlissenen Anzug, den seine Frau schon unzählige Male geflickt hatte, mit seiner gekrümmten Haltung, den tiefen dunklen Ringen unter wässrig blauen Augen, die ihn als willensschwachen Gewohnheitstrinker entlarvten, war er seinem Gegenüber sichtlich unterlegen.

Aber das würde sich ändern, denn mit zwölf Millionen Dollar konnte man den Kopf ein wenig höher tragen; und geflickte Anzüge wären bald auch kein Thema mehr.

„Was werden Sie jetzt tun, Direktor?“

Der Mann, den Kuljamin nur als den Vermittler kannte, versuchte sich zum Abschied noch einmal in Konversation. Es interessierte ihn wenig, was der andere Mann tat - Hauptsache, er ließ sich nicht erwischen, bevor das radioaktive Material außer Landes war. Danach sollte ihn der Teufel holen, wenn der ihn haben wollte.

„Laufen, so schnell und so weit, wie ich es kann. Ich habe weniger als eine Woche Zeit, Russland verlassen. Den größten Teil dieser Zeit werde ich dazu benötigen, nach Moskau zu fahren und mir dort die nötigen Papiere für meine weitere Flucht zu beschaffen.“

In spätestens einer Woche würden sie ihn jagen, mit allem, was sie zur Verfügung hatten. Niemand bestahl eine russische Atomanlage ungestraft.

Er würde die nächsten drei oder vier Stunden noch hier in seinem Büro bleiben und dann direkt zum Bahnhof fahren, wo am frühen Morgen sein Zug nach Samara ging.

„Ich mache einen Umweg, um meine Spur so gut wie möglich zu verwischen. Einen Koffer mit dem Notwendigsten habe in meinem Büro stehen.“

Er lächelte, es war ein kaltes, humorloses Lächeln auf einem teigigen, verlebten Gesicht. „Ich habe meine Frau für ein besonders langes Wochenende zu ihren Verwandten nach Saratow geschickt. Sie wird erst am Mittwochabend zurück sein. Außerdem habe ich nach dem ohnehin freien Wochenende drei Tage Urlaub. Wenn man anfängt, mich zu vermissen, sollte ich längst im Flugzeug nach George Town auf den Cayman Islands sitzen.“

Dass der Mann wusste, wohin Kuljamins Reise ging, ließ sich nicht vermeiden, schließlich hatte der Araber das Konto für ihn eingerichtet und den Judaslohn darauf eingezahlt. Die Spielregeln wollten es, dass der neue Kontoinhaber mindestens einmal persönlich bei der Bank vorsprechen musste, um über sein Geld verfügen zu können. Später sah das anders aus, dann konnte er es von einem beliebigen Ort aus verwalten.

„Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen, mein Freund. Mit den Millionen, die Sie nun bald haben, sollte es Ihnen leicht fallen, ein ebenso standesgemäßes wie diskretes Leben zu führen, wo immer Sie das tun wollen.“

Bevor der Direktor antworten konnte, näherte sich der Fahrer des Lastwagens und signalisierte, dass er bereit zur Abfahrt war.

„Schicken Sie mir den Mann so schnell wie möglich zurück. Ich werde auf ihn warten, weil ich wissen muss, ob alles geklappt hat. Und um ihn zu bezahlen.“

„Wenn er in drei Stunden nicht zurück ist, dann ist in der Tat etwas schiefgegangen. Und das möge Allah verhüten!“

Dem Direktor des staatlichen Lagers für spaltbares Material in der riesigen Nuklearanlage Majak am Ural wurde noch einmal überdeutlich bewusst, dass es fanatische, menschenverachtende Terroristen waren, mit denen er dieses Geschäft gemacht hatte. Aber es war zu spät für derlei Skrupel, die dreiste Tat war begangen und es gab kein Zurück mehr. Er verabschiedete sich hastig und ohne Händedruck von dem Mann, der ihn zum Dieb, zum Verräter, zum Heimatlosen und zum vielfachen Millionär gemacht hatte, und er war schon auf dem Weg zu seinem Büro, als dieser den Lastwagen mit der brisanten Ladung auf der Beifahrerseite bestieg.

Obwohl die Scheibenwischer des Lastwagens Beachtliches leisteten, konnte man die Straße kaum erkennen, so dicht fiel inzwischen der Schnee.

Yassir Hossein schaute hinüber zu dem Fahrer, der eine übelriechende Zigarette der Marke Belomorkanal im Mundwinkel hängen hatte, auf deren langem Filter er mit offensichtlichem Genuss herumkaute. Dabei saß er völlig entspannt hinter dem Lenkrad und blinzelte mit fast geschlossenen Augen hinaus in das wilde Schneegestöber.

Die Papiere waren in Ordnung, wie der Direktor es versprochen hatte. Nach einem ehrfürchtigen Blick auf die vielen Stempel, mit denen der Passierschein und die Frachtpapiere versehen waren, hatte die Wache am Haupttor seinen Besucherausweis entgegengenommen und salutierend den Weg freigegeben. Russen hatten ein beinahe erotisches Verhältnis zu behördlichen Stempeln – je mehr von ihnen ein Dokument trug, desto weiter kam man damit.

Die Fahrt dauerte auch unter diesen widrigen Umständen nur wenig mehr als eine Stunde. Von Osjorsk ging es auf einem Sträßchen, das bis vor einigen Jahren ausschließlich militärisch genutzt wurde, zu einem abgelegenen Parkplatz außerhalb der Regionshauptstadt Tscheljabinsk. Dort sollten die Fässer geleert werden. Wenn dies geschehen war, würde sich am Boden eines jeden Fasses ein metallener Zylinder von neunzig Zentimetern Länge und dreißig Zentimetern Durchmesser zeigen, dessen gefährlicher Inhalt Anlass für diese Unternehmung war. Diese neun Bleiröhren würden anschließend im doppelten Boden eines bereitstehenden Lastwagens verschwinden, der offiziell eine unverdächtige Ladung gebrauchter Maschinenteile, Hydraulikpumpen und sonstige Apparaturen transportierte, und dessen Bestimmungsort laut Frachtschein und Ausfuhrerklärung die Stadt Oral kurz hinter der Grenze zu Kasachstan war.

Aber sechs dieser neun Zylinder würden nie in Kasachstan ankommen. Obwohl sie dasselbe Ziel hatten, sollten sie nach wenigen Kilometern ein zweites Mal umgeladen werden und einen anderen Weg nehmen. Drei reisten über die Ukraine und Polen nach Dresden, die Übrigen sollten über Noworossijsk und das Schwarze Meer zunächst nach Athen verschifft werden.

Der Fahrer setzte den Blinker und bog in den einsamen Parkplatz ein. An dessen Ende wartete – unbeleuchtet und mit laufendem Motor - der Lastwagen, der die Ladung übernehmen sollte.

Der ganze Vorgang dauerte keine zehn Minuten. Der russische Fahrer sollte zurück zur Anlage fahren und den Wagen auf seinen Parkplatz stellen, nachdem er die leeren Fässer auf einer Müllhalde abgeladen hatte, die sich außerhalb des Werksgeländes befand.

Für den Vermittler, der weder Libanese noch Kanadier war, sondern ein Kuwaiter, war die lange Reise, die ihn in den vergangenen Wochen durch halb Europa und Teile Mittelasiens geführt hatte, beinahe zu Ende. Es war angerichtet, alles Weitere lag jetzt in den Händen derer, die er sorgfältig für diese Mission ausgewählt hatte.

Die beiden Männer, die diese Ladung übernahmen, waren ganz offenbar mittelasiatischer Herkunft. Sie würden an der Grenze zu Kasachstan nicht auffallen.

Kuljamin hatte ihn darauf hingewiesen, dass die Hüllen der Röhren sich erwärmen würden, was die Folge der Strahlung ihres Inhalts war. Man hatte aber die Mischung von stark, mittel und schwach aktivem Material so gewählt, dass die Erwärmung zu keinem Zeitpunkt sechzig Grad Celsius überschreiten würde.

Das war bei den ersten Grenzübergängen kein Problem; vor der Grenze zu Deutschland allerdings – das hatte der Direktor empfohlen – würde man die Röhren kühlen müssen, weil sie sonst von Wärmesensoren (die hauptsächlich zum Aufspüren von illegalen Grenzgängern benutzt wurden) entdeckt werden konnten. Ein oder zwei handelsübliche Zehn-Kilo-Säcke Eis wären genug, um den Zoll zu überlisten.

Die Überlebenschancen der Fahrer waren mäßig bis gering. Langwellige Strahlung würde mühelos die Hülle der Zylinder durchdringen und über die Atemluft oder durch Berührung in den Körper der Männer gelangen, akute schwere Strahlenkrankheit nach etwa drei bis vier Tagen wäre die Folge.

Der Vermittler, der das wusste, hatte diesem Umstand von Anfang an Rechnung getragen, indem er jeden Transport in mehrere Abschnitte unterteilt hatte; spätestens alle vier bis fünf Tage würden die Fahrer ausgetauscht und bezahlt werden. Dass sie ihren Lohn kaum mehr würden genießen können, stand auf einem anderen Blatt. Es gehörte zu einer solchen Unternehmung und war nicht zu vermeiden. Hätte man mehr Blei für die Herstellung der Röhren verwendet, wären sie so schwer geworden, dass ein einzelner Mann sie nicht mehr hätte tragen können.

Der Araber spielte kurz mit dem Gedanken, Kuljamins Fahrer zu töten und ihn zusammen mit seinem LKW in einem abgelegenen Waldstück verschwinden zu lassen. Aber er besann sich schnell eines Besseren – der arme Teufel hatte das Kennzeichen des anderen Wagens nicht zu Gesicht bekommen, weil es vorsorglich abgedeckt worden war. Die fast verblichene kasachische Plakette am Heck hatte er vielleicht bemerkt, aber mit diesem Wissen konnte er kaum jemandem schaden. Außerdem würde das Fehlen von Laster und Fahrer schnell bemerkt werden und einen Alarm auslösen, und das konnte niemand wollen.

Nachdem die Ladung verstaut war, gab er dem Russen ein Zeichen, dass er verschwinden könne, und wandte sich dann an die beiden anderen Fahrer, um sie nochmals zu instruieren. Sie sollten ihn am Tscheljabinsker Flughafen absetzen und dann auf der Magistrale 1 nach Süden fahren. In einer kurzzeitig angemieteten Garage nahe einer Kleinstadt, etwa sechzig Kilometer von diesem Parkplatz entfernt, war ein weiterer Treffpunkt vereinbart worden. Dort wurde die Fracht endgültig aufgeteilt und auf den langen Weg nach Deutschland gebracht.

Wenn die Fahrer nicht bummelten und sich regelmäßig abwechselten, war es trotz eingeplanter Umwege und auf schlechten Straßen eine Sache von nicht mehr als fünf Tagen, das Land zu verlassen.

Das Röhrchen mit dem Polonium würde der Vermittler selbst nach Moskau mitnehmen, wo er in Richtung Saudi-Arabien umstieg. Am Flughafen sollte ihn sein vierter und letzter Kurier treffen und ein bis zwei Wochen nach der Übergabe mit einem gewöhnlichen PKW in Richtung Finnland aufbrechen, um von dort über Schweden und Dänemark nach Deutschland weiterzureisen. Grigorij Laschtunow hieß der Mann, er hatte angeblich Vorfahren in der finnischen Stadt Lahti, daher auch sein Familienname und sein hellblondes Haar.

Yassir Hossein hatte – ganz in Sinne seines Auftraggebers – redundant geplant. Wenn nur die Hälfte des von ihm bereitgestellten Giftes seinen Bestimmungsort erreichte, war es mehr als genug.

In spätestens vierundzwanzig Stunden würden reichlich einhundertzwanzig Kilogramm radioaktiven Materials – genug für mehrere „schmutzige“ Bomben - sowie ein kleines Röhrchen mit tödlich giftigem Polonium auf vier verschiedenen Routen auf dem Weg nach Frankfurt am Main sein, dem Wohnort eines Bundeswehrsoldaten, der vor acht Wochen einen großen Fehler gemacht hatte, indem er den Amerikanern in Afghanistan den Tipp gab, ein Gebäude zu bombardieren, welches sich später als Schulhaus herausstellte.

Sollte Direktor Kuljamin mit seinem Diebstahl schon in den nächsten drei oder vier Tagen auffliegen, so würde Hossein das erfahren und seine Fahrer alarmieren, bevor sie die Landesgrenzen zu überschreiten versuchten. In einem solchen Fall sollten sie sichere Schlupfwinkel ansteuern und warten, bis der Pulverdampf an den Grenzen sich wieder gelegt hatte. Der tödliche Anschlag auf Frankfurt lief niemandem davon, sie hatten Zeit und konnten sich notfalls wochenlang eingraben und nichts anderes tun als warten.

*

Atomanlage Majak

Noch-Direktor Kuljamin saß am Schreibtisch seinen kleinen Büros, wo er in den vergangenen siebzehn Jahren seine Pflicht erfüllt hatte. Er würde es nicht vermissen; nicht dort, wohin er jetzt ging.

Es war wohl so etwas wie Ironie des Schicksals. Seine Frau hatte ihm in den letzten Jahren mal mehr, mal weniger die Hölle heiß gemacht, weil er nicht zu den Männern gehört hatte, die vom Ende der Sowjetunion profitierten, indem sie in die neu entstehende Privatwirtschaft mit ihren traumhaften Gewinnchancen eingestiegen waren. Wie oft hatte sie ihm vorgerechnet, dass heutzutage eine Sekretärin in Moskau mehr verdiente als er, der sein ganzes Leben im Staatsdienst zugebracht hatte? Hundertmal? Tausendmal?

Und was tat er? Er schwieg, machte ab und zu Schulden, um ihr ein paar ihrer kostspieligen Wünsche erfüllen zu können, wenn sie wieder einmal zu lautstark lamentiert hatte. Dabei litt er leise, aber ausdauernd vor sich hin, träumte von Sonne und Palmen und trank mehr, als für ihn gut war.

Mit seinen fast vierundsechzig Jahren – er war drei Tage vor Stalins Tod geboren – war er Kind seiner Zeit geblieben und in den Denkmustern der alten Sowjetunion gefangen, wo Eigeninitiative und der Mut zum Risiko als sozial auffällig galten und bestenfalls in die innere Emigration führten.

Und dann, an einem frostigen Tag Anfang Januartag, bot sich ihm die einmalige Chance in Person dieses Vermittlers, der aus dem Nichts kam und ihm das anbot, was ein Mensch wie er sich als Paradies auf Erden vorstellte.

Zwölf Millionen Dollar (plus eine halbe für seine Komplizen) für einhundertzwanzig Kilogramm nuklearen Brennstoffes, stark und mittelstark strahlendes Material, das Zeug, das für schmutzige Bomben taugte, und von welchem Kuljamin in diesem mithilfe der Amerikaner erbauten Lager etliche Tonnen verwahrte und vor etwaigen Dieben zu beschützen hatte.

Gegen Diebe von außen, nicht aber von innen, wie sich jetzt zeigte, aber dafür, dass er ihnen das vorführte, bekam er keinen Orden, sondern bestenfalls einen Genickschuss auf irgendeinem nächtlichen Hinterhof, wenn sie seiner habhaft wurden. Sicher würden sie ihn vorher foltern. Eine Gänsehaut durchlief seinen Körper jedes Mal, wenn er daran dachte. Hatte er das alles noch im Griff? Taugten seine Pläne und Vorkehrungen? Hielten seine Nerven diesen Druck lange genug aus? Es würde sich zeigen. In einer Woche war er entweder frei und sehr wohlhabend – oder sie schnappten ihn und er war so gut wie tot.

Um sich abzulenken, nahm er eines der Geldbündel, die ihm sein geheimnisvoller Geschäftspartner heute als zweite Rate mitgebracht hatte. Die erste Anzahlung hatte er größtenteils dafür aufgewandt, diejenigen Mitarbeiter und Wächter zu schmieren, ohne deren Mithilfe oder Wegsehen ein solches Unterfangen nicht möglich war. Er begann, die Hundert-Dollar-Noten zu zählen. Sie waren bankfrisch und fühlten sich gut an in seinen Händen.

Er dachte wieder an seine Frau. Wenn die sehen würde, was er jetzt sah, würde sie einen bühnenreifen Zusammenbruch erleiden. Wie würde sie reagieren, wenn in ein paar Tagen der FSB vor ihrer Tür stand und sie darüber unterrichtete, dass ihr vermeintlich so feiger und phantasieloser Gatte, dieser Versager, eines der größten Schurkenstücke des einundzwanzigsten Jahrhunderts aufgeführt und sie alle geleimt hatte.

Ein Blick zur Uhr, die über dem Porträt des aktuellen russischen Präsidenten hing und die auch schon über dem von Breschnew gehangen haben musste - der Fahrer sollte bald zurück sein.

Kuljamin musste in spätestens einer Stunde mit seiner Dienstlimousine nach Tscheljabinsk aufbrechen, wo um sechs Uhr dreißig sein Zug abfuhr. Er hatte einen normalen Schnellzug gewählt, für den er ein nicht personalisiertes Ticket kaufen konnte; es würde deshalb keinen Beweis dafür geben, dass er diesen Zug benutzt hatte. Bei einem der modernen Expresszüge wäre das anders, denn dort stünde sein Name auf dem Fahrschein und wäre deshalb auch im Computer der Staatsbahn gespeichert.

Eigentlich war es überflüssige Vorsicht, weil er einen Vorsprung von mehreren Tagen haben sollte, aber er fühlte sich besser, wenn er ein paar Schlenker machte und zuerst nach Samara fuhr, von dort nach Smolensk im äußersten Westen Russlands flog und schließlich mit einem weiteren Zug in Moskau ankam, wo er ab übermorgen ein Zimmer im Hotel „Ismailowo“ am Ismailowskij Park gebucht hatte.

Er hatte einen Tipp bekommen, und er hoffte, dass sich dieser als richtig erwies. Er sollte einen echten Reisepass für nicht mehr als achtzehnhundert Dollar bekommen; die Adresse des Fälschers, der ein Angehöriger des tschetschenischen Untergrunds war und der in der Nähe der U-Bahn-Station Kiewskaja in einem Kellerlokal arbeitete, trug er bei sich. Es würde keine dummen Fragen geben, Kuljamin brauchte nur ein Passbild und genügend Geld mitzubringen, die Daten seiner gewünschten neuen Identität auf einen Zettel zu kritzeln und die Hälfte des Preises vorab zu entrichten. Achtundvierzig Stunden später konnte er das Dokument abholen, sein Ticket in die ersehnte Freiheit.

Es war zwei Uhr vierzig und er hörte schlurfende Schritte auf dem Gang. Der Fahrer war zurück. Außer ihm hatte um eine solche Uhrzeit niemand mehr etwas in diesem Teil des Gebäudes zu suchen. Der Direktor sprang auf und empfing den Mann an der Tür, damit dieser die dicken Geldbündel auf dem Schreibtisch nicht zu sehen bekam.

„Vsjo v parjadke?“

„Da, konjeschno.“Es war alles in Ordnung. Kuljamin atmete auf.

Fünfzig Einhundert-Dollar-Noten wechselten den Besitzer, der Fahrer strahlte übers ganze Gesicht, wobei ein paar faulige Zahnstummel sichtbar wurden. Wer konnte sich heutzutage in Russland noch anständigen Zahnersatz leisten? Ein einfacher Arbeiter bestimmt nicht.

„Spassibo, spassibo bolschoj, Gospodin Direktor!“ Der Fahrer machte allerhand tiefe Verbeugungen.

Nichts zu danken, mein Guter. Lass dir dein Gebiss richten, du armes Schwein, dachte Kuljamin, tätschelte dem Mann die windschiefe Schulter, legte noch zwei Scheine drauf und fragte ihn, ob er die leeren Fässer wie befohlen zur Müllkippe gebracht hatte, bevor er zurück auf das Gelände gekommen war. Das war der Fall und der scheidende Direktor trug dem Mann auf, schleunigst zu vergessen, was er heute Nacht getan hatte.

Mit einer weiteren Geste der Demut verabschiedete sich der Mann und verschwand im Halbdunkel des nächtlichen Korridors.

Jetzt war es an der Zeit für den eigenen Abgang. Der künftige Edelpensionär zog Mantel und Fellmütze an, packte das Geld zurück in den Aktenkoffer, nahm diesen und sein schmales Reisegepäck und ging zur Tür. Im Rahmen drehte er sich nochmals um und blickte zurück.

Ein unbeschreibliches Gemenge aus panischer Angst und irrsinniger Vorfreude vereinigte sich in seiner Brust, er musste einige Male tief Luft holen, um sich wieder zu fangen. Dann zog er ein Schlüsselbund aus der Manteltasche und schloss das Büro ab – es war der letzte Akt eines alles in allem vierzigjährigen Dienstes am Vaterland, das ihm diesen nur schlecht gedankt hatte. Und das hatte es nun davon.

*

In 11.000 Meter Höhe

Der Vermittler nahm einen letzten Schluck des hervorragenden Weines und stellte das Glas auf das kleine Tischchen vor dem Nachbarsitz, der zu seiner Befriedigung frei geblieben war.

Er hatte gelernt, auf Flügen zu schlafen wie in seinem eigenen Bett, und er hatte die Absicht, dies auch auf dem Weg von Moskau nach Riad zu tun.

In der russischen Hauptstadt hatte er seinen letzten Kurier getroffen und ihm auf einer Flughafentoilette das Röhrchen mit dem Polonium zugesteckt; so wenig das auch war, es war genügend Gift, um zum Alptraum einer jeden Stadt zu werden, wenn es in die Nahrungskette oder das Trinkwasser gelangte; und das war schließlich das erklärte Ziel.

Saudi-Arabien war seine vorläufig letzte Station. Von dort aus würde er nach Dubai reisen, wo er im 142. Stock des Burj Khalifa ein großes Appartement bewohnte, in dem sich auch sein Büro befand.

Die USA, wo er zwischen einer Villa in St. Augustine, Florida und einer Wohnung in New York City wählen konnte, würde er nicht wieder aufsuchen. Das war dem jetzigen Stand der Dinge nach zu gefährlich, und deshalb würde er diese beiden Immobilien abstoßen, bevor es in Deutschland zu dem großen Knall kam.

Aber zunächst musste er seinem Auftraggeber – der diese ganze Choreographie des Terrors bezahlte - Rechenschaft ablegen über das, was er in den vergangenen Wochen geleistet hatte; und das war beachtlich gewesen.

Er hatte die vermutlich größte Menge radioaktiver Substanzen beschafft, die je in die Hände einer Privatperson gelangt war. Er hatte vier verschiedene Routen entworfen, auf denen dieses Material nach Deutschland gelangen würde, wo es zur Anwendung kommen sollte.

Er hatte zu diesem Zweck, für Transport, Zwischenlagerung, die Anmietung von Verstecken und für den großen Anschlag selbst etwa fünfundzwanzig Leute angeworben (Informanten nicht mitgerechnet), teils für viel Geld, teils für wenig Geld, und dort, wo Geld nicht zählte, sondern nur der Glaube, mit dem Versprechen einer reichen Belohnung nach diesem Leben.

Er hatte Leute miteinander vernetzt, die sich noch nie begegnet waren und die sich später auch nie wieder begegnen würden, hatte Bankkonten eröffnet, die nur wenige Wochen existieren würden; er hatte E-Mail-Postfächer mit unverdächtigen Adressen eingerichtet, Handys gekauft, die nur einmal benutzt und dann weggeworfen werden würden, und er hatte Einmal-Codes verbreitet, die nicht zu knacken waren und die während der Operation dazu benutzt werden sollten, die Kommunikation zwischen den einzelnen Teams sicherzustellen, sofern sich dies als notwendig erweisen sollte.

Er hatte knapp dreizehn Millionen Dollar ausgegeben, ein Betrag, in dem seine Provision in Höhe von acht Millionen noch nicht inbegriffen war.

Sein Auftraggeber, ein kränkelnder wahhabitischer Eiferer, konnte zufrieden sein, denn sein Vermittler hatte all das geleistet und dabei weniger als die Hälfte des Geldes benötigt, das er für das große Feuerwerk ausgelobt hatte.

Sicher, die New Yorker Anschläge vor etlichen Jahren waren preisgünstiger gewesen, sie waren bis heute ein regelrechtes Lehrstück in Effektivität. Dafür würde aber diesmal der Schaden noch höher sein als damals, sowohl, was die mittelfristige Zahl der Opfer, als auch, was das ökonomische Desaster im Gefolge dieses Terroraktes betraf. Letzteres konnte biblische Ausmaße annehmen und unter seinen Folgen würden die westlichen Volkswirtschaften noch lange zu leiden haben. Angst und Verunsicherung würden die Märkte beherrschen, und beinahe alles Wirtschaften war Psychologie.

Natürlich würde er jede Bewegung seiner laufenden Operation überwachen und notfalls in die Durchführung des Planes eingreifen. Man würde ihm jeden Fortschritt und jede Panne melden und er würde jeweils entscheiden, wie weiter zu verfahren war.

Er klingelte nach der Flugbegleiterin und bat sie, ihm eine Decke und ein Kissen zu bringen und ihn eine halbe Stunde vor der Landung in Riad zu wecken. Kurz darauf klappte er die Rückenlehne seines Sitzes vollständig hinunter, schloss die Augen und war wenige Minuten später eingeschlafen.

*

Fort Meade, Maryland, Zentrale der NSA

Bill Schmittner nahm den Kopfhörer ab und legte ihn auf die Schreibtischplatte. Er hatte mehrere Stunden lang so konzentriert gearbeitet, dass er jetzt leichte Kopfschmerzen hatte und dringend einen Kaffee und eine längere Pause brauchte. Seine Frau hatte ihm Sandwiches mit Schinken und Erdnussbutter eingepackt, und die wollte er jetzt aus seinem Spind holen, sich in den Aufenthaltsraum setzen und beim Essen den Sportteil der „USA Today“ lesen. 

Es war Sonntag, und heute schienen die Terroristen tatsächlich einen Ruhetag eingelegt zu haben. Jedenfalls hatte er noch nichts von Belang zu lesen oder zu hören bekommen, so sehr er sich auch abmühte.

Neben ihm schien es seinem Kollegen Bernie Noakes nicht anders zu gehen, wenn er dessen angedeutetes Gähnen richtig interpretierte. Es gab solche Tage, an denen man sich fragte, wozu um alles in der Welt dieser gewaltige Aufwand an Technik und menschlicher Arbeitszeit betrieben wurde. Es war langweilig und frustrierend, Stunde um Stunde dazusitzen, mehr oder weniger auf gut Glück im Äther zu stochern und nach Anzeichen zu suchen, dass sich irgendein Bösewicht am anderen Ende des Planeten anschickte, ein krummes Ding zu drehen.

Aber wenn er sich Noakes anschaute, dann musste er zugeben, dass der den noch schlechteren Part erwischt hatte, denn Bill suchte wenigstens nach echten Terroristen aus Fleisch und Blut, nach Gestalten, die Anschläge planten, die sich dazu verschworen, unschuldige Menschen zu ermorden.

Bernie dagegen hatte den ganzen Tag und so manche Nacht nichts anderes zu tun, als sich die Bewegungen auf Tausenden internationaler Bankkonten von mehr oder weniger Verdächtigen anzuschauen und sich einen Reim darauf zu machen, wohin und zu welchem Zweck das Geld von diesen Konten abfloss und wohin seine Reise ging. So etwas jahrein, jahraus acht Stunden täglich zu tun, musste jeden normalen Menschen in den Wahnsinn treiben. Aber Noakes schien ein beinahe krankhaftes Vergnügen darin gefunden zu haben. Er sagte, was er mache, sei staatlich geförderter Voyeurismus, und damit hatte er natürlich Recht.

„Ich bin dann eine halbe Stunde weg, Bernie.“

Schmittner stand auf und wollte den Raum verlassen, in dem noch dreißig weitere heimliche Lauscher und Informationsdiebe saßen, um ihr Land und den Rest der Welt vor terroristischen Aktivitäten zu warnen. Aber Bernie Noakes pfiff ihn zurück. Er hatte gerade etwas entdeckt, das seine Aufmerksamkeit erregt haben musste.

„Sagt dir der Name Yassir Hossein noch etwas?“

„Kommt mir bekannt vor. Schieß los, was ist mit dem?“

„Unter anderem kanadischer Staatsbürger, und hat darüber hinaus mindestens einen nahöstlichen Pass, ich glaube, jordanisch oder irgendein Golfstaat. Bekommt dreißig Millionen US-Dollar von einem saudischen Prinzen auf ein Verrechnungskonto und überweist davon sofort zwölf an einen Russen, den wir nicht kennen. Soundso Danilow, nie gehört, den Namen. Barclays Bank, George Town, Grand Cayman. Wenn da nichts faul ist, fresse ich einen Besen samt Putzfrau.“

„Okay, lass uns das im Auge behalten; soweit ich weiß, haben wir schon öfters versucht, diesem Knilch etwas anzuhängen - es hat aber nie geklappt. Entweder liegen wir schief oder der Kerl ist wirklich clever. Ich gehe aber jetzt trotzdem erst einmal essen, wenn du nichts dagegen hast.“

„Du bist und bleibst ein Vielfraß.“

„Du mich auch, Amigo mío.“

*

Moskau, Hotel Ismailowo

Die Fähigkeit, in Zügen oder Flugzeugen zu schlafen, war Gennadij Wassiljewitsch Kuljamin nicht gegeben, und so kam es, dass er sich bei seiner Ankunft in Moskau am frühen Abend vor Erschöpfung mehr tot als lebendig fühlte. Er schaffte es mit Mühe, am Weißrussischen Bahnhof, wo er aus Smolensk kommend eingetroffen war, ein Taxi zu ergattern, und wäre dann auf der halbstündigen Fahrt zu seinem Hotel im Nordosten der Stadt beinahe eingeschlafen, weil der Fahrer die Heizung bis zum Anschlag aufgedreht hatte.

Als er beim Einchecken an der Reihe war und der junge Mann an der Rezeption wie üblich seinen Pass verlangte, öffnete er seine Brieftasche, schob ein paar Geldscheine über den Tresen und bat darum, seinen Ausweis behalten zu dürfen, da er diesen für Geschäfte in der Stadt benötige. Es schien keine außergewöhnliche Bitte zu sein, denn der junge Mann steckte das Geld routiniert in die Tasche seiner Uniformjacke und fragte ihn lediglich nach seinem Namen.

Kuljamin nannte ihm den, der in seinem neuen Pass stehen würde; der Hotelangestellte trug ihn anstandslos ein und gab ihm die Schlüsselkarte für sein Zimmer im dreizehnten Stock. So erprobte der Ex-Direktor erstmals und ganz vorsichtig seine neue Identität, und er fühlte sich dabei ein wenig verrucht und bärenstark.

Oben angekommen packte er seinen Reisekoffer aus, hängte die Kleider ordentlich auf Bügel und dann in den Schrank, der kleinere Koffer mit dem Geld – noch fast zweihunderttausend US-Dollar und trotzdem nur ein Bruchteil seines neuen Vermögens – wanderte in den Zimmersafe.

Euphorie überkam ihn trotz aller Müdigkeit und er spielte mit dem Gedanken, sich eine Flasche Champagner und eines der blutjungen Mädchen, die er vor dem Hoteleingang und in der Lobby hatte herumlungern sehen, aufs Zimmer zu bestellen. Warum nicht? Er war ein freier Mann, der niemandem mehr Rechenschaft schuldete.

Aber ehe er noch zu Ende überlegt hatte, ob er dieses Vorhaben ausführen sollte, war er in den Kleidern, in denen er angekommen war, bereits eingeschlafen.

Am nächsten Abend war Kuljamin, der künftig nur noch auf den Namen Alexander Michailowitsch Danilow hören würde, mit sich zufrieden. Er hatte den Mut aufgebracht, die Höhle des tschetschenischen Löwen zu betreten und das beabsichtigte Geschäft abzuschließen. Ganz geheuer war ihm nicht gewesen, als er sich dem Kellerlokal näherte, das man ihm genannt hatte. Schon zwanzig Meter vor dem Gebäude wurde er von zwei grobschlächtigen Kerlen, wahrscheinlich Kaukasiern, gründlich gefilzt und nach seinem Anliegen befragt. Dann wollten sie sein Geld sehen, nahmen ihm dieses zu seiner Überraschung aber nicht weg, sondern ließen es ihn wieder einstecken.

Man hatte ihm weitere vierhundert Dollar abgenommen, weil er es offensichtlich eilig hatte (und wahrscheinlich auch, weil man ihm seine Angst ansehen konnte), aber das kümmerte ihn nicht. Morgen um die Mittagszeit konnte er den neuen Pass abholen, noch in derselben Nacht würde er im „Roten Pfeil“ sitzen, einem Expresszug, der ohne Zwischenhalt die gut siebenhundert Kilometer zwischen Moskau und St. Petersburg in etwa fünf Stunden zurücklegte.

Dort angekommen, vom „Moskauer Bahnhof“ aus, hatte er vier Stunden Zeit, um zum südlich von St. Petersburg gelegenen Flughafen Pulkowo II zu gelangen und seinen Flug nach London zu bekommen. Von England aus konnte er – wenn er wollte - direkt in die Karibik weiterfliegen, wo seine üppige Rente schon auf ihn wartete.

Aber er fühlte sich momentan in seiner neuen Haut so überlegen und so unangreifbar, dass er mit dem Gedanken spielte, noch ein paar Tage in London zu verbringen, wo er nie zuvor gewesen war. Piccadilly Circus, Trafalgar Square, der Buckingham Palace, die Tower Bridge – Sehenswürdigkeiten, die er nur von Bildern her kannte, und von denen er in der trostlosen Einöde seiner zunehmend unglücklichen Ehe immer vergebens geträumt hatte, weil seine Frau das wenige Geld, das er nach Hause brachte, anstatt für Reisen auszugeben lieber in neue Garderobe oder teure Restaurantbesuche investierte, um es „den Nachbarn wenigstens ab und zu mal so richtig zu zeigen“.

Nun aber konnte sich ein von Grund auf erneuerter Kuljamin jedes Fünf-Sterne-Hotel der teuren Stadt an der Themse leisten, und dieser Gedanke erregte ihn ebenso sehr wie der Gedanke an die käuflichen Mädchen vor dem Hotel. Heute würde er nicht einschlafen, das Leben war zu kurz, um jemals wieder eine Gelegenheit zu verpassen. Er griff zum Telefon und bestellte georgischen Champagner und ein paar russische Vorspeisen.

*

Moskau, Zentrale des Inlandsgeheimdienstes FSB

Das Telefon klingelte nicht, sondern signalisierte den eingehenden Anruf nur durch das Blinken eines kleinen Lämpchens.

„Ja.“

„Wir haben ein Problem, das wir mit normalen Mitteln nicht in den Griff bekommen.“

„Moment…so, Sie können sprechen. Die Leitung ist steril. Worum handelt es sich, Adler?“

„Das Lager in Majak ist beklaut worden. Vom eigenen Direktor, wie es vorläufig aussieht. Es geht um große Mengen an kritischem Material. Das Zeug soll das Land verlassen, vermutliches Ziel Westeuropa. Nicht auszudenken, was passiert, wenn das gelingt.“

„Weiß Aljechin schon Bescheid?“

„Ja, er steht hinter uns und verschafft uns oben Deckung, solange wir uns nicht in der Öffentlichkeit erwischen lassen.“

„Bleiben Sie in der Leitung, Adler.“

Ein leises Summen ertönte, während der Koordinator mit seinem Vorgesetzten sprach, einem Oberst und früheren Teilnehmer am erfolglosen Afghanistanfeldzug.

Nach einer Minute war er zurück.

„Code Schwarz, Adler. Ich wiederhole, Code Schwarz. Sie haben alle Vollmachten. Die Softballspieler im Team werden zurückgehalten, solange es geht. Sollte Aljechin seine Meinung ändern, dann wird sofort abgebrochen, verstanden? Der Präsident weiß wie immer von nichts.“

Das Gespräch wurde beendet.

*

Heidelberg, Gelände eines Rangierbahnhofs

Schweiß brannte in seinen Augen, während er versuchte, vor sich etwas zu erkennen. Die Nacht war mondlos und es war fast vollständig dunkel, nur in einiger Entfernung sah man hier und dort Beleuchtung in den Fenstern von Wohnhäusern.

Es waren drei, ihr Alter war schwer zu schätzen, wahrscheinlich Mitte zwanzig bis Ende dreißig. Sie waren mit halbautomatischen Pistolen bewaffnet, mit denen sie auch umgehen konnten, wie er vor ein paar Minuten erfahren musste, als eine Kugel ihn am linken Ärmel gestreift hatte.

Die drei gehörten einer extremen muslimischen Bruderschaft an, hinter der die CIA auf deutschem Boden schon seit langer Zeit her war, weil sie wahrscheinlich Anschläge auf amerikanische Bürger und Einrichtungen plante. Man hatte ihn auf sie losgelassen, weil man den deutschen Behörden seit 2001 nur noch sehr bedingt traute, was die Identifizierung islamistischer Gewalttäter und der Hassprediger hinter ihnen anging. Und dass diese Leute tatsächlich gefährlich waren, hatte die NSA in Fort Meade anhand abgefangener E-Mails und mitgeschnittener Telefonate dokumentieren können.

Mike Benson war ausgebildeter CIA-Außenagent mit etlichen Jahren Einsatzerfahrung auf nahezu allen Kontinenten, momentan aber an die SECURE „ausgeliehen“, die vorwiegend mit der Terrorbekämpfung in Europa betraut war. Die derzeitige amerikanische Regierung hatte Lehren aus dem chronischen Versagen ihrer Geheimdienste gezogen und war deshalb bestrebt, diese Organisationen zur vermehrten Zusammenarbeit zu bewegen. Bensons einjährige Tätigkeit für die in Stuttgart ansässige SECURE war Teil dieses Programmes. Ob es etwas taugte oder nicht, konnte man erst bei der nächsten konkreten Bedrohungslage beurteilen. Benson stand diesem Experiment im Grunde wohlwollend gegenüber, weil er ganze Bücher darüber schreiben konnte, wie Operationen an mangelnder Bereitschaft zur Kooperation und den ständigen Eifersüchteleien zwischen den einzelnen Diensten gescheitert waren.

Er hatte mit einem marokkanischen Informanten aus der gewaltbereiten Szene in einem äthiopischen Restaurant namens Adabar zu Abend gegessen, sie hatten sich ausgetauscht und nach dem Essen getrennt das Lokal verlassen.

Da er selbst äußerst vorsichtig zu Werke gegangen war und sicher sein konnte, dass man ihm nicht zu diesem Treffen gefolgt war, blieb als einzige Erklärung, dass sein Kontaktmann aufgeflogen war und jetzt in höchster Gefahr schwebte.

Vor ihm regte sich ein Schatten, er feuerte zweimal und wurde mit einem erstickten Aufschrei und einem nachfolgenden Fluch belohnt.

Etwa zehn Meter entfernt von dem offenbar Getroffenen sah er Mündungsfeuer und zugleich zischte eine Kugel nur wenige Zentimeter an seinem rechten Ohr vorbei. Er musste seine Position aufgeben und sich einen anderen Unterschlupf suchen, bevor ihn die beiden verbliebenen Männer ins Kreuzfeuer nehmen konnten.

Er musste ohnehin schleunigst weg von hier, die Schüsse hatten wahrscheinlich längst Anwohner aufgeschreckt und es war eine Frage der Zeit, bis die Polizei eintreffen würde. Benson hatte nicht das leiseste Bedürfnis, deutschen Behörden Rede und Antwort zu stehen, denn das würde nur zu Verwicklungen führen, die weder er noch seine Dienststelle gebrauchen konnten.

Er kroch auf allen Vieren zur Seite und richtete sich erst auf, als er sich zwanzig Meter von seinem Versteck entfernt hatte. Wieder fiel ein Schuss, der ihm aber lediglich bewies, dass seine Gegner dieses Manöver noch nicht bemerkt hatten. Er lief tief gebückt weiter, ein Güterwaggon bot ihm provisorischen Schutz. Als er wieder zurück spähte, glaubte er zu erkennen, dass sich die zwei Männer auf das Versteck zubewegten, das er gerade aufgegeben hatte. Er war versucht, auf die Schatten zu schießen, aber aus dreißig Metern Entfernung und bei diesen Lichtverhältnissen war die Aussicht auf Erfolg gering.

Sein Informant musste so schnell wie möglich diese Stadt verlassen, sonst war sein Leben keinen Pfifferling mehr wert. Er hatte die Amerikaner fast vier Jahre lang mit erstklassigen Informationen versorgt, mehr als gut genug, um sich von ihnen jede Hilfestellung verdient zu haben.

Er sorgte dafür, dass zwischen ihm und seinen Verfolgern stets der schützende Waggon war. Dann machte er so rasch und so leise wie möglich, dass er weg kam. In der Ferne vernahm er Polizeisirenen, die schnell näher kamen.

Mike Benson wusste, wann er zu rennen hatte.

*

St. Petersburg, Flughafen Pulkowo II

Sie holten ihn aus Reihe 26 des Airbus 319, als die Flugbegleiterin die Passagiere bereits mit den Sicherheitsvorkehrungen an Bord vertraut machte. Lufthansa-Flug LH 2567 von St. Petersburg über München nach London wurde Sekunden vor dem Start zurückgepfiffen und der Flieger in eine Parkposition gelenkt, aufgrund eines geringfügigen technischen Problems, wie der Co-Pilot lapidar mitteilte.

Sie kamen zu zweit, und der Ältere von beiden bat Kuljamin mit gesenkter Stimme, mitzukommen und den Flieger zu verlassen, ohne Aufsehen zu erregen. Dem brach der Schweiß aus, und um ein Haar hätte er angefangen zu weinen.

Er hatte eigentlich schon an der Sicherheitsschleuse festgehalten werden sollen, aber der Beamte, dem das an alle Flughäfen und Grenzübergänge gefaxte Fahndungsfoto vorlag, hatte eine tageszeitbedingte lange Leitung gehabt (es war noch nicht einmal halb sechs morgens), und der Groschen war bei ihm erst gefallen, als der Gesuchte schon im Flugzeug saß und sich beinahe in Sicherheit wähnte.

Kuljamin alias Danilow war im Grunde seines Herzens ein zutiefst feiger Mensch, und deshalb war es für die Männer vom Föderalen Sicherheitsdienst, der aus der Inlandsabteilung des legendären KGB hervorgegangen war, nicht nötig, ihn psychisch unter Druck zu setzen oder ihn gar zu foltern, denn er gestand schneller als sie ihn befragen konnten. Und als die Ermittler die ganze Geschichte kannten, fingen sie ihrerseits an zu schwitzen.

Wie Kuljamin erfuhr, waren sie ihm schon seit Dienstag auf den Fersen gewesen; genauer, seit der Stunde, in der seine Frau nach einem Streit mit ihrer Schwester früher heimgekehrt war als geplant. Sie vermisste ihn, rief zuerst im Werk an, wo sie ihn zu Unrecht vermutete, und direkt danach bei der Miliz, um ihn als vermisst zu melden. In ihrer überdrehten Vorstellung konnte eine solch eminent wichtige Persönlichkeit wie ihr Göttergatte nur entführt worden sein; dagegen sprach allerdings schon bei oberflächlicher Betrachtung, dass es bis zum späten Dienstagvormittag keine Lösegeldforderung gab. Auch ein etwaiges Bekennerschreiben lag nicht vor.

Aber, und das war wichtiger: Die heulende Gattin musste den Ermittlern des FSB (die den Fall schnell an sich gerissen hatten, weil es sich ganz offensichtlich um ein Problem der Inneren Sicherheit handelte) gestehen, dass der einzige Lederkoffer, den das Ehepaar besaß, verschwunden war, ebenso wie ein Anzug, drei Oberhemden, etwas Unterwäsche, ein Paar Schuhe und unzählige Paar Socken. „Er hat schlimme Schweißfüße“, sagte sie beschämt.

Auch sein Reisepass fehlte, wie sie nach einigem Herumwühlen in den Schubladen seines Schreibtisches feststellte und den Männern voller Angst und mit aufkeimendem Verdacht mitteilte. Das sah nun mehr danach aus, als hätte ihr Mann die Kurve gekratzt und sie einfach sitzen gelassen, eine Interpretation der Geheimpolizisten, der sie energisch widersprechen wollte, es aber nicht konnte, weil ihre Tränen alles erstickten, was sie zu sagen versuchte.

Der folgerichtig nächste Schritt der Agenten war, am Arbeitsplatz des Flüchtigen weiter zu forschen. Zunächst prallten sie dabei auf eine Wand des Schweigens. Niemand wusste etwas, keiner hatte etwas bemerkt oder gar bei etwas Verbotenem mitgemacht. Lediglich die Wache, die in der Nacht von Freitag auf Samstag Dienst gehabt hatte, konnte ihnen sagen, dass der Direktor das Gelände gegen halb vier morgens verlassen hatte, eine höchst ungewöhnliche Zeit für jemandem, der in jahrelanger Routine am Freitagmittag gegen vierzehn Uhr ins Wochenende ging.

Derselbe Wächter erkannte die Zeichen der Zeit und informierte die Männer geflissentlich darüber, dass kurz nach Mitternacht ein Lastwagen das Gelände verlassen hatte, der mit sauberen Papieren Altöl zu einer Recycling-Anlage nach Tscheljabinsk bringen sollte. Er habe das Fahrzeug routinemäßig kontrolliert und es hatten sich wie angegeben neun Fässer darauf befunden, mit entsprechender Etikettierung.

„Altöl-Entsorgung an einem Freitag um Mitternacht, bist du denn völlig bescheuert?“ schrie einer der Vernehmer den konsternierten Wachposten an.

„Aber der Transportschein trug Unterschrift und Stempel des Direktors“, war die kleinlaute Antwort.

„Idiot!“

So wurde am Dienstagnachmittag eine außerplanmäßige Inventur des Lagers durchgeführt. Um ein Haar wäre dabei das Fehlen des Poloniums nicht entdeckt worden, denn der Oberingenieur – der mit fünfzigtausend Dollar geschmierte Alexander Borissowitsch Kunklin – hatte an dessen Stelle eine harmlose, äußerlich aber sehr ähnliche Substanz an die entsprechende Lagerstelle schaffen lassen.

Aber einer der subalternen Ingenieure hatte eine ganze Reihe verdächtiger Lagerbewegungen bemerkt, und zunächst dazu geschwiegen, um es sich nicht mit seinen Vorgesetzten zu verderben. Und das meldete er nun zerknirscht den staatlichen Kontrolleuren. Die waren entsetzt. Es fehlte nicht nur das Polonium, sondern auch unterschiedliche Mengen an Plutonium 239, Strontium, Barium Beryllium, Iridium sowie an den harten Gammastrahlern Cäsium 137 und Kobalt-60, alles in allem ein mehr als einhundertzwanzig Kilogramm schwerer Eintopf mit unterschiedlichen Graden an Radioaktivität und Zerfallszeiten und so vermischt, dass diese Suppe bis zu ihrer weiteren Verwendung maximal mögliche Stabilität behielt.

Das war – so bemerkte einer sarkastisch – mindestens so viel spaltbarer Stoff, wie ihn dieser durchgeknallte Diktator in Pjöngjang besaß - und schon dieser erpresste die halbe Welt mit dem Zeug.

Man nahm sich den leitenden Ingenieur nochmals zur Brust, und der gestand nach kurzem Zögern die Tat, weil er sah, dass er nicht mehr leugnen konnte; er beteuerte aber, nicht zu wissen, wofür das gestohlene Material gedacht war. Der ganze Deal sei Kuljamins Werk gewesen, er selbst habe nur Handlangerdienste in dessen Auftrag geleistet. Von seinem Schmiergeld erzählte er nichts, aber das tat an seiner Stelle der in St. Petersburg festgesetzte ehemalige Direktor, der, als er einmal anfing zu reden, dies mit einer solchen Hingabe und Geschwätzigkeit tat, als erwarte ihn am Ende eine fette Belohnung und ein Orden.

Der Ingenieur hatte Pech. Normalerweise wäre er festgenommen und in einem Eilverfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu fünfzehn Jahren verschärfter Haft verurteilt worden. Aber die Truppe, an die er geriet, tickte anders; diese Kerle machten keine Gefangenen.

Er wurde von drei Männern ohne große Umstände zu einer nahegelegenen Kiesgrube gefahren und dort mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet; seine Leiche übergossen sie mit Benzin und zündeten sie an – in ihren Augen konnte man es sich nicht leisten, ihn vor Gericht zu stellen, denn es konnte kaum eine größere Demütigung für die ehemalige Weltmacht geben als das Bekanntwerden der Tatsache, dass sie nicht einmal dazu in der Lage war, auf ihr atomares Spielzeug aufzupassen.

Ein paar wenige brauchbare Informationen enthielt auch Kuljamins wortreiches Geständnis in St. Petersburg. Da war zunächst der Vermittler, den der Direktor genau beschreiben konnte und der mit Sicherheit arabischer oder zumindest „irgendwie nahöstlicher“ Herkunft gewesen war.

Die Höhe des „Kaufpreises“ ließ bei den Verhörspezialisten, die inzwischen hinzugezogen worden waren, keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass es sich bei den Kunden nicht um ein paar hungerleidende Mudschaheddin oder Taliban handelte, sondern dass hinter diesem Beschaffungsvorgang potente Geldgeber, privat oder institutionell, stecken mussten.

„Sie sollten sich in nächster Zeit von Deutschland fernhalten, mein Freund“, äffte Kuljamin die Sprechweise des Vermittlers nach.

Gegen Deutschland als Zielort sprach scheinbar die Aussage des alten Fahrers, der sich erinnern konnte, nachts auf dem Parkplatz ein kasachisches Nationalitäten-Kennzeichen am Heck des Lastwagens gesehen zu haben, der die Fracht übernahm.

Die FSB-Leute überlegten hin und her, was dies wohl zu bedeuten hatte, und etwas später wurde ihnen klar, dass selbst dann, wenn das Material den Weg nach Süden nahm, es dennoch für Westeuropa bestimmt sein konnte. Der Weg war kompliziert und langwierig, führte über Kasachstan, Usbekistan, Afghanistan und Pakistan zum Indischen Ozean und von dort aufs Schiff, das alles war mühselig und gefährlich, aber zweifellos machbar.

Vielleicht fühlten sich die Käufer sicherer, wenn sie möglichst schnell „islamischen Boden“ unter die Füße bekamen. In muslimisch geprägten Staaten konnten sie eher auf Hilfe rechnen als in Ost- oder Mitteleuropa, wo sie schon wegen ihres Äußeren in Schwierigkeiten geraten konnten.

Die Aussagen Kuljamins und des Fahrers lösten bei den Geheimen hektische Betriebsamkeit aus. Alle Übergänge von der weißrussischen bis zur chinesischen, von der finnischen bis zur ukrainischen Grenze, besonders aber alle offiziellen und einige weniger offizielle Grenzübergänge zum südlichen Nachbarn Kasachstan wurden alarmiert. Sämtliche Lastwagen und Kleintransporter – dafür musste massenhaft zusätzliches Personal herangekarrt werden – sollten sorgfältig kontrolliert werden; besonders auf doppelte Böden unter den eigentlichen Ladeflächen war zu achten. Gesucht wurden neun hellgraue Metallröhren in einer Aluminiumverkleidung, jede mit einem Gewicht von – grob geschätzt - fünfunddreißig Kilogramm und so warm, dass man sie gerade noch anfassen konnte, ohne sich die Finger zu verbrennen. Die Fahrer des gesuchten Wagens konnten bewaffnet sein, und wenn sie sich gegen eine Festnahme – die grundsätzlich erwünscht war – wehren sollten, sei von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Die besagten Röhren (um was es sich bei ihnen und ihrem Inhalt tatsächlich handelte, verschwieg man aus Gründen der Staatsräson und aus Menschenverachtung gegenüber Zöllnern und Fahndern) durften in keinem Falle geöffnet, sondern sollten nur sichergestellt werden. Diesbezügliche Meldungen waren umgehend an folgende Dienststelle zu richten, und so weiter. Besonders unwohl war den Ermittlern bei dem Gedanken daran, dass die Regierung eingeweiht werden musste, wenn sich kein schnelles Ergebnis einstellte.

Und obwohl beim FSB der Verdacht aufkam, dass es bereits zu spät für all diese Aktivitäten war, gab man die Hoffnung nicht auf, die Täter noch innerhalb der russischen Grenzen fassen und damit ein Überschwappen der ganzen Angelegenheit aufs Ausland vermeiden zu können.

Von Tscheljabinsk bis in die grenznahe Stadt Oral waren es etwas mehr als eintausend Kilometer, und die Übernahme der Fracht hatte vor gut fünf Tagen stattgefunden – der Laster konnte längst über die Grenze gegangen und irgendwo in den Weiten der kasachischen Steppe untergetaucht sein.

Und ab dann wäre es keine Angelegenheit des FSB mehr, sondern fiele in die Zuständigkeit des SWR, des ebenfalls Anfang der Neunzigerjahre aus dem KGB hervorgegangenen Auslandsnachrichtendienstes, der bis jetzt über dieses himmelschreiende Debakel noch nicht einmal informiert worden war.




Zweites Kapitel


Dubna, Region Moskau, Kernkraftanlage

Iossif Wladimirowitsch Weksler, sechsundsiebzig Jahre alt, kerngesund und rüstig wie ein gut erhaltener Endfünfziger, saß in seinem kleinen Büro neben dem Reaktorraum des Kraftwerkes und versuchte, das Online-Kreuzworträtsel einer großen Moskauer Tageszeitung zu lösen. Er tat dies seit zwanzig Jahren an jedem Freitag und er fand, dass es seinen grauen Zellen gut tat. Die Arbeit, die er hier seit seiner Pensionierung vor elf Jahren verrichtete, war nicht dazu geeignet, geistig rege zu bleiben; man musste sich andere Herausforderungen suchen, um nicht völlig zu verblöden.

Aber er war der Letzte, der sich über seinen Job beklagt hätte, bekam er doch in diesem Laboratorium, wo er fünfunddreißig Jahre lang seinem Beruf als Ingenieur nachgegangen war, sein Gnadenbrot und durfte jeden Tag für einige Stunden herkommen und kleinere Büroarbeiten am PC verrichten, anstatt in seiner Wohnung einsam vor sich hin und seinem Ende entgegen zu vegetieren. „Zuhause sterben die Leute“, pflegte er zu sagen, und er mied sein Bett wie der Teufel das Weihwasser, wie das viele ältere Menschen taten.

Als Wissenschaftler brauchte man ihn in dieser Anlage freilich schon lange nicht mehr, und – wenn er ehrlich war – hatte er auch nie sonderlich viel auf dem Kasten gehabt, wenn er es am manchmal erdrückenden Lebenswerk seines Vaters maß, des berühmten Wladimir Iosiffowitsch Weksler, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts als Direktor dieser Anlage tätig gewesen war und in dieser Zeit die Verantwortung für den Bau eines der weltweit ersten Ringbeschleuniger trug.

Er hatte sein wissenschaftliches Genie allerdings nicht an seinen einzigen Sohn weitergereicht, was daran liegen mochte, dass er diesen kaum einmal zu Gesicht bekam; sein Vater ruinierte bei der Arbeit seine Gesundheit und starb mit nur neunundfünfzig Jahren an purer Erschöpfung.

Seine Begabung für die Wissenschaften legte eine Pause von zwei Generationen ein und zeigte sich erstaunlicherweise erst wieder bei seinem Urenkel Igor, der momentan am Institut für Theoretische Physik der Universität Frankfurt promovierte und ein vielversprechender junger Gelehrter war - wenn er seinen manchmal bodenlosen Leichtsinn irgendwann in den Griff kriegen würde, dachte sein Großvater, der sich mehr Sorgen machte als seine beiden Enkel ahnen mochten. Doch er wusste auch, dass Sorglosigkeit ein Vorrecht der Jugend war und beließ es – wenn er ihn einmal zu sehen bekam oder ihm schrieb – bei milden Ermahnungen.

In der Familie Weksler war seit vielen Generationen Deutsch gesprochen worden (eigentlich seit Ausgang des 18. Jahrhunderts, als es einen Balthasar Wechsler mit seiner Familie von Augsburg an die Wolga zog), was es seinen beiden Enkeln leicht gemacht hatte, aus der russischen Provinz auszubrechen und in Deutschland Fuß zu fassen. Er gönnte es ihnen von Herzen, und er wusste, dass sie richtig gehandelt hatten – hier in dieser Einöde gab es kaum eine Perspektive für einen begabten Physiker oder eine talentierte Designerin wie Igors Schwester Katja, und Moskau war ein Moloch, der seine Kinder fraß.

Seine Enkelin arbeitete nun schon fast ein Jahr lang im Büro eines Frankfurter Architekten mit internationaler Reputation und verdiente dabei so gut, dass sie mit ihrem Gehalt ihren chronisch klammen Bruder jeden Monat mit einem gewissen Betrag unterstützen konnte, Hilfe, die dieser auch dringend benötigte, weil er in aller Regel nach der Hälfte des Monates nichts mehr zu beißen hatte oder seine Miete nicht bezahlen konnte, weil er sich einmal mehr auf irgendein windiges Geschäft eingelassen hatte, das stets und zuverlässig in die Binsen ging.

Weksler trug gerade die Lösung eines langen Wortes senkrecht in das Rätsel ein, als ein Piepen ihm den Eingang einer E-Mail anzeigte.

Er brauchte einige Sekunden, um zu merken, dass diese Nachricht nicht für ihn bestimmt war, sondern für den hiesigen Bonzen des FSB, und zwar streng geheim, wie die Titelleiste besagte.

Solche Irrläufer kamen häufiger vor, da die Mitarbeiter dieses Komplexes, vom Direktor bis zu den Physikern, von den Ingenieuren bis zu den Hausmeistern, der Verwaltung und sogar den Sicherheitskräften Mailadressen besaßen, die ähnliche Ziffernfolgen enthielten. Er selbst hatte eine 159, und er bekam mindestens einmal im Monat Irrläufer, die eigentlich für den ehemaligen KGB (195) oder für das Materiallager (158) gedacht waren.

Eine streng geheime Nachricht hatte er allerdings noch nie erhalten, und nun kratzte er sich nun am Kinn und überlegte, ob er diese Mail wie gewöhnlich ungelesen an den richtigen Adressaten weiter leiten oder ob er einen winzig kleinen Blick in das Dokument wagen sollte. War es Neugier (die bekanntlich der Katze Tod war) oder war es Langeweile (eigentlich eine Todsünde in seinen Augen), später konnte er es nicht mehr sagen – er tat den fatalen Doppelklick und bekam bereits nach den ersten Sätzen, die er las, heftiges Herzklopfen.

Der Text war bestimmt für alle FSB-Standorte, in deren dienstlicher Umgebung mit radioaktiven Stoffen gearbeitet wurde, und er forderte die jeweiligen Niederlassungen auf, stante pede eine umfassende Inventur alles spaltbaren Materials zu veranlassen und etwaige Fehlmengen, vor allem bei Plutonium und Strontium, aber auch bei Cäsium und zwei oder drei anderen Stoffen an diese und jene Adresse durchzugeben.

Das Pamphlet enthielt wohlweislich keinen Hinweis auf Polonium, denn das durfte es in der Anlage Majak aufgrund internationaler Abkommen schon seit ein paar Jahren nicht mehr geben. Es wurde offiziell nur noch in geringen Mengen von etwa 100 Gramm pro Jahr in der Anlage Sarow gewonnen und nach Kanada und die USA exportiert, wo es zu industrieller Anwendung kam.

Hintergrund für die angeordnete Inventur war – so die Nachricht weiter - der höchst unverschämte Diebstahl einer großen Menge radioaktiver Substanzen aus einem streng bewachten Atomkomplex am Ural, was aber absolut vertraulich sei und was der Empfänger dieser Botschaft unbedingt diskret zu behandeln habe, ansonsten drohe ihm eine Anklage wegen Hochverrats.

An dieser Stelle begann Weksler zu schwitzen und er bedauerte es aufrichtig, das Dokument auch nur geöffnet zu haben. Dennoch las er weiter, wie unter Zwang.

Der Föderale Sicherheitsdienst, wie er sich verniedlichend nannte, hatte den Dieb gerade noch erwischt, als er ein Flugzeug ins Ausland bestiegen hatte, und man hatte ihn umfassend verhört; nach einer vorläufigen Analyse hielt man es für ziemlich sicher, dass das Material von islamistischen Fanatikern gekauft worden war und dazu benötigt wurde, in Frankfurt am Main für Terrorzwecke eingesetzt zu werden; und zwar als Rache für den Beschuss einer afghanischen Schule durch einen amerikanischen Kampfbomber, der von einem deutschen Nachrichtenoffizier fehlgeleitet worden war.

Im Anhang, den der alte Weksler öffnete (er war, als er Frankfurt als möglichen Anschlagsort las und dabei an seine Enkel dachte, unvorsichtig genug, auch das zu tun), befand sich lediglich der Scan eines unausgefüllten Musterformulars für Inventuren.

Gestohlenes Plutonium? Cäsium? Strontium? Kobalt? In Frankfurt? Das war Wahnsinn!

Ohne recht zu wissen, was er tat, schob Weksler einen SD-Chip in den entsprechenden Schlitz seines Rechners und kopierte Mail und Anhang. Der Junge würde die Brisanz dieser Angelegenheit sofort erkennen, aber Weksler wagte es nicht, ihm die schreckliche Nachricht als E-Mail zu senden oder ihn gar anzurufen, denn dann wäre der Aufenthaltsort seines Enkels für die Schnüffler vom FSB nur zu leicht herauszufinden.

Aber es gab einen anderen Weg.

Er konnte ihm die Speicherkarte mit den Informationen per Eisenbahn schicken, mit der Hilfe eines Moskauer Zugschaffners, der für gutes Geld so ziemlich alles nach Deutschland (und umgekehrt von Deutschland nach Russland) schmuggelte, was es zu schmuggeln gab. Einen Brief würde er für zehn oder zwölf Dollar mitnehmen, was nicht billig war, aber stets sehr zuverlässig. Der Mann hatte einen Ruf zu verteidigen.

Weksler – ein russischer Großvater, der das Wohl seiner Enkel im Sinn hatte und nur Schaden von ihnen fernhalten wollte – entnahm dem PC den SD-Chip, vergaß unverzeihlicher Weise, die ursprüngliche E-Mail an den eigentlichen Empfänger weiterzuleiten, fuhr den Computer herunter und begab sich schnellen Schrittes zum „Dom Kulturij“, einer Art Verbindungshaus für Physiker, Chemiker, Ingenieure und sonstige Mitarbeiter der Atomanlage Dubna, wo er einen jungen Mann aufsuchen wollte, der mit seinem Enkel Igor studiert hatte und der jeden zweiten Nachmittag nach Moskau fuhr, weil er dort eine Freundin hatte.

*

Frankfurt-Sossenheim

Katarina („Katja“) Alexejewna Achmatowa steckte jedes Mal in einem Dilemma, wenn ihr Telefon tagsüber klingelte. Wenn sie nicht abhob, dann ließ sie möglicherweise ihren väterlichen Freund im Stich, der sie kurzfristig besuchen wollte. Ging sie aber an den Apparat, dann lief sie in Gefahr, dass es ihr Bruder Igor war, und dann war sie in Erklärungsnot, wenn er fragte, warum sie nicht im Büro sei und was sie mitten in der Woche zuhause mache. Meistens murmelte sie dann etwas wie „freien Tag genommen“ oder „leichte Erkältung, aber nichts Dramatisches“, und er gab sich damit zufrieden. Ewig würde das nicht mehr gutgehen, und sie nahm sich vor, sich in nächster Zeit ein Telefon mit einem funktionierenden Anrufbeantworter anzuschaffen, denn der jetzige war seit Monaten kaputt.

Sie würde vor Scham im Erdboden versinken, wenn ihr jüngerer Bruder eines Tages herausfand, woher das Geld stammte, das sie ihm Monat für Monat zusteckte.

Sie wunderte sich schon seit einiger Zeit darüber, dass er ihr noch nicht auf die Schliche gekommen war. Er müsste sich an den fünf Fingern einer Hand abzählen können, dass das Gehalt, das sie für ihren Job im Büro bezog, nicht immer wieder aufs Neue für eine solch großzügige Unterstützung ausreichen konnte.

Aber Igor war ein Bruder Leichtfuß, der solche Berechnungen gar nicht erst anstellte, eine unverbesserliche Frohnatur, die voller Vertrauen durchs Leben stürmte und keinen Gedanken an morgen oder gar übermorgen verschwendete, was für einen angehenden Wissenschaftler allerdings ein recht merkwürdiger Charakterzug war.

*

Oral, Kasachstan

Sie waren um zwei Uhr morgens aufgebrochen. Schon vor knapp einer Woche hatten sie die kasachische Grenze ohne Zwischenfall überschritten. In Oral, der ersten größeren Stadt auf ihrem Weg, saßen sie lange Zeit über wegen schlechten Wetters fest; ein Aufenthalt, der nicht geplant war, aber es wäre zu riskant gewesen, auf den nicht geräumten Nebenstraßen weiterzufahren, die der „Mann mit dem vielen Geld“, wie sie ihn untereinander nannten, für sie ausgesucht hatte. Dieser Mann, der alles zu wissen schien, ging davon aus, dass man in Kasachstan nach ihnen fahnden würde, das aber nur auf den wenigen großen Magistralen, die durch das riesige Land führten.

Sie fuhren jetzt durch eine Gegend, die im Sommer Sumpflandschaft war, und in der es dann unerträglich heiß werden konnte; wo die Moskitos einen schier auffraßen, wenn man nicht Gesicht, Arme und Beine dick mit Diesel aus dem Tank des Lasters einschmierte, was als einziges Mittel half, was einem aber die Haut kaputtmachte, wenn man es zu oft tat.

Jetzt gab es hier nur tote, gefrorene Einöde, von einem Horizont bis zum anderen. Kein Tier war zu sehen, nichts verschaffte dem Auge Abwechslung.

Die beiden Fahrer, Kasachen, aber keineswegs fanatische Muslime, machten diese Fahrt für Geld und nicht, um Allah und seinem Propheten zu gefallen. Sie wussten nicht Bescheid über die gefährliche Last, die man ihnen aufgebürdet hatte, und der Vermittler hatte ihnen eingeschärft, die Röhren auf keinen Fall zu öffnen. Andernfalls würden sie bestraft werden und kein Geld bekommen. Und sie hielten sich daran, denn wer ihnen zehntausend Dollar pro Mann für fünf oder sechs Tage Arbeit (nun, es war eine längere Wartezeit dazugekommen) bezahlte, der hatte immer Recht.

Dennoch hatten sie sich die drei Bleiröhren natürlich angeschaut, sie auch einmal aus ihrem Versteck hervorgeholt und sie aus Neugierde geschüttelt. Aber das hatte nichts gebracht, der Inhalt dieser Röhren blieb für sie ein Rätsel und sie fürchteten sich ein wenig vor der Wärme, die sie abstrahlten.

Als es jetzt hell wurde, übernahm der zweite Fahrer das Steuer und sein Kollege, der das Fahrzeug sechs Stunden lang durch die Nacht gesteuert hatte, aß ein Stück Fladenbrot, ein wenig Ziegenkäse und ein paar eingelegte Oliven, spülte mit kräftigen Schlucken Wasser nach und kroch dann in die winzige Kabine hinter dem Fahrersitz, um ein Weilchen zu schlafen, sofern das auf dieser holprigen Strecke möglich war.

*

Moskau, Weißrussischer Bahnhof

Arkadij Petrowitsch Wilenkin bahnte sich rücksichtslos seinen Weg durch die Menschenmenge auf dem Vorplatz des „Belorusskij Voksal“, desjenigen der neun Bahnhöfe Moskaus, von dem aus die Züge nach Weißrussland, Polen und Deutschland fuhren.

Es war kurz vor halb eins nachts und er hatte nur noch knapp fünfzehn Minuten bis zur Abfahrt des Zuges nach Frankfurt.

In den späten Nachmittagsstunden war er noch in Dubna gewesen, einhundertzwanzig Kilometer nördlich von Moskau, und hatte vorgehabt, am Abend ein paar Stunden an einem Zigarettenkiosk zu arbeiten und etwas Geld zu verdienen. Aber das hatte er dem alten Weksler zuliebe zurückstellen müssen.

Es war das traurige Schicksal von jungen Wissenschaftlern in der „Neuen Zeit“, sich mit solchen Jobs über Wasser halten zu müssen – gut bezahlte Arbeit im Wissenschafts- oder Technikbereich gab es praktisch nicht mehr, allenfalls Geologen und Ingenieure kamen noch bei den großen Öl- und Gasgesellschaften unter.

Weksler war aufgeregt gewesen, als er ihm die Speicherkarte gegeben hatte. Er zitterte am ganzen Leib, wie es der Junge noch nie zuvor bei dem alten Mann erlebt hatte. Mit heiserem Flüstern hatte er ihn beschworen, mit dem heutigen Nachtzug nach Deutschland einen ungeheuer wichtigen Brief mitzuschicken.

Gemeinsam hatten sie im Wissenschaftsclub einen neutralen Briefumschlag gesucht und zuletzt auch gefunden, danach musste Arkadij aufbrechen, da die letzte „Elektritschka“ in die Hauptstadt gegen achtzehn Uhr abfuhr; es war eine Fahrt von fast vier Stunden wegen der vielen Haltestellen, die das Bähnchen - eine Mischung aus Straßenbahn und Nahverkehrszug - langsam machten.

Auch in der Stunde nach Mitternacht war vor und in dem riesigen Bahnhof eine Menge los. Er musste durch ein endloses Spalier von alten Mütterchen hindurch, um zu den Bahnsteigen zu gelangen. Diese Frauen standen gottergeben den ganzen Tag und die halbe Nacht hier draußen in der Kälte und verkauften alles, was der Reisende brauchen mochte, von selbstgebackenem Brot, echtem Kwass, scharf gewürzter Salami und geräuchertem Fisch, Schnittblumen, selbstgestrickten Mützen und Socken bis zu silbernen Kerzenhaltern und Kinderspielzeug, für das die eigenen Enkel zu groß geworden waren.

Endlich war er in der Halle und versuchte sich zu orientieren. Der Express nach Frankfurt ging von Gleis eins, dem vom Eingang aus am weitesten entfernten Bahnsteig ab. Im letzten Wagen des Zuges, der schon seit Stunden bereitstand, war das Abteil des Schaffners untergebracht. Als Arkadij den Waggon erreichte, war dort ein munteres Treiben im Gange. Gerade wuchteten zwei junge Männer – Studenten wahrscheinlich wie er selbst – sechs große Kartons hinauf zu Viktor, der sie annahm und ins Innere des Zuges schaffte. Arkadij fragte den einen der Männer, was in den Kartons sei. „Bücher. Mehrsprachige Fachlexika“ antwortete der Junge. „Die kosten bei uns nur ein paar Rubel, sind aber in Deutschland sehr teuer. Ein Freund verkauft sie dort an Buchhandlungen, Universitäten und Bibliotheken. Ein gutes Geschäft für alle.“

„Aha.“

Fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges hatte Viktor seine Geschäfte abgewickelt. Man erzählte sich unter der Hand, dass er auf einer einzigen Fahrt nach Deutschland und wieder zurück mehr als tausend Dollar verdiente. Das war etwa das Sechsfache dessen, was er im Dienste der Staatsbahn an monatlichem Gehalt erhielt. Er schmuggelte alles, was ihm unterkam, von Krimsekt bis zu wertvollen Ikonen, vom roten und schwarzen Kaviar bis zu antiken Handfeuerwaffen für deutsche Sammler, die man gelegentlich auf Moskauer Flohmärkten kaufen konnte und die im Ausland einen hohen Gewinn erzielten. Und auf dem Rückweg brachte er Dinge mit, die in Deutschland preiswert, dafür in Moskau aber fast unerschwinglich waren, hochpreisige Parfums zum Beispiel, die neuesten Geräte von Apple oder Samsung, Computerzubehör, oder schwer zu beschaffende Ersatzteile für was auch immer.

Bei der Bahn war er jetzt seit neunzehn Jahren, und in dieser Zeit hatte er es zu solchem Wohlstand gebracht, dass er im Sommer mit einem hellblauen Mercedes Cabrio durch die Straßen Moskaus fuhr. Jedenfalls munkelte man dies in seinem Kundenkreis - gesehen hatte es noch keiner.

Viktor war stets guter Laune, so auch jetzt, da er mit dem Zählen eines dicken Bündels Geldscheine fertig war und Arkadij erblickte, der respektvoll gewartet hatte, bis dieser sich ihm zuwandte. In seiner grauen Uniform und der Schirmmütze mit dem roten Stern auf der Stirnseite sah er aus wie ein kleiner General: er war allerdings auch mit dieser Mütze auf dem Kopf kaum größer als einen Meter sechzig.

„Nur ein Briefchen heute, Viktor Mosejewitsch“, sagte Arkadij, „es wird bei Ankunft des Zuges abgeholt, der Empfänger weiß Bescheid. Was schulde ich dir?“

„Gib mir fünf Dollar“, erwiderte Viktor und nahm den Brief entgegen. Er musste einen ziemlich guten Tag gehabt haben.

„Vielen Dank, das ist sehr freundlich. Der Brief ist wichtig, bitte achte gut auf ihn.“

Das hätte er besser nicht gesagt, denn der Schaffner runzelte die Stirn und fragte, ob er schon jemals nicht gut auf etwas achtgegeben hätte. Arkadij errötete, aber die peinliche Situation währte nur kurz, denn die große Bahnhofsuhr Uhr zeigte jetzt null Uhr vierzig an.

Viktor zückte seine Pfeife, ließ einen durchdringenden Pfiff ertönen und winkte theatralisch mit seiner Kelle. Es konnte losgehen. Vierunddreißig Stunden bis Frankfurt.

Gott mochte wissen, wie Viktor es schaffte, all seine Konterbande über drei Staatsgrenzen zu schaffen, ohne je von Zöllnern drangekriegt zu werden. Es war zu vermuten, dass er sie mit allerlei kleineren Geld- oder Sachgeschenken fürs Wegsehen belohnte, aber auch das wusste niemand so genau.

Arkadijs Job jedenfalls war getan, er konnte, wenn es auch spät war, zu seiner Freundin fahren, die letzte Metro fuhr in wenigen Minuten.

Er hatte keine Ahnung, was auf dem SD-Chip, der jetzt unterwegs nach Deutschland war, Weltbewegendes sein mochte. Auf seine Frage hatte der alte Weksler ihn nur mit den durch seine dicken Brillengläser grotesk vergrößerten Augen angestarrt und geflüstert (obwohl kein Mensch in der Nähe war), es sei besser für ihn, wenn er das nicht wisse. Hätte er den Alten nicht seit frühester Kindheit gekannt, dann hätte er ihn für übergeschnappt gehalten. Aber er respektierte den Großvater seines besten Freundes und schwieg deshalb, trotz des unguten Gefühls, das er dabei hatte.

*

Frankfurt am Main

Igor hasste es, wenn er vormittags aufstehen musste, seine beste Zeit waren die Abende und die Nächte, was ihn gelegentlich in Schwierigkeiten brachte, ob es nun an der Uni war, wo er Termine einhalten musste; oder in einem seiner schnell wechselnden Jobs oder haarigen Geschäfte und Geschäftchen.

Aber die Mail seines Freundes Arkadij hatte nach einem echten Notfall geklungen, wenn er auch kein Wort über den Inhalt des Briefes – der von seinem Großvater in Dubna war – hatte verlauten lassen. War der liebe alte Mann etwa ernsthaft erkrankt? Er war weit jenseits der Siebzig und in diesem Alter konnte man nie so recht wissen, was die eigene Biologie einem als Stolpersteine in den Weg legte. Dennoch hätte es ihn gewundert, denn sein Großvater war vital und kerngesund gewesen, als er ihn im vergangenen Sommer besucht hatte.

Jetzt war es elf Uhr und er tastete blind nach seinem Wecker, der die hässliche Angewohnheit besaß, jedes Mal nach fünf Minuten wieder aufs Neue zu klingeln, wenn man die Mühe scheute, sich aufzusetzen, das Licht anzumachen und ihn komplett auszuschalten.

Mit einem resignierten Seufzer schwang er seine Beine aus dem Bett, drehte dem quengelnden Biest den Saft ab und streckte sich. Duschen oder nicht duschen? Er entschied sich dafür, zog seinen Schlafanzug aus und band sich ein Handtuch um die Hüften.

In dem Studentenwohnheim im Stadtteil Hausen gab es nur Etagenduschen, aber die geringe Miete, die er hier zu zahlen hatte, machte dieses Manko wieder wett. Er duschte fünf Minuten lang abwechselnd heiß und kalt, trocknete sich ab und ging zurück zu seinem Zimmer, um sich anzuziehen.

Er hatte Hunger, aber nichts im Kühlschrank, und so beeilte er sich, zum Bahnhof zu kommen, wo er ein Schinkenbrötchen oder Croissant bekommen würde.

Linie sechs brachte ihn zur Hauptwache und er stieg dort um in eine S-Bahn Richtung Hauptbahnhof; es war zwölf Uhr fünfzehn, als er dort ankam, es blieb ihm reichlich Zeit für ein kleines Frühstück, denn der Zug aus Moskau, fahrplanmäßige Ankunft um zwölf Uhr einundvierzig, hatte eine Verspätung von circa zwanzig Minuten, wie ihm die elektronische Anzeigetafel verriet.

*

Bei Nowgorod, Russland, an der Magistrale 10

Laschtunow hielt am Seitenstreifen und breitete eine Landkarte auf seinem Schoß aus. Er war bis kurz vor Nowgorod gekommen und wollte dort übernachten. Er hatte die Wahl gehabt zwischen dem Hotel Intourist und dem Park Inn by Radisson, und er hatte Letzteres gebucht, obwohl die Übernachtung dort fast dreimal so viel kostete. Er hatte – den Rückweg eingerechnet – noch mehr als viertausend Kilometer zu fahren, und er wurde für diese Reise so gut bezahlt, dass er sich einen gewissen Luxus erlauben konnte. Ein wenig Angst machte ihm die auf seiner Tour notwendige Fährverbindung, denn er fühlte sich auf Schiffen nie besonders wohl. Das musste er in den Genen haben, denn sowohl seinen Vater als auch seinen Großvater hatte niemand jemals auf ein Schiff bekommen, woran vor langer Zeit einmal ein Auswandern der Familie nach Amerika gescheitert sein sollte.

Er hätte fliegen oder den kürzesten Weg von Moskau nach Frankfurt nehmen können, mit seinem winzigen Röhrchen Polonium wäre er sehr wahrscheinlich durch jede Zollkontrolle gekommen.

Aber dieser Vermittler („Sehen Sie in mir einfach einen Vermittler, der im Auftrag einer hochgestellten Persönlichkeit handelt.“), der ihn für das bezahlte, was er tat, hatte seinen eigenen Kopf gehabt und darauf bestanden, dass Laschtunow die umständliche Route über die Ostsee und die skandinavischen Länder benutzte; warum, das mochte der Teufel wissen. Aber es war nicht seine Sache, darüber nachzudenken. Der Araber – oder was immer er sein mochte – bezahlte die Musik, also durfte er auch erwarten, dass nach seiner Pfeife getanzt wurde.

Sein Auftraggeber hatte ihn so viel wissen lassen, dass der Inhalt dieses unscheinbaren, versiegelten Reagenzgläschens durchaus dazu in der Lage war, ein paar tausend Menschen zu vergiften, und obwohl Laschtunow schon seit langem nicht mehr im Wissenschaftsbetrieb tätig war, hatte er von dieser Materie aus seiner Zeit als Laborant am Moskauer Kurtschatow-Institut doch eine ziemlich genaue Vorstellung; und die ließ es glaubhaft erscheinen. Es gab solche Gifte (und ein bestimmtes Polonium-Isotop gehörte definitiv dazu), von denen schon ein paar Milli- oder gar Mikrogramm furchtbare Vergiftungen verursachten.

Aber auch das war nicht sein Problem, das Zeug in dem Röhrchen sah aus wie normale Asche, vielleicht ein wenig heller als diese, aber die Konsistenz stimmte. Es konnte an den Grenzen, die er zu überschreiten hatte, durch Messgeräte des Zolls nicht aufgespürt werden, und für den unwahrscheinlichen Fall, dass man es in seinem Auto finden und ihn danach fragen würde, hatte er eine plausible Erklärung bereit: Er war Chemiker und wollte einer finnischen (später schwedischen, dann dänischen und zuletzt deutschen) Firma ein Patent zur nahezu rückstandslosen Verbrennung von Plastikmüll zum Kauf anbieten, das er kürzlich angemeldet hatte. Diese Firmen gehörten zu den europäischen Marktführern für den Bau von Müllverbrennungsanlagen und waren an seiner Erfindung interessiert. Die Einladungen zu einer Präsentation vor Ort, die er in vier verschiedenen Versionen in seiner Brieftasche mitführte, waren beinahe echt, eine Kopie des Patentantrages sowie weitere hilfreiche Dokumente hatte er parat.

Er hatte eine Menge Zeit. Der Vermittler, der ihm fünfzigtausend US-Dollar für seine Fahrt bezahlte, hatte ihm in Grenzen freigestellt, wann er fuhr. Es gab eine Deadline, die lag in der zweiten Märzhälfte, ansonsten konnte er planen, wie er wollte.

Morgen sollte er es nach Wyborg und von dort auf dem Landweg nach Helsinki schaffen, unter Vermeidung einer Überfahrt über die „Finnische Pfütze“ (wie Russen das Baltische Meer etwas despektierlich nannten).

*





St. Petersburg, Untersuchungsgefängnis des FSB

Kuljamin saß auf der schmutzigen Pritsche in seiner winzigen Zelle und ließ den Kopf hängen. Seit fast drei Tagen hatte niemand mehr mit ihm gesprochen, er bekam morgens eine dünne Suppe, einen Kanten harten Brotes und einen kleinen Krug Wasser, das nach Seife schmeckte. Abends war es dasselbe, was ihn aber nicht weiter störte, denn er hatte ohnehin nur sehr wenig Hunger oder Durst. Er registrierte, dass ihm seine Häscher selbst heute, am Vorabend von Väterchen Stalins Todestag, nicht einmal ein Stückchen Kuchen oder ein kleines Gläschen Wodka gönnten. So war es auch vorgestern gewesen, an seinem eigenen Geburtstag - niemand hatte ihm gratuliert, und er hatte eine Menge Zeit für nutzloses Grübeln gehabt.

Seine Gedanken wanderten ruhelos in seiner Vergangenheit umher, rührten hier und da an nicht Erreichtem, dann wieder suchten ihn Bilder einer Zukunft heim, in der er am Strand einer karibischen Insel in der Sonne lag und dunkelhäutige Kellnerinnen ihm köstliche Cocktails servierten. Das wäre seine Zukunft gewesen (was ein Konjunktiv Plusquamperfekt war, wusste er noch aus fernen Schulzeiten), und diese Zukunft war vorbei, bevor sie angefangen hatte.

„Sie wollten uns also Ihre Frau und Ihre Tochter hierlassen? Ohne ihnen auch nur einen einzigen Rubel von Ihren Millionen zu gönnen? Gratuliere, Sie sind ja ein Pfundskerl.“

Ihr hättet ihnen doch sowieso alles wieder weggenommen, hatte er sagen wollen, es aber dann lieber für sich behalten, obwohl doch ohnehin nichts mehr zu retten war.

Der Vernehmer war ein widerlicher Kerl, wäre Kuljamin nicht schon immer so feige gewesen, hätte er ihm das breite Grinsen aus dem Gesicht geprügelt. Diese Drecksäcke brachten einen dazu, sich als der miese Hund zu fühlen, der man - in seinem persönlichen Fall - wohl auch war.

Seltsamerweise schlugen sie ihn nicht und verschonten ihn von jeglicher anderer Folter, aber Kuljamin argwöhnte, dass es noch zu früh war, darüber zu frohlocken.

Sie kamen in tiefster Nacht, gegen halb vier morgens, und leuchteten ihm mit einer starken Taschenlampe ins Gesicht.

Kuljamin hatte wach in der Dunkelheit seiner Zelle gelegen, unfähig, einzuschlafen, und als er ihre Gesichter sah, glaubte er zu wissen, was nun folgen würde, denn war es nicht seit uralten Zeiten so, dass sie nachts kamen, um einen zu holen?

Seltsamerweise war seine größte Sorge, dass er sich bei seiner Hinrichtung in die Hose machen würde. Sein eigener Tod war etwas zu Abstraktes, er konnte sich ihn ebenso wenig vorstellen wie eine Welt, aus der er einfach wegretuschiert worden war. Er würde gleich ohne große Umstände eine Kugel oder den Strick bekommen. Für Leute wie ihn hatten sie immer nur Kugeln oder Stricke.

Er irrte sich gewaltig.

Sie gaben ihm seinen Anzug und seine Schuhe (samt Hosengürtel, Krawatte und Schuhbändern) zurück und forderten ihn auf, ihnen zu folgen. Über einen Hinterausgang ging es hinaus auf einen unbeleuchteten Parkplatz, wo einer der Männer einen altersschwachen Schiguli aufschloss. Sie wiesen ihn an, einzusteigen, und als er auf der Rückbank saß, ängstlich und im Unklaren darüber, was aus dieser Aktion werden sollte, fuhren sie los, durch die nächtlichen, beinahe menschenleeren Straßen St. Petersburgs.

Nach zwanzig Minuten erreichten sie den Flughafen, eben denjenigen, der Kuljamin vor ein paar Tagen zum Verhängnis geworden war. Nachdem sie den Wagen auf einem Langzeitparkplatz abgestellt hatten, nahmen sie ihn in ihre Mitte und steuerten auf die Abflughalle zu, in der trotz der frühen Stunde reges Treiben herrschte. Einer seiner Bewacher verschwand für ein paar Minuten und überreichte dem verdutzten Ex-Direktor bei seiner Rückkehr eine Bordkarte für einen Aeroflot-Flug nach London.

„Wir machen einen Kurzurlaub, Genosse Meisterdieb. Oder dachtest du, wir sind so reich, dass wir zwölf Millionen Dollar auf einem Konto verrotten lassen?“ Der Geheimdienstmann lachte ein meckerndes Lachen, als hätte er einen guten Witz gemacht.

Sie schoben ihn sanft in Richtung der Sicherheitsschleuse, die sie nach dem Zücken ihrer Dienstausweise unkontrolliert passieren durften.

Kuljamin konnte es nicht glauben. Sie wollten mit ihm nach Grand Cayman fliegen und sich sein Geld unter den Nagel reißen. Waren diese Männer von allen guten Geistern verlassen? Und… war das vielleicht eine winzige Chance, wenigstens mit dem nackten Leben davonzukommen?

Er wusste, dass er in den Händen professioneller Killer war, und die würden nicht zögern, ihn abzuservieren, wenn er zu fliehen versuchte. Allerdings erst, wenn sie das Geld hatten, oder nicht? Der Ex-Direktor begann fieberhaft nachzudenken. Vielleicht konnte er auf dem langen Flug über den Atlantik das Bordpersonal bitten, die Polizei von George Town zu benachrichtigen und sich nach der Landung dann von dieser in Schutzhaft nehmen lassen. Einfach Lärm schlagen und beten, dass die Geheimdienstler das Licht der Öffentlichkeit zu sehr scheuten, um sich an ihm zu vergreifen, solange andere Menschen in der Nähe waren. Man würde sehen, die Chancen standen schlecht, aber nicht mehr so schlecht wie vor kurzer Zeit noch in seiner kalten Zelle.

Sie begaben sich zum Flugsteig und Kuljamin, der vor Müdigkeit fröstelte und Angst vor dem Fliegen hatte, machte gute Miene zum bösen Spiel und lächelte, was das Zeug hielt.

*

Dubna, Region Moskau

Ein Telefonat zwischen dem Absender der heiklen Mail und dem beabsichtigten Empfänger brachte schnell ans Licht, dass die bewusste Nachricht irregeleitet worden war.

„Wahrscheinlich wieder ein Tippfehler, wir werden gleich herausfinden, wo dieses Ding gelandet ist. Wir hatten schon in der Vergangenheit ein paar Kandidaten, die dafür in Frage kommen.“

„Beeilt euch, diese Meldung darf auf keinen Fall die Runde machen, man reißt uns sonst die Rübe ab.“

Sie fanden nach einem Einbruch in seinen Rechner schnell heraus, dass der alte Weksler nicht nur die Nachricht empfangen und geöffnet hatte, sondern auch, dass sie auf irgendein Speichermedium kopiert worden war. Der Regionsvorsteher des FSB bekam einen Wutanfall und schickte sofort drei seiner Schläger zum unweit gelegenen Büro des Alten.

Der hatte in der Zwischenzeit derlei Verdruss kommen sehen und die Mail samt Anhang von seinem Computer gelöscht. Aber seine Vorsicht kam zu spät, was er realisierte, als seine Bürotür sich öffnete, ohne dass sich jemand die Mühe gemacht hätte anzuklopfen. Die drei Männer, die eintraten, kannte er zwar nicht persönlich, aber die Art ihres Auftretens sprach für sich. Sein Herz begann schneller zu schlagen.

„Sie haben nur zwei Möglichkeiten, Iossif Wladimirowitsch, und ich rate Ihnen dringend zur ersten. Die lautet: Reden Sie.“

Weksler wusste es nicht, aber sie hatten den Auftrag, ihn mit Rücksicht auf sein Alter und den berühmten Namen, den er trug, zuvorkommend zu behandeln. Sollte er sich aber weigern, mit ihnen zu kooperieren, so hatten sie freie Hand, in eigenem Ermessen Druck auszuüben, bis er ausspuckte, was er mit der fraglichen Mail gemacht hatte. Der Vorsteher meinte damit vielleicht ein paar Maulschellen, eine Kopfnuss oder eine kleine Daumenschraube, aber seine Männer dachten in völlig anderen Maßstäben.

Was Weksler ebenfalls nicht wusste, weil er sich nur wenig mit solchen Ungeheuerlichkeiten wie Folter befasst hatte: Er würde reden, so wie bisher noch jeder geredet hatte.

Und so kam es zunächst, dass er ihnen trotzig in die Augen blickte und fürs Erste stumm blieb wie ein Fisch. Es blieb einige Sekunden still, dann flüsterte der Älteste der Männer ein einziges Wort.

„Mitkommen.“

Einer der drei Agenten riss ihn hoch und bugsierte ihn in Richtung Tür. Er sollte sein Büro niemals wieder betreten.

Der Weg zu dem Kellerverlies war kurz, einen im Halbdunklen liegenden Gang entlang, dann zwei Treppen hinunter und noch ein paar Schritte nach rechts in einen neuen, noch dunkleren Gang, in dem es nach Moder und Urin roch.

Der Wortführer des Trios zog einen Schlüsselbund aus der Manteltasche und schloss eine Tür auf. Der kleine Raum dahinter sah wenig einladend aus. Als erstes fiel Weksler auf, dass es kein Kellerfenster gab und der Raum auch im Winter nicht geheizt wurde. Es war feucht und bitterkalt.

„Ausziehen, aber dalli!“

Allmählich wurde dem Alten klar, in welcher Lage er sich befand. Er begann zu zittern. „Aber…“

Er bekam eine Ohrfeige, worauf ihm ein wenig schwarz vor Augen wurde und sein linkes Ohr zu pfeifen begann. Aber er kam der Aufforderung nach und fing an, sich umständlich auszuziehen. Als er bis auf Unterhose und Unterhemd nackt war, schaute er die Männer an. Genug? fragte er mit den Augen.

„Weitermachen! Alles runter!“

Es gab einen Tisch mit mehreren Stühlen sowie einen gusseisernen Lehnstuhl, der frei in der Mitte des Raums stand. Auf diesem schnallten sie ihn fest.

Kurios, dachte Weksler, diese Kerle bringen mich um wegen einer E-Mail. Lasst mich in Ruhe, ich habe nichts Verwerfliches getan!

Und als ob er diesen Gedanken gelesen hätte, fragte der Älteste seiner Häscher: „An wen haben Sie die Mail weitergegeben, Väterchen? Sie werden sich besser fühlen, wenn Sie es uns sagen. Viel besser, ich verspreche es Ihnen.“

Weksler starrte ihn an und biss sich einstweilen nur auf die Unterlippe.

„Gut.“ Der Boss des Trios gab dem Mann, der hinter ihm stand, ein Zeichen. Dieser befestigte eine Metallklammer, die am Ende eines dünnen Kabels hing, am Hodensack des alten Mannes. Dann reichte er seinem Boss ein kleines Gerät, das an die alten Trafos erinnerte, mit denen früher Modelleisenbahnen gesteuert wurden.

Weksler quollen die Augen über, als er erkannte, was nun folgen würde. Der Mann dreht einen Knopf leicht im Uhrzeigersinn. Weksler schrie.

„Das waren weniger als zehn Prozent, Väterchen.“ Er drehte erneut, und der Gefolterte rutschte in seinen Fesseln hin und her wie ein ekstatischer Rock’n‘Roll-Tänzer auf Speed. Als es vorbei war, begann er zu wimmern.

„Fünfzehn Prozent. Sollen wir unterbrechen?“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Ich habe diese Mail gelöscht, weil sie nicht für mich bestimmt war.“

„Falsche Antwort, mein Freund. Wir haben Ihren Computer gecheckt. Die fragliche Nachricht, die Sie bekommen haben, wurde kopiert. So etwas kann man herausfinden, Väterchen. Ach ja, und so fühlen sich zwanzig Prozent an.“

Wekslers Schreie hallten von den nackten Wänden wider, Ader- und Sehnenstränge traten an seinem dürren Hals hervor, dann begann er leise zu weinen.

„Wir können dafür sorgen, dass Sie in Würde abtreten, Weksler, ohne den großen Namen Ihres Vaters öffentlich zu beschmutzen.“ Der Alte verstand nicht gleich, was sein Peiniger meinte. Er starrte ihn nur verständnislos und mit Tränen in den Augen an.

„Sie geben uns den oder die Namen und sterben dafür ohne weitere Schmerzen. Leben lassen können wir Sie jedenfalls nicht angesichts dessen, was sie angerichtet haben, das verstehen Sie doch sicher.

Sie hinterlassen ein Schreiben, das wir auf ihrem Computer aufsetzen. Darin teilen Sie der Nachwelt mit, dass Sie an einer unheilbaren und mit Sicherheit tödlich verlaufenden Krankheit leiden und Schluss machen, um den zu erwartenden Qualen zu entgehen. In gewisser Weise ist Letzteres ja nicht einmal gelogen.“

Igors Großvater gerann das Blut in den Adern, als ihm schließlich dämmerte, dass er diesen Raum nicht mehr lebend verlassen würde.

Aber er wollte sie nicht auf Igors Fährte bringen, wenn die Schmerzen bis zum Schluss auch nur irgendwie erträglich wären. „Gehen Sie zum Teufel, Sie Ungeheuer!“

Sein Gegenüber lächelte freundlich. „Das werde ich gewiss eines Tages tun, aber zuerst sind Sie dran. Ich glaube, wir überspringen die fünfundzwanzig Prozent. Sergej, stopf ihm ein Tuch ins Maul, damit er uns nicht die Ohren vollplärrt. Wenn er uns ein Signal gibt, dass er reden will, kannst du es wieder entfernen.“

Der Gehilfe des Monsters trat zu dem Folterstuhl und steckte dem Alten einen zusammengeballten Stofflappen in den Mund, der nach Benzin oder Putzmitteln roch. Dann trat er einige Schritte zurück, um das nun folgende Schauspiel zu genießen.

Der nächste Schlag war mörderisch, die Schmerzen unbeschreiblich. Er verlor beinahe das Bewusstsein, ein tiefer Friede wollte ihn überkommen und er hatte das Gefühl, loslassen zu können. Aber dann erhielt er zwei kräftige Ohrfeigen und wurde wieder ins Leben zurückgerissen.

„Das waren vierzig Prozent. Wollen wir jetzt ernsthaft miteinander reden?“

Weksler nickte oder glaubte wenigstens, es zu tun. Er konnte nicht mehr.

„Mein Enkel Igor. Er ist Physiker und lebt in Frankfurt. Ich wollte ihn warnen, damit er von dort verschwinden kann.“

„Name und Adresse, dann können wir Sie erlösen. Oder gibt es noch andere, die etwas wissen?“

Der Alte schüttelte den Kopf. Dann sagte er seinen Peinigern, was sie wissen wollten. Die Existenz seiner Enkelin Katja verriet er ihnen nicht.

„Sehen Sie, das war doch gar nicht so schwer.“ Der Chef dieser Verbrecher griff in seine Tasche und beförderte eine kleine Dose ans Licht, die er öffnete, um ihr eine längliche Kapsel zu entnehmen.

„Sergej, geh auf den Flur und hol unserem Gast ein Glas Wasser.“

Sechs Minuten und dreißig Sekunden später war Iossif Wladimirowitsch Weksler, Sohn eines hochdekorierten Physikers aus der Zeit des Kalten Krieges und Großvater zweier Enkel, die er in Deutschland in großer Gefahr wusste, nicht mehr am Leben.





*



Krasnodar, Südwest-Russland

Der Vermittler hatte sie darauf vorbereitet, ihnen Geduld gepredigt; aber den beiden Fahrern fiel das Warten dennoch schwer.

Obwohl sie einen Umweg von mehr als fünfhundert Kilometern gemacht hatten, waren sie bereits vor ein paar Tagen in Krasnodar angekommen, waren von dort auf das letzte Teilstück der Strecke nach Noworossijsk gegangen und wurden sechzig Kilometer vor der Hafenstadt am Schwarzen Meer, wo ihre drei Röhren auf ein Schiff verfrachtet werden sollten, durch einen Anruf ausgebremst.

Ihre Route war von ihrem Auftraggeber erdacht worden, der annahm, dass die direkte Strecke von Tscheljabinsk nach Noworossijsk ebenso wie alle anderen Fernverbindungen unter besonderer Beobachtung von Miliz, Militär und Geheimdienst stünde, sobald der Diebstahl aufgeflogen war. Und er war aufgeflogen, daran gab es keinen Zweifel mehr.

Es hieß nun zu warten, bis sich die Lage beruhigt hatte, alle offiziellen Grenzübergänge des riesigen russischen Reiches waren für den Warenverkehr dicht, und das betraf eben auch solche Fracht, die auf dem Schiffsweg das Land verlassen sollte. Die Weiterfahrt musste verschoben werden, bis Entwarnung kam, es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu fassen. Dafür wurden sie gut bezahlt, worauf ihr Auftraggeber sie ausdrücklich hingewiesen hatte.

Sie mussten ihre Neugierde gewaltig zügeln, denn der Vermittler hatte ihnen nicht verraten, was sich in den Röhren befand; dass es sich um etwas Gefährliches handelte, war ihnen aber ebenso klar wie die Tatsache, dass sie etwas Verbotenes taten. Die Wärmeentwicklung in den Zylindern war ihnen nicht entgangen, auch wenn sie sie nicht plausibel erklären konnten. Naja, und der exorbitante Lohn für diese vergleichsweise bescheidene Aufgabe sprach seine eigene Sprache.

*

Frankfurt am Main

Igor weinte haltlos am Telefon. Am anderen Ende der Leitung konnte auch Katja ihre Tränen kaum unterdrücken.

Ihr geliebter Großvater, der ihnen über viele Jahre die Eltern ersetzt hatte, war tot. Gestorben von eigener Hand, wenn man der Verwaltung in Dubna glauben wollte – und das tat Igor, der am Vortag eine alarmierende Nachricht des Verstorbenen erhalten hatte, keine Sekunde lang.

Angeblich hatte es einen Abschiedsbrief gegeben, den er an seinem Computer verfasst hatte. Deshalb gab es keine Unterschrift, anhand derer man die Echtheit des Schreibens hätte nachprüfen können.

Das Traurigste für sie war, dass sie nicht einmal zu seiner Beerdigung nach Dubna fliegen konnten, denn – wie man ihnen in bester Amtssprache mitteilte – der Leichnam des alten Mannes war bereits am Vortag nach einer gründlichen Untersuchung eingeäschert und die Urne auf einem Friedhof beigesetzt worden, dessen Namen sie nicht einmal erfuhren.

*

Riad, Saudi-Arabien

Yassir Hossein, der Vermittler, unterdrückte den Wunsch nach einer Zigarette. Er saß im Wohnzimmer seines Auftraggebers, wobei der Ausdruck Zimmer eigentlich eine Beleidigung für den einem Kirchenschiff ähnlichen Raum war, in dem eine Fußballmannschaft hätte trainieren können. Der Alte duldete keinen Zigarettenrauch in seinen Gemächern.

„Es sind geringfügige Schwierigkeiten aufgetreten, Prinz. Aber es ist nichts, was nicht absehbar gewesen wäre. Die Russen haben natürlich panikartig ihre Grenzen geschlossen; aber das halten sie nicht länger als zwei Wochen durch. Danach werden die Übergänge wieder durchlässig. Außerdem ist unser erster Transporter bereits seit einer Woche in Kasachstan und bewegt sich jetzt auf Nebenstraßen auf die usbekische Grenze zu. Es ging bisher nur langsam voran, aber auch das wussten wir. Die Jahreszeit lässt keine höhere Geschwindigkeit zu.“

„Welche Auswirkungen wird es haben, wenn wir einen oder zwei dieser Transporte verlieren?“

Hossein lächelte sein stets auf Hochglanz poliertes Lächeln.

„Eigentlich nichts, wir haben großzügig geplant. Schon wenn drei dieser neun Röhren tatsächlich ankommen, zuzüglich des Poloniums, dann wird es in Frankfurt Chaos und Verderben geben.“

„Wie hoch schätzen Sie den ökonomischen Schaden, den unsere Aktion anrichten wird?“

Der Saudi konnte seine Zweifel am Erfolg dieser Aktion nicht unterdrücken. Er war sterbenskrank und seine Ärzte hatten durchblicken lassen, dass es in weniger als vier Monaten zu Ende sein konnte - nein, würde. Der Anschlag, der den feigen Kindesmördern von Kunduz galt, war sein Vermächtnis an die Muslime dieser Erde.

„Denken Sie an eine hohe Ziffer mit zehn Nullen, versehen mit einem Dollarzeichen. Vielleicht sogar ein wenig mehr.“

„Beim Barte des Propheten!“

*

George Town, Grand Cayman

Nachdem sie ihre Bankgeschäfte erledigt hatten, blieben den Mitarbeitern des Geheimdienstes und dem von ihnen entführten Kuljamin noch drei Tage Zeit, die es totzuschlagen galt, bevor sie die Heimreise antreten durften (oder mussten, je nach persönlichem Gusto), denn es gab für ihre Buchung keine frühere Verbindung nach Moskau.

Am ersten Tag sprachen sie – mit Kuljamin als Frontmann – bei der Barclays Bank in George Town vor und der ehemalige Direktor veranlasste eine Überweisung in Höhe von etwas über elfeinhalb Millionen Dollar auf das Konto einer russischen Spedition bei einer Genfer Bank. Diese Spedition war eine uralte, noch aus KGB-Zeiten stammende Tarneinrichtung, der sie sich jetzt bedienten, um sich Kuljamins Geld anzueignen.

Weil nach dieser Transaktion auf dem Konto in George Town noch immer einiges an Geld übrig war, hoben sie fünfzigtausend Dollar in bar ab und verprassten in diesen drei Tagen so viel davon wie möglich.

Zu ihren Ausgaben gehörten die Anmietung einer Stretch-Limousine mit Chauffeur und einer gutsortierten Bar an Bord; eine Nacht mit vier einheimischen Prostituierten für den gehobenen Geschmack in der Senior Suite eines Luxushotels; kostbar aussehender Schmuck als Entschädigung für ihre daheim gebliebenen Ehefrauen stand ebenfalls auf der Einkaufsliste. Und am letzten Tag vor ihrem Rückflug mieteten sie eine hochseetaugliche Jacht, mit der sie zum Angeln hinaus zum Riff fuhren, vor dem die großen Fische warteten.

Kuljamin war erleichtert, er hatte an all den teuren Vergnügungen teilnehmen dürfen und dabei beinahe das Gefühl gewonnen, wirklich dazu zu gehören. Seinen Vorsatz, auf dem Flug hierher Alarm zu schlagen und die Aufmerksamkeit anderer Passagiere oder des Kabinenpersonals auf sich zu ziehen, hatten seine neuen Freunde schon vor dem Abheben der Maschine zunichte gemacht. Kaum hatten sie sich angeschnallt, zückte einer der Agenten eine Einwegspritze und rammte sie Kuljamin in den Unterarm. Der war binnen kürzester Zeit völlig weggetreten und erst wieder zum Sprechen fähig, als sie ihn kurz vor der Landung auf der Karibikinsel kräftig schüttelten.

Wie dem auch sei, er fühlte sich gut und seinem tödlichen Schicksal schon beinahe entronnen, bis es am letzten Tag hinaus aufs Meer ging und sich seine Angst wieder meldete, ohne dass er hätte sagen können, warum.

Champagner und Wodka floss in Strömen und ab und zu fingen sie wirklich einen Fisch, wobei es sich meist um Goldmakrelen handelte, die sie - begleitet von lautem Grölen - wieder ins Meer warfen, weil sie nichts mit ihnen anzufangen wussten.

Allmählich fragte sich Kuljamin, was sie mit den drei Eimern blutiger Köder vorhatten, die bestialisch stinkend in der prallen Sonne standen, aber er wagte nicht danach zu fragen.

Die Antwort dämmerte ihm, als er sich über die niedrige Reling beugte und knapp unterhalb der Wasseroberfläche die mächtigen Schatten sah, die das Schiff umkreisten. Sein Herz machte ein paar stolpernde Zwischenschläge und ihm wurde mit einem Male schlecht.

„Na, Sie Auswanderer, genießen Sie unseren kleinen Ausflug?“ Der Chef seiner Entführer kam mit einem Drink in der Hand und einem seiner Schlägertypen im Schlepptau zu ihm hinüber. Er schaute ebenfalls ins Wasser und der zitternde Kuljamin wusste, was der andere sah.

„Sind das Haie?“ Die Stimme des Ex-Direktors klang, als hätte er reines Helium eingeatmet.

„Oh ja, die gibt es hier in rauen Mengen, wir haben uns schlau gemacht; Zitronenhaie, harmlose graue Riff-Haie, aber auch Blau- und Tigerhaie, die sich für unser kleines Spielchen besser eignen.“

Er gab seinem Handlanger ein Zeichen, und dieser kam mit einem der Eimer an die Reling und schüttete die blutigen Fischreste über Bord. Sofort kam Bewegung in das Wasser unter ihnen, mehrere Haie stürzten sich auf die Köder, als hätten sie seit Wochen nichts mehr zu Fressen bekommen. Kuljamin schrie vor Entsetzen auf, er glaubte, sich übergeben zu müssen, und seine Knie wollten nachgeben.

„Sie haben nicht ernsthaft erwartet, dass wir Sie zurück nach Hause mitnehmen würden? Was erwartet Sie dort schon außer einem Genickschuss oder lebenslanger Lagerhaft? Auf unsere Art hatten Sie immerhin noch ein paar schöne Tage, nicht wahr? Nehmen Sie es sportlich, Mann!“

Der muskulöse Schläger kam auf Kuljamin zu und drückte ihn gegen die alles andere als stabile Reling. Der Alte wollte um Gnade winseln, aber sein Hals war wie zugeschnürt und er brachte keinen Ton mehr heraus. Die Augen quollen ihm beinahe aus den Höhlen und er hob die Hände zu einer schwachen Gegenwehr, die ihm freilich nichts nutzte. Das Gesicht seines Mörders war jetzt nur noch Zentimeter von ihm entfernt und er konnte eine widerliche Mischung aus Schweiß, Knoblauch und Wodka riechen. Dann packte ihn der Mann an den Hüften, hob ihn scheinbar mühelos hoch und warf ihn ins Wasser.

So hartgesotten diese Killer auch waren, das Schauspiel, das sich ihnen jetzt bot, wollten sie lieber doch nicht mit ansehen und deshalb drehte die Yacht bei und fuhr zurück in Richtung Hafen, noch bevor die Haie mit dem alten Mann fertig waren.




Drittes Kapitel


Russland, Moskauer Kreml

Im Büro des Präsidenten hinter den Mauern des Moskauer Kreml war es für einen Moment totenstill, nicht einmal von draußen drang irgendein Geräusch in das riesige Zimmer, in dem sechs Männer saßen, die eine Krise eingrenzen wollten, wie es sie lange nicht gegeben hatte.

„Können wir leugnen?“ fragte der (faktische) Regierungschef in das unbehagliche Schweigen hinein.

„Im Moment geht das noch. Aber wir müssen uns den Jungen in Deutschland vornehmen. Er hat das Dossier, in dem unmissverständlich steht, was geschehen ist. Mitsamt unserer Schlussfolgerungen, Weg, Zielort und Verwendungszweck betreffend. Ich kann sofort eine Operation in Gang setzen...“ Der SWR-Mann war der Einzige im Raum mit einem Anflug von Tatendrang.

„…also ist die einzige Gefahr für uns ein russischer Student, der in Deutschland lebt, richtig?“ Der Präsident unterbrach den Chefstrategen für europäische Angelegenheiten, der ihm direkt unterstellt war und der zu langen Vorträgen neigte, wenn man ihn nicht bremste.

„Bisher ist das wahrscheinlich so, Wladimir Semjonowitsch.“

Der Analytiker war der einzige Mann im Raum, der den nahezu allmächtigen Herrscher aller Reußen mit Vor- und Vatersnamen ansprechen durfte. „Es sei denn, er hat sein Wissen bereits verbreitet.“

„Dann kommt es also nur auf Tempo und schieres Glück an?“

„Richtig, Herr Präsident.“ Der Außenminister, der bisher geschwiegen hatte, meldete sich zu Wort.

Allen Anwesenden war bewusst, was auf dem Spiel stand. Würde die restliche Welt erfahren, dass die russische Regierung nicht in der Lage dazu war, auf ihren nuklearen Brennstoff aufzupassen, dann wären nicht nur alle bilateralen Abrüstungsgespräche mit den Amerikanern sowie sämtliche Nichtverbreitungsabkommen infrage gestellt. Der Präsident und seine Leute wären das Ziel von weltweitem Hohn und Spott, was auch zu innenpolitischen Problemen führen konnte; denn das russische Militär war nicht für seinen Humor bekannt und wurde traditionell schnell unruhig, wenn es sich von der Politik bloßgestellt oder schlecht vertreten fühlte.

Würden tatsächlich in Mitteleuropa unglaubliche einhundertzwanzig Kilogramm radioaktiver Substanzen in die Luft gejagt werden, dann könnte das für Russland den teilweisen Verlust seiner bisherigen Rolle auf der weltpolitischen Bühne bedeuten (ganz abschreiben konnte man es natürlich nicht, dafür besaß es zu viele Rohstoffe und eine viel zu große militärische Stärke). Aber die Stellung auf Augenhöhe mit Amerikanern, Europäern und Chinesen, für die die jetzige Regierung über viele Jahre gekämpft hatten, wäre auf längere Sicht dahin.

Russland stünde wieder am Anfang. Als unberechenbarer Bösewicht, als der gefürchtete Russische Bär, der die Kontrolle über sich selbst verloren hatte und der deshalb die Welt und den Weltfrieden bedrohte.

Der Präsident war blass und hatte die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Wer ihn kannte, wusste, dass dies kein gutes Zeichen war. Er wandte sich wieder an den Geheimdienstchef.

„Wie sicher sind Sie, dass der Transport über Kasachstan und Usbekistan erfolgt?“

„So sicher man nur sein kann, Herr Präsident. Der festgenommene Direktor des Lagers, der unselige Kuljamin, hatte Todesangst, als wir ihn verhörten. Er hatte nicht den Mut, uns zu belügen.“

„Wo ist der Mann im Moment? Oder haben Sie ihn etwa schon hingerichtet?“

Der SWR-Chef druckste ein wenig herum. „Er ist momentan im Ausland, mit drei zuverlässigen Bewachern. Wir wollen das Geld, das er für seinen Diebstahl bekommen hat, für unser Land sichern. Sie verstehen, elfeinhalb Millionen US-Dollar sind für uns keine Kleinigkeit, aber um an das Geld zu kommen, muss der Kontoinhaber persönlich bei dieser Bank vorsprechen. Und die residiert bedauerlicherweise auf den Cayman Islands.“ Der Mann wand sich vor Verlegenheit.

Der Präsident sah aus, als wolle er vor Wut in tausend Stücke zerspringen. Während im winterlichen Moskau wegen dieser Katastrophe die Welt unterzugehen drohte, machte sein Geheimdienst Urlaub in der Karibik! Hässliche rote Flecken verunzierten sein Gesicht und ließen ihn aussehen wie einen bösartigen Clown.

„Gut, ich werde mit Astana und Taschkent telefonieren. Ich denke, dort können sie uns helfen, den Transport vor der afghanischen Grenze zu stoppen, denn danach wären wir – Sie wissen das selbst - beinahe hilflos.“ Er hatte sich gesammelt und war wieder ganz Autorität.

„Erstens, ab sofort gilt folgende Sprachregelung: Falls an dem Gerücht vom Verlust spaltbaren Materials überhaupt etwas dran ist, dann bedeutet es höchstens, dass beim ersten Durchgang einer turnusmäßig erfolgten Inventur geringfügige Diskrepanzen zwischen den erwarteten und ermittelten Mengen aufgetaucht sind. Dies ist aber völlig normal in diesem Stadium und bedeutet nicht, dass etwas fehlt.“

Der Präsident schaute in die Runde, um die Wirkung seiner Worte in den Gesichtern seiner Untergebenen abzuschätzen.

„Zweitens, was werden Sie mit dem Jungen in Deutschland anstellen, wenn Sie ihn erwischt haben?“

„Das wollen Sie nicht wissen, Herr Präsident.“





*

Fort Meade, Maryland, NSA-Zentrale

„Ich habe da etwas auf dem Schirm“, sagte Bernie Noakes zu seinem Nachbarn, der im Augenblick Pause hatte und die Zeit mit einem Computerspiel totschlug.

Bill hatte diesen Job nach 9/11 ergattern können, weil er fließend Hocharabisch, Persisch (Farsi und Dari, das war neben dem Iran essentiell für Afghanistan, wo US-Streitkräfte engagiert waren) nicht nur sprach, sondern auch lesen konnte, sowie eine rudimentäre Kenntnis einiger weiterer mittelasiatischer Dialekte besaß.

Man hatte aus den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon gelernt - Anschläge, die möglicherweise nicht hätten stattfinden können, wenn NSA, CIA und FBI damals die Sprache der Terroristen beherrscht und besser zusammengearbeitet hätten.

Heute hatte man zwar immer noch zu wenige Mitarbeiter mit mittelöstlichen Sprachkenntnissen, aber man hatte aufgeholt, was die Überwachung von Telefonaten, E-Mails und Bankkonten verdächtiger Personen anging.

„Dieser Danilow, von dem ich dir erzählt habe“, sagte Noakes, „der mit den knapp zwölf Millionen in der Karibik. Der ist vor drei Tagen von St. Petersburg – nein, nicht das in Florida – über London auf Cayman Islands geflogen. Er hatte drei Mann vom SWR im Schlepptau, es gab jedenfalls eine gemeinsame Buchung für vier Personen. Wir kennen diese Brüder, die sind ziemlich unappetitlich. Wir wissen von mindestens sechs Hinrichtungen, die sie im europäischen Ausland durchgeführt haben, die spektakulärste vor drei Jahren in Paris, wo…“

„Komm zur Sache, Brüderchen.“ Bernie konnte einem auf die Nerven gehen, weil er immer endlos weit ausholte.

„Tja, drei von den vier Typen sind heute Nachmittag zurückgeflogen. Nur Danilow ist dort geblieben.“

„Na, und? Vielleicht macht er noch ein bisschen länger Urlaub. Leisten kann er sich’s ja jetzt, nicht wahr?“

„Eben nicht.“ Noakes sah ihn triumphierend an. „Der Junge ist so gut wie pleite. Er hat vor drei Tagen fast den kompletten Betrag an eine uns seit langem bekannte Scheinfirma in Genf überwiesen. Den Rest hat er in bar abgehoben, aber das waren nur noch etwas über fünfzigtausend. Davon lässt es sich im Ausland nicht allzu lange leben.“

„Die Frage ist doch eher, warum die drei Agenten ihn nicht wieder mit nach Hause genommen haben, sobald die Kohle überwiesen war. Glaubst du ernsthaft, die lassen den laufen?“

„Hm…eher nicht, also ist zu vermuten, dass er das Zeitliche gesegnet hat; aber was das Ganze überhaupt soll, ist mir schleierhaft. Das Geld kam doch ursprünglich aus Saudi-Arabien, oder?“

„Du sagst es, Brüderchen.“

„Wenn ich dein Brüderchen wäre, hätte ich mir längst die Kugel gegeben. Aber bleiben wir dran an dieser Sache, interessant ist sie allemal. Was kann ein saudischer Prinz, dessen Land seine Waffen zu Sonderkonditionen von uns geliefert kriegt, von einem Russen wollen, das zwölf Millionen wert ist.“

„Gute Frage. Meinst du, wir sollten das nach oben melden?“

„Lass uns noch zwei oder drei Tage warten, vielleicht kriegen wir noch etwas Handfesteres rein.“





*



Naro-Fominsk, 75 km südwestlich von Moskau

Die Fahrer hatten nichts zu tun, und das bekam ihnen nicht. Sie begannen Karten zu spielen und zu würfeln, zuerst, um die Langeweile zu vertreiben, später um Geld, und das schaffte in Verbindung mit viel und billigem Wodka alsbald Verdruss und Streit. Aber es kam nicht zum Ärgsten, weil beide wussten, dass sie aufeinander angewiesen waren.

Sie hatten Glück im Unglück, denn als der Vermittler sie auf ihrem ersten von mehreren Handys erreichte (ein Handy, das gemäß der Anweisung des Arabers sofort nach dem Gespräch zerstört und entsorgt wurde, um seine Peilung unmöglich zu machen), befanden sie sich unweit des Städtchens Naro-Fominsk. Dort hatte ein Bekannter eines der Fahrer eine gemütliche kleine Datscha, auf der die beiden unterschlüpfen konnten. Und da der Besitzer und seine Frau vor Anfang Mai nicht dort aufkreuzen würden, weil erst dann die Zeit der Aussaat und der Auspflanzung begann, konnten sich die beiden Männer in dem Häuschen so lange verstecken, wie es nötig war.

Von Nachteil war, dass die Datscha relativ weit außerhalb der Stadt lag, weshalb sie nicht zu Fuß einkaufen konnten. Sie mussten jedes Mal, wenn sie etwas brauchten, mit dem schweren Lastwagen zum nächstgelegenen Supermarkt fahren, was für allerlei Aufsehen sorgte, weil sie noch immer das Autokennzeichen des beinahe zweitausend Kilometer entfernten Tscheljabinsk an ihrem Truck führten.

Einmal wurden sie von einem Milizionär angesprochen, als sie gerade das Geschäft verließen, und für eine Schrecksekunde sah es so aus, als wolle er sich ihr Fahrzeug genauer anschauen. Er hatte Glück, dass er es nicht tat, denn sie hatten vereinbart, jeden zu töten, der versuchen sollte, sie aufzuhalten. Sie wussten zwar nicht, was genau in den stets sehr warmen Röhren war, die sie schmuggelten, aber es war nicht schwer zu erraten, dass es etwas sehr Kostbares sein musste und dass sie für lange Zeit im Knast verschwinden würden, wenn man sie schnappte. Ihre Bezahlung sprach Bände, und für die jeweils fünfzehntausend amerikanischer Dollar, die sie bekamen, hätten sie auch diesen Polizisten erledigt. Kaum ein Menschenleben in Russland war so viel wert.

*

Bonn, Russisches Generalkonsulat

Dimitrij A. Mejibowski war Diplomat mit Leib und Seele, doch manchmal wollte er am Leben verzweifeln, wenn er sah, was seine Landsleute an Unfug trieben.

Wer konnte nur auf diese fürchterliche Idee verfallen sein, ihm dieses Pack, diese selbsternannte „Schwarze Brigade“ auf den Hals zu hetzen? Mehrmals schon hatte er beim Außenminister, seinem direkten Vorgesetzten, darum ersucht, ihn von diesen Kerlen zu verschonen; und jedes Mal hatte dieser ihm versprochen, sich beim FSB, beim SWR oder notfalls auch an allerhöchster Stelle dafür einzusetzen, solch tollwütige Hunde an der Kette zu behalten, wenn es um Auslandseinsätze ging.

Es war bei den Versprechungen geblieben, und nun hatte er diese Kerle wieder am Hals und musste beten, dass sie ihn nicht auf deutschem Boden kompromittierten, wie das schon zweimal in den vergangenen drei Jahren geschehen war.

Diesmal hatten sie ihm vier Mann geschickt, die in Deutschland nach einem russischen Landsmann fahnden sollten, und aus der gefaxten Ankündigung ihrer Ankunft hatte er zwischen den Zeilen herauslesen können, dass es sich um einen Auftrag handelte, bei dem es blutig zugehen konnte - nein, würde - wenn sie den Betreffenden erwischten und dieser nichts zu seiner Entlastung vorzubringen hätte - was in guter Tradition nie der Fall war, wenn man den Akten glaubte.

Das war jedoch nicht das Schlimmste an der Sache, russische Geheimdienste hatten über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte immer wieder im Ausland gemordet, und sie würden es auch bis in alle Ewigkeit tun, Entspannung hin oder her; der altgediente Diplomat machte sich diesbezüglich kaum Illusionen.

Was ihn so entrüstete war, dass er - ein kompromissloser Mann des Friedens – diesen Totschlägern Hilfestellung leisten musste. Sie brauchten Waffen, Fahrzeuge, Hotelzimmer, Computerkapazität, all diese Dinge musste er sie für sie auf höchste Anweisung hin beschaffen.

Er hatte keine Ahnung, welch armer Hund diesmal dran glauben musste, er wollte es nicht auch nicht wissen, denn physische Gewalt widerte ihn an und er mochte gar nicht darüber nachdenken, ob der zu Liquidierende nun schuldig war oder einfach nur lästig.

Die Begrüßung am Nachmittag war frostig verlaufen, der alte Diplomat hatte es nicht fertiggebracht, den Ankömmlingen die Hand zu reichen oder ihnen gar Erfolg zu wünschen; wegen der zu besorgenden Dinge hatte er ihnen einen subalternen Handelssekretär zugeteilt, der sich um alles kümmern sollte. Damit war der Form von seiner Seite aus Genüge getan, mehr an Aufmerksamkeit brauchten diese Kerle von ihm auch nicht zu erwarten.

Mejibowski räumte die Unterlagen, die er vor sich liegen hatte, in den Safe und machte sich missmutig auf den Heimweg.

*

Frankfurt-Sossenheim

Igor hatte in einem russischen Lebensmittelgeschäft eine Flasche schweren grusinischen Rotweins aufgetrieben und hielt sie seiner Schwester hin, als diese ihm die Tür öffnete. Sie umarmten sich innig noch vor der Tür (für Russen brachte es Unglück, dies auf der Türschwelle zu tun), und sie bat ihn herein.

Igor war niedergeschlagen, und er hatte Angst. Aber er würde Katja nicht den Abend verderben, indem er sie mit dem Brief beunruhigte, den er von ihrem vor ein paar Tagen verstorbenen Großvater erhalten hatte. Dass sie den Mann verloren hatten, der sie jahrelang fast alleine großgezogen hatte, war schlimm genug, und er wollte seiner Schwester keinen weiteren Kummer bereiten.

Er kannte sich mit den praktischen Seiten der Atomtechnik nicht sonderlich gut aus und war damit nicht allein unter den Theoretischen Physikern. Aber er wusste, dass eine solche Menge stark strahlenden Materials - mit einem guten konventionellen Sprengstoff zur Explosion gebracht - dazu ausreichen konnte, Teile Frankfurts für längere Zeit so zu verseuchen, dass sie unbewohnbar waren, bis sie gründlich dekontaminiert worden waren. Und das war eine unglaubliche Perspektive.

Er ahnte den Zusammenhang zwischen den Informationen, die er bekommen hatte, dem Tod des Großvaters und seinen unheimlichen Begegnungen der letzten beiden Tage.

Katja hatte ukrainischen Borschtsch gemacht, den ihr Bruder so mochte. Dazu gab es frisches Baguette und den Wein, den er mitgebracht hatte. Sie redeten wenig während des Essens und gerade, als sie den Tisch abräumen wollten, klingelte das Telefon.

Katja erschrak und errötete von einer Sekunde auf die andere. Sie stand hastig auf, nahm das schnurlose Telefon aus seiner Ladestation und ging damit ins Schlafzimmer. Igor hörte nur noch, wie Katja sagte, dass es heute unmöglich sei und dass der Anrufer sich morgen wieder melden solle. Dann hatte sie die Tür hinter sich zugezogen und er hörte nicht mehr, was besprochen wurde. Ihm fiel ein, dass er dies schon zwei- oder dreimal erlebt hatte, wenn er hier war. Es war merkwürdig.

Hatte seine Schwester einen Freund oder Geliebten? Die Vorstellung, dass dieser sich mächtig ärgern musste, weil Igor immer gerade dann bei ihr war, wenn er turteln wollte, amüsierte ihn ein wenig.

Er entschied sich trotz aller Neugier dagegen, sie direkt zu fragen; wenn sie ihm etwas zu sagen hatte, würde sie das tun. Und außerdem, war er nicht seit langem der Meinung, dass Katja mit ihren beinahe achtundzwanzig Jahren langsam an eine eigene Familie denken sollte?

Als sie wieder ins Wohnzimmer kam und das Telefon zurück an seinen Platz stellte, war Igor in Gedanken wieder bei dem Brief, den er bekommen hatte. Sein Großvater hatte nie zur Panikmache geneigt. Er war ein ruhiger, ausgeglichener Mann, der dazu neigte, Aufgaben oder Probleme zuerst von allen Seiten gründlich zu beleuchten, bevor er handelte.

Diesmal musste es anders sein; auf dem Blatt Papier, welches die SD-Karte begleitet hatte, war nur eine winzige, fast unleserlich gekritzelte Nachricht gewesen. „Was hältst du davon? Wollt ihr nicht lieber nach Hause kommen? In Liebe, dein Opa. PS.: Liebste Grüße an Katja!“

Kein Vergleich zu den Briefen, die er sonst alle zwei oder drei Monate geschickt hatte und in denen er ausführlich erzählte, was er selbst so trieb (was in letzter Zeit leider nicht mehr allzu viel gewesen war) und sich ausführlich nach den Fortschritten von Igors Studium erkundigte. Kein Wort davon in dieser Notiz.

Sie räumten den Tisch ab, brachten die schmutzigen Teller in die Küche, und er trocknete das Geschirr ab, als Katja es gespült hatte. Bei solchen Gelegenheiten fühlte er sich ihr immer besonders nah. Dann war es fast wie früher zuhause in Russland.

„Wie viel brauchst du?“

Er schluckte: „Ach, Schwester, es wird mir immer peinlicher.“

„Raus damit, wie viel?“

„Hm, mit fünfhundert wäre mir sehr geholfen.“

„Oh Mann! Es ist doch gerade erst Monatsanfang. Wie machst du das bloß immer?“ Sie seufzte und ging nochmals ins Schlafzimmer.

„Eines Tages kriegst du das alles zurück.“

„Eines Tages fließt die Wolga rückwärts, mein Lieber. Hier, und komm mir vor April nicht mehr mit weiteren Notlagen. Es reicht.“

„Versprochen.“ Er starrte auf den Fünfhundert-Euro-Schein, den sie ihm hinhielt.

„Hast du’s nicht kleiner?“ Igor schaute sie misstrauisch an. Sie schüttelte den Kopf.

„Man könnte meinen, dass die bei dir auf den Bäumen wachsen.“ Aber er steckte das Geld in die Innentasche seiner zerschlissenen Lederjacke.

„Ich sollte jetzt besser verschwinden, ich muss heute Abend noch ein bisschen für die Uni arbeiten. Tschüss, Schwester, und danke, mal wieder.“ Schneller als sie etwas sagen konnte, küsste er sie auf beide Wangen und war verschwunden. So war Igor, und so würde Igor bleiben.

*

Im ICE von Bonn nach Frankfurt am Main

Die vier Russen, die erst seit gestern im Land waren, fluchten herzhaft, weil sie im Speisewagen des Zuges nicht rauchen durften. Nun ja, sagte ihr Chef, dann mussten sie eben abwechselnd die Zugtoilette aufsuchen, um zu qualmen. Er war mürrisch und besorgt, denn sie waren in einer heiklen Mission unterwegs, vielleicht in einer der heikelsten überhaupt seit der Kubakrise, wie der Grünschnäbel unter ihnen orakelt hatte, aber das war natürlich übertrieben. Ihr Auftrag war schwierig, und um ihn leise und effizient ausführen zu können, hätte er anderes, besseres Personal gebraucht. Und was taten die Bürokraten in Moskau? Sie gaben ihm einen Assistenten mit, der zu dämlich war, um mit einer Fackel in der Hand seinen eigenen Hintern zu finden, und dazu zwei Killer mit Babyface und Akne, die kaum erwachsen genug waren, um ohne Mama und Papa verreisen zu dürfen.

Der Auftrag konnte eindeutiger kaum sein: Schnappt den Jungen, quetscht ihn aus und beseitigt ihn danach.

Es würde wahrscheinlich keine Mitwisser geben, denn der junge Student hatte bei seinem Erpressungsversuch gestern Morgen immer nur in der Ich- und nie in der Wir-Form gesprochen. Die Spezialisten in der Heimat meinten deshalb, er arbeite allein und auf eigene Rechnung. Klugscheißer!

Hoffentlich blieb es bei dem einen, von dem sie wussten, dachte der erfahrene Außendienstmann. Er hatte im Gegensatz zu seinen Mitarbeitern nicht das Bedürfnis, im Blut seiner Opfer zu waten. Dieser Lebensphase war er entwachsen, und physische Gewalt wandte er nur noch an, wenn andere Mittel versagt hatten.

Sie hatten Zimmer im Hotel „Ibis Frankfurt Messe West“ gebucht, einer billigen Absteige zwar, die aber den Vorteil bot, dass sie nur einen Steinwurf entfernt von dem Studentenwohnheim lag, in dem der Junge hauste.

Sie würden ihn einen Tag lang beobachten, bevor sie sich ihm näherten, und dabei vielleicht herausfinden, ob er wirklich allein handelte. Er hatte eine um vier Jahre ältere Schwester, die in einem anderen Teil der Stadt wohnte. Das hatten sie vor ihrer Abreise herausgefunden, und vielleicht konnte es noch von Nutzen sein, wenn man dem Bengel nicht anders beikam. Familienbande unter Russen im Ausland waren stark, und hier hatte man Bruder und Schwester, die sich laut ihren Informationen sehr nahe standen.

Sie hatten Limburg passiert, in einer guten halben Stunde würden sie am Flughafen-Bahnhof aussteigen und eine S-Bahn in die Frankfurter Stadtmitte nehmen. Ihre Spesen waren so mickrig bemessen wie ihr Gehalt eigentlich eine Frechheit war für das, was sie fürs Vaterland taten. Sie konnten sich kaum ein Taxi leisten.

Er bestellte eine weitere Runde Bier (auch wenn ihm bei den Preisen hier im Zug schwindlig wurde) und seine Leute ließen ihn hochleben, was ihm angesichts der anderen Fahrgäste im Speisewagen, die zu ihnen hinüberschauten, einigermaßen peinlich war.

*

Südkasachstan

Die beiden Fahrer waren am Rand der totalen Erschöpfung angelangt. Sie hatten fünfzehnhundert Kilometer Horrorfahrt auf Schnee- und Eispisten hinter sich, waren beide in den vergangenen fünf Tagen und Nächten praktisch nicht zum Schlafen gekommen und besaßen kaum noch Nahrungsmittel, weil sie die Fahrtzeit falsch eingeschätzt hatten - was ihnen als gebürtigen Kasachen natürlich nicht hätte passieren dürfen. Aber sie waren auch noch nie in dieser gottverlassenen Gegend unterwegs gewesen, wo man zweihundert Kilometer fahren konnte, ohne einer einzigen Menschenseele zu begegnen, geschweige denn in ein Dorf oder gar eine Stadt zu kommen.

Noch ungefähr anderthalb Tage, dann sollten sie abgelöst werden. Laut Auftrag würden sie sich in Grenznähe mit usbekischen Mudschaheddin treffen, die mit Maultieren oder Pferden dort auf sie warteten. Diese Usbeken würden durchs Gebirge reiten und nach zwei Tagen eine Straße erreichen, an der ein weiterer Lastwagen auf sie wartete, um die Fracht zu übernehmen.

Es war vorgesehen, dass die neuen Fahrer bis kurz vor die afghanische Grenze fuhren, um in der Grenzstadt Termiz abgelöst zu werden. Pikanterweise würde dies unter den Augen ahnungsloser deutscher Soldaten geschehen, die hier einen Rückzugsraum und ein Lager jenseits ihres Einsatzes im Norden Afghanistans unterhielten.

Der Transport zum Hochseehafen Port Muhammad Bin Qasim in der Nähe von Karatschi sollte noch mindestens zehn Tage dauern, und das war in den Plänen des Vermittlers auch so berücksichtigt worden.

*

Stuttgart, Zentrale der SECURE

CIA-Agent Mike Benson erwischte es direkt an seinem ersten Arbeitstag nach dem Kurzurlaub, den er auf Teneriffa verbracht hatte, um zu schwimmen und in der Sonne zu liegen. Diese paar Tage waren viel zu schnell vorübergegangen.

Als er gegen neun Uhr morgens das Vorzimmer seines Chefs betrat, um sich zum Dienst zurückzumelden, sagte ihm Claire Montgomery, die ältliche Sekretärin, - ohne sich die Mühe zu machen, seinen Gruß zu erwidern - er solle schnellstens zum Boss reingehen, der warte schon seit sieben Uhr in der Frühe auf ihn.

„Danke, Moneypenny, bin schon unterwegs“, sagte er und klopfte an die Tür seines Chefs.

„Nennen Sie mich nicht Moneypenny, Sie Scheusal! Sie wissen genau, dass ich das nicht leiden kann! Und außerdem haben Sie nicht die geringste Ähnlichkeit mit diesem James Bond, mit welchem davon auch immer.“

Aber da war Benson längst im Büro seines Vorgesetzten verschwunden.

„Hallo Sir, was gibt es denn so Dringendes, dass Sie hier mitten in der Nacht anrücken?“

„Machen Sie sich nicht lustig über mich, Benson. Wir haben unter Umständen ein Problem. Ob es wirklich eines ist, und ob es uns tatsächlich gehört, sollen Sie herausfinden.

Sie fliegen heute noch nach Russland, genauer gesagt, Tscheljabinsk am Ural, noch genauer nach Osjorsk, das liegt dort ganz in der Nähe und ist das dreckigste Kaff in unserem Sonnensystem. Die Spatzen pfeifen von den Dächern, dass dort ein wenig Polonium weggekommen ist, und nicht nur das, sondern auch eine größere Menge Plutonium und anderen garstigen Zeugs aus der Giftküche des Teufels. Und als wenn das nicht genug wäre, soll es auch noch auf dem Weg nach Westeuropa sein, möglicherweise zu uns nach Deutschland. Zu Anschlagszwecken, wenn unsere Lauscher das richtig interpretieren. Wir haben diesen Hinweis aus Fort Meade, und dem müssen wir nachgehen.“

„Was heißt ein wenig? So wenig wie 1994 oder 1995, als das Zeug in München auftauchte? Lohnt sich dafür solch ein Aufwand überhaupt?“ Damals waren es etwa dreihundert Gramm Plutonium gewesen, wenn er sich richtig erinnerte. Die Geschichte lag zwanzig Jahre zurück.

Der Major betrachtete seinen unverschämt braungebrannten Außenagenten nachdenklich. „Was halten Sie von etwa einhundertzwanzig bis einhundertdreißig Kilogramm strahlender Substanzen verschiedenster Sorten und unbekannter Mischung?“

„Kilo…was?“ Der Agent stieß einen leisen Pfiff aus. „Wissen wir irgendetwas Genaueres?“

„Nein, wir wissen so gut wie nichts, und deshalb sollen Sie dorthin fliegen und ein bisschen herumhorchen. Das beklaute Lager liegt in der berühmten – oder besser berüchtigten – Anlage Majak im Ural. Dort wird schon seit mehr als zwei Jahrzehnten kein kernwaffentaugliches Material mehr produziert. Sie forschen angeblich nur noch an Radionukliden und betreiben daneben eine Wiederaufbereitungsanlage. Und sie lagern - kurz gesagt - den Atomschrott des halben Landes. Klingelt da bei Ihnen etwas?“

„Oh ja“, antwortete der Agent. „Ein Großunfall im Jahre 1957. Natürlich von den Sowjets im Inland vertuscht und gegenüber dem Ausland abgestritten. Soll so schlimm wie oder sogar noch schlimmer als Tschernobyl oder Fukushima gewesen sein. Aber wir hatten damals noch nicht die Möglichkeiten, so etwas klipp und klar zu dokumentieren. Und es gab – glaube ich – noch weitere Störfälle in der Siebzigern oder Achtzigern. Die Sowjets hatten die Blauäugigkeit oder die Skrupellosigkeit, ihre radioaktiven Abwässer aus mehreren Kraftwerken jahrzehntelang munter in sämtliche umliegenden Seen und Flüsse zu leiten. Den Fisch von dort werden Sie in zehntausend Jahren noch niemandem servieren können.“

„Das ganze Gebiet war bis vor einigen Jahren militärisches Sperrgebiet, völlig abgeriegelt auf einer Fläche von fast hundert Quadratkilometern. Heute ist es zum Teil offen und auch für Ausländer zugänglich. Unsere Regierung hat sogar an dem jetzt beklauten Lager mit gebaut, das Ganze ist pikant und ein wenig peinlich auch für uns“, sagte Major Todd S. Lightbody zu seinem Schützling, den er für das momentan beste Pferd im Stall der SECURE hielt, auch wenn dieser wegen seiner unkonventionellen Arbeitsweise gelegentlich aneckte, wenn man es freundlich sagen wollte. Und – zu seinem Leidwesen - war dieser fähige junge Mann von Mitte dreißig nur eine Leihgabe der CIA und würde wohl in absehbarer Zeit wieder in die Staaten zurückkehren.

Er brachte erstklassige Beurteilungen seiner Vorgesetzten mit und verfügte über jede Menge Praxiserfahrung im Außeneinsatz. Angefangen hatte er zunächst beim FBI, weckte aber schnell die Begehrlichkeit der Agency und war nach kurzer Bedenkzeit nach Langley gewechselt. Er war mehrsprachig, durchtrainiert und gescheit.

Aber Bensons hatte auch einen dunklen Fleck in seiner Vita; es war ein Ereignis, das ihn bis an den Rand der Erträglichen und vielleicht darüber hinaus gebracht hatte.

Er war für mehrere Monate Undercover im Norden Mexikos unterwegs gewesen und hatte es geschafft, einen Drogenbaron dingfest zu machen, der den USA schon lange ein Dorn im Auge gewesen war. Aber Benson hatte den langen Atem der Drogenmafia unterschätzt. Als er zwei Jahre darauf mit seiner Verlobten einen zweiwöchigen Urlaub auf der mexikanischen Halbinsel Cancún verbrachte, explodierte sein Mietwagen und tötete die junge Frau, die an seiner Stelle in dem Wagen saß, weil sie in die nächste Stadt fahren und sich eine neue Handtasche kaufen wollte, während Benson lieber am Strand geblieben war.

Benson flippte völlig aus, quittierte noch in derselben Woche seinen Dienst, kehrte aber nach sechs Monaten zurück an seinen Arbeitsplatz. Seither erledigte er seinen Job wieder zur vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Nur lachen hatte man ihn seit dieser Gewalttat nur noch sehr selten gesehen. Er war höflich und verbindlich, blieb aber im Großen und Ganzen verschlossen; dennoch hielten die Psychologen in Langley ihn wieder für voll diensttauglich, auch wenn sie ihn in unregelmäßigen Abständen zu einem Gespräch einluden, um sich ein Bild von seiner Verfassung zu machen.

Das streng geheime SECURE-Programm, das sich aus den verschiedenen US-Abwehrdiensten rekrutierte, schien auf Benson einen wohltuenden Einfluss zu haben. Hier konnte er etwas aufbauen, in dem er all seine bisherigen Kenntnisse und Erfahrungen einbringen durfte.

„Sie reisen als Vertreter für Industriestaubsauger, wir haben dort einen Laden, mit dem wir zusammenarbeiten. Der Geschäftsführer steht auf unserer Gehaltsliste, genauer gesagt, auf der Gehaltsliste Ihrer werten Agency. Melden Sie sich alle acht Stunden bei dem Mann, damit außer Ihnen noch jemand weiß, was Sie wissen. Er kann uns im Notfall informieren.“

„Wo Sie schon die Agency erwähnen – wäre das nicht eigentlich deren Job?“

„Ja und nein“, antwortete der Major, und strich dabei seinen spärlich wachsenden Oberlippenbart. „Die sind der Auffassung, das sei Terrorbekämpfung, und sie wollen sich deshalb so lange heraushalten, bis ihnen der Präsident persönlich in den Hintern tritt. Liegt wohl mit daran, dass sie diesen Monat schon einmal ins Fettnäpfchen getreten sind. Sie haben die Sache mit Nordkorea mitbekommen?“

„Nein, Boss. Ich habe mich gründlich versteckt in den letzten Tagen. Die Chinesen hätten den dritten Weltkrieg vom Zaun brechen können und ich hätte nichts davon bemerkt. Immer zur besten Nachrichtenzeit hatte ich soziale Verpflichtungen einer hinreißenden schwedischen Blondine gegenüber, die wie ich alleine reiste. Sie verstehen.“

„Sie sind nur schwer zu ertragen, wissen Sie das?“, brummte Lightbody. „Nun, ist im Augenblick auch nicht wichtig. Gehen Sie nach Hause, packen Sie für zwei oder drei Tage. Claire bucht Ihnen Flug und Hotel. Seien Sie umsichtig und machen Sie dort keinen Lärm. Die Russen sind auf manchen Gebieten immer noch so paranoid wie zu Zeiten des Kalten Krieges, und die Sicherheit ihrer Atomanlagen ist eines dieser Gebiete, bei denen sie sich fast in die Hose machen vor Angst, dass etwas schiefgehen könnte. Wir wollen niemanden bloßstellen, sondern nur verhindern, dass etwas sehr Böses geschieht, klar?“

Benson verließ das Büro seines Chefs und grinste die Sekretärin an. „Na, haben Sie wieder gelauscht, Sie alte Schabracke?“

„Raus hier!“ Die Dame war kurz vor dem Überkochen.

„Sie buchen mir bitte erster Klasse, wie immer, ja?“

„Raus!“

Ein Radiergummi kam geflogen, aber der Agent duckte sich weg.

*

Frankfurt-Hausen

Igor spürte seine Verfolger. Mal war es ein Mann, der für ihn wie ein typischer Russe aussah und der die S-Bahn direkt hinter ihm betrat oder sie gemeinsam mit ihm verließ; und als er ihn auf Russisch ansprach, tat er so, als verstehe er ihn nicht.

Dann, in der U-Bahnstation, rempelte ihn jemand beinahe um, als er plötzlich stehen blieb, um die Richtung zu wechseln, weil er sich mit den Ausgängen vertan hatte. Dieser Mann sah aus, als sollte man ihm lieber nicht nachts in einem einsamen Wald begegnen. Aber Igor ignorierte diese Zeichen, oder, wenn nicht, parkte er sie irgendwo tief in seinem Unterbewusstsein, wo sie ihm nicht lästig werden konnten. Er war kein schlechter Kerl, aber er lebte meistens auf der Überholspur des Lebens, was man jungen Leuten in seinem Alter auch zugestehen musste.

Er war heute so stolz auf sich, dass er meinte, platzen zu müssen, wenn er nicht bald jemanden fände, dem er von seinem Erfolg erzählen konnte. Diesmal war es das große Los, das, auf das er immer gewartet hatte.

Seine ersten beiden Versuche waren grandiose Fehlschläge gewesen. Als er bei der deutschen Polizei vorsprechen wollte, um einen Kontakt zum BND herzustellen, sah man ihn nur mitleidig an, und als er dann für seine Informationen auch noch Geld forderte, setzte man ihn einfach mit dem gutgemeinten Rat, zuhause weiter zu träumen, an die frische Luft. Ein russischer Student, der von einem nuklearen Inferno faselte, das den Deutschen bevorstand. Selten so gelacht.

Danach versuchte er es beim amerikanischen Generalkonsulat; er reihte sich in die Schlange derjenigen ein, die vor dem streng bewachten Gelände anstanden, um ein US-Visum zu beantragen. Und als er endlich drankam, verlangte er den Stationsleiter der CIA zu sprechen. Dass es einen solchen gab, setzte er als Liebhaber von Agentenfilmen einfach voraus.

Der Beamte hatte sichtlich schlechte Laune und fragte ihn nur schwach verklausuliert, ob er bescheuert sei? Wenn er etwas zu sagen hatte, möge er dies hier und sofort tun und den Verkehr nicht aufhalten. Der Nächste, bitte!

Igor blieb hartnäckig und sagte ohne Rücksicht auf eventuell mithörende Dritte: „Sie werden es bereuen, wenn Sie mich abweisen. Hier in Frankfurt wird in allernächster Zeit etwas Teuflisches passieren. Mit russischem Atomschrott, falls Ihnen das etwas sagt.“

Der Beamte runzelte die Stirn.

„Wenn Sie einen Beweis für diese schwerwiegende Behauptung haben, dann geben Sie ihn her. Wenn nicht, entfernen Sie sich bitte. Grober Unfug und Irreführung amerikanischer Behörden sind strafbar.“ Allmählich wurde er sauer und in der Warteschlange hinter Igor entstand Unruhe.

„Diese Informationen könnten viele Menschenleben retten und Milliarden Dollar wert sein“ beharrte Igor. Er wollte sich nicht wegschicken lassen wie einen kleinen Jungen, obwohl er gerade den größten Knüller der jüngeren Weltgeschichte anzubieten hatte.

„Ich will eine Belohnung, und deshalb muss ich mit der CIA sprechen. Nur die wird den Wert meiner Informationen zu schätzen wissen.“

Der Botschaftsangestellte hatte genug gehört und winkte zwei MPs heran, die am Eingang Wache standen. Aber Igor erfasste rechtzeitig, was ihm drohte, und er suchte das Weite, bevor sie ihn schnappen konnten.

Als er abgekämpft und niedergeschlagen in seiner U-Bahn Richtung Studentenwohnheim saß und schon aufgeben wollte, hatte er die genialste Idee seines bisherigen Lebens.

Er konnte die geheimen Informationen den eigenen Leuten verkaufen! Den Russen! Die würden jeden Betrag zahlen, um ein PR-Desaster dieses Ausmaßes zu vermeiden. Ein paar Millionen Dollar für ihn und seine Schwester! Es war das Geschäft des Jahrhunderts!

Wie auf Knopfdruck ging es ihm wieder gut. Er wusste nicht, wie nahe ihm seine Jäger schon gekommen waren.

Katja schrak hoch und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Es hatte geklingelt, obwohl sie heute niemanden erwartete. Das war noch nie vorgekommen, außer vielleicht, wenn der Briefträger mal ein Einschreiben hatte oder die Stromableserin kam.

Die Sprechanlage war seit Wochen defekt, und wenn sie den Türdrücker betätigte, würde sie es dem Unbekannten erlauben, das Haus zu betreten und bis an ihre Wohnungstür zu kommen. Gut, sie hatte einen Türspion und konnte sich den ungebetenen Gast anschauen, bevor sie ihn abwies oder in ihre Wohnung einließ - aber wohl fühlte sie sich dabei nicht.

Sie öffnete die Haustür mit dem Summer und wartete hinter der verschlossenen Wohnungstür. Minuten vergingen und ihre Unruhe wuchs. Dann endlich hielt der Fahrstuhl auf ihrem Stockwerk.

Es war Igor.

Was willst du schon wieder?

Er kam nie unangemeldet, das hatte sie ihm so lange eingebläut, bis er es irgendwann kapiert hatte. Sie wollte nicht mit ihrem väterlichen Freund überrascht werden, und deshalb hatte ihr Bruder auch keinen Wohnungsschlüssel bekommen.

Sie sah, wie er schwer atmend vor ihrer Wohnung ankam und öffnete die Tür, bevor er klingeln konnte.

„Was ist denn mit dir los“, fragte sie, als er sich an ihr vorbei in die Wohnung drängte. „Hast du etwas ausgefressen?“ Er zog seine Jacke aus, warf sie auf das Wohnzimmersofa und ließ sich selbst in einen ihrer beiden Sessel plumpsen. Sie schob die Jacke zur Seite und nahm ihm gegenüber Platz.

„Frag mich etwas Leichteres, ich habe keine Ahnung.“

„Sind dir irgendwelche Gläubiger auf den Fersen?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe all meine Schulden bezahlt. Ich habe sogar das Geld, das du mir zuletzt gegeben hast, noch nicht einmal angebrochen.“

„Was ist es dann?“

„Ich hatte vorhin im Bus das Gefühl, dass mich zwei Kerle verfolgen, die ich – einzeln allerdings – schon vorher gesehen hatte. Ich glaube, es sind Russen. Keine Ahnung, was die von mir wollen.“

Katja traute ihrem Bruder nicht recht. Aber sie konnte warten, bis er mit der Wahrheit herausrückte.

„Was willst du trinken?“

„Hast du Wodka im Haus?“

„Ist der Papst katholisch?“ Sie ging in die Küche, um welchen zu holen. Igor nutzte die Gelegenheit und steckte die gefährliche Speicherkarte tief in die Erde des Blumentopfes mit der hochgewachsenen Yucca-Palme, der zwischen Sofa und Fenster auf dem Teppich stand. Er wischte sich die Finger an seiner Jeans ab und saß wieder auf seinem Platz, als Katja mit einem „Stolitschnaja“, zurückkam. Er trank ihn hastig aus.

„Danke.“

„Was ist los mit dir, Igor?“

„Ich glaube, ich habe Mist gebaut. Ich weiß gar nicht, wo ich zu erzählen anfangen soll.“

Dann begann er seine Geschichte mit der Nachricht ihres verstorbenen Großvaters, dem gestohlenen Nuklearmaterial, der möglichen Bedrohung Frankfurts, erzählte von seinen gescheiterten Versuchen bei deutschen und amerikanischen Behörden, sein Wissen zu versilbern, beschönigte nichts und ließ auch seine letzte tollkühne Idee nicht aus, die Russen - ein klein wenig, wie er es nannte - bluten zu lassen.

„Eines kapiere ich nicht. Ich habe gestern Morgen in unserer Bonner konsularischen Vertretung angerufen und denen die Speicherkarte angeboten, zu einem fairen Preis von“ - er hüstelte verlegen – „dreieinhalb Millionen Euro. Verstehst du? Erst gestern Morgen. Aber ich werde schon seit mindestens zwei oder drei Tagen verfolgt, da bin ich mir so gut wie sicher.“

Sein Gesicht verfinsterte sich. „Das würde heißen, dass sie schon seit Tagen wissen, wer diese Informationen hat. Und woher können sie das wissen?“

Katja begriff schnell. Wahrscheinlich hatten sie ihren Opa mit diesen Informationen erwischt und ihn getötet, um ihn am Reden zu hindern. Es war ein schlimmer Gedanke, aber er ergab sich auf so einfach wie eins plus eins zwei ergab.

Das war sie also, die ganze Geschichte, abgesehen von der winzigen Kleinigkeit, dass sich die besagte Speicherkarte jetzt nicht mehr in Igors Besitz befand, sondern in dem seiner ahnungslosen Schwester. Der kleine Glücksritter hatte einfach Angst, von diesen schrägen Typen, die ihm auf den Fersen waren, mit dem kostbaren Chip erwischt zu werden. In diesem Falle wäre nämlich das schöne Geld beim Teufel. Weiter dachte er nicht.

*

Frankfurt-Rödelheim

Als er seine Schwester verließ, warteten sie schon vor dem Haus auf ihn, und weil sie zu viert waren und ihn von allen Seiten einkreisten, hatte er keine Chance zu fliehen. Sie geleiteten ihn zu einem Mietwagen, schoben ihn hinein und nahmen ihn auf der Rückbank zwischen sich.

Die Fahrt dauerte keine zehn Minuten, dann hielten sie vor einer großen Backsteinhalle ohne Beleuchtung und mit eingeworfenen Fensterscheiben. Sie stiegen aus und gingen über Glasscherben, Müll und alte Zeitungen hinweg zu einer halb offenstehenden Seitentür, die windschief in den Angeln hing. Der Ältere – offenbar der Chef der Bande – knipste eine Taschenlampe an und leuchtete die Ecken der Halle aus, worauf ein paar fette Ratten sich gestört zeigten und in Löchern verschwanden, die dem Blick der Männer entzogen waren.

In der Mitte der Halle stützte ein Stahlträger die hohe Decke, genau richtig für die Zwecke der Agenten, mit denen und mit deren Methoden sich niemand offiziell schmücken wollte. Sie stellten ihren Gefangenen mit dem Rücken gegen den Pfeiler und banden ihn mit einem Lederriemen um die Brust und einem zweiten um den Hals daran fest. Der konnte sich jetzt nur noch selbst wehtun, wenn er sich zu heftig bewegte.

Während der ganzen Zeit wurde kein einziges Wort gesprochen, und Igor wagte nicht einmal zu fragen, was diese Männer von ihm wollten. Er wusste es nur zu gut.

Jetzt übernahm der Älteste der vier das Wort, mit trügerisch sanfter Stimme. „Du kennst das sicher aus dem Kino, mein Sohn, und ich kann dir verraten, alles, was sie in diesen Filmen zeigen, ist die reine Wahrheit.“ Sein Gefangener antwortete nicht; aber was sollte er auch darauf schon erwidern.

„Wir haben zwei Bitten an dich“, säuselte der Mann. „Wir wollen den Informationsspeicher haben, sofern noch vorhanden, und wir wollen wissen, mit wem du dein Wissen geteilt hast. Je nach der Qualität deiner Antworten werden wir dich am Ende freilassen oder umbringen, das kommt ganz allein auf dich an.“

Die Beiläufigkeit, mit er dies aussprach, trieb Igor eine Gänsehaut über den Rücken, obwohl er vor Angst schwitzte.

„Die Spielregeln sind folgende: Ich werde dich etwas fragen, und wenn deine Antwort mich zufrieden stellt, dann gehen wir zur nächsten Frage über. So kommen wir am schnellsten voran. Bin ich allerdings aus irgendeinem Grund unzufrieden, dann wird dir unser Sergej mit dieser Keule einen Knochen brechen. Er ist auf so etwas spezialisiert. Wir fangen mit den Schienbeinen an, erst das eine, dann das andere. Danach arbeiten wir uns langsam und systematisch von dort aus nach oben vor. Bis ganz zum Schluss dein Schädel dran ist, was das Gespräch endgültig beendet. Was meinst du, wollen wir es so weit kommen lassen?“

„Bitte lassen Sie mich gehen. Ich habe die Karte weggeworfen, nachdem ich den Inhalt gesehen und gemerkt hatte, dass er mich nichts anging.“

Ein wahnwitziger Schmerz durchflutete seinen ganzen Körper, als sein linkes Schienbein in der Mitte durchbrach. Er schrie auf und meinte, sich übergeben zu müssen.

„Das war kein guter Anfang“, flüsterte sein Peiniger, der jetzt so dicht vor Igor stand, dass der seinen Atem spüren konnte. „Ich hatte dich gewarnt.“ In Wirklichkeit tat ihm der Bursche Leid, aber das konnte er vor seinen Untergebenen nicht zeigen.

„Es ist eine Speicherkarte, ich habe sie nicht bei mir, sondern in einem Versteck. Ich kann Sie hinbringen“, brachte Igor hervor.

„Wo hast du diese Karte versteckt?“

„Bei einem Freund in Bad Homburg, aber der ist im Moment nicht zuhause. Morgen kann ich dort hinfahren und sie holen, Ehrenwort!“

Der SWR-Mann lächelte freundlich. „Das würdest du mit deinem lädierten Schienbein gar nicht schaffen. Und überhaupt, wann warst du denn bei diesem Freund und hast ihm die Karte gegeben?“

„Vorgestern um die Mittagszeit.“

Der Folterer sah hinüber zu seinem Schläger und nickte. Sekunden später, als sein rechtes Schienbein explodierte, stieß Igor einen langgezogenen Schmerzensschrei aus, der nach und nach in ein Wimmern überging.

„Wir wollen doch bei der Wahrheit bleiben, mein Junge. Du hast in den letzten beiden Tagen keinen Freund besucht, nicht in Bad Homburg und auch nicht in Honolulu oder auf einem Planeten von Beteigeuze; wir haben dich lückenlos überwacht, du hast niemanden getroffen außer deinem süßen Schwesterchen, das wir uns als nächstes vornehmen werden.“

Das war ein Bluff, denn sie hatten natürlich nicht gewagt, das Studentenwohnheim zu betreten und sein Zimmer vom Flur aus zu beobachten. Das war zu plump und der Junge konnte deshalb innerhalb des Wohnheims durchaus unterwegs gewesen sein, ohne dass sie davon wussten.

Aber Igor in seiner Agonie schluckte die Lüge.

Sie brachen ihm noch beide Kniescheiben und einen Beckenknochen, dann fiel Igor in eine gnädige Ohnmacht, aus der er nicht mehr aufwachen sollte. Denn, als er die nächste Frage des Anführers nicht beantwortete, drehte dessen übereifriger Genosse durch und schlug mit dem Holzknüppel, der Ähnlichkeit mit einem Baseballschläger hatte, mit voller Wucht zu und brach dem Gefangenen damit nahezu sämtliche Rippen der linken Körperhälfte, was in diesem Fall das Verhör abrupt beendete, denn gleich mehrere Rippen bohrten sich in Igors Lungenflügel und er ertrank buchstäblich in seinem eigenen Blut, ohne die entscheidenden Aussagen gemacht zu haben.

Der Vernehmer bekam ein en Wutanfall und warf sich schreiend auf den tumben Schläger, und wenn die zwei anderen Männer ihn nicht zurückgehalten hätten, hätte er diesen gottverfluchten Anfänger vielleicht sogar erdrosselt.

Jetzt hatten sie nichts mehr in der Hand. Was noch blieb, war ein Einbruch in das Zimmer des Studenten, um seinen Computer zu untersuchen und – wenn das nichts einbrachte - ein Besuch bei seiner Schwester, die ihn als Letzte lebend gesehen hatte, und die vielleicht in diese Geschichte eingeweiht war.

Als den Jägern bewusst wurde, wie wenige Optionen sie jetzt noch hatten, fluchten sie herzhaft über die vertane Chance. Aber der Fehler, den sie gemacht hatten, ließ sich auch durch Fluchen und Schimpfen nicht mehr rückgängig machen.


















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