LUME - Wo das Licht den Schnee berührt
Gabriella Gruber


LUME – ein Wort, zwei Bedeutungen, zwei Liebende

Melissa ist die Neue an der Fachoberschule in Flussberg, die den älteren Lukas aus der 13. Klasse total in ihren Bann zieht. Obwohl sie voneinander keine Namen kennen und noch nie ein Wort miteinander gewechselt haben, wissen sie bei ihrer ersten richtigen Begegnung auf Anhieb, dass sie füreinander bestimmt sind. Alles könnte so einfach sein, wäre da nicht Lukas&apos; gutaussehender Klassenkamerad Leon, der eifersüchtig auf den Hobbyschlagzeuger ist und ihm Melissa wegnehmen will. Auch mit allen Mitteln, wenn es sein muss … Ein Liebesroman für alle, die gerne an ihre Schulzeit zurückdenken und Spannung bis zum Schluss lieben!







Gabriella Gruber

LUME

Wo das Licht den Schnee berührt

eBook-Sonderausgabe


Über die Autorin



Gabriella Gruber hatte schon immer eine Leidenschaft für Sprachen und früh wurde ihr klar, dass sie Bücher schreiben möchte. Sie liebt es, neue Welten zu erschaffen und gemeinsam mit den Protagonisten, Antagonisten und Nebendarstellern diese Orte zu erkunden. Schreibt sie nicht gerade an ihren Romanen, sitzt sie oft am Klavier oder Schachbrett und verbringt Zeit in der Natur. Sie lebt mit ihrem Partner und ihrer Familie in Bayern.



www.gabriellagruberautorin.com (http://www.gabriellagruberautorin.com)

Instagram: ellagruberautorin





















eBook-Sonderausgabe



Verlag: Gabriella Gruber  eBook-Druck: neobooks.com


1. Auflage der Sonderausgabe 2021

Dieses Buch ist auch als Taschenbuch erschienen.



Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig.

Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.



Text: Copyright © 2021 by Gabriella Gruber

Satz: Gabriella Gruber

Umschlaggestaltung unter Verwendung eigener Fotos:

Copyright © 2021 by Gabriella Gruber

Lyrics von „My Knight“:

Copyright © 2021 by Gabriella Gruber

Illustration „Lukas und Melissa“

Copyright © 2021 by Vanessa Nimue (Instagram: hexenimue)



Verlag:  Gabriella Gruber

c/o autorenglück.de

Franz-Mehring-Str. 15

01237 Dresden

gabriellagruber.autorin@gmail.com (mailto:gabriellagruber.autorin@gmail.com)  Instagram: ellagruberautorin

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eBook-Druck: neobooks, ein Service der Neopubli GmbH, Berlin


Für alle, die noch an

die Liebe auf den ersten Blick glauben.

Es gibt sie wirklich.














1. Kapitel



Lukas

„Markus! Du wirst mir nicht glauben, warum gerade mein Handy vibriert hat!“

„Oh je, jetzt kommt’s ...“

„Es ist eine E-Mail.“

„Du hast eine Einladung zu DSDS bekommen?“

„Was? Nein, ich bin doch kein Sänger.“

„Ach so, du bist ja Schlagzeuger! Fast vergessen.“

„Rate weiter!“

Wir stehen an der Bushaltestelle. Markus, mein bester Freund, und ich. Heute ist unser erster Schultag und wir warten auf das rollende Gefährt, das uns zur Schule bringt. Es ist Anfang September und obwohl gestern im Fernsehen Spätsommerwetter vorhergesagt wurde, ist es doch ein recht kalter Morgen.

„Du wurdest von Aliens entführt?“

„Hä? Nein, zumindest glaube ich kaum, dass sie ihre Entführung vorher per Mail ankündigen.“

Markus schnaubt belustigt über meinen Konter.

„Einen Versuch haste noch“, ich grinse in mich hinein, voller Überzeugung, meine große Freude und Aufregung eigentlich nicht mehr verbergen zu können.

„Nachdem du so grinst und voller guter Laune fast explodierst, hast du bestimmt im Lotto gewonnen?“

Ich seufze und schüttle mit dem Kopf. Warum genau bin ich eigentlich mit ihm befreundet? Wegen seiner „Sherlock“-Fähigkeiten auf jeden Fall nicht.

„Wenn das so wäre, hätte ich schon längst bei meinem Bankberater angerufen, er möge doch bitte eine Überweisung an Markus Fuchs veranlassen.“

„Wirklich?“, mein Kumpel grinst wie ein Honigkuchenpferd.

„Nein“, antworte ich kurz und knapp, um Markus zu zeigen, dass es nur ein Witz war.

Dann endlich fährt unsere Stadtbuslinie um die Kurve. Ich krame sofort meine nigelnagelneue Fahrkarte aus der Tasche hervor und zeige sie beim Einsteigen voller Vergnügen dem gewohnten Fahrer mit seinem lustigen Schnurrbart. Schön, dass sich nicht alle Dinge verändern, wenn die Sommerferien zu Ende sind.

Ich setze mich neben Markus. „Und? Was ist jetzt die tolle Neuigkeit?“, fragt er mich noch im selben Moment.

Ich schmunzle, immer noch voller Glück. Markus zappelt neben mir, fast aufgeregter als ich. Keine Ahnung, ob es am Schokoriegel liegt, den er gerade verspeist, oder tatsächlich an der Spannung vor meiner Neuigkeit.

Ich spanne ihn nicht länger auf die Folter und antworte ihm, während ich seine Schokokrümel von meiner Lieblingsjeans streiche. „Die Buchhandlung, bei der ich mich als Aushilfe beworben habe, hat mich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen!“



Melissa  Neues Schuljahr, neues Glück. Was ich bisher so von der neuen Schule gehört habe, waren eigentlich nur gute Dinge. Mal sehen, ob ich auch noch der gleichen Meinung bin, wenn ich erstmal alles kennengelernt habe. Eine Realschule ist schließlich etwas vollkommen anderes, als eine Fachoberschule. Hier beginnt jetzt das wahre Leben oder zumindest sollte es das.

Ich denke kurz an meine alte Schule zurück, während der Busfahrer mich sicher zur neuen Schule befördert. Auf meiner Realschule war ich jetzt nicht unbedingt schlecht, ich war aber auch nicht herausragend gut. Ich würde mal sagen, ich war eine durchschnittliche Schülerin mit Stärken und Schwächen. Die einzige Ausnahme war die 7. Klasse. Meine Mitschüler ... nun ja, sie waren die Hölle. Ich wurde nie wirklich fair behandelt, hatte nie eine Chance zu beweisen, dass ich anders bin, als immer nur von anderen gemunkelt wurde. Unter all dem litten meine Noten enorm und so kam es, dass ich die siebte Klasse wiederholen musste.

Die Schulklasse, die danach kam, war ganz in Ordnung. Meine einzige Freundin von dort hat sich allerdings seit dem Beginn der Sommerferien nicht mehr bei mir gemeldet, was meine Vermutung bestätigt, dass sie vielleicht doch nur wegen des Abschreibens meiner Hausaufgaben so nett zu mir war. Eine richtige Freundin, mit der ich durch dick und dünn gehen kann, war mir bisher immer verwehrt geblieben.

Der Busfahrer legt eine Vollbremsung hin, als die Ampel von Gelb auf Rot springt, so dass ich mich schnell und krampfhaft am Sitz vor mir festhalten muss. Ich sehe die Haltestelle schon. Nur noch ein paar Meter, dann ist es für mich Zeit, auszusteigen. Ich habe mir schon Tage davor meinen Weg zur Schule genauer angesehen, damit ich wenigstens dahingehend keine Nervosität aufkommen lasse.

Gesagt, getan. Als der Bus nach der nächsten grünen Ampelwelle beim Halteschild zum Stehen kommt, hüpfe ich vergnügt die schmalen Stufen nach unten auf den Gehweg. Vielleicht schreibe ich hier bessere Noten und finde Freunde.

Ein paar Schüler schleichen an mir vorbei. Ein Junge davon trägt seine Kappe verkehrt herum auf dem Kopf und hält sein Skateboard unter dem Arm. Er grinst ein blondes Mädchen neben ihm verschmitzt an. Vielleicht ist diese Schule ja gar nicht so schlecht.



Lukas  „Dieses Jahr wird alles anders!“, ruft Markus aus.

„Das hast du letztes Jahr auch schon gesagt“, antworte ich voller Belustigung.

„Aber dieses Mal meine ich es auch so! Es gibt neue Mädels, Hashtag: Elftklässlerinnen“, bei diesem Satz verzieht Markus verführerisch die Augenbrauen und sieht mich an, als wäre ich der größte „Schul-Casanova“ höchst persönlich.

„Die jungen Mädels stehen doch auf solche reifen und attraktiven Männer wie uns“, Markus streicht sich seine dunkelbraunen Locken glatt und sieht dabei wirklich mehr als lächerlich aus. „Glaub mir, die werden Schlange stehen, wenn sie dich sehen!“

Ich lache laut auf. „Das glaube ich eher nicht.“

„Wieso nicht?“

Ich sehe meinen besten Kumpel eindringlich an, um ihm zu zeigen, dass ich meine kommende Aussage ernst meine. „Weil ich meinen Singlestatus nicht so an die große Glocke hänge wie du.“

Markus lacht amüsiert.

„Außerdem war die Auswahl letztes Jahr schon nicht so herausragend“, ergänze ich noch schnell.

Markus‘ Grinsen wird breiter, als würde er etwas ahnen. „Dein Traummädchen ist bestimmt dieses Jahr dabei! Ich fühle es!“ Dann holt mein bester Freund seinen Block aus seinem Rucksack.

Wir sitzen schon seit fünf Minuten in unserem neuen Klassenzimmer, das anfangs gar nicht so leicht zu finden war. Es ist noch nicht 08:00 Uhr, also beschließe ich, noch kurz die Toilette aufzusuchen.



Melissa  Irgendwo muss es doch sein! Bei der Klassenbezeichnung „W11a“ müsste man doch eigentlich davon ausgehen können, dass es eines der ersten Klassenzimmer ist, aber das ist hier anscheinend nicht der Fall. Die Regeln an dieser Schule, scheinen von der praktischen Realität etwas abzuweichen. Ein klarer Minuspunkt auf meiner Bewertungsliste, die ich still im Geiste führe. Ich komme mir vor, wie bei einem Bewertungsportal.

Ich halte den Gebäudeplan in meinen Händen und bin so mit dem Studieren des Plans beschäftigt, dass ich kurzzeitig nicht aufpasse, wo ich hinlaufe. Anders als bei Harry Potter, sieht man auf diesem Plan leider nicht, wo man sich gerade aufhält. Man begreift eher, wo man falsch sein könnte, vorausgesetzt, die Orientierung stimmt.

Halte ich den Plan überhaupt richtig herum? Irgendetwas ist hier faul. Laut diesem müsste ich vor dem Lehrerzimmer stehen. Wenn ich aber nach vorne blicke, ist vor mir eine Toilette. Auch noch das Männer-WC!

Ich schaue auf die laut tickende weiße Quarzuhr an der Wand, um mich zu vergewissern, dass ich noch genug Zeit habe, bevor der Unterricht losgeht.

Ich will gerade die Tour durchs Labyrinth fortsetzen, als mich meine innere Stimme zurückhält und ich einen Moment zögere.

Plötzlich öffnet sich die Tür der Toilette und ein junger Mann kommt heraus. Er hat extrem kurze bräunliche Haare und ein kantiges Gesicht.

Wow! Der wäre definitiv mein Typ! Er sieht zu mir herüber, was ohne Vorwarnung meinen Puls zum Steigen bringt. Oh nein! Dieses Problem kenne ich schon und ich mag es nicht sonderlich.

Ehe ich den wie üblich resultierenden roten Kopf bekomme, drehe ich mich weg und tue so, als wäre die Karte in meinen Händen gerade die interessanteste Lektüre, die mir je zwischen die Finger gekommen ist.



Lukas  Die Worte von Markus gehen mir immer noch durch den Kopf. Ja, ich bin Single, aber aus gutem Grund. Ich will eben kein Mädchen für eine heiße Nacht, sondern eine Frau für mehrere Nächte und Tage, für mein ganzes Leben. Eine Frau, die so denkt wie ich, eine, die meine Hobbies teilt oder sie zumindest versteht. Eine Frau, die mir zeigt, was es bedeutet, zu leben.

Als ich das im letzten Schuljahr Markus erzählt habe, meinte er, ich solle zum anderen Ufer schwimmen. Da wäre die Auswahl größer. Ich habe überhaupt kein Problem mit Leuten von der anderen Insel, aber für mich persönlich wäre das nichts.

Ich schaue auf und erstarre: Mir steht ein junges Mädchen gegenüber. Ich habe sie noch nie zuvor gesehen, sie muss wohl zu den Neuen aus der elften Klasse gehören.

Unsere Blicke treffen sich kurz, doch dieses kurz kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Sie dreht sich rasch weg, als sie mich bemerkt, und huscht unsicher davon, als möchte sie sich so schnell wie möglich von hier entfernen.

Sie sieht niedlich aus. Ihre Kleidung, bestehend aus Lederjacke und Jeans, hat einen positiven Eindruck auf mich hinterlassen. So laufe ich selber gerne herum. Außerdem stehe ich total auf Brünette. Also hat sie gleich mehrere Pluspunkte auf ein Mal.

„Hey, kann ich mal?“

Ich fahre vor Schreck zusammen, als mich ein anderer Junge bittet, von der Tür wegzutreten. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich immer noch vor ihr stand. Fasziniert habe ich dem fremden Mädchen hinterhergeschaut, ohne es selbst wahrzunehmen.

Inzwischen ist sie längst verschwunden und ich beschließe, es ihr gleich zu tun: Ab zurück ins Klassenzimmer.



Melissa  Unglaublich, aber wahr! Nachdem ich drei Mal im Kreis gelaufen bin, habe ich tatsächlich mein Klassenzimmer gefunden! Die Schule hat inzwischen ihren Minuspunkt wieder wettgemacht. Stattdessen gab es einen Pluspunkt für niedliche Jungs.

Der junge Mann vor der Toilette hat es mir jedenfalls angetan. Wegen ihm scheint es mir gerade unmöglich, mich zu konzentrieren. Ausgerechnet jetzt, wo ich dringend aufpassen sollte, sonst bin ich hier noch orientierungsloser als vorher. Schließlich bleibt mir später im Bus noch genug Zeit für Tagträume.

„Ihr habt daher immer fünf Minuten früher Pause, damit kein Stau beim Pausenverkauf entsteht. Letztes Jahr haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich die 13er oft vordrängeln, obwohl man eigentlich davon ausgehen müsste, dass man mit dem Alter schlauer wird.“

Ein lautes Gelächter schallt durch die Klasse, als sie die witzige Bemerkung unserer Klassenleitung, Frau Wolf, gehört haben. Ich lache mit, denn ich will schließlich nicht gleich am ersten Tag schon als humorlos gelten.

In welcher Klasse er wohl ist? Hat er mit mir angefangen? Nein, dafür wirkte er schon älter. Er muss mindestens eine Klasse über mir sein.

Wieder lachen meine Klassenkameraden, dieses Mal über einen Witz, der mir entgangen ist.

Frau Wolf rückt die goldene Brille auf ihrer Nase zurecht und stiert aufmerksam in die Klasse. „Anwesenheitskontrolle! Jeder, der seinen Namen hört, hebt die Hand!“

Wir sind eine große Klasse, bestimmt um die dreißig Schüler. Mein Name ist ziemlich in der Mitte zu finden. Ich höre mir die Namen der anderen an und bin schon gespannt, wie lange es dauern wird, bis ich sie alle auswendig weiß.

Wie er wohl heißt? Seine blau leuchtenden Augen haben mich irgendwie verzaubert. Selbst, wenn es vielleicht höchstens eine Sekunde war, als sich unsere Blicke kreuzten.

„Klein, Melissa!“

Ich schaue auf.

„Melissa Klein?“

„Ja, hier!“, ich hebe den Arm und laufe rot an. Na toll, Fettnäpfchen Nummer eins hat mich schon in der allerersten Unterrichtsstunde gefunden.



Lukas  Im Pausenhof hat sich über die Sommerferien auch nichts verändert. Die einzigen Unterschiede im Vergleich zum letzten Jahr sind weniger Schüler in der Klasse und natürlich der Lehrer- und Fächerwechsel.

Unbewusst sehe ich mich auf dem Platz um. Ich stehe neben Markus, direkt auf einem Steinboden, der komplett von Rasen umrandet wird.

Beim Pausenverkauf waren wir schon. Das merkt man an Markus, der kräftig in seine Semmel beißt. Leberkäse mit Essiggurkenscheiben. Na ja, solange es ihm schmeckt ...

Ich schaue auf, insgeheim auf der Suche nach dem unbekannten Mädchen von heute Morgen. Ich konnte mich während der ersten Unterrichtsstunden kaum konzentrieren. Sie spukte ständig in meinem Kopf herum. So etwas hatte ich noch nie.

„Was‘n los? Du bist plötzlich so still?“, sagt Markus kauend. Ich musste mich echt anstrengen, um ihn zwischen dem Geschmatze auch zu verstehen.

„Nichts“, antworte ich nur, wende mich von ihm ab und schaue weiter in die Runde.

Vielleicht steht sie ja wieder auf dem Gang und hofft, mich zu sehen? Oder ich bin ihr gar nicht aufgefallen, immerhin hatte sie sich sehr schnell wieder von mir weggedreht und ist gegangen.

„Erde an Lukas! Hallooooo?“, Markus steht direkt vor mir und fuchtelt mit seiner Hand vor meinem Gesicht herum, die andere hält das letzte Viertel seiner Semmel fest. Die Brösel fliegen ihm nur so aus dem Mund, während er spricht. „Suchst du wen?“

„Nö. Wie kommst da drauf?“, ich tue so, als wüsste ich nicht, von was er redet.

„Ach, nur so eine Vermutung“, antwortet er.

Dann plötzlich entdecke ich sie, zumindest glaube ich das. Ich sehe nur ein Mädchen mit langen braunen Haaren. Aus der Ferne von dieser Perspektive aus kaum möglich festzustellen, ob sie es auch wirklich ist.

Nach ein paar Schritten an der Hauswand entlang, dreht sie sich um und ich entdecke ein mir vertrautes Gesicht. Nein, das ist nicht die Neue. Nur ein Mädchen aus der damaligen elften, jetzt zwölften Klasse. Lilly heißt sie, glaube ich. Markus hatte mal von ihr geschwärmt, daher weiß ich das noch. Aber Markus schwärmt jeden Tag von einer anderen. Mir ist wahrscheinlich nur ihr Name wieder eingefallen, weil sie eine der wenigen Braunhaarigen auf seiner Liste war.



Melissa  Ich beschließe, in der Pause erstmal hierzubleiben. Mich juckt es zwar in den Zehenspitzen, ihn draußen suchen zu gehen, aber ich bleibe vorerst hier. Ich muss mich erstmal hier im Klassenzimmer zurechtfinden, bevor ich mich auf dem Weg zum Pausenverkauf verlaufe. Eigentlich ist dieser ja nicht zu übersehen, man müsste schließlich nur den Schülerschlangen folgen, jedoch hasse ich Menschenmassen.

Wie gern würde ich mal auf Konzerte meiner Lieblingsbands gehen, aber die vielen Menschen machen mir Angst. Vor allem, wenn ich da alleine hingehen muss. Meine Eltern mögen sowas nicht und meine kleine Schwester ist als Begleitung auch noch viel zu jung. Freunde habe ich keine. Zumindest sind meine einzigen Freunde Bekanntschaften aus dem Internet und die wohnen alle weiter weg.

„Hi! Ich bin Eva Maria!“

Ich sehe nach links, wo das Mädchen steht, das mich gerade angesprochen hat. Sie ist etwa so groß wie ich, hat eine schlanke Figur und lange rot-blonde lockige Haare. Da kann man ja richtig neidisch werden!

„Hi, ich bin Melissa“, stelle ich mich ihr vor.

„Freut mich, dich kennenzulernen, Melissa! Darf ich?“

Ich lächle und kann mein Glück kaum fassen. Es ist mein erstes ehrliches Lächeln an dieser Schule oder soll ich sagen, je an einer Schule?

„Klar, setz‘ dich ruhig.“







2. Kapitel



Lukas  „Heute ist ein guter Tag!“, ruft Markus erfreut und wirft seinen Arm um meine Schulter.

„Ja? Was macht dich da so sicher?“

Wir stehen wieder an der Bushaltestelle. Der Schultag gestern war noch ganz interessant, aber ich habe die Hälfte davon kaum mitbekommen, weil momentan in meinem Kopf zwei Themen um meine Aufmerksamkeit kämpfen: mein Bewerbungsgespräch und das neue Mädchen.

„Ich weiß das, weil du die ganze Zeit schon so abwesend bist! Sag‘ schon! Wer ist es?“

Ich schnaube belustigt.

„Hihi, ich wusste, dass ein Mädchen im Spiel ist! Lilly, habe ich recht? Du hast ihr gestern so fasziniert nachgestarrt.“

„Nein, es ist nicht Lilly. Sie hatte nur den Zufall auf ihrer Seite, jemandem ähnlich zu sehen.“

„Ooooooh! Wem denn?“

„Geht dich nichts an“, antworte ich nur, schon fast etwas eingeschnappt. Ich möchte die Sache selber in die Hand nehmen. Wenn ich Markus einweihe, kann ich das Mädchen gleich wieder von meiner Wunschliste streichen. Sonst wird das so peinlich, dass ich es nicht mehr übers Herz bringe, ihr in ihre wunderschönen blauen Augen zu sehen.

„Och, Mensch. Immer wenn‘s interessant wird, blockst du ab.“

„Ich will‘s nicht vermasseln.“

„Dann brauchst du mich!“

„Ich denke gar nicht daran!“

„Na schön. Ich finde auch so heraus, wer sie ist!“

Ich seufze. Das kann ja heiter werden.



Melissa  Heute ist Mittwoch, der zweite Schultag. Gestern habe ich Eva Maria kennengelernt. Sie ist total nett und wir haben beschlossen, uns nebeneinanderzusetzen. Ich habe endlich Hoffnung, tatsächlich mal eine Freundin zu finden.

Als ich kurz vor dem Unterricht noch durch den Gang schlendere, an einer großen Pinnwand vorbei, kommt die Erinnerung an gestern wieder zurück. Eigentlich war dieser Gedanke den ganzen Tag schon da. Er geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht sehe ich ihn heute ja wieder? Aber ihn anzusprechen, traue ich mich nicht.

Als ich auf der Pinnwand die ausgehängten Infoblätter studiere, fällt mir der Gebäudeplan auf. Er sieht so ganz anders aus als der von gestern. Es ist auch ein ganz anderer! Als Überschrift über dem Plan an der Pinnwand steht „Nach dem Umbau“. Ich glaube, ich habe mir den falschen Orientierungsplan aus dem Internet ausgedruckt! Jetzt ist mir alles klar.

„Hi!“ Eva Maria mit ihrer Löwenmähne ist da.

„Hey!“, begrüße ich sie.



Lukas  08:15 Uhr. Die Zeit schleicht ... und schleicht. Obwohl es eigentlich spannend sein sollte, immerhin haben wir unsere erste Englischstunde des Jahres. Doch irgendwie kann ich mich für mein Lieblingsfach gerade nicht begeistern. Ich bin zu abgelenkt.

Mir ist das noch nie passiert, bei keinem Mädchen. Ich muss sie heute einfach wiedersehen! Entweder fällt mir dann irgendwas Hässliches bei ihr auf, damit ich sie vergessen kann, oder wir tauschen Handynummern aus. Noch nie in meinem Leben war mein Verlangen so groß, jemanden kennenzulernen. Ich fühle mich seit unserer ersten Begegnung irgendwie anders. Besser.



Melissa  „Kommst du mit zum Pausenverkauf?“, Eva Maria lächelt mich fragend und voller Elan an.

Ich denke nach: Pausenverkauf bedeutet, viele Leute auf einem Fleck. Andererseits steigen so die Chancen, dass ich ihn wieder treffe. Überredet.

Wir schlendern los, eine Treppe hoch und dann einen breiten Gang entlang. Die weißen Türen mit den schwarzen Griffen sind alle geschlossen.

„Freut mich, dass du mich begleitest“, sagt Eva Maria plötzlich und wechselt die Hand, die ihren Geldbeutel halten soll.

„Gerne“, antworte ich ehrlich und betrachte ihr Portmonee mit einem Löwenmotiv, das optisch sehr gut zu ihr passt.

Dann fällt mein Blick wieder zum Gang und schließlich auf die Schilder neben den Türen. Überall kann ich eine „13“ erkennen. Das müssen dann wohl die Klassenzimmer der 13er sein. Ich schaue auf eine weitere Quarzuhr an der Wand. Diese Art von Uhr gehört hier wohl in jedem Gang zur Grundausstattung. In drei Minuten werden sich alle Pforten hier öffnen und die Schüler werden zur Verkaufsstelle und zur Toilette rasen. Hoffentlich sind wir bis dahin weg von hier.



Lukas  Noch drei Minuten, dann bin ich endlich hier weg, und laufe direkt zum Pausenverkauf. Ich muss sie heute unbedingt wieder sehen, sonst werde ich verrückt.

„Warum zappelst du denn so?“, zischt Markus mich an.

„Ich muss zum Pausenverkauf, direkt nach dem ersten Gongschlag.“

Markus schüttelt mit dem Kopf. „Warum? So hungrig?“

„Fuchs! Mayer! Ruhe!“, unsere Lehrerin starrt uns mit finsterer Miene an, als sie unsere Nachnamen ausspricht.

Ich zucke kurz zusammen, während ich die neuen Matheformeln von der Tafel in mein Heft abschreibe.

Markus haut mir seinen Ellenbogen in die Seite. „Hör auf zu zappeln!“

Ich stöhne vor Schmerz kurz auf, was erneut die Aufmerksamkeit unserer Lehrerin auf uns lenkt, doch dieses Mal schweigt sie. Ich will weiter abschreiben, doch dann ertönt endlich der Gongschlag!

Ich springe auf, mein Ziel direkt vor Augen. Das Mädchen hat schon fünf Minuten Vorsprung. Wenn ich mich beeile, sehe ich sie vielleicht noch!

„Herr Mayer!“

Ich zucke zusammen und bleibe stehen. „Ja, Frau Hauser?“

„Haben Sie alles mitbekommen, was ich gerade eben gesagt habe?“

Ich zögere.

„Der Pausenverkauf hat heute erst in der zweiten Pause geöffnet. Es gab ein Problem mit der Logistik. Es tut uns leid.“

Als Antwort auf ihre Aussage knurrt der Magen von Markus so laut, dass sogar ich, am anderen Ende des Klassenzimmers, ihn noch hören kann.

Ich habe schon den Türgriff in der Hand, bereit ihn zu betätigen. „Ich wollte sowieso nur auf die Toilette gehen.“ Ich öffne die Tür und lasse Frau Hauser und meine Klasse hinter mir zurück.



Melissa  „Oh man, ich habe so Hunger! Warum hat uns niemand gesagt, dass der Verkauf noch geschlossen hat?“

Ich zucke als Antwort auf Eva Marias Frage nur mit den Schultern.

„Gut, dass ich nie etwas mitnehme“, bemerkt sie ironisch.

„Ich kann dir was von meiner Breze abgeben“, schlage ich ihr vor.

„Gerne! Also, wenn das keine Umstände macht und du dann auch noch was zum Essen hast ...“

„Nein, das macht gar nichts“, beruhige ich sie.

Wir trotten wieder den breiten Gang entlang. Ehe ich registriere, was vor sich geht, ertönt der Gong und alle Klassenzimmertüren werden aufgerissen und lassen ihre Schülerinnen und Schüler auf den Gang stürmen. Bis auf eine Tür, weiter vorne.

Wir bewegen uns zügig vorwärts und kommen dieser Tür immer näher. Als wir direkt vor ihr stehen, wird sie aufgerissen.



Lukas  Als ich nach draußen auf den Gang schaue, glaube ich zu träumen! Sie steht direkt vor mir! Das neue Mädchen, das mir seit gestern nicht mehr aus dem Kopf geht. Einfach so!

Ich bleibe mitten vor der geöffneten Tür stehen und kann gar nicht anders, als sie einfach nur anzusehen. Ihre Augen strahlen mir schüchtern entgegen. Ihr Blick ist dennoch selbstsicher auf mich gerichtet, als würde sie mich genauso mustern, wie ich sie.



Melissa  Mir stockt der Atem: Es ist der fremde Junge, der seit gestern durch meinen Kopf geistert. Und jetzt steht er schlicht und einfach vor mir. Er sieht mich direkt an, funkelt mir mit seinen wundervollen blauen Augen entgegen, aber er sagt kein Wort. Er ist genauso sprachlos wie ich.

In diesem Moment weiß ich ...



Lukas  ... dass es mich sowas von erwischt hat!

Ihrer Begleitung scheinen unsere Blicke aufgefallen zu sein. Schließlich ist das fremde Mädchen kurz stehen geblieben, um mich anzusehen. Um mir direkt in die Augen zu sehen!

Es waren nur ein paar wenige Sekunden, in denen wir uns gegenüberstanden, doch tief in meinem Inneren, hat sie noch etwas anderes angestellt. Ich weiß nur noch nicht, was genau.

Jetzt gehen sie weiter, bis zum Ende des Gangs und dann die Treppe hinunter. Kurz bevor sie aus meinem Sichtfeld verschwindet, dreht sie sich nochmal nach mir um.



Melissa  Jetzt ist es amtlich: Ich mag diese Schule! Obwohl der Pausenverkauf ausfiel, der mich sowieso nur zu 50 Prozent kümmert. Schließlich habe ich Eva Maria die Hälfte meiner Breze geschenkt.

Sie nagt gerade vergnügt am Mittelstück und fragt mich über den fremden Jungen aus. „Seit wann kennst du ihn?“

„Gar nicht. Wir sind uns nur gestern auch schon kurz auf dem Gang begegnet.“

„Bei ihm hat‘s ja sowas von gefunkt! Er hat richtig gestrahlt, als er dich gesehen hat!“

Ich schaue sie an. „Ja, findest du?“

„Ja, der steht total auf dich!“, Eva Maria ist völlig aus dem Häuschen und lässt dabei ihre rotblonden Locken aufgeregt auf ihrem Kopf tanzen.

„Ich weiß nicht ...“

„Ach, Melissa! Das haben alle in drei Kilometer Entfernung genau gesehen!“, sie schluckt das Stück Breze runter. „Wie sieht‘s denn mit deinen Gefühlen aus, hm?“

Ich zögere, bevor ich antworte. „Er ist schon ganz süß ...“

„Schon ganz süß? Wenn du ihn nicht nimmst, schnappe ich ihn mir!“

Sofort unterbreche ich das Kauen und schaue sie entsetzt an.

„Ha! Erwischt! Du stehst auf ihn!“



Lukas  Klar denken ist gerade unmöglich. Selbst während der zweiten Mathestunde bei Frau Hauser. Ich sollte mich endlich auf andere Dinge konzentrieren, sonst komme ich gleich von Anfang an mit dem Unterrichtsstoff nicht mehr mit.

„Die Kleine steht auf dich“, zischt Markus neben mir.

Mein Puls beschleunigt sich. Wie hat er das mitbekommen? Ich ignoriere aber seine Worte. Ich will mir keinen weiteren Ärger mit unserer Mathelehrerin einhandeln.

Ich werde diese Schule hier erfolgreich abschließen, mir das fremde Mädchen schnappen, studieren, dem Mädchen meine Welt zeigen, einen Job ergattern, sie heiraten, Kinder bekommen, glücklich und alt mit ihr werden! Aber um das zu schaffen, muss ich einen Schritt nach dem nächsten gehen: Gute Noten schreiben und sie ansprechen.

Gute Noten klappen nur während des Unterrichts, Ansprechen innerhalb der Pausen. Heute ist Mittwoch, vielleicht hat sie heute auch Nachmittagsunterricht? Ich werde Ausschau nach ihr halten.



Melissa  Heute haben wir Sport am Nachmittag. Das ist die erste Schule, an der wir nachmittags Sport haben!

Voller Aufregung ziehe ich mich um. Schulsport war noch nie mein Ding. Ballsportarten schon, Leichtathletik geht auch noch einigermaßen, aber Geräteturnen? Nein, danke!

Als unsere Sportlehrerin verkündet, dass wir heute, an diesem warmen Tag des Spätsommers, raus auf den Hartplatz gehen und Ballspiele machen, bin ich total erleichtert.

„Was ist denn mit dir los?“, fragt mich Eva Maria vergnügt, während sie ihre Haare zu einem dicken Zopf zusammenbindet.

„Ach, ich bin froh, dass kein Geräteturnen stattfindet“, antworte ich.

Eva Maria kichert. „Noch nicht!“



Lukas

Meine Laune ist im Keller, allerdings nicht wegen BWR, sondern, weil ich sie in der Pause vor dem Nachmittagsunterricht, die ja meistens etwas länger angesetzt ist, nirgends gesehen habe. Eine Kantine haben wir nicht, nur einen Supermarkt in der Nähe. Wir waren wohl einfach nicht zur gleichen Zeit am gleichen Ort.

„Wenn ihr letztes Jahr in BWR gut aufgepasst habt, wird dieses Jahr ein Kinderspiel“, beruhigt uns Herr Hofer, unser Lehrer im Fach der Betriebswirtschaftslehre. Ich hatte ihn auch letztes Jahr schon und bin sehr gut mit ihm zurechtgekommen.

„Lukas, welcher Bereich bei BWR hat dich letztes Jahr am meisten beschäftigt?“

Ich grinse, als er mir plötzlich diese Frage stellt. Er weiß die Antwort doch selbst schon ganz genau. Schließlich hatte er alle meine offenen Fragen beantwortet und meine Prüfung als Zweitkorrektor geprüft. Es waren damals elf Punkte, die ich in der Abschlussprüfung ergattert hatte, entspricht also der Note Zwei.

„Die Abschreibungen waren sehr kompliziert“, antworte ich schließlich auf seine Frage.

Zufrieden über meine Antwort nickt Herr Hofer und wendet sich an den Rest der kleinen Klasse.

Wir bestehen hauptsächlich aus Jungs. Zehn Jungs, drei Mädchen. Für mehr Wirtschaftsbegeisterte, die ihr volles Abitur nachholen wollen, hat es nicht mehr gereicht. Schon Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass wir letztes Jahr über 30 Schüler waren.

Der Unterricht läuft schon seit gut einer halben Stunde, als es draußen plötzlich lauter wird. Mein Blick wandert aus dem Fenster, neben dem ich sitze. Als ich auf dem Hartplatz des Sportgeländes viele Mädchen laufen sehe, spüre ich, wie sich mein Puls beschleunigt.

Markus rammt mir erneut seinen Ellenbogen in die Rippen. „Sieh mal, da sind ja die heißen Schnittchen aus der Elften“, flüstert er mir zu. Kein Wunder, dass er wieder Single ist, wenn er so über junge Damen redet.

Mein Herz macht einen Satz, als ich das Mädchen meiner Träume ausmache. Dieses Mal, nachdem ich sie nochmal aus der Nähe gesehen hatte, erkenne ich sie sofort und ohne Verwechslungen. Ihre langen braunen Haare sind zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und sie trägt eine schwarz-weiße Sportkleidung.

Offenbar spielen sie jetzt Völkerball. Es haben sich zwei Teams auf dem Platz gebildet und die hintere Reihe wird jeweils von einem anderen Mädchen bewacht. Die junge Frau meiner Träume steht mit dem Rücken zu mir und starrt wie gebannt auf das Mädchen vor ihr, das bereits erfolgreich den Ball ergattert hat.



Melissa  „Ich krieg ihn, ich krieg ihn!“, Celina, das blonde Mädchen vor mir, ist gerade damit beschäftigt, eifrig nach dem Ball zu springen und hätte mich deswegen beinahe umgerannt. Gut, dass sie in meinem Team ist, dann habe ich vor ihr wenigstens nichts zu befürchten. Außer eben, dass sie mich umläuft.

Zack!

Cool! Ich habe, ohne es zu bemerken, den Ball gefangen! Na warte, jetzt hole ich uns eine der Feindinnen in den Seitenkasten!

Gedacht, getan. Ich habe ein Mädchen, das gerade unaufmerksam war, abgeschossen. Ihr Blick war die ganze Zeit auf die großen Fenster hinter uns gerichtet. Als sie meinen Schlag spürte, protestierte sie zum Glück auch nicht, sondern ging gleich in ihren neuen Bereich auf dem Spielfeld. Ich rechne fest damit, dass sie sich dafür bei mir rächen wird. Also muss ich jetzt besondere Vorsicht walten lassen.



Lukas  Ein Handy klingelt. Die Melodie ist die wohl größte Hymne von Queen. Da mein Smartphone eher Phil Collinsspielt, bin ich schon beruhigt, dass es nicht meins ist. Es ist sogar das von Herrn Hofer. Sein Musikgeschmack gefällt mir.

„Entschuldigt mich bitte“, er nimmt den Anruf an und verlässt augenblicklich das Klassenzimmer.

Das war das Stichwort für die Jungs unserer Klasse. Oder besser gesagt, all jene, die so denken wie Markus. Also alle, bis auf mich.

Sie beenden vorzeitig das Abschreiben von der Tafel, reißen die Fenster auf und setzen sich im angeberischen Stil auf das Fensterbrett. Sie beobachten die Mädels draußen und pfeifen den Mädchen nach, als ihnen eine davon den Hintern entgegenstreckt und mit ihm wackelt, als würde sie ihre tolle Figur zur Schau stellen wollen.

Ich verdrehe die Augen und linse unsicher hinter Markus‘ Rücken hervor, ob ich sie sehen kann.

Und tatsächlich: Ich erkenne sie, aber sie sieht mich nicht. Zum Glück! Schließlich will ich nicht, dass sie mich auch als Vollidioten abstempelt, so wie die Hampelmänner da neben mir.



Melissa  „Schwing die Hüften, Süße!“, brüllt einer der Jungs von oben und meint damit die große Blondine Clarissa, die ihren Körper aufreizend zur Schau stellt. Was für eine Tussi!

Ich habe einen richtigen Schrecken bekommen, als plötzlich die Fenster aufgerissen worden sind. Warum machen die das? Sollten sie nicht lieber im Unterricht aufpassen?

Insgeheim suche ich die neugierigen Jungs nach ihm ab, aber ich kann ihn nirgends entdecken. Was mich natürlich etwas enttäuscht.

Zack!

Mist! Ich spüre den Ball an mir abprallen und ich bin nicht mehr in der Lage, ihn zu fangen, bevor er den Boden erreicht. Ich war Vorletzte. Jetzt muss ich wohl zum Freigeist wechseln. Ich wollte lieber die Letzte sein, die übrig bleibt, aber insgeheim bin ich froh, jetzt auf der anderen Seite zu stehen. Schließlich muss ich nun keine Angst mehr haben, abgeschmissen zu werden, und ich kann die Jungs uns gegenüber beobachten. Sie gieren gerade so nach unseren weiblichen Körpern. Wie ekelhaft! Tief in meinem Inneren bin ich allerdings froh, ihn doch nicht unter den wahnsinnigen Spannern zu entdecken.

„Das sind übrigens die Jungs aus der W13!“, klärt mich Eva Maria auf, die neben mir steht und auch Mitglied meines Teams ist. Jetzt bin ich noch erleichterter, dass ich ihn nicht sehe.



Lukas  „Ach wie süß! Du versteckst dich ja voll!“, sagt Markus entzückt, als er mein Spähen hinter seinem Rücken bemerkt.

„Ja, aber bitte sag nichts!“, flehe ich ihn an.

„Hey Lukas, wir sind doch Freunde. Das würde ich nie tun.“

„Danke.“

„Nicht dafür.“ Er holt Luft. „Deine Kleine wurde aber gerade abgeschmissen und gehört jetzt zum Freigeistteam.“

Ich spähe erneut hinter seinem Rücken hervor. Er hat recht. Unsere Jungs am Fenster haben sie bestimmt erfolgreich abgelenkt.

Ich traue mich näher an die Fensterscheibe heran, um sie mir aus der Ferne genauer ansehen zu können. Sie hat eine normale Figur und wirkt auf mich sehr athletisch, obwohl sie nicht zu den dünnen Püppchen gehört. Ihr Zopf ist lang, fast bis zur Hüfte. Ihr Lächeln ist unverkennbar und sehr bezaubernd. Zumindest habe ich es so in Erinnerung. Sie könnte es wirklich sein, meine Auserwählte. Die optischen Kriterien passen auf jeden Fall. Jetzt muss ich nur noch ihre inneren Werte kennenlernen.







3. Kapitel



Melissa  Zu Hause angekommen, lasse ich meine Schultasche in die Ecke meines Zimmers plumpsen. Ich bin müde und möchte am liebsten schlafen oder ein Buch lesen, aber trotz des Nachmittagsunterrichts haben wir den ersten Hausaufgabenberg bekommen.

Ich bin aufgeregt wegen morgen. Die Lehrer wollen uns in den komplexen Bereich der Praktika einweihen. Ich bin ja schon sehr gespannt, wie das alles ablaufen wird und vor allem, wo es mich hin verschlägt.



Lukas  Schultasche in die Ecke, ein kurzes „Hallo“ an meine einsame Drei-Zimmer-Wohnung, und schon bin ich im Keller an meinem Schlagzeug.

Mein Onkel, der gleichzeitig auch mein Vermieter ist, hat mir sein Instrument geliehen. Es steht im Keller, damit ich den Nachbarn mit meinem lauten scheppernden Krach nicht auf die Nerven gehe.

Meine Eltern lieben mich zwar, haben aber beschlossen, dass ich – wie sie – selbstständig heranwachsen soll. Also wohne ich in einer Wohnung meines Onkels, zu einer ziemlich günstigen Monatsmiete, seit etwa zwei Jahren. Damals hieß es: „Lukas, ab deinem 18. Geburtstag wirst du dein eigenes Leben leben, denn da haben wir auch angefangen, uns zu einem erwachsenen Menschen zu entwickeln.“

Ich weiß nur leider nicht, ob es tatsächlich an der Lebenseinstellung meiner Eltern liegt oder mein Vater insgeheim immer noch sauer ist, dass ich seine Firma nicht übernehmen will. Und das auch noch als einziger Sohn! Aber Finanzberatung ist einfach nicht die Leiter, die ich in meiner Karrierelaufbahn erklimmen will. Das habe ich damals gespürt, als ich meine Ausbildung bei ihm begonnen habe. Dieser Berufsweg ist einfach nicht meine Welt. Es hat mich einiges an Kraft und Zeit gekostet, es meinem Vater so einfach wie möglich beizubringen, dass ich einen anderen Weg einschlagen möchte. Er hat es inzwischen ganz gut verkraftet, aber unsere Beziehung ist seitdem nicht mehr so wie vorher. Zudem ist er trotzdem noch etwas eingeschnappt, dass er mit mir nicht mehr vor anderen als sein „Sohn und Nachfolger seines selbst aufgebauten Imperiums“ prahlen kann.

Voller Vorfreude betrete ich meinen Musikraum im gemütlichen Keller des Hochhauses. Es ist so entspannend, nach der Schule ein paar gute Songs zu spielen, um wieder runter zu kommen, und sich den angestauten Stress des Alltages von der Seele zu spielen.

Ich habe vor, an „In The Air Tonight“ von Phil Collins weiter zu üben. Das Lied habe ich auch als Klingelton auf meinem Handy. Es gibt für mich keinen besseren Song.

Ich überlasse meinen Drums das Reden und spiele zum Aufwärmen frei aus dem Herzen heraus. Ich verliere mich ganz in der Musik. Mit jedem Schlag, den ich auf dem Instrument ausübe, spüre ich die Kraft durch meine Adern fließen. Es fühlt sich an, als wäre ich eins mit den Klängen, die ich erzeuge. Das ist die ideale Ablenkung für mein Bewerbungsgespräch morgen.



Melissa  Der Donnerstag vergeht ohne besondere Vorkommnisse. Wir erfahren alles über unser Praktikum: Auf was sollen wir achten? Was sind unsere Aufgaben? Wir bekommen sogar schon das Berichtsheft, in dem wir unsere Tätigkeiten im Unternehmen protokollieren und jede Woche, als Nachweis für unsere erbrachten Leistungen, unseren Chef oder Chefin unterschreiben lassen müssen. In drei Wochen wird uns ein Betrieb zugeteilt. Um die richtige Wahl treffen zu können, müssen wir einen Fragebogen für die Lehrer ausfüllen. Es betrifft den gewünschten Ort des Praktikums sowie die persönlichen Interessen.

Bei „Wo“ schreibe ich: Flussberg, Eisenthal und Umgebung. In Flussberg steht unsere Schule, in Eisenthal wohne ich.

Bei „Interessen“ schreibe ich: Tiere, Bücher, Musik, Kunst und Betriebswirtschaft.

Ich bin gespannt, welches Praktikum für mich ausgewählt wird. Ich bin da völlig offen für Neues und lasse mich überraschen. Bei dem Gedanken daran, für insgesamt neun Wochen pro Halbjahr nicht hier zu sein, zieht sich bei mir der Magen zusammen. Das bedeutet, dass ich den niedlichen fremden Jungen für insgesamt 18 Wochen nicht sehen werde.



Lukas  Jetzt ist es soweit: Es ist Freitagnachmittag und die Schule für diese Woche ist abgeschlossen. Leider habe ich das neue Mädchen heute nicht gesehen. Weder in der Früh, noch in den Pausen oder bei der Bushaltestelle.

Dafür stehe ich jetzt vor unserer örtlichen Buchhandlung. Es ist 15:00 Uhr und mein Vorstellungsgespräch startet jeden Moment. Bin ich aufgeregt? Nein. Okay, vielleicht ein wenig.

Die Schiebetür öffnet sich automatisch und ich schreite in das Geschäft. Sofort huscht mir der vertraue Ladenduft in die Nase und die Dame an der Kasse winkt mir erfreut zu. „Herr Mayer?“

Ich bin überrascht, dass sie mich gleich erkannt hat. „Ja?“

„Gehen Sie einfach hoch in den ersten Stock. Sie werden bereits erwartet.“

„Danke“, ich schlucke mehrfach einen Kloß im Hals hinunter. Ich darf das auf gar keinen Fall vermasseln! Buchhändler zu werden, ist schon mein Traumberuf seit Kindheitstagen. Die Tortur mit der 13. Klasse mache ich eigentlich nur, um mir alle Türen offenzuhalten. Schließlich ist diese freiwillig und ich kann sie abbrechen. Und man weiß ja nie, wie das Leben so läuft.



Melissa  Ich habe ihn heute nur ganz kurz gesehen. Beim Nachhauseweg. Er ist auch zur Bushaltestelle gegangen. Nur mit dem Unterschied, dass er in den Stadtbus gestiegen ist, nicht in den Linienbus nach Eisenthal.

Vielleicht wohnt er ja in Flussberg oder hatte noch Besorgungen fürs Wochenende zu machen? Ich würde ihn gerne näher kennenlernen, aber ich traue mich nicht. Ich bin viel zu schüchtern. Vor allem, wenn er so gut aussieht. Er hat bestimmt schon längst eine Freundin. Außerdem, was will er schon von mir? Dem kleinen Mädchen mit null Erfahrung?

Ich habe extra meine Kapuze hochgezogen, denn meine braunen Haare sind vereinzelt mit natürlich roten Strähnchen durchzogen und dadurch sehr markant. Er hätte mich so bestimmt schnell wiedererkannt. Das wollte ich nicht. Meine Absicht war, ihn einfach nur heimlich zu beobachten, um mir selbst über meine Gefühle klar zu werden.

Je mehr ich nach meinem Empfinden für ihn forsche, desto sicherer bin ich mir, dass er mehr sein könnte, als nur ein Junge aus der 13. Klasse. Er ist ... Es fühlt sich fast an, als wäre eine Art magisches Band zwischen uns. Ich hatte fast den Eindruck, als würde er nach mir suchen, als er sich beim Warten auf den Bus nach allen Richtungen umgedreht hat. Und wir haben den gleichen Kleidungsstil! Seine Lederjacke ist wundervoll und meiner sehr ähnlich.

Am liebsten möchte ich ihn umarmen und nie wieder loslassen, aber das geht frühestens wieder am Montag, falls ich es schaffe, über meinen eigenen Schatten zu springen, der sich so krampfhaft an mir festhält.



Lukas  Das Bewerbungsgespräch verlief gut. Sie haben mir die üblichen Fragen gestellt, mit denen ich schon gerechnet hatte:

Wie stellen Sie sich Ihre Stelle hier vor?

Warum wollen Sie im Buchhandel arbeiten?

Welche Qualifikationen bringen Sie mit?

Wie stellen Sie sich Ihren Berufsalltag vor?

Sie haben mich auch nach meinen Interessen befragt. Von meiner Leidenschaft fürs Schlagzeug waren alle sichtlich beeindruckt. Ich könne doch bei der Betriebsfeier spielen. Natürlich schlage ich so einen Vorschlag bei einem Vorstellungsgespräch nicht aus, aber mir ist schon etwas mulmig beim Gedanken daran, vor einem größeren Publikum zu spielen. Wäre mein Lampenfieber nicht, wäre vielleicht auch eine Karriere als Rockstar gar nicht so schlecht für mich.

Danach gab es noch einen Wissenstest. Das Thema: Geschichte. Offenbar wollten sie sichergehen, dass ich mich auch wirklich für das interessiere, was ich vorgebe.

Jetzt sitze ich im Hause meiner Eltern am Esstisch und unterhalte mich mit ihnen über den Schulstart und mein eben erlebtes Bewerbungsgespräch. Das neue Mädchen lasse ich weg. Ich rede mit ihnen ungern über Liebesthemen. Meine Mutter steigert sich sonst wieder in etwas rein, was noch überhaupt nicht sicher ist.



Melissa  Ich sitze in meinem Zimmer. Mein Handy liegt neben mir, in den Händen halte ich ein Buch: eine Liebesgeschichte. Irgendwie ist mir momentan total nach Lovestorys zu Mute. Vielleicht, weil sich gerade selbst eine Liebesgeschichte bei mir abzuspielen scheint. Wer weiß das schon?

Auf jeden Fall weiß ich, dass mir mein Lesestoff langsam ausgeht. Ich habe schon fast alle Bücher gelesen, die sich im Laufe der Zeit in meinem Bücherregal so angesammelt haben. Ich sortiere sie je nach Lust und Laune neu. Aktuell sind sie nicht nach Autor, sondern nach Farben eingeordnet. Die Farbtöne des Regenbogens lassen mein Zimmer so freundlicher und heller erstrahlen, aber ich glaube dennoch, dass ich sie bald wieder neu sortieren werde. Mit neuem Lesestoff! Ich muss unbedingt in den Buchladen in Flussberg und mir neue Bücher kaufen.

Meine Mutter ruft mich. Zeit zum Abendessen!

Ich sprinte nach unten ins Esszimmer und rieche bereits den Duft meines Lieblingsessens. „Schnitzel mit Pommes?“, frage ich aufgeregt in die Runde.

„Richtig!“, ruft meine Mutter als Antwort.

Voller Freude setze ich mich an den Tisch und genieße mit meinen Eltern und meiner kleinen Schwester Clara das Abendessen. Es ist Sonntag. Folglich bin ich ziemlich aufgeregt wegen morgen.

„Melissa, warum zappelst du denn so?“, fragt mein Vater.

„Zapple ich?“

Clara nickt aufmerksam. „Ganz doll!“, ruft sie.

Ich schaue hilfesuchend zu meiner Mutter. „Alles in Ordnung, Schatz?“

Ich nicke. „Ja, ich bin nur aufgeregt.“

Meine Mutter lächelt. Ich glaube, sie ahnt warum. „Willst du uns davon erzählen?“, fragt sie mich neugierig.

Ich schüttle mit dem Kopf. „Noch nicht. Erst, wenn es was zu erzählen gibt“, antworte ich und beiße von einem Pommes ab.







4. Kapitel



Lukas  Montag. Klassenzimmer. Aufregung. Zum einen, weil ich heute schon sicher eine Info von der Buchhandlung bekomme, bezüglich meiner Bewerbung, zum anderen, weil mir das neue Mädchen mal wieder im Kopf umher spukt. Ich möchte so gern ihren Namen erfahren! Vielleicht klappt es ja heute in der Pause?



Melissa  „Lass uns nach draußen auf den Platz gehen!“, schlägt Eva Maria vor, nachdem wir erfolgreich beim Pausenverkauf eingekauft haben.

„Okay, gern“, antworte ich und wir bahnen uns einen Weg nach draußen, an den Elft- und Zwölftklässlern vorbei. Auf einer freien Bank genießen wir schließlich die Sicht auf den Pausenhof.

„Ich bin schon so gespannt auf unser Praktikum!“, sagt Eva Maria aufgeregt.

„Ja, mir geht’s auch so“, während ich das sage, scheint mein Blick unbewusst über den Platz zu schweben, immer auf der Suche nach ihm.

„Du denkst an ihn, stimmt’s?“

„Ehrlich gesagt, ja. Er hat es mir irgendwie angetan“, sage ich ertappt.

Eva Maria kichert. „Das war kaum zu übersehen, aber ich fresse meine Hefte auf, wenn er nicht auch so über dich denkt. Das war ja ein wahnsinniger Moment, als ihr euch vor seinem Klassenzimmer in die Augen gesehen habt! Da kann man ja richtig neidisch werden.“

Der Gong ertönt und mein Herz hüpft vor Freude. Ab jetzt ist es möglich, dass er jeden Moment aus der Tür tritt.

„Danke für deine Aufmunterung“, sage ich zu meiner Begleiterin. Eva Maria ist super, eine richtige Freundin.



Lukas  Mit zitternden Händen und bebenden Füßen betreten Markus und ich den Innenhof. Ich fühle mich auf eine merkwürdige Art beobachtet. Es ist, als spüre ich ihre Anwesenheit. Als wäre in meinem Körper ein Kompass, dessen Magnetfeld auf sie ausgelegt ist und ich nur in die Richtung der Nadel blicken muss, um sie zu finden.



Melissa  Ich halte die Luft an. Alles in mir kribbelt. Ich habe das Gefühl, als könne ich seine Anwesenheit wahrnehmen. Klar und deutlich. Was Eva Maria mir gerade erzählt, blende ich aus. Ich starre nur auf die Tür in der Ferne und sehe, wie er ins Freie tritt. In Zeitlupe. Er dreht seinen Kopf in meine Richtung und sieht mir direkt in die Augen.



Lukas  Ich wusste es! Da vorne sitzt sie. Ihre Augen funkeln mir entgegen, wie der glänzendste Diamant, der je geschliffen wurde. Es sind gerade nur ein paar Meter, die uns voneinander trennen. Nur ein paar Schritte, die ich zurücklegen müsste, um sie anzusprechen. Doch trotz allem wirkt sie auf mich so weit entfernt, wie noch nie.



Melissa  Durch seinen direkten Blick in meine Augen fühlt es sich für mich an, als wäre ich jetzt erst richtig aufgewacht. Als hätte ich all die Jahre vor seinem Auftauchen geschlafen und mein Leben davor nur geträumt.



Lukas  Am liebsten möchte ich zu ihr gehen, aber eine innere Stimme hindert mich daran. Es fühlt sich an, als wäre jemand von uns noch nicht bereit. Ich weiß nicht, ob es an mir oder an ihr liegt.

Vielleicht auch an Markus neben mir, der mich, während er an seiner Semmel kaut, von der Tür wegzerrt. „Kann es sein, dass ‚Vor der Tür stehen bleiben‘ seit neuestem zu deinen Hobbys zählt?“, fragt er mich belustigt.

Ich nicke einfach nur, unfähig, auch nur einen Ton rauszubringen. Meine Aufmerksamkeit ist noch immer auf sie gerichtet. Als wäre ich wie besessen von ihr. Es macht mir schlagartig Angst und ich unterbreche widerstrebend unseren Blickkontakt.



Melissa  Ich fühle mich, als würde ich schweben. In der Luft! Tanzen auf den Wolken! Alles scheint plötzlich so einfach zu sein, alle Sorgen sind passé. Meine Lippen formen unbewusst ein Lächeln.

Doch statt eins zurückzubekommen, bricht er schlagartig unseren Blickkontakt ab. Jetzt fühle ich mich sofort anders. Merkwürdig leer, als hätte ich ein Loch in meiner Brust. Meine Magennerven ziehen sich zusammen und ohne Vorwarnung überkommt mich ein Gefühl des Hungers.

„Du hast ja deine Brote noch nicht angerührt!“, bemerkt Eva Maria.

Ich nicke.

„Alles in Ordnung?“

Ich nicke erneut.



Lukas  Mein Handy vibriert. Es ist eine lang gezogene Vibration. Die typische Meldung meines Telefons, für eingegangene E-Mails. Mein Herz macht einen Satz. Das könnte die Buchhandlung sein! Vor lauter Aufregung überhöre ich den ersten Gongschlag, der das Pausenende der Elfer und Zwölfer ankündigt. Ich ignoriere die Schülermassen, die neben mir ins Innere des Schulgebäudes zurückkehren und entsperre stattdessen mein Handy, tippe auf das E-Mail-Symbol und sehe eine neue Nachricht von der Buchhandlung „Bücherwürmer“ mit dem Betreff „AW: AW: Meine Bewerbung als Aushilfe“. Mein Herz hämmert in meiner Brust, als wolle es so schnell wie möglich aus meinem Körper fliehen.



Melissa  Wie blöd. Jetzt ist die Pause zu Ende und ich habe nicht mal eins meiner Brote gegessen. Widerstrebend stehen wir auf und gehen direkt ... auf ihn zu. Okay, vielleicht nicht ganz direkt, aber wir müssen durch die Tür in seiner unmittelbaren Nähe. Eva Maria ist ganz dicht bei mir. Ich werde mit jedem Schritt nervöser, so lange, bis ich unmittelbar neben ihm stehe, unfähig, meinen Blick von ihm abzuwenden. Es fühlt sich fast so an, wie letzte Woche vor seinem Klassenzimmer. Ich höre meinen Herzschlag in meinem Ohr pochen. Ob es ihm auch so ergeht?

Doch er sieht mich nicht an. Er starrt auf sein Handy. Der Junge neben redet aufgeregt auf ihn ein. „Und Lukas? Was schreiben sie?“

Lukas! Sein Name scheint Lukas zu sein!Sofort denke ich an meine Kinderbücher: „Jim Knopf und Lukas“. Die Helden meiner Kindheit.

Doch Lukas‘ Reaktion auf die Frage seines Freundes bekomme ich nicht mehr mit, denn wir sind schon im Inneren des Schulgebäudes. Meine Beine haben mich erbarmungslos weitergetragen, obwohl mein Verstand bei ihm stehengeblieben ist.



Lukas  „Sie nehmen mich!“, rufe ich laut, ohne Rücksicht auf Verluste.

Markus klatscht in die Hände. „Na also! Jetzt musst du dir nur noch das Mädchen schnappen und dann ist alles gut.“

Ich starre ihn an. „Ist die Pause schon vorbei?“

„Jep.“

„Und sie?“

„Ist gerade an dir vorbei gegangen.“

Ich erstarre. „Hat sie mich angesehen?“

„Sie konnte ihren Blick nicht von dir abwenden.“

Ich habe das Gefühl, eingefroren zu sein. Starr. Unfähig, auch nur zu atmen. Ich hätte ihr jetzt wieder so nah wie schon einmal sein können. Doch mein Handy lenkte mich ab. Ich habe den Job!



Melissa  „Vielleicht war die Nachricht wichtig, die er auf seinem Handy hatte, und er hat dich deswegen nicht bemerkt“, versucht Eva Maria mich zu beruhigen. Ich sitze auf meinem Platz, die Arme auf dem Tisch gekreuzt und meinen Kopf darauf thronend.

„Wenigstens kennst du jetzt schon mal seinen Vornamen und ich finde ihn mega schön“, ergänzt Eva Maria zur Aufmunterung.

„Ich auch“, antworte ich meiner Freundin und lächle.

„Hey, alles gut?“, fragt mich plötzlich eine Stimme von links.

Ich drehe meinen Kopf in die Richtung und sehe ein anderes Mädchen aus meiner Klasse. Sie war mir schon aufgefallen, weil sie immer alleine unterwegs war, schon seit Schulbeginn.

„Ja, alles gut“, antworte ich und setze mich zur Unterstreichung meiner Aussage wieder aufrecht hin.

„Supi“, antwortet sie. Ich glaube, sie heißt Helena.

Eva Maria und ich hatten am Mittwoch erfolgreich die einzige Dreiersitzgruppe des Klassenzimmers ergattert. Sie steht am besten Punkt innerhalb des Raumes: nicht zu weit vorne und nicht zu weit hinten. Den freien Stuhl neben Eva Maria, hat sie bisher immer für ihre Tasche benutzt. Sehr zur Freude ihres Rückens, da sie durch das viele Runterbücken zur Schultasche immer Schmerzen hatte.

„Ich habe gesehen, dass du immer alleine bist. Magst du dich vielleicht zu uns setzen?“, fragt Eva Maria die noch fremde Helena.

Die Angesprochene nickt. „Sehr gern, wenn ich darf. Ich bin übrigens Helena, Helena Schwarz“, stellt sich die Neue in unserem Gespann offiziell vor und setzt sich auf ihren neuen Platz.







5. Kapitel



Lukas  Ich stehe an der Bushaltestelle und warte auf den Stadtbus. Ich weiß noch nicht, ob ich jetzt nach Hause oder direkt in die Buchhandlung fahren soll. Sie waren so von mir überzeugt, dass ich am gleichen Tag meines Probetags sofort den Vertrag unterzeichnen darf.

Bringt es mir überhaupt noch was, weiterhin diese Schule zu besuchen? Doch ich entscheide mich für ja. Schließlich ist es noch gar nicht sicher, dass mir der Job auch wirklich gefällt.

Als ich aus dem Augenwinkel jemanden auf mich zukommen sehe, erstarre ich vor Schreck. Es ist sie.



Melissa  Ich gehe zur Bushaltestelle. Dieses Mal warte ich jedoch auf den Stadtbus. Ich möchte mir ja schließlich neue Bücher kaufen, Taschengeld dafür habe ich noch genug. Allerdings erstarre ich, als ich ihn sehe. Lukas. Er steht ganz alleine am äußeren Rand des Haltestellenhäuschens und sieht zu mir herüber.

Ich setze mich auf die Sitzflächen im Wartehäuschen. Eva Maria und Helena überqueren gerade die Straße weiter vorne und winken mir zum Abschied zu. Ich erwidere die Geste.



Lukas  Da sitzt sie. Schräg hinter mir. Und sie verabschiedet sich von ihren Freundinnen. Soll ich etwas zu ihr sagen? Ja! Nein. Ich weiß nicht, was. Vielleicht „Hallo“?

Ich halte den Atem an und wäge in meinem Kopf alle Vor- und Nachteile meiner potentiellen Handlungen ab. Schließlich überwiegt die positive Seite fürs Ansprechen und sonst bin ich doch auch nicht so schüchtern. Ich nehme all meinen Mut zusammen und drehe mich zu ihr um. „Hallo.“



Melissa  Ich erstarre vor Schreck. Hat er mich gerade angesprochen? JA! Ich öffne schon meinen Mund, um zu antworten, als plötzlich mein Handy klingelt. Sofort gehe ich ran.

„Hallo?“

Vor lauter Aufregung habe ich beim Annehmen gar nicht aufs Display geschaut. Die Hand, die mein Handy hält, zittert wie verrückt.

„Hallo Schatz, hier ist Mama!“



Lukas  „Oh hey, Mama! Was gibt’s?“, statt mir zu antworten, redet sie nun mit ihrer Mutter.

Ich lasse den Kopf hängen. Es hätte funktionieren können. Wir hätten jetzt zum ersten Mal miteinander reden können, aber leider hat sich das Smartphone gerade eher als Fluch erwiesen, als das Gegenteil zu beweisen. Dafür höre ich jetzt zum ersten Mal ihre Stimme. Klar und deutlich, als würde sie mit mir sprechen. Nur die Geräusche der vorbeifahrenden Autos übertönen ab und zu ihren Klang. Es ist eine Stimme, die ich immer hören könnte. Sie wirkt so beruhigend auf mich, als würde sie ein Lied singen, das mich fröhlich sein lässt. Sollte ich je eine Band gründen, müsste sie die Frontsängerin werden. Ich würde sie gerne mal singen hören. Wenn ihre Stimme beim Sprechen schon so klingt, wie wäre das dann erst singend auf einer Bühne?

„Okay, mache ich.“ Pause. „Ja, ist kein Problem. Dann gehe ich eben morgen in den Buchladen.“

Hat sie etwa gerade „Buchladen“ gesagt?



Melissa  Ein wenig traurig lege ich auf. Ich hatte mich schon so auf das Bücher-Shopping gefreut. Aber Mama muss länger arbeiten und jemand muss meine kleine Schwester vom Kindergarten abholen. Mein Vater ist auf Geschäftsreise. Also ist es für heute meine Aufgabe. Unsicher sehe ich zu Lukas hinüber. Er sieht auf die Straße und wirkt abwesend.

Ich höre das vertraute Geräusch eines Busses. Es sind sogar beide. Erst mein Linienbus nach Eisenthal, dann der Stadtbus in Richtung Stadtmitte Flussbergs. Lukas hat sie auch bemerkt.

Ich stehe auf und gehe wackelig Richtung Bürgersteigkante. Dadurch stehe ich direkt neben dem süßen Jungen. Er sieht mich an. Mein Bus kommt direkt mit quietschenden Reifen vor mir zum Stehen, der Stadtbus steht noch hinter der roten Ampel.

Die Bustür öffnet sich ratternd, doch vor dem Einsteigen zögere ich und sehe nochmal zu Lukas. „Hallo“, sage ich direkt zu ihm und lächle. Dann steige ich ein.







6. Kapitel



Lukas  Es ist Dienstag und ich bin gestern ein tolles Stück vorangekommen. Sie hat mit mir geredet! Zwar nur ein Wort, aber immerhin. „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen!“

Ich blicke auf die Uhr. Nur noch zwei Stunden, dann ist der Unterricht für heute zu Ende. Dann fahre ich in die Stadt und beginne mit meinem Probetag. Aber jetzt ist erstmal Französisch dran. Meine erste Stunde mit der neuen Sprache.



Melissa  Heute kann ich endlich Bücher einkaufen! Meine Mutter hat es mir versprochen, dafür, dass ich gestern wegen Clara ausgeholfen habe.

Voller Aufregung stehe ich wieder an der Bushaltestelle, doch von Lukas fehlt jede Spur. Dafür sind Eva Maria und Helena da. Sie begleiten mich in die Stadt.

„Ich freue mich schon aufs Wochenende“, sagt Helena aufgeregt.

„Warum das?“, fragt Eva Maria.

„Da feiere ich meine Geburtstagsparty!“

„Coool!“, Eva Maria und ich freuen uns für unsere neue Freundin.

„Ja, hihi. Was haltet ihr am Samstag von einer Übernachtungsparty bei mir? Nur wir drei?“

Mein Herz hüpft vor Begeisterung. Eva Maria und ich sagen aber erstmal zögernd zu. Ich muss zunächst noch meine Eltern fragen. Schließlich war ich noch nie über Nacht von zu Hause weg. Helena stellt das als Antwort auf ihre überraschende Einladung vollkommen zufrieden.



Lukas  „Jetzt müssen wir die neuen Bücher auspacken. Magst du mir dabei helfen, Lukas?“

„Natürlich!“, juble ich fast, nehme meiner Kollegin Jessica, die mich anlernt, den Karton aus der Hand und trage ihn selbst nach oben.

„Schön, dass wir jetzt einen so starken Mann an unserer Seite haben.“ Offenbar sind ihr meine Armmuskeln aufgefallen, die ich mir jahrelang im Fitnessstudio antrainiert habe.

Ich grinse vergnügt. „Ich helfe, wo ich kann.“



Melissa  Ich betrete den Buchladen und sauge sofort die Luft in mich ein. Ich liebe den Geruch von Büchern!

In der Abteilung für Jugendbücher schaue ich mir die Covers an, die nach einem Liebespaar aussehen. Es gibt sogar eine ganze Menge davon. Schnell habe ich einen Stapel von fünf unterschiedlichen Büchern in meinen Armen, jedes mit einer anderen Liebesgeschichte.

Voller Stolz über meine Ausbeute, schlendere ich zur Kasse, dabei weiche ich auch einigen Kunden aus, die in die ausgelegten Bücher vertieft sind. An der Kasse angekommen, lasse ich vor Überraschung fast meine Bücher fallen. Lukas steht hinter dem Tresen!



Lukas  „Wenn du die Bücher abgescannt hast, werden die Preise sofort angezeigt. Du musst dann zunächst dem Kunden nur den Endpreis laut vorlesen und ihm unseren aktuellen Katalog anbieten. Verstanden?“

Ich nicke, als Jessica ihre Erklärung beendet. Sie zeigt auf den Stapel mit den dicken Heftchen. Unsere Neuerscheinungen, zusammengefasst in einem Bildband. „Oh, perfekt! Da ist ja schon die erste Kundin, bei der du jetzt üben kannst!“, ruft meine junge Einweiserin entzückt.

Ich schaue auf.



Melissa  Er läuft rot an, als er mich erkennt. Rot wie die Ampel vor unserer Haltestelle. Jedoch bin ich mir ziemlich sicher, dass meine Gesichtsfarbe auch nicht aus anderen Farben besteht.

„Hi“, bringe ich nur heraus.



Lukas  „Hi“, antworte ich.

Sie legt die Bücher auf den Tresen und sieht mich erwartungsvoll an.

„So, Lukas. Jetzt scannst du jedes einzelne Buch ab.“

Ich befolge Jessicas Befehl mit zitternden Händen. Es ärgert mich, dass mich das Mädchen so sieht. Ich hätte gern noch mehr Übung gehabt, bevor sie bei uns einkauft. Trotz meiner hart trainierten Muskeln komme ich mir nun wie ein schwacher Jüngling vor.



Melissa  Er scannt problemlos jedes meiner neuen Bücher ab und verhaspelt sich bei der Aussprache des Preises, was er durch ein Lächeln, Räuspern und erneutes Aussprechen wieder wettmacht. Ich lächle ihn schüchtern an und strecke ihm die genannten 60,45 € in Scheinen und Münzen entgegen. Er lächelt verlegen zurück und gibt mir das Wechselgeld raus, stets unter Anweisungen der Dame neben ihm.

„Danke für deinen Einkauf“, sagt er schließlich.

Mein Lächeln wird breiter. „Gerne.“



Lukas  Als sie gegangen ist, ergattere ich gleich eine Standpauke von Jessica. Ich habe den Katalog vergessen und ich solle die Kundschaft gefälligst siezen.

„Ich kenne sie“, sage ich nur und rechtfertige damit meine Tat.

Jessica lächelt. „Ja? Das habe ich mir schon fast gedacht.“







7. Kapitel



Melissa  Heute ist Mittwoch und wir haben Nachmittagsunterricht mit Leichtathletik. Ich bin erleichtert. Ein weiteres Mal. Ich frage mich nur, wie lange noch. Eva Maria, Helena und ich bilden bei der Aufwärmübung ein Team. Ich schiele immer wieder zum Fenster, wo letzte Woche die Jungs waren. Doch heute ist alles still.



Lukas  Herr Hofer wiederholt gerade die Buchungssätze. Meine Noten waren bei diesem Thema nie schlecht, daher habe ich kein schlechtes Gewissen, als ich ihn und den Unterricht fast vollständig ausblende.

Ich sehe runter zum Sportplatz und beobachte jede ihrer Bewegungen. Langsam habe ich wirklich das Gefühl, als wäre ich besessen von ihr.

„Lukas! Wenn der Kunde unsere Rechnung begleicht, wie lautet dann der Buchungssatz?“

Prompt werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Herr Hofer kennt mich, er weiß leider ganz genau, wann ich abwesend bin.

Ich schaue meinen Lehrer kurz verwirrt an, bin aber schnell wieder bei der Sache. „Bank an Forderungen. Bank wird im Soll mehr, Forderung wird im Haben weniger. Beide sind Aktivkonten.“

Mein Lehrer ist sichtlich zufrieden. „Sehr gut, Lukas.“

Er schreibt meinen eben gesagten Buchungssatz an die Tafel. Als er fertig ist, dreht er sich erneut um. „Ihr habt euch jetzt eine Pause verdient. Ich muss schnell etwas erledigen.“

Ehe ich begreife, was er gesagt hat, ist er aus dem Klassenzimmer verschwunden und die anderen Jungs reißen wieder die Fenster auf.



Melissa  Ich laufe los, zähle meine Schritte mit, springe genau vor der Linie ab und schwebe kurzzeitig in der Luft.

Als ich lande, kommt sofort meine Lehrerin auf mich zu und misst die Stelle, auf der ich angekommen bin. „2,40 Meter, ganz okay“, sagt sie nur.

Ich glaube, sie hat schon bemerkt, dass Schulsport nicht wirklich zu meinen Talenten gehört. Ich lache in mich hinein. Schließlich ist das eine Erkenntnis, die ich selbst schon vor Jahren gemacht habe.

Plötzlich höre ich Pfeiftöne aus Richtung der Fenster. Es sind schon wieder die lästigen Jungs aus der 13.



Lukas  Ich verstecke mich hinter Markus.

„Warum willst du eigentlich nicht, dass sie dich sieht?“

Ich schlucke. „Ich will nicht mit den Idioten da neben mir gleichgestellt werden“, flüsterte ich Markus zu.

Doch ich bereue mein anscheinend doch nicht so leises Flüstern sofort.

„Wen nennst du hier einen Idioten?“, fragt plötzlich eine Stimme von weiter vorne. Sie gehört Leon, der sich wie ein stolzer Gockel vor mir aufstellt und die Brust rausdrückt, als müsse er mit mir einen Revierkampf veranstalten.

Er hat dunkelbraunes volles Haar, dicke Augenbrauen und einen Dreitagebart. Der Ohrring an seinem linken Ohr rundet sein Aussehen perfekt ab. Perfekt, um der Frauenschwarm der gesamten FOS zu sein. Die Mädchenherzen fliegen gerade so nach ihm.

„Niemanden“, sage ich nur, unbeeindruckt von seiner Aufführung.

„Niemand legt sich mit Leon an, klar? Das bereust du noch!“

Ich balle meine Hände zu Fäusten, reiße mich aber dann zusammen.

„Och, hat da wer Schiss?“, fragt Markus plötzlich gereizt zurück.

„Ja, du, Fuchsfresse“, antwortet Leon und beweist damit sein Niveau. Er ist vielleicht von außen top, aber von innen eher ein Flopp.

Ich schaue wieder runter zu den Mädels und halte Markus am Arm fest, um ihn davon abzuhalten, etwas Unüberlegtes zu tun. Wir wissen beide, dass ich der Einzige bin, der meinen besten Freund beleidigen darf.

Leon streicht sich über seine Haare und dreht kurz an seinem Ohrring herum. „Wisst ihr, was ich mache, Jungs?“ Seine Kumpels jubeln ihm entgegen. „Ich werde eine Kleine von da unten klarmachen. Am besten die, die unserem BWR-Streber so viel bedeutet. Oder warum willst du nicht gesehen werden?“

Er grinst mich an, im Glauben, der Überlegene von uns beiden zu sein. Und das nur, wegen seines Aussehens und weil sein Vater Polizist ist.

Meine Zehennägel rollen sich bei dem Gedanken daran auf, dass er meinem Mädchen etwas antun könnte. Ich muss sie jetzt wohl – besonders in seiner Anwesenheit – ignorieren, wenn ich sie beschützen will.



Melissa  Die Fenster der Jungs sind geschlossen, der Sportunterricht zu Ende. Wir gehen in die Umkleidekabinen und haben dann für den Rest des Tages frei.

Es dauert nicht lange, bis ich mit meinen beiden Freundinnen an der Haltestelle stehe. Ich stehe zwischen ihnen und flechte mir meine Haare gerade zu einem neuen Zopf zusammen, da der vorherige beim Sport wieder aufgegangen war. Ich warte auf meinen Bus nach Hause.

Plötzlich schleichen Lukas und sein Freund an uns vorbei, aber er würdigt mich keines Blickes. Hinter ihnen trottet ein hübscher junger Mann her. Er gehört zu den Jungs, die ständig aus dem Fenster brüllen. Und trotz seines attraktiven Aussehens, ist er mir sofort unsympathisch.

Meine Freundinnen wissen ganz genau, was ich gerade denke. Eva Maria hat Helena schon längst über mich und Lukas eingeweiht und ich habe ihnen bereits von unserem Treffen beim Buchladen erzählt und dass ich seinen Namen jetzt sicher kenne.

Der unbekannte Mann quatscht Lukas von der Seite an und wir Drei lauschen gespannt.

„Na, wer ist sie denn? Das Mädchen, das du ständig anstarrst? Meinst du, ich merke das nicht?“

Lukas ignoriert ihn, doch das schüchtert den provokativen Mann nicht ein, ganz im Gegenteil.



Lukas  „Na sag schon, Romeo! Wer ist deine Julia? Ist sie aus der Elf? Oder der Zwölf?“

Diese Bemerkung kann ich irgendwie nicht auf mir sitzen lassen und ich antworte ihm schließlich doch. „Oh, hat da etwa jemand Shakespeare gelesen?“

Markus neben mir unterstreicht meinen Satz mit einem breiten Grinsen in seine Richtung. Warum fragt er mich das überhaupt? Nachdem er mich so beobachtet, dachte ich, er kennt meine Angebetete bereits oder will er mich nur aus der Reserve locken? Vor ihr? Doch diesen Triumph gönne ich ihm nicht.

„Lesen? Das ist doch so ein schreckliches Hobby von dir, habe ich recht?“, er fletscht seine makellosen Zähne.

Jetzt schaltet sich Markus ein. „Du bist einfach nur neidisch.“

Leon wendet sich an ihn. „Neidisch? Auf den?“ Er zeigt mit dem Finger auf mich.

Ich zucke nur mit den Schultern und schaue heimlich im Augenwinkel zu dem Mädchen und ihren Freundinnen rüber. Sie schweigen und starren auf die Straße. Ich vermute, dass sie unser Gespräch belauschen.

„Ja, auf den“, antwortet Markus dem von sich selbst eingenommenen Leon.

„Pah! Das ich nicht lache! Ich soll auf den eifersüchtig sein? Den, der seit seiner Geburt solo ist?“ Er schnaubt belustigt.

„Ja. Das zeigt nämlich von Größe im Gegensatz zu einem Kerl, der seit seiner Geburt schon das zehnte Mal wieder Single ist!“, Markus‘ Konter kam ihm schwungvoll über die Lippen und lässt Leon kurzzeitig verstummen.

„Tja, ich bekomme sie eben alle“, antwortet er.

„Und du lässt sie danach fallen wie eine heiße Kartoffel“, mische ich mich schließlich wieder ein.

Jetzt kommt Leon erneut auf mich zu. Er plustert sich vor mir auf, als wäre er kurz davor mich anzuspringen. „Ich habe eben einen guten Geschmack.“

„Der zu wünschen übriglässt“, sage ich.

„Er wechselt halt andauernd! Neuer Geschmack, neue Frau“, er sieht mich eindringlich an. „Nur bei deinerKleinen wird es anders.“

Dann dreht er sich um und geht, als hätte er mir nur ein schönes Wochenende gewünscht.



Melissa  Je mehr Zeit in diesem Gespräch vergeht, desto tiefer lehne ich mich an die Innenwand des Haltestellenhäuschens. Als Leon schließlich abhaut, bin ich erleichtert.

Wahnsinn! Lukas hatte noch nie eine Freundin und damit also null Erfahrung mit Beziehungen! Genau wie ich! Aber wen meinte Leon mit „deiner Kleinen“?

„Hey Melli, ist das nicht dein Bus?“, reißt mich Helena plötzlich aus meinen Gedanken.

Ich stehe vor Schreck auf und sehe nur noch, wie meine Mitfahrgelegenheit in voller Geschwindigkeit an mir vorbeifährt, ohne die Absicht noch anzuhalten.

Mist! Und jetzt?

Der Stadtbus ist kurz vor ihm abgefahren. Mit Lukas und seinem Kumpel an Bord.

„Der nächste Stadtbus geht in 10 Minuten“, sagt Eva Maria.

„Und der nächste Linienbus nach Eisenthal in zwei Stunden“, ergänze ich und seufze.

„Wir begleiten dich in die Stadt und gehen ein Eis essen. Da fährt dein Bus doch auch vorbei, oder?“, schlägt Helena vor.

Ich nicke.

Gesagt, getan. 10 Minuten später sind wir, mit Rädern unter den Füßen, auf dem Weg zur Eisdiele.

Dort angekommen, bestelle ich mir erstmal ein großes Eis mit drei Kugeln: meine Lieblingssorten Schokolade, Vanille und Haselnuss. Meiner Mutter habe ich telefonisch Bescheid gegeben, dass ich mich nach der Schule noch mit meinen Freundinnen treffe. Ich habe schwören müssen, dass ich den nächsten Bus nach Eisenthal nehme. Das hätte ich so oder so gemacht. Natürlich habe ich verschwiegen, dass ich wegen meines Schwarms den Bus verpasst habe.

„Also wenn ihr mich fragt, steht Lukas definitiv auf dich, Melli“, Helena schleckt an ihrer Eiskugel, nachdem sie ihre Meinung kundgetan hat.

Eva Maria nickt. „Das sehe ich ganz genauso. Ihr beide wirkt jedes Mal wie hypnotisiert, wenn ihr auch nur ansatzweise in der Nähe des anderen seid.“

„Ja, kann schon sein“, antworte ich nur. „Aber hey, wie ist das denn eigentlich bei euch? Seid ihr auch verliebt?“, ich versuche unauffällig, das Thema zu wechseln.

Helena grinst mich an. „Also doch! Du gibst es also zu!“

„Was?“

„Na, dass du verliebt bist!“, sagt Helena lachend.

„Ja, bis über beide Ohren“, antworte ich und lache.

Helena und Eva Maria lachen mit. Es ist ein ehrliches und liebevolles Lachen. Ich kann es immer noch kaum glauben, endlich Freundinnen gefunden zu haben.

„Ich hatte mal einen Freund, aber es ist aus zwischen uns“, sagt Helena plötzlich.

„Echt? Wen? Und warum?“, fragt Eva Maria neugierig nach.

„Na ja, nicht so wichtig. Er ist mir fremdgegangen und er ist es nicht wert, auch nur noch ein Wort über ihn zu wechseln.“

Helena war deutlich.

Eva Maria erzählt uns, dass sie einen Freund habe. Er heißt Fabian, studiert bereits und er sei ihre große Liebe. Mehr bekommen wir zunächst nicht aus ihr heraus. Insgeheim bin ich ein wenig eifersüchtig, aber ich freue mich natürlich für sie. Ich kann es kaum erwarten, selber einen Freund zu haben.

„Anderes Thema, seid ihr schon gespannt auf eure Praktikumsstelle?“, sagt Eva Maria plötzlich, nachdem sie uns ein Pärchenfoto gezeigt hat.

Kaum das Thema „Liebe“ abgehakt, ist sie wieder voll und ganz im Leben eines Strebers versunken. Helena und ich haben schon bemerkt, dass Eva Maria unglaublich gerne lernt und fleißig ist. Davon könnten wir uns definitiv eine Scheibe abschneiden. Aber ihr Freund ist wirklich niedlich und sie sehen auf dem Bild sehr glücklich zusammen aus.

„Ja, ich bin schon sehr gespannt“, antworte ich auf die Frage zum Praktikum. Meinen Freundinnen ergeht es nicht anders.

Nach einer Stunde und 30 Minuten Quatschen, machen sich beide auf den Heimweg und lassen mich an der Haltestelle neben der Eisdiele zurück.







8. Kapitel



Lukas  Ich verlasse den Buchladen, beflügelt von der Überzeugung, meinen Traumjob definitiv gefunden zu haben. Das Einzige, was mich gedanklich noch an diese Schule bindet, ist sie.

Kaum bin ich um die Ecke gebogen, sehe ich einige Passanten mit einem Eis an mir vorbeilaufen. Ich lasse meinen Blick zur Quelle der „Eisesser“ wandern. Ein Eis wäre wirklich mal wieder schön. Ich könnte sie doch mal auf ein Eis einladen. Jedoch fällt mir schlagartig Leon wieder ein. Nein. Ich kann sie jetzt nicht danach fragen. Ich muss sie beschützen. Und das geht momentan nur durch Ignorieren.

Plötzlich spüre ich ein Augenpaar auf mir ruhen, ein ganz bestimmtes Augenpaar. Ich sehe auf und entdecke jemanden an der Haltestelle unmittelbar neben der Eisdiele.

Es ist sie. Verfolgt sie mich etwa?

Ich muss direkt an ihr vorbei gehen, um nach Hause zu kommen. Es gäbe auch einen Umweg, aber um diesen einzuschlagen, bewege ich mich bereits zu schnell vorwärts. Also steuere ich schnurstracks auf sie zu und setze meine Sonnenbrille auf.



Melissa  Ich halte die Luft an. Es ist Lukas! Er kommt direkt auf mich zu! Doch je näher er kommt, desto mehr beschleunigt er sein Tempo. Er muss sich direkt an mir auf dem Bürgersteig vorbeidrücken, wenn er nicht auf die Straße treten will.

Er trägt seinen blauen Rucksack auf dem Rücken, die Hände in die Taschen seiner Lederjacke gesteckt. Als er direkt an mir vorbei geht, dreht er seinen Kopf von mir weg und schaut auf die Straße. Vielleicht sieht er mich durch seine Sonnenbrille nicht?

Mein Herz flattert vor Aufregung. Ich wollte ihn schon begrüßen, doch etwas hindert mich daran.

Als wir in unmittelbarer Nähe zueinander sind, fühlt es sich an, als könne ich seinen Herzschlag spüren. Und auf mich wirkt es als würde es ihm genauso gehen. Doch er schleicht nur an mir vorbei, als wäre ich nichts anderes als eine Fremde, die an einer Bushaltestelle steht.



Lukas  Ich sitze an meinem Schlagzeug. Ich muss über meine Gefühle sprechen, aber nicht mit Worten, nur mit Noten. Ich benutze die Becken, die Trommeln, dann alles zusammen und gleichzeitig. Erst nach Lust und Laune, dann nach einer durch Noten vorgegebenen Melodie.

Ich denke an sie und an ihre wunderschönen blauen Augen.

Ich denke an ihren Blick, als ich an ihr vorbei gegangen bin.

Ich spüre den Atem von Leon in meinem Nacken.

Ich spiele weiter, singe heute sogar dazu. Dabei ist es mir vollkommen egal, ob ich den Ton treffe oder nicht. Ich singe einfach das, was gerade aus mir herauskommt. Mit voller Leidenschaft. Als wäre ich auf einer Bühne mit einer jubelnden Menge. Ich lasse alles raus: Meine Wut, meinen Hass, meine Liebe. Ich spiele so lange, bis meine Arme schmerzen.







9. Kapitel



Melissa  Am nächsten Tag sind wir alle aufgeregt. Ich habe meinen Freundinnen gestern Abend noch während des Busfahrens über im Chat erzählt, was passiert ist. Natürlich haben sie mich sofort getröstet. Ich bin so froh, dass ich sie habe. Heute sind wir allerdings nicht deswegen aufgeregt, sondern, weil unsere Lehrer verkünden wollen, wohin wir den Wandertag unternehmen werden. Auf diesen habe ich nur Lust, weil ich meine Freundinnen habe. Alleine wäre es langweilig. Und insgeheim wegen ihm. Trotz des Schmerzes, den er gestern bei mir ausgelöst hat.

„Also, da der Wetterbericht eher schlechtes Wetter vorausgesagt hat, werden wir ins Kino gehen“, sagt unsere Lehrerin Frau Wolf und ich kann meinen Ohren nicht trauen! „Der Wandertag ins Kino findet nächste Woche am Donnerstag statt. Am Freitag drauf bekommt ihr eure Praktikumsstellen zugewiesen.“

Als jemand aus der Klasse fragt, ob nur unsere Klasse ins Kino gehe, antwortet unsere Lehrerin, dass sie nicht wisse, wer noch mitkomme. Sie habe im Lehrerzimmer nur etwas von einer 13. Klasse aufgeschnappt. Insgeheim hoffe ich, dass es sich bei der 13 um die Klasse mit Lukas handelt.

Dann stimmen die Schüler noch über einen Film ab. Doch dieser ist mir vollkommen egal, solange eine kleine Chance besteht, dass ich ihn mir gemeinsam mit ihm ansehen kann.



Lukas  Ein freudiges Raunen fährt durch die Klasse, als Herr Hofer bekannt gibt, dass wir dieses Jahr am Wandertag ins Kino gehen werden.

Ich schmunzle. Wäre schon irgendwie cool, wenn unsere Klasse gemeinsam mit der Klasse des Mädchens ins Kino gehen würde. Ich könnte mich unauffällig neben sie setzen und auch Leon würde davon nichts mitbekommen, falls wir einen spannenden Streifen anschauen. Aber sie wird mit Sicherheit von ihren Freundinnen umschwärmt sein. Es wird mir kaum möglich sein, während des Films, ein paar Reihen davor oder dahinter, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Eigentlich könnte mir Leon egal sein. Ich könnte sein billiges Getue ignorieren, aber dazu habe ich zu viel Respekt vor ihm. Beziehungsweise, vor seinem Vater. Herr Krause ist der beliebteste Polizist der Gegend und arbeitet direkt beim Hauptquartier von Flussberg. Dadurch genießt sein Sohn in etwa eine Art Diplomatenstatus. Mit seinem Vater will sich niemand anlegen und wenn er der Meinung ist, dass sein Sohn unschuldig ist, dann ist das auch so. Da gab es in der Vergangenheit schon genug Vorfälle, die dies beweisen. Wenn er also meiner Angebeteten etwas antun würde und ich Beweise dafür hätte, könnte man ihn dafür zur Rechenschaft ziehen. Aber ich würde sie niemals dafür opfern oder irgendwen anderen.



Melissa  Während des Matheunterrichts bin ich offenbar die Einzige, die sich ausnahmsweise mal auf das Geschehen an der Tafel konzentriert. Alle anderen Mädchen, besonders Celina und Clarissa, sind wild am Tuscheln. Das hat schon angefangen, seit Frau Wolf vor ein paar Stunden die Ankündigung mit dem Kino ausgesprochen hat. Eigenartig. Nachdem ich ein paar Gesprächsschnipsel auffangen konnte, bin ich der festen Überzeugung, dass es um Jungs geht.

„Sie reden über die Jungs der 13er“, flüstert Eva Maria.

„Über die Jungs, die immer am Fenster stehen?“, wispert Helena.

„Ich glaube schon“, antwortet Eva Maria leise.

Insgeheim hoffe ich, dass sie recht haben. Wenn sich die Zicken unserer Klasse für andere Jungs als meinen Lukas interessieren, ist mir ihr Gesprächsthema egal.

Das Handy auf dem Lehrerpult vibriert und Frau Huber sieht sofort auf das Display. „Ich bin gleich zurück. Wir haben eine kurze Besprechung im Lehrerzimmer“, bevor sie sich auf den Weg begibt, blättert sie durch unser Mathebuch. „Schlagt mal bitte das Buch auf Seite 15 auf und macht bitte die Aufgaben 2a und 3b. Ich bin gleich zurück.“ Und schon ist sie verschwunden.



Lukas  Kaum hat unser Lehrer das Zimmer verlassen, beherrscht wieder eine bestimmte Lautstärke das Klassenzimmer. Markus zeigt mir ständig süße Katzenbabys auf seinem Handy. Als er mir das Bild mit einer kleinen Katze auf dem Rücken eines Hundes zeigt, bebt sein Brustkorb aufgeregt. Er kann sich so über dieses Bild amüsieren, dass ich mich an seinem Verhalten erheitere und meine Sorgen für den Moment einfach mal vergesse. Ehe ich ihn fragen kann, woher er ständig diese Fotos bekommt, wird die Tür aufgerissen und alle verstummen augenblicklich.

„Entschuldigt bitte, dass ich so schnell weg war. Wir hatten eine Besprechung bezüglich des Wandertags ins Kino“, Herr Hofer setzt sich auf den Lehrerstuhl und sieht erwartungsvoll in die Klasse. Wir sehen ihn nur fragend an, gespannt auf die Informationen, die er uns gleich liefern wird.

„Es ist so, dass wir Lehrer aus den letzten Jahren lernen wollen. Es gab, trotz unseres hohen Bildungsstandes, viele Feindseligkeiten zwischen den vereinzelten Klassen. Ganz egal, welcher Jahrgangsstufe. Ihr habt das bestimmt mitbekommen.“

Ich erinnere mich düster daran. Der letzte Dreizehner-Jahrgang war sogar so unmöglich, dass sie Elftklässler auf den Toiletten eingesperrt hatten, die Lehrer beschimpft und Hetzgruppen in Social Media Netzwerken eröffnet haben. Unsere Lehrer waren fast machtlos. Ich bin froh, dass sich unser Lehrerkollegium jetzt Gedanken über so etwas macht und es nicht einfach unter den Teppich kehrt, um vor bestimmten Regierungsleuten in einem besseren Licht zu stehen.

„Deswegen sind wir uns einig, grundlegend etwas verändern zu wollen. Wir möchten nicht mehr nur in Jahrgangsstufen denken, sondern als eine gemeinsame Schule. Deswegen planen wir, dass die Elft-, Zwölft- und die Dreizehntklässler gemeinsam ins Kino gehen. Jeweils die Sozialklassen, die Wirtschaftsklassen, also wir, und die Technikerklassen sollen je einen Kinosaal besetzen und gemeinsam einen Film ansehen. Aus Übungszwecken sogar auf Englisch. Das ist alles schon mit dem Kino in Flussberg vereinbart. Vielleicht können wir auf diese Art den Zusammenhalt stärken, zumindest innerhalb der Zweige. Vielleicht trauen sich dann die schwächeren Schüler der elften Klasse auch mal jemanden, zum Beispiel, aus eurer Klasse bezüglich Nachhilfe anzureden. Das würde auch uns eine Menge Arbeit ersparen“, Herr Hofer lächelt zufrieden, als er den Vorschlag der Lehrer preisgibt.

Und ich lächle mit ihm, weil ich weiß, was das bedeutet. Schließlich hat Markus zufällig aus sicherer Quelle erfahren, dass sie auch eine Schülerin im Wirtschaftszweig ist.



Melissa  „Melissa, du weißt, was das heißt, oder?“, fragt Eva Maria aufgeregt, nachdem uns Frau Huber die Neuigkeit bezüglich des Kinos verkündet hat.

„Ich glaube, sie weiß es nicht“, bemerkt Helena belustigt, als sie meine Unsicherheit bemerkt.

Eva Maria rempelt mich an und lacht. „Na Lukas! Er geht auch in die Wirtschaftsklasse“, klärt sie mich auf.

Ich starre sie an. „Woher weißt du das?“

„Erinnerst du dich an die Tür, wo ihr beide euch gegenseitig angesabbert habt? Im Schulgang? Auf dem Schild neben der Tür stand ‚W13‘.“

Mein Herz bebt vor Aufregung, als ich begreife, was das bedeutet: Wir werden im gleichen Kinosaal sitzen!







10. Kapitel



Lukas  Seit der Ankündigung gibt es keine ruhige Minute mehr in unserer Klasse. Selbst im Unterricht wird diskutiert, wer neben wem sitzt. Die Schulsprecher, die wir bereits am Montag gewählt haben, waren sogar so von der Idee beeindruckt, dass sie uns von dem Plan überzeugt haben, dass sich jeder einen Sitzpartner aus der anderen Klasse suchen soll. Vollkommen egal, ob Junge oder Mädchen. Es bringt uns zwar nichts, wenn wir während des Films still nebeneinandersitzen und dem Film in englischer Sprache lauschen, aber wir sollen danach eine Pärchenarbeit bilden und einen Fragebogen zum Film ausfüllen. Darauf gibt es Noten in Englisch. Alle sind begeistert von dieser Idee und ich sollte es auch sein. Jedoch gibt es in meinen Augen zwei Probleme:

1. Wie soll ich das Mädchen fragen, ob sie mit mir den Film ansehen will, wenn ich nicht mal ihren Namen kenne?

2. Was mache ich, wenn Leon mitbekommt, wen ich anspreche?

Ich beziehe Markus in mein Problem mit ein. Er sitzt nur still neben mir und saugt jedes meiner Worte in sich auf, wie ein nasser Schwamm.

„Und was jetzt?“, frage ich ihn in der Pause.

„Gute Frage, aber ich würde mich von Leon nicht einschüchtern lassen. Ja, er ist der Mädchenschwarm und der Sohn eines angesehenen Polizisten, aber deswegen kann er sich auch nicht alles erlauben. Außerdem, was sollte er ihr denn antun?“

Ich höre den Worten meines besten Freundes zu. Er hat recht. Was soll er ihr schon anhaben? Warum habe ich so Angst vor ihm? Ich sehe Markus an. „Danke, du bist echt der Beste.“

„Dank mir doch nicht dafür“, er grinst. „Danke mir erst, wenn sie neben dir im Kino sitzt. Händchenhaltend.“

Ein Lächeln huscht über meine Lippen.



Melissa  „Wie sind die nur an den Jahresbericht vom letzten Jahr gekommen?“, zischt Eva Maria wütend, während sie Celina und Clarissa beobachtet.

Die beiden sind gerade dabei, die Klassenfotos vom letzten Schuljahr zu betrachten und blättern sich von Klasse zu Klasse durch die Broschüre.

„Eigentlich sind doch nur die Jungs aus der elften und zwölften Klasse relevant, oder? Die aus der Dreizehn sind doch gar nicht mehr an der Schule“, bemerkt Celina.

„Och, Mensch. Dabei sieht einer von denen richtig schnuckelig aus“, bemerkt Clarissa.

Ich verdrehe die Augen.

„Da stehen doch bestimmt auch die Namen dabei, oder?“, flüstert Helena mir zu.

Ich zucke mit den Schultern.

„Das ist deine Chance, seinen Nachnamen zu ermitteln, Melli!“, erklärt Eva Maria mir ganz aufgeregt.

Mit einem Schlag wird mir klar, dass sie recht hat. Vorsichtig stehe ich auf und schleiche mich hinter die beiden blonden Mädchen, die sich von nichts aus der Ruhe bringen lassen. Sie sind wieder auf dem Bild der damaligen W11b. Es wird ganz genau gemustert, als würden sie sich auf diesem Weg ihren zukünftigen Bräutigam aussuchen. Wie lächerlich.

Dann blättern sie weiter. Die W11c wird fast überflogen, da sie nur wenige Jungs enthielt und diese wohl in ihren Augen kein bisschen attraktiv wirken.

Dann endlich sehe ich die ehemalige W12a. Ich gehe die Gesichter der Jungs durch, doch keins davon ähnelt dem von Lukas. Auch in der Namensliste darunter kann ich seinen Vornamen nicht entdecken. Die Mädchen kichern aufgeregt über den Irokesenschnitt eines Schülers.

„Der steht dem ja sowas von gar nicht!“

„Hihi!“

Ich seufze.

Die Damen drehen sich plötzlich zu mir um. „Was gibt es da zu seufzen?“, fragt Clarissa mich eingeschnappt.

„Ach, nichts“, antworte ich nur und hoffe insgeheim, dass sie sich wieder dem Berichtsheftchen widmet und schnell weiterblättert, bevor die Pause zu Ende ist.

Ich sehe aufgeregt zu Helena und Eva Maria, die mir mit ihren Händen Mut zuwinken. Ich lächle sie an.

Dann macht sich das nächste Geräusch des Umblätterns bemerkbar und eines der Mädchen kreischt laut auf.

„OMG! Ist der süüüüüß!“

Ich starre auf das Foto und erkenne ihn auf Anhieb: meinen Lukas. Vor einem Jahr hatte er auch schon diesen etwas kürzeren Haarschnitt, allerdings waren da seine Haare noch ein bisschen länger. Sie kräuseln sich ganz leicht. Ich glaube, wenn er sie noch länger als jetzt haben würde, hätte er richtig schöne Locken auf seinem Kopf. Auf dem Bild lächelt er dem Kameramann verführerisch zu. Es fühlt sich an, als wäre dieses Lächeln nur für mich bestimmt, falls ich mal, so wie jetzt, den Jahresbericht in die Hände bekommen würde.

Mir wird ganz warm ums Herz. Wie schön es nur wäre, mit einem wie ihm zusammen zu sein. Ein ganzes Leben zu leben, voller Liebe. Wie stolz wäre ich nur, ihn meinen Freund nennen zu können ...

Ich wende meinen Blick von ihm ab und sehe mir die Namensliste an. Es gibt zum Glück nur einen Lukas und dessen Familienname lautet „Mayer“.

„Ja? Den findest du süß?“, zischt Celina aufgebracht und zeigt dabei mit ihrem Finger auf meinen Lukas.

Clarissa nickt aufgeregt und bestätigt damit meine größte Angst. Ein heftiger Schauer läuft mir über den Rücken.







11. Kapitel



Lukas  Ich weiß nicht, was ich von diesem Schultag halten soll. Er war nichts als ein ständiges Gemurmel, Getratsche und Gequatsche von Jungs und Mädchen. Ich wusste gar nicht, dass junge Männer auch so viel kichern können. Markus und ich stehen an der Bushaltestelle. In wenigen Minuten wird unser rollendes Gefährt eintreffen und dann fahre ich erstmal wieder in den Buchladen, um mir meinen Arbeitsplan für die nächste Woche zu holen. Da ich nicht in Vollzeit angestellt bin und nur einspringe, wenn mal Not am Mann ist, muss ich da relativ spontan sein. Mein Chef nimmt sich aber meinen Stundenplan sehr zu Herzen. Schließlich nehmen sie öfters mal Studenten als Aushilfskräfte, daher sind sie flexible Einteilungen schon gewohnt.

Plötzlich kommt das fremde Mädchen um die Ecke. Sie schlendert direkt auf mich zu und bleibt unmittelbar neben mir stehen.



Melissa  Na gut, ich darf jetzt keine weichen Knie bekommen. Ich habe mit Eva Maria und Helena heute so oft unser Gespräch geübt, dass eigentlich nichts schief gehen kann. Sein Kumpel steht zwar gerade neben ihm, aber das ist egal. Ich schaffe es auch so.

Ich lächle ihn an. „Hi Lukas.“ Ich kann es selbst kaum glauben, dass ich das gerade echt gesagt habe.



Lukas  Mein Herz setzt einen Schlag aus. Es pocht in meiner Brust wie ein Boxer beim Aufwärmtraining. Woher kennt sie meinen Namen? Ich entscheide mich kurzer Hand dazu, einfach nachzufragen. „Hi – woher kennst du meinen Namen?“



Melissa  Ein breites Lächeln huscht über meine Lippen. Es klappt! Unser Plan geht auf!

„Vom Buchladen, weißt du nicht mehr?“, antworte ich.

Lukas senkt seinen Blick. Ich habe das Gefühl, in seinen Augen sehen zu können, wie er sich an unser Treffen im Buchladen erinnert. „Ja, stimmt. Du hast dir die fünf Bücher gekauft und warst meine erste Kundin dort“, antwortet er dann schüchtern.

„Genau“, sage ich.



Lukas  Natürlich wusste ich das noch! Was hätte ich sonst anderes sagen sollen? Markus rammt mir wieder seinen Ellenbogen in die Seite und ich weiß genau, was er mir damit sagen will. LOS! SCHNAPP SIE DIR!

Prompt ergreife ich die Gelegenheit. Zumindest fühlt es sich für mich so an. „Wie heißt du eigentlich?“



Melissa  Ich laufe rot an. Ich weiß es nicht sicher, weil ich keinen Spiegel habe, aber ich spüre ganz genau, wie das Blut in meine Wangen schießt. „Melissa“, antworte ich kurz und knapp.

„Schöner Name“, antwortet Lukas sofort und lächelt mich an.

„Danke“, erwidere ich und wir sehen uns einfach nur in die Augen bis der Bus kommt und Lukas‘ Kumpel ihn am Arm in den Stadtbus zerrt.



Lukas  Ich bin wieder im Keller. Wo auch sonst? Nach unserem Gespräch habe ich mit Markus das Erlebte verarbeitet und während des Gesprächs kam mir spontan der Gedanke, meine Gefühle einfach mit Hilfe eines Songs zu verarbeiten. Eine Hymne an die Liebe. Eine Hymne an Melissa. Sofort bin ich mit Block und Schreibzeug in den Keller gestürmt und versuche gerade seit einer gefühlten Stunde Noten mit Text zu Papier zu bringen. Natürlich zunächst keine direkte Klaviermelodie, aber dafür die sanften und stürmischen Klänge eines Schlagzeugs. Ich werde ihr einen Song widmen, meinen ersten eigenen. Ich bin so besessen von der Idee, dass ich meine Hausaufgaben für Freitag komplett vernachlässige.



Melissa  „... Zum Geburtstag liebe Helena, zum Geburtstag viel Glück!“, Eva Maria und ich trällern unserer besten Freundin ein Geburtstagsständchen. Eva Maria hat extra beim Bäcker in der Früh noch einen Muffin gekauft und ich habe eine bunte Wachskerze in die Mitte gesteckt, um ihr eine kleine Freude zu machen.

Helena ist richtig glücklich über unserer Aktion. „Ihr seid so süß!“, quietscht sie erfreut auf.

Wir sitzen im Klassenzimmer. Außer uns ist noch niemand von den anderen da. Eva Maria und ich wussten genau, dass Helena immer eine der ersten im Klassenzimmer ist. Also haben wir uns heute extra beeilt, um noch möglichst viel Zeit mit ihr in der Früh alleine zu verbringen.

Ich habe auch meine Eltern in der Zwischenzeit gefragt, ob ich am Samstag bei ihr übernachten darf. Zu meiner Überraschung haben sie zugestimmt. Einem entspannten Samstag steht also nichts mehr im Wege.



Lukas  „Darf ich bei dir abschreiben? Bitteeee!“, Markus fleht mich richtig an, als ich das Klassenzimmer betrete.

„Das gleiche wollte ich dich gerade fragen“, antworte ich.

„WAS? Hast du etwa auch keine Französischhausaufgaben gemacht? Das erste Mal in deinem Leben kommst du hausaufgabenlos in die Schule?“, fragt Markus mich völlig überrascht und aufgebracht.

Ich schüttle belustigt und nervös zugleich mit dem Kopf.

„Wer bist du und wo ist der richtige Lukas geblieben?“, fragt Markus mich entsetzt.

Ich lache. „Heute bin ich mal ein Rebell.“

„Ach ja?“ Ich fahre vor Schreck zusammen. Es ist kein Geringerer als Leon. Er setzt sich entspannt auf seinen Stuhl und öffnet sein Französischheft, in dem seine Hausaufgaben stehen. „Ich habe sie gemacht.“

„Wo hast du die denn abgeschrieben?“, fragt Markus ihn belustigt.

„Aus meinem Gehirn“, antwortet Leon.

Ich verkneife mir ein Lachen. Ich muss ihn nicht provozieren. Es reicht schon, wenn Markus das für mich übernimmt.

„Da fällt mir ein, ich muss schnell etwas erledigen!“, sagt Markus plötzlich und verschwindet, ehe ich noch etwas dazu sagen kann, aus dem Klassenzimmer.

Jetzt bin ich mit Leon alleine.



Melissa  Plötzlich klopft jemand an der Tür.

„Herein?“, trällere ich vergnügt.

Es ist der beste Freund von Lukas und er ist außer Atem.

„Markus!“, huscht es Helena heraus.

Eva Maria und ich starren sie schockiert an, doch Helena grinst nur verlegen und geht nach draußen zu Lukas‘ Kumpel.

„Woher kennt sie ihn?“, fragt mich Eva Maria.

Doch ich kenne die Antwort nicht.



Lukas  „Und jetzt?“, fragt Leon.

„Was denn?“, antworte ich.

„Willst du abschreiben?“

„Nein, danke. Ich erledige meine Hausaufgaben selbst“, antworte ich und mache mich auch schon ans Werk. Ich muss meinen Namen sowie meine Hobbys auf Französisch in einem Fließtext niederschreiben. Das ist noch die einfache Stufe dieser Sprache, vermute ich.

Leon schnaubt.

Dann ist erstmal ein paar Minuten lang Ruhe, in denen ich mich voll und ganz auf die Aufgabe konzentriere und Leon komplett ausblende.

„Ich weiß genau, dass du auf ein Mädchen der W11a stehst. Ich muss nur noch herausfinden, auf Welches.“

Er schafft es ziemlich gut, sich wieder in mein Gedächtnis zu rufen.







12. Kapitel



Melissa  „Hast du noch mehr Bilder von dir und Fabian?“, fragt Helena Eva Maria aufgeregt. Sie will noch mehr Bilder von ihrem Freund sehen und Eva Maria zeigt sie uns natürlich.

„Ach, da kann man echt neidisch werden, wie verliebt er dich ansieht!“, kommentiert sie eins der Bilder.

Eva Maria wird rot. „Danke.“

Wir haben uns in Helenas Zimmer zurückgezogen, gemeinsam mit zwei Packungen Chips, eine mild, eine scharf, und Süßgetränken. Ich habe mir eine Wasserflasche geschnappt. Ich mag dieses ganze Zuckerzeugs nicht sonderlich.

Helenas Eltern sind sehr nett. Sie haben uns liebevoll empfangen und man erkennt sehr gut, dass sie ihre Tochter lieben. So soll es auch sein. Helenas älterer Bruder David ist heute nicht da, daher haben wir das ganze obere Stockwerk für uns alleine und können den Fernseher ruhig etwas lauter aufdrehen. Das waren überraschenderweise auch genau die Worte ihrer Eltern. Helenas Zimmer ist ziemlich groß und bietet genug Platz auf dem Boden für zwei Matratzen, auf denen Eva Maria und ich heute Nacht schlafen werden.

„Was hatte das heute Morgen eigentlich mit Lukas‘ Kumpel zu bedeuten?“, frage ich gerade hinaus.

„Markus? Ach, na ja ...“, beginnt Helena mit ihrer Antwort. Ich sehe ihr genau an, dass sie etwas bedrückt.

„Was ist denn mit Markus?“, fragt Eva Maria, der es auch aufgefallen ist.

„Na ja, er und ich ...“, Helena seufzt. „Wir waren mal ein Paar. Er ist der Cousin meiner damaligen besten Freundin. Bei ihrer Geburtstagsparty habe ich ihn kennengelernt und wir sind kurz darauf zusammengekommen.“

„Und dann?“, fragt Eva Maria.

„Was ‚und dann‘?“, antwortet Helena.

„Na ja, es muss doch einen Grund gegeben haben, warum ihr jetzt nicht mehr zusammen seid.“

„Ich hatte euch ja erzählt, dass er fremdgegangen ist. Angeblich. So ganz sicher war das auch nicht, aber ich habe mit ihm sofort Schluss gemacht.“

Eva Maria und ich schauen uns entsetzt an. „Sofort? Ohne es vorher wirklich genau zu wissen oder ihn zur Rede zu stellen?“

Helena nickt kaum merklich und ihr kullert eine kleine Träne von der Wange. „Es war eine harte Zeit für mich.“

„Warum hast du nicht mit ihm geredet?“, fragt Eva Maria aufgebracht.

„Wollte ich ja, aber er wollte mich, nachdem ich Schluss gemacht habe, nicht mehr sehen. Und heute klopfte er einfach an der Tür und gratulierte mir zum Geburtstag“, Helena verstummt und wir auch.



Lukas  Ding, Dong!

Ich öffne die Tür und sehe Markus vor mir, der mir eine Tüte mit Essen von einem „Fast Food“-Restaurant und seinen PlayStation-Controller vors Gesicht hält.

„Es wird Zeit, dich auf andere Gedanken zu bringen!“, sagt er als Begrüßung und als wäre es die Erklärung auf alle meiner möglichen Fragen.

Sofort husche ich in die Küche und hole uns Teller und Besteck, damit wir unser Abendessen nicht aus den Tüten futtern müssen. Dankbar nimmt Markus mir seinen Teller ab und legt seinen Burger direkt in die Tellermitte. Auch ich schütte mein Essen auf meinem Teller aus. Markus kennt meinen „Fast Food“-Geschmack genau: Pommes mit zehn Chicken McNuggets. Freunde sind schon was Tolles.

Wir essen gemeinsam und reden über die vergangenen Tage. Markus eröffnet mir seine Sorgen bezüglich Helena. Er gesteht mir, dass er nach wie vor bis über beide Ohren in sie verliebt ist und ihr heute auch zum Geburtstag gratuliert hat.

„Findest du nicht, dass du dieses blöde Missverständnis mal aus dem Weg räumen solltest?“, frage ich ihn.

„Ja, absolut! Aber ich weiß nicht wie ...“

„Unser Kino-Projekt?“

„Lukas, du bist ein Genie! Ich werde sie fragen und du fragst Melissa. Deal?“

Ich will nicken, doch dann zögere ich. „Nein, keine gute Idee.“

„Warum? Man, Lukas! Du liebst sie! Sie liebt dich! Eine bessere Kombination kann es gar nicht geben!“

Ich unterdrücke eine Träne. Ich werde jetzt ganz sicher nicht vor Markus heulen. Selbst, wenn er mich schon so oft beim Weinen gesehen hat. Wir sind eben beste Freunde. „Leon. Erinnerst du dich?“

„Ach komm, dieser aufgeplatzte Vollidiot und Polizistensöhnchen! Der kann dir doch gar nichts!“, um seine Meinung zu verstärken, wirft er fast den kompletten Burger durch meine Wohnung.

„Erinnerst du dich, als du gestern aus dem Klassenzimmer verschwunden bist? Da war ich mit ihm alleine und er hat mir gedroht, dass er meine Herzensdame ermitteln wird.“

„Und dann?“, fragt Markus kein wenig überrascht und als würde er auf den Höhepunkt meiner Geschichte warten.

Ich zucke mit den Schultern. „Lass uns zocken.“



Melissa  Inzwischen liegen wir auf unseren Matratzen und schauen uns einen Disneyfilm an. Wir lieben diese Zeichentrickanimationen. Helena hat sogar einen Schlafanzug mit einem Motiv von „Cap und Capper“.

„Diesen Schlafanzug wollte ich damals nie ausziehen.“

„Warum?“, frage ich belustigt.

„Ach, Markus heißt doch ‚Fuchs‘ mit Nachnamen.“

Eva Maria und ich kichern. „Und du bist Capper?“

Helena nickt. „Hunde waren schon immer meine Lieblingstiere.“

Wir sehen uns weiter den Film an, während mir plötzlich eine Idee kommt. „Helena, wie wär’s, wenn du Markus einfach fragst, ob er mit dir das Kino-Projekt machen will?“

„Das habe ich mir auch schon überlegt“, bekräftigt Eva Maria meinen Vorschlag.

Helena hat ihren Kopf auf ihrem Kissen abgelegt und liegt auf dem Bauch. Sie sieht gerade den Szenen im Film zu, bei denen sich die Hauptpersonen liebevoll das erste Mal küssen. „Keine schlechte Idee“, antwortet sie nur.



Lukas  „Gleich hab ich’s, gleich hab ich’s!“, Markus ist voll bei der Sache, während er bei meinem Lieblingsrennspiel alles auf der Straße überholt, was nicht rechtzeitig ausweichen kann.

Ich lache. Die Strecke habe ich noch nicht so oft gespielt. Eigentlich nie. Vor allem deswegen, weil ich die Wände so dermaßen fehlplatziert empfinde, dass ich mit meinem Auto ständig dagegen krache. Ich bin Letzter und insgeheim froh, dass ich der Verfolger bin und nicht anders herum.

Markus kämpft um Platz eins gegen einen Fahrer, der vom Computer gesteuert wird. Er ist eigentlich nicht viel schneller als Markus‘ Auto und ehe er über die Ziellinie fährt, hat er ihn auch schon überholt. „Jawohl! So sehen Sieger aus!“

Ich lache. Schön, Markus wieder so fröhlich zu sehen.

„Revanche?“, fragt er vergnügt.

„Revanche!“



Melissa  „Na gut. Vielleicht bin ich von eurer Idee doch nicht so überzeugt.“ Helena sieht misstrauisch aus, während Eva Maria und ich ein Herz auf ihren Handrücken malen. „Und was genau soll das jetzt nochmal bringen?“

Ich lache.

„Na ihn eifersüchtig zu machen!“, antwortet Eva Maria.

„Oder neugierig“, ergänze ich kichernd.

Helena seufzt und lässt unseren teuflisch sicheren Plan über sich ergehen.

„Werden wir dann eigentlich auch zur Hochzeit eingeladen?“, fragt Eva Maria frech und Helena schmeißt mit ihren rosa und hellblauen Kissen nach uns.



Lukas  Inzwischen haben wir mehrere Rennen gefahren und steigen auf „Jump and Run“ um.

„Meinst du wirklich, dass ich Melissa fragen sollte?“

„Na klar.“

„Und was, wenn Leon alles mitbekommt?“

„Dann wird er dich in deinen Albträumen heimsuchen.“

Ich werfe verspielt mit meinem Sofakissen nach Markus, der vor Schreck fast seinen Controller fallen lässt. „Man, das ist nicht witzig!“, antworte ich und starre auf den Startbildschirm des Spiels.

„Ich weiß, darum ist es ja so witzig“, antwortet er belustigt.

Ich schnaube.

Plötzlich springt Markus auf. „Weißt du was, Lukas? Ich habe eine Idee, wie wir dich aus deiner misslichen Lage befreien können!“

„Ich bin gespannt“, antworte ich unbeeindruckt.




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