Der Charme von New Orleans
Gabriele Delpy


Ein Schallplattenhänder in New Orleans wird erschossen aufgefunden. Kommissar Peterson begibt sich auf die Spurensuche und das ist gar nicht so einfach in einer Stadt, die 2012 von neun Millionen Touristen besucht wurde.

Während Peterson noch in der touristischen Umgebung Erkundigungen einzieht und sein Augenmerk auf Bourbon Street richtet, ist er schon selbst in mysteriöse Umstände geraten. Sogar das Motiv für die Tat liegt im Dunkeln. Doch plötzlich klärt sich mit der tatkräftigen Hilfe seines Kollegen alles auf…




Gabriele Delpy

Der Charme von New Orleans



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Inhaltsverzeichnis

Titel (#ufe462f26-cb9a-53f3-a24a-d07aa7d81855)

Kapitel 1: Ein Schallplattenhändler in French Quarter (#u690491ed-634b-5007-9bc2-2befba7e55a4)

Kapitel zwei: Nicht jeder Park ist Louis Armstrong Park (#ubfcbd72e-3227-587e-9ce8-8cd5dbd0a373)

Kapitel 3: Die Sängerin Norma an einem heißen Tag (#u0be8ee79-bc64-5ada-8e65-ee1337b54e21)

Kapitel 4: Eine Touristin im Vieux Carrée (#u704b548e-4500-5ab5-b902-edf77db37806)

Kapitel 5: Kakerlake gegen Ochsenfrosch (#u9650bd7e-de63-5d0f-b87d-96c3fb1293f3)

Kapitel 6: Kommissar Harald Peterson am Tatort (#u6d010995-3c86-52f6-88df-f37c14554e4b)

Kapitel 7: Touristen, Touristen (#u41d7cd91-6ea6-59ac-9662-52b9ae83dc14)

Kapitel 8: Der Souvenirhändler Davis und seine Fotos (#u87c83326-df9d-56ab-a617-6d9427e5346f)

Kapitel 9: Ein Bourbon in Bourbon Street (#u08f35d0f-4a11-59b0-8481-875f6305e14d)

Kapitel 10: Der Kommissar und die Wäscherei (#u9c9bfd15-ceb6-5a09-8f17-ffb15e3bebb4)

Kapitel 11: Auszug der Kakerlaken (#ub673f751-8168-578a-8100-8a8d67cfed76)

Kapitel 12: Norma und das Klima (#uddc28c69-64e0-5e23-ac5f-b7f9c353d75b)

Kapitel 13: Seit wann arbeitet der Kommissar im Hotel? (#u92b041ef-d169-5980-80a4-927d6f77541a)

14: Der Kommissar und sein Assistent Sam besprechen, was zu tun ist (#uf58867ea-bdb6-5d0e-a8a7-f73512bcab81)

Kapitel 15: Harald Peterson und Maggie sprechen über den Tag (#ue4ccf7ef-c8ab-56b2-8642-bd8d895eed64)

Kapitel 16: Neuigkeiten aus Bourbon Street (#ucb74dfa3-21df-5666-a817-0bc3dbab6d45)

Kapitel 17: Der Souvenirhändler Davis tut sein Bestes (#ud16163cb-4312-5770-8972-2beea2bab630)

Kapitel 18: Kommissar Zufall spielt mit (#uc1bb0334-a3de-5869-bbd1-64c6fdbc0ef9)

Kapitel 19: Der Ochsenfrosch bleibt nicht allein (#ub4d00ac2-a58d-5904-9ad5-d831a46e64ed)

Kapitel 20: New Orleans, eine Stadt mit Charme (#uee0a7190-c3ad-5d09-8537-eaa7c4d7d5fa)

Impressum neobooks (#uc2c48f95-cf37-5254-9302-cfae0686ae64)




Kapitel 1: Ein Schallplattenhändler in French Quarter


Es ist ein Tag wie jeder andere in New Orleans. Ein Schallplattenhändler hadert mit seinem Schicksal, das ihn dazu zwingt, an diesem wunderschönen sonnigen Sommertag wie gewohnt seiner Arbeit nachzugehen zu müssen.

Er wohnt in French Quarter, einem Touristenviertel. New Orleans selbst ist eine

Industriestadt mit einem wichtigen Hafen am Mississippi und Zugang zum Golf von Mexiko. Crescent City oder Big Easy, wie sie auch genannt wird, ist die größte Stadt im Bundesstaat Louisiana. Der Hurrikan Katrina hat die Einwohnerzahl durch zahlreiche Emigranten von über 450 000 sinken und dann auf über 340 000 ansteigen lassen. New Orleans ist Tropenstürme gewöhnt, aber nicht solcher Kategorie.

Besucher, die nach French Quarter oder Vieux Carree kommen, werden sicherlich die schönen typischen Häuser in der Altstadt bewundern, die Innenhöfe und berühmten schmiedeeiseren Balkonbalustraden. French Quarter gehört zu den Stadtvierteln, die nach dem Hurrikan zügig restauriert wurden.

Aber zu allererst wird man in das berühmte Viertel gehen, um die Atmosphäre des Jazz aufzunehmen. Zu Recht nennt man New Orleans auch Wiege des Jazz. Der Geschäftsmann, der mit Jazz-Musik seinen Lebensunterhalt verdient, wohnt in einem Haus in einer ruhigen Nebenstraße, genauer gesagt in der Wohnung im ersten Stock. Im Erdgeschoss ist sein fast antik zu bezeichnendes Musikgeschäft. Der schlanke Mann mit dem festen Lebensrhythmus hat sich die frisch gewaschene und gebügelte Wäsche sorgfältig zurechtgelegt. Beim Anziehen bedauert er an diesem Tag mehr als sonst, die vertrauten und schattigen Wohnräume verlassen zu müssen. Ehrlicher Weise gibt er vor sich selbst zu, dass es nicht so sehr das Widerstreben ist, arbeiten zu müssen, als die Abneigung, sich zu festgesetzter Zeit an einem bestimmten Ort wie seinem Geschäft aufhalten zu müssen.

Würde man ihn danach fragen, dann wäre seine Antwort, dass seine Arbeit ihm im

Großen und Ganzen Spaß macht. Das Wichtigste daran ist, dass er sich für Jazz-Musik interessiert und mit Menschen zu tun hat, die seine Musikvorliebe teilen. Aus dem Umgebung New Yorks stammend, hat er in seiner Kindheit Klavierspielen gelernt und eine Zeitlang davon geträumt, Pianist zu werden. Dieses Lebensziel ist ihm später abhandengekommen. In der ersten Etage des Hauses steht das Klavier, das ihm seine Tante vermacht hat, doch spielt er nur selten darauf.

Seine weiteren Lebensumstände führten ihn unter anderem nach Europa, wo er als Ein- und Verkäufer für mehrere große Firmen arbeitete. Seine Liebe zur Musik sorgte dafür, dass er die Stilrichtung Jazz nie aus den Augen verlor. Zusätzlich entwickelte er, begeistert von den Flohmärkten in Good Old Europe, eine Sammelleidenschaft für Schallplatten und Bücher, die mit Jazz zu tun haben. Zurück in den Staaten behielt er sein Faible für Antiquitäten bei und erwarb sich so mit der Zeit einen ansehnlichen Bekanntenkreis.

Seine Tante, der er das Haus verdankt, war in Folge des Hurrikans Katrina verstorben. Sie hatte die Überschwemmungen miterleben müssen und danach die Wiederherstellung ihres Hauses vorangetrieben. Die Ereignisse hatten ihr viel Kraft geraubt. Die Erbschaft des kleinen Hauses in New Orleans hatten ihn dann auf die Idee gebracht, ein Geschäft zu eröffnen und er ist stolz, dass er sich seit nunmehr über fünf Jahren in der Stadt, die die Wiege des Jazz ist, recht erfolgreich behaupten kann. Dennoch kann er es nicht vermeiden, sich zuweilen etwas antiquiert zu fühlen

In der Bücherecke wartet sein kleiner Computer auf ihn und ein interessanter Suchauftrag für eine alte Jazz-Aufnahme. In der kleinen, selbst angelegten Datenbank hat er Adressen von Jazz-Liebhabern archiviert, mit denen er korrespondiert. Suchaufträge vermögender und exzentrischer Kunden sind rar gesät und der Gewinn bei erfolgreicher Suche rechtfertigt die Mühe und den Aufwand.

Der Schallplattenhändler hatte vor Jahren einen Erfolg verbucht mit einem

Notentextausschnitt von Scott Joplins, einem der erfolgreichsten Ragtime-Komponisten des neunzehnten Jahrhunderts. Scott, der in Honky Tonks und Saloons in St.Louis gespielt hat, war 1893 auf der Weltausstellung in Chicago aufgetreten. Der Satz ´It´s never right to play Ragtime fast´ stammt von ihm. Musikalisch schöpft aus den Werken Scott Joplins der mit sieben Oscars ausgezeichnete Spielfilm Robert Redfords ´Der Clou´, von 1973.

Am vergangenen Wochenende hat ihm ein Bekannter auf einer Jazz-Veranstaltung von einer angeblich existierenden, aber unbekannten Paul-Whiteman-Aufnahme erzählt, und dieser aktuelle Suchauftrag führt nach San Francisco.

Beim Ankleiden denkt er darüber nach, wen aus seinem Bekannten- und Kundenkreis er unverfänglich anschreiben könne. Am besten meldet er sich bei zwei ihm bekannten Antiquitätenhändlern.

Das schöne, sonnige Wetter verstärkt sein Bedauern, sich in das Geschäft setzen zu müssen, und er würde lieber einen Ausflug in die Stadt machen, bummeln, Kaffeetrinken und Zeitunglesen. Andrerseits läuft ihm das Geld nicht hinterher, und die Anforderung, sich an die sich ständig verändernden Medien anpassen zu müssen, hat ihn schon die eine oder andere schlaflose Nacht gekostet. Dabei sieht er sich vor dem Problem, inwieweit er seine Art, ein Schallplatten- und Musik-CD-Geschäft zu führen, stilistisch mit New Orleans, seinem Verständnis davon und den Anforderungen einer modernen Zeit in Einklang bringen soll.

Wie er weiß, verflüchtigt sich seine Unlust beim Ankleiden. Er hat sich eine hellgraue Anzugskombination mit weißem Hemd und schwarzer Schleifenkrawatte zurechtgelegt. Die, wie er findet, kühle Anzugfarbe passt zu seinen blauen Augen und setzt einen überzeugenden Akzent, der mit den schwarzen, kurzen Haaren über einem feingeschnittenen Gesicht harmoniert. Der ein wenig tragische Ausdruck seines Gesichts und die leichte Melancholie, die davon auszugehen scheint, hängt möglicherweise mit seiner Musikvorliebe für Blues zusammen und spiegeln einen Charakterzug.

Der Mann, der auf farblich abgestimmte Kleidung Wert legt, hat sich versehentlich dunkelblaue Socken statt hellgrauer herausgelegt. Auf dem Weg zum Kleiderschrank kommt er am Klavier vorbei, das seine Tante ihm vermacht hat. Die Noten von “Nacht in Tunesien” liegen noch da, und automatisch hat er die bekannte Melodie im Sinn. Doch dann wird ihm das Thema für den schönen Vormittag zu Ernst und er wechselt zu der Titelmelodie von “Paulchen Panther”, deren Variationen er liebt. Manchmal hat er das Problem, dass sich eine Melodie bei ihm festsetzt und dann wird er seinen Ohrwurm den ganzen Tag nicht mehr los.

Die Melodie erinnert ihn plötzlich an eine Diskussion mit einem Jugendlichen, die er anlässlich seines Besuchs eines Jazz-Festivals in Montreux geführt hat. Damals hatte der junge Mann am Genfer See ihn nach dem Weg zum Bahnhof in diesem merkwürdigen französischen Ort gefragt. Ohne viel Umschweife hat er ihn damals in ein Café eingeladen und ein Gespräch begonnen. Nach dem Thema Schweiz und französische Sprache diskutierten sie die Frage, ob Jazz-Musik altmodisch und langweilig wirkt, und es gelang ihm mit Hilfe der Pink Panther Melodie, einen Streit zwischen dem Jugendlichen und seinen Eltern zu lösen. Viele Menschen wissen wenig über Jazz; solche Erkenntnis ist dem Plattenhändler nicht neu. Der amerikanische Komponist Henry Mancini hatte die großen Leidenschaften Big Band, Swing und Jazz, und diese Musikvorliebe hat sich in seinen Filmmusiken zum rosaroten Panther genauso niedergeschlagen wie in denen mit Inspektor Clouseau und vielen anderen Werken.

Sinnierend steht er vor dem Schrank und denkt über die unpassende Farbe von den

Socken nach, die er versehentlich herausgenommen hatte. Im Januar 2013 ist Claude Nobs, der 1967 mit anderen das Montreux Jazz Festivals ins Leben gerufen hat, in Folge eines weihnachtlichen Schi-Unfalls verstorben und für einen Augenblick denkt er melancholisch an die vergangene Zeit. Kurz erwägt er für den Sommer einen Kurzurlaub in der Schweiz, kann sich aber auf Anhieb nicht dazu durchringen. Es würde nicht mit den Jam Sessions zusammenpassen, die bereits in seinem Terminkalender stehen, und zudem plant er den Kurzurlaub in San Francisco. The Big Apple erschiene ihm interessanter. Ausgehend von New Orleans verbreitete sich im zweiten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts Jazz von Süden aus nach Chicago, Illinois bis nach New York und er denkt an das Isaac Stern Auditorium in Carnegie Hall, das als einer der besten Konzertsäle der Welt gilt, und wie er seinen Freitag-Abend in San Francisco verbringen kann.

Der Mann Anfang vierzig ist unverheiratet und hat keine eigenen Kinder. Darauf befragt, ob er solchen Zustand bejaht, würde er sicherlich seiner festen Junggesellenabsicht Ausdruck verleihen, sich seine persönliche Freiheit und die Ungebundenheit des unverheirateten Mannes zu bewahren.

Vormittags setzt er sich als Erstes in die Bücherecke des Geschäfts, und erledigt das, was vom Vortag liegen geblieben ist oder was er sich vorgenommen hat. Meist liest er dann ein wenig, berät interessierte Touristen und kommt seiner Art des Verkaufs nach. Schallplatten, Musik-CDs, Fotografien, Drucke, Poster und Bücher über Jazz-Größen wechseln so den Besitzer.

Einem Impuls folgend entscheidet er sich gegen den Spazierstock, den er in einer Laune passend zum Anzug gekauft hat. Er hätte zu exzentrisch gewirkt.

Er geht gern spazieren und kennt in dem Viertel, in dem er wohnt, bald jedes Haus und jeden Strauch. Besonders die Geschichte der Häuser und ihrer Bewohner faszinieren ihn. Aber ein rein geschäftsmäßiges Aussehen sind dem geplanten Tagesverlauf angemessener und fördern die Kaufwünsche der Touristen, die seinen ein wenig abseits liegenden Verkaufsraum besuchen.

Es ist kurz vor elf und gut gelaunt summt er seinen Ohrwurm vor sich hin. Frisch geduscht und sorgfältig gekleidet, begibt er sich pünktlich ins Erdgeschoss, macht die Rollos hoch, schließt die Türen auf und stellt die Werbetafeln auf.

Er ist stolz auf die Stelltafeln. Alte Emaille-Schilder, die er nach langer Suche ausfindig gemacht hat. Zuerst hatte er Bedenken, die Sachen nach draußen auf den Bürgersteig zu stellen, weil jemand die Schilder mitgehen lassen könne. Es handelt sich dann um einen unwiederbringlichen Verlust, so hatte er seinen freundlichen Nachbarn erklärt. Doch diese hatten nach einer Zeit seine Bedenken für überflüssig erklärt und zum Glück Recht behalten.
















Kapitel zwei: Nicht jeder Park ist Louis Armstrong Park


„Oh Mann, Sie machen Quakquakquak wie eine Ente und nicht Quäkquäkquäk wie eine Gans.“ Mit solcher Stimme hört sich der Mann filmreif an.

„Was soll das? Bist du doof und redest mit der?“

„Mann, lass mich doch. Wenn ich mit der reden will, dann rede ich eben mit der.

Was mischst du dich ein?“

Erst der dritte Farbige mischt sich tatsächlich ein und beruhigt die beiden anderen, die sich über das sonderbare Gehabe einer ältlichen Touristin in einem gepflegten Park in New Orleans wundern. Entweder hat die Frau einen übersteigerten Hang zu Exzentrik und Skurrilität oder einen Sonnenstich oder beides.

In dem kleinen, baumbestandenen Park ist weder Ente noch Gans oder ein anderer Vogel zu sehen, was angesichts des lauten und reichhaltigen Vogelgezwitschers, das überall zu hören ist, ein wenig verwunderlich wirkt, aber niemanden auffällt oder zu stören scheint. Die kleine Gruppe der Schwarzen, die sich im Park aufhält, hat sich vielleicht Melodie und Musik abgesprochen, vielleicht entspringen beide jedoch einer einfachen und natürlichen Lebensfreude an dem schönen Sonnentag. Die jungen Männer sind gut ernährt und ordentlich gekleidet in weißem Hemd oder T-Shirt und langen Jeans. Sie haben nicht einmal ein Bier dabei, zwei sitzen auf einer sauberen Bank aus dunkel gebeiztem Naturholz mit schwarzen schmiedeeisernen Befestigungen an den Seiten rechts und links. Die Ränder sind reich verschnörkelt und es ist eine Holzbank im typischen New Orleans-Stil. Die zwei Männer auf der Bank haben ein rhythmisches, eher leises Trommeln gestartet und von den drei Männern, die vor der Bank stehen, fallen ebenfalls zwei automatisch in eine Art wiegenden Tanzschritt, während der dritte ruhig stehen geblieben ist. Sie singen einen unbekannten und schwer verständlichen Text, der ein wenig stammelnd oder abgehackt wirkt, und von dem ein Fremder auf Anhieb nicht mit Sicherheit sagen kann, ob es Jazz ist oder Cajun-Musik, also eine Art Volksmusik.

Cajun ist ein Slang-Ausdruck oder eine Kurzform für Acadians, wie sich die Kanadier und ihre Nachfahren nannten, die im achtzehnten Jahrhundert aus Kanada, dem sagenhaften Akadien, in den Süden auswanderten und nach New Orleans gelangten. Sie bewahrten sich in weiten Teilen eine eigene Sprache, das französisch geprägte Cajun, und eine eigene Kultur, die im Laufe der Zeit durch die Vermischung mit anderen Kulturkreisen auch afro-amerikanische Züge annahm. Cajun-Speisen sind kräftiger gewürzt und haben sich eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt, die sie von der kreolischen Küche abgrenzen. Beide Kulturkreise leben nebeneinander, allerdings gibt es mehr Cajun als Kreolen in den Sumpfgebieten Louisianas.

Die wenigen Hausfrauen, die am Vormittag durch den Park gehen auf dem Weg zum Einkauf oder bepackt vom Supermarkt zurückkommen, achten nicht besonders auf die Schwarzen. Auch eine junge Mutter, die ihren Kinderwagen durch das satte und frische Grün schiebt, findet nichts Ungewöhnliches am fröhlichen Gebaren der jungen Männer an einem friedlichen Morgen. Einzig die Vögel im Park sahen sich durch den Gesang wahrscheinlich aufgefordert, ein lautstarkes Gezwitscher zu starten und folgen dabei ihren Vorstellungen von Melodienlehre.

Die ältere Frau hat sich ganz unverfänglich zu der Gruppe bei der Holzbank gestellt und mit einem unmelodischen Quaken begonnen. Verblüfft hören die Männer, die sich dabei zuerst wohl nichts gedacht haben, auf zu singen und das rhythmische Klopfen auf der Holzbank erstirbt. Stille kehrt ein. Zwei der großen und schlanken

Männer, die vor der Bank standen, gehen ein paar Schritte zur Seite und mustern die Frau. Der Dritte hat sie angesprochen, und so ist es wohl zu einer Art Gespräch über den Inhalt des Liedes gekommen, der sich für einen Außenstehenden genauso wenig schnell erschließen lässt wie die Bedeutung des Quakens, das die Frau von sich gegeben hat, auf Anhieb nachvollziehbar ist.

Ihr Äußeres wirkt seltsam. Der Tropenhelm lässt solchen Gedanken aufkommen. Eine weiße kurzärmelige Bluse, am Bauch verknotet und für eine Frau ihres Alters ungewöhnlich, betont einen quadratisch wirkenden Brustkorb. Die dunkelblaue Jeans schlackert um die mageren Beine. Nach kurzer Zeit erscheint die Unterhaltung ein wenig aggressiv und die Frau gar nicht so, als wolle sie sich von den jungen, schwarzen Männern im Park einschüchtern, geschweige denn belehren lassen. Da sie es mittlerweile drangegeben hat, sich vor die Gruppe zu stellen und durchdringend zu quaken, und durch schwarz umrandete Brillengläser amüsiert die hervorgerufenen Effekte beobachtet, redet der Mann, der stehen geblieben ist, begütigend auf die Frau mit dem Tropenhelm ein. Er scheint der Älteste aus der Gruppe zu sein.

„Warum tragen Sie so eine Brille, Ma´am?“

Sie sieht den Mann an wie ein Gespenst und antwortet erst nach einer Weile.

„Weil ich sonst nichts sehe. Glauben Sie, ich würde sonst eine Brille tragen bei diesen Temperaturen?“

„Aber Sie könnten auch eine Sonnenbrille tragen, Ma´am, nicht wahr?“

Seine Stimme hört sich weich an und er spricht langsam. Sie sieht ihn einfach an und wartet, was er als Nächstes sagt, aber er spricht nicht weiter.

„Im Prinzip haben Sie Recht. Ich hätte die Sonnenbrille mitnehmen sollen. Dann wäre es nicht so hell.“

Begütigend hebt er die Hände und zeigt helle Handinnenflächen.

„Sie haben die Sonnenbrille im Hotel vergessen, nicht wahr, Ma´am?“

Verwundert sieht sie auf seine Hände, bis sie versteht.

„Ja, ich habe die Sonnenbrille tatsächlich im Hotel vergessen.“

„Und Sie sind aus dem Hotel direkt losgegangen, um den Louis Armstrong Park zu suchen, Ma´am, nicht wahr, und Sie sind bestimmt erst heute in New Orleans angekommen.“

„Was wollen Sie damit sagen?“ Ihr Kampfgeist ist erwacht.

„Gar nichts, Ma´am, jedenfalls nichts Besonderes. Sie könnten einfach zum Hotel zurück gehen und sich die Sonnenbrille holen. Es ist ein schöner Tag heute, nicht wahr?“

Bevor sie erneut anfangen kann, seine freundlichen Fragen mit einem durchdringenden Quaken zu beantworten, hat er sie freundlich an der Schulter gefasst und deutet auf ein Schild.

„Sehen Sie, Ma´am, hier ist nicht der Louis Armstrong Park. Ich bin mir da ganz sicher. Hier ist nicht der Louis Armstrong Park.“

Damit lässt er sie einfach stehen und beginnt, mit den anderen zu sprechen.

Der annähernd quadratische Park mit den Bäumen an den Rändern ist viel zu klein für den Louis Armstrong oder Satchmo Park. Wahrscheinlich haben die Einheimischen den Park aufgesucht, um der Hitze zu entfliehen. Weißeichen, Wacholder, Pinien und Zedern, Kiefern, Magnolien, gelber Jasmin und weitere Sträucher spenden Schatten und man nimmt einen würzigen Geruch wahr, der durch einige große und kleine, eingestreut gepflanzte Teebäume eine interessante Note erhält.

Ein kreisrunder Weg aus einer graugelben Sand-Kies-Mischung führt um einen zentralen gepflegten Rasenplatz, der von zwei Wegen in den vier Himmelsrichtungen durchbrochen ist. Die mittig führenden gelben Sandwege münden wiederum auf einen sehr kleinen Platz im Zentrum des ganzen Parks. Dort suggeriert ein schmiedeeisernes verschnörkeltes Kunstwerk einen Brunnen und somit Wasser.

Vielleicht ist das Wasser abgestellt, vielleicht stellt das Kunstwerk etwas Anderes dar. Die Blumen in den darum befindlichen Beeten sind zweifelsfrei reichlich gegossen und lockern die kleine Baumlandschaft farblich auf.

Das Sonnenlicht taucht das Auge des Betrachters quasi in eine Palette unterschiedlicher grüner Farben. Dunkelgrüne Nadeln der Koniferen und sattgrünes, saftiges Laubwerk, beide sind variantenreicher als das bloße Grasgrün und überwuchern sich in den Farbschattierungen ihrer jeweiligen Standorte, aufgelockert und unterbrochen von sanfteren, olivfarbenen Tönen der Melaleuca-Blätter, deren Blattunterseiten hell schimmern.

Zuerst hat die ältere Dame an dem eisernen Kunstwerk eine Abkühlung gesucht und nicht gefunden. Es ist Hochsommer und bei über 30°Celsius herrscht morgens eine relative Luftfeuchte von über 90%, die im Laufe des Tages objektiv betrachtet immer mehr abnimmt. Die Entbehrung ließ sie ihre Enttäuschung nur unvollkommen verkraften. So ist sie dann wohl zu der Gruppe junger Schwarzer gegangen, die unter den Bäumen vor einer Holzbank stehen und angefangen haben zu singen. Vielleicht wollte sie auch nur die verschnörkelten schwarzen typischen New Orleans Schmiedeeisen an der Bank bewundern.

Mittlerweile hat sie das Schild gelesen und genug beobachtet.

Mit der Frage „Was steht ihr hier im Park herum und gammelt? Habt ihr hier nichts anderes zu tun als vor euch hin zu gammeln?“ beginnt die blasse Frau mit den verschwitzten und klebrigen schwarzen Haaren auf der Stirn vor den Männern auf und ab zu gehen. Dabei biegt sie den Rücken so, dass sie sich mit dem Oberkörper in die Brust wirft und gleichzeitig den Allerwertesten nach hinten herausstreckt wie bei einer Ente. Dazu stellt sie die Füße beim Gehen nach außen, was an Charlie Chaplin erinnert, streckt die Arme nah am Körper längs nach unten und winkelt die

Hände nach außen ab. So watschelt sie mit ein wenig eingeknickten Knien einige Schritte an der Gruppe vorbei, um dann kehrtzumachen und umzukehren. Diesen Vorgang wiederholt sie einige Male. Ihr Gebaren wirkt urkomisch. Die zwei der Männer auf der Bank müssen lachen und halten sich den Bauch dabei fest. Der eine, der vor der Bank steht, stößt den anderen an und macht die Frau nach, indem er versuchsweise einige Schritte hinter ihr her watschelt. Der schafähnliche Gesichtsausdruck der Frau verstärkt ihre Lächerlichkeit. Wegen ihres sichtlichen Erfolgs vergnügt, stellt sie sich schließlich vor die Männer und sieht von unten schelmisch zu ihnen auf. Schließlich ergreift der Älteste der Männer erneut das Wort.

„Tschuldigung, Ma´am, aber wir gammeln hier nicht herum.“

„Nein, wirklich nicht.“ Pflichtet der andere, der sich vorher in den Imitationen versucht hatte, dem Älteren bei.

„Sie sind Engländerin, stimmt´s? Nur Engländer können so was. Kennen Sie Mr. Bean?“

Derjenige, der sich vorher den Bauch vor Lachen festgehalten hat, meldet sich zu Wort.

Die Frau kennt Mr. Bean nicht persönlich, aber sie ist tatsächlich Engländerin, wie sie sagt, und sie liebt Mr. Bean. Und so versorgen die jungen Männer die englische Touristin wohlmeinend mit Ratschlägen, den Supermarkt in unmittelbarer Nähe aufzusuchen, wo man billig Mineralwasser kaufen kann. Man muss genug trinken im Sommer.

Und erst nach dem Einkauf nach Satchmo-Park zu sehen. Sie könne auch in die Stadt gehen und sich bis Spanish Plazza durchfragen, das Jazz-Monument dort ansehen und Jazz-Bands finden, die draußen spielen. Die Männer sind gutmütig und geben den Rat, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Man vertut sich schnell im Süden, und man darf die Entfernungen und Temperaturen nicht falsch einschätzen.

Wie auf ein Kommando nehmen sie ihre vorherige Musik und Körperhaltung auf und ignorieren die Touristin. Die zwei auf der Bank trommeln rhythmisch auf das Holz, der Ältere beginnt zu singen, die anderen stimmen ein und gelöst swingend bewegen die Männer sich dem Rhythmus folgend hin und her.






Kapitel 3: Die Sängerin Norma an einem heißen Tag




Die schwarze Sängerin heißt Norma, ist Anfang dreißig und hat eine Stimme, die an Whitney Houston erinnert, aber sie findet ihre Stimme hässlicher. Außerdem kann sie die drei Oktaven nicht vollständig singen. Wie sie weiß, bewundert man den vollen Klang ihrer Stimme und sie liebt Improvisationen. Das war ein Grund für Ihre Berufswahl. Die Frau, die allein vom Typ her sehr feminin wirkt, ist klein und zierlich und hat das Problem, schnell übersehen zu werden. Wie Louis Armstrong kommt sie ursprünglich aus einem ärmeren Viertel von New Orleans. An dieser Tatsache richtet sie sich in schlechten Zeiten auf. Norma hat eine schmale Nase, schöne Zähne und ist vollbusig, und diese Äußerlichkeiten verbucht sie ebenfalls als ihren Vorteil. Kurze Haare, die sich fast selbstständig in große Locken legen, verstärken den Eindruck einer natürlichen Schönheit. Sie kann nicht nur singen, sondern auch Klavier spielen. In der Band, in der sie arbeitet, hat sie jedoch nur wenig Gelegenheit, am Piano zu sitzen.

Vormittags um halb zwölf Uhr ist sie aufgestanden und hat in dem bei der Sommerhitze durchwühlten Bett als erstes die Ohrstöpsel gesucht, die sie spät nachts beim Zu Bett Gehen anzieht. Sie lebt allein. Es wird ein sonniger und heißer Tag, so stellt sie fest, als sie sich mit einem Sportdress bekleidet die Tüte mit Croissant und Brötchen holt, die vor der Haustüre des adretten kleinen Häuschens liegt und nicht vor dem Vorgartentörchen. Es hat sie Mühe gekostet, bis der Lieferservice des Bäckers verstanden hatte, dass er das Vorgartentörchen öffnen muss und die Tüte vor die Haustür legt und nicht einfach nur hinter das Vorgartentörchen wirft. Die Zeitung liegt bereits im Briefkasten.

Zurück in der Wohnung öffnet sie das Schiebefenster über dem Frühstückstisch und kocht sich einen Kaffee. Von draußen schallt irgendwoher Musik her und jemand kehrt mit einem Besen die Straße. Die Geräusche passen nicht zueinander, findet sie, und so schließt sie das Fenster wieder. Es ist heiß, und sie frühstückt lieber bei offenem Fenster. Das kleine Haus, das sie in einer ruhigen Seitenstraße bewohnt, wird morgens auf der Seite, wo ihre Küche ist, von dem höheren Nachbarhaus beschattet. Auf diese Weise spart sie sich das Geld für die Klimaanlage und stellt aus Gewohnheit auch keinen Ventilator an. Sie verträgt die Hitze gut und im Grunde liebt sie das warme Wetter.

Nach dem Aufstehen hat sie eine Musik-CD von Whitney Houston heraus- und dann zum Frühstücken aufgelegt und sie trinkt in kleinen Schlucken den Kaffee zum Wachwerden. Ab und zu sieht sie nach draußen. Als sie das Croissant aufschneidet und überlegt, mit welcher Marmelade sie es essen soll, läuft „I will always love you“. Vielleicht ist es das Fegen des Besens ein paar Minuten zuvor, der sie an ihren schon länger gehegten Plan denken lässt, irgendwas Musikalisches zu machen, was gut ist für das Klima. Die Leute aufrütteln, ist eine Phrase, die ihr dazu immer einfällt. Dabei ist es doch einfacher, nicht zu vergessen. Manchmal tut sie sich mit Worten schwer, wie sie weiß, und dann singt sie lieber irgendeine Variation zu einer Melodie als das, was sie fühlt, in Worte zu fassen.

Sie legt das Croissant hin und holt die Butter, die sie vergessen hat, aus dem Kühlschrank. Die unterschiedlichsten Improvisationen gehen ihr durch den Kopf und innerlich verjazzt sie den Song, doch dann wird es plötzlich traurig und sie muss über sich selbst und ihre im Grunde wenig ernsthaften Anstrengungen lachen.

Wenige Minutenspäter hat sie ihr Frühstück unterbrochen, sitzt im angrenzenden Wohnraum vor einem Blatt Papier und kaut auf den Kugelschreiber. Wollte man eine Jam Session machen, dann könnte man ein paar Standards berühmter Musiker mischen und daraus eine musikalische Themengeschichte machen, die langsam zu einem eigentlichen Bedürfnis hinführt, es variiert und um ein Grund-Thema kreisen lässt. Bei einer Jam Session müsste man eine feste Rhythmusgruppe haben und die wechselnde Melodiengruppe mit Musikern aus den unterschiedlichsten Bereichen mischen. Wer sagt denn überhaupt, dass daran ein Interesse besteht? Sie macht das Fenster erneut auf, holt ´The Real Book´ mit den meist gespielten Jazzstandards aus dem Schrank und beginnt zu blättern. Es ist jedes Mal das Gleiche: Sobald sie etwas sucht, dann kann sie sich nicht entscheiden. Jedes Mal ist ihr dann zum Jammern zumute. Wenn sie im Dixieland Stil musikalische Duelle auf der Straße austragen wollte, dann stellt sich im Grunde das gleiche Problem: womit und mit wem soll sie anfangen? Im Prinzip würde eine Jazz Session auf eine Art musikalisches Duell ohne Massen hinauslaufen, so befürchtet sie, und bei solcher Vorstellung muss sie regelmäßig an eine Gruppe protestierender Vögel denken, in der alle ihr eigenes Lied singen.

Rex ist der Bandleader. Regelmäßig kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen ihnen, und dann müssen die anderen Musiker den Streit schlichten. Rex nennt

Norma Sweetie und sie mag den Namen genauso wenig wie Süßigkeiten und

Schokolade, wird ihn aber trotz aller Anstrengungen so schnell nicht los.

Rex trägt seinen Beinamen nach dem Karnevalskönig des Mardi Gras mit großer

Selbstverständlichkeit. Er ist Trompeter und spielt auch Saxophon. Mit seinem Selbstbewusstsein setzt er die klare Trennung in Melodiengruppe mit drei Musikern und in Rhythmusgruppe aus vier Musikern durch. Den Rhythmus der Band geben Klavier, Gitarre, Bass und Schlagzeug als Ensemble vor. In der Melodiengruppe konkurrieren der Posaunist, der gleichzeitig Klarinette spielen kann, Rex und Sweetie. Die Sängerin ärgert sich über ihren Namen.

Da ihr Kaffee kalt geworden ist, macht sie sich einen Milchkaffee und setzt gedankenverloren ihr Frühstück fort. Sie muss an Louis Armstrong denken, von dem es heißt, dass er aus jedem Popsong einen Jazz-Erfolg machte und dass diese Benennungen durcheinander gehen. Nach ihrem Verständnis ist Jazz in den Zeiten Louis Armstrong die populäre Musik, die überall gehört wurde, aber dann gibt sie solche fruchtlosen Gedankengänge auf.

Bekanntermaßen war Armstrong nicht nur Trompeter, sondern auch Sänger. Sie denkt an ihn und dann an modernen Untergrund-Jazz, den sie gerade nicht spielen will. Sie will etwas machen, was die Leute angeht. Vielleicht Superdome? Superdome erinnert an Fußball. Wer denkt bei Superdome an das Klima?

Die Menschen aus New Orleans können etwas damit anfangen, denkt Norma. Die im Superdome gebangt haben, dass Katrina vorüberzieht. Viele sind danach weggegangen, manche sind zurückgekommen. Ein wenig kommt es ihr vor wie

New-Orleans-Jazz und Jazz Revival. Aber ohne die anderen Musiker wird nichts aus ihrem Thema.

Als sie so weit gekommen ist, dass sie das als gedankliches Ergebnis ansieht, geht ihr wie so oft das große Problem des Wie durch den Kopf. Im Superdome zur Zeit des Sturms und das Problem mit dem Trinkwasser.

´Never flying with an banyard´, die Melodie streift sie und lässt sie für den Augenblick nicht los. Um ein Haar wäre sie damals für immer ausgewandert. Jazz gibt es überall, findet sie, in New York, in Chicago, in Europa, Russland, überall. Bloß auch in New Orleans, und so ist sie dann geblieben. Plötzlich kommt sie sich vor wie eine Backstreet Woman mit dem Gedanken an Superdome im Kopf.

Pleasant Moments In Some Superdome, denkt sie ein wenig sarkastisch, kann man das mit Rag vertonen? ´Wolkige Impressionen´ hat jemand in einem Geschäft in ihrer Nachbarschaft über die Satellitenbilder zu Katrina geschrieben. Unwillkürlich folgt sie ihren Gedanken zu dem Sturm. Die Leute auf der Straße sagen Sturm und nicht Hurrikan der Kategorie fünf oder drei nach der Saffir-Simpson-Hurrikan-Skala, wie es genauer wäre.

Die Grenze zwischen tropischen Sturm und Hurrikan entspricht der Grenze zwischen Windstärke 11 und 12 nach Beaufort. Während bei einem tropischen Sturm der Wasserspiegel nur um 0,1 bis 1,1 Meter ansteigt, beträgt der Anstieg für einen

Hurrikan der Kategorie Eins im Zentrum 1,2 bis 1,6 Meter. Und die Vehemenz der Hurrikans ist dann in der Saffir-Simpson-Hurrikan-Skala in den Kategorien von 1 bis 5 gestaffelt, wie Norma im Internet recherchiert hat.

Alles in Allem hatte man sogar noch Glück gehabt. Katrina war beim Landgang von der Stufe fünf auf die Stufe drei herabgestuft worden. Die Stufe fünf ist die höchste Kategorie und durch Windgeschwindigkeiten ab 250 Stundenkilometern charakterisiert. Im Zentrum des Hurrikans werden dann vom Sturm Meereswellen über 5,5 Metern erzeugt. Hätten die Dämme und Kanäle damals gehalten, wäre es nicht so schlimm geworden. Achtzig Prozent der Stadt hatten meterhoch unter Wasser gestanden. Und kurze Zeit nach Katrina kam Hurrikan Rita. Aber Rita ging an anderer Stelle an Land und verschonte New Orleans. 2005 war ein Jahr heftiger Stürme und Hurrikans. Norma gesteht sich ungern ihre Angst ein, die sie manchmal hat. Mehrere Hurrikans könnten aufeinandertreffen. Sie weiß nicht genau, ob so etwas möglich ist, aber sie hat einfach Angst vor solchen Ereignissen.

Entschlossen räumt Norma den Tisch-Ventilator, den sie für die Gäste vor ein paar Tagen herausgeholt hatte, zurück in den Kleiderschrank im Schlafzimmer. Sie will Strom sparen.

´Never flying with an Banyard´, sie summt die Melodie mit und denkt an Banyard Blues. Norma hat keine Lust, sich beim Herannahen eines schlimmen Sturms noch einmal wie ein Vogel auf einem Bauernhof vorzukommen. Sie macht das Küchenfenster endgültig zu und räumt den Tisch ab.

Als sie später das Haus verlässt, hat sie es geschafft und neben ein paar ausformulierten Ideen eine Mail an einige ihrer Bekannten geschrieben, die Musiker sind, und in der es um das Klima geht. Ihre Laune ist besser geworden.

In dem niedrigen Baum, der in ihrem kleinen Vorgarten steht, tschilpen munter einige Spatzen. Der kleine weiße Bretterzaun vor dem grünen Rasen sieht sauber aus und erinnert ein wenig an Huckleberry Finn, nachdem er kürzlich einen Neuanstrich bekam. Sie gießt die Fleißigen Lieschen, die ordentlich in Blumentöpfen auf dem Rasen stehen, und zupft hier und dort an einer Graspflanze, die nah am Bürgersteig wächst. Spät nachmittags öffnet sie das kleine Vorgartentörchen und verlässt die häusliche Idylle, um einkaufen zu gehen. Es ist heiß draußen, aber sie mag das Wetter.






















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