Wenn nichts ist, wie es scheint Angelika Godau Seine Freundin, Oberkommissarin Kühn, will Abstand, da kommt Privatdetektiv Menke der Anruf aus Zweibrücken wie gerufen. Ein Hundehasser legt in der Stadt Giftköder aus und Tierärztin Hella Labrius will dem ein Ende machen. Kaum angekommen, stolpert Menke auf dem schönen herzogplatz bereits über einen Toten. Wer ist der Tote, den auch Thomas Füßler, Fotograf der Rheinpfalz, noch nie gesehen hat? Als dann seine Auftraggeberin entführt wird, dafür seine Freundin auftaucht, wird´s eng für Menke. Zum Glück hat er seinen Dackel Alli, der ihn wieder einmal vor sich selbst bewahrt … Wenn nichts ist, wie es scheint Angelika Godau Dirk-Laker-Verlag www.dilav.de eBook-Ausgabe Originalausgabe Veröffentlicht im Dirk-Laker-Verlag Dirk Laker, Bielefeld 2021 © by Angelika Godau Lektorat: Dirk Laker Danksagung Menke recherchiert im Jahr 2019. Noch trägt niemand eine Maske oder hält Abstand. Ich bin ganz neu in Zweibrücken und kenne noch nicht viele Menschen. Umso dankbarer bin ich den wenigen, die ich kennenlerne, dass Sie mir ihre Einwilligung geben, sie in diesem 5. Menke-Band agieren zu lassen. Nur ihre Namen, denn ihr Handeln ist natürlich rein fiktiv und ausschließlich meiner Fantasie entsprungen. Auch erwähnte Örtlichkeiten musste ich hier und da ein bisschen verfälschen. Da ich mir sehr viel Mühe gebe, Logikfehler in meinen Büchern zu vermeiden, lasse ich mich immer von Experten beraten. Egal, ob es sich um einen Polizeieinsatz, die örtlichen Hierarchien oder die Arbeit in einer Tierarztpraxis handelt. Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken bei: Anke Meeuw, Tierärztin Irene Köcher–Stumpf, Tierärztin Bernhard Benz, Polizeiarbeit und Zuständigkeiten Dunja Hermann und Sabine Klein, Korrekturlesen und Ideenschmiede Meinem Ehemann, Uli Godau, für Aufzehenspitzenlaufen, wenn ich an einer Formulierung gefeilt habe. Auch den erwähnten Gastronomen und Hoteliers meinen Dank für die Einwilligung, sie in meine Story einbauen zu dürfen. Und nun wünsche ich Ihnen viel Spaß mit Menke in Zweibrücken. PROLOG Verstohlen schaute er sich um, bevor er eines der sorgfältig präparierten Fleischbällchen aus der Tasche zog, um es hinter einem Baum zu deponieren. Für Menschen fast unsichtbar, aber für Hundenasen keine Herausforderung. Ein Tier würde den Leckerbissen finden und gierig verschlucken, so wie es seiner Natur entsprach. Happs und weg lacht er, drehte sich aber sofort erschrocken um. Erleichtert atmete er auf, als er niemanden sah, der seine Worte hätte hören können. Er war allein an diesem frühen Sonntagmorgen. Das Landesgestüt lag in tiefer Stille, noch ruhten die Pferde und kein Wiehern drang durch die geschlossenen Türen nach außen. Auch von den lärmenden Saatkrähen war nichts zu hören. Sie schliefen ruhig in ihren Nestern, hoch oben in den Kronen der mächtigen Platanen. Erst kurz nach Sonnenaufgang würden sie, als hätten alle auf ein Zeichen gewartet, zusammen unter lautem Gekrächze auffliegen und als schwarze Wolken den Himmel verdecken. Wo sie die Tage verbrachten, blieb ihr Geheimnis, aber sie kehrten tagein tagaus kurz vor Einbruch der Dämmerung wieder zurück. Hunderte von schwarzen Vögeln schafften es innerhalb von Minuten, ihr Stammnest zu finden und zur Ruhe zu kommen. Jetzt, zu dieser frühen Stunde, ließ nur der Schwarzbach ab und an ein gurgelndes Geräusch hören, fast wie ein Kichern, ansonsten nichts als Stille und Frieden. Nicht mehr lange, dachte er, dann wird sich das ändern, griff erneut in seine Tasche und legte ein weiteres Fleischstück ganz nah an einem Baum ab. Mit der Vorbereitung hatte er sich große Mühe gegeben, Cuttermesser, Krampen, kleine Nägel und spitze Glasscherben vorbereitet und sortiert. Nun steckte in jedem der Häppchen etwas davon und würde seinen Zweck nicht verfehlen. Egal, ob der Hund den Leckerbissen im Ganzen runterschlucken oder vorher zerkauen würde, am Ende brauchte sein Halter den Tierarzt. Nur der konnte röntgen, endoskopieren, operieren, und versuchen mit seinem ganzen Können das Leben des Tieres zu retten. Natürlich war sein Tun nicht unbemerkt geblieben und man wusste längst, dass in Zweibrücken jemand Köder auslegte. Es war schon angezeigt worden und auch die Presse hatte ausführlich darüber berichtet. Noch war er ein Phantom, wurde als Hundehasser dargestellt, als Psycho, dem es Freude machte, Leid über Mensch und Tier zu bringen. Das hatte ihn geärgert, weil es Unsinn war. Ihm ging es überhaupt nicht um die Hunde, und auch ihre Halter waren ihm gleichgültig. Trotzdem musste er auf der Hut sein, denn sollte man ihn erwischen, würde das üble Folgen für ihn haben, vielleicht sogar sein Leben in Gefahr bringen. Wie sollte er einer aufgebrachten Menge erklären, dass er so hatte handeln müssen. Wer würde verstehen, dass diese Frau Strafe verdient hatte, und die Hunde nur Mittel zum Zweck waren. Und selbst wenn, diese Welt war komisch, vielleicht sogar verrückt, denn verletzte jemand ein Haustier, einen Hund oder eine Katze, war das unverzeihlich. Bei Rindern oder Schweinen sahen die Menschen das weniger eng, deren Leid kümmerte sie kaum. Erst Eddy hatte ihm darüber die Augen geöffnet, und seither aß er kein Fleisch mehr. Eddy hatte ihm erklärt, dass die Menschen kein Recht hatten, ihre Mitgeschöpfe zu töten, um sie zu essen. Eddy hatte aus ihm einen besseren, einen besonderen Menschen gemacht. Dass ausgerechnet er nun Tiere leiden lassen musste, war für ihn ein Widerspruch gewesen, er wollte es nicht, und wäre froh gewesen, einen anderen Weg zu finden, aber es gab keinen. Das hatte er lange nicht verstehen können und es hatte heftige Diskussionen darüber gegeben. Am Ende hatte er Eddy aber zustimmen müssen. Als er den Herzogplatz erreichte, wandte er sich nach rechts, ging über die kleine Brücke, vorbei am Bismarckdenkmal, dass seit über 120 Jahren Wind und Wetter, zwei Weltkriegen und Umquartierungen trotzte und gerade wieder einmal die Gemüter der Bevölkerung erhitzte. Er nickte dem Patina-bedeckten, ehemaligen Reichskanzler zu, weil er sich ihm auf eine seltsame Art verbunden fühlte. Er war wie Bismarck, der seine Ziele gegen alle Widerstände durchzusetzen gewusst hatte. Schnell und ohne sich noch einmal umzuschauen ging er über die Gestütsallee zurück zum Parkplatz gegenüber der Festhalle. Es war gerade 05.10 Uhr und damit höchste Zeit, zu verschwinden. -1- Ich schlug die Augen auf und hatte für einen Moment keinen Plan, wo ich war. Die Sonne fiel durchs Fenster und ein Blick auf mein Smartphone zeigte mir, dass es erst sechs Uhr war. Sechs Uhr morgens, Sonntagmorgens. Ich ließ mich stöhnend in die Kissen zurückfallen, um weiterzuschlafen, hatte aber die Rechnung ohne Alli gemacht. Alli, mein Dackel mit dem Herzen eines Löwen, den mir vor drei Jahren eine Exfreundin geschenkt hatte. Mit vollem Namen hieß er Alligator vom Trifels, und sein Stammbaum war lang und eindrucksvoll. Ansonsten war er eben ein Dackel: Charmant, stur, verfressen und zur Selbstüberschätzung neigend. Meine Ex hatte behauptet, er sei wie ich, nur darum habe sie ihn gekauft. Nicht nur wegen dieser Behauptung war ich damals wenig begeistert über das Geschenk gewesen, aber Alli wäre ja kein Dackel, hätte er es nicht in Windeseile geschafft, mich um alle vier Pfoten zu wickeln. Jetzt konnte ich mir ein Leben ohne diesen Hund überhaupt nicht mehr vorstellen, ganz abgesehen davon, dass er mir schon aus vielen brenzligen Situationen herausgeholfen hatte. Wer mich noch nicht kennt, ich bin Detlev Menke, Winzersohn aus Herxheim, Porschefahrer, Dackelbesitzer und Privatdetektiv im schönen Bad Dürkheim. Momentan befand ich mich in Zweibrücken, der Herzogstadt an der Grenze zum Saarland. Eine alte Schulfreundin hatte mich um Hilfe gebeten und ich war dieser Bitte aus mehreren Gründen gern nachgekommen. Zum einen war ich in Dürkheim mittlerweile bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund, was für einen privaten Ermittler nicht immer vorteilhaft ist. Zum anderen hatte ich einen heftigen Streit mit meiner ebenso schönen wie klugen Freundin, der taffen Oberkommissarin Tabea Kühn, gehabt. Dass wir uns stritten war nicht ungewöhnlich, aber dieses Mal war es ernst, das konnte nicht einmal ich übersehen. Sie hatte mir vorgeworfen, ihr die Luft zum Atmen zu nehmen, sie zu vereinnahmen, zu bevormunden und noch einiges mehr. Ich fühlte mich ungerecht behandelt und wehrte mich heftig, unterstellte ihr Karrieregeilheit und Emanzengehabe. Als mir aufging, dass ich ein weiteres Mal über jedes Maß hinausgeschossen war, war sie weg. Sie hatte nicht einmal die Tür geknallt, sondern langsam und leise hinter sich ins Schloss gezogen. Das war kein gutes Zeichen und die WhatsApp, die sie mir am nächsten Morgen schickte, bestätigte alle meine Befürchtungen. Sie ließ mich wissen, dass sie nicht bereit sei, unsere Beziehung so weiterzuführen. Ich sei nicht kritikfähig, hätte mein Machoverhalten nicht abgelegt und daher brauche sie erst einmal Abstand, und zwar eine ganze Weile. Ich solle die Zeit nutzen, über ihre Worte nachzudenken. Ich widerstand meinem Impuls, sie umgehend anzurufen und ihr zu erklären, dass sie meine Absichten völlig falsch verstanden habe, rief stattdessen meine Schwester Wiebke an. Meine große Schwester, zu der mein Verhältnis in den letzten Jahren sehr viel besser geworden war und die ich schon öfter um Rat gefragt hatte. Wie immer nahm sie auch dieses Mal kein Blatt vor den Mund. Kaum hatte ich meine Geschichte zu Ende erzählt, lachte sie und sagte trocken: „Du bist einfach ein Idiot, Deti. Ein charmanter zwar, aber eben doch ein Idiot. Deine Tabea ist anders als die Frauen, mit denen du dich früher so umgeben hast. Sie spielt in einer ganz anderen Liga, ist ernsthafter, erwachsener, könnte man sagen, aber auf eine gute Art. Sie weiß, wer sie ist und sie weiß, was sie will. Davon abgesehen hat sie einen sehr anspruchsvollen und auch anstrengenden Beruf, den sie ernst nimmt. Sie hat nicht immer um 17. 00 Uhr Feierabend und manchmal muss sie sogar am Wochenende arbeiten, an deinem Geburtstag oder an Heilig Abend vom Tisch aufstehen, um zu einem Tatort zu fahren. Das solltest du doch am besten wissen, verdammt noch mal. Sie kann dann keinen Mann gebrauchen, der rumjammert …“ „Ich habe überhaupt nicht rumgejammert“, hatte ich sie empört unterbrochen, aber Wiebke hatte nur kurz abgewunken und weitergeredet. „Vielleicht nicht direkt, aber du hast ständig irgendwelche Pläne gemacht, gemeinsame Urlaube geplant, immer wieder von Heirat und Familiengründung gesprochen. Du warst so sehr darauf fixiert, dass dir völlig entgangen ist, wie das für Tabea gewesen sein muss. Sie konnte immer nur vielleicht sagen, mal sehen, wenn ich keinen Dienst habe, usw. Und dass sie dir mehr als einmal gesagt hat, dass eine Heirat für sie noch nicht infrage kommt, das weiß ich zufällig genau, ich war mehrfach dabei.“ „Ja sicher“, hatte ich eingeräumt, „aber was ist denn so schlimm daran, dass ich sie heiraten will? Ich dachte immer, Frauen freuen sich, wenn man ihnen einen Antrag macht?“ Meine Schwester hatte die Augen verdreht und stöhnend erwidert: „Genau das ist dein Problem, Deti. Du hast nicht den leisesten Plan, was Frauen wollen. Ich weiß nicht, ob es dir schon mal aufgefallen ist, aber wir leben nicht im 19. Jahrhundert. Die Ehe ist nicht mehr alleiniges Ziel von Frauen. Heute haben die Berufe, anspruchsvolle Berufe, machen Karriere, also alles Dinge, die für euch Männer schon immer selbstverständlich waren. Geht das nicht in deinen sturen Schädel rein?“ Ich hatte noch so einiges dagegen gesagt, immer wieder betont, dass ich Tabea ja gar nicht bevormunden wollte und einengen schon gar nicht, aber Wiebke hatte nur den Kopf geschüttelt und am Ende gesagt: „Ich kann Tabea verstehen, du kapierst wirklich überhaupt nichts“ und war gegangen. Frustriert und gekränkt wollte ich trotzdem noch einen weiteren Versuch mit einem männlichen Gesprächspartner starten und hatte Sand angerufen. Der Sandmann, Kollege von Tabea und lange Zeit nicht mein bester Freund, hatte in gespielter Verzweiflung die Hände in die Luft geworfen und gefleht: „Bitte, bitte verschone mich mit der Frage, was Frauen wollen. Ich bin seit Jahren mit einer verheiratet, aber ich glaube nicht, dass ich weiß, was sie wirklich will. Ja, ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie das selbst immer weiß. Ich glaube, darüber zerbrechen sich seit Adam und Eva die Männer den Kopf, oder vielleicht interessiert es sie nicht genug? Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Weißt du, meine Frau ist wirklich toll, ich liebe sie, daran besteht für mich kein Zweifel, aber wie oft sie schon gesagt hat: ‚Du verstehst mich einfach nicht‘, kannst du dir nicht vorstellen. Also, erwarte von mir keinen Rat, was du tun sollst. Ich weiß es nicht. Im Zweifelsfall das, was sie will, aber möglicherweise machst du genau damit den größten Fehler.“ „Du meinst, wenn ich jetzt gar nichts mache, sie einfach in Ruhe lasse, so wie sie es will, könnte sie darüber auch wieder sauer sein?“, hatte ich mich verblüfft vergewissert und Sand hatte nur genickt. Danach hatten wir über Fußball gesprochen, ein Thema, mit dem wir uns beide sehr viel leichter taten. Das war jetzt drei Tage her. Ich hatte Tabea nicht angerufen, ihr keine Mail, keine WhatsApp und schon gar keine Blumen geschickt, sondern mich in Schweigen gehüllt. Auch von ihr hatte ich nichts gehört und das nagte gewaltig an mir. Ausgerechnet in dem Moment, wo ich drauf und dran gewesen war, sie anzurufen, hatte mein iPhone sich gemeldet und der Klingelton versetzte mir zusätzlich einen Stich. Immer wieder hatte ich davon gesprochen, ihn zu ändern, weil Knockin‘ On Heaven‘s Door mich einfach zu oft abrupt geweckt hatte. Getan hatte ich es nie, bis ich eines Morgens von „Der Mond ist aufgegangen“, geweckt wurde. „Du wolltest doch einen ruhigen und leisen Klingelton?“ Am anderen Ende war eine kichernde Tabea gewesen, die das wissen wollte und sich vor lauter Vergnügen fast an ihrem Kaffee verschluckt hätte. Daran musste ich denken, als es jetzt klingelte, auch wenn ich den aufgegangenen Mond zwischenzeitlich gegen Perfect von Ed Sheeran getauscht hatte. Es war Hella Labrius, Inhaberin einer Tierarztpraxis in Zweibrücken, die sie nach ihrem Veterinärmedizinstudium mit ihrem Vater zusammen führte. Nach dem üblichen Smalltalk: Wie geht es dir, was hast du gemacht, bist du verheiratet, hast du Kinder usw. stellte sich heraus, dass sie sehr genau wusste, was ich machte und dass sie mich aus genau diesem Grund anrief. Sie brauchte einen privaten Ermittler. „Weißt du“, ihre Stimme klang traurig, „ich hatte heute den dritten Hund auf dem Tisch, der es nicht geschafft hat. Es ist zum Kotzen, man versucht alles, um das Leben des Tieres zu retten, und es reicht dann doch nicht aus. Oft ist es zu spät, die Verletzungen zu gravierend oder es sieht am Anfang ganz gut aus, dann gibt es eine Infektion und am Ende verliert man doch. Und die Verzweiflung der Besitzer muss ich auch ertragen. Das geht ganz schön ans Eingemachte, kann ich dir sagen. Ich würde was drum geben, dieses Schwein endlich zu erwischen. Klar, wir haben das angezeigt, die Presse hat darüber berichtet und in den sozialen Medien wurde mehrfach gewarnt, aber gefasst wurde er bisher nicht. Es ist immer das gleiche, die Typen sind alle gleichgestrickt. Ein feiges Pack, das sein tödliches Futter irgendwo hinschmeißt, dann unerkannt und ungesehen wieder verschwindet. Was ist, hilfst du mir?“ Eigentlich hatte ich keine rechte Lust, aber dann fiel mir ein, dass Tabea Abstand wollte und auch, wenn in Bad Dürkheim nicht täglich ein Mord geschah, bestand doch die Gefahr, dass wir uns über den Weg laufen würden; daher sagte ich zu. Ich packte einen Koffer, aufmerksam beobachtet von Alli, der wohl Sorge hatte, ich könnte ohne ihn verschwinden und rief noch kurz meine Mutter an, um ihr mitzuteilen, dass ich für einige Zeit in Zweibrücken arbeiten würde. „Ich habe es schon gehört, mein Sohn, du hast Streit mit deiner Tabea“, unterbrach sie meine Erklärungen. „Wie konnte das denn wieder passieren, sie ist doch so eine nette Frau.“ War klar, der Lieblingssatz meiner Mutter fand in jeder Situation Anwendung, egal, um was es ging. Ebenso klar, dass sie mal wieder davon überzeugt war, dass ich daran Schuld hatte. „Darüber möchte ich jetzt nicht reden, ich wollte dir nur sagen, dass ich einen Auftrag in Zweibrücken habe“, versuchte ich abzulenken, wusste aber schon, dass ich sie damit nicht aufhalten würde. „Weglaufen war noch nie eine gute Idee“, überging sie denn auch meine Erklärung. „Walter hat auch gesagt, dass du dazu neigst, immer zu schnell die Flinte ins Korn zu werfen. Ihr müsst miteinander reden, Junge, glaub mir, das ist immer der beste Weg, Missverständnisse auszuräumen.“ „Sagt das auch Walter oder kommt dieser gute Rat von dir?“, versuchte ich es mit Sarkasmus, aber der prallte an ihr ab. „Das findet Walter auch. Wenn wir Differenzen haben, dann reden wir darüber, und zwar so lange, bis wir uns einig sind. So macht man das, wenn man erwachsen ist. Junge, du musst doch …“ „Also, Mama, du weißt Bescheid. Wenn was sein sollte, du hast meine Handynummer. Ich melde mich, wenn ich zurück bin.“ Ich liebe meine Mutter, ehrlich, aber mir war jetzt nicht nach Ratschlägen zumute. Ich nahm Koffer und Alli, schloss meine Detektei ab, stieg in meinen Porsche und machte mich auf den Weg in Europas Rosenstadt. Es war früher Nachmittag, als ich die Autobahn verließ, und vorbei an einem riesigen Outlet-Center, auf dessen Parkplätzen sicherlich 3.000 Autos dicht an dicht standen, Richtung Stadt fuhr. Ich passierte den Rosengarten und die Rennbahn und erreichte kurz darauf, von meinem Navi geleitet, Hellas Adresse. Ich parkte den Porsche unmittelbar vor der Tür, ließ Alli raus und spazierte mit ihm den Randstreifen entlang, um ihm die Möglichkeit zum Pinkeln zu geben. Davon machte er ausgiebig Gebrauch; es schienen eine Menge Düfte vorhanden zu sein. Dann ging ich zurück und klingelte an der Praxis. Der Summer öffnete mir und aus dem hinteren Teil kam schnell eine attraktive Frau gelaufen. „Deti? Ach, wunderbar, dass du da bist. Hast du schon etwas gegessen? Wie war die Fahrt? Hast du es gleich gefunden? Oh, ist das dein Hund? Der ist ja knuffig, wie heißt er denn?“ Erschlagen von so vielen Fragen auf einmal, blieb ich stehen und überlegte, wo ich mit den Antworten anfangen sollte. „Ich weiß, ich weiß, ich rede zu viel“, kam mir Hella zuvor und lachte über meinen verwirrten Gesichtsausdruck. „Das legt sich, mach dir keine Sorge, ist nur am Anfang so, wenn ich noch etwas nervös bin. Also, schön dass du, äh, dass ihr da seid, herzlich willkommen.“ „Hallo Hella“, sagte ich, beugte mich vor, um sie rechts und links mit Küsschen auf die Wange zu begrüßen. „Das ist Alli, mein Dackel. Alli, das ist Hella, eine alte Schulfreundin von mir“, alberte ich, um die befangene Stimmung etwas aufzulockern. „Hallo Alli“, spielte sie mit, „freut mich, dich kennenzulernen, aber das ‚alte‘ nehme ich deinem Herrchen übel. Ist der immer so uncharmant?“ „Frag mal meine Freundin“, nickte ich resigniert, „auch wenn ich das jetzt wirklich nicht wörtlich gemeint habe, das mit dem alt.“ „Schon klar, habe ich auch nicht so aufgefasst. Also, hast du schon was gegessen? Vorschlag, wir gehen irgendwo hin, wo man draußen sitzen kann, essen eine Kleinigkeit und ich erzähle dir alles, was du wissen musst.“ „Einverstanden“, stimmte ich zu, „vorher müsste ich mir aber noch ein Hotel suchen. Ich bin jetzt erst einmal auf direktem Weg zu dir gefahren.“ „Du brauchst kein Hotel, ich habe ein Gästezimmer, in dem kannst du wohnen und Alli passt da auch noch rein.“ „Perfekt, wenn das kein Problem für dich ist, ich hasse Hotels.“ Eine viertel Stunde später saßen wir in Valentins Biergarten - in der Nähe der Rennbahn - und unterhielten uns angeregt. Die anfängliche Befangenheit war verflogen, wir frischten Erinnerungen auf, lachten über lange zurückliegende Ereignisse, dann wurde Hella ernst und kam auf den Grund meines Hierseins. „Wie ich schon gesagt habe, macht seit einiger Zeit ein Hundehasser unsere Stadt unsicher, die ansonsten eher für Rosen und Pferde bekannt ist, als für Tierquälerei“, begann sie. „Mehrere Hunde sind bereits unter Qualen gestorben und weitere schwer verletzt worden. Alle Tierärzte der Stadt und der Umgebung sind in Alarmbereitschaft, jederzeit darauf vorbereitet, erneut ein Opfer dieses Irren behandeln zu müssen. Natürlich ist mehrfach Anzeige gegen Unbekannt erstattet worden und sowohl die Rheinpfalz als auch der Pfälzische Merkur haben ausführlich berichtet und Hundehalter gewarnt, aber es vergeht keine Woche ohne mindestens ein neues Opfer. Es ist einfach furchtbar.“ Hella hatte Tränen in den Augen und als sie bemerkte, dass ich sie verwundert ansah, nickte sie und sagte: „Meinen eigenen Hund konnte ich auch nicht retten, er gehörte zu den allerersten Opfern. Nele, ein Labrador, gerade mal ein Jahr alt.“ Sie griff nach ihrem Bierkrug, nahm einen tiefen Schluck, stellte ihn heftig zurück auf den Tisch und wischte sich mit einer energischen Geste die Tränen weg, die jetzt über ihre Wangen liefen. Danach stieß sie aus tiefem Herzen hervor: „Verdammte Scheiße, dieses verfickte Arschloch muss zur Rechenschaft gezogen werden!“ „Sehe ich auch so“, stimmte ich zu. „Ich könnte kotzen bei der Vorstellung, was die Tiere gelitten haben müssen. Ich glaube, wenn Alli durch so einem Schwein etwas passieren würde, ich wäre zu einem Mord fähig.“ „Das würde vielleicht etwas zu weit gehen“, lächelt Hella, wurde aber gleich darauf wieder ernst. „Die Polizei ist informiert, aber was kann die schon tun? Die können nicht hinter jeden Baum einen Beamten stellen. Bisher wissen wir nicht einmal, ob der Typ die Köder nicht einfach aus dem Auto wirft, oder vom Fahrrad schmeißt. Im Grunde genommen wissen wir gar nichts, außer, dass es Hackfleischbällchen sind, die er mit diversen Gemeinheiten präpariert. Neben Rattengift, Cuttermessern und Glasscherben haben wir bislang Nägel und Krampen gefunden. Zwei Hunde, bei denen es so aussah, als wären sie gerettet, starben im Nachhinein an inneren Blutungen, ausgelöst durch untemperiertes Glas. Das siehst du manchmal auf dem Röntgenbild nicht. Der Dreckskerl geht auf Nummer sicher; der will, dass die Hunde daran sterben.“ „Gibt es irgendeinen Hinweis darauf, dass es ein Mann ist“, wollte ich wissen, „oder ist das nur eine Vermutung?“ „Bauchgefühl, vielleicht auch Instinkt oder schlicht Vorurteile“, erwiderte Hella. „Niemand weiß es. Es könnte genauso gut eine Frau sein, auch wenn ich das einfach nicht glauben will.“ „Na ja“, widersprach ich, „Frauen können ganz schön brutal sein, das kannst du mir glauben. Ich habe davon in letzter Zeit eine Menge kennenlernen dürfen. Gehen wir also davon aus, dass wir keine Ahnung haben, ob der Täter männlich oder weiblich ist. Einverstanden?“ „Ja, sicher“ nickte sie und nahm erneut einen tiefen Schluck. „Was wir wissen ist, er oder sie scheint bestimmte Tage und bestimmte Wege zu bevorzugen. Bisher wurden Köder ausschließlich in der Innenstadt, also rund um den Rosengarten, den Exe und die Rennbahn gefunden. Bis auf eine Ausnahme, da sah es so aus, als hätte der Hund es in Homburg aufgenommen. Das Tier hat überlebt, und bei der Operation wurde eine Rasierklinge gefunden, die seinen Darm perforiert hatte, sonst nichts. Es könnte also gut sein, dass es sich nicht um den gleichen Täter gehandelt hat.“ „Du meinst, es laufen gleich mehrere derart kranke Typen hier rum?“, fragte ich konsterniert und Hella nickte. „Ich weiß ja nicht, wie deine Erfahrungen so sind, aber ich persönlich bin der Meinung, dass die Menschheit immer verrückter wird. Keine Ahnung, warum, aber es vergeht doch kaum ein Tag ohne eine solche Giftköderwarnung. Ich meine, klar, viele Menschen tun alles für ihre Haustiere, Es sind Familienmitglieder, die gehegt und gepflegt werden, um die man sich liebevoll kümmert. Das ist okay, und manche tun auch zu viel des Guten. Sie vermenschlichen ihre Tiere derart, dass es schon fast tierschutzrelevant ist. Hunden wird das Fell gefärbt, man lackiert ihnen die Krallen, besprüht sie mit Parfüm und trägt sie in der Handtasche spazieren, damit sie nur ja nichts tun, was Hunde nun mal tun. Das ist das eine Extrem, und dann gibt es die, die Hunde hassen und sie mit präparierten Ködern aller Art vernichten wollen oder Katzen mit Luftgewehren abknallen, weil sie vielleicht ihr Geschäft in ihrem Garten verrichtet haben. Extreme natürlich, aber sie nehmen zu, auf beiden Seiten. Wie sieht es aus, nimmt Alli Fressbares vom Boden auf oder Leckerchen von Fremden?“ „Äh, beides, würde ich sagen. Er ist unglaublich verfressen, wird bei meiner Familie oft von Gästen gefüttert, und wenn er unterwegs einen stinkenden Knochen findet, sagt er auch nicht nein“, lachte ich. „Du wirst es nicht glauben, aber einmal hat er sogar ein menschliches Ohr gefunden und ich hatte echt Mühe, ihm das wieder aus den Zähnen zu ziehen.“ (Im Wingert lauert der Tod) Hella schüttelte ungehalten den Kopf. „Das ist überhaupt nicht witzig, weißt du das nicht? Genau das ist der Grund, warum so viele Hunde an diesen Scheißködern sterben. Ein Hund muss lernen, so etwas anzuzeigen, aber nicht zu fressen.“ „Nicht zu fressen?“, wiederholte ich ungläubig. „Wie soll ich ihn denn daran hindern? Außerdem … hast du mir nicht erzählt, dass auch dein eigener Hund … ich meine …“ „Ja, leider und darum ist es mir auch so ernst damit. Nele war noch jung und sie war ein Labbi. Verfressen ohne Ende, aber auch verspielt und unglaublich neugierig. Ich habe mit ihr trainiert, unterwegs nichts aufzunehmen, was ich nicht freigegeben habe, aber, nun ja, es roch wohl einfach zu verlockend. Es ist meine Schuld, ich hätte besser aufpassen müssen, aber dein Alli lebt noch, und du musst das trainieren, unbedingt. Ich werde dir heute Abend zeigen, wie das geht und dann müsst ihr das üben. Jeden Tag, an vielen verschiedenen Orten und dann muss das aufhören, dass wildfremde Leute ihn füttern, das geht einfach gar nicht.“ „Aha“, sagte ich, leicht angefressen, weil sie mir vorschreiben wollte, wie ich meinen Hund zu behandeln hatte. Passte mir gar nicht, schließlich hatte sie mich hergebeten, um ihr zu helfen, nicht umgekehrt. „Sorry, wahrscheinlich denkst du gerade, dass ich mich um meinen eigenen Kram kümmern soll und dir nicht gute Ratschläge erteilen, stimmt’s? Aber du kannst mir glauben, wenn du deinen Hund sterben siehst, nur weil du nicht aufgepasst hast, dann werden dich später deine Schuldgefühle nicht schlafen lassen. Also, sei nicht beleidigt, sondern tu, was ich dir sage.“ Bevor ich etwas erwidern konnte, kam die Bedienung mit Wurstsalat und Bratkartoffeln, und wir vertieften uns eine Weile schweigend in unser Essen. Natürlich versuchte Alli etwas abzustauben, hüpfte, tanzte und fiepte, das volle Programm. Da alle seine Bemühungen von Hella ignoriert wurden, traute ich mich auch nicht, ihm etwas runterzureichen. Ihre Worte hatten mich verunsichert. „Also, wenn du gern einen so aufdringlich bettelnden Hund hast, darfst du ihm natürlich was von deinem Essen abgeben, das ist kein Problem. Ich meine, abgesehen davon, dass stark gewürzter Wurstsalat ungesund für ihn ist“, unterbrach Hella grinsend meine Überlegungen. „Nee, lass mal, ist schon gut, er frisst ja auch viel lieber Saumagen“, erwiderte ich, bemüht nicht beleidigt zu klingen. Allis Ernährung war tatsächlich oft, na, sagen wir mal, suboptimal. Darüber hatte es schon so manchen Disput mit Tabea und Wiebke gegeben. Vor allen Dingen im Sommer bekam er oftmals Dinge, die er besser nicht bekommen sollte. Saumagen zum Beispiel. Da er ihn bisher aber immer gut vertragen hatte, ihm auch Pommes und Leberknödel keine Probleme zu bereiten schienen, hatte ich nie die Notwendigkeit gesehen, ihm diese Vergnügen zu verwehren. Schließlich war auch er ein Pfälzer, die brauchen das zum Leben. Als wir dann fast gleichzeitig unser Besteck auf den Teller legten, begriff auch mein Hund, dass er leer ausgehen würde und stimmte ein enttäuschtes Wuhuhuuuuu an. Er war ernsthaft empört. Das kannte er nicht von mir. Zumindest eine Kleinigkeit bekam er immer ab. Hella sah verblüfft auf den schimpfenden Dackel und schüttelte amüsiert den Kopf. „Na, der hat dich aber wirklich gut erzogen. Gib’s zu, du hast jetzt ein mega schlechtes Gewissen.“ Sie wartete ab, bis ich zustimmend genickt hatte, dann sagte sie: „Hunde sind aber nun mal keine Menschen. Wenn es um Futter geht, sieht jeder zu, dass er das, was er hat, auf dem schnellsten Weg in den eigenen Magen befördert. Teilen ist da nicht vorgesehen, außer bei Elterntieren ihren Welpen gegenüber. Hast du mal versucht, deinem Hund einen Knochen wegzunehmen?“ „Was? Nee, nur ein Ohr. Wieso, ich meine, warum sollte ich? Ich nehme ihm nichts weg, was er hat, das gehört ihm.“ „Und wenn es etwas Ungenießbares ist? Giftig oder gespickt mit Glasscherben, was dann? Darf er es dann auch behalten, weil es ihm gehört und du ihm nichts wegnehmen möchtest?“ „Jetzt hör aber auf, das ist doch Quatsch. Es gibt einen Unterschied zwischen einem Knochen, den ich ihm gegeben habe und Gift oder so was …“ „Ja, für dich gibt es den, aber für deinen Hund doch nicht. Der würde energisch protestieren, möglicherweise unter Einsatz seiner Zähne. Er weiß nicht, dass es zu seinem Schutz ist. So was muss trainiert werden, Detlev. Echt, mag sein, dass du mich für übervorsichtig, hysterisch, oder für schlicht bekloppt hältst, aber glaub mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich sehe es in meiner Praxis einfach zu oft, was passiert, wenn Hunde elementare Dinge nicht lernen. Und im Augenblick bin ich zusätzlich ausgesprochen sensibilisiert. So, jetzt müssen wir fahren, ich will Elfie nicht so lange allein lassen.“ Ich kam nicht dazu, sie zu fragen, wer Elfie war; sie stand schon auf und eilte auf den Parkplatz zu. Als ich sie kurz vor meinem Porsche erreichte, sah ich, dass sie wieder geweint hatte und legte schnell meinen Arm und ihre Schultern. Sie wehrte ab und sagte gewollt burschikos: „Lass gut sein, ich entwickele mich noch zur Heulsuse, aber Nele war so ein quicklebendiger, junger und zu allen freundlicher Hund. Dieses kranke Miststück hat keine Ahnung, was es da anrichtet.“ „Vielleicht doch“, überlegte ich laut. „Vielleicht ist es genau das, was der will. Vielleicht geht es ihm gar nicht in erster Linie um die Hunde, vielleicht geht es ihm um die Halter. Um deren Trauer und deren Schmerz. Was, wenn der Typ geplant vorgeht? Also genau weiß, wer, wann, mit welchem Hund wo langgeht und danach seine Köder verteilt?“ „Unwahrscheinlich“ antwortete Hella langsam. „Gerade in der Rosengartenstraße, der Wittelsbacher Allee, also rund um die Rennbahn, sind jeden Tag unzählige Hundehalter mit ihren Vierbeinern unterwegs, da ist es reiner Zufall, wen es trifft.“ „Kann sein, aber was, wenn er zum Beispiel genau weiß, dass gewisse Leute immer sehr früh morgens, oder aber spät abends diese Wege gehen? Würde das die Menge nicht deutlich einschränken? Ich meine, er nimmt einfach ein paar tote Hunde in Kauf, um sein eigentliches Opfer zu treffen, sozusagen als Kollateralschaden. Könnte das sein? Wann bist du denn immer mit Nele gegangen?“ Ich sah Hella an, dass es in ihrem Kopf ratterte. Dann zuckte sie die Schultern und sagte: „Na ja, es stimmt schon, ich bin immer, also zumindest unter der Woche, Punkt halb sieben mit Nele gelaufen. Sie brauchte Bewegung, um dann bis zu meiner Mittagspause schlafen zu können. Mittags habe ich sie nur im Garten rumtoben lassen, und nach Praxisschluss bin ich meist rausgefahren, damit sie nicht immer die gleichen Wege laufen musste. Es wäre also schon möglich, dass mich jemand beobachtet hat. Ich meine, falls deine Theorie stimmt und es sich um einen Racheakt am Halter handelt und es nicht einfach ein ganz gewöhnlicher Irrer ist, der Hunde hasst.“ „Da wir es nicht besser wissen, nehmen wir es erst mal als Arbeitshypothese und dann sehen wir weiter. Hast du unter deinen Patienten vielleicht jemanden, der dir nicht wohlgesonnen ist, mit deiner Behandlung unzufrieden war, dir Rache geschworen hat oder so was?“ „Na ja, es kommt natürlich schon mal vor, dass Patienten glauben, ich hätte einen Fehler gemacht und es kommt auch vor, dass ich tatsächlich Fehler mache, aber Rache geschworen hat mir deswegen noch keiner. In letzter Zeit gab es auch keine dramatischen Behandlungen oder so was, außer die beiden Hunde, die ich wegen aufgenommener Giftköder behandelt und verloren habe.“ „Sind beide gestorben? Wie haben die Besitzer es aufgenommen?“ „Ja, Keks, ein Jack Russel, war schon tot, als er gebracht wurde. Die Besitzer waren geschockt, haben mich gebeten, ihnen einen Tierbestatter zu nennen, das war’s. Wir haben uns völlig normal unterhalten, sie wussten auch, dass ich meine Nele verloren hatte und wir haben uns gegenseitig getröstet. Der zweite Fall, ein Mischling namens Micky, hat noch gelebt, starb aber, bevor ich mit meiner Untersuchung fertig war. Er muss den Köder am späten Abend aufgenommen haben. Die Halter sind schlafen gegangen und haben erst am Morgen bemerkt, dass mit ihrem Hund was nicht stimmt. Sie riefen gegen halb sechs an. Ich bin sofort in die Praxis gefahren und fast gleichzeitig mit ihnen dort eingetroffen. Micky blutete aus Fang und Anus und war ohne Bewusstsein. Es war einfach zu spät. Da war vor allen Dingen die Frau sehr verzweifelt und hat sich lange nicht beruhigen lassen, aber auch sie hat mir keiner Vorwürfe gemacht.“ „Hm, in welchem Zeitraum sind diese Hunde verstorben, also auch deiner?“ „Das war alles in der vorletzten Woche … warte mal, also, Nele ist am siebten August am frühen Nachmittag gestorben. Ich bin sicher, sie hat diesen Scheißköder bei unserem morgendlichen Gassigang aufgenommen. Sie war anschließend bis zum Mittag allein im Haus und als ich kam … na ja, es war zu spät, ich will dir das nicht alles im Detail erzählen. Keks kam dann genau eine Woche später und Micky am nächsten Tag. Die beiden könnten also tatsächlich einen zeitlichen Zusammenhang haben, Nele eher nicht. Ich kann mir nämlich kaum vorstellen, dass innerhalb einer Woche kein einziger Hund weitere, dort versteckte Köder gefunden hat.“ „Könnte es nicht sein, dass du nur nichts davon weißt? Ich meine, es gibt doch sicher noch andere Tierärzte hier in Zweibrücken?“ „Ja, das stimmt natürlich, ich weiß von mehreren Hunden, aber nach zeitlichen Zusammenhängen müsste ich meine Kollegen noch mal befragen. Das dürfte kein Problem sein, auch, ob es auffällig viele tote Krähen gegeben hat, werde ich fragen, denn die könnten ebenfalls was von dem Zeug aufgenommen haben, sind ja Allesfresser. Aber jetzt lass uns bitte erst mal fahren, sonst wird Elfie sauer.“ Hella wohnte in unmittelbarer Nähe der Praxis in der Erdgeschosswohnung eines Zweifamilienhauses. Ich parkte auf ihre Anweisung hin erneut vor der Praxis und wir gingen die wenigen Schritte zu Fuß. „Komm rein“, forderte sie mich auf, nachdem sie die Haustür aufgesperrt hatte, „aber pass auf, dass Elfie nicht auf Alli tritt.“ Bevor diese Warnung meine Gehirnwindungen passiert hatte, kam etwas Dunkles auf mich zugeflogen, zwei Riesenpranken legten sich rechts und links auf meine Schultern, zwei Reihen beachtlich weißer Zähne blitzten auf, und eine sehr lange, sehr feuchte Zunge wusch mir das Gesicht. „Das ist Elfie“, hörte ich entfernt die Stimme von Hella und war sicher, dass sie sich gerade köstlich amüsierte. Zwischenzeitlich war es mir gelungen, diesen Hund von der Größe eines Ponys dazu zu bewegen, seine Pfoten wieder runter auf den Boden zu stellen, ohne Alli unter einer zu begraben. Den schien der Größenunterschied nicht sonderlich zu beeindrucken, jedenfalls bemühte er sich bereits eifrig darum, Elfies Hinterteil zu erreichen, um es ausgiebig zu beschnüffeln. Leider gibt es Dinge im Leben, die auch mit ausgefeilter Technik nicht zu lösen sind, und alle seine Bemühungen endeten kurz über Elfies Knien. „Wie in Gottes Namen bist du auf die Idee gekommen, einen Irischen Wolfshund ausgerechnet Elfie zu nennen?“, fragte ich in die unbekannte Tiefe der Wohnung hinein, in der Hella verschwunden war. „Wieso nicht?“, kam von Ferne die Antwort. „Du hast es doch gerade erlebt, sie kann fliegen wie eine Elfe, darum heißt sie Elfie.“ Zwischenzeitlich war es der Elfe offenbar aufgefallen, dass ihr neuer Verehrer sich redlich abmühte, alles Wesentliche über sie zu erfahren, ohne sonderlich erfolgreich zu sein. Einen Augenblick sah es so aus, als überlege sie angestrengt, dann knickte sie grazil ihre langen Beine ein und begab sich in Bauchlage. Alli überschlug sich fast vor Begeisterung, denn jetzt hatte er das Ziel seiner Wünsche unmittelbar vor der spitzen Dackelnase. „Ich hoffe deine Elfie ist nicht gerade läufig, ansonsten wäre es vielleicht besser, du kämest mal zurück, um Schlimmeres zu verhindern“, rief ich etwas unsicher, aber da stand Hella schon in der Tür und lachte: „Keine Panik, sie ist nicht heiß, ansonsten wäre es vermutlich bereits zu spät und nicht mehr zu verhindern. Tiere sind da erfinderisch, wie du siehst.“ „Ich verstehe! Wo ein Wille ist, ist auch ein Gebüsch“, lachte ich und guckte fassungslos auf meinen sabbernden Dackel. „Meinst du, du kommst für eine Weile hier allein klar? Ich muss noch für zwei Stunden in die Praxis, ich kann den Urs nicht alleine lassen und mein Vater ist zurzeit am Gardasee im Urlaub“, wollte Hella wissen, aber es hörte sich nicht wirklich wie eine Frage an. „Na klar“, antwortete ich schnell, „das ist doch kein Problem, lass dich von mir bloß nicht stören.“ „Tue ich nicht! Komm mit, ich zeige dir noch schnell dein Zimmer und das Bad. Gegen 19 Uhr bin ich wieder hier. Du kannst dir schon mal überlegen, was du heute Abend gern unternehmen möchtest.“ Ich packte meine mitgebrachten Klamotten aus, ging ausgiebig duschen und legte mich dann, nur mit einem Handtuch ums Wesentliche gewickelt, auf das Bett. Dass ich einschlafen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Aber ich wurde tatsächlich um 19. 15 Uhr von einer lachenden Hella geweckt. Wie ertappt sprang ich auf, das Handtuch trennte sich von meinen Hüften, und ich stand splitternackt mitten im Raum. „Ist das ein Anmachversuch?“, fragte Hella amüsiert, anstatt peinlich berührt den Raum zu verlassen. „Quatsch, nein“, beeilte ich mich zu versichern, während ich nach dem Handtuch griff, um es mir erneut um die Lenden zu schlingen. „Muss an der vielen frischen Luft liegen, die macht müde. Außerdem habe ich die letzte Nacht ausgesprochen schlecht geschlafen.“ „Schon gut, ist doch kein Ding. Worauf hast du denn jetzt Lust? Sollen wir was essen gehen, ich habe schon wieder Hunger.“ „Können wir machen, aber vorher muss ich mit Alli raus …“ Das Klingeln von Hellas iPhone unterbrach unsere Überlegungen und ich nutzte die Chance, um mich anzuziehen. Ich hatte gerade die Jeans oben, als Hella rief: „Sorry, ich muss sofort in die Praxis, offenbar hat es schon wieder einen Hund erwischt, willst du mit?“ „Was? Wen? Ich meine, ja klar, gerne. Kann ich Alli denn hier mit Elfie allein lassen?“ „Sicher, warum nicht? Elfie ist durch und durch friedlich und dein Dackel wird ihr schon nichts tun. Wenn es zu lange dauert, kannst du ja zwischendurch mal nach den beiden sehen.“ Ich lief hinter ihr her ins Wohnzimmer, warf einen Blick auf meinen Hund, der gemeinsam mit seiner neuen Flamme in einem Korb lag und schlief. Hella war schon aus der Haustür und ich beeilte mich, ihr zu folgen. In der Praxis war noch niemand, aber sie hatte gerade erst ihre Gummihandschuhe übergestreift, als mit quietschenden Reifen ein Auto vor der Tür hielt. Noch bevor der Motor verstummte, knallte eine Tür und eine aufgeregte Frauenstimme rief laut um Hilfe. Ich wartete nicht auf Hellas Okay, sprintete aus der Tür und half einer etwa 60-jährigen, sehr fülligen weiblichen Person einen offensichtlich kranken Hund aus dem Kofferraum zu heben. Aus der Schnauze lief Blut und reichlich Blut war auch auf der Decke, auf der er gelegen hatte. Auch Hella tauchte jetzt auf und dirigierte uns in ihr Behandlungszimmer. „Das ist Bruno, sechs Jahre alt, reinrassiger Ridgeback und bisher kerngesund“, teilte sie mit, während sie sich bereits das Stethoskop in die Ohren steckte, um den Hund abzuhören. Danach schaute sie ihm ins Maul, roch sogar daran, drückte auf Zahnfleisch, Brustkorb und Bauch und legte ihm dann schnell und geschickt eine Infusion, was der geschwächte Hund widerstandslos über sich ergehen ließ. „Das ist erst mal etwas zum Stabilisieren des Kreislaufs, damit er nicht kollabiert. Erzählen Sie, Frau Sänger, wo sind sie mit ihm gewesen und wie hat das angefangen?“ „Ich war in der Stadt ein paar Besorgungen machen, danach bin ich mit Bruno noch eine Runde am Schwarzbach langgegangen. Da trifft er immer viele von seinen Freunden, aber heute war kaum jemand unterwegs. Ich habe nicht gesehen, dass irgendwas passiert wäre oder so, aber plötzlich hat er ganz laut aufgeschrien und wollte nicht weiterlaufen. Ich habe gedacht, er hätte sich vielleicht was verstaucht oder wäre in eine Scherbe getreten, also habe ich seine Beine und die Pfoten untersucht, aber nichts finden können. Dann hatte er plötzlich Blut an der Schnauze und ich dachte, er hätte sich da vielleicht draufgebissen, weil er sich erschreckt hat. Wissen Sie, er ist ja auch so sensibel, erschrickt sich schnell und …“ Frau Sänger verstummte, dicke Tränen liefen über ihre Wangen und sie schniefte vernehmlich. Hella nickte und lächelte ihr auffordernd zu. „Sie haben alles richtig gemacht, wie ging es weiter?“ „Wie es weiterging? Nun, er ist dann erst normal gelaufen, es war ja auch nicht mehr weit, aber gerade als wir mein Auto erreicht hatten, fing er mit diesen komischen Geräuschen an. Ich dachte er hustet, aber irgendwie war das anders und dann kam richtig viel Blut aus seiner Schnauze. Ich habe ihn darum schnell in den Kofferraum gehoben, was gar nicht so einfach war und Sie dann sofort angerufen.“ „Haben Sie vielleicht beobachtet, dass er irgendwas vom Boden aufgenommen hat?“ „Aufgenommen? Sie meinen, gefressen? Nein, ist mir nicht aufgefallen, aber Sie wissen ja wie Hunde so sind, die finden immer was. Und viele Leute füttern da auch die Enten, also liegt da oft Brot oder so was. Das will er immer haben, könnte also schon sein. Ach Gottchen, ich hätte besser aufpassen müssen, ich weiß, aber mein Mann hat mich angerufen und ich habe mit …“ „Gut, ich gebe Bruno jetzt erst einmal etwas zum Schlafen, denn ich muss ihn röntgen, es könnte sein, dass er etwas verschluckt hat, was die Blutung verursacht.“ In diesem Augenblick wurde sie von Bruno unterbrochen, der seinen Mageninhalt in einem Schwall auf den Tisch entleerte. Hella nahm einen hölzernen Spatel und begann das Ergebnis zu untersuchen. „Hm, wann hat er das letzte Mal Futter bekommen? Oha, was ist das? Ja, habe ich mir gedacht, jetzt können wir nicht mehr warten, ich werde operieren müssen. Sie drehte sich um, zog eine Schublade auf und entnahm ihr eine lange Pinzette. Damit zog sie etwas aus dem Erbrochenen hervor und hielt es hoch. „Ein abgebrochenes Cuttermesser, wer weiß, was das angerichtet hat und ob da nicht noch mehr ist.“ Brunos Frauchen begann jetzt hemmungslos zu schluchzen und wollte sich offenbar über ihren Hund werfen, wurde aber von Hella daran gehindert. „Schon gut, Frau Sänger, beruhigen Sie sich. Wenn wir Glück haben, ist noch nichts weiter in den Darm gewandert. Ich werde Bruno jetzt narkotisieren und eine Endoskopie durchführen, danach sehen wir weiter. Sie können da im Augenblick leider nichts tun, aber ich gebe Ihnen sofort Bescheid, sobald ich etwas weiß.“ Von einem kleinen Wagen nahm sie eine Ampulle, zog sie auf und fügte den Inhalt durch den Infusionskonus hinzu. „Bruno wird jetzt gleich einschlafen, Deti, hilfst du mir bitte, ihn rüber zu tragen?“ Ich nickte, nahm den bereits fast schlafenden, verdammt schweren Hund auf den Arm, trug ihn keuchend ins Nebenzimmer und legte ihn auf einem Metalltisch ab. Entweder, ich war mittlerweile sehr verweichlicht, oder die ältere Dame verfügte über ungeahnte Kräfte. Wie, in drei Teufels Namen, hatte sie diesen Hund in den Kofferraum bekommen? Ich nahm mir ernsthaft vor, nach Erledigung dieses Auftrags wieder sehr regelmäßig Sport zu machen. „Das sieht nicht gut aus“, flüsterte Hella mir zu, „mit Sicherheit ist Bruno ein weiteres Opfer dieser präparierten Fleischbällchen. Und so wie der blutet, ist die Speiseröhre verletzt. Zwei von diesen Cuttermessern waren im Erbrochenen, außerdem Glassplitter. Verdammte Hacke, das muss aufhören, du musst diesen kranken Typen einfach zu fassen kriegen. Ich will nicht jeden zweiten Tag einen Hund in diesem Zustand sehen.“ Sie kritzelte etwas auf einen Block, der neben einem Monitor lag, reichte mir den Zettel und sagte: „Ruf da an und bitte Urs, umgehend wieder herzukommen. Ich werde operieren müssen und dazu brauche ich seine Assistenz.“ „Kann ich doch machen“, bot ich an, aber Hella schüttelte den Kopf. „Bist du Tierarzt oder zumindest Humanmediziner, medizinisches Fachpersonal, Anästhesist? Nein, daher kannst du es nicht machen, also bitte, ruf meinen Kollegen an und sag ihm, er möge sich beeilen. Dann musst du mir bei der Endo helfen, das ist nicht schwierig.“ Ich zückte mein Smartphone, tippte die Nummer ein und als sich ein Hallo meldete, sagte ich meinen Spruch auf, bekam die Zusage, umgehend zu kommen und drückte auf Ende. „Er sagt, er sei in fünf Minuten hier, was soll ich tun?“ Hella zeigte mir, wie ich Bruno in Position halten musste, damit sie das Endoskop einführen konnte. Sie starrte konzentriert auf einen Monitor, gab ab und an einen unverständlichen Laut von sich und ich kam mir ziemlich überflüssig vor. „Hör mal“, sagte ich daher, „wenn dein Kollege kommt, bin ich hier nur im Weg. Wenn es dir recht ist, verschwinde ich, gehe mit Alli Gassi und wir treffen uns dann später bei dir Zuhause.“ „Hm“, machte Hella, und ich nahm es als Zustimmung. Kurze Zeit später erschien der Typ, den ich angerufen hatte, nickte mir zu und beachtete mich nicht weiter. „Okay, ich bin dann mal weg“, sagte ich, bekam aber von keinem der beiden eine Reaktion. Keinen Plan, ob es Frust war, Langeweile oder einfach das Bedürfnis, etwas von Tabea zu hören, auf alle Fälle rief ich sie an. Ignorierte, dass sie Abstand wollte und redete mir ein, dass der durch einen Anruf nicht gefährdet wurde. Es klingelte lange, bis sich schließlich die Mailbox meldete. War klar, sie ließ mich auflaufen, aber bitte, wenn sie es so wollte, das konnte ich auch. Launig ließ ich sie wissen, dass mich meine alte Freundin Hella gebeten habe, einen Auftrag in Zweibrücken zu übernehmen und ich daher bis auf weiteres bei ihr zu erreichen sei. Erst nachdem ich das losgeworden war, kam ich mir plötzlich blöd vor und hätte es gern zurückgenommen. Es war fast 21 Uhr als ich die Haustür hörte und Hella hereinkam. Sie sah erschöpft aus, ließ sich in einen Sessel fallen und sagte: „Ich brauche einen Schnaps. Da drüben steht eine Flasche Grappa, mach dich mal nützlich.“ Als ich ihr wieder gegenübersaß, prostete sie mir zu und trank dann in einem einzigen Zug ihr Glas leer. „Das hat gutgetan“, sagte sie, „aber wenn das noch lange so weitergeht, werde ich zur Alkoholikerin. Bruno hat die Operation überlebt und fürs erste sieht es nicht ganz schlecht für ihn aus. Über den Berg ist er allerdings noch nicht, das hängt davon ab, ob wir wirklich alles an Glas entfernt habe, was er verschluckt hat. Seine Zunge, der Rachen und die Speiseröhre hatten einige Schnitte, aber der Magen war intakt. Zum Glück war er schnell in der Praxis und hat sich dann auch noch übergeben. Das Zeug hatte daher nicht viel Zeit, seinen Verdauungstrakt noch weiter zu zerstören. Wäre auch noch der Darm verletzt gewesen … ich glaube, das hätte er nicht überlebt. Zum Glück war Urs erreichbar und obendrein in der Nähe. So konnte er mir assistieren, vier Augen sehen auch in so einer Situation mehr als zwei. So, ich muss jetzt mal abschalten, sonst nehme ich das wieder mit ins Bett. Dann kreisen meine Gedanken, ich grübele endlos und an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Ich muss aber morgen früh wieder fit sein für die Praxis. Komm, lass uns in die City fahren und was essen.“ Nun wachte ich also am frühen Sonntagmorgen in ihrem Gästezimmer auf und Alli schien entschlossen, mich am Weiterschlafen zu hindern. Er jankte, tanzte auf den Hinterpfoten und war seltsam aufgedreht. „Gib Ruhe, Hund, sagte ich, „es ist noch zu früh zum Gassigehen, es ist erst sechs Uhr.“ Alli quittierte meine Ansage mit heftigem Gebell, danach lief er zur Tür und begann, sie mit den Pfoten zu bearbeiten. „Hör sofort auf, du Spinner“, schimpfte ich, sprang aus dem Bett und öffnete die Tür einen Spalt breit. Sofort war er raus und ich sah ihn mit fliegenden Ohren den Flur entlangrennen. Natürlich, ich hatte völlig seine neue Flamme Elfie vergessen, die hatte ihn offenbar um den Schlaf gebracht. Unschlüssig stand ich da, und hatte keinen Plan, was ich als nächstes unternehmen sollte. In der Wohnung war bis vor 30 Sekunden noch völlige Ruhe gewesen, die jetzt vom lauten Freudengeheul meines Dackels unterbrochen wurde. Auch Elfie gab einige begeisterte Töne von sich, die dazu führten, dass ihr verschlafenes Frauchen, nur mit Slip und T-Shirt bekleidet, in der Schlafzimmertür auftauchte. „Was ist denn hier los, seid ihr verrückt, am frühen Sonntagmorgen einen solchen Lärm zu veranstalten?“, begehrte sie zu wissen und gähnte ausgiebig. „Ist dein Hund immer so früh auf den kurzen Beinen? Elfie pennt bis in die Puppen, wenn ich sie nicht zum Aufstehen zwinge.“ „Alli steht nie früh auf, wenn er nicht muss, er scheint aber gerade unter juveniler Bettflucht zu leiden, seit er Elfie kennt“, lachte ich und bemühte mich krampfhaft, sie nicht anzustarren. Wieso war mir bisher nicht aufgefallen, wie krass sie aussah? „Was meinst du? Wenn wir schon mal wach sind, könnten wir doch mit den beiden einen Spaziergang machen. Das Wetter ist super und vielleicht fällt uns unterwegs was ein, wie wir diesen Misttypen erwischen können.“ „Ohne Kaffee gehe ich keinen Meter, das kannst du vergessen“, knurrte Hella und schlurfte in rosa Plüschpantoffeln in die Küche, um die Kaffeemaschine startklar zu machen. „Auch gut, dann springe ich schnell unter die Dusche, danach hätte ich auch gern einen Kaffee“, stimmte ich zu und setzte mein Vorhaben in die Tat um. Geduscht und rasiert erschien ich zehn Minuten später in der Küche, in der Hella, noch immer spärlich bekleidet, am Tisch saß. Vor sich eine große Tasse mit tiefschwarzem Kaffee. „Mach dir selbst einen, ich bin zu müde“, ließ sie mich wissen und zeigte auf die Maschine. „Kein Problem, aber soll ich nicht vielleicht Elfie mitnehmen und du legst dich noch einmal hin und schläfst dich aus? Was hältst du davon oder geht sie nicht mit Fremden?“ „Die geht mir jedem, kein Problem. Würdest du das wirklich machen? Das wäre wunderbar, ich bin so müde, ich glaube, ich könnte eine Woche am Stück schlafen“, seufzte sie und wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Na, dann machen wir das so“, bestimmte ich. „Lass mich grad meinen Kaffee austrinken, dann marschiere ich mit den beiden los und du gehst schlafen.“ Um Elfie das Geschirr anzuziehen, musste sie sich bücken und gewährte mir damit einen langen Blick auf ihren wohlgerundeten Busen. Als sie merkte, dass ich sie anstarrte, richtete sie sich auf, warf mir einen tadelnden Blick zu. Ich wurde leicht verlegen und versuchte schnell Alli Halsband und Leine anzulegen, während der wie ein Floh auf Speed um mich herumsprang. Da alter Porsche und Irisch Wolf größenmäßig nicht kompatibel waren, ging ich zu Fuß, es war nicht weit bis zu meinem Ziel. Ich wollte mir die Gegend um den Rosengarten ansehen, auch wenn ich nicht wusste, was ich mir davon versprach. Hätte ich auch nur geahnt, welche Kette von Ereignissen ich damit lostreten würde, ich hätte Alli ignoriert und einfach weitergeschlafen. -2- Max Bergmann ging absichtlich sehr früh joggen. Er mochte diese menschenleeren Straßen, wenn die Luft noch sauber war und wie frisch gewaschen wirkte. Vor allen Dingen mochte er die Ruhe. Das war etwas, wonach er sich sehnte, wovon er nie genug bekam. Unter der Woche, an seiner Maschine in einer metallverarbeitenden Fabrik, trug er sogar Kopfhörer, auch wenn seine Kollegen sich darüber lustig machten. Leider musste er die nach Feierabend absetzen, obwohl er sich so manchen Abend wünschte, er könnte sich darunter vor der lauten, vorwurfsvollen Stimme seiner Frau verstecken. Regina beklagte sich ständig über irgendwas. Ihr ganzes Leben schien eine Aneinanderreihung von Ereignissen zu sein, die nur dazu gemacht waren, sie zu kränken. Ihr Chef war ungerecht, bevorzugte immer die anderen, obwohl sie doch die einzige war, die in dem Laden wirklich arbeitete. Ihre Kolleginnen waren allesamt intrigante, selbstsüchtige Weiber, die nur ihren eigenen Vorteil im Auge hatten. Jeden Abend, wenn er nach Hause kam, schien sie bereits hinter der Tür auf ihn zu warten, um ihn sofort mit einem Schwall aus Klagen und Vorwürfen zu überschütten. Seit drei Jahren ging das nun schon, einzig Micky, der Hund, vor zwei Jahren aus dem Tierheim geholt, schien von ihrer Unzufriedenheit ausgenommen. Er machte niemals etwas falsch, er durfte alles, bekam alles, ihn überhäufte sie mit der Zärtlichkeit, die sie ihm verweigerte. Früher war das anders gewesen. Früher, das klang, als wäre es eine Ewigkeit her, dabei waren sie gerade einmal sieben Jahre verheiratet. Sie hatten sich bei einer Veranstaltung im Rosengarten kennengelernt, waren ins Gespräch gekommen und hatten festgestellt, dass sie beide aus dem Norden der Republik stammten und den hier üblichen Dialekt nur rudimentär beherrschten. Sie hatten viel gelacht an diesem Abend, immer weitere gemeinsame Interessen entdeckt und sich bis über beide Ohren ineinander verliebt. Negative Erfahrungen, die sie beide bereits gesammelt hatten, wurden ausgeblendet und sie heirateten drei Monate nach ihrem Kennenlernen. Von wem diese Eile ausgegangen war, wusste er nicht mehr genau, er erinnerte sich aber daran, dass er sehr erleichtert gewesen war, die „Richtige“ endlich gefunden zu haben. Natürlich hatte er fest daran geglaubt, dass ihre Gefühle füreinander ewig währen würden. Ein einziger Abend, ein einziger Fehler, hatte alles verändert. Sein Fehler, und darum ertrug er ihre Launen, ihre Stimmungsschwankungen, ihre abweisende Haltung ihm gegenüber, mehr oder weniger klaglos. Es war eine Art Buße, die er sich auferlegt hatte, auch wenn er sich manchmal fragte, ob das nicht zu viel Leiden war für das, was er getan hatte. Etwas, das außerdem bereits vier Jahre her war und sich niemals wiederholen würde. Auf der Weihnachtsfeier der Firma hatte er, ganz entgegen seiner Gewohnheit, ein bisschen zu viel getrunken. Fröhlicher und offener als gewöhnlich hatte er mit der einen oder anderen Kollegin sogar ein bisschen geflirtet. Als gegen Mitternacht ausgerechnet Carola, auf die alle Männer im Betrieb abfuhren, mit ihm tanzte und sich in einer Art und Weise an ihn presste, die ihn ebenso verwirrte wie reizte, hatte er den Zeitpunkt verpasst, das gefährliche Spiel zu beenden. Sie hatten weiter getanzt, viel zu eng aneinandergedrückt, zwischendurch zu viel getrunken und das Verhängnis hatte endgültig seinen Lauf genommen. Seine einzige, klägliche Entschuldigung war, dass die Initiative allein von ihr ausgegangen war. Sie war es, die seine Hand genommen und ihn zum Parkplatz gezogen hatte. Sie war es auch, die seinen halbherzigen Einwand, er müsse jetzt nach Hause, lachend übergangen hatte und sich dann im Auto sofort den Pulli über den Kopf gezogen und seine Hose geöffnet hatte. Natürlich hätte er es verhindern, sich wehren müssen, nein sagen, schließlich war er glücklich verheiratet, aber er hatte geschwiegen. Stumm und verwirrt über das, was ihm da passierte, hatte er die Augen geschlossen und Carola gewähren lassen. Nicht einmal über eventuelle Folgen dieser ebenso spontanen wie völlig ungeschützten Nummer hatte er sich noch Gedanken gemacht, einfach nur den Augenblick genossen. Zumindest so lange, bis Reginas Gesicht am Autofenster aufgetaucht war. Den Ausdruck ihrer Augen würde er sein Leben lang nicht vergessen und das, was sie später gesagt hatte, auch nicht. „Nichts wird je wieder so sein, wie es war“, hatte sie erklärt und seine Entschuldigungen und Beteuerungen mit einer Handbewegung zum Schweigen gebracht. „Das wirst du bereuen. Ich werde dir niemals verzeihen, niemals, verstehst du und wenn ich 100 Jahre alt werde. Du weißt ja, ich bin Skorpion, die vergessen nie, was man ihnen angetan hat.“ Anfangs hatte er noch gehofft, darauf vertraut, dass sie sich doch geliebt hatten, dass seine Frau mit der Zeit wieder zu ihm zurückfinden würde, aber es vergingen Monate und schließlich Jahre, ohne dass sich etwas geändert hätte. Da war er in seiner Verzweiflung auf die Idee mit dem Hund gekommen. Ihm war eingefallen, wie sehr sie sich ein Haustier gewünscht hatte, früher, als sie noch miteinander sprachen. „Damit bist du immer angebunden, kannst nie etwas spontan entscheiden. Außerdem stinken die und haaren die Wohnung voll“, waren seine Argumente dagegen gewesen. „Außerdem, wenn wir erst Kinder haben, wirst du bestimmt froh sein, nicht obendrein für einen Hund sorgen zu müssen. Nein, nein, lass uns das auf später verschieben.“ Wenn er ehrlich mit sich selbst war, musste er aber zugeben, dass er nur ihre ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuwendung behalten, und nicht mit einem Tier teilen wollte. Heute wäre er schon mit der Hälfte an Zuwendung zufrieden gewesen, und so war er ins Tierheim gefahren und hatte sich aus den vielen angebotenen Kandidaten Micky ausgesucht. Warum? Weil er sich eingebildet hatte, in seinen Augen die gleiche Einsamkeit zu sehen, unter der er litt. Wie jeden Tag hatte Regina hinter der Tür auf ihn gewartet, um ihn mit ihren Klagen zu empfangen, aber die hatte sie alle vergessen, als sie Micky sah. Ab diesem Moment hatte sie sich verändert, ihre Stimme bekam wieder einen liebevollen, ja zärtlichen Klang. Leider galt das nicht ihm, sondern ausschließlich dem Hund. Für ihn änderte sich nichts, auch wenn er es immer wieder versuchte, immer wieder beteuerte, zu bereuen, was er getan hatte. Heilige Eide auf das Leben seiner Mutter schwor, es niemals wieder zu tun und alles dafür geben zu wollen, es ungeschehen machen zu können. Sie hörte zu, nickte und machte weiter wie bisher. Später hatte er mit Trennung, sogar mit Scheidung gedroht, ihr vorgeworfen zu übertreiben, Freude daran zu haben, ihn zu quälen. Sie hatte es hingenommen, kein Wort der Verteidigung, geschweige denn der Versöhnung war von ihr gekommen. Sie hatte den Hund an sich gedrückt und war aus dem Zimmer gegangen. In ihr eigenes, denn ein gemeinsames Schlafzimmer gab es schon lange nicht mehr, aus dem war sie noch in dieser verhängnisvollen Nacht ausgezogen. Und dann war Micky tot. Feige mit einem dieser schrecklichen Giftköder ums Leben gebracht, und natürlich war auch das seine Schuld. Er war es, mit dem er den letzten Spaziergang seines Lebens gemacht hatte. Er war es, der nicht aufgepasst, zugelassen hatte, dass der Hund etwas auf der Straße Gefundenes fraß. Regina wäre das nie passiert, sie ließ ihren Hund nicht eine Sekunde aus den Augen. Sie hatte ihm den Hund ohnehin nur wegen einer schweren Migräne anvertraut, und dann war Micky tot. All diese Anklagen hatte sie ihm noch im Auto entgegengeschrien, kaum, dass sie die Praxis der Tierärztin verlassen hatten. Umso verblüffter war er, als er jetzt die Wohnungstür öffnete und Regina singend in der Küche stehen sah. Er rieb sich die Augen, glaubte zu halluzinieren, aber das Bild blieb das gleiche. „Hallo Max“, unterbrach sie ihren Gesang und wandte sich ihm zu. „Warst du schon so früh joggen? Ich dachte, wir könnten zusammen frühstücken und später auf den Markt gehen. Ich habe Lust uns heute Abend etwas zu kochen. Geh duschen, die Eier sind gleich fertig.“ Er war perplex, konnte sein Glück kaum fassen, beeilte sich aber, ihr zuzustimmen. „Ja, ich war laufen, es ist so schön draußen. Natürlich, wenn du willst, gehen wir auf den Markt. Ich bin gleich wieder da, ich beeile mich.“ Fünf Minuten später saß er Regina am Frühstückstisch gegenüber und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Er löffelte sein Ei, lobte die perfekte Konsistenz, erwähnte den guten, starken Kaffee und kam sich wie ein kompletter Idiot vor. Er sprach mit der Frau, mit der er seit sieben Jahren verheiratet war und fühlte sich wie ein Schuljunge. Regina tat nichts, seine Befangenheit zu beenden, sie aß und trank … und schwieg. „Ähm, was wolltest du denn heute Abend kochen?“, nahm er einen erneuten Anlauf und nach einer Weile sagte sie: „Oh, ich hatte an Frikadellen und Kartoffelpüree gedacht. Mit vielen gebratenen Zwiebeln obendrauf, so wie du es gerne hast. Vielleicht noch grüne Bohnen oder einen gemischten Salat dazu.“ „Großartig, darauf werde ich mich jetzt den ganzen Tag freuen“, jubelte er. „Deine Frikadellen sind legendär, die kriegt niemand so hin wie du.“ Der Blick, den sie ihm zuwarf, hatte etwas von einem Forscher, der ein seltenes Insekt betrachtet. Dann lächelte sie, nickte und knabberte an ihrem Toast. Um den Strohhalm nicht zu verlieren, den sie ihm hingehalten hatte, bot er ihr Hilfe in der Küche an, fragte, ob sie beim Friseur gewesen sei, aber sie verfiel wieder in Schweigen und so gab er schließlich auf. Als sie eine Stunde später den samstäglichen Wochenmarkt an der Alexanderkirche erreicht hatten, änderte sich ihr Verhalten plötzlich erneut, sie ergriff sogar seinen Arm und zeigte fröhlich auf die aufgebauten Zwiebelberge eines Händlers. „Die sehen gut aus, die werde ich kaufen.“ Der Bauer hatte bereits eine Tüte in der Hand und füllte sie geschäftig. „Was soll’s denn geben?“, fragte er und Regina ließ ihn wissen, dass ihr Mann besonders gern Frikadellen äße, dazu selbstgemachtes Kartoffelpüree und sie ihm das am Abend kochen wollte. „Fläschkischelcher mit Grumbeerbrei un ausgebäde Zwiwwle? Na, dann brauchen Sie aber noch Grumbeere, wieviel sollen es denn sein?“ Regina erstand zwei Kilo, bezahlte und der Bauer rief ihnen noch nach: „Ich wünsche einen guten Appetit und nicht zu viele Blähungen anschließend.“ An einem anderen Stand kaufte sie Hackfleisch und verkündete dann, sie habe nun alles und wolle wieder heim. „Wollen wir nicht irgendwo einen Kaffee trinken gehen? Das Wetter ist so schön und wir waren lange nicht mehr zusammen …“ „Nein, heute nicht, ein anderes Mal vielleicht, ich möchte jetzt nach Hause, ich muss ja auch das Essen vorbereiten.“ Max konnte sich zwar nicht vorstellen, wieso sie dafür den ganzen Tag brauchen sollte, schwieg aber, um den Funken Hoffnung, den er im Herzen trug, nicht zu verlieren. Schweigend fuhren sie nach Hause, schweigend verlief auch der restliche Tag. Seine angebotene Hilfe in der Küche lehnte sie ab, auch den Tisch wollte sie selbst decken, und so verzog er sich ins Schlafzimmer und machte ein Nickerchen. Später schaltete er die Sportschau an und freute sich über den sensationellen Sieg seiner geliebten Borussia gegen den FC Augsburg. Fünf zu eins gewonnen, das war geradezu perfekt und dazu passte, dass genau beim Abpfiff Regina in der Tür erschien und ihn aufforderte, zu Tisch zu kommen. Sie sagte tatsächlich zu Tisch, was ihm merkwürdig vorkam. So merkwürdig, wie dieser ganze Tag. Seine Verwunderung nahm weiter zu, als er das Esszimmer betrat. Der Tisch war gedeckt wie an Weihnachten. Das gute Geschirr und Kerzen in der Mitte. Tiefroter Wein funkelte in den Kristallgläsern, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte und die er scheußlich fand. Selbst das Silberbesteck schien sie geputzt zu haben, und auch sie selbst sah toll aus. Ein ihm unbekanntes enges, dunkelblaues Kleid aus weichem, fließendem Stoff umspielte vorteilhaft ihren sehr schmal gewordenen Körper. Er starrte sie mit offenem Mund verblüfft an. „Setz dich doch Max“, lächelte sie, „alles ist fertig, lass es dir schmecken.“ Damit hob sie ihr Glas und prostete ihm zu. Er hätte lieber ein Bier getrunken, was ja auch entschieden besser zu dem deftigen Gericht gepasst hätte, aber er schwieg und trank ihr zu. Der Wein war schwer und hinterließ ein seltsam pelziges Gefühl auf seiner Zunge, aber da er kein Kenner war, sagte er nichts darüber. Regina füllte seinen Teller mit zwei knusprig - braunen Frikadellen und einem kleinen Berg Püree, auf den sie wie eine Mütze geschmälzte Zwiebeln packte. Dazu reichte sie ihm einen bereits zusammengestellten Salatteller. „Ich hoffe, er schmeckt dir, ich habe das gute Olivenöl aus Kreta und den teuren Balsamicoessig für das Dressing benutzt. Du weißt ja, Öl und Essig sind das A und O für jeden guten Salat.“ „Das stimmt, da hast du wirklich recht“, stimmte er eilfertig zu, auch wenn er keine Ahnung hatte, ob das der Wahrheit entsprach. „Es schmeckt einfach wunderbar, vor allen Dingen die Frikadellen sind dir hervorragend gelungen.“ „Ja, das finde ich auch“, stimmte Regina ihm kauend zu. „Das muss an den Zwiebeln liegen, die haben einen sehr kräftigen Eigengeschmack.“ Wieder erhob sie ihr Glas und animierte ihn zum Trinken. Als er es leergetrunken hatte, überlegte er, ob er sich ein Bier aus dem Kühlschrank holen konnte, aber Regina kam ihm zuvor und schenkte Wein nach. Nach einer halben Stunde schwirrte sein Kopf und der Gürtel drückte unangenehm in der Magengegend. Er hatte eindeutig zu viel gegessen, und dazu dieser schwere Rotwein, das war er nicht gewohnt. Regina saß ihm lächelnd gegenüber und schien sich ausgesprochen wohl zu fühlen. „Was ist? Geht es dir nicht gut? Hat es dir nicht geschmeckt?“ „Oh doch, natürlich hat es mir geschmeckt, darum habe ich vermutlich auch zu viel gegessen und der Wein ist mir zu Kopf gestiegen, glaube ich. Du weißt ja, ich trinke nur selten Alkohol.“ „Ja, aber wenn, dann weißt du nicht mehr, was gut für dich ist“, antwortete sie und selbst sein beschwipster Verstand registrierte den bitteren Unterton. Jetzt wurde ihm noch heißer und er spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg. „Regina“, bat er, „bitte lass uns doch jetzt nicht wieder mit dieser alten Geschichte anfangen. Ich weiß, ich habe einen schlimmen Fehler gemacht, und ich würde alles darum geben, ihn ungeschehen machen zu können. Kann ich aber nicht, also …“ „Also hast du als Zugabe auch noch meinen Hund vergiftet!“ Irgendwie fanden ihre Worte keinen Zugang zu seinem Gehirn. Er hörte sie, aber er verstand sie nicht. Was hatte denn jetzt der Hund mit seinem Seitensprung zu tun? „Wie meinst du das? Wieso? Ich meine, ich habe doch nicht …“ „Doch hast du, da bin ich mir ganz sicher. Du hast es nicht ertragen, dass ich wieder glücklich war, dass ich Micky geliebt habe. Du musst alles zerstören, so wie du unsere Liebe zerstört hast, musstest du auch meine Liebe zu diesem unschuldigen Wesen zerstören.“ Sie hatte sich in Rage geredet, hektische rote Flecken breiteten sich über ihr Gesicht und den Hals aus und die Haare lösten sich aus der Spange. „Ich verstehe dich nicht, Regina, wirklich. Ja gut, vielleicht habe ich nicht genug aufgepasst, vielleicht hätte ich es verhindern können, aber du kannst doch nicht sagen, ich hätte deinen Hund…“ „Und ob ich das sagen kann! Ich habe dich beobachtet, wenn du joggen gegangen bist. Ich habe genau gesehen, dass du Dinge fallenlassen hast, aber ich habe zu spät begriffen, was das war. Du bist dieser Dreckskerl, der Hunde vergiftet, der auch meinen Micky umgebracht hat.“ „Regina! Du weißt nicht mehr, was du sagst. Ich würde doch nie im Leben einem Hund etwas zu Leide tun. Du weißt, ich bin ein Tierfreund, ich füttere sogar die Krähen und die Enten, obwohl das verboten ist. Es war nur Brot, was ich geworfen habe, Brot, sonst nichts. Du hast mir einfach immer zu viel eingepackt und ich wollte es nicht wegschmeißen, also habe ich es an die Tieren verfüttert.“ Mittlerweile war ihm sterbensübel, sein Kopf dröhnte und der Schweiß lief ihm über das Gesicht. „Das höre ich mir nicht länger an, das geht jetzt wirklich zu weit, Regina. Ich habe einmal einen Fehler gemacht, das habe ich nie bestritten und dafür hast du mich seither an jedem einzelnen Tag bestraft, aber hier ist für mich Schluss.“ Er stand auf, stieß dabei seinen Stuhl um und verließ mit schnellen Schritten den Raum und die Wohnung. Ihm war sterbensübel und er wusste nicht, ob von zu viel Wein, zu viel Essen oder von dem, was Regina ihm unterstellt hatte. Er brauchte frische Luft, musste seinen Kopf wieder klarkriegen und überlegen, was er als nächstes tun sollte. So viel stand für ihn fest, das konnte er nicht hinnehmen, dafür musste Regina sich bei ihm entschuldigen, und zwar ernsthaft. Irgendwo gab es auch für ihn eine Grenze und die hatte seine Frau heute Abend überschritten. Er lief Richtung Innenstadt, schaffte es taumelnd, den Herzogplatz zu überqueren und ließ sich schließlich erschöpft auf eine Bank fallen. Er hatte keinen Blick für die architektonische Schönheit der barocken Gebäude, sein Mund brannte wie Feuer, und seine Eingeweide krampften sich immer heftiger zusammen. Nur mit größter Anstrengung gelang es ihm, den aufsteigenden Brechreiz zurückzudrängen. Ich bin krank, ich brauche einen Arzt, dachte er verwundert, doch dann kam ihm schlagartig die Erkenntnis. So ungeheuerlich, dass er sich kaum traute, weiter zu denken. „Sie will meinen Tod, sie hat mich vergiftet“, flüsterte er und suchte in den Taschen seiner Jacke verzweifelt nach dem Handy. Er fand es nicht und ihm fiel ein, dass er es neben seinem Bett abgelegt hatte, um Fußball zu gucken. Borussia hat gewonnen, war sein letzter Gedanke, bevor er das Bewusstsein verlor und von der Bank fiel. -3- Wir waren kaum zehn Minuten unterwegs, als ich, etwa 30 Meter vor mir, einen Mann am Boden liegen sah. Ich drehte mich einmal um meine eigene Achse, entdeckte aber sonst keine Menschenseele. Ignorieren ging nicht, da brauchte vielleicht jemand Hilfe, auch wenn ich überzeugt war, dass den wohl zu viel Alkohol ausgeknockt hatte. Also nahm ich beide Hunde kurz, die ebenfalls in die von mir angestrebte Richtung zogen und dann wurde mir leicht übel. Der Mann sah nicht aus, als würde er regelmäßig vor Parkbänken schlafen. Jeans, Hemd und Schuhe waren teure Markenbekleidung, seine Haare ordentlich geschnitten, nichts wies darauf hin, dass es sich um einen Obdachlosen handeln könnte. Er hatte sich erbrochen und Reste davon klebten in seinem Gesicht, auf dem offenen Mund krabbelten, trotzt der morgendlichen Frische, bereits Fliegen. Selbst ein Erstklässler hätte erkannt, dass niemand diesem Mann mehr helfen konnte, er war sicherlich seit Stunden tot. „Was ist mit ihm?“, erklang in meinem Rücken eine sonore männliche Stimme und ich fuhr erschrocken herum. „Mein Gott, wo kommen Sie denn so plötzlich her? Keine Ahnung, ich weiß nur, dass er tot ist. Ich wollte gerade die Polizei informieren“, antwortete ich, zückte mein iPhone, tippte die 110 und betrachtete unterdessen den Mann genauer. Er war älter als ich, größer als ich und hatte auch mehr Bauch als ich. Ansonsten wirkte er freundlich und nicht so, als würde er Menschen auf Parkbänken ums Leben bringen. Er wurde von zwei Hunden begleitet, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, einem Bordercollie und einer Französischen Bulldogge. Während ich mich noch fragte, wieso die Hunde so ruhig blieben, meldete sich an meinem Ohr ein Stimme: „Notruf der Polizei, was kann ich für Sie tun?“ „Menke hier, Detlev Menke, ich möchte mal wieder eine Leiche melden, einen toten Mann, der liegt hier vor einer Bank. Also, einer Parkbank genauer gesagt, davor steht ein Bücherschrank, dann ist hier noch ein Tütenspender für Kotbeutel und da vorne ein mobiles WC … Moment bitte … das weiß ich leider nicht.“ Ich drehte mich zu meinem neuen Bekannten um, der gerade mit seinem Smartphone die Leiche fotografierte und fragte: „Wo sind wir denn hier genau?“ Er warf mir einen verwunderten Blick zu, und antwortete: „Na, am Herzogplatz.“ „Hören Sie? Also, wir sind am Herzogplatz. Sagte ich doch schon, mein Name ist Detlev Menke, ich bin Privatdetektiv in Bad Dürkheim, aber im Augenblick in Zweibrücken zu Besuch bei Dr. Hella Labrius. Ich bin mit meinen Hunden hier entlang gelaufen und habe den Mann zufällig gefunden. Das passiert mit leider häufiger, dass ich Leichen finde, aber das ist eine lange Geschichte.“ Einen Augenblick war tiefes Schweigen am anderen Ende der Leitung und ich konnte mir gut vorstellen, dass da jemand überlegte, ob er es mit einem Spinner zu tun hatte. Dann kam kurz und knapp die Anweisung, nichts anzufassen, nicht wegzugehen und auf Notarzt und Polizei zu warten. Dann wurde aufgelegt, noch bevor ich versichern konnte, das alles einhalten zu wollen. Ich steckte mein Handy weg und drehte mich wieder zu dem Typen mit den Hunden um, die mittlerweile wie die Hühner bei Witwe Bolte als Quartett umeinander herumliefen und sich gegenseitig am Hintern rochen. „Warum machen Sie eigentlich Fotos von einer Leiche? Sagen Sie nicht, Sie wollen die auf Insta oder so posten, das finde ich zum kotzen“, regte ich mich auf, aber er winkte nur ab. „Kommen Sie wieder runter, ich bin Freelancer bei der Rheinpfalz, fotografiere, schreibe, berichte, was grad so anfällt und die Fotos sind nicht für die Öffentlichkeit, sondern für die Polizei bestimmt.“ „Wieso, haben die keine eigenen Fotografen?“, fragte ich, immer noch skeptisch. Die Antwort hörte ich nicht mehr, weil die Stille plötzlich von einem unglaublichen Gekrächze durchbrochen wurde. Gefühlte 5000 Krähen stimmten gemeinsam ein Morgenlied an, und dieser Höllenlärm, wurde zusätzlich vom Sirenengeheul des „ersten Angriffs“ übertroffen. Vorneweg kam der Rettungswagen über den Platz, dahinter ein PKW mit dem Notarztschild, und von der anderen Seite raste ein Streifenwagen heran. Wer jetzt noch nicht wach war, musste entweder sehr schwerhörig oder bereits tot sein. Fast gleichzeitig stoppten die drei Fahrzeuge, die Türen öffneten sich und die Insassen sprangen heraus. Der Notarzt entpuppte sich als eine attraktive, sportlich aussehende Blondine, die zielstrebig auf den am Boden liegenden Mann zulief. Zwei Sanis kamen mit einer Trage aus dem RTW angerannt. Die beiden Streifenhörnchen holten eine Rolle mit rot-weißem Absperrband aus dem Kofferraum, nachdem sie ein paar Worte mit der Notärztin gewechselt hatten. Dann entdeckte der ältere von ihnen den Hundemann und winkte ihm zu: „Seit wann ist die Zeitung schneller als die Polizei? Was machen Sie um diese unchristliche Uhrzeit schon hier? Haben Sie ihn gefunden?“, wollte der jüngere der Beiden wissen, der aussah, als wäre er noch nicht mal volljährig. „Nein, das war der Detektiv da aus Bad Dürkheim“, war die Antwort, mit einer kurzen Kopfbewegung in meine Richtung. „Detektiv aus Dürkem? Doch nicht etwa der mit dem Dackel?“ Der ältere Beamte blieb stehen und drehte sich zu mir um. „Sind Sie Menke? Dann kennen Sie bestimmt meinen Schwager Norman.“ „Norman und wie weiter?“, fragte ich verblüfft, aber ich ahnte schon, wie die Antwort lauten würde. „Sand, Norman Sand, der ist bei der Kripo in Ludwigshafen und hat oft von Ihnen erzählt, müssen Sie also kennen.“ „Das ist Ihr Schwager? Na, wenn das kein Zufall ist, die Welt ist wirklich klein“, sagte ich lahm, weil mir einfach nichts Gescheiteres einfallen wollte. Ich konnte mir schließlich denken, wie lange es unter diesen Umständen dauern würde, bis der Sandmann davon erfuhr, dass ich mal wieder eine Leiche gefunden hatte. Und was er wusste, wusste 30 Sekunden später auch Tabea. „Der Mann ist tot und das ungefähr seit Mitternacht, plus-minus eine Stunde. Ob Fremdverschulden vorliegt, kann ich nicht sagen, er könnte auch an seinem Erbrochenen erstickt sein. Möglicherweise ist Gift im Spiel, keine Ahnung. Ich denke, da muss die Kripo her. Passen Sie aber auf, dass keiner der Hunde den Fundort verunreinigt.“ Die Notärztin war mit ihrer Erstuntersuchung fertig und verabschiedete sich, weil sie gerade zu einem weiteren Einsatz gerufen wurde. Der ältere Beamte murmelte etwas vor sich hin, während er in den Taschen des Toten nach Ausweispapieren suchte. Er wurde nicht fündig, zuckte die Schultern, ging in aller Seelenruhe zu seinem Fahrzeug, und teilte der Einsatzleitstelle mit, dass man die Kripo schicken solle. Ich wandte mich dem Zeitungsmann zu und fragte nach seinem Namen. „Füßler, Thomas Füßler und Sie heißen Menke, ich hab’s gehört. Das kann jetzt hier dauern, wenn Fremdverschulden vermutet wird, oder auch nur nicht ausgeschlossen werden kann, muss die Kripo aus Pirmasens anrücken und die Lauterer wurden natürlich auch bereits informiert. Hilft nix, wir sitzen fürs erste fest, auch wenn wir kaum etwas zur Aufklärung beitragen können.“ „Und außerdem stehen wir“, stellte ich klar, „vielleicht ist es ja gestattet, sich in der Nähe in ein Café zu setzen, was meinen Sie?“ „Das glaube ich kaum. Abgesehen davon, dass es in Zweibrücken kein Café gibt, dass um diese unchristliche Uhrzeit geöffnet hätte, können wir schon froh sein, wenn wir uns da drüben auf die Bank setzen dürfen“, grinste er und war mir plötzlich irgendwie sympathisch. Ich drehte mich zu dem älteren Beamten um, den die Situation nicht weiter zu beunruhigen schien und holte mir die Genehmigung, mich ungefähr fünfzig Meter entfernt auf einer Bank niederzulassen. „Keine Sorge, ich laufe Ihnen nicht davon. Ich habe einen festen Wohnsitz, eine Oberkommissarin zur Freundin und einen Oberkommissar als Freund“, fügte ich zu seiner Beruhigung noch hinzu. „Ja, die Oberkommissarin Kühn, ich weiß. Ob die allerdings noch Ihre Freundin ist, weiß ich nicht so genau. Man hört so dies und das“, grinste er. „Was hört man und wer ist ‚man‘“? „Gerüchte, lachte er, nix als Gerüchte, Sie müssen es doch am besten wissen, wie es um Ihre Beziehung steht. Also nehmen Sie Ihre Hunde, gehen Sie und setzen Sie sich da vorne auf die Bank. Sie werden Geduld brauchen, so wie wir alle heute Morgen.“ „Ich geh mit, laufe auch nicht weg“, ließ der Zeitungsmann ihn wissen, bekam aber nur ein Kopfnicken, ganz ohne Kommentare zum Stand seiner Beziehung. „Sind Sie verheiratet oder sonst wie liiert?“ fragte ich, einfach, um ein Gespräch in Gang zu bringen. „Geht Sie zwar nix an, aber ja, bin ich, seit einer halben Ewigkeit. Warum wollen Sie das wissen? Haben Sie Krach mit ihrer Frau oder Freundin, dem Freund …“ „Freundin, und Krach ist eigentlich das falsche Wort. Sie hat auf Abstand bestanden, darum bin ich überhaupt in Zweibrücken und sitze hier auf dieser Bank fest.“ „Dann haben Sie Krach“ nickte Füßler „und zwar richtig. Eine Frau, die Abstand will, die meint es ernst. Was haben Sie denn ausgefressen? Also, geht mich nichts an, aber …“ „Schon gut, kein Problem, ich habe eigentlich gar nichts gemacht, ganz im Gegenteil, ich will sie seit zwei Jahren heiraten, reiße mir buchstäblich den Arsch auf und verstehe überhaupt nicht, was ihr daran alles nicht passt.“ „Was sagt sie denn? Haben Sie sie mal gefragt?“ „Klar, mehrfach. Also, sie findet, ich bedränge sie zu sehr, lasse ihr keinen Freiraum, sehe nicht, wie wichtig ihr die Arbeit ist, benehme mich wie ein beleidigtes Kind und verwechsele sie mit meiner Mutter. Das war’s für erste.“ „Himmel, ja, das klingt übel. Ihre Freundin ist Oberkommissarin bei der Moko in Lu? Dann hat sie Ehrgeiz, ist gut in ihrem Job und nimmt ihn verdammt ernst. Ist das so?“ „Ja, genau so! Außerdem ist sie klug, witzig, schlagfertig, warmherzig und obendrein bildschön. Sie sehen, ich habe es nicht leicht.“ Füßler lachte schallend, so laut, dass die beiden Streifenbeamten zu uns rüber sahen. „Tschuldigung, gehört sich nicht, in Anwesenheit eines Toten zu lachen“, sagte er schuldbewusst, aber um seinen Mund zuckte es noch immer. „Sie haben da eben ein Bond-Girl geschildert, Superwoman könnte man meinen. Da kann ich mir schon vorstellen, dass es nicht immer leicht ist, da mitzuhalten.“ „Ist es auch nicht, und wenn man seinen Job obendrein im Fernstudium gelernt hat, schon dreimal nicht“, stöhnte ich und seufzte tief. „Wissen Sie, wir haben uns kennengelernt, da hielt sie mich für ein Oberarschloch und außerdem für einen Frauenmörder. Den Frauenmörder hat sie fallenlassen, aber …“ „Ach, jetzt hören Sie auf, sich Leid zu tun. Würde sie Sie immer noch für ein Arschloch halten, wäre sie kaum seit geraumer Zeit Ihre Freundin.“ „Momentan ist sie das wohl auch nicht und wenn sie erst erfährt, dass ich hier schon wieder in einem Mordfall stecke …“ „Wieso Mordfall? Das steht bis jetzt nicht fest, vielleicht ist er an einem Herzinfarkt oder einem hypoglykämischen Schock verstorben, wer weiß das schon?“ „Das hätte die Notärztin bestimmt erkannt, ne, glaube ich nicht. Mein Bauchgefühl sagt mir deutlich, dass hier ein Mord passiert ist. Also, vielleicht nicht unmittelbar hier, aber, ich bin sicher, dass der Mann ermordet wurde. Sagen Sie mal, haben Sie eigentlich keine Angst, dass Ihre Hunde was von diesen präparierten Ködern aufnehmen? Deswegen bin ich nämlich überhaupt in Zweibrücken. Die Hella hat mich gebeten, den Kerl aufzuspüren, der das macht. Also, ob es wirklich ein Kerl ist, wissen wir noch nicht, aber wir gehen davon aus.“ „Ich habe davon gelesen, üble Geschichte, ganz üble, aber meine Beiden nehmen nichts vom Boden auf, das haben wir lange trainiert.“ „Aha“, sagte ich lahm und nahm mir vor, noch heute Abend ebenfalls mit einem solchen Training anzufangen. Ich sah mich nach Alli um, der gerade noch intensiv an einem Pfosten der Bank geschnüffelt hatte, sah ihn aber nicht, nur Elfie schlief zu meinen Füssen, den großen Kopf auf die Pfoten gebettet. „Haben Sie meinen Hund gesehen? Alli, Alli, hierher, komm her! Alli, verdammt, wo steckst du denn?“ Wir waren beide aufgesprungen und suchten mit den Augen die Gegend ab. Weit und breit war kein Dackel zu sehen. „Geht er gern schwimmen“, wollte Füßler wissen und lief schon in Richtung Brücke, die über einen Bach führte. Seine beiden Hunde blieben brav und völlig ungerührt im Platz liegen, auch Elfie regte sich nicht. „Kein Hund zu sehen“, rief er über die Schulter, und starrte dann wieder angestrengt in das recht schnell fließende Wasser. „Scheiße, wo ist der denn nur hin, eben war er noch hier, ich verstehe das nicht, der haut sonst niemals ab“, klagte ich und merkte, wie mir das Herz in der Kehle schlug. Da erregte eine entfernte Bewegung meine Aufmerksamkeit und gleichzeitig stimmte Elfie einen lauten Gesang an. Ich konzentrierte mich darauf, genauer zu erkennen, was da war. Eine Frau, eine Frau mit einem Hund, genauer gesagt, eine Frau mit einem Dackel. Ich rannte in ihre Richtung, überhörte die warnende Stimme des Polizeibeamten in meinem Rücken und dann wurde ich von Elfie überholt. Sie stand schon aufrecht, beide Pfoten auf den Schultern meiner Freundin Tabea und begann mit ihrer Morgenwäsche. Mein ungetreuer Dackel tanzte um ihre Füße herum und sang laut: „Wuhuhuhuhuhu.“ „Was machst du hier, wie kommst du hierher, ich meine, wieso …“ „Ist es schon so weit, dass du wieder anfängst zu stottern, wenn du mich siehst“, wollte sie wissen und kicherte vergnügt. „Hund, geh runter, deine vier Pfoten gehören auf den Boden“, befahl sie dann und Elfie gehorchte umgehend. „Mein Gott, ich glaube, ich war noch nie so froh, dich zu sehen. Ich habe gedacht, Alli wäre weggelaufen, dabei legt doch hier ein Irrer Giftköder aus und wenn der davon was gefressen hätte, ich glaube Hella hätte mich gekillt.“ „Ich verstehe, du bist so froh, mich zu sehen, weil ich deinen Hund eingefangen habe, und wer ist dieses Riesenvieh?“ „Das ist Elfie, und nein, natürlich nicht nur deswegen, ich bin auch so mega froh, dich zu sehen, wir haben eben noch von dir gesprochen. Ich habe mich nämlich gefragt, was du sagen würdest, wenn du erfährst, dass ich schon wieder eine Leiche gefunden habe.“ „Menke! Sag, dass das nicht wahr ist! Wie ist sowas möglich? Du bist gerade einen Tag in dieser Stadt, es ist Sonntagmorgen, gerade sieben Uhr und du findest eine Leiche? Wie machst du das nur?“ „Frag mich nicht, Tabea, echt, frag mich nicht, aber eigentlich ist das Allis Schuld. Der ist mega verknallt in Elfie und konnte nicht schlafen, hat schon in aller Herrgottsfrühe um sechs Uhr angefangen zu jammern. Hella ist davon wach geworden und da sie so spät ins Bett gekommen ist, habe ich ihr angeboten, mit beiden Hunden Gassi zu gehen, damit …“ „Hella, aha. Ihr habt also zusammen geschlafen und es ist spät geworden, wenn ich das richtig verstanden habe?“ „Was? Nein, natürlich nicht zusammen, ich meine, wir haben im gleichen Haus geschlafen, aber in getrennten Zimmern, was denkst du denn von mir? Ich bin streng liiert.“ „So, so, dann will ich dir das mal glauben“, lachte sie und kraulte Elfie unter dem Kinn. Mittlerweile waren wir wieder an der Bank angekommen, vor der Füßler mit den beiden Beamten stand und uns entgegensah. „Mein lieber Mann, wir hatten gesagt, bis zur Bank, nicht weiter“, grummelte der Grauhaarige, wurde aber schnell wieder friedlich. „Oh, Frau Oberkommissarin, guten Morgen, sind Sie dienstlich hier oder …“ „Rein privat, ich wusste bis vor einer Minute nichts von einer Leiche, ist ja auch nicht mein Zuständigkeitsbereich“, lächelte Tabea und reichte allen drei Männern die Hand. Als sie meinen fragenden Gesichtsausdruck bemerkte, schob sie nach: „Ich kenne Herrn Schwerer von einer Geburtstagsfeier bei Sand. Ist noch gar nicht so lange her, stimmt´s?“ „Stimmt, war im Juni.“ Bevor ich fragen konnte, wer denn Geburtstag gehabt hatte und warum ich davon nichts wusste, kamen mehrere Autos über den Platz und parkten neben dem Streifenwagen. Ich packte die Hundeleinen fester, griff nach Tabeas Hand, bereit, der Kripo unter die Arme zu greifen, da fiel mein Blick auf zwei dicke rote Blutflecken direkt vor meinen Füßen. -4- Er wischte sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn und verfluchte die Hitze, die diese dicken, grün-schillernden Fliegen hervorbrachte. Eddy hatte ihn darauf hingewiesen, dass der Vorrat an präparierten Fleischbällchen erschöpft war, daher musste er für Nachschub sorgen, auch wenn er sich lieber eine Abkühlung im Freibad gegönnt hätte. Sie hatte Besuch bekommen, von einem Kerl mit Dackel. Der war samt seinem Köter aus seiner Angeberkarre gestiegen und hatte bei ihr geklingelt. Kurze Zeit später waren sie zusammen ins Valentin´s gefahren, lachend und offenbar vertraut miteinander. Mit finsterer Miene hatte er mitansehen müssen, wie sie sich amüsierten und mit Bier anstießen. Dann schienen sie sich über irgendwas zu streiten und später hatte sie geweint. Er wusste, warum und hatte heftige Schadenfreude empfunden. Dabei war es reiner Zufall gewesen, dass ihr eigener Hund eines der ersten Opfer seiner Fleischbällchen geworden war. Trotzdem hielt er es für ein Zeichen; er war auf dem richtigen Weg. Das musste er ihr später unbedingt erzählen, später, wenn alle Heimlichkeiten vorbei waren und er sie in seiner Hütte gefangen halten würde. Bis dahin musste er sich damit begnügen, ihr aus der Ferne Schmerz zuzufügen. Mit jedem verletzten oder sterbenden Hund sollte sie leiden, immer an ihren Verlust erinnert werden, deutlich ihre Hilflosigkeit und ihr Versagen spüren. Je mehr Hunde ihr unter den Händen verreckten, umso lauter würden außerdem die Leute reden. Oh, er wusste genau, wie die Menschen hier tickten. Gestern mochte sie noch die „Frau Doktor“ gewesen sein, „die beste Tierärztin weit und breit.“ Doch schon bald würden die ersten sie meiden, sich zuraunen, dass sie nichts konnte, dass bei ihr zu viele Tiere starben. Dabei stand es ohnehin nicht gut um ihre Praxis. Er wusste, dass sie ernste finanzielle Probleme hatte. Dazu hätte es nicht das Gespräch zwischen ihr und ihrem Vater bedurft, das laut und heftig gewesen war. Sie stritten um Geld, um zu hohe Kosten für Versicherungen, Anschaffungen und dergleichen und darum, dass sie nicht genug Einnahmen hatten, weil viele Leute ihre Rechnungen nicht begleichen konnten oder wollten. Er hatte es zufällig mit angehört, und obwohl er das alles schon vorher gewusst hatte, erst in diesem Augenblick verstanden, dass dieses Wissen ihm helfen würde, ihr Leben Stück für Stück zu zerstören. Er hatte es Eddy erzählt, der sofort auf die Idee mit den Hunden gekommen war. Er war damit nicht einverstanden gewesen, warum sollten unschuldige Tiere leiden? Aber Eddy hatte ihm klargemacht, dass es um ein höheres Ziel ging, und dass dafür immer Opfer gebracht werden mussten. Immer noch zögernd hatte er damit begonnen, Köder zu präparieren und auszulegen. Es machte ihm keine Freude, auch wenn er Hunde nicht besonders leiden konnte. Er liebte dafür Katzen, genau wie Eddy auch. Eine Weile hatte er befürchtet, auch sie würden etwas von den ausgelegten Leckereien fressen, aber dazu waren die zum Glück zu schlau. Genau wie die Heerscharen von Krähen; die pickten nur das Fressbare aus den Ködern und ließen Nägel und Krampen zurück. Darum brauchte er so häufig Nachschub. Was er leider auch nicht verhindern konnte, obwohl es ihn sehr ärgerte, dass auch die zwei anderen Tierärzte, die ihre Praxen ebenfalls in der Nähe hatten, von seinem Plan profitierten. Trotzdem brachten noch genügend Halter ihre Tiere zu ihr, die dann auf ihrem Tisch starben, weil sie unfähig war, sie zu retten. Das wusste er, so wie er alles über sie wusste. Schon als er sie das erste Mal gesehen, diese Faszination gespürt hatte, war er sicher gewesen, in ihr die eine gefunden zu haben, die es wert war, an seiner Seite zu leben. Eddy hat ihn ausgelacht und behauptet, so eine Frau gäbe es nicht. Um ihm das Gegenteil zu beweisen, musste er sich sicher sein, dass sein Gefühl ihn nicht täuschte. Damals hatte er damit begonnen, sie zu studieren, wie andere Medizin oder Jura studierten, gewissenhaft und gründlich. Er beobachte jeden ihrer Schritte, kroch buchstäblich in sie hinein, bis er sie schließlich fast besser kannte als sie sich selbst. Er wusste, dass sie einsam war, sich nach Liebe und Geborgenheit sehnte. Nur darum trank sie zu viel, kochte sich selten etwas Vernünftiges und ließ sich dazu herab, fremde Typen mit nach Hause zu nehmen, die sie in einer Bar oder einem Club kennenlernte. Diese Tage hasste er, das machte ihn rasend vor Wut. Es passte nicht zu seinem Bild von der perfekten Frau. Eddy verschwieg er es, es sollte ihr gemeinsames Geheimnis bleiben. Nur, um sie wissen zu lassen, dass es jemanden gab, der sie auserwählt hatte, hatte er begonnen, ihr Geschenke vor die Tür zu legen. Eine einzelne Rose, exklusive Pralinen und den Umschlag mit der Konzertkarte. Sie war nicht gekommen und es hatte ihn viel Kraft gekostet, sich zu beherrschen, sie nicht umgehend für ihre Ignoranz zu bestrafen. Es war ihm nur gelungen, weil er sich klargemacht hatte, dass sie nicht wissen konnte, wen sie vergebens hatte warten lassen. Daher war er ihr in diese Bar gefolgt, bereit ihr zu verzeihen, und sich zu erkennen zu geben. Siegessicher war er zu ihr rübergegangen, hatte sie zu einem Drink eingeladen. Und wie hatte sie reagiert, nachdem sie ihm einen kurzen, gänzlich uninteressierten Blick zugeworfen hatte? Sie hatte einfach Nein gesagt. Nicht einmal „nein danke“, nur ein kurzes, knappes Nein. Später hatte sie sich einem Kerl zugewandt, der seine Abfuhr grinsend beobachtet hatte und war kurz darauf mit ihm verschwunden. Zuerst war er nur fassungslos über diese Zurückweisung gewesen, später wütend und als der Morgen kam, war er voller Hass auf sie gewesen. Jetzt endlich hatte er Eddy davon erzählt, alles, nichts verschwiegen und der stimmte ihm zu. Ein solches Verhalten ging einfach nicht, das konnte er unter keinen Umständen dulden. Keine Frau durfte sich das herausnehmen, keine hatte das Recht, ihn abzuweisen, dafür gehörte sie bestraft. Nicht gleich, erst musste sie begreifen, was sie getan hatte, und erkennen, dass sie sich alles, was geschah, selbst zuzuschreiben hatte. Dass sie es hätte verhindern können, ja verhindern müssen. So lange musste er sich gedulden, aber das war kein Problem. Um seine Bedürfnisse zu befriedigen, gab es genug Frauen. Er hatte nie Probleme damit eine aufzureißen. Er sah gut aus, war ein aufmerksamer Zuhörer, aber das Besondere an ihm, das, was ihn von den heutigen Männern unterschied, war seine ausgesuchte Höflichkeit. Ein Wesenszug, den Frauen liebten und der es ihm leicht machte, sie für sich zu gewinnen. Er half ihnen in den Mantel, hielt Türen auf, rückte Stühle zurecht, er gab Feuer, fragte nach ihren Wünsche und erfüllte sie. Kleinigkeiten, die nichts kosteten, aber viel einbrachten. Manchmal stieß er allerdings auf eine dieser schrecklichen Emanzen, die darauf bestanden, ihren Mantel allein anzuziehen und die Türen selbst öffnen zu können. Die waren ihm verhasst, solche Frauen verschwendeten seine Zeit. Er liebte das Gefühl gebraucht zu werden, zu behüten und zu beschützen, so, wie es von der Natur vorgesehen war. Frauen waren nicht grundlos das schwache Geschlecht, allein durch ihren Körperbau waren sie dem Mann unterlegen. Und auch, wenn keiner es mehr aussprach, so blieb es doch eine Tatsache, dass ihr Gehirn leichter war als das eines Mannes. Welche Auswirkungen das auf ihre geistigen Fähigkeiten hatte, haben musste, war leicht zu erkennen. Wer das bestritt, sollte sich nur einmal vergegenwärtigen, wie wenig weibliche Führungskräfte es gab, wie viele Nobelpreise oder andere wichtige Auszeichnungen an Frauen verliehen wurden. Verschwindend wenige. Natürlich beklagten sie sich darüber in albernen Magazinen und Talkrunden, behaupteten, dass läge nur daran, dass die Welt von Männern regiert würde. Männer seien schuld daran, dass sie weniger Aufstiegschancen hätten und deutlich weniger Gehalt bekämen. Für ihn war das der lächerliche Versuch von mangelndem Durchsetzungsvermögen und dem Wunsch nach einem bequemen Leben abzulenken. Darüber mit ihnen zu diskutieren hielt er für vollkommen überflüssig und wich sofort auf ein anderes Thema aus. Die meisten bemerkten das in ihrer Einfältigkeit nicht einmal, aber manche begannen tatsächlich mit ihm zu streiten. Sie hielten sich für ebenbürtige Gesprächspartner und das war ihm gänzlich zuwider. Wenn sie dümmlich über Gleichberechtigung redeten und behaupteten, Frauen würde nach wie vor von Männern unterdrückt. Eine war nicht einmal davor zurückgeschreckt zu behaupten, die meisten Frauen seien wesentlich intelligenter als Männer. Das hatte ihn so wütend gemacht, dass er rote Kreise vor seinen Augen gesehen hatte und er sich schwer zusammenreißen musste, dieses Miststück nicht zu packen und gegen die nächste Wand zu schleudern. So, wie sein Vater es mit der Mutter gemacht hatte, als er noch ein Kind war. Das tat er selbstverständlich nicht, er war kein Prolet, er war ein höflicher, gebildeter Mann, ein Auserwählter. Er hatte es nicht nötig, körperliche Gewalt anzuwenden. Darum war es ihm auch gelungen; sich zu beherrschen und nur zu lächeln. Das hatte sie zum Schweigen gebracht und er hoffte, sie würden verstehen, wie dumm sie daher geredet hatte. Natürlich war es ihm nicht möglich, solche Frauen mit zu sich nach Hause zu nehmen. Ihr Verhalten nahm ihm alle Lust, darum verabschiedete er sich kurze Zeit später mit einer höflichen Entschuldigung und ließ sie enttäuscht zurück. Das passierte zum Glück nur noch selten, denn über die Jahre hatte er ein Gespür dafür entwickelt, welcher Typ Frau so reagierte. Die schlanken, gut aussehenden, in den teuren Klamotten waren es nicht. Die waren leicht zu beeindrucken, seine galante Art gefiel ihnen. Sie bildeten sich ein, er würde sie bewundern und genossen, eitel, wie sie waren, das Gefühl ihrer vermeintlichen Macht. Keine realisierte, für wie naiv und dumm er sie hielt. Nein, es waren die Unscheinbaren, die grauen Mäuse, die froh sein sollten, dass ein Mann wie er ihnen Aufmerksamkeit schenkte, die ihn verärgerten. Seither mied er diesen Typus und konzentrierte sich auf die, die seine Bemühungen zu schätzen wussten. Hella passte weder in die eine noch in die andere Kategorie. Zweifelsohne attraktiv, war sie von ganz besonderer Art. Sie trug meist Jeans und Shirt, die langen blonden Haare zum Pferdeschwanz gebunden und sah eher unauffällig aus. Sie hatte auch nicht diese grässlichen, krallenartigen Fingernägel, die von vielen Frauen heute so geschätzt wurden und die er abstoßend fand. Sie lösten Kastrationsängste in ihm aus, von denen er nicht wusste, wo sie herkamen. Nein, Hellas Nägel waren kurz und frei von Lack, was in ihrem Beruf vernünftig war. Vernünftig war genau das Wort, das auf Hella passte. Sie war auf eine erregende Art vernünftig und das war es, was sie von allen anderen Frauen unterschied und sie zum Inbegriff der Begierde für ihn gemacht hatte. Wie konnte es sein, dass sie das nicht begriffen und ihn so schrecklich gedemütigt hatte, während sie andere, mittelmäßige Typen nicht abwies. Außerdem war es nicht ungefährlich was sie tat. Es bestand immer die Gefahr, dass so ein Typ, den sie für einen Fick mit nach Hause nahm, ihn um sein Vergnügen bringen würde. Er beruhigte sich erst, wenn sie am frühen Morgen aus dem Haus kam und er sah, dass ihr nichts passiert war. Sie blieb seine Obsession, nur seine Motive hatten sich geändert. Und nun war dieser Kerl gekommen, hatte sogar bei ihr übernachtet. Ganz früh am Morgen war er allein mit seinem Dackel und ihrer Elfie aus dem Haus gekommen. Sollte sich da etwas anbahnen, mit dem er nicht gerechnet hatte, was nicht in seinen Plan passte, würde er vorbereitet sein. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/angelika-godau/wenn-nichts-ist-wie-es-scheint/) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.