Raban und Röiven Eine magische Freundschaft Norbert Wibben Raban und Röiven #1 Raban dreht sich erschrocken um. Was war das für ein Geräusch? Könnte das ein wildes Tier gewesen sein, eine Wildkatze vielleicht? Die sind aber doch nicht zu hören, wenn sie auf ihren Samtpfoten auf Jagd sind! Aus den Augenwinkeln registriert er einen großen Schatten. Der deutet aber auf ein größeres Tier hin! Raban fühlt, wie sich die Härchen in seinem Nacken aufrichten. Lauert hier eine unbekannte Gefahr? Sein Blick irrt hastig umher. Wo ist die mögliche Bedrohung, und wo findet er eine Waffe, um sich zu schützen? Da sieht er den Schatten wieder. Nein, das ist kein Schatten. Es ist ein großer, grauer Hund mit einer langen Rute. Es ist: «Ein Wolf!», weiß er sofort.
Der Junge Raban hilft dem verletzten Kolkraben Röiven, der ihn mit auf eine gefahrvolle Reise nimmt. Plötzlich befindet sich der Junge in der Fortsetzung eines Romans, den er vor einiger Zeit gelesen hat. Er soll dem Vogel helfen, die Elfen zu retten. Dafür müssen sie den dunklen Zauberer Baran aufhalten. Raban und Röiven Eine magische Freundschaft Fantasy Roman Norbert Wibben Raban und Röiven Eine magische Freundschaft Raban und Röiven, Band 1 Für Maraike Du bist immer in meinem Herzen. Ich vermisse dich! In Erinnerung an viele schöne Vorleseabende mit meinen Kindern verpacke ich auch diese Geschichte in den bekannten Dreizeiler: Ein Huhn und ein Hahn ‒ … Ein ganz normaler Junge (#ulink_7779d35c-d9d4-5b2a-afbb-9e01b8d49c68) Beginn einer Rettungsaktion (#ulink_6ad1c928-21d1-55b3-bbeb-40a8283ce07b) Der Kolkrabe berichtet (#ulink_d945300d-a92c-5535-b300-7e347be31b4a) Minervas Auftrag (#ulink_c840facc-1f9e-5080-9cd5-ea751d299f5e) Ein Plan entsteht (#ulink_bcd534aa-3aea-5c40-9ab9-f241b3a8818e) Ein Missgeschick (#ulink_922264ec-0759-5787-8cbb-cf96397e5462) Ein Zauberer überlegt (#ulink_e0a51687-e956-5516-af41-cb31fda41b1a) Die Priorei (#ulink_56716e74-00f3-5367-a3f6-1cc2bb8e1a24) Der Wolf (#ulink_c36b8deb-c3bf-577c-80bb-d1a1f8f32864) Ein neuer Plan (#ulink_ca332ca5-0d47-5ec5-97ae-05e6955932a2) Auseinandersetzung (#ulink_cfe8b736-9f88-5e05-a243-56f50193fd1a) Ein Angriff (#ulink_e288a10c-0f33-5557-b041-d2cff046673b) Grübeleien (#ulink_3fcca07c-e05b-5fd7-b2d1-92674680d453) Ein erneuter Fehlschlag (#ulink_2e2ebd37-7df3-5732-a736-3a467ec4da23) Ein Alarm (#ulink_1510d0db-d4bd-55e9-bf9f-d765cb9a85ff) Schlechte Nachrichten (#ulink_3fc34f78-0008-5632-a815-46e36605060e) Minervas Ratschlag (#ulink_31b3ab68-a9ee-540e-be17-d81a1c4a0646) Zauberkräfte (#ulink_16108e54-3c67-5720-93db-914ba8f7cebc) Dunkle Zauber (#ulink_55ca46b4-25e0-58b8-9239-43f195424c48) Sorgen (#ulink_6220abe3-3394-5761-9585-b79dc32ead32) Rettung im letzten Moment (#ulink_2ff42c4b-6ecb-567f-b83d-092ecf156b74) Plötzliche Erkenntnis (#ulink_95401d2c-65e8-5048-8577-af12e0ed6670) Barans Grübeleien (#ulink_c8ca4f08-dd0a-52f3-993f-a0bd821e70be) Treffen in Serengard (#ulink_66336d94-ad7c-509a-b41b-25c01b1ef9ff) Solveigs Ratschlag (#ulink_699b7dc7-0789-5d5e-a0d9-e26292799d56) Lagebesprechung (#ulink_fcd3cd5f-69e9-53ec-8a88-b3d41922cd8e) Im Weidenweg (#ulink_93c5d4cd-9881-507f-aa67-09183c6adba8) Zeitungsberichte (#ulink_de7197cd-ed2b-53be-8c66-d1bb6f1c4981) Eilas Armreif (#ulink_1f6a268b-39f5-5486-8ed1-302892d14e0c) Eine Suche (#ulink_2c94b8de-c558-580d-a315-befa54b79974) Im Norden (#ulink_ae0f17ce-2914-5d73-b819-a4928e56bb5e) Träume und ein erster Erfolg (#ulink_a272fa32-697e-5450-8d98-25241acabba3) Clanführer (#ulink_890c92d2-6e8e-5fac-b944-ddcce645cb86) Professor Ansaepluma (#ulink_23624405-454c-56fa-8090-2ae978f754a6) Erste Tote im Norden (#ulink_ed5a769a-140a-5f35-bceb-683fbc02ac36) Eine alte Stadt (#ulink_e891d28a-b55a-5e9c-b5bf-7ab892748287) Die Jagd beginnt (#ulink_5b9ef7f6-b206-53b7-8309-e7d323922597) Zurück in den Süden (#ulink_11528b14-5de3-5ea7-b9ef-7e56adbf1723) Verbündete (#ulink_f38107b8-9d04-5769-ad48-a1bebcece1f6) Überlegungen (#ulink_1be6092f-d0a4-5883-9914-bba51587cefa) Wechsel in den geheimen Wald (#ulink_f40b3bf0-4c26-5c64-87b9-9f1b7abafc9f) Ungewissheit (#ulink_b554d7f2-e750-5906-9654-f3f8388df752) Rabans Beobachtungen (#ulink_34095778-77f1-565f-874e-eb9304988e9b) Rat des Großvaters (#ulink_54417fec-4373-5b03-8f15-8f9d985e2daa) Hilferufe (#ulink_78dd6ba6-d804-5b52-bcad-52e0844a66f1) Wieder Zuhause (#ulink_d57d6ec2-3344-5d8e-957b-7feb9dccf461) Zaubersprüche (#ulink_a38c45ca-315a-53ee-8549-a3b9301b63fc) Danksagung (#ulink_aa900014-f182-597f-8946-6fd93d2f74d9) Ein ganz normaler Junge Ein Huhn und ein Hahn – die Geschichte fängt an Es ist Sommer. Die Sonne steht hoch am blauen Himmel, an dem nur wenige, duftig geformte Wolken zu sehen sind. Es ist früher Nachmittag und der erste Ferientag. Was kann es Schöneres geben? Ein leiser, warmer Windhauch streicht über die sanften Hänge mit dem wenigen Buschwerk im bergigen Norden des Landes. Weiße Schafe mit schwarzen Köpfen grasen friedlich auf den mit Steinmauern eingegrenzten, hügeligen Weiden. Die älteren rupfen gemächlich herumwandernd das fette Gras, um es langsam zu kauen, während die schon recht großen Lämmer verspielt herumtollen. Auch sie haben schwarze Köpfe mit weißen Flecken, aber noch keine Hörner. Gelegentlich versucht eines von ihnen doch noch etwas Milch von seiner Mutter zu ergattern. Es stößt auffordernd mit dem Kopf an den Bauch des Muttertieres und bückt sich tief hinab, um mit dem Maul an eine der Zitzen zu gelangen. Manchmal hat eines Glück, so wie jetzt und kann eine kurze Zeit die nahrhafte Milch genießen, während sich dabei sein Schwänzchen wie ein Propeller dreht. »So ein kleiner Schlingel«, denkt Raban. »Es ist ja auch viel einfacher, den Bauch mit der fetten Milch zu füllen, als selber Gras zu fressen.« Wohlwollend lächelnd schaut er dem cleveren Lamm zu. Doch nach nicht einmal einer Minute unterbricht das Mutterschaf die Fütterung, indem es sich ein paar Schritte vorwärts bewegt. Das erneute Anstoßen des Lamms an ihren Bauch führt nun nicht zum gewünschten Erfolg. Das Schaf dreht sich vielmehr zu seinem Kind und senkt drohend den Kopf mit den Hörnern. Die Geste wird von diesem verstanden und es tollt in mehreren hohen Sprüngen davon, um anschließend doch etwas vom Gras zu naschen. Raban lacht lauthals beim Anblick dieses übermütigen Verhaltens. Er wendet sich von der Weide ab und folgt dem Pfad hangaufwärts. In Gedanken versunken achtet er nicht weiter auf das Gesumm der Insekten, die Nektar von den Blumen am Wegrand sammeln. Das gelegentliche Trillern und Zwitschern der Vögel dringt nur unbewusst zu ihm vor, obwohl gerade Vögel seine Lieblingstiere sind. Eigentlich hätte er sich sofort davon überzeugt, wessen Gesang er gerade hört. Den eines Trauerschnäppers oder ist es vielleicht der einer Gartengrasmücke? Aber nicht heute. Raban überdenkt seine Situation. Er ist froh, in den Ferien machen zu können, was ihm am Liebsten ist: Lesen, Zeichnen, Wandern und Tiere beobachten. Während der Schulzeit hat er dafür nicht so ausgiebig Zeit. Dann bestimmt der Unterricht den ganzen Vormittag, bis hin zum halben Nachmittag. Raban grübelt darüber nach, was es Schönes für ihn im Schulleben gibt. Na klar, Sport macht er gerne, auch wenn er nicht so talentiert wie die meisten Jungen in seiner Klasse ist. Überall dort, wo Kraft und nicht unbedingt Geschicklichkeit wichtig ist, befindet er sich den anderen gegenüber im Nachteil. Obwohl er wie die meisten seiner Klasse 14 Jahre alt ist, wirkt er neben ihren massigen Staturen eher zierlich. Zum Fußballspiel wird er sehr oft nicht direkt in die Mannschaft gewählt. Meistens ist er der Letzte, der notgedrungen genommen wird, um die Anzahl der Mitspieler auszugleichen. Viele Mädchen werden sogar vor ihm gewählt. Biologie und Kunstunterricht sind seine Lieblingsfächer. Besonders wissbegierig nimmt er alle Informationen auf, wenn es dabei um Tiere geht. Er ist im Zeichnen von Vögeln sehr begabt und sicher einer der Besten der Schule, nicht nur seines Jahrgangs, obwohl er dafür oft gehänselt wird. »Du bist ein richtiges Weichei!« und »Zeichnen und Tiere sind doch Dinge, für die sich Mädchen interessieren, aber keine Jungen, die zu echten Männern werden wollen!«, bekommt er immer wieder vorgehalten. Auf dem Schulhof wird er häufig von Klassenkameraden oder Schülern aus den oberen Klassen angerempelt, falls er nicht vorher geschickt ausweichen kann. Er hat keine besonderen Freunde und ist in den Pausen meist allein für sich, wobei er oft abseits sitzt und in einem Skizzenheft zeichnet. Es ist daher nur verständlich, wenn er sich besonders über die Zeit der Ferien freut. »Da kommt ja unser Weichmichel«, schreckt ihn plötzlich eine bekannte Stimme aus seinen Gedanken. Er folgt dem Pfad um ein Gebüsch herum. »Hallo Rabine«, neckt gleich darauf eine weitere Stimme. »Haben wir dich in deinen Träumen gestört?« lacht ihn ein dritter Junge aus. »Hallo Jungs«, antwortet Raban kurz angebunden und versucht, seine Klassenkameraden nicht weiter beachtend, die bisherige Richtung beizubehalten. Er ist ihnen körperlich nicht gewachsen und befürchtet, sie sind wieder einmal auf eine Balgerei aus. »Halt, warte doch mal!«, wird er nun von Alexander, dem Anführer der drei, aufgefordert. »Wir haben einen Vogel gefangen, sind uns aber nicht einig, was es für einer ist. Du kennst dich doch ganz gut aus. Derjenige von uns, der Recht hat, kann ihn mit nach Hause nehmen.« Tatsächlich bleibt Raban jetzt interessiert stehen. »Wo habt ihr denn den Vogel und wie habt ihr ihn überhaupt gefangen?« Er lässt seinen Blick suchend umherschweifen. »Bist du denn blind? Schau doch mal da«, weist Alexander mit ausgestrecktem Arm auf das Weißdorn-Gebüsch, unter dem sich etwas im Schatten zu bewegen scheint. Langsam nähert sich Raban dem Strauchwerk. Als er noch ein paar Meter entfernt ist, hockt er sich abwartend nieder. Er betrachtet forschend den großen, dunklen Vogel. Dieser hat sich so weit wie möglich unter den Strauch gedrückt und lässt seinen rechten Flügel etwas hängen. Sehr dunkle Augen blicken aus einem etwas schräg gehaltenen Kopf zu Raban hoch, um ihn, so sieht es aus, ebenfalls forschend zu betrachten. Raban hält erschrocken kurz den Atem an. Das kann doch nicht wahr sein. »Sch, sch! Du musst keine Angst haben, ich tue dir nichts«, versucht der Junge mit leiser Stimme den Vogel zu beruhigen. Langsam bewegt er sich rückwärts, erhebt sich und wendet sich den drei Anderen zu. Er muss einige tiefe Atemzüge machen. Erst einmal ist Ruhe notwendig. »Nun? Du kennst diese Vogelart wohl auch nicht!«, wird er von Alexander verhöhnt. »Ich weiß genau, was das für ein Vogel ist«, entgegnet Raban bestimmt. »Ich verstehe nur nicht, wie ihr es wagen konntet, auf ein wehrloses Tier mit euren Steinschleudern zu schießen.« Aufgebracht schaut er in die Gesichter seiner Klassenkameraden und deutet auf die hölzernen Waffen, die halb aus deren Taschen schauen. »Da ist doch nichts dabei! Wie hätten wir diesen Vogel denn sonst bekommen können?« Brummig blicken die drei zurück. »Außerdem ist das doch bloß ein Tier! Und du kennst es auch nicht.« »Doch, ich kenne diesen Vogel. Wenn ihr die falsche Art nennt, dann nehme ich ihn mit. Er ist verletzt und muss dringend behandelt werden!« Als die anderen lauthals zu lachen beginnen, hebt er seine Fäuste und macht drohend einen Schritt auf sie zu. Das Gelächter verstummt sofort. Die drei glauben ihren Augen nicht zu trauen. Dieser schmächtige Junge, der etwa einen halben Kopf kleiner als sie ist, fordert sie heraus? Sie werden auf dem Schulhof von den anderen Kindern gefürchtet, da sie zusammenhalten und keiner Rauferei aus dem Weg gehen. Aber irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht. Raban wirkt heute nicht lächerlich, sondern tatsächlich bedrohlich. Woran es liegt, wissen die Jungen nicht, aber sie treten erschrocken einen Schritt zurück. »Langsam, du musst nicht gleich aufbrausen«, entgegnet Alexander nun. »Wir machen das so, wie gerade von dir vorgeschlagen.« »Abgemacht, der Handel gilt«, bestätigt Raban nickend. »Also nennt mir eure Vorschläge.« »Das ist eine Dohle«, kommt sofort der erste. »Nein«, entgegnet Raban, »die hätte blaue Augen, wenn sie jung ist, oder hellgraue, wenn sie erwachsen ist, und außerdem wäre sie wesentlich kleiner.« Nach kurzem Zögern lautet der zweite Vorschlag: »Das ist ’ne etwas zu groß geratene Schwarzdrossel!« »Nein!« lacht Raban, »die hätte einen gelben Schnabel und wäre nicht einmal halb so groß.« Nach einer langen Pause erfolgt die letzte Nennung von Alexander: »Das ist eine Saatkrähe oder eine Rabenkrähe.« »Das war jetzt geschummelt, trotzdem hat es dir nichts genutzt. Beide Antworten sind nicht richtig. Augen- und Schnabelfarbe stimmen zwar, aber beide Arten wären kleiner.« »Was soll das denn dann für ein Vogel sein? Vielleicht ein Rabe, so ähnlich lautet dein Name doch auch?« Alexander ist wütend, da Raban von ihnen den Vogel gewonnen hat. Er hätte ihn nur zu gern zu Hause in einen Käfig gesperrt und sich als großer Jäger gefühlt, wenn andere Jungen einen Blick darauf werfen dürften. »Es ist ein Kolkrabe! Und jetzt lasst mich das Tier mitnehmen, damit es die notwendige ärztliche Hilfe bekommt. Es soll die von euch verursachten Schmerzen nicht länger als nötig aushalten müssen. Geht!« Der Blick, den Raban ihnen zuwirft, ist drohend. Erneut sind seine Fäuste geballt und erhoben. Einen Moment zögern die Drei, unschlüssig, ob sie sich geschlagen geben sollen. Wenn das die anderen aus der Klasse erfahren, ist ihre bisherige Überlegenheit in Gefahr. Doch dann geschieht das Unerwartete. Sie grummeln leise etwas vor sich hin, zucken mit den Schultern, drehen sich um und schlurfen davon. Alexander blickt sich noch einmal kurz um, spuckt hinter sich auf den Boden und murmelt wütend: »Weichei, Mädchen!« Raban atmet auf. Das war aber knapp. Er hatte den Atem angehalten und nicht zu hoffen gewagt, diesen Sieg zu erringen. Langsam dreht er sich zum Weißdorn-Gebüsch um und traut seinen Augen nicht. Der Kolkrabe kommt aus dem Schutz des Gebüschs hervor und befindet sich nun ganz in seiner Nähe. Der Junge geht in die Hocke. Ihre Blicke begegnen sich. Plötzlich hört er eine knarzige Stimme: »Danke! Du hast mich gerettet.« Erschrocken fährt Raban hoch und blickt sich um. Aber der Vogel und er sind die einzigen Lebewesen hier. »Spinne ich?«, rätselt der Junge, als er erneut die Stimme wahrnimmt. »Nein, Raban. Du spinnst nicht. Du hörst meine Stimme in deinem Kopf, so wie ich deine Gedanken hören kann. Du hast Recht. Ich bin ein Kolkrabe, so wie ihr Menschen unsere Art nennt. Mein Name ist Röiven. Ich bin dir sehr dankbar, wenn du mir helfen und meinen Flügel wieder richten kannst. Mittlerweile sind die Schmerzen schon unerträglich.« In diesem Moment schließt der Kolkrabe seine Augen und kippt auf die Seite. Obwohl Raban sprachlos darüber ist, was der Vogel zu ihm gesagt hat, reagiert er sehr schnell. Er fängt ihn auf, bevor er den Boden berührt. Vorsichtig erhebt er sich mit dem Tier in seinen Armen und rennt in Richtung des Dorfes. »Kann ich wirklich den Vogel gehört haben?«, überlegt der Junge. »Falls das möglich sein sollte, werde ich davon lieber nichts zu anderen sagen. Ich werde sonst sicher für verrückt erklärt. Jetzt muss ich den Tierarzt um die Behandlung des Vogels bitten. Der Flügel scheint gebrochen zu sein und muss sicher gerichtet werden.« Beginn einer Rettungsaktion Es ist Abend und Raban liegt in seinem Bett. Durch das Fenster leuchtet der Mond herein. Gerade als ein Mondstrahl auf das dunkle, blau glänzende Gefieder fällt, bewegt sich der große Vogel. Seine dunkelbraunen Pupillen sind nachdenklich auf den fest schlafenden Jungen gerichtet. Der Kolkrabe hockt auf einem kleinen Tischchen neben Rabans Bett und überlegt. Soll er dem Jungen erzählen, wer er ist und warum er hier ist? Wird er das überhaupt glauben? Menschen sind oft grausam zu Tieren. Doch dieser Junge hat sein Mitgefühl für ihn bewiesen, hat sich sogar mit den anderen anlegen wollen. Er hatte es wohl bemerkt. »Dabei ist dieser Junge eher schmächtig und macht nicht gerade den Eindruck, ein geübter Kämpfer zu sein. Aber ich habe seinen wachen und forschenden Blick gesehen. Für sein Alter wirkt er bereits sehr klug. Die hellblauen Augen scheinen mir sehr gut zu seinen kurzen, blonden Haaren zu passen. Zusammen mit den wenigen Sommersprossen auf und um seine Nase wirkt er etwas verschmitzt aber freundlich. Was er wohl von mir denken mag?«, grübelt Röiven. »Im Moment, da die Gefahr vorüber ist, falle ich in Ohnmacht. Ich bin in seinen Augen sicher ein Schwächling! Hm, ich glaube, jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Der Mond schickt sein silbernes Licht direkt auf das Gesicht des Jungen.« Leise, unverständliche Worte ertönen. Raban bewegt sich, reibt verschlafen die Augen und erhebt sich. Sein Blick sucht den Vogel. Erleichtert atmet er auf, als er ihn im Mondlicht erkennt. Der Verband über dessen Schulter zum rechtem Flügel hin ist nicht zu übersehen. Raban erinnert sich. Der Tierarzt hatte sehr erstaunt geschaut, als er mit dem großen Kolkraben im Arm in der Praxis stand. Die Behandlung verlief schnell und einfach, da der Vogel noch nicht erwacht war. Nach einer gründlichen aber vorsichtigen Abtastung hatte der Arzt ihn beruhigt. »Zum Glück ist der Flügel nicht gebrochen. Aber ich habe eine heftige Prellung an seinem kleinen Brustmuskel ertastet. Dadurch wird er einige Tage den Flügel nicht heben können. Ich werde ihm einen Schulter-Flügel-Verband anlegen, der diesen fixiert. Dadurch werden Muskelbewegungen vermieden, die sonst heftige Schmerzen verursachen würden. Vorher gebe ich dem Tier eine schmerzstillende und abschwellende Salbe auf den Muskel. In etwa drei bis fünf Tagen kannst du den Verband entfernen und die Reste der Salbe mit lauwarmen Wasser abwaschen, damit der Vogel diese womöglich nicht mit dem Schnabel entfernen muss. Schaffst du das?« Der Arzt hatte ihn freundlich angesehen und zu seiner Bestätigung genickt. Danach wollte er noch wissen, wie das Tier zu dieser Verletzung gekommen sei. Ohne die anderen zu verraten, erzählte Raban ihm, er habe den Kolkraben betäubt in der Nähe eines Baums gefunden, den dieser vermutlich im Flug gestreift haben musste. Er erinnert sich noch genau an den forschenden und leicht ungläubigen Blick des Mannes durch die runden Brillengläser. Der Junge weiß genau, Kolkraben sind ausgezeichnete Flugkünstler und würden nie eine derartige Verletzung durch Selbstverschulden bekommen. Viel wahrscheinlicher könnten Menschen den Tieren so etwas antun. Diese betrachten Rabenvögel oftmals negativ als Unglücksboten, als diebisch, ungeschickt oder gefährlich, und gehen gegen sie vor. Nach kurzem Schweigen hatte der Arzt ihm wieder zugelächelt. Er traute Raban offenbar eine das Tier verletzende Tat nicht zu, da er dann nicht mit dem Vogel im Arm zu ihm gekommen wäre. Der Junge betrachtet den Vogel, der wieder mit leicht schräg gestelltem Kopf und wachen, dunkelbraunen Augen zurückblickt. Der Kolkrabe hat eine Körperlänge von weit mehr als 50 cm und eine schlanke Statur. Sein Schnabel ist sehr groß und kräftig, der Oberschnabel ist deutlich nach unten gebogen. Das Gefieder ist einfarbig schwarz und glänzt im Mondschein metallisch. Beine und Schnabel sind ebenfalls schwarz. »Bist du jetzt fertig mit meiner Musterung?«, vernimmt er die leicht knarzende Stimme. »Entschuldige bitte, Röiven! Ich wollte dich nicht so anstarren. Aber ich konnte noch nie einen Kolkraben aus der Nähe betrachten. Ich hoffe, ich habe deine Gefühle nicht verletzt.« »Ähem, ist schon gut. Ich möchte dir noch danken. Die Schmerzen sind weg. Aber leider ist mein rechter Flügel jetzt unbeweglich. Hast du ihn mit Absicht festgebunden?« Die Augen des Vogels scheinen aufzuglimmen, so, als ob dort ein unsichtbares Feuer lodert. »Das hat der Arzt, zu dem ich dich gebracht habe, gemacht, um deinen Flügel, also die Muskulatur zu schonen. Aber, keine Angst, in drei Tagen werde ich ihn entfernen.« »Ich habe keine Angst, nie!«, vernimmt der Junge jetzt eine aufgebrachte Stimme. »Aber ich habe einen dringenden Auftrag, den ich erfüllen muss. Jetzt wird es sehr schwierig werden, Baran aufzuhalten.« Der große Vogel klappert mit seinen Augendeckeln. »Ich brauche meinen rechten Flügel nicht nur zum Fliegen«, fügt er nach einer kleinen Pause erläuternd hinzu. »Ich benötige ihn auch, damit ich mit voller Kraft zaubern kann! Meine Magie ist in meinem derzeitigen Zustand vielleicht sogar gefährlich für mich, wer weiß das schon so genau.« »Magie und Zauberei? Träume ich vielleicht noch?« Raban reibt sich erneut die Augen. Der Vogel beugt sich von dem kleinen Tischchen zu ihm herüber und zwickt ihn kurz mit dem kräftigen Schnabel in die Schulter. »Autsch, was soll das denn jetzt?«, fährt der Junge auf. »Ich wollte dir beweisen, du träumst nicht!« Ein leises Lachen, das wie rollende Steine auf einem sandigen Fels klingt, folgt. »Also, du kannst zaubern? Zumindest, wenn du nicht derart eingepackt bist?«, will der Junge, immer noch etwas ungläubig wissen. »Na klar. Das ist doch nicht in Frage zu stellen. Wie hätte ich dich denn sonst finden können?« Der Vogel klingt selbstbewusst. Der Junge versteht aber immer noch nicht. »Wie? Du hast mich gefunden? Ich meine eher, ich habe dich gerettet, oder meinetwegen auch gefunden, wenn das deine Ehre kränken sollte.« Jetzt lacht Raban leise. »Ach, sei’s drum. Der Mond wandert weiter. Es wird Zeit, dass wir uns auf den Weg machen, wenn wir noch etwas retten wollen!«, lenkt der Kolkrabe unerwartet aber drängend ein. »Was? Wir müssen zu einer Rettungsaktion aufbrechen? Da solltest du mich aber erst besser informieren, worum es überhaupt geht!« »Dazu ist keine Zeit. Wir müssen sofort aufbrechen. Jetzt!« Der schwarze Vogel berührt den verdutzten Jungen mit seinem linken Flügel. »Portaro!« Raban hört die knarzende Stimme. Das Zimmer beginnt sich zu drehen. Es flimmert kurz. Als das Gleißen aufhört, steht er im Freien, auf einem Bergrücken. Der Kolkrabe läuft schimpfend auf einem schmalen Pfad hangabwärts: »Elender, blöder, nichtsnutziger Verband. Völlig ungeeignet zum Zaubern. Wir sollten eigentlich direkt bei Minerva angekommen sein.« Der schwarze Vogel blickt sich kurz nach dem Jungen um, der noch immer dort steht, wo sie angekommen sind. »Nun schau dich kurz etwas um. Aber beeile dich und folge mir schnell nach!«, hört er Röivens Stimme. Was der Junge sieht, verschlägt ihm den Atem. Er befindet sich auf einem beeindruckenden Bergrücken. Die langen Abhänge hinter ihm leuchten hell im Mondlicht. Auf der vor ihm liegenden Seite liegen dagegen graue Schatten. So weit er den Weg vor und hinter sich sowie das umgebende Land überblicken kann, ist nirgends ein Haus oder eine Ansiedlung zu sehen. Der sich vor ihm abwärts windende Weg verläuft in Richtung eines Moorgebietes, auf dem nur schwach vereinzelte Büsche zu erkennen sind. Ein leichter Dunst liegt auf dem Gebiet. Über die gesamte Weite ist kein Ton zu hören oder die geringste Bewegung zu erkennen. Lediglich der schwarze Vogel schreitet auf dem Weg vor ihm abwärts. »Wie sind wir hierher gekommen und wohin willst du so schnell?« Der Junge holt den Vogel kurz darauf ein, um sich ihm in den Weg zu stellen. »Du gibst mir jetzt sofort eine Erklärung für das alles.« Nach einer kurzen Pause fordert er: »Und wenn du schon zaubern kannst, besorge mir doch meine Hose, Shirt und Schuhe. In meinem Schlafzeug ist es reichlich kalt. Außerdem möchte ich nicht derart gekleidet umherwandern!« Herausfordernd blickt Raban in Röivens Augen. »Ist ja gut. Ich versuch es mit deinen Sachen.« Der Junge hört ein kurzes, unverständliches Gemurmel, dann ist er normal gekleidet, so wie er gestern unterwegs war. »Danke, das ging ja mal schnell. Aber jetzt solltest du meine Fragen beantworten und mir sagen, worum es geht. Und bitte, fang vorne an.« Lächelnd nimmt er den Vogel auf seine Arme und folgt dem Pfad in der bisherigen Richtung. »Wir sind mit dem magischen Sprung hierher gekommen. Wenn sich ein Zauberer einen ihm bekannten Ort vorstellt und »Portaro« spricht, verlässt er den bisherigen Ort und befindet sich sofort an dem aus seinen Gedanken.« »Das Reisen mittels magischem Sprung kenne ich aus einem Buch. Dass das tatsächlich funktioniert, hätte ich nicht gedacht«, staunt der Junge verblüfft. »Aber warum sind wir hier auf diesem unwirtlichen Berghang?« Der Kolkrabe berichtet Röiven klingt bei der folgenden Erläuterung etwas verlegen: »Ich sagte dir bereits, dass ich mit dem festgebundenen Flügel vielleicht nicht so gut zaubern kann. Es ist zwar auf unserem Weg hierher nichts passiert …« Die nächsten Laute klingen, als könnten es Schimpfworte sein, formen sich aber zu keinen sinnvollen Worten in Rabans Kopf: »… aber wir sind zu weit oberhalb des Ziels angekommen. Wir müssen eine Höhle am Fuß dieses Berges erreichen, bevor der Mond untergegangen sein wird.« Der Rabe klappert erneut mit seinen Augendeckeln, wobei er seinen Kopf etwas schräg hält. »Was weißt du über Elfen?«, beginnt der Kolkrabe seinen Bericht danach unerwartet mit einer Frage, worauf Raban sofort stehen bleibt. »Halt, ähem, ich meine natürlich: nicht anhalten. Die Zeit drängt. Während ich dir die geforderten Informationen gebe, musst du so schnell wie möglich weitergehen.« Der Junge setzt sich sofort wieder in Bewegung. Auch wenn der Vollmond sein Licht ungehindert zur Erde schicken kann, gibt es auf dieser Seite des Berghangs mehr Schatten als Licht. In der unsicheren Beleuchtung bewegt sich der Junge so schnell wie möglich, was aber nicht so einfach ist. Er muss sehr oft um größere Steine herum ausweichen oder sich vorsichtig auf losem Geröll abwärts vortasten. Mit dem Vogel auf den Armen ist es nicht so einfach, das Gleichgewicht zu behalten. Raban möchte unbedingt vermeiden hinzufallen, wodurch sie aber relativ langsam den Hang hinunterkommen. Manchmal meint er, ein Aufseufzen des Kolkraben zu hören, so, als ob dieser wegen des gemächlichen Tempos fast verzweifelt. »Könnte ich doch nur fliegen!«, stöhnt dieser einmal, als der Junge abermals vorsichtig die Beschaffenheit des Bodens prüft, bevor es weiter geht. »Also, was kannst du mir über Elfen sagen?«, wiederholt Röiven seine Frage. »Das sind menschenähnliche Wesen aus Märchen und Geschichten, die gegenüber Menschen oft unnahbar und stolz sind. Sie besitzen manchmal Zauberkräfte und wohnen an geheimen Orten.« »Für einen Menschen ist dein Wissen gar nicht so schlecht, obwohl es lückenhaft und ein Teil deiner Antwort nicht richtig ist. Elfen gibt es wirklich, nicht nur in Märchen!« Raban atmet ungläubig ein, wird aber vom Vogel an einer Äußerung gehindert, indem er schnell fortfährt. »Ja, ja, es gibt sie. Früher lebten sie überall in unserem Land, doch heute halten sie sich meistens versteckt. Ihr größtes zusammenhängendes Gebiet befindet sich in einem geheimen Wald im Norden. Dort lebt ihre Anführerin Solveig mit vielen von ihnen in ihrer Festung Serengard.« »Aber kann das sein?«, unterbricht ihn der Junge. »Diese Elfe lebt in dem von dir genannten Schloss im geheimen Wald, aber nur in einer Geschichte. Ich habe das vor einiger Zeit in einem Buch gelesen. Wie hieß es doch gleich? Richtig: »Eila – Die Leuchtende«.« »Oh. Du kennst die Geschichte?«, will der Vogel erstaunt wissen. »Nicht viele haben das Buch bisher gelesen, wie ich gehört habe.« »Ich kenne es.« »Gut, dann brauche ich dir ja zu Elfen nichts mehr zu erläutern.« »Aber das ist doch nur eine Geschichte, ein erdachter Roman!« »Nein. Das ist eine wahre Geschichte, verpackt in einen Roman.« »Dann gibt es die darin beschriebenen Personen, also: Eila, Finley, Rose Hlin, Sorcha und Knuth wirklich?« Raban ist erstaunt stehengeblieben. »Bitte weiterlaufen, die Zeit drängt. Gut so. – Ja, diese Personen hat es tatsächlich gegeben, vor etwas mehr als 100 Jahren, auch die bösen und die guten Zauberer.« »Aber, wie kannst du das wissen? Kolkraben werden nicht so alt und die Bücher wirst du sicher nicht gelesen haben.« Raban will noch immer nicht glauben, was er gerade gehört hat. »Auch wenn wir relativ alt werden können, wenn man nicht gerade von schießwütigen Menschen angegriffen wird«, fügt der schwarze Vogel grollend hinzu, »hatte ich damals noch nicht mein Nest oder die schützende Eierschale verlassen. Meine Großmutter hat mir erzählt, was wirklich passierte. Sie lebt heute im geheimen Wald. Großmutter hat das von Solveig erfahren, als das Buch von einem Verwandten Eilas geschrieben wurde. Der Autor und Solveig haben damals in regem Austausch miteinander gestanden.« Röiven schweigt kurze Zeit, genauso wie Raban, der das Gehörte erst verarbeiten muss. Nach einem kurzen, rollenden Räuspern fährt der Kolkrabe fort: »Somit kennst du die wichtigsten Fakten aus den Büchern.« »Woher weiß ich aber, ob vielleicht etwas dazu gedichtet wurde und was wahr ist?« »Das ist eigentlich unerheblich für meinen Auftrag. Die Zauberkräfte aller Menschen wurden damals aufgehoben, das ist real. Die Elfen behielten aber ihre magischen Fähigkeiten, Solveig natürlich auch. Obwohl Elfen länger leben und langsamer altern als Menschen, ist sie mittlerweile auch für Elfen schon sehr alt. Ich bin mir nicht sicher, aber sie könnte die letzte Elfe sein, die zaubern kann.« Der Kolkrabe bekommt einen nachdenklichen Blick. Nach einer längeren Pause schreckt er auf. Raban wäre beinahe gestürzt und bewegt ruckartig seine Arme, um das Gleichgewicht zu halten. »Äh, wo war ich? Genau. Die dunklen Zauberer hatten es in der Vergangenheit darauf abgesehen, alle anderen Lebewesen zu unterwerfen. Gegen die Elfen hegten sie immer einen besonderen Groll oder sogar Widerwillen, wie du sicher aus den Büchern weißt. Zaubern konnten die Bösen seit damals nicht mehr, trotzdem arbeiteten ihre Nachkommen weiter daran, die Herrschaft in diesem Land zu übernehmen. In der Vergangenheit standen die Elfen immer auf Seiten der Guten und waren erbitterte Gegner der dunklen Zauberer. Den Hass auf die Elfen haben diese offenbar immer an ihre Kinder weitergegeben. Der Urenkel des damaligen Oberhauptes der bösen Zauberer, sein Name war Bearach, sinnt noch heute auf Möglichkeiten zur Rache.« Eine große Pause entsteht, bis Röiven fortfährt: »Jetzt kommen wir zu einer unrühmlichen Tat von einem meiner Vettern.« Die nächsten Laute bilden keine sinnvollen Worte in Rabans Kopf, obwohl er den Eindruck hat, Schimpfworte zu vernehmen. »Verflucht sei der Tag, an dem er aus dem Ei geschlüpft ist! Grimur, das ist sein Name, wollte schon immer etwas Besseres sein. Ich habe den Verdacht, er wollte unser König werden, aber lassen wir das. Er trieb sich viel mit Krähen und Elstern herum, bis er auf Baran traf. Wie ich dir bereits sagte, kann ich zaubern. Das ist für die Mitglieder meiner Familie nichts Ungewöhnliches, für die meisten Kolkraben aber schon. Meine Familiengeschichte reicht sehr weit zurück, bis zu den Anfängen der Zauberei in diesem Land. Also, Grimur hatte das Talent zum Zaubern geerbt und wurde ein hochbegabter Magier. In seinem Machtstreben waren diese Fähigkeiten solange nützlich, bis er Baran kennenlernte. Das ist ein böser Mensch und der bereits genannte Urenkel von Bearach, dem obersten der dunklen Zauberer. Obwohl es ein ungeschriebenes Gesetz gibt, niemals unsere Fähigkeit des Zauberns an Menschen weiterzugeben, konnte Grimur nicht widerstehen. Er erlag den Schmeicheleien Barans und unterrichtete diesen in Magie. Eines Tages wurde er von ihm in einen silbernen Käfig gelockt. Du musst wissen: Silber unterbindet unsere Fähigkeiten zu zaubern. Wider besseren Wissens glaubte Grimur den Versprechungen Barans, dass er freigelassen und belohnt werden würde, wenn er die letzten Zaubergeheimnisse auf ihn übertragen würde. Erst weigerte sich mein Vetter, doch nach Tagen des Nahrungsentzugs wurde er wieder einmal aus dem Käfig geholt und übertrug die geforderten Kräfte. Den versprochenen Lohn erhielt Grimur natürlich nicht. Er wurde statt dessen in eine Steinfigur verwandelt.« In der erneuten Pause stellt Raban fest: »Also gibt es jetzt wieder einen Menschen, der zaubern kann. Und das ist noch dazu ein böser Mensch?« »Genau. Weil mein so überheblicher und verblendeter …« Erneut formen sich die nächsten Laute zu keinen sinnvollen Worten in Rabans Kopf. Dann seufzt Röiven und fährt fort: »Ich wurde von der weisen Eule Minerva aufgefordert, eine Rettungsaktion für die Elfen zu starten, da ihnen jetzt großes Unheil von Baran droht. Ich sollte bis zum Ende der heutigen Nacht einen bestimmten Menschen zu ihr bringen, und das bist du. So, jetzt kennst du meinen Auftrag.« Der Kolkrabe dreht seinen Kopf und schaut dem Jungen in die Augen. Er erkennt darin sowohl Staunen als auch Unverständnis. »Soweit habe ich das verstanden, aber warum sollte ich helfen können? Ich bin doch nur ein kleiner Junge, der nicht einmal im Raufen geübt ist. Wie soll ich da etwas gegen einen bösen Zauberer ausrichten können?« »Warum ich dich hierher holen sollte, werden wir sicher gleich von der Eule erfahren. Jedenfalls wurde mir genau beschrieben, wo ich einen Menschen mit Namen Raban finden würde. Dieser Name ist eher selten unter euch Menschen, aber Minerva wusste, in eurem Ort gibt es ihn. Und jetzt ist die Nacht fast vorüber, also beeile dich!« Die letzten Worte klingen flehend. Raban hastet weiter abwärts. Beinahe strauchelt er über einen quer über dem Pfad liegenden, herabgefallenen Ast einer riesigen Eiche, die hoch über ihnen aufragt. »Das hat aber lange gedauert, fast sogar zu lange!«, erklingt eine neue Stimme von hoch oben. Der Junge schaut sich überrascht um. Sie sind am Fuß des Berghangs angelangt und stehen vor einer offenbar uralten Eiche. Im Hintergrund erkennt er undeutlich den schmalen Eingang einer Höhle. Sollten sie am Ziel sein? »Hallo Minerva«, erklingt Röivens Stimme. »Es ging leider nicht schneller. Einige Menschenkinder hatten es auf mich abgesehen und verletzten mich. Wenn Raban nicht …« Hier wird er unterbrochen: »Das ist ja schön und gut, aber wir haben keine Zeit für ausschweifende Erklärungen.« Minervas Auftrag Ein dunkler Schatten scheint aus dem Wipfel des Baums herunterzufallen. Er bleibt aber in Höhe eines der unteren Äste hängen. Jetzt erkennt Raban einen herzförmigen, helleren Fleck in dem Schatten. Er strengt seine Augen an und tritt näher an den Baum heran. Ja, es stimmt. Eine Schleiereule sitzt dort und schaut mit ihren dunklen Augen in seine Richtung. »Hallo Raban«, wird er angesprochen. »Hallo … Minerva. Woher kennst du mich und warum bin ich hier?« »Ich kenne dich nicht. Aber du musst Raban sein, da Röiven den Auftrag hatte, einen Menschen mit diesem Namen zu mir zu bringen.« Jetzt schaut die Eule zum Kolkraben, der bestätigend seinen Kopf ein wenig senkt. »Also gut. Dann werde ich dir, bzw. euch beiden erklären, warum ihr hier seid.« Beide, der Junge und der große Vogel auf seinem Arm, schauen gespannt zur Eule. »Hat Röiven dir erklärt, dass die Elfen von Baran, einem bösen Zauberer bedroht werden?« »Ja. Und Baran ist ein Urenkel des letzten oberen Dubharan.« Erstaunt klappt die Eule ihre Augendeckel mehrmals auf und zu. »Ich höre, du hast bereits einige Informationen erhalten.« »Er kennt aber auch das Geschehen von vor 100 Jahren, da er die Bücher gelesen hat«, ergänzt der schwarze Vogel mit krächzender Stimme. »Das freut mich, dann kennt er sich ja bestens aus.« Raban spürt, wie er von der Schleiereule gemustert wird. »Intelligent sieht er aus, aber ist er auch mutig genug? Hm«, überlegt Minerva. »Da wir nicht viel Zeit haben, muss es gewagt werden. Röiven und Raban, ich erteile euch den Auftrag, die Elfen vor ihrer größten Gefahr zu retten. Nun, was sagt ihr?« »Ähem, darf ich etwas fragen?«, erkundigt sich der Junge vorsichtig. »Natürlich, wenn es nicht zu lange dauert. Was willst du wissen?« »Weshalb weißt du, dass den Elfen Gefahr droht?« »Kurz zusammengefasst kann ich das so erklären: Jedes Lebewesen kennt die große Weisheit der Eulen. Alle Eulen versammeln sich mehrmals im Jahr zu einer großen Beratung. Bei unserer letzten Zusammenkunft wurde uns klar, dass die Elfen in großer Gefahr schweben. Ich wurde von unserem Rat beauftragt, etwas dagegen zu unternehmen.« Ihre Augendeckel klappern mehrmals zur Bestätigung. »Das führt mich zu meinen nächsten Fragen«, entgegnet Raban. »Warum soll ich in der Lage sein, die Elfen aus ihrer größten Gefährdung zu retten und wie sieht die Gefahr nun eigentlich aus?« »Genau. Das möchte ich auch wissen«, bekräftigt der Vogel auf seinem Arm, »und warum soll ich dabei helfen?« Minerva schaut beide ernst an. »Hab ich das noch nicht gesagt? – Die Elfen werden von Baran bedroht. Er will nicht nur ihre Festung zerstören, sondern sie auch alle vernichten.« Zum Kolkraben gewendet erklärt sie: »Grimur gehörte zu deiner Familie. Er hat uns das eingebrockt. Es ist nicht nur eine Frage der Ehre, aber du musst helfen, das wieder geradezubiegen.« Sie blickt nun zum Jungen. »Du solltest das verhindern können, weil dein Name Raban ist.« »Was hat das mit meinem Namen zu tun?« »Er ist aus denselben Buchstaben gebildet, wie »Baran«. Eure Namen sind Anagramme! Er ist böse und du bist gut. Das stimmt doch?« Die dunklen Augen scheinen ihn zu durchdringen. »Er ist ein mitfühlender Mensch, der sich um andere kümmert. Das habe ich am eigenen Leib erfahren«, bestätigt Röiven. »Aber kann ich es deshalb mit einem bösen Zauberer aufnehmen? Wenn man mal außer Acht lässt, dass ich kein Erwachsener bin, ist nicht zu übersehen: ich bin für mein Alter nicht einmal besonders kräftig. Zaubern kann ich natürlich auch nicht.« Die Eule antwortet erst nach einer kurzen Pause: »Trotzdem weiß ich, Gleiches bekämpft man am besten mit Gleichem. Wenn irgendwo ein Feuer ausgebrochen ist, sagen wir mal in einem Wald, dann werden von euch Menschen Gegenfeuer gelegt, um eine Ausbreitung zu verhindern. Für Gegenzauber ist Röiven zuständig, für die möglicherweise notwendigen Kenntnisse eines Menschen dann du, Raban. Baran wird somit durch euch beide an der Ausführung seiner Pläne gehindert werden können.« Die nächsten Laute ergeben für den Jungen keinen Sinn. »Was, das hoffst du also nur?« vernimmt er statt dessen die Stimme des Kolkraben. »Oh. Ich habe ganz vergessen, wie klug ihr Raben seid. Natürlich konntest du mich jetzt verstehen. Ich will also ehrlich sein. Genau weiß ich natürlich nicht, ob sich das in diesem Fall anwenden lässt. Dafür können zu viele Faktoren eure Aufgabe beeinflussen. Aber ich kenne keine andere Möglichkeit, um die Elfen zu retten.« In einer kurzen Pause klappert Minerva entschuldigend mit den Augendeckeln. »Solveig ist mittlerweile sehr alt und zeitweise schon enorm vergesslich. Falls sie sich mittels Zauber verteidigen müsste, wüsste sie vermutlich nicht, welche zu nutzen wären. Andere Elfen mit Zauberkräften gibt es im geheimen Wald nicht mehr. Aber die Gefahr besteht nicht unbedingt in einem direkten Zauberangriff. Dann würde es ausreichen, wenn du, Röiven, vorsorglich dort wohnen würdest. Deine Zauberkräfte sind gewaltig und können es vermutlich mit denen Barans aufnehmen, der sie ja von deinem Vetter erhalten hat. Aber es ist auch wichtig, Unterstützung durch einen Menschen zu erhalten.« Raban räuspert sich, bevor er unbehaglich fragt: »Worin besteht die andere Möglichkeit, die Elfen zu vernichten?« Gespannt warten beide, der Junge und der schwarze Vogel, auf die Antwort. »Habt ihr schon einmal von der Legende über die Raben im Tower von London gehört? Sie lautet: Der Weiße Turm, die Monarchie und das gesamte Königreich, würden zugrunde gehen, falls die Raben jemals den Tower verlassen. Ob die Sage für London zutrifft, weiß ich nicht genau. Möglicherweise ist die ursprüngliche Aussage durch die lange Zeit der Überlieferungen verfälscht worden. In einem alten Buch der Mythen und Sagen ist der mögliche Kern zu finden, der sich aber auf die Elfen bezieht. Dort steht geschrieben: so lange Kolkraben in diesem Land existieren, sind die geheimen Plätze der Elfen vor den Menschen verborgen, wodurch sie und ihre Festung vor Vernichtung geschützt sind.« Plötzlich umgibt sie unheimliche Stille. Keiner wagt auszusprechen, was er gerade denkt. Der Junge äußert sich noch vor dem Raben: »Was sagst du? Jemand könnte beabsichtigen, alle Kolkraben des Landes zu töten? Wer würde so eine ungeheure Tat nur zu denken wagen?« Empört steht er stocksteif da. »Oh … glaube mir, vielen Menschen ist so etwas zuzutrauen«, beginnt der Kolkrabe, erst mit leiser, trauriger, aber dann mit fester, lauter Stimme. »Für die meisten von ihnen sind wir Unglücksboten, möglicherweise eine Gefahr für deren Tiere, auf jeden Fall aber ohne Nutzen für sie.« »Darum ist Eile geboten«, ergänzt nun Minerva. Mit jedem Augenblick der vergeht, stirbt vielleicht irgendwo in unserem Land ein Rabe. Vielleicht erfolgte der Angriff auf dich«, hierbei blickt sie zu Röiven, »bereits als Folge von Barans Plan. Er wird sicher nicht alleine alle Kolkraben töten können. Aber er kann die Einstellung der Menschen zu diesen Vögeln beeinflussen, zumal er Zauberkräfte besitzt!« »Ja …« Schweigen. »Aber …« Erneutes Schweigen. »Wo sollen wir denn dann anfangen?«, fragen der Junge und der Kolkrabe gleichzeitig. »Beginnt da, wo es die meisten Kolkraben gibt und bringt sie in den geheimen Wald. Dort sollten sie vorläufig sicher sein.« Die große Schleiereule klappert mit den Augendeckeln, nickt beiden kurz zu und breitet die Flügel aus. Ohne ein hörbares Geräusch oder eine spürbare Luftbewegung, schwebt sie über Raban hinweg. Sie will sich nach der langen Rede mit einer leckeren Maus stärken. »Ich glaube, Minerva wird langsam gaga. Wie soll denn das zu schaffen sein?«, krächzt Röiven ungläubig. »Das habe ich gehört!«, ist aus der Ferne noch zu hören. »Ja, wie?«, überlegt der Junge. »Können wir vielleicht zuerst zurück in mein Zimmer? Ich glaube, ich könnte noch etwas Schlaf vertragen. Und du sicher auch, mit deiner Verletzung. Nach einem guten Frühstück schmieden wir dann einen Plan.« »Wenn du meinst? Hunger hätte ich wohl …«, und schon krächzt der schwarze Vogel: »Portaro!« Der Berghang und die Eiche beginnen sich zu verwischen. Es flimmert kurz. Als das Gleißen aufhört, liegt Raban mit geschlossenen Augen in seinem weichen Bett, die Decke bis zum Kinn hochgezogen. Der Kolkrabe hockt wieder auf dem Tischchen neben dem Bett. Er hält seinen Kopf leicht schräg und sieht die Schuhe des Jungen unter der Decke hervorschauen. »Da ist ja wieder etwas schiefgegangen«, denkt er und gibt einige, knarzende Laute von sich. Danach sieht er zufrieden zum Bett hinüber, vor dem nun die Schuhe auf dem Boden stehen. Hose und Shirt liegen ordentlich gefaltet auf dem Stuhl. »Was für eine Nacht«, denkt der Vogel noch, dann schließt auch er die Augen und schlummert ein. Ein Plan entsteht Erschrocken öffnet Raban die Augen. Hat er geträumt? Schnell richtet er sich auf und blickt zum Tischchen. Den schwarzen Vogel mit dem weißen Schulterverband gibt es also wirklich. »Das war aber sicher geträumt. Gespräche mit Eulen und Raben gibt es ebenso wenig, wie Zauberer und Reisen mit Magie!«, grübelt er verwirrt. »Das gibt es, so wahr ich hier hocke und auf dein Erwachen warte«, holt ihn die knarzige Stimme in die Wirklichkeit zurück. »Aber … was bedeutet das? Warum kann ich dich verstehen? Offenbar habe ich auch die Eule verstanden. Wie ist das möglich?« In diesem Moment hört Raban eine Stimme von unten. Seine Mutter Ciana ruft die Treppe hinauf: »Hör auf, dich mit dem Vogel zu unterhalten. Der versteht dich nicht. Komm lieber herunter, wenn du etwas frühstücken möchtest. Das Essen wartet nicht länger. Ich räume gleich ab.« Hastig springt Raban aus dem Bett, zieht sich an und sprintet kurz ins Badezimmer. Es dauert nicht lange, dann ist er wieder in seinem Zimmer, nimmt den Kolkraben auf seinen linken Arm und stürmt die Treppe abwärts. Er reißt die Tür zur Küche auf. »Hallo Mom. Ich habe wohl verschlafen, entschuldige bitte.« Ein Blick zum Tisch genügt: »Danke, du hast ja auch etwas für Röiven bereitgestellt.« »Für wen? Ach, du meinst den Vogel. Ich hoffe, er mag Cornflakes.« »Mit Milch!«, fordert eine knarzige Stimme. »Da steht sie ja«, ist Rabans Antwort. »Was? Sie steht da?« Hellblaue Augen blicken fragend aus einem freundlichen Gesicht zum Jungen. »Mutter kann das Tier wohl nicht hören«, erkennt der Junge. »Sag nicht: »das Tier«, das ist herabwürdigend. Vogel ist ja noch soeben ok. Besser als Rabe, Kolkrabe, Corvus …« »Das reicht, Ruhe!«, fordert Raban. »Was ist los mit dir?«, will seine Mutter wissen, sich erschrocken umdrehend. »Du bist wohl noch im Traumland unterwegs?« »Entschuldige, ich habe wirklich ein tolles Durcheinander geträumt.« »Also, das war kein …«, knarzt der Rabe. »RUHE!«, denkt der Junge zum Glück jetzt. »Wir sprechen uns nach dem Essen.« An seine Mutter gewendet erläutert er: »Ich fühle mich, als wäre ich die halbe Nacht in den Bergen unterwegs gewesen. Ja, Cornflakes sind gut, wenn ich darüber noch Milch gebe, wird er sie vermutlich gerne nehmen.« Der Junge führt bereits aus, was er gerade sagte. Der Kolkrabe hüpft von seinem Arm auf den Tisch und senkt seinen Schnabel in die Schale mit den Flocken. Ciana schaut kurz zu und lächelt: »Das ist aber ein schönes und kluges Tier!« »Also, schon wieder Tier, aber diesmal lasse ich das durchgehen. Der Rest stimmt jedenfalls.« »Jetzt möchte ich aber in Ruhe essen. Wir unterhalten uns gleich.« Nun nimmt Raban einen großen Schluck heißen Kakao und beißt dann genüsslich in das Toastbrot mit Schokoladencreme. Nach einem recht schnellen Frühstück, es dauert vielleicht gerade 15 Minuten, hilft Raban beim Abräumen und geht dann, Röiven auf einem Arm, nach draußen. Hinter dem Haus setzt er sich in den warmen Sonnenschein auf eine bereits erwärmte Steinbank. Den Kolkraben setzt er auf einer gegenüberliegenden Bank ab. »Jetzt möchte ich zuerst wissen, warum ich dich und ebenso Minerva verstehen kann.« »Ich kann doch zaubern. Weil ich das wollte, können wir über Gedankenaustausch miteinander sprechen, bis ich das durch einen anderen Zauberspruch wieder unterbinde. Minerva konntest du verstehen, weil sie sich der Rabensprache bediente, die ich mit dir spreche.« »Gut, das verstehe ich. Wir sollten dringend überlegen, wie wir zur Rettung der Kolkraben und Elfen vorgehen wollen.« »Ja, wo fangen wir an?«, knarzt es zurück. »Wo gibt es die größte Kolonie von Kolkraben?« »Die was?« »Kolonie. Äh, oder Schwarm? Ich meine, wo halten sich die meisten deiner Art gleichzeitig auf?« »Das ist gar nicht so einfach, da wir Fithich, das ist unsere eigene Bezeichnung, eigentlich nicht sehr gesellig sind. Nur in der Jugend schließen wir uns, nach dem Verlassen des elterlichen Reviers, zu Trupps zusammen. Mit einem Partner bleiben wir als Paar ein Leben lang zusammen. Im Frühjahr werden wir als Eltern mit der Aufzucht von zwei bis sieben, überwiegend drei bis sechs, Jungen beschäftigt sein. Jetzt im Sommer haben die Jungen bereits Trupps gebildet. Im folgenden, spätestens dann im darauf folgenden Sommer, lösen sich diese Verbände aber auf.« »Wir können wählen, kümmern wir uns um die jungen Fithich, retten wir in kurzer Zeit mehr von euch, als wenn wir einzelne oder Paare suchen.« »Du hast Recht. Wir sollten zuerst die Halbwüchsigen retten, da sie auf alle Fälle argloser als Paare sind, die auf Erfahrungen von drei bis zu zehn plus zehn plus fünf Sommer zurückgreifen können. In seltenen Fällen können es fast doppelt so viele Sommer sein. Sie werden sicher nicht so leicht in Fallen der Menschen gehen.« »Wo finden wir aber solche Trupps, eher im Süden als im Norden, in der Nähe von Städten oder dort, wo weniger Menschen sind?« »Minerva hatte Recht. Es ist gut, mit einem Menschen zusammenzuarbeiten. Ich wäre vermutlich mehr oder weniger planlos mal hierhin, mal dorthin geflogen. Wir sollten von der Mitte des Landes aus in Richtung Norden suchen und immer außerhalb der Orte beginnen.« »Jetzt muss ich noch eine Erklärung für meine Eltern finden, was ich in den Tagen mache, wenn wir auf der Suche sind. Die Rettungsaktion sollte ich nicht erwähnen. Hm …« Röiven legt seinen Kopf etwas schräg, klappert mit seinen Augendeckeln, wie Minerva letzte Nacht und äußert einen Vorschlag: »Hast du keine Tante oder Großmutter, die du in ihrem Nest besuchen kannst?« Raban lacht kurz auf, dann nickt er zur Bekräftigung: »Die Idee ist gut, wenn ich sie etwas anpasse. Ich werde eine Wanderung zu meinem Großvater Finnegan im Norden machen. Das dauert mindestens vier Wochen. Ich werde mit meinen Eltern in Abständen telefonieren, damit sie sich nicht um mich sorgen. Werden sie mir das erlauben? … Doch, ich habe bereits kürzere Wanderungen von etwa zwei Wochen alleine gemacht. Ich probiere es!« Raban erhebt sich und stürmt zurück ins Haus. Die Diskussion mit der Mutter wird erfolglos abgebrochen. Sie verweist auf den Abend, um das gemeinsam mit seinem Vater Brendan zu besprechen. Der Junge kehrt in den Garten zurück. Den Rest des Tages ist er zappelig und kann kaum stillsitzen. Dem Kolkraben ergeht es ähnlich. Er fürchtet um die Mitglieder seiner Familie. Als es endlich nach dem Abendessen soweit ist, dauert die Diskussion nicht lange. Raban wird von seinem Vater unterstützt. »Der Junge ist doch schon 14 Jahre alt und kann gut auf sich aufpassen.« »Ich habe ja auch noch Röiven!« Raban hätte sich beinahe verplappert. Er kann doch nicht erwähnen, dass sie sich unterhalten und der Vogel zaubern kann. In diesem Fall hätte er die Erlaubnis sicher nicht bekommen. »Wen? Ach so. Wenn du den Raben mitnehmen möchtest, ist das in Ordnung. Sobald er wieder gesund ist, kannst du ihn in die Freiheit entlassen. Er wird sie sicher schon vermissen. Obwohl er einen zufriedenen Eindruck macht, wenn ich das so sagen darf.« Erstaunt betrachtet Brendan den schwarzen Vogel, der ruhig auf dem Arm seines Sohns hockt und mit dem Kopf nickt. »Ich mache aber folgende Bedingung: Du rufst wenigstens alle zwei Tage an. Es gibt fast in allen Orten Postämter oder Telefonzellen. Das notwendige Geld werde ich dir mitgeben.« Lächelnd zwinkert er seinem Sohn zu. Raban bekommt also auch ein ausreichendes Taschengeld. »Danke! Euch beiden!« Er umarmt Mutter und Vater und will bereits die Treppe hinauf, um seinen Rucksack zu packen. »Es ist etwas Merkwürdiges passiert«, wird er von Brendan zurückgehalten, der seine Zeitung wieder aufgenommen hat. »Was denn?«, fragen Ciana und Raban aus einem Mund. »Im Park des Internats Coimhead wurden gestern 25 tote Kolkraben gefunden. Die Kadaver wurden in die Tiermedizin der Universität unserer Hauptstadt gebracht, um die Ursache zu finden. Die Untersuchungen laufen. Vielleicht sind die Vogelgrippe oder ein anderer Virus die Ursache? Pass also unterwegs gut auf. Falls du irgendwelche Krankheitssymptome an dem Vogel oder dir bemerkst, kehrst du bitte SOFORT mit der Bahn hierher zurück. Falls das nicht gehen sollte, gehe in das nächste Krankenhaus und schicke uns eine Nachricht. Versprochen?« Obwohl Raban starr steht, befindet er sich in regem Gedankenaustausch mit Röiven. Aber das weiß Brendan nicht. Darum schüttelt dieser den Knaben. »Hast du verstanden?« »Entschuldige! Ja. Das verspreche ich. Ich mag mir nur nicht vorstellen, dass so etwas passieren kann.« »Wir wissen, warum das passiert ist!«, knarzt es in seinem Kopf. Er dreht sich zum Kolkraben und sieht ein unheilvolles Glimmen in dessen Augen. Wenn Baran jetzt in der Nähe wäre, würde er sicher nicht mehr lange Unheil verbreiten können. Raban schaut zu seinen Eltern. »Ich gehe jetzt nach oben und bereite meine Reise vor. Das Ein-Mann-Zelt werde ich mitnehmen, falls es doch mal regnet und ich keine Scheune zum Übernachten finde.« Entschlossen eilt er die Treppe hinauf. Ein Missgeschick Der Rucksack ist schnell gepackt und die Wanderschuhe stehen bereit. Raban freut sich auf die bevorstehende Reise. Er hat nur ein etwas mulmiges Gefühl im Bauch, wenn er an eine mögliche Auseinandersetzung mit Baran denkt. Aber er vertraut Minerva. Sie hat Röivens Zauberkräfte größer als die des bösen Zauberers bewertet. Was soll da schon passieren? Er muss nur immer in der Nähe des Kolkraben bleiben. Das sollte sicher nicht schwer sein. Andere mögliche Gefahren kann er nicht sehen, also verursachen sie ihm noch keine Unruhe. In der Nacht schläft Raban tief und fest. Er hat sich einen Wecker gestellt. Als der Morgen dämmert, schrillt es laut in seinem Zimmer. »Wer greift an. Zauberei? Wo sind …«, erschrocken flattert der Rabe mit seinem linken Flügel. Das Gleichgewicht kann er so nicht mehr halten und schon ist er auf seine rechte Seite gekippt. »Au, das tut doch weh!«, krächzt er vorwurfsvoll. »Was?« Der Junge stellt mit einer geübten Handbewegung den Wecker ab und reibt sich die Augen. »Oh, entschuldige. Das ist kein Angriff. Ich habe mich nur damit«, dabei zeigt er auf eine kupferfarbene, runde Uhr, »wecken lassen. Ich will mich von Vater verabschieden, bevor er zur Arbeit muss. Ich werde heute das Frühstück vorbereiten. Danach essen wir gemeinsam und anschließend geht unsere Reise los.« Der Vogel versucht unbeholfen, sich aufzurichten. Immer wieder misslingt es. »Dämlicher Verband«, schimpft Röiven. »Der ist nicht gut für mich, gar nicht gut!« Er zupft mit dem Schnabel daran herum und versucht ihn zu entfernen. »Doch, ist er wohl! Du musst deinen Flügel noch mindestens zwei Tage schonen. Der Wickel bleibt, wo er ist.« Rabans Stimme ist energisch. Vorsichtig hilft er dem Vogel auf, der sofort sein Gefieder richtet. »Das ist noch einmal gut gegangen. Keine Feder ist beschädigt. Ich hätte dich in … Nein, ich hätte dich natürlich nicht verzaubert. So etwas ist strengstens untersagt.« Falls das überhaupt möglich ist, meint Raban ein Grinsen im Gesicht des Kolkraben zu erkennen. Der Morgen verläuft anschließend wie von Raban geplant. Nach dem Frühstück verabschiedet er sich von seinen Eltern. Die üblichen Ermahnungen dauern heute lange, also sollte er jetzt für alle möglichen Vorkommnisse bestens gerüstet sein. Die Mutter trägt ihm Grüße für den Großvater auf, ihren Vater. Als Rabans Vater dann doch zur Arbeit muss, ist es auch für den Jungen soweit. Er wandert durch den Birkenweg in Richtung Norden los. »Machen deine Eltern immer so ein großes Ereignis aus einer Verabschiedung?«, staunt Röiven. »Bei uns Fithich ist das anders. Wir trauen unseren Kindern zu, sich in der Welt alleine zurechtzufinden. Alles, was wir ihnen nicht im Nest und eine kurze Zeit danach, beibringen können, lernen sie am besten durch Ausprobieren. Eigene Erfahrungen sind für uns sehr wichtig. Das fängt bereits damit an …« Hier wird er unterbrochen: »Kann es sein, dass du etwas voreingenommen bist? Ich versuche zu entscheiden, zu welchem Ort wir zuerst sollten, aber du plapperst und plapperst. Du scheinst gerne zu reden, aber ich kann mich dabei nicht konzentrieren.« »Pfff«, meint der Junge zu vernehmen. »Meine Eltern sind sehr vorsichtig, darum bekomme ich all diese Ratschläge. Sie meinen es nur gut, auch wenn es mich etwas nervt. Besonders dann, wenn andere das mitbekommen«, grinst er, um den Vorwurf an den Kolkraben etwas abzumildern. Da dieser jetzt längere Zeit schweigt, ist Raban doch besorgt. »Habe ich dich verärgert? Ich wollte dich nicht beleidigen! Verzeihst du mir die Worte?« »Pff.« »Ich meine die Entschuldigung ernst.« »Pf… Na gut. Ich nehme die Entschuldigung an. Du hast aber Recht, ich rede wirklich gerne. Das liegt an meiner schweren Kindheit. Verdrehst du jetzt deine Augen?«, krächzt eine schon wieder beleidigte Stimme. »Nein, ich kenne deine Kindheit nicht. Darum kann ich sie nicht bewerten. Erzählst du sie mir?« Stille. Keine Antwort. »Bitte, ich möchte das hören«, fordert der Junge den Vogel auf. »Wenn du das wirklich möchtest?« Nach einer längeren Pause beginnt er leise und langsam: »Ich sollte das älteste von vier Kindern werden. Jedenfalls war das die Absicht meiner Eltern. Meinen Vater habe ich nicht kennengelernt. Er wurde von Menschen getötet.« Erschrocken unterbricht Raban ihn: »Das tut mir wirklich sehr leid.« Vorsichtig streicht er über den Kopf des Vogels. Nach einem leisen Seufzer fährt dieser fort: »Meine Mutter hatte nach unserem Ausbrüten viel mit uns Kindern zu tun. Sie schaffte es aber nicht, mich und meine Geschwister großzuziehen. Sie mühte sich sehr ab und war von morgens bis spät in der Nacht unterwegs. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass die beiden Jüngsten noch vor ihrem ersten Federwechsel starben. Mein Bruder verunglückte später bei seinem ersten Flug. Sein Gefieder war noch nicht ausreichend ausgebildet. Er stürzte ab und krachte auf den harten Boden. Das war sehr schlimm.« Er macht eine Pause, dann fährt er etwas kräftiger fort: »Meine Mutter brachte mir nachts die ersten Zauber bei, damit meine Chancen besser sein würden, in der Zukunft zu überleben. Sie verausgabte sich durch die notwendige Nahrungsbeschaffung und die nächtlichen Unterweisungen aber zu sehr. Eines Tages erspähte sie ein totes Kaninchen. Das hätte für den ganzen Tag gereicht. Als sie sich bereits dem toten Tier näherte, kam es zu einer Auseinandersetzung mit einer Elster, die ebenfalls die Nahrung haben wollte. Sehr schnell kamen vier weitere dazu. Verfluchtes Pack. Elendes Gesindel. Gegen eine hätte Mutter nie verloren, aber so? Sie hat unzählige Schnabelhiebe abbekommen und Federn verloren. Ein paar Mal fuhren die Krallen dieser unehrenhaften Lumpen sogar in ihren Körper. Saubande! Sie schaffte es noch bis zum Nest. In der Nacht starb sie, nachdem sie mir ihr ganzes Wissen über Zauber übertragen hatte.« Raban wagt die eingetretene Stille nicht zu unterbrechen, er streicht dem schwarzen Vogel aber fortwährend über das Gefieder. Nach langer Zeit räuspert sich der Rabe. »Ich konnte damals schon etwas fliegen, auch wenn die Strecken noch nicht besonders groß waren. Meine Jugend verlief damit, Futter zu bekommen und meine Magie zu üben. Ich schloss mich keinem Trupp anderer Raben an. Sie hätten meine Zauberei bemerken können. Einige Angriffe von Krähen, die immer in großer Zahl gemeinsam vorgehen, konnte ich durch meine Zauberei abwehren. Sie meinten, einen großen Verband junger Raben vor sich zu haben. Also drehten sie ab und verschwanden.« »Röiven, deine Kindheit und Jugend waren wirklich schlimm. Die Einsamkeit muss unerträglich gewesen sein. Redest du darum so gerne, um dich von Gedanken an deine Familie abzulenken?« »Das mag schon sein, aber ich hatte eigentlich auch noch nie viele … Na ja, genau genommen nicht einmal einen Freund.« »Verzeih mir bitte meine Worte von vorhin. Ich war dumm!« »An die von dir genannten Worte kann ich mich nicht erinnern. Hattest du etwas Böses gesagt?« »Jetzt ist das aber ein Grinsen, was ich sehe«, denkt der Junge. »Ja. Ich bin dir nicht böse!«, knarzt es. »Ups. Du hörst ja meine Gedanken. Das habe ich glatt vergessen. Danke! Freunde?« »Freunde!«, bestätigt der Vogel. Während ihrer Unterhaltung ist Raban mit dem Kolkraben auf den Armen aus dem Dorf zum nächsten Wäldchen gewandert. Dies ist die Richtung, die ihn zu seinem Großvater führt. Sobald die Bäume und Büsche die Sicht auf ihn nehmen, bleibt er stehen. »Wohin wollen wir jetzt? Schauen wir im Park von Coimhead nach, ob wir dort etwas herausfinden können? Vielleicht gibt es dort noch einen lebenden Kolkraben, den wir befragen könnten.« Der Junge blickt den Vogel an. Dieser nickt und knarzt: »Portaro«. Die Büsche und Bäume beginnen sich zu verwischen. Es flimmert kurz. Als das Gleißen aufhört, steht Raban in einem großen Park. Aber er ist allein. Wo ist sein Begleiter, den er gerade noch seinen Freund genannt hat. »Ist wieder etwas schief gegangen?«, grübelt der Junge. Seine Augen suchen beunruhigt den Park ab. »Was machst du denn hier, Junge?«, vernimmt er eine knarrende Stimme hinter seinem Rücken. Im ersten Moment glaubt er den Kolkraben zu hören. Doch das typische Knarzen fehlt. Er dreht sich um. Ein alter Mann mit grauem Bart kommt auf ihn zu. »Es sind doch Ferien und das Internat ist geschlossen.« Nach einem Blick auf den Rucksack und das zusammengerollte Zelt fügt er hinzu: »Das Zelten ist hier aber verboten!« Dabei droht er mit einem Finger. Das Gesicht lächelt dem Knaben aber freundlich entgegen. »Äh, nein. Ich will hier nicht zelten. Ich habe gestern etwas Unglaubliches in der Zeitung gelesen. Wurden hier wirklich 25 tote Raben aufgefunden? Ich wollte versuchen, ob ich etwas über die Ursache herausfinden kann.« »Die toten Vögel sind bereits in der Universität. Sie werden dort mit allen wissenschaftlichen Mitteln untersucht. Es waren Jungvögel, die sich hier in den letzten Tagen aufgehalten hatten. Sie spielten wie kleine Kinder, balgten miteinander und ließen sich dort den kleinen Abhang hinunterrollen. Es ist traurig, aber wahr. Gestern morgen lagen sie tot unter diesem Baum.« Er deutet auf einen ehrwürdig wirkenden, großen Mammutbaum, der zentral im Park steht. »Jetzt ist es hier völlig ruhig. Alle Vögel scheinen diesen Ort des Todes verlassen zu haben.« »Darf ich mich etwas umsehen? Ich finde es seltsam. Die alten Eichen, Buchen oder auch Rosskastanien eignen sich für große Vögel doch besser zum Schlafen als der Mammutbaum. Warum lagen sie dann alle dort? Wirkte das irgendwie angeordnet? Ich meine, lagen sie nebeneinander aufgereiht?« »Nein. Sie lagen verstreut unter dem Baum, als ob sie aus den Zweigen nach unten gestürzt wären. Du darfst dich gerne umsehen. Ich muss nur mal kurz nach meinen Hühnern schauen. Sie klingen sehr aufgeregt.« Der Gärtner, denn das ist er, dreht sich um und geht auf den hinteren Teil der Parkanlage zu. Dort duckt sich ein kleines Backsteingebäude mit niedrigem Dach. Aus dessen Schornstein ringelt sich eine feine Rauchfahne in den Himmel hinauf. Das Haus ist von einem kleinen Garten umgeben, in dem der Alte etwas Gemüse für den Eigenbedarf anbaut. In einem eingezäunten Hof laufen aufgeschreckt viele große, braune Hühner und zwei Hähne. »Das gibt es doch nicht. Komm schnell mal her!«, ruft der Gärtner Raban zu sich. Als der Junge näher kommt, hört er eine ihm bekannte, krächzende Stimme keuchen: »Ich schaff es doch. Ich schaff es, au… Auf ein Neues. Ich muss es schaffen … Oh, hallo Raban. Hilfst du mir bitte?« Der Junge steht vor dem eingezäunten Viereck. Er versteht, warum der alte Mann glaubt, seinen Augen nicht trauen zu können. Jetzt fragt dieser: »Wie ist denn so was möglich? Ein Rabe mit Flügelverband versucht aus meinem Hühnerhof zu entkommen, indem er sich mit seinem Schnabel am Gitter hochzieht und sich dann mit den Krallen in der Höhe zu halten versucht.« »Entschuldigung, das ist mein Kolkrabe. Ich pflege ihn gesund und trage ihn sonst immer bei mir. Da er aber ziemlich schwer ist – « »Entschuldige bitte, Röiven. Mir fiel so schnell keine bessere Ausrede ein«, fügt er in Gedanken hinzu. „– habe ich ihn hier zwischengeparkt, während ich mich umsehen wollte. Ich liebe Fithich, ähem Raben, sehr. Darum bin ich auch über die Zeitungsmeldung so beunruhigt.« Der Mann schaut den Jungen forschend an, dann lächelt er. »Da hättest du mich besser vorher gefragt. Wie du siehst, haben die Hühner Angst vor ihm und er will offenbar auch zu gern wieder hinaus. Gut so. Jetzt werden sie sich bald beruhigen.« Raban hält Röiven bereits auf seinem Arm. »Ich wollte ihre Hühner nicht aufregen, tut mir Leid.« »Es ist ja nichts passiert. Du solltest den Vogel aber doch besser zu deinen Untersuchungen mitnehmen. Ich muss jetzt weiterarbeiten. Vielleicht bis später.« »Danke, das mache ich.« Sie trennen sich. »Was ist denn passiert, Röiven? Ich stand allein im Park und du bist zwischen den Hühnern gelandet?« »Gelandet ist gut. Diese aufgescheuchten, gackernden Federbälle! Daran ist nur der blöde Verband schuld! Damit kann ich nicht so richtig zaubern.« Die nächsten Worte klingen undeutlich, sind aber wohl Schimpfworte. »Es bleibt dabei, du behältst den noch mindestens einen Tag, dann sehen wir weiter. Jetzt lass uns die Gegend untersuchen.« »Hurra! Hej, heute morgen waren es noch zwei, jetzt ist es nur noch einer«, jubelt Röiven. Obwohl Raban lachen muss, konzentriert er sich. Sie suchen weitläufig den Boden im Park ab, beginnend unter dem Mammutbaum. Beide forschen lange mit gesenkten Köpfen. Der Vogel schreitet vorsichtig durch das Gras und bleibt am Stamm des großen Baumes stehen. Dort liegen in einem zerwühlten kleinen Haufen dunkelblaue Beeren. Viele sehen zerquetscht aus. »Ob die vergiftet sind?« »Was sind das für Beeren?«, will der Junge wissen. »Wie sie für euch heißen, weiß ich nicht. Wir fressen sie aber sehr gerne.« »Dann sind sie vermutlich vergiftet und für die jungen Fithich als Köder ausgelegt worden«, ist Raban überzeugt. »Wir sollten sie mitnehmen und dem zu essen geben, der sie hier ausgelegt hat.« »Verdient hätte er es«, stimmt der Junge zu. »Wir wissen nur nicht, wer es war und wo er jetzt ist. Lass uns weiter suchen, vielleicht gibt es mehr davon.« Nach längerer Zeit nähert sich der Gärtner. Obwohl er noch einige Schritte von ihnen entfernt ist, fragt er gespannt: »Na, mein Junge. Hast du etwas entdeckt?« Er betrachtet erstaunt den schwarzen Vogel, der weiter suchend den Rasen abschreitet. »Da hast du aber eine große Hilfe«, stellt er fest. »Und der hat den verdächtigen Haufen entdeckt!«, knarzt es stolz, aber das ist nur für Raban zu hören. »Das stimmt«, antwortet dieser dem Gärtner. »Er hat diese verdächtigen Beeren unter dem Mammutbaum entdeckt. Schauen sie sich die einmal an.« Sie gehen zu dem großen Baum hinüber. Dort angekommen, zeigt er auf die verstreuten Beeren. »Ich vermute, das ist die Ursache des Rabensterbens.« »Wo kommen die denn her? Hier wachsen keine Bäume oder Büsche, die diese Früchte tragen.« »Dann ist das der Beweis. Jemand hat die Beeren vergiftet und hier ausgelegt. Ich weiß, Kolkraben fressen diese Früchte besonders gerne. Also hat ein Vogelfeind den Raben das angetan.« »Damit könntest du Recht haben. Diese überaus schlauen Studenten der Universität haben nur schnell die Kadaver eingesammelt. Sie könnten sich ein Beispiel an dir nehmen: erst in Ruhe alles, also auch die Umgebung des Fundortes, untersuchen. Ich werde die Beeren vergraben, damit keine anderen Tiere davon fressen. Und du kleiner Vogelfreund? Geht es jetzt nach Hause?« »Äh, nein. Ich wandere zu meinem Großvater, der mich in den nächsten Tagen erwartet.« »Wenn du möchtest, darfst du heute hier übernachten. Ich kann dir zwar kein Bett, aber trockenes Heu zum Schlafen anbieten. Es liegt unter dem Abdach neben dem Hühnerhaus. Essen bekommst du im Haus.« Er wartet lange auf die Antwort und fügt dann schnell hinzu: »Keine Angst, ich will dir nichts tun. Wir sind auch nicht allein. Meine Frau wird jeden Moment nach Hause kommen. Sie ist in der nahen Stadt, um einzukaufen. Was meinst du?« »Das ist nett von ihnen. Ich nehme die Einladung gerne an. Ich muss aber vorher in die Stadt, da ich meine Eltern abends telefonisch unterrichte, wo ich in der Nacht bin. Sie machen sich sonst Sorgen«, ergänzt er. »Das ist gut. Ein Telefon habe ich leider nicht, aber wenn du möchtest, kannst du dir mein Fahrrad ausleihen. Zu Fuß dauert der Weg in die Stadt zwei Stunden. Mit dem Rad kannst du in weniger als einer zurück sein.« »Das mach ich, Danke. Meinen Rucksack und das Zelt lasse ich hier. Den Raben nehme ich mit, er ist sehr an mich gewöhnt.« »Ha, ha, dass ich nicht lache. Wo willst du mich mitnehmen, auf einem Fahrrad?« »Genau. Oder möchtest du zu den Federbällen zurück?« Er setzt den schwarzen Vogel auf die Lenkerstange, steigt auf und grüßt den alten Mann kurz. Vorsicht fährt er an. Nach Umrundung des Internatsgebäudes und eines Blumenrondells durchfährt er das offene Tor. »Das ist nicht schlecht. Nicht so schnell wie Fliegen, aber besser als Laufen«, knarzt es. »Halt dich gut fest, ich werde gleich schneller.« Als der Fahrtwind dem Jungen um die Ohren und dem Vogel durchs Gefieder rauscht, jauchzt dieser knarzend. »Das ist gut, das ist wirklich gut. Hoppla, beinahe wäre ich abgerutscht. Ich muss mich mit einem Zauber stabilisieren.« Die nächsten Laute versteht Raban nicht. Die Fahrt macht ihm aber genau so viel Spaß wie Röiven. Ein Zauberer überlegt Das Meer tost laut und weiße Gischt spritzt hoch. Schreie vieler Seevögel durchschneiden das Brausen des Windes. Es ist recht ungemütlich hier, obwohl es Sommer ist und die Temperaturen im Sonnenschein angenehm sind. Ein zufriedenes Grinsen ist im Gesicht eines hageren Mannes zu sehen. Die schulterlangen, schwarzen Haare flattern im Wind. Baran denkt an seinen Plan, dessen Umsetzung voranschreitet. »Die ersten Raben wären erledigt! Sie gelten vielen als Unglücksvögel. Für mich sind sie das nicht!« Sein Gesicht verzieht sich zu einer hässlichen Fratze. »Für mich bereiten sie große Freude, wenn sie sterben. Wenn sie alle gestorben sind, ist das allerdings ein Unglück. Aber nicht für mich!«, lacht er lauthals. »Für die verfluchten Elfen ist es das AUS. Sie werden endlich vernichtet sein. Dann werde ich das Erbe meiner Vorfahren antreten können!« Seine bisher frohe Miene verdüstert sich. Sein Blick sucht und findet eine ehemals stolze Burganlage. Sie steht oberhalb einer steil ansteigenden Felswand. Aus der Ferne sieht er nur eine dunkle Masse. Die Türme und die starken Mauern kann er nicht genau erkennen, also auch nicht, dass diese mit Wehrgängen versehen sind. Aber er weiß genau, diese Burganlage ist gewaltig. »Von Rechts wegen müsste sie mir gehören. Ich bin der Erbe Bearachs, dem sie zuletzt gehörte. Nach der Niederlage gegen andere Zauberer und deren Unterstützer, die Elfen, wurde dieser eingekerkert. Seine Burg Munegard wurde ihm genommen. Das war völlig ungesetzlich! Der Erlös vom Verkauf dieser historischen Anlage wurde für die Versorgung vieler unnützer Armen ausgegeben. Jetzt ist dort ein Hotel eingerichtet. Pah! Ich werde mir mein Eigentum zurückholen!« Seine Züge erhellen sich. »Die vergifteten Beeren haben gute Dienste geleistet. Ich werde es noch einmal damit versuchen. Wo gibt es weitere Schwärme junger Raben? Ich weiß es. Also weiter. Es sollte nicht mehr lange dauern, dann werde ich von dort oben herrschen. Über das ganze Land!« Er blickt grimmig zur fernen Burg. Die Luft flirrt kurz. Er ist verschwunden. Die Priorei Vor dem Einschlafen überlegen Raban und Röiven, welchen Ort sie als nächsten aufsuchen sollen. »In dem Roman gibt es doch eine Priorei, in der Sören wohnte. Wäre das ein möglicher Ort, an dem sich junge Fithich wohlfühlen würden?« »In welchem Roman?«, knarzt der schwarze Vogel. »Du weißt schon. In der Geschichte über Eila, die Elfen und…« »War doch nur Spaß«, krächzt der Rabe glucksend zurück. »Natürlich kenne ich die Handlung. Großmutter hat mir die wahre Geschichte erzählt. Die Priorei wurde von seinem damaligen Besitzer Mynyddcaer genannt. Ich bin auch mal dort gewesen, so aus Neugier. Ich habe dort viele ältere Menschen gesehen.« »Sag schon, könnten sich dort Jungvögel wohlfühlen?« »Es gibt viele Bäume dort, einen richtig kleinen Wald. Ja, ich glaube schon.« Also wählen sie diesen Ort als nächstes Ziel. Nach einer angenehmen Nacht im duftenden Heu und einem guten Frühstück, verabschiedet sich Raban von dem freundlichen Gärtnerehepaar. Er schultert seinen Rucksack und nimmt den Kolkraben auf seinen linken Arm. Im Park dreht er sich noch einmal um und winkt zurück. Mit schnellen Schritten verlässt er den Park und das Internatsgelände. Auf dem Weg in Richtung Stadt hat er gestern Abend eine Bushaltestelle gesehen. Dort gibt es ein Wartehäuschen. Es ist jetzt in den Schulferien niemand dort. Im Inneren ist er gegen zufällige Beobachtungen geschützt. Von hier können sie also mittels Zauber verschwinden. Die Luft glitzert und sie sind weg. Raban befindet sich jetzt hinter einer kleinen Kapelle. Er wundert sich. In dem Roman war das Bauwerk doch eingestürzt. Es sieht aber ganz in Ordnung aus. Aus dem Inneren dringt Orgelmusik und leiser Gesang. Sollte Röivens Zauber wieder missglückt sein? »Nein. Wir sind natürlich an dem richtigen Ort«, protestiert der Vogel. »Die Menschen haben das Gebäude wohl wieder hergerichtet. Ich weiß schon, was ich tue.« »Das stimmt sicher. Aber deine Magie wird ja manchmal etwas fehlgeleitet. Du weißt schon, durch den blöden Verband.« Bei den letzten Gedanken versucht er die beleidigte Stimme des Kolkraben nachzumachen. »Ha, ha. Selten so gelacht!« »Jetzt aber ernsthaft. Ich habe fast den Eindruck, dass wir auf einer Vergnügungsfahrt sind.« »Du hast Recht. Wir müssen meine Verwandten retten. Also mach schon.« »Ich mach ja schon.« Der Junge umrundet langsam das Gebäude. Von der Kapelle schleicht er über den Innenhof, der mit Sandsteinplatten ausgelegt ist. Der Boden weist keine Risse und Lücken auf, wie in dem Roman. »Ob das hier wohl ein Heim für alte Leute ist?«, überlegt Raban. »Das würde dazu passen, dass die Kapelle nicht nur wieder gerichtet ist. Auch die frühe Morgenmesse passt dazu.« »Das mag schon stimmen«, knarzt Röiven als Antwort. »Aber gehe bitte weiter, damit wir zu dem Wäldchen dort drüben kommen.« »Ich beeile mich ja. Ach nein. Nicht auch hier!« Der Junge beginnt zu rennen. Auch der Rabe krächzt verzweifelt: »Wir sind zu spät. Der Wahnsinnige hat wieder zugeschlagen!« Außer Atem steht Raban am Rand des Wäldchens. Hier liegen verstreut viele tote Vögel. Es sind diesmal aber nicht nur Kolkraben, auch mehrere Krähen sind darunter. Der Junge setzt den Vogel auf den Boden. Langsam schreitet dieser die vielen Kadaver ab. Es sind wohl Schimpfworte und Flüche, die er äußert. Verstehen kann Raban sie aber nicht. Plötzlich steht Röiven still. Sein Kopf hängt traurig herunter. Eine Träne rollt über den Schnabel und tropft von dort auf einen jungen Raben. »Arme Roya! Ich weiß noch genau, wie stolz deine Eltern waren, als du geschlüpft bist.« »Du kennst ihn?«, fragt Raban vorsichtig. »Ja. Aber »er« ist ein Mädchen. Ich erinnere mich noch genau an sie. Es ist erst wenige Wochen her. Sie war so schön. Sie hätte vielleicht meine Freundin werden können. Stark und mutig war sie. Ich habe gesehen, wie sie sich auf mehrere Elstern stürzte, um einem Jungen zu helfen.« Erneut tropft eine Träne auf den stillen Vogel. »Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie traurig du sein musst. Aber ich fühle mit dir.« Raban streicht seinem Freund über das Gefieder. »Trotzdem müssen wir hier besser verschwinden. Die Musik in der Kapelle hat aufgehört. Die Leute werden gleich herauskommen. Wenn sie uns hier sehen, habe ich vermutlich Fragen zu beantworten, auf die ich keine Antwort geben kann.« »…« »Hast du mich gehört? Wir müssen fort. Soll ich Roya mitnehmen und an einem sonnigen Platz beerdigen?« »Du willst was? Wozu soll das gut sein?« krächzt es traurig, aber erstaunt zurück. »Wir beerdigen unsere Toten. Dadurch sind ihre Körper vor …« Pause. Etwas verlegen setzt Raban den Satz fort: »… also, sie sind dann vor Tieren geschützt, die sie sonst auffressen würden.« »Ist das schlimm? So helfen sie anderen Lebewesen zu überleben. Das ist doch ein steter Kreislauf.« »Du hast eigentlich Recht. Trotzdem mögen wir Menschen es nicht, wenn Angehörige oder Freunde in aller Offenheit zerstückelt und aufgefressen werden. In der Erde werden sie letztlich auch langsam aufgelöst und sind Teil des Kreislaufs. Auch wenn die Körper anderen nützlich sind, ihre Seele geht zu Gott.« »Die Anam kehrt zum großen Geist heim, der uns alle geschaffen hat«, bestätigt Röiven. »Gut. Wir nehmen Roya mit. Los, die Leute kommen schon.« Der Junge hebt den toten Kolkraben auf und nimmt seinen Freund wieder auf den linken Arm. »Bringe uns an deinen Lieblingsort!«, fordert er. »Dort kannst du dich in Ruhe verabschieden.« Die Luft flirrt. Bevor sie bemerkt werden, sind sie verschwunden. Im selben Moment steht der Junge auf einer großen Wiese. Das volle Sonnenlicht lässt die Wildblumen bunt leuchten. Die Insekten summen. Raban blickt sich um. Hier ist es wirklich schön. Aber, wo ist Röiven. Der Junge trägt die tote Roya noch immer vorsichtig auf seinen Händen. Der lebende Kolkrabe fehlt aber. »Nicht schon wieder!«, stöhnt er auf und blickt sich suchend um. Die Wiese liegt an einem sanften Berghang. Doch sein Freund ist nicht zu sehen. Suchend wandert er umher und gelangt zu mehreren flachen Erdhügeln. Sie sehen aus wie alte Gräber. Ihnen direkt gegenüber ist ein Grabstein aufgestellt. Die Sonnenstrahlen lassen den Grabstein aus graugelbem, hellen Sandstein fast leuchten. Raban tritt näher und erkennt Symbole und Schriftzüge. Sie sind bereits ziemlich verwittert. Er strengt sich an, sie zu entziffern und meint zu träumen. »Kann das wahr sein? Da sind tatsächlich, kaum noch sichtbar, eine Ziegenherde und Sterne erkennbar. Dies ist Erdmuthes Grab, wenn sie in dem realen Geschehen so genannt wurde.« Er ist davon überzeugt und durchlebt mit geschlossenen Augen Teile der gelesen Geschichte. Jetzt, mit der Erinnerung vor Augen, sind die Schriftzüge leicht zu lesen: Zur Erinnerung an Erdmuthe Sie half ohne Vorbedingung und rettete ihre Freunde. Die sie liebten, weinen um sie. Du bist immer in unseren Herzen, wir vermissen dich! »Ihr Name ist also nicht verändert worden! Dieser Platz gefällt mir! Deine Wahl ist gut. Aber wo steckst du, Röiven?« Obwohl er den schwarzen Vogel nirgends entdecken kann, hofft er, dass dieser doch bald auftaucht. Sehr weit entfernt sollte er doch wohl nicht angekommen sein. »Hier auf dem Gelände des alten Klosters gibt es sicher keinen Hühnerstall, in dem er jetzt feststecken könnte. Vermutlich kommt er gleich hier an, laut auf den blöden Verband schimpfend!« Der Junge muss unwillkürlich grinsen. Große Sorgen macht er sich nicht. Warum auch? Er beginnt damit, direkt neben Erdmuthes Grab, eine kleine Grube auszuheben. Er nutzt sein Taschenmesser und einen flachen Stein. Auch wenn es nur langsam voran geht, stört ihn das nicht. Er hat ja Zeit. Anschließend kleidet er die Vertiefung mit Moos aus. »Hat Eila das nicht auch so gemacht, wenn sie Vögel hier beerdigt hat, denen nicht mehr geholfen werden konnte? Ja, aber es fehlen noch schöne bunte Blütenköpfe.« Als auch diese platziert sind, bettet er das tote Kolkrabenmädchen vorsichtig hinein. »Wo bleibt mein Freund bloß? Er wollte doch Abschied nehmen!« Der Junge deckt etwas Moos über Roya, dann verschließt er das Grab provisorisch mit mehreren Ästen. Darauf häuft er die Erde und klopft sie etwas fest. »Ich muss jetzt meinen Freund finden. Wir kommen dann zu dir zurück. Bis dahin!« Raban freut sich über die gewählte Stelle. Die Sonne erwärmt das Grab, genau wie das daneben liegende. »Der Spruch auf dem Stein passt auch ausgezeichnet zu dir, Roya!« Er dreht sich um und wandert suchend über die Wiese. Der Junge wählt die Richtung, in der er das Haus von Erdmuthe und die Ruinen des Kloster vermutet. Wo steckt Röiven? Der Wolf Der Junge erblickt etwas abseits ein niedriges Gebäude. Das muss das Haus sein, in dem Erdmuthe gelebt und Eila ausgebildet hat. Aus dem Schornstein, der aus dem offensichtlich stark einsturzgefährdetem Dach aufragt, steigt keine Rauchsäule in den Himmel. »Das ist auch nicht zu erwarten. Hier lebt sicher kein Mensch«, ist Raban überzeugt. Darauf weisen auch die tief in den Mauern liegenden Fenster hin. Sie sind so blind und von Spinnweben eingerahmt, wie er es noch nie zuvor gesehen hat. Hindurch schauen ist nicht möglich. Ob Röiven darin angekommen ist? Der Junge tritt zur Tür und versucht sie zu öffnen. Die Klinke ist stark verrostet, lässt sich aber hinunterdrücken. Die Tür selbst ist dagegen nicht zu öffnen. Sie ist entweder abgeschlossen oder sie hat sich sehr stark verzogen und klemmt. Verzweifelt hämmern seine Fäuste dagegen. Aber es erfolgt keine Reaktion von innen. Der Junge schüttelt den Kopf. »Da komm ich nicht rein. Ich müsste schon eines der Fenster einschlagen. Weil ich jedoch nicht weiß, ob mein Freund dort drinnen ist, lass ich das lieber. Ich bekäme womöglich Ärger, wegen Sachbeschädigung oder Hausfriedensbruch.« Erneut ruft er mehrmals nach dem Vogel, erhält aber keine Antwort. »Ich hoffe, ihm ist nichts Schlimmes passiert. Wer weiß, was alles bei verunglückten Zaubern passieren kann!« Als er auf dem Gelände suchend weitergeht, kommt das verfallene Kloster in Sicht. Es muss einmal eine gewaltige Anlage gewesen sein. Reste eines Kirchturms zeigen in den Himmel. Von dort führen eingefallene Verbindungsgebäude zu weiteren Gebäuderesten. Vereinzelte Teile großer Giebel stehen noch, zwischen denen Raban nun sucht. Viele der ehemaligen Gebäude sind jetzt nur noch Schutthaufen. Die mächtigen Mauern, vor denen Raban jetzt steht, lassen ein ehemaliges Vorratshaus erahnen. Aber nirgends ist Röiven zu sehen! Dafür erblickt der Junge nun die Torpfosten des ehemaligen Eingangs zum Klostergebiet. Dort gab es in der von ihm gelesenen Geschichte, also vor etwa einhundert Jahren, einen Kampf mit zwei Wölfen. In dem Moment der Erinnerung läuft ihm ein leichter Schauer über den Rücken. Wie sollte er mit so einem gefährlichen Tier fertig werden? »Ich kann nicht zaubern und eine Waffe habe ich auch nicht. Mein Taschenmesser wird mir kaum gegen ein derartiges Raubtier nützen.« Der Junge versucht sich zu beruhigen. Er atmet bewusst langsamer. Warum sollte ausgerechnet jetzt ein Wolf auftauchen. Hier gibt es doch nichts für ihn zu erjagen, oder? Zweifelnd schaut er um sich. Nein, hier sind nur einige Vögel. Amseln und Rotkehlchen bemerkt er. Ach ja, und eine grünblau schillernde Eidechse wärmt sich im schönen Sonnenschein auf einem der Steinhaufen. Aber das ist doch alles nichts für einen hungrigen Wolf! Raban seufzt und sucht weiter. »Wann werde ich meinen gefiederten Freund finden?« Er schaut zu den Resten eines kleinen Turmes. Erschrocken dreht sich der Junge um. Er spürt ein Kribbeln im Nacken. War da nicht eben ein Geräusch? Es könnte von einem größeren Tier verursacht worden sein. Gibt es noch Ziegen hier? Vielleicht verwilderte aus Erdmuthes Herde? Oder könnte das eine Wildkatze gewesen sein? Die sind aber doch nicht zu hören, wenn sie auf ihren Samtpfoten auf Jagd sind! Raban fühlt, wie sich die Härchen in seinem Nacken aufrichten. Lauert hier doch eine Gefahr? Sein Blick irrt hastig umher. Wo ist die mögliche Bedrohung und wo gibt es eine Waffe? Neben dem Turm wuchern Brombeersträucher und ein alter Haselbusch. »Ich breche mir eine langen Stab von der Hasel ab. Genau. Dann habe ich wenigstens eine kleine Verteidigungsmöglichkeit.« Mit wenigen Schritten steht Raban bei dem Busch. Schnell hat er einen etwa zwei Finger dicken, langen Trieb ausgewählt. Das Abbrechen hat er sich aber einfacher vorgestellt. Er greift weit nach oben und zieht den geraden Zweig zu sich. Der Junge rüttelt verzweifelt, aber der Stab bricht nicht. Er blickt sich um. Nein. Noch ist kein Angreifer zu sehen. Plötzlich hat Raban eine Idee. Schnell kniet er sich nieder und macht mit seinem Messer möglichst tiefe Einschnitte in den Trieb. Der Junge greift wieder nach oben und zieht an dem Holz. Ein leises Knistern ist zu hören. Plötzlich ertönt ein scharfes, lautes Knacken. Es ist geschafft. Doch der von ihm verursachte Lärm muss weit zu hören gewesen sein! Hastig schweift sein Blick über das Gelände. Ist dort ein Schatten vor dem Steinhaufen vorbeigehuscht? Ach, das war nur eine Amsel auf Futtersuche. »Was soll ich machen?« Den langen Stecken in der linken Hand, werden die Treppenstufen des Turms erklommen. Reicht die gewonnene Höhe? Nein, lieber bis ganz nach oben, jedenfalls so weit, wie es möglich ist. Etwa zehn Meter über dem Boden muss Raban schnaufend anhalten. Die Stufen enden im Nichts. Wenn der Junge nicht so aufgeregt wäre, könnte er einen traumhaften Ausblick auf den jenseitigen Höhenzug genießen. Seine Augen suchen hastig das Gelände ab. »Was war das für ein Schatten? Er muss zu etwas Großem gehören.« Während der Anstrengung, den Stab von dem Haselbusch zu brechen, war das Kribbeln im Nacken nicht zu spüren gewesen. Aber jetzt ist es wieder da. Unruhig sucht er den Boden und das Gelände ab, während er den Stab automatisch entblättert und auf eine Länge kürzt, die etwas mehr als seine Körpergröße beträgt. Tiefe Kerben und sein Körpergewicht reichen aus, den Stab wie gewünscht zu brechen. Erneut knackt es dabei laut. »Die Suche muss systematisch erfolgen! Wo hatte ich den Schemen gesehen? Richtig! Das war bei dem Schutthaufen dort drüben.« Doch der Schatten ist ebenso wenig wie dessen Verursacher auszumachen. Halt, was ist das? Etwas Schwarzes mit einem weißen Fleck liegt dort unterhalb stehengebliebener Reste eines Giebels. Ist das der Schemen gewesen? »Ist das nicht …?« Raban beugt sich weit vor und strengt seine Augen an. »Röiven?« Er will sich bereits freudig umdrehen und den Turm hinabeilen, um zu seinem Freund zu kommen. Da sieht er den Schatten wieder. Nein, nicht den Schatten. Es ist ein großer, grauer Hund mit einer langen Rute. Es ist: »Ein Wolf!«, weiß er sofort. Das Tier streift, wohl auf der Nahrungssuche, über das Gelände. Voller Sorge erkennt der Junge: der Wolf wird unweigerlich zu der Stelle kommen, an der der Kolkrabe liegt. »Was kann ich machen? Der wird Röiven eher erreichen, als ich dort sein kann. Wie ist Hilfe möglich?« Raban sucht verzweifelt nach einer Lösung, während er bereits die Stufen hinuntereilt. Unten angekommen, läuft er laut schreiend in die Richtung des Wolfes. »Du gemeine Bestie. Hau ab. Du elendes Vieh. Wehe du kommst meinem Freund zu nahe! Gleich hab ich dich. Dann kannst du was erleben! Ich werde dich über offenem Feuer rösten. Dein Fell wird vor meinem Bett auf dem Boden liegen.« Der Wolf hört Raban sofort. Scheinbar erstaunt bleibt dieser stehen und blickt herüber. Kann es so was geben? Ein kleiner Mensch will ihn angreifen? Was der ruft, ist für das Tier unverständlich. Aber es kling bedrohlich. Darum senkt es seinen Kopf und beginnt gefährlich zu grollen, tief in seiner Kehle. Die Ohren sind nach hinten an den Kopf gelegt. Meistens sind die Menschen nicht allein, und sie sind schlau! Der Wolf wartet. Doch der kleine Mensch kommt weiter auf ihn zu gestürmt. Er hat einen langen Stab in seiner Hand und hält diesen auf ihn gerichtet. Wenn das eins dieser Dinger ist, mit denen die großen Menschen einem aus großer Entfernung Verletzungen zufügen können, dann sollte er besser verschwinden. Sein Grollen verstummt. Es gibt hier sowieso nur Federvieh zu fressen, und die Federn sind kaum auszuspucken. Als der Wolf mit seinen Überlegungen hier angelangt ist, jault er kurz auf und dreht sich hastig um. In langen Sätzen stürmt er davon. Raban kann es nicht fassen. Ist es ein Traum? Das Raubtier flüchtet tatsächlich! Er blickt gebannt dem sich entfernenden Wolf hinterher. Völlig außer Atem und verschwitzt schüttelt er sich kurz. »Ich muss sehen, was mit Röiven passiert ist!« Der Junge rennt erneut los, diesmal in Richtung des Giebels, wo der Kolkrabe zu sehen war. Und da liegt der sonst so gern plappernde Vogel. Die Augen sind geschlossen. Raban lauscht, aber die knarzende Stimme ist nicht zu hören. Niedergehockt auf den Knien streichen seine Finger das schwarze Gefieder. Er beugt sich über ihn und horcht am Brustkorb des Vogels. Schlägt das Herz noch? Raban muss nach seinem Lauf noch heftig schnaufen. Auch die Auseinandersetzung mit dem Wolf wirkt wohl noch nach. Jedenfalls hört der Junge nur das Rauschen seines eigenen Blutes. »Nein, bitte nicht!«, schluchzt er auf. »Du darfst nicht tot sein!« Raban versucht sich zu beruhigen und atmet mehrmals langsam tief ein und aus. Mit: »Bitte!«, beugt er sich wieder zu seinem Freund hinab. Sein Ohr ruht lange auf dessen kleinem Körper. Nicht ganz sicher, atmet er noch ein paarmal langsam ein und aus und horcht erneut. Dann ist er sich sicher. »Ja! Ja!«, ruft er jubelnd. »Du lebst!« Er überlegt: »Was kann ich machen? Ich muss wohl warten und Geduld haben. Die Bewusstlosigkeit dauert schon lange und muss tief sein, sonst wäre er längst aufgewacht. Hm. Es ist für ihn sicher nicht so gut, im direkten Sonnenschein zu liegen. Durch das schwarze Gefieder wird die Wärme richtig angezogen. Bevor Röiven noch gegrillt wird, bringe ich ihn lieber in den Schatten.« Vorsichtig nimmt Raban den Kolkraben auf seine Arme und trägt ihn zu dem ehemaligen Heim von Erdmuthe. Dort hatte er vorhin eine Regentonne unter dem überstehenden Dach bemerkt. Daneben befinden sich samtig grüne Moosflecken, auf die er den immer noch bewusstlosen Vogel legt. In der hölzernen Tonne findet er sogar etwas Wasser. Der Junge beugt sich tief hinein und hält sein Taschentuch in das kühle Nass. Er wringt es etwas aus und legt das feuchte Tuch vorsichtig auf den Kopf des Vogels. Jetzt heißt es abwarten und hoffen. »Krch«, klingt es nach einer Weile. Der Kolkrabe bewegt sich etwas. »Dämlicher Verband! Wie soll man denn damit fliegen?« »Röiven?«, fragt der Junge aufatmend. »Wie geht es dir?« »Krch. Es brummt in meinem Kopf. Gibt es hier einen Bären? Wer spricht zu mir? Ich kann kaum etwas verstehen.« »Ich bin’s, Raban« ist die lautere Antwort. »Mach doch deine Augen auf. Du wirst mich doch hoffentlich noch kennen?« »Das mach ich lieber nicht. Wenn ich meine Augen öffne, sehe ich wieder diese große Steinmauer vor mir. Dann geht es wieder abwärts, in die Dunkelheit!« »Ach komm schon. Mach die Augen auf. Das Brummen in deinem Kopf wird dann sicher auch besser. Du solltest etwas Wasser trinken. Kühles und klares Wasser! Eine Mauer gibt es hier nicht, versprochen.« »Ehrenwort?« »Ehrenwort!« Der Junge muss grinsen, als der Kolkrabe vorsichtig erst nur ein Auge öffnet. Sofort darauf öffnet sich das zweite auch. »Warum grinst du so? Du lachst mich doch nicht aus?«, knarzt es. »Nein, ich freu mich nur so, dass es dir gut geht. Erzähl, was passiert ist. Ich bin in der Nähe von Erdmuthes Grab angekommen, aber du?« »Ja, wie war das noch?« Ein kurzes Zittern läuft durch den kleinen Körper. »Ich kam direkt vor einer Mauer an und merkte, dass es plötzlich abwärts ging. Ich versuchte mit den Flügeln zu schlagen, um den Sturz abzufangen. Mit dem blöden Verband war das völlig unmöglich. Ich drehte mich und sah die Erde schnell auf mich zukommen, dann war alles dunkel.« »Ich glaube, du hast großes Glück gehabt. Darf ich dich abtasten, ob nichts gebrochen ist?« »Wenn du vorsichtig bist. Aber nicht kitzeln!« Die Untersuchung ist schnell aber gründlich. Jedenfalls so gründlich, wie ein 14-jähriger Junge, mit den Kenntnissen über Vögel aus dem Schulunterricht, das kann. »Es scheint alles in Ordnung zu sein. Möchtest du noch etwas liegen bleiben oder kannst du dich aufrichten?« »Mit deiner Hilfe werde ich sicher hochkommen. Gut so. Danke!« »Alles gut, soweit?«, erkundigt sich Raban besorgt. »Es dreht sich nichts und das Brummen wird nicht schlimmer?« »Nein. Es geht mir gut. Jetzt gib mir nur keine guten Ratschläge, so wie es deine Eltern mit dir gemacht haben.« »Du alter Schlingel. Ich glaube, du grinst bereits wieder!« »Ha, ha. Ich und grinsen? Wie geht denn das? Es geht mir wirklich gut. Aber vor dem nächsten magischen Sprung nimm mir bitte den vertrackten Verband ab. Es könnte sonst weitaus Schlimmeres als bisher passieren.« »Einverstanden«, antwortet Raban, während er an den Wolf denken muss. Mit dem Raben bei vollem Bewusstsein wäre die Auseinandersetzung sicher einfacher gewesen. Schließlich kann der ja zaubern. Ein neuer Plan Raban geht mit seinem Freund auf dem Arm zu Royas Grab hinüber. Er setzt den Kolkraben ab und entfernt den provisorischen Erdhügel und die Abdeckung aus Ästen. Traurig blicken der Vogel und der Junge auf die leblose Gestalt. »Ich habe eine Idee. Wenn du damit einverstanden bist, werde ich jetzt Moos und viele Blüten über Roya streuen!« »Ist gut«, knarzt es traurig. Schnell sind Moosflocken und Blüten von Wiesenblumen auf einem Haufen zusammengetragen und vermischt. Der Junge bedeckt damit vorsichtig das tote Kolkrabenmädchen. Jetzt rollen zwei Tränen über Röivens Schnabel und tropfen in das Grab. Vorsichtig wird Erde darauf gehäufelt und nur ganz sachte festgeklopft. »Ich werde dich nicht vergessen!« verspricht der Kolkrabe. Raban schluckt einen Kloß in seinem Hals hinunter. »Der Platz hier ist gut gewählt. Die Sonne wärmt ihn und durch die klare Luft sind die Lieder vieler Vögel zu hören. Das würde Roya sicher gefallen!«, hofft der Junge. »Sicher!«, ist alles, was er nach einem Moment von seinem Freund hört. »Wir müssen überlegen, wie wir das Vorhaben von Baran – verfluchter Zauberer – verhindern können«, fordert der Vogel. »Bisher haben wir noch nichts erreicht.« »Leider! Kannst du mir sagen, wo wir weitere Trupps junger Fithich finden könnten? Ich kenne eure Lieblingsplätze oder Reviere nicht.« »Nun ja. Lass mich überlegen. Ich habe bisher nicht alle Plätze gesehen, dann wäre ich vermutlich auch schon steinalt, oder? Hm, hm. Wenn möglich versuchen junge Fithich so leicht wie möglich an Futter zu kommen. Das ist für sie, die noch relativ unerfahren sind, gar nicht so einfach. Da ihre Trupps manchmal groß sind, können sie anderen das Futter gut abjagen. Wo gibt es aber viel Futter? Hm. Wenn Tiere geschlachtet werden und Menschen nicht gut aufpassen, können sie dort etwas ergattern. Oder wenn Menschen andere Vögel halten, füttern sie diese. Dort gibt es auch etwas zu holen.« »Die Idee ist gut. In Zoos und Tierparks werden Vögel gehalten, je nach Art auch in offenen Gehegen. Außerdem gibt es andere Tiere dort, denen das Futter durch schnelle Aktionen stibitzt werden kann. Wo gibt es solche großen Anlagen? In der Nähe der Hauptstadt und anderer großer Städte. Gut. Damit beginnen wir.« »Du solltest mir jetzt aber besser den Verband abnehmen. Wir wollen ja nicht in einem Gehege mit gefährlichen Tieren landen. Möglicherweise bei einem Bären, Tiger oder Wolf!« »Ja, besser nicht.« Raban entfernt vorsichtig den Verband. Röiven schüttelt sein Gefieder. »Das geht schon ganz gut und schmerzt auch nicht«, knarzt dieser. »Die Federn sind aber so komisch verklebt. Das Fliegen ist so nicht gut möglich.« »Verzeihung. Das sind Reste der Salbe. Hätten wir jetzt warmes Wasser, könnte ich das reinigen.« »Das ist unnötig«, antwortet der Rabe und gibt knarrende Laute von sich. Der Junge versteht sie nicht. Es sind aber offensichtlich Zauberworte, denn das Gefieder ist plötzlich völlig normal. Die Reste der Salbe sind verschwunden. Der Kolkrabe schlägt kräftig mit beiden Flügeln und erhebt sich vom Boden. »Es klappt. Ich kann wieder fliegen.« Der Vogel jauchzt mehrmals und fliegt hoch hinauf. Der Junge folgt ihm mit seinen Augen. »Jetzt zeige ich es dir, du blöde Mauer!«, knarzt es. Er sieht, wie der Kolkrabe direkt auf die Reste des Giebels zufliegt, an dessen Fuß er ihn gefunden hat. »Halt! Bist du verrückt geworden?«, ruft Raban seinem Freund hinterher. »Nein, bin ich nicht. Ich schaffe das!« Jetzt fängt sich der Vogel knapp vor der Mauer ab und lässt sich nach unten fallen. Kurz vor dem Aufprall breitet er seine Flügel aus, fliegt zu Raban zurück und landet auf dessen ausgestrecktem Arm. Der Junge war dem Vogel gefolgt und hatte seinen Haselstab im Gras liegen sehen. Er hebt ihn auf, um ihn mitzunehmen. »Du siehst. Ohne diesen blöden Verband kann ich gut fliegen!«, knarzt Röiven selbstbewusst. »Das hätte ich auch nicht bezweifelt. Darum war diese Flugeinlage völlig unnötig!« »Nein, war sie nicht! Ich musste doch probieren, ob meine Flügel voll in Ordnung sind. Jetzt kann es losgehen. Lass uns die jungen Fithich retten!« »Achte aber darauf, dass wir nicht sofort gesehen werden. Menschen reagieren komisch, wenn andere Menschen aus dem Nichts auftauchen.« »Keine Sorge! Ich weiß was ich tue.« Die Luft flirrt und sie sind verschwunden. Im selben Moment hört Raban protestierende Stimmen. »Was soll das, Junge. Drängle nicht so.« »Hast du keine Augen im Kopf? Stell dich gefälligst hinten an!« »Pass auf, du hast mich mit deinem Rucksack gestoßen.« Verdattert antwortet er: »Entschuldigung. Das wollte ich nicht.« »Warum hast du denn diesen komischen Vogel auf dem Arm? Willst du den abgeben?« »Äh, nein. Das will ich nicht.« Sie sind neben dem Eingang zu einem offensichtlich gut besuchten Tierpark angekommen. Der Kolkrabe sitzt noch auf Rabans Arm. »Ich dachte, du weißt was du tust. Hier wimmelt es nur so von Menschen!«, richtet er sich vorwurfsvoll an den Vogel. »Ich weiß nicht, was du willst. Wirst du wegen des plötzlichen Erscheinens erstaunt angesehen? Nein. In diesem Gewimmel fällt das nicht auf. Wir sind jedenfalls ohne große Verzögerung und möglichst nahe am Ziel angekommen. Was willst du mehr? Ich gehe auf Erkundung. Du kannst ja nachkommen.« Damit fliegt Röiven auf und verschwindet in Richtung des Tierparks. Raban stellt sich in der Schlange zum Eingang an und löst ein Eintrittsticket. An den erstaunten Blicken auf seinen Rucksack und das Zelt stört er sich nicht. Beim nächsten Mal will er diese aber dennoch in einem Versteck deponieren, bevor sie einen weiteren öffentlichen Ort aufsuchen. Es ist nicht nur das Gewicht, was gewöhnungsbedürftig ist. In einer großen Ansammlung von Menschen ist seine Beweglichkeit eingeschränkt, wenn er diese nicht anrempeln will. In welche Richtung soll er den Tierpark erkunden? Das ist vermutlich egal. Sobald sein Freund die anderen Raben findet, wird er sich bestimmt melden. Der Junge wandert mit zügigen Schritten an den ersten Gehegen vorbei, den Haselstab als Wanderstock nutzend. Er sieht Flamingos, Kängurus, Zebras und Antilopen. Rabenvögel oder seinen Freund entdeckt er aber nicht. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/norbert-wibben/raban-und-roiven-eine-magische-freundschaft/) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.