Ein fast perfekter Sommer in St. Agnes
Bettina Reiter


Liebesromanzen in St. Agnes/Cornwall #1
St. Agnes/Cornwall: Annie träumt davon, das desolate Schmuckgeschäft ihres verstorbenen Großvaters zu übernehmen. In der Realität zahlt sie jedoch die Schulden ihres Vaters zurück und bestreitet mit zwei Putzjobs ihren Lebensunterhalt. Sie ahnt nicht, dass der amerikanische Unternehmer Jack Flatley ein Auge auf ihr Geschäft geworfen hat und zudem ganz St. Agnes zu einem Hotspot à la Cannes oder Kitzbühel machen will. Doch er hat die Rechnung ohne die Bewohner von St. Agnes gemacht, die einen haarsträubenden Plan ins Leben rufen, um ihr idyllisches Küstendorf zu retten. Zwar will Annie weder damit noch mit Jack Flatley etwas zu tun haben, steckt jedoch bald tiefer in dieser Sache drin, als ihr lieb ist …




Bettina Reiter

Ein fast perfekter Sommer in St. Agnes



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Inhaltsverzeichnis

Titel (#u528cba3f-c847-5704-a7a8-259fa0d86a81)

Vorwort (#ude8dc7b2-0dbf-5172-bfc5-4488f25dedc3)

1. Kapitel (#u40753992-e3fe-52b3-be44-31a2730d2722)

2. Kapitel (#u9c787bcb-e003-5331-ba81-48de65523caa)

3. Kapitel (#uef5f75b2-29d0-51d1-a73c-29f0c21c9760)

4. Kapitel (#u65b4d851-f4b7-5300-9b3c-b0e7f97326f4)

5. Kapitel (#u4b3f0cc1-c7cb-5f85-a6ee-6b06c3272fe5)

6. Kapitel (#u897b7866-dbf7-5d0e-8e05-0e8d024c90d7)

7. Kapitel (#ufaa2893c-c1ae-56db-9af8-991d113b230d)

8. Kapitel (#uc0c6d203-4309-5336-aba4-5b02f803a1fb)

9. Kapitel (#u93bba624-2cac-5747-be0f-6a99b4da1d6e)

10. Kapitel (#u2a95ef31-841d-5ccf-8295-f249e4fffd8f)

11. Kapitel (#u15f4deda-e677-5384-a3df-beb3f26be958)

12. Kapitel (#uce272f63-2dc5-5602-bde8-5dd01b0467e1)

13. Kapitel (#uc1a09c8c-58f6-5f5e-a47e-792ccea852a6)

Danksagung (#u0de12868-0b28-5937-8e3f-0b861ef43734)

Weitere Veröffentlichungen (#uf34725d7-98bf-5b53-bd8c-54a034330e7b)

Liste der Musiktitel (#u857178ae-7f84-5e55-9757-45daa91fcdb9)

Liste der Filme, Serien … (#udf5b868f-7f14-5e0f-b206-3f7954ded807)

Impressum neobooks (#u1359f554-19a6-503d-b234-59ccc1720ce5)




Vorwort


© Bettina Reiter

Lektorat: Edwin Sametz, Titelbildgestaltung: © Bettina Reiter

Titelbilder: Fotolia: © graphixchon/Fotolia.com, Pixabay: lillaby, mandjregan und Alexas_Fotos

Innenseite: Fotolia: © Hetizia/Fotolia.com, © Schlierner/Fotolia.com, © nuzza11/Fotolia.com, © Vasyl/Fotolia.com,

Pixabay: alex80, Silentvoice

Website der Autorin: http://www.bettinareiter.at (http://www.bettinareiter.at)

Alle Rechte liegen bei der Autorin.

Sämtliche Texte sowie das Cover sind urheberrechtlich geschützt.

Eine Nutzung in jeglicher Form (Fotokopie, Mikrofilm, Verbreitung, Textauszug, Vervielfältigung oder anderes)

ist ohne die schriftliche Genehmigung des Rechteinhabers/Urhebers nicht zulässig und daher strafbar!

♥ Für meine Tochter ♥

Glaub immer an Wunder,

aber vor allem glaube an dich selbst.

Special thanks to the Breakers Beach Café, the St. Agnes Hotel,

the St. Agnes Bakery and Ian Lewis Photography for the nice support.

Likewise for the pictures.






Zuerst habe ich mein Buch geschrieben und dann Kontakt zu Personen aufgenommen, die zu den realen Schauplätzen gehören. 

Alle waren sehr hilfsbereit und haben mir sogar Bilder gesendet. Für mich war es etwas Besonderes, mit Menschen zu sprechen, die tatsächlich

in St. Agnes wohnen. Obwohl die Geschichte und die darin handelnden Personen fiktiv sind, wurde sie dadurch für mich um vieles persönlicher.

Liebe Grüße nach St. Agnes und es ist durchaus möglich, dass ein zweiter Teil kommt.

„Ein Winter in St. Agnes“, mal sehen …

Mein Schauplatz: St. Agnes/Cornwall

Auf dem Bild zu sehen: TrevaunanceCove 

© Ian Lewis Photography






Liebe Leserinnen und Leser,

wie lautet mein Rezept für einen unterhaltsamen Liebesroman? Man nehme eine Geschichte, würze sie mit Menschen unterschiedlicher Charaktere, hier eine Prise Humor, da eine Prise Ernsthaftigkeit und über alles streut man die ganz große Liebe.

Tja, so die Absicht und natürlich hoffe ich sehr, dass Ihnen die Reise nach St. Agnes gefallen wird. Ein wundervolles Küstendorf in Cornwall, das es mir sofort angetan hat. Bereits als ich den Namen las, wusste ich: das ist es! Als ich die Bilder sah, fühlte ich mich bestätigt. Manchmal ist das Bauchgefühl eben goldrichtig, denn St. Agnes ist für Annie wie geschaffen und umgekehrt.

Sie und die vielen anderen Menschen – die sich in meiner Geschichte tummeln – sind mir wirklich ans Herz gewachsen. Selbstredend, dass ich inzwischen zur Clique gehöre (sie werden sie bald kennenlernen) und es fiel mir schwer, St. Agnes wieder zu verlassen. Zwar sind die Menschen alle fiktiv (hier gilt: Alle handelnden Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig) und auch Bars, Restaurants usw. entstammen größtenteils meiner Fantasie – allerdings kommen auch reale Schauplätze in meinem Buch vor. Sollten Sie gern mehr darüber erfahren wollen, können Sie das auf meiner Homepage tun. Sozusagen eine kleine Reise durch mein Setting.

Und da ich dafür bekannt bin, dass ich mich gern verplaudere sobald es um meine Bücher geht (meine Freunde könnten ein Lied davon singen ;-), überlasse ich Sie nun meiner Geschichte und hoffe, dass mein Rezept auch für Sie die richtige Mischung hat. Von Herzen wünsche ich Ihnen ein paar schöne Lesestunden und entführe Sie jetzt nach St. Agnes in den Urlaub. Zumindest gedanklich. Viel Spaß mit Annie und Jack …herzlichst, Ihre Bettina Reiter.






Leben ist das, was passiert, während du fleißig dabei bist, 

andere Pläne zu schmieden. 

John Lennon






Ende Juli 1997, St. Agnes, Cornwall

„Was ist das für ein Stein, Grandpa?“, fragte Annie, die neben ihm am Werktisch stand. Wann immer sie konnte, besuchte sie ihn in seinem Geschäft am Fuße der Küstenstraße.

„Ein Mondstein.“ Er hielt ihn ins Sonnenlicht, das durch das dreieckige Fenster fiel. Der weiße Stein schimmerte bläulich, bei der nächsten Bewegung zeigten sich alle Farben des Regenbogens. Annie hatte noch nie einen schöneren Stein gesehen. „Wie der Name schon sagt“, hob ihr Großvater zu einer Erklärung an, „hat er eine tiefe Verbindung zum Mond und fördert unsere Intuition. Außerdem steht der Stein für Glück, hilft uns bei Ängsten und einem Neubeginn.“

„Intui… was?“, wiederholte Annie. Ein seltsames Wort.

„Wie soll ich das bloß einer Zehnjährigen erklären?“ Ihr einundsechzigjähriger Grandpa lachte und legte den Mondstein neben das Medaillon, an dem er gerade arbeitete. Seine Hände zitterten leicht. Er hatte schlohweißes Haar und tiefe Falten um die grünen Augen. Sein dicker Bauch streifte den Werktisch, er trug eine Brille mit Silberrand und war kleiner als jeder Mann, den Annie kannte. Dafür war sein Herz umso größer. „Nun ja“, fuhr er fort, „Intuition …“ Sein wettergegerbtes Gesicht erhellte sich. „Was sagen dir die Äpfel auf meinem Tisch?“ Er deutete zu dem geflochtenen Körbchen, das prallgefüllt war.

„Dass du heute einen davon essen wirst“, antwortete Annie wie aus der Pistole geschossen.

„Siehst du“, freute sich ihr Grandpa mit gutmütigem Lächeln, „du ahnst es. Das nennt man Intuition.“

„Du isst jeden Tag einen Apfel. Also weiß ich es ja.“

„Das war nur ein Beispiel.“ Er stupste sie an die Nase. Das tat er oft. „Eines Tages wirst du eine Wissenschaftlerin sein, so viel wie du hinterfragst.“ Herzlich lachte er auf. Annie schaute ein wenig ängstlich auf sein gelbes Gebiss, das ihm schon einige Male beim Lachen aus dem Mund gefallen war. Beim ersten Mal hatte sie laut aufgeschrien, so sehr war sie dabei erschrocken. Doch ihr Grandpa hatte ihr erklärt, was es damit auf sich hat. So, wie er ihr ständig alles erklärte. Er wusste einfach alles.

„Ich möchte keine Wissenschaftlerin werden, wenn ich groß bin“, stellte Annie klar. „Lieber will ich so sein wie du.“

„Das ehrt mich, mein Schatz.“ Er zog sie in seine Arme und drückte sie an sich. „Wenn du groß bist, solltest du jedoch so sein, wie du bist.“

„Kann ich wenigstens das machen, was du tust?“ Sie kuschelte sich an sein Flanellhemd mit dem Karomuster. Seit sie ihn kannte, trug er solche Hemden in allen Farben.

„Dem steht nichts im Weg. Es würde mich sogar unendlich stolz machen, wenn du mein Geschäft eines Tages übernehmen würdest.“ Plötzlich klang seine Stimme, als hätte er Schnupfen.

„Das mache ich, versprochen.“ Annie schaute zu ihm hoch. Seine Augen waren nass. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Oder war er traurig, weil sie ihre Zwillingsschwester nicht in ihre Pläne einbezogen hatte? „Sandy und ich werden zu Cornwalls berühmtesten Schmuckmacherinnen, Grandpa“, versicherte sie sogleich.

„Schmuckdesignerinnen“, verbesserte er sie und blickte aus dem Fenster. Von hier aus hatte man einen weiten Blick auf die Bucht und die Klippen. „Sandy wird vermutlich eine Surfschule eröffnen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sie mit dem Brett irgendwann zusammenwachsen würde.“

Annie stellte sich das bildlich vor. „Geht das denn?“

Lachend küsste er sie auf die Stirn. „Das war nur eine Metapher.“ Auch das zeichnete ihren Grandpa aus. Er kannte Worte, die diese Welt mit Sicherheit noch nie gehört hatte. Annie sparte sich jedoch eine genaue Nachfrage, weil es sich wahnsinnig kompliziert anhörte. „Ich möchte dir gerne etwas zeigen, Annie. Ein Versteck, das nur deine Grandma kannte“, wurde er plötzlich ernst und ließ sie los. Sie trat einen Schritt zurück. Ihr Großvater erhob sich und schob den Sessel weg. Dann bückte er sich ächzend und beugte sich unter den Werktisch hinein. Annie setzte sich auf die Knie und schaute gespannt dabei zu, wie er ein loses Dielenbrett anhob. Eine kleine Holzkiste mit einem Herzschloss kam zum Vorschein, die er herausnahm und vor sie hinstellte. Andächtig blickte Annie darauf und war stolz, dass er dieses Geheimnis mit ihr teilte. Umso neugieriger war sie, was sich darin befand. Vielleicht ein Schatz?

Ihr Grandpa zog die Schublade neben sich auf, holte einen roten Schlüssel heraus und kurz darauf entfernte er das Schloss. Als er den Deckel des Kästchens öffnete, hielt Annie die Luft an – um sie gleich darauf förmlich aus sich heraus zu pusten.

„Da ist ja gar nichts drin“, stellte sie enttäuscht fest.

„Richtig. Trotzdem ist sie wertvoller als alles andere. Das gilt ebenso für das Herzschloss. Weißt du, beide Dinge haben eine große Bedeutung für mich.“ Sein Blick wurde abwesend, als wäre er auf einmal woanders. „Vor vielen Jahren besuchte ich einen Markt in Redruth. Auf einmal sah ich bei einem Stand etwas leuchten, das mich förmlich angezogen hat. Es war dieses Herzschloss.“ Mit seiner von Adern durchfurchten Hand glitt er vorsichtig darüber, als hätte er Angst, es kaputt zu machen. „Die Verkäuferin behauptete, dass das Herzschloss magische Kräfte hätte und ich kaufte es, obwohl ich nie an sowas geglaubt habe. Bis ich mich umdrehte und es mir aus der Hand fiel. Eine junge Frau mit blonden Zöpfen bückte sich, hob es auf und streckte es mir lächelnd entgegen. Es war deine Großmutter Olivia, in die ich mich sofort verliebte.“ Annie hörte diese Geschichte zum ersten Mal. Wie verzaubert saß sie da und dachte an Grimms Märchenbuch, aus dem ihr die Mutter manchmal vorlas. „Daraufhin schrieb ich deiner Grandma einige Briefe, die sie in diesem Kästchen aufbewahrte. Wie einen Schatz, den man hüten muss.“ Er wischte sich mit dem Hemdsärmel über die Augen. „Du hast sie nie kennengelernt, Annie. Das ist sehr schade. Deine Granny war eine wundervolle Frau, die mir die schönste Zeit meines Lebens geschenkt hat.“

Annie schaute auf die Kiste. „Wo sind die Briefe, Grandpa?“

Er seufzte. „Olivia wollte sie bei sich haben, als sie uns für immer ver…, ach, lassen wir das. Für solche Dinge bist du zu klein. Jedenfalls ist das Kästchen leer und wartet darauf, dass es erneut gefüllt wird. Vielleicht liegt irgendwann wieder ein Brief darin. Für dich und Sandy, der ich das Versteck natürlich ebenfalls zeigen werde.“

„Ein Brief?“ Mit großen Augen schaute Annie ihn an. „Nur für uns?“

„Ja, Kleines, nur für euch und bevor du fragst: Ich verrate dir nicht, warum, wieso, weshalb und überhaupt. Manches muss man erwarten können. Und falls es dich tröstet: Ich habe selbst keine Ahnung, was ich euch schreiben werde. Nur, dass ich es mache ist so sicher wie das Amen im Gebet.“ Stürmisch umarmte sie ihn, sodass er beinahe das Gleichgewicht verlor. Lachend drückte er sie an sich, bis sie schließlich das Kästchen versperrten und ins Versteck zurücklegten. Danach arbeitete ihr Grandpa wieder am Medaillon weiter.

Fasziniert schaute Annie ihm dabei zu, wie er den Stein in die erhabene Fassung einsetzte, die von Muschelornamenten umgeben war. Sie konnte sich kaum sattsehen. Nachdem er es neben den Brennofen gelegt hatte, kümmerte er sich um den Silberring für Minnie. Seine Skizze dazu hatte er Annie vor ein paar Tagen gezeigt. Die gefiel ihr eindeutig besser als das, was ihr Grandpa jetzt machte, denn Minnie hatte den gesamten Entwurf geändert. Nachdem sie das Geschäft verließ, hatte ihr Grandpa mit sich selbst geschimpft. Annie konnte ihn kaum verstehen. Nur Wortfetzen wie Nullachtfünfzehn und Der Kunde ist leider König. Jetzt bildete ein ovaler blauer Saphir den Mittelpunkt. Rundherum setzte er blätterförmig Zirkonia-Steine. Dabei schaute er ständig auf seine antike Armbanduhr mit dem beigen Gehäuse und dem braunen Lederband. Ob er sie gleich nach Hause schicken würde? Eigentlich hätte sie sich längst um ihre Hausaufgaben kümmern müssen, doch die konnten warten. Zur Not würde sie morgen vor der Schule von Lance abschreiben. Das taten sie und ihre beste Freundin Josie öfter.

„Sollen wir ein Eis essen gehen?“, erkundigte sich ihr Grandpa und betrachtete grimmig sein Werk. „Mit viel Schokolade? Das ist gut für die Nerven.“

„Au ja!“ Annie klatschte in die Hände und spazierte kurz danach mit ihrem Großvater entlang der Quay Road zum Breakers Beach Café hinunter. Die Trevaunance Bucht war gut besucht. Am Strand und im Wasser tummelten sich viele Touristen und Einheimische. Weiter draußen einige Surfer. Unter ihnen befand sich ihre Zwillingsschwester Sandy, die so viel mehr Mut hatte als Annie. Ihre Schwester kletterte auf die höchsten Bäume, während sie von unten dabei zusah und um Sandy bangte. Auch vom Karussellfahren vor einigen Tagen hatte ihre Zwillingsschwester nicht genug bekommen können. Annie hingegen hatte sich nach nur einer Fahrt vor allen Leuten übergeben. Roger aus der Nebenklasse machte sich seitdem ständig darüber lustig!

„Wie schön, unser Tisch ist frei“, meinte ihr Grandpa, als sie das Breakers betreten hatten und über die Stufen hinaufgingen. Meistens saßen sie am ersten Tisch gleich links mit dem großen Fenster. Von hier aus konnte man den Strand und das Meer sehen. Heute wirkte es türkisblau und ruhiger als sonst. Das würde Sandy weniger gefallen, die keine Ahnung hatte, was sie versäumte. Ein Eis war allemal besser, als von Wellen verfolgt zu werden und wie üblich ließ es sich Annie schmecken. Ihr Grandpa trank einen Cappuccino und starrte in sich vertieft aus dem Fenster. Wie so oft wirkte er bedrückt. Sicher vermisste er ihre Grandma. Das sagte zumindest Annies Mom häufig, die ihn ständig einlud. Zum Essen, zu Ausflügen oder Sonstigem. Er wohnte gleich neben ihnen, im kleinen Cottage, in dem ihre Mom und deren Bruder Jeremy aufwuchsen. Annies Dad war ihr unmittelbarer Nachbar und Spielkamerad gewesen, in den sich ihre Mom irgendwann verliebte. Nach der Hochzeit zog sie in dessen Elternhaus um.

Nachdem Annie aufgegessen hatte, bezahlte ihr Grandpa und sie verließen das Café. Die Sonne hämmerte regelrecht gegen die Mauern der Häuser, als sie wieder zum Geschäft hochgingen. Wie meistens am Nachmittag setzten sie sich auf die Bank, die er an den Stamm des Apfelbaumes gezimmert hatte, dessen Äste sich über die Fassade seines Ladens hochschlängelten. Ihr Grandpa hatte ihn selbst gepflanzt. Cornish Gilliflower, die Sorte mochte er am liebsten und verschenkte ständig welche, wenn Kunden in Randalls Silbermine kamen. In den vielen Vitrinen glänzte und funkelte es. Meistens fertigte er Silberschmuck an, weil er dieses Metall lieber mochte als Gold, obwohl er damit ebenfalls arbeitete. Je nachdem, was die Kunden wollten, zu denen viele Einheimische gehörten, die sich nicht selten nur bei ihm trafen, um einen Kaffee zu trinken. Ihr Grandpa war sehr beliebt in St. Agnes, doch niemand liebte ihn so sehr wie sie, davon war Annie überzeugt, als sie sich an ihn kuschelte. Lächelnd legte er seinen Arm um sie. In seiner Nähe fühlte sie sich, als könnte ihr nichts passieren. Hoffentlich lebte er ewig. So wie sein Schmuck.

„In einem Monat habt ihr Geburtstag“, erinnerte er sie unnötigerweise an das Ereignis des Jahres. Annie zählte bereits die Tage. Sandy und sie hatten die Einladungen schon vor zwei Wochen ausgeteilt. Die Mutter wollte wieder ihren legendären Kirschkuchen machen und nur beim Gedanken daran lief ihr das Wasser im Mund zusammen. „Ich bin gespannt, wie euch mein Geschenk gefällt.“.

„Was ist es denn?“ Annie blinzelte gegen die Sonne an und schaute zu ihm auf. Witzig. Sie spiegelte sich in seinen Brillengläsern. Ihr langes dunkelblondes Haar wehte im Wind und die Schmetterlingsärmel ihres geblümten Sommerkleides flatterten, als wären es tatsächlich Flügel.

„Das werdet ihr früh genug sehen.“ Er stupste mit dem Zeigefinger an ihre Nase. „Jetzt solltest du nach Hause gehen und Hausaufgaben machen, sonst schimpft mich deine Mom.“

„Muss das sein?“, maulte Annie.

„Keine Widerrede“, blieb er dabei, wenngleich mit nachgiebigem Ton. „Wir sehen uns ja abends zur Party.“ Plötzlich grinste er. „Ein wenig mehr Ehrgeiz würde dir wirklich nicht schaden. Schon komisch, wie unterschiedlich ihr Schwestern seid.“ Sandy war Klassenbeste und schien fürs Lernen geboren zu sein. Annie hingegen mühte sich mit schlechten Noten ab und zog ständig den Tadel von Mrs. Wilde auf sich. Die Lehrerin schien sich ohnehin auf sie eingeschossen zu haben. Bloß, weil sie ein bisschen fauler war als die anderen und Mathe hasste wie Minnies Weihnachtskekse, die nach Lakritze schmeckten. Noch dazu hatten sie Annie einen Milchzahn gekostet, so hart waren die. Seitdem machte sie um Minnies Stahlkekse einen großen Bogen. Bei den Hausaufgaben ging das leider nicht so einfach und nur eine halbe Stunde später brütete Annie am Esszimmertisch neben Sandy über unlösbare Rechnungen. Wer brauchte Divisionen? Neuerdings sogar teilbar durch zweistellige Zahlen. Dabei hatte sie erst vor kurzem das Teilen mit einer Zahl kapiert. Wenigstens war auf Sandy Verlass, von der sie abschreiben konnte, nachdem diese mit sämtlichen Erklärungsversuchen scheiterte. Sie war eben kein Genie wie ihre Schwester, trotzdem hingen sie aneinander wie Pech und Schwefel. Oft wusste die eine sofort, was die andere sagen wollte. Sogar in Gestik und Mimik waren sie eins. Nur ihre Gehirne schienen unterschiedlich zu arbeiten …

Nachdem sie endlich fertig waren, spielten sie mit ihren Barbies in Annies Zimmer. Durch das offene Fenster hörte man Meeresrauschen. Deswegen beschlossen sie, an den Strand zu gehen, um Muscheln zu sammeln. Ihre Mom war zu beschäftigt mit den Party-Vorbereitungen, um es ihr auf die Nase zu binden und ihr Dad noch nicht zuhause. Als Baumeister hatte er immer viel zu tun, was in Situationen wie diesen von Vorteil war. Er war ziemlich streng. Trotzdem redete er nicht stundenlang auf sie ein wie es ihre Mom tat, wenn sie etwas angestellt hatten, sondern begnügte sich mit ein paar knappen Worten – die es allerdings in sich hatten. Auf der anderen Seite tobte er oft mit ihnen herum, zeigte ihnen bei vielen Wanderungen ihre Heimat und erzählte ihnen gerne Spukgeschichten. Wenn sie danach nicht mehr einschlafen konnten, freute er sich wie einer der Jungs in der Schule, dem ein besonders guter Streich gelungen war.

„Oh, wie schön!“, rief Sandy aus und bückte sich nach einer weißen Jakobsmuschel, ohne Annies Hand loszulassen. Als sich ihre Schwester wieder aufrichtete, tat sie so, als würde sie wie eine feine Dame einen winzigen Fächer halten. „Es ist fürchterlich heiß, findet Ihr nicht auch, Prinzessin Annie?“ Ihr beider Lachen hallte über die Bucht, bis sie ihre Mutter entdeckten, die vor dem Cottage stand. Mit den Händen in die Hüften gestemmt und mit ihrem Dad neben sich. Ahnend, was das hieß, liefen sie schnurstracks nach Hause und erhielten den üblichen Vortrag von wegen, dass Eltern immer wissen müssten, wo ihre Kinder seien. Als wären sie Babys! Dementsprechend schlechtgelaunt legten sie danach die Muschel in eines der Gläser auf der Küchenfensterbank, wie im ganzen Haus ähnliche standen, die sie mit Sand, Muscheln und Seesternen gefüllt hatten.

Nur eine halbe Stunde später wurden sie von der Clique ihrer Eltern geherzt und geküsst. Dazu gehörten Minnie und ihr Mann Duncan. Harold mit seiner Frau Harriet sowie dessen zwölfjährigen Sohn Mason, der ihnen in einem unbeobachteten Moment die Zunge herausstreckte. Sofort zeigten Annie und Sandy ihm fast zeitgleich den Mittelfinger. Angeblich war das etwas ganz Schlimmes. Es musste stimmen, weil Mason sie empört anblickte. Ähnlich wie ihr Onkel Jeremy. Er war Pfarrer und wurde vor kurzem hierher versetzt. Auch ihr Großvater kam – der eine Flasche Wein dabei hatte – sowie Hermes mit seiner Frau Beth. Letzterer war der beste Freund ihres Vaters und sah aus wie der Weihnachtsmann. Heute jedoch wie ein braungebrannter, denn er und Beth waren gerade von ihrem Thailand-Urlaub zurückgekehrt.

Annie mochte diese Abende, weil sogar ihr Dad mehr sprach als sonst. Außerdem gab es jede Menge Süßigkeiten, bei denen sie allerdings schnell zugreifen mussten, weil Minnie ordentlich zulangte. Ihr Bauch war ähnlich groß wie der des Großvaters, der sich angeregt mit Harold unterhielt. Dessen Antiquitätenladen befand sich direkt neben Minnies Souvenirgeschäft am Town Hill.

Nachdem die Gäste versorgt waren, holte die Mutter ihr erstes selbstgemaltes Aquarell-Bild, um es mit gespanntem Blick zu präsentieren. Alle klatschten begeistert und überhäuften sie mit Komplimenten. Nur Annies Dad lächelte müde, während er an seiner Zigarette zog.

Die Mutter stellte ein wenig betrübt das Bild beiseite und machte sich am Plattenspieler zu schaffen. Als die ersten Töne erklangen, drehte sie sich erwartungsvoll zu ihm um und fuhr sich glättend über das gelbe ärmellose Kittelkleid, das sie oft trug. „Wie lange ist es jetzt her, Joseph? Drei, vier Jahre?“ Ein verträumter Ausdruck lag in ihrem Gesicht. Das war immer so, wenn sie sich die Lieder der Band Chicago anhörte. „Erinnerst du dich? Im Greek Theatre hat die Luft förmlich gebrannt. Es war ein wundervolles Konzert in Los Angeles.“ Vor einigen Jahren waren sie extra dorthin geflogen und hatten gleichzeitig ein paar Tage Urlaub gemacht. Seitdem hörte die Mutter ihre Lieblingslieder rauf und runter. Will you still love me – das gerade lief – und Hard to Say I`m sorry. Annie konnte die Texte inzwischen fehlerfrei mitsingen. Da sollte Mrs. Wilde noch einmal sagen, sie könne sich nichts merken! „Tanz mit mir, Joseph“, bat die Mutter und nahm seine Hände, um ihn zu sich hochzuziehen. Annies Dad schüttelte den Kopf und blieb hartnäckig sitzen. Enttäuscht ließ sie ihn los und setzte sich neben Minnie, die ihr aufmunternd zulächelte. Annies Mom zuckte die Schultern und wirkte nicht mehr so fröhlich wie zuvor. Um neun schickte sie Annie schließlich ins Bett. Sandy war bereits schlafen gegangen, weil sie über Bauchschmerzen geklagt hatte. Vermutlich zu viel Süßes, mutmaßten die Erwachsenen.

Kaum im Bett schlief Annie sofort ein, wurde aber irgendwann durch ein Geräusch munter. Es war fast stockfinster im Zimmer. Nur die Straßenlaternen des Dorfes waren schemenhaft durch die luftigen Vorhänge zu erkennen. Von unten erklang leises Murmeln. Da, schon wieder! Annie horchte angestrengt, bis ihr bewusst wurde, dass ihre Schwester im angrenzenden Zimmer weinte. Schnell sprang sie aus dem Bett, lief zu ihr hinüber und schaltete das Licht ein. Sandy lag im Bett, die Decke halb auf dem Boden. Das Haar war nass, als würde sie fürchterlich schwitzen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht blickte sie Annie an und hielt sich die Hände an den Bauch. Immer wieder krümmte sie sich zusammen.

„Was ist mit dir?“, rief Annie aus, die sich hilflos fühlte. Gleichzeitig kroch Angst in ihr hoch.

„Mein Bauch tut so weh. Hol bitte Mom und Dad!“

Annie nickte und lief panisch nach unten, wo ihre Eltern nach wie vor mit der Clique im Wohnzimmer zusammensaßen. Kaum zu Ende gesprochen hasteten ihre Mom und ihr Dad nach oben. Annies Grandpa folgte ihnen. Dann ging alles ganz schnell. Im Nu war ein Krankenwagen da. Zeitgleich verließ die Clique das Haus. Kurz danach brachen ihre Eltern zum Krankenhaus auf. Nur Annies Großvater blieb da, an den sich Annie die ganze Zeit über weinend klammerte. Irgendwann schlief sie schließlich erschöpft an seiner Brust ein. Bis sie neuerlich aus dem Schlaf gerissen wurde. Als Erstes nahm sie den schnellen Herzschlag ihres Grandpas wahr, der in ihrem Ohr pulsierte. Seine Arme, die sie förmlich an ihn pressten. Das schnelle Atmen, als bekäme er kaum Luft. Annie löste sich von ihm und bemerkte ihre Mom, die am Türrahmen lehnte. Wachsbleich und weinend. Ihr Dad stand daneben. Mit rotgeweinten Augen. Er hob die Hand, als ob er ihre Mutter streicheln wollte. Sie machte eine abwehrende Geste, bevor sie schluchzend nach oben lief …




1. Kapitel


Mitte April 2016, 19 Jahre später






„Willst du dich ins Grab trinken, Dad? Dann mach nur so weiter!“ Annie stand zitternd vor ihrem Vater, der mit unbeteiligtem Blick in seinem Fernsehstuhl saß. Vor ihm auf dem Glastisch standen leere Bierflaschen und eine halbvolle Schnapsflasche. Zornig zog Annie ihre Jeansjacke mit den bunten Buttons am Revers aus, warf sie auf den ovalen Esstisch nahe der Küchentür und stellte sich demonstrativ vor ihn hin.

„Geh mir aus dem Bild“, lallte er und machte eine Bewegung, als würde er eine lästige Fliege verscheuchen wollen. „Und verschone mich mit deinen Vorwürfen.“

„Ist das der Dank dafür, dass ich deinetwegen meine Zukunftspläne aufgegeben habe?“, erboste sich Annie und machte keine Anstalten, seiner Aufforderung nachzukommen. „Hast du eigentlich irgendeine Ahnung, wie sehr ich darunter leide? Seitdem ich ein kleines Mädchen war, habe ich davon geträumt, Großvaters Geschäft weiterzuführen. Jetzt stehe ich vor dem Nichts und muss zusehen, wie ich unseren Lebensunterhalt bestreite.“

„Keiner hat gesagt, dass du das tun musst.“

„Ach ja? Wer von uns beiden hat denn horrende Schulden gemacht?“

„Du kannst jederzeit gehen, wenn es dir nicht passt.“

„Sicher“, erwiderte Annie höhnisch, „und kaum bin ich fort, rufst du mich wieder an und drohst damit, dich umzubringen.“

„Meine Art von Humor solltest du inzwischen kennen.“

„Das ist nicht witzig, Dad!“ Sein Anblick war kaum zu ertragen. Abgemagert saß er vor ihr und wirkte dem Tod näher als dem Leben. Die grauen Haare waren fettig und hatten schon lange keinen Friseur mehr gesehen. Ein ungepflegter Bart wucherte am Kinn und an den Wangen, die braunen Augen lagen in tiefen Höhlen, die Tränensäcke quollen hervor und tiefe Falten hatten sich in sein Gesicht gegraben. Noch dazu stank er meilenweit gegen den Wind nach billigem Schnaps. Als wäre seine Alkoholsucht nicht genug, rauchte er wie ein Schlot. Auch jetzt hätte man die Luft im Wohnzimmer schneiden können und wie üblich schwammen aufgeweichte Stumpen in der halbvollen Kaffeetasse vor sich hin. „Reiß dich endlich zusammen, Dad!“, herrschte Annie ihn an, weil sie dieses Dahinvegetieren nicht mehr aushielt. „Ich hätte auch jeden erdenklichen Grund zu trinken, aber mache ich es? Nein! Weil Alkohol nicht die Lösung ist, sondern ein weiteres Problem. Eins, das alles nur verschlimmert.“

„Die Menschen sind verschieden.“ Er neigte sich etwas zur Seite. „Außerdem ist dieses Scheißleben im Suff leichter zu ertragen. Und jetzt lass mich gefälligst in Ruhe. Ich will den Film schauen.“

Annie wandte sich zum Fernseher um und blickte auf die heile Welt, die über den Bildschirm flimmerte. Rosamunde Pilcher. Früher hatte der Vater nie verstanden, warum Annies Mutter so für diese Romanzen schwärmte. Seitdem sie nicht mehr da war, schien er anders zu denken und versäumte keinen einzigen Film.

„So kann es nicht weitergehen, Dad“, sagte Annie leise, als sie ihn wieder in Augenschein nahm. Wie üblich reagierte er nicht und sie war es leid, ihm ständig ins Gewissen reden zu müssen. Deshalb verzog sie sich in die Küche und bereitete das Abendessen vor. Spiegelei mit Spinat. Ein dürftiges Essen, doch leider mussten sie jeden Cent umdrehen. Zwar hatte sie zwei Putzjobs, aber der Verdienst war lediglich ein müdes Lächeln wert, weil kaum etwas übrigblieb. Immerhin musste sie die Wettschulden des Vaters abstottern, der zu allem Überfluss das Wenige versoff, das sie mühsam verdiente. Nicht, dass er Zugang zum Konto gehabt hätte oder hier in St. Agnes irgendwo etwas zu trinken bekam, trotzdem schaffte er es immer wieder, den Karren noch tiefer in den Dreck zu ziehen, denn wetten konnte man auch übers Internet. Deswegen versteckte sie das Modem neuerdings jeden Tag, sodass ihm der Zugang fehlte. Das Handy lag ohnehin seit Langem mit leerem Akku in einer Schublade, wobei es sogar aufgeladen keine Gefahr bedeutet hätte. Es handelte sich um ein prähistorisches Modell, das ausschließlich zum Telefonieren gebaut wurde. Wo er sich den Alkohol besorgte, blieb ihr jedoch ein Rätsel. Wenigstens war in letzter Zeit nichts mehr zu ihrem Schuldenberg hinzugekommen.

Missmutig schob Annie mit der Hüfte die Schublade zu und zerstampfte den Spinat im kleinen Topf, damit er schneller auftaute. Dann legte sie den Kochlöffel neben den Herd, holte das Haargummi aus ihrer Jeans und verknotete damit ihr langes Haar im Nacken. Ob sie nachher joggen gehen sollte? Obwohl ihr nach dem anstrengenden Arbeitstag die Lust dazu fehlte, musste sie sich auspowern, sonst würde sie allmählich verrückt werden. Davon abgesehen täte ihr etwas Sport gut, weil sie sich Kummerspeck zugelegt hatte. Leider war ihr innerer Schweinehund noch nie so stur gewesen. Ohnehin hatte sie kaum Zeit für irgendwelche Hobbys. Dabei hatte sie früher so gern fotografiert oder gelesen und zählte zu den Stammgästen in der örtlichen Bücherei. Mrs. Wilde würde im Dreieck springen vor Freude, dass sie freiwillig ein Buch in die Hand nahm. Tja, sobald man etwas nicht mehr tun musste, machte es eben Spaß.

„Es tut mir leid, Annie“, ertönte plötzlich die heisere Stimme des Vaters hinter ihr. „Aber du hast keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn man alles verloren hat.“

„Oh doch, Dad, das kann ich bestens nachempfinden.“ Annies Groll wuchs wieder.

„Ach ja?“, begehrte er auf, „hat dich auch die Liebe deines Lebens verlassen?“ Ihr Vater hatte wohl Roger Sanders vergessen! „Deine Mutter war alles für mich. Nichts wollte ich mehr als mit ihr alt werden. In guten wie in schlechten Zeiten. Aber sie musste sich ja unbedingt als Malerin selbst verwirklichen.“

„Du hast ihre Kunst nie ernst genommen. Dabei ist Mom wirklich talentiert.“ Derzeit stellte sie in einer renommierten Galerie in New York aus. Das wusste Annie von ihrem Onkel Jeremy, der regelmäßig Kontakt zu ihrer Mutter hatte. Sie hingegen war froh, wenn sie nichts von ihr hörte, da sie sich im Stich gelassen fühlte. Deswegen nahm sie selten einen Anruf an, wenn sich ihre Mom meldete. Tat sie es doch, verliefen die Gespräche ziemlich einsilbig. Annie hatte ihr wenig zu sagen, denn die Mutter lebte ihren Traum, sie hingegen war in der Hölle gelandet. Mit diesen Vorwürfen endeten die Telefonate meistens, was sie mitunter traurig machte, da sie ihre Mutter andererseits vermisste. Aber sie als Schuldige zu sehen war im Augenblick einfach stärker.

„Ja, ja, hilf du nur zu Mary. Wie alle hier im Ort.“

„Bloß, weil ich ihr Talent sehe, heißt das noch lange nicht, dass ich mich auf Moms Seite stelle.“ Annie schob Pfanne nebst Topf von den heißen Herdplatten und schaltete sie aus, bevor sie sich umdrehte. Der Vater lehnte am abgewetterten Türrahmen und hatte sichtlich Mühe, das Gleichgewicht zu halten. „Auch im Ort stellt sich keiner auf Mutters Seite. Das bildest du dir ein“, sagte sie betont sanft. In diesem Zustand konnte man ohnehin kaum vernünftig mit ihm reden.

„Das bildest du dir ein“, äffte er Annie nach und lachte spöttisch auf. „Denselben Wortlaut hast du vor zwei Jahren benutzt.“

„Weil ich nicht einmal im Traum daran gedacht hätte …“ Annie hob hilflos die Arme und erinnerte sich daran zurück, als ihr Vater völlig aufgebracht von dem Gerücht erzählte, dass ihre Mom eine Affäre hätte. Mit Kurt, einem Aktmodell! Ausgerechnet sie, die völlig in ihrem Dasein als Mutter und Hausfrau aufgegangen war. Doch das war ein Trugschluss gewesen. In Wahrheit musste sie schon lange mit ihrem Leben gehadert haben. Wie sonst ließ sich diese Hals-über-Kopf-Liebe erklären? Kaum aufgeflogen, hatte ihre Mutter die Scheidung eingereicht und war mit ihrem halb so alten Lover nach Amerika geflogen, um dort ein neues Leben zu beginnen. „Mom hat sich die Entscheidung sicher nicht leicht gemacht“, versuchte Annie eine Erklärung, die selbst in ihren Ohren nach lapidarem Trost klang. Aber wenn es half, damit sich der Vater besser fühlte …

„Von wegen! Innerhalb von einer halben Stunde hat sie unser ganzes Leben auf den Kopf gestellt“, wurde er lauter. „Kurt, der dreißigjährige Muskelprotz. Kurt, der Frauenversteher und Kurt, der Kunstkenner. Noch dazu ist der Typ lediglich ein Jahr älter als du! Hätte ich ihr doch niemals den Gutschein für diesen Malkurs geschenkt. Dann wäre sie noch hier und unser Leben würde in geordneten Bahnen verlaufen.“

Annie seufzte. Ihre Mutter war damals regelrecht aufgeblüht, nachdem der Malkurs in der Nachbargemeinde begonnen hatte. Fälschlicherweise war sie der Meinung gewesen, dass ihr plötzlicher Enthusiasmus daher rühren würde, dass sich ihre Mom endlich vom Vater ernst genommen fühlte. Bis dahin hatte er ihre kleinen Ausstellungen im Ort oder in der Umgebung eher amüsiert zur Kenntnis genommen und ihre Kunst als lächerliches Hobby abgetan. „Mutter war schlichtweg unglücklich. Wir haben es bloß beide nicht gemerkt.“ Zum ersten Mal rief sich Annie bewusst vor Augen, dass nicht nur die Mutter Fehler gemacht hatte und dachte an ihre Kindheit zurück. An die vielen Situationen, in denen sie traurig wirkte, weil der Vater ihr keine Beachtung schenkte. In derselben Sekunde schob sie die Erinnerungen jedoch weit von sich. Fehlte noch, dass sie Mitleid mit ihr bekam oder Verständnis entwickelte. Immerhin ging es ihrer Mom im Gegensatz zu ihnen blendend.

„Deine Mutter war glücklich!“, beharrte der Vater. „Bis dieser schleimige Adonis kam und ihr schöne Augen machte.“

Annie lehnte sich an die Arbeitsfläche und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ihr seid nicht die Einzigen, die sich scheiden lassen, Dad.“

„Siehst du, und das ist mein nächstes Problem. Wozu die Eile? Soll sie sich meinetwegen austoben, so lange sie zu mir zurückkommt. Aber was, wenn sie diesen Kurt heiraten will?“ Er klang so verletzt, dass Annies Herz überfloss vor Mitleid. „Entschuldige, schon wieder belaste ich dich mit meinem Kram.“ Er wischte sich mit dem Handrücken über die hohe Stirn. „Du mühst dich ab und ich bemitleide mich selbst.“

„Schon gut, Dad.“

„Nein, nichts ist gut! Meine Tochter geht putzen, statt dass sie das Geschäft ihres Großvaters weiterführt.“ Er musterte sie. „Und wenn ich dir in die Augen sehe, Annie, erkenne ich dieselbe Traurigkeit wie bei deiner Mutter.“ Als könnte er ihrem Blick nicht länger standhalten, fixierte er seine Hauspantoffeln, die einige Brandflecke aufwiesen. „Es ist nicht einfach, eigene Fehler zuzugeben und in meinem Fall reden wir von vielen. Mein größter war, dass ich zu wenig auf deine Mutter eingegangen bin. Aber jetzt ist es zu spät. Andererseits kann sie froh sein, dass sie mich los ist. Ich bringe allen nur Unglück.“

Sämtliche Alarmglocken schrillten in Annie und nackte Angst erfasste sie. „Dad, du drohst jetzt nicht wieder damit, dass du dich …“

„Keine Sorge“, unterbrach er sie, „wenn ich mich erhängen will, sage ich dir vorher nicht mehr Bescheid.“

„Wie beruhigend.“ Annie schüttelte den Kopf.

„Du solltest endlich dein eigenes Leben führen“, sagte er plötzlich leise.

„Das mache ich doch.“

„Nichts tust du, Annie. Glaubst du, ich weiß nicht, welche Opfer du bringst? Ich könnte mich ohrfeigen, dass ich dir das antue. Aber ich kann nicht aus meiner Haut.“

Natürlich hätte sie gehen können, doch was dann? Sie war die Einzige, die ihm Halt geben konnte und fühlte sich für ihn verantwortlich.

„Jede Nacht wünsche ich mir, dass ich das Rad der Zeit zurückdrehen könnte“, gab der Vater zu. Diese Offenheit war neu für Annie. Damit schuf er eine Nähe, die sie lange nicht mehr hatten. „Jede verdammte Nacht, wenn ich allein in unserem Bett liege und auf die leere Seite starre.“ Er hatte Tränen in den Augen. „Mary hat mich oft zur Weißglut gebracht mit ihrem Schnarchen. Diesem ständigen Aufstehen mitten in der Nacht oder ihrer Schlaflosigkeit. Aber genau das vermisse ich am meisten.“

Annie trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die knöchrige Schulter. „Du musst sie endlich loslassen, Dad, bevor es zu spät ist. Ich will dich nicht verlieren.“

„Keine Angst, das wirst du nicht“, versprach er und lächelte zaghaft.

„Doch, Dad.“ Sein leidvolles Gesicht verschwamm vor ihren Augen. „Jeden Tag verliere ich dich ein bisschen mehr. Darum bitte ich dich inständig, einen Entzug zu machen.“ Es war ausgesprochen, bevor Annie darüber nachdenken konnte. Im Nu verfinsterte sich seine Miene. Gleichzeitig schob er ihre Hand weg. Sie hätte es besser wissen müssen. Bei diesem Thema machte er stets dicht.

„Ich bin kein kleiner Junge mehr, sondern dein Vater. Davon abgesehen habe ich mein Trinkverhalten im Griff und könnte jederzeit damit aufhören. Ich will aber nicht. Jedenfalls nicht heute.“ Er machte kehrt und wankte ins Wohnzimmer zurück. Annie blickte ihm nach und gratulierte sich innerlich für ihre Feinfühligkeit. Da waren sie sich endlich seit Langem wieder nahe und sie tat nichts Besseres, als alles zu vermasseln!

♥

Jack hatte das Gefühl, auf dem Mars gelandet zu sein. Zumindest erinnerte ihn die Eintönigkeit dieses Landstrichs stark daran. Fehlten lediglich einige Krater, dann wäre es perfekt.

„Und? Wird das heute noch etwas, Michael?“, fragte er seinen Assistenten, der bei der offenen Motorhaube der Luxuslimousine stand, aus der bis vor kurzem Rauch gestiegen war.

„Sehe ich aus wie ein Mechaniker?“, kam es unmutig zurück. Michael hatte die Ärmel seines edlen Designerhemdes zurückgerollt. Grob wischte er sich über die Stirn und hinterließ Motorschmiere darauf – oder was immer das war. Jack hatte keine Ahnung. Für solche Dinge gab es reihenweise Laufburschen in ihrer Firma.

„Das ist nicht das, was ich hören wollte“, schimpfte Jack mit Blick auf seine zwölfjährige Tochter Leni, die lässig an der Limousine lehnte und auf das Handy starrte. Dabei sausten ihre Daumen so schnell über die Tasten, dass er kaum folgen konnte. „Mach endlich das Ding aus“, fuhr er seine Tochter an.

„Null Bock“, erwiderte sie ohne hochzublicken.

„Könntest du bitte in ganzen Sätzen mit mir sprechen?“ Wie er das hasste. Ihre Generation kürzte alles ab. Außerdem trafen sich die jungen Leute nur noch virtuell im Netz. Sport hieß für sie Surfen – und zwar im Internet – und Gefühle wurden über Emojis ausgedrückt.

„Scheiße, die Internetverbindung ist unterbrochen“, entfuhr es Leni, die kurz hochblickte. Vermutlich auf der Suche nach einem Sendemast.

„Wie wäre es, wenn du mir zur Abwechslung so viel Aufmerksamkeit schenken würdest wie deinem Handy?“ Jack fuhr sich unwirsch durch das Haar.

„Wozu?“ War das ihr Ernst? „Ich wollte ohnehin nicht mit nach England.“ Seine Tochter zog einen Schmollmund. „Wann gibt es eigentlich etwas zu essen?“

Jack war durch und durch ein hartgesottener Geschäftsmann. Allerdings musste er zugeben, dass ein Zwanzig-Stunden-Tag nicht halb so anstrengend war wie seine pubertierende Tochter. „Sieht es für dich irgendwie danach aus, als ob es ein Restaurant in der Nähe geben würde?“ Jack machte eine ausladende Handbewegung.

„Hinter dir ist doch ein Hotel, oder?“

Er wandte sich kurz um. „Diese Baracke nennst du Hotel?“ Das desolate vierstöckige Haus wirkte wie ein Überbleibsel aus irgendeinem Krieg. Lose Kabel hingen aus der Mauer, wo vermutlich irgendwann Freilampen angebracht gewesen waren. Über dem abgewetterten Eingang hing ein windschiefes Schild mit der Aufschrift: Last Inn. Letzte Einkehr, letztes Gasthaus – das glaubte Jack unbenommen, da es außer diesem Haus weit und breit nichts gab als kornische Natur, wohin das Auge reichte. „In einer Stunde sind wir im Fünf-Sterne-Hotel. Deshalb ist dieses vorsintflutliche Etwas keine Option für uns, Leni.“

„Ach Dad, mir knurrt der Magen und ich bin müde.“

„Ich glaube sowieso nicht, dass wir mit der Limousine heute noch irgendwohin kommen“, ließ Michael verlauten. Sie waren beide vierzig und hatten gemeinsam studiert. Ein schlauer Bursche mit dem Handicap, dass er klang, als wäre er von Geburt an mit Zigarren gefüttert und mit Whiskey ruhiggestellt worden. Dabei mochte Michael weder das eine noch das andere, sondern war bei einer Mandeloperation in jungen Jahren an den Stimmbändern verletzt worden. „Wir sitzen hier fest, da ist nichts mehr zu machen, denn um unser Problem zu lösen, fehlt mir das nötige Know-how.“

„Dann müssen wir eine Werkstatt anrufen.“ Jack nahm seine spiegelverglaste Brille ab und schob sie in die Innentasche seiner dunkelblauen Anzugjacke.

Michael blickte auf seine goldene Armbanduhr. „Das kannst du vergessen. Es ist schon fast sieben. Die sind bestimmt alle im Feierabend.“ Auch er ließ den Blick kurz durch die Gegend schweifen. „Es ist ohnehin fraglich, ob es in der Nähe eine Werkstatt gibt. Deshalb sollten wir im Hotel einchecken.“

„Das ist nicht dein Ernst“, regte sich Jack auf. „Außerdem bezahle ich dich dafür, dass du Lösungen findest und nicht beim ersten Widerstand einknickst.“

„Wir können gerne zu Fuß gehen, eine Bushaltestelle suchen oder uns ein Taxi rufen. Aber ich bin ehrlich gesagt ebenfalls zu müde, um hier dumm rumzustehen.“ Michael rollte die Ärmel hinunter. Er genoss eine gewisse Narrenfreiheit, da er auch Jacks bester Freund war. „Der Flug hat mich ziemlich geschlaucht. Also lass uns hierbleiben und das Beste daraus machen. Hauptsache, wir haben ein Dach über dem Kopf.“

„Mich kriegen auch keine zehn Pferde mehr von hier weg“, mischte sich zu allem Überfluss Leni ein, die ihrer Mutter mit den langen brünetten Zöpfen, der Stupsnase und ihrer Vorliebe für grelle Farben sehr ähnlich war. Sogar das kleine Muttermal über dem rechten Auge hatte sie mit Carol gemeinsam und nur wenige Zentimeter, dann würde Leni dieselbe Körpergröße haben. Innerhalb eines Jahres war seine Tochter extrem in die Höhe geschossen. „Außerdem hängt mein Magen schon durch.“

„Könntest du dich etwas gewählter ausdrücken?“, rügte Jack sie.

„DN.“ Sie rollte mit den Augen.

„Darf man fragen, was das heißen soll?“ Jack bemerkte, dass Michael grinste. „Gut, wenn es mir meine Tochter nicht sagen möchte, erkläre du es mir.“

„Du nervst.“

„Dir ist schon klar, dass du mit deinem Chef sprichst?“

„Wieso? Du wolltest, dass ich es übersetze.“ Michael warf die Motorhaube zu.

„Super, Michael“, erboste sich Leni, „musst du alles verraten?“

Michael grinste. „Dafür werde ich bezahlt. Was ist jetzt, Jack? Glaubst du, dass du eine Nacht in dem Hotel überstehen kannst?“

Sein Freund wusste, dass Jack viel von Ordnung und Sauberkeit hielt. Er war eben ein ästhetischer Mensch mit gewissen Prinzipien. Egal, in welcher Beziehung. „Meinetwegen“, stimmte er zu, da sie in der Tat auf die Schnelle keine andere Wahl hatten. Aber kaum im Last Inn, bereute Jack seine Entscheidung sofort. In der Lobby standen ausrangierte Armsessel herum, die sicher vom Flohmarkt stammten. Vor der Rezeption verstaubte ein Servierwagen mit dreckigem Geschirr. Wenigstens war die junge Dame freundlich, die ihnen drei Einzelzimmer zuwies, der sie nach oben folgten.

Im übrigen Hotel sah es leider nicht viel besser aus. In den langen Gängen mit dem Teppich in verschiedenen Rottönen – der früher vermutlich eine Steppdecke gewesen war – funktionierte nur jede dritte Lampe. Der Lift war außer Betrieb und allerorts standen verdorrte Blumen. Nachdem Leni und Michael in ihre Zimmer verschwunden waren, betrat Jack seins, das direkt neben dem seiner Tochter lag. Obwohl er auf alles gefasst war, traf ihn beinahe der Schlag. Der Raum war so klein, dass sich Jack kaum um die eigene Achse drehen konnte. Die ockerfarbenen Vorhänge waren eine Qual für seine sensiblen Augen, die rosafarbene Bettwäsche eine Zumutung für jeden Mann. Von den vielen Flecken ganz abgesehen, die sich auch im blauen Sofa in Miniaturgröße und dem aschgrauen Teppich zeigten.

Leider ging der Wahnsinn weiter, denn das winzige Bad hätte ohne weiteres als Dixi-Klo durchgehen können. Die weißen Standardfliesen waren ein Mekka für Schimmel und überall lagen Haare. Die Klospülung war ein Witz, denn die paar Tropfen beförderten höchstens eine tote Mücke in den Abfluss. Eine Klobürste gab es nicht, genauso wenig wie einen Duschvorhang. Das Waschbecken brach beinahe aus der Verankerung und der Spiegel war voller Schlieren.

Plötzlich hatte Jack das Gefühl zu ersticken, riss die Balkontür auf und trat hinaus. Mit skeptischem Blick auf den knarrenden Holzboden und in Gedanken bei seiner Arbeit, die unter keinem guten Stern begann. Dabei hatte er alles minuziös geplant und müsste sein erstes Geschäft bereits unter Dach und Fach haben. Hoffentlich sprang Hermes Winter nicht ab, dessen Villa er kaufen wollte, um sie anschließend abreißen zu lassen. Das Grundstück war ein optimaler Standort für ein Luxushotel. Danach waren Büro- und teure Wohnkomplexe an der Reihe, je höher desto besser. Dazu würde er in St. Agnes leerstehende Gebäude aufkaufen, wofür sie in Amerika bereits eine Liste erstellt hatten. Darunter auch das kleine Geschäft an der Küstenstraße, in dem ein Casino entstehen sollte. Auf dieses Projekt freute er sich besonders.

Jack spürte ein Kribbeln im Bauch. Wie immer, wenn er vor neuen Herausforderungen stand. Ja, so liefen lukrative Geschäfte ab. Man erwarb günstigen Besitz und stampfte ein Luxusgebäude nach dem anderen aus dem Boden. Ein paar VIPs, die sich den Urlaub teuer bezahlen ließen, einige Events und schon hatte man einen Hot Spot wie London, Cannes oder Kitzbühel. Dadurch schnellten die Grundstückspreise in die Höhe und letztendlich fuhr ihre Firma satte Gewinne ein, sobald sie die Liegenschaften wieder verkauften. Auch in Wales und Yorkshire hatten sie ähnliche Projekte ins Auge gefasst. Aber eins nach dem anderen. Zuerst war St. Agnes dran und es wäre doch gelacht, wenn man aus diesem popligen Dörfchen keine Goldgrube machen könnte!

♥

Annie starrte auf das keltische Grabkreuz und dachte an die zwei Menschen, die hier ihre letzte Ruhe gefunden hatten. Ihr Grandpa und Sandy. Sie starb an einem Blinddarmdurchbruch – noch in derselben Nacht, als man sie ins Krankenhaus einlieferte. Ihr Grandpa hatte es ihr gesagt. Er war es auch gewesen, der sie fest in seinen Armen hielt, weil sie wild um sich geschlagen hatte. Zu unglaublich war es gewesen, dass ihre Schwester nie wieder kommen würde. Fort war. Für immer. In den Tagen danach hatte sie dennoch im Schuppen auf sie gewartet. Stundenlang, denn dort lehnte ihr Surfbrett. Auch in Sandys Zimmer schlich sie sich oft in der Nacht, zog ihren Lieblingspyjama an und legte sich in ihr Bett. Einmal hatte die Mutter sie dabei erwischt und einen hysterischen Anfall bekommen. Damals wusste Annie nicht, weshalb. Heute war ihr klar, dass es ein Schock für ihre Mom gewesen sein musste. Als wäre Sandy zurückgekehrt.

Es war schwierig gewesen, damit umzugehen. Für sie alle, denn die Mutter schaffte es anfangs nicht, Annie den nötigen Halt zu geben. Ihr Dad war ohnehin nie ein Mann vieler Worte gewesen. Irgendwann kehrte jedoch der Alltag wieder ein und mittlerweile erinnerte sich Annie an die schönen Dinge. An den Spaß, den sie bei den traditionellen Festen gehabt hatten. Ob beim Bolster Festival, dem St. Agnes Victorian Street Fayre oder dem Fest der Heiligen Agnes. Auch jedes einzelne Muschelglas war noch da. So wie in Sandys Kinderzimmer alles unverändert blieb, die immer ein Teil von ihr sein würde. Einer, der Annie gleichzeitig fehlte. Besonders an Tagen wie diesen vermisste sie ihre Schwester schrecklich. Ebenso wie ihren Grandpa, der vor neun Jahren an Krebs starb. Nun hatte Annie sein altes Geschäftshaus alleine geerbt. Leider war es in keinem guten Zustand und ziemlich renovierungsbedürftig. Aber ihr fehlten inzwischen die Mittel, um sich dem anzunehmen, obwohl sie seit Jahren jeden Cent beiseitegelegt und sogar an den Wochenenden gekellnert hatte. Leider war alles den Wettschulden zum Opfer gefallen und als hätte das Pech bei ihr angedockt, verlor sie vor kurzem sogar ihren Job bei einem Juwelier, da dieser Konkurs anmeldete. Weil der Arbeitsmarkt in St. Agnes derzeit nicht viel hergab, hatte sie in ihrer Not zwei Putzjobs angenommen. Nicht gerade ihr Traum, aber sie musste nehmen, was sie kriegen konnte, denn das Geschäft des Großvaters diente als Sicherheit für den Kredit, der sich derzeit auf über zwanzigtausend Pfund belief. Ihr Erspartes war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen. Weit hatte sie es wirklich nicht gebracht und gab ein trauriges Bild ab. Eine neunundzwanzigjähre Schmuckdesignerin, die putzen ging, statt das Lebenswerk des Großvaters weiterzuführen.

Seufzend blickte Annie hoch. Von hier aus konnte sie die Trevaunance Bucht sehen. Auch ihr Elternhaus auf der Anhöhe und das Cottage ihres Grandpas, das mittlerweile andere Eigentümer hatte. Ihre Mom verkaufte es, um sich damit den Start in Amerika zu finanzieren. Jeremy war anfangs ziemlich sauer gewesen, da er sehr an seinem Elternhaus hing. Ihr Onkel konnte jedoch nichts dagegen tun, weil er bereits als junger Student sein Erbe ausbezahlt bekam. Und da er ein Diener Gottes war, hatte er sich mit der Mutter längst ausgesöhnt.

Einige Kinder spielten vor dem ehemaligen Cottage ihres Großvaters, das im Abendrot lag. Wie die wilden Klippen und das Meer. Der übliche Wind herrschte vor und gab Annie das Gefühl, wieder frei atmen zu können. Im Elternhaus hatte sie es nicht mehr ausgehalten, da ihr Vater nach dem Abendessen weitertrank. Als sie ihm das Bier wegnehmen wollte, beschimpfte er sie, weshalb sie die Flucht ergriff. Mit dem alten Damenrad ihrer Mutter war sie losgefahren und fand sich am Friedhof wieder. Ein Ort, an dem sie die Ruhe fand, die sie so dringend brauchte. Nie zuvor hatte sie sich jedoch mehr gewünscht, Sandy oder ihren Grandpa bei sich zu haben. Die Situation wuchs ihr allmählich über den Kopf. Nicht nur finanziell, vor allem die Eskapaden des Vaters setzten ihr zu. Zum ersten Mal sehnte sie sich weit weg von St. Agnes oder danach, auf einem der Schiffe zu sein, die weit draußen wie kleine Punkte im Wasser trieben.

Andererseits lebte sie gern hier an der Nordküste Cornwalls. Die Grafschaft konnte herrisch sein, mild und rau, still und voller Geheimnisse – aber vor allem war Cornwall malerisch. Besonders im Spätsommer. Diese Jahreszeit liebte Annie am meisten. Lebhafte bunte Farben beherrschten die Küste und das Hinterland. Das Meer wurde stürmischer, die Luft klarer. Das Licht schien anders. Der Himmel intensiver, das Meer tiefgründiger. Herrliche Heide- und Stechginsterteppiche färbten die Plateaus gelb-violett. Cornwall und vor allem St. Agnes waren unvergleichlich, trotzdem war sie unglücklich.

Mit Tränen in den Augen bückte sich Annie und ordnete die Tulpen in der Vase, die sie unterwegs vom Blumenladen mitgenommen hatte. Eine Weile starrte sie abwesend auf die blassrosa Blüten, bis sie sich erhob und zum Fahrrad ging, das sie vorhin an die Bank gelehnt hatte. Zwar hatte sie keine Lust nach Hause zu fahren, aber bald würde es dunkel werden und davor graute ihr. So beschaulich St. Agnes war, vor Übergriffen konnte man nirgends sicher sein. Allerdings schrieb Annie ihre Angst eher dem Umstand zu, dass sie sich ständig Medical Detectives im Fernsehen anschaute. Eine Serie über Morde und deren Aufklärung.

Mit Gänsehaut stieg Annie auf das beige Rad, dessen Lenker sie mit einigen Glitzersteinen verziert hatte, und schob es zur Straße hinauf. Nachdem sie aufgestiegen war, radelte sie los. Ein kurzer, steiler Anstieg, der sie heftig keuchen ließ. Wieder nahm sie sich vor, mehr Sport zu treiben. Als die Straße abschüssiger wurde, vergaß sie den Vorsatz sofort und fuhr an den kleinen Läden und Cafés vorbei. Einige Menschen standen auf den Gehsteigen, die ihr zuwinkten. Man kannte sich in diesem kleinen Küstendorf, das an die siebentausendsechshundert Einwohner hatte und an der Hauptstraße zwischen Perranporth und Redruth lag.

„Annie-Schätzchen, so spät noch unterwegs?“ Hermes winkte ihr zu, der gerade aus dem Melodys kam. Das Café war sein Stammlokal.

„Ich bin auf dem Nachhauseweg“, erklärte sie und bremste ab, als sie ihn erreicht hatte. „Und du? Hast du dich mit der Clique getroffen?“

„Erraten.“ Hermes lächelte.

„Und jetzt suchst du deine Rentiere, um heimzukommen, Santa Claus?“, zog sie ihn auf. Im Wissen, dass sich Hermes königlich darüber amüsierte. Mittlerweile war sein Rauschebart gänzlich weiß und er strahlte die Weisheit des Alters aus.

„Irrtum. Ich darf auf Minnies Besen heimfliegen“, konterte er lachend.

Annie schaute zum Fenster des Cafés. „Wenn sie das gehört hat, kannst du dich warm anziehen. Am Ende drückt sie dir ihre gefürchteten Stahlkekse aufs Auge.“

Erneut lachte er auf. „Keine Angst, heute hat die Gute ihre Ohren nicht überall. Minnie unterhält sich gerade mit Rose Grant. Die beiden sind neuerdings so.“ Er hob die Hand, wobei er Zeige- und Mittelfinger überkreuzte.

„Meinst du etwa Hokuspokus-Rose, die aus dem Kaffeesatz liest?“, fragte Annie lächelnd. Unter diesem Spitznamen war die Fünfzigjährige im ganzen Ort bekannt, die vor einem Jahr nach St. Agnes gezogen war. Annie kannte die Frau jedoch nur vom Sehen und allein das Erscheinungsbild genügte, um sich nachhaltig im Gedächtnis einzubrennen. Von ihrem Tick – sie sei eine weiße Hexe mit hellseherischen Fähigkeiten – ganz zu schweigen.

„Genau die. Allerdings ist Rose abgesehen von ihrem Spleen sehr nett und wenn Minnie sie akzeptiert, muss sie in Ordnung sein. Du kennst unsere neugierige Nase ja. Jedes neue Gesicht wird auf Herz und Nieren geprüft.“ Ernster werdend musterte er Annie. „Du siehst allerdings nicht aus, als würde dich das sonderlich interessieren. Gibt es Ärger mit deinem Dad?“ Nicht einmal Hermes hatte noch Kontakt zu ihm. Das galt ebenso für den Rest der Clique. Sie alle wollten ihrem Dad beistehen, der sie jedoch ersatzlos aus seinem Leben gestrichen hatte.

„Das Übliche“, wich Annie aus, denn sie wollte nicht jammern. Ohnehin gab es nichts Neues zu erzählen und ihre Sorgen musste sie nicht ständig vor allen breittreten. Egal, wie sehr auch sie die Clique mochte. Ihr einziger Ansprechpartner war Jeremy, der als Gemeindepfarrer sowieso für seine Schäfchen da sein musste. Noch dazu durfte er nichts ausplaudern. Allerdings war Jeremy weit mehr als ein Mann Gottes. Ihm vertraute sie am meisten. „Und bei dir? Fährst du wieder weg?“ Hermes reiste Ende April gerne irgendwohin, seitdem er Witwer war.

Gerade, als er antworten wollte, läutete sein Handy. Ungelenk holte er es aus der Seitentasche seiner braunen Cordhose. „Hallo?“, meldete er sich und wandte Annie den Rücken zu. „Ja, das ist kein Problem.“ Er horchte kurz zu. „Morgen Nachmittag? Meinetwegen. Aber ich habe noch nicht zugesagt. Ja, ja, jetzt hetzen Sie mich nicht, sonst können Sie es gleich vergessen.“ Erneut war er still. Dabei nickte er ein paar Mal. „Hören Sie, das können wir morgen besprechen. Ich bin gerade auf dem Weg in die Kirche. Bis dann.“ Mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht wandte er sich wieder Annie zu und steckte das Handy ein.

„Alles in Ordnung?“, forschte sie nach. „Soll ich vielleicht morgen nach meiner Arbeit zu dir kommen?“

„Warum? Du hast erst gestern bei mir geputzt.“

„Ich dachte nur. Immerhin bekommst du Besuch.“ Ihre zweite Putzstelle hatte sie bei Hermes, der sie vermutlich eher aus Mitleid eingestellt hatte, als dass er tatsächlich jemanden brauchte. „Ich könnte einen Kuchen backen oder dir anderweitig helfen.“

„Nein“, kam es hastig zurück. „Das schaffe ich schon.“ Plötzlich schien er nervös. „Annie, ich bin sehr zufrieden mit deiner Leistung. Nichts desto trotz hoffe ich, dass du über kurz oder lang eine angemessenere Stelle findest.“

„Willst du mir etwas Bestimmtes damit sagen?“, wurde ihr angst und bange.

„Ich denke nur an deine Zukunft, Kleines. Und jetzt muss ich los. Ein alter Mann wie ich braucht ein wenig Schlaf. Wir sehen uns übermorgen.“

„Natürlich. Ich werde pünktlich bei dir sein.“

Sein Grinsen nahm ihr die Furcht, dass sich etwas über ihrem Kopf zusammenbraute. „Ich weiß. Wie immer auf die letzte Sekunde.“ Hermes zwinkerte ihr zu, dann eilte er zum Parkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Annie blickte ihm kurz nach, bevor sie wieder emsig in die Pedale trat.

Zuhause angekommen stellte sie das Rad in den Schuppen und schaute auf das Surfbrett, das vor sich hin rottete, bevor sie hinausging und die Tür hinter sich schloss. Als sie zum Eingang eilte, warf sie einen schnellen Blick zur Bucht hinunter. Hinter den Fenstern des Breakers Beach Café brannte Licht, da es mittlerweile dämmrig war. Ob Roger die Frechheit besaß und mit seiner Trish sogar in ihrem Stammlokal verkehrte? Ihr Ex wusste, wie viel ihr dieser Ort bedeutete, der mit unzähligen wunderbaren Erinnerungen gespickt war. Häufig waren sie dort gewesen, obwohl Roger lieber auf seinem Fahrrad saß, als in einem Lokal. Oder er pumpte im Fitness-Studio seine Muskeln auf, die er auf dem Tennisplatz spielen ließ. Wer brauchte ein T-Shirt, wenn man mit nacktem Oberkörper auf dem Platz glänzen konnte? All das und vieles mehr tat er lieber, statt sich mit ihr einen malerischen Sonnenuntergang oder das Sternenzelt bei klarem Nachthimmel anzusehen. Ließ er sich dennoch dazu überreden, zerstörte er nicht selten die Stimmung, indem er die Sache mit dem Karussell aufwärmte.

Nein, romantisch war Roger nie gewesen. Zumindest nicht während ihrer Beziehung. Seitdem Trish und er ein Paar waren, hatte er sich scheinbar geändert und tat mit dieser dummen Pute alles, was er bis dahin verpönte. Das Schlimmste war jedoch, dass Annie nach wie vor an Liebeskummer litt. Immerhin war er der erste Mann gewesen, mit dem sie sich alles hätte vorstellen können. Leider entpuppte er sich als Mistkerl. Monatelang hatte er sie mit Trish betrogen. So einem trauerte man nicht nach, so einen wünschte man höchstens zum Mond. Dennoch tat es weh. Sehr sogar …

♥

Am nächsten Morgen fühlte sich Annie an einen Film erinnert: Und täglich grüßt das Murmeltier. Zum einen hatte sie sich wegen Roger die halbe Nacht um die Ohren geschlagen, zum anderen suchte sie gerade das Cottage nach Bier und Schnapsflaschen ab. Eine tägliche Routine, da sich ihr Dad immer wieder neue Verstecke einfallen ließ. Ob im Wohnzimmer-Kamin oder in diversen Schubladen, in leeren Aftershave-Flaschen oder hinter der Heizanlage, sie wurde meistens fündig. Auch vorhin hatte sie eine Flasche Schnaps in einem seiner Winterstiefel im Schuhschrank entdeckt. Vielleicht sollte sie sich das Suchen abgewöhnen, denn er würde trotzdem sturzbetrunken sein, wenn sie nach Dienstschluss heimkam.

Helfen konnte sie ihm ohnehin nicht, solange er es nicht zuließ oder von selbst einsah, was er sich damit antat. Ein Arzt hatte ihr sogar knallhart dazu geraten, ihn links liegen zu lassen. Erst wenn niemand mehr die Kastanien für ihn aus dem Feuer holte und er ganz unten angekommen wäre, würde er vielleicht zur Besinnung kommen. Ein nachvollziehbarer Ratschlag, der im Augenblick jedoch keine Option war.

Ein Blick auf die Wohnzimmeruhr zeigte Annie, dass sie sich sputen musste. Schnell eilte sie in die Diele, nahm die braune Korbtasche und den Schlüssel vom Haken, versperrte das Haus und lief zum Auto. Kurz darauf war sie unterwegs und ärgerte sich, dass sie ihre Jeansjacke vergessen hatte, denn die Morgentemperaturen waren ziemlich frisch. Deshalb stellte sie die Heizung bis zum Anschlag und freute sich bereits jetzt auf den Dienstschluss. Obwohl die Arbeit an sich in Ordnung war. Die Kollegen ebenfalls. Bis auf eine, die es mit dem Putzen nicht so genau nahm. Mit ihrem Chef wurde Annie auch nicht warm. Harry hatte einen lauten Kommandoton und ließ jeden deutlich spüren, dass er von ihm bezahlt wurde.

Das Last Inn war ein Drei-Sterne-Hotel und lag etwas außerhalb von St. Agnes. Gott sei Dank funktionierte die alte Rostlaube ihrer Eltern tadellos, was Annie eine gewisse Freiheit schenkte.

„Was soll das denn?“, entfuhr es ihr, als sie den Wagen zu den Parkplätzen hinter dem Hotel lenkte. Irgendein Vollidiot hatte eine weiße Luxuslimousine auf ihrem Platz abgestellt und besetzte sogar den zweiten dahinter. Dabei parkte hier ausschließlich das Personal. Typisch VIP. Die glaubten alle, ihnen würde die Welt gehören!

Verärgert manövrierte Annie ihren roten Alfa Romeo in die winzige Lücke zwischen die Limousine und Harrys Geländewagen, was ihr erst nach einigen Anläufen gelang. Als ihr Auto endlich stand, war sie völlig durchgeschwitzt. Nicht nur, weil sie Einparken hasste, sondern weil sie inzwischen vor Wut kochte wie ein Dampfkessel.

„Na warte“, zischte sie, „wenn mir dieser Heini unterkommt …“ Sie schnappte ihre Korbtasche vom Beifahrersitz und öffnete die Tür. Im selben Moment ertönte ein Knall, der sie zusammenfahren ließ. Entsetzt starrte sie auf die Limousine – die plötzlich näher war als in ihrer Erinnerung – und zwängte sich wie in Zeitlupe aus dem Auto. Die Kratzer und die tiefe Beule an der Limousinen-Tür schienen sie förmlich anzugrinsen. Dabei fragte sich Annie in Sekundenschnelle, wie viel eine Reparatur kosten würde. Die Versicherung hatte sie nämlich aus Geldnot vor kurzem gekündigt …

„Herrgott, kann man in dieser Pampa nicht einmal in Ruhe telefonieren?“, ertönte eine dunkle Stimme, ehe ein Mann auf der anderen Seite ausstieg und im Nu bei ihr war. Mit wichtiger Miene und einem goldenen Handy in der gepflegten Hand besah er sich den Schaden, der zu auffällig war, um ihn nicht auf den ersten Blick zu sehen. Dann richtete sich der Unbekannte zu seiner vollen Größe auf und überragte Annie um einen Kopf.

Zugegeben, ein äußerst attraktiver Mann, dessen markante Gesichtszüge und der Dreitagesbart an den Schauspieler Scott Eastwood erinnerten. Auch das volle schwarze Haar, die muskulöse Figur und die stahlblauen Augen waren nicht von schlechten Eltern. Allerdings hätte nicht einmal der beste Schauspieler Hollywoods ein so bitterböses Gesicht hinbekommen. „Können Sie nicht aufpassen?“, fuhr der Fremde sie an.

„Es tut mir leid“, sagte Annie den Tränen nahe. „Ich habe Ihre Limousine völlig übersehen.“

„Sicher“, kam es von oben herab, „der Wagen ist ja nur knappe fünf Meter lang.“

„Haben Sie das sarkastisch gemeint?“

Er zog die rechte Augenbraue hoch. „Wie kommen Sie denn darauf?“

„Hören Sie, das Ganze ist mir furchtbar peinlich“, blieb Annie freundlich, obwohl es erneut in ihr zu brodeln begann.

„Ist das alles, was Ihnen dazu einfällt?“, pflaumte er sie weiter an. „Das Wort peinlich steht bei mir nämlich ganz unten auf der Liste. Da liegen mir ganz andere Worte auf der Zunge.“

In dieser Hinsicht ging es Annie ähnlich wie ihm, denn dieser Mann war die pure Überheblichkeit in Person. Obendrein schien er sein Aftershave bis zum Abwinken zu benutzen. Der süße Geruch erinnerte sie stark an Roger, was sie ihrem Gegenüber ebenfalls negativ auslegte. Doch sie musste sich zusammenreißen. Es wäre wenig hilfreich, wenn sie sich diesen Mann zum Feind machte. „Vermutlich war ich in Gedanken woanders.“

„Wo denn? Bei Ihrer nächsten Maniküre?“

„Sehe ich so aus, als ob ich mir das leisten könnte?“, wurde Annie ebenfalls patzig und vergaß ihre guten Vorsätze. Alles musste sie sich von diesem Wichtigtuer nicht gefallen lassen. „Oder wirke ich auf Sie, als hätte ich genug Geld, um für den Schaden aufzukommen?“

„Wozu gibt es Versicherungen?“

„Um die Leute auszunehmen. Sehen Sie, die Haftplicht war extrem teuer. Deswegen habe ich sie gekündigt und suche gerade nach einem neuen Versicherungsunternehmen, das für kleine Leute wie mich ein Herz hat.“

„Was?“, brauste er auf und musterte sie wie eine Fata Morgana. „Sie sind nicht versichert?“

„Exakt.“

„Das ist eine Straftat! Sind in dieser Gegend alle so kriminell und naiv wie Sie?“

„Ich habe es nicht nötig, mich von Ihnen beleidigen zu lassen!“

„Das war keine Beleidigung, sondern eine Feststellung.“ Seine Augen funkelten zornig, während er das Handy auf das Limousinen-Dach legte und sich herrisch durch das dichte Haar fuhr, bevor er seine Hände in die Taschen der dunkelblauen Stoffhose schob, die sicher nicht von der Stange kam. Genauso wenig wie das weiße Hemd und die blaue Krawatte mit so vielen Punkten, dass einem regelrecht schwindlig werden konnte.

„Nur zu Ihrer Information: Mein Auto hat auch einiges abgekriegt.“ Annie versuchte möglichst selbstsicher zu klingen, was ihr aber nur bedingt gelang, weil die eventuellen Reparaturkosten wie ein Damoklesschwert über ihr hingen. Abgesehen von diesem Möchtegern-Eastwood, über den sie sich stundenlang hätte aufregen können.

„Das wird ja immer besser! Sonst noch was?“

Annie nickte. „Unter uns gesagt: So wie Sie parkt doch kein Mensch“, ging sie vollends in die Offensive und schmetterte ihre Autotür zu. Dann steckte sie den Schlüssel ins Schloss.

„Nicht einmal Zentralverriegelung hat Ihre Karre“, vernahm Annie ihren Gegner. „Aus welchem Jahrhundert stammt der Wagen denn?“

Sie wandte sich halb um, während sie gleichzeitig am Schlüssel nestelte. Das verdammte Ding klemmte! „Leider aus einem, wofür sich eine Versicherung ohnehin nicht mehr lohnt. Ganz so naiv wie Sie denken bin ich also nicht. Deswegen ist mir klar, dass wir ein fettes Problem haben.“

„Wir?“, platzte er nun vollends. „Sie haben ein fettes Problem und wollen sich bloß drücken. Nebenbei scheinen Sie den Ernst der Lage noch nicht begriffen zu haben. Also wenn ich es nicht eilig hätte, würde ich am liebsten die Polizei rufen. Aber um dem Ganzen ein Ende zu bereiten: Geben Sie mir Ihre Visitenkarte, damit ich weiß, an wen ich die Rechnung schicken muss.“

Annie wurde panisch und zerrte regelrecht am Schlüssel. „Auch Visitenkarten übersteigen mein Budget und ich will gar nicht wissen, wie viel meine Autotür kostet. Die ist völlig hinüber!“ Jetzt hieß es kämpfen, ansonsten konnte sie Privatinsolvenz anmelden.

„Ihr Auto sieht überall so aus“, verschaffte er sich weiter Luft. „Verdammt noch mal, könnten Sie sich gefälligst zu mir umdrehen, wenn ich mit Ihnen spreche? Oder ist Ihre Auffassung von Höflichkeit genauso überholt wie dieses Vehikel?“

Mit einem genervten Ausruf ließ Annie vom Schlüssel ab und drehte sich zu ihm um. Erneut stieg ihr sein Aftershave in die Nase. „Ausgerechnet Sie reden von Höflichkeit? Spielen sich auf wie ein Millionär, der glaubt, mit dem Fußvolk kann man es ja machen.“

„Ich bin Millionär“, stellte er mit Arroganz in der Miene fest und kniff die Augen zusammen. „Wie heißen Sie eigentlich, Miss …“ Er beugte sich etwas näher. Himmel, diese Augen … aber sie konnte er damit nicht beeindrucken. Sie nicht!

„Miss Butler“, log Annie.

„Und Ihr Vorname?“

Freiwillig würde sie ihren Namen bestimmt nicht herausrücken! „Vom Winde verweht. Meine Eltern haben eine Schwäche für alte Filme.“ Annie schulterte ihre Tasche und warf einen schnellen Blick auf die Armbanduhr ihres Großvaters, die sie seit seinem Tod trug. Ungeachtet dessen, dass es eine Herrenruhr war. Doch sie lief wie ein Rädchen und zeigte ihr, dass sie in fünf Minuten ihren Dienst antreten musste. Pünktlich. Harry war auch in dieser Beziehung unerbittlich.

„Vom Winde verweht also“, wiederholte der Unbekannte etwas ruhiger und plötzlich lag ein Schmunzeln um seinen Mund. „Sie sind nicht schlecht. Der Punkt geht an Sie.“ Wenigstens hatte er Sinn für Humor. Einen schlichten, aber immerhin. „Nun, wie wollen wir das jetzt handhaben?“ Kurz lächelte er, was ihn beinahe sympathisch machte.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Annie wahrheitsgemäß und zuckte mit den Schultern. Plötzlich schien die dicke Luft entwichen zu sein. Auf beiden Seiten.

„Das darf doch nicht wahr sein! Annie, was hast du schon wieder angestellt?“

Wie von der Tarantel gestochen wirbelte sie herum. Mit hochrotem Gesicht walzte Harry auf sie zu. Dabei verrutschte ihm die Hornbrille. Wie eh war er gekleidet wie ein Buchhalter aus früheren Tagen. Nadelstreifhose, weißes Hemd, Hosenträger und Ärmelhalter.

„Ich kann alles erklären“, stammelte Annie, obwohl sie sich keinen Reim darauf machen konnte, weshalb er so aufgebracht war. „Ähm, was genau …“

„Erspar mir die faulen Ausreden“, fuhr Harry ihr über den Mund, als er vor ihr stand. Dabei schnappte er nach Luft und stemmte die Hände in die breiten Hüften. „Ich habe alles von meinem Büro aus gesehen. Du hast Mister Flatleys Limousine beschädigt.“

„Das haben die Dame und ich bereits besprochen.“ Der Mann schaute Annie kurz an. „Wir müssen lediglich die Formalitäten klären.“

„Womit wir schon zwei wären“, stieß Harry in dieselbe Kerbe. „In fünf Minuten bei mir im Büro, Annie. Dann kannst du deine Papiere abholen. Den ausstehenden Lohn überweise ich dir selbstverständlich. Ich bin ja kein Unmensch.“

„Soll das heißen, dass du mich … feuerst?“ Annie hatte das Gefühl, als würde sich der Boden unter ihr wie ein breiter schwarzer Schlund öffnen.

„Richtig, und zwar hochkant. Mister Flatley ist nicht irgendwer und ein Verhalten wie dieses dulde ich nicht unter meinen Angestellten. Man hat dein Keifen bis in die Lobby gehört.“

„Ist ein Rauswurf nicht etwas übertrieben?“, sprang ausgerechnet Flatley für Annie in die Bresche, die ihn überrascht anschaute. Er indes konzentrierte sich voll und ganz auf Harry. „Die Sache ist kaum der Rede wert und ich war bestimmt nicht leiser als die junge Dame.“

„Aber Sie arbeiten im Gegensatz zu Annie nicht für mich“, wurde er von Harry belehrt. „Es bleibt bei der Kündigung. Außerdem muss ich ohnehin Personal einsparen und …“

„… da kommt dir das ganz gelegen, nicht wahr?“, unterbrach Annie ihn.

„Ich bin nicht bei der Wohlfahrt und muss selbst zusehen, wo ich bleibe. Also, Rapport in fünf Minuten“, wiederholte Harry und zog ab.

Ungläubig starrte Annie ihm nach und fühlte sich wie gelähmt. Dann zerrte sie neuerlich am Schlüssel. Zum Teufel mit den Papieren! Sie wollte einfach nur weg. Sollte Harry ihr den ganzen Kram schicken, da sie keine zehn Pferde in sein Büro bringen würden. Dieser Arsch hatte mit Sicherheit vor, ihre Situation bis zur letzten Sekunde auszukosten, um sich wieder einmal zu profilieren. Nein, erniedrigen lassen musste sie sich nicht. Das hatte er ohnehin schon genug getan!

„Sie finden sicher etwas Neues“, vernahm sie Flatley.

Annie warf ihm einen wütenden Blick zu. „Ersparen Sie mir diese dummen Floskeln!“

„Schon gut. Dann finden Sie eben nichts Neues.“

Sie kämpfte gegen die Tränen an. „Nur Ihretwegen bin ich in dieser beschissenen Lage! Vielen Dank auch.“ Es war ungerecht, das war ihr bewusst, aber sie konnte nicht anders. Weil dieser Mann alles zu haben schien, sie hingegen weniger als nichts. Diese Welt war einfach nicht gerecht. Außerdem hatte der Streit mit Flatley den Stein ins Rollen gebracht, den Harry ihr nun rücksichtslos an den Kopf geworfen hatte. Obwohl ihr klar war, dass ihr ehemaliger Chef nur auf einen passenden Moment gewartet hatte. Für so einen Mann wollte sie ohnehin nicht mehr arbeiten, obwohl der Lohn an allen Ecken und Enden fehlen würde. Zahlte sie die Raten nicht pünktlich, käme das Geschäft des Großvaters unter den Hammer. Allein der Gedanke daran trieb ihr neuerlich Tränen in die Augen. „Dieser verdammte Schlüssel!“, schimpfte sie mit weinerlicher Stimme. Zuerst ließ er sich nicht umdrehen, jetzt nicht mehr herausziehen.

„So wird das nichts“, stellte Flatley fest und berührte sie sanft am Arm. „Lassen Sie mich das machen.“ Annie zögerte, bevor sie einen Schritt zur Seite trat. Kurz darauf hatte er den Schlüssel herausgezogen und gab ihn ihr. Dabei berührten sich ihre Hände. „Ich bin übrigens Jack Flatley und den Schaden lasse ich auf meine Kosten regulieren.“

„Das … das ist sehr nett, Mister Flatley“, stotterte Annie völlig überrumpelt von seinem Entgegenkommen.

„Kein Problem. Ich spende dauernd an Bedürftige und kann die Summe abschreiben.“

Bedürftige? So wirkte sie also auf ihn? Ob er irgendeine Ahnung hatte, wie beschämend das für sie war? „Um ehrlich zu sein“, begann Annie mit frostiger Stimme, „hätte ich nicht gewusst, wie ich den Schaden bezahlen soll. Insofern bin ich Ihnen sehr dankbar, auch wenn ich nicht danach aussehe. Trotz allem habe ich meinen Stolz und arbeite hart, um mein Leben zu bestreiten. Davon haben Menschen wie Sie jedoch keine Ahnung, die Spende und steuerlich absetzen in einem Atemzug nennen. Und wenn ich mir einen kleinen Rat erlauben darf: Stecken Sie nicht jeden in eine Schublade, egal, welches Auto er fährt.“

„Tun Sie das nicht auch?“ Sein Lächeln verwirrte sie. „Alles Gute für Sie … Annie.“

Sie blickten sich an. Der Wind spielte mit seinem Haar, das ihm in die Stirn fiel. Er strich es zurück und als er nach dem Handy griff, straffte Annie die Schultern.

„Ihnen auch, Mister Flatley.“ Ein letzter Blickwechsel, dann stieg sie ins Auto und preschte Sekunden später mit Vollgas vom Parkplatz. Das hieß bei ihrem Alfa von 0 auf 20 und das erlaubte einen etwas längeren Blick in den Rückspiegel. Flatley stand unbeweglich da und schaute ihr nach, bis sie um die Kurve verschwunden war. So übel schien er gar nicht zu sein, obwohl er alles dafür tat, dass man es nicht bemerkte.

♥

Eine Stunde später saß Annie in der St. Materiana’s Kirche. Früher war sie mit ihren Eltern und Sandy oft zum Sonntagsgottesdienst gekommen. Doch nach ihrem Tod gehörte diese Tradition ebenfalls der Vergangenheit an. Trotzdem empfand sie Trost, weil der Weihrauch-Duft so viel Vertrautes hatte. Die Heiligenbilder mit den kitschigen goldenen Rahmen, die bunten Glasfenster, das große Kruzifix nahe dem Altar oder die Bank, auf der Sandy und sie mit einer Nagelfeile ihre Initialen eingeritzt hatten. „Was willst du mir noch antun, Gott?“, flüsterte Annie und hörte auf einmal Schritte hinter sich.

„Was für ein seltener Anblick. Du in meinem Gotteshaus?“, hallte es durch das Gemäuer, bevor Jeremy die Bank erreicht hatte. Obwohl Annie ihren Onkel liebte, fühlte sie sich von ihm gestört. Mürrisch rückte sie zur Seite.

Laut schnaufend nahm Jeremy neben ihr Platz. Dabei knarrte die Bank, weil er ein stattliches Gewicht hatte. „Du siehst erbärmlich aus. Geht es deinem Vater schlechter?“

Immer dieselben Fragen, als gäbe es keinen anderen Inhalt in ihrem Leben. Aber gab es den tatsächlich? „Ich habe soeben meinen Job verloren“, platzte sie mit der Neuigkeit heraus und weinte wieder, obwohl sie das nicht wollte. Erst recht nicht den Weinkrampf, der sich einstellte, da Jeremy sie in die Arme nahm und sanft wiegte. Eine väterliche Geste, die unheimlich guttat. So saßen sie eine Weile da, bis sich Annie von ihm löste.

„Es geht schon wieder“, behauptete sie. „Eigentlich sollte ich daran gewöhnt sein, dass mein Leben eine einzige Pechsträhne ist.“ Sie hörte sich nach Selbstmitleid an und ja, momentan tat sie sich verdammt leid!

„Daran sollte sich niemand gewöhnen müssen“, dementierte Jeremy, der in seiner Freizeitkleidung – den blauen Shorts und einem türkisen T-Shirt – eher wie ein Tourist wirkte. Aber heute war Mittwoch und da pflegte er fischen zu gehen. Deswegen umwehte ihn ein strenger Geruch, was Annie jedoch nicht störte. Zu wenig gab es inzwischen, das ihr noch vertraut war.

„Möchtest du mir alles erzählen?“, fragte er in mitfühlendem Ton und lächelte aufmunternd. Ihr Onkel hatte fülliges dunkelblondes Lockenhaar mit grauem Ansatz, grüne Augen wie Annie und ein wettergegerbtes Gesicht wie es ihr Grandpa hatte. An den Wangen zeigten sich viele rote Äderchen und die buschigen Augenbrauen waren zusammengewachsen. Obwohl er auf den ersten Blick nicht viel Ähnlichkeit mit der Mutter besaß, so war sie auf dem zweiten Blick doch erkennbar. Erst recht, wenn er lächelte. „Also?“ Jeremy schaute sie abwartend an.

Annie atmete tief ein, dann berichtete sie, was sich zugetragen hatte. Darüber zu reden tat zwar gut, es hielt ihr aber noch deutlicher vor Augen, in welcher Misere sie steckte.

Als sie geendet hatte, schwieg Jeremy eine Weile.

„Immerhin hat dich der Bursche davonkommen lassen. Demnach ist nicht alles schiefgelaufen. Für alles andere wird sich ebenfalls eine Lösung finden“, redete er Annie schließlich gut zu und tätschelte ihre Hand. „Weißt du, manchmal würde ich deinen Vater am liebsten mit dem Papamobil überrollen. Ein paar Mal hintereinander. Kreuz und quer, von links nach rechts und zum Schluss auf ihm parken.“ Entschuldigend blickte er zum Altar, auf dem einige Kerzen brannten. „Du musstest seinetwegen zu viel aufgeben. Dabei sehe ich immer noch das kleine Mädchen vor mir, das ihren Großvater ständig im Geschäft besuchte.“ Annies Herz zog sich zusammen. „Dad hielt große Stücke auf dich.“

„Umso größer wäre seine Enttäuschung, dass ich seinen Lebenstraum nicht weiterführe.“

„Die Ausbildung als Schmuckdesignerin hast du mit Bravour geschafft. Alles andere liegt leider nicht in deiner Macht, Annie.“ Er seufzte. „Wäre dein Vater nicht ein solcher Trunkenbold, müssten wir erst gar nicht darüber reden. Das Geschäft würde mit dir als Chefin bestimmt florieren, denn du hast eindeutig das Talent deines Großvaters geerbt. Im Gegensatz zu mir. Zwar bin ich ein As im Predigen, mit Kunst habe ich hingegen nichts am Hut. Dahingehend wurde meine Schwester reicher beschenkt als ich. Sie wartet übrigens förmlich darauf, dass du dich zur Abwechslung bei ihr meldest.“

„Warum sollte ich?“

„Weil sie deine Mutter ist?“

„Das hat sie nicht daran gehindert, mich zu verlassen.“

„Sie hat deinen Dad verlassen, nicht ihr Kind.“

„Augenauswischerei. Es kommt beides auf dasselbe heraus.“

„Mary hat sich bestimmt nicht mit Ruhm bekleckert“, räumte Jeremy ein. „Doch über mangelnde Liebe konntest du dich nie beklagen.“ Annie musste ihrem Onkel innerlich beipflichten. Wenngleich zähneknirschend, weil sich ihr schlechtes Gewissen meldete. „Jetzt wäre deine Mom an der Reihe. Statt jedes Gespräch abzublocken, solltest du dir anhören, was sie zu sagen hat.“ Er schwieg erneut, als ob er seine Worte wirken lassen wollte. „Sicher, ihr Handeln mag der Auslöser für eure Situation gewesen sein, doch das hat Mary bestimmt zuletzt gewollt. Gib ihr eine Chance. Deine Mutter leidet.“

„Du verteidigst Ehebruch?“, nagelte Annie ihn fest.

„Ich kenne die zehn Gebote, falls du darauf anspielen willst und natürlich missbillige ich als Pfarrer, was sie getan hat. Als Bruder weiß ich allerdings, wie unglücklich sie war. Es begann mit Sandys Tod. Dein Dad stürzte sich in seine Arbeit als Baumeister, deine Mom wandte sich der Kunst zu und du hast an der Schwelle des Erwachsenwerdens gestanden. Ein junger Mensch, dessen Leben weiterging im Gegensatz zu dem deiner Eltern. Sie schwiegen das Thema buchstäblich tot. Damit begann ihre Entfremdung, die schließlich in dieser Affäre endete.“

„Demnach kann sich jeder nach einem Schicksalsschlag in fremden Betten tummeln und ist über alle Zweifel erhaben? Bloß, weil er einen triftigen Grund dafür hat?“

Jeremy lächelte nachsichtig. „Ich sehe schon, du willst mich nicht verstehen. Trotzdem solltest du darüber nachdenken, ob du deine Mom genauso verurteilen würdest, wenn dein Vater nicht zu trinken angefangen hätte.“

„Hier geht es aber nicht um hypothetische Fragen, sondern um die Realität und die lässt sich nicht schönreden. Weder mit Verständnis für Mom noch mit ein paar guten Worten.“

„Du bedauerst deinen Vater, das leuchtet mir ein. Immerhin lebst du mit ihm zusammen und musst das Elend jeden Tag ertragen. Doch so leid mir Joseph tut, vergeude nicht deine Zeit und opfere dich für ihn auf, denn das würdest du eines Tages bereuen.“

„Das sagt sich so leicht.“

„Mag sein, allerdings sehe ich viel von deiner Mutter in dir. Sie heiratete deinen Vater, weil sie schwanger war. Ihren Traum von einem Kunststudium gab sie dafür auf. Aber wenn etwas so lange präsent war, rächt sich das eines Tages. Weil man irgendwann das Gefühl hat, etwas versäumt zu haben. Womöglich hätte sich deine Mom in ihrer Ehe verwirklicht, nur hat leider jede Miesmuschel mehr Feingefühl als dein Vater. Trotzdem hat sie ihn geliebt. Sehr sogar. Vielleicht liebt sie ihn noch immer.“

Abrupt wandte Annie den Kopf. „Wie kommst du darauf?“

Ihr Onkel räusperte sich. „Nun, sie spricht oft von Joseph und fragt nach ihm. Es ist offenkundig, dass sie sich große Sorgen um euch macht. Mary würde euch auch finanziell gern unter die Arme greifen. Jetzt kann sie es sich schließlich leisten. Ihre Bilder sind in aller Munde.“

„Schön für Mom. Aber wir schaffen es sicher ohne ihre Almosen.“

„Das sind keine Almosen. Sie will vor allem dir helfen.“

„Nein, Jeremy, sie möchte sich mit Geld meine Zuneigung zurückkaufen.“

„Du hast denselben Stolz wie dein Vater“, wurde Jeremy etwas forscher. „Tragischerweise scheint ihr beide zu vergessen, dass ihr ihn euch nicht leisten könnt. Ich an deiner Stelle würde Mary anrufen und sie bitten, euch beizustehen. Wie ich sie kenne, stünde sie bereits morgen vor der Tür. Wer weiß, womöglich würde sie es sogar schaffen, Joseph von der Flasche wegzubringen.“

„Dad würde Mutter sofort zurücknehmen, so sehr liebt er sie“, erinnerte sich Annie an ihr Gespräch in der Küche. „Wenn Mom ihn allerdings so sehen müsste … er würde sich in Grund und Boden schämen. Dad, ein Schatten seiner selbst und sie, die sich mitten im zweiten Frühling befindet. Der Schuss würde nur nach hinten losgehen.“ Annie richtete sich auf. „Beenden wir das unsinnige Gespräch. Die beiden lassen sich scheiden und damit basta.“

„Apropos Scheidung“, wurde Jeremy hektisch, „in einer Stunde erwarte ich ein junges Paar zum Traugespräch.“ Schwerfällig erhob er sich. „Melde dich, wenn du mich brauchst … oder Geld. Viel habe ich nicht, doch es reicht, um euch eine Weile über Wasser halten zu können. Vom Geschäft ganz zu schweigen. Mein Dad hat es dir vermacht und nicht der Bank. Also, wenn ich etwas tun kann, lass es mich wissen.“




2. Kapitel







Das fade Mittagessen lag Jack noch jetzt im Magen. Gebackene Makrele mit Stachelbeersauce gehörte angeblich zu den Spezialitäten Cornwalls und hatte sich vorzüglich angehört. Nur wusste der Koch scheinbar nicht, wie man die Speise schmackhaft zubereitete. Abgesehen davon war das Frühstück ebenfalls ein Hohn gewesen. Dünner Kaffee, harte Brötchen, ein Butterstückchen und Marmelade. Es würde dauern, bis seine Geschmacksknospen nicht mehr beleidigt waren, allerdings wunderte ihn in diesem Hotel gar nichts mehr.

Genervt starrte Jack auf seine Unterlagen. Es gelang ihm nicht, sich darauf zu konzentrieren. Dabei hatte er sich extra in den kleinen Saal gesetzt, weil dieser weniger frequentiert war als das von Küchengerüchen verpestete Restaurant. Vor zehn Minuten war jedoch eine Jugendgruppe eingetroffen. Nun lümmelten einige von ihnen in den unbequemen himmelblauen Stoffstühlen mit weißen Sternchen und unterhielten sich lautstark. Dazwischen hörte man ständig das Läuten von Handys oder schallendes Gelächter.

„Tut mir leid, ich wurde aufgehalten“, erklang Michaels krächzende Stimme, der seine gelbe Krawatte lockerte und sich aufatmend in den Stuhl gegenüber plumpsen ließ, als hätte er einen Marathon hinter sich.

„Ich hoffe, deine Verspätung hat einen guten Grund“, begrüßte Jack ihn nicht gerade freundlich und sah sich in Gedanken bereits in der klimatisierten Limousine sitzen, die geradewegs auf das gebuchte Fünf-Sterne-Hotel zufuhr.

„Wie man es nimmt.“ Michael schaute ihn an, als würde er abwägen, was er ihm zumuten konnte und was nicht. „Der Mechaniker hat von ein paar Tagen gesprochen“, ließ er schließlich die Katze aus dem Sack.

„Ein paar Tage?“, entfuhr es Jack. „So lange halte ich es in diesem Kaff nicht aus. Kannst du ihm keinen Druck machen?“

„Was denkst du, was ich getan habe? Mein Mund ist trocken wie die Sahara, so sehr habe ich auf den Mann eingeredet“, verteidigte sich Michael. „Bedauerlicherweise ist er Südländer, wenn du verstehst, was ich meine. Deshalb würde ich eher in Wochen denken als in Tagen.“ Michaels Stirn glänzte. Seit drei Jahren arbeitete er für Flatley & Son. Die Firma hatte ihren Sitz in New York. Jacks Vater hatte sie gegründet und zu einem der erfolgreichsten Unternehmen Amerikas aufgebaut. Selbstredend, dass sein Dad nach wie vor mitmischte, trotz seiner fünfundsechzig Jahre. Jack konnte es nur recht sein, da er noch viel von ihm lernen konnte. Zudem wurde sein Dad nicht müde, neue Ideen zu entwickeln. So auch die, ihren Radius zu erweitern und sich in Europa etwas aufzubauen. Kurz zuvor hatte er Jack zu seinem Teilhaber gemacht und vertraute ihm nun dieses riesige Projekt an.

„Dann sieh zu, dass wir eine andere Limousine bekommen“, forderte Jack. Er hasste nichts mehr als Dinge, die er nicht beeinflussen konnte. „In zwei Stunden soll ich bei Mister Winter sein. Wenn ich ihn wieder vertröste, springt er womöglich ab.“

„Vor morgen früh hat keine einzige Leihfirma in der Gegend ein Auto frei. Ich habe alle abgeklappert.“

„Was ist mit dem Ferrari, den wir vor einem halben Jahr in London bestellt haben?“

„Den kriegst du frühestens in zwei Wochen.“

„Und jetzt?“, fragte Jack ohne jegliches Verständnis. „Soll ich etwa mit dem Bus nach St. Agnes fahren?“

„Das wäre zumindest eine Idee.“ Michael grinste.

„Ich bin nicht in Stimmung für deine albernen Witze. Außerdem habe ich mein Leben lang noch nie einen Bus von innen gesehen und denke nicht daran, jetzt damit anzufangen.“

„Schon gut.“ Michael hob abwehrend die Hände. Sein goldener Ehering blitzte auf. „Mir gegenüber musst du nicht den hartgesottenen Geschäftsmann raushängen lassen.“

Jacks Laune stieg wieder. Er wusste, dass ihm sein Ruf vorauseilte und in geschäftlichen Angelegenheiten kannte er kein Pardon. Das Leben war zu kurz, um sich mit halben Sachen zu begnügen. Deswegen kämpfte er notfalls mit harten Bandagen. Insofern fühlte er sich von Michaels Aussage geschmeichelt. „Wie ich dich kenne, hast du bestimmt eine andere Lösung parat“, meinte er und schaute zu einem dunkelhaarigen Mädchen, das sich auf den Schoß eines pummeligen Jungen mit Pusteln im Gesicht setzte, der seine Hand besitzergreifend auf ihre Oberschenkel legte. Die Kleine war vermutlich im ähnlichen Alter wie seine Tochter, aber bis zu den Zähnen geschminkt. Ihr knapper schwarzer Minirock ließ wenig Spielraum für Fantasie und das bauchfreie rote Top musste früher ein BH gewesen sein, der nach dem Waschen aus dem Leim gegangen war. „Hast du eigentlich Leni gesehen?“

„Sie sitzt in der Lobby und spielt auf ihrem Handy.“

Beruhigt lehnte sich Jack zurück. „Also, was ist nun? Wie komme ich auf schnellstem Weg zu Mister Winter?“, verlagerte sich sein Interesse wieder auf das Geschäftliche.

Michael schälte sich aus seiner grauen Anzugjacke, die er auf den leeren Stuhl neben sich warf. „Der Hotelchef würde dir seinen Geländewagen leihen“, ließ er verlauten.

„Tatsächlich?“ Wenn das Fahrzeug im ähnlichen Zustand war wie das Hotel, würden sie es keine zehn Meter weit schaffen, obwohl es vermutlich die ärgste Schrottkiste nicht mit der Karre dieser Annie aufnehmen konnte.

„Worüber amüsierst du dich?“, erkundigte sich Michael.

Jack schaute ihn verwirrt an. „Über nichts. Warum?“

„Du schmunzelst.“

„Ich schmunzle nicht.“ Jack verdrängte den Gedanken an die Frau mit dem komischen Auto und der noch komischeren Uhr. „Vielmehr sondiere ich die Lage. Hast du dir den Wagen angesehen? Taugt er etwas?“

„In dieser Hinsicht lässt sich der Hotelchef nicht lumpen. Das Feinste vom Feinsten, sage ich dir. Deswegen ist der Wagen natürlich nicht umsonst“, druckste Michael auf einmal herum, beugte sich vor – wodurch der Tisch in leichte Schieflage geriet – und spielte mit dem Salzstreuer, in dem fast nur Reiskörner zu sehen waren. „Pro Tag verlangt er fünfhundert Pfund.“

„Das ist Wucher“, empörte sich Jack. „Du hast diesem Halsabschneider hoffentlich die Meinung gesagt.“

„Wir haben keine andere Wahl, und es ist ja nicht so, als könntest du dir die Summe nicht leisten. Die Hauptsache ist doch, dass du den Termin mit Mister Winter erfolgreich hinter dich bringst.“

„Das Geld ist nicht mein Problem. Ich mag es diesem Harry nur nicht in den gierigen Rachen werfen. Er ist nicht gerade ein Sympathieträger.“

Michael schob den Salzstreuer neben den Aschenbecher mit roter Werbeaufschrift und musterte Jack. „Sieh an. Du vermischst Persönliches mit Geschäftlichem.“

„Das mache ich nicht.“

„Doch, das tust du“, blieb Michael grinsend bei seiner Meinung.

„Und wenn schon. Ein geliehenes Fahrzeug ist kein Millionengeschäft. Deshalb darf ich mir etwas menschliche Regung durchaus leisten.“ Schwungvoll schlug Jack die Unterlagenmappe zu. „Der Vertrag ist in Ordnung. Jetzt fehlt lediglich die Unterschrift von Mister Winter.“ Im Geist sah Jack das Küstendorf bereits vor sich. Mit einer beeindruckenden Skyline, bunten Leuchtreklamen, einem Hafen für millionenschwere Yachten, Shopping-Malls und spiegelverglasten Hochhäusern.

„Ach ja, was ich noch fragen wollte“, grätschte sich Michael in seine verheißungsvollen Gedanken, „an der Limousine ist eine Beule. Hast du eine Ahnung, wieso?“

„Eine Frau ist mit ihrer Autotür dagegen gekracht.“ Eigentlich war diese Annie eine aparte Erscheinung. Langes dunkelblondes Haar, grüne Augen und vorwitzige Sommersprossen prägten ihr Gesicht mit der hübschen Sommerbräune. Trotz ihrer einfachen Jeans und dem T-Shirt mit V-Ausschnitt wirkte sie äußerst anziehend. Zumindest bis sie den Mund aufmachte. Diese Frau war ziemlich schlagfertig und kratzbürstig. Obendrein schien sie sein Reichtum nicht zu beeindrucken. Das war ihm bei Frauen noch nie passiert. „Den Schaden nehme ich auf meine Kappe.“

Michael stutzte. „Ich dachte, sie ist schuld.“

„Ist sie auch.“

Ein Schatten der Erkenntnis huschte über das Gesicht seines Freundes. „Ich verstehe. Sie erinnert dich an Carol.“

Jacks Laune sank sofort auf den Gefrierpunkt. „Kein Stück tut sie das“, dementierte er lauter als beabsichtigt, wodurch es im Raum wie aufs Stichwort still wurde. In der nächsten Sekunde hatten die Jugendlichen wieder ihr Interesse verloren und unterhielten sich lautstark wie zuvor. „Weder äußerlich noch charakterlich“, fügte Jack hinzu. „Deswegen lass die blöden Anspielungen. Außerdem haben wir Wichtigeres zu tun und ich für meinen Teil stelle mir lieber weiterhin vor, wie St. Agnes in einigen Jahren aussehen wird.“ Er hatte keine Lust, über Carol zu sprechen. Weil er niemandem zeigen wollte, wie es tatsächlich in ihm aussah. Nicht einmal Michael. „Ich sollte das Angebot des Hotelchefs annehmen, obwohl ich ihn runterhandeln werde, denn wie sagt Vater so schön: Mit Geld lässt sich zwar alles lösen, aber wenn es ums Bezahlen geht, muss man um jeden Dollar kämpfen.“

Konsterniert blickte Michael ihn an. „Es gab Zeiten, da hast du anders gesprochen.“

„Die sind vorbei“, sagte Jack bestimmt. „Ich habe mir den Platz in Vaters Firma hart erkämpft.“

„Worin ich dir durchaus zustimme. Trotzdem wirkst du allmählich wie sein Klon.“

Michael nahm sich selten ein Blatt vor den Mund, was Jack bisher nie gestört hatte. Diesmal war es anders. „Ich hatte meine rebellische Zeit und was hat sie mir gebracht? Meine Frau ist tot und ich kann von Glück sagen, dass mich Vater wieder eingestellt hat.“

„Der alte Jack gefiel mir besser, der sich gegen seinen Vater auflehnte und dessen Härte verurteilte. Insbesondere Carol trotz dessen Widerstand geheiratet hat. Du hast dich damals mit dem Handel von Antiquitäten selbstständig gemacht und bist völlig in deiner neuen Aufgabe aufgegangen. Nebenbei hast du …“

„Ich kenne mein Leben“, unterbrach Jack ihn zornig.

„Das mag sein“, blieb Michael hartnäckig. „Aber wo sind deine Ziele geblieben? Deine Werte? Natürlich war es hilfreich, dass du durch den Job aus dem Tief herausgekommen bist, dennoch wage ich zu behaupten, dass du es auch ohne die Hilfe deines Vaters geschafft hättest.“ Michael schüttelte den Kopf. „Sieh dich an, Jack. Seit über zehn Jahren musst du dich beweisen. Hart sein wie dein Vater. Erfolgreich. Ein Leben für die Firma. Privates bleibt völlig auf der Strecke.“ So hatte er Michael noch nie erlebt, der sich regelrecht Luft verschaffte, als würde er das alles schon eine Weile mit sich herumtragen.

„Was mich immerhin zum Teilhaber gemacht hat.“

„Dein Vater besitzt weiterhin die Mehrheit.“

„Reine Formsache“, regte sich Jack auf. „Im Übrigen würde ich dir raten, das Thema zu beenden und erinnere dich gerne daran, dass du ebenfalls für meinen Vater arbeitest.“

„Stimmt. Als dein Assistent und Berater. Allerdings bin ich in erster Linie dein Freund und kenne dich besser als du denkst. Auf Dauer wird dich das nicht glücklich machen. Weil nichts davon echt ist. Du überdeckst deine Trauer um Carol mit Geschäftigkeit. Alles ist geplant. Sogar deine Duschzeiten. Vermutlich, um den Erinnerungen keinen Raum zu lassen. Dabei wäre es so wichtig, die Sache mit Carol zu verarbeiten. Für Leni nicht minder. Oder hast du je mit ihr über ihre Mutter gesprochen?“

„Allmählich gehst du zu weit, Michael“, zischte Jack. „Was ich mit meiner Tochter bespreche, ist allein meine Sache. Außerdem ist sie nicht umsonst mitgekommen. Ich will Zeit mit ihr verbringen.“

„Um Versäumtes nachzuholen?“, traf er Jacks wundesten Punkt. „Du hast mit Leni dasselbe gemacht wie dein Vater mit dir. Bloß mit dem Unterschied, dass auf sie keine Mutter zuhause gewartet hat, die sich die Augen nach ihrem Kind ausheulte.“

„Mutter ist gut damit zurechtgekommen.“

„Dir zuliebe. Allerdings wart ihr euch nie so vertraut wie zu deiner Zeit mit Carol. Deine Mom hat Partei für dich ergriffen und nahm deine Frau mit offenen Armen auf. Seitdem du wieder für deinen Dad arbeitest, bist du derselbe Chauvinist geworden und deckst jede seiner Affären. Was du deiner Mom damit antust, scheint dich nicht zu interessieren. Oft genug hat sie sich bei meiner Mutter ausgeheult. Deshalb und aus anderen Gründen solltest du dein Leben gründlich überdenken, denn über kurz oder lang wird dich dein Vater in seine dunklen Machenschaften ziehen. Etwas, das dich damals aus der Firma trieb.“ Michaels Blick war zwingend, dennoch fuhr er bedachtsamer fort: „Du bist mir wichtig, Jack. Auch Leni und deine Mom, die ich von Kindesbeinen an kenne. Deshalb vergiss nie, dass du nicht wie dein Vater bist, egal wie sehr du ihm nacheifern willst. Einer wie er hat kein Gewissen. Du aber schon und irgendwann kommt man jedem auf die Schliche. Selbst einem Mann wie deinem Dad.“ Michael warf einen schnellen Blick auf die goldene Armbanduhr. „Du solltest langsam los.“

„Der erste vernünftige Satz in den letzten zehn Minuten.“ Abrupt sprang Jack hoch und nahm die Mappe an sich. Die Kanten drückten in die Innenflächen seiner Hände. „Ich melde mich, sobald die Sache unter Dach und Fach ist. Leni nehme ich übrigens mit.“ Beinahe fluchtartig verließ Jack den Saal und als er seine Tochter in der hellerleuchteten Lobby erblickte, blieb er neben der verstaubten Plastikpalme stehen, die den halben Lift verdeckte. Leni starrte hochkonzentriert auf das Handy und nagte an ihrer Unterlippe. Die neongelbe Latzhose und das neonpinke Shirt gehörten seit kurzem zu ihren Lieblingsoutfits. Unlängst hatte sie die Sachen in einem Karton am Dachboden gefunden. Eigentlich hatte Jack sie entsorgen wollen, aber er hatte es nicht übers Herz gebracht. Jetzt trug seine Tochter Carols Kleider auf, die ihr wie angegossen saßen.

Leni schaute plötzlich hoch, als hätte sie seinen Blick gespürt. Oder seine Gedanken gelesen. Den Schmerz gefühlt. Die Qual. Jack riss sich zusammen und ging zu ihr. Dabei lächelte er. „Ich fahre nach St. Agnes. Möchtest du mitkommen?“

„Wenn es sein muss“, kam die kaugummikauende Antwort. Große Lust schien sie ja nicht zu haben und wie die Jugendlichen im Saal lag auch sie eher auf dem Stuhl, als dass sie saß. Wieder einmal stellte Jack fest, wie schnell sie erwachsen wurde. „Alles ist besser als diese Langweile.“

„Schön“, meinte er. „Ich muss vorher etwas klären. Warte hier auf mich.“ Leni nickte und widmete sich wieder ihrem Zeitvertreib. Er indessen suchte Harry im Büro auf, und nachdem er ihn auf hundert Pfund heruntergehandelt hatte, wurden ihm feierlich die Schlüssel überreicht.

„Sie sind ein harter Geschäftspartner“, lobte Harry ihn, statt zu bedauern, den Kürzeren gezogen zu haben. Verwunderlich angesichts seiner augenscheinlichen Geldnot, die Jack ihm inzwischen unbenommen glaubte. Als Geschäftsmann übte er deshalb etwas Nachsicht mit ihm. Manchmal war das Einsparen von Personal eben nötig und wer wusste das besser als er selbst? Immerhin warf er ständig Leute raus …

♥

Annie bummelte durch den Ort. Begleitet vom Seewind, der durch die Straßen und Gassen fegte. Dann wiederum schien es, als würde er die Luft anhalten, weil sie keinen einzigen Hauch spürte. Wenigstens waren ihre Tränen getrocknet, obwohl Annie ahnte, dass sie beim geringsten Anlass wieder weinen würde.

Eigentlich hatte sie nach der Kirche auf direktem Weg nach Hause fahren wollen, aber der Anblick des Vaters würde sie noch mehr deprimieren als ohnehin. Deswegen hatte sie sich dazu entschlossen, einige Einkäufe zu erledigen und sich dafür Zeit zu lassen.

In der St. Agnes Bakery empfing sie der typische Geruch nach Backwaren. Ob Brötchen oder süßes Gebäck, auch Pasteten und anderes hatte die Bäckerei im Angebot. Annie lauschte dem Geplauder der Kunden, die über das Wetter oder das bevorstehende Bolster-Festival sprachen und sich mit Kuchen sowie Lamm-Minze-Wurstrollen eindeckten. Als sie an der Reihe war, kaufte sie einen Laib Brot, vier Butterbrötchen und nahm sich trotz gähnender Leere in ihrer Geldbörse ein Caramel-Shortbread mit. Etwas Nervennahrung konnte nicht schaden.

Als sie wieder ins Freie trat, schob sie die Einkäufe in ihre Tasche und biss vom Shortbread. Ohne irgendein Ziel ging sie weiter. St. Agnes war schon belebter gewesen, doch in spätestens einem Monat würden wieder Touristen über den Ort herfallen. Im Augenblick war es ihr nur recht, dass sie kaum jemandem begegnete – nicht einmal Einheimischen – weil sie weder Lust zum Grüßen noch zum Reden hatte.

Sehnsüchtig warf Annie einen Blick zum Beauty-Salon auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Noch nie hatte sie das Geschäft von innen gesehen und konnte sich lebhaft vorstellen, wie gut eine Auszeit im Salon tun würde. Auch das erlesene Antiquitäten-Geschäft vom alten Harold nahe dem Gemeindezentrum hatte sie bisher nur aufgesucht, weil er zur Clique gehörte, denn bei seinen Preisen vibrierten ihre Ohren.

Minnie war da um einiges günstiger mit ihrem Souvenirgeschäft. Ihr Mann Duncan war vor kurzem pensioniert worden und froh darüber, seinen langweiligen Job als Elektriker an den Nagel hängen zu können. Zeit seines Lebens hatte er ohnehin von einer Musikkarriere geträumt. Nun trat er manchmal mit seiner Gitarre in der Aloha-Bar auf. Früher war Annie mit Josie und später mit Roger oft dort gewesen wie auch im Taphouse, einer Après-Sea-Bar. Sie liebte die Atmosphäre und die Live-Bands, die dort spielten. Aber seitdem Josie weggezogen und es mit Roger aus war, hatte sie die Lokale nur sporadisch besucht. Es hingen zu viele Erinnerungen daran. Auch jetzt versetzte ihr der Gedanke an ihren Ex einen heftigen Stich.

Dabei hatte alles so romantisch begonnen. Im Chiverton-Park hatten sie sich zum ersten Mal geküsst, auf der Trevaunance-Road gestand er ihr seine Liebe, in der Trelawny-Road war er zuhause und … vor dem alten Schulhaus hatte sie ihn knutschend mit dieser Hexe Trish erwischt. Dort endete ihre Liebesgeschichte schließlich, weil Annie an Ort und Stelle mit ihm Schluss gemacht hatte. Seitdem begegnete sie ihm und Trish in der Pizzeria oder vor dem veganen Geschäft, in dem er stets einkaufte, da Roger äußerst gesundheitsbewusst lebte. Auch beim Driftwood war sie vor ihm und Trish nicht sicher gewesen, ebenso vor dem St. Agnes Hotel, beim Barber-Shop, dem Cuckoo Café,beim Blumenladen oder wie zuletzt bei Churchtown Arts … das war kurz vor Weihnachten gewesen. Sie hatte für ihren Vater nach einem Geschenk gesucht – Roger wollte eins für Trish kaufen, was er ihr natürlich brühwarm erzählen musste! Doch das Schlimmste war, dass Annie die beiden am Silvestertag im Chiverton-Park gesehen hatte. Hand in Hand waren sie völlig versunken an ihr vorbeispaziert. Der Schmerz war kaum auszuhalten gewesen.

„Annie, Kleines, huhu!“ Minnie stand plötzlich wie aus dem Nichts vor ihrem Souvenir-Geschäft und winkte ihr fröhlich zu. Wie üblich trug sie einen altmodischen Faltenrock mit Schottenmuster und einen ihrer legendären Rollkragenpullover, in die sie sich vermutlich täglich hineinschoss, so eng saßen die Teile. Das brachte ihre ohnehin große Oberweite noch mehr zur Geltung, von den üppigen Rundungen ganz zu schweigen. Abgesehen von ihrem etwas eigenartigen Modegeschmack und der Tatsache, dass sie sich bei jedem Verkauf verrechnete – natürlich zu ihrem Vorteil – war Minnie eine warmherzige und liebenswürdige Frau.

„Hallo, Minnie“, grüßte Annie über die Straße hinweg und beschleunigte ihre Schritte. So gern sie Minnie hatte, an ihrer Lustlosigkeit auf ein Gespräch hatte sich in den letzten Minuten nichts geändert.

„Willst du nicht rüberkommen?“

„Keine Zeit“, rief Annie zurück.

„Tatsächlich?“, schmetterte Minnies Stimme über die Straße herüber. „Ich dachte, du bist deinen Job los. Zumindest einen von zwei.“

Peinlich berührt schaute sich Annie um, bevor sie die Straße überquerte. Dabei wickelte sie ihr angebissenes Shortbread in das Papier. „Geht es noch lauter? Und woher verdammt weißt du davon?“, zischte sie, als sie vor Minnie stand.

„Die Wege des Herrn sind unergründlich.“

„Jeremy?“, entsetzte sich Annie und ein Blick in Minnies Gesicht genügte, um Gewissheit zu haben. „Er hat ein Beichtgeheimnis ausgeplaudert!“

„Warst du denn beichten?“, hakte Minnie spitz nach.

„Das nicht gerade … oh, diese alte Tratschtante!“

„Sei ihm nicht böse“, bat Minnie. „Als er mich vorhin anrief und eine neue Schlafmaske bestellte, habe ich sofort gemerkt, dass es ihm nicht gut geht. Du kennst ihn ja. Jeremy trägt das Herz auf der Zunge. Aber er meint es nur gut und macht sich Sorgen um dich, so wie wir alle.“ Prüfend taxierte sie Annie von oben nach unten. „Du solltest übrigens auf süße Leckereien verzichten.“

Genau das hatte Annie noch gebraucht. Vor allem nicht in Anbetracht dessen, dass Trish eine sportliche Frau war mit einer Figur, auf die jedes Mannequin neidisch gewesen wäre.

„Kein Grund, den Kopf hängen zu lassen, Mädchen. Du bist hübsch wie eh. Allerdings sieht man dir die Sorgen an. Geht es deinem Vater noch immer nicht besser?“

Mittlerweile hasste Annie diese Fragen. „Erkundige dich bei Jeremy. Der kann dir sicher eine Antwort darauf geben.“

„Ich möchte sie aber von dir hören.“ Minnie hob die Hände, wie es Annies Onkel beim Predigen oft tat. „Verflucht, habe ich zu Jeremy gesagt, Joseph braucht eine Aufgabe.“ Sie schüttelte den grau melierten Kopf und strich sich über die hochroten Wangen. Minnie hatte ein grobschlächtiges Gesicht und war in armen Verhältnissen aufgewachsen. Ihre Eltern hatten eine Farm im Hinterland betrieben, allerdings hatte Minnie seit ihrer Hochzeit mit Duncan weder zu ihnen noch zu den Geschwistern Kontakt gehabt. Inzwischen waren die Eltern verstorben, doch das hatte nichts am schlechten Verhältnis zu den Geschwistern geändert. „Duncan und Harold sind übrigens derselben Meinung.“

„Ich wüsste nicht, was Vater dazu bewegen könnte, sich gebraucht zu fühlen.“

„Deine Mutter vielleicht?“ In ihrem Blick lag ein seltsamer Ausdruck.

„Hat dich Jeremy angesteckt?“, machte Annie ihrem Unmut Luft.

„Ich lasse mich von niemand beeinflussen, so gut solltest du mich kennen. Da ich aber Marys beste Freundin bin, mache ich mir meine eigenen Gedanken. Insofern bitte ich dich inständig, nicht so hart mit ihr ins Gericht zu gehen. Wir machen alle Fehler.“

„Und schubsen andere damit in den Abgrund?“

„Dein Vater ist alt genug. Niemand hat ihn gezwungen, zur Flasche zu greifen.“

„Mag sein, dennoch war es egoistisch von ihr, ihn auf diese Weise zu verlassen. Noch dazu hat sie ihn betrogen!“, wurde Annie lauter, weil sie allmählich das Gefühl hatte, sich ständig verteidigen zu müssen. Davon abgesehen fand sie es ungerecht, dass sich offensichtlich jeder hinter die Mutter stellte. Ganz unrecht hatte ihr Dad demnach nicht gehabt. „Das ist unterste Schublade, gemein, hinterhältig und feige. Verlogen und niederträchtig!“

„Sprechen wir noch über deine Mutter oder bereits von Roger?“

Annie fühlte sich ertappt. „Der Typ kann mir gestohlen bleiben. Ebenso wie Mom.“

„Du musst endlich abschließen. Mit allem.“ Minnie trat einen Schritt näher und beugte sich verschwörerisch zu ihr, nachdem sie sich wie ein Cop umgesehen hatte, der einen Angriff aus dem Hinterhalt befürchtete. „Auch ich musste auf die harte Tour lernen, dass man gewisse Dinge im Leben nicht ändern kann. Rose hat mir sehr dabei geholfen. Geh zu ihr, sie könnte bestimmt dasselbe für dich tun.“

„Du meinst hoffentlich nicht Hokuspokus-Rose?“

Eifrig nickte Minnie. „Rose sieht Dinge, dass einem ganz anders wird und bisher ist alles eingetroffen. Probier es aus, danach kannst du immer noch lästern.“

Annie winkte ab und schaute zur Seitenstraße. Versteckt hinter einer Dattelpalme befand sich Roses kleines Geschäft, die Räucherkerzen, Duftseifen und andere überflüssige Dinge verkaufte. „Das ist nichts für mich, denn die Lösung meiner Probleme findet sich bestimmt nicht im Kaffeesatz.“

„Stimmt, eine Lösung kann sie dir nicht servieren, aber neue Perspektiven.“ Wie ein junges Mädchen eilte Minnie plötzlich zur Tür, zog die Silberkette mit dem Schlüssel unter ihrem Rollkragen hervor und verschloss das Geschäft, wozu sie sich etwas runterbeugen musste. Wie gewohnt hatte man bei solchen Gelegenheiten einen freien Blick auf den Ansatz ihres blanken Hinterteils, da sich der Pulli hochschob und der Rock in die entgegengesetzte Richtung abdriftete. Nicht zum ersten Mal stellte sich Annie die Frage, ob es Minnie mit der Unterwäsche hielt wie die Schotten … ein Gedanke, den sie jedoch sofort vergaß, weil sie energisch an die Hand genommen und in Richtung Seitenstraße gezogen wurde. „Manche Menschen muss man eben zu ihrem Glück zwingen.“

„Bist du verrückt?“ Annie riss sich von Minnie los. „Ich will nicht zu dieser Frau.“

„Und ob du willst!“ Minnie stemmte die Hände in die Hüften. „Es sei denn, du kannst allein damit fertig werden, dass dein feiner Roger am Tag des Bolster-Festivals heiratet.“

Annie starrte Minnie an. „Was … was sagst du da?“, stammelte sie den Tränen nahe. Die beiden waren erst seit einigen Monaten zusammen und nun wollte er diese Kuh sogar heiraten?

„Tut mir leid, dass ich mit der Tür ins Haus falle.“ Minnie wirkte nicht, als würde sie das schlechte Gewissen zerfressen. „Aber du kennst mich. Ich fackle nicht lange herum.“

„Nein, besonders sanft bist du tatsächlich nicht.“ Das durfte nicht wahr sein! Roger wollte tatsächlich heiraten? Etwas, das sich Annie immer für sich selbst gewünscht hatte. „Woher weißt du das? Von … von Jeremy?“ War er deswegen so hektisch geworden? Weil er Roger und Trish erwartet hatte?

„Der kleine Hosenscheißer hatte Angst davor, es dir zu erzählen. Allerdings wollten wir, dass du es von uns erfährst. Umso dringender brauchst du jetzt psychologischen Beistand. Wir können unmöglich dabei zusehen, wie du langsam vor die Hunde gehst. Und nun komm. Rose schließt gleich.“

„Diese Frau ist keine Psychologin, ganz im Gegenteil“, schnaubte Annie. „Wenn du mich fragst, hat Rose selbst eine nötig.“

„Dich fragt aber keiner! Hat der saubere Roger auch nicht getan, bevor er mit Trish ins Bett gehüpft ist.“ Minnie nahm ihr das Shortbread aus der Hand, bevor sie Annie wieder an die Kandare nahm, die sich diesmal widerstandslos mitziehen ließ, weil alles in ihr erlahmte. Nur ein Gedanke beherrschte sie und raubte ihr beinahe die Sinne: Roger wollte heiraten! Wie konnte er ihr das antun? Als hätte es die gemeinsame Zeit nie gegeben, legte er sie ab wie einen gebrauchten Mantel, den man möglichst schnell mit einem neuen austauschte. Bei Todesfällen nahm man doch auch nicht sofort den Nächstbesten, sondern ließ aus Anstand etwas Zeit verstreichen! Den schien ihr Ex jedoch nicht zu haben. Oder gab es einen triftigen Grund für die schnelle Hochzeit? War Trish womöglich … schwanger?

♥

Kaum hatte Jack vor der Villa geparkt, sprang Leni aus dem Auto und blickte sich um. Natürlich mit dem Handy in der Hand.

„Das ist der Hammer, Dad. Schau dir bloß die Aussicht an! Ein Traum, oder?“ Ihre großen Ohrringe klimperten wie die vielen Armbänder, die sie neuerdings trug.

Jack verschloss den Geländewagen, der tatsächlich über allerhand Technik verfügte. Sogar mit einem Navi war er ausgestattet. Leider auch mit einem dieser Duftbäumchen. Der künstliche Geruch hatte sich förmlich in seine Nase gebrannt. Sein armer Laptop auf dem Rücksitz würde vermutlich tagelang danach stinken.

„Es ist umwerfend“, schwärmte Leni munter weiter, während er an ihre Seite trat.

Sie hatten einen freien Blick auf St. Agnes und das aufgewühlte Meer. Selbst von hier oben konnte man die Gischt sehen, wenn die Wellen gegen Felsen brandeten. Unten an der Bucht spazierten einige Menschen am Strand entlang. Gelbe Kajaks reihten sich nahe dem Wasser auf, umringt von Leuten in Neoprenanzügen. Zwei von ihnen lösten sich aus der Gruppe und marschierten auf das Beach Café zu, dessen Name Jack entfallen war. Da dieses Grundstück jedoch nicht zum Verkauf stand, konnte er das durchaus verschmerzen. Anders verhielt es sich mit einem alten Zinnwerk und vor allem mit dem Geschäftshaus am Fuße der Küstenstraße, bei dem er kurz angehalten hatte. Wie sich bei der Recherche herausgestellt hatte, gehörte es beinahe der Bank und wirkte in Natura noch baufälliger als auf den Bildern. Ein großer Verlust würde dieser Schandfleck nicht sein. Insofern dürfte es ein Spaziergang werden, die Verantwortlichen auf seine Seite zu ziehen. Notfalls mit Schmiergeldern, die in jeder Branche ein gern gesehenes Zahlungsmittel waren … sogar in Banken. Danach erhöhte diese den Druck auf die Schuldner, denen irgendwann die Luft ausging. So zumindest hatte es ihm der Vater eingebläut.

Zufrieden atmete Jack tief ein und wischte sich über die feuchte Stirn. Für Ende April war es ziemlich warm. Bedingt durch den Golfstrom herrschte in Cornwall mildes Atlantikklima vor, wodurch die Gegend für britische Verhältnisse vergleichsweise sonnenverwöhnt war. Sogar Keulenlilien und kanarische Dattelpalmen hatte er bei der Herfahrt gesehen, die viele Gärten oder Parkanlagen schmückten. „Nicht übel“, ließ er verlauten und erspähte weiter unten an einer Kurve den Möbelwagen, der ihnen kurz vor der Villa untergekommen war.

„Nicht übel?“ Leni blickte ihn an, als wäre sie über seine Aussage enttäuscht, bevor sie sich zur Villa umdrehte. Jack tat es ihr nach und ließ den Bau auf sich wirken. Hier an der Küste schienen viele ein Faible für Weiß zu haben, doch da die Villa ohnehin in einigen Wochen nicht mehr stehen würde, tangierte ihn das nicht weiter. Um die verschnörkelten Säulen war es zwar schade, aber wo gehobelt wurde fielen Späne. So würde auch die großzügige Veranda mit der Rattan-Sitzecke weichen müssen, die Jack an einige Südstaaten-Filme erinnerte, die seine Großmutter früher gerne geschaut hatte.

„Kaufst du das Haus, Dad?“

„Das habe ich vor, ja.“

„Darf ich es mir ansehen?“

„Dazu sind wir hier. Also, lass uns Mister Winter suchen.“

Knapp vor der grün getünchten Tür eilte ihnen ein älterer Herr entgegen, der von der Rückseite der Villa kam. Er trug eine blaue Cordhose, ausgetretene Filzschuhe, ein kariertes Hemd und einen Strohhut. Nachdem er sich als Mister Winter vorgestellt hatte, vertieften sich er und Jack in das Verkaufsgespräch, wobei ihn der alte Herr mit Leni im Schlepptau durch die einzelnen Räume führte. Dabei tat Jack interessiert, da Mister Winter jede noch so unscheinbare Kleinigkeit in den Mittelpunkt rückte. Das war ein klares Indiz dafür, dass er sich mit dem Verkauf schwertat. Deshalb musste Jack Anerkennung heucheln, worin er einer der Besten war. Gelernt war eben gelernt.

„Über vierzig Jahre lang habe ich hier mit meiner Frau gelebt“, erzählte Mister Winter, als sie über die breite geschwungene Treppe zum Erdgeschoss hinuntergingen, das mit Schachbrettfliesen ausgelegt war. Möbeltechnisch war das Haus beinahe ausgeräumt. Nur die Küche war vollwertig ausgestattet, in zwei Schlafzimmern standen Betten und im Wohnzimmer ein rotes Sofa. „Aber nach ihrem Tod erinnert mich zu viel an sie.“ Jack fasste nach dem Geländer und dachte an Carol. „Wissen Sie, ich habe Beth sehr geliebt.“

„Ich bedauere Ihren Verlust, Mister Winter.“

Der alte Mann blieb unten am Treppenabsatz stehen. Auch Jack und Leni hielten ein.

„Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass Sie ehrlich sind“, sagte Mister Winter.

„Ich habe keine Ahnung, was Sie meinen.“ Jacks unangenehmes Gefühl verstärkte sich.

„Doch, die haben Sie.“

„Tut mir leid, Sie sprechen in Rätseln.“

„Dagegen sind Sie wie ein offenes Buch für mich. Meine alten Geschichten interessieren Sie nicht die Bohne, habe ich recht?“ Der alte Mann schien die Beobachtungsgabe eines Luchses zu haben. Dabei hatte Jack gedacht, dass er leichtes Spiel hätte. „Nun, junger Mann, soll ich Ihnen alles aus der Nase ziehen? Oder warten wir darauf, dass sie wie bei Pinocchio wächst?“ Als hätte er Jack gerade ein Lob ausgesprochen, legte er ihm die Hand auf die Schulter. Sein unter dem Hut hervorquellendes Haar glänzte silbern im hereinfallenden Tageslicht wie sein Bart. Altersflecken prägten sein Gesicht und die Hände, die etwas zitterten. Wie der Mund, wenn er sprach. Die blauen Augen wirkten trüb, als hätte sich ein Schleier darübergelegt. Die Haut war faltig und zeugte von einem bewegten Leben. „Was haben Sie wirklich mit meinem Zuhause vor? Wollen Sie es umbauen und so verändern, dass man es nicht mehr wiedererkennt?“

„Wo denken Sie hin?“, log Jack. „Ich möchte alles so belassen wie es ist. Meine Tochter und ich werden uns hier bestimmt sehr wohlfühlen, denn ehrlich gesagt habe ich schon lange nach einem Sommerhaus wie diesem gesucht.“ Herrgott, dieser Mann brachte ihn langsam aber sicher in die Bredouille.

„Wo ist Ihre Frau, wenn ich mir die Neugier erlauben darf?“ Mister Winter zog die Hand von Jacks Schulter, der zu seiner Tochter schaute, die mit gesenktem Kopf dastand.

„Carol starb bei Lenis Geburt“, antwortete er leise. Meinetwegen, hämmerte es in seinem Inneren und er versuchte die Bilder zu verdrängen. Bilder, die ihm jede Nacht den Schlaf raubten und ihn auch untertags häufig verfolgten.

„Dann versprechen Sie mir in Carols Namen, dass Sie diese Villa in Ehren halten werden.“

Jack war wie vom Donner gerührt. „Lassen Sie meine Frau aus dem Spiel.“

„Das geht nicht.“ Mister Winter sah ihm streng in die Augen. „In diesen Mauern steckt ein halbes Leben. Eines voller Liebe und Vertrauen. Auch ein erfülltes. Meine zwei Mädchen sind hier aufgewachsen und haben im Garten geheiratet. Jede Einzelne. Weil sie den Zauber dieses Hauses nie vergessen haben. Egal, wohin das Leben sie geführt hat. Deshalb war es auch ihr Wunsch, dass ich es nur an jemandem verkaufe, der diese Liebe spüren kann. Als Sie Ihre Frau erwähnten, tat ich es. Aber Sie haben dieses Gefühl mit ihr begraben.“ Nun wurde sein Blick beschwörend. „Holen Sie es sich zurück, bevor Sie ein unglücklicher alter Mann werden.“

Hatten sich denn alle gegen ihn verschworen?

„Damit sind Sie bei Dad an der falschen Adresse.“, mischte sich Leni ein, wofür sie Jacks zornigen Blick erntete. „Was denn?“, schob sie zu allem Überfluss nach. Das war es dann wohl mit dem Geschäft!

Mister Winter lachte jedoch, was Jack überrascht zur Kenntnis nahm. „Ihre Tochter gefällt mir“, stellte er schließlich fest, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. „Sie erinnert mich an meine Frau. Die ließ sich auch nie etwas sagen und hat mich in die unmöglichsten Situationen gebracht.“

„Wem sagen Sie das.“ Jack lächelte. Noch schienen die Felle nicht endgültig davongeschwommen zu sein.

„Steht Ihnen übrigens gut.“

„Was?“

„Wenn Sie lächeln. Das sollten Sie öfter tun. Wie alt sind Sie? Ende dreißig?“

„Ich bin vor einem Monat vierzig geworden.“ Jacks persönliche Grenze war schon bei Weitem überschritten. Andererseits, was tat man nicht alles für ein gutes Geschäft?

„Dann haben Sie genügend Zeit, um das Glück wiederzufinden“, meinte Mister Winter mit einem gespannten Schmunzeln. „Ich verkaufe Ihnen die Villa.“

Nun war Jack perplex. „Sind Sie sicher?“

„Ja, das bin ich. Weil ich fest daran glaube, dass Sie hierherkommen mussten, damit Ihr Herz wieder auftaut. Und das wird es, Mister Flatley. Ein Sommer in St. Agnes kann vieles verändern. Ich weiß, wovon ich spreche. Allerdings möchte ich im Vertrag, den Sie mir vorab geschickt haben, eine Passage hinzufügen.“

„Die da wäre?“ Jack schwante Böses.

„Sie müssen meine Putzfrau übernehmen. Das Mädchen ist eine Perle und hat es nicht leicht.“

„Ich brauche keine Putzfrau.“

„Irrtum. Das tun Sie. Sonst ist der Deal gestorben.“

„Eine Putzfrau ist doch super, Dad“, stellte sich Leni auf die Seite von Mister Winter und tauschte einen Blick mit ihm, als hätten sie die absurde Forderung gemeinsam von langer Hand geplant.

„Nun? Sind wir im Geschäft?“

Jack nickte widerwillig. „Meinetwegen. Ich füge die mündliche Vereinbarung händisch im Vorvertrag hinzu. Alles weitere machen unsere Anwälte.“

„Schön.“ Mister Winter grinste und zeigte eine Reihe gelber Zähne. „Es wird Ihnen in St. Agnes gefallen, mein Junge.“ Die vertraute Anrede berührte Jack. Aber nur kurz. Hier ging es um ein Geschäft. Nicht mehr und nicht weniger.

„Davon gehe ich aus“, murmelte Jack und schlug ein, als ihm Mister Winter die Hand entgegenstreckte.

„Dann lassen Sie uns unterzeichnen.“ Er drückte Jacks Hand, bevor er sie losließ. „Ich muss nämlich dringend zum Flughafen, ehe ich es mir anders überlege.“

„Wohin fliegen Sie?“, fragte Leni, die beinahe traurig klang. Dabei kannten sich die beiden kaum. Jack indes hatte eine leise Ahnung. Mister Winter verkörperte einen Großvater, wie man ihn sich vermutlich in Lenis Alter vorstellte. Gemütlich, bedächtig, gütig – vom Äußeren her ähnelte er Carols Dad Robert, den Leni viel zu selten zu Gesicht bekam, obwohl sie sehr an ihm hing. Doch bisher hatte Jack den Kontakt eher unterbunden, als ihn zu fördern. Auch auf den Rat seines Vaters hin, der das genaue Gegenteil war. Sogar in der Freizeit trug er Anzüge, war penibel, ordentlich und achtete auf gute Umgangsformen.

„Nach Berlin“, gab Mister Winter bereitwillig Auskunft, während sich Leni das Handy in die ausgebeulte Hosentasche schob. „Dorthin, wo ich aufgewachsen bin. Sozusagen eine letzte Reise in die Vergangenheit und zu meinen Wurzeln. Ein Gedanke, mit dem ich schon lange spiele. Bisher schreckte ich jedoch davor zurück. Angst vor der eigenen Courage nennt man das wohl. Manchmal sollte man aber über den eigenen Schatten springen und neue Wege gehen.“ Beim letzten Satz hatte er Jack angesehen, der sich fragte, ob sich Michael und der alte Mann hinter seinem Rücken ausgetauscht hatten. Allerdings verwarf er den Gedanken gleich wieder, weil er völlig abwegig war. Ferner war es sein Leben und das ging keinen von beiden etwas an!

♥

Eine halbe Stunde später war Jack mit Leni alleine in der Villa und hatte sämtliche Anspielungen des alten Mannes wieder vergessen. Besser gesagt wurden sie von der Freude über das gelungene Geschäft verdrängt. Dem Wermutstropfen mit dem Passus maß Jack nicht allzu viel Bedeutung bei. Solche Schönheitsfehler konnte man ausmerzen, sein Dad fand immer Möglichkeiten. Das war bisher so gewesen und das würde auch in diesem Fall nicht anders sein. Außerdem war ein Abriss der beste Grund, um jemandem zu kündigen. Noch dazu hieß die Putzfrau Annie Murphy. Wenn es nicht zwei Frauen mit diesem Namen in St. Agnes gab, musste es sich um die Besitzerin des Geschäftshauses handeln, auf das er ein Auge geworfen hatte. Ohne diesen Job würde sie womöglich in finanzielle Schieflage geraten, was seinen Plänen mehr als entgegenkam. Tja, scheinbar hatten es Frauen namens Annie in Cornwall nicht leicht.

Ein Glas Champagner wäre jetzt genau das Richtige, denn das Schicksal meinte es gut mit ihm und während Jack einer Annie geholfen hatte, würde er der anderen den Gnadenstoß versetzen.

„Daddy?“ Leni zog ihn am Hemdärmel. Jack blieb vor der Küchentür stehen. „Hörst du mir eigentlich zu?“

„Natürlich“, schwindelte er.

„Dann bekomme ich wirklich eine YouTube-Ausstattung mit allem Drum und Dran?“ Ihre blauen Augen schimmerten feucht, als hätte er bereits zugesagt. Hatte er? „Oh, das wird klasse. Ich werde richtig durchstarten und zur einflussreichsten Influenza werden, die diese Welt je gesehen hat.“

„Noch ist das letzte Wort darüber nicht gesprochen“, wand sich Jack, der seiner Tochter kaum etwas abschlagen konnte. In diesem Fall lag die Sache jedoch etwas anders. Leni steckte mitten in der Pubertät und entwickelte sich langsam zur Frau. Auf der anderen Seite konnte sie ziemlich kindlich sein und war gesprächig wie eine Plaudertasche. Deswegen war abzusehen, dass sie alles über YouTube in die weite Welt hinausposaunen würde. Selbst ihre Auseinandersetzungen, die sich in der letzten Zeit häuften. Sogar dieses Geschäftsgespräch wäre nicht vor ihrem Plappermäulchen sicher. Von Bildern in Bikinis und Miniröcken ganz zu schweigen.

„Bitte!“ Leni zog ihren berühmt-berüchtigten Schmollmund. „Meine besten Freunde haben auch einen eigenen Kanal.“

„Welche Freunde meinst du? Die auf Facebook?“

„Ich habe schon über fünfhundert.“ Wie stolz sie aussah.

Jack ging in die Küche, die im Kolonialstil eingerichtet und mit den neuesten Geräten ausgestattet war. Sogar einen High-Tech-Induktionsherd gab es. Doch das war nichts gegen den antiken Holzherd, der den Mittelpunkt bildete. An der Wand darüber hingen ein paar Suppenkellen in verschiedenen Größen, ein Pfannenwender und ein Edelstahlsieb. Der abgewohnte Walnusstisch nahe den Fenstern bot Platz für mindestens zehn Personen. Die alten Dunkelholzstühle wiesen schöne Schnitzereien auf. Jacks Blick fiel auf jenen am oberen Ende, auf dem Mister Winter vorhin gesessen hatte. Ob das in den letzten vierzig Jahren sein Platz gewesen war?

„Die Lampen sind cool.“ Leni schaute zur Decke hinauf, während sie am Tisch vorbeiging. „Sie sehen aus wie Laternen.“

Auch Jack riskierte einen Blick. An einer Silberstange hingen drei Lampen herunter. Ganz hübsch, aber nicht sein Geschmack. Genauso wenig wie die Vorhänge mit dem Blumenmuster oder das violette Radio auf dem Fensterbrett. „Um darauf zurückzukommen: Facebook-Freunde sind keine richtigen Freunde, Leni.“

„Woher willst du das wissen, Dad? Du hast ja nicht einmal ein Profil.“

„Und trotzdem lebe ich noch“, blieb er bei seinem Standpunkt, denn diese Debatte hatten sie schon unzählige Male gehabt. „Als ich jung war, haben wir uns nicht in einer virtuellen Welt getroffen, sondern in der realen. Und wenn wir etwas gemocht haben, wurde es nicht geliked, sondern dem anderen gesagt. Ich wünschte, du könntest diese Zeit erleben, als es noch um echte Emotionen ging! Um wahre Freundschaften, die diese Bezeichnung auch verdient haben.“

„Echte Emotionen? Wahre Freundschaften? Ich sehe dich nur arbeiten, Dad.“

„Werd ja nicht frech!“

„Ich sag doch bloß“, mokierte sich Leni und setzte sich auf die marmorne Arbeitsfläche.

Jack blickte ermahnend zu seiner Tochter. „Außerdem hast du ständig dein Handy im Kopf. Das muss ein Ende haben, sonst werde ich es beschlagnahmen. Immerhin lassen deine schulischen Leistungen sehr zu wünschen übrig.“

Trotzig reckte sie das Kinn. „Steve Jobs hat es ohne Collegeabschluss geschafft. Mark Zuckerberg verließ angeblich Harvard und Präsident Lincoln soll die Schule kaum von innen gesehen haben. Dennoch haben alle Karriere gemacht.“

„Was sicherlich Respekt verdient. Allerdings ist das bestimmt nicht die Regel. Eine gute Ausbildung kann dir sämtliche Türen öffnen. Vor allem brauchst du sie jedoch, wenn du in meine Fußstapfen treten willst.“

„NB. Ich habe andere Zukunftspläne, Dad.“

„Du fängst jetzt nicht wieder mit der Schauspielschule an.“

„Und wenn?“ Herausfordernd blickte sie ihn an.

„Brotlose Kunst, mehr ist das nicht. Wovon willst du später einmal leben, wenn du keine Engagements hast? Von der Hand in den Mund?“

„Du könntest mich unterstützen, statt mir ständig alles madig zu reden.“

„Was meinst du konkret mit Unterstützung? Dass ich dir eine Wohnung bezahlen soll? Ein Auto, Essen und Kleidung? Hör mal, Leni, nur weil du einen reichen Vater hast, solltest du nicht davon ausgehen, dass du den goldenen Löffel bis ans Lebensende im Mund behalten wirst. Ich will Leistung sehen, dann können wir darüber sprechen, ob ich dir eventuell eine monatliche Finanzspritze zubillige.“ Jack hatte das Gefühl eines Déjà-vus. Ein ähnliches Gespräch hatte er selbst vor vielen Jahren mit dem Vater geführt. Nicht nur einmal. Allerdings war er älter gewesen als Leni, hatte aber wie sie plötzlich alles hinterfragt.

„Dein Geld brauche ich nicht, Dad. Ich schaffe es auch ohne dich.“

Ob sich sein Vater damals genau so hilflos gefühlt hatte? „Übrigens will Senta in ein paar Tagen nachkommen“, wechselte Jack das Thema, obwohl er im selben Moment wusste, dass er damit vom Regen in die Traufe sprang. Doch Senta gehörte nun mal zu ihrem Leben dazu.

Lenis Miene zog sich zusammen, als hätte sie in eine saure Zitrone gebissen. „Muss das sein? Ich dachte, dass nur wir beide Zeit in England verbringen.“

„Das tun wir ja, aber irgendwann solltest du den Unterricht wieder aufnehmen.“ Senta war Lenis Privatlehrerin. Eine attraktive Frau, die irgendwann zu seiner Lebensgefährtin wurde. „Obendrein weiß sie genau, was junge Mädchen mögen und ihr habt die Möglichkeit, euch auf andere Art und Weise kennenzulernen.“

„Ich mag Senta nicht.“ Eine Aussage, die er ständig von seiner Tochter hörte.

„Weil du ihr keine Chance gibst.“ Jack warf einen Blick aus dem Fenster. Am Horizont zogen Wolken heran. „Bei den vielen Kindermädchen, die ich für dich engagiert habe, hast du dich genauso bockig verhalten.“

„Die waren alle doof.“

„Natürlich sind wieder nur die anderen schuld.“ Warum gab es keine Gebrauchsanweisung für jedes Kind? „Wir sollten versuchen, uns irgendwie zu arrangieren“, verlegte er sich auf die sanftmütige Tour. „Immerhin werden Senta und ich bald heiraten.“ Jack klopfte an die Wand neben dem Fenster. Die Bausubstanz war gut. Kaum zu Ende gedacht, schüttelte er den Kopf. Und wenn in den Wänden riesige Löcher klaffen würden, konnte es ihm egal sein.

„Du beschließt zu heiraten und ich soll es stillschweigend akzeptieren. Wie ich mich dabei fühle, interessiert dich überhaupt nicht“, fauchte Leni.

„Du bist bald erwachsen und wirst deine eigenen Wege gehen. Senta ist eine wunderbare Frau. Gönnst du mir das Glück denn nicht?“

„Glück? Sie hat es nur auf dein Geld abgesehen!“

„Junge Dame, mäßige deinen Ton! Außerdem frage ich mich, wie du auf diese bösartige Unterstellung kommst.“

„Weil … weil …“ Leni hüpfte herunter und schaute ihn grimmig an. „Ach, vergiss es. Du würdest mir ohnehin nicht glauben. Wie immer.“

„So redest du nicht mit mir, verstanden? Schließlich bin ich dein Vater und kein kleiner Junge.“

„Du tust ja auch ständig so, als wäre ich noch ein kleines Kind.“

„Das bist du, wie man unschwer an deinem Verhalten erkennen kann.“

„Bestimmt nicht, denn einem Kind könntest du vielleicht weismachen, dass du dieses Haus behalten willst. Mir jedoch nicht. Wieso hast du den netten alten Mann angelogen? Du willst die Villa bestimmt abreißen, wie alle Häuser, die du kaufst.“

„Na und? Was spricht dagegen?“

„Die Geschichte, die Mister Winter erzählt hat. Und dass er dir wünscht, dass du wieder glücklich wirst. Er hat es nicht verdient, dass du ihn so hintergehst. So wie es viele nicht verdient haben, dass du ihnen etwas vormachst.“

„Du musst noch viel lernen, Leni. Vor allem, dass das Leben kein Märchen ist, sondern hart und schwierig sein kann. Wir müssen alle zusehen, wo wir bleiben.“

„Ich kann diesen Spruch nicht mehr hören und wenn ich mir überlege, wie du und Großvater Geschäfte macht, könnte ich kotzen.“ Kaum ausgesprochen lief sie aus der Küche.

„Du bist undankbar“, rief er ihr hinterher und ärgerte sich maßlos. Was glaubte seine Tochter denn, für wen er so hart schuftete? Immerhin führte sie ein gutes Leben und konnte sich vor Geschenken kaum retten, die schließlich nicht auf Bäumen wuchsen. Aber statt sich zu freuen, machte sie ihm das Leben schwer und verleidete ihm sogar die Beziehung mit Senta. Dabei bemühte sich seine Verlobte sehr um Leni, die ihr hingegen nur die kalte Schulter zeigte. Hoffentlich änderte sich das nach der Hochzeit. Immerhin waren sie dann eine Familie und würden zusammenleben. Allerdings wäre es vielleicht besser, wenn sie Leni nicht mehr unterrichtete, womit sie zumindest eine Konfliktsituation weniger am Hals hätten …

♥

„Du liebe Zeit, da ist aber einiges los in Ihrem Leben“, drang Roses Stimme zu Annie durch, in die langsam wieder Leben kam. Sie saß mit den Frauen an einem runden Tisch, auf dem ein geklöppeltes Set lag. Darauf stand eine Glaskugel, vor Rose eine Porzellantasse mit hellblauem Blumenmuster, in die sie mit geweiteten Augen hineinstarrte, als würde Frankenstein darin seine Runden laufen. Besser konnte man ein Klischee nicht bedienen.

Ohnehin wirkte das Geschäft, als hätte man es gemäß der Serie Buffy – im Bann der Dämonen eingerichtet. Ein Regal mit alten verstaubten Büchern nahm eine ganze Wandseite ein. Überall brannten rote Kerzen und es roch nach einem seltsamen Kraut. Bilder mit okkulten Zeichnungen lagen verstreut herum und auf einer großen Truhe Kapuzenumhänge sowie einige Hüte. Auf einer Biedermeierkommode wurde eine geöffnete Schatulle zur Schau gestellt, in der sich ein antiker Revolver befand. Daneben stand ein Glas mit Silberkugeln und nahe dem Eingang lehnte ein Holzpfahl. Dass die Wände und der Bodenbelag in grellem Pink gehalten waren, setzte dem Ganzen die Krone auf.

„Suchen Sie Dracula? Oder Barbie?“, konnte Annie nicht umhin zu fragen, die sich ärgerte, dass sie sich von Minnie zu dieser Frau schleifen ließ.

„Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als wir uns vorstellen können.“ Rose wollte ebenfalls nicht recht in das Bild des Geschäftes passen. Die Gute sah aus wie ein Marilyn Monroe-Verschnitt mit ihrem blonden kinnlangen Haar, das sich an den Spitzen lockte. Natürlich hatte sie das obligatorische Muttermal nahe den Lippen, das jedoch echt wirkte. Ihr Mund war rot wie das Kleid mit den weißen Längsstreifen, das vom Schnitt her an die Sixties erinnerte. Ohne Frage, sie hatte die Figur einer Zwanzigjährigen, die faltige Haut hingegen zeigte, dass diese Filmdiva längst in die Jahre gekommen war. „Sie sollten Ihren Horizont erweitern, junge Dame.“

So wurde Annie von Mrs. Wilde früher auch angesehen, wenn sie eine schlechte Note geschrieben hatte. „Nicht jeder kann mit solchen Dingen etwas anfangen.“

Minnie – die immer noch Annies Shortbread hielt – schaute Rose nachsichtig lächelnd an. „Die kleine Maus ist etwas neben der Spur.“

„Ich bin keine kleine Maus“, wehrte sich Annie.

„Gewiss, Schätzchen“, ließ Rose verlauten und schaute wieder in die Tasse. „Ich sehe tiefe Verletzungen.“

„Hat nicht jeder von uns Narben?“, zerstreute Annie diese Aussage postwendend.

„Natürlich. Aber Ihre sind frisch wie Fallobst.“

„Fallobst ist nicht frisch. Deshalb fällt es ja auch herunter.“ Sehnsüchtig blickte Annie zum Ausgang. Auf dem Glas prangte ein Schild. Geöffnet für alle Wunder dieser Welt. Für die Kehrseite fiel ihr spontan etwas ein: Geschlossen – weil es keine Wunder gibt.

„Hör ihr einfach zu“, bat Minnie, die das Shortbread auspackte und herzhaft hineinbiss.

„Das ist mein …“

„Schschsch!“ Rose legte sich den Zeigefinger an den schimmernden Mund. „Ich spüre eine fremde Energie im Raum.“ Plötzlich hob sie den Blick und musterte Annie, als würde sie sie zum ersten Mal sehen. „Ich kann ein Auto erkennen … es sieht lädiert aus.“

„Unser Alfa ist im Dorf bekannt wie ein bunter Hund“, gab Annie patzig von sich. „Und noch haben wir ihn nicht bestattet. Also kann er nicht im Jenseits sein.“

„Eine Energie zu spüren hat nichts mit den Welten zu tun, meine Teure. Außerdem meinte ich nicht Ihre Schrottkarre. Eher eine … Limousine. Eine weiße und da …“ Sie grinste auf einmal, als hätte sie soeben einen muskelbepackten Engel gesehen, während Annie an Flatley denken musste. Aber das konnte nur Zufall sein … „Was für ein Prachtbursche! Der erinnert mich an jemanden …“

„George Clooney?“, hakte Minnie kauend nach. Rose schüttelte den Kopf. „Kirk Douglas? John Wayne?“ Abermals schüttelte Rose den Kopf. „Dann fällt mir nur noch George Clarke ein, du weißt schon, der aus der Sendung Restauration-Man.“ Wie aufs Stichwort lehnten sich die Freundinnen aufseufzend zurück und erinnerten Annie stark an verliebte Teenager. „Von ihm würde ich mich gerne restaurieren lassen“, entschlüpfte es Minnie, die sich ordnend durch das dauergewellte Haar fuhr.

„Was du nicht nötig hast, meine Liebe.“ Wohlwollend wurde sie von Rose betrachtet, die ohnehin in höheren Sphären schwebte. Wie es aussah, trafen sich die beiden Mädels jedoch gerade auf derselben Ebene. Das wurde Annie allmählich zu bunt. Sie hatte andere Sorgen als sich dieses Gelaber anzuhören. Die gesamten Hiobsbotschaften des Tages mussten erst einmal verdaut werden. Allein – und nicht mit den Geistern, die sie nie gerufen hatte.

„Jedenfalls“, bemüßigte sich Rose weiterzureden, während sich Minnie den letzten Bissen in den Mund schob, „sehe ich Schnapsflaschen. Ihr Vater?“

„Was ebenfalls kein Geheimnis ist.“ Annie hätte am liebsten laut gelacht, wäre der Anlass nicht so traurig gewesen.

„Das wird sich alles fügen, junge Dame. Insbesondere werden Sie eine alte Liebe bald vergessen, denn ich sehe einen neuen Mann in ihrem Leben, wer immer dieser Adonis sein mag.“

„Von Männern habe ich die Schnauze voll.“

„Jetzt vielleicht. Dennoch wird er Ihr Herz im Sturm erobern.“

„Tatsächlich?“, flüsterte Minnie erstaunt. „Du weichst aber ziemlich von unserem Drehbuch ab … und bisher hast du kein Wort zu ihrer Mutter gesagt.“

„Was soll ich tun, wenn ich sie nicht sehen kann …“

Annie schaute von einer zur anderen. „Was wird das hier?“, rief sie aus, „ein abgekartetes Spiel? Habt ihr euch vorher überlegt, welche Geschichte ihr mir auftischt?“

„Du solltest dich mit deiner Mom aussöhnen“, wisperte Minnie und sank tiefer in den Stuhl.

„Sagt wer?“, erkundigte sich Annie mit säuerlichem Ton.

„Jeremy.“

„Steckt mein Onkel etwa mit euch unter einer Decke?“ Annie sprang vom Sessel auf und nahm ihre Tasche. „Sagt jetzt nicht, dass Jeremy diesen faulen Zauber unterstützt.“

„Ihr Onkel ist oft bei mir“, ergriff Rose das Wort, „sogar ein Mann Gottes braucht hin und wieder weltlichen Beistand.“

„Weltlichen Beistand, dass ich nicht lache! Aber schön. Nun weiß ich wenigstens, dass mein Onkel ein Geheimnisträger wie ein Nudelsieb ist. Das mit der weißen Limousine und diesem Typen habt ihr vermutlich ebenfalls von ihm.“

„Mit Jeremy habe ich nur über deine Mom gesprochen, wenn du es genau wissen willst“, erwiderte Minnie etwas verschnupft. „Was Rose vorhin meinte, ist mir schleierhaft.“ Es war grotesk, denn plötzlich grinste sie ihre okkulte Freundin an. „Du kannst tatsächlich im Kaffeesatz lesen. Scheinbar gibt es diesen Typen und die Limo.“

Rose verschränkte mit undefinierbarem Lächeln die Arme vor der Brust. „Und wie es den gibt. Jetzt weiß ich auch, an wen er mich erinnert. An einen Schauspieler. Scott …“ Sie blickte Annie in die Augen, die erstarrte. „Eastwood. Ein Sahneschnittchen, das Sie sich nicht entgehen lassen sollten, meine Liebe.“

„Diesen Unfug werde ich mir nicht länger anhören“, schimpfte Annie und eilte zum Ausgang. Nie wieder würde sie einen Fuß in dieses Geschäft setzen. Nie wieder!

Wie von Furien gehetzt öffnete sie die Tür, stürmte über die drei Steinstufen hinunter und wandte sich um, als sie plötzlich gegen ein junges Mädchen prallte.

„Aua! Können Sie nicht aufpassen?“, wurde Annie in der nächsten Sekunde angepflaumt.

„Entschuldige, ich habe dich nicht gesehen.“ Annie trat einen Schritt zurück und schaute dem Mädchen mit schlechtem Gewissen dabei zu, wie es sich an der Schulter rieb. „Habe ich dir wehgetan?“

„Nicht mehr als mein Dad.“ Auf einmal hatte die Kleine Tränen in den Augen.

„Hat er dich geschlagen?“, griff Annie zum Naheliegenden.

„Nein, so etwas würde Dad nie tun.“ Das Mädchen stopfte die Hände in die Hosentaschen. In ihren grellen Latzhosen war sie eine ziemlich auffällige Erscheinung. „Dazu müsste er mich erst wahrnehmen. Aber mein Vater kennt nur seine Arbeit.“

„Das tut mir leid.“ Wie es aussah, traf sich in St. Agnes derzeit das Schicksal jedweder Art. Als ob es alle dazu ermuntern würde, hierherzukommen, um sich seinen Teil abzuholen. Jedenfalls hatte sie das Mädchen nie zuvor gesehen. „Wie heißt du?“

„Leni.“

„Ein hübscher Name.“

Das Mädchen lächelte vage. „Danke. Und Sie?“

„Annie.“

„Auch ganz okay.“

Annie konnte sich nicht helfen, die Kleine kam ihr bekannt vor. „Bist du von zuhause weggelaufen?“

„Nein, ich mache nur einen Spaziergang.“

„Worüber deine Eltern informiert sind?“ Sie war bestimmt kaum älter als zwölf oder dreizehn Jahre.

Leni senkte den Blick. „Es wird nicht weiter auffallen, dass ich weg bin. Außerdem wollte ich in Ruhe telefonieren. Muss mein Dad nicht unbedingt mitkriegen.“

„Ein Junge?“ Annie dachte unweigerlich an Roger. Dieser Arsch!

„Nein“, entgegnete Leni und zog ein goldenes Handy aus der Hosentasche. Ein ähnliches hatte der Angeber von heute Morgen auch gehabt. „Ich schätze, der Mann ist bereits über siebzig oder so.“

„Du liebe Zeit, mit einem so alten Mann solltest du dich besser nicht einlassen.“

Jetzt grinste die Kleine. „Nicht, was Sie denken. Ich bin auf einer geheimen Mission. Und nun muss ich weiter, sonst fliegt er ab, ohne dass ich ihn warnen konnte.“ Schon lief Leni an ihr vorbei. Annie schaute ihr kopfschüttelnd nach, bis sie an der Ecke verschwunden war. Dann eilte sie ebenfalls weiter, denn sie wollte dorthin, wo sie einst so glücklich war.




3. Kapitel







Das Geschäft des Großvaters lag verwaist da, als Annie langsam über den kiesbestreuten Parkplatz heranfuhr und schließlich das Auto abstellte. Mit Tränen in den Augen legte sie die Hände auf das Lenkrad und betrachtete das Haus, in dem sie so viel Geborgenheit und Liebe gefunden hatte. In den Fenstern spiegelten sich die Klippen und das Meer. Es verlieh dem Geschäft etwas Lebendigkeit, denn die Fassade war ansonsten trostlos grau. Da half auch der Apfelbaum wenig, denn er würde nie wieder blühen – noch Blätter oder Früchte haben. Seltsamerweise war er nur ein Jahr nach dem Tod des Großvaters abgestorben, was sich niemand erklären konnte. Eigentlich hätte er längst entfernt werden müssen, aber Annie hätte es das Herz gebrochen, weil auch die Bank damit fort wäre, die inzwischen ziemlich verwittert war.

Von Erinnerungen übermannt stieg Annie aus und ging auf den Eingang zu. Kurz kramte sie in ihrer Tasche nach dem Schlüssel und sperrte wenige Sekunden später auf. Als sie das Geschäft betrat, war es, als wäre die Zeit stehengeblieben. Wie das kleine Mädchen von damals blickte sie sich ehrfürchtig um und glaubte, trotz des abgestandenen Geruchs den vertrauten Duft von Äpfeln wahrzunehmen.

Wehmütig ging sie am Verkaufstresen mit den leeren Glasvitrinen vorbei, blieb vor dem Werktisch unter dem dreieckigen Fenster stehen und blickte auf die Küste. Eine Weile vertiefte sie sich in den Anblick, bevor sie sich bückte und das lose Dielenbrett anhob. Mit zitternder Hand nahm Annie das Kästchen und stellte es vor sich auf den Boden. Dann holte sie den Brief aus dem Geheimversteck, den ihr Grandpa kurz vor seinem Tod dazugelegt haben musste. Liebe Annie, stand in seiner kaum leserlichen Schrift da, Wenn du diese Zeilen liest, werde ich nicht mehr bei dir sein, denn mein Weg ist bald zu Ende. Ich spüre es deutlich. Mit jedem Tag ein bisschen mehr. Nichts fällt mir schwerer, als dich zu verlassen und doch ist es der Lauf des Lebens. Aber ein Teil von mir wird bei dir bleiben, so wie ein Teil von mir damals mit Olivia starb. Was wir dir jedoch beide hinterlassen ist der Glaube an die wahre Liebe. An Magie und an Wunder. Ja, Annie, ich glaube fest daran. All das befindet sich vielleicht in diesem Kästchen. Doch öffne es erst an deinem dreißigsten Geburtstag. Ich habe das Gefühl, dass es so sein soll. So, und nicht anders. Und vergiss nicht: Alles kommt zur rechten Zeit. Auch die Liebe, die ebenfalls ein Wunder ist. Dein Grandpa Randall.

Mit Tränen in den Augen glitt Annie zärtlich über das Herzschloss, das sie in Gedanken schon oft aufgesperrt hatte, aber das Geheimnis musste warten. Nicht nur, weil es der letzte Wille ihres Grandpas war – sondern weil seine Worte weise klangen, als müsste es tatsächlich genauso sein. Dennoch war sie natürlich neugierig. Um nicht in Versuchung zu kommen, das Kästchen vor Ablauf der Zeit zu öffnen, bewahrte sie den Schlüssel zuhause auf.

Annie wischte die Tränen fort, legte den Brief und das Kästchen zurück, schob das Dielenbrett darüber und erhob sich. Gedankenverloren blickte sie auf den Werktisch. Ein paar Wachsmodelle lagen darauf, die als Vorlage für Schmuckstücke gedient hatten. Der Stuhl stand schief da, als hätte ihn ihr Grandpa gerade erst verlassen. Meistens hatte er hier gesessen und ziseliert, gelötet, gegossen, geschmolzen, geätzt oder gefräst. In den kleinen Samtschatullen am oberen Tischrand befanden sich Holz, kleine Metallstücke, Perlen, Glas und Zirkonia-Steine, die längst nicht mehr glänzten, weil sie von einer Staubschicht bedeckt waren. Wie die Maschinen zum Kratzen oder Walzen, das Poliergerät oder der Brennofen, die auf dem Beistelltisch standen. Daneben lagen Sägen, Pinsel, Schablonen, Bohrer, kleine Hämmerchen, Zangen, Winkelmesser, Gravurstifte, Metallscheren und anderes in der üblichen Unordnung. Ihr Grandpa hatte das Chaos gebraucht wie die meisten Künstler und nirgends spürte Annie seine Nähe mehr als hier. Seine Liebe sowie das Wissen, dass er bei ihr war. Er hätte bestimmt gewusst, wie sie mit allem umgehen sollte. Oder zumindest Worte gefunden, um sie aufzumuntern, denn allmählich war ihr Stolz ziemlich angekratzt. Zuerst wurde sie eine Arbeit nach der anderen los, nun heiratete Roger diese Trish und über kurz oder lang würde sie womöglich das Geschäft verlieren. Konnte es noch schlimmer kommen?

Ein Geräusch schreckte sie hoch. Annie wandte sich um und blickte zum Fenster neben der Eingangstür. Als sie Harrys Wagen erkannte, kam Wut in ihr hoch. Brachte er ihr die Papiere höchstpersönlich vorbei, um sich an ihrem Elend zu weiden?

Zu allem entschlossen eilte sie aus dem Geschäft. Als Mister Flatley aus dem Auto stieg, blieb sie abrupt am Eingang stehen. Was wollte der denn hier? Hatte er es sich anders überlegt und sie musste die Rechnung doch bezahlen? Kurz schossen ihr auch Roses Worte durch den Kopf, die sie jedoch sofort beiseite wischte. Humbug, nichts weiter

„Sieh an, so klein ist die Welt“, meinte er nicht weniger überrascht, als sie sich fühlte, während er die Autotür zuschlug und auf sie zukam. „Ich habe mir schon gedacht, dass ich das Vehikel von irgendwoher kenne.“

„Was tun Sie mit Harrys Wagen?“, ging sie nicht auf seine Beleidigung ein.

„Er hat ihn mir geliehen. Meine Limousine ist hinüber.“ Mister Flatley stand dicht vor Annie und sein Roger-After-Shave hatte diesmal eine noch verheerendere Wirkung auf sie, denn sie hörte förmlich Hochzeitsglocken läuten. Durchdringend und laut.

„Harry leiht niemandem sein teures Spielzeug.“

„Mir schon“, meinte Flatley selbstherrlich. „Ich schätze, dass ich sein Vertrauen genieße.“

„Oder er lässt sich gut dafür bezahlen. Sie nehmen sich ja gern Bedürftigen an.“

„Wieso wetzen Sie die Nägel? Sind Sie immer noch nicht über die Kündigung hinweg?“

„Die habe ich bereits vergessen“, wetterte Annie, „immerhin ist sie einige Stunden her.“

„Eben. Deswegen sollten Sie fleißig neue Bewerbungen schreiben. Von nichts kommt nichts.“ Seine stoische Ruhe schürte ihren Zorn, als würde jemand auf schwelende Glut blasen. Noch dazu wanderte Flatleys Blick ständig zum Geschäft, statt dass er ihr in die Augen schaute.

„Sie haben ja keine Ahnung“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Nebenbei erwähnt: Heute nannten Sie mich unhöflich, weil ich Sie beim Reden nicht angesehen habe. Wie nennen Sie das, was Sie im Augenblick tun?“

„Ausgleichende Gerechtigkeit“, blies auch er zum Angriff, konzentrierte sich jedoch unvermittelt auf sie. Die Intensität seiner blauen Augen verunsicherte Annie plötzlich und nun wäre es ihr doch lieber gewesen, wenn er überall hingesehen hätte, nur nicht in ihr Gesicht.

„Warum betrachten Sie ständig das Geschäft meines Großvaters?“, wollte sie wissen, um irgendwas zu sagen.

In seinen Augen flackerte etwas auf. „Das Haus gehört Ihrem Großvater?“

„Es gehörte ihm. Grandpa ist gestorben und hat es mir hinterlassen.“

„Dann sind Sie also tatsächlich Annie … Murphy?“

„Woher kennen Sie meinen Nachnamen?“

„Keine Ahnung.“ Es war eindeutig, dass er ihrer Frage auswich. „Ich habe ihn vermutlich irgendwo aufgeschnappt.“ Er blickte sich um. „Eine wirklich schöne Lage.“

Annie hatte das Gefühl, dass es doch schlimmer werden konnte. Obwohl sie keine Ahnung hatte, aus welcher Ecke der nächste Angriff erfolgen würde. „Sonst noch etwas, Mister Flatley?“

„Ja: Haben Sie zufällig meine Tochter gesehen? Braune Zöpfe, grelle Latzhosen und ziemlich frech?“

„Wenn Sie Leni meinen, die habe ich getroffen“, kombinierte Annie und wusste nun, warum ihr das Mädchen bekannt vorkam. „Allerdings fand ich sie äußerst reizend.“

„Wo haben Sie meine Tochter gesehen?“, überging er ihre Aussage und wirkte auf einmal schlicht und ergreifend wie ein besorgter Vater. Also war er verheiratet. Die arme Frau!

„Am Town Hill.“ Annie deutete in die entsprechende Richtung. „Ich bezweifle jedoch, dass Sie Leni dort finden werden. Vermutlich ist sie längst wieder zuhause. Aber sie hatte ihr Handy dabei. Sie könnten Ihre Tochter anrufen.“

„Das habe ich schon versucht. Sie hebt nicht ab. Könnten Sie vielleicht …?“

„Hören Sie mal, ich bin eine völlig Fremde und nicht ihre Mutter.“

Ein schmerzvoller Schatten huschte über sein Gesicht. „Ich würde Sie nicht darum bitten, wenn es sich vermeiden ließe. Außerdem schulden Sie mir etwas.“

„Also gut“, zischte Annie und zog das Handy aus ihrer Tasche. Dann tippte sie die Nummer ein, die Mister Flatley ihr nannte und schaltete auf laut, damit er mithören konnte. Nach zwei Freizeichen wurde abgehoben. „Hallo, Leni“, begann sie etwas hilflos, „ich bin es, Annie. Die Frau, die dich vorhin angerempelt hat.“

„Woher haben Sie meine Nummer“, kreischte das Mädchen.

Annie hielt den Hörer weiter weg. „Von …“

„Stalken Sie mich etwa?“

„Natürlich nicht. Ich wollte nur wissen, wo du gerade bist.“

„Sie halten mich wohl für ganz doof. Glauben Sie im Ernst, dass ich Ihnen sage, dass ich zuhause bin?“ Im selben Augenblick legte sie auf.

„Das haben Sie ja toll hingekriegt“, beschwerte sich der Wichtigtuer allen Ernstes, statt dass er ihr die Füße küsste. „Jetzt hat meine Tochter eine Heidenangst.“

„Sie wollten doch, dass ich sie anrufe.“ Annie schob das Handy in die Gesäßtasche ihrer Jeans.

„Natürlich. Allerdings hoffte ich, dass Sie etwas mehr Feingefühl hätten.“

„Das sagen ausgerechnet Sie? Haben Sie sich Ihre Tochter mal genauer angesehen?“

„Was wollen Sie damit andeuten?“, zürnte er und lockerte die Pünktchen-Krawatte.

„Genug, um zu sehen, dass Ihre Kleine ziemlich traurig ist.“

„Ach, sind Sie plötzlich Fachfrau in Erziehungsfragen? Ich dachte, Sie wären eine Expertin darin, hinausgeworfen zu werden.“

Sein Pfeil hatte mitten in die Wunde getroffen. „Das war das erste Mal in meinem Leben!“

„Und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, so viel steht fest.“ Erneut huschte sein Blick über das Geschäft ihres Großvaters, bevor er sich umdrehte, in den Wagen stieg und davonbrauste. So ein Arschloch!

Darüber beklagte sich Annie am frühen Abend bei Josie. Via Facebook, denn das kostete nichts. Schon seit einer Stunde schickten sie sich Nachrichten hin und her, es gab ja sonst nichts zu tun. Der Vater schlief auf der Couch seinen Rausch aus, nachdem er ihre Kündigung nur am Rande wahrgenommen hatte. Dass sich bei ihrem Heimkommen dasselbe Bild wie immer bot, ließ Annie restlos resignieren.

Leider wohnte ihre Freundin in Penzance. Die Stadt lag über eine Stunde von hier entfernt. Früher war Annie manchmal mit dem Bus zu Josie gefahren und sie hatten die Nacht zum Tag gemacht. Ihre Freundin kannte Gott und die Welt, war mit einem Piloten verheiratet und inzwischen Mutter von fünfjährigen Zwillingen.

Ein Ton erklang. Annie schaute auf das kleine Nachrichtenfenster.

Also was ist nun?, schrieb Josie zurück, hast du heute Zeit für mich? Ich muss dringend raus. Bud und Terence bringen mich an den Rand des Wahnsinns. 

„Super“, murmelte Annie, „da erzähle ich dir lang und breit von meiner Kündigung und der Sache mit Roger, aber du weißt nichts Besseres, als mich zu fragen, ob wir ausgehen.“ Ich habe kein Geld, tippte Annie ein und drückte auf die Enter-Taste.

Ich schon, kam umgehend die Antwort. George hat eine fette Provision bekommen, die ich auf den Kopf hauen darf. Du bist eingeladen.

Annie starrte auf die Zeilen. Wie peinlich war das denn? Das ist mir unangenehm, stellte sie klar und musste wieder an Flatley denken.

Josies Rückäußerung ließ neuerlich nicht lange auf sich warten: Im Grunde zahlt George, was mir im Gegensatz zu dir nicht unangenehm ist. Schließlich bin ich bald reif für die Klapse und ich brauche ein Gespräch mit meiner besten Freundin. Bitte, bitte, lass mich jetzt nicht im Stich :-(

Na gut, um sechs bei mir, erklärte sich Annie einverstanden, obwohl das schlechte Gefühl blieb. Andererseits war Josie immer für sie da und es schien ihr tatsächlich nicht gut zu gehen.

Super, ich bin pünktlich da. Mach dich hübsch … Küsschen, Josie.

Annie stieg aus dem Programm aus, schloss den Laptop und saß zehn Minuten später in der Badewanne, nachdem sie kurz nach ihrem Vater geschaut hatte. Er schnarchte vor sich hin. Mit der Fernbedienung in der einen und einer brennenden Zigarette in der anderen Hand, die sie im Aschenbecher ausgedämpft hatte. Irgendwann würde er alles niederbrennen. Doch daran wollte sie jetzt nicht denken, sondern alles Schlechte ausblenden. Außerdem freute sie sich darauf, Josie endlich wiederzusehen und verdrängte auch die Sache mit dem Geld. Heute war ihr Abend und den würde sie sich nicht wieder von irgendwelchen Gedanken vermiesen lassen. Schließlich war ihr Leben längst nicht vorbei, auch wenn es sich derzeit so anfühlte. Und nach diesem Tag hatte sie sich ohnehin eine kleine Auszeit verdient.

♥

„Du ahnst gar nicht, wie froh ich bin, wieder hier zu sein“, erklärte Josie kurz nach sechs, als sie im Aloha saßen. Die Cocktailbar mit hawaiianischem Flair war mit viel Holz eingerichtet, verstaubten Plastikpalmen und künstliche Orchideen an der Decke. Das einzig echte waren die Bedienung und der Blütenkranz, der jedem Gast umgehängt wurde.

„Ist George bei den Kindern?“, erkundigte sich Annie und blickte zu Duncan, der mit flinken Fingern die Saiten zupfte. Laut eigenen Aussagen spielte er im typisch hawaiianischen Stil und nannte sich selbst Slack-key-guitar-Maestro. Sein grauer Haarkranz war wie immer soldatenmäßig geschnitten, er hatte eine fleischige Nase und ein Grübchen am Doppelkinn. Wie seine Frau Minnie hatte auch der waschechte Engländer ein Faible für Schottenröcke und trug sie, wann immer er konnte. Er fand die Kleidung schlichtweg schön, die jedoch in ziemlichem Kontrast zur Musik stand, die er spielte. Duncan wirkte wie ein auf Hawaii gestrandeter Schotte.

„Ja, George hütet die Kids.“ Josie hatte nie betrübter gewirkt. Scheinbar nahm sie die Mutterrolle mehr mit als Annie bisher geglaubt hatte. „Er wird alle Hände voll zu tun haben.“ Sie spielte mit dem gelben Strohhalm, der neben ihrer halbvollen Piña Colada lag.

„Das klingt beinahe schadenfroh.“ Annie warf einen kurzen Blick nach draußen. Das Lokal hatte eine große Glasfront, hinter der sich St. Agnes wie ein Gemälde ausbreitete.

„Und wenn?“, wurde Josie schnippisch. „George ist der Ansicht, dass Kindererziehung wie Sonderurlaub ist. Mal sehen, ob er bei seiner Meinung bleibt.“ Einige Gäste betraten das Lokal und setzten sich in die Nähe der Bar.

„Habt ihr Schwierigkeiten?“

„Sieht man mir das an?“ Josie seufzte, als würde die gesamte Last dieser Welt auf ihre Schultern drücken. Wie üblich duftete sie nach Cerruti, ihrem Lieblingsparfüm. Seit dem sechzehnten Lebensjahr benutzte sie es. Das einzig Dauerhafte in ihrem Leben, abgesehen von ihrer Ehe und den Kindern. Ansonsten war Josie wie ein Chamäleon. Ziemlich frühreif, hatte sie ihre Freunde wie die Hemden gewechselt. Auch beruflich orientierte sie sich vor ihrer Hochzeit immer wieder neu, was ebenso für Religionen galt oder ihren Modestil. Derzeit schien der Ethno-Look stark angesagt zu sein. Sie trug eine Jeans und ein knielanges braungemustertes Kleid mit Bündchen an den Ärmeln. Große goldene Kreolen zogen ihre Ohrläppchen bedenklich nach unten und ihr braunes langes Haar war unter einem roten Turban versteckt. Die Lippen waren grellrot, ansonsten hatte sie auf jegliches Make-up verzichtet.

„Du siehst übrigens gut aus“, sagte Annie.

Josie lächelte geschmeichelt. „Dein Kompliment geht runter wie Öl.“

„George macht dir bestimmt laufend welche.“ Annie dachte neidvoll daran, wie Josie regelrecht von ihm hofiert wurde. Er half ihr stets aus oder in den Mantel, rückte ihr den Stuhl zurecht, fragte nach ihren Wünschen oder hing wie Tarzan an ihren Lippen. Roger war in dieser Hinsicht ganz anders gewesen. „Wie konnte er mir das antun?“, entfuhr es Annie.

Josie legte über den Tisch hinweg ihre Hand auf Annies. „Das wird schon wieder, Kleines. Zur Not kommst du eben nach Penzance. Dort findest du bestimmt einen Mann und ganz nebenbei auch einen Job.“

„Ich möchte aber nicht wegziehen. Meine ganzen Träume sind hier.“

„Schon mal daran gedacht, dass es Träume bleiben könnten?“, hakte ihre Freundin nach.

„Danke für den Zuspruch.“

„Mensch, Annie, ich will dir doch nichts Böses“, verteidigte sich Josie und zog ihre Hand zurück. „Aber manchmal muss man seine Träume fliegen lassen, weil sie zerplatzen wie Seifenblasen, sobald wir sie berühren.“

„Das sagst ausgerechnet du? Diejenige von uns, die immer nach den Sternen gegriffen hat?“

„Umso tiefer kann der Fall sein, glaub mir.“

Toll! Und auf diesen Abend hatte sie sich gefreut. „Bist du gekommen, um schlechte Laune zu verbreiten? In dem Fall kannst du dir die Mühe sparen. Die habe ich nämlich schon.“

Josie wirkte noch bekümmerter als ohnehin und lehnte sich zurück. „Sorry. Momentan bin ich wahrscheinlich die Letzte, die für irgendein Problem die passende Lösung hat. Immerhin bekomme ich mein eigenes Leben nicht mehr auf die Reihe.“

„So schlimm?“ Annies Mitleid kam wieder zurück. „Eigentlich habe ich dich bisher beneidet.“

„Das würde dir sofort vergehen, sobald du in meiner Haut stecken würdest“, stieß Josie aus, bevor sie sich verschwörerisch näherbeugte. „In Wahrheit habe ich mir eine Auszeit genommen. Offiziell bin ich auf Kur, damit die Kinder nicht beunruhigt sind. Nur George weiß, dass ich ein paar Tage bei meinen Eltern bleibe, um meine Gedanken zu ordnen.“

„Was soll das heißen?“ Annie nippte am Strohhalm, wobei sie Josie nicht aus den Augen ließ.

„Dass ich über eine Scheidung nachdenke.“

„Wie bitte?“ Der süße Cocktail schmeckte plötzlich bitter auf Annies Zunge. „Ich dachte, dass ihr glücklich seid.“

„George nimmt mich schon lange nicht mehr als Frau wahr. Im Grunde könnte ich seine Hausangestellte sein. Genauso fühle ich mich. Alles muss ich ihm und den Jungs hinterherräumen. Kein Danke und kein Bitte, jeder Handstrich ist selbstverständlich.“ Wie verzweifelt sie aussah. „Versteh mich nicht falsch, ich liebe meine Kinder. Auch George. Doch in letzter Zeit frage ich mich immer öfter, ob es das gewesen ist. Ich lebe für meine Familie und achte auf ihre Bedürfnisse, nur achtet niemand auf meine. Dabei bin ich erst neunundzwanzig und fühle mich älter als meine Mutter.“

Unwillkürlich musste Annie an ihre eigene denken. „Wieso hast du nicht früher etwas gesagt?“

„Weil du selber Probleme hast.“

Annie betrachtete ihre Freundin, die dasaß wie ein Häuflein Elend. Dabei war sie bisher wie ein Wirbelwind durch das Leben gerauscht. Jetzt wirkte Josie jedoch verletzlich, als würde sie der geringste Lufthauch umhauen. „Deswegen bin ich trotzdem für dich da.“

„Ich weiß.“ Josie drückte kurz ihre Hand. „Lass uns lieber ein anderes Mal darüber sprechen. Heute möchte ich feiern und abschalten.“ Kaum ausgesprochen, winkte sie Lance zu, dem die Bar gehörte. Ihr ehemaliger Schulkollege war Josies erster Freund gewesen. Es hatte lange gedauert, bis er über sie hinweg war und wieder normal mit ihr umgehen konnte. Obwohl Annie manchmal das Gefühl hatte, dass seine Gefühle nie zur Gänze verschwunden waren. Ob es an der Art lag, wie er sie ansah oder mit ihr sprach, sie konnte es nicht sagen.

„Was darf ich euch bringen?“, erkundigte sich Lance, der früher wegen seinen feuerroten Haaren oft zum Gespött der Mitschüler geworden war. Dass er unter heftiger Akne litt, hatte seinen Außenseiterstatus verstärkt. Doch Josie und sie hielten immer zu ihm, denn Lance war eine Seele von einem Menschen, der inzwischen mit Mai-Tao verheiratet war, die gerade die neuen Gäste begrüßte. Einige Surfer, mit denen frische Seeluft in das Lokal hereinwehte.

„Bring uns bitte noch zwei“, bat Josie und erwiderte Lances Lächeln, bevor er zur Bar eilte. Wieder öffnete sich die Tür und eine Männerhorde stürmte das Lokal. Mai-Tao eilte mit den obligatorischen Blütenkränzen auf sie zu und musste die üblichen anzüglichen Witze Betrunkener über sich ergehen lassen. „Fünf von uns wären noch frei“, grölte einer, „der Bräutigam wäre bestimmt auch nicht abgeneigt.“ Im selben Moment teilte sich die Runde und Annie starrte Roger direkt in die Augen, auf dessen T-Shirt das Wort Bräutigam prangte.

„Ausgerechnet der muss uns über den Weg laufen“, regte sich Josie auf, die ihn scheinbar ebenfalls erspäht hatte.

„Lass uns zahlen und verschwinden“, bat Annie stotternd. Gleichzeitig klopfte ihr Herz bis zum Hals, weil Roger so unverschämt gut aussah und ihr nun lässig zunickte.

„Wir bleiben“, beharrte Josie, „oder willst du ihm zeigen, dass du immer noch leidest?“

„Ich muss es ihm nicht zeigen. Das kann er mir auf zehn Meter ansehen.“

„Dann reiß dich zusammen. Oder gönnst du diesem Brad-Pitt-für-Arme den Triumph?“

Annie konzentrierte sich auf ihre Freundin, wobei sie jedoch das Gefühl hatte, Rogers Blick auf sich zu spüren, was ihren Körper kribbeln ließ. Jede verdammte Stelle … „Was soll ich denn sonst tun außer abhauen?“, flüsterte sie ihrer Freundin zu, zog sich den Blütenkranz über den Kopf und legte ihn neben sich auf die Bank. „Ihn den ganzen Abend anschmachten?“

„Du sollst ihn ignorieren.“ Josie schob das leere Glas an den Tischrand. „Willst du gelten, mach dich selten. Hat schon meine Oma gesagt.“

„Woran du dich vor deiner Hochzeit super gehalten hast.“

„Damals war ich jung. Jetzt bin ich um einiges reifer. Also heb den Kopf und sei selbstbewusst. Du bist eine tolle Frau.“

„Mit zehn Kilo mehr auf den Rippen.“

„Na und? Trotzdem siehst du spitzenmäßig aus. Das schwarze Glitzertop steht dir super, die Jeans bringt deine Kurven richtig gut zur Geltung. Um deinen Bronzeton habe ich dich ohnehin seit jeher beneidet, denn du siehst immer aus, als würdest du frisch aus dem Urlaub kommen. Der Idiot wird sich eines Tages in den Arsch beißen, dass er dich gehen ließ.“

Annie tippte sich an die Stirn. „Roger feiert Junggesellenabschied. Der denkt keine Sekunde an mich.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher. Hast du nicht bemerkt, wie er dich angesehen hat?“

„Du bist gut! Seit Monaten versuchst du ihn mir auszureden und jetzt weckst du neue Hoffnungen in mir.“

„Das mache ich ganz und gar nicht, sondern möble nur deinen Selbstwert auf. Oder tut es deinem Stolz nicht gut, dass er dich mit den Augen beinahe auszieht?“

„Ach ja? Tut er das?“ Annies Gesicht brannte wie Feuer und als Lance endlich mit den Getränken kam, langte sie tüchtig zu. Normalerweise trank sie nicht viel, heute war sie allerdings in einer Ausnahmesituation. Gott sei Dank saßen die Männer weit genug entfernt. Roger sogar mit dem Rücken zu ihr, wie Annie nach einer Weile feststellte, als sie sich endlich traute, in seine Richtung zu blicken. Eine Tatsache, die ihr zusetzte. Wieder einmal kehrte er ihr buchstäblich den Rücken zu.

Umso energischer hielt sie sich an ihrem Glas fest und trank mit Josie Runde um Runde. Dabei hörte sie ihrer Freundin nur mit halbem Ohr zu und nickte, sobald sie das Gefühl hatte, es wäre angebracht. Im Inneren war sie jedoch bei Roger, dem sportlichen und selbstbewussten Blondschopf mit zahlreichen Tätowierungen, den sie nach der Schule aus den Augen verloren hatte. Sie hatte ihre Ausbildung in London gemacht, er bei der hiesigen Bank eine Lehre absolviert. Als sie nach St. Agnes zurückkehrte, kam er irgendwann in Begleitung eines Freundes ins Taphouse und sie hatte sofort Feuer gefangen. Natürlich rechnete sie sich keinerlei Chancen aus. Schließlich wurde Roger wie in der Schulzeit vom weiblichen Geschlecht umschwärmt wie das Licht von den Motten.

Aber es sollte anders kommen.

Am Anfang konnte sie ihr Glück kaum fassen, dass er sie zur festen Freundin auserkoren hatte. Ausgerechnet sie! Die Welt fühlte sich plötzlich so leicht an. Trotzdem blieben Zweifel. Weil sie sich ständig fragte, was ein attraktiver Mann wie er an einem durchschnittlichen Mädchen wie ihr fand.

„Denkst du schon wieder an den Kerl?“, lallte Josie, die inzwischen hackendicht war.

„Ich kann nichts dagegen tun“, antwortete Annie und riskierte einen neuerlichen Blick. Jetzt saß Roger seitlich zu ihr und strich sich mit einer vertrauten Geste über das Kinn. Das blonde Haar trug er länger als früher, ansonsten war alles beim Alten geblieben. Er war muskulös wie eh, strahlte diese ganz eigene Lebensart aus, war blank rasiert und trug nach wie vor die Hemden halb zugeknöpft, damit man seine breite behaarte Brust sehen konnte.

„Hast du vergessen, wie er dich behandelt hat?“, regte sich Josie auf. „Du hast ständig an dir gezweifelt und Roger in den Himmel gehoben, womit du dich selbst immer klein gemacht hast. Das ging so weit, dass du alles mitgemacht hast, was er wollte. Nur, um ihm zu gefallen.“ Auf einmal lachte sie, als hätte sie einen Witz gemacht. „Beim Radfahren hat er dich derart gefordert, dass du dich übergeben hast, erinnerst du dich?“

Annie nickte panisch. „Leise! Es muss ja nicht jeder mitkriegen.“ Ihr Blick fing Duncans auf, der ihr aufmunternd zuzwinkerte. Wie alle aus der Clique wusste auch er über das unselige Ende ihrer großen Liebe Bescheid. Seitdem war Roger Luft für ihn, den ohnehin keiner aus der Clique so richtig mochte.

„Beim Squash ging es dir ähnlich“, fischte Josie in Annies Erinnerungen, obwohl das unnötig war. „Bis zur völligen Erschöpfung hast du gespielt und den Betriebsausflug scheinst du ebenfalls vergessen zu haben.“ Roger hatte Annie auf ein Schiwochenende mitgenommen, das die Bank organisiert hatte. Mit romantischen Bildern im Kopf war sie gestartet und völlig abgekämpft nach Hause gekommen, denn Roger ließ sie von Anfang bis Ende allein auf der Piste. Im Gegensatz zu ihr konnte er perfekt fahren und wedelte in einem Höllentempo ins Tal hinunter. Sie hingegen fuhr die Piste von einem Ende zum anderen aus und bekam Panik, sobald sie schneller wurde als ein Fußgänger. Beim Aprés-Ski hatte er sie ebenfalls links liegenlassen.

„Es gab durchaus schöne Zeiten, sonst wäre ich nie so lange mit ihm zusammengeblieben“, ergriff Annie Partei für diese Beziehung, weil sie das Gefühl hatte, sich rechtfertigen zu müssen. „Romantische Nachtspaziergänge, die Ausflüge, seine Liebesbriefe … wenn wir alleine waren, ist er völlig anders gewesen.“ Sie seufzte. „Roger war meine große Liebe, daran lässt sich nicht rütteln.“

„Das weiß ich, Schätzchen.“ Josie trank ein paar Schlucke und stellte das Glas ab, das sie in ihren Händen drehte. „Aber dieser Typ war schon als Junge ein Arsch. Immerhin hat er die Sache mit dem Karussell überall herumerzählt und sich oft genug darüber lustig gemacht. Im Grunde hätte dich das warnen sollen. Leider hast du ihn zu sehr idealisiert. In Wahrheit ist er ein Egoist, der deine Liebe nicht verdient hat, von seiner Affäre ganz zu schweigen.“

Annie glaubte wieder bei Roger zuhause zu sein. Fast auf den Tag genau, vor einem halben Jahr. In seinem Zimmer hatte sie auf ihn gewartet. Rogers Mutter brachte ihr etwas Knabberzeug und legte seine Post auf das Bett. Eine Karte lag obenauf. Irgendwann hatte sich Annie nicht mehr beherrschen können und las sie. Die Schmachtzeilen waren von Trish gewesen, die sich für den schönen Abend in der Vorwoche bedankte, den sie unbedingt wiederholen müssten. All das hatte sie auf eine Karte geschrieben! Für alle Welt zu lesen. Etwas Dreisteres war Annie nie zuvor untergekommen und natürlich hatte sie Roger zur Rede gestellt. Doch er verharmloste das Ganze und sie hatte ihm nur zu gerne geglaubt. Bis sie ihn schließlich mit Trish gemeinsam gesehen hatte. Der Schmerz dieses Verrats war kaum zu beschreiben. Wochenlang hatte sie sich die Augen ausgeheult und als ob es nicht genug gewesen wäre, hatte sich Trish bei jeder sich bietenden Gelegenheit über sie lustig gemacht. Dabei lag sie ohnehin schon auf dem Boden.

„Karma, Mäuschen. Alles kommt irgendwann im Leben wie ein Bumerang zurück“, ließ Josie verlauten, als hätte sie ihr in den Kopf geschaut.

„Ja, Karma.“ Annie trank ihr Glas in einem Zug leer. Allmählich spürte sie die Wirkung des ungewohnten Alkohols, obwohl ihr Josie drei Gläser voraushatte.

„Noch eine Runde?“ Lance nahm Josies leeres Glas.

„Etwas zum Essen wäre schön“, erwiderte Annies Freundin. „Frühlingsrollen oder so.“

„Eigentlich hat die Küche bereits geschlossen, aber für euch mache ich eine Ausnahme.“ Lance legte kurz seine Hand auf Annies Schulter. „Sei froh, dass du Roger los bist. Ein gemeinsamer Freund erzählte mir neulich, dass er dich nicht nur mit Trish betrogen hat, sondern auch mit einigen Touristinnen. Er brüstet sich gerne damit, dass du nichts mitbekommen hast.“

„Das ist nicht wahr“, flüsterte Annie mit krächzender Stimme.

„Leider schon.“ Lance betrachtete sie mitleidig, bevor er davoneilte.

„Siehst du“, triumphierte Josie. „Der ist keine einzige Träne wert.“

„Stimmt. Verlogene Menschen wie Roger haben keinen Platz in meinem Leben.“ Warum fühlte Annie nicht, was sie sagte? Wieso konnte ihr niemand das Herz herausreißen und wieso schaute Roger ständig zu ihr? Außerdem hatte Duncan zu spielen aufgehört und nun lief romantische Musik vom Band. Is this love, that I’m feeling …

Annie schoss in die Höhe und eilte zur Treppe, die zu den Toiletten hinunterführte. Sie schien steiler zu sein als sonst, außerdem drehte sich alles in ihrem Kopf. Als sie endlich unten war, lehnte sie sich an die Wand und kämpfte gegen die Tränen an. Warum hatte Roger ihr das angetan?

„Annie?“

Erschrocken wandte sie den Kopf. „Was willst du, Roger?“, fuhr sie ihren Ex an und hörte gleichzeitig das Lied im Hintergrund. Ihr gemeinsames Lied von Whitesnake.

„Es tut gut, dich zu sehen.“

Annie war nicht darauf gefasst, dass er ihre Hand nahm und sie an sich zog. Nicht darauf vorbereitet, wie vertraut es sich anfühlte. Andererseits wollte sie weglaufen, ihn von sich stoßen, aber sie hatte keine Kraft. Das Lied weckte so viele Emotionen wie sein Körper, der sich an ihren drängte, während er Annies Hand so fest umspannte, als ob er sie für immer festhalten wollte.

„Ich habe dich vermisst“, raunte er ihr leise zu.

„Ach, deswegen heiratest du also.“

„Trish ist schwanger.“

Annie fühlte sich, als hätte ihr jemand einen Fausthieb verpasst. „Glückwunsch.“

„Wie man es nimmt.“ Seine Lippen waren nur wenige Zentimeter von ihren entfernt. Kurz stellte sie sich vor, wie er sie geküsst hatte, voller Verlangen. Aber alles, was blieb, war ein schaler Geschmack im Mund. „Darf ich dich anrufen, Baby?“

„Du hast dich für eine andere entschieden.“

„Und wenn es die falsche Entscheidung war?“

Ihr Atem beschleunigte sich. Gleichzeitig befreite sie sich aus seinen Armen. „Lass mich in Ruhe, Roger. Keine Anrufe und keine Annäherungsversuche. Auch ich will ein neues Leben beginnen.“

„Weswegen verletzt du mich so?“

Annie musterte ihn ungläubig. „Ich dich?“ Josie hatte recht. Es ging nur um ihn und seine Bedürfnisse. Das musste doch endlich ihr Herz erreichen!

„Mein Gott, Annie, ich kann dich nicht vergessen. Du hast irgendetwas mit mir gemacht, das mir keine andere Frau geben kann.“

„Hör auf mit dem Süßholzraspeln, das zieht nicht mehr bei mir.“

„Es ist aber die Wahrheit.“

„Wahrheit“, stieß sie verächtlich aus. „Und das aus dem Mund eines Lügenbarons.“

„Du willst mich doch auch, nicht wahr?“ Er versuchte sie wieder an sich zu ziehen, doch Annie wich ihm geschickt aus. Auf einmal grinste er höhnisch. „Du müsstest eigentlich froh sein, dass dich ein Mann begehrenswert findet. Immerhin hast du ziemlich zugelegt. Aber im Bett warst du eine Granate, deshalb könnte ich über deine unsportliche Figur hinwegsehen.“

Annie fühlte sich zutiefst gedemütigt … als sie plötzlich Schritte hörte. Zuerst sah sie nur Designerschuhe auf den Stufen, dann eine dunkelblaue Hose und schließlich Flatley in voller Lebensgröße. Na bravo! Der hatte ihr gerade noch gefehlt.

„Hallo, Annie“, begrüßte Flatley sie.

„Kennst du den Typen?“, erkundigte sich Roger mit beißendem Ton.

„Und wenn?“, gewann Annie wieder Oberwasser, weil sie merkte, dass es Roger nicht passte.

„Zieh ab, Mann. Das ist meine Braut.“ Ihr Ex lächelte selbstgefällig in Flatleys Richtung.

„Irrtum. Wir zwei sind fertig miteinander“, kanzelte Annie Roger ab.

„Das hoffe ich doch“, meinte Flatley lächelnd. „Können wir dann,Liebling? Ich bin müde und möchte ins Bett.“

Annie schaute zuerst Roger an – den er wohl kaum meinen konnte – dann hinter sich. Da war niemand. Also drehte sie sich wieder um. Entweder war sie besoffener als gedacht oder Jack Flatley meinte tatsächlich sie. Als er wie selbstverständlich den Arm um ihre Schulter legte, waren die letzten Zweifel fort. Aber wieso zum Teufel tat er, als wären sie zusammen?

„Man kann dich keine Sekunde aus den Augen lassen, Annielein“, äußerte sich Flatley lachend, „und schon versucht ein anderer sein Glück bei dir.“

Roger kniff die Augen zusammen. „Wer ist noch mal der Typ?“

„Obwohl es Sie nichts angeht“, erwiderte Flatley eisig, „Ich bin Annies Verlobter.“

Mit offenem Mund starrte sie zu Flatley. Im nächsten Moment Roger hinterher, der wütend die Treppe hinaufstapfte. Als er verschwunden war, zog Flatley den Arm von ihrer Schulter, als hätte sie eine ansteckende Krankheit.

„Was sollte das?“, stammelte Annie, die sich schlagartig nüchtern fühlte. „Davon abgesehen: Nennen Sie mich nie wieder Annielein!“

„So viel dazu, dass ich Sie vor diesem Mann gerettet habe.“

„Niemand braucht mich vor Roger zu retten. Das schaffe ich schon allein.“

„Was man deutlich gesehen hat“, höhnte er. „Nicht lange und Sie hätten sich die Klamotten vom Leib gerissen!“

„Na und? Auch das wäre meine Sache gewesen.“

„Stimmt. Ich Trottel habe mich ohnehin nur auf dieses Schauspiel eingelassen, weil mich eine Verrückte um Hilfe gebeten hat. Angeblich, weil ihre Freundin von einem Mann belästigt wird. Damit sie Ruhe gibt, ließ ich mich breitschlagen. Wer konnte ahnen, dass es ausgerechnet Sie sind? Doch dann habe ich die Worte dieses Rogers gehört. Für einen kurzen Augenblick hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass ich eingreifen sollte. Eine Fehleinschätzung, wie sich nun herausstellt.“

Annie schaute ihn herausfordernd an, obwohl sie sich gedanklich in den Boden sinken sah. Es war ihr peinlich, dass er Rogers verletzende Worte mitbekommen hatte. „Wieso? Weil mein Ex betont hat, dass ich eine Granate im Bett bin?“, nahm sie das Vorteilhafteste von dessen Aussage als Schutzschild, um nicht ganz blöd dazustehen.

„Nein, vielmehr war es seine Anspielung auf Ihre … ist ja egal.“ Flatley klang, als wäre er plötzlich zu müde, um sich länger zu streiten.

„Houston, wir haben kein Problem mehr.“ Auf einmal stakste Josie mehr oder minder elegant über die Treppe herunter, wobei sie sich krampfhaft am Geländer festhielt. „Die Gefahr ist gebannt!“, säuselte sie. „Roger hat das Weite gesucht und das Lokal verlassen. Das müssen wir begießen. Ah, da ist ja der Retter in goldener Rüstung.“

„Ist Ihre Freundin immer so schräg drauf?“, flüsterte Flatley Annie zu, die glaubte, ein Schmunzeln zu erkennen. Andeutungsweise zumindest.

„Nur, wenn sie getrunken hat.“

„Kommen Sie, junger Mann, lassen Sie uns einen heben. Selbstverständlich auf meine Kosten, Geld spielt keine Rolle. Vielleicht gebe ich Ihnen noch etwas mit, damit Sie sich morgen eine andere Krawatte zulegen können. Bei den vielen Punkten wird einem extrem übel.“ Josie war tatsächlich kalkweiß.

„Leider muss ich passen, in beiderlei Hinsicht“, wies Flatley ihre Angebote mit Blick auf seine goldene Rolex zurück. „Ich werde nach Hause fahren.“

„Sie sind doch gerade erst gekommen“, stellte Josie verwundert fest.

„Ich habe eine Viertelstunde für einen Drink eingeplant. Die ist nun vorbei. Meine Damen.“ Er beugte leicht den Kopf. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.“ Leichtfüßig eilte er über die Treppe hinauf. Josie starrte ihm unverhohlen nach.

„Was für ein knackiger Zeitgenosse“, bewertete sie Flatley und lehnte sich wie ein nasser Sack an die Wand. „Der ist bestimmt auf der Durchreise. Schade.“

„Für wen? Für dich oder für ihn?“

„Für dich, du Dummerchen. Der stellt Roger gnadenlos in den Schatten und ein Abenteuer hilft am besten über eine alte Liebe hinweg.“

„Ich bin keine für einen One-Night-Stand, so gut solltest du mich kennen.“ Annie war durcheinander. Ob wegen Roger oder Flatleys Eingreifen konnte sie jedoch nicht sagen. „Das war übrigens Jack Flatley.“

„Der Limo-Mann?“ Josie wurde um einige Nuancen blasser und hätte mittlerweile getrost eine Leiche in einem Film mimen können. Leider vertrug ihr Magen im seltensten Fall Alkohol. Morgen würde sie den ganzen Tag über dem Klo hängen.

„Richtig. Der Limo-Mann.“

„Wow, du hast gar nicht erwähnt, dass er so attraktiv ist.“

„Weil es nicht wichtig ist. Und bevor du weitersprichst: Er hat Familie.“

♥

Jack verließ mit Leni die St. Agnes Bakery. Da er sich gestern dazu entschlossen hatte, bis zum Abriss in der Villa zu bleiben, musste er Lebensmittel besorgen. In das Hotel zog es ihn ohnehin nicht zurück, allerdings war es eine neue Erfahrung, für sich selbst sorgen zu müssen. Bisher hatte sich stets seine Haushälterin Greta um alles gekümmert. So gesehen wäre er dumm, würde er Annie schon heute entlassen, wie er es eigentlich vorgehabt hatte. Immerhin konnte sie etwaige Botengänge übernehmen, für einen gutgefüllten Kühlschrank sorgen und die Mahlzeiten zubereiten. Zu putzen gab es in dem leeren Haus ohnehin kaum etwas. Allerdings würde er sich für die Übergangszeit einige Möbel besorgen müssen.

„Mein Dad geht zu Fuß!“, freute sich Leni, die ihm eine Einkaufstasche abnahm. Ihr Haar war zerzaust, als wäre sie gerade aus dem Bett gestiegen und ausnahmsweise war sie heute ganz in Schwarz gekleidet. Hoffentlich wurde sie nicht zum Grufti, aber er durfte nicht hinter jeder neuen Moderichtung irgendeine Bedrohung sehen. Das hatte er zumindest gestern auf Google gelesen, als er nach Erziehungstipps suchte.

„Ein Fußmarsch, zu dem mich meine Tochter förmlich gezwungen hat.“ Jack lächelte.

„Um dir zu zeigen, wie schön es hier ist. Nie zuvor habe ich einen idyllischeren Ort gesehen. In New York ist alles so hektisch, als müsste jeder mithalten und sich deswegen doppelt anstrengen. Ein Gedränge wie auf der Überholspur. In St. Agnes kann man hingegen die Seele baumeln lassen. Der Ort fühlt sich an wie eine Hängematte. Ich sage nur: Hinlegen und entspannen. Kein Hupen, kein Trubel, nur Meeresrauschen.“

Jacks Schritte waren mit jedem Wort langsamer geworden, bis er schließlich stehenblieb. Es dauerte, bis es Leni bemerkte, die umkehrte und mit fragender Miene vor ihm stoppte. „Sag mal, aus welchem Film hast du das denn?“

„Aus keinem. Sind meine eigenen Worte.“ Sie blinzelte. Das tat sie meistens, wenn sie flunkerte. „Ich beobachte eben genau und werde langsam erwachsen.“

„Und das soll ich dir glauben?“

„Ach Dad, ich will nur, dass du es dir mit der Villa noch einmal überlegst.“

Jack ging weiter. Leni folgte ihm. „Wieso ist dir das so wichtig?“

„Weil ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl habe, dass es ein Zuhause werden könnte“, erwiderte sie leise. „Kein Loft mit Designermöbeln und einer Aussicht über Hunderte von Wolkenkratzern. Hier grüßen einen die Menschen sogar. In New York tun das nur die Leute, die wissen, dass ich deine Tochter bin.“

„Dein Großvater und ich haben andere Pläne, das musst du respektieren. Doch wenn es dich tröstet, könnte ich mich nach einem Sommerhaus auf Hawaii oder Teneriffa umsehen.“

„Du verstehst es einfach nicht.“ Leni presste die Lippen zusammen, während sie die Straße überquerten. Bisher war erst ein Auto an ihnen vorbeigefahren. Eins! Mochte Leni von St. Agnes schwärmen wie sie wollte, irgendwann würde es ihr zu langweilig werden. Ferner war Cornwall keine Option für ein Sommerhaus. Die Grafschaft war nicht repräsentativ genug. Zumindest noch nicht.

„Schau mal, da vorne ist Harolds Antiquitätenladen.“ Leni deutete auf ein kleines Geschäft nahe einer Seitenstraße.

„Wer ist Harold?“, fragte Jack verdutzt, der nach einem Bekleidungsgeschäft Ausschau hielt. Zwar hatte er heute Morgen seine und Lenis Koffer vom Hotel geholt, ständig konnte er jedoch nicht in seinen Anzügen herumlaufen. Außerdem benötigte er einige Toilettenartikel.

„Ich habe ihn gestern kennengelernt.“

„Bei welcher Gelegenheit? Mir hast du erzählt, dass du einen Spaziergang gemacht hast.“

„Das stimmt ja auch.“ Erneut blinzelte Leni. „Aber weil du mir erzählt hast, dass du früher Antiquitätenhändler werden wolltest, habe ich bei ihm reingeschaut.“

Je näher sie dem Geschäft kamen, desto dumpfer schlug Jacks Herz. Alte Möbel waren früher für ihn eine Kostbarkeit gewesen. Sie zu restaurieren eine Offenbarung. In grauer Vorzeit hatte er im Keller seines Elternhauses sogar eine Werkstatt gehabt und dort viele Möbel mühsam aufbereitet. Altes erhalten war nach wie vor seine Devise – zumindest was diesen Bereich betraf, der allerdings längst zur Vergangenheit gehörte.

„Wow, Harold hat wirklich tolle Sachen in der Auslage“, schwärmte Leni, die sich bisher nie dafür interessiert hatte. Unwillig blieb Jack neben ihr stehen. Sie spiegelten sich im Schaufenster wider. Über dem Geschäft hing eine antike grüne Reklametafel, die viele Roststellen aufwies: Harolds Schätze stand darauf. In der Tat verfügte der Inhaber über erlesene Kostbarkeiten, wie Jack feststellen musste. Ein alter barocker Stuhl mit rotem Samtbezug stand in der Auslage. Dahinter zeigte sich eine exquisite Chippendale-Kommode mit einer Schnitzerei, die einen Löwenkopf mit einer Krone zeigte. Das Möbelstück glänzte, als hätte man es gerade aufpoliert. Jack ergriff eine Begeisterung, wie er sie lange nicht mehr gespürt hatte, obwohl er am liebsten das Weite gesucht hätte!

Dennoch folgte er Leni wie in Trance ins Geschäft. Ein Glöckchen bimmelte. Sofort erfasste ihn ein Gefühl, als hätte er soeben die Schwelle in eine andere Zeit betreten. Kommoden mit goldenen Scharnieren, ein Biedermeier-Schreibtisch aus Nussbaum, ein reich verzierter wuchtiger Danziger-Barock-Schrank, gotische Truhen, zwei edle Sofas mit Brokatbezug, Kristall-Tischlampen im Jugendstil – Jack konnte sich kaum sattsehen.

„Habe ich dir zu viel versprochen?“, flüsterte Leni, als wäre auch sie in Gottesfurcht erstarrt. Er lächelte sie an, obwohl es ihn gleichzeitig innerlich zerriss. Seine Tochter hatte ja keine Ahnung …

Erneut ließ Jack seinen Blick über die Möbel schweifen, als er aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung wahrnahm. Er wandte den Kopf und entdeckte einen alten Mann, der den grünen Vorhang zurückschob und aus dem Nebenraum trat.

„Leni, wie schön, dass du mich wieder besuchst“, eröffnete der Fremde das Gespräch und deutete eine Verbeugung an, was Jacks Tochter grinsen ließ. Einer von der ganz alten Schule, wie es aussah. „Darf ich annehmen, dass das dein Vater ist?“ Er kam schleppend näher. Scheinbar hatte er Mühe mit dem Gehen.

„Stimmt. Ich bin Lenis Dad.“ Jack reichte ihm die Hand, die beherzt gedrückt wurde.

„Mein Name ist Harold Swappy“, stellte sich der Mann vor, nachdem sich ihre Hände voneinander gelöst hatten. „Ich führe dieses Geschäft schon seit beinahe fünfzig Jahren.“

„Tatsächlich?“ Das hatte Jacks Respekt verdient. „Dann läuft Ihr Geschäft gut?“

„Ich kann mich nicht beklagen. Einheimische und sogar Touristen kaufen gleichermaßen bei mir“, gab er bereitwillig Auskunft. „Manches verschiffe ich ins Ausland, da ich Kunden aus der ganzen Welt habe. Dank Internet ist das heutzutage ja möglich.“

„Restaurieren Sie selbst?“ Jack trat vor den Danziger-Schrank. Ein vergleichbares Stück war ihm nie zuvor untergekommen.

„In meiner Werkstatt hinten.“ Harold deutete zum grünen Vorhang. „Ich belasse die Stücke, wie sie sind und zaubere nur den alten Glanz wieder hervor. Altes erhalten ist meine Lebensphilosophie.“

Überrascht schaute Jack ihn an. „Da haben wir etwas gemeinsam. Mir läuft es kalt über den Rücken, dass manche Menschen solche Stücke mit billigem Lack überstreichen.“

Harold schüttelte sich. „Eine schreckliche Vorstellung.“

Der Mann war Jack sympathisch. Noch dazu passte er wie die Faust aufs Auge in das Geschäft, weil er wie ein Aristokrat wirkte. Seine Kleidung unterstrich diesen Eindruck. Graue Anzughose, ein weißes Hemd mit Rüschen an der Knopfleiste, eine nachtblaue Samtfliege und eine Samtjacke in der gleichen Farbe. Dazu passte die graumelierte Schiebermütze im Gatsby-Stil, die schräg auf seinem Kopf saß. Haare schien er keine zu haben. Dafür waren die schwarzen Augenbrauen umso buschiger. Die Nase wirkte energisch und der geschwungene dünne Oberlippenbart erinnerte Jack an seinen Helden aus Kindertagen: D’Artagnan, einer der vier Musketiere. Seltsam, seit Urzeiten hatte er nicht mehr daran gedacht.

„Wenn Sie Lust haben, könnten Sie mir beim Restaurieren helfen“, lud Harold ihn ein, als würden sie sich schon ewig kennen. „Ich muss eine ähnliche Kommode wie diese aufbereiten“, er deutete zum Danziger-Schrank, „aber in meinem Alter wird die Arbeit immer anstrengender. Hinzu kommt die Gicht, unter der ich leide. Von meiner Bandscheibe ganz abgesehen und auch meine Kraft lässt zu wünschen übrig.“

„Wir sind nur ein paar Tage hier“, erklärte Jack schroffer als gewollt und spürte den kalten Schweiß in seinem Rücken. Nie wieder würde er etwas restaurieren! „Und nun entschuldigen Sie uns.“ Er riss sich zusammen. Der alte Herr konnte nichts für seine Erinnerungen. „Leni und ich haben noch nicht gefrühstückt.“

„Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Tag.“ Neuerlich verbeugte sich Harold und als er wie ein Soldat wieder halbwegs strammstand, lächelte er Leni an. „David hat übrigens gefragt, ob du später mit ihm zum Strand gehen möchtest.“ Im Nu röteten sich Lenis Wangen und ihre Augen glänzten verdächtig. Wer verdammt war David? „Er ist mein fünfzehnjähriger Enkel“, erklärte Harold, als ob er Jacks Zwiespalt gespürt hätte. „Die beiden sind sich gestern in meinem Geschäft begegnet.“

„Und haben sofort Freundschaft geschlossen?“, echauffierte sich Jack.

„So ist die Jugend eben heutzutage“, blieb Harold unbeeindruckt. „Sie nehmen alles mit, was das Leben hergibt. Hätten wir früher auch machen sollen, statt uns nach den Wünschen unserer Eltern zu richten. Also, Leni, soll ich David etwas ausrichten?“

„Nein, danke“, entgegnete Jacks Tochter, die ziemlich zappelig war, „ich schreibe ihn später über Facebook an. Er hat mir ja gestern eine Freundschaftsanfrage geschickt.“

„Oh, das ist nett“, freute sich Harold. „Chattest du auch so gerne wie ich?“

„Sie haben ein Facebook-Profil?“, wandte Jack ein.

„Sicher.“ Harold grinste. „Sonst könnte ich nirgends mitreden. Man muss mit der Zeit gehen, so sehr ich die Vergangenheit auch schätze.“

„Natürlich.“ Jack kam sich zum ersten Mal in seinem Leben etwas unterlegen vor. Harold war bestimmt über siebzig und wirkte lebendiger als er. Andererseits hatte er sicher nicht so viel um die Ohren, beruhigte sich Jack beim Verlassen des Geschäfts. Sein Tag hätte dreißig Stunden haben können und das wäre zu wenig gewesen. Insofern war es kein Wunder, dass vieles auf der Strecke blieb. „Ich muss zur Bank“, wandte sich Jack an Leni, als sie draußen standen. Lieber hätte er seine Tochter jedoch wegen diesem David ausgequetscht. War er womöglich der Grund für ihren Wunsch, in dieser Einöde Wurzeln zu schlagen?

Fragen, die bis später warten mussten, denn zu Jacks Leidwesen hatte er im Nebengeschäft zwei Frauen entdeckt, die sich die Nasen am Schaufenster platt drückten. Minnies Allerlei las er kurz und konzentrierte sich wieder auf Leni. Schon jetzt war er froh, wenn er St. Agnes wieder verlassen konnte. „Möchtest du mich begleiten oder willst du lieber nach Hause gehen?“

„Nach Hause“, entschied sich Leni, „das klingt übrigens schön.“ Sie nahm ihm die Einkaufstüte ab. „Ich mache inzwischen Frühstück.“

Jack warf einen schnellen Blick auf die Uhr. „Die Putzfrau müsste um zehn eintrudeln. Zumindest hat Mister Winter gesagt, dass das ihr Dienstbeginn ist. Falls ich noch nicht da bin, soll sie sich um das Mittagessen kümmern.“

„Sag ich ihr.“ Schon sauste seine Tochter übermütig davon. Dabei summte sie sogar ein Lied und erst jetzt fiel ihm auf, dass sie ihr Handy nicht dabeigehabt hatte. Das wiederum schenkte dem kleinen Ort ein paar Sympathiepunkte, obwohl sie von den zwei Frauen im Nu ausradiert wurden. Nach wie vor klebten sie an derselben Stelle. Das Fenster beschlug sich ständig vor den plappernden Mündern. Scheinbar sprachen beide gleichzeitig.

Jack drehte sich demonstrativ um, eilte mit ausladenden Schritten davon und nur zehn Minuten später saß er im Büro von Mister Sullivan. Er war der hiesige Bankchef und sicher zehn Jahre jünger als er. Das könnte schwierig werden, da man in diesem Alter noch Ideale hatte. Doch Sullivan wollte höher hinaus, das konnte Jack mit einem Blick feststellen. Sein rostbrauner Anzug war heillos zerknittert, das Hemd ebenso und die goldene Halskette hätte eher in die 80er Jahre gepasst. Vermutlich ein Erbstück, das er als Prestigeobjekt benutzte, um mehr darzustellen, als er war. Insofern lag der Verdacht nahe, dass er aus einfachen Verhältnissen stammte. Jack hätte sogar seinen Arsch darauf verwettet, dass der Bursche einen Sportwagen fuhr. Vermutlich geleast. Gesetzt den Fall wäre es jedoch besser, wenn Sullivan das Geld in ein Bügeleisen investieren würde.

„Sie sagen also, dass Sie Interesse am Zinnwerk 409 haben?“ Der Bankchef bot ihm einen Platz vor dem einfachen Schreibtisch an und setzte sich Jack gegenüber hin.

„So ist es.“ Jack nahm Platz und überkreuzte die Beine. „Ich interessiere mich schon länger für das leerstehende Gebäude.“

„Darf man fragen, was Sie damit vorhaben?“

„Nicht zum jetzigen Zeitpunkt.“ Informationen müssen gut dosiert werden, rief sich Jack einen von vielen Tipps seines Vaters ins Gedächtnis.

„Nun ja, dies ist ein freies Land und wir können gern darüber verhandeln. Wie Sie bestimmt wissen, gehört das Anwesen der Bank.“

„Und somit Ihnen“, schmeichelte Jack ihm. Sullivan bekam rote Ohren. „Einem verantwortungsbewussten jungen Mann, der es noch weit bringen wird, sofern er sich mit den richtigen Leuten einlässt. Haben Sie ein Haus, Mister Sullivan?“

„Noch lebe ich bei meinen Eltern. Ziemlich beengt“, ließ sich der Bankchef unwissentlich auf Jacks Spiel ein. „Allerdings spare ich auf ein Eigenheim und suche gerade ein passendes Grundstück.“

Jack beugte sich vertraulich vor. „Dann sollten Sie sich beeilen, so lange die Preise erschwinglich sind. Das wird sich nämlich bald ändern.“

Sullivan stützte sich mit den Ellenbogen auf dem Schreibpult auf und faltete die Hände, als würde er beten. Andächtig genug sah er zumindest aus. „Dann haben Sie also vor, was ich vermute? Wollen Sie sich in St. Agnes einkaufen?“

„Sie sind ein schlauer Mann, Mister Sullivan, und das Zinnwerk ist erst der Anfang. Ich möchte auch das Geschäftshaus an der Küstenstraße erwerben.“ Jack verdrängte Annies Bild, das jedoch hartnäckig blieb, wo es war. Diese Frau war wirklich eine Zumutung und nahm vermutlich nur das Schlechteste von ihm an. Deswegen würde er ihr genau das liefern, was sie von ihm erwartete. Wäre sie etwas netter gewesen, hätte es zwar auch nichts genützt, allerdings wäre er ein wenig sanfter vorgegangen.

„Annies Geschäft?“, forschte Sullivan nach, der hektische Flecken im Gesicht bekam.

„Oder Ihres, wie man es nimmt. Ich hörte, dass Miss Murphy nur mit Ach und Krach die Raten bezahlen kann. Etwas mehr Druck von Ihrer Seite und bald kann sie gar nicht mehr zahlen. Sie hingegen könnten nach Ablauf der Frist über hunderttausend Dollar verfügen.“ Die Schwelle war überschritten. Zum ersten Mal bediente sich Jack dieser Mittel und hatte Michaels Ermahnung im Ohr. Ob er sich deswegen unwohl fühlte in seiner Haut?

„So viel?“ Sullivan wirkte überfordert, kratzte sich hinter dem Ohr und drehte sich im Bürostuhl halb zum großen abstrakten Bild um, das hinter ihm hing, als könnte er darauf eine Antwort finden. „Das Ölbild hat Annies Mutter gemalt“, sagte Sullivan mit nachdenklicher Stimme, „ich mag Mary. Annie ebenso. Das kann ich der Familie unmöglich antun.“ Er wandte sich wieder Jack zu, der dessen inneren Kampf förmlich fühlen konnte.

„Sie wissen, worauf Sie verzichten?“

„Meine Eltern haben mich zu einem anständigen Mann erzogen“, holte Sullivan aus, was Jack ärgerte. Er wollte keinen Small-Talk führen oder Familiengeschichten hören. Weil es sein schlechtes Gefühl verstärkte. Außerdem hatte er eine Viertelstunde für das Gespräch eingeplant, die bald um war. „Nicht nur ich, auch Mom und Dad sollen in meinem Haus wohnen“, weihte Sullivan ihn weiter ein. „Damit sie keine Miete mehr zahlen müssen und die Jahre, die ihnen noch bleiben, in vollen Zügen genießen können.“

„Umso schneller sollten Sie handeln. Ihre Eltern werden es Ihnen danken.“ Diese Worte waren Jack schwer über die Lippen gekommen, weil der Junge scheinbar an seinen Eltern hing. Aber jeder ist sich selbst der nächste, pflegte Jacks Vater stets zu sagen und dieser wäre ziemlich enttäuscht, wenn er die Sache vermasseln würde. „Sie werden es nicht bereuen, Mister Sullivan und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, dass niemand von unserem kleinen … nennen wir es Tauschgeschäft … erfahren wird. Davon abgesehen werde ich Sie über jeden Neubau unterrichten und Sie können in Ruhe entscheiden, ob Sie eventuell mit einsteigen möchten. Der Kuchen ist groß genug, um auch aus Ihnen einen Millionär zu machen.“ Sullivan würde lange in dem Stuhl sitzen, sofern er die Füße stillhielt. Jack musste ihn sich also warmhalten, denn es war gut möglich, dass er ihn für weitere Geschäfte brauchte. „Fünfzigtausend können Sie schon binnen der nächsten Tage auf Ihrem Konto haben. Den Rest bekommen Sie, sobald ich der neue Besitzer von Murphys Geschäftshaus bin.“ Ein viel zu hoher Betrag, doch sein Vater bestand darauf. Er würde seine Gründe haben.

„Na gut“, gab sich Sullivan geschlagen, obwohl er aussah, als würde er am liebsten weinen. „Ich mache es für meine Eltern.“ Sie standen auf und besiegelten ihr Geschäft mit einem Handschlag. Dann gab Sullivan ihm seine Kontonummer.

Als Jack aus der Bank ging, war er in Gedanken bereits bei einem gemütlichen Frühstück auf der Veranda, wodurch er beinahe den Mann übersehen hätte, der Annie so beleidigt hatte. Roger, sofern sich Jack richtig erinnerte, bediente gerade eine brünette Frau und sein Blick hätte töten können, wäre er eine Waffe gewesen. Der Typ war extrem eifersüchtig wie es aussah …




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