Todesvoting
Karin Szivatz


Bell und Mike werden auf offener Straße in einen Lieferwagen gezerrt und entführt. Kurz darauf taucht ein livestream im Internet auf, in dem ein Mann sie beschuldigt, Verbrechen begangen zu haben, ohne dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen wurden. Er fordert deshalb die Internetuser auf, für ihre Freilassung, für ihre Folter oder für ihre Tötung zu voten. Kommissar Rodrigo Gonzales muss den Entführer schnellstens schnappen, doch selbst die besten Internetspezialisten seines Teams finden nicht die geringste Spur. Es wird ein emotionaler Wettlauf mit der Zeit.




Karin Szivatz

Todesvoting

Du entscheidest, ob sie freikommen, leiden oder sterben



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Inhaltsverzeichnis

Titel (#u7c7ddc8c-ce3a-5fc8-844b-482924f30fe1)

1 (#u194d4596-ceab-5d19-a546-75e70e851324)

2 (#uc59f3290-54ab-591a-a371-752d51bdb696)

3 (#udfb58a38-e477-551d-885a-3bb9d8d5a7b3)

4 (#u6fef33c1-b63f-573c-867f-f7d9c71c1e63)

5 (#uda41a55d-d3a7-5904-940c-a7f79617b7b6)

6 (#u40f62cb7-e630-51aa-9b76-3664b8fcad90)

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Impressum neobooks (#u533a1fb6-2f01-5da1-9b5f-70444ae1ee9e)




1


Todesvoting

Du entscheidest, ob sie freikommen, leiden oder sterben

Psychothriller

Impressum:

Copyright by EgoLiberaVerlag 2021

Einbandgestaltung Walt H. Johnson

Foto: privat

Jede Vervielfältigung des Textes sowie einzelner Textpassagen ist nur mit ausdrücklicher und schriftlicher Genehmigung des Verlags zulässig.

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 11/2021

Egolibera.at

„Hi Bell, wo bleibst du denn schon wieder? Du machst mich noch wahnsinnig!“ Sie unternahm nicht einmal den Versuch, ihre Ungeduld zu verbergen. Sie war genervt und fand keinen Grund, es für sich zu behalten.

„Ich bin in zwei Minuten bei dir, schau mal aus dem Fenster und sei nicht immer so pingelig! Du hast aber manchmal schon einen Stock im Hintern, das ist total unlustig und nervig. Ich bin doch erst zwei Minuten zu spät“, raunzte Bell gehetzt und beschleunigte ihre Schritte noch ein wenig mehr.

Alexa lehnte sich mit ihrem Handy am Ohr zum Fenster hinaus und sah ihre Freundin auf den Wohnkomplex zuhasten. „Bis du hier oben bei mir bist sind es insgesamt gut und gern sechs Minuten und das sind um genau... Bell? Bell! O mein Gott, Bell!“

Sie starrte auf den Lieferwagen, der direkt neben ihrer Freundin gehalten hatten. Die seitliche Tür wurde nach hinten stoßen und jemand hatte sie brutal ins Innere gezogen. Zwei Sekunden später hatte sich der Wagen wieder in den Fließverkehr eingefädelt und hielt mit unauffälliger Geschwindigkeit auf die Autobahn zu.

Alexa entglitt das Telefon und beinahe hätte sie das Gleichgewicht verloren und wäre aus dem Fenster im dritten Stock gestürzt. Sie hatte sich zu weit nach vorn gebeugt um dem Lieferwagen nachzusehen. Wie von Sinnen schrie sie immer wieder den Namen ihrer Freundin und zwischendurch nach der Polizei. Ohnmächtig trommelte sie mit den Fäusten aufs Fensterbrett und stieß dabei einen Chilitopf um, der wie eine kleine Bombe auf dem Gehsteig unter ihr explodierte.

Als der Lieferwagen an der Ampel rechts abbog, schnappte sie ihr Handy, hastete in Hausschuhen die Treppen hinunter; immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Mit einem kräftigen Schwung war sie in ihrem Auto und schoss aus der Parklücke. Dass sie dabei einen hellroten Porsche rechts hinten touchierte, bemerkte sie nicht. Und selbst wenn sie es bemerkt hätte, wäre es nicht von Belang gewesen. Sie musste den Lieferwagen, in dem ihre Freundin wie ein Fisch in einer Dose gefangen gehalten wurde, erwischen. Während sie die Straße entlang jagte, versuchte sie, den Polizeinotruf zu wählen. Sie schielte immer wieder auf die Tastatur ihres Handys, dann sofort wieder auf die Straße, die sich ihr viel schmäler als üblich präsentierte. Sie tippte drei Zahlen ein, verwählte sich, legte auf, fluchte lautstark, trat noch mehr aufs Gas, hupte, beschimpfte wahllos die anderen Autofahrer und drückte erneut die drei Ziffern auf der Tastatur. Endlich hatte sie die richtige Nummer gewählt. Jetzt fehlte nur noch die Sprechtaste für die Verbindung.

„Polizeinotruf, was kann ich für Sie tun?“

„Meine Freundin Bell…. Sie wurde … entführt. In einem weißen Lieferwagen. Schicken Sie ein paar Hubschrauber, sie sind auf die Autobahn gefahren!“ Alexas Stimme überschlug sich, kreischte und wurde ziemlich schrill.

„Wo sind Sie jetzt? Welche Autobahn meinen Sie?“, fragte die Polizeibeamtin viel zu ruhig für Alexas Geschmack.

„Du blödes Arschloch!“, schrie sie, meinte damit aber einen Autofahrer, der viel zu langsam fuhr. Sie überholte ihn, fuhr mit quietschenden Reifen bei rot über die Ampel und handelte sich ein Hupkonzert ein, das sie aber nur in ihrer Stimmung unterstützte. „Ich verfolge den Wagen auf die A2 in Richtung Norden. So schicken Sie verdammt noch mal die Kavallerie, einen Hubschrauber, das Militär, was weiß ich, nur tun sie etwas!“

„Sie wissen, dass Sie sich strafbar machen, wenn Sie…“

„Jetzt halten Sie die Klappe und hören Sie mir zu! Meine Freundin wird entführt und sie haben die verdammte Pflicht, ihr zu helfen!“

Nach dieser Ansage breitete sich im Hörer Stille wie in den Tiefen des Ozeans aus. Eine Sekunde, eine zweite. Alexa war gerade dabei, eine hässliche Schimpftirade in den Hörer zu keifen, als sich die Beamtin wieder meldete. „Wie sieht das Fahrzeug aus? Konnten Sie sich das Kennzeichen merken? Hat der Wagen besondere Merkmale?“

Alexa holte knapp 180 Stundenkilometer aus ihrem nicht mehr ganz neuen Wagen heraus, hupte die furchtbar langsamen Schnecken vor ihr an, die sie in ihrer rasanten Fahrt behinderten und schimpfte nebenbei wie ein alter Seebär. „Es ist ein weißer Lieferwagen, Marke Stern mit einer seitlichen Schiebetür. Und dort drin ist meine Freundin! Herrgottnochmal, jetzt reden Sie nicht so viel, tun Sie etwas!“ Sie brüllte ins Handy als ob die Polizistin am anderen Ende der Leitung völlig schwerhörig wäre.

„Beruhigen Sie sich doch, es sind bereits drei Streifenwagen unterwegs und der Helikopter startet in einer Minute. Wenn Sie sich aber einen Scherz…“

Alexa warf das Handy erbost auf den Beifahrersitz. „Ach, leck mich doch!“ Für solchen Schwachsinn hatte sie jetzt aber wirklich keine Zeit. Sie musste den Lieferwagen finden und so lange verfolgen, bis die Polizei ihn stoppte. Die Häuser neben der Autobahn rasten im Eiltempo vorbei, hinterließen in ihren Augen jedoch nur noch verschiedene Farbstreifen. Als hätte Gott mit überbreiten Pinseln Streifen neben die Fahrbahn gemalt um die Fahrer zu unterhalten. Sie raste an unzähligen Autos in den verschiedensten Farben vorbei, hupte, fluchte und schüttete dabei so viele Stresshormone aus, dass ihr der Schweiß in Strömen von der Stirn lief. Doch das alles war nicht wichtig. Nur Bell war wichtig. Sie hatte den weißen Lieferwagen nicht mehr zu Gesicht bekommen und jetzt kam die erste Ausfahrt. Alexa verringerte ihr Tempo ein wenig und überlegte panisch, ob sie abfahren oder auf der A2 bleiben sollte. In ihrem Kopf fochten tausend Gedanken ein Turnier aus, doch keiner von ihnen konnte den Sieg für sich verbuchen.

Letztendlich setzte sie den Blinker und überquerte die beiden Spuren bis zum Pannenstreifen. Dort brachte sie ihren Wagen mit einem kurzen Schlingern zum Stehen, legte erschöpft die Stirn auf das Lenkrad und heulte verzweifelt los.




2


Alexa saß in der Ecke des nüchtern eingerichteten Wachzimmers und zitterte, obwohl es recht warm im Raum war. Ihr Adrenalinspiegel machte sich bemerkbar und ein Beamter legte ihr fürsorglich eine Decke über die Schultern. Ihre Atmung kam unbeabsichtigt stoßweise aus ihrem Mund und sie fühlte sich elend. Als ob sie gerade gegen Vitali Klitschko im Ring gestanden und den Kampf natürlich verloren hätte. Sie versuchte, einen Becher Kaffee an ihre Lippen zu führen, doch sobald der bittere Geruch in ihre Nase stieg, kam gleichzeitig Ekel in ihr auf. Sie liebte Kaffee in allen Varianten, doch jetzt löste er beinahe Brechreiz aus. Sie stellte den Becher auf den Schreibtisch neben ihr und starrte weiterhin die Wand gegenüber an. Das Plakat, das vor Taschendieben warnte, prangte in deren Mitte wie ein Blutfleck auf einem weißen T-Shirt, doch sie sah es nicht. Mittlerweile kauerte sie auch schon nur noch auf dem Stuhl, denn zum Sitzen fehlte ihr die Kraft.

Sie, die Frau, die immer energiegeladen durch den Tag tanzte, die stets anpackte und nichts liegen ließ und die schlagfertig auf jede Aussage reagierte, wenn es nötig war. Alexa sprühte normalerweise vor Herzensgüte und sie lebte nach dem Motto ‚immer nur her mit den Problemen, ich mache ihnen den Garaus’. Doch im Moment würde sie niemand erkennen, nicht einmal ihre Mutter. Alexa hing mehr am Stuhl als sie saß, denn ihrem Körper fehlte es an jeglicher Spannung. Selbst ihre sonst so fröhlichen, von der Natur gelockten Haare hingen kraftlos auf ihre Schultern hinab.

„Ja“, hauchte sie mit geschlossenen Augen. Der junge Beamte tippte etwas in seinen Computer. „Haben Sie den Mann erkannt?“

„Nein.“ Sie flüstere nur noch und gab dabei aber schon ihr Bestes. „Lassen Sie mich zwei Stunden in einer Ausnüchterungszelle schlafen, dann geht’s wieder“, flehte sie und kippte beinahe vom Stuhl. Die beiden Beamten griffen rasch zu und hielten sie an den Schultern fest. Dann nickten sie einander zu und der Jüngere fuhr sie mit dem Drehstuhl in eine der beiden freien Zellen am Revier. Dann setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch und sah Rodrigo Gonzales, den Ermittler der Sondereinheit für Entführung, fragend an.

„Sie kann uns ohnehin nicht helfen. Und wenn sie doch etwas weiß, wird diese Information gerade von ihrem Gehirn blockiert. Sie ist vom Adrenalin total zugedröhnt, aber das ist völlig normal. Unsere Leute haben jedenfalls vierundzwanzig Fahrzeuge im abgesteckten Abschnitt überprüft. Ohne Ergebnis. Aber ich glaube ihr. Was haben die Anrufe aus der Umgebung bis jetzt ergeben? Die Entführung, so sie tatsächlich stattgefunden hat, muss doch auch noch von anderen Personen beobachtet worden sein.“

Der Polizist tippte ein paar Befehle in seinen Computer und wartete, bis ein Menü auf dem Bildschirm erschien. Dort klickte er ein paar Punkte an und wartete wieder.

Die Beamtin des Notrufs hatte sofort alle diesbezüglich eingegangen Anrufe an die zuständige Dienststelle weitergeleitet. Er sah angestrengt auf den Bildschirm. „Es sind lediglich vier Anrufe eingegangen. Drei wegen der Entführung und eine, weil Frau Alexa Miller Radau gemacht und einen Blumentopf aus dem Fenster auf den Gehsteig geworfen hatte.“

Der Beamte sah Gonzales ungläubig an, verdrehte dann die Augen und schüttelte den Kopf. Der Ermittler lachte. „Das war wahrscheinlich wieder mal so eine alte Schachtel, der nur ihr eigenes Wohlergehen wichtig ist. Das kenne ich zur Genüge.“

Dann drehte der Polizist den Bildschirm zu Gonzales.

„Das sind alle diesbezüglich eingegangenen Anrufe“, erklärte er und grenzte sie mit dem Finger ab. Respektvoll ließ er Rodrigo Zeit um sie zu überfliegen. Insgesamt waren wirklich nur vier Anrufe verzeichnet und drei davon sagten im Prinzip das gleiche aus. Die Geschichte der Lady in der Zelle stimmte also vermutlich.

Rodrigo lehnte sich in seinem Stuhl zurück und wollte um die Weiterleitung der Gesprächsprotokolle bitten, doch der Beamte kam ihm zuvor. „Ich leite alles Nötige weiter an Ihre Dienststelle. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

Rodrigo dachte kurz nach und schüttelte den Kopf. Dann stand er auf, bedankte sich für die reibungslose Zusammenarbeit, nahm die Akte vom Tisch und machte sich auf den Weg ins Dezernat um eine fähige Gruppe zur Auffindung von Natalie Isabell, ‚Bell’ Springer zusammen zu stellen. Die Zeit drängte, denn das Opfer war womöglich in Lebensgefahr. Im Moment zählte nicht nur jede Stunde, sondern jede Minute. Je frischer die Spur war, desto größer war die Chance, das Opfer zu finden. Rodrigo holte sich die Liste der Mitarbeiter und überprüfte, wer von ihnen an keinem anderen Fall arbeitete. Sorgfältig studierte er jeden einzelnen Namen, notierte immer wieder einen davon und filterte somit all jene heraus, die gut zusammenarbeiten konnten und sich auch so richtig engagierten.

Bereits zwei Stunden später stürmte die vierzehnköpfige Truppe aus dem Besprechungsraum und verteilte sich in drei Gruppen in alle Himmelsrichtungen und dazwischen. Team Alpha sollte mögliche Zeugen der Entführung finden. Sie mussten sich Wohnung für Wohnung vorarbeiten, an jede einzelne Tür klopfen um mit den Bewohnern zu sprechen. Das waren geschätzte neunhundert Befragungen, wenn man für jeden Haushalt drei Personen rechnete. „Guten Tag, Lisa Willinger mein Name, wir untersuchen eine vermeintliche Entführung, die heute um dreizehn Uhr drei vor Ihrem Haus stattgefunden hat. Haben Sie etwas gesehen oder…. Bla bla bla.“ So uninteressant konnten Ermittlungsarbeiten sein, aber sie waren nötig. Lisa Willinger und ihre Kollegen ließen sich davon jedoch nicht entmutigen. Ihnen war durchaus bewusst, dass sie durch diesen zähen Anfang hindurch mussten um irgendwann direkt an den wirklich interessanten Ermittlungen teilnehmen zu dürfen. Aber sie alle waren noch jung und neu in der Abteilung. Somit fiel ihnen die langweilige Knochenarbeit ohne Lohn, Ruhm und Ehre zu.

Team Beta sprach mit Passanten und den Verkäuferinnen der umliegenden Geschäfte. Sie kümmerten sich auch darum, Kassetten von Überwachungskameras mitzunehmen, beziehungsweise digital gespeicherte Aufzeichnungen ans Dezernat zu übermitteln. Team Gamma war bereits in der nächsten Liga und durfte sich mit dem Ehemann, den Eltern, den Freunden, Verwandten und Arbeitskollegen des Opfers über mögliche Motive der Entführung unterhalten. Auch die Vermögensverhältnisse der Entführten wurden dabei im Groben überprüft. Dieses Team wurde vom Kriminalpsychologen Dr. Hans Gruber geleitet. Bei Freunden und Verwandten von Entführungsopfern musste man mitunter sehr vorsichtig und sensibel vorgehen und sehr viel psychologisches Wissen sowie Einfühlungsvermögen besitzen.

Ein internes Team übernahm die Auswertung der Überwachungsbänder, ein anderes machte sich im Register für KFZ-Anmeldungen auf die Suche nach allen weißen Lieferwagen. Aber ohne auch nur einen Teil des Kennzeichens zu kennen, führte diese Spur praktisch ins Nichts. Es war völlig aussichtslos, aber dennoch mussten sie ihr nachgehen.

Kurz vor zwanzig Uhr versammelte sich das gesamte Team im Besprechungsraum. Auf dem Flipchart stand in roten Lettern ‚Natalie ‚Bell’ Springer’, darunter ‚32 Jahre’, ‚verheiratet mit Toby Springer’.

Hans Gruber, der Psychologe, meldete sich als Erster mit den Ergebnissen seiner Befragung. „Im Großen und Ganzen hat sie bis jetzt ein normales Leben geführt. Sie hat einen Ehemann, einen normalen Job, keine besonderen Hobbys, etliche Freunde. Aber in einem Punkt war oder ist sie alles andere als gesellschaftsangepasst.“

Er legte eine kurze Pause ein, um sich der Aufmerksamkeit des gesamten Teams sicher sein zu können. „Sie hatte in den letzten vier Jahren ein reges Sexualleben – und zwar außerhalb ihrer Ehe!“

Erneut arbeitete er mit dem Stilmittel einer Pause. Er genoss es, im Mittelpunkt zu stehen und von allen angesehen zu werden. Dabei verspürte er ein Ziehen und Kribbeln in seinem Schritt, auf das er unheimlich stand. Es war keine Erektion, aber so etwas Ähnliches und er konnte davon nicht genug bekommen. Manchmal war dieser Erfolgsorgasmus für ihn weitaus erfüllender als ein sexueller Orgasmus. Er schloss kurz die Augen, genoss das Ziehen, atmete schwer aus und fuhr dann fort.

„Diese sehr vertrauliche und äußerst delikate Information kommt von ihrer besten Freundin Alexa Miller. Toby Springer, ihr Ehemann, wusste von einem Liebhaber, vielleicht auch noch von einem zweiten. Laut Aussage von Frau Miller hatte Natalie im Lauf der Zeit jedoch sechs Liebhaber, einer davon war ein katholischer Priester. Mit letzterem hatte Bell zwar keinen Geschlechtsverkehr, aber sie umgarnte den Ordensmann und versuchte, ihn auf die Abwege der Sünde zu locken. Vermutlich ging es ihr hierbei um den Sieg über Gott und den Glauben und weniger um das Ausleben ihrer Sexualität.“

Er setzte erneut eine Pause ein und hoffte, es würden gleich mehrere Beamte eine bestimmte Frage stellen. „Wieso ein Sieg über Gott?“, fragte Lisa Willinger und noch drei ihrer Kollegen. Da war er, der Weg zum Erfolgsorgasmus! Sie hatten ihn ihm nicht verwehrt. Ganze drei Sekunden lang genoss er diese Frage, dann fühlte er sich bemüßigt, die Lösung zu präsentieren.

„Der Priester hat sein Leben Gott gewidmet und dafür strenge Auflagen erhalten. Wenn sie, das Menschenkind, nun fähig war, den Priester zum Sex zu verführen, würde er seine Ehe mit Gott brechen und sie an die erste Stelle seines Lebens setzen. Somit hätte sie einen Sieg über Gott errungen.“

Die meisten nickten zustimmend und bewundernd. Sein Innerstes entflammte und der Psychologe genoss seine kleine Perversion in vollen Zügen, deren er sich vollends bewusst war.

Rodrigo Gonzales sah ihn nachdenklich an. „Und? Hat sie es geschafft, ihn zu verführen? Hätte er deshalb ein Motiv, sie zu entführen? Wenn er schon Sex hatte, so kann er doch auch jemanden entführen… wenn mal eine Sünde begangen ist, dann kann man doch gleich weitermachen, oder?“

Philipp aus der letzten Reihe rieb sich schmunzelnd die Hände. „Er hat sie entführt und hält sie jetzt in einem Keller als seine Sexsklavin gefangen. Er ist auf den Geschmack gekommen und holt nun alles nach, was er sich jahrelang verboten und vorenthalten hat. Im Keller feiert er jetzt Sexorgien, bis er wundgescheuert ist!“ Das gesamte Team drehte sich zu ihm um und lachte.

„Willst du dich dem ehrenwerten Pater vielleicht anschließen? Gegen einen flotten Dreier hast du doch nichts einzuwenden, oder?“, warf Henrik ein und zog damit die Aufmerksamkeit des Teams auf sich.

Gonzales lächelte und freute sich, dass das Team einander vertraute und guter Dinge war. Die Gruppendynamik funktionierte hervorragend.

Der Psychologe ließ das Team noch eine Weile herumalbern, erhob aber dann doch wieder seine Stimme und fuhr fort. „Wir wissen nur, dass er Pater Pius heißt und dem Konvent der Franziskaner im hiesigen Kloster angehört. Während er ihr die Beichte abgenommen hatte, haben sie sich kennen gelernt. Mehr weiß ich im Moment auch nicht. Aber dieser Pater ist auf alle Fälle einen näheren Blick wert. Und ich werde mich noch eingehender mit dem Ehemann beschäftigen. Ich denke zwar nicht, dass er wegen ihrer Untreue etwas damit zu tun hat, aber man kann nie wissen. Eine Entführung passt da aber so gar nicht ins Spiel. Das war’s von meiner Seite her. vielen Dank.“

Dr. Gruber blieb noch kurz stehen, sonnte sich im Mittelpunkt und setzte sich dann wieder. Sein Auftritt für den heutigen Tag war vorbei; und er hatte sich gelohnt.

Nun ergänzten die anderen Teams noch ihre Auswertungen, aber es kam nicht viel dabei heraus. Sie war weder vermögend noch hatte sie einen so wichtigen Job, als dass man sie aufgrund von Geheimnissen oder Kennzahlen entführen hätte können. Sie trieb sich nicht mit finsteren Gestalten herum und sie konsumierte oder verkaufte vermutlich auch keine Drogen. Somit war kein echtes Motiv ersichtlich und das mit den Seitensprüngen war nun doch ziemlich dünn.

Dieser Fall würde sicher zu den schwierigsten zählen, aber Rodrigo Gonzales liebte gerade diese. Es waren Herausforderungen, die er jedes Mal gerne wieder von neuem annahm. Er hatte seine Heimat Mexiko vor sieben Jahren der Liebe wegen verlassen und wurde schon nach zwei Jahren wieder von dieser Liebe verlassen. Seither stürzte er sich mehr oder minder in seine Arbeit, denn für eine neue Beziehung war er noch nicht bereit.

Rasch fasste er alles noch einmal stumm zusammen, dann verteilte er die weiteren Aufgaben an sein Team. Er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, täglich neu zu überprüfen, ob seine Leute auch ihren Fähigkeiten nach effektiv genug eingesetzt waren. Fixe Partnerschaften lehnte er ab, obwohl es sich meist ergab, dass immer wieder die gleichen zusammenarbeiteten; Talente änderten sich eben nicht. Aber er wollte, dass sich jedes Zweier- und auch Dreierteam gegenseitig ergänzte.

Nach der Einteilung entließ er seine Leute und wünschte ihnen eine gute Nacht. Sie würden sich am nächsten Tag wieder mit vollem Elan auf die Suche nach Bell machen. Kurz nach der Einteilung betrachtete er noch eine Weile das Foto von Bell und dann verließ auch er das Dezernat, nahm sich jedoch die Akte mit nach Hause. Vielleicht hatte er in den eigenen vier Wänden den einen oder anderen Geistesblitz, wie sie die entführte Person finden und befreien konnten.

Während sich das Team rund um Rodrigo ausruhte, kontrollierten Streifenpolizisten weiterhin weiße Lieferwagen, hielten nach Natalie Springer Ausschau und sahen wieder und wieder die Überwachungsfilme an. Vielleicht hatte der Kollege vom Tagdienst ja doch die eine oder andere Kleinigkeit übersehen, die weiterhelfen konnte.

Rodrigo ging langsam die Treppe hinab, setzte sich in seinen Wagen und starrte in die schwarze Nacht hinein. Er war von Menschen umgeben, von denen er nicht wusste, welche kriminellen Gedanken sie gerade hegten oder welche dunklen Pläne sie schmiedeten, die ihrem Nächsten irgendwann schaden könnten. Und auch ihm selbst. Eigentlich war jeder dem anderen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. So, wie Natalie heute. Sie geht am helllichten Tag nichts ahnend zu ihrer Freundin und wird entführt. Der nächste fängt eine verirrte Pistolenkugel ab, der andere wird vor die U-Bahn gestoßen und an irgendeiner Ecke wird jemand ausgeraubt. Wir denken immer, unser Leben im Griff zu haben, fast alles kontrollieren zu können, aber das ist völliger Schwachsinn. In Wahrheit sind wir den anderen Menschen ausgeliefert, nur verdrängen wir diese Tatsache allzu gern. Wir sind ohnmächtig dem gegenüber, was der andere macht. Und Gesetze schützen uns davor nicht, sonst würde niemand verschleppt, ausgeraubt, vergewaltigt, gefoltert oder ermordet.

An diesem Punkt riss er sich aus seinem inneren Monolog und kehrte in die Realität zurück. Er wusste, dass er eine zu negative Einstellung seinen Mitmenschen gegenüber hatte und er nahm sich gelegentlich vor, diese zu ändern. Nicht alle Menschen waren schlecht, nur einige. Und er nahm sich vor, sich in seiner Freizeit wieder mit Menschen zu umgeben. Die Einsamkeit wirkte sich nicht gerade positiv auf ihn aus. Allerdings würde er sich nach positiven Menschen umsehen müssen, was sich doch als sehr schwierig gestalten konnte. Aber im Moment hatte er andere Sorgen; er musste sich auf das Wesentliche seiner Arbeit konzentrieren.

Mit vollem Kopf startete er den Motor und fuhr los. Doch anstatt nach Hause zu fahren zog es ihn zurück zum Tatort. Er wollte sich dort noch etwas umsehen, obwohl er ahnte, dass er nichts finden würde. Dennoch setzte er den Blinker nach links und bog ab.




3


Als Tatort war die Stelle der Entführung nicht mehr zu erkennen. Die Absperrbänder waren entfernt worden, die Polizisten abgezogen. Es war wieder eine normale Straße vor normalen Wohnblöcken und normalen Geschäftslokalen. Die Menschen verrichteten ihren Alltag und wussten zum Teil sicher nicht einmal, welche Tragödie sich hier vor nur wenigen Stunden abgespielt hatte.

Der Ermittler stand an genau jenem Punkt, an dem Bell entführt wurde. Er sah in den Himmel, ließ seinen Blick über die mittlerweile hell erleuchteten Fenster streifen und fragte sich, ob es hier nicht doch jemanden gab, der mit seinem Handy den weißen Lieferwagen oder zumindest einen Teil davon fotografiert hatte. Bei Selfies fand sich immer etwas im Hintergrund, das nicht aufs Foto gehörte. Das Problem war nur, dass sich jene Menschen, die täglich unzählige Selfies schossen, nur sich selbst auf den Fotos betrachteten und den Hintergrund ausblendeten. Somit meldete sich niemand bei der Polizei um ihnen weiter zu helfen.

Mit einem Seufzen ging er in Richtung seines Wagens, doch ihm graute davor, in seine ständig leere Wohnung zu fahren. Die Härchen an seinen Unterarmen stellten sich auf, als er daran dachte, wieder alleine in der Wohnung zu sitzen, nur den Fernseher oder seine Akten als Gesprächspartner und Zuhörer zu haben. Seine Bleibe war tot und er fühlte sich zeitweise in ihr wie in einem engen, dunklen Sarg. Der Gedanke daran ließ ihn erneut erschaudern. Nein, er konnte jetzt nicht nach Hause gehen, noch nicht. Deshalb suchte er die beiden Straßen nach einem Lokal ab und wurde auch sofort fündig. Keine zehn Meter vom Ort der Entführung hießen ihn warmes Licht und die Silhouetten von Menschen willkommen. Mit einem Lächeln auf den Lippen betrat er das Lokal und fand noch einen freien Platz an den Tresen. „Einen Screwdriver ohne Wodka“, bestellte er fast nebenbei und beachtete den Barmann absichtlich kaum.

Der Mann hinter dem Tresen sah ihn entgeistert an. „Dann bleibt doch nur Orangensaft mit Eis.“

„Exactamente“, lachte Rodrigo und nickte. „Und genau den möchte ich haben. Kalt und leicht säuerlich.“ Dann setzte er noch ein höfliches „por favor“ hintan.

Der Barkeeper schenkte ihm ein warmes Lächeln und den Orangensaft in ein Glas mit vier Eiswürfel ein. „Jetzt hätten Sie mich aber beinahe drangekriegt“, flüsterte er und stellte das Glas vor seinem Gast ab.

„Das war auch meine Absicht“, flüsterte Rodrigo zurück und prostete ihm zum.

„Woher sind sie denn? Exactamente heißt so viel wie richtig, richtig? Ich tippe auf das heiße, sowie temperamentvolle Mexiko. Olè!“

Rodrigo streckte beide Daumen nach oben und strich sich die naturschwarzen Haare aus dem Gesicht. „Zollfrei importiert“, sagte er und lächelte wieder. Auch wenn es sich nur um oberflächliches Gerede handelte, genoss er es. Ein freundliches Gesicht versüßte ihm den Abend und brachte Licht in sein müdes Inneres. Er würde davon bis zum nächsten Morgen zehren.

Der Barkeeper zwinkerte ihm kurz zu und wandte sich drei neuen Gästen zu, die eine Bestellung aufgaben. Rodrigo beobachtete ihn und überlegte, ob das vielleicht auch ein Job für ihn sein könnte. Doch er verwarf den Gedanken sofort. Die geistige Herausforderung, die er dringend brauchte, konnte das Jonglieren mit bunten Flaschen und Mixbechern nicht gewährleisten. Sobald er die Zubereitung aller Drinks kannte, würde es ihn wieder weg von der Bar treiben. Er brauchte eine Arbeit, die ihm alles abverlangte. Und manchmal auch noch darüber hinaus.

Rodrigo starrte gedankenverloren in seinen Orangensaft und dachte wieder an Bell. Er stellte sich vor, wie sie von den Füßen und in den Kleinbus gerissen wurde. Wie sie panisch wurde, als sie bemerkt hatte, dass sie entführt wurde. Oder hat sie ihr Entführer betäubt und sie schläft noch? Wohin hat er sie gebracht und weshalb hat er sie entführt? Was hat er mit ihr vor? Will er Lösegeld erpressen? War es ein vielleicht politischer Akt? Will er gegen etwas, das ihm nicht passt, protestieren und sie war ein zufälliges Opfer, das zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war?

„Na, wo sind denn deine Gedanken?“, fragte der Barkeeper und lehnte sich lässig an den Kühlschrank. „In anderen Sphären, wie es aussieht. Ich bin übrigens Benjamin. Aber ich werde von meinen Freunden Jam genannt.“

Rodrigo streckte seine Hand aus und reichte sie Benjamin. „Freut mich, ich bin Rodrigo, von meinen Kollegen auch Rodrigo genannt. Ein nettes Lokal ist das hier. Mal etwas anderes als die üblichen Bars, in denen es laut und stickig ist. Bist du täglich hier?“

„Fast. Ich arbeite fünf Tage die Woche, zwei habe ich frei. Das ist ein rollierendes System. Aber etwas anderes: in knapp zwei Stunden ist meine Schicht zu Ende. Wie sieht’s aus? Unternehmen wir noch etwas miteinander? Du bist genau mein Typ!“

Rodrigo war irritiert. Was meinte Benjamin damit? Eine harmlose Männerfreundschaft oder doch eine Schwulenbeziehung? Um nicht gleich antworten zu müssen, trank er von seinem Screwdriver ohne Wodka mit Eis. Doch die Zeit reichte nicht aus um einen klaren Gedanken zu fassen. „Ich bin gleich wieder hier. Pass inzwischen auf meinen Drink auf. Nicht, dass mir noch jemand reinpinkelt!“, rief er dem Barkeeper zu und machte sich eilends auf den Weg zur Toilette.

An die kalten Fliesen gelehnt forschte er in den Tiefen seiner Gefühlswelt herum. Irgendwie fühlte er sich von dem jungen Mann angezogen, war sich aber gleichzeitig nicht sicher, ob das nicht einfach nur ein fieser ein Trick seiner Einsamkeit war. Er war nie schwul gewesen, stand immer nur auf Mädels und echte Frauen, aber hin und wieder hatte ihm schon seit seiner Jugend der eine oder andere Mann gefallen. Allerdings hatte er sich nichts dabei gedacht.

Seine Gedanken überschlugen sich und gesellten sich zum Entführungsfall. In seinem Kopf tobte ein Gedankengewitter, das ihn völlig verwirrte. Er konnte jetzt keinesfalls Entscheidungen treffen, also musste er sie aufschieben, auch wenn es Benjamin gegenüber unfair war. Immerhin hatte er ein Lächeln, das Eisberge schmelzen ließ. Und genau das irritierte ihn. Weshalb sprach ihn dieser Mann irgendwie sexuell an, obwohl er sich mit ihm Sex keinesfalls vorstellen konnte. Oder etwa doch?

Um nicht vollständig von seinen Gedanken irre gemacht zu werden verließ er die Toilette und setzte sich wieder an den alten Tresen. „Du, dein Angebot ehrt mich, aber ich bin total erledigt. Der Job, du weißt schon. Heute ist es mir echt schon zu spät. Aber gib mir deine Handynummer und ich rufe dich in den nächsten Tagen an. Was hältst du davon?“

Benjamin nickte, schrieb seine Nummer auf ein Blatt Papier und übergab ihn seinem Gast. Rodrigo griff zu aber Benjamin ließ ihn nicht los, sondern sah ihm nur tief in die Augen. „Ich mag deinen mexikanischen Akzent; sehr sogar. Also melde dich, okay?“, sagte er breit lächelnd und zwinkerte ziemlich langsam mit einem Auge. Damit ließ er das Papier los und bediente einen anderen Gast. Rodrigo leerte sein Glas, zwinkerte Benjamin ebenfalls, aber absichtlich unverbindlich, zu und verließ noch immer etwas nachdenklich die Bar. Als er sich in seinen Wagen setzte, fühlte er sich plötzlich gar nicht mehr so einsam und verloren.

Auf dem Weg zu seiner Wohnung war er sogar gut drauf und versuchte, den Leadsänger von Rammstein zu übertönen. Er öffnete das Fenster und sang lautstark ‚du hast’ mit und powerte sich damit noch mehr auf. Er fühlte sich so energiegeladen wie schon seit längerem nicht mehr und das tat ihm verdammt gut.

Doch mit seiner Laune ging es steil bergab, als er vor seiner Wohnung keinen Parkplatz finden konnte. Er drehte das Radio ab, denn die Musik machte ihn nun nervös. Langsam fuhr er die Straße entlang, bog links ab, dann wieder links und ein drittes Mal links. Jetzt stand er wieder vor dem Eingang und hatte keinen Parkplatz gefunden. Und er hatte überhaupt keine Lust darauf, mitten in der Nacht mehr als einen Kilometer zu Fuß zu gehen. Also fuhr er langsam wieder an und machte sich auf den Weg zur zweiten Runde. Wieder nichts. „Verdammt!“, rief er mit gedämpfter Stimme und versetzte dem Lenkrad einen Hieb mit beiden Fäusten. Dann fuhr er weiter.

Nach der dritten Runde um den Block sah er am Ende der Straße einen Wagen vom Randstein wegfahren. „Ja!“, stieß er erfreut aus und trat aufs Gas. Endlich hatte seine nervenaufreibende Suche ein Ende und er konnte sich in wenigen Minuten in der Badewanne entspannen. Er freute sich auf das Blubbern der eingebauten Düsen, auf das warme Licht des Led-Wechslers, das sein Badezimmer abwechselnd in rotes, blaues, grünes und gelbes Licht tauchte. Dazu würde er sich die weichen Klänge Vivaldis über die Deckenlautsprecher anhören und seine angespannten Nerven beruhigen. Genau das hatte er sich verdient; richtig verdient.

Doch kurz bevor er an der freien Parklücke angekommen war, bog ein Wagen am Ende der Straße ein, setzte den Blinker und stand zwei Sekunden später auf seinem Parkplatz.

„Maldito cabròn, du verdammter Drecksack!“, fluchte er lauthals und schlug erneut mit beiden Fäusten auf das Lenkrad. Er trat hart auf die Bremse und wurde kurz nach vorn geschleudert. Er stieß hart die Luft aus, nahm er den Gang heraus, zog die Handbremse an, schloss die Augen und legte den Kopf ein wenig nach hinten an die Nackenstütze. Nach dem dritten tiefen Atemzug hatte er sich so weit im Griff, dass er an dem gemeinen Parkplatzdieb vorbeifahren konnte ohne ihm auf der Stelle eine Kugel durchs Knie zu jagen. Dennoch war er versucht, stehen zu bleiben, auszusteigen und ihm zumindest deutlich seine Meinung zu sagen. Aber er beließ es bei einer kurzen Bremsung und einem tiefen Einatmen. Dann kreiste er weiter um seinen Block und fand nach der sechsten Umrundung doch endlich eine Parklücke. Sie war zwar viel zu klein, doch er stellte den Wagen einfach ein wenig quer, sodass der hintere Teil auf die Straße hinausragte. Sollte ihn doch ein Streifenpolizist anzeigen; er würde diesen Strafzettel ganz einfach aus dem Computer verschwinden lassen. Offiziell natürlich, nicht etwa auf illegalem Weg. Das kam bei der Polizei so gut wie nie vor. Bei diesem absurden Gedanken musste er lächeln. Aber klar doch!

Als er um die Ecke bog, stieß er beinahe mit einem Mädchen zusammen. Klein und zierlich stand sie da in ihren viel zu hohen High Heels und sah etwas verängstigt die dunkle Straße hinunter. Sie wartete ganz offensichtlich auf Kundschaft. Sofort waren die mühsame Parkplatzsuche sowie der drohende Strafzettel vergessen. Er blieb stehen und musterte sie von oben bis unten. Dann nahm er eine Haarsträhne und legte sie langsam über ihre Schulter. „Bist du für diesen miesen Job nicht ein bisschen zu jung?“, fragte er sanft und leise, um sie nicht zu erschrecken. Sie zuckte dennoch zusammen. „Ich… ich bin achtzehn“, stammelte sie so leise, dass Rodrigo sie beinahe nicht verstehen konnte. Er lächelte. „Du kannst maximal sechzehn sein. Wer hat dich auf die Straße geschickt? War es dein Vater? Dein Bruder? Bist du drogensüchtig?“ Der Kommissar sah sie nun etwas strenger an, während sie versuchte, mit der alten Backsteinmauer zu verschmelzen um darin zu verschwinden.

„Hey!“, rief eine Stimme aus der Dunkelheit. „Die Kleine macht’s dir nicht umsonst. Entweder du zahlst ordentlich oder haust sofort ab!“

Rodrigo wirbelte herum, hob blitzschnell seinen Ellbogen an und ließ ihn mit halber Kraft auf den Kiefer des Mannes krachen, der ihn von hinten attackieren wollte. Der Angreifer verlor sofort das Gleichgewicht, taumelte noch zwei unsichere Schritte nach hinten und krachte im nächsten Moment auf den Asphalt des Gehwegs.

Rodrigo sah in das Gesicht des Mannes, beugte sich vornüber und zog ihn an den Haaren hoch. Dann schleuderte er ihn gegen die Wand, wo gerade noch das Mädchen gestanden hatte. Sie hatte bereits die Flucht ergriffen und war nicht mehr zu sehen. „Joker, du elender Drecksack! Du schickst jetzt schon Minderjährige auf den Strich?“ Rodrigo verpasste ihm einen weiteren Hieb mit dem Ellenbogen ins Gesicht, dann drückte er den Zuhälter am Hals mit dem Unterarm an die Mauer und hielt ihm seinen drohenden Zeigefinger vor die Nase. „Ich sage es dir jetzt zum zweiten und allerletzten Mal: lass deine dreckigen Finger von der Zuhälterei, du Wixer! Das Mädel wirst du ab sofort in Ruhe lassen und falls du noch andere Damen hast, auch sie. Ich behalte dich ab sofort im Auge und wenn ich dich noch ein einziges Mal dabei erwische, kommst du nicht mehr so glimpflich wie jetzt davon. Hast du mich verstanden?“, zischte er leise, aber sehr bedrohlich in das Ohr des jungen Mannes.

Joker nickte. „Ja, verstanden.“

Rodrigo sah ihm in die Augen, nahm seinen Unterarm vom Hals des Zuhälters und verpasste ihm einen Fausthieb zum Abschied. Das Nasenbein brach laut knackend und zwei seiner Zähne landeten mit einem grausigen Klickgeräusch auf dem Boden. Joker stöhnte laut auf und sackte an der Wand in sich zusammen. Der Kommissar wollte ihm noch einen Tritt verpassen, verzichtete jedoch darauf. Bevor er ging, drehte er den blutenden Mann zur Seite und seinen Kopf nach unten, sodass er nicht an seinem eigenen Blut erstickte. Dann rief er einen Krankenwagen und machte sich auf die Suche nach dem Mädchen.

Zwei Blocks weiter saß die kleine Gestalt, die nun noch viel winziger als zuvor wirkte, auf der Lehne einer Parkbank und hatte das stark geschminkte Gesicht zwischen ihren Knien verborgen. Der Kommissar setzte sich neben sie und hielt sofort ihr Handgelenk fest. Wie erwartet, wollte sie sich sofort aus dem Staub machen, doch sie wurde durch seinen eisernen Griff daran gehindert.

„Lass mich los, du Scheißkerl, ich rufe die Polizei“, quietschte sie unsicher und schlug mit der freien Hand auf ihn ein. Die Panik war in ihr Gesicht gemeißelt.

„Spar dir die Mühe, ich bin von der Polizei. Und glaub nicht, dass ich dir etwas Böses antun will. Im Gegenteil. Ich will, dass du eine Zukunft hast, ein Leben. Mit diesem Dreckskerl Joker machst du dir alles kaputt und zwar in Windeseile. Du kannst nicht mal bis drei zählen und schon pumpst du dich mit Drogen voll, weil du den Sex mit den alten, ungewaschenen, stinkenden Drecksäcken, deren Tochter oder Enkeltochter du sein könntest, nicht erträgst. Und für diese Drogen gehst du dann anschaffen. Dir bleibt nichts zum Leben und deine Zukunft besteht nur noch aus ekelerregendem Sex und der Gier nach dem nächsten Schuss. Ist es das, was du willst? Ist es das wirklich?“

Sie sah ihn mit großen Augen verwundert an, dann starrte sie auf ihre Schuhe. „Joker meinte, ich könnte das große Geld machen, weil ich so jung bin. Ich müsste nur ein paar Monate arbeiten und hätte dann für den Rest meines Lebens ausgesorgt. Die Männer stehen sich’s nun mal auf junge Mädchen.“

Rodrigo ließ ihr Handgelenk los und starrte in die Ferne. Er hatte ihr Vertrauen erlangt und machte sich keine Sorgen, dass sie weglief. „Weißt du, es wird immer Drecksäcke wie Joker geben, die auf Kosten der anderen leben. Es sind Verlierer, die andere in die Hölle schicken um selbst ein feines Leben ohne Arbeit zu führen. Es ist wichtig, dass du das weißt. Sobald sich etwas viel zu gut um wahr zu sein anhört, dann ist es auch nicht wahr. Merk dir das. Wisch dir den Kleister aus dem Gesicht und geh zur Schule. Schließ‘ eine Ausbildung ab, dann spuckst du nur noch auf Typen wie Joker. Und zwar mit Recht. Alles klar?“

Das Mädchen nickte und versuchte, ihre Tränen zurück zu halten. Rodrigo stand auf, legte ihr freundschaftlich die Hand auf die Schulter, drehte sich um und ging langsam weg. Nach zwei Schritten hörte er noch ein ehrlich klingendes „Danke“. Nun fühlte er sich wieder gut. In ihm hatte sich soeben ein kleines Flämmchen entzündet, das ihn wärmte.

Den Weg in seine Wohnung konnte er sogar ein wenig genießen und kurz überlegte er, den Barmann anzurufen. Im Moment wäre ihm nach Gesellschaft gewesen und nach unverfänglichen Gesprächen ohne an Entführung, Mord und Totschlag denken zu müssen. Ja, das konnte er in diesem Augenblick gut gebrauchen und er holte sein Handy aus der rechten Tasche seiner Jeans. Dann kramte er in seiner Brieftasche nach der Nummer, fand sie recht rasch und wählte. Doch noch ehe die Verbindung zustande kam, legte er hektisch auf. Erst jetzt erinnerte er sich daran, dass der Barmann vermutlich schwul war und ihn aller Wahrscheinlichkeit nach verführen wollte. Ein leiser Schauer rieselte über seinen Rücken und er steckte das Handy wieder ein. Nein, flüsterte er in die stille Nacht hinein und schüttelte den Kopf, als hätte er ein reales Gegenüber. Ich bin für ein solches Experiment noch nicht bereit. Vielleicht später, aber jetzt noch nicht. Mit diesem Gedanken vergrub er die Hände in den Taschen seiner Jeans und stieg die Treppe nach oben zu seiner Wohnung.




4


Um die Morgenbesprechung in Gang zu bringen klatschte Gonzales in die Hände. „Wer hat etwas zu beichten, wer hat etwas mitzuteilen? Zum Ersten, zum Zweiten…?“

Die KollegInnen sahen ihn mit ausdruckslosen Gesichtern an und zuckten teilweise mit den Schultern. Das Ergebnis fiel ziemlich ernüchternd aus. Die Leute vom Nachtdienst hatten keine neuen Anhaltspunkte von dem oder den Entführern und auch nicht auf den Aufenthaltsort des Opfers gefunden. Auch der weiße Lieferwagen konnte nicht sichergestellt werden. Die erneute Auswertung der Überwachungskameras war ebenfalls ein Schlag ins Wasser. Sie hatten faktisch nichts, außer diesem Lüstling Pater Pius und das war vermutlich eine ziemlich dünne Fährte, wenn sie überhaupt eine war. Natürlich war es durchaus angebracht, auch Ordensleute zu verdächtigen, aber zumeist waren sie doch ehrbare Bürger, die sich hinter Klostermauern vor der rauen, lauten Welt versteckten und sie als ihre Schutzschilde benutzten.

Rodrigo sah in die Runde und fixierte kurz Lisa Willinger, deren Wangen sich abrupt dunkelrot färbten und der Kloß in ihrem Hals beinahe sichtbar wurde. Rodrigo gefiel es, sie mit einem einzigen Blick verlegen zu machen und lächelte innerlich. „Habt ihr gestern bei der Befragung der Hausbewohner auch daran gedacht, nach Fotos und Selfies, die zu dieser Zeit gemacht wurden, zu fragen?“

Lisa schluckte schwer und fixierte einen Punkt auf dem Boden vor ihren Füßen. „Nun… na ja….“

Mehr musste sie nicht sagen, denn ihre wenigen Worte sagten alles. Rodrigo atmete schwer aus. „Du weißt, was das heißt, muchacha“, sagte er mit selbstsicherer Stimme und wandte sich daraufhin sofort dem Kriminalpsychologen zu um seiner Kollegin keinen Raum für eine Antwort oder Frage zu lassen. Damit förderte er ihr eigenständiges Denken, denn er hasste es, für jeden einzelnen Kollegen das individuelle Kindermädchen zu spielen.

„Gibt es neue psychologische Erkenntnisse, die du uns präsentieren kannst? Wir bräuchten dringend etwas Greifbares. Der Fall ist im Moment noch ohne jegliche Substanz, wie ein Luftgebilde, absolut nicht greifbar. Hätte es nicht noch zwei Zeugen gegeben würde ich meinen, Frau Miller hat sich diese Entführung nur eingebildet und ihre Freundin vögelt gerade munter mit einem Priester, Bauarbeiter oder Arzt in der Gegend herum.“ Er schickte dem letzten Satz ein schwaches Lächeln nach, doch niemand im Team fand es wirklich witzig.

Dr. Gruber schüttelte den Kopf. „Dieser Fall ist wirklich sehr eigenartig, weil’s weder Motive gibt, noch geht es um Geld oder Einfluss. Ein gehörnter Ehemann lässt seine Frau normalerweise nicht entführen, damit sie sich wieder auf die Ehe besinnt. Er schlägt sie, droht ihr oder verlässt sie. Aber entführen? Das passt nicht. Noch dazu passt es nicht zu Toby Springer. Aber ich werde mich noch mal mit ihm unterhalten und ihm ein paar Fallen stellen. Mal sehen, ob er aus diesem Gespräch unbeschadet herauskommt.“

Das Team hatte zwar zugehört, ihm aber keine Ehrerbietung gezollt. Das war kein guter Tag für Hans Gruber.

„Okay“, sagte Rodrigo entschlossen und beendete damit die Informationsrunde. Er klatschte erneut in die Hände und erhob sich mit Schwung von seinem Stuhl. „Wir müssen uns bei diesem Fall eben noch mehr anstrengen als sonst. Einige von Euch wissen, was sie zu tun haben, die Restlichen bleiben hier und arbeiten an einem Brainstorming. Wir brauchen im Moment jede Idee und sei sie noch zu abwegig. Reißt Euch am Riemen, Leute, wir müssen Bell finden. Und zwar rasch und lebend.“

Lisa Willinger lehnte sich zu ihrem Sitznachbarn Kevin. „Gonzo ist heute wieder mal besonders lustig“, flüsterte sie ihm zu und sah ihn verschwörerisch an. Doch dieser hatte an Intrigen kein Interesse und stand auf, als hätte er ihre Worte nicht gehört. Er wollte sich nicht zwischen zwei Fronten werfen, denn das konnte echt fatal enden.

Rodrigo hielt seiner Truppe die Tür auf und verabschiedete sich von jedem; nur Kevin hielt er an der Schulter fest. „Du kommst mit mir ins Kloster und betest dort zehn Ave Maria. Ob du willst oder nicht“, scherzte er und warf seinen Kaffeebecher in den Recyclingbehälter. „Diese verfluchten Bastarde! Wer hat schon wieder eine Getränkedose in den Kaffeebecherbehälter geworfen? Ich werde eine Überwachungskamera installieren lassen, dann ist es mit dem Umweltschädigen vorbei!“, keifte er sichtlich ernsthaft böse.

Kevin sagte nichts. Er wusste, wann er bei seinem Chef besser den Mund halten sollte. Ging es um ein Menschenleben oder um die Umwelt, dann kam man ihm besser nicht zu nahe. Sonst konnte man mit dem großen Mexikaner über alles reden, diskutieren und ihn sogar attackieren. Das hielt er gut aus. Was er nicht aushielt, waren Unachtsamkeiten, Lügen und Umweltzerstörung.

Auf dem Weg ins Kloster wandte sich Kevin an seinen Boss. „Welchen Grund könnte es geben, der dich in diese altehrwürdigen Gemäuer treiben könnte? Für ein paar Jahre oder gar ein Leben lang.“

Rodrigo sah den jungen Kollegen nicht an. Er dachte nur an dessen Frage, Er starrte durch die Windschutzscheibe und ließ sich mit der Antwort ausreichend Zeit. „Der einzige und somit auch sehr schwerwiegende Grund wäre die Angst vor dem Leben. Klosterbrüder- und schwestern leben in einer heilen Welt, sofern sie sich nicht in die Mission sofern sie sich nicht in die Mission nach Afrika oder Asien begeben. Sie konfrontieren sich nicht mit Problemen im zwischenmenschlichen Bereich und sind somit einerseits keine gereiften Persönlichkeiten würde ich mal sagen.“

Kevin nickte. Eigentlich war diese Frage nur ein Denkanstoß für die Ermittlungsarbeit und keine persönliche Frage. Er wollte sich in das Leben der Klosterbrüder ein wenig hineinversetzen Rodrigo fand die Frage jedoch genial.

Wortlos parkte er den Wagen vor den alten Klostermauern und läutete an. Als hätte der Ordensbruder bereits hinter der Tür auf sie gewartet, öffnete er nur wenige Sekunden nachdem der letzte Ton verklungen war. Der ältere Pater hieß sie mit offensichtlich gespielter Herzlichkeit willkommen, als er die Dienstmarken sah und führte sie stumm durch mehrere Gänge.

Im Konvent herrschte Grabesstille. Die Kühle der dicken Mauern empfing die beiden Ermittler wie ein großes Tuch, die sie leicht fröstelten ließ. Rodrigo fragte sich, ob es bloß die Mauern waren, die die kühle Temperatur ausstrahlten oder nicht doch der Pater, der noch immer stumm vor ihnen ging.

Der Priester führte die beiden Ermittler in einen Besprechungsraum, der durchaus als Prunksaal durchgehen konnte. Rodrigo legte den Kopf in den Nacken und bewunderte sprachlos die farbenprächtige Decke sowie die dicken, goldenen Säulen und beneidete den Konvent um die prunkvolle Ausstattung. Mit Erstaunen betrachtete er die dicken, goldenen Säulen und beneidete den Konvent um die wertvollen Gemälde aus Öl, die vermutlich aus dem siebzehnten oder achtzehnten Jahrhundert stammten. Sein Besprechungsraum wurde vom ganzen Dezernat genutzt, war mit ein paar Stühlen und einem einfachen Metalltisch sehr spartanisch spartanisch eingerichtet und kahl. Dafür darf ich Sex haben, wann immer ich will, freute er sich insgeheim und war auch sofort etwas deprimiert. Obwohl er Sex haben durfte, hatte er keinen. Welche Verschwendung von Lebenszeit, dachte er betrübt.

„Worüber wollten Sie mit mir sprechen?“, fragte der Abt, der gleich neben der großen Tür stand und sichtlich auf die beiden Kriminalinspektoren gewartet hatte und riss Rodrigo aus seinem Gedankenspiel. Sofort spürte er die Hitze in seinem Gesicht und wusste, dass er dunkelrot angelaufen war. Er schämte sich, in heiligen Hallen und in Gegenwart eines Gottesmannes über Sex nachgedacht zu haben. Einen ganz kurzen Moment fürchtete er sogar, dass dieser seine Gedanken gelesen hatte.

„Wir würden uns gerne mit Ihnen über Pater Pius unterhalten und auch mit ihm persönlich sprechen, falls er im Haus ist. Der Mann am Telefon hat mir nämlich nur gesagt, ein Gespräch mit ihm wäre nicht möglich.“

Der Abt legte seinen Kopf schief und sah ihn an. „Pater Pius wurde vor einigen Wochen von unserem Herrn in seiner unendlichen Gnade abberufen. Er ist unwürdig von uns gegangen, aber wir behalten ihn dennoch in liebevoller Erinnerung. Dass wir nicht gerne über seine Person sprechen, werden Sie verstehen. Er möge in Frieden ruhen.“

Rodrigo sah ihn kurz ungläubig an, erhob sich jedoch sofort und reichte dem Abt die Hand. „Das tut mir aufrichtig leid, bitte entschuldigen Sie die Störung. Vielen Dank für Ihre Zeit. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag.“ Rodrigo war unsicher, was man in einer solchen Situation zu einem so hohen Würdenträger sagte und fühlte sich plötzlich ziemlich unwohl.

In diesem Moment wandte sich Kevin mit ziemlich schroffer, selbstsicherer Stimme an den Abt. „Entschuldigen Sie bitte, aber wir haben noch ein paar Fragen, auch wenn er tot ist. Oder gerade, weil er tot ist.“

Rodrigos Kopf schnellte zu Kevin und er starrte ihn entrüstet an. Dann packte er ihn blitzschnell an der Schulter, drehte ihn zum Ausgang und schob ihn wortlos vor sich her.

Der Abt lächelte gekünstelt. „Grüß Gott, die Herren.“ Dann schloss sich auch schon das schwere Eisentor des Klosters hinter den Ermittlern und die heile Welt der Mönche war wiederhergestellt.

„Was sollte das jetzt werden?“, keifte Rodrigo seinen Kollegen an. Versuch’ mal, ein Auto mit einem Zahnstocher zu knacken. Das ist das gleiche hirnrissige Vorhaben wie den Abt unter Druck setzen zu wollen. Du musst abschätzen können, wo Druck angebracht ist und wo nicht. Hier jedenfalls nicht!“

Er stieg ins Auto und schnitt Kevin gleich das erst Wort ab, als dieser Luft holte um etwas zu entgegnen oder sich zu rechtfertigen. „Wenn es um die Ehre der Kirche und seiner Mitbrüder geht, kannst du Druck vergessen. Die Gottesmänner setzen alles daran, ihren weißen Schein zu wahren. Wir müssen an die Sache mit Pater Pius anders herangehen. Wie, weiß ich allerdings noch nicht, aber wir werden einen Weg finden. Hätten wir jetzt Druck auf den Abt ausgeübt, wären vermutlich all die anderen Wege für die Zukunft versperrt gewesen.“

Er startete den Wagen und fuhr los ohne seinen Partner anzusehen. Kevin sank auf dem Beifahrersitz zusammen und dachte über die Worte seines Chefs nach. Doch noch ehe er entschieden hatte, ob er seiner Meinung nach recht hatte oder nicht, hob dieser schon wieder den Zeigefinger und fuchtelte damit vor seiner Nase herum.

„Und außerdem können wir uns eine Dienstaufsichtsbeschwerde nicht leisten. Heutzutage beschwert sich doch gleich jeder über uns, wenn wir unsere Arbeit gewissenhaft machen.“ Er schnaubte, denn beim letzten Fall hatte es mehrere solcher Beschwerden gegeben und er hatte sogar die Innenrevision wegen einer seiner Mitarbeiterinnen am Hals. Die Zeiten waren auch für Bedienstete der Kriminalpolizei sehr hart geworden.

Kevin wollte schon seine Meinung äußern, behielt sie aber lieber für sich. Er würde erst dann wieder reden, wenn Gonzales das Thema gewechselt hatte. Diese Taktik hatte sich auch bei seiner Freundin als goldener Weg bewährt.

Während sich die beiden die Abfuhr des Abtes geholt hatten, führte Dr. Hans Gruber das zweite Gespräch mit dem Ehemann des Entführungsopfers. Er fühlte ihm wegen einer möglichen Beteiligung oder wegen einer Auftragserteilung an jemand Dritten kräftig auf den Zahn. Er formulierte bereits gestellte Fragen um und überprüfte sehr genau, ob die Antwort mit der letzten übereinstimmte. Er nahm ihn in die Zange und drehte ihn so lange durch die Mangel, bis er geistig erschöpft war. Hans war nun klar, dass Toby nichts mit der Entführung zu tun haben konnte. Und er wusste auch, dass es im Ehebett schon des längeren nicht mehr stimmte. Er verhielt sich nach eigener Aussage für den Geschmack seiner Ehefrau viel zu gehemmt und sie meinte, in ihrem Leben etwas Essenzielles zu versäumen. Sie war der Typ Abenteuer, er der Typ Hamsterrad. Damit war der Hintergrund ihrer Seitensprünge und Affären geklärt, jedoch nicht der Hintergrund ihrer Entführung. Hans bedankte sich bei Toby und verspürte bei der Verabschiedung noch immer dieses wohlbekannte, leichte Kribbeln im Schritt. Das sexuelle Versagen des Ehemannes hatte ihm ein Gefühl der Überlegenheit gegeben und somit auch schon wieder den Tag versüßt. Bestens gelaunt verließ er das schmucke Vorstadthaus mit dem gepflegten Garten und fuhr zurück ins Dezernat um dort seinen Bericht über diese Befragung zu verfassen

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„Darf ich dich etwas ganz Persönliches fragen?“ Kevin sah seinen Boss nicht an, sondern starrte nur durch die Windschutzscheiben.

Rodrigo schnaufte. „Frag mich und du wirst sehen, ob du eine Antwort oder meine Faust auf deine Nase bekommst“, bellte er lachend und fand den Witz so gelungen, dass er mit seinen Händen aufs Lenkrad trommelte. Kevin hingegen fühlte sich davon etwas eingeschüchtert.

„Na dann lieber nicht. Meine Freundin steht nämlich auf meine fein geschnittene Nase edelster Herkunft!“, konterte er und lächelte.

„Wieso sprichst du eigentlich unsere Sprache so gut? Beinahe akzentfrei. Nur wenn du wie ein alter Seebär fluchst, kommt der mexikanische Akzent so richtig deutlich zu tragen.“

Kevin hielt sich schützend beide Hände vor die Nase und ging auf dem Beifahrersitz in Deckung.

„Meine Großeltern sind in jungen Jahren hierher ausgewandert, waren aber nach Mexiko zurückgekehrt als die Nazis begonnen hatten, ihr Drittes Reich zu gründen, sagen wir mal so. Meine Eltern zogen mich und meine Schwester Lucìa spanisch auf, unsere Großeltern sprachen Deutsch mit uns. Lucìa hat sogar Deutsch und Spanisch studiert und ist Lehrerin geworden. Nur ich war zu doof um diese grandiose Grundlage beruflich zu nutzen. Ich bin eben ein burro estùpido, ein dummer Esel.“

„Die meisten von uns sind froh, dass du ein burro estùpido bist. Wer weiß, wen sie uns sonst als Boss vor die Nase gesetzt hätten. Vielleicht den launischen Friedman von der Sitte, der auf jeden Chefsessel so scharf ist wie eine Schlange auf eine fette Ratte. Oder diese altbackene Klaringer, die eine ganze Minute braucht um eine Antwort auf eine noch so simple Frage zu geben. Oder…“

„Ruhe!“, unterbrach ihn Rodrigo schroff und drehte das Autoradio um einige Stufen lauter.

„Die Vierunddreißigjährige wurde gestern am frühen Vormittag auf offener Straße in einen weißen Lieferwagen unbekannter Marke gezerrt und seither fehlt von ihr jede Spur. Falls jemand den Vorfall beobachtet hat und von der Polizei noch nicht vernommen wurde, der möge sich bitte dringend bei der nächsten Polizeidienststelle oder unter der Nummer 0555/23896 melden. Und nun zum Wetter. Die Aussichten für…“

Rodrigo drehte wieder leiser und nickte zufrieden. Er hatte den kurzen Text gestern an die interne Pressestelle weitergegeben um noch weitere potenzielle Zeugen zu gewinnen. Irgendjemand sieht immer irgendetwas…

Kevin sah Rodrigo skeptisch an. „Jetzt werden sich wieder die ganz Wichtigen melden und dem Telefondienst die Zeit stehlen“, seufzte er. Rodrigo zuckte mit den Achseln, entgegnete aber nichts. Kevin war mit seinen zweiunddreißig Jahren lang genug bei seiner Truppe um zu wissen, wie es für gewöhnlich lief und dass die meisten Anstrengungen umsonst waren.




5


Bell Springer lag auf dem kahlen Boden eines kleinen Raumes. Es roch ziemlich muffig und vielleicht auch nach Mäuseköttel. Sie hatte bislang noch nie die Exkremente von Mäusen gerochen, stellte sich aber vor, dass sie so riechen könnten. Schwaches Licht drang durch den großen Türspalt hindurch, aber sie konnte nicht sagen, ob es sich dabei um Tageslicht oder um künstliches Licht handelte. Mittlerweile hatte sie jegliches Zeitgefühl verloren.

Die Zeit in diesem winzigen Raum, dessen Wände stets näher auf sie zu rückten und sie irgendwann zwischen sich zerquetschen würden, kam ihr endlos vor. Und doch hatte sie das Gefühl, als wäre sie erst vor kurzem hier gelandet. Ihre blutigen Finger pochten schmerzhaft im Takt ihres Herzens. Sie war so naiv gewesen zu glauben, sie könnte sich mit bloßen Fingernägeln durch den Beton direkt neben der etwas angerosteten Stahltür graben. Der Beton war unversehrt, doch ihre Fingernägel waren bis tief hinein ins Nagelbett eingerissen und pochten nun unablässig schmerzhaft im Takt ihres Herzschlags. Sie hatte geblutet und dennoch versucht, ein paar kleine Steinchen aus dem harten Beton zu lösen; doch ohne jeden Erfolg.

Noch dazu hatte sie sich ihren rechten Fußknöchel verstaucht, als sie unablässig gegen die Tür unter dem Türknopf getreten hatte. Auch hier hatte sie gehofft, dass das verrostete Eisen leicht nachgeben würde und sie sich einen Weg ins Freie verschaffen könnte. Doch sowohl die Mauer als auch die Tür hielten ihren ohnmächtigen und aussichtslosen Versuchen stand.

Die Aufregung der Entführung, die Auflehnung gegen die starken Arme, die sie ins Auto gezogen und auf den Boden gedrückt hatten, das sinnlose Betteln um Freilassung, die verzweifelten Schreie in ihrem Gefängnis, die heftigen Wein- und Heulkrämpfe, das Hadern mit ihrem Schicksal und die enorme körperliche Anstrengung ihrer erfolglosen Ausbruchsversuche hatten ihr jegliche Energie geraubt. Sie brauchte jetzt dringend Wärme, zärtliche Geborgenheit, vertrauensvolle Sicherheit, etwas zu Essen und zu Trinken. Doch alles, was sie tatsächlich bekam, waren Einsamkeit und eine furchtbare Stille, die sie schon jetzt nicht mehr ertragen konnte.

Während sie in ihrer einsamen Zelle tobte und wütete, hatte sie nicht nach dem Grund ihrer Entführung gefragt. Doch jetzt, völlig erschöpft, verschwitzt, verschmutzt, mutlos, hungrig und durstig begann sie sich zu fragen, ob sie überhaupt die richtige Person war, die hier schmorte. Sie hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen, hatte kein Geld, keinen Besitz, keinen Einfluss auf die Politik, Wirtschaft oder andere Personen. Als Sexsklavin war sie mit ihren achtunddreißig Jahren auch nicht mehr zu gebrauchen, dafür gab es viel jüngere, hübschere, schlankere und aufreizendere Frauen als sie. Sie war ein Niemand, die es nicht wert war, das Risiko einer Entführung auf sich zu nehmen.

Sie sehnte sich nach Toby, ihrem besten Freund und Ehemann, der sie zwar seit zwei Jahren nicht mehr im Arm gehalten hatte, aber auf den sie sich nach wie vor felsenfest verlassen konnte. Er war immer für sie da, solange es sich nicht um ein sexuelles Thema handelte. Doch in diesem Fall würde auch er nichts unternehmen können, um ihr Wohlbefinden zu steigern oder sie aus ihrem Gefängnis befreien zu können. Er würde zu Hause in sämtlichen Zimmern herumlaufen; panisch, nervlich am Ende, Gott bittend, ihm Versprechen abgebend, obwohl er nie ein gläubiger Mensch war und sich nötigenfalls auch mit dem Teufel einlassen, nur um ihr beschützend und helfend zur Seite zu stehen. Aber der Teufel würde garantiert keinen Deal mit ihm eingehen, denn sein Stellvertreter hatte sich Bell geschnappt und würde sie auch nicht unbeschadet aus seinen Fängen lassen.




6


Nelson-Mandela-Straße, 11 Uhr. Der Verkehrsfluss ist ruhig, keine Besonderheiten auf der Straße oder in den zahlreichen Wohnanlagen. Eine ältere Dame schlendert gemächlich auf dem Gehweg dahin, ihre Einkaufstasche in der linken Ellenbeuge. Sie geht gerne einkaufen, denn dann ist sie nicht allein und einsam in ihrer leeren Zweizimmerwohnung. Vor sich sieht sie einen Einkaufswagen, der quer über dem Gehsteig steht und nur links davon einen schmalen Streifen zum Vorübergehen freilässt. Sie würde ihn der Länge nach hinstellen müssen, um besser daran vorbei zu kommen. Sie fixiert das Hindernis vor sich und beobachtet aus dem Augenwinkel einen Mann, der nur noch wenige Meter bis an den Punkt X hat. Der Mann vor ihr greift jedoch nicht wie erwartet zum Einkaufswagen um ihn aus dem Weg zu räumen, sondern geht einfach links an ihm vorbei, steigt aber nicht auf die Straße hinunter. Nun fixiert sie ihn und grollt ein wenig, weil er ihr die Arbeit überlassen hatte. Doch in genau diesem Moment fährt ein weißer Lieferwagen dicht an den Gehsteig, die Tür schiebt sich mit einem lauten Rollgeräusch nach hinten auf. Ein großer Mann, ganz in schwarz gekleidet, setzt ein Bein hinter den Mann auf dem Gehsteig, packt ihn am Brustkorb und wirft ihn mehr oder minder in den Wagen. Noch während der Fußgänger ins Innere fliegt, schert der Kleintransporter aus und fädelt sich wieder in den losen Verkehr ein. Die ältere Dame hört keine quietschenden Reifen, sondern nur noch das leise, metallene Geräusch der Seitentür, die kraftvoll geschlossen wird.

Sie bleibt stehen, achtet weder auf den Einkaufswagen auf dem Weg noch auf ihre volle Einkaufstasche, die ihr vom Ellbogen gleitet und auf den Gehweg fällt. Der Joghurtbecher platzt im Inneren auf, doch auch das registriert sie noch nicht. Sie sieht nur, dass sich der Lieferwagen im gemäßigten Tempo von ihr entfernt und auf den Kreisverkehr zuhält.

Da beginnt sie zu schreien, rudert mit den Armen und muss sich am Zaun festhalten, um nicht umzukippen. „Hilfe! Entführung! Ruft die Polizei! Himmel, da wird gerade ein Mann entführt! So helft ihm doch!“

Eine junge Frau schießt mit ihrem Kinderwagen aus dem Spielplatz heraus direkt auf die alte Dame zu. Sie hat bereits ihr Handy gezückt und den Notruf gewählt.

„Sind sie sicher?“, fragt sie hektisch und viel zu laut. Die zitternde Dame am Gartenzaun nickt heftig. „Ja, aber ja doch!“, ruft sie aus. Das Adrenalin pumpt beinahe pur in ihren Adern und lässt sie heftig keuchen.

Innerhalb nur weniger Sekunden strömen Menschenmassen aus den Kaufhäusern, den Wohnungen und dem Bürogebäude, um die Entführung live mit zu erleben. Doch sie kommen genauso zu spät wie die alarmierte Polizei. Sie sehen nur noch die ältere Dame, die jemand auf den umgedrehten Einkaufswagen gesetzt hat, damit sie nicht umkippt. Ein junger Mann mit langer Schürze trabt mit einem Glas zuckerhältigen Limonade aus der Bar und reicht es ihr. „Das wird Ihnen guttun. Trinken Sie!“, forderte er die Dame auf und sie setzte ihre faltigen, leicht zitternden Lippen an den Rand des Glases.

Kurz danach ist der Tatort abgesperrt, die Spurensicherung verständigt und die Dame auf dem Weg zum örtlichen Polizeirevier. Die Schaulustigen werden gebeten, sich zu melden, wenn sie irgendetwas gesehen oder gehört haben oder wieder zu gehen, wenn sie keinen Beitrag zur Klärung des Falls leisten können. Wenige Stunden später ist der Tatort wieder ein ganz normaler Gehweg neben einer ganz normalen Straße und einem ganz normalen Zaun. Nur das Leben des entführten Mannes hat sich soeben schlagartig geändert.




7


Rodrigo lenkte den Dienstwagen auf den Parkplatz vor dem Dezernat und ärgerte sich, weil er wieder in der letzten Reihe parken musste. All die anderen Parkplätze waren bereits besetzt und er hatte trotz mehrerer Ansuchen bislang noch keinen personalisierten ergattert. Der oberste Boss meinte bei meiner letzten Anfrage lachend, dass er sich durch den täglichen Fußmarsch von gut zwölf Metern bis zum Polizeirevier fit halten könne; er solle es doch positiv sehen! Rodrigo betrieb Sport, ja, natürlich. Er lief zweimal die Woche rund eine ganze Stunde, spielte zweimal im Monat eine Stunde Squash und er schwamm zumindest einmal pro Woche eine Stunde. Auf diese Weise hielt er sich zumindest so fit, dass er einem Flüchtigen gut folgen konnte. Es sei denn, derjenige war ein junger Sprinter, was aber ohnehin sehr selten vorkam. Die meisten Entführer und Einbrecher waren nicht sonderlich gut zu Fuß unterwegs und kämpften meist schon nach wenigen hundert Metern mit der Luft und Seitenstechen. Deshalb sagte Rodrigo immer scherzhaft, dass man die sportlichen Verdächtigen eher hintanstellen könne.

Als er seinen Fuß auf die erste Stufe stellte, klingelte sein Handy und gleichzeitig rief jemand aus dem ersten Stock beim Fenster hinaus. Es war der oberste Boss, dessen Stimme unverkennbar über den Parkplatz donnerte. „Ein bisschen mehr Einsatz, wenn ich bitten darf! Hopp, hopp!“ Dann lachte er und zog schnell seinen Kopf vom Fenster zurück.

Rodrigo sah Kevin an, verzog sein Gesicht und schüttelte kaum vernehmbar den Kopf. Kevin zuckte die Schultern und betrat hinter ihm das Gebäude. Am Handydisplay erschien die Nummer seines Chefs und ihm wurde klar, was er mit seinem Ruf gerade gemeint hatte. Beeilung, pronto, ràpido! Es musste wirklich dringend sein, also nahmen die beiden Polizisten immer zwei Stufen auf einmal und liefen den Gang entlang bis zum Besprechungszimmer.

Wie erwartet hatten sich dort bereits alle zur Verfügung stehenden Beamten versammelt und sahen Rodrigo erwartungsvoll an. Rasch ließ er seinen Blick durch die Runde schweifen und auf Ralf Penz, dem grauhaarigen Oberboss liegen.

„Wir haben gerade die Meldung über eine weitere Entführung von der Stadtpolizei erhalten. Ein Mann um die vierzig wurde vor einer knappen viertel Stunde in der Nelson-Mandela-Straße 11 in einen weißen Lieferwagen gezerrt. Ganz unspektakulär. Tür auf, Mann rein, Tür zu. Und weg war der Wagen mit einem zusätzlichen und vor allem unfreiwilligen Passagier mehr an Board. Eine Zeugin, die mit ihrem Kinderwagen im Park unterwegs war, hat die Polizei verständig. Dieses Mal gibt mehrere Zeugen und einer von ihnen kennt sogar die entführte Person; zumindest vom Namen her.“

Er ließ seine Worte etwas wirken, sodass jeder auch wirklich begreifen konnte, was geschehen war. Er wusste, dass er seine Leute nicht mit einem gewaltigen Informationsfluss zumüllen durfte, auch wenn er noch Kenntnis von etlichen Details mehr hatte.

Rodrigo stieß hörbar die Luft aus. „Natalie Springer und er haben den gleichen Entführer?“, sagte er mehr als er fragte, denn für ihn lag diese Tatsache eigentlich schon auf der Hand. Ralf Penz nickte. „Es sieht zumindest ganz so aus, im Moment spricht alles dafür. Deshalb bekommst du auch diesen Fall. Ich möchte keine Paralleluntersuchungen von einem anderen Team laufen lassen. Dabei kommt ihr euch nur in die Quere und dass mit dir nicht gut Kirschen essen ist, wenn es um Ermittlungen geht, weiß nicht nur das gesamte Universum, sondern auch noch jede einzelne Gottheit außerhalb.“

Die Truppe lachte und Rodrigo zielte mit seiner zu einer Pistole geformten Hand auf den Oberboss.

Einer der Gründe, weshalb Ralf Penz den großgewachsenen Mexikaner als Abteilungschef eingesetzt hatte, war dessen lockerer Umgang mit den Mitarbeitern. Penz setzte auf einen legeren, lockeren, vertrauensvollen, intensiven Umgang miteinander und dafür war Rodrigo genau der richtige Mann. Eine Frau eignete sich dafür keinesfalls; zumindest kannte er nicht eine einzige legere, lockere Frau. Und falls er jemals eine kennen lernen würde, so gäbe er auf der Stelle sein Junggesellenleben auf.

Rodrigo stand auf und stellte sich vors Whiteboard, auf dem die Daten von Natalie Isabell Springer in roten Lettern prangten.

„Danke, wir werden diesen Fall mit links lösen. Du kannst das andere Team in den Urlaub schicken“, witzelte er, lachte dabei jedoch nicht. Seine Gedanken waren bereits bei der zweiten Entführung.

„Wir wiederholen unsere Arbeit genau so, wie sie der Täter wiederholt hat. Jeder von euch kennt seinen Aufgabenbereich und jeder weiß, dass er auch hier sein Bestes geben muss. Wenn wir den Fall innerhalb einer Woche lösen, gebe ich einen aus.“

Die Kollegen applaudierten, standen währenddessen auf und gesellten sich zu ihren kleinen Einheiten, die sie bereits zur Auffindung von Bell gebildet hatten. Ohne zurückzublicken verließen sie den kleinen Besprechungsraum, denn sie waren schon völlig in ihren neuen Fall vertieft.

Rodrigo war auch schon im Türrahmen, als er eine schwere Hand auf seiner Schulter spürte. Ralf sah ihn aus müden Augen an und seufzte. „Wird das jetzt so weitergehen? Müssen wir uns alle zwei Tage um eine neue Entführung kümmern? Wie siehst du das? Ich habe so etwas von anderen Dezernaten noch nie gehört und auch selbst noch nicht erlebt.“

Rodrigo sah ihm tief in die Augen, als ob er darin die Lösung finden könnte.

„Es tut mir echt leid, aber ich kann derzeit noch gar nichts sagen. Ich fühle zu dem Fall noch nichts, denke noch nicht an übermorgen und spiele auch noch nicht mit einem Täterprofil. Zuerst muss ich etwas über den Mann wissen, dann können wir uns gerne darüber unterhalten. Aber fang schon mal zu beten an, dass wir bei den beiden eine gemeinsame Grundlage finden, die außergewöhnlich und eine Entführung wert ist.“

Ralf nickte und steuerte sein Büro an. Fälle weit jenseits der Routine bereiteten ihm seit jeher grauenvolle Magenschmerzen. Er war schon viel zu alt und viel zu ausgebrannt, um sich noch solchen Herausforderungen zu stellen. Mit einem weiteren Seufzen ließ er sich in seinem Drehstuhl nieder und starrte den Kunstdruck von Salvador Dalí an der Wand an. Es war eine gute Entscheidung, auch diesen Fall Rodrigo zu überlassen, dachte er und widmete sich wieder seinem Bericht.

Rodrigo steuerte die für die Erstaufnahme der Entführung zuständige Polizeidienst-stelle an und parkte seinen Wagen frech auf dem reservierten Parkplatz des zuständigen Kommandanten. Niemand konnte ihm deshalb etwas anhaben, denn hierher kam er vermutlich nicht so rasch wieder. Er wies sich vor der Tür an der Kamera aus und ließ sich direkt zur Hauptzeugin in den Vernehmungsraum, der eigentlich ein recht kleiner Pausenraum des Personals war, bringen. Sie saß eingeschüchtert vor einer Tasse Kaffee, umklammerte die Henkel ihrer Handtasche, die sie auf dem Schoß stehen hatte und zuckte leicht zusammen, als sie Rodrigo durch den Türrahmen treten sah. Seine Statur schien ihr Angst einzuflößen, obwohl er sie noch im Türrahmen breit anlächelte. Er schätzte sie auf Mitte bis Ende sechzig, pensioniert, alleinstehend in einer kleinen Mietwohnung und auf kurze Gespräche auf der Straße angewiesen. Sie machte den Eindruck, als hätte sie in ihrem nun doch schon recht langen Leben noch nicht vieles gesehen, das von der Norm abwichen war; und dann rückte das Schicksal gleich mit einer Entführung in nächster Nähe an. Das nannte man echt die Härte des Lebens.

In dem kurzen Vorgespräch bestätigte die ältere Dame ziemlich genau Rodrigos Einschätzung ihre Person betreffend. Etwas triumphierend lächelte er und kam dann auf den Vorfall direkt zu sprechen.

„Ich bin da der Straße lang gegangen, nich? Und da war der junge Mann da vor mir. Er is links direkt am Ende vom Gehsteig gegangen, nich? Weil da is so ein Einkaufswagen von dem Supermarkt quer übern Gehsteig gestand und der Mann ist nach links ausgewichen, ging ja so auch gar nich anders. Und dann kommt da so‘n Auto, ein großer Wagen, so ein Kastenwagen, reißt die Seitentür auf, die geht so nach hinten auf, nich? Und zieht den armen Kerl mit einem Satz hinein. Der Wagen fährt los, die Tür knallt zu und das wars auch schon. Aus die Maus.“

Sie sah ihn mit großen Augen erwartungsvoll an. „Erkannt hab ich so niemanden und der Mann in dem Wagen der war total ganz schwarz angezogen. Auch die Haube war so schwarz und der Rollkragen bis zur Nase hochgezogen, nich? Da war nur‘n kleiner Spalt Haut frei aber die war weiß. Aber so richtig weiß. Hellweiß, sie kapieren, nich?“

Rodrigo nickte zufrieden. Es handelte sich ganz offensichtlich um denselben Täter, davon konnten sie jetzt ausgehen.

Er bedankte sich für ihre Kooperation und zollte ihr für ihre grandiose Beobachtungsgabe aufrichtigen Respekt. „Ach“, winkte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. „Ich hab zwei Kinder großgezogen und alle zwei beide sind Autisten. Da lernt man, so auf alles achtzugeben, nich? War eine harte Schule aber ich liebe die beiden alten Deppen noch immer. Sind ja doch meine Jungs und bleiben auch meine, nich?“ Sie zwinkerte ihm zu. Nun war sie nicht mehr die verschüchterte ältere Dame. Jetzt zeigte sie eine Menge an Selbstbewusstsein, das sie für ihre Kinder immer haben musste.

Rodrigo unterhielt sich noch kurz mit ihr, doch es war nichts mehr zu holen. Sie hatte alles erzählt, was sie wusste.

Der Mann, der den Namen des Entführten kannte, wartete im Vorraum und wurde noch in den Pausenraum geführt, ehe die Dame weg war. Die beiden sahen einander an, kannten sich aber offensichtlich nicht. Die Polizisten waren offensichtlich nur noch darauf aus, die Vernehmung hinter sich bringen und wieder unter sich sein. Einen Fremden in ihrem Polizeiposten zu haben, war ihnen unangenehm, denn er störte die Routine, die sie allesamt heiß liebten.

„Der Mann heißt Mike Cooper und arbeitet als Security bei Held & Partner, bei dieser Anwaltskanzlei in der Nelson-Mandela-Straße. Ich liefere dort immer Pakete aus und wir haben hin und wieder ein paar Worte miteinander gequatscht. Die ganzen Securities dort tragen Schilder mit dem vollen Namen drauf und meine Schwägerin Emilie ist auch eine geborene Cooper, deshalb habe ich mir den Namen gemerkt. Sind aber nicht miteinander verwandt die zwei.“

Der Mann sah Rodrigo an, als würde er für diese Auskunft einen fetten Orden erwarten.

„Worüber haben sie beide denn gesprochen, wenn Sie die Pakete ausgeliefert hatten?“, wollte er wissen und notierte sich erst jetzt den Namen des mutmaßlich Entführten.

„Ach, wir haben einfach nur so gequatscht. Übers Wetter, die miesen Löhne, Urlaube und hin und wieder über Sport, wenn es etwas Erwähnenswertes gab. Wie gesagt, kenne ich ihn nicht wirklich, aber er war immer nett und hat mir hin und wieder sogar ein paar Pakete in die Halle getragen, damit ich nicht zweimal laufen musste. Eigentlich ein feiner Kerl, der Mike.“

Rodrigo notierte ein paar Stichworte und fragte, ohne den Mann anzusehen: „Hat er vielleicht auch einmal etwas völlig Ungewöhnliches erzählt? Von einem fetten Lottogewinn, dass ihm eine berühmte Persönlichkeit nahestand? Ein Politiker, ein Schauspieler, ein Wissenschaftler, ein Firmenboss oder sonst jemand?“

Der Mann starrte an die Decke und dachte lange nach. „Nein, so etwas hat er nie erwähnt. Und ich glaube kaum, dass er solche Bekannte hatte, sonst wäre er nicht an der Tür vor der Anwaltskanzlei gestanden. Die hohen Tiere haben doch immer einen Job für ihre Verwandten oder Freunde, wo unsereins gar nicht hinkommt.“

Rodrigo nickte zustimmend und stellte noch einige unbedeutendere Fragen, doch der Mann hatte bereits alles erzählt, was er wusste. Diese Quelle war schon eindeutig versiegt, noch bevor sie gesprudelt hatte. Rodrigo war das gewohnt und somit bohrte er nicht mehr weiter.

Nachdem er sich bedankt und ihn nach Hause geschickt hatte, blieb er noch kurz in dem kleinen Raum und rieb sich mit den Handflächen übers Gesicht. Er fühlte sich ein wenig frustriert, müde, kraft- und auch mutlos. Doch schon bald streckte einer der diensthabenden Polizisten und sah ihn mit trauriger Miene an „Tut mir leid, aber die Fahndung ist bis jetzt ergebnislos verlaufen. Der weiße Transporter mit der mutmaßlich entführten Person ist weg, wir konnten bis jetzt nicht die geringste Spur finden. Aber vielleicht bringen die Straßensperren etwas, die vor allen Ausfahrten errichtet wurden. Alles andere müssen jetzt Sie veranlassen.“

Rodrigo sah den jungen Polizisten prüfend an und fragte sich, ob er jetzt richtig gehört hatte. „War das jetzt eine Aufforderung ihrerseits, meine Arbeit zu tun? Wollten Sie mir gerade Vorschriften machen, wie ich meinen Job zu erledigen habe?“, keifte er den Beamten an und richtete sich zu seiner vollen Größe auf.

Der Polizist streckte ihm beschwichtigend die leeren Handflächen entgegen, zog sofort instinktiv schützend den Kopf ein und ging als Zeichen seiner Unterwerfung ein wenig in die Knie.

„Nein, auf gar keinen Fall!“, verteidigte er sich kleinlaut. „Ich wollte damit nur sagen, dass wir getan haben, was wir konnten und alles andere in Ihrem Zuständigkeitsbereich liegt. Dass Sie der Fachmann für die beiden Entführungen sind und an unsere Arbeit anknüpfen können, weil wir nichts mehr dazu beitragen können.“

Rodrigo nickte und sah ein, dass er überreagiert hatte. „Ist in Ordnung, ich habe es falsch aufgefasst. Entschuldigen Sie bitte meinen Ausbruch.“

Der Polizist lächelte nur schwach und war echt froh, dass der riesige Kriminalbeamte sein Revier verließ und er unbeschadet davongekommen war. Gleich darauf tippte er die Protokolle der beiden Zeugen, damit er sie von ihnen unterschreiben lassen konnte und wieder Ruhe in seiner Dienststelle einkehrte. Er konnte den Rummel nicht leiden und hasste es, wenn fremde Menschen in seinen Dienstbereich eindrangen.

Rodrigo saß noch eine ganze Weile vor der Polizeidienststelle im Wagen und starrte vor sich hin. Zwei Entführungen innerhalb von lediglich drei Tagen nach genau dem gleichen Schema und mit dem gleichen Fahrzeug. Die beiden Opfer mussten eine signifikante Gemeinsamkeit haben und genau diese galt es nun so schnell als möglich herauszufinden.

Nach etlichen Minuten riss er sich aus dem nie versiegenden Gedankenstrom und rief kurzerhand den Kriminalpsychologen an, ohne sich mit den üblichen Begrüßungsfloskeln aufzuhalten. „Hast du schon mit der Familie von Cooper gesprochen?“, fragte er ohne Begrüßungsfloskeln. Diese ersparte er sich meist, da sie wirklich völlig unnötig waren, wenn man jemanden erst vor einer Stunde gesehen hatte. Er war der Ansicht, dass eine einzige Begrüßung für den ganzen Tag zählte und auch völlig ausreichte.

„Ja, hab‘ ich, aber viel konnte ich nicht in Erfahrung bringen Er ist ledig, hat keine Kinder, keine Freundin und so weit ich bis jetzt recherchieren konnte, auch keine näheren Freunde. Nur Arbeitskollegen und eher oberflächliche Bekannte. Für mich war nicht wirklich etwas zu holen, damit fange ich nichts an. Tut mir leid, aber das reicht für eine Analyse absolut nicht aus. Aber ich kann vielleicht aus den Ergebnissen der Kollegen etwas herauslesen, mal sehen. Wie sieht’s bei dir aus?“

„Ich hab‘ so viel wie du, fahre jetzt aber zur Kanzlei Held & Partner um den Sicherheitschef zu befragen. Wir sehen uns.“

Damit legte er auf und lenkte den Wagen in gemäßigtem Tempo zum Arbeitgeber des Opfers. Er wollte noch etwas Zeit haben, um sich auf das Gespräch vorzubereiten. Er wusste, dass solche Gespräche weniger gut liefen, wenn er gestresst war.

Am weitläufigen Empfangstresen legte er seinen Dienstausweis vor und verlangte mit dem Personalchef sowie mit dem Chef der Security zu sprechen. Einen Anruf später wurde er in den neunten Stock verwiesen, wo er bereits am Aufzug von den beiden Männern in Empfang genommen wurde. In ihren Gesichtern konnte er nicht nur Überraschung, sondern auch eine gewisse Furcht, vor allem aber Anspannung sehen. Sie schienen etwas auf dem Kerbholz zu haben, weshalb er sich Hans Gruber an seiner Seite wünschte.

Er entschuldigte sich, wählte die Nummer des Psychologen und sagte nur: „Es wird etwas später“, dann legte er auf und sah den beiden mit einem strahlenden Lächeln ins Gesicht.

Der Psychologe ließ alles liegen und stehen und machte sich im Höllentempo auf zum Gebäudekomplex, in dem Rodrigo mit der Befragung auf ihn wartete. ‚Es wird etwas später’ war der interne Code für ‚Schwing deinen Hintern zu mir, und zwar so rasch als möglich!’

Da der Verkehr ziemlich flüssig war, kam der Psychologe schon nach knapp zehn Minuten an den Empfangstresen gehetzt und fragte nach dem Chef der Security. Er wurde ebenfalls in den neunten Stock gebeten.

Rodrigo hielt die beiden Männer bis zum Eintreffen seines Kollegen mit oberflächlichen, nicht verwertbaren Fragen hin, lobte das teure Interieur, interessierte sich für die Arbeit der Firma und versicherte, dass der Job eines Securitys sehr anspruchsvoll sei.

Als Hans kam, überließ er ihm zum Großteil die Gesprächsführung und speicherte die Informationen vorerst nur in seinem Kopf. Er würde im Anschluss an dieses Gespräch nicht nur das Protokoll schreiben, sondern auch noch Ergebnisse herausholen müssen. Er musste die beiden Entführten finden und zwar so rasch als möglich. Ralf Penz, sein Oberboss, machte ihm schon jetzt ziemlich Feuer unterm Hintern.

Doch der Einsatz bei den Rechtsverdrehern war ein Schlag ins Wasser. Hans vermutete, dass die beiden durchaus etwas mit Unterschlagung oder mit sonstigen finanziellen Ungereimtheiten zu hatten, aber nichts mit der Entführung. Mike wurde als sehr zuverlässiger, ruhiger, pünktlicher, gepflegter Mann beschrieben, der einen sehr guten Umgang mit den Kunden der Firma und mit seinen Kollegen pflegte. Er war stets korrekt, verschwiegen und behielt selbst in prekären Situationen den Überblick und einen kühlen Kopf. Sie hatten auch keine Ahnung von seiner Entführung und somit waren sie für die Ermittlungen wertlos.

Nachdem sich die beiden Kommissare verabschiedet hatten, fuhren sie ins Dezernat, um ihre dürftigen Erkenntnisse mit den anderen Kollegen zu teilen.




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