Kein Sommernachtstraum Sanne Prag Einige große Fachwerkhäuser haben über Jahre im Wald geschlafen. Mächtige Bäume sind inzwischen durch das Mauerwerk gewachsen. Der Ort sieht aus wie ein Kloster, in dem der riesige Geist des letzten Mönches über dem Hof schwebt. Der Ort einer geheimen Aktion. Ezra hat wieder einmal einen seiner unmöglichen Jobs und soll an diesem Ort im Wald ein Hotel herstellen. Bestimmte Personen sollen glauben, dort sei ein friedlicher Gasthof zur Erholung. Angeblich wurde eine Biologin gekidnappt und aus dem Urwald in Südamerika gerettet und soll dort zu sich selbst zurückfinden. Aber ist sie wirklich Frau Dr. Dilmon? Oder ist sie ein Double, eine Frau, die den Platz einer anderen einnehmen soll? Was ist da in Südamerika tatsächlich passiert? Während die Unklarheit am größten ist und der Stress anwächst, entstehen rund um die Häuser Steinkreise. Ein Landeplatz für Aliens? Was tun Aliens? Die Einwohner des Ortes sind mit den Außerirdischen schon lange vertraut, nur können sie sich nicht einigen, wie genau die Besucher aus dem All aussehen und was sie denn im Wald da wollen. Sanne Prag Kein Sommernachtstraum Dieses ebook wurde erstellt bei (http://www.neobooks.com) Inhaltsverzeichnis Titel (#u309e4f7e-b126-56c8-a455-367447a62e36) Kurzes Intro (#u1b3dc033-63ac-599e-9872-b5d7d217b050) TIEF IN DER NACHT (#u6c8ea2ee-a418-5f6a-85d3-91c6bb8467c1) ZEITIGER MORGEN (#u0401a3be-342e-53c7-81b5-81a7df10c3b4) 11 UHR (#u7eed32aa-a877-5fb0-b1d5-f4e90945b5b0) MITTAG (#u1003f5ed-78cd-5e8b-b878-814bc83d9bee) FRÜHER NACHMITTAG (#u4e5749f4-8d2a-5d9a-86b4-e11262f08496) 2 UHR (#u6f9999fe-28ed-5ac6-8d3c-a6138343f1b9) NACHMITTAG (#u2feec116-8a52-57e1-b0ef-df9e6f7ab31d) ABEND (#u255f0624-b848-5e7a-b554-59849d13e474) ABEND (#uf1fe7e07-03e4-509e-9a81-0e3b602ebecc) MORGEN (#u1f77e345-2892-5dcd-a3ab-31e043618b7a) VORMITTAG (#u34e51969-869b-5a3e-a183-618f24222625) VORMITTAG (#ubfd4de01-6471-54c6-b0dd-4ef267a4a811) VORMITTAG (#u3d3c6184-887f-5050-89c9-d1a354a958d5) MITTAG (#u460f271e-4361-5aa1-a204-60f0c5fe2d9c) NACHMITTAG (#u1c3d8df8-18bf-56fa-9aec-4826eee97d8b) SPÄTERER NACHMITTAG (#u465fc917-fa55-5983-8f4d-8a7f4c249e69) SPÄTER NACHMITTAG (#u09f03964-7551-502d-bd89-dc37956f3c4d) SPÄTER NACHMITTAG (#u9daabda6-230f-5c00-90fa-efe85b39d96c) ABENDDÄMMERUNG (#u41a44b5e-154d-53d9-a16a-73043ea8c4f3) FRÜHER MORGEN (#u04965f11-384a-5346-945c-bfceddf6a1ef) VORMITTAG (#udcb85a99-b595-542b-add8-1da849e6861d) MITTAG (#u75b11dfa-b423-5201-9937-ff479317e4ac) NACHMITTAG (#u046ad03e-b6cb-5fdf-a755-3acec87fdb69) ABEND (#ubcefcb7e-b0e8-52b0-96b5-908810131547) MORGEN (#u196a290c-7ccf-5797-89aa-209a7b23211e) VORMITTAG (#ub0b7e95f-7623-5994-9317-d46ec235d69f) FRÜHER NACHMITTAG (#ucef1d1a3-a28f-597c-94ca-06168a32ad06) SPÄTER NACHMITTAG (#u7491febd-688d-5968-b749-bfc4bdb064a8) ABEND (#ud738a596-52e3-5a5b-836a-7a73d20c0405) DÄMMERUNG (#u52f62af9-1bfd-59c6-872c-974dedf7d27b) ABEND (#ud73a8c4a-2766-5776-ae7d-c2f150c9c4ed) NACHT (#u49770802-ef9d-5424-89b5-61c0fdfa4281) MORGEN (#ucefbb83d-fc60-5dff-9c25-a158277b51ad) VORMITTAG (#u6b66cdad-8c81-5c52-9d03-f6d4d885c23a) VORMITTAG (#u40e3db76-6af7-5bb3-808b-4c113954b53e) FRÜHER NACHMITTAG (#uad4b62eb-d0de-584b-a027-e01bf731a844) NACHT (#ue042653b-a4c1-5982-92fe-a123b207a915) ZEITLICHER MORGEN (#u111170a7-b614-5d31-8ab0-36e751eafb54) NACHMITTAG (#u0f1880b6-7a9a-5d79-84d7-c47247b937f6) SPÄT NACHTS (#u257c53ac-8f20-5462-8889-fa90cceb14fc) NACHT (#u5c9e5eb3-a732-5e1f-b5d6-388638163a2c) NACHT, SPÄT (#udd3943ea-b5ec-5562-bcde-942fda0ad513) MORGEN (#u7d2d4df3-b1c4-5cd2-818f-467d9aaad5db) NACHMITTAG (#uf8b8795a-69f6-5e8c-8ca0-61bd70b94a5c) NACHMITTAG (#u5f76a31e-84e0-519a-95b1-b512bb7bc158) FRÜHER MORGEN (#u98d30731-3392-50fc-8fe7-445a92c26214) ABEND (#u626d894d-b558-5ba1-a924-b4282a6125e5) DÄMMERUNG (#u44fb7c0c-ee0e-55c7-a39a-3c2be3ebe5f8) SPÄT (#u7ece844e-c6e0-583d-a0d4-00cf70ea87d8) FRÜH (#uec9f751b-73d6-5bee-bd83-e1aa0b3ab91b) Impressum neobooks (#ubd85126a-d4de-5773-88c7-ed1657c4b492) Kurzes Intro KEIN SOMMERNACHTSTRAUM Einige große Fachwerkhäuser haben über Jahre im Wald geschlafen. Mächtige Bäume sind inzwischen durch das Mauerwerk gewachsen. Der Ort sieht aus wie ein Kloster, in dem der riesige Geist des letzten Mönches über dem Hof schwebt. Der Ort einer geheimen Aktion. Ezra hat wieder einmal einen seiner unmöglichen Jobs und soll an diesem Ort im Wald ein Hotel herstellen. Bestimmte Personen sollen glauben, dort sei ein friedlicher Gasthof zur Erholung. Angeblich wurde eine Biologin gekidnappt und aus dem Urwald in Südamerika gerettet und soll dort zu sich selbst zurückfinden. Aber ist sie wirklich Frau Dr. Dilmon? Oder ist sie ein Double, eine Frau, die den Platz einer anderen einnehmen soll? Was ist da in Südamerika tatsächlich passiert? Während die Unklarheit am größten ist und der Stress anwächst, entstehen rund um die Häuser Steinkreise. Ein Landeplatz für Aliens? Was tun Aliens? Die Einwohner des Ortes sind mit den Außerirdischen schon lange vertraut, nur können sie sich nicht einigen, wie genau die Besucher aus dem All aussehen und was sie denn im Wald da wollen. TIEF IN DER NACHT Judith hatte bereits eine lange Fahrt hinter sich. Sie war spät losgezogen – viel zu spät. Ihre Augen waren zu ganz kleinen Schlitzen zusammengekniffen und starrten verbissen über den Rand des Lenkrades. Nachts fahren war immer schwierig. Sie war zwar nicht nachtblind, aber sie bildete sich ein, nichts zu sehen. Sobald sich Dunkelheit über die Straße legte, wurde sie ein Maulwurf oder eine Fledermaus, blind und ohne Radar. Vor ihr war eine dunkle Fläche. Die Welt ohne Farbe schuf Mythen und schrumpfte den Ausblick auf ein winziges Fenster. Die Augen wuchsen dabei aus dem Kopf. Sie fraßen sich an Formen fest und schufen ihre eigene Sage: War das dort ein Baum oder ein Mensch? – Der Moment, in dem Mystik passiert – das Wunder gibt Antwort, wenn etwas nicht zu erkennen ist: Vielleicht war das dort ein übrig gebliebener Saurier oder ein Alien? Sie hatte ja eigentlich viel früher fahren wollen, aber da waren noch zwei Patienten, die sie betreuen musste. Wenn sie jetzt länger nicht da war, wollte sie alles geordnet haben. Sie brauchte Ordnung, um ihre chaotische Seite in Ruhe wuchern zu lassen … Und dann gab es plötzlich kein warmes Wasser mehr in der Praxis. Aus mit den Wohltaten der Zivilisation – es kam kalt. Die Therme blieb stumm, als sie an dem Hahn mit dem roten Punkt drehte, kein Aufheulen, kein Surren – Stille in dem weißen Körper. Sie brauchte zwar kein Warmwasser, wenn sie nicht da war, aber sie wollte die Tage in dem „Waldhotel“ in Ruhe verbringen, nicht ständig an die Therme denken müssen. Judith neigte dazu, an Problemen herumzukauen. Jedes Mal, wenn die Therme verweigerte, schlich sie in kleinen Kreisen um die Zeitschaltuhr und rief dann schließlich doch an – den Mann, der es regeln konnte. Der Schutzengel aus den höheren Regionen der Installation aber war unwillig. Das war er immer. Er betrachtete die alte Anlage jedes Mal mit Abscheu. Wenn sie keine neue kaufe, versicherte er ihr, würde die Zentralheizung nie funktionieren. – Das war der übliche Verlauf – meist verlangte sie beharrlich und widerständig, dass er das System wieder einschalten sollte, mit einem Knopf – sie wusste nie, welchem. Technik war nicht ihre starke Seite. Es gab da einen Knopf, einen alles regelnden Knopf an dem kleinen rechteckigen Ding, das angeblich Macht über den weißen Thermenkörper hatte. Das kleine rechteckige Ding hatte ein Geheimnis: Es hatte viele Funktionen – kleine Sonnen und Monde und verschiedene Zeichen. Irgendeine Einstellung war die mit der Macht. Der Erzengel von Installateur wusste das. Er hielt aber sein Wissen geheim, wohl aus finanziellen Gründen. Aber manchmal hatte er ein Installations-Gewissen und dann hatte sie wieder einmal eine Chance. So war nach einigen Diskussionen die Therme auch diesmal zum Leben erwacht und hatte warmes Wasser gespendet … Das wäre ein beglückendes Ereignis gewesen – aber es war viel zu spät geworden. Die Tage waren wohl im Sommer lang, aber jetzt war es dunkel. Es war stockfinster, sie musste ihre Augen anstrengen, um weit genug zu sehen – und da gerade beschloss das Navi auszufallen. Auch ein Rütteln am Zigarettenanzünder hatte nichts gebracht. Es hatte sich höflich aber endgültig von ihr verabschiedet. Sie versuchte, das Gefühl von Verlorenheit zu unterdrücken, aber in dem Blindflug, in dem sie nun unterwegs war, hatte sie sich schon auf einer Baustelle verfahren, weil einer von den Richtungspfeilen umgefallen war. Immer wenn sie die Orientierung verlor, nahm ein mächtiges Gefühl Platz, ein allumfassendes Gefühl. Eine ungeheure Leere breitete sich aus. Sie fühlte sich auf dem Mond ausgesetzt, Bedrohung in einer fremden Welt – im Weltraum. Die anderen kannten sich alle aus, sie nicht. Alle anderen wussten, wo sie hinwollten, nur sie nicht. Auf der Baustelle vor einer Stunde war sie im Niemandsland gelandet, Ende des Asphaltes, kleine weiße Kiesel, Ende der Pfeile, ein abgestellter Lastwagen in der nächtlichen Steinwüste. – Die anderen wussten alle, wo sie hinwollten, nur sie nicht. Aber diese Baustelle konnte es wohl nicht gewesen sein. Auto war Freiheit, Selbstständigkeit, Möglichkeit zum spontanen Entschluss, aber für sie tatsächlich nur auf gewohnten Strecken. Die Reise ins Unbekannte, in die ungewohnte Freiheit brachte sie jedes Mal an die Grenzen der Depression. Welch ein Widerspruch! Ein ständig schales Drücken in der Magengrube verlangte immer Klarheit, damit alle ihre Organe wieder an die richtige Stelle fielen. Sie brauchte Orientierung, um wieder in dieser Welt zu sein, nicht auf dem Mond. So klammerte sie an ihrem Lenkrad und fuhr durch die Nacht, immer im Zweifel, immer in Unsicherheit: War sie am richtigen Weg oder am falschen? Sie war inzwischen sehr angespannt, und gereizt sowieso. Sie musste sehr langsam fahren. Langsam war notwendig, weil sie sonst die Hinweisschilder nicht entziffern konnte. Autos stauten sich hinter ihr. Ameisen liefen auf ihrem Rücken auf und ab. Besonders arg wurde es, wenn ein Fahrer hinter ihr ungeduldig dicht an ihre Stoßstange fuhr. Vor ihrem inneren Auge sah sie seine weiß verkrampften Knöchel am Lenker. Sie glaubte, durch die schwarzen Scheiben sein wutverzerrtes Gesicht zu sehen, und hatte das Gefühl, sich in Luft auflösen zu müssen. Bei Patienten bearbeitete sie das: Jeder hatte das Recht auf seinen Quadratmeter Boden, sagte sie immer, hatte das Recht, vorhanden zu sein, wenn er doch geboren war! Aber wenn einer knapp an ihre Stoßstange fuhr, vergaß sie die weisen Worte sofort – und wollte sich auflösen in ein rosiges Nirwana ohne Störung und Stoßstangen. Sie hatte sich nach der Baustelle wieder in die Autoschlange gereiht und versuchte nun, die Wegweiser alle auf mindestens 100 Meter zu lesen. Das ging nicht, denn sie hatte eine große graue Fläche vor Augen, die jeden Ausblick verstellte, das Heck eines Lastwagens. Das war sehr beunruhigend, denn sie konnte doch nicht so langsam fahren, dass sie die Schilder in Ruhe auf zehn Meter entziffern konnte. Sie konnte nicht die aufhalten, die doch wussten, wo genau ihr Weg war, und sie allein wusste es nicht. Schließlich hatte sie die Abfahrt geschafft, die sie mit einiger Wahrscheinlichkeit für die richtige hielt. Die Landstraße schlängelte sich nun unentschlossen vor ihr her. Sie war durch ein Dorf gekommen und empfand zuerst große Erleichterung. Menschliche Siedlungen waren Orte der Unterstützung. Aber angesichts der stockdunklen Fassaden kamen ihr Zweifel. Langsam war sie zwischen den schlafenden Fensterreihen durchgefahren – ungesehen. Keiner wusste von ihrer Existenz – keiner hier. Wenn sie die Erde verschluckte, war sie einfach spurlos weg … Sie fuhr weiter, durch ein Waldstück mit sehr hohen alten Bäumen. Über ihr ein schmaler Streifen Sternenhimmel. Irgendwo hinter den Baumriesen leuchtete ein Mond. Die Stämme wirkten bläulich dunkelgrau und verloren sich im Schwarz. Da fiel die Elektrik des Autos aus. Einfach so, plötzlich. Der Kamerad, mit dem sie gemeinsam durch die dunkle Welt gezogen war, stand leblos, ohne Schnurren, ohne irgendeinen Laut. Es war grauenhaft. Nichts rührte sich mehr. Kein Licht, kein Motor, nichts. Wieso war der so einfach tot? Wer hatte ihn getötet? Aliens fielen ihr ein. Würde jetzt gleich ein Raumschiff über ihr erscheinen und sie mit einem Strahl hochbeamen? Als Versuchsobjekt. Würden sie ihr alle Zähne reißen und sie mit Krankheiten infizieren – nur so, aus Wissensdurst? Einfach aus Forscherdrang? Funktionierten Aliens wie Menschen? Und was würde dann sein – ein Restleben in einem weißen Käfig? Sie fühlte sich wie ein Astronaut, dessen Verbindung zum Raumschiff abgerissen war. Ein Bild von einem sehr hellen Menschen in einem Anzug wie ein Marshmallow-Männchen drängte sich vor, frei schwebend im unendlichen, stockdunklen All, hinter ihm einzelne Sterne, die dünne, helle Schnur zum Raumfahrzeug gerissen. Die Gestalt schwebte davon. Was war dann? Wie konnte man im luftleeren Raum heimfinden? Wie konnte man Richtung machen? Vielleicht schwimmend? Nein, nicht ohne Luft. Sie saß wie versteinert, starrte durch die Windschutzscheibe und hielt sich am toten Lenkrad fest. Dann machte sich Restvernunft bemerkbar. Sie konnte keine Aliens sehen und Autos waren auch nur Maschinen, die halt gelegentlich Defekte hatten. Sie ließ das Fenster ganz herunter und setzte sich damit den unsichtbaren Bedrohungen des Waldes aus. Die Luft war angenehm und die dunkle Masse der Bäume machte leise Geräusche. Sie könnte bis zum Tagesanbruch sitzen bleiben, war aber dann vor dem gleichen Problem wie gerade eben – es war nicht klar, ob jemand vorbeikäme, ob der halten würde, Hilfe leisten … Denn sie wusste ja nicht, wo sie war, und sie hatte auch einen Job. Sie musste anwesend sein am nächsten Vormittag. Da begann diese seltsame Aufgabe. – So etwas hatte sie noch nie gemacht. 11 Uhr am nächsten Vormittag begann dieser Auftrag in einigen Kilometern Entfernung … Hoffentlich in wenigen Kilometern Entfernung … Aber jetzt in diesem Moment musste sie mit dem Alienangriff fertigwerden. Sie versuchte, in sich hineinzulächeln. Aber der Witz gelang nicht so richtig. Die Einsamkeit umschlang sie rücksichtslos. Vernunft befahl ihr, auszusteigen und die Straße weiterzugehen – irgendwo musste die ja hinführen, das war die Aufgabe von Straßen. Vielleicht war ja das „Waldhotel“ näher, als sie dachte? Den letzten Ort der Sicherheit zu verlassen, kostete einige Mühe. Der Widerstand war heftig. Sich panisch auf dem Sitz einzuringeln war so naheliegend … Vorsichtig stieg sie aus und ging um das stille Auto herum. Dann packte sie die notwendigsten Kleidungsstücke aus ihrem kleinen Koffer in einen Sack, hängte noch ihre Tasche über die Schulter, stellte das Pannendreieck auf und versuchte, sich sportlich aktiv zu fühlen. Die Bewegung war nicht das Problem – es fühlte sich gut an, Beine zu haben, auf denen man schnell weglaufen konnte, vor was auch immer… Sie gab sich einen Stoß ins Dunkle hinein. Es fühlte sich an wie ein Sprung vom Zehnmeterbrett. Dann aber begann sie, forsch auszuschreiten – sie wollte sich forsch fühlen. Der Wald führte neben der Straße weiter und weiter – sie hatte Sehnsucht nach einer Wiese – wenigstens einer Wiese. Eigentlich hatte sie Sehnsucht nach bewohnten Häusern mit Licht. – Ein Lichtlein im Dunklen wie im Märchen, das war es, was eine gute Fee für sie herzaubern sollte … War da ein seltsames Geräusch? Hatte sie etwas gehört? Wahrscheinlich akustische Halluzinationen, weil sie so angespannt war. Nein, da war ein seltsames Geräusch. Es klang wie ein musikalisches Surren. Was war das? Ein kleiner Weg führte in den Wald in der Richtung, aus der sie glaubte, den seltsamen Ton zu hören. Es klang jetzt wie Luft in Telegraphendrähten. Wie eine Harfe, die seltsam gespielt wird – aber doch bitte nicht mitten in der Nacht. Vorsichtig folgte sie dem Pfad ein kleines Stück, schaute immer über die Schulter, um die Straße noch im Blick zu haben. Das Geräusch war jetzt von anderen Tönen begleitet. Es war deutlich, es war erzeugt – von Menschen? Durch die Bäume war ein blasser Schein zu sehen, bläulich. Wenn es Menschen waren, dann könnte vielleicht Hilfe zu holen sein. Räuberbanden waren ja inzwischen selten geworden – oder nicht? Die wohnten jetzt in den Städten, nicht im Wald. Sie verhielt sich sehr leise – sicher war sicher. Es schien etwas wie eine Lichtung vor ihr zu liegen, von der die Töne kamen. Vorsichtig spähte sie durch das Buschwerk. Das Geräusch war jetzt klar von ungewöhnlichen Instrumenten erzeugt. Sie konnte aber noch immer nicht sagen, wovon genau es erzeugt war. Ein fremder Klang – erinnerte sie ein bisschen an ein Didgeridoo, luftig, wie Musik vom Wind. Da lief etwas über den schmalen Spalt, den der Wald an der Mündung des Weges in die Lichtung frei ließ. Es war etwa so groß wie sie. Es war hell. Judith hatte ein Gefühl in ihrem Brustbein, das schlagartig alle anderen Gefühle verdrängte. „Da sieht man, wozu Ängste fähig sind“, dachte sie. Etwas hatte sie ein Alien sehen lassen. Sie kroch geräuschlos näher. Zwischen den Bäumen durch starrte sie auf etwas im schwachen Licht, bis ihr die Augen weh taten. Auf der Lichtung bewegten sich Geschöpfe seltsam, wie in Zeitlupe. Helle, glatte Gestalten, und jede hatte Antennen auf dem Kopf, die aussahen wie Fühler von Insekten. Der Klang des Didgeridoo veränderte sich nur wenig. Die Gestalten schienen im Kreis zu gehen, aber jeder Schritt war übertrieben lang, die dünnen Beine wurden bis zur Brust hochgezogen und dann lang vorgestreckt. Und so wanderten die rundum. Es war nicht grauenhaft – es war nur unmenschlich. Judith stand zwischen den Büschen und wagte kaum, Luft zu holen. An der Szene veränderte sich die ganze Zeit nichts. Die Gestalten gingen wie in Zeitlupe im Kreis. Die Antennen waren nicht gleich, fiel ihr auf. Manche hatten 2 Fühler und manche nur ein Ding, das aussah wie eine antike Fernsehantenne in Schlingen und Mustern gedreht auf dem Kopf. Und wieso leuchteten die Gestalten blass? Es war kein Licht im Umkreis zu sehen. Sie waren nicht beleuchtet, sie leuchteten selbst. Während sie dort stand, entwickelte sich kalter Schweiß in ihren Achseln und unter ihrer Brust. Schließlich kam sie zu einer Entscheidung. Es schien nicht wirklich möglich, in dieser Szene nach dem Weg zu fragen. Nein! Sie zog sich vorsichtig zurück, sehr vorsichtig. Als sie die Straße wieder unter den Beinen hatte, war es vor allem wichtig, dass die kleinen Steinchen unter ihren Schuhen still blieben, kein Knirschen, kein Rascheln. Das, was sie da gesehen hatte, war sicher keine Erfindung ihrer gereizten Fantasie. Sie hatte tatsächlich etwas wahrgenommen, das wie Aliens ausschaute … Was tun mit der Erfahrung? Wer immer es war, schien sie nicht bemerkt zu haben. Sie wollte auch weiter nicht bemerkt werden, nein … sicher nicht. Sie versuchte, sehr schnell wegzukommen, ohne ein Geräusch zu machen. Am Straßenrand stand die dunkle Form eines schlafenden Traktors – hatte vielleicht auch einen Defekt, zeigte aber Spuren von Zivilisation. Immer wieder über die Schulter schauend lief sie möglichst lautlos die Straße entlang und kalter Schweiß sickerte in ihr Gewand. Der Wald nahm noch immer kein Ende, die Straße wand sich bergauf. Sie hoffte so sehr auf ein Ortsschild. Diese weißen Tafeln mit der schwarzen Schrift wurden zum Ziel ihrer Sehnsucht. Schon mehrmals war vor ihr eine Erweiterung in der Wald-Wand erschienen. Eine Fata Morgana für ihr Verlangen – aber da waren nur Baumstämme, keine Lichtung, keine Wiese. Irgendwo musste diese Straße hinführen, das war ihre Aufgabe. Oder nicht? Schließlich kam sie wieder zu einer Erweiterung, die sie nicht mehr ernst genommen hatte. Der Himmel hatte sich inzwischen von dunkel zu blass verfärbt, und sie stand über einem Dorf in der Tiefe mit allem, was ein Dorf zu bieten hatte, außer Licht. Es schlief noch, was ja auch zu erwarten war. Sie ging den Hang hinunter fand eine Bank zwischen den Häusern und setzte sich, um den Morgen zu erwarten. ZEITIGER MORGEN Als alle Ansprechstellen wieder erwacht waren, fand sie einen kleinen dünnen Mann namens Hiltinger, der auch Autos reparieren konnte, und stellte fest, dass sie in der Nacht auf der Anhöhe an ihrem Waldgasthof vorbeigelaufen war. So machte sie sich auf, um den Berg wieder zu ersteigen, fröhlich und guter Dinge. Ein herrliches Selbst begleitete sie, das jede schwierige Situation meistern konnte, was sie ja in dieser Nacht bewiesen hatte … Der Waldgasthof rief nach ihr. Es war dringend nötig, dass sie zum angegebenen Zeitpunkt dort war. Abmachung war 11 Uhr. Ein gut bezahlter Auftrag mit Urlaub. Die seltsame Forderung war vor acht Tagen an sie herangetragen worden. Sie war sehr vorsichtig gewesen mit ihrer Zustimmung. Dann hatte sie überlegt, was für Gefahren tatsächlich über sie kommen konnten. Was war gefährlich daran, zwei Wochen Urlaub zu machen und dabei ein Urteil über eine fremde Frau abzugeben? Dass es hier um kein offizielles Gutachten ging, hatte sie klargestellt, dass sie möglicherweise zu keinem Urteil käme, hatte sie auch eingewendet. Das könnte schon passieren, hatte ihr Auftraggeber gemeint – aber bestmöglich wäre ja auch schon eine Hilfe. Sie sollte bestmöglich was beurteilen? Um was genau ging es? Da war er sehr zugeknöpft gewesen. Schließlich versuchte er eine Erklärung, ohne tatsächlich etwas zu sagen: „Die Einheit, die mit dem Problem umgehen muss, hat sehr unterschiedliche Wege, um mit dem Problem umzugehen …“, quetschte er heraus. Er hieß Schneider und saß bei ihr in der Praxis, ein kleiner grauer Mann, der nett wirkte und daran gewöhnt war, Befehle auszugeben, ohne mitzuteilen, was er eigentlich wollte. Judith hatte mit einigermaßen fester Stimme ihren Standpunkt behauptet: „Ich kann ja nicht die Fähigkeiten dieser Dame beurteilen, ohne zu wissen, um welche Fähigkeiten es sich eigentlich handeln soll. Soll sie als Kaninchenzüchterin oder in der Buchhaltung ihre Frau stellen oder soll sie vielleicht eine gute Mutter für kleine Staatsangehörige sein?“ Er hüstelte und dachte eine Weile. „Nun“, sagte er schließlich langsam, „eigentlich sollte sie eine Biologin sein, die Feldforschung in Südamerika gemacht hat.“ Stille. Judith dachte jetzt auch länger: „Und ich soll nun beurteilen, ob sie eine gute Biologin ist?“ Sie konnte sich zu diesem Zeitpunkt nur schwer von dem Gedanken lösen, dass es um Beurteilung der Eignung für einen Job ging, denn das hatte sie schon zweimal gemacht. Sie war damals still neben dem zuständigen Machthaber gesessen, hatte sich bemüht, wie eine Sekretärin auszusehen. Nachher wurde gefragt, was sie von der Person denn wohl dachte. Eigentlich mochte sie solche Situationen nicht, denn nie wäre sie auf die Idee gekommen, einen Menschen in einer Stunde beurteilen zu wollen. Sie war damals ausgewichen, hatte bestimmte Fähigkeiten erwähnt, hatte Zurückhaltung geübt, einen Hinweis auf Verhalten gegeben, das zu erwarten wäre, ohne wirklich ein Urteil zu fällen. Das schien aber trotzdem gute Ergebnisse gebracht zu haben. Denn die Anwesenheit des kleinen, grauen Herren in ihrer Praxis war eine Folge dieser Beurteilungen. „Ich soll herausfinden, ob sie tatsächlich etwas von Biologie versteht?“ Judith fand das seltsam. „Nein, falls sie nicht Biologin ist, hat sie sicher so viel Wissen, dass sie zu keinem Urteil kämen“, sagte er sachlich. Es dauerte wieder eine Weile. Judith saß die Pause aus. „Es ist mehr die Frage, was sie für eine Art Mensch ist.“ „Und was wollen Sie dann daran beurteilen?“ Judith fühlte sich inzwischen wie ein Dachshund, der sich in einen Dachs verbissen hatte - tief in seiner Höhle. Es dauerte wieder: „Sie war gekidnappt worden und wir wissen nicht, ob es sich tatsächlich um Frau Dr. Dilmon handelt.“ Judith hatte das Gefühl, er hätte in dem Moment alle Schutzkleidung abgelegt, sich herausgewunden aus seiner Rüstung und stand nackt und bloß vor ihr mit dieser Aussage. In ihrem Kopf kreisten Bilder, Fragen, Entwicklungen. „Ja aber die Identität muss sich doch viel sicherer feststellen lassen? Da muss es doch viel klarere Möglichkeiten geben als meine Beurteilung?“ „Wir wollen keinesfalls, dass sie unser Mistrauen merkt, und außerdem geht es auch um ein Mehr an Information. Wenn sie nicht Dr. Dilmon ist, möchten wir ihr Verhalten einschätzen können.“ „Das heißt sie darf nicht merken, dass ich sie beobachte und deshalb sind auch Fotos und so simple Dinge wie Fragen an eine Schwester oder ein Freund nicht möglich.“ „Wenn sie nicht Frau Dr. Dilmon ist, versucht sie, es zu sein. Sie hatte eine Gesichtsoperation.“ Nach einiger Stille fügte er noch hinzu: „… und ich kann sie nicht einfach bitten, sich auszuziehen, um zu schauen, ob sie ein Muttermal neben dem Nabel hat.“ Wieder war eine Pause. „Das Muttermal im Gesicht ist vorhanden, aber das wäre ja wohl auch künstlich machbar. – Wir wollen auf keinen Fall, dass sie unseren Zweifel merkt“, wiederholte er. Und dann nach einer langen Pause: „Wenn die Frau nicht Dr. Dilmon ist, kann sie uns unter bestimmten Umständen viel nützen … Dafür benötigen wir sie.“ Jetzt brauchte Judith eine Denkpause. „Sie wollen also, dass ich beurteile, was für eine Art von Mensch Frau Dr. Dilmon ist, damit sie beurteilen, wie sie mit ihr umgehen?“ „Nicht nur. Es geht mehr um die Frage, was weiterhin von ihr zu erwarten ist und wie man dem begegnen kann.“ Judith zog nur mehr die Braue hoch und saß zurückgelehnt in ihrem Sessel. Sie wollte die Situation mit Abstand betrachten. Da sagte er ganz ruhig. „Wenn sie nicht Frau Dilmon ist, muss es ja einen Grund geben, warum sie es sein möchte“ Das war das Gespräch gewesen, das sie an diesen Ort gebracht hatte. Wer war Frau Dr. Dilmon? Eine Biologin, die man gekidnappt hatte, in Südamerika. Ganz normal, und warum käme dann jemand anderer aus dem Urwald? Warum käme jemand anderer aus der Gefangenschaft? Judith wanderte am Rande der Straße und es war inzwischen ziemlich heiß. Die Wiesen wogten und flirrende Hitze stieg aus dem hohen Gras und sie musste noch ein Stück bergauf gehen. Schließlich begann der Wald wieder, angenehm kühl, freundlich, die Ängste der Nacht gab es nicht mehr. Waren die Aliens noch da? Aber bei Tag waren auch Aliens ein durchaus machbares Problem – nur nachts war alles ganz anders… Ein Wegweiser „Waldhotel“ hing ein wenig traurig an einem Holzpfahl, den hatte sie natürlich in der Nacht nicht bemerkt. Ein Weg führte zwischen sehr hohen, alten Bäumen in die Tiefe. Die Gebäude wirkten düster in ihrer Abgeschiedenheit und waren ziemlich groß. Es sah fast aus wie ein kleines Dorf mit einigen Häusern. Fachwerk ragte hoch in den Wald hinauf. Baumwipfel streichelten an düsteren Giebeln. Es war knapp nach 10 Uhr - sie hatte es geschafft. Eine erste Erleichterung breitete sich wie Sonne in ihrem Inneren aus. Eingehaltene Termine waren etwas Schönes, wenn man vorher so viele Widerstände niederringen musste besonders. Sie würde sich nun zu einem friedlichen Kaffee niederlassen. Still ging sie durch die fremde Türe und nahm Platz. Ein blonder jüngerer Mann lief auf und ab, um in dem Raum neben ihrem breiten Ledersessel etwas herzurichten. An der Wandseite schob er Tische zusammen. Er bedecke sie mit hübschen Tüchern, brachte Wasserkaraffen, Gläser und stellte eine Reihe Sessel zwischen den Tischen und der Wand auf. Das konnte doch wohl kein Mittagstisch sein? Oder? Ein großer, älterer Mann kam mit einigen Mikrophonen in der Hand und stellte sie auf die Tische. Er schaute sich die Anordnung an. Eines nahm er wieder und fand einen anderen Platz dafür. 11 UHR Es waren Vorbereitungen für eine Pressekonferenz. Der Raum füllte sich locker mit Journalisten. Der junge blonde Mann schien unruhig zu werden und jemanden zu suchen. Schließlich kam er zu Judith, um zu fragen, ob sie die Psychologin sei. Beide waren erleichtert, ein wenig Klarheit zu haben. Wie ein kleines Stückchen blauer Himmel, der plötzlich durch eine dichte Wolkendecke schaut. Er sagte: „Frau Dr. Dilmon gibt eine Pressekonferenz über ihre glückliche Rettung. Ich habe hier die Hotelbetreuung übernommen. Ich werde Ihnen Ihr Zimmer nach der Pressekonferenz zeigen.“ Leise fügte er hinzu: „Ich denke, die Pressekonferenz ist für Sie ein guter erster Einstieg.“ Damit lief er weiter. Judith erkannte, der Mann weiß, worum es geht. Das war ihr wissender Anker für die nächste Woche. Langsam wurden ihre Muskeln lockerer. Sie suchte sich einen Platz mit guter Sicht auf den langen Tisch und wartete. Noch mehr Mikrofone wurden hereingetragen. Es wurde drauf geklopft, woraufhin sie hüstelten, ein Zeichen, dass sie im Arbeitsmodus waren. Der ältere Mann strich angespannt um die Tische, sehr konzentriert. Schließlich kam ein moderner jüngerer Mann, schick, sichtbar tüchtig mit Windstoßfrisur. Der große ältere stand jetzt neben dem Tisch. Er hatte ein unauffälliges Aussehen, unscheinbare Kleidung, aber er wirkte gezielt und mächtig. Er war zweifellos einer der Organisatoren. Still stand er dort, seine Schultern angespannt, sein Nacken leicht nach vorne gerichtet, wuchtig wie ein Stier mit einem Ziel vor Augen. Sehr aufmerksam scannte er den Raum. War das ein Kollege von ihrem kleinen grauen Mann? Zweifellos einer, der Fäden in der Hand hielt. Eine elegante, grauhaarige Dame, stark geschminkt, setzte sich hinter ein Mikrofon. Also wohl eine Journalistin. Judith hatte ein wunderbares Gefühl, nur anwesend zu sein und Forschung zu betreiben, still und ohne Stress, nicht wie letzte Nacht. – Bei einer Pressekonferenz gab es keine Aliens – oder waren das alles verkleidete Aliens? – Bei Tag war auch das kein Problem. Der breite Ältere setzte sich an das Ende des Tisches als ob er den Tisch beherrschen würde. Schließlich kam eine einfach gekleidete, schlanke Frau mit sehr großen, dunklen Augen in einem schmalen Gesicht. Sie erforschte die Menschen hinter den Mikros vorsichtig, sehr zurückhaltend, sah aber nicht in den Raum. Judith sah starke Emotion. Die Frau war angespannt und hatte ein Taschentuch in einer Hand, das sie zu einer festen Kugel gedreht hatte. Der flotte junge Mann richtete ihr einen Sessel und nahm ein Mikro in Besitz. Sie ließ sich vorsichtig nieder, als ob Stacheln auf dem Sessel wären, und hatte noch immer keinen Blick in den Raum zu den Journalisten gleiten lassen, die Fragen stellen würden. Das war Dr. Dilmon oder die Frau, die es sein wollte. Judith fand ihre Haltung unsicher, verhalten. Sie wirkte vorsichtig und verkrampft. Man sah der Frau an, dass sie eine heikle Aufgabe zu erfüllen hatte. Kein Jubel an die Freiheit. Der junge Mann rückte mit seinem Mikrophon nahe an sie heran. Sie rückte ein wenig zurück. „Und was war das für ein Ort, an dem Sie gefangen gehalten wurden?“, fragte er nach einer kurzen Vorrede. Frau Dr. Dilmon saß mit sehr geradem Rücken auf ihrem Sessel. Ihre Hände waren im Schoß gefaltet, die Schultern hochgezogen. Ihre Stimme war ruhig, sachlich, aber kam tief aus der Kehle. Etwas hielt diese Stimme im Hals fest. Sie sagte: „Es war ein Lager im Urwald.“ „Und wie war das Lager?“ „Es waren Holzhütten, kleine Holzhütten.“ „Und wie ist man dort mit Ihnen umgegangen?“ „Das war normal, einfach. Wasser war genug da, in der Nähe läuft ein Fluss. Ich war nur immer wieder beunruhigt, dass sie es nicht abgekocht hatten. Wir westlichen Menschen vertragen die Bakterien schlecht, die dort normal sind.“ „Das heißt Sie hatten große Angst, sich eine gefährliche Krankheit zuzuziehen.“ Sie rückte ein klein wenig auf der Sitzfläche und hob den Kopf: „Nun, das ist ja immer ein Problem. Wer Jahre an unwegsamen, fremden Orten verbracht hat, hat immer diese Sorge.“ Judith merkte eine Veränderung in der Stimmlage und in der Haltung der Schultern. Jetzt hielt die Frau nichts zurück, sondern sie präsentierte etwas. Was wollte sie denn wohl gesagt haben? Was genau an dem, was sie gesagt hatte, war Absicht, musste präsentiert werden? …wer Jahre an einem unwegsamen Ort verbracht hat, hat immer diese Sorge… Sie wollte darauf hinweisen, dass sie jahrelang geforscht hatte, schon Jahre im Urwald war? Jetzt neigte sich die elegante Dame vor: „Hatten Sie oft Hunger in der Gefangenschaft?“ „Das Essen war kein Problem.“ Die Schultern hatten sich gesenkt und wanderten dann wieder ein wenig hoch, registrierte Judith. „Ich brauche nicht viel.“ Sie saß weiter mit sehr geradem Rücken. Es entstand eine lange Pause, weil der tüchtige junge Mann sichtbar nicht wusste, ob die elegante Dame noch mehr Fragen hatte… Dr. Dilmon registrierte die Pause und sagte dann schnell: „Man muss nur immer aufpassen, dass man keine Mangelerscheinungen bekommt…“ Alle warteten auf mehr. Der ältere Mann erbarmte sich und fragte: „Hatten Sie Mangelerscheinungen?“ Er hatte eine besonders tiefe Stimme, die hallte klar im Raum. Gleichzeitig besann sich der tüchtige junge Mann auf seine Rolle und fragte: „Und wie war das dann mit ihrer Befreiung?“ „Die Mangelerscheinungen sind ein bekanntes Problem“, antwortete die Biologin, als ob es nur eine Frage gegeben hätte. „Aber Gott sei Dank gibt es einige Pflanzen in der Region, die man gut einsetzen kann, um Ausgleich zu schaffen. Verschiedene Abarten der Liane und auch Bodenwuchs…“ Es entstand wieder eine Pause, der junge Mann holte Luft, um seine Frage erneut zu stellen, da sagte die Biologin schnell: „Einige davon sind ziemlich giftig, man muss mit der Dosierung sehr aufpassen. – An diesem Ort vor allem gab es viele Giftgewächse, die aber genau den Mangel ausgleichen konnten, der durch die eintönige Kost immer entsteht.“ Es entstand wieder eine Pause. Judith hatte den Eindruck, Frau Dr. Dilmon wollte diese Pause nicht, es war, als ob sie sich einen Stoß geben würde, wie ein Sprung über einen Abgrund: „Es ist nicht zu vermeiden, dass Giftanreicherung im Körper entsteht“, sagte sie mit fester Stimme. „Das baut sich dann nur langsam wieder ab. Ich bekomme dadurch immer Hautprobleme. Aber gerade an diesem Ort gab es keine andere Möglichkeit.“ Hastig fuhr sie fort: „Mir geht es auch im Moment nicht so gut. Ich glaube, ich kann nicht mehr Fragen beantworten…“ Sie sagte das sehr sachlich – es war keine Veränderung an ihrer Atmung oder ihrer Haltung zu bemerken. „Probieren wir vielleicht noch drei Fragen aus dem Publikum?“, versuchte der ältere Mann, die Pressekonferenz am Leben zu erhalten. Eine junge, blonde Frau hob die Hand: „Fühlten Sie sich durch sexuelle Übergriffe bedroht?“ Frau Dilmon sah sie intensiv an. Schließlich sagte sie langsam – mit einer anderen Stimme: „Übergriffe – nein, so war das nicht.“ Ein junger Reporter fragte: „Waren die Menschen im Lager hauptsächlich einheimisch oder mehr Weiße?“ „Es schien mir, als ob einige wechselnde weiße Personen sich in einem Dorf mit der dort üblichen Dorfstruktur eingenistet hätten. Es waren nicht immer die gleichen…“ „Wie viele Leute waren dort?“, rief einer aus der dritten Sesselreihe. Dr. Dilmon ließ sich Zeit mit der Antwort: „Genau kann ich das nicht sagen. Ich denke, zu dem Dorf gehörten vielleicht 30 Personen, und dann waren immer so zwischen vier und acht Menschen, die anders aussahen.“ „Und wie war das nun mit Ihrer Befreiung?“, fragte einer. Frau Dilmon veränderte ihre Haltung ein wenig: „Mir geht es wirklich nicht gut.“ Sie sagte das abschließend. „Ich lege mich jetzt hin.“ Sie stand vorsichtig auf. Sie ging vorsichtig zur Türe, als ob sie nicht auf festem Boden ginge. Dann blieb sie stehen und sagte zu dem älteren Mann: „Vielleicht könnten Sie mir helfen, etwas Schriftliches herzustellen, mit Ihrer Hilfe schaffe ich das wohl, wenn es mir besser geht, und das schicke ich dann an ihre Redaktionen…“ Leise schloss sie die Türe auf der Flucht. Die Pressekonferenz blieb zurück… MITTAG Ezra stand an den Tischen vor den Resten der Pressekonferenz und musste aufräumen. Ein Tablett mit Gläsern klirrte leise auf seiner Hand denn er machte wieder einmal einen seiner unmöglichen Jobs. Er fühlte sich nicht sicher, denn es war ihm klar, dass er an diesem Ort ein Wespennest behüten sollte. Der Job war durch Wolfgangs Verbindungen zustande gekommen. Wolfgang, der Freund seiner Kindertage, war Techniker in einem System, das im weitesten Sinne der Landesverteidigung zugeordnet wurde. Und kürzlich erst war er zurückgekommen - von irgendwo aus dem Nahen Osten, und hatte sich sofort gemeldet, dringend, kein Aufschub: „Bist du frei oder machst du was? Nur Studium? Gut. Du wirst gebraucht. Sofort. Wir haben ein massives Problem und alles muss schnell gehen – große Orientierung ist leider nicht möglich. Du musst improvisieren und wahrscheinlich alle deine Systeme einschalten. Streng geheim und akut. Zu wenig Zeit für ordentliche Planung, und die Geheimhaltung macht eine größere Organisation unmöglich.“ Seit fünf Tagen behütete Ezra nun sein Wespennest. Er hatte noch nicht wirklich Überblick und Wolfgang wusste zuerst einmal auch nichts Genaues und hatte ihn vertröstet – er käme bald – musste noch etwas regeln. Es gab ein langes Telefonat mit der Stimme seines Auftraggebers und die ganze Aktion wurde gestartet, dringend, sehr dringend. Ezra musste sofort aufbrechen, vor fünf Tagen, sehr zeitig in der Früh, zu einem „Waldhotel“. Die staatliche Sicherheit war verunsichert. Man war an höchster Stelle beunruhigt. So viel war klar, sonst nichts. Ezra musste einspringen, musste all seine Fähigkeiten einsetzen, an einem Ort im Wald, weit weg von allem, was die Zivilisation geschaffen hatte. Von was allem? Denn das war es genau, wofür er zuständig war. Er musste ein Hotel herstellen. Man hatte ihm großzügig Geld gegeben und … Ein Ort fernab von unkontrollierbaren Menschenströmen musste aktiv werden und unverdächtig. Das Waldhotel hatte eine Aufgabe, war Zentrum… Wovon? Keiner hatte ihn wirklich aufgeklärt. Er hatte eine Reihe von Personen zu betreuen und es war etwas im Gange, aber keiner sagte ihm genau, was. Da war einmal Frau Dr. Dilmon. Es ging darum, ob sie wirklich Frau Dr. Dilmon war oder nicht, so viel wusste er. Sie war nach ihrer Befreiung in dieses Waldhotel gebracht worden – um sich auszuruhen? Eine gefährliche Frau? Sie musste betreut und gleichzeitig beobachtet werden. Sie durfte aber nie auf die Idee kommen, dass sie beobachtet wurde. Das was er da zu gestalten hatte, musste aussehen wie ein abgelegenes Hotel, musste sich anfühlen wie ein abgelegenes Hotel und keiner durfte auf die Idee kommen, dass es kein Hotel war. Das sagten die Anweisungen am Telefon. Wolfgang würde am nächsten Nachmittag eintreffen, oder irgendwann, wenn er wegkonnte. Vielleicht kam dann Klarheit? Ezra trug Krüge und Gläser zurück in den Raum, den sie Küche nannten, und blickte dabei aufmerksam um sich. Jeder kleinste Hinweis, jedes ungewöhnliche Moment konnte später von großer Bedeutung sein. Die letzten Journalisten tröpfelten aus dem Saal. Da kam wieder dieser Mann herein, den er seit dem frühen Morgen beobachtete. Er schlich herum und schrieb ständig konzentriert in ein kleines, schwarzes Buch. Dieses Buch musste einen, großen Wert darstellen, denn der ließ es keine Sekunde aus den Augen. Immer lag es neben seiner rechten Hand. Beim Frühstück, beim Sitzen in der Halle… Zwischendurch machte er Eintragungen. Er schrieb immer einige Zeilen und legte es dann wieder weg. Möglichst unschuldig hatte Ezra versucht, einen Blick auf das Heiligtum zu erhaschen. Das war aber nicht gelungen… Schließlich stand der Mann vor seinem Pult und wollte ein Zimmer. Gut, das war schließlich der Zweck eines Hotels. Jetzt gerade konnte er dem kleinen schwarzen Buch nicht weiter auf den Grund gehen. Er musste zuerst einmal diese Psychologin finden und sie in ihr Zimmer bringen. Sie war in den Garten gegangen, hatte er bemerkt, oder dorthin, wo einst Garten gewesen war. Ezra fragte sich, was man ihr erzählt hatte. Ihm hatte man gesagt, dass eine Psychologin käme und dabei helfen sollte, die Situation mit Frau Dr. Dilmon richtig einzuschätzen. Mehr nicht. Er fühlte sich in einem Sumpf von Geheimhaltung gefangen und hatte sein Wespennest zu hüten… Er traf die Gesuchte langsam zwischen den Häusern wandernd. Gerade war sie stehen geblieben und schaute mit Staunen auf das Haus, durch das der Baum gewachsen war. In den Hang hinein gebaut war eines dieser Fachwerk-Konstrukte. Daneben lagen noch Balken und Steine von einst verstreut. Man hatte sie in der Wiese vergessen. Sie waren liegen geblieben und inzwischen waren Bäume gewachsen und zogen ihre Wurzeln durch den Boden. Sie hatten sich breite Stämme zugelegt und mächtige Laubdächer umschlossen die alten Häuser. Man baute die Häuser einst wofür? Meierhof, Wirtshaus, oder Hotel? Schichtmauern: Einige schwere Quader lagen noch zwischen den Waldriesen, früher ein günstiger, solider Unterbau. Darüber wuchsen leichtfüßig die Holz-unterteilten Wände in die Höhe mit Fenstern in dunklen Rahmen. Auf jeden Fall hatten sie einst eine Aussicht gehabt – wohl auf den Fluss und das Dorf, das in der Tiefe unter den Häusern lag – eine schöne Aussicht. Dann waren vielleicht unruhige Zeiten gekommen und das Haus wurde vergessen - es wuchs in den Wald ein. Er überwucherte in Jahrzehnten die Wände, die Dächer und, wie man sehen konnte, sogar das Innere der Gebäude, weil die Menschen es verlassen hatten waren Berggeister eingezogen. Waren die Bäume Parasiten? Nein. Der Berggeist hatte Samen gebracht, hatte sein Kind an den Ort gesetzt und es spielen lassen. Es schaute aus jedem Baum und erzählte von seinem Alter: Neunmal Wiese und neunmal Wald – bin neunmal so viel Jahre alt… Menschenwerk war in die Zeit eingewachsen, Blatt für Blatt, Jahr für Jahr. Häuser waren letztendlich für Menschen da. Das ganze hatte aber lange geschlafen, unbewohnt. Als er kam, hatte er dort eher ein Geisterschloss gefunden als ein Hotel. Er hatte drei Tage Zeit gehabt und auf der Spinnweben-beladenen Theke lag damals ein Gästebuch mit einer Reihe Namen. Das waren Gäste, die er erwarten sollte. Kräftige Damen aus dem nahen Dorf standen bereit mit Gummihandschuhen, Kübeln, und was man sonst noch benötigt, um die Räume von Spinnweben zu befreien und mit neuer Wäsche zu versehen… Jemand hatte Vorbereitungen getroffen – den Rest musste Ezra selbst erledigen. Ein perfektes Hotel in drei Tagen, wie sollte er das schaffen? Er verbesserte: Er würde versuchen, etwas herzustellen, das zumindest als Hotel durchgehen konnte, vielleicht als romantisches Hotel? Ezra hatte sich zuerst die fünf Gebäude angesehen und die beiden großen zur Reinigung bestimmt. Die waren am ehesten verwendbar. Die anderen drei waren dunkle Höhlen, Löcher, deren Wiederbelebung einen Zauberer benötigt hätte. Eines hatte einen Backofen, ein dunkles Monster. In den beiden besten gab es so etwas wie Badezimmer am Gang, in einem Waldhotel kann man nicht mit einer Ausstattung rechnen wie im Ritz, tröstete sich Ezra und war besorgt. Wenn Badezimmer Jahrzehnte lang geschlafen hatten, war wohl mit Unannehmlichkeiten zu rechnen… Vielleicht war einer der Bäume durch den Abfluss gewachsen? Die Damen kamen in Bewegung und am Ende des ersten Tages hatten sie Raum für Raum im Erdgeschoß vom Belag der Zeit geschält und die Holzteile mit Bienenwachspolitur eingelassen. Es roch gut. Ezra hatte Teppiche für die Böden organisiert – das Budget war ja großzügig. Nachher hatte es ausgeschaut wie ein frisch gereinigtes Zisterzienser-Kloster, in dem der letzte Mönch vor einigen Jahren gestorben war. Zwischen den hohen Bäumen herrschte weiterhin eine düstere Atmosphäre. Eigentlich erwartete er, nachts um zwölf den riesigen Geist des Mönches über den Hof schweben zu sehen. Daraufhin fuhr Ezra eilig in die nächste größere Stadt und stellte Pflanzkübeln mit Blumen vor die Eingänge. Nun sah es aus wie ein ausgestorbenes Kloster mit Blumen. Ezra hatte ein Problem, und noch immer hatte ihm niemand erklärt, welchen Ansprüchen dieses „Hotel“ eigentlich gerecht werden musste. Da besorgte er eine Standtafel, auf die er mit Kreide Preise für Imbiss und Getränke schrieb. Nun sah das Ganze aus, wie ein romantischer Geheimtipp fürs Wochenende. Das kam der Sache schon näher. Viel mehr war in der kurzen Zeit eben nicht drin. Die Badezimmer blieben ein Riesenproblem. Dann kamen auch bald die Menschen, deren Namen im Gästebuch vorgemerkt waren. Frau Dr. Dilmon bezog Zimmer 2. Wer war sie? Und der Mann mit dem kleinen schwarzen Buch musste dann auch sein Zimmer bekommen. Der ältere Journalist, der die Pressekonferenz organisiert hatte, war untergebracht in seinem vorgemerkten Zimmer 5, und dann war da die elegante Journalistin, auch vorgemerkt. Die sollte auch ein Zimmer haben, und das ältere Pärchen, war schon am Vortag angereist mit vielen Koffern ... Waren die alle Menschen vom Geheimdienst? Oder waren das ganz normale Bürger, die ein paar ruhige Tage verbringen wollten? Waren sie tatsächlich Journalisten oder Schauspieler, vielleicht waren sie von der Regie bestellt als ahnungslose Komparsen? Oder führte einer oder der andere selbst Regie? Für welches Bühnenstück? Die Damen mit Kübeln und Mobb waren inzwischen schon im zweiten Stockwerk unterwegs. Die Gebäude waren hoch. Es war nicht zu erwarten, dass Ezra Zimmer im zweiten Stock vergeben musste. Es war aber immerhin möglich, dass sich einer von den Gästen aus dem ersten Stock im Haus verlief, und der durfte kein Geisterschloss treffen – es konnte ja ein echter Gast sein. Die Türen der anderen drei Gebäude hatte Ezra sauber gereinigt, teilweise selbst außen neu gestrichen und abgesperrt. Das war die relativ beste Lösung. Passende Schlüssel hatte es natürlich keine gegeben. Er hatte den Schlosser erpresst und am gleichen Tag neue Schlösser einbauen lassen. Hinter diesen Türen war Niemandsland. Unter anderem wuchs eben da ein Baum durch das Erdgeschoss die Treppe hoch und beim einstigen Fenster, das keine Scheibe mehr hatte, hinaus. In manchen Bereichen hatten sich Spuren von Benützung gefunden. Das waren wahrscheinlich die Jugendlichen aus dem Ort. Vielleicht Liebespaare, romantisch, heimlich und ohne hohe Ansprüche an Reinlichkeit oder Luxus. Opfer der Lust auf kalten, sandigen Böden … FRÜHER NACHMITTAG Er zeigte der Psychologin das Zimmer und ging zurück an seinen „Empfang“. Da kam der ältere Mann, Organisator der Pressekonferenz. Der von Zimmer 5 war das. Er lehnte sich vertraulich an das Möbel, das Ezra zur Empfangstheke bestimmt hatte, und fragte mit seiner tiefen vibrierenden Stimme: „Haben Sie was Hochprozentiges für mich?“ Diesen Mann ordnete Ezra der Organisation im Hintergrund zu – der war eindeutig Regie, und er dachte: Der braucht Trost bei der vielen Geheimhaltung … Der Mann machte den Eindruck, als wüsste er, um was es ging. Breit lehnte der an dem Pult. Ezra war bemüht, denn vielleicht kam er an gute, wichtige, hilfreiche Informationen. Vielleicht konnte er einen kleinen Lichtschein in den Nebel bringen. - Für Hochprozenter hatte er als „Manager“ natürlich gesorgt, ein wichtiger Faktor in einem „Hotel“. Er hatte für sehr guten Hochprozentigen gesorgt, denn so viel Freiheit war gegeben. Der Mann wählte sorgfältig eine Flasche. Die betrachtete er nun wohlgefällig. Dann füllte er seinen Brustkorb bis zum Bersten und ließ die Luft langsam ausströmen: „Gott, geht mir das alles auf die Nerven“, wisperte er in Ezras Ohr. Er schien das Gefühl zu haben, dass Ezra eingeweiht war. Der schaute daraufhin so wissend wie möglich. Aalglatt legte er sich ein weißes Tuch über den Arm und begann ein Glas blank zu putzen, dabei lächelte er absolut sicher. Der Mann vor ihm wirkte erschöpft. Dieser Mensch hatte sich übernommen in den letzten Tagen. Hier wurde von der Macht im Hintergrund hart gearbeitet und improvisiert, Geheimhaltung in der Hektik einer wesentlichen Aufgabe. Einer wusste nicht, was der andere wusste. Über nichts wurde wirklich gesprochen und nichts war so wichtig wie das Nichts. Dieser Mann hatte eine harte Zeit hinter sich, das war zu sehen. Er wirkte dennoch mächtig. Seine Schultern brauchten viel Platz, seine Augen unter tiefen Brauen waren scharf und seine Bewegungen gerade und direkt. Der war sicher in der Lage einige bedeutende Lichtblicke zu liefern. Welche Fragen waren die interessantesten? Ezra konnte sich nicht erklären, wieso keiner wusste, ob Dr. Dilmon Dr. Dilmon war. Was war da in Südamerika abgegangen? Wer hatte ein Interesse an der Biologin? Wer wollte sie austauschen und warum? „Ich bin Red Warhol“, sagte der Mann in diesem Moment. Bei Ezra klingelte es laut in der Informationsabteilung. Red Warhol war eine journalistische Größe. Er hatte ihn persönlich noch nie getroffen, aber trotzdem war der Name allgegenwärtig. In Presse, in Politik – Aufdeckung, Aktionen … Red Warhol saß am Steuer. Saß er auch hier am Steuer? Der berühmte Mann saugte langsam an seinem Glas mit dem goldgelben Inhalt. Dann sagte er: „Das da ist gut, aber es tut mir nicht gut – ich brauche es nur einfach.“ Sein Gesicht wirkte zerknittert. War zu viel Alkohol das Problem? Ezra arbeitete an einer Frage, die aufdeckend aber nicht zu intim war. Auf zu Intimes würde er keine Antwort bekommen und er war schließlich auf Antworten angewiesen beim Blinde -Kuh-Spielen. „Wie könnten wir das hier bestmöglich regeln?“, fragte er daher in der Rolle des gut Informierten so lässig wie möglich. Red Warhol hob den Blick müde aus seinem Glas: „Das Problem ist – wir können im Moment nur abwarten, bis einige Fragen geklärt sind. Passt mir auch nicht, aber so ist es.“ Er sagte das tief traurig. Ezra hatte sich den Mann immer vorgestellt wie einen Jockey, der das wildeste aller Pferde ritt. So wie der da vor ihm stand, konnte er kaum einen alten Haflinger reiten – so erschöpft. Ezra nahm ein anderes Glas und begann, es mit seinem Tuch glänzend zu reiben. Voll konzentriert hielt er es gegen das Licht und blickte durch: „Warum ist denn der Fehler passiert?“, fragte er so unschuldig wie möglich. Seiner Erfahrung nach war das eine gute Frage, die meistens eine Antwort bekam, auch wenn man nicht wusste, was sie bedeutete. „Ein Fehler war‘s ja nicht, eigentlich“, sagte der Journalist auch sofort. „Ich hatte ihn völlig aus den Augen verloren.“ – Diese Antwort war eine Herausforderung. Ezra konzentrierte sich wieder auf sein Glas, die nächste Frage war besonders heikel. Sie durfte nicht in die falsche Richtung gehen. Schließlich meinte er: „… nach der gemeinsamen Zeit?“ „Ich hatte genug. Das muss man doch verstehen. Ich hatte die ganze Geschichte satt.“ Der Journalist nahm einen tiefen Schluck und hielt Ezra das Glas wieder hin. „Ich habe mich einfach um ihn nicht mehr gekümmert, und jetzt verbreitet er Unsinn.“ Ezra füllte sorgfältig nach: „Und glaubt das irgendwer?“, sagte er leise zum Glas, das er dem anderen in die Hand gab, um ihn am Reden zu halten. Es ist schwierig, vorsichtige Fragen zu stellen, wenn man keine Ahnung hat, was man fragen könnte. „Das Ganze war damals eine blöde Schweinerei“, murrte Warhol in den Cognac hinein. Dann schaute er Ezra fest an: „Das Schlimme war – es war klein“, das fauchte er wütend. „Das Ganze war winzig, flach, bedeutungslos. Es war kleiner Schmutz, schmierig. Ich musste mir die Hände mit kleinem Schmutz beschmieren. Ich mache gerne große Sachen. Ich stehe gerne hinter mächtigen Aktionen – er hat mich klein gemacht. Er hat mich gezwungen, mich mit kleinem Schmutz zu befassen. Und jetzt haben wir mit ihm ein echtes Problem.“ Er knallte das leere Glas auf die Theke und ging. Gut, Ezra hatte verstanden – soweit da irgendetwas zu verstehen war – da gab es jemanden, mit dem hatte Warhol einmal gemeinsame Sache gemacht – oder etwas in der Art. Nachher gab es ein Zerwürfnis und man warf sich gegenseitig kleine, schmierige Sachen vor, über die er nicht mehr sprechen wollte. Und wo war der andere jetzt? Wer war der andere? Hatte der im Moment für diese Situation hier im Wald Bedeutung? Welche? 2 UHR Das ältere Pärchen legte den Schlüssel bei Ezra auf die Theke. Die beiden hatten Zimmer 8. Sie lächelte glücklich und sagte: „Das Wasser läuft nicht mehr in unserem Bad.“ Sie hatte brennend rotes Haar und hellgrüne Augen und einen unglaublichen Hut auf dem Kopf. Er hatte einen Bart wie eine Seekuh und lächelte nicht – nein, niemals. Er maß Ezra herausfordernd mit bösem Blick. Sie zwitscherte: „Es ist so schwierig ohne Wasser. Ich glaube doch, dass das geregelt werden muss …“ Sie schaute Ezra erwartungsvoll an, vielleicht wie einen Schutzengel. „Wissen Sie, das Dingsda steckt.“ Sie machte eine Drehbewegung mit der Hand. Ezra vermutete daraufhin, dass das „Dingsda“ der Hahn war. Ließ sich anscheinend nicht mehr drehen. Ezra versprach, der Sache auf den Grund zu gehen. „Was ist denn heute Menü?“, fragte sie. Ihr Partner schaute feindlich. Ans Essen hatte er noch nicht wirklich gedacht. Ezra musste improvisieren. Hatten die womöglich mit Pension gebucht? Er konnte sich kaum vorstellen, dass die beiden vom Geheimdienst waren, also wahrscheinlich Statisten oder irrtümlich echte Gäste, ohne Wissen. Die glaubten womöglich, in einem echten Hotel zu sein. Für Leute vom Geheimdienst konnte er offen improvisieren, aber für Statisten, die sie eingesetzt hatten, um dem Hotel Leben zu geben und für echte Gäste, die sie eingeladen hatten, oder die sich verirrt hatten, musste womöglich Essen bereitgestellt werden. Keiner hatte ihm gesagt, was das Angebot gewesen war. Es musste wohl ein Angebot gegeben haben, wenn die ein Hotel vortäuschen wollten, nicht wahr? Er wollte so gerne herausfinden, wer zur Ausstattung gehörte, wer zur Organisation und wer zufällig da war. Die vom Geheimdienst sahen wahrscheinlich überhaupt nicht danach aus. Die kamen sicher nicht mit den üblichen hellen Mänteln und schwarzer Brille. Wer war wer? Die sahen vielleicht ganz unwahrscheinlich aus, so wie diese beiden. Wenn die beiden doch vom Geheimdienst waren, wäre ein nicht vorhandenes Nachtmahl nicht schlimm. Aber bei gewöhnlichen Gästen, die glauben sollten, dass hier im Wald ein normales Hotel steht, mussten die Abmachungen eingehalten werden … Welche Abmachungen? Während sich in Ezras Kopf die Planung drehte wie ein Ringelspiel, das immer schneller wurde, beschloss er, sich auf das zu besinnen, was möglich war. Es war viel zu spät, um ein fertiges Mittagessen zu zaubern. Keine Chance. „Wir haben Halbpension ab 18 Uhr“, murmelte er und blätterte in seinem Buch, in dem nichts stand. Nur die Spinnweben waren inzwischen abgewischt. Die Dame schaute ihn erwartungsvoll an. Er musste etwas erfinden, das gut klang und bis 18 Uhr zu schaffen war. Zwei kleine Menüs mussten reichen. Leise Panik stieg aus seinem Magen Richtung Hals. Er konnte sich leicht vertun und etwas vorschlagen, das nicht zu beschaffen war. Unsicher murmelte er: „So viel ich von der Küche erfahren habe, gibt es Suppe, Ente mit Rotkraut oder Palatschinken mit Füllung nach Wunsch…“ Klang das gut genug? „Was sagst du?“, fragte sie zu ihrem Partner hin. Er grunzte unwillig. „Er möchte gerne die Ente, und ich auch“, zwitscherte sie. Könnten Sie das in der Küche melden?“ In welcher Küche, dachte Ezra, zeigte sich aber voll gutem Willen. „Wir suchen die Steinkreise“, rief sie noch fröhlich von der Türe. Steinkreise? Welche Steinkreise? Wer braucht einen Steinkreis und wozu? Die Frage konnte ihn nur kurz beschäftigen, denn eilig begab er sich auf die Suche nach seinen helfenden Hausgeistern. Kochen war nicht wirklich seine Stärke. Zur Not konnte er das auch, aber es würde den Stress gewaltig erhöhen, wenn er jetzt ein warmes Nachtmahl bis 18 Uhr zaubern müsste. Er fand alle im unbewohnten Obergeschoß bei einer friedlichen Zigarette mit Kaffee. Ezra verteilte Lob, um die drei in gute Stimmung zu versetzen, die Reinigung war ziemlich weit fortgeschritten. Schließlich kam er auf das Problem mit der Küche zu sprechen. Bisher hatte er nur Würstchen und Toast bereitgehalten wegen seiner schwarzen Tafeln. Diese Auswahl hätte er selbst auch mit unzulänglichem Equipment anbieten können. Nun war die Lage aber ernst. Das Menü musste um 18 Uhr fertig sein, und dort, wo einst die Küche gewesen war, war derzeit ein dunkles Loch. Das Wasser lief in ein Becken, das vor vielen Jahren in einem Mantel aus weißem Email geglänzt hatte, und ein alter Holztisch mit speckiger Platte stand fragend unter dem Fenster. Es gab noch Omas Küchenkredenz – mit Spitzendeckchen vor den Fenstern, die langsam zerfielen. Ezra hatte bisher nicht hineingeschaut, ob darin Geschirr war. Er hatte Teller und Schalen in einem großen Karton aus dem Kaufhaus heimgetragen. Auch hatte er einen Eiskasten mit großer Kühleinheit und eine Truhe in einen Raum gestellt, den er zur Speisekammer erklärt hatte. Er hatte gebetet, dass die Steckdosen Leben in sich hatten, denn wie hätte er sonst Würstchen und Toast bereithalten können? Die Steckdosen lebten, auch die in der Speisekammer. Hurra! Er hatte eine Mikrowelle mit Grill besorgt und einen Wasserkocher, mehr war nicht möglich gewesen in der kurzen Zeit. Was nun? Wie zwei Menüs für seine Gäste zaubern? Auf jeden Fall heimlich bei der Ausstattung! Wo waren die Steinkreise? Musste er das womöglich wissen? Aber jetzt musste er zuerst hier und sofort das Problem mit dem Essen lösen. Er näherte sich dem gefährlichen Thema achtsam. „Wir haben bereits Gäste, die auf ein warmes Nachtmahl hoffen …“, eröffnete er den Damen. „Ich bin nicht sicher, wie wir das meistern könnten?“ begann er. Alle drei schauten ihn groß an. „Wenn wir das nicht bewältigen, könnte man in ärgster Not ein Catering kommen lassen und erklären, dass der Strom in der Küche ausgefallen ist.“ Seine Stimme klang bedauernd, sie deutete ein Versagen an, Hilflosigkeit, eine Verfehlung, Mangel … All das versuchte er, den Damen nahezubringen. Die Küche musste in Gang kommen, das war klar. Und was machte er, wenn die Damen nicht wollten? Einfach verweigerten? Er fand es verständlich, wenn sie verweigerten. Das durfte aber nicht passieren. Denn vielleicht kamen noch andere Gäste und hatten das Bedürfnis nach einem warmen Nachtmahl. Und eingetragen war auch noch jemand … Die drei sahen ihn noch immer groß an. Auch in ihrem Fall war absolut nicht klar, was man ihnen gesagt hatte, welche Erklärung und welche Regeln. Fragen konnte er nicht gut. Aber inzwischen mussten sie bemerkt haben, dass vor Ort eine Gaststätte improvisiert wurde. Wie loyal und wie arbeitseifrig waren sie? Frauen, so hatte er in seiner Kindheit gelernt, hatten einen freundlichen, positiven und großzügig spendenden Bezug zu Küchen … Ezra wünschte sich eine Küche, die zumindest Essen spenden konnte. Wer wärmt schon gerne Würstchen für Gäste heimlich in seiner Schafkammer auf einem Campingkocher? Er fühlte, er musste den Ehrgeiz seiner Damen wecken … Eine der Damen – sie war ziemlich groß und breit – erhob sich. Ezra hatte kurz schreckliche Visionen vom einem Arbeiterführer in Protesthaltung. Sie holte tief Luft und stemmte ihre Hände in die breite Hüfte. Ezra merkte, wie sein Rücken hart wurde. „Nun“, meinte sie, „dann werden wir die Küche wohl vorziehen müssen.“ Wundervoll! Ezra war erleichtert. Es hätte auch anders kommen können. Alle begaben sich in den Raum, wo die Aktion stattfinden musste. Dort war bisher nichts passiert. Nur der Staubsauger hatte kurz die rußgeschwärzten Spinnweben von den Wänden und dem Boden geleckt. Der Rest war im Urzustand. Die wellige Platte des Tisches zeigte ein Wischmuster und mitten drauf lag ein seltsamer Stein, den Ezra zuvor noch nicht gesehen hatte. Wieso lag der da? Sah aus wie eine sehr große hellgrün glitzernde Kröte mit anthrazitfarbenen Flecken. Die drei Damen stellten ihre Kübel auf dem Boden ab und sahen sich um. Sie waren inzwischen an desolate Verhältnisse gewöhnt. Der Boden bestand aus unregelmäßig gereihten Holzstöcken. Die Zeit hatte eine interessante Landschaft geformt, mit Rissen und Höhenunterschieden, die mit einem herkömmlichen Küchenboden nur wenig gemeinsam hatte. Ezra sah ein kurzes aber sehr beunruhigendes Bild von einer Hygiene-Kontrolle. Das schob er beiseite – keine Zeit. Gemeinsam stellten sie über den Kübeln einen Einkaufszettel zusammen und Ezra sprang ins Auto, um alles heranzuschaffen. An sein Empfangspult heftete er ein Papier, dass er um 17.00 Uhr wieder zur Verfügung stehen würde. NACHMITTAG Ezra kam aus der nächsten größeren Stadt zurück – hatte sicherheitshalber gleich dort eingekauft, wo voraussichtlich auch die schwierigen Güter zu haben waren. Sein Kofferraum war voll. Seine Sitze waren angeräumt und er versuchte, mit einer Hand zu lenken und mit der anderen die Güter am Beifahrersitz am Rutschen zu hindern. Durch den unruhigen Streckenabschnitt im Wald hatte er sich sehr verspannt, saß verkrampft, lenkte mit der Linken und hatte die rechte Hand in den Turm am Beifahrersitz verkrallt. Der Turm schwankte bedenklich und drohte sich aufzulösen, als eine seltsame Gestalt mit einer Kamera hinter einem Baum hervorsprang und ihn fotografierte. Er fuhr ziemlich schnell und konnte nur ungenau einen dünnen Menschen mit Halstuch erkennen und wunderte sich. Er landete in seinem Hotel und sah vor dem Haus einen gelben Sportwagen stehen. Eigentlich hatte er im Moment niemanden zu erwarten gehabt. Mit vollen Armen lief er in die Küche und fragte sich, wer angekommen war. Ein solches Fahrzeug war einem bestimmten Typus Mensch zuzuordnen. Schauspielern vielleicht… Im dunklen Raum sah es inzwischen schon deutlich freundlicher aus, wenn auch weit entfernt von dem, was für eine Wirtshausküche üblich war. Als er alles ausgeräumt hatte war es 17.05 Uhr. Da kam ein hoher, schmaler Mann mit Halstuch und lehnte sich an den Empfang. War das der Mann aus dem Wald? „Guten Tag“, grüßte Ezra beflissen aber auch ein wenig außer Atem. In der Küche hatte er die Damen zurückgelassen, die Rotkraut in einem neuen Topf auftauten und Ente grillten. Eine mobile Herdplatte brachte Wasser zum Sieden und würde nachher auch die Pfannkuchen braten müssen. So nahm alles seinen improvisierten Lauf. Und wer war dieser Gast nun? Der Fremde sagte statt einer Begrüßung: „Da hat sich Red wieder mal übertroffen.“ Ezra war absolut nicht sicher, was darauf zu sagen war. Er lächelte daher, das war immer gut. Und was weiter? „Wie darf ich Sie eintragen?“, murmelte er, das Gästebuch vor sich. „Ich bin George Köhler. Red und ich haben eine lange Geschichte.“ Köhler? Köhler? Er hatte eine lange Geschichte mit Warhol? Hatte Ezra da nicht irgendwas gelesen? Aber der Name war zu häufig, um ihn gleich zuordnen zu können. Was war da gewesen? Ein Gefühl von Krach, Kampf und Krieg klopfte an, betrat aber nicht sein Bewusstsein. Er konnte sich einfach nicht erinnern. Herr Köhler bekam Zimmer 11. Zimmer 9 hatte ein Loch im Boden, erinnerte sich Ezra. Er musste aufpassen, dass er das nicht irrtümlich vergab. Was genau wollte sein Arbeitgeber mit diesem Waldhotel erreichen? Dr. Dilmon sollte sich hier in Ruhe erholen oder was? Dann war vielleicht ein romantischer Ausflugsort nicht das richtige? Oder doch? Da war Lärm vor der Türe. Es klang wie ein sehr großer Schwarm Stare, die sich auf einem Baum mit reifen Kirschen niedergelassen hatten. Der Lärm schwoll an. In der Türe erschien ein Mann in Bergkleidung. Ihm folgte eine jugendliche Horde. Ezra hatte eigentlich den Installateur anrufen wollen. Aber der fröhliche Haufen überschwemmte seinen Empfang. Der Herr in Bergkleidung hatte einige Mühe, den Lärm zu übertönen: „Wir wollten zur Antonihütte, aber hier gefällt es uns“, vertraute er Ezra an. Zwei Jungmänner hatten große Holzstöcke aus dem Wald gebracht und führten einen eleganten Degentanz damit auf. Ein blondes Mädchen sah bewundernd zu. „Wir würden gerne bis Sonntag hierbleiben. Gibt’s da vielleicht ein einfaches Lager? Wir sind nicht anspruchsvoll.“ Ezra litt schwer darunter, keine Ahnung zu haben, was in „seinem“ Hotel weiter geplant war. Er konnte sich aber nicht vorstellen, dass der Haufen eine Abordnung vom Geheimdienst war, daher musste er den Anschein von einem Waldhotel aufrechterhalten. Also überlegte er kurz, wie die Verhältnisse im frisch gereinigten Obergeschoß waren. Hotelverhältnisse waren bei Weitem nicht erreicht, so viel war klar. Er würde einfach einen hohen Preis verlangen, das war die bequemste Form, um die Gruppe wieder auf die Reise zu schicken… Ohne Stammeln, immer das Gästebuch vor sich, verlangte er einen wahrhaft königlichen Preis für Zimmer ohne Bad und nur Matratzenlager. Nach einer kurzen Besprechung stimmten alle begeistert zu. Das war eine Bescherung. Dann lehnte sich der in Bergkleidung, offensichtlich der verantwortliche Lehrer, ganz nahe zu Ezras Ohr, um nicht so brüllen zu müssen: „Und jetzt hätten wir gerne Toast und Würstchen.“ Ezra spürte, wie Erschöpfung in seinen Rücken kroch. Aber er lief in die Küche. „Schafft ihr zehn Schinken-Käse-Toasts und vier Mal Würstchen? Ich muss Gästematratzen besorgen, bin in einer halben Stunde wieder da.“ Die große Anführerin hatte sich ein Geschirrtuch um den Kopf gebunden und schälte gerade den mumifizierten Spitzenvorhang aus der Kredenz. Ezra war abgehetzt, obwohl er eigentlich souverän dreinschauen wollte. „Bring ich dann raus“, sagte sie über die Schulter. Da überkamen ihn warme, freundliche Gefühle seinem Helfertrupp gegenüber. ABEND Judith hatte sich einen Platz in den bequemen Fauteuils beim Empfang gesucht – ein Beobachtungsposten mit Rotwein und einer Zeitung. Sie war sich nicht sicher, wen oder was sie beobachten konnte, aber letztendlich war es kaum möglich, in das Zimmer von Dr. Dilmon zu gehen und dort einfach Fragen zu stellen. Der Empfang war wohl die wahrscheinlichste Stelle, an der sie zu beobachten war. Sie hatte fast ein schlechtes Gewissen, als sie sich in den mächtigen Fauteuil kuschelte und dabei mit der Hand über das weiche Leder glitt. Es fühlte sich luxuriös an. Der Sitz umschloss ihren Körper angenehm beschützend und sie nahm einen tiefen Schluck Rotwein, legte die Zeitung zurecht - und sah eine Katze. Eine reizende gefleckte noch ziemlich junge Katze, die an der Wand entlanglief, und aus ihrem Maul baumelte ein Mäuseschwanz. Und dann sah sie einen schlanken sehr elegant gekleideten Herrn mit gelbem Halstuch durch die Halle schreiten und Kurs auf den Empfang nehmen. Der junge blonde Mann, er hieß Ezra, das wusste sie inzwischen, sah die Katze. Seine Augen weiteten sich, seine Hände verkrampften sich und sein Blick heftete sich an der Katze fest. Die Pupillen wurden größer und ängstlicher. Er verließ seinen Empfang mit kleinen Stechschritten und baute sich zwischen der Katze und dem eleganten Herrn auf. Das war ein Versuch, die Maus vor dem an Schönheit und Reinlichkeit gewöhnten Blick abzudecken. Das war schwierig, denn die Katze hatte die Maus gerade ausgelassen. Es war nicht klar, war sie ihr ausgekommen oder wollte sie spielen, jedenfalls versuchte sich die Maus in Sicherheit zu bringen – unter einem schweren Sitzmöbel, und die Katze sprang hintennach. Ezra war im Stress, das war zu sehen. Der elegante Mann bemerkte aber von der Aktion anscheinend nichts. „Ich fahre aus“, sagte er. „Hier ist ein Brief für Red.“ Er reichte ein gelbes Kuvert über den Empfang. Da kam Frau Dr. Dilmon gerade langsam von der Treppe. Der Mann fixierte sie. Mit breitem Lächeln ging er auf sie zu. Es wirkte falsch, fand Judith. „Hortense, meine Liebe.“ Er streckte ihr strahlend die Hände entgegen. Sie schaute erstaunt, fragend. Der Blick eines Menschen, der den anderen noch nie im Leben gesehen hat. Die Katze angelte heftig unter dem Fauteuil mit der Vorderpranke. Es machte dumpf bumsende Geräusche. Der Mann mit dem Halstuch nahm keinen Blick von Hortense Dilmon. „Es ist natürlich eine Weile her, liebste Hortense, aber du musst dich einfach an uns erinnern!“ Sie ließ ihren Blick schnell über sein Gesicht gleiten, es glomm kein Funke auf. Sie schaute zu Boden. Ihre Hand wanderte zu ihrer Wange. „Unsere schöne gemeinsame Zeit“, rief er. Ihr Blick kam verloren hoch und sagte deutlich: Keine Ahnung. Schließlich versuchte sie ein Lächeln und reichte ihm eine unsichere Hand. „Entschuldigen Sie“, sagte sie leise, und dann lauter: „Ich muss gleich weiter.“ Sehr schnell ging sie aus der Empfangshalle in den nächsten Raum. Der elegante Mann blieb kurz stehen und eilte ihr dann nach. In der Türe blickte er in alle Richtungen, schien sie aber nicht mehr sehen zu können. Schließlich drehte er sich um und kam wieder zurück. Seine Lippen waren fest zusammengepresst und sein Kiefer hart. Jetzt fixierte er Ezra. Judith hatte beobachtet, wie Ezra den Blick hob, der noch immer an der Katze festgefressen war, um dem eleganten Mann viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Sie sah klar, er wollte dessen Augen zu sich zu holen, weg von den Tieren. Die Maus schien inzwischen den sicheren Platz gefunden zu haben, denn die Katze schaute gespannt, voll konzentriert, in den Spalt unter dem Möbel. Der elegante Herr mit dem Halstuch schrieb etwas auf den Umschlag. Ezra stand unentschlossen daneben. Kurze Blicke irrten immer wieder zu der Katze. Sie konnte sich auch vorstellen, was ihn beschäftigte: Wenn er die Katze hinaustrug, blieb die Maus unter dem Sitz, unbeobachtet. Das war keine gute Lösung. Judith sah auf seiner Stirne den Konflikt, denn Mäusejagd im Foyer war auch keine Lösung. Hin- und hergerissen zwischen zwei unmöglichen Möglichkeiten, musste er den gereizten Mann beruhigen, der an seinem Pult stand. „Hortense ist ein unbedarftes Mädchen“, sagte der in dem Moment ein wenig zu laut. „Wie ein kleines Kind. Von einer Minute zur anderen weiß sie nicht mehr, was sie wollte. Das war immer schon so“, warf der hin. Irgendetwas wollte er noch sagen, aber es kam nicht. Er wechselte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen, und schließlich ging er hinaus zu seinem gelben Sportwagen. Die Katze war vor dem Fauteuil, unter dem ihre Maus saß, in Warteposition gegangen. ABEND Ezra hatte beschlossen, die Katze die Maus bewachen zu lassen. Es war eine hübsche Katze und seiner Erfahrung nach waren die meisten Menschen Katzen eher zugetan als Mäusen. Auch wenn es einzelne Katzenfeinde gab, war in dieser Situation die Katze das kleinere Übel. Er musste das Problem in Angriff nehmen, wenn die Gäste in den Zimmern waren, gut aufgehoben und nicht im Empfangsraum – später – viel später. Jetzt machte er einen Abstecher in „seine“ Küche, um festzustellen, was dort alles nicht funktionierte. Aber der Zustand war nicht so schlecht. Er beorderte zwei Damen in den zweiten Stock, um die Matratzen aufzublasen und mit Wäsche zu versehen, für die Schulklasse auf Ausflug. Das Essen war großteils fertig. Er würde beim Bedienen helfen, sonst war das nicht zu schaffen. „Habt ihr Essen auf die Zimmer gebracht?“, fragte er in die Runde. Eine der drei nahm gerade die Ente aus dem Grill „Die Dilmon ist eine hochnäsige Person“, sagte sie. „Am Nachmittag wollte sie einen Toast und als ich den hochgebracht habe, hat sie ihr Buch weggelegt und gesagt: ,Stellen Sie meine Schuhe auf den Balkon.‘ Als ob ich ihr persönlicher Dienstbote wäre.“ Ezras Ohr nahm diese Beurteilung von Frau Dr. Dilmon wahr, aber sein Hirn war mit der Verrechnung von Extraleistungen beschäftigt. Er überlegte, dass er einen Modus finden musste, um das zu überblicken. Natürlich war das kein echtes Hotel, aber man musste zumindest alle Funktionen eines echten Hotels einführen. Alles, was ein echtes Hotel ausmachte, musste bereit sein, um den Anschein eines echten Hotels nicht zu stören. „Bitte seid so lieb und steckt mir einen Zettel in die grüne Kluppe neben dem Telefon, wenn ihr etwas irgendwohin bringt. Ich glaube, das ist die einfachste Art, alles zu verrechnen. Gar nicht lange diskutieren, sondern einfach aufschreiben, was ihr wohin gebracht habt.“ Da sah er die Biologin an der Küche vorbeigehen. Wieso war die in dem Gang? Was wollte die dort? Er machte am Absatz kehrt und folgte ihr. Gerade sah er sie noch um die Ecke biegen, dann hörte er eine Stimme. Die kannte er, tief und vibrierend – Zimmer 5 – Red Warhol. Sie sagte: „Da war so ein Typ, der behauptet, mich zu kennen.“ „Und, was hast du gesagt?“ „Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Er hat sich benommen, als ob wir mal zusammen gewesen wären. Kann ich mir aber nicht vorstellen, oder?“ Ezra wischte an der neuen Messingtürschnalle von der Speisekammer – für den Fall, dass einer um die Ecke schaute. „Wie sah er denn aus?“ „Lang, dünn, mit auffallendem Halstuch – ich kann‘s mir einfach nicht vorstellen …“, fügte sie hinzu. Dann näherten sich die Schritte der beiden der Ecke. Ezra nahm langsam und deutlich sichtbar sein Tuch von der Türschnalle und begab sich offiziell zu seinem Empfang. Als er an den beiden vorbeiging, sagte Warhol: „Bleib bescheiden, Mädchen, einfach passiv freundlich. Ist kein Grund zum Stress, du musst Ruhe bewahren, auch wenn es dir schwer wird…“ Red Warhol ging festen Schrittes voran, sie folgte zögernd. Da fiel Ezra der Brief ein. „Eine Nachricht liegt für Sie am Empfang“, sagte er über die Schulter. Die Dilmon hatte einen sehr schönen spanischen Schal um den Körper geschlungen, den zog sie jetzt fester um sich. Warhol drehte um und folgte Ezra. Er nahm den Brief aus dickem gelblichen Büttenpapier und riss ihn achtlos mit dem Daumen auf. Lässig schaute er das Blatt an und dann wurde sein Blick konkret. Auf der Stirne bildeten sich einige feste Falten. Er war wütend, eindeutig sehr wütend. Er knallte den Brief auf Ezras Theke. Drehte sich um, drehte sich dann aber zurück und nahm den Brief wieder auf und ging knackig hinaus - in einer schwarzen Wolke. Ezra schaute ihm nach. Er hätte gerne erfahren, was in dem Brief stand. Da kam die rothaarige Dame mit ihrem unwirschen Partner zurück. Sie waren aus gewesen. Sie hatte extrem hohe Stöckelschuhe an, extravagante Schuhe in blasslila mit einer kecken Schleife am Außenrand. Konnte wohl kein Waldlauf gewesen sein, dachte Ezra. Er fand es seltsam, dass das Pärchen gerade diesen Ort besuchte, hier mitten im Wald, mit eleganten Stöckelschuhen… Er schaute die lila Schleife an. Die beiden passten nicht in den Wald. Er nicht und sie schon gar nicht. Wenn jemand so auffallend nicht passt, konnte der wohl kein gewöhnlicher Tourist sein? Oder? Vielleicht konnte er aber gerade dann kein Statist vom Geheimdienst sein? Oder? Das doch am wenigsten. Die würden doch wohl perfekt passen? Sie tänzelte auf Ezra zu. Ezra schenkte ihr das Hotellächeln und sah aus dem Augenwinkel, dass die Katze noch immer den Sessel bewachte – die Maus war also noch gut aufgehoben. „Wann gibt´s denn Nachtmahl?“, zwitscherte die Dame mit den roten Haaren fröhlich. Ezra ließ kurz die düsteren Bilder aus der Küche vorbeilaufen. 18 Uhr hatten sie natürlich nicht geschafft. Die Frage kam gottseidank deutlich später: „Ich denke, in einer halben Stunde…“ sagte er beflissen. „Oh fein“, strahlte sie, „und wo ist der Dingsda?“ Ezra überlegte fieberhaft, was sie gemeint haben könnte. Sie wartete, und als nichts kam, versuchte sie es genauer: „Na, der Dingsda, wo man isst.“ Sie sah Ezra erwartungsvoll an. Ihr Partner hatte die buschigen Brauen tief über die Augen gezogen und schaute unwillig. Ezra erkannte, dass nach dem Speisesaal gefragt worden war. Er war gefordert. Für ihn war das eine von den besonderen Problemzonen. Sie hatten nur einen sehr kleinen Raum als Essraum herrichten können, weil es einfach keine andere Möglichkeit gab. Nur vier kleine Tische passten dort hinein, und das mit Mühe. Durch die Invasion der Schulklasse war das sicher zu wenig. Zimmer 2 hatte Frau Dr. Dilmon, Zimmer 3 die elegante grauhaarige Journalistin von der Pressekonferenz – er hatte sie seither noch nicht zu Gesicht bekommen. Wo war die übrigens? Zimmer 4 würde noch einen Bewohner bekommen, der war in dem seltsamen Gästebuch vorgemerkt. Zimmer 5 Warhol, Zimmer 6 hatte ein zerbrochenes Fenster. Zimmer 7 gehörte dem Mann mit seinem kleinen schwarzen Buch. Zimmer 8 dem Pärchen, Zimmer 9 hatte das Loch im Boden, Zimmer 10 der Psychologin. Das nächste für den Mann mit dem gelben Sportwagen – wie hieß der doch gleich? George …? Die Tische reichten einfach nicht und jetzt auch noch die Horde 17-Jährige... „Wir haben mehrere Möglichkeiten zur Auswahl“, sagte Ezra daher gefällig. Er begleitete das Paar zur Türe von dem winzigen Speiseraum und sagte: „Sie könnten hier einen Tisch auswählen oder im Foyer“ – er hatte die Tische von der Pressekonferenz neu angeordnet. Die konnten zur Not als Esstische durchgehen. „Wo Sie möchten, wählen Sie. Ich kann Ihnen aber auch einen Tisch ins Freie stellen lassen – es ist ein sehr schöner Abend…“ Die Möglichkeit war ihm gerade eingefallen. Wenn er ihnen das schmackhaft machen konnte, konnte er das Gedränge aus dem Speisesaal bekommen und auch das aus seinem Empfangsraum. Hatte er nicht noch zwei Gartentische mit einigen Sesseln im Haus mit dem Baum schlummern gesehen? Mit besonders freundlicher Stimme gurrte er: „ ...und sagen Sie mir Ihre Entscheidung. Ich komme dann gleich wieder. Ich stelle nur die Gartentische auf.“ Mit dem Schlüssel bewaffnet eilte Ezra in den Hof und näherte sich dem Haus, wo er glaubte, die Gartentische gesehen zu haben. Da hörte er ein seltsames Geräusch – wie Wind in Telegrafendrähten. Es war aber kein Wind, gar keiner. Er hörte einen singend-fiebrigen Ton – sehr seltsam. Ezra blickte nach oben. Die Bäume ließen nur einen schmalen Ausschnitt des späten Himmels frei. Einige rosa Abendwolken lugten in das Loch und dann sah er etwas Dunkles über die Bäume fliegen. Es war ziemlich groß. Das schaltete plötzlich etwas wie einen fahlen Suchscheinwerfer ein. Der tauchte einen kreisrunden Bereich im düsteren Hof in ein blassblaues Licht. Blassblaue Kiesel waren in dem Kreis zu sehen, der über den Boden wanderte. Ezra konnte nicht erkennen, was da herumschwirrte. Er dachte, dass seine Jugendlichen irgendetwas Ferngesteuertes über dem Hotel fliegen ließen. Wahrscheinlich hatte die Horde, die am Nachmittag gekommen war, irgendetwas mitgebracht… Wo hatten die das große Ding gehabt? Doch wohl nicht im Rucksack? Oder war es aufblasbar? Ein surrender Zeppelin? Es sah aber eher rund aus, nicht länglich, wie Zeppeline nun mal sind. Es verschwand singend hinter den Baumriesen. Er sperrte die frisch gestrichene Türe auf. Am Innenrand des Türstockes hingen noch Spinnweben, die verklebte Sorte, in der sich im Laufe der Zeit Holzbrösel gefangen hatten. Sich darum zu kümmern, hatte er keine Zeit gehabt. Er schaltete seinen eigenen Suchscheinwerfer ein, sein Handy. Im Lichtkegel lag dort alles Mögliche auf einem Haufen, aber auch drei Gartentische und einige Sessel. Eilig räumte er die Gartenmöbel in den Hof. Stellte die drei Tische auf und verteilte die Sessel einigermaßen regelmäßig. Er hatte nur sein allgegenwärtiges Tuch bei der Hand und wischte kurz die gröbsten Spinnweben weg. Dann stürmte er in die Küche: „Wo sind die Tischtücher?“, rief er. Die Tische wurden mit hübschen, neuen Tüchern zugedeckt. Morgen musste er das Ganze ernsthaft reinigen lassen. Da war es dann hell, jetzt war es am dunkel werden und daher romantisch, man sah vor allem nicht so genau. Als er zurück zu seinem Pult lief, hatte das Paar sich entschlossen, einen Tisch beim Empfang zu belegen – das war wohl gut, wenn seltsame Flugobjekte mit Scheinwerfern über dem Hof kreisten. Es war nicht zu erwarten, dass die beiden Freude damit hatten. Er würde die jugendliche Horde in den Hof verbannen zu ihren Flugobjekten... ENDE ERSTER TAG MORGEN Ezra war ganz früh beim Aufwachen eingefallen, dass er vergessen hatte, das Haus mit dem Baum zuzusperren. Er hatte aber keine Lust, im ersten Morgengrauen loszugehen, um das zu erledigen. Er tapste vorsichtig und noch wenig kompetent zum Wasserhahn. Seinen Schlafplatz hatte er in dem klein-winzigen Raum neben dem Empfang eingerichtet. Ein dunkles Gefühl von ständiger Bereitschaft trieb ihn dazu, sich nicht allzu weit von seiner Kontrollstation zu entfernen. Über dem Mini-Waschtisch hing ein verwitterter Spiegel. Aus dem blickte ihm ein blasses Gesicht mit schwarzen Punkten entgegen. Er wischte über die glänzende Fläche, aber die schwarzen Punkte blieben hinter dem Glas. Der Hahn hustete und würgte Wasser heraus. – Der Installateur musste heute sowieso nochmals kommen, - hatte er auch versprochen. Ezra besah sich, was da aus dem Hahn kam, und hatte den Eindruck, dass es nicht sauber war. Er zog sich daher Hose und Hemd an und ging in den Küchengang, um Mineralwasser zu holen. Alles war still und leer. Ein Totenhotel hatte seine Zombies noch nicht freigegeben… Oder kicherte da jemand? Er ging in die noch unbewohnte Küche und schaute vorsichtig aus dem Fenster. Eine graublaue Dämmerung wurde vor den Scheiben langsam heller. Nein, keine seltsamen Flugobjekte – doch nicht in der Früh. Aber vier Jugendliche versuchten gerade, vom Hof ins Haus zu kommen. Die Türen waren noch abgesperrt. Seine hilfreichen Geister kamen erst um halb 7 aus ihren Wohnstätten im Ort und hatten einen Schlüssel. Die Jugendlichen ließen es bei einem Versuch bewenden und verschwanden kichernd ums Eck. Nein, beschloss Ezra, er würde sie nicht hereinlassen. Die sollten schauen, wie sie`s schafften – tat ihnen gut, wenn nicht alles für sie funktionierte. Er nahm die Mineralwasserflasche mit und ging noch einmal schlafen – das hatte er nötig. Aus der Ferne hörte er Kichern von der Treppe im Haus. Irgendwie hatten sie es geschafft, ins Haus zu kommen… Eine Stunde später wachte er wieder auf. Es war gut, dass er angezogen war. Denn nun würde das „Hotel“ bald leben. Er glättete seine Haare und zog den Kragen gerade. Kein Geräusch. Da nahm er den Schlüssel, um zu dem anderen Gebäude zu gehen - absperren. Eine absolut notwendige Maßnahme, damit sich keiner in die dunklen Löcher verirrte. Vielleicht war auch noch der eine oder andere Sessel unter dem Haufen, den er liegen gesehen hatte… Als er die Türe aufmachte, lag dort etwas, was er am Vortag nicht gesehen hatte. Es war ziemlich groß – er hätte es sehen müssen, sogar beim Licht vom Handy. Es war ein Mensch. Da lag ein Mensch und aus seinem Rücken ragte eine dünne Stange – ein Pfeil. Er berührte ihn vorsichtig – fühlte sich an wie Metall. Das Gesicht konnte er nicht sehen. Aber es war ein Mann. Ihm war heiß und kalt gleichzeitig. Es war nicht die erste Leiche, die er in seinem Leben fand. - Seine seltsamen Jobs brachten immer wieder Probleme mit sich. Aber es stellte sich auch immer wieder in solchen Situationen die gleiche Frage: Wie sieht man, ob man die Rettung rufen muss oder ob das nicht mehr notwendig ist und man nur die Polizei verständigt? In Büchern fanden die immer ganz leicht heraus, ob da noch ein Pulsschlag war oder nicht. Er war nie sicher. Er versuchte, einen Puls zu fühlen. Die Hand fühlte sich kalt und teigig an. Der Hals auch. Vielleicht war der aber nur unterkühlt? Die Rettung konnte da nichts mehr ausrichten, oder doch? Er sperrte die Türe sorgfältig zu, lief ein Stück in den Wald und rief Wolfgang an. „Sei doch nicht so ungeduldig“, sagte die tiefe Stimme. „Ich bin schon auf der Strecke.“ „Ich habe hier einen Toten, ermordet mit einem Pfeil.“ Ezra sparte sich die Einleitungen – man kannte sich seit über 25 Jahren. „Gehört das zum Programm?“ Am anderen Ende war es still. „Ich muss zumindest die Rettung rufen. Vielleicht ist noch Leben in ihm.“ „Ja, musst du, anders geht es nicht. Ich bin in ein wenig mehr als einer Stunde bei dir.“ Wolfgang sagte das ganz ruhig, - kalt und ruhig. VORMITTAG Red Warhol war nicht mehr. Er hatte aufgehört, große Veranstaltungen zu steuern, ob politisch oder nicht politisch. Da musste es jemanden geben, dem es wichtig war, dass Red Warhol nicht mehr am Steuer saß. Warum? Wer? Und dann noch mit einem Pfeil. Das war so falsch… Ezra versuchte, sich zur Ordnung zu rufen: Er musste bei jedem seiner Gäste einzeln vorsprechen wegen des Todesfalles. Er fühlte sich fiebrig, unruhig und natürlich überfordert. Er wartete. Nach einiger Zeit kam die Rettung. Es war schließlich eine einsame Gegend. Dann kam die Polizei. Dann kam Wolfgang. Die Polizei hatte den Schlüssel übernommen. Wolfgang musste ein Gespräch führen, dann hatte er den Schlüssel. Ezra ging mit ihm. Wolfgang beugte sich über den Toten und betrachtete den Pfeil genau. „Du hast recht - ist Metall, eine ungewöhnlichen Legierung - besondere Anfertigung, sehr leicht – und sehr teuer. Nein, das war kein Spiel, das war absolut ernst.“ Ezra war verwirrt: „Bitte wer würde einen Pfeil verwenden, außer dem grünen Bogenschützen?“ „Einfach jemand, der keinen Lärm machen wollte und gut damit umgehen kann. Das gehört nicht ins Reich der Fantasie, da ist Planung am Werk. Überleg einmal, wenn du jemanden an einem belebten Ort aus dieser Welt entfernen möchtest. Wie würdest du das machen? Mitten unter Menschen erstechen? Natürlich gibt es extrem feine Klingen, die gehen in den Körper rein wie in Butter, aber trotzdem musst du Kraft aufwenden, du musst eine wuchtige Handbewegung machen. Die ist zu sehen. Manchmal geht der mit der Klinge im Körper dann noch eine Strecke, aber verlassen kannst du dich nicht darauf. Er kann dir auch gleich vor die Füße kippen. Und was sagst du dann? Habe mich nur gekratzt? Ein Präzessionsgewehr ist eine gute Sache. Da bist du so weit weg, dass du nach dem Schuss in Ruhe einpacken kannst und gehen, während alle zusammenlaufen, weil es gekracht hat. Bis die dich gefunden haben, bist du über alle Berge. Ist aber hier unmöglich. Wo sollte ein Scharfschütze Aufstellung nehmen? Wie sollte er jemanden bestimmten treffen mitten im Wald – ich sehe keinen Jagdstand und keine Möglichkeit. Bleibt vergiften – ist auch nicht so einfach…“ Ezra sah seinen Freund unsicher an. Der Arbeitsplatz hatte ihn verdorben – der war mit organisiertem Mord inzwischen auf Du und Du. Da setzte Wolfgang seine Überlegungen fort: „Und jetzt denke einmal, die Person hat einen kleinen Spezialbogen – die brauchen zwar viel Kraft, sind aber nur 70 cm lang, und diese besonderen Pfeile – extrem dünn, extrem scharf. Der kann gut damit umgehen, weiß genau, was zu tun ist... Aus einer Deckung heraus auf einige Meter in den Rücken – kein Laut. Das Opfer erkennt den Mörder nicht einmal, wenn es überlebt. Kommt jemand zufällig ums Eck, womit man an einem belebten Ort ja rechnen muss, so ist das kein Malheur. Der oder die sieht den Mann zusammenbrechen - allein. Niemand in der Nähe. Bis er oder sie erkennt, was da abgegangen ist, ist der Schütze im Gebüsch leise verschwunden, - wahrscheinlich ins Haus und bestellt unschuldig sein Bier. Er spannt den Bogen ab. Das Gerät ist so dünn und leicht, dass du es überall völlig unsichtbar im Gewand tragen kannst und unschuldig unter Menschen gehen, im Sommergewand, Minuten nach dem Mord. Es macht keinen Lärm, es schwirrt nur, kein Mensch nimmt im Haus solch ein Geräusch wahr – das hört nur vielleicht das Opfer.“ Wolfgang kniete sich hin und hob den Toten ein wenig an. Der schien inzwischen ziemlich steif. Er schaute unter den Körper. „Ja, habe ich mir gedacht. Wurde bald nach der Tat hier abgelegt. Erschossen dürfte er im Hof worden sein. Ich hatte schon das Gefühl, dass hier Schleifspuren sind, und das Blut ist verwischt. – Und das versteh ich nun überhaupt nicht.“ Wolfgang runzelte die Stirne und hockte neben dem Toten. „Warum das? Warum wurde er denn weggebracht? Das ist doch genau das Risiko, das vermieden werden sollte mit dem Pfeil. Zuerst wird alles genau geplant, sodass keine Nähe, keine Berührung mit dem Opfer stattfindet, alles auf Entfernung. Jemand will nicht in der Nähe des Opfers gesehen werden, was ja logisch ist. Und dann schleift er den Toten weg? Warum?“ VORMITTAG Ezra überließ es Wolfgang, mit den Behörden umzugehen, und begab sich zum Zimmer von Frau Dr. Dilmon. Er klopfte, bekam keine Antwort, klopfte energischer. Er konnte ihr in dieser Situation nicht gestatten, sich zu verkriechen. Schließlich öffnete sie sehr abweisend. Ezra fühlte sich zur Mitteilung verpflichtet, war aber auch neugierig auf ihre Reaktion. Wolfgang pflegte immer zu sagen: „Er ist neugierig wie ein Affe.“ „Ich muss Ihnen etwas Unangenehmes mitteilen: Red Warhol wurde heute Nacht ermordet“, stammelte er – es war doch nicht so leicht, solch extrem schwierige Dinge zu sagen - zu einer so unwilligen Person. Hortense Dilmon stand ganz starr, zuckte mit keiner Wimper. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Ganz ruhig, eine Hand auf der Türschnalle, hörte sie die Nachricht. Schließlich, nach einer langen, stummen Zeit ging sie zur Seite und bedeutete ihm, einzutreten. Das Zimmer wirkte unbewohnt. Nichts zeigte einen Mieter, kein Kleidungsstück, keine Taschen, keine Gegenstände irgendwelcher Art. Das Bett gemacht, die Tagesdecke glatt. Sie zeigte auf einen Sessel. „Was ist passiert?“, fragte sie still. „Er wurde erschossen, die Polizei ist im Haus. Die Rettung konnte nichts mehr ausrichten…“ Diese Mitteilung war sehr ungenau, oberflächlich, mit wenig Aussage. Das fand Ezra richtig. Er wusste aus anderen Erfahrungen, dass die Polizei Wert darauf legte, möglichst wenig Information nach draußen zu lassen. Wolfgangs „Firma“ hatte sicher die gleichen Regeln wie die Polizei. Ezra fühlte sich als Teil von Wolfgangs System. Es war schließlich sein Dienstgeber, somit seine Verpflichtung. Er beobachtete Hortense Dilmon genau, konnte aber noch immer keine Regung in ihrem Gesicht sehen. Ihre großen Augen blickten ins Leere. Kein Zittern, kein Ansatz von Tränen… „Wie erschossen?“, fragte sie nur. Jetzt musste er ein wenig Information ausgeben – das ging der Polizei sicher auch so, auch wenn sie nicht wollten: „Ein Pfeil. Muss ein Bogenschütze gewesen sein…“ Fast trotzig gab er das zu. Es war wieder eine Weile ganz still. „Seit wann wissen Sie das?“, fragte sie. „Ich habe ihn in der Früh gefunden, war nicht sicher, ob er tot ist, und habe die Rettung verständigt. Dann haben die Dinge ihren Lauf genommen…“ „Die Rettung konnte nichts mehr ausrichten“, stellte sie ruhig fest. Eine Weile war es wieder still und Ezra wollte sich gerade erheben, als die Frau sich entschlossen aufrichtete. Als ob sie sich aus einer Erstarrung befreien wollte, sich losreißen und neu beginnen… Dr. Dilmon holte frische Luft und sagte mit gepresster Stimme: „Haben Sie auch das seltsame Flugobjekt gestern gesehen?“ Ezra war aus dem Gleichgewicht, mit der Frage hatte er nicht gerechnet. Was sollte er für Erklärungen dazu geben? Was konnte er sagen? War das seine Verantwortung? Andrerseits, lügen war auch sinnlos. Wenn sie das Flugobjekt gesehen hatte, konnte das auch besprochen werden. „Ja, machte ein seltsames Geräusch“, antwortete er. Nach einer Weile fiel ihm ein zu fragen: „Wieso haben Sie das UFO getroffen?“ „Ich war rauchen und habe es gesehen und habe auch Sie gesehen - im Hof.“ Noch immer zeigte sich ihr Gesicht glatt und leer. Ezra wusste nicht, ob das eine Anschuldigung war, ob sie ihn herausfordern wollte? Oder war es ein Ausweichen, um aus Gefühlen zu fliehen, die der Tod von Red Warhol bei ihr aufgerufen hatte … Weg aus dem Trümmerhaufen? Er, Ezra - nachts im Hof mit Pfeil und Bogen? Was dachte die Frau von ihm? Was dachte sie überhaupt? Er erhob sich langsam und ging vorsichtig. VORMITTAG Als seine nächste Pflicht betrachtete er George Köhler. Auch er musste es erfahren. Auch dort war die Frage: Wie würde er auf den Tod von Red Warhol reagieren? Was hatte wohl in dem Brief gestanden, der Red Warhol so verärgert hatte? Der auf dem gelben, dicken Büttenpapier? Köhler öffnete in einem goldenen Seiden-Hausanzug mit großen dunklen Blumen und einem Halstuch. Ezra war geschockt. Wer geht mit einem elegant geschlungenen Halstuch schlafen? Köhler schaffte es dann wortlos, ihm eine Gnade zu erweisen, indem er die Türe freigab und ihn mit einer Handbewegung ins Zimmer einlud. „Es gab ein Problem“, eröffnete Ezra tapfer. Der Mann schenkte ihm einen kühlen, müden Blick. „Wir hatten einen Todesfall hier in der Nacht.“ Ezra war keineswegs sicher, wie erfahrene Hoteldirektoren solche Mitteilungen verpackten. Aber vielleicht wollte er sie gar nicht allzu sorgfältig verpacken. Vielleicht war direkt, unkompliziert und hart das Richtige. Was für ein Gesicht würde er von Köhler zu sehen bekommen? „Red Warhol ist erschossen worden“, sagte er daher, um die Reaktion zu sehen. Zuerst zeigte sich nichts auf dem Gesicht – der Kopf ging ein kleines Stück zurück. Der Mann zog die Luft scharf durch die Zähne, dann plötzlich großes Erstaunen. „Wo denn?“, fragte der Mann in Gold mit künstlich aufgerissenen Augen. Dass einer wissen wollte, wo, war erstaunlich, die meisten fragten eher, wie. Und was sollte Ezra antworten? Die Wahrheit war: wahrscheinlich im Hof und dann weggeräumt… Sollte er das sagen? War es richtig, so zu antworten? Er dachte kurz und fasste das Problem dann fest am Schopf, und ließ es im Dunkel: „Die Polizei ist noch vor Ort und untersucht den Fall“, sagte er tonlos – neutral und verschlossen. Das war wohl am besten. Der andere presste die Lippen zusammen, voll konzentriert – er hatte etwas zu klären. Ezra beobachtete nun ein hektisches Minenspiel. Schließlich stieß der Mann mit dem Halstuch Worte heraus: „Warhol und ich hatten früher unsere Probleme, aber bei diesem Projekt haben wir Frieden geschlossen, gemeinsam geht alles leichter“, tönte er. Ezra war sehr daran interessiert, was das für Probleme waren. Auch hatte er nicht gewusst, dass das vor Ort ein gemeinsames „Projekt“ war… So konnte er aber nicht danach fragen. Nein, so plump waren keine Antworten zu bekommen… Was für einen Kampf hatten die beiden wohl gefochten – sicher beruflich – zwei ganz verschiedene Männer waren aneinandergeraten. Worüber? Köhler war wohl auch Journalist? Denn Warhol hatte so gut wie nichts Anderes gemacht – Journalismus und große Aktionen, die oft weit in politische Systeme eingriffen. Eine Auseinandersetzung konnte wohl nur im Beruflichen abgegangen sein. Schauspieler und Journalist, war das möglich? Köhler sah mehr wie ein Schauspieler aus, aber Warhol hätte mit einem Schauspieler nur kurzfristig Berührung gehabt. Wenn die beiden mehr miteinander zu tun hatten, musste Köhler Journalist sein. Ezra wählte seine Worte sorgfältig. „Aufdeckungsjournalismus hat seine Klippen…“, keine Frage, eine Feststellung – einfach – leicht, ein Lächeln, intensives Betrachten des Schlüsselbundes. Ezra schlüpfte so in die Rolle des devoten Butlers, eines gefälligen aber sehr gut informierten Hotelportiers, des Dieners, der alle Hintergründe kennt, verständnisvoll und wissend… Das hoffte er, auszustrahlen, um etwas Neues zu erfahren, knapp hinter der Türe in George Köhlers Zimmer. Der gereizte Blick des goldenen Mannes traf ihn jetzt voll, gerade und hart. Der musste darauf eine Antwort geben, konnte diese Situation nicht ohne Erklärung auslaufen lassen. - Er stolperte ein wenig in den nächsten Satz hinein: „Es ist ja ganz normal, dass Journalisten sich gegenseitig genau beobachten. Einer muss wissen, wie der andere arbeitet. Man muss herausfinden, wo die Schweinereien versteckt sind. Anders gibt es keinen griffigen Journalismus.“ Es klang hektisch, laut und wie Rechtfertigung. Ezra hatte nicht wirklich eine Erleuchtung, aber er schien richtig geraten zu haben. Herr Köhler hatte Herrn Warhol bei irgendetwas erwischt. Irgendeine „Schweinerei“ war aufgedeckt worden. Oder hatte er ihn nicht erwischt und die Schweinerei erfunden? Welche? Hatte das einen Bezug zur augenblicklichen Situation, war diese „Schweinerei“ einen Mord wert? Herr Köhler machte nun die Türe auf – er wollte Ezra los sein. Und der ging. Er begab sich zu Zimmer 3, um seine Mitteilung anzubringen. Es dauerte ziemlich lange, bis die Türe aufging. Die Frau hatte perfekt geordnete Haare und eine Sonnenbrille auf. Ezra sagte seinen Satz und wartete auf Reaktion. Aber da kam nichts. Schließlich fragte er noch, ob er helfen könnte… „Nein“, sagte sie, und ihm blieb nichts übrig, als zu gehen. Dann kam er zu Zimmer 8. Sie machte auf. Hut hatte sie noch keinen auf. „Ich muss Ihnen sagen, wir haben einen Toten hier im Hotel“, das ging inzwischen ziemlich flüssig. „Oh“, sagte sie nach einer Weile nachdenklich, „das Ganze ist doch sehr ernst.“ Sie schaute versonnen auf den Stöckelschuh, den sie in der Hand hielt. Dann sagte sie über die Schulter: „Ich dachte nicht, dass es so ernst ist.“ Es klang wie ein kleiner Vorwurf. Dann sah sie Ezra mit ihren grünen Augen Hilfe suchend an: „Und was tun wir jetzt?“ „Die Polizei ist inzwischen im Haus und wird irgendwann bei Ihnen hier vorsprechen. Alles andere geht seinen gewohnten Gang. Soll ich Ihnen in diesem besonderen Fall etwas aufs Zimmer bringen?“ Das sei nicht notwendig, nein. Wieso ernst? Was war unerwartet ernst? Ezra versuchte, ein Muster zu erkennen. Ein Mord? Aber ja, der ist ernst. Wer erwartet schon einen Mord? Und wer findet ihn dann heiter? Er begab sich zu Zimmer 7 gegenüber. Der dunkle Mann öffnete nur ungern. Das war zu sehen. Seine Haltung drückte Widerwillen, Ablehnung aus. Sein schwarzes Buch hatte er in der Hand. Ob er es wohl beim Schlafen weglegte? Sicher nicht, der hatte das mit im Bett – wohl unter dem Kopfpolster. „Ich muss Ihnen sagen, dass wir Polizei im Haus haben“, eröffnete Ezra. Der Mann zog seine Brauen zynisch hoch: „Das kann doch wohl nicht sein.“ Er sagte das mit einem kleinen, überlegenen Lächeln. Was heißt, das kann nicht sein? Natürlich war das so nach einem Mord. „Wir haben einen Toten. Deshalb ist das notwendig.“ „Einen Toten?“ Der Mann war deutlich erschüttert und schwer erschrocken. „Das kann nicht sein.“ Für ihn war das unglaubwürdig bis unmöglich. „So etwas gab es hier noch nie – die sind nicht so.“ Während die anderen die Mitteilung eher stoisch aufgenommen hatten, gab es bei ihm echte Erschütterung. „Ich kann mir vorstellen, dass so etwas in einer so kleinen Gemeinde eher nicht vorkommt.“ Ezra versuchte das Gespräch weiter zu spinnen. „Sie sind einfach nicht so. Die Polizei ist auf dem Holzweg“, fast zornig wurde ihm das entgegengeschleudert. Dann krachte die Türe zu. Am Weg zu seinem Empfangspult überlegte Ezra, was das eben zu bedeuten hatte. War der Mann aus der Region und verteidigte seine Gemeinde? Aber so hatte es nicht wirklich geklungen. Wer war „einfach nicht so“? Mit einem Mord hätte der nicht gerechnet. Womit hatte der dann gerechnet? Ezra ging mit dieser Frage den langen Gang bei den Zimmern entlang und scannte im Vorbeilaufen kurz die Ecken – keine Spinnweben, keine Mäuse. Hatte er etwas übersehen? Eine große Vase mit Blumen überdeckte Risse in der Wand. Die hatte er erst am Vortag dort arrangiert – wegen der Risse. In seiner Hektik und dem Stress fragte er sich auch kurz, ob er gestern vielleicht einen Toten im Hof übersehen hatte. - Nein, sicher nicht. Der wäre sogar ihm aufgefallen. Wolfgang hatte vermutet, dass Warhol im Hof erschossen wurde. Er müsste also zuerst einmal im Hof gelegen haben. Wann war das Ganze wohl passiert? Er hatte jedenfalls gar nichts bemerkt. Wann hatte er denn im Hof zu tun gehabt? Ezra konnte sich einfach nicht erinnern, wann er dort war. Sein letztes Bild waren die Tische und Sesseln mit den Tischtüchern – die hatte er aber eigentlich nicht in den Hof gestellt. Er hatte sie zwar aus dem Haus geholt, wo er den Toten dann gefunden hatte, aber nicht in den Hof gebracht, sondern nur durchgetragen. Hatte da vielleicht etwas gelegen, was dort nicht hingehörte? Nein, sicher nicht. Er hatte alles in den Durchgang zum Parkplatz gestellt, weil dort die Türe neben dem Speiseraum ins Freie führte. Man konnte von dieser Stelle nicht wirklich in den Hof hineinsehen, weil die Hausecke den Blick verstellte. Seine Gedanken kreisten um den Toten und gleichzeitig schuldbewusst um alles, was er übersehen haben konnte und im Hintergrund arbeitete sein Organisator-Hirn und plante die To-do-Liste für den nächsten Tag. Die Zahnräder knirschten im Kopf. Er musste bei seinem Empfang vorbeischauen, ob inzwischen irgendwelche neuen Probleme auf seinem Pult lagen – natürlich unlösbar. Selbstverständlich - so war das in diesem Haus. Da kam ein Mädchen die Treppe hoch. Ein hübsches, blondes Ding. Eine von denen, die im ersten Morgengrauen draußen waren – warum auch immer – vielleicht Außerirdische betreuen oder Flugkörper parken…? Irgendwas in der Art. Sie lächelte ihn fröhlich an. Er würde dann gleich auch dem Lehrer Mitteilung von dem Toten machen, aber wahrscheinlich wusste der es schon. Jetzt fand Ezra es gut, wenn er ohne lange Umwege fragte: „Wie seid ihr denn in der Früh wieder reingekommen?“ „Oh“, sagte sie. Sie hatte eine attraktive Stimme, wie eine Jazzsängerin, fand Ezra. „Ich weiß, dass ihr draußen wart – und ihr hattet wohl keinen Schlüssel?“ „Mmmkrm.“ Sie war verlegen. Schließlich bekannte sie: „Das Fenster von der alten Speisekammer haben wir gestern aufgemacht, damit wir wieder rein konnten.“ Also Planung – hier war Logik am Werk. Himmel, die alte Speisekammer, die war einer von den Dunkelräumen, die noch keine Abklärung bekommen hatten – nur die Kühlkörper hatte er hineingestellt, - für Besucher absolut ungeeignet. Das Fenster war auch ziemlich schmal. Es war deutlich höher als breit. Das Bild tauchte vor Ezras Augen auf, er hätte große Mühe gehabt, dort durchzuklettern. Es ist erstaunlich, wie schlank sich so ein Jugendlicher machen kann, wenn er wo rein oder raus wollte. Wie eine Ratte. Sie lächelte wieder und musste dann lachen. Konnte er nach ihrem UFO fragen? Das verlangte vielleicht zu viel Beichte auf einmal... MITTAG Warhols Tod bewirkte, dass überall Polizei mit Equipment angerückt war. Sie liefen im Hof und im Haus und rund ums Gelände, suchten, maßen und hatten himmelblaue Schutzanzüge an. Zwei befragten Leute und Ezra musste den Betrieb aufrecht halten. Dabei war er unsicher und aufgewühlt: Wie konnte der Mensch so sang- und klanglos aus der Welt verschwinden? Gerade Warhol, der immer Getöse gemacht hatte, der sein Leben verbracht hatte, wo es am gewalttätigsten und am lautesten war, der verschwand so still von der Bildfläche? War es wirklich so, als ob es ihn nie gegeben hätte? Ezra bezweifelte das sehr. Er hatte das Gefühl, dass es ein mächtiges Nachspiel geben würde. Er horchte, ob er nicht schon fernen Lärm hören konnte, sich nähernde Gewitter. Ein Warhol, der still abtrat, war für Ezra einfach nicht vorstellbar. Vielleicht kam die wilde Jagd schon heran, um einen der ihren in richtiger Form abzuholen? Und ein paar andere mitzunehmen. Sein Magen in Aufruhr stand er in „seiner“ Halle und versuchte herauszufinden, was seine nächste absolut notwendige Aufgabe war. Wolfgang musste er so schnell wie möglich um Klärung bitten. Irgendwer von dessen „Firma“ hatte das Ganze schließlich organisiert – die Stimme am Telefon. Was hatte der genau organisiert? Hatte der einen Mord organisiert? Was sollte Ezra dabei für eine Rolle spielen? Was sollte er tun? Wenn die ihn engagiert hatten, um einen Mord möglich zu machen, einen Mord zu decken, was konnte er dagegen unternehmen? Ezras Hirn ratterte und seine Gedanken sprangen zwischen dem Mord und den Verpflichtungen seines Jobs hin und her: Im Dorf gab es ein Wirtshaus – er konnte anbieten, dass er Essen dort bestellte, wenn seine Damen das alles nicht bewältigen konnten mit der Polizei im Haus – das würde er telefonisch klären können. Er lief zu seinem Pult mit dem Tuch in der Hand. Er konnte auch Kuchen bestellen mit Aufpreis… und Getränke – nein, nicht notwendig, Getränke hatte er natürlich. Er hatte den Kaffee- und Teeautomaten noch immer neben seinem winzigen Waschbecken stehen, auf einem Regal ums Eck. Im Raum war kein Platz. Das elektrische Kabel führte an der Türe vorbei, sodass er sie nicht schließen konnte. Einen kleinen Schrank hatte er auf dem Haufen in dem „Mordhaus“ gefunden. Das war lange vor der Zeit, als Leute ihre Leichen dort versteckten – mindestens drei Tage vorher. Er hatte auch ein krummes Regal gefunden, darin war seine Wäsche in einer kleinen Ecke eingeschlichtet. Den großen Raum nahm ein neuer Satz Kaffee und Teegeschirr ein. Mit sehr teuren Servietten, die er gekauft hatte, versuchte er, das vorzutäuschen, was Leute wohl von einem Hotel erwarteten. Ezra servierte Kaffee und Tee in der Halle auf diese Art auf eleganten Tabletts. Wenn er mit dem Service auf der vornehmen Unterlage ums Eck kam, war der Anblick erstklassig, und hinter die Ecke durfte keiner blicken. Er schwebte mit seinen Tabletts hinter dem Naturholzpult hervor, das einen feinen Duft von Bienenwachs verströmte, und keiner bekam je die schwarzen Punkte im Spiegel zu sehen. So war das System. In der Empfangshalle – Ezra nannte den Raum inzwischen so – um sich selbst das Gefühl von Hotel, Eleganz und Größe zu geben – stand ein kleiner grauer Mann an seinem Pult. Ah, der fehlende Gast für das vorbestellte Zimmer 4 – sicher Geheimdienst. Wenn das ausnahmsweise einmal klar war, fragte er sich, ob diese Erkenntnis mehr oder weniger Stress mit sich brachte. Er sah einen seiner Arbeitgeber dort stehen, musste sich also beweisen. Er musste ihm aber nicht vormachen, dass hier ein erstklassiges Hotel seit Jahren seine Gäste verwöhnte. Das war auch schon Erleichterung. „Wie soll ich Sie eintragen?“, fragte er daher und schlug sein Gästebuch auf. Es war gut, dass dieses Buch so gebraucht aussah, so nach Antiquität. Das gab der Sache eine Aura von Tradition, von Geschichte und musste seinen Arbeitgeber beeindrucken. Der abgewetzte Einband aus echtem Leder zeigte doch, dass sich hier seit Jahrzehnten Gäste eintrugen. Oder? Der kleine graue Mann lächelte müde. „Schneider. Ich bin schon seit gestern im Umkreis hier, habe das Haus nicht gleich gefunden. Ist mein Zimmer bereit?“ Seltsam - wieso fand der den Ort seiner eigenen Organisation nicht? „Ja, das Zimmer wartet auf Sie. Was soll ich Ihnen bringen lassen?“, fragte Ezra beflissen. „Hätten Sie vielleicht Duschgel und Zahnpasta und Zahnbürste, ich konnte nicht richtig packen. Keine Zeit, war nicht bei mir zu Hause…“ Die ganze Aktion hatte den Geheimdienst überrollt, das war klar. Von höchster Stelle war man wenig vorbereitet gewesen und hatte sich dann überschlagen. Aus irgendeinem Grund hatte es keine Zeit gegeben, die Sache richtig, ordentlich und vernetzt zu organisieren. Warum? Es gab eine teilweise Planung, das war an den hilfreichen Damen zu sehen, aber nicht einmal die Herrschaften am Steuerruder hatten volle Macht über das Geschehen, - sie hatten nicht einmal Zahnbürsten. - Selbstverständlich würde er sich darum kümmern, dass der Herr Zahnpaste und Duschgel bekam. - Die von der Zentrale schienen also voll gestresst zu sein. Warum war das Ganze so schwierig geworden? Warum konnten die selbst nichts planen, nichts richtig einrichten? Der kleine graue Mann wurde von ihm auf das Zimmer gebracht und Ezra blickte sich darin um. Er fand, dass es eigentlich sehr hübsch aussah – Alte-Welt-Charme. Der Mann war aber viel zu erschöpft, um das richtig würdigen zu können. Ezra rief zu seinen Damen in die Küche, dass er kurz in den Ort fahren musste, für einen Gast etwas besorgen und sah, dass auch dort langsam Ordnung einzog. Man hatte beschlossen, die Wand weiß zu streichen. Das half, ein Bild von Reinlichkeit und Arbeitsraum zu erzeugen. Der Boden war noch immer uneben. Er hängte sein Schild an den Empfang und sprang ins Auto. NACHMITTAG Im Dorf gab es einen Drogeriemarkt oder etwas Ähnliches. Man konnte dort eine weite Auswahl an Kosmetik, Tischtüchern, Schuhbändern und Mottenfallen einkaufen und hatte einen Modus zwischen Selbstbedienung und Kundenbetreuung zur Verfügung. Der Chef stand an der Kasse, führte aber auch seine Kunden herum und beriet wie ein Museumswart, der seine kostbaren Sehenswürdigkeiten zur Schau stellte. Er war immer perfekt dunkel gekleidet mit wohlfrisierten silbergrauen Wellen am Kopf und sprach wie im Theater. Ezra hatte das Gefühl, dass der Laden recht gut funktionierte. Die Menschen kamen wohl von den umliegenden Dörfern und kauften dort gerne, was sie nicht selbst erzeugen konnten. Als er durch die Türe eilte, stand sein Pärchen aus dem Hotel dort. Die Dame hatte einen unglaublich schicken gelb-schwarzen Hut auf und gelbe hohe Stöckelschuhe an. Sie war nicht ganz schlank, sah aber absolut interessant aus. Nur – warum sie diese Ausstattung in einem Waldgasthof trug, war nicht klar. Der zugehörige Partner war wie immer unwillig, - sein Schnurrbart gesträubt und gereizt abstehend, sein Körper in enges straffes Grau gezwängt, stand er zwei Meter hinter ihr wie ein Wachhund. Ezra sah den Chef des Ladens herbeieilen. Er bremste sich elegant bei den beiden ein. Sie strahlte ihn an: „Wunderbar, dass sie uns helfen können. Ich weiß nicht, wo wir es finden.“ Sie sah den Ladeninhaber erwartungsvoll an. Der wusste nicht so genau, was gewünscht war, und wartete ab. Ezra bückte sich hinter einem Regal auf der Suche nach Duschgel und hatte überlegt, dass es vielleicht noch gut wäre, wenn er einige von den Handtüchern mitnehmen würde, zusätzlich. Natürlich hatte er schon einen Stoß besorgt, aber Handtücher konnte man nie genug haben… Da hörte er, wie sie sagte: „Naja, wir brauchen so ein Dingsda.“ Er lugte hinter der Ecke vor. Der Ladenbesitzer sah sich in der Rolle dessen, der auch ausgefallene Wünsche befriedigen könnte, wenn er nur wüsste welche. Seine Stirne zeigte es deutlich - er dachte angestrengt. Dann schien er eine Erleuchtung zu haben. „Selbstverständlich können wir auch damit dienen“, versicherte er. „Die sind nur in den hinteren Regalen – sie würden die nicht finden.“ Sie lächelte glücklich. Er verschwand und kehrte mit einer Reihe blau-schwarzer Packungen zurück. Aus eigener Erfahrung wusste Ezra, dass es Präservative waren. So wie er sein Pärchen kennengelernt hatte, war er nicht sicher, dass die gemeint gewesen waren. Die Dame schaute die Packungen auch zweifelnd an. „Sind die nicht ein bisschen kurz? So kurze hab ich noch nie gesehen.“ Nach einigem Nachdenken fragte sie: „Und wie viele sind denn da drin?“ „Drei Stück pro Packung.“ Der Besitzer des Ladens war stolz auf sein Angebot. Ihre natürliche Freundlichkeit verbot ihr, das Angebot schlecht zu machen, aber der Zweifel war deutlich. Eine Pattstellung war die Folge – eine Denkpause. Da sagte ihr Begleiter grimmig in die Stille „Zahnstocher“ – nur das eine Wort. Es schaffte Klarheit. Seine Stimme war sehr kratzig und ziemlich hoch, gepresst klang es unter dem Schnurrbart vor. Ezra hatte ein schlechtes Gewissen – er hatte tatsächlich vergessen, Zahnstocher zu besorgen. Während sich das in Nähe der Kassa abspielte, suchte Ezra die Zahnbürsten. Da sagte die hohe Männerstimme des gereizten Begleiters: „Die da haben wir beim Militär verwendet. Es ist eine Schande, dass man die jetzt in jedem Laden kaufen kann.“ Warum das eine Schande sein sollte? Der Mann schien der Meinung, dass es speziell zur Heeresausstattung gehörte und dort allein seinen Zweck zu erfüllen hatte. Aber eins war nun sicher – er kam vom Militär. War er doch dienstlich hier? Und sie Camouflage? Ezra kaufte noch ein Geschenksäckchen, hübsch mit rosa Blumen und Silberflitter – es gab keine anderen – um die Zahnbürste und die anderen Notwendigkeiten hineinzutun. Das Pärchen ging. Der Ladeninhaber zählte sorgfältig das Rückgeld aus der Kassa. „Haben Sie den neuen Kreis schon gesehen?“, fragte er nebenbei. Ezra hatte keine Ahnung, um was es sich handeln könnte. Die Frage klang so selbstverständlich, als ob er es wissen müsste. „Oh, der Kreis“, sagte er daher und ließ alles offen. Der Mann an der Kassa blickte verwundert auf. Schließlich meinte er: „Ich dachte, das alte Hotel ist deshalb wieder aufgemacht worden…“ „Weshalb?“ „Nun ja, wegen der Kreise…“ Stille. Ezra sah ihn erstaunt an. Kreise? Kreise, was verband er mit dem Begriff „Kreise“? Es war wohl nicht gelungen, die Unwissenheit zu verbergen. Der Ladenbesitzer erklärte schließlich: „Wir haben bunte Steinkreise hier, die nachts einfach entstehen. Ich dachte, ihr habt das Hotel adaptiert für den Alien-Tourismus.“ Ezra dachte fieberhaft. Hier war also ein Alien-Ressort. Auf die Idee wäre er nie gekommen, obwohl die Luftfahrzeuge durch seinen Hof schwirrten. Waren doch nicht die Jugendlichen mit ferngesteuerten Untertassen unterwegs? Ein Landeplatz für die aus der anderen Welt. Das war neu, aber anregend. Wäre es nicht eine gute Taktik, die Aliens und ihre Raumschiffe richtig einzusetzen? War das nicht eine Möglichkeit, das Hotel zu einem echten Hotel werden zu lassen? Auf diese Art verwunderte die Improvisation niemanden. Er würde ein Alienprogramm entwickeln und an der „Hotel-Rezeption“ bereithalten. Das eröffnete ungeahnte Möglichkeiten… Dann eilte er im Laufschritt wieder zu seinem Auto. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/sanne-prag/kein-sommernachtstraum/) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.