Abstufung dreier Nuancen von Grau
Kristiane Kondrat


&quot;Eine junge Frau befindet sich auf der Flucht, fühlt sich verfolgt und in die Enge getrieben. Überall stößt sie auf Menschen, die sie scheinbar bedrohen und ihr Angst machen. Doch allmählich kann sie dieser Angst Grenzen setzen und sich letztlich sogar davon befreien. Diese Geschichte einer Traumatisierung und ihrer Überwindung erzählt die Autorin vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebenserfahrung während der kommunistischen Diktatur in Rumänien.

Kristiane Kondrats Roman überzeugt durch seine poetischen und surrealen Bilder, die außergewöhnlich dichte Sprache mit Wortschöpfungen. Sie findet Ausdrucksmöglichkeiten für Erfahrungen, für die es sonst kaum Sprache gibt: für panische Angst, für das Verschwimmen äußerer und innerer Wirklichkeit.

»Die Zeit- und Haltlosigkeit, von der dieser Roman sich nährt und die er vermittelt, aber auch die sich selbst nicht in den Mittelpunkt stellende, poetische Stilistik des Textes machen ihn zu einem zeitlosen Roman«, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Christina Rossi in ihrem Nachwort.

&quot;







© 2022 danube books Verlag e. K., Ulm

Umschlaggestaltung Hans Karl Zeisel, Korb bei Stuttgart

Verlag danube books Verlag e. K., Ulm

ISBN 978-3-946046-32-5

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Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.




Inhalt


Kapitel 1 (#u32e23205-b63e-5013-8f8a-ea6fa95c7534)

Kapitel 2 (#u90369394-72e1-546d-b3b9-40156494ec6c)

Kapitel 3 (#u5dfa5686-6177-5bb8-aeaa-65aa92e9985c)

Kapitel 4 (#u45cf7653-9570-57e7-a90f-83bbb9a37a3d)

Kapitel 5 (#u5d0104b1-1d18-5dff-bda3-198b725c8ea7)

Kapitel 6 (#ue6a6a0e1-5828-58b2-b1fb-acb07ab53698)

Kapitel 7 (#u532a0a92-0968-573a-a93f-9ecfcd402bc8)

Kapitel 8 (#u1c523d41-7ee8-581f-b388-841d3534aee8)

Kapitel 9 (#uaa5159bc-bb62-5eb1-aff4-9337d644e387)

Kapitel 10 (#u0d58a43a-0c5a-5604-a1a4-f4f7f19b5a43)

Kapitel 11 (#u1da52227-094e-5c57-b04d-8b0efeee1f5d)

Kapitel 12 (#u5efaf0c2-f360-51a9-8c6b-c3e8a14715e5)

Kapitel 13 (#ucdd55368-3853-501c-8d06-be0247d1602f)

Kapitel 14 (#u689d1c13-bff1-5864-bb23-5a423b1d8cbf)

Kapitel 15 (#u660d091c-11dd-58c0-af02-34cb91726e49)

Kapitel 16 (#ua4484e55-11f9-5bf7-95f5-4f194d05b45b)

Kapitel 17 (#u1c5b03c4-ab09-5122-abea-f7a4066910e7)

Kapitel 18 (#u7020342d-4529-5eb7-b472-06ca52f61ff1)

Kapitel 19 (#uc8ed5062-9b1b-500f-9ea9-769caec2d083)

Kapitel 20 (#ua3a404d3-d7d1-55cc-86cd-3629fbcb6f3c)

Kapitel 21 (#u9959333d-b60a-53be-b1de-c5b21e6be203)

Kapitel 22 (#u99cbe417-1eee-5c0c-94ee-b10b04171f52)

Kapitel 23 (#u09cea6f0-e39f-5419-9240-de518d738a54)

Kapitel 24 (#u19488076-9957-5a45-bc61-ef1427a82f58)

Kapitel 25 (#u94311a0d-0d87-56e7-b655-84f9fdcaf046)

Kapitel 26 (#u28d6ba40-fae5-5b48-988f-ce8acd74bdd5)

Kapitel 27 (#ue959de24-e6df-5915-a3ec-0eaa4a412325)

Kapitel 28 (#ud6383c1c-e1a2-5384-b95e-122b6bba5dba)

Kapitel 29 (#u723d1f25-f970-5bac-802c-344fd8de82ce)

Kapitel 30 (#udae87ec9-d23a-580c-b5c7-469a7afd7947)

Nachwort (#uda3c676b-5c9e-50d4-a656-fa1df18cc3c0)


Weiß ohne Schatten und Weiß mit schmutzigweißen Schatten. Und Weiß auf Weiß, hochgetürmt, blendend. Wenn der Himmel verhangen war, brach das Weiß des Schnees durch und erhellte Hof und Garten, leuchtete hinter dem Zaun im Nachbargarten und in der anderen Straße.

Ich wartete immer lange, bis der Schnee ganz hoch war. Er rundete alle Kanten ab, den Dachfirst, die Zaunpfähle und die Spitzen der Heuschober auf dem Anwesen des Bauern in der Nachbarschaft. Mein Vater nahm die ganz große Leiter, stellte sie ans Hausdach, wanderte mit ihr rund ums Haus und schlug mit einer langen Stange den Schnee vom Dach. Auch vom Holzschuppen, von der Waschküche und dem Gänsestall. Die Dächer wurden entzaubert. Ich hatte lange warten müssen, bis alles flaumig und rund war, er aber schlug den Schnee vom Dach. Der Dachschnee fiel ab, klatschte dumpf auf und grub tiefe Löcher mit zerfransten Rändern in den Schnee, der im Hof lag.

Im Garten blieb der Schnee lange heil und unberührt: Es war kein Weg mehr zu sehen. Ich stapfte durch und warf mich dann auf die flaumige, an der Oberfläche glitzernde Decke, die vor mir lag. Sie sank ein, und ich sank mit, immer tiefer, es knirschte unter meinem Gewicht, wenn sich die lockeren Schneekristalle ineinanderdrückten und zerbrachen. Ich warf mich wieder und wieder in den über den Beeten abgerundeten Schnee und wälzte mich darin. Die Beete im Garten sahen aus wie Gräber in einem verschneiten Friedhof. Ich ließ mich immer wieder in die Daunenbetten der verschneiten Gräber fallen, mit einer Leidenschaftlichkeit, die ich später nie wieder aufgebracht habe. Dann baute ich den Weg durch den Garten neu, genau da, wo er vorher gewesen war, bevor der Schnee kam.

Jetzt liege ich unter einer weißen Decke, die mir bis zum Kinn reicht. Die Wände sind von einem anderen, nicht kristallinen Weiß, genauso andersweiß ist die Zimmerdecke. Ein anderes Weiß als der unberührte Schnee in jenem Garten, als jenes Mädchen, das mir inzwischen fremd geworden ist, sich in die Beete geworfen hatte, die aussahen wie verschneite Gräber. Dieses Weiß der Zimmerdecke kenne ich auch, das Zugedecktsein bis zum Kinn. Ich habe schon einmal hier gelegen. Damals war ich freiwillig hierhergekommen. Nach meiner Ankunft hängte ich mein Straßenkleid auf einen Bügel und den Bügel mit dem leblos hängenden Kleid in den Schrank. Nahm einen zweiten Bügel für die Jacke, überlegte es mir dann anders, hängte den leeren Bügel wieder in den Schrank und die Jacke über das leblos hängende Kleid. Die steife Jacke konnte die Leblosigkeit des Kleids jedoch weder verbergen noch mildern, und beide zusammen wirkten auf dem Bügel im Kleiderschrank furchtbar resigniert und verbittert. Der Schrank war auch weiß, wie fast alles in jenem Zimmer, man hätte ihn leicht übersehen können. Er verschluckte noch hintereinander meine Schuhe, die Handtasche und die Reisetasche.

Hier gibt es bestimmt auch einen weißen Schrank, ich müsste nur den Kopf ein bisschen nach links drehen, rechts ist die Fensterfront, daher kommt das Licht, das mir heute morgen ins Gesicht gesprungen ist. Ich kann jetzt meinen Kopf so weit drehen, dass ich die Fenster sehe, die Hausdächer jenseits der Fensterscheiben und hinter den roten, schiefen, regenfeuchten dichtgedrängten Hausdächern frische, saubergewaschene Baumkronen. Es muss lange geregnet haben, wie lange, kann ich nicht beurteilen. Draußen ist alles flüssig, in den drei Fensterrahmen zerrinnen die Bilder des Hausdächer- und Baumkronen-Triptychons, die ich mir so mühsam, durch schmerzhaftes Kopfdrehen, erkämpft hatte. Sobald sie für meine Blicke erreichbar geworden sind, beginnen sie sich schon aufzulösen und werden weggeschwemmt. Ich schaue trotzdem immer wieder hin, um die weiße Zimmerdecke, die mich von oben bedroht, zu verscheuchen. Hier ist alles gewollt weiß, es gibt sich Mühe, weiß zu sein. Nur der Fußboden bleibt grau, obwohl er morgens nach dem Aufwaschen wie Glatteis glänzt. Auch die Schwestern – ich weiß nicht, warum man sie so nennt, ich fühle mich ihnen nicht verwandt – streben das Weiß an, ohne es jedoch ganz zu erreichen. Schwestern: Ich weise jeden Gedanken einer möglichen Verwandtschaft entschieden zurück. Die keinesfalls mir verwandten Schwestern können das absolute Weiß nicht erreichen. Ich würde sie draußen auf der Straße nicht wiedererkennen, wiedererkenne sie nur hier, wo sie in diesen Wunsch nach Weißsein eingepackt sind.

Das vorige Mal, als ich freiwillig hierhergekommen war, lag links von mir eine späte Studentin, Mitte Dreißig, die mit blutigem Ernst ihre heiligen Kühe auf der weißen Bettdecke weidete. Die Kühe waren von dem gleichen gräulichen Weiß der Bettdecke. Diese sich stets ereifernde Frau, die keine Ruhe finden konnte, da sich ihre Gedanken ständig im Kreis drehten und ein Wort das andere verfolgte, ohne es jemals zu erreichen, verfügte über so viel Humor wie ein von der Wichtigkeit seines Tuns überzeugter osteuropäischer Parteifunktionär mitten im Kalten Krieg. Parolen, von denen ich dachte für immer befreit zu sein, pfiffen wie Gewehrkugeln an meinem linken Ohr vorbei und schlugen an die rechte Wand, die sie wiederum zurückschlug an die linke Wand, die sie auch nicht haben wollte, so dass die alten Sprüche wie ein wiederholt verirrtes Echo auf den Kunststoffboden in der Mitte des Zimmers mit Krach aufschlugen und sperrig dalagen, so lange, bis die Putzfrau kam und sie beseitigte. Einmal war eine der Schwestern darüber gestolpert, hatte Mühe, ihr Gleichgewicht wiederzufinden, und stand da wie eine beleidigte Lehrerin, die die Schüler mit Kreide beworfen hatten, fragte laut und spitz, wer es gewesen sei. Niemand wollte es gewesen sein. Ich weiß nicht, wie die Studentin aussah, ich hatte ihr Gesicht nie wahrgenommen, nur ihre Stimme ist mir, wie eine Narbe, im Gedächtnis geblieben. Und wenn sie nicht immer wieder ihr Alter ins Gespräch gebracht hätte, so als müsse sie ständig beweisen, dass es ihr nichts ausmachte, so spät noch Erstsemester zu sein, hätte ich diese Verspätung gar nicht wahrgenommen oder sie als etwas Selbstverständliches betrachtet.

Mit hartnäckiger Neugier und Zudringlichkeit versuchte sie immer wieder bei den bis zum Kinn unter weißen Decken Liegenden Weltanschauungen festzustellen, ihnen Bekenntnisse zu entlocken. Schräg gegenüber lag eine junge Dolmetscherin, die mit ihrem Familienalbum beschäftigt war. Sie lag in ihrem dunkelbraunen Haar, das das ganze Kissen bedeckte, die ganze Zeit so, als hätte sie sich nach einer schweren Anstrengung gerade fallenlassen, und ordnete tagein, tagaus die Fotos ihrer beiden Kleinkinder chronologisch ein, reagierte kaum auf die interrogativen Attacken der Studentin, weshalb jene auch das Interesse an ihr verlor und sie in Ruhe ließ. Neben der Dolmetscherin, genau mir gegenüber, lag eine ältere, stets Boulevardzeitung lesende Schreibwarenladenbesitzerin aus der Innenstadt. Sie schaute ab und zu von ihrer Zeitung auf und warf schmale grüne Blicke aus einem braungefalteten Gesicht. Jedesmal, wenn sie in der Zeitung einen Artikel über hohe Prozentsätze an Ausländerkriminalität entdeckte, kreiste sie die Schlagzeile mit einem Kugelschreiber mehrere Male dick ein, hob die Zeitung hoch und zeigte sie meiner Bettnachbarin zur Rechten, einer jungen Türkin.

Die junge Türkin, ein etwa achtzehn- oder neunzehnjähriges Mädchen, blass und dunkeläugig, war kurz nach meiner freiwilligen Ankunft aus einem anderen Zimmer mit dem Bett hereingefahren worden. Sie blieb länger als alle anderen bereits hier Anwesenden. Eine ganze Woche lagen wir zu zweit in einem halbleeren Zimmer einen Teil unserer Zeit ab, bis neue Patientinnen hinzukamen.

Einige Tage lag zu meiner Linken, an der Stelle der späten Studentin, die entlassen worden war, eine Frau undefinierbaren Alters, deren Ehemann jeden Tag Unmengen von Süßigkeiten und Kuchen anschleppte, die die undefinierbare Frau, ohne mit der Wimper zu zucken, verputzte. Sie wolle ihren Mann nicht kränken, sagte sie, er würde am nächsten Tag mit neuen Süßwaren anrücken und dürfe nichts mehr vom Vortag vorfinden.

Als die späte Studentin aber noch auf ihrem Platz gelegen hatte und stets auf der Suche war nach dem Klassenfeind und nach Gesinnungsgenossinnen, verharrte ich stundenlang, das linke Ohr fest ans Kissen gedrückt, die krankenhausweiße Decke über das rechte gezogen. Oder ich lag mit geschlossenen Augen da und war somit nicht ansprechbar. Die Worte der Studentin klangen so, als müsse sie sich ständig rechtfertigen und gleichzeitig vergewissern, dass sie auf dem richtigen Weg war, wo immer er auch hinführen sollte.

Sooft jemand bereit war, ihr zuzuhören, wusste sie etwas von sich zu erzählen. Im Gegenzug erwartete sie Bekenntnisse und wollte Meinungen hören, aber nur solche, denen sie zustimmen konnte, andere akzeptierte sie nicht.

Mit Staunen musste ich feststellen, wie die Besitzerin des Schreibwarenladens aus der Innenstadt auf das Werben der Studentin einging, wie willig sie ihr entgegenkam, wie sich die beiden, zwar nicht in der Mitte, jedoch in ihren Gemeinsamkeiten, trafen und einen geheimen Bund schlossen, wie sie das ganze Krankenzimmer unter ihren Einfluss bringen konnten. Es schien so, als wollten sie Herrschaft ausüben und zwischen diesen vier weißen Wänden keine andere Meinung gelten lassen als die, mit der beide einverstanden waren: Es entstand eine Art Krankenzimmerdiktatur, ausgeübt von einer Koalition der Extreme.

Da ich meine Abneigung beiden gegenüber nicht verbergen konnte, hatte ich einen schweren Stand. Erst als sich die beiden Koalitionspartner gefunden hatten und mit angeregten Zwiegesprächen und dem gegenseitigen Beschnüffeln intensiv beschäftigt waren, gab es eine Pause der Entspannung, die jedoch nicht von langer Dauer war, da sich die beiden nicht weiter mit sich begnügen wollten, sondern eine Expansion anstrebten.

Es kamen mir die abgestandenen Vorurteile hassentbrannter Gartenzwerge frontal entgegen und von links die strapazierten Floskeln, die die Hausfassaden im Reich der lebenden Toten trugen, die die Menschen mit den traurigen Gesichtern auswendig lernen und täglich wiederholen mussten, die wie verknöcherte starre Äste krächzten, die keine Triebe mehr schlagen, die der Wind nicht mehr wiegen kann. Es klang possenhaft und aufgesetzt, was die verspätete Lenin-Anhängerin von sich gab, sie schien aber von ihren Losungen und Spruchbändern überzeugt zu sein. Alle heiligen Kühe, an die keiner mehr glaubte, ließ sie los, halbverhungerte Tiere zitierte sie auf die Krankenhausdecke. Während sie ideologische Kuharbeit leistete, suchte die Papierwarenhändlerin ihrerseits nach schlagkräftigen Beweisen für ihre winkeligen, unbeleuchteten Gedankengänge. Ein- oder zweimal am Tag richtete sie sich auf und hielt uns und der ganzen Welt die Boulevardzeitung mit einer eingekreisten Schlagzeile wie einen letzten Trumpf entgegen, ein nicht widerlegbares, endgültiges, unumstößliches Argument, das beweisen sollte, dass sie im Recht, dass ihre Meinung, nun gedruckt, bestätigt sei. Sie litt unter der Angst, es werde bald eine Hungersnot ausbrechen, wenn weiterhin Menschen von außen ins Land kämen, und schlug immer wieder mit fettgedruckten, balkengroßen Schlagzeilen auf all jene ein, die dies bezweifelten.

Die beiden Frauen kamen sehr gut miteinander aus, man hätte fast von einem Harmonieren sprechen können, wenn ihre Gemeinsamkeiten nicht von so kriegerischer Natur gewesen wären. Sie waren beide aus verwandten Eislandschaften gekommen. Hier in diesem Zimmer hatten sie sich getroffen und ihre Zusammengehörigkeit erkannt. Als sie kurz hintereinander entlassen wurden, atmete ich auf. Die Süßigkeiten verschlingende Frau kam und ging wieder, und eines Tages wurde auch die junge Türkin mit ihrem Bett aus dem Zimmer gerollt. Den leeren Platz füllte man mit einem frischbezogenen Bett aus, in das am gleichen Nachmittag eine neue Patientin unter die weiße Bettdecke kam.

Die neue Patientin, eine schmale, filigrane Person mit kurzgeschnittenem, dunkelblondem Haar, war Operationsschwester von Beruf und kannte sich im Krankenhausbetrieb sehr gut aus. Sie fand auch heraus, was mit der jungen Türkin geschehen war: Das Mädchen habe die vergangene Nacht in einem kleinen Zimmer am Ende des Flurs verbracht und die ganze Zeit geschrien, erzählte die Operationsschwester, die nun Patientin war. Man müsse immer Bares bei sich haben, um die Nachtschwester davon zu überzeugen, dass man ein Schmerzmittel brauchte, das türkische Mädchen habe das nicht gewusst, vielleicht hatte es gedacht, dass es sich hier nicht gehörte, sagte meine nun einzige Bettnachbarin. Ich bin aber immer noch fest davon überzeugt, dass die junge Türkin bei einem Bestechungsversuch sehr empört und unsanft zurechtgewiesen worden wäre: Im gleichen kantigen Ton, in dem ihr die weißen Schwestern jeden Tag geantwortet hatten, wenn sie sich traute, etwas zu fragen. Waren die krankenhausweißen, uns nicht verwandten Schwestern aber milde gestimmt, so war ihr Ton nur herablassend und nicht schroff: Das verängstigte Mädchen war dankbar dafür.

Später erfuhren wir noch, dass man sehr wohl auf die Schreie des Mädchens reagiert habe: Die Nachtschwester sei einige Male in ihr Zimmer gerannt und habe geschimpft: Sie solle doch nicht so brüllen, sie erschrecke ja die anderen Patientinnen, das könne sie zu Hause in ihrer Heimat tun, so laut zu schreien, aber nicht hier. Die Nachtschwester sei sehr stolz darauf gewesen, so entschieden für Ruhe gesorgt zu haben. Man habe die Türkin schließlich entlassen, berichtete abschließend die Operationsschwester, die Zugang hatte zu Stellen, wo man über vieles, aber nicht über alles Bescheid wusste.

Diesmal bin ich nicht freiwillig hierhergekommen. Damals aber war es, so unglaubwürdig es auch klingen mag, freiwillig gewesen. Als ich endlich gehen durfte, das große Holztor hinter mir geschlossen hatte und auf der Straße stand, mitten auf der lebhaften Straße mit den vielen Läden, den vielen Leuten, die mir entgegenkamen, und jenen, die mich überholten, an mir vorbeigingen, als ich dastand und frei war zu gehen, wohin ich wollte, schüttelte ich mit einer heftigen Kopfbewegung den Krankenhausgeruch ab, den letzten Hauch von Desinfektionsmitteln, der in meinem Haar hängengeblieben war. Mit einem Kopfschütteln war alles weg, und ich habe seitdem nie wieder daran gedacht.

Jetzt liege ich wieder da, in einem Bett unter der weißen Zimmerdecke. Damals schon hatte mich die Vorstellung erschreckt, irgendwann wieder hier in diesem Zimmer liegen zu müssen, dass es irgendwann soweit sein könnte, dass ich hier ankomme wie der Läufer im Ziel. Rechts die Fensterfront, Ausflucht meiner Blicke, Landschaft, die in einem weißen Rahmen verschwimmt und untergeht, wenn es dunkel wird. Die schlimmste Krankenhauszeit, wenn es draußen dunkel wird. Im Zimmer wird das kranke gelbliche Licht angeknipst, ein unendlicher Abend beginnt, der keine richtige Nacht werden will, sich dagegen sträubt, in die Nacht überzugehen.

Ich kann jetzt meinen Kopf wieder nach beiden Seiten drehen, wage es aber nicht, mich im Zimmer umzuschauen, die Betten neben mir zu erforschen, fürchte, dass links von mir die späte Studentin sich mir zuwenden könnte mit einem forschenden Blick und einem ideologieschweren, heftigen Schwall von Fragen. Sie könnte jetzt, wie ich da so wehrlos liege, mir alle schmutzigen Kühe Indiens an den Kopf werfen, wenn sie wollte. Mir gegenüber könnte sich die alte Papierwarenhändlerin in ihrem Bett aufrichten, die heutige Ausgabe der Boulevardzeitung hochhalten und mir eine mit Kugelschreiber dick eingekreiste Schlagzeile entgegenstrecken. Sie könnte die Zeitung mit den Fingerspitzen an zwei Enden hochhalten, sie nach links und nach rechts schwenken und sie jedem zeigen, der sie sehen will, und auch jenen, die sie nicht sehen wollen, sie als letzten Trumpf einsetzen, jubilieren, als schlagenden Beweis zeigen, schwarz auf weiß, nicht zu widerlegen, triumphierend, Hammerschlag, Punkt.

Ich weiß nicht, ob jene Frauen wieder hier im Zimmer liegen, es ist ein Vorteil für mich, dass mein Nacken noch etwas steif ist, ich sie nicht sehen und wahrnehmen muss. Ich fürchte, dieselben Stimmen zu hören – und befehle meinen Ohren, ihre Tätigkeit vorläufig einzustellen. Sie folgen meinem Befehl nur halbherzig, ich höre ständig ein Murmeln durch den Raum schwirren, es kommt von unten, hebt sich bis knapp unter die weiße Zimmerdecke, schlägt immer wieder an die Decke, bis es sich Wunden holt. Ich schiele so lange zum Fenster, bis es ganz flüssig und dunkel ist. Es sind selbständige Stimmen ohne Besitzer, die noch vereinzelt als Sprechblasen zur Decke steigen.


Heute hat mir eine jener weißuniformierten Frauen geholfen, mich im Bett aufzurichten, was mir sehr peinlich war, auch deshalb, weil ich mich so ungeschickt angestellt habe. Sie ist sehr in Eile gewesen, es ist ihr viel zu langsam gegangen, ich muss ihr recht geben, es ist furchtbar langsam gewesen, ich habe mich kaum bewegen können und ihre Geduld über die Maßen strapaziert, worüber sie schließlich sehr ärgerlich geworden ist, und das mit Recht. Ich habe keinen guten Willen gehabt. Sie hat mich aufgefordert, guten Willen zu zeigen, ich habe es immer wieder versucht, meinen ganzen Willen zu mobilisieren, der Wille aber hat nicht gewollt, wie ich es gewollt habe und wie es die mit mir nicht verwandte Schwester gewollt hat. Jedesmal, wenn ich versucht habe, guten Willen zu zeigen, hat es verdammt weh getan. Ich weiß, dass mich die Schwester für einen Feigling hält, und kann nichts daran ändern, habe aber erleichtert festgestellt, dass weder die späte Studentin noch die Papierwarenhändlerin aus der Innenstadt hier sind, es sind ganz andere Patientinnen.

Die Unbekannte mir gegenüber will gleich wissen, wie es war und warum und ob der Arzt und wenn ja, wie er geschnitten habe. Ich täusche Müdigkeit vor und schließe die Augen. Sie wird mir ihre Fragen noch zweimal zuwerfen und sich, da ich die Bälle nicht aufgefangen habe, von mir abwenden, was mir sehr angenehm ist. Die Frau links von mir aber will immer wieder wissen, wie es zu dem Unfall gekommen sei. Sie versucht auf verschiedene Weise, es aus mir herauszubekommen. Vergeblich. Übrigens weiß ich es selbst nicht. Ich weiß von diesem Tag gar nichts mehr, erinnere mich nur an die Tage davor, an alle Tage davor, nur an diesen einen, den es dennoch gegeben haben muss, nicht mehr.

An der Wand gegenüber hängt ein Gekreuzigter, der tödlich Gefolterte, der an allen weißen Krankenzimmerwänden hängt. Bei meinen Kirchenbesuchen als Kind hatte ich es nie so richtig wahrgenommen, dass der Mann, der am Kreuz hängt, furchtbar leidet, ein Kruzifix war für mich zu heilig, um in ihm die Darstellung eines schmerzlichen, langsamen Sterbeprozesses zu sehen, es war kein Mensch, der da an Händen und Füßen angenagelt hing, es war das Göttliche schlechthin, Gesichtszüge und Wunden des Mannes waren nur Symbole, standen für etwas anderes, etwas, das man auswendig lernen und abends vor dem Einschlafen aufsagen musste, im Bett auf den Knien halblaut vor sich hinflüsternd, den Kopf nach oben gewandt. Dahin, wo er sein müsste, der in Dunst, Wolken und Licht wohnende alte Mann mit dem unendlich langen weißen Bart, der, selbst unsichtbar, auf einem unsichtbaren Stuhl mit hoher unsichtbarer Lehne auf einer sichtbaren Wolke thronte. Er hatte gütige blaue Augen und war in einen blauen Mantel gehüllt. Es könnte jede Wolke gewesen sein, die ich tagsüber am Himmel sah, ich wusste aber nie, welche es war.

An kalten Winterabenden zog ich mir im Knien die Decke über die Schulter, wenn ich betete. Nach den auswendig gelernten Sprüchen, die ich schnell ableierte, kam ich zu meinen ganz persönlichen Anliegen an den unsichtbaren alten Mann mit den blauen Augen. Ich hatte viele kleine Wünsche und einen großen, den ich jeden Abend ängstlich wiederholte: Dass meine Mutter, die ich sehr liebte, nie sterben und immer bei mir bleiben möge. Der alte Mann mit den himmelblauen Augen hatte mir versprochen, er werde das veranlassen, und er hat lange Zeit sein Wort gehalten, bis ich eines Tages das Beten verlernt habe. Dann hat er sein Versprechen vergessen, es war keiner mehr da, ihn daran zu erinnern.

Seitdem habe ich mich nicht wieder bei ihm gemeldet. Jetzt spüre ich die Blicke des an die Krankenzimmerwand Gekreuzigten und schaue zu ihm auf: Es war eine Täuschung der Sinne, er schaut über mich hinweg, schaut niemanden von den hier Liegenden an, er ist allein mit seinem furchtbaren Schmerz beschäftigt, und die hier liegenden Frauen sind auch jede allein mit ihrem eigenen Schmerz. Nur jene, denen es besser geht, sind neugierig, vom Schmerz der anderen zu erfahren. Die junge Türkin damals muss von ihrer Angst vor dem Eingriff so beherrscht gewesen sein, dass sie die von der Papierwarenhändlerin hochgehaltenen Schlagzeilen nicht einmal wahrnehmen konnte: Sie hatte nie darauf reagiert.

Ich befürchte wieder extreme Geister, die durch dieses Krankenzimmer spuken und sich in Kreuzverhören verdichten könnten. Als ich noch zu Hause in meiner alten Heimat war und mit meiner besten Freundin Delia in diesen kleinen Schmerzpausen des Beisammensitzens sprach, amüsierten wir uns oft über jene, die immer wieder unsinnig sinnlose Fragen stellten. Allein konnte ich schwer darüber lachen. Unsere langen Mäntel, die damals in Mode waren, hatten uns am Fliehen gehindert. Sie hätten uns aber auch so gekriegt. Jene. Oft ließen sie uns in der Stadt unterwegs entkommen, um später an unsere Türen zu klopfen. Sie wussten, dass ihnen keiner entwischen konnte, spielten „Katz und Maus« mit uns. Wir waren auf alle Fälle schuldig, auch wenn wir nicht damit einverstanden waren, uns nicht bekannt war, welchen Vergehens man uns anklagte. Das Warum und Wozu blieb uns immer verborgen, der Zwischenraum war ausgefüllt von unserem Alltag, der in diesem Sinn unwirklich war: Jeder spielte eine Rolle, an die er nicht glaubte.

Ich habe nie erfahren, was sie von uns wissen wollten. Sie befragten uns immer wieder, und es boten sich viele Gelegenheiten dazu. Sie wollten etwas erfahren, das es gar nicht gab, und waren sehr beharrlich. Sie, das waren jene dort, die ich nie beim Namen genannt hatte. Ich war mit dem Wissen aufgewachsen, dass es sie gibt, dass man aber ihren Namen nicht aussprechen dürfe, das bringe Unglück. Sie waren unberechenbar, nicht erfassbar, mit Logik war ihre Existenz, ihr Tun und die Art und Weise, wie sie es taten, nicht erklärbar, keine Logik der Welt konnte sie verständlich machen. Man konnte immer ihr Opfer werden, eine falsche Bewegung, ein falsches Wort am falschen Ort konnte einen dazu machen, man wusste jedoch nie, welche Worte als falsch einzustufen waren, welche Bewegungen an welchen Tagen als strafbar galten. Die Standpunkte, nach denen etwas als falsch oder richtig eingeordnet wurde, änderten sich von Tag zu Tag, manchmal wechselten sie auch im Laufe des Tages. Man konnte den Zeitpunkt eines Erdbebens vorausberechnen und rechtzeitig Maßnahmen zur Rettung der Menschen in diesem Gebiet einleiten. Das Wirken der Namenlosen jedoch konnte man nicht voraussehen, nie vorher wissen, wann sie demnächst um sich greifen und wen sie sich holen würden.

Eine Zeitlang hatte ich mich in meine Wohnung eingeschlossen und niemandem geöffnet. Ich dachte über alle möglichen Fragen nach, die sie mir noch stellen könnten, die sie bisher noch nicht gestellt hatten, suchte nach möglichen Antworten auf diese hypothetischen Fragen. Die Antworten mussten so formuliert sein, dass mir auch die Cleversten unter ihnen keine Schlinge daraus knüpfen konnten. Ich schrieb mir alle möglichen Antworten aller möglichen Fragen auf und begann sie auswendig zu lernen, wartete auf ein Klopfen an der Tür und wollte, sobald ich das Klopfen hörte, keine Bewegung mehr machen, meinen Atem ganz leise stellen, mich totstellen. Nicht öffnen. Mich totstellen, wie es manche Tiere tun, um zu überleben. Ich wollte nicht öffnen und lernte die möglichen Antworten auf die möglichen Fragen dennoch auswendig, um auf alles vorbereitet zu sein. Die wenigen guten Freunde, in die ich Vertrauen haben konnte, wussten, wie sie klopfen sollen.

Eines Tages, es war kurz nachdem jene Unaussprechlichen mich zum ersten Mal zu sich bestellt hatten, klopfte es. Ein unvereinbartes Klopfen. Ich war noch nicht dort gewesen, wollte es auch nicht tun, hegte die törichte Hoffnung, dass sie mich in Ruhe lassen würden, wenn ich nicht hinginge, wollte Zeit gewinnen, nach Ausflüchten suchen, entschlüpfen. Es klopfte unentwegt, obwohl ich mich bereits vor Minuten totgestellt hatte. Wusste man dennoch, dass ich zu Hause war? Selbstverständlich wusste man es. Die Unaussprechlichen wussten alles. Schließlich wurde es still, Schritte entfernten sich. Ich konnte nun die Schleusen öffnen und meinem unterdrückten Atem freien Lauf lassen. Geräuschvoll und lange durchatmen. Einige Tage später erfuhr ich, dass es der Mann gewesen war, der immer wieder zum Holz hacken kam. Ich hatte lange Tage kein Kleinholz mehr für meinen Ofen. Bis ich ihn zufällig auf der Straße traf und wir einen Holzspalttag in der Woche, zu einer bestimmten Uhrzeit, vereinbarten. Später, als ich bereits jenseits der Landesgrenze war, hat sich einiges von dem damals Erlebten auf eine andere, jedoch ähnliche Weise wiederholt, jedoch ohne dass die Notwendigkeit von Kleinholz jemals wieder eingetreten wäre.


Die Angst vor Wiederholungen hat sich in mir verstärkt, seitdem ich meinen Kopf wieder nach links und nach rechts drehen kann. Auch die Zeit hat seitdem angefangen, ihr Tempo zu beschleunigen. Und es gibt auch wieder Leute, die vorgeben, mich zu kennen, mich schon irgendwo gesehen zu haben. Wie diese Frau im Bett rechts vom Fenster. Sie will meine Erinnerung auffrischen. Heute morgen hat sie es schon einmal versucht, jetzt versucht sie es wieder.

Die neugieriglangweilige Frau rechts vom Fenster versucht mich wieder anzupeilen, ich schüttele, rüttele den Wortschwall ab. Nachdem die Betten gemacht worden sind und die Frau am Fenster einen zweiten Anlauf nimmt, heult schon der Rettungswagen draußen vor dem großen Tor und rettet mich. Er fährt zum Tor herein, die Treppe herauf, den langelangen Flur lang, fährt ein in unser Krankenzimmer, hält vor dem leeren Bett in der Mitte, niemand steigt aus, keiner steigt ein, es war falscher Alarm.

Die Tablettenschwester kommt herein, bringt auf ihrem Tablett die Pillen gegen den Unschlaf, gegen die kommende Unnacht, gegen den ablaufenden Untag. Die Oberschwester bringt mir die Krücken. Kurz darauf kommt eine Unterschwester, die mir zeigt, wie man damit vorankommt. Sie kommt besser voran als ich. Ich probiere es noch einmal und immer wieder auf dem langen Flur. Dann im Treppenhaus. Fünf Stufen hinauf und dann die fünf Stufen wieder hinab. Die Schwester sagt »Bravo«, die Nachmittagsschwester. Ich bin so stolz, dass ich mich am Abend mit meinen Krücken gleich zehn Stufen hochquäle. Und wieder hinunter.

Am nächsten Vormittag wieder. Die Vormittagsschwester sagt aber nicht »Bravo«. So schnell gewöhnt man sich an den Erfolg. Um die Mittagszeit gehe ich fünfzehn Stufen hoch, auf dass die Mittagsschwester »Bravo« sage. Sie sagt, dass »wir gut vorankommen«, sie ist stolz auf uns, sie ist überzeugt, mich motiviert zu haben, und wartet so lange unten am Treppenabsatz, bis ich zwanzig Stufen schaffe.

Schon schreiten wir den langen Flur auf und ab, ich und mein spärlicher Schatten, von einem spärlichen Licht verursacht. Vom Flurfenster hat man einen Ausblick auf die Hausdächer der Innenstadt, links der Schacht eines Innenhofs, rechts die tiefe Schlucht einer Straße, die von einer blauen Straßenbahn durchfahren wird.

Diese bedrückende Stille, die sich wie ein langgezogener Heulton anhört, alles, was hier geschieht, vollzieht sich in der Stille eines langgezogenen Heultons, der zu Besuchszeiten abgelöst wird von einem immerwährenden, abgedämpften, undramatischen Summton, einem Abschnitt der Zeitlosigkeit. Dieser Summton wird an einem Sonntag unterbrochen von der Ankunft eines Hubschraubers auf dem Hausdach. Er fliegt aber bald wieder weg, hatte sich verflogen, war auf einem nestlosen Dach gelandet.

Der Professor lächelt im Vorbeigehen die rechte Wand an, jetzt weiß ich, wie er aussieht, sie hatten alle von ihm gesprochen, an der kalten Flurwand kondensiert das skeptische Lächeln des weißen Mannes. Die Wand trieft. Nur kurz sehe ich die Frau im blaugrauen, samtschimmernden Morgenmantel unten am Treppenabsatz stehen und höre sie lachen. Ein Sonnenstrahl fällt aus dem langen Fenster hoch oben und trifft sie in voller Grelle. Sie lacht tötend laut, hysterisch, ohnmächtig, mit einem Schrei, der alles übertönen will, was ihr widerfährt. Sie ist außerstande, die Treppe hochzusteigen, und versucht nun, diese Treppe totzulachen. Die bleibt aber unberührt stehen, sie steinert schon über hundert Jahre hier und wird in abgewetztem Zustand jedoch standhaft weitersteinern. Keine Tageszeitschwester ist in der Nähe, und ich kann der Frau im blaugrauen Morgenmantel nicht helfen.

Die Wunde zerreißt das Gewebe aus sonntäglichen Summtönen, das Fieber meldet sich wieder, die ungnädige Schwester von den Schwestern verschleiert den Tischstuhl mit der verkrampften Einbuchtung, bitte locker, ganz locker, Nachtfalter schweben zum Fenster herein, lösen die Tagesfalter ab, die Vereinten Nationen walten ihres Amtes, Kanonendonner nähert sich, lichterloh schlägt eine Granate ein, doch die Vereinten Nationen walten weiter, am Bettfuß steht der Name. Der Vorsitzende hält eine Rede über den Frieden, eine Rede an die Wunde, an die Wände, die Nachrichten sind vorbei, und wir atmen erleichtert auf, wir müssen den Frieden festigen, wie geht es uns heute.

Die Neue, die heute freiwillig hier eingetroffen ist und neben der Tür liegt, hat ein Fernsehgerät mitgebracht. Jetzt geht dort einer durch den Sand, er geht ständig auf und ab, von einem Rand des Bildschirms zum anderen, er hat nicht viel Platz, es ist ein kleiner, handlicher Fernseher, der Mann, der da durch den Sand geht, hat nur eine kleine Fläche zur Verfügung, kann sich nur in der eng eingerahmten Landschaft bewegen, er geht über eine weite Sandebene, die in einem kleinen Rechteck eingefangen ist.

Jeden Tag das gleiche Zeremoniell der Visite: Geheimsprache, heute etwas feierlicher als am Vortag, der große Professor ist dabei, Beschwörungsformeln werden an die Assistenzärzte weitergegeben, alle sind mit Notizblöcken zur Zeugenaussage erschienen, die Presse ist geladen, sich vor dem Professor zurückziehende, kittelflatternde Schwesternschülerinnen verstecken sich in Nischen und flüstern, Pazifisten werden versackt, verschnürt und abgeliefert, es donnert und flammt hinter der Rede bei den Vereinten Nationen, ich erwache immer wieder aus dem gleichen Traum, die Patientinnen ziehen die Decke bis zum Kinn, die Oberschwester enthüllt sie wieder, bietet sie dem Professor an, Finger an die Wunde, der Professor schaut den Oberarzt bedeutsam an, der Oberarzt den Unterarzt, immer noch bedeutsam, der Unterarzt die Medizinstudenten, die Schwester schaut nichtssagend den Bruder an, nicht meine Schwester, nicht deine Schwester, Schwester schlechthin, nicht mein Bruder, kein Muttervater, sich im Schatten der Geräte versteckende Schwesternelevinnen.

Ich bin eingenickt und wache wieder auf, als ich die Tür höre: Mit dem Gipsabdruck eines Lächelns bringt die Oberschwester ein schlimmes Telegramm auf dem Tablett. Ihr Gang ist gerade, die Spur ihrer Schritte mit dem Lineal gezogen, zielschnurstracks eingestellt. Die korrektstraffe Haltung der Schulter ermöglicht die vorgeschriebene Spannung der weißen Kittelknöpfe über dem Busen. Sie bietet das Telegramm dar, doch keiner will es haben, die Patientinnen drehen sich um in ihren Betten und ziehen die weißen Decken über das freiliegende, ungeschützte Ohr. Demzufolge schaltet die Oberschwester das Licht aus und versucht es nochmal im nächsten Krankenzimmer: »Klingeln Sie die Nachtschwester, ziehen Sie die Notbremse, tasten Sie die Vernarbung ab.« Ich schlafe wieder ein, die Schwestern schweben irgendwo durch den Raum, Schwester Oberin, oben steht der Große Bär, den wir vergeblich anrufen: Kurz vor meinem Traum oder bereits darinnen schmiede ich Fluchtpläne.

Ich weiß nicht, welches der beiden so unterschiedlichen Prinzipien ausschlaggebend gewesen ist für meinen endgültigen Entschluss auszubrechen, das Tag- oder das Nachtprinzip, das Traumschweben ohne Krücken oder die harte Arbeit tagsüber im Treppenhaus. Sobald der Nachtfalter im Morgengrauen verschwunden ist und die weißen Tagesschmetterlinge sich noch nicht entpuppt haben, nehme ich heimlich meine scheintoten Kleider aus dem Schrank. Ich werde sie wieder zum Leben bringen, sie werden sich wieder bewegen. Die neugierigen Frauen schlafen noch, die Frischoperierte stöhnt ab und zu im Traum. Ich möchte in ihre Träume nicht eindringen, lasse sie alle schlafen, ohne einen Blick auf ihre schlafenden Gesichter zu werfen, möchte ihre Träume nicht beeinflussen, meine Absichten niemandem übertragen, meine Fluchtpläne nicht verraten. Da ich mit den Krücken keinen Lärm machen möchte, kann ich mich mit diesen sperrigen Plastikkonstruktionen unter dem rechten Arm nur sehr langsam fortbewegen, indem ich mich mit der linken Hand an dem jeweiligen Bettrand festhalte. Auf dem Flur muss ich nicht mehr so viel Vorsicht üben.

Die Treppe hinuntergehen habe ich in den letzten Tagen reichlich geübt, sie bereitet mir keine großen Schwierigkeiten mehr. Unten angekommen, bleibe ich vor dem Ambulatorium stehen, um mich ein bisschen auszuruhen. Die Tür steht einen Spalt offen. Ich nähere mich der Tür, um einen Blick in den dahinterliegenden Raum zu werfen.

Vielleicht sitzt sie immer noch da, die violette, zusammengeschnürte Frau mit dem blassen Jungen neben sich. Wer weiß, ob man ihr den Jungen wieder zurückgebracht hat, es sah damals so aus, als hätte man ihn für immer weggebracht. Vielleicht aber sitzt er wieder neben seiner Mutter und fürchtet sich. Oder die violett zugeschnürte Frau sitzt noch immer hier und wartet auf ihn. Durch den schmalen Türspalt sehe ich die Spitze eines schwarzen Schuhs, kann aber nicht feststellen, ob es ein Damenschuh, ein Herrenschuh oder ein Kinderschuh ist.


Sie hatte ganz harmlos und unscheinbar dagesessen, stumm eingepuppt. Mit unbeteiligten Fischaugen saß sie auf ihrem Klappstuhl, ins Leere stierend, sie saß ihr zerrinnendes Warten ab, regungslos wie in der Fotografie einer trostlosen Bahnhofshalle, in diesem wandumstellten Wartezimmer. Ein müder Schein des schrumpfenden Tages fiel durch die Fensterscheibe herein. Als er weitergezogen war und im Raum das elektrische Licht angeknipst wurde, weiteten sich plötzlich die Wände und strebten auseinander. Die in ihrer violetten Mitte festgeschnürte Frau wartete ihr raumträchtiges Warten zwischen den sich weitenden Innenwänden. Sie saß stumpf und unbewegt, nur ein klitzekleines Lauern in den Augenwinkeln des noch tiefschwebenden Meerestiers war da, ein Bläschen, das hochstieg, kurz auftauchte und an der Oberfläche platzte. Ihr Blick mit dem geborstenen Lauern sah aus wie der eines Kraken: Ab und zu zuckte das Meerestier zwischen den Aquariumwänden.

Die Sprechstundenhilfe war schon lange nicht mehr im Türspalt erschienen, um einen Namen auszurufen oder die mannigfaltigen Geschehnisse zu verkünden, die sich da draußen abgespielt haben mussten, die sich lange vorher angekündigt hatten, weil sie ständig sich ablösende Kunden, aber in keiner Weise kundig sind. Die Kunde wird sie jedoch hier nie erreichen, sie warten immer wieder vergeblich.

Der blasse, dicke Knabe neben ihr, der stilldicke Knabenstill, blass und fromm, er saß im Schweben, der Sohn eines Kraken. Er war mit seinem Klappstuhl verwachsen, der Klappstuhl schwebte mit. Die Mutter, in rosa Söckchen gezwängt, mit violettstrotzenden Adern, in denen das verbrauchte Blut pulsierte. Die Füße mit den rosa Söckchen waren eingezwängt in enge pechschwarze, glänzende Lackschuhe, einer davon entschieden in die linke Zimmerecke weisend.

Mit der kohlrabenrechten Schuhspitze, raumteilend und präzisierend, wies sie in eine bestimmte Richtung: Von ihrer Schuhspitze ging eine Linie aus, die den wartenden Raum in zwei Warteteile trennte. Es gab nun nach dieser Einteilung die rechts von der Schuhspitze Wartenden und die links von der Schuhspitze Wartenden. Die Hüften der Frau aber flossen fliederfarben und weit auseinander und übergossen sich unter der Schürze des modischen Dirndls. Aus dem Brusttuch kroch schließlich der langerwartete Regenwurm heraus, die Blindschleiche taub und stumm, es könnte auch eine kleine Schlange gewesen sein, ich glaube, es war eine Schlange. Das Tier schlängelte sich hoch, über den lilagespannten Busen nach unten, schlang sich um die festgeschnürte Taille, so fest, dass die Hüften bei jeder Bewegung immer weiter auseinanderzulaufen schienen, der Fladenrock ergoss sich und überschwemmte den ganzen Fußboden.

Man hatte es versäumt, die Überschwemmung einzudämmen, das Aquariumviolett in seine Schranken zu weisen, man hielt es immer noch für harmlos und ignorierte es, rosa und fliederfarben, wie es war, mit violett durchschimmernden Adern. Dann breitete es sich wie ein unflätiger Fladen aus und feuchtete die wenigen Möbelstücke an, die im Raum standen. Giftige Düfte stiegen hoch, da man es versäumt hatte, sie rechtzeitig zu neutralisieren, weil der spitze Schrei dazwischengekommen war, unerwartet hereingeplatzt durch die linke Wand.

Der Schrei hatte alles weggewischt, alle Möglichkeiten der Abwehr lahmgelegt, so dass die Gegenstände im Raum andere Farben bekamen, die Geräusche und Wörter eine andere Klangfarbe, auch die kleinsten kriechenden Laute, das Knistern, Räuspern, Hüsteln, Scharren, alles wurde untereinander vertauscht und unkenntlich gemacht, die weißen Wände waren violett, die violetten Hüften der eingeschnürten Frau gewitterblau. Der blasse Knabe schrak zurück. Neuankömmlinge drängelten zur Tür herein und ergossen sich ins Wartezimmer, lösten sich in der dunkelvioletten Feuchtigkeit auf, des Knaben weißes, glattgebügeltes Hemd leuchtete durch, brav und still saß er in seiner schwarzen Hose, mit dem Klappstuhl verwachsen, klapp und still stand der Knabenstuhl da, einsam zwischen den anderen Stühlen, schwarzweiß stumm saß der Knabe, mit einem gipsverlorenen Lächeln im Barockengelgesicht, der dicke, stille Knabe in des Wartezimmers Ecke, sockenrosa, wachsam die Mutter daneben, mit großen, zusammengezwängten Brüsten unter dem bunten Tuch.

Die Tür wurde draußen mit Tesafilm zugeklebt, auf dass keiner mehr hereindränge oder sich unerlaubt entferne, nur ein leiser Summton erhob sich darauf, sank, fiel und blieb liegen vor den angefeuchteten Schuhspitzen von irgendjemandem, der da war ein Wartender oder eine Wartende. Nach dem Schrei hörte sich das Säuseln und Summen wie die Stille an, die darauffolgende, erwartungsvolle, als Stille gemeinte Stille, wie Fliegeralarm mitten im Frieden. Dieser Warnton überheulte das Klappern der Schlange. Nach so vielen Verfälschungen, räumlichen und farblichen Mutationen achtete keiner mehr auf die fliederfarben- und violettgemusterte Schlange, die man sonst kaum hätte übersehen können. Nur der stille, dicke Knabe nahm sie für einen Augenblick wahr: Einen Augenblick stand Entsetzen in seinem Gesicht. Dann wurde es wieder engelhaft ruhig, er wird sich getäuscht haben. Er hatte sich jedoch nicht getäuscht: Die Schlange meldete sich nur, solange die anderen wegschauten, sie zeigte sich nur dem stillen, blassen Knaben, solange die anderen mit ihren Sinnen abwesend waren. Allein der Knabe war schwarzweiß geblieben und hatte nicht die tiefviolette Farbe des Raums angenommen wie die anderen Wartenden.

Als keiner mehr hinschaute, stürzte sich die Schlange hundeartig mit einem Satz auf das Stuhlbein des Knabenklappstuhls und biss ein Stück Holz aus. Sie bellte den Knaben kurz an und verschwand, sobald die anderen, vom Bellen wachgerüttelt, aufschauten. Es sah so aus, als wäre nichts geschehen im spätvioletten Raum. Sie alle dachten, sie hätten sich getäuscht, das Stuhlbein des Knabenklappstuhls jedoch war angebissen, es fehlte ein Stückchen Holz, eine kleine helle Wunde war im dunkelbraun gestrichenen Vorderbein sichtbar.

Die Wartenden waren bereits wieder eingeschmolzen worden in die violette Masse, als die Schlange ein zweites Mal angriff. Sie schnappte nach dem schwarzen Lackschuhfuß des Knaben, das braune Stuhlbein jedoch schlug aus mit seinem beschlagenen Huf und traf die Schlange mitten auf die Stirn, so dass sie jaulend zurückweichen musste.

Da keiner hinschaute, griff sie wieder an, diesmal ganz sanftesanft, mehlgepudert kam sie wieder und verstellte ihre Stimme, säuselte süßviolett mit schmaler Zunge, so dass ihr der Knabe für einen entscheidenden Augenblick glaubte, sich ihr auf die Art zuwandte, die man den Normalfall nennt und Antwort gab auf eine unflätige Knabenart, es aber im nächsten Augenblick bereute, denn die Schlange biss zu. Zum Glück bekam sie nur die Schuhspitze zu fassen, die der Knabe mit einem kurzen Schrei befreite, so dass die anderen Wartenden aufschraken und ihn sehr strafend anschauten: Die Schlange aber war weg und die harmlose, dösende Wartestille wieder eingetreten.

Solange ihn die Augen der Wartenden musterten, drohte ihm keine Gefahr von der Schlange, und so versuchte er diese Mitwartenden wach und bei Laune zu halten. Der dicke, blasse Knabe war nicht mehr still und kämpfte um sein Leben. Er wurde immer lauter, bis die Sprechstundenhilfe den Tesafilmstreifen von der Tür löste, sie öffnete, hereintrat, sich den blassen Knaben schnappte, um mit ihm durch die Tür zu verschwinden. Danach wurde die Tür wieder geschlossen und zugeklebt. Spät am Abend erst wurde sie wieder geöffnet, der Pförtner des Krankenhauses kam herein und schickte die noch verbliebenen Wartenden nach Hause. Die Sprechstundenhilfe und der Arzt seien schon längst nach Hause gegangen, sagte er. Ich befand mich unter den letzten, die den Warteraum verließen, schaute mich noch einmal im Raum um, um mich zu vergewissern, dass ich nichts liegengelassen hatte, und da sah ich sie: Die in das violette Mieder gezwängte Frau saß allein auf dem Stuhl und wartete weiter, ihr Rock floss immer noch aus ihrem Leib und bedeckte nun fast den ganzen Fußboden. Sie traf keine Anstalten, aufzustehen und den Raum zu verlassen. Ich ging.


Ich gehe an der Tür vorbei, die man anscheinend vergessen hat, mit Tesafilm zu sichern, aus irgendeinem Grund bleibt ein dünner Spalt offen. Bis zum Ausgang habe ich noch zwei Stufen zu bewältigen, dann sind es noch einige Schritte durch die Eingangshalle, die jetzt für mich die Ausgangshalle ist. Die Ausgangshalle mit den zwei großen, oben abgerundeten Holztoren, das zweite Tor führt zum Garten, in dem ich das vorige Mal, als ich freiwillig hierhergekommen war, öfter spazierengegangen bin. Das Wesen der Tore ist alt, das Holz aber hat man erneuert, vielleicht schon mehrfach, es sieht hell und frisch aus und ist mit Holzschutz angestrichen. Der schwarze Metallgriff der Klinke windet sich wie ein trockenes, sich einrollendes Blatt im Herbst. Ob es noch die ursprüngliche Klinke ist, kann ich nicht beurteilen. So überlasse ich das Geheimnis seinem dazugehörigen Tor und entferne mich langsam auf meinen Krücken, strebe zäh und verbissen der Straßenbahnhaltestelle zu, steige in die erste Straßenbahn, die kommt, ein und bin entschlossen, bis zur Endhaltestelle zu fahren.

Es ist die Neunzehn, die kommt, und sie ist voll. Ich muss stehen, es ist kein Platz mehr frei. Die Krücken lehne ich an die Waggonwand und halte mich mit beiden Händen an einer Lehne fest. An der ersten Haltestelle steigt niemand aus, einige steigen noch zu. Ich entschließe mich, an der nächsten Haltestelle auszusteigen, vielleicht finde ich irgendwo eine Parkbank.

Die nächste Haltestelle ist an einem Marktplatz: Überall Stände mit Obst und Blumen, eine Menge Leute. Er sieht genauso aus wie jener Marktplatz in Turmstadt. Auch hier steht ein Kirchlein auf der anderen Seite, jenseits dieses bunten Gewimmels, es scheint meilenweit entfernt zu sein. Zwischen mir und dem Kirchlein hat sich eine ganze Welt aufgetürmt, die vielen grellen, bunten Schirme haben die Häuser des Platzes verdrängt und in den Hintergrund geschoben. Da war doch unweit der Kirche dieser Italiener mit seinem Obststand. Ich nannte ihn Luigi, wie er in Wirklichkeit hieß, weiß ich nicht, vielleicht hieß er auch Luigi. Bei Luigi kaufte ich immer mein Obst. Er hatte wunderschöne große Birnen, rotgoldene Aprikosen, knackige Kirschen. Jedesmal wartete eine lange Menschenschlange vor Luigis Obststand. Eines Tages kaufte ich Birnen, jede Birne so groß wie eine Orange. In einer braunen Papiertüte, wie immer. Zu Hause angekommen, nahm ich die Riesenbirnen einzeln aus der Tüte und musste feststellen, dass die unterste gänzlich verfault war. Ich war sehr enttäuscht von Luigi, war verärgert und nahm mir vor, es ihm heimzuzahlen. Ja, das war’s: zahlen!

Einige Tage lang sammelte ich Pfennigstücke, so lange, bis ich den passenden Betrag für vier Pfund Luigi-Kirschen beisammen hatte. Mit dem gezählten Geld, lauter Einpfennig-Münzen, ging ich zum Marktplatz und stellte mich vor dem Obststand des kleinen Gauners an, um ihn mit kleinen Münzen zu bezahlen. Ich ließ mir die Kirschen im Korb reichen und legte ihm dann die zwei Handvoll Kupfermünzen auf den Tisch, es sei alles abgezählt er dürfe nachzählen. Luigi wurde so rot wie seine Kirschen und wollte das Geld nicht haben. Er solle es nur nehmen, sagte ich, es passe gut zu ihm, ich hätte es mühsam für ihn gesammelt und genau abgezählt, er solle nachprüfen, ob es stimme. Ohne sein Nachzählen abzuwarten, ging ich, ich nehme an, er hat es nie nachgezählt, er war viel zu sehr beschäftigt mit lautem Schreien, es muss Italienisch gewesen sein, ich habe kein Wort verstanden, stellte nur fest, dass jedermann auf seine Muttersprache zurückgreift, wenn Emotionen plötzlich wie ausgespuckte Kirschkerne nach außen drängen. Ich ließ ihn schreien und ging weiter. Er war sehr verärgert, und das hat meinen eigenen Ärger über die faule Riesenbirne aufgewogen: Ich war ihm nicht mehr böse.

Da ich ihm nicht mehr böse bin, würde ich ihn gerne wiedersehen zwischen all dem schönen Obst. Da fällt mir ein, dass ich in einer anderen Stadt bin. Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht: Ich hatte Luigi nicht betrogen, das Geld war auf den Pfennig abgezählt. Da Luigi nicht hier ist und mir alle anderen Obst- und Blumenverkäufer unbekannt sind, gehe ich zurück zur Haltestelle und steige wieder in die erste Straßenbahn ein, die gerade einfährt. Erst an der zweiten Station merke ich, dass es die falsche Richtung ist, ich muss am Marktplatz an der falschen Stelle eingestiegen sein. An der nächsten steige ich wieder aus. Es ist ein großer Platz, auf dem anscheinend eine Kundgebung stattfindet, viele Leute stehen umher, sie scheinen auf etwas zu warten. Die Gegend ist mir fremd, ich war nie zuvor hier gewesen. Vielleicht aber trügt mich das Gefühl des Fremdseins, wie mich auch das Gefühl des Vertrautseins auf dem Marktplatz getäuscht hat.


Es ist mein fester Vorsatz, bis an den Stadtrand zu fahren. Hier bin ich anscheinend noch mitten im Stadtkern, es ist helllichter Tag, und trotzdem sieht alles so aus wie bei meinem ersten Besuch zu Hause, als es bei meiner Ankunft später Abend war. Es war nach langer, fast endgültiger Abwesenheit mein erster Besuch zu Hause. Vielleicht ist es die Menschenmenge auf dem Platz, die mich daran erinnert.

Damals war ich spät am Abend angekommen und stand an jenem Platz im Zentrum, an dem ich umsteigen sollte. Ich konnte die Umsteigehaltestelle nicht mehr finden. Nach einer hoffnungsvollen Anreise mit vorweggenommener Wiedersehensfreude plötzlich dieses Gefühl der Fremdheit und Gefährdung.

Ein zerpflückter Menschenhaufen bewegte sich in jenem hartblauen Neonlicht, das die ganze Landschaft bläulich verfremdete, den großen mathematisch gepflasterten Platz, der an zwei Seiten von den parallelen Linien der Straßenbahngleise durchstrichen und neutralisiert wurde. Das beleuchtete Ahornlaub junger Bäume warf Scherenschnittmuster auf den Asphalt des Gehsteigs. Die Männer und Frauen auf dem Platz wirkten aufgescheucht bis erwartungsvoll erregt. Sie sprachen viel und gestikulierten lebhaft. Ich war schon lange nicht mehr in dieser Stadt gewesen, stand nun auf einem etwas erhöhten Platz, von dem aus ich alles überblicken konnte, und suchte mit den Augen nach den Kennzeichen einer Straßenbahnhaltestelle. Sie hätte hier in der Nähe sein müssen. Da waren wir immer eingestiegen, um bis an den Stadtrand zu fahren, wo die Häuser klein und die Gesichter der Leute immer die gleichen sind. Vielleicht war die Haltestelle verlegt worden, und ich suchte hier vergeblich. Es fuhr auch keine Bahn vorbei, als wären es tote Gleise.

In der Handtasche hatte ich noch zwei Münzen für die Fahrkarte, über mehr Geld in der Landeswährung verfügte ich nicht, meinen Koffer hatte ich am Bahnhof deponiert. Ich hoffte, die Haltestelle zu finden, hoffte auf eine späte Straßenbahn, die mich an den Stadtrand bringt, wo man auf mich wartete. Meine Handtasche mit den letzten Groschen fest umklammernd, wagte ich mich treppab auf den großen karierten Platz und versuchte durch die Menschenmenge hindurch auf die andere Seite zu gelangen, da ich dort die verschollene Haltestelle vermutete.

Die Leute hatten sich hier versammelt, um auf einen Kometen zu warten, der in Radio und Fernsehen angekündigt worden war. Vielleicht auch in der Zeitung, doch die Leute hier hielten sich mehr an das, was sie mit ihren Ohren hörten, und wollten es nun auch mit den Augen sehen. An das gedruckte Wort glaubten sie schon lange nicht mehr.

Ich hatte die Lokalzeitung dieser Stadt länger nicht mehr gelesen und seit einigen Tagen, seitdem ich unterwegs war, keinen Sender mehr gehört, so dass ich nicht im Bilde war über das, was in der Welt und im Weltall geschah. Die Menschen standen jetzt nicht mehr raunend umher, eine unruhige Bewegung, die in irgendeiner Ecke ihren Anfang genommen haben musste, vervielfältigte sich und überschwemmte den großen Platz. Grüppchen und einzelne verschoben sich, einem unbekannten Bewegungsgesetz folgend, auf dem Mathematikblatt, ohne Engpässe oder schwere Zusammenstöße zu verursachen. Die im Ahornschatten Gefangenen flossen aus ihrem Muster aus, mündeten in die Helle ein und ließen das Gewimmel auf dem Platz enger werden, so dass man die Karos nicht mehr erkennen konnte. Es war ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen, die andere Seite erreichen zu wollen.

Die Plattform, auf der ich gestanden hatte, war das Rechteck jener eklektischen Akropolis, die ich als Kind so andächtig bewundert hatte, ein Kirchenbezirk, zu dem vom großen Platz unendlich breite Stufen hinaufführten. Die Breitseiten und die Rückseite des heiligen Areals waren durch eine hohe Mauer gegen den Rest der Stadt abgeschirmt, die Gotteshäuser standen dicht gedrängt nebeneinander und blieben sich fremd. Ich ging die Stufen wieder hoch, auf die sich fremd gegenüberstehenden Gotteshäuser zu. Erst als ich oben war, stellte ich fest, dass meine Hände leer waren, jemand in der Menge musste mir im Gedränge die Handtasche entrissen haben. Ich konnte nun nicht mehr mit der Straßenbahn fahren, es hatte also auch keinen Sinn mehr, die Haltestelle zu suchen. Bei einer Fahrkartenkontrolle wäre ich ihnen ausgeliefert gewesen, man hätte mich nach meinen Papieren gefragt, und die waren am Bahnhof geblieben. Ohne Papiere war man vogelfrei. Was ich noch hatte, war eine Adresskarte in der rechten Jackentasche. Die aber nutzte mir jetzt nichts mehr. Mir fiel Andrea ein, doch ich wusste nicht mehr den Weg zu ihrer Wohnung.

Der gewaltige Bau und die Fremdartigkeit der byzantinischen Kathedrale, die sich an die linke Mauer des Tempelbezirks lehnte, erregten meine Neugier. Ich war früher nie in dieser Kirche gewesen, hatte mich immer gescheut, da hineinzugehen. Durch das weitgeöffnete Portal strömten Helle und Gesang heraus, man feierte einen Gottesdienst. Es zog mich hinein: Auf Zehenspitzen trat ich unter die segmentierten Rundbögen, blieb hinter einer gewundenen Säule stehen, die mich in ihrer Schlankheit nicht verdecken konnte. Trotzdem beobachtete mich keiner, vielleicht empfand man mich auch gar nicht als Eindringling.

Die riesigen Gestalten der Priester bewegten sich schnurgerade und langsam auf die Gläubigen zu. Sie spendeten Weihrauch aus silbernen Kelchen, die an silbernen Ketten hingen. Die eigenartige Musik dieser Ketten fesselte alle Versammelten und mich Anwesende. Eine Unmenge hoher, schlanker Wachskerzen brannten und verstärkten das Licht, das von den Wänden kam. Alles ringsum war in Gold gefasst und goldgetränkt. Auch der Gesang der Chöre war weißes und rotes Gold, sie sangen tief und hoch, und ich war lange Viertelstunden in diesem Gesang gefangen. Ich wäre verlorengegangen, hätte ich noch länger hier verweilt. Müde von dem östlichen Glanz, mit brennenden Augenlidern, verließ ich die Kathedrale auf Zehenspitzen, wie ich gekommen war. Erleichtert und froh, dass ich wieder draußen stand, hatte ich nicht gemerkt, dass mir jemand aus der Kirche gefolgt war.

Aus der Helle ins Dunkle getreten, sah ich überall schattenhafte Gebilde um mich herumschwirren, ohne klare Konturen wahrnehmen zu können. Die verschwommene Gestalt sah ich erst, als sie knapp neben mir stand und ich spürte, wie mich jemand berührte. Als die Gestalt davonrannte, wusste ich, dass mir etwas entwendet worden war. Meine Taschentücher waren noch da, doch die Karte mit den Adressen fehlte: Sie waren wieder auf meiner Spur. Ich hatte sagen hören, es wäre immer schon so gewesen, dass die Kirche ein Ort der Zuflucht, dass man hier vor Zugriffen sicher sei, dass Macht und rohe Gewalt hier nicht eindringen dürfe. So wünschte ich mir, dies Gesetz wäre noch in Kraft, und flüchtete in die Kirche nebenan.

Ein mildes Dämmerlicht kam von den Kerzen in den Nischen. Links vom Hauptaltar stand wie eh und je der Heilige Antonius, dem wir als Schüler vor schriftlichen Arbeiten Zettelchen mit der Bitte um Beistand zugesteckt hatten. Die Messe war schon zu Ende. Einige Frauen saßen noch in den Bänken, sie erhoben sich einzeln von ihren Plätzen. Die erste trug einen Parade-Reitanzug: rote Jacke, weiße Hose, blankgeputzte schwarze Stiefel und Reitkappe. Die anderen Frauen trugen Mantel und Hüte. Ich stellte fest, dass ich ohne Kopfbedeckung war. Die in den Bänken verbliebenen Frauen unterhielten sich flüsternd in einer mir unbekannten Sprache. Alle hatten abweisende, kalte Gesichter, jeder Muskel unverrutschbar eingerastet, und glitten, nachdem sie sich mit einem tiefen Kniefall bekreuzigt hatten, mit erhobenem Kinn und halbgeschlossenen Augen dem Ausgang zu. Wie sie so mit auf Halbmast gesenkten Lidern einzeln an mir vorbeigingen, wirkten sie so unwirklich, dass ich nicht den Mut hatte, sie anzusprechen und nach dem Weg zu fragen. Da kam als letzte eine Frau mit einem gutmütigen Bauerngesicht auf mich zu, lächelte freundlich und sprach mich in meiner Sprache an. Ich war froh, vertraute Worte zu hören und mich verständlich machen zu können. Die Frau schien zu ahnen oder zu wissen, dass mir etwas widerfahren sein musste, denn sie fragte, was passiert sei, ich könne es ihr anvertrauen. Da erzählte ich ihr von meinem Missgeschick. Sie wollte Näheres wissen, schien teilzunehmen und mir helfen zu wollen, fragte immer weiter nach Einzelheiten. Ich schilderte ihr alles genau, sie hörte mir geduldig und aufmerksam zu, ihre Augen weiteten sich, während ich erzählte. Als sie alles erfahren hatte, nickte sie mir einen kurzen Abschiedsgruß zu und entfernte sich durch die offene Kirchentür: Sie war nur neugierig gewesen. Und als ihre Neugier gestillt war, ging sie, ohne ein Wort zu sagen, weiter.

Mir fiel ein, dass mein Vater stets in einer dunklen Ecke der Kirche zu beten und dabei einzunicken pflegte. Ich hatte ihn immer wieder wachrütteln und nach Hause bringen müssen. Nun wollte ich gerade damit beginnen, alle dunklen Winkel der Kirche abzusuchen, da kam er mir bereits entgegen, zuerst nur sein Schattenriss, in dem ich ihn dann wahrnehmen konnte, so, wie er früher gewesen war. In der Kirche wurden alle Lichter einzeln gelöscht, das tat mein Vater selbst, den ich so spät wahrnehmen konnte, so spät nach seinem Schattenriss, da ich ihn für den Kirchendiener gehalten hatte. Es war auch der Kirchendiener, nur hatte ich nicht gewusst, dass mein Vater Kirchendiener geworden war.

Wir gingen hinaus und die Treppe hinunter, ich erzählte ihm, wie mir zuerst die Handtasche mit dem Kleingeld für die Straßenbahn und dann die Adresskarte abhanden gekommen waren. Er versprach mir zu helfen, die Tasche wiederzufinden, ging auf die Suche, verlor sich in der Menge auf dem großen Platz. Mein Vater kam nicht mehr zurück. Irgendwo aus der Menge kam mir dann meine Mutter entgegen, sie blieb aber nicht lange, sie sagte, sie müsse jetzt gehen, sie könne nicht länger bleiben. Sie hatte es sehr eilig, sie hatte es immer eilig gehabt, es war ihr nicht viel Zeit gegeben.

Mir war die kurze Begegnung mit ihr etwas peinlich, weil sie angefangen hatte zu weinen, und ich wollte nicht, dass sie vor den vielen Leuten hier weinte, deshalb erzählte ich ihr auch nichts von meiner gestohlenen Handtasche und der Karte. Sie wird sich wundern, dass ich sie nicht besuche, dachte ich. Doch ich hatte ja kein Geld und keine Adresse mehr.

Meine Handtasche hatte ich dann doch noch gefunden, sie lag am Straßenrand, viele waren darauf getreten, man sah das an den Fußspuren. Die zwei Münzen waren auch noch da, davon kaufte ich mir Eis beim Eismann, der seltsamerweise um diese späte Stunde noch dastand, unter einem Ahornbaum, abseits des Menschengewimmels. Haselnusseis kaufte ich mir, das war schon als Schulmädchen mein Lieblingseis gewesen. Erst als ich die Waffel herunterwürgte, Waffeln mochte ich nie, wurde mir klar, dass ich soeben mein Geld für die Straßenbahn verspeist hatte, dass ich nun über kein Fahrgeld mehr verfügte. Die Adresse fiel mir wieder ein, ich hätte keine Adresskarte mehr gebraucht, es war Delias Adresse, die mir einfiel, Delia hätte mir weiterhelfen können, die anderen zu finden, ich hätte hinfahren können und alle besuchen, auch den Friedhof. Ich hätte es tun können, wenn ich das Fahrgeld noch gehabt hätte.

Dann fiel mir ein, dass ich irgendwo noch Delias Schlüssel haben musste. Den hatte ich aufbewahrt und trug ihn stets bei mir, wo immer ich mich aufhielt. Delias Wohnung konnte man vom Zentrum der Stadt notfalls auch zu Fuß erreichen. Es war ein weiter Weg, doch auch wieder nicht so weit, dass man ihn nicht hätte bewältigen können: Ich war oft zu Fuß dort hingegangen und dann wieder nach Hause gekommen, wenn spät abends kein Bus mehr fuhr. Je weiter ich ging, desto vertrauter wurden mir die Straßen dieser Stadt wieder. Bekannte Straßenbilder kamen mir entgegen und weckten Erinnerungen an gegangene Wege und vergangene Ziele: Häuser und Wohnungen mit Namensschildern. Erleichtert atmete ich auf, als ich den Schlüssel in der linken Hosentasche mit den Fingerspitzen ertasten konnte.




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