Bei Anruf Callgirl
Daisy Summer


Plötzlich Callgirl: Romantische Komödie #2
Ein Wochenende, so lange habe ich Zeit, um Jacob zurückzugewinnen.

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Blöderweise hat Jacob es sich wohl in den Kopf gesetzt mich zappeln zu lassen und 48 Stunden können verdammt schnell vorbei sein. Aber egal, ich bin nicht für meine beste Freundin als Callgirl eingesprungen, um jetzt zu versagen.

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&quot;Bei Anruf Callgirl" ist die Fortsetzung von «Callgirl über Nacht». Um dieses Buch voll genießen zu können, sollte man «Callgirl über Nacht» zuvor gelesen haben.








BEI ANRUF CALLGIRL




IMPRESSUM


Nachdruck, Vervielfältigung und Veröffentlichung - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages!

Im Buch vorkommende Personen und Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2021 dieser Ausgabe Obo e-Books Verlag,

alle Rechte vorbehalten.






M. Kluger

Fort Chambray

Apartment 20c

Gozo, Mgarr

GSM 2290

Covergestaltung: Art for your book




INHALT


1. Blödes Herz (#u0beb85e3-5030-5ab5-9584-530e04d758ca)

2. Workaholic (#ue42f093d-2522-509d-a288-f10aae262bb0)

3. Immer nur Probleme (#uba00ddcf-1ef6-52a9-abda-cc0664fc51d0)

4. Shit Meeting (#u5338153b-6f12-5f8e-ae9c-c96281243f47)

5. Schicksal (#u389295cf-d28d-53a6-aade-416c377e4846)

6. Stock 16, bitte (#u62a3ef72-854d-5dab-80d3-3bae85f6ad83)

7. Die Aufgabe (#uce6a5839-7c3c-5d05-a3ee-989079a00f21)

8. Christian Bailey (#u9e9b3f7d-733a-5526-8da0-08834078a854)

9. Let the Games Begin (#u34235b69-19fa-56b0-bdf4-b928f6e4934c)

10. Runder Arsch und Tequila (#u2a254c78-4fa0-5119-8294-fcac199eac1f)

11. Einer zu viel (#ue4f204fe-1462-578c-9066-5bc3871503a8)

12. Fiese Tricks (#u2af68a4e-d6b5-599a-9742-5a4118bb0282)

13. Kopfschmerzen (#ue90d5d2d-1ee6-5082-9b9a-89f8a1933920)

14. Goldene Höschen (#uc3ee0bf5-b996-5689-af4f-806657acd703)

15. It’s getting hot, Baby (#u0bba7308-5e5f-525f-a51b-99729c91e1b0)

16. Der Countdown läuft (#u7010ae75-f534-516c-9a68-607ac8db7aa6)

17. Gouvernanten-Spiele (#uae498277-1337-57c9-9d28-e55a4afdd2d7)

18. Letzter Versuch (#u5ac05116-e94e-5cc2-90f6-af5e1d673c33)

19. Blöde Pfirsiche (#ua83c856a-04f3-596f-9630-9e8ad15269b7)

20. Untröstbar (#udf6dd1d0-cafb-5528-a474-aebbcd33d75e)

21. Wer war nochmal schuld? (#ucf970e8e-fec9-5367-8302-43049c6410bb)

22. Geld ist nicht alles (#ucd75f9b8-c907-5d26-833a-99ee07d5a65d)

23. Drei kleine Worte (#ucdd0e0d7-c036-5502-8d04-030a35040481)

Die „Plötzlich Callgirl“ Reihe (#u17998637-4402-57e0-9b60-6c36e6bb459f)

Über OBO e-Books (#u8c98794a-86c7-51e5-a94e-086113f6d282)



1




BLÖDES HERZ

EMMA


Liebe war definitiv nichts für Feiglinge …

Das Herz sprang einem aus dem Leib, man schwitzte wie ein Schwein und glotzte wie ein Kalb. Die Menschen laberten was von Schmetterlingen im Bauch und glaubten sterben zu müssen, wenn sie sich mal eine Minute nicht sahen. Sie stierten sich ständig in die Augen und dabei kribbelte es zwischen ihren Beinen.

Und genau dieses Kribbeln war der Beweis dafür, dass alles rein körperlich war! Die pure Biologie!

Und trotzdem bastelten die Irren um die naturbedingten Hormonexplosionen herum herzzerreißende Liebesschwüre, schrieben Liebesbriefe in Schönschrift und feierten Mammut-Hochzeiten. Sie glotzten sich bei Kerzenschein in die Augen und schworen sich ewige Treue.

Dann kam das böse Erwachen. Das verstaubte Parkett wurde von stinkenden Socken übersät und die Kerle suchten sich eine Jüngere. Stress, Tränen, Scheidung. Und dann saß man da, allein mit drei schreienden Kindern, und wusste nicht, wie man die satt bekommen sollte.

Das war nicht lustig.

Darum fragte ich mich, warum ich blöde Kuh ein schlechtes Gewissen hatte, weil ich nach diesem Wochenende in den Flieger Richtung Heimat stieg. Die Turbinen dröhnten schon und die Flughafenmitarbeiter führten die letzten Checks durch. Noch konnte ich umkehren, aber das würde ich schön sein lassen.

„Herzlich Willkommen an Bord, Miss. Nach links, bitte”, begrüßte mich eine Stewardess, die mich mit ihrem langen, dunklen Haar und der rotbraunen Haut an die Indianerin Aponi erinnerte.

Ich rannte zu meinem Platz und schnallte mich sofort an. Ich wollte nicht zum Fenster rausgucken, doch ich konnte nicht anders.

Trat Jacob gerade vor dem Flughafen von einem großen Fuß auf den anderen und guckte alle zwei Sekunden auf die Uhr, um mich mit auf sein Schloss zu nehmen und mich bis in alle Ewigkeit zu lieben?

Fragte er sich, was er falsch gemacht hatte, weil er vergeblich wartete? Fühlte er sich verlassen und verarscht? Fühlte er einen Stich der Trauer in seinem Herzen?

Wohl kaum.

Klar, würde er mich mitnehmen. Mit mir ein paar Tage verbringen. Vielleicht sogar das nächste Wochenende. Wir würden Tag und Nacht vögeln. Solange bis wir das Kamasutra durchgeturnt hatten. Vielleicht würden wir manche Stellungen auch zwei- oder dreimal probieren. An manchen Tagen wären es aber auch zehn Stellungen, weil neuneinhalb davon schon im Ansatz zu Knochenbrüchen führten. Kurz: Letztendlich war kein Kamasutra so dick wie ein Schwanz. Am Ende würde der großartige Jacob Dean Morgan mich abschießen und vergessen - so wie all die anderen Weiber vor mir!

Ich schniefte die verdammten Tränen in die Serviette, die eigentlich dafür da war, den Mund zu reinigen, nachdem man den Kotzbeutel benutzt hatte.

Dachte ich echt, Jacob würde es ernst mit mir meinen? Wir kannten uns seit drei Tagen, wobei von wirklichem Kennen ja wohl kaum die Rede sein konnte. Ich kannte ihn jedoch genug durchschaut, um zu wissen, dass der Mann einfach nicht der Typ für eine feste Beziehung war. Hey, der mietete sich Callgirls, um seine Freunde zu beeindrucken. Wie krank war das denn?

Dumme Emma! Der Typ hat dir wohl das Hirn rausgevögelt.

Genau diese Worte würden meine echten Freunde für mich finden und darum blieb mein Arsch hübsch auf dem Fensterplatz sitzen.

Mein Leben war ein einziges Trümmerfeld. Wenn ich gewusst hätte, dass das hier erst der Anfang war, hätte ich mir die Bedienungsanleitung für den Notausgang durchgelesen - und wäre auf 10.000 Metern über den Wolken ausgestiegen.






„Wenn du gleich Feierabend machst, Emma, nimm den Müll mit raus“, sagte Mrs. Petersen.

Obwohl Mrs. Petersen als Büchereidrache bekannt war, machte es mich beinahe glücklich, sie zu sehen und ihr liebliches Keifstimmchen zu hören. Ich freute mich sogar, ihren Müll mit raus nehmen zu dürfen, denn es tat einfach gut, wieder im Alltag angekommen zu sein.

Im Nachhinein besehen war das hinter mir liegende Wochenende das Schlimmste meines gesamten bisherigen Lebens. Schlimmer noch als mein erstes Mal. Es hatte mich vollkommen durchgerüttelt, und zwar in jeder Hinsicht.

Aber ich wollte nicht klagen. Tina hatte jetzt das Geld für die Abtreibung zusammen und unsere Miete war gesichert. Insofern hatte ich absolut richtig gehandelt. Im Grunde genommen hatte ich ja auch keine andere Wahl gehabt. Es sei denn, ich hätte meine Freundin hängen lassen wollen, aber so war ich nun mal nicht gestrickt.

Jetzt musste ich nur noch Jacob vergessen. Aber dabei half mir ja der Alltag.

Ich ging ins Kabuff, wo die Kaffeemaschine stand, die die studentischen Hilfskräfte nicht benutzen durften, und schnappte mir den Müllbeutel.

Seit Anfang dieser Woche war es mir nicht mehr peinlich, damit durchs Foyer zu spazieren, an Hunderten von Studenten und Professoren vorbei. Ich hätte den Müll auch in den Container im Hinterhof bringen können, aber der war ab Mitte der Woche immer schon voll. Darum stopfte ich ihn in den Papierkorb, der vor der Bibliothek stand, und hielt nach meinem besten Freund Ausschau. Er sollte eigentlich schon hier auf mich warten.

Verdammt, Ron! Wo bleibst du denn?

Das Master-Kolloquium begann in fünf Minuten und wir brauchten von hier aus genau fünf Minuten zum Seminarraum. Es war also sowieso alles schon total knapp.

Ich schaute auf dem Handy nach, ob ich eine Nachricht verpasst hatte. Wuäääh … Ich hatte Tausende verpasst, doch die stammten alle von Jacob, weshalb ich sie auf einen Schlag entsorgte. Weg damit. Oh ja, ich wollte sie wirklich alle unwiederbringlich löschen, auch wenn sich dieser Vorgang nicht rückgängig machen ließ. Danke der Nachfrage, liebes Handy.

Jetzt waren meine verpassten Nachrichten weg, doch Ron war immer noch nicht da. Also blieb mir nichts anderes übrig, als die dummen Tränen runter zu schlucken und allein loszugehen.

Mein Alltag, der mich eigentlich beruhigen sollte, fing echt wunderbar an. Gestern schon war Ron eine halbe Stunde zu spät in die Uni gekommen. Vorgestern hatte er mich ganz versetzt. Irgendetwas stimmte da nicht, aber bisher wollte Ron nichts davon wissen.

Als ich das Seminargebäude betrat, war mein Freund immer noch nicht da. Dafür grinste mir Michael, der Blödmann Nr. 1, entgegen.

„Hey-Ho, Emma. Hast du deinen Kopf in Farbe getunkt?“

„Du bleibst einfach immer auf dem Stand eines Elfjährigen, Michael“, entgegnete ich auf das missglückte Kompliment zu meiner aufgehellten Haarfarbe, und setzte mich auf einen der sechs Plätze, die es in diesem Seminarraum leider nur gab.

Mein feinfühliger Studienkollege pflanzte sich natürlich direkt neben mich.

Es war mir schleierhaft, wie der Penner es bis zum Ende des Studiums geschafft hatte. Und ich fürchtete fast, dass er für seine Masterarbeit die Bestnote kassieren würde, während ich wieder mal nur die Zweite war.

Wenigstens kam Ron endlich zur Tür rein gerast.

Aber was war denn mit dem los?

Die sonst stets supergepflegten, roten Haare bildeten ein einziges zerrupftes Entennest. Und erst Rons Haut. Die glich sowieso schon einem Kalkeimer, wenn Ron nicht gerade erregt und deswegen schweinchenrosa war, aber heute sah er aus wie Hui-Buh, das leibhaftige Schlossgespenst.

„Ron! Was ist los?“

Mein Freund ließ sich schwer auf den Holzstuhl zu meiner Rechten fallen. Er seufzte und nickte in Richtung der Tür, durch die soeben Professor Kentwell trat.

„Nachher“, wisperte er und schniefte demonstrativ hinter vorgehaltener Hand.

Oje. Das klang ja furchtbar. Ich schämte mich ein bisschen, als ich dachte, dass der ganze Ärger und Kummer in meinem Alltag auch ein Gutes hatte. Er lenkte mich auf jeden Fall von Jacob ab.

Die Frage war nur, wann die abschreckende Wirkung endlich einsetzen würde.

Während Professor Kentwell einen Vortrag darüber hielt, wie wichtig die Rechtschreibung in Abschlussarbeiten war, und welchen enormen Einfluss eine gute Ausdrucksweise in derselben Abschlussarbeit auf die Note hatte, vibrierte mein Handy alle paar Minuten.

„Du solltest es dir zwischen die Beine klemmen“, zischte Ron mir zu.

„Zu den juckenden Stoppeln, die ich dir und deinem Waxing zu verdanken habe?“, zischte ich zurück und drückte den eingehenden Anruf weg.

„Du könntest längst gekommen sein.”

„Blödmann.”

„Also ich finde, dass dein Indianer sich ziemlich viel Mühe mit deinem Sexleben gibt.“

Ich drückte den nächsten Anruf weg und wisperte: „Dir scheint es ja wieder besser zu gehen.”

„Von wegen. Aber wenn Pfirsich-Jacob mit Orgasmus-Garantie dir wirklich egal ist, dann verstehe ich nicht, warum du dein Handy nicht ausschaltest. Und wieso hat der überhaupt deine Nummer? Tina?“

Ich nickte mit bösem Blick.

„Könnten Sie beide ihre Privatgespräche eventuell auf die Zeit nach Studienabschluss verschieben? Bis dahin brauchen Sie nämlich alle Gehirnzellen für das Studium. Besonders Sie beide.“

„Verzeihung, Professor Kentwell“, sagte ich beschämt. Im selben Moment traf ich eine Entscheidung.

„Ich besorge mir noch heute eine neue Handy-Nummer. Ich schwöre, bei unserer Freundschaft”, flüsterte ich Ron zu.

„Gute Idee. Und wenn du schon bei den Neu-Anschaffungen bist, besorg dir auch gleich noch ein neues Herz.”

Ich nickte. Ein neues Herz war wirklich dringend erforderlich, denn in dem, das momentan in meiner Brust herumjaulte, war Jacob drin.



2




WORKAHOLIC

JACOB


Das Gute an Melanie war ihre absolute Loyalität. Obendrein war sie helle im Köpfchen und sie sah fantastisch aus. Ganz gleich, wo sie auftauchte, die bewundernden Blicke der Männer waren ihr gewiss. Ihre offensichtlichen positiven Eigenschaften öffneten ihr Tür und Tor. Besonders die Kerle waren gern bereit, sich von ihr ansprechen und ausfragen zu lassen.

Außerdem hatte sie eine unglaubliche Beobachtungsgabe. Ich legte großen Wert auf Melanies Urteil, denn in 99 Prozent aller Fälle traf sie damit voll ins Schwarze. Darum hatte ich sie auf diesem Trip mitgenommen, anstatt mich von einer heißen Lady vom Escort begleiten zu lassen.

Außerdem vertraute ich ihr zu 100 Prozent.

„Deine Augen sind so blutrot, als hättest du mal wieder die ganze Nacht gearbeitet - oder gesoffen. Vermutlich beides. Du solltest eine Sonnenbrille aufsetzen, um keine Kinder oder alte Damen zu erschrecken“, empfing sie mich in der Hotel-Lobby, noch bevor sie mir einen guten Morgen wünschte.

Tja, Melanies großartige Beobachtungsgabe hatte auch Nachteile.

Zumal in ihrer Bemerkung das Wort Brille vorkam, das seit einiger Zeit für mein Gehirn mit einer gewissen Frau verbunden und für mich zum Unwort des Jahres aufgestiegen war.

„Lass uns sofort durchstarten“, entgegnete ich und schob sie durch die Drehtür. Ich würde mich nicht vor ihr rechtfertigen. Ich arbeitete und trank so viel wie ich wollte, und nicht so wenig wie gut für mich war. Da ließ ich mir von niemandem reinreden. Nicht mal von meiner großartigen Assistentin, die im Übrigen das Gehalt eines Vorstandsvorsitzenden kassierte. Sie hatte jeden einzelnen Cent verdient, aber ich konnte auch verlangen, dass sie ihren Röntgenblick auf andere Objekte richtete als auf ihren Boss.

Kindern und alten Damen begegneten wir an diesem Tag sowieso nicht.

„Taxi, Sir?“, fragte einer der beiden Hotelpagen, die links und rechts vom Eingang des Luxushotels standen.

Ich nickte und der Angestellte im Livree schoss auf das nächste Yellow Cab zu, das am Straßenrand vor dem Hotel auf Gäste wartete, und hielt Melanie und mir die Tür auf.

„Zum Javits Convention Center, bitte“, sagte ich zu dem schwarzen Fahrer.






Das Taxi quälte sich durch Midtown Manhattan und ich fragte mich nicht zum ersten Mal, seit wir gestern in New York angekommen waren, in welchem Stadtteil wohl Emma wohnte. Ich war zu dem Schluss gekommen, dass es entweder Brooklyn oder die Bronx sein musste, denn welche Orte konnte eine Studentin sich sonst leisten?

Dass Emma reiche Eltern hatte, die sie mit einem hübschen Apartment in Manhattan pamperten, konnte ich ausschließen. In dem Fall hätte sie sicher keinen Job für eine vom Magen-Darm-Virus gebeutelte Freundin übernehmen müssen. Dann hätte sie Daddy angerufen und ihm die Kohle aus der Tasche geleiert, die sie und ihre ans Klo gefesselte Freundin so dringend brauchten. Wenn ausgerechnet ein Mädel wie Emma das Callgirl gab, konnte es nur am Geldmangel liegen.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätte ich bloß ihre Freundin, von der ich die Telefonnummer hatte, und die mir bereitwillig Emmas Nummer gegeben hatte, nach der Adresse zu fragen brauchen. Noch drei Monate nach dem letzten meiner zahlreichen peinlichen Hinterlassenschaften auf Emmas AB, konnte ich die Nummer im Schlaf aufsagen. Leider galt die Ziffernfolge seitdem nicht mehr.

Ich hätte die Universitäten abklappern können, um Emma zu finden, oder einen Privatdetektiv einschalten. Meine alten Freunde hatten mir das empfohlen. Als wäre ich nicht selbst auf diese Ideen gekommen. Aber wenn jemand sogar seine Nummer wechselt, um einen loszuwerden, war das ein Zeichen. Eins, das leider ziemlich an mir nagte.

Na, super. Mein Ablenkungsmanöver funktionierte ja ganz toll. Ich war in dieser Stadt, um zu arbeiten und somit nie wieder an den kleinen Tollpatsch zu denken, der mich eiskalt hatte abblitzen lassen.

Dabei hatte ich in diesem Jahr eigentlich schon im Indian Summer mit der Arbeit abgeschlossen gehabt. Der letzte Deal mit Larry Henderson allein hatte Millionen eingebracht. Doch ich kannte keine bessere Möglichkeit, um meine Gedanken in produktive Bahnen zu lenken. Wenn ich im Geld zu ersaufen drohte, konnte ich es immer noch für einen guten Zweck spenden.

Je länger ich in New York war, desto klarer wurde mir, dass es besser gewesen wäre, mir Christian Bailey an einem anderen Ort anzusehen. Zwölf Wochen war die Season of Peaches nun her. Doch wohin ich auch guckte, ich sah eine Blondine mit Eieruhrfigur, pinken Glitzerklamotten und einer enormen Brille auf der Nase. Wenn das so weiterging, war ich bald reif für die Klapse.

Aber jetzt war ich hier. Und um Bailey anderswo zu treffen, hätte ich einen Termin mit ihm ausmachen müssen, und das wollte ich nicht. Noch nicht. Noch wollte ich ihn beobachten, wenn er sich unbeobachtet und somit sicher fühlte.

Wir hatten unser Ziel erreicht.

Der Fahrer reihte sein Yellow Cab in die lange Taxi-Schlange vor dem vollständig verglasten Messe-Zentrum ein, das mich auch schon wieder an eine Brille erinnerte. Ich schüttelte den Kopf über mich selbst, zahlte, gab dem Mann ein großzügiges Trinkgeld und machte mich mit Melanie auf den Weg, um die Konkurrenz auszukundschaften.






Es war genau so, wie ich es mir gedacht hatte: Der Australier war mit der gesamten Konkurrenz im Gespräch. Er wollte unbedingt eine Fusion mit einem amerikanischen Unternehmen, und ich wollte unbedingt derjenige sein, der mit ihm zusammen ging, um die weltweite Marktführerschaft im Bereich der Landmaschinen zu übernehmen.

Allein bei dem Gedanken an einen Gott neben mir hätte ich kotzen können. Aber es war nun einmal unbestritten, dass es eindeutig besser war für die Geschäfte, wenn man sich den anderen Gott ins Boot holte, denn nur so hatte man ihn unter Kontrolle. Andernfalls konnte es leicht passieren, dass irgendein Halbgott durch diese Fusion zum Gott aufstieg und ich demnächst im Suppentopf schmorte, während die bösen Geister um mich herumtanzten.

„Das müssen wir aber ganz geschickt vorbereiten“, meinte Melanie, nachdem wir Baileys Treiben auf der Messe hinreichend beobachtet hatten.

Meine großartige Assistentin sprach mir aus der Seele und ich nickte ihr über meinen doppelten Espresso hinweg zu.

Sie hatte sich einen Latte Macchiato bestellt und gönnte sich einen Brownie, von dem sie sich genüsslich ein großes Stück zwischen die Lippen schob. Melanies üppiger Mund bewegte sich mampfend und ich fragte mich, warum mich diese Lippen eigentlich nicht reizten.

„Stell dir vor. Ihr beide auf dem Cover des Forbes Magazine.”

Das hatte ich mir bereits vorgestellt. So ganz konnte ich mich mit dem Gedanken allerdings noch nicht anfreunden. Wie gesagt: Gott neben Gott. Aber auch wie gesagt: Ich hatte leider keine Wahl. Entweder fressen oder gefressen werden. Das waren die Regeln im Business. Ich wollte keinesfalls gefressen werden. Und um in Rente zu gehen, war ich ein wenig zu jung. Außerdem hatte ich Verantwortung meinen Mitarbeitern gegenüber.

„Oh, wow!”, riss Melanie mich schwärmerisch aus meinen Gedanken. „Du mit deinem wilden Charme und Christian Bailey, der sexy australische Surferboy, an deiner Seite. Da bekommt nicht nur die gesamte Geschäftswelt ein feuchtes Höschen. Sogar ich würde mit euch beiden in den Heuschober abschieben. Eine Ménage à trois. Das ist bestimmt sogar noch besser als dieser wirklich supersupersupertolle Brownie.“

Wie bitte? Was waren das für Worte von meiner seriösen Assistentin?

Ich tat, als hätte ich sie nicht gehört. Und so toll sah Bailey nun auch wieder nicht aus. Er war ein Modeltyp, aber von der Sorte Lackaffe. Deswegen hatte ich so wenig Bock auf diese Fusion. Ich würde nochmal eingehend mit mir ins Gericht ziehen. Vielleicht fiel mir ja eine andere Lösung ein, um Bailey auszuknocken.

Allerdings gingen mir Melanies Worte nicht aus dem Kopf. All die Jahre hatte ich den besten Sex gehabt, den man sich denken konnte. Und dann kam Emma und setzte dem Ganzen noch das Krönchen auf. Um nicht zu sagen die Krone. Und was war seither los? Nichts als heiße Luft. So ging das nicht weiter! Das Teil in meiner Hose starb mir noch ab. Soweit sollte es nicht kommen. Es musste endlich Schluss sein mit der Lustlosigkeit. Mann, es gab doch noch andere schöne Frauen auf der Welt.

„Hey, was soll das, Jacob?“

Melanies Augen wurden immer größer, als ich sie durch das Gate am JFK Airport schob.

„Ich komme in ein paar Tagen nach Hause. Sag in der Firma Bescheid und sag den anderen, dass wir vorerst alles tun werden, um mit Bailey zu fusionieren - es sei denn, wir finden einen anderen Ausweg aus dem Schlamassel“, rief ich ihr zu. Ich befand mich bereits auf dem Rückzug.

„Aber was willst du denn noch in New York?“, schrie Melanie aufgebracht. „Hat es etwas mit diesem Mädchen zu tun, mit dem du die Season of Peaches gewonnen hast?“

Oh, ja, das hatte es. Aber das würde ich wohl kaum meiner Assistentin auf die Nase binden. Außerdem hatte ich sowieso ganz etwas anderes vor, als Melanie es sich in ihren kühnsten Träumen ausgemalt hätte. Mir war da nämlich eine Idee gekommen und ich sagte nur eins: Konfrontationstherapie!



3




IMMER NUR PROBLEME

EMMA


„Bestnote.“

Michael, der Idiot, trat mit einem triumphierenden Grinsen aus Prof. Kentwells Prüfungszimmer. Er machte eine aggressive Macho-Bewegung mit dem rechten Arm, bei der ich nur dachte: Steck dir den Finger doch in deinen Arsch.

Der Wichser war so arrogant, dass ich für einen Moment glatt Jacob vergaß, was ein verdammtes Wunder war, da ich in den vergangenen drei Monaten pausenlos an ihn gedacht hatte, obwohl ich genau das ausdrücklich vermeiden wollte. Aber für diesen einen noch beschisseneren Moment wanderte Jacob beiseite, denn es war eine absolute, himmelschreiende Scheiß-Unverschämtheit, dass der Hohlkopf die Bestnote bekam. Jeder wusste, dass er sich die Hälfte seiner Buchstabensuppe im Internet zusammengeklaut hatte. Und für die Umformulierungen hatte er garantiert jemanden bezahlt.

Aber der Professor hatte Besseres zu tun, als seiner verdammten Pflicht nachzugehen und seinem Lieblingsstudenten auf die kriminellen Fingerchen zu klopfen. Kentwell stand auf Arschkriecher.

Inzwischen glaubte ich sogar fast, dass der gut gewachsene Lehrkörper, dem das gesamte College nachsagte, dass er die Studentinnen reihenweise flachlegte, in Wirklichkeit schwul war. Wahrscheinlich galt dasselbe für Michael und seine ständigen Aufreißmanöver waren pure Tarnung.

„Glückwunsch“, sagte ich scheinheilig, denn das summa cum laude wünschte ich in diesem speziellen Fall nur mir. Und natürlich Ron, der den Termin nach mir hatte - und schon wieder nicht zur verabredeten Zeit anwesend war. Aber daran konnte ich jetzt auch nichts ändern. Meine eigene Urteilsverkündung stand kurz bevor. Da musste ich jetzt allein durch. Warum auch nicht? Ich war schließlich kein Baby. Und am Ende des Studiums sollte ich so langsam durch die Welt marschieren können, ohne dass mein bester Freund mir ständig das Händchen hielt.

Ich setzte mein strahlendstes Lächeln auf und betrat das Zimmer, in dem Prof. Kentwell mir in wenigen Minuten das Ergebnis meiner Masterthesis mitteilen würde.

Hoffentlich ging das hier so aus, wie ich es mir erträumte und wie ich es verdient hatte! Mit einem summa cum laude würde ich den begehrten Bonus erhalten, der mich über den nächsten Monat brachte, bis ich einen meinen Traumjob gefunden hatte.

Aber vielleicht bot Prof. Kentwell mir ja sogar eine Assistentenstelle an. Als seine studentische Hilfskraft war er mit meiner Arbeitsweise vertraut. Ich wünschte es mir so sehr. Doch ich war auch realistisch. Nachdem der Arschkriecher schon die Bestnote eingesackt hatte, war zumindest der Bonus schon halbiert - wenn Michael sich nicht längst den Assi-Job erschlichen hatte.

Aber damit hätte er doch auch gleich noch herumgeprahlt, oder?

„Guten Tag, Miss Smith.“

Ohne den Kopf zu heben, wies Prof. Kentwell auf den einzelnen Stuhl, der in der Mitte des runden Zimmers stand. Es war ein einfacher Holzstuhl, der mit Sicherheit aus dem Gründungsjahr der Uni stammte und im krassen Gegensatz zu der hochmodernen Rotunde mit den glänzend weißen Wänden und der indirekten Beleuchtung stand.

„Guten Tag, Professor Kentwell”, erwiderte ich und nahm Platz.

Es war ungewohnt, dem Professor hier zu begegnen, und dann auch noch quasi wie auf dem Präsentierteller zu sitzen. Ich fühlte mich wie der rote Fleck auf einer Zielscheibe. Das war gruselig. Wenn ich für Kentwell arbeitete, hielten wir uns stets in seinem kleinen Büro auf. Doch das wurde gerade renoviert. Ich wusste das, weil ich sämtliche siebentausendvierhundertdreiunddreißig Mathebücher in Kartons geräumt und dabei in eine Computerdatei eingegeben hatte. Inklusive Coverfotos, die ich mit meinem Smartphone geschossen hatte.

Kentwell hob nicht mal den Kopf. Er blätterte in meiner Masterarbeit. 50 Seiten reine Mathematik, in einem klassischen blauen Einband. Der von dem Arschkriecher war rot. Ekelhaft. Hauptsache auffallen.

Heute fiel allerdings auch ich mehr auf als sonst.

Auf Tinas dringendes Anraten hatte ich ein Kleid angezogen und hoffte, dass mir mein weibliches Äußeres half. Ich war sogar versucht, die Beine sexy übereinander zu schlagen, aber ich verkniff es mir. Tina würde mich natürlich nachträglich dafür steinigen. Die Bestnote war nämlich nicht nur für den Bonus erforderlich, sondern auch für eine qualifizierte Arbeitsstelle.

„Nun, Miss Smith. Ich weiß, wie sehr Sie die Mathematik lieben. Und, ich muss sagen, die Mathematik liebt Sie. Ich bin in weiten Teilen mit Ihrer Arbeit einverstanden.“

Kentwell hob endlich den Kopf, stutzte kurz und lächelte mir dann zu, während mir die Gesichtszüge entgleisten.

„In weiten Teilen?“, stammelte ich und schlug jetzt doch die Beine übereinander.

Der Professor grinste beinahe unmerklich. „Mit ihren Schlussfolgerungen bin ich nicht ganz einverstanden.“

„Was ist denn mit meinen Schlussfolgerung nicht in Ordnung?“

Ich gab’s ja zu, dass ich gerade bei den Schlussfolgerungen besonders häufig mit den Gedanken bei Jacob gewesen war, aber davon war die Qualität meiner Arbeit unberührt geblieben.

„Ich habe den Eindruck, dass Sie mit den Gedanken nicht ganz bei der Sache waren.”

Oh nein!

„Wie meinen Sie denn das?“

„Ihre Ausführungen wirken fahrig, nicht vollständig durchdacht. Gerade von Ihnen hatte ich mehr erwartet. Dieser Meinung ist übrigens auch der Zweitgutachter. Ich dürfte Ihnen das eigentlich nicht verraten, aber da Sie meine ehemalige Hilfskraft sind und ich stets sehr zufrieden …“

Jetzt war ich doppelt geschockt. Ich schnappte nach Luft, was zu meinem Erschrecken klang wie das Katzentörchen an der Haustür meiner Eltern, wie ein blechernes Klappern. Kentwell hob beide Augenbrauen. Er war mir plötzlich so fremd. Dabei hatte ich doch drei Jahre für ihn gearbeitet.

„Wieso bin ich Ihre ehemalige Hilfskraft?“

„Miss Smith, dass ich das ausgerechnet Ihnen erklären muss. Sobald die Masterthesis beurteilt ist, sind Sie keine Studentin mehr und damit können Sie auch nicht mehr als studentische Hilfskraft für mich arbeiten. In jedem Fall möchte ich mich bei Ihnen für die langjährige, stets zufriedenstellende Zusammenarbeit bedanken. Zugleich möchte ich Ihnen zu einem ganz hervorragenden magna cum laude gratulieren.“

Ich sank in meinem Stuhl zusammen wie ein Luftballon, aus dem die Luft entwich. Magna cum laude. Ernsthaft?

Das war nur die zweitbeste Note.

„Aber Prof. Kentwell …”

„Suchen Sie sich eine schöne, gemütliche Stelle an einer kleinen, gemütlichen Schule auf dem Lande, heiraten Sie, setzen Sie ein paar nette Kinder in die Welt. Dabei wird Ihnen die Mathematik sehr nützlich sein …”

Ich wollte aufspringen, mich auf Kentwell stürzen und ihm die Fresse polieren. Aber ich besann mich. Ich klimperte mit den Wimpern, senkte die Lider, öffnete sie wieder und schaute Kentwell verführerisch an. Außerdem hatte ich in meinem ganzen Leben niemandem die Fresse poliert.

Und an der Endnote kann man gar nichts mehr ändern?, klangen Tinas Worte in meinen Ohren.

„Und an der Endnote kann man gar nichts mehr ändern?“, erklang meine eigene Stimme.

Das war ekelhaft. Wie ich mich schämte! Ich spürte, dass ich knallrot anlief. Ich hätte mir selbst vor die Füße kotzen können. Aber hier ging es um mein Leben. Um meine Zukunft. Die konnte ich mir doch nicht von einem übrig gebliebenen Macho versauen lassen. Oder von einem schwulen Feigling, wie Ron glaubte. Ich musste mich zur Wehr setzen. Meine Arbeit war wirklich sehr gut. Sehr sehr gut. Ich hatte auch sämtliche Vorleistungen mit der allerbesten Note bestanden. Ich konnte ganz objektiv beurteilen, wie gut meine Masterthesis war. Sie war eindeutig besser als die von dem blöden Michael. Darum hätte ich zumindest dieselbe Note verdient wie er. Das war so ungerecht!

„Miss Smith?”

„Ja, Professor?” Ich schürzte die Lippen.

„Haben Sie mir etwa gerade Sex angeboten, damit ich Ihre Note anhebe?“






Wie tief konnte man eigentlich sinken? Jetzt hatte ich mein Studium in meinem absoluten Traumfach abgeschlossen, in dem Fach, in dem meine einzige Begabung lag. Ich war immer fleißig gewesen und hatte alles gegeben. Ich hätte sogar noch mehr gegeben: Mich.

Eiskalt wäre ich mit Kentwell ins Bett gestiegen oder hätte mich über seinen Tisch geworfen und ihm meinen Hintern entgegengestreckt. Alles hätte ich getan. Ich hatte ja sogar demonstrativ an dem Gummirand meiner sexy halterlosen Nylonstrümpfe gezupft. Nicht mal darauf war Kentwell angesprungen. Es war so beschämend. Wahrscheinlich war der Professor wirklich stockschwul.

Ich heulte, wie ich nicht geheult hatte, seit ich vor drei Monaten am Flughafen von Buffalo abgeflogen war. Die Tränen plätscherten mir vor die Füße. Man hätte meinen können, es regnete, was eventuell daran lag, dass es wirklich in Strömen goss. Was auch sonst? Und einen Schirm hatte ich natürlich auch nicht dabei. Wozu brauchte ich auch einen? Mein Leben war eh gelaufen. Meine Karriere als Mathematikerin an einem College war heute den Bach runter gegangen. Und ich weigerte mich, über Alternativen nachzudenken. Alles andere als eine Karriere am College war indiskutabel für mich. Ich hatte doch so darauf hin gearbeitet.

Ich war nur noch ein paar Schritte von Rudy’s Bar entfernt, dem letzten Arbeitsplatz, den ich seit dem unrühmlichen Abschluss meines Studiums noch hatte, als mir klar wurde, dass die Heulerei meine Kontaktlinsen weggeschwemmt hatte. Und jetzt gleich würde ich auch noch Rudy anbetteln müssen, damit er meine Stunden aufstockte.

Noch mehr Arbeit zwischen notgeilen Kerlen, die mir an den Hintern packten. Das heute war der absolute Tiefpunkt in meinem Leben.

„Miss, kann ich Ihnen helfen?“, sprach mich ein Passant an, als ich gerade unter heftigsten Tränen darüber nachdachte, ob das heute Erlebte oder mein Erlebnis mit Jacob schlimmer waren, während ich gleichzeitig in den Untiefen meiner Beuteltasche nach meiner Brille kramte. Ich sah den Passanten wie durch eine von diesen dicken Plastikfolien mit den Bläschen. Hoffentlich kannte der Typ mich nicht von irgendwoher. Wenn ich noch mehr Pech hatte, war er einer von Rudy’s Gästen.

„Nein”, jaulte ich auf und drehte mich schnell weg. Wo zum Teufel war denn meine Brille? Wenn ich die jetzt auch noch zu Hause vergessen hatte.

„Sind Sie sicher? Tut Ihnen etwas weh? Hat Ihr Freund Sie verlassen?“

„Ich habe gerade mein Studium abgeschlossen. Mit der zweitbesten Note“, heulte ich.

„Meinen Glückwunsch!“

„Mit der zweitbesten Note bekommt man aber keinen Job am College!“ Ich schlug nach der Hand, die sich auf meinen Arm gelegt hatte. Als ich das nächste Mal in die Tasche eintauchte, erwischte ich die Brille.

„Sorry! Ich wollte nur nett sein. Vielleicht sehen Sie das Ganze momentan ein wenig zu schwarz. Ich verstehe, dass Sie aufgebracht sind, aber schlafen Sie doch erst einmal darüber. Sie werden sehen: Morgen ...“

„Ja, Sie haben recht. Danke für die Aufmunterung”, keifte ich den Mann an. Mir war egal, ob er in mir leichte Beute sah, die er erst trösten und dann ficken konnte oder ob er nur nett sein wollte. Ich setzte mir meine Brille auf und stob davon.

Darüber schlafen, dass ich die Uni bloß mit der zweitbesten Note beendet hatte … Das brauchte ich nicht. Wozu? The winner takes it all. Das war die traurige Tatsache. Das Studium lag hinter mir und ich hatte nur noch die Bar, die ich durch den Haupteingang betreten musste, denn dummerweise besaß ich als Aushilfe natürlich auch keinen Schlüssel für den Angestellteneingang.

Mit gesenktem Kopf schlich ich in die Bar. Meine Schicht begann in weniger als fünf Minuten und ich musste unbedingt vorher mit Rudy sprechen. Denn auch, wenn mir danach war, so würde ich mich nicht vom World Trade Center stürzen. Als Tochter eines Pfarrers warf man sein Leben nicht einfach weg. Auch nicht, wenn alles, wofür man je gearbeitet hatte, in sich zusammenfiel.

Doch Rudy war nicht da. Er stand nicht wie sonst hinter der Theke, und er war auch nicht hinten, um irgendetwas zu holen, was vorn fehlte.

„Ich habe keine Ahnung. Wir wundern uns alle, wo er bleibt“, sagte Kelly, als ich sie nach Rudy fragte. Die dralle Rothaarige war eine von den Kolleginnen, die ich nur selten zu Gesicht bekam, da sie normalerweise die Spätschicht übernahm.

„Hat Rudy dich denn nicht angerufen, damit du früher anfängst?“ Ich wich ihrem durchdringenden Blick aus. Bestimmt hatte sie die rot unterlaufenen Augen hinter meinen dicken, beschlagenen Brillengläsern längst gesehen. Bestimmt? Ganz sicher! Die Frau war ja nicht blind.

„Er hat mich gestern Abend gefragt. Übrigens“, Kelly nickte in Richtung des Eingangs, „Da kommt dein Freund.“

Ron! Endlich! Erst in dem Augenblick wurde mir klar, dass mein Freund nicht vor dem Rundzimmer gestanden hatte, als ich dort hinaus gerast war. Ach, du Scheiße! Er hatte den Termin nach mir gehabt.

Doch nicht deswegen hatte ich ihn tausendmal nach meinem Termin bei Kentwell angerufen, sondern wegen mir. Ron hatte mich immer weggedrückt. Genau wie Tina, die ich auch ständig zu erreichen versucht hatte. Rons Augen waren noch roter als meine.

„Emma“, schluchzte er und schlang seine Arme um meinen Hals, wobei er mich gleichzeitig in eine dunkle Ecke der Bar zerrte. „Jonathan hat mich verlassen.“

Oh Gott!

Ich sank auf einen halbrunden Vorsprung, der aus der Mauer kam und von vielen Gästen als Sitzfläche missbraucht wurde. Ron kletterte mir beinahe auf den Schoß.

„Er hat einfach seinen Koffer gepackt und ist gegangen. Er hat gesagt, er kann das nicht. Dabei hat er es mir hoch und heilig versprochen! Und ich habe zu ihm gesagt: Wenn du jetzt allein durch diese Tür gehst, dann ist es für immer! Wie du meinst, hat Jonathan gesagt und die Tür hinter sich zugeknallt. Ich bin ihm natürlich hinterher, doch er hat mich angeschrien, dass er mich nie wiedersehen will. Du hättest seine Augen sehen sollen. Sie waren voller Hass.“

Dieser Tag war wirklich kaum noch zu toppen. Fehlte bloß noch, dass auch über Tina der Himmel eingestürzt war. Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, dass das durchaus sein konnte. Bei dem Glück, das unsere kleine Wahlfamilie hatte!

Ich wäre mir schäbig vorgekommen, wenn ich meinem besten Freund jetzt noch von meinem Problem oder von einem eventuellen Problem Tinas vorgeheult hätte. Ron war am Boden zerstört. Wie sich nach mehrmaligem Nachfragen meinerseits herausstellte, war Jonathan allein zur goldenen Hochzeit seiner Eltern gefahren, obwohl die beiden eigentlich morgen, nachdem Ron seine Abschlussnote erfahren hatte, gemeinsam fahren wollten.

„Was ist denn mit deiner Abschlussnote? Du bist doch bei Prof. Kentwell gewesen?“

Ron schaute mich verständnislos aus seinen verheulten, rot geränderten Augen an.

„Du hattest heute einen Termin in der Uni.“

„Glaubst du, mich interessiert jetzt noch mein Studium? Jonathan war mein Leben. Und jetzt ist er weg! Ich muss mit Rudy sprechen. Nein, sag du ihm, dass ich heute nicht arbeiten kann, Emma. Ich muss hinter Jonathan her.“

Mit diesen Worten rannte Ron aus der Bar. Nicht nur ich sah ihm mit aufgeklapptem Mund nach.

„Wo will der denn jetzt hin?“, fragte Kelly panisch.

„Liebeskummer”, sagte ich matt.

„Na super. Dann hänge ich mich jetzt ans Telefon, um Ersatz für ihn zu beschaffen. Drück mir die Daumen, dass ich damit erfolgreich bin, denn sonst können wir die After Work Party, die gleich hier startet, allein stemmen.“

In dem Moment betraten zwei Pärchen die Bar. Obwohl das Licht schummrig war, erkannte ich gleich, um wen es sich bei den vier Personen handelte.

Nein ...

Nicht auch noch die.

Das war eindeutig zu viel für mich. Mein Maß für heute war voll. Ich duckte mich und verließ die Bar durch den Angestelltenausgang. Sally, Thea und ihren beiden Männern konnte ich unmöglich gegenübertreten. Da verlor ich lieber auch noch meinen letzten Job.






Wer behauptete eigentlich, Mathematikerinnen würden logisch denken und mit dem Kopf? Der- oder diejenige hatte mich noch nicht kennengelernt. Ich rannte wie ein geschlachtetes Huhn über die 121. Straße und zermarterte mir abwechselnd das Gehirn, ob ich nicht doch zu blöde war für die Mathematik und darum nur die zweitbeste Note verdient hatte. Oder ob ich selbst zu blöde war, um einen einfachen Job als Aushilfe in einer Bar zu behalten.

„Mein Leben ist gelaufen“, heulte ich und sprang Tina an den Hals.

„Aber Süße ...“

Tina arbeitete immer noch in der Escort-Agentur. Doch seit sie diese Riesenkugel vor sich her schob, machte sie meistens Bürodienst, denn Männer, die so schräg drauf waren, dass sie für eine Nacht mit einer Schwangeren ein Vermögen ausgaben, waren rar gesät. Abgesehen davon war Tina dafür noch nicht schwanger genug. Diese Nische zahlte sich erst im letzten Monat der Schwangerschaft aus.

„Ich bin so doof“, heulte ich und schüttele Tina tränenreich mein Herz aus. Angefangen von dem Masterarbeit-Desaster und der Tatsache, dass meine beiden Studentenjobs jetzt flöten waren, bis hin zu der Tatsache, dass ich gerade auch noch meinen Barjob geschmissen hatte.

„Aber was ist denn passiert, Süße? Warum musstest du denn aus der Bar fliehen, obwohl du doch jetzt eigentlich mehr Stunden dort arbeiten müsstest?“

Tina streichelte mir den Rücken und gab mir kleine Küsse ins Haar, was mich noch mehr heulen ließ, da die zärtlichen Gesten mich jetzt auch noch an Jacob erinnerten. Das war nämlich fast noch das Schlimmste an der ganzen Geschichte: In der Zwischenzeit hatte ich fast vergessen, dass dieser Mann nicht ganz richtig tickte mit seiner Callgirl-Bucherei. Jetzt liebte ich ihn nur noch.

„Nun beruhige dich mal wieder. Das ist doch alles halb so schlimm“, redete meine Freundin mit Engelszungen auf mich ein. „Du gehst jetzt ins Bad, wäschst dein Gesicht und dann rufst du Rudy an.“

„Aber Rudy ist doch gar nicht da.“

„Umso besser. Dann hat dein Boss noch nichts bemerkt. Sprich mit einem Kollegen. Am besten mit einem männlichen. Die sind sowieso verständnisvoller.“

„Es ist doch nur Kelly da. Was soll ich der Armen denn erzählen? Dass ich die Freunde von deinem Ex-Kunden gesehen habe, in den ich mich unsterblich verliebt habe? Kelly muss die ganze After Work Party allein schmeißen. Ich habe sie im Stich gelassen.“

Schon wieder strömte literweise Tränenflüssigkeit aus mir heraus. Meine Nase fühlte sich an, als hätte sie die Ausmaße einer riesigen Folienkartoffel.

„Du hast aber auch gar keine bösen Ideen“, schimpfte Tina mich scherzhaft aus. „Du sagst, dass du plötzlich eine flotten Heinrich bekommen hast und die Waschräume der Bar nicht versauen wolltest. Sowas leuchtet jedem ein.“

„Flotter Heinrich?“

„Durchfall, du Dummerchen.“

„Ich schäme mich so, dass ich mich so gehen lasse. Dabei ist Ron doch viel schlimmer dran als ich.“

„Der hat auch ein Problem? Meine Güte, da ist ja was los bei euch.“

Das von Ron wusste Tina noch nicht, und ich klärte Tina, die ja eigentlich genug eigene Probleme hatte, aber wenigstens kein neu dazu gekommenes, auch über das Problem unseres Freundes mit seinem Freund Jonathan auf.

„Ron soll sich mal nicht so künstlich aufregen. Das gibt sich doch wieder. Jonathan ist einfach noch nicht bereit für ein Coming-out vor seiner Familie“, meinte Tina gelassen.

Seit sie sich gegen die Abtreibung und für das Baby entschieden hatte, war Tina sowieso die Gelassenheit in Person. Sie hatte die letzten grünen Brocken ins Klo gespuckt und bereitete sich seitdem auf ihre Rolle als Mutter vor.

„Ich bewundere dich so sehr, Tina“, jaulte ich.

„Mann, Emma, jeder Mensch hat ein Recht darauf, sich auszuheulen, wenn es ihm schlecht geht! Deine Probleme sind auf jeden Fall ernster als die von Ron, die sich, glaube mir, ga-ran-tiert in Luft auflösen werden. Gib mir dein Handy, dann ruf ich für dich in der Bar an. Ich regele das.“

„Das willst du wirklich für mich tun?“

„Hast du vergessen, was du alles für mich getan hast, Mutter Theresa?“

„Aber das war doch selbstverständlich.“

„Und was glaubst du, was das ist, was ich jetzt für dich tue?”

Tina riss mir mein Handy aus der Hand und rief in der Bar an.

Während sie mit Rudy, der inzwischen in der Bar aufgetaucht war, herumalberte, dass ich angeblich bereits mit dem Klo verwachsen wäre, stopfte ich mir zur Beruhigung Tinas Kekse rein. Es waren selbst gebackene. Seit Tina sich auf ihre Mutterrolle vorbereitete, kochte und buk sie andauernd.

„So, meine Süße, Kelly hat zwei deiner Kollegen erreicht und dein Job ist gerettet. Du kannst so viele Stunden machen wie du willst, hat Rudy gesagt. Du gehst morgen einfach pünktlich zur Arbeit und gut ist.”

Ich verschlang Tinas letzten Keks und warf mich ihr wieder an den Hals. „Danke, Tina, danke! Ich wüsste nicht, was ich ohne dich tun sollte!“

„Jetzt krieg dich mal wieder ein. Und die zweitbeste Note zu bekommen ist auch kein Verbrechen. Ich wäre froh, wenn ich überhaupt einen Abschluss hätte. Irgendjemand wird dich schon einstellen. Und warum willst du überhaupt unbedingt an ein College? Das hattest du doch jetzt wohl lang genug, um zu wissen, dass da auch bloß Idioten rumlaufen.“

Tina hatte ja irgendwie recht. Ich schniefte trotzdem furchterregend.

„Kannst du mal einen Moment aufhören mit der Heulerei? Hier ruft ein Kunde an.”

„Ja, sofort“, heulte ich.

„Ich meine es ernst.“ Tina hielt den Hörer bereits in der Hand.

„Was ist?“, fragte ich bibbernd. In Tinas Augen stand plötzlich so ein komisches Glitzern und sie blies die Backen auf wie zwei Ballons.

„Die Nummer kenne ich.“

„Wenn es der Vater deines Kindes ist, das Schwein, dann gib mir das Telefon“, platzte ich heraus, bereit für die Rechte meiner Freundin und ihres Kindes zu kämpfen.

Tina schüttelte den Kopf und legte ihren Zeigefinger auf die Lippen, damit ich die Klappe hielt. Sie drückte sich den Hörer ans Ohr.

„Agentur Florence. Mein Name ist Charlene. Was kann ich für Sie tun, Sir?”



4




SHIT MEETING

JACOB


Dienstbesprechungen gehörten nicht gerade zu meiner Lieblingsbeschäftigung. Das einzig Gute daran waren der Kaffee und die leckeren Kekse.

„In diesem Fall muss es aber sein“, wies Melanie mich streng zurecht und öffnete die Tür des Besprechungszimmers.

Augenblicklich stürmten meine übrigen vier Mitarbeiter in den Raum.

Kein Mensch, der den enormen Umsatz von Morgan Inc. kannte, hätte je geglaubt, dass die saftigen Gewinne, die meine Firma einfuhr, mit einem nur sechsköpfigen Team zustande kamen.

Das Motto von Morgan Inc. lautete: Klasse statt Masse. Ich stellte niemanden ein, der nicht für seinen Job brannte, arbeitete nur mit den besten der Besten. Weit überdurchschnittliches Fachwissen gepaart mit Scharfsicht und einem erschreckenden Instinkt für den Markt waren aber nur die eine Seite der Medaille. Noch wichtiger war mir das Menschliche. Wenn das stimmte, wuchs jeder einzelne weit über sich hinaus. Und damit meinte ich keinen Sex in the Office.

Ob es den gab, wusste ich nicht. Ich wollte es mir auch nicht vorstellen, dass Beth mit Jim auf dem Kopierer …

Nein, ich glaubte es nicht, denn dann wäre der längst nur noch ein kleiner Haufen Schrott, den die Putzfrau, die täglich zwei Stunden lang für Sauberkeit und Ordnung bei uns sorgte, längst beseitigt hätte.

Ich schüttelte mich und konzentrierte mich auf die gute Stimmung, die um mich herum herrschte. Hochmotiviert, bestens gelaunt und augenscheinlich hungrig versammelte sich meine großartige Mannschaft um den runden Besprechungstisch. Drei Männer und drei Frauen, die Spaß an der Arbeit hatten - und an Kaffee und Keksen.

„Aaaaah, Mel, du bist die Beste. Die Kekse vom Iraner!“

Beth, 130 Kilo geballte Überzeugungskraft, wegen zehn verkaufter Getreidesilos mit neuartiger Kühlelektronik Mitarbeiterin des Monats, stopfte sich drei von den hellen Krümelkeksen in den Mund.

Alle lachten. Selbst bei mir war das Eis jetzt gebrochen. In jedem Fall konnten wir sechs uns aufeinander verlassen und hatten das Schiff noch immer sicher durch so manchen scharfen Sturm gelenkt. Die Konkurrenz schlief nicht. Als florierendes Unternehmen ruhten die neidischen Augen der anderen immer auf uns. Doch am Ende waren wir stets noch stärker aus den Stürmen hervorgegangen.

Nicht, dass meine Leute sich nie untereinander austauschten, doch bis alle mit Kaffee versorgt waren, nutzten sie die Gelegenheit, ein paar dringende Dinge zu besprechen. Ich lehnte mich zurück und grinste zufrieden vor mich hin. Das waren meine Leute. Ich liebte sie alle!

Melanie schlug den Kaffeelöffel gegen meine Tasse. Das helle Klingeln sorgte für sofortige Ruhe.

„Es tut so gut, euch mal wieder alle auf einen Haufen zu haben. Und jetzt übernimmt der Boss.“

Melanie verzog ihren in einem dezenten rotbraun geschminkten Mund zu einem Lächeln und alle anderen nickten schelmisch.

Ich ließ nichts auf Melanie kommen, aber das, was ich jetzt tun musste, hätte sie viel besser gekonnt. Ich war gut darin, mit Zwischenhändlern, Produzenten und so weiter zu verhandeln, aber dieses Geschwafel in den Besprechungen … Der böse Blick, den ich Melanie von der Seite zuwarf, brachte alle zum Lachen.

Ja, so kannten wir unsere Melanie. Was sie wollte, dass wollte sie. Und was nicht, das eben nicht. Genau darum war sie meine Assistentin. Ich hatte also keinen Grund, mich zu beschweren. Im Übrigen wusste hier natürlich jeder, wie sehr ich diese Besprechungen liebte.

„Wie ich seit meinem letzten Ausflug nach Big Apple jetzt ganz sicher weiß, will Bailey Inc. aufrüsten“, eröffnete ich die Sitzung.

„Christian Bailey? Der Australier mit den sauteuren australischen Landmaschinen? Der, der die BIG RED MILK MACHINE erfunden hat?“ Carla, eine Mutter von fünf Jungs und dementsprechend durchsetzungsfähig, wackelte mit den Augenbrauen.

Melanie zwinkerte munter in die Runde.

„Er sieht in Wirklichkeit noch besser aus als auf den Fotos. Und damit meine ich nicht die Melkmaschine, der er im Übrigen bloß das Branding und die Farbe verpasst hat. Rot statt blau. Ein genialer Marketing-Schachzug, das gebe ich zu, aber sonst steckt rein gar nichts dahinter. Trotzdem clever. Worauf ich eigentlich hinaus wollte, Ladies”, Melanie schnalzte mit der Zunge, „Bailey ist wahrhaft First Class.“

„Wenn Bailey mit Klotz Inc. fusioniert, können wir einpacken“, bemerkte ich, um das Gespräch mal von Baileys äußeren Vorzügen abzulenken.

Ein Raunen ging durch den Raum. Gut so. Denn Klotz Inc. war uns ganz dicht auf den Fersen. Vielleicht war es auch umgekehrt. Im Grunde waren sie die einzigen Konkurrenten, die uns wirklich gefährlich werden konnten. Sie waren größer als wir, zudem waren sie länger auf dem Markt. Zusammen mit Bailey würden sie alles vom Markt fegen, was Rang und Namen hatte. Also auch uns. Und das machte mir wirklich ernsthafte Sorgen. Sonst wäre ich auch gar nicht mit Melanie zu der Messe nach New York gefahren, wo ich im Übrigen mit drei Brillenschlangen gevögelt hatte. Der mieseste Sex, den ich je gehabt hatte.

„Der Kanguruh-Mann ist an Klotz Inc. dran?“ Jim runzelte die Stirn, die sich bei ihm von der Nasenwurzel bis zum Nacken erstreckte.

„Nennen wir ihn doch lieber Surfer Boy.” Beths Schmunzelton täuschte. Sie war zutiefst alarmiert, was ich unschwer an ihrem gigantischen Doppelkinn ablas, das fast noch größer war als ihre Brüste. Immer wenn die aktuelle Mitarbeiterin des Monats in Sorge war, blähte sich ihre untere Gesichtshälfte samt Hals auf wie die Gurgel einer Kröte.

„O. k., Leute, wir haben den Ernst der Lage erfasst. Momentan ist Bailey noch offen. Das heißt, mit Klotz Inc. haben bis jetzt noch keine Verhandlungen stattgefunden, soweit ich weiß. Uns hat er inzwischen auch kontaktiert. Lasst uns also den ultimativen Schlachtplan aufstellen, wie wir Bailey davon überzeugen, dass er mit niemand anderem als mit uns fusioniert“, lenkte ich die Aufmerksamkeit auf die anstehende Aufgabe.

„Wir sind die Besten“, sagte Otto, dessen Vorfahren aus Deutschland stammten, vollmundig. „Wir bringen seine australischen Luxusmaschinen auf jeden amerikanischen Acker.“

„Das wissen wir“, murmelte ich und wunderte mich über Ottos hohle Phrase.

Melanie nickte und brachte es für mich auf den Punkt: „Die Frage ist, wie wir ihn von uns überzeugen. Da Bailey der Presse zufolge hetero ist, kommen wir mit unserem hübschen Boss nicht weit.“

„Dann musst dieses Mal du ran, Melly-Sexy“, grinste Paul.

Melanie warf mir einen finsteren Blick zu. „Das habe ich Jacob bereits vorgeschlagen, aber er hält mich für ungeeignet.”

„Ich lass doch nicht meine Assistentin von diesem Flachleger verheizen“, knurrte ich.

„Wann soll denn das Überzeugungsmanöver stattfinden? Ich meine, vielleicht kann ich bis dahin die Hälfte meines Gewichts verlieren.“ Zur Bekräftigung genehmigte Beth sich noch ein paar von den garantiert kalorienarmen Krümelkeksen, die ausschließlich aus reichlich Butter, Honig, feinstem Weißmehl und Gewürzen hergestellt wurden.

„Übernächstes Wochenende ist die Big Land Fair in Philadelphia. Ich fliege rüber nach Phili”, sagte ich.

Jim schüttelte bekümmert den Kopf. „Das schaffst du nicht, Beth.“

„Also, Leute, kommt jetzt. Werft Melanie eure Ideen rüber. Von der Oper bis zum Sauna-Club grabt alles aus, was euch einfällt und einen Mann wie Bailey beeindruckt. Table Dance, Rudel-Popp … Legt euch keine Ketten an. Höchstens, dass dem Australier die Peitschenhiebe über den Arsch zischen. Von mir aus besorgt ihm eine Domina, sofern er darauf steht. Und dann klemmt euch dahinter, dass ich Karten habe und einen Terminplan.“

Ich hatte jetzt endgültig genug von der Besprechung, es war eh alles gesagt. Meine Mitarbeiter waren ja nicht schwer von Begriff. Ich schnappte mir ein paar Kekse, schlug sie in eine von den Blümchenservietten ein, die wir neuerdings im Büro hatten, und erhob mich geräuschvoll von meinem Stuhl.

„Willst du denn in dem Fall kein Callgirl springen lassen, das die ganze Zeit dabei ist? Vielleicht diese Charlene, mit der du die Season of Peaches gerockt hast. Die hat doch bestimmt auch die Domina-Nummer drauf, also für den Fall, dass der Mann aus Down Under so tickt“, rief Jim in den Raum.

Ich versteifte mich und hinter mir ging mein Stuhl zu Boden.

Jim hatte ja keine Ahnung, was für einen Aufruhr er mit seiner gut gemeinten Bemerkung in mir auslöste. Auch nach New York hatte ich weitere Brillenschlangen gevögelt. Zehn dürften es inzwischen insgesamt sein, doch die Konfrontationstherapie zeigte keinerlei Wirkung.

„Ein Mädchen habe ich bereits festgemacht. Eine Theresa“, beeilte sich Melanie mit einem sorgenvollen Seitenblick auf mich zu betonen.

Otto hob den umgefallenen Stuhl auf.

„Danke“, ich nickte jedem meiner großartigen Mitarbeiter einzeln zu, „dann kümmere ich mich um eine Verabredung mit Bailey. In Philadelphia.“

„Und wir sorgen für das Rahmenprogramm“, verkündete Melanie unter dem tosendem Beifall aller.



5




SCHICKSAL

EMMA


„Das ist Schicksal. Es kann nur Schicksal sein. Überleg doch mal“, sagte Tina aufgeregt zu mir.

Schnaufend zog ich die Decke über meinen Kopf. Schicksal. So ein Scheiß.

Meine Freundin riss die Decke von mir runter und ich lag frei auf meinem Bett. Schnell presste ich mir das Kopfkissen aufs Gesicht.

„Jetzt sei doch vernünftig“, maulte Tina.

„Was glaubst du, was ich gerade bin“, presste ich hervor.

Ich schwitzte jetzt schon wie ein Schwein unter meinem Kissen, während der Rest meines Körpers fror, weil ausgerechnet mitten im Winter im ganzen Haus die Heizung ausgefallen war. „Gib mir die Decke zurück.“

„Erst, wenn du bereit bist, darüber nachzudenken.“

„Ich habe darüber nachgedacht“, motzte ich in mein Kissen.

„Aber du bist zum falschen Ergebnis gekommen.“

Das war Tinas Logik. Sehr witzig.

Sie begann damit, an meinem Kissen zu zerren. Für eine Schwangere hatte sie ganz schön viel Kraft. Irgendwie für zwei, was vermutlich daran lag, dass sie neuerdings tatsächlich für zwei futterte. Wenn sie wenigstens die stinkenden Gewürzgurken essen würde, die den Kühlschrank verpesteten. Stattdessen war unser Schokovorrat schon wieder aufgebraucht.

„Wenn ich das Kissen loslasse, fliegst du quer durch den Raum“, warnte ich sie.

„Das wagst du nicht.“

„Bist du sicher?“

„Du willst nicht riskieren, dass das Baby zwei Monate vor dem errechneten Geburtstermin das Licht der Welt erblickt.“

Da hatte sie auch wieder recht. Tina ließ das Kissen endlich los und sagte: „Mensch, Emma!“

Ich steckte mir das klumpige Federkissen in den Nacken und wischte mit dem Ärmel meines Rollkragenpullovers den Schweiß aus meinem glühenden Gesicht. Tina breitete die Decke über mir aus. Danach kroch sie zu mir in die Federn.

„Was verlierst du, wenn du es tust?“

„Er hat sich für das Wochenende ein Callgirl gebucht! Er ist ein schräger Typ! Genau aus dem Grund bin ich damals abgehauen. Weil ich mir nämlich schon ganz richtig dachte, dass er nicht richtig tickt. Wie wir jetzt endgültig wissen, lag ich damit absolut richtig. Er hat es wieder getan. Ich bin froh, dass ich damals in den Flieger gestiegen bin.“

Ich streichelte über Tinas runden, festen Bauch. Manchmal strampelte das Baby. Aber jetzt war es ruhig. Wie schade. Diese winzigen Füßchen, die sich durch Tinas Bauchdecke drückten, hatten eine beruhigende Wirkung auf mich.

Tina schob meine Hand beiseite.

„Lass sie schlafen.”

„Es wird ein Mädchen?”, kreischte ich auf.

„Woher soll ich das wissen?”

Das fragte ich mich auch. Tina und ich gingen immer zusammen zu ihrer Gyn. Dort hielten sie uns schon für ein lesbisches Paar, das sich einen Samenspender genehmigt hatte.

„Warum sagst du es dann?”

„Nur so. Es fühlt sich persönlicher an.”

Aber Tina hatte keine Lust, weiter über unser Baby zu reden.

„Nach mehreren Monaten hat Jacob Morgan zum ersten Mal wieder in der Agentur angerufen. Zum Glück! Und zum Glück hatte ich Bürodienst. Und jetzt sag noch einmal, dass das kein Schicksal ist! Ich sage dir jetzt, wie ich das sehe, Emma: Der Mann hat gelitten wie ein Hund, weil du ihn hast abblitzen lassen. Du hast dem Mann, der wie Richard Gere in Pretty Woman hinter dir her gehetzt ist und dir sein Herz zu Füßen legte, das Messer ins Herz gerammt.”

„Abgesehen davon, dass ich kein Herz zu meinen Füßen sehe: Ich soll ihm den Todesstoß verpasst haben?”

„Wer denn sonst? Jedes Mal, wenn er hinter dir her telefoniert hat und du seine Anrufe weggedrückt hast, hast du ihm das Messer nochmal ins Herz gestoßen. Wieder, wieder und wieder …”

„Meinst du nicht, dass du übertreibst?”

„Wenn du nicht meine allerbeste Freundin wärst, der ich praktisch mein Leben zu verdanken habe, und wenn ich nicht wüsste, dass du diesem Mann jede Nacht und auch bei jeder anderen Gelegenheit nachheulst, hätte ich nur Mitleid mit ihm und nicht mit dir!”

„Du weißt, dass das nicht stimmt.”

„Sag mal, hältst du mich eigentlich für bescheuert? Meinst du, ich krieg es nicht mit, wenn du in deinem Zimmer heulst?”

„Das ist nicht wegen ihm.”

„Lüg nicht!”

„Ich heule um meine Karriere.”

„Für deine Karriere schreibst du Bewerbungen.”

„Das auch, aber nebenbei heule ich.”

„Klappe! Ich spreche jetzt ein Machtwort. Ich treffe diese Entscheidung für dich. Du hast da kein Wort mitzureden. Du fährst an diesem Wochenende nach Philadelphia und bringst das, was du kaputt gemacht hast, in Ordnung!“

Mit Verlaub, aber meine Freundin spinnte ja wohl! Vielleicht war mein Herz noch nicht auf dem Weg der Genesung, aber schlimmer werden konnte es nicht mehr. Also konnte es nur besser werden. Schlimmer wurde es nur, wenn ich den Mann wiedersah. Warum also sollte ich nach Philadelphia fahren und irgendwas in Ordnung bringen, was noch nie in Ordnung gewesen war. Was im Grunde genommen niemals existiert hatte?

„Was, wenn ich es nicht tue?“

„Dann, dann … Dann gebe ich dein Patenkind zur Adoption frei!“






Bartüren in Hotels, die zur Hälfte aus Glas bestanden, waren nicht die günstigsten Bauteile, um sich dahinter zu verstecken. Wenn dann noch alle drei Minuten ein Gast auf einen runter guckte, und fragte, ob er was für einen tun könne, sah man sich sehr bald nach einem anderen Aufenthaltsort um.

Das Problem war nur, das ich dann entweder hätte gehen oder die Bar betreten müssen. Da Gehen ausschied, weil es bedeutete zu kneifen, kauerte ich weiterhin hinter dem rechten Türflügel und drückte mir die Nase in der unteren rechten Ecke der Scheibe platt.

Da saß er. An der langen Seite des Tresens, der eine U-Form hatte. Ich erkannte nur ein Stück von seinem Rücken. Sein Barhocker stand etwas weiter nach hinten im Raum als die Sitzgelegenheiten der anderen. Er saß auch nicht ganz auf dem Hocker, sondern sein kleiner, muskulöser Knackarsch küsste die gepolsterte Sitzfläche und seine Beine berührten den Boden. An den angewinkelten Armen erkannte ich, dass er sein Glas mit beiden Händen hielt. Manchmal bewegte sich der rechte Ellbogen und sein dunkler Schopf nickte erst ein wenig, bevor er sich leicht in den Nacken legte. Das war der Moment, in dem er einen Schluck trank. Wein, nahm ich an, denn vor meinem inneren Auge erstand das Bild von dem Hasenessen am ersten Abend unserer Begegnung auf. Damals hatte er jede Menge davon getrunken.

Auf meinem Beobachtungsposten hätte ich Alkohol gebrauchen können. Ich war so ein Feigling. Nur noch ein paar Minuten, sagte ich mir, glaubte mir aber selbst nicht.

Andererseits sprach er mit der Frau, die neben ihm an der Bar hockte. Sollte ich in das Gespräch reinplatzen?

Ja, natürlich! Was denn sonst?, hörte ich Tinas Worte in meinem Ohr.

Gut, dass sie nicht bei mir war, sondern zu Hause auf dem Sofa lag und Babyzeitschriften studierte. Und auch gut, dass ich mein Handy abgeschaltet hatte.

Allein bei dem Gedanken, mich auf die Füße zu stellen, meine eingeschlafenen Beine aufzuwecken und in die Bar hinein zu marschieren, brach mir der kalte Schweiß aus.

Plötzlich legte sich eine zarte Hand auf meinen Rücken. Sie gehörte zu der Rezeptionistin.

War die Frau denn wahnsinnig geworden? Ich hätte an einem Herzinfarkt sterben können!

„Wir beobachten Sie schon eine Weile“, sagte sie und nickte in Richtung der Rezeption, wo zwei Kolleginnen und ein Kollege von ihr hinter dem Tresen standen und irgendwie vorwurfsvoll zu mir sahen.

Immerhin stand ich jetzt aufrecht.

„Ich weiß, dass sie mich beobachten“, gab ich zu und grinste schief. „Aber ich dachte, Hotelpersonal wäre immer diskret.“

„Natürlich. Verzeihen Sie. Wir dachten, Sie bräuchten eventuell etwas.“

Ja, den Tritt in den Arsch, den Sie mir soeben verpasst haben.

„Ich bin da drinnen mit jemandem verabredet. Danke, Sie haben mir sehr geholfen.“

Ich trampelte leicht von einem Fuß auf den anderen, um meine kribbelnden Beine unter Kontrolle zu bringen und griff nach der Klinke. Aber ob ich sie wirklich runter drückte?

„Gern geschehen“, sagte die Rezeptionistin, zwinkerte mir zu und schob ab.

Drei, zwei, eins ...

Die Ballerinas an meinen Füßen waren fast so bequem wie meine Sportschuhe. Und das Kleid, das eigentlich ein T-Shirt für adipöse Männer war, ließ mir reichlich Luft zum Atmen. Die brauchte ich auch. Bei dem, was mir bevorstand.

Warme Luft, geschwängert von Alkohol und Parfüm, schlug mir entgegen und der Lärmpegel war enorm. Doch ich fühlte mich, als hätte mir jemand eine Käseglocke übergestülpt. Mir war schwindelig und heiß, meine Beine kribbelten, als wären darin ganze Ameisenarmeen unterwegs.

Ich würde das hier nicht durchstehen. Am besten, ich senkte den Kopf und verschwand. Doch ich konnte nicht. Ich war unter meiner Käseglocke wie festgeschraubt und starrte durch das Glas zu Jacob, der sich umdrehte, als hätte er mich gerochen wie ein Löwe die lahme Hyäne.

Mich traf der Blitz, während er den Anschein erweckte, als hätte er nur darauf gewartet, dass ich in meinen Schlabberklamotten hier auftauchte. Seine dunkle Haut, die hohen Wangenknochen, das schwarze Haar, das ich in unserer letzten Nacht mit meinen Händen durchgestrubbelt hatte, und das jetzt eng an seinen Kopf anlag, gaben meinem Herzen den Rest. Es hämmerte nicht mehr, es sprang durch den Raum, direkt in Jacobs Hände.

Ich musste wahnsinnig gewesen sein, als ich in den Flieger gestiegen war. Wie um alles in der Welt hatte ich es geschafft, seine Anrufe immer wieder wegzudrücken und meine Telefonnummer zu ändern?

Sein leibhaftiger Anblick knallte mich komplett aus den Puschen. Das durfte nicht wahr sein, welche Wirkung dieser Mann auf mich hatte. War das damals auch schon so gewesen?

Oder hatte ich mich in den vergangenen Monaten da reingesteigert?

Während ich wie angeschossen durch die Bar stolperte, direkt auf ihn zu, heftete ich meinen Blick auf den frisch gestutzten Bart.

Obwohl dieser Mann eindeutig der Jacob Morgan war, wegen dem ich mir die Augen aus dem Kopf geheult hatte, sah er nicht mehr aus wie das Tier, das mit mir auf der Schulter über eine mörderische Hängebrücke gerannt war und einige andere recht merkwürdige Dinge mit mir angestellt hatte, sondern wie ein supersexy Geschäftsmann.

„Theresa - Emma“, stellte er mit seiner angenehm dunklen Stimme mehr fest, als dass er es fragte. „Du steckst dahinter.”

„Japp“, sagte ich und wunderte mich überhaupt nicht, als ich stolperte, der rechte Ballerina wie ein Fußball durch die Bar flog und ich mit voller Wucht gegen Jacobs Brust knallte.




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