Tödliche Gier in Bansin
Elke Pupke


Eine Fischerhütte wird zum Tatort.

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Eigentlich wollen die Bansiner Fischer nichts anderes, als in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen. Aber dann liegt ein Toter in einer alten Fischerhütte am Strand. Und plötzlich sind sie alle verdächtig, denn der umtriebige und unbeliebte Geschäftsmann hatte große Veränderungen vor, die nicht jedem gefallen hätten. Wer wollte sie verhindern? Wer war in seine dubiosen Pläne verwickelt? Wer spielt ein falsches Spiel?

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Aber auch in seinem Privatleben ging es um viel Geld, um eine große Erbschaft, um Liebe, familiäre Zerrüttung und Hass. Denn der charismatische Mann hatte sich in der Vergangenheit Schuld aufgeladen, die ihm bis heute nicht verziehen wurde. Wieder einmal muss sich Tante Berta in die Ermittlungen der Polizei einmischen, denn sie weiß genau, dass Hauptkommissar Schneider auf der falschen Spur ist, wenn er ihre Freunde, die Fischer, verdächtigt. Sie muss sich beeilen, denn, wie erwartet, bleibt es nicht bei dem einen Mord. Die alte Pensionswirtin, ihre Nichte Sophie und deren Freundin Anne sind als Ermittlerteam erneut gefragt.








Elke Pupke




TÖDLICHE GIER IN BANSIN










Inhalt


Den Strandfischern auf Usedom gewidmet. (#u07ee349f-b5aa-5de3-8844-bdf6b19f1eb7)

Prolog (#u5d09453f-97fc-5f0a-83cc-081ceb78bda7)

Donnerstag, 04. Juni (#u0057d5c6-adae-5774-80a7-a5503ba7bcfe)

Freitag, 05. Juni (#u149548d9-546d-5cbf-ab11-d176fe111859)

Sonnabend, 06. Juni (#ua5561a5e-4914-5532-9216-44ad9b844f43)

Dienstag, 09. Juni (#u434487ef-f9cd-506f-8fd5-7ec62c55dc54)

Donnerstag, 11. Juni (#ub1362e5c-c768-5525-a403-dc75bb63a646)

Freitag, 12. Juni (#u7fcd0950-a279-5f08-ac4e-a159f0dbe9c6)

Sonntag, 14. Juni (#u1f106136-1c56-58cc-b878-14fa164e15f8)

Mittwoch, 17. Juni (#u302b6d9d-3c2f-5fe9-a326-acf3477592f0)

Donnerstag, 18. Juni (#u59d78a8f-52ba-5b45-8f66-4687ea2c02fa)

Montag, 22. Juni (#u49e517ad-f9cb-559a-8d60-419a505d0ed9)

Mittwoch, 24. Juni (#u2609db99-c95d-5676-b93b-e6c997f5dd7c)

Donnerstag, 25. Juni (#u836c4f1c-5820-5fa1-a22f-66b25237ee6e)

Freitag, 26. Juni (#u8d25803e-81ee-5abe-8ad1-7ba63759c596)

Sonnabend, 27. Juni (#ua982b10f-c758-507f-95ed-56f409461e9f)

Montag, 29. Juni (#u822829b8-d684-5d3d-8e16-95ddbbb0c553)

Montag, 06. Juli (#uc8d07b92-3a46-5121-b607-a72a1a9fda12)

Mittwoch, 08. Juli (#uf8b9d8db-d8b0-5260-91e9-9d3aa3c8c4b9)

Freitag, 10. Juli (#ub078da0b-d74e-5ddb-bf79-316b78c5fcb8)

Dienstag, 14. Juli (#u16a11b39-3e79-5c61-8cd5-ecfe9b2a7e5c)

Donnerstag, 16. Juli (#uf89fad6f-0b01-5226-96d5-a06d5a9c457a)

Freitag, 17. Juli (#u2bfdbc19-77ec-5042-9883-5d6d11db9b1b)

Sonnabend, 18. Juli (#u7ac76701-d80c-5d5a-ba51-b1ab84e51c57)

Mittwoch, 22. Juli (#u2c16a402-a023-5b83-9605-2481e0d29786)

Sonnabend, 25. Juli (#u7576b9cd-fed5-5fde-8913-d8027da9e369)

Dienstag, 28. Juli (#uda77ef9e-e1aa-51e1-b919-42ac267e9740)

Mittwoch, 29. Juli (#u958d6ac2-80d0-5dd1-a7b6-e22532ad8ddb)

Donnerstag, 30. Juli (#u6fd8d40e-c897-50a7-8afe-ca1252d92dfb)

Freitag, 31. Juli (#u02b29418-fe4c-59c5-a4d6-a0b240fd8e6b)

Sonntag, 2. August (#ud1c0ff96-0fce-5f60-8ad8-37c5be19c680)

Dienstag, 4. August (#ub7aadc1c-051b-5e39-ba54-fa106d4cdf02)

Freitag, 7. August (#u0a4255f1-5af8-54ac-9782-0baf232016f6)

Sonnabend, 8. August (#u80745739-77b3-52b1-af2e-456bdcab435e)

Dienstag, 11. August (#u38e089ae-0f2b-51c8-882a-49602705e0bd)

Sonnabend 15. August (#u2538e58f-3352-5c70-b5eb-bb8238374e52)

Sonntag, 16. August (#uddf4ec61-a9fe-5eb4-815d-2afb79c4b4f9)

Dienstag, 18. August (#u48e1c750-47d9-5ff2-b756-3cbb7550eb95)

Mittwoch, 19. August (#uccaf79ee-15b9-56b9-98c5-74b32b5287a2)

Donnerstag, 20. August (#uc2a370e1-d73d-5789-934a-bf1579e8a28a)

Epilog (#udf774be7-29fc-5a38-b5cd-a7fddc2a27ac)



Den Strandfischern auf Usedom gewidmet.




Prolog

Juni 2018


Es ist ein sehr heller Sommerabend. Die Insel ist voller Touristen, auf den Strandpromenaden drängen sich die Menschen, die Tische in den Restaurants und auf den Terrassen sind alle besetzt, alle Türen stehen offen, von überallher klingen Musik und Stimmengewirr. Saison an der Ostsee.

Hier am Peenestrom, an der Rückseite der Insel Usedom, ist es still. Die wenigen Häuser des kleinen Dorfes liegen verstreut zwischen Bäumen und Gärten. Die Gardinen vor den kleinen Fenstern sind zugezogen, hinter einigen sieht man ein schwaches Licht oder einen helleren Bildschirm. Ein Eichhörnchen klettert einen Baumstamm hinauf, eine Katze schleicht durch das Gras. Nur das Quaken der Frösche und das verschlafene Schnattern einer Ente stören die Stille.

Ein etwas wackliger Holzsteg führt durch das hohe Schilf bis ins tiefere Wasser. Die Frau lässt ihre hochhackigen, mit Strasssteinchen besetzten Sandalen und den pinkfarbenen Bademantel am Ufer liegen. Sie kichert vor sich hin, als sie vorsichtig über den Steg balanciert und sich an der Spitze hinsetzt. Sie ist nicht betrunken, nur sehr vergnügt, mit sich und ihrem Leben zufrieden. Gerade hat sie fast zwei Stunden lang mit ihrer Familie in Polen telefoniert. Die lebt auch in einem kleinen Dorf, aber ihren Lieben geht es nicht so gut, sie müssen hart arbeiten, um sich mit der Landwirtschaft über Wasser zu halten. Sie können auch nicht zu ihrer Hochzeit kommen, leider, sie haben gerade jetzt zu viel zu tun. Aber man wird die Feier in Polen nachholen. Darauf freut sich die Frau, sie malt sich aus, wie sie, elegant gekleidet, mit teuren Geschenken für die Mutter und die Schwestern ins Dorf kommt, wie ihre ehemaligen Freundinnen sie bewundern und beneiden werden.

Die Frau ist nicht mehr ganz jung und nicht mehr ganz schlank, ihr freundliches, rundes Gesicht zeigt Spuren eines abwechslungsreichen Lebens und viele Lachfältchen, das Haar ist etwas zu blond gefärbt.

Während des Telefonates hat sie den süßen Sekt getrunken, den sie so liebt, eine ganze Flasche. Vielleicht wird sie morgen früh Kopfschmerzen haben, doch jetzt geht es ihr gut. Sie geht jeden Abend um diese Zeit im Peenestrom schwimmen, zwischen acht und zehn Uhr, wenn ihr zukünftiger Ehemann die Tagesschau ansieht und danach einen Film, am liebsten einen Krimi.

In Gedanken an das Gespräch mit ihrer jüngeren Schwester, von der sie glühend beneidet wird, immer noch lächelnd, lässt sie die Beine im Wasser baumeln, dann gleitet sie langsam hinein. Es ist noch kühl, angenehm erfrischend.

Die Frau dreht sich auf den Rücken und will sich gerade mit den Füßen vom Steg abstoßen, als ihr Kopf plötzlich unter Wasser gedrückt wird. Der Angriff kommt völlig überraschend und der Kampf ist kurz. Zehn Minuten später treibt der leblose Körper im Wasser.

Roswitha Behrend ist genervt. Sie hätte den Krimi wirklich gern gesehen, aber nun hat sie mittendrin zehn Minuten verpasst und findet den Anschluss nicht mehr. Nur, weil ihre Schwiegermutter mal wieder etwas gesehen hat. Sie sieht dauernd etwas. Einbrecher, Spione, Terroristen. Alles, was gerade im Fernsehen gezeigt wurde, spielt sich für sie hier im Dorf ab. Heute war es eine Frau mit einer roten Mütze, die eine andere Frau im Peenestrom ertränkt hat.

»Da, am Steg«, zeigt sie aufgeregt nach draußen. »Sie hat ihren Kopf unter Wasser gedrückt. Die Enten haben ganz laut geschnattert.«

»Ja, ich rufe dann gleich die Polizei an.« Roswitha verdreht die Augen und ist froh, als ihr Mann endlich aufsteht und sich um seine Mutter kümmert. Sie setzt sich wieder vor den Fernseher, ohne auch nur einen Blick nach draußen, auf den Peenestrom, zu werfen.




Donnerstag, 04. Juni


Berta Kelling schnauft erleichtert, als sie die Pendeltür zur Küche der Pension aufstößt und ihre Einkäufe auf dem Boden abstellt.

»Ich glaub, ich werde langsam alt«, erklärt sie ihrer Nichte Sophie, die dabei ist, die Reste des Frühstücksangebotes im Kühlschrank zu verstauen. Der erhoffte Widerspruch bleibt aus. Sophie nickt nur und wirft einen kurzen Blick auf den prall gefüllten Stoffbeutel und den Einkaufskorb. Den Hinweis, dass die Schlepperei eigentlich unnötig ist, weil sie ihre Tante gern zum Einkaufen gefahren hätte, erspart sie sich.

Zum einen hatten sie diese Diskussion schon oft genug, zum anderen weiß sie, dass es der alten Frau weniger um die Lebensmittelbeschaffung als um die Begegnungen im Ort geht.

Es ist völlig normal, dass Berta erst nach zwei oder drei Stunden von dem nicht mal einen Kilometer entfernten Discounter zurückkehrt. Dann bringt sie zwar nicht das mit, was sie eigentlich einkaufen wollte, dafür aber jede Menge Neuigkeiten.

Sophie hebt den Korb auf den Küchentresen und packt aus. Mit dem frischen Gemüse ist sie zufrieden, über einen Becher Joghurt schüttelt sie den Kopf. »Ich hab den ganzen Kühlschrank voll davon!«

»Ja, ich weiß, aber das Zeug ist mir alles zu süß und zu künstlich. Ich hab mir Naturjoghurt gekauft, da tu ich das Feinfrostobst rein. Schmeckt und ist gesund. Leg mal die Himbeeren in den Tiefkühler. Ich brauche jetzt einen Kaffee.«

Der große runde Stammtisch, an dem sie sich mit ihrer Tasse niederlässt, war mal der Esstisch im vornehmen Haushalt von Bertas Großmutter und ist so alt, wie das Haus selbst. Das wurde vor mehr als hundert Jahren, während der Gründerzeit des Seebades, schon als Pension erbaut, hat zwei Kriege überstanden und war nach fast vierzig Jahren Nutzung als FDGB-Ferienheim beinahe abbruchreif.

Berta hat es 1989 zurückbekommen und hatte bereits schweren Herzens beschlossen, den alten Familienbesitz zu verkaufen. Bis heute ist sie jeden Tag dankbar und glücklich darüber, dass Sophie das Haus übernommen hat.

Die hat es sich damals gründlich überlegt, denn die alte Villa war wirklich in einem üblen Zustand. Zur DDR-Zeit wurde immer nur das Nötigste repariert, es wurde einfach heruntergewohnt. Auch der Denkmalschutz machte die Restaurierung und vor allem Modernisierung nicht gerade billiger.

Aber es hat sich gelohnt. Die Pension ist jetzt eines der schönsten Beispiele für wilhelminische Bäderarchitektur und steht direkt an der Bansiner Strandpromenade mit Blick auf den Strand und die Ostsee. Inzwischen ist sie sogar ganzjährig gut ausgelastet. Sophie wollte in diesem Jahr zwei Mitarbeiter mehr einstellen, um endlich einmal selbst weniger zu arbeiten. Die Pandemie und die damit verbundene Schließung des Hauses hat sie erst einmal ausgebremst.

Der Tisch, an dem Sophie und Berta jetzt ihren Kaffee trinken, steht in einer Nische zwischen der Rückwand der Rezeption und der Küche und ist vom Eingang nicht einsehbar, was mitunter von Vorteil ist, weil die eintretenden Touristen nicht gleich mit den Stammgästen konfrontiert werden. Denen hat Sophie zwar inzwischen das Qualmen verboten und auch die lautstarken Streitgespräche einigermaßen abgewöhnt, aber sie kann nicht immer verhindern, dass die Fischer, manchmal auch die Bauarbeiter, in ihrer Arbeitskleidung am Stammtisch sitzen und ab und an auch respektlose Bemerkungen über die anderen Gäste austauschen.

»Und? Was gibt es Neues in Bansin?«, fragt die Wirtin mehr aus Höflichkeit als aus Interesse. Ihre Tante ist ungewöhnlich ruhig, wirkt nachdenklich. Sicher sinniert sie wieder über Dinge, die sie gar nichts angehen. Wenn ihr das mal jemand sagen würde, wäre sie vermutlich völlig überrascht und würde es gar nicht verstehen. Sie ist nämlich davon überzeugt, dass in Bansin nichts passiert, was sie nichts angeht. Tante Berta kennt beinahe jeden Einwohner und scheut nicht davor zurück, sich auch in deren private Angelegenheiten einzumischen. Dass sie sich mit ihrer Art nicht bei allen beliebt macht, ist ihr völlig egal. Darüber denkt sie nicht einmal nach. Sie tratscht nicht und sie schadet auch niemandem, im Gegenteil, sie versucht nur zu helfen. Ob es den Leuten passt oder nicht.

»Man trifft nicht mehr viele Bansiner«, antwortet sie jetzt etwas missmutig. »Der Ort ist so voller Urlauber, dass du die Einheimischen dazwischen gar nicht mehr findest.«

»Na, Gott sei Dank!« Sophie sieht ihre Tante empört an. »Wolltest du vielleicht, dass es so bleibt wie im Frühjahr? Das war doch gruselig.«

»Ja, schon ein bisschen.« Berta nickt zögerlich. Ihr hat es auch nicht gefallen, dass der Ort monatelang wie ausgestorben war. Sie hat die ganzen achtzig Jahre ihres Lebens in Bansin verbracht und noch nie erlebt, dass es hier so ruhig war. Selbst bei strahlend schönem Wetter im April und Mai war kaum jemand auf der Promenade oder am Strand zu sehen gewesen. Berta hatte es als Vorteil empfunden, dass, wenn man doch einmal jemanden traf, es ein Einheimischer war, mit dem man reden konnte.

»Man sollte die Insel vielleicht jedes Jahr für zwei Wochen dichtmachen«, überlegt sie jetzt. »Dann könnten wir uns alle erholen und untereinander austauschen.«

»Na, das fehlte noch.« Sophie schüttelt den Kopf. »Auf solche Ideen kannst auch nur du kommen.«

»Nein, das haben einige gesagt, mit denen ich gesprochen habe.«

»Aber bestimmt keiner, der vom Tourismus lebt und das sind ja wohl neunzig Prozent der Bansiner. Die Beamten vielleicht, oder die Rentner, aber denen wäre es auf Dauer auch langweilig.«

Berta antwortet nicht, sie rührt nachdenklich in ihrer Kaffeetasse.

»Nun erzähl schon – was hast du für ein Problem? Oder wer hat ein Problem, um das du dich kümmern musst?« Sophie kennt ihre Tante genau.

Die überhört den gutmütigen Spott. »Ich habe die kleine Jule, die Tochter von Ruben Fux, beim Klauen beobachtet«, erzählt sie. »Sie hat das ziemlich geschickt angestellt, außer mir hat wohl niemand was gemerkt.«

»Und du hast es natürlich auch für dich behalten, denk ich.«

»Ja! Ich wollte die Kleine natürlich darauf ansprechen, aber sie war zu schnell weg.«

»Ist aber pädagogisch nicht sehr sinnvoll. Wenn sie merkt, dass es funktioniert, wird sie es wiederholen und irgendwann richtig in Schwierigkeiten geraten.«

»Ja, ich weiß. Deshalb wollte ich sie ja ansprechen.«

»Was hat sie denn eingesteckt? Süßigkeiten?«

»Nein. Das ist ja das Seltsame. Ein Buch. So einen schnulzigen Heimatroman.«

»Das konntest du erkennen?«

»Ich habe gesehen, wo sie ihn weggenommen hat.« Berta schüttelt nachdenklich den Kopf. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Kind so was liest …«

»Kennst du sie so gut? Wie alt ist das Mädchen eigentlich?«

»Dreizehn oder vierzehn, glaube ich.«

»Ach so? Ich dachte, sie wäre viel jünger. Aber ich kenne sie gar nicht. Wenn Ruben sie erwähnt, hat man den Eindruck, er spricht von einem Kind. Das ist sie dann ja gar nicht mehr. Ich habe in dem Alter auch alles gelesen, was mir in die Finger kam. Besonders gern Liebes-, Arzt und Adelsromane. Was alles so ungefähr das Gleiche war. Die haben wir immer untereinander getauscht. Weißt du noch?«

»Ja, ich weiß. Ihr habt die doch hauptsächlich gelesen, weil sie in der DDR verboten waren. Diese Art der seichten Literatur gab es ja nicht zu kaufen, dafür sehr schöne Kinderbücher.«

»Für Kinderbücher haben wir uns mit vierzehn zu erwachsen gefühlt. Und die Westschmöker hatten immer so ein schönes Happy End.« Sophie überlegt. »Ich glaube, nach der Wende habe ich keinen einzigen von der Sorte mehr gelesen.«

»Na, das hoffe ich doch«, murmelt Berta, mit ihren Gedanken immer noch bei Jule Fux.

»Was denkst du, sollte ich es Ruben erzählen? Oder bringe ich sie damit erst richtig in Schwierigkeiten? Ich will sie nicht anschwärzen, aber vielleicht braucht sie Hilfe …«

»Sicher, aber ob sie die von Ruben bekommt? Ich würde ihn nicht zum Vater des Jahres nominieren. Er spricht doch kaum von seiner Tochter. Wahrscheinlich kümmert er sich nicht viel um sie, weil er mit sich selbst genug zu tun hat.«

»Eben. Vielleicht braucht er mal einen Anstoß, damit er sie wahrnimmt. Ich denke allerdings, er verhält sich ganz normal. Du kannst ihn natürlich nicht mit Andreas Keller vergleichen, der gar kein anderes Thema als seine Kinder kennt.«

»Richtig. Und das ist auf Dauer ziemlich langweilig«, mischt sich Anne ein.

»Hast du noch ein paar Brötchen vom Frühstück übrig?«

Ohne die Antwort auf die rhetorische Frage abzuwarten, holt sie sich eine Tasse Kaffee und setzt sich mit auf die Eckbank. Sie streckt die langen Beine unter dem Tisch aus. Der Kater, den sie etwas beiseitegeschoben hat, miaut empört, geht dann aber in ein behagliches Schnurren über, als Anne ihn auf den Schoß nimmt und hinter den Ohren krault.

Sophie ist zwar in Berlin aufgewachsen, hat ihre Schulferien jedoch immer bei ihrer Tante in Bansin verbracht und Anne ist seit ihrer Kindheit ihre beste Freundin. Äußerlich könnten die gleichaltrigen Frauen kaum unterschiedlicher sein: Sophie kaum mittelgroß und zierlich, mit den gleichen strahlend blauen Augen wie ihre Tante Berta und Anne, deren naturroter Lockenkopf aus jeder Menschenansammlung herausragt. Aber sie verstehen sich ohne viele Worte, haben denselben Humor und das gleiche gestörte Verhältnis zu Männern, mit denen sie beide schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Anne hält sich häufiger in der Pension auf, als in ihrer kleinen Wohnung in einem Hinterhaus am Waldrand und betrachtet ihre Freundin und deren Tante als ihre Familie.

Etwas unzufrieden betrachtet sie jetzt das Tablett, das Sophie vor sie hingestellt hat. Zwei frische Brötchen, Wurst, Käse, Butter …

»Nutella gibt es nicht mehr und zwei Brötchen reichen. Nachher jammerst du wieder, weil du die Hose nicht mehr zukriegst. Besser wären allerdings Vollkornbrot und Quark.«

Anne greift schnell zu einem Brötchen und schneidet es auf. »Was ist denn mit Andreas und seinen Gören?«, wechselt sie das Thema.

»Gar nichts. Es geht eigentlich um Rubens Tochter.« Sophie erzählt, was passiert ist.

»Ich will sie wirklich nicht in Schwierigkeiten bringen«, fügt Berta hinzu, »aber ich fürchte, dass sie schon drinsteckt.«

Anne kennt Bertas Helfersyndrom und nimmt die Sache nicht so ernst. »Sie ist ein Teenager, da macht man schon mal Blödsinn. Vielleicht war es eine Mutprobe. Oder sie liest gern Liebesromane und schämt sich, einen zu kaufen. Ich glaube, sie ist ein bisschen verklemmt, wirkt jedenfalls sehr schüchtern.«

»Kennst du sie denn?«, fragt Sophie erstaunt.

»Na ja, vom Sehen eben. Sie wohnt doch bei mir im Vorderhaus.«

»Ja, natürlich«, fällt es Berta ein. »Du musst sie ja von klein auf kennen. Was hältst du von ihr?«

Anne zuckt mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Gar nichts eigentlich. Ich glaube, ich habe schon seit Jahren nicht mehr mit ihr gesprochen. Sie grüßt, sieht einen dabei aber nicht an. Irgendwie sieht sie immer traurig aus. Kann schon sein, dass sie Probleme hat, vermutlich mit ihrer Mutter.«

»Trinkt die wirklich?«, fragt Sophie. »Ruben deutete es ja immer mal an, aber er scheint es nicht so ernst zu nehmen, er macht sich eher darüber lustig.«

»Natürlich trinkt sie«, behauptet Berta verärgert. »Deshalb wechselt sie auch dauernd die Arbeitsstellen. Ruben mag das ja lustig finden, aber für seine Tochter, besonders in dem Alter, ist es das bestimmt nicht.«

Sie trinkt ihren Kaffee aus und weiß immer noch nicht, ob sie mit Ruben Fux über seine Tochter sprechen soll oder lieber nicht. Jedenfalls wird sie das Mädchen im Auge behalten.




Freitag, 05. Juni


Paul Plötz nimmt seine Schirmmütze ab, wischt mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und blickt über die Dünen hinweg zum Strand.

»Das sieht ja aus wie sonst im August«, sagt er zu Arno, seinem Kollegen, der hinter ihm aus der Bude getreten ist. »Hat Sophie nicht gesagt, die dürfen nur 60 % der Betten vermieten? Kontrolliert das einer? Ich glaub, sie ist die Einzige die sich daran hält. Die anderen bescheißen alle.«

»Glaub ich nicht. Die Hoteliers werden sich schon daranhalten. Die Gäste weichen in die Ferienwohnungen aus. Sogar bei uns im Dorf ist alles vermietet.«

»Stimmt. Bei uns in Sallenthin auch. Das ist doch mal gut.« Paul drückt die abgegriffene blaue Mütze wieder auf die schweißnassen Haare. »Deshalb sind auch so viele Radfahrer unterwegs. Die reine Pest ist das.«

Arno erwidert nichts. Er fährt selbst oft mit dem Rad zu seiner Arbeit am Strand und weiß, dass sein älterer Kollege ihn nur provozieren will. Außerdem wäre es ein Wunder, wenn Paul nicht auch etwas Negatives an einer eigentlich guten Sache finden würde.

Dabei hat der heute richtig gute Laune. Zufrieden betrachtet er die Aale, die sich noch in der Kiste winden. So einen guten Fang wie in diesem Jahr hatten sie schon lange nicht mehr.

Einen Teil der Fische hat Arno schon gesäubert, er steckt sie jetzt auf Metallspieße, um sie dann in den Rauch zu hängen.

Berta tritt heran und sieht ihm wohlwollend zu. Sie mag den ruhigen Fischer und hofft seit Jahren, dass aus der eher losen Liaison zwischen ihm und der zehn Jahre älteren Sophie endlich eine feste Beziehung wird.

»Willst du alles räuchern oder habt ihr noch ein paar für uns übrig?«, fragt sie jetzt.

Paul Plötz weist stolz auf die Kisten. »Kannst so viel haben, wie du willst. Arno bringt sie dir nachher hoch. Nimmst du lieber den dünnen oder auch ein paar dicke?«

»Ist egal. Den dünnen koch ich weiß, hab mir schon Dill mitgebracht und Petersilienwurzeln. Und eine Fischsuppe mach ich auch noch. Den Mittelaal werde ich braten, den dicken wohl auch, den schneide ich in dünne Scheiben.«

»Den ganz dicken Aal kannst du auch sauer einkochen«, schlägt Paul vor. »Der ist so fett, der geliert von ganz allein, da brauchst du gar nichts zu machen.«

»Ja, hast recht. Das hab ich schon lange nicht mehr gemacht.«

Berta freut sich. Auch so ein Gespräch hatten sie schon lange nicht mehr. In den vergangenen Jahren war sie froh, wenn sie Aal für den Eigenverbrauch hatten, in der Gaststätte wurde er deswegen selten angeboten.

»Schade, dass wir nicht alle Tische besetzen dürfen«, bedauert sie. »Die Gäste stehen Schlange vor der Tür. Wir könnten momentan doppelt so viel Umsatz machen.«

»Ja, hoffentlich ist dieser Mist bald vorbei.« Der Fischer seufzt. »Meine Frau hat beschlossen, dass ich jetzt einkaufen soll. Sie bildet sich ein, dass sie unter dieser Maske keine Luft kriegt. Und du weißt ja, wie gern ich das mache. Ich finde doch gar nichts in dieser großen Halle. Warum gibt es eigentlich keine kleinen Läden mehr?«

Berta lacht. Sie kennt Paul Plötz schon seit über siebzig Jahren, sein ganzes Leben lang. Ihre Familien waren befreundet und auch zu DDR-Zeiten, als das nicht erlaubt war, hat er sie mit Fisch versorgt. Außerdem ist er seit jeher Stammgast im Kehr wieder. Schon immer haben sie Freud und Leid und alle Probleme geteilt. Sie lässt ihn auch jetzt nicht im Stich.

»Dann bring mir deinen Einkaufszettel mit, ich mach das schon«, schlägt sie vor. »Mich stört an den Masken nur, dass man die Leute dahinter so schlecht so erkennt.«




Sonnabend, 06. Juni


Susanne Fux sitzt auf ihrem kleinen Balkon im Ahlbecker Seniorenpflegeheim und blickt versonnen auf die Ostsee. Das Wasser ist heute sehr blau, freundliche kleine Wellen bewegen die Oberfläche. Sie träumt davon, durch den weichen warmen Sand in das Meer zu laufen, zu schwimmen, sich auf dem Rücken liegend vom Salzwasser tragen zu lassen, schwerelos, nichts als Sonne und See – sie zuckt zusammen, als die Pflegerin ihr behutsam eine Decke über die Schultern legt.

Es ist tatsächlich noch etwas kühl. Auch die Ostsee wird noch zu kalt sein, sie würde nicht hineingehen, selbst wenn sie es könnte.

»Danke, Simone.« Sie lächelt die freundliche junge Frau an und will etwas sagen, als es an der Tür klopft. »Ach, da ist sie ja schon. Hast du uns Kuchen mitgebracht? Das ist lieb.«

Jule nickt und bleibt schüchtern an der Tür stehen. Die Pflegerin nimmt ihr das Paket aus der Hand.

»Nimm dir einen Stuhl und setz dich raus zu deiner Oma. Es ist heute so schön auf dem Balkon. Ich bringe euch Teller und Kaffee. Möchtest du auch etwas trinken? Einen Saft vielleicht?«

Jule schüttelt stumm den Kopf. Nicht noch mehr Zucker, der Kuchen ist schon schlimm genug. Sie wird ein Glas Wasser dazu trinken. Dass Oma sie aber auch immer so in Versuchung führt, wie soll sie da ihre Diät durchhalten. Aber die alte Frau liebt dieses süße Zeug nun mal und sie hat ja sonst nicht mehr viel Freude im Leben.

»Komm her, meine Kleine. Schön, dass du da bist. Ich hab dich gar nicht kommen sehen.«

Sie blickt zur Bushaltestelle hinüber.

»Ich bin mit dem Fahrrad gekommen.«

»Ach so. Ja, das ist doch schön. Es fährt sich gut auf der Promenade, nicht? Führt der Radweg jetzt eigentlich durch bis nach Bansin?«

»Ja.« Jule setzt sich ihrer Oma gegenüber an den kleinen Tisch und blickt sie liebevoll an. »Weißt du, woran ich mich erinnert habe? Wie du mich im Krankenhaus in Heringsdorf besucht hast, als ich mir den Arm gebrochen hatte. Da bist du auch immer mit dem Fahrrad gekommen und hast mir Kuchen mitgebracht.«

»Ja, du warst schon ein kleiner Süßschnabel. Dass du dich daran noch erinnern kannst! Du warst doch noch so klein, gingst noch nicht mal zur Schule.« ›Und deine Eltern hatten mal wieder keine Zeit für dich‹, fügt sie in Gedanken hinzu.

Simone stellt ein Tablett auf den Tisch. Sie hat den Kuchen auf zwei Tellern verteilt und für Susanne eine Tasse Kaffee dabei.

Während die beiden essen, sprechen sie über das Wetter und die vielen Gäste, die schon wieder auf der Insel sind. Traurig beobachtet Jule, wie schwer es ihrer Großmutter fällt, die Tasse zum Mund zu führen. Sie ist so schwach geworden in den letzten Monaten, als sie niemand besuchen durfte. Ob sie Schmerzen hat? Sie klagt eigentlich nie, aber Jule weiß, dass der Krebs immer weiterfortschreitet und nicht mehr heilbar ist. Sie hat große Angst, ihre einzige Vertraute bald zu verlieren.

»Ich hab dir was mitgebracht«, fällt ihr plötzlich ein. Sie bückt sich zu ihrer Umhängetasche und zieht ein Buch mit einer kitschig-bunten Gebirgslandschaft auf dem Einband heraus. »Einen Heimatroman. Die magst du doch, oder?«

»Ja.« Susanne freut sich ehrlich. »Früher habe ich oft Arztromane gelesen, da reicht mir jetzt die Praxis. Aber so etwas lese ich gern, dabei kann man herrlich abschalten. Danke, mein Schatz.«

Jule nickt zufrieden. Sie denkt ständig darüber nach, wie sie ihrer Oma den letzten Lebensabschnitt erleichtern kann. Nur ihr verdankt sie eine schöne Kindheit, sie war die Einzige, die ihr Liebe und Geborgenheit gegeben hat. Außerdem hat sie das Gefühl, die Kälte ihres Vaters ausgleichen zu müssen.

»In deine Aalkartoffeln könnte ich mich reinlegen. Die schmecken genauso, wie meine Mutter sie früher gekocht hat«, schwärmt Andreas Keller. Er schiebt den leeren Teller weg und lehnt sich zufrieden stöhnend zurück. »Ich glaube, ich brauche jetzt erst mal einen Schnaps, zur Verdauung.«

»Kriegst du.« Berta sieht die anderen Stammtischgäste an. »Was ist mit euch? Ich gebe eine Runde aus.«

Sophie geht an den Tisch und nimmt die Bestellung auf. Berta selbst, Andreas Keller und Ruben Fux trinken Kräuterlikör, Paul Plötz und Bruno Kerr, ein weiterer Stammgast, ordern Korn. Arno schüttelt den Kopf, als Sophie ihn fragend anblickt. Er mag keinen Schnaps, trinkt lieber ein Glas Weißwein.

»Meinst du, sie sagt was zu Ruben, wegen seiner Tochter?« Anne sitzt auf einem Barhocker, kann sich aber mit den Beinen auf dem Boden abstützen. Sie beugt sich über den Tresen und spricht leise zu ihrer Freundin. Auch Sophie blickt nicht zu ihrer Tante, sondern konzentriert sich auf die Getränke, die sie einschenkt. Sie schüttelt den Kopf. »Glaub ich nicht. Nicht, wenn alle dabei sind.«

»Ist auch besser so.« Anne ist erleichtert, ihr tut das Mädchen leid.

Sophie sieht nachdenklich zum Stammtisch hinüber. »Ich wüsste trotzdem gern, wie Ruben reagiert. Irgendwie kann ich mir den gar nicht als Vater vorstellen. Wie ist er denn so? Ich meine, wie spricht er mit seiner Tochter? Meckert er viel oder ist er eher locker? Hilft er ihr bei den Hausaufgaben, unternimmt er mal was mit ihr?«

Anne zuckt mit den Schultern. »Keine Ahnung. Wir wohnen ja praktisch nebeneinander, ich sehe sie ständig, doch wenn ich mir das so überlege, eigentlich nie zusammen. Die Kleine huscht verschüchtert über den Hof und Ruben – na, du kennst ihn ja. Immer laut, immer lustig, stänkert auch mal, aber ich glaube nicht, dass er das Mädchen schlecht behandelt. Jedenfalls nicht absichtlich. Ich kann mir vorstellen, dass er ziemlich großzügig ist und ihr viel Freiraum lässt, vielleicht auch mal einen Schein zusteckt.«

»Dann bräuchte sie ja nicht zu klauen.«

»Stimmt auch wieder.«

Sophie stellt noch zwei Gläser Bier auf das Tablett und trägt es zum Stammtisch. Anne sieht ihr zu, wie sie die Getränke verteilt und mustert dabei Ruben Fux.

Der Fünfzigjährige ist immer noch attraktiv, obwohl man ihm sein bewegtes Leben ansieht. Er ist groß und kräftig, das volle blonde Haar wird allmählich grau und die Gesichtszüge sind nicht mehr so markant wie früher, sondern von reichlich Alkohol aufgeschwemmt. Er gibt sich selbstbewusst, jovial, großzügig, dominiert noch immer jede Gesellschaft. Aber der Blick aus den auffallend blauen Augen ist nicht mehr ganz so strahlend, das verhindern dicke Tränensäcke.

Er zwinkert Sophie zu, als sie ihm das Bier hinstellt. Das Flirten liegt ihm einfach im Blut, er kann es nicht lassen und freut sich über den verärgerten Blick von Arno. Aber der sagt natürlich nichts, zum einen, weil es sinnlos wäre, Sophie mag Ruben nicht einmal und zum anderen sagt er ohnehin nie viel. Außerdem redet Andreas gerade. Ausführlich erzählt er von seinen zweijährigen Zwillingstöchtern, die sich in einer eigenen Sprache unterhalten, die niemand außer ihnen versteht.

»Interessant«, bemerkt Sophie, während sie die leeren Gläser vom Tablett räumt.

»Ja, findest du?« Anne verdreht die Augen.

»Ach, nun lass ihn doch. Die Kinder sind nun mal sein ganzer Lebensinhalt. Ich finde das sympathisch.«

»Ich finde es langweilig. Was hat der eigentlich früher gemacht, als er noch keine Kinder hatte?«

»Er war Schiffbauingenieur auf der Peenewerft.«

»Ach so? Und das hat er wegen der Kinder aufgegeben? Oder wegen seiner Frau, damit die sich um die alten Leute kümmern kann? Ist ja blöd. Er hat doch bestimmt viel mehr verdient.«

»Ja sicher, aber er war schon lange arbeitslos. Da hat sich das so ergeben.«

Anne schüttelt zweifelnd den Kopf.

Sophie mag Andreas Keller, sie bewundert ihn sogar ein bisschen. Wie liebevoll der mit seinen vier Kindern umgeht! Außer den Zweijährigen hat er noch eine vier- und eine zwölfjährige Tochter.

Den Haushalt hat er anscheinend auch im Griff, Simone ist zu beneiden. Aber als Altenpflegerin hat sie auch genug zu tun. Und das Geld ist immer knapp, trotz ihrer vielen Überstunden.

Das weiß auch Berta, die jetzt verhindert, dass Andreas Keller eine Runde ausgibt. Sie weiß, dass er notgedrungen sparsam ist, aber wenn er etwas getrunken hat, wird er leichtsinnig und er verträgt nun mal nichts. Ärgerlich sieht sie Ruben Fux an, der seinen Tischnachbarn provoziert.

»Was stänkerst du hier wieder rum?«, fährt sie ihn an. »Wenn du noch was trinken willst, bestell es dir selbst. Andreas hat genug, das siehst du doch. Und er muss früh aufstehen und sich um die Kinder kümmern.«

»Ja, mir reicht es auch.« Paul Plötz wird es zu ungemütlich. Außerdem muss auch er früh raus.

Arno nickt. Er blickt kurz zu Sophie, überlegt, ob er auf sie warten könnte, beschließt dann aber, in seiner eigenen Wohnung zu übernachten.

»Ich bestell uns ein Taxi«, schlägt er seinem Kollegen vor.

»Ich kann doch selbst - «

»Nein, kannst du nicht«, unterbricht Berta ihren Freund energisch.

Sophie atmet auf, als Ruben sich gleich nach den Fischern verabschiedet. Auch Andreas bezahlt und lächelt Berta schuldbewusst an. »Danke.« Er ist etwas beschämt, dass auf seiner Rechnung nur zwei Bier stehen, aber auch erleichtert. Beinahe hätte er sich wieder von Ruben Fux provozieren lassen. Die alte Wirtin zuckt mit den Schultern. »Wofür? Ist doch alles in Ordnung. Das Essen haben Paul und ich ausgegeben und weiter hast du nichts bestellt. Eine Runde Schnaps kam von Fux, der kann es sich leisten.« »Zumindest tut er so«, denkt sie.

Nicht einmal sie weiß genau, wovon der Mann gerade lebt. Gefühlt hat er seine Finger überall drin. Offiziell betreibt er eine Tourismusagentur. Er vermittelt gegen Provision Orts- und Inselführungen, die meist Sophies Freundin Anne durchführt.

Außerdem vermietet er Ferienwohnungen, die er von polnischen Frauen putzen lässt. Berta wüsste gern, ob er die Polinnen fest eingestellt hat, dann hatte er in den vergangenen Wochen, als keine Gäste kommen durften, mit Sicherheit hohe Verluste. Aber wahrscheinlich arbeiten die meisten schwarz oder als Subunternehmerinnen. Für krumme Geschäfte hatte Ruben schon immer ein Händchen.

In den Neunzigerjahren hat er mit Spielautomaten viel Geld verdient. Seitdem gibt es auch das Gerücht, dass Raucher nicht nur polnische Zigaretten von ihm kaufen. Ab und zu wird er bei illegalen Geschäften erwischt, dann zahlt er eine Strafe und macht weiter.

»Der Fuchs ist schlau, er stellt sich dumm, bei manchen ist es andersrum« lautet sein Lieblingsspruch, in dem er mit seinem Namen kokettiert. Berta ist allerdings der Meinung, dass er eher kleinkriminell als sonderlich klug ist. Und von Dummstellen kann schon gar keine Rede sein. Er prahlt nur zu gern mit seinen angeblichen Geschäftserfolgen.

Als könne er ihre Gedanken lesen, geht auch Bruno Kerr auf Bertas Bemerkung ein. »Der war schon immer ein Blender«, erinnert er sich. »Hat sich auf sein gutes Aussehen verlassen, das hat ihm sehr geholfen. Und er ist manipulativ. Die Mädels hat er immer nur ausgenutzt.« Er lacht. »Seinetwegen haben sich auf dem Schulhof Dramen abgespielt.«

Bruno war früher Lehrer an der Bansiner Schule und erinnert sich noch gut an diese Zeit. Das hilft Berta oft, wenn sie einen seiner ehemaligen Schüler einschätzen will. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass sich der Charakter eines Menschen im Laufe seines Lebens gar nicht so sehr verändert. Die Älteren können ihre schlechten Eigenschaften nur besser verbergen. Manchmal. Und ganz selten, wenn Berta sie erst einmal genauer beobachtet – »auf dem Kieker hat«, wie Plötz es bezeichnet.

»Ich mag sie eigentlich beide«, gibt sie jetzt zu, »sie sind nur grundverschieden. Fux ist der Typ, der reinkommt und sagt: ›So, da bin ich‹ und Andreas ›Na, da seid ihr ja‹.«

»Genau«, bestätigt Bruno Bertas Beobachtung. »Und das ganz ohne Worte.«

Inzwischen ist die Gaststätte geschlossen, die Tische sind aufgeräumt und die Gläser gespült. Anne sitzt bei Berta und Bruno am Stammtisch. Sophie macht mit dem Kellner die Abrechnung, dann kommen die beiden auch dazu.

Thomas Haas arbeitet erst seit ein paar Tagen im Kehr wieder. Der 55-Jährige stammt aus Bansin, er hat hier auch seine Ausbildung zum Kellner absolviert, war aber in den letzten 20 Jahren überall auf der Welt unterwegs und nur selten zu Hause. Anne kennt ihn aus der Schulzeit, in der achten Klasse war sie schwer verliebt in den stillen, schüchternen Jungen. Sie fühlte sich gekränkt, weil er ihr geradezu ängstlich aus dem Weg ging. Vermutlich hat es ihm Angst gemacht, dass sie mindestens einen Kopf größer war als er und auch breitere Schultern hatte. Er stand schon immer auf die kleinen, zierlichen, hilfsbedürftigen Frauen.

Es war ein glücklicher Zufall, dass sie ihn im Januar auf der Straße erkannt und natürlich auch gleich angesprochen hat. Er hatte seine Eltern eigentlich nur über Weihnachten besuchen wollen, dann aber gemerkt, dass sie allein nur noch schwer zurechtkamen und beschlossen, zu bleiben.

»Ich bin es ihnen schuldig, weißt du?«, hatte er Anne anvertraut. »Sie waren die besten Eltern, die man sich wünschen kann, haben alles für mich gemacht. Wer weiß, wie lange ich sie noch habe, um ein bisschen wiedergutzumachen.«

Anne fand das etwas pathetisch, schließlich sind Eltern dazu da, alles für ihre Kinder zu tun, im Allgemeinen, ohne Schuldgefühle zu erzeugen. Aber sie nickte, sie mochte Thomas immer noch und freute sich, dass er wieder da war. »Du bist doch Kellner«, fiel ihr ein. »Hast du schon einen Job?«

Sophie, die mit ihren jungen Kellnerinnen in den letzten Jahren nur Pech hatte, war erfreut über Annes Vermittlung. Der gut ausgebildete, ruhige, gepflegte Mann würde das Niveau ihres Restaurants erheblich steigern.

Durch den Lockdown im Frühjahr hat sich alles verzögert, er hat seine Probezeit am 1. Juni begonnen und Sophie ist fest entschlossen, ihn danach einzustellen und beim Gehalt nicht kleinlich zu sein, bevor er noch etwas Besseres findet. Kellner werden hier überall gesucht. Wie gut, dass Anne ihn sich gleich gekrallt hat.

»Hast du nicht auf der AIDA gearbeitet?«, fragt Berta. »Da hast du ja gerade rechtzeitig aufgehört.«

»Ja, stimmt. Aber ich wollte sowieso absteigen. Ich hatte eine Stelle in der Schweiz, in einem guten Hotel ganz oben in den Bergen. Dicht an der italienischen Grenze.«

»Was?« Berta ist entsetzt. »So weit weg?«

Thomas lacht. »Na, mit dem Schiff war ich noch deutlich weiter weg.«

»Ja, klar, aber auf dem Wasser. Das ist doch etwas ganz anderes. Wie kann sich ein Bansiner Junge in den Bergen wohlfühlen? Du hättest bestimmt furchtbares Heimweh bekommen.«

Er zuckt vage mit den Schultern. »Ehrlich gesagt, hatte ich an Bansin nicht so gute Erinnerungen. Ich konnte gar nicht weit genug weg sein. Aber meine Eltern brauchen mich eben.« Er presst die Lippen zusammen und blickt finster in sein Bierglas. Dann sieht er seine Tischnachbarn an und lächelt. »Und – na ja, wie ich sehe, gibt es in Bansin auch sehr nette Menschen«, nimmt er seinen vorherigen Worten die Schärfe.

Berta fängt einen warnenden Blick von Bruno auf und verkneift sich die Fragen, die ihr auf der Zunge liegen. Da war doch was! Damals … Berta wird gründlich in ihren Erinnerungen kramen müssen. Paul Plötz kann ihr da sicher helfen. Der hat ein Gedächtnis wie ein Elefant. Sie muss ihn nur auf die richtige Spur bringen.




Dienstag, 09. Juni


Die deutsch-polnische Grenze ist wieder geöffnet und somit ist die Strandpromenade vom Hafen in Swinemünde bis an die Steilküste hinter Bansin ungehindert passierbar. Zwölf Kilometer kann man hier zwischen Dünen, gepflegten alten Villen und vielen Kiefern wandern. Oder mit dem Rad fahren. Immer parallel zum Strand. Die hinter Dünen und Bäumen verborgene Ostsee ist hier mitunter nur hörbar. Lediglich auf dem letzten Kilometer, auf der Bansiner Promenade, zwischen der Grenze zu Heringsdorf und dem Seesteg ist der Blick auf das Meer immer frei.

»Das ist die Besonderheit der Bansiner Strandpromenade«, erklärt Anne ihren Gästen bei der Ortsführung. »Hier können Sie immer auf die Ostsee sehen. Deshalb sind auch im Musikpavillon Fenster. Nicht nur, damit die Musiker ihre Noten besser lesen können. Der Gast kann über sie hinweg auf das Meer blicken.«

Erst am westlichen Ende der Promenade wird diese Sicht verhindert. Hier sieht der Gast nur eine Bretterwand, hinter der sich die Fischerhütten verbergen.

Die Eingänge der aneinander gebauten Buden befinden sich an der Rückseite, hinter den Dünen. Ein paar Boote sind zu sehen. Große Kutter mit Ruderhaus und breit gewölbtem Boden. Sie haben einen geringen Tiefgang. Die Fischer können damit weit hinaus auf die Ostsee fahren, bis nach Skandinavien, sie können aber auch durch das flache Küstenwasser auf den Strand gezogen werden. Es sind die letzten Strandfischer, die es hier auf Usedom gibt. Sie haben keinen Hafen, die Boote liegen an Land, in den Dünen. Es riecht nach Rauch, Fisch und Meer. Schmale Trampelpfade führen hindurch zum Strand, unten am Ufer sind die kleinen Boote befestigt.

Paul Plötz steht mit einigen Leuten neben dem Räucherofen. Es sind Einheimische, sie wollen frischen Fisch kaufen, warten darauf, dass der Räucherfisch aus dem Ofen genommen wird oder wollen einfach nur ein bisschen reden. Um den Fischverkauf kümmert sich Arno, für Letzteres ist Paul zuständig.

Ein Urlauberpärchen tritt hinzu, junge Leute, dem Dialekt nach aus Bayern oder jedenfalls aus dem Süden, neugierig, fasziniert und ein wenig herablassend. Für sie scheint das alles hier aus der Zeit gefallen zu sein, urig, aber primitiv. Vermutlich hat es hier schon vor hundert Jahren genauso ausgesehen. Die Fischer könnten ihnen erzählen, dass hier vor hundert Jahren weitaus mehr los war, aber das tun sie nicht. Was geht das fremde Leute an, die sich doch nur über sie lustig machen?

Ein alter Anker ist zwischen dem rauen Gras zu sehen, Netze und Steurer, lange Stangen mit roten Fähnchen, mit denen die Fischer die Lage ihrer Netze und Angeln anzeigen.

»Ich habe die Dinger schon auf dem Wasser gesehen«, fällt dem jungen Mann auf. »Warum sind an manchen Stangen schwarze Fähnchen? Hat das was zu bedeuten?«

Berta könnte es erklären, es sind die Aalschnüre, die damit gekennzeichnet werden. Aber das hier ist Pauls Bühne.

»Ja, das ist so« – mit diesem Satz fangen seine Geschichten immer an – »wo die schwarzen Fahnen zu sehen sind, war eine Seebestattung. Da haben wir eine Urne versenkt.«

Die junge Frau reißt erschrocken die Augen auf, der Mann zweifelt. »Was denn, so dicht am Ufer? Muss man dazu nicht weiter raus aufs Meer fahren? Da gibt es doch sicher Vorschriften?«

»Natürlich!«, bestätigt der Fischer. »Wir sind schließlich in Deutschland, da gibt es für alles Vorschriften. Nur interessiert uns das nicht. Wenn ein Bansiner stirbt, wird der direkt hier an der Küste beigesetzt. In Bansin, wie sich das gehört.«

Der Mann schüttelt zwar den Kopf, aber er glaubt es schließlich.

Berta tritt zu Arno, der neben der Hütte Fisch säubert. Sie grinsen sich an und sie sieht eine Weile zu, wie er schnell und geschickt Aale aufschneidet und die Eingeweide entfernt, einen großen Plötz schuppt und ihm den Kopf abschneidet. Viele Kunden, besonders die Frauen, zahlen gern ein bisschen mehr, wenn sie ihren Fisch küchenfertig bekommen. Die Abfälle wirft Arno in die Dünen, wo sich die Möwen lärmend darum streiten.

Als die Urlauber gegangen sind, kommt Paul dazu. »Alter Spinner«, neckt Berta ihn gutmütig.

»Na ja, man muss doch auch mal ein bisschen Spaß haben. Aber da kommt ein noch größerer Spinner.«

Ruben Fux wirft einen anerkennenden Blick in die Fischkisten und einen verächtlichen auf Arno.

»Da habt ihr ja mal Glück gehabt. Aber was kommt am Ende dabei raus? Was nehmt ihr für den Aal?«

»19 € das Kilo, abgezogen 27 €.«

»Na klar, da bleiben dann ja auch nur 7 kg übrig von 10«, schmälert er die Arbeit des Fischers.

»Richtig verdienen tut man doch erst am Fisch, wenn man ihn an die Urlauber verkauft. Portionsweise. Ich nehm euch gern alles ab, was ihr übrighabt.«

Er weist mit dem Kopf zu seinem Stand an der Promenade. »Guckt euch das an. Die stehen Schlange seit ich um zehn aufgemacht hab. Die Frauen kommen kaum nach mit dem Brötchenbelegen.«

»Ja, mit Butterfisch und Matjes, was bei dir alles unter ›fangfrisch‹ läuft.«

»Na und? Die Leute wollen doch beschissen werden.« Verärgert will er weggehen, dann fällt ihm etwas ein und er dreht sich noch einmal um.

»Wie war denn das Silvester im Kehr wieder? Hast du den Gästen nicht erzählt, der Aal, den sie essen, wäre morgens noch im Meer geschwommen? Und die Ostsee war bis zum Horizont zugefroren? Wer ist denn eigentlich der größere Lügner von uns?«

»Das ist auf jeden Fall Paul«, mischt sich Berta ein. »Aber er macht das zum Spaß und du nur zu deinem Vorteil.«

»Ja, nimm du mal deinen Freund in Schutz.«

Das klingt aber schon wieder ganz friedlich. Jetzt bleibt er auch stehen und bietet Plötz sogar eine Zigarette an. Eine Weile rauchen sie schweigend und sehen dabei auf das Meer hinaus. Fux kneift die Augen zusammen. »Da ist eine Robbe, siehst du. Die beobachtet das Netz. Wenn sich der Steurer bewegt, weiß sie genau, da ist ein Fisch reingegangen. Dann taucht sie hin und holt ihn sich.«

Paul Plötz sieht nichts. »Du spinnst«, hofft er. »Es sind noch gar keine Robben da. Die kommen erst im Herbst.«

»Nein, kannst glauben, da ist wirklich eine. Wir werden die hier auch nicht mehr los, das steht fest. Und schließlich haben die auch ein Recht auf ihr Leben. Ich finde die sogar ganz niedlich, die Viecher. Ich mag sie.«

Er wirft die Kippe in den Sand und tritt sie aus. »Das bringt nichts mehr, Paul, nicht, wie ihr das macht. Wir müssen uns was Neues einfallen lassen. Ich hab eine Idee. Wenn das klappt, haben wir alle was davon. Aber da müssen wir mal in Ruhe drüber reden. Jetzt muss ich los. Haut rein!«

Eine Stunde später sind die beiden Fischer und Berta allein. Arno hat fast alles verkauft, er macht noch den letzten Aal sauber.

»Den könnt ihr für die Gaststätte haben«, sagt er. »Soll ich ihn abziehen?« »Ja, gerne. Danke, Arno.« Berta nickt dankbar und folgt Paul in die Bude.

Der hat seit Rubens Abgang kaum noch gesprochen. Schlechte Laune ist in letzter Zeit sein Normalzustand, aber heute wird es selbst Berta zu viel.

»Nun lass dich doch von Fux nicht so runterziehen«, schimpft sie. »Du kennst ihn doch. Er will dich bloß ärgern.«

»Ach, er hat ja recht. Das sind nicht nur die Robben, die Mistviecher, die uns das Leben schwer machen. Das geht hier alles den Bach runter, guck dich doch mal um.«

»Ich sehe einen guten Fang, den ihr gemacht habt und eine Menge Leute, die den Fisch haben wollen. Was soll die Spökenkiekerei?«

»Das ist ja das Verrückte. Die Gäste wollen frischen Fisch haben und es gibt genug. Wir dürfen den bloß nicht fangen. Den Fischen geht es besser als den Fischern.«

Er blickt zur Tür. »Ach, guck an, ein seltener Gast. Schickt Renate dich her? Sie wartet wohl auf den Fisch?«

Anne nickt. »Ja, sie hat heute Mittag alles verkauft und will wissen, ob ihr noch dicken Aal habt, zum Sauerkochen.«

»Ach Gott, das tut mir leid. Sie hätte doch anrufen können.« Berta weiß, dass die Köchin jetzt eigentlich Pause hat, sie hat Teilschicht und muss heute Abend noch einmal wiederkommen.

»Dein Smartphone liegt auf dem Stammtisch. Ich soll den Fisch gleich mitbringen.«

»Nun nimm uns mal nicht die Ruhe. Setz dich erst mal hin. Ierst de Piep in Brand und denn dat Pierd ut’n Groben.«

»Erst die Pfeife in Brand und dann das Pferd aus dem Graben«, übersetzt Berta für Anne, die den Fischer verständnislos angesehen hat.

»Ja, gut, aber Renate wartet.« Zögernd lässt sie sich auf einem Stapel Fischkisten nieder.

»Ich bring den Aal hoch«, ruft Arno durch die Tür. »Ich fahr dann auch gleich nach Hause, oder ist noch was?«

»Nee, mach mal. Bis morgen«, antwortet Paul seinem Kollegen. »Und du?«, wendet er sich an Anne. »Bleib sitzen, wenn du schon mal da bist. Willst ein Bier? Oder lieber einen Korn?«

Berta lacht. »Paul, das ist wie früher. Da könnte manche Bansinerin ein Lied drüber singen. Wie oft hat eine Frau ihren Mann zum Strand geschickt: ›Hol uns mal ein paar Heringe zum Mittag!‹ Und er kam drei Stunden später ohne Hering aber blau wie ein Stint wieder.«

Anne sieht sich um. Der alte Fischer hat aus zwei aneinander gebauten Buden durch Entfernen der Zwischenwand eine gemacht und jetzt genügend Platz für einige Stapel Plastikkisten, einen Berg Netze, einen großen alten Sessel, der neben dem jetzt kalten, eisernen Ofen steht und in dem er sitzt. Bertas Platz ist ein alter Küchenstuhl, der zweite, den Arno benutzt, wenn er Netze flickt, steht unter dem Fenster. Auf einem wackligen Holztisch, der an die Wand gelehnt ist, stehen ein Wasserkocher, ein paar Gläser und Tassen und eine Kaffeedose. Ein Kasten Bier wurde unter den Tisch geschoben, die Schnapsflaschen sind zwischen den Netzen versteckt.

»Wie lange steht die Baracke hier eigentlich schon?«, lenkt Anne ab. »Ganz früher standen hier doch lauter einzelne Buden, nicht?«

»Eine Langbude ist das«, präzisiert Paul. »Ja, die Alten hatten ihre Buden am ganzen Strand entlang stehen, bis nach Heringsdorf. Immer mit Abstand dazwischen. Da gab es Bansin noch gar nicht, jedenfalls das Seebad. Die Fischer kamen aus Dorf-Bansin, Sallenthin und Sellin. So um 1900 haben sie dann die ganzen Hotels und Pensionen gebaut. Die Fischer wohnten immer noch in den Dörfern. Morgens, wenn es hell wurde, im Sommer gegen drei oder vier, gingen sie zum Strand. Unterwegs haben sie sich getroffen und sind dann laut palavernd und mit ihren Holzpantoffeln über das Kopfsteinpflaster klappernd durch den Ort gezogen. Die Gäste – ein vornehmes Volk war das hier in Bansin, lauter Adlige und hohe Militärs, die haben gesoffen wie die Löcher – sind erst zwei Stunden vorher aus der Bar gekommen. Da gab es massenhaft Beschwerden.«

Er lacht. »Was sollten sie machen? Sie konnten die Fischer ja nicht abschaffen oder sonst wohin verbannen, die hatten die älteren Rechte. Aber Gäste brauchten sie auch. Bürgermeister Schmadtke war es dann, der in den Dreißigerjahren eine Lösung fand: Die Fischer sollten durch den Wald gehen – heißt ja heute noch Fischerweg, auch wenn es jetzt eine Straße ist – und da, wo der Weg am Strand endet, wurde die Langbude gebaut.

Jeder Fischer bekam als Entschädigung für seine alte Hütte eine zwei Meter breite neue Bude und den Streifen davor bis zum Wasser pachtfrei auf Lebenszeit. Oder für immer, ich weiß nicht so genau, was in dem Vertrag drinsteht. Theoretisch müsste der noch auf dem Gemeindeamt liegen, aber praktisch werden sie ihn wohl entsorgt haben; spätestens als Bansin mit Heringsdorf und Ahlbeck vereint wurde. Warum sollten die sich auch mit was belasten, was den Fischern nützt?«

»Dir gehören also diese zwei Buden – müssten demnach vier Meter sein.« Anne schätzt die Breite ein. »Und vier Meter breite Dünen und der Strand auch? Ist ja ein Ding.«

»Ja, so ist das. Aber was hab ich davon? Die meisten wissen das gar nicht mehr, interessiert ja auch keinen. Früher war das anders. Ich kann mich noch erinnern, als ich ein Kind war und mein Vater hatte die Bude, haben die sich um jeden Meter gestritten. Die brauchten den Platz ja auch. In den Dünen haben sie die Baumwollnetze zum Trocknen gespannt, da lagen auch alle Boote. Und dann haben sie im Sand die Angeln besteckt: der Fischer saß dabei in einer Grube, links und rechts lagen die Schnüre. Manchmal hat einer dem anderen in die Grube geschissen oder sie haben heimlich die Pfähle versetzt, die waren sich auch alle nicht grün.«

Berta nickt. »Ja, das stimmt. Noch schlimmer wurde es, als nach 1945 die Fischer von Wollin dazukamen, weil ihre Insel polnisch wurde. Denen haben die Einheimischen schon gar nichts gegönnt. Die ersten zwei Jahre haben sie gar nicht miteinander gesprochen.«

»Mussten sie ihnen denn Buden abgeben?«, fragt Anne.

»Nein, die haben neue gekriegt. Die standen da drüben, hinter der alten Ablieferungsbude. Einige haben sie abgerissen, als das »Haus des Gastes« dorthin gebaut wurde«, erklärt Paul.

»Die Fischer hatten schon immer den größten Spaß, wenn sie anderen einen Streich spielen konnten. Aber wenn es drauf ankam, haben sie zusammengehalten«, nimmt Berta das Thema wieder auf. Sie weiß, womit sie ihren alten Freund aufheitern kann.

»Mussten sie ja«, stimmt Paul zu. »Die Arbeit war früher viel schwerer. Und wenn ein Sturm aufkam, mussten sie alle zusammen schauen, dass sie die Boote nach oben und in Sicherheit bringen. Nicht mit einem Traktor, so wie heute. Damals wurden sie per Hand, mit reiner Muskelkraft, hochgekurbelt.«

Berta nickt. »Das war sogar zu DDR-Zeiten noch so. Da mussten die Boote abends auch immer in die Dünen gezogen werden, damit über Nacht keiner Republikflucht begehen konnte.«

»Stimmt«, ergänzt Paul. »Und sie wurden mit einem Vorhängeschloss gesichert. Das ging zwar auf, wenn man nur dagegen gepisst hat. Aber es war eben Vorschrift, wenn es fehlte, hieß es ›Strafe zahlen‹.«

»So«. Berta steht auf und reckt sich. »Ich geh dann mal Kaffee trinken. Anne, was ist mit dir? Paul, du kannst auch mitkommen. Arno sitzt bestimmt noch bei Sophie.«

»Ja, mag sein, aber ich muss nach Hause. Meine Frau nervt mich schon seit Tagen, ich soll ihr was im Garten helfen.« Er verdreht die Augen. »Irgendwas Schweres, was sie allein nicht schafft. Sie soll sich nicht so anstrengen, ist auch nicht mehr die Jüngste. Aber ihr Garten ist eben ihr Ein und Alles. Vor allem darf sie sich nicht aufregen, das ist nicht gut bei ihrem Diabetes. Ich werd es heute mal hinter mich bringen, damit ich meine Ruhe hab.«




Donnerstag, 11. Juni


Jule hockt auf ihrem Bett unter der Dachschräge und liest. Sie hat einen Karton voller Kinderbücher, der unten in ihrem Kleiderschrank stand, hervorgeholt und auf dem Bett ausgekippt. Es sind Bilderbücher dabei und Vorlesebücher für Vorschulkinder. Die erinnern sie an ihre Kindheit und an ihre Oma. Die hat ihr Märchen erzählt und oft vorgelesen. Am liebsten mochte sie Gedichte. Mag sie immer noch. Von Oma hat sie zum Geburtstag einen Gedichtband von Rilke bekommen. Das Gedicht »Der Panther« ist das traurigste, das sie kennt. Sie weint jedes Mal, wenn sie es liest.

Jetzt ist sie beim Durchblättern in Kästners »Emil und die Detektive« hängengeblieben.

Schöne heile Welt. Sie seufzt. Warum hat sie keine Freunde? Und warum sind die Menschen nicht so, wie in den Büchern? Gut oder böse. Schwarz oder weiß. Und am Ende wird alles gut.

Ihre Welt ist kompliziert. Sie zieht die Nachttischschublade auf und holt eine Tafel Schokolade heraus. Dann fällt ihr Blick in den Spiegel. Sie hat ihn absichtlich so aufgehängt, dem Bett gegenüber, als Abschreckung. Was sie sieht, sind breite Oberschenkel, ein Bauch, der über den Hosenbund quillt, hängende Schultern und Pausbacken. Sie richtet sich auf, hebt das Kinn ein wenig. »Du hast so ein hübsches Gesicht«, hat Oma gesagt. Die großen Augen, die schmale Nase und die vollen Lippen hat sie von Mama geerbt, die kräftige Statur leider von Papa. Aber auch seine blonden Locken.

Sie reißt die Schokolade auf. Ist doch egal, sie will sowieso kein Model werden. Sie liebt Tiere, möchte am liebsten Tierärztin werden oder wenigstens Zootierpflegerin. Über ihrem Bett hängen Poster von Eisbären, Elefanten und Affen. Die mobben niemanden, weil er dick ist.

Jule sieht auf ihren Wecker. Noch ist Zeit, um nach Ahlbeck zu Oma zu fahren. Mit dem Rad ist sie in einer halben Stunde da. Eigentlich wollte sie sie erst am Sonntag wieder besuchen. Es ist bestimmt zu auffällig, wenn sie so oft kommt. Aber wahrscheinlich weiß die alte Frau, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. Und wahrscheinlich hat sie auch schlimme Schmerzen. Sie spricht nur nicht darüber. Jedenfalls nicht mit Jule.

Das Mädchen wischt sich die Tränen aus den Augenwinkeln, steht auf und zieht sich ihre Schuhe an. An der Tür dreht sie sich noch einmal um, dann steckt sie die angebrochene Schokoladentafel in ihre Umhängetasche und Kästners »Das doppelte Lottchen«.

Sie würde ihrer Oma lieber einen von den Romanen mitbringen, die sie so gern liest oder Pralinen. Aber sie hat kein Geld und zu stehlen traut sie sich nicht schon wieder, die Verkäuferin hat sie neulich schon so misstrauisch angesehen. Vielleicht kann sie morgen mal wieder leere Bierflaschen abgeben, die stehen überall in der Wohnung herum.

Eigentlich macht sie sich keine Sorgen um Geld. Es kommt immer mal wieder vor, dass es knapp ist und die Familie auf Sparflamme lebt. Ihrem Vater ist bisher noch immer etwas eingefallen. Und dann ist er großzügig und genießt es, seiner Tochter Geschenke zu machen.

Susanne Fux freut sich, als ihre Enkelin ins Zimmer kommt. »Ich wollte ein bisschen Rad fahren«, erklärt diese. »Auf der Promenade geht das am besten. Guck mal, was ich dir mitgebracht habe. Ich weiß noch, wie du mir das Buch geschenkt hast. Du hast gesagt, dass du es auch schon als Kind gelesen hast und wie sehr du es mochtest. Willst du es jetzt noch einmal lesen?«

»Was für eine tolle Idee! Das mache ich.«

Sie gehen auf den Balkon, Jule legt die Schokolade auf den Tisch. Die ist ein bisschen weich geworden, aber das macht nichts. Sie brechen sich abwechselnd kleine Stücke ab, genießen und sehen den Leuten auf der Straße zu. Gerade hält ein Reisebus an, Gäste steigen aus. Jule erkennt Anne Wiesner, ihre Nachbarin. Sie führt die Gruppe auf die Strandpromenade, wahrscheinlich geht sie mit ihnen zur Seebrücke.

»Ist zu Hause alles in Ordnung?«, Susanne Fux fragt zögernd, eigentlich weiß sie, dass da nichts in Ordnung ist. Aber sie möchte, dass Jule darüber redet. Es ist besser, als wenn sie alles in sich hineinfrisst, sie neigt ohnehin dazu, alles sehr schwer zu nehmen.

»Ja, alles super.« Jule antwortet betont munter, lächelt und merkt, dass ihre Großmutter ihr nicht glaubt. Sie sieht besorgt aus. Mist! Sie soll sich keine Sorgen um sie machen, sie hat doch genug eigene Probleme. Jule wünscht sich so sehr, ihrer Oma den kurzen Rest ihres Lebens ein wenig zu erleichtern.

Vor zwei Wochen hat sie es von ihrem Vater erfahren. Ruben hatte sich bemüht, einfühlsam zu sein, aber nicht allzu sehr, Empathie gehört nicht zu seinen Stärken. Er kann es nur sehr gut vortäuschen, dass er sich für seinen Gesprächspartner oder für irgendjemanden interessiert.

Beim Frühstück hatte er seiner Tochter ernst in die Augen gesehen, seine große Hand auf ihre gelegt und mit seiner weichen, tiefen Stimme leise gesagt: »Julchen, du musst jetzt besonders lieb zu Oma sein. Sie ist sehr krank. Der Arzt hat mir gesagt, dass sie Krebs im Endstadium hat. Er kann ihr nicht mehr helfen, nur noch die Schmerzen lindern.«

»Wann?«, hatte sie herausgepresst.

»Das kann man nie genau sagen. In ein paar Wochen oder Monaten. Hoffen wir, dass es schnell geht.«

Jule war aufgesprungen und in ihr Zimmer gelaufen, wo sie hemmungslos weinte. Wie konnte er nur so etwas sagen? Oma ist doch seine Mutter.

Ganz selbstverständlich ist sie davon ausgegangen, dass die beiden sich jetzt versöhnen würden.

Ruben Fux und seine Mutter sprechen schon seit Jahren nicht miteinander. Jule weiß nicht genau, weshalb, nur, dass es um Geld geht. Sie hat versucht, ihre Mutter auszufragen, in einem der seltenen Momente, wo die nüchtern war, aber sie hatte nur gleichgültig mit den Schultern gezuckt. »Keine Ahnung, ist auch egal. Sind eben Sturköpfe.«

»Aber wenn sie jetzt stirbt, ohne, dass ihr euch vertragen habt – das geht doch nicht!« Jule war entsetzt. »Und nur wegen Scheißgeld?«, hatte sie ihn angeschrien.

»Nein, es geht gar nicht um Geld – nicht nur, nicht hauptsächlich«, hatte ihr Vater sich verteidigt. »Sie hat deine Mutter beleidigt, das kann ich doch nicht akzeptieren. Sie hat Mama nie gemocht. Aber ich halte eben zu meiner Frau, der Mutter meiner Tochter!«

Natürlich nahm Jule ihm sein pathetisches Getue nicht ab, sie hat ihn längst durchschaut. Außerdem behandelt er seine Frau auch alles andere als respektvoll.

Jule ist wütend auf ihren Vater. Wie kann der nur so herzlos sein! Oder ist er nur gedankenlos, ahnt er gar nicht, wie weh er seiner Mutter tut?

Sie mustert die alte Frau möglichst unauffällig von der Seite. Ist sie kleiner geworden in den letzten Monaten? Ihre Kleidung sieht aus, als würde sie jemand anderem gehören, einer Frau, die größer und kräftiger ist. Die dürren Hände, die aus viel zu weiten Ärmeln ragen, zittern unkontrolliert.

Susanne Fux schmerzt es, zu sehen, wie ihre Enkelin sich bemüht, sie aufzumuntern. Sie hört die unterdrückten Tränen in der künstlich fröhlichen Stimme. Natürlich weiß Jule es längst. Und warum soll man ihr auch etwas vormachen? Sie wird es ja doch erfahren, das lässt sich nicht vermeiden. Und sie muss mit dem Mädchen reden. Will alles regeln, bevor es zu spät ist.

»Hör mal, Jule, es ist gar nicht so schlimm. Ich bin alt und müde, ich möchte endlich einschlafen. Ich habe auch keine Angst davor. Nur, dass ich für dich nicht mehr da sein kann, das tut mir leid.«

Sie nimmt ihre Enkelin in den Arm. »Ja, weine ruhig, meine Kleine. Du musst dich nicht verstellen. Du weißt doch, mir kannst du alles erzählen.«

Es gelingt ihr nach einer Weile, das Mädchen zu beruhigen. Beide sind erleichtert, sich nichts mehr vormachen zu müssen. Sie sprechen über den Tod, dann über ihre gemeinsame Zeit, über Jules Kindheit.

Simone Keller, die Pflegerin, kommt zwischendurch auf den Balkon, sie bringt den beiden etwas zu trinken und der alten Frau ihre Schmerztabletten und eine Decke. Aber sie drängt Jule nicht zum Gehen.

Es wird schon langsam dunkel, die Laternen auf der Promenade gehen an und sie reden immer noch. Es gibt etwas Wichtiges, das Susanne regeln muss, solange sie es noch kann.

»Jule, du weißt, was ich von deiner Mutter halte. Sie war nie eine gute Mutter und auch keine gute Ehefrau. Ruben hätte etwas Besseres verdient. Er ist so talentiert, so geschäftstüchtig. Du weißt, dass er immer wieder einen Weg gefunden hat, sich etwas aufzubauen. Was hätte aus ihm werden können, mit der richtigen Frau? Aber Ulrike hat ihn immer wieder runtergezogen. Mit ihrer Sauferei hat sie alles kaputt gemacht und sein Geld ausgegeben. Ich muss dir das leider so deutlich sagen. Aber du weißt es ja selbst.« Sie blickt das Mädchen etwas streng an, sie will nicht, dass es ihre Mutter verteidigt, nicht jetzt. Ihre Lippen sind schmal, wie immer, wenn sie von ihrer Schwiegertochter spricht.

Jule nickt stumm. Was soll sie sagen? Es stimmt ja, dass ihre Mutter trinkt. Aber schon die Vierzehnjährige weiß, dass das keinen Einfluss auf die Geschäfte ihres Vaters hat. Der zieht sein Ding immer durch, Ulrike wäre wohl die Letzte, von der er sich beeinflussen ließe. Im Gegenteil. Jule denkt, dass ihre Mutter wohl nicht so viel trinken würde, wenn ihr Vater etwas netter zu ihr wäre. Nur, dass dem das völlig egal ist.

»Hör zu, Jule. Ich vertraue dir jetzt etwas an, was unbedingt unter uns bleiben muss. Eigentlich bist du noch zu jung, als dass ich mit dir darüber reden sollte, aber was bleibt mir übrig.«

Sie stöhnt leise, als sie sich in ihrem Sessel zurechtsetzt und zieht sich die Decke enger um die Schultern.

Jule hat Angst. Angst um ihre Oma, die jetzt so furchtbar alt und krank aussieht und Angst vor dem, was sie erfahren soll. Sie will nicht noch mehr Schlechtes über Ulrike hören, es ist doch ihre Mutter und sie liebt sie.

»Du weißt ja, dass ich das Haus verkauft habe.«

Das Mädchen nickt erleichtert. Ja, das weiß sie. Das Haus, in dem sie wohnt, hat früher der Familie gehört. Bevor Oma ins Pflegeheim gegangen ist, hat sie es verkauft und der neue Besitzer wohnt gar nicht darin, nicht einmal im Ort. Er wollte nur sein Geld anlegen und ein Haus in Bansin, nicht weit vom Strand entfernt, wird nicht an Wert verlieren. Er hat es gründlich restaurieren und modernisieren lassen, was auch bitter nötig war. Jetzt zahlt Familie Fux Miete, aber für eine schöne Wohnung mit neuen Fenstern und Fußböden und einer modernen Heizung.

Eigentlich ist es ja ein Geheimnis. Jule hat es erfahren, als sie zufällig ein Gespräch zwischen Ruben und seiner Mutter gehört hat. Sie hat versprochen, mit niemandem darüber zu reden. Das ist ihr nicht schwergefallen, sie kann gut Familiengeheimnisse für sich behalten.

»Weißt du, wenn das Geld auf mein Konto eingegangen wäre, hätte ich es für die Pflege hier ausgeben müssen. Dann wäre nichts mehr davon übrig.«

»Hast du es Papa gegeben?«

»Nein! Eben nicht! Deshalb ist er doch so sauer auf mich. Aber deine Mutter hätte es ihm sicher schon längst abgenommen und in Alkohol umgesetzt.«

Jule schluckt. So sehr sie ihre Oma liebt, sie hasst es, wenn sie so über ihre Mutter spricht.

»Ich habe das Geld gut versteckt. Aber nun muss ich damit etwas machen. Ich will, dass du es bekommst. Würde ich es dir jetzt geben, hätten natürlich deine Eltern einen Anspruch darauf, da du noch minderjährig bist. Das will ich auf keinen Fall. Daher habe ich mich dazu entschlossen, es für dich anzulegen. Du bekommst es, wenn du volljährig bist, also mit 18 Jahren.«

Sie sieht ihre Enkelin erwartungsvoll an. Die ist schockiert, sie weiß nicht, was sie sagen soll.

»Was – wie viel ist es denn?«, stottert sie schließlich.

»Sechshunderttausend Euro«, antwortet Susanne stolz. »Ich habe nichts davon ausgegeben. Es durfte ja niemand wissen, dass ich Geld habe. Und ich will, dass du es bekommst. Alles. Du hast es verdient.«

»Oma – ich – ich muss aufs Klo!«

Jule springt auf und läuft durch das dunkle Zimmer, die Treppe hinab nach draußen. Vor der Tür bleibt sie stehen und atmet tief durch.

Was soll sie denn jetzt machen? Sie will das Geld nicht! Es macht ihr Angst. Sie kann doch gar nichts damit anfangen. Und außerdem – ihr Vater braucht es dringend, das weiß sie. Gerade jetzt, er will doch ein neues Geschäft aufbauen. Auch wenn sie nicht genau weiß, was er vorhat.Dass er dringend versucht, Kapital aufzutreiben, das hat sie mitbekommen. Wenn Oma jetzt ihr das Geld gibt, wird er total sauer sein und nie wieder mit ihr sprechen. Und sie kann es ihm nicht geben, erst in vier Jahren, das ist eine Ewigkeit. Was kann sie nur tun?

Sie muss ihre Oma umstimmen. Die hält ihre Enkelin immer noch für das kleine ängstliche Mädchen, das sie nicht belügen kann. Aber Jule hat sich verändert. Sie ist es gewohnt, sich zu verstellen, allen etwas vorzumachen. Die Trunksucht ihrer Mutter zu vertuschen und die Geldsorgen der Familie. Eigentlich ist sie die Vernünftigste in der Familie, die alles regelt und zusammenhält. Und das muss sie auch jetzt. Sie weiß, was zu tun ist.

Oma weiß doch nur, was sie ihr erzählt. Wenn sie glaubt, dass zu Hause alles bestens ist, dass es ihrem Sohn und Jule gutgeht, wird sie auch glücklich sein. Das ist die Hauptsache. Dann regelt sich das mit dem Geld sicher von allein.

Als Jule zurückkommt, steht Simone bei ihrer Oma auf dem Balkon. »Ich dachte, du bist schon weg. Ich wollte deine Oma gerade hereinholen. Es ist doch ziemlich kühl inzwischen.«

»Ach, lassen Sie uns noch einen Moment hier sitzen. Mir ist gar nicht kalt. Und Julchen muss sowieso gleich nach Hause. Zehn Minuten noch?«

»Gut, dann mache ich schon mal ihr Bett fertig. Ich habe dann auch Feierabend. Also, bleiben sie nicht mehr so lange draußen. Gute Nacht, Frau Fux, bis morgen.«

Jule wartet ungeduldig, bis die Altenpflegerin den Balkon verlassen hat.

»Oma, ich wollte es dir eigentlich nicht erzählen, damit du dir keine Sorgen um Papa und mich machst. Aber jetzt muss ich es dir doch sagen. Du weißt ja gar nicht, wie es zu Hause ist, es hat sich alles verändert.

Mama trinkt gar nicht mehr. Sie ist sehr schwer krank, irgendwas mit der Leber. Papa muss sie pflegen, sie kann gar nicht mehr aufstehen. Bestimmt stirbt sie bald. Deshalb kann Papa dich auch nicht besuchen, weißt du. Er würde ja gern, aber der Arzt hat gesagt, hier kann man sich leicht mit Corona anstecken und das würde Mama nicht überleben. Er will das nicht riskieren. Aber er sagt, es ist wohl sowieso egal. Wir wollten dich nicht aufregen. Aber nun musste ich es dir doch sagen. Damit du Papa nicht dafür bestrafst, dass er nicht kommt. Er kann doch gar nichts dafür.«

Susanne versucht, im Gesicht des Mädchens zu lesen. Es sieht ehrlich aus. Traurig. Was muss dieses Kind nur alles mitmachen, in seinem jungen Alter. Sie zweifelt nicht an dem, was sie gehört hat. So etwas denkt ein Kind sich doch nicht aus.

»Das ist ja furchtbar. Und ich habe wirklich gedacht – weißt du, er hat gesagt, er will mich erst wieder sehen, wenn ich ihm das Geld gebe. Die würden es mir hier sowieso abnehmen. Als wenn ich blöd wäre.« Sie denkt nach. Sie hält ihren Sohn zwar für außerordentlich klug, kann aber doch nicht ignorieren, dass einige seiner genialen Geschäftsideen ziemlich in die Hose gegangen sind.

»Wozu braucht er denn so viel Geld? Weißt du was darüber?«

»Ja, er will eine ganz große Gaststätte bauen, mit Ferienwohnungen und so. Direkt am Strand. Da wo die Fischer sind. Die sollen alle weg.« Dieser Einfall ist Jule blitzartig gekommen. Sie weiß zwar nicht genau warum, aber ihre Oma mag die Fischer nicht. Sie isst keinen Fisch und sie ist genauso tierlieb wie Jule. Und sie mag die Robben.

»Aber dafür reicht mein Geld doch nicht. Dann muss er ja wieder einen teuren Kredit aufnehmen. Das ist schon einmal schiefgegangen.«

»Nein, Oma, er braucht gar keinen Kredit. Stell dir vor, der Vater von Mama ist gekommen. Weil sie doch so krank ist. Jetzt habe ich einen Opa. Der ist total lieb. Und er hat viel Geld. Er findet Papas Plan toll und will ihm helfen. Aber es wäre natürlich besser, wenn Papa selbst auch was hätte. Damit er nicht so abhängig ist, weißt du.«

O Gott! Einen Moment fürchtet das Mädchen, dass sie zu weit gegangen ist. Ihre Fantasie ist einfach mit ihr durchgegangen. Klingt das nicht alles zu dramatisch, zu erfunden? Fast wie in Omas Kitschromanen. Wenn ihre Oma den Mann nun kennenlernen möchte? Oder wenn sie Mama besuchen will?

Aber die alte Frau hat mit großen Augen zugehört und seufzt erleichtert. Sie glaubt, was sie gehört hat, weil sie es glauben will.

»Ja, das ist doch schön. Das heißt«, schränkt sie schnell ein, »das mit deiner Mutter ist natürlich furchtbar, es tut mir sehr leid. Aber sonst – da hat der Junge endlich wieder eine Aufgabe. Er hatte bisher einfach Pech, diesmal wird er zeigen, was er kann. Ich finde die Idee wunderbar. Natürlich helfe ich ihm auch. Wie ist er denn so, dein neuer Opa?«

Ist sie etwa eifersüchtig? »Ach ich weiß nicht. Ich hab noch nicht so viel mit ihm geredet. Er interessiert sich nicht sonderlich für mich. Er hat schon ein paar Enkelkinder.«

»Aha, na dann – ich muss darüber nachdenken, Julchen. Wäre es dir denn recht, wenn ich deinem Vater das Geld gäbe? Oder einen Teil davon?«

»Natürlich, Oma!« Jule fällt ein Stein vom Herzen. »Wir sind doch eine Familie. Papa gibt mir alles, was ich brauche.«

»Gut, meine Kleine. Ich denke noch einmal darüber nach. Aber jetzt muss ich mich hinlegen, ich bin völlig erschöpft.«




Freitag, 12. Juni


»Ich weiß gar nicht, warum der so eine schlechte Laune hat«, beschwert Berta sich bei Arno. »Ihr habt gut gefischt, das Wetter ist schön und die Leute sind nett zu euch. Aber Paul Plötz ist am Meckern.«

»Na ja, nicht alle sind nett«, schränkt der ein. Er blickt an seinem Räucherofen, den er gerade bestückt, vorbei zur anderen Seite der Langbude. Dort unterhält sich Ruben Fux mit zwei Fischern. Sein Lachen dringt bis zu ihnen herüber.

»Nimm dir ein Beispiel an dem«, provoziert Berta ihren alten Freund. »Dem geht es doch viel schlechter als dir. Soweit ich weiß, läuft seine Agentur beschissen, es kommen keine Reisegruppen, hat Anne gesagt. Er hat zwar die Ferienwohnungen gut vermietet, aber die Verluste vom Frühjahr holt er doch nicht wieder rein. Seine Mutter ist schwer krank und seine Frau – na, ihr wisst ja.« ›Und seine Tochter klaut‹, fügt sie in Gedanken hinzu.

Paul lacht etwas hämisch, während er Ruben entgegenblickt. »Ja«, sagt er laut, »der wollte immer eine Frau, die kocht wie seine Mutter, jetzt hat er eine, die säuft wie sein Vater.«

Ruben Fux lässt sich nicht anmerken, ob er die Bemerkung gehört hat. Er grüßt freundlich und bietet Paul eine Zigarette an. Der lehnt ab. »Hat mir der Arzt verboten«, behauptet er.

»Ach was, es gibt viel mehr alte Raucher als alte Ärzte.« Er steckt sich selbst eine an, sieht nachdenklich dem Rauch hinterher. »Du bist doch nicht krank, oder? Nee, Paul, du wirst noch hundert Jahre alt. Bei deinem Lebenswandel – immer an der frischen Seeluft, immer in Bewegung – das hält jung. Nur …« Jetzt blickt er den alten Fischer ernst an und sagt: »du kannst nicht ewig fischen. Das weißt du selbst, oder? Und Arno kann auf Dauer nicht für dich mitarbeiten. Nachwuchs gibt es nicht. Keiner will das mehr machen, es lohnt sich einfach nicht mehr. Darum müsst ihr was verändern, ihr könnt nicht so weitermachen wie eure Väter und Großväter, seht das doch endlich ein! Was ich vorhabe, ist das ganz große Geschäft für uns alle. Was hat Gorbatschow noch gesagt? ›Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen‹. Denkt mal drüber nach.«

Er macht eine Pause, wartet vielleicht auf Applaus, aber der kommt nicht. Dann nickt er Berta zu und geht langsam weg.

Jetzt steckt Paul sich doch eine Zigarette an. Berta bemerkt, dass seine Hände zittern. Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Auch Arno schweigt. Nach einer Weile fährt er damit fort, den aufgespießten Fisch in den Räucherofen zu hängen.

Paul und Berta sehen über die Dünen hinweg auf die Ostsee. »Fisch hat es immer gegeben und wird es immer geben«, erklärt er schließlich entschlossen. »Alles andere ist Mumpitz. Und wenn wir noch weniger fischen, ist doch auch egal. Wir können dann ja auch Kutterfahrten machen, nicht, Arno? Das mögen die Gäste, die bezahlen gut dafür.«

»Du weißt doch gar nicht genau, was Fux vorhat. Anhören könntet ihr es euch doch wenigstens«, schlägt Berta vor.

»Er hat gesagt, er braucht meine Buden dazu«, fährt Plötz sie an. »Und mehr brauch ich nicht hören von diesem Halunken. So lange ich noch ein Bein vor das andere setzen kann, behalte ich die Hütte. Wo soll ich denn sonst im Winter in Ruhe meinen Grog trinken und mit den Leuten reden? Ich kann doch nicht den ganzen Tag in der Kneipe sitzen, da darf ich ja nicht mal rauchen. Und zu Hause? Da geht mir meine Frau auf die Nerven. Außerdem muss ich die Ostsee sehen. Und hören und riechen.«

Berta nickt, das versteht sie. »Und Arno geht es genauso«, spricht der alte Fischer jetzt für seinen Kollegen, der gerade in die Hütte gegangen ist. »Der braucht das Meer und seine Freiheit. Er kann doch auch nichts anderes. Meinst du, er will als Angestellter für Fux arbeiten?«

»Nein, sicher nicht. Da wäre er kreuzunglücklich«, stimmt sie zu. »Aber für ihn findet sich sicher was Besseres. Der ist nicht dumm und auch nicht faul, um den mach dir mal keine Sorgen.«

Aber sie selbst macht sich Sorgen. Während sie langsam auf der Strandpromenade entlang zur Pension geht, denkt sie über eine Lösung für ihren alten Freund nach. Sie beschließt, bei Gelegenheit mit Ruben Fux zu reden, um herauszufinden, was der eigentlich genau vorhat. Bisher gibt es nur vage Gerüchte.




Sonntag, 14. Juni


Seit Jahrzehnten zieht es die Bansiner Männer am Sonntagvormittag zum Strand. Früher verteilten sie sich in den Buden, jeder hatte »seinen« Fischer. Jetzt kommen die meisten zu Paul Plötz, um Neues zu erfahren und Meinungen auszutauschen.

Auch heute hocken fünf oder sechs alte Bansiner auf den Kistenstapeln, trinken Bier aus Flaschen und schimpfen auf die Urlauber. »Sind schon wieder viel zu viele hier«, mault Enno Labahn. »Kannst kaum treten auf der Promenade. Am schlimmsten sind die ganzen Räder, die fahren dich glatt um, wenn du nicht zur Seite springst.«

Sein Sitznachbar grinst. Er ist klein und dürr, trägt trotz der Hitze eine blaue Bommelmütze, unter der seine wasserblauen Augen listig blitzen. Er stellt sich gerade bildlich vor, wie Enno, der seinen gewaltigen Bauch auf den Knien abstützt, über die Promenade hüpft.

»Was soll der Quatsch mit dem Fischermuseum eigentlich?«, fragt er dann.

»Wollen die das wirklich in dem »Haus des Gastes« einrichten? Das passt doch gar nicht, das Haus ist viel zu groß und zu modern.«

»Kokolores«, knurrt Plötz. »Wir haben doch hier genug Museum – Freilandmuseum, sozusagen. Alte Boote, Netze, Anker, alles da.«

»Das ganze Haus hätten sie sich sparen können«, mischt sich der Dicke ein. Das passt da überhaupt nicht hin, zerstört die ganze Harmonie von unserer Promenade.«

»Harmonie unserer Promenade«, wiederholt Paul und lässt sich den Begriff auf der Zunge zergehen. »Hast eigentlich recht. Zu groß, zu modern. Und es hätte weiter unten am Strand stehen müssen. Jetzt ist die Strandpromenade an der Stelle zu schmal. Deswegen gibt es da auch dauernd Unfälle mit Radfahrern und Fußgängern.«

»Die hätten mal lieber die Hütten stehen lassen sollen. Dann hätten sie jetzt ihr Museum. Wie du sagst, Paul.«

Zustimmendes Gemurmel. »Darauf sollten wir einen trinken.« Einer der jüngeren Männer zieht eine Flasche Korn aus einer Plastiktüte, die er dann nachdenklich betrachtet. »Ach so, ja, ich soll ein paar Fische mitbringen. Flundern, wenn du hast.« Er sieht zu Arno, der nickt und nimmt ihm den Beutel ab. »Gib her, ich pack dir was ein.«

Paul stellt kleine Gläser auf die kalte Ofenplatte neben seinem Sessel, sein Gast füllt sie. »Na denn Prost, auf dass unsere Kinder lange Hälse kriegen!«

Gegen Mittag, als Paul und Arno allein in der Bude sind, reden sie wieder über das geplante Fischermuseum. »Ob Fux was damit zu tun hat?«, rätselt der Ältere.

»Glaub ich nicht.« Arno schüttelt ungläubig den Kopf. »Damit ist doch kein Geld zu verdienen. Der will irgendwas Gastronomisches machen, denk ich.«

»Hm«, Paul überlegt. »Aber das mit dem Museum ist gar keine so schlechte Idee. Es stehen doch genügend Buden leer. Und altes Gerümpel findet sich auch noch. Ich weiß sogar wo,« fällt ihm ein.

Zwei ältere Männer kommen herein. »Sind schon alle weg? Habt ihr noch ein Bier oder zwei?«

»Setz dich hin, Horst. Kannst den Stuhl nehmen«, bietet Paul dem einen, der am Stock geht, an. »Und du setz dich auf die Kisten. Arno gibt euch was zu trinken. Ich muss mal kurz weg, will bloß was gucken. Ich komm gleich wieder.«

Ohne weitere Erklärungen kramt er einen alten, rostigen Schlüssel aus der Tischschublade, nimmt eine Taschenlampe und geht aus der Hütte.

»Wo willst du denn hin?« Beinahe wäre er mit Andreas zusammengestoßen, der gerade vor der Tür steht. An jeder Hand hat er eines der Zwillingsmädchen, die Vierjährige dreht sich um und will durch die Dünen zum Strand laufen. »Bleibst du wohl mal hier!«, ruft Andreas ihr nach, ohne auf Pauls Antwort zu warten.

»Und du?« Paul mag Kinder, aber nicht in seiner Bude. Da liegt zu viel gefährliches Zeug herum, Angelhaken, Messer und Schnapsflaschen.

»Wir machen einen kleinen Spaziergang vor dem Essen, damit sie Appetit kriegen. Dann schlafen sie nachher auch besser und«, fährt er schnell fort, als der Fischer ungeduldig nickt, »ich dachte, vielleicht habt ihr gerade ein bisschen frischen Räucherfisch. Für Simone, weißt du, dann freut sie sich, wenn sie heute Abend nach Hause kommt.« Er fängt schnell seine größere Tochter ein, die schon wieder abhauen will und nimmt eine der Kleinen auf den Arm.

Natürlich hätte er den Fisch auch am Stand von Ruben kaufen können, aber da weiß man nie genau, ob der wirklich frisch ist. Außerdem ist er bei Arno erheblich billiger, eigentlich bekommt er ihn fast geschenkt. Arno regelt seine Preise sehr individuell. Manchmal richten sie sich danach, welches Auto sein Kunde fährt.

»Na, denn geht mal rein, Arno gibt dir was. Ich komm auch gleich, will bloß mal kurz nach da hinten.« Er weist zur anderen Seite der Langbude.

Er geht an vielen verschlossenen Türen vorbei und öffnet dann die vorletzte. Es dauert eine Weile, das Schloss ist rostig und die Tür klemmt. Paul Plötz weiß selbst nicht, warum er sich bemüht, leise zu sein und sich umsieht, bevor er hineingeht. Er tut doch nichts Verbotenes.

Trotzdem zieht er die Brettertür wieder hinter sich zu. Es ist halbdunkel, schummrig, wie Paul denkt, durch das verschmutzte Fenster fällt nur wenig Licht. Gut, dass er die Taschenlampe dabeihat.

Er leuchtet auf einen Stapel alter Baumwollnetze und zieht eines heraus. »Guck an«, denkt er, »was die für enge Maschen hatten.«

Plötzlich hört er Gelächter. Es kommt aus der Bude nebenan, der letzten in der Reihe. Da wird gesprochen, aber er kann nichts verstehen, es ist nur Gemurmel. Mit dem Lichtstrahl sucht er die Bretterwand ab, findet ein Astloch. So leise er kann, steigt er über einen Berg Gerümpel und sieht hindurch. Viel kann er nicht erkennen, sein Blickwinkel ist zu klein. Aber er weiß, wie es darin aussieht. In der entgegengesetzten Ecke, an der Außenwand, stehen ein großes altes Ecksofa aus grünem Kunstleder und ein dazu passender Sessel. Dazwischen ein niedriger Tisch und an der Wand ein kleiner Kühlschrank.

Drei oder vier Männer sitzen auf dem Sofa, Paul sieht sie nur von hinten, kennt aber ihre Stimmen. Es sind alles Kollegen von ihm, aber nicht seine Freunde. Nicht mehr, seit sie die Freunde von Ruben Fux sind. Der hat es sich im Sessel bequem gemacht. Er war es, der eben dröhnend gelacht hat.

Paul hält sein Ohr an das Loch in der Wand und versucht, etwas zu verstehen. Viel ist es nicht, doch für den alten Fischer schon zu viel.

Nachdem er fast eine halbe Stunde lang gelauscht hat, geht er vorsichtig zurück. Er muss sich dabei an der Wand abstützen, es dauert eine Weile, bis er den Rücken wieder gerade machen kann. Sein Herz klopft bis zum Hals vor Anstrengung und vor Wut. Oder vor Angst? Bricht seine Welt demnächst zusammen?

Die Tür knarrt leise, als er sie heran drückt. Er wirft einen Blick zur Nachbarbude und nimmt sich nicht die Zeit abzuschließen. Hier gibt es sowieso nichts zu stehlen. So schnell er kann, geht er zurück zu seiner Seite der Langbude.

Zu Pauls Erleichterung ist Andreas mit seinen Kindern schon verschwunden, auch die beiden Alten verabschieden sich gerade. »Siehst gar nicht gut aus, Paul,« stellt der eine fest.

Der Fischer greift sich an den Rücken. »Das Kreuz macht mir zu schaffen«, erklärt er.

»Ja, ja, das macht die schwere Arbeit, du wirst eben auch alt.«

Pauls Antwort ist ein Knurren, er schließt energisch die Tür hinter den beiden, nicht, bevor er noch einmal aufmerksam nach rechts und links gesehen hat.

»Arno, du glaubst nicht, was ich eben gehört habe«. Er spricht aufgeregt, aber leise und sieht dabei aus dem Fenster, ob nicht doch noch jemand da ist.

»Nun mach es nicht so spannend. Ich will dann auch nach Hause.«

»Setz dich jetzt da hin und hör mir zu.«

Kopfschüttelnd folgt der Jüngere der Aufforderung und setzt sich auf den Küchenstuhl, der eigentlich Bertas Platz ist. Paul lässt sich in seinen Sessel fallen, lehnt sich stöhnend zurück und richtet sich gleich wieder auf, um sich eine Zigarette anzustecken. Etwas erschrocken bemerkt Arno, wie seine Hände dabei zittern. »Was ist denn los?«

Paul atmet den Rauch erst einmal tief ein und wieder aus. »Weißt du, was Fux vorhat?«, stößt er dann hervor. »Der will die ganze Langbude abreißen und eine riesige Gaststätte hierhin bauen. Nicht nur ein Museum, das ist nur ein kleiner Teil davon, ein Alibi sozusagen. Einen ›Fischererlebnisbereich‹ hat er gesagt. Offene Küche, wo Fisch gebraten wird, Räucherei, Heringssalzerei. Und vielleicht noch ein paar Ferienwohnungen direkt am Strand. Kannst du dir das vorstellen?«

»Fux war schon immer ein Spinner«, erklärt Arno kategorisch. »Du glaubst diesen Blödsinn doch wohl nicht? Das kriegt der niemals genehmigt.«

»Und wenn doch? Du, der hat Beziehungen bis sonst wohin. Wenn die Gemeinde das nicht will, holt er sich die Genehmigung eben von Anklam. Das Schlimmste hab ich dir noch gar nicht erzählt: Der plant eine Robbenstation. Wo man die jungen und kranken Viecher aufpäppelt. Er meint, dafür kriegt er auf jeden Fall grünes Licht und das wäre auch ein Anziehungspunkt für Gäste.«

Arno lacht laut. »Paul, der hat dich verarscht. Der hat wahrscheinlich gemerkt, dass du lauschst. Das ist so ein Blödsinn – und genau das, was dich auf die Palme bringt. Das Beste ist, du vergisst ganz schnell, was du gehört hast und lässt dir nichts anmerken. Tu ihm bloß nicht den Gefallen und reg dich darüber auf. Ich denke, hier passiert gar nichts. Nicht in den nächsten zehn Jahren.«




Mittwoch, 17. Juni


Sophie ist sauer. »Die Hausgäste haben sich beschwert. Morgens um sechs wird die Promenade gekehrt und die Papierkörbe geleert und meine Gäste stehen senkrecht im Bett, so einen Lärm machen die dabei.«

Sie stellt Paul und Arno jeweils ein Glas Bier hin, Berta trinkt heute Kamillentee, sie hat Magenschmerzen.

»Ja, das ist mir auch schon aufgefallen, dass heute alles so laut ist«, sinniert Paul. »Das Schlimmste sind diese Rasenmäher, wo du im Umkreis von 500 Metern dein eigenes Wort nicht verstehst. Das fängt morgens schon an, wie du sagst. Die brüllen sich an, quer über die Promenade, knallen mit den Autotüren und die ganze Zeit knattert und stinkt der Dieselmotor. Früher hat Gerti Zeplin mit dem Pferdewagen die Abfälle abgeholt. Da hast du höchstens mal Hufgetrappel und ein leises Wiehern gehört.«

»Ja, früher hatten wir auch einen Kaiser«, knurrt Berta.

»Du, ich kann nichts dafür, dass du Bauchschmerzen hast. Musst deine schlechte Laune nicht an mir auslassen. Da kann ich ja gleich zu Hause bei meiner Frau bleiben.«

»Nun mach deine Frau mal nicht schlecht, die ist doch immer ruhig und freundlich.«

»Ja, außer wenn sie unterzuckert ist. Aber meistens passt sie schon auf. Und wenn sie nicht in den Garten kann. Aber jetzt hat sie da den ganzen Tag zu tun, Gott sei Dank.«

»Ja, da vermisst sie dich nicht und du kannst den ganzen Tag am Strand bleiben. Was würdest du bloß ohne deine Bude machen?«

»Berta, mal nicht den Teufel an die Wand.« Er sieht Arno an, der grinst und Paul beschließt, erst mal nicht zu erzählen, was er am Strand gehört hat. »Der Lauscher an der Wand hört seine eigne Schand«, hat Arno gesagt und Paul ist es etwas peinlich vor Sophie und Anne, die sich inzwischen auch an den Tisch gesetzt haben. Er wird es seiner alten Freundin bei Gelegenheit unter vier Augen erzählen. Er hofft, dass sie der gleichen Meinung wie sein Kollege ist und Rubens Pläne für Hirngespinste hält.

Berta merkt, dass Paul etwas auf dem Herzen hat, worüber er nicht reden will. Er ist nicht nur schlecht gelaunt, sondern unruhig und nervös.

»Paul will übrigens ein Fischermuseum einrichten«, erzählt Arno. »Was haltet ihr davon? Ich finde, das ist eine gute Idee.«

»Ja, super!« Anne ist begeistert. »Die Touristen interessieren sich sehr für die Fischer und das alles. Ich würde auch mit den Busgruppen kommen.«

»Kriegst du denn noch genug alten Kram zusammen?« Berta ist skeptisch. »Ihr habt doch damals alles weggeschmissen, als ihr die Buden aufgeräumt habt.«

»Na ja, alles nun auch nicht.« Paul erzählt von der alten Hütte am anderen Ende der Langbude.

»Da kümmert sich keiner mehr drum und ich hab den Schlüssel. Ich hab da mal ein bisschen rumgestöbert. Übrigens, weißt du, Arno, was mir aufgefallen ist?«, fällt ihm ein. »Ich hab mir mal die alten Netze angeguckt. Die hatten ja eine Maschenweite von höchstens 17 cm. Unsere engsten Netze haben 24 bis 26 cm, kleiner dürfen die gar nicht sein laut Vorschrift.«

Er trinkt einen Schluck und erklärt, an Anne gewandt, die ihn fragend ansieht: »Je enger die Maschen sind, umso mehr fängst du. Bei uns rutschen die kleinen Fische, die Untermaß haben, wieder raus.«

»Stimmt, aber ich bilde mir ein, der Hering ist auch größer geworden«, sagt Arno nachdenklich.

»Das bildest du dir nicht ein, das ist so«, ereifert sich Paul. »Wir hatten noch nie so großen Hering wie in diesem Jahr. Wie Nordseehering.«

»Nur schade, dass ihr ihn nicht fangen dürft«, wirft Berta ein.

»Ja. Für das, was wir noch fischen dürfen, brauche ich eigentlich gar kein Netz mehr. Die fange ich mit der Pudelmütze.«

Sophie stöhnt. Immer das gleiche Thema! Sie findet es auch traurig, aber sie kann es auch bald nicht mehr hören.

Erleichtert sieht sie, dass neue Gäste an den Stammtisch kommen. Andreas Keller hat heute seine Frau mitgebracht, was selten vorkommt.

»Ich hab Simone überredet«, erklärt er. »Sie muss auch mal raus und mit anderen Leuten reden, als nur mit den Alten im Pflegeheim und mit den Kindern zu Hause.«

Simone lächelt etwas schüchtern. »Ja, unsere Kleinen sind heute schnell eingeschlafen und die Große ist ja da, falls was ist. Die ist schon sehr vernünftig.« Es klingt logisch, aber auch unsicher, entschuldigend.

»Nun mach dir mal keine Sorgen, was soll schon sein. Und wenn, kann sie anrufen.« Er legt sein Telefon auf den Tisch.

»Ja, hast ja recht. Ich bin immer viel zu ängstlich. Sophie, bringst du mir ein Glas Wein? Einen leichten, fruchtigen Weißwein, wenn du hast.«

Seufzend lehnt sie sich zurück. »Ich muss wirklich mal abschalten.«

»Die alte Frau Fux ist gestorben«, erklärt Andreas. »Das nimmt sie ziemlich mit. Sie hat sie gemocht.«

»Ach Gott, die arme Kleine«, seufzt Anne und fügt hinzu: »Ich meine Jule, ihre Enkeltochter. Die hat so sehr an ihr gehangen. Sie hat ja praktisch ihre ganze Kindheit bei ihrer Oma verbracht.«

»Ja«, stimmt Simone zu. »Sie hat sie auch oft besucht. Ihre Eltern waren nicht einmal da, glaube ich. Hoffentlich kümmern sie sich jetzt wenigstens um das Mädchen.«

Anne blickt zweifelnd, sagt aber nichts. Sie hat Jules Mutter heute Vormittag beim Wäscheaufhängen beobachtet. Die ist erst mal gegen einen Pfahl gelaufen und dann beinahe mit dem Kopf voran in den Korb gefallen. Ruben hat sie schon seit Tagen nicht gesehen. Wer weiß, wo der sich rumtreibt. Er wird sich wohl eher um sein Erbe kümmern, als um seine Tochter.




Donnerstag, 18. Juni


Anne ist völlig außer Atem, als sie in die Gaststätte stürmt. Es ist kurz nach elf, Berta und Sophie machen gerade ihre Kaffeepause.

»Ist was passiert?« Sophie stellt erschrocken ihre Tasse ab.

»Ruben Fux ist tot«, stößt ihre Freundin hervor, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten. Sie lässt sich auf einen Stuhl fallen und springt gleich wieder auf. Als sie mit einer Tasse Kaffee zurückkommt, faltet Berta ihre Ostseezeitung zusammen und nimmt die Brille ab.

»Ermordet?«, fragt sie sachlich.

»Tante Berta!« Sophie ist entsetzt. »Nun erzähl schon«, fährt sie Anne an. »Hatte er einen Unfall?«

Die zuckt unsicher mit den Schultern und trinkt erst einmal vorsichtig einen Schluck. »Keine Ahnung. Ich hab nur die Polizisten ins Vorderhaus gehen sehen und dann hab ich auf dem Hof gewartet, bis sie wieder rauskamen. Ich hab Wäsche auf die Leine gehängt, ich hoffe, es hat niemand mitgekriegt, dass die gar nicht nass war. Dann hab ich Fred Müller abgefangen und der hat mir gesagt, dass ›Ruben Fux tot aufgefunden‹ wurde und es ›keinen Hinweis auf Fremdverschulden‹ gibt.«

Berta schnauft verächtlich und Sophie blickt sie warnend an. »Es soll auch manchmal natürliche Todesfälle in Bansin geben«, behauptet sie.

»Mag ja sein. Aber wenn ein gesunder, kräftiger, junger Mann plötzlich ›tot aufgefunden‹ wird, klingt das für mich nicht natürlich.«

»Jung ist ja nun relativ. Und ob er gesund war, weißt du nicht.«

»Eben«, stimmt Anne ihrer Freundin zu. »Er war 50, ein gefährliches Alter für Männer.«

»Wo wurde er denn eigentlich gefunden? Klingt ja nicht so, als ob er zu Hause gestorben ist.«

»Nein. Ich glaube, am Strand, hat Fred gesagt. Aber er hat auch nicht mehr gesagt, musste gleich weiter. Wahrscheinlich sollte auch keiner mitkriegen, dass er mir das gesagt hat.«

»Nein, das darf er wohl nicht.« Berta blickt zur Tür, als erwarte sie, dass der Ortspolizist, den sie schon seit seiner Kindheit kennt und schätzt, hereinkommt und ihr Bericht erstattet.

»Hat er denn gesagt, seit wann Ruben tot ist?«

»Nein. Aber ich habe ihn schon seit ein paar Tagen nicht gesehen und nicht gehört.«

»Hier war er in letzter Zeit auch nicht oft«, fällt Sophie ein. »Nicht mal am Wochenende. Ist dir das nicht aufgefallen?«, wendet sie sich an ihre Tante.

Die überhört die Ironie. »Natürlich ist mir das aufgefallen. Ich dachte, er ist mal wieder pleite. Oder er geht Paul aus dem Weg. Der ist nämlich stinksauer auf ihn.«

»Ruben Fux ist doch noch nie einem Streit aus dem Weg gegangen.« Sophie schüttelt den Kopf. »Und pleite war der auch nicht. Als er das letzte Mal hier war – am vorletzten Wochenende? – da hat er mehrere Runden ausgegeben und ich hab gesehen, dass er reichlich große Scheine im Portemonnaie hatte.«

Fred Müller kommt am Nachmittag, nach Feierabend. Er wollte nicht in Uniform ins Kehr wieder gehen. Aber natürlich weiß er, dass Berta Kelling auf ihn wartet. Anne wird ihr schon erzählt haben, dass Ruben Fux tot ist.

»Es sieht wirklich nach einem natürlichen Tod aus«, bestätigt er. »Wahrscheinlich Herzversagen. Sein Arzt hat uns bestätigt, dass er gefährdet war. Er hatte zu hohen Blutdruck, war zu schwer und sein Lebenswandel – na, du weißt ja. Er hatte auch keine Verletzungen, nur eine kleine Beule am Kopf. Die kann er sich beim Fallen zugezogen haben. Er lag in einer alten Fischerhütte, in der zweiten von hinten. Zwischen lauter altem Kram, Netzen und Steurern und so was. Da lag auch ein alter Anker, vielleicht ist er mit dem Kopf darauf gefallen. Jedenfalls ist er in der Gerichtsmedizin, wir werden es schon erfahren, falls da einer nachgeholfen hat. Aber ich glaube es nicht. Er sah so ruhig und friedlich aus.«

»Ich weiß nicht.« Berta schüttelt unzufrieden den Kopf. »Ich hab so ein Kribbeln zwischen den Schulterblättern, da stimmt was nicht. Da steht er also in der Bude – was wollte er da eigentlich? – und plötzlich bleibt sein Herz stehen und er fällt tot um. Das ist doch Mumpitz. Ich sag dir was; da hat einer nachgeholfen.«

»Na toll«, stellt Sophie fest. »Da haben wir es wieder. Egal, ob es nun ein Mord war oder nicht – ja, ja, ich wage ja schon gar nicht zu glauben, dass du dich irrst, ich bin schließlich lernfähig – die Polizei macht erst mal nichts und du wühlst jede Menge Dreck auf. Und schlimmstenfalls legst du dich mit einem Mörder an und bringst uns alle in Gefahr.«

»Und bestenfalls finde ich den Mörder.« Den Punkt spricht Berta mit und ihre Nichte wusste schon vorher, dass sie sie nicht stoppen würde. Sie wollte es nur einmal gesagt haben.

»Na ja«, besänftigt Anne, »das ist immer so eine zweischneidige Medaille. Ich denke auch, dass Ruben ermordet wurde. Er hatte bestimmt mehr Feinde als Freunde. Also ich helfe dir sowieso.«

»Warten wir doch erst einmal ab«, wirft Fred Müller ein. Seit Sophies Bemerkung über die Polizei fühlt er sich etwas unwohl bei dem Gespräch. Anscheinend sitzt er schon wieder zwischen allen Stühlen. »Ich sag es euch, wenn ich etwas Neues erfahre«, verspricht er trotzdem.

»Bleib noch einen Moment«, bittet Berta ihren alten Freund Bruno Kerr, der gerade sein Portemonnaie aus der Tasche zieht. Der pensionierte Lehrer ist ein beliebter Gast am Stammtisch. Eigentlich sitzt er immer dort. »Der gehört da genauso hin wie die Stühle und die Bank und das Stammtischschild«, hatte Sophie einmal bemerkt. »Ich glaube, eines Tages schließe ich ab und gehe nach Hause, ohne daran zu denken, dass er noch dort sitzt.«

Die Frauen schätzen seinen Humor, Berta vor allem dessen Scharfsinn und Loyalität. Und natürlich seine Menschenkenntnis. Er hat viele Jahre an der Bansiner Schule unterrichtet und kennt die meisten Einheimischen, als Schüler oder als Eltern. Was andere als Zynismus wahrnehmen, erkennt Berta als Realitätssinn. Freundlichkeit liegt ihm nicht so, schon gar nicht, wenn er getrunken hat, was meistens der Fall ist. Aber er kann mit seinem Alkoholkonsum einigermaßen umgehen. Berta hat einmal auf die Frage, ob Bruno Kerr Probleme mit dem Alkohol habe, wahrheitsgemäß geantwortet: »Nein, nur ohne«.

Jetzt nickt er gleichmütig und bedeutet Sophie, ihm noch ein Bier zu bringen. Er hat schon bemerkt, dass was im Busch ist und dass es mit dem Tod von Ruben Fux zu tun hat. Eigentlich ist der ihm egal, er mochte den Mann nicht besonders, aber es freut ihn, dass er in Bertas Ermittlungen einbezogen wird. Endlich ist mal wieder etwas los. Sonst ist es im Sommer immer ziemlich langweilig in seiner Stammkneipe. Da dreht sich alles nur um die Urlauber, die er auch nicht mag.

Vorsichtig nippt er an seinem Bierglas. Eigentlich sollte er nichts mehr trinken. Seinen normalen Pegel hat er erreicht und er will ja noch mitbekommen, was Berta sagt. Endlich sind die letzten Gäste gegangen, Thomas Haas hat abgerechnet und verabschiedet sich. Er lehnt Bertas halbherzige Einladung, sich noch einen Moment zu ihnen zu setzen ab, er habe Kopfschmerzen und brauche frische Luft. »Ich mache lieber noch einen kleinen Strandspaziergang. Bis morgen dann.«

Die vier Zurückgebliebenen machen es sich am Stammtisch gemütlich. Sophie hat Brunos Bier gegen eine Tasse Kaffee getauscht und sich selbst eine Rotweinschorle gemischt. Berta findet, es sei kühl geworden, sie hat sich einen Grog gemacht. Ihr Kater kommt aus irgendeinem Versteck und setzt sich neben sie auf die Bank. Anne trinkt Whisky-Cola.

»Du wirst so langsam dekadent«, vermutet Bruno. »Hast du so viel Trinkgeld gekriegt, dass du dir das leisten kannst?«

»Sie hat die Flasche Whisky selbst mitgebracht«, petzt Sophie.

»Also, dass Ruben Fux ermordet wurde, ist uns wohl allen klar«, kommt Berta zum Thema.

»Ach ja?« Sophie versucht es, gibt aber nach einem strengen Blick ihrer Tante die Revolte auf.

»Kann natürlich sein, dass die Polizei das in ein paar Tagen auch weiß«, fährt die fort, »und vielleicht sogar den Mörder findet. Nämlich dann, wenn sich dieser besonders blöd angestellt hat. Aber ich glaube, es ist besser, wenn wir uns darum kümmern.«

»Natürlich«, stimmt Anne mit den altbewährten Argumenten zu. »Wir kannten Fux ja viel besser und wissen, mit wem er Umgang hatte und was er so getrieben hat.«

»Ach ja?«, zweifelt jetzt Bruno. »Also ich weiß das nicht. Es hat mich aber auch nicht besonders interessiert«, schränkt er ein und fügt der Vollständigkeit halber hinzu: »Ich konnte ihn nicht leiden.«

»Na, wen kannst du schon leiden?« Er beantwortet Annes etwas verächtliche Bemerkung gar nicht und Berta nur in Gedanken mit ›Dich, zum Beispiel‹.

»So richtig viel wissen wir wahrscheinlich alle nicht«, überlegt sie. »Nur, was er so erzählt hat.«

»Und davon war das meiste vermutlich gelogen«, wirft Bruno ein.

»Ich glaube auch, dass er einige Geschäfte am Laufen hatte, über die er nicht gesprochen hat«, vermutet Sophie. »Da wird das Mordmotiv zu finden sein.«

»Anne«, Berta sieht zu ihrer Tischnachbarin hoch, »du kanntest ihn am besten. Jedenfalls was seine Geschäfte betrifft.«

»Alles, was ich weiß, bewegt sich im legalen Rahmen. Er hat Ferienwohnungen für deren Besitzer vermietet und er hat für Busunternehmen Hotelreservierungen vorgenommen und Ausflüge organisiert.«

»Die du dann durchgeführt hast.«

»Ja. Ich und noch andere Reiseleiter von der Insel. Wir haben die Rundfahrten gemacht und die Führungen und dafür 80% von dem bekommen, was die Gäste bezahlt haben. Manchmal hat er uns auch beschissen, glaub ich. Aber egal, ich hab dabei ganz gut verdient.«

»Was machst du denn jetzt?«, fällt Sophie ein. »Wer vermittelt dir die Aufträge?«

»Ich hab heute Nachmittag schon alle Busunternehmen angemailt, von denen ich die Adressen rausgefunden habe. Ich arbeite jetzt direkt für die, da muss ich mit niemandem teilen. Das ist sogar viel besser.«

»So. Dann bist du ja schon die Erste, die von seinem Tod profitiert. Die erste Verdächtige, sozusagen.« Sophie grinst.

»Richtig.« Berta nickt ernsthaft. »Aber ich denke, wir finden noch einige.«

»Ist es nicht seltsam«, überlegt Bruno, »dass Ruben Fux und seine Mutter fast gleichzeitig gestorben sind? Ob es da einen Zusammenhang gibt?«

»Richtig«, wundert sich Berta. »So hab ich das noch gar nicht gesehen. Ich hab nur gedacht, es ist gut, dass die alte Frau vom Tod ihres Sohnes nichts mehr mitgekriegt hat.« Sie rührt in ihrem Glas und denkt nach. »Also, dass er sich darüber so aufgeregt hat, dass er tot umgefallen ist, erscheint mir eher unwahrscheinlich. Hat er geerbt? Hatte die alte Frau Geld? Und wenn – wer erbt es jetzt? Seine Frau?«

»Geld ist immer ein Motiv«, stimmt Bruno zu. »Aber wer weiß darüber Bescheid? Die Familie? Hatte er Geschwister?«

»Warte mal! Da war doch was …« Berta rutscht aufgeregt auf der Bank hin und her. Der Kater, der sich angeschmiegt hatte, miaut empört.

»Er hatte noch einen Bruder. Wie hieß der noch? Ach, ist egal. Der ist vor Jahren tödlich verunglückt. Ist der nicht ertrunken? Bruno, du musst das doch wissen, denk mal nach. Die waren doch beide Bansiner, Ruben und sein Bruder. Die müssen doch hier zur Schule gegangen sein.«

»Ja, kann sein. Ich erinnere mich dunkel. Ich glaube, ich habe den einen mal in Mathe unterrichtet. Aber die waren ziemlich unauffällig. Und das ist wirklich ewig her.«

»Ich muss Paul mal fragen. Wenn der in der Ostsee ertrunken ist, weiß er das vielleicht. Und du, Anne kümmerst dich um die Familie.«

Die Gästeführerin verschluckt sich beinahe an ihrem Getränk, das Sophie ihr gerade hingestellt hat. »Bisschen wenig Whisky«, beschwert sie sich zunächst. »Zu viel Cola, du weißt, dass die ungesund ist.«

»Und wie soll ich das machen?«, fährt sie dann empört fort. »Ulrike kriegt man kaum zu sehen und wenn, dann ist sie voll. Und Jule? Ja, die tut mir wirklich leid.«

Eine Weile schweigen sie alle. Sie denken an das Mädchen, das innerhalb weniger Tage ihre geliebte Oma und ihren Vater verloren hat.

»Also, um die muss sich sowieso jemand kümmern. Nicht, um sie auszufragen«, fährt sie schnell fort, als ihre Nichte sie empört ansieht. »Ich denke wirklich, sie braucht jemanden zum Reden und Trösten. Hat sie überhaupt noch jemanden außer ihrer Mutter? Eine Freundin vielleicht?«

Anne zuckt mit den Schultern. »Ich sehe sie immer nur allein.« Dann sieht sie Berta erschrocken an. »Aber wenn es wirklich um Geld geht, um das Erbe von ihrer Oma, dann ist sie doch auch in Gefahr, oder? Und ihre Mutter natürlich.«

»Ja, siehst du. Sprich das Mädchen einfach mal an. Ich mache mir wirklich Sorgen um sie, nicht nur wegen des Mörders. Sie sollte nicht so allein sein.«

»Na gut. Wahrscheinlich hast du recht und sie braucht wirklich Hilfe.« Sie überlegt. »Ich werde sie einfach mal fragen, wer ihr jetzt etwas zu essen macht. Ich glaube, Ruben hat oft für die Familie gekocht. Schon, weil Ulrike dazu gar nicht in der Lage war. Und deren Zustand hat sich mit Rubens Tod vermutlich nicht gebessert.«

»Aber das ist doch furchtbar!« Sophie ist empört. »Wenn die weiter trinkt, geht alles den Bach runter. Das Mädchen kann doch nicht den Haushalt führen, Miete zahlen und das alles. Und sich auch noch um die Beerdigungen kümmern. Wie soll das gehen? Wenn sie tatsächlich niemanden hat, Tante Berta, solltest du da schleunigst eingreifen.«

»Ja, du hast recht. Vielleicht gehe ich da einfach mal hin und frage, ob sie Hilfe brauchen. Aber besser ist es natürlich, wenn Anne das Mädchen anspricht. Die kennt sie, da hat sie eher Vertrauen, denke ich. Übrigens, Miete brauchen sie nicht zahlen, das Haus hat der alten Frau Fux gehört. Wahrscheinlich hat Ruben es geerbt und jetzt – jetzt gehört es natürlich Jule und Ulrike«, fährt sie dann nachdenklich fort.

»Denkst du, das Haus könnte ein Mordmotiv sein?«, liest Sophie ihre Gedanken. »Es ist bestimmt einiges wert in der Lage. Und der Zustand scheint auch gut zu sein, jedenfalls sieht es von außen so aus.«

Anne nickt. »Ist es auch. Es wurde erst vor ein paar Jahren restauriert. Nachdem die alte Frau Fux ausgezogen ist. Da wurden neue Fenster eingesetzt, eine andere Heizung eingebaut, die Fußböden wurden erneuert, glaube ich und alles gestrichen, innen und außen. War bestimmt nicht billig, das Ganze. Aber das Haus ist in einem Superzustand.«

»Vielleicht hat die alte Frau Fux da ihr Geld reingesteckt, damit sie keine Heimkosten zahlen musste«, überlegt Bruno laut.

»Und wenn sie es damals schon Ruben vererbt hat?«

»Dann hätte der die Kosten übernehmen müssen«, vermutet Berta. »Aber das ist schon interessant. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sie so viel Geld hatte, um das ganze Haus umzubauen. Wenn sie es nun an jemand anderen verkauft hat?«

»Dann hat Ruben Miete gezahlt. Aber wo ist das Geld von dem Verkauf geblieben? Meinst du, sie hat ihren Platz im Pflegeheim davon bezahlt?«

»Das glaub ich im Leben nicht. Diese Bauernschläue hat Ruben von seiner Mutter geerbt. Die haben nichts verschenkt. Aber wie kriegen wir das raus?«

Bruno schiebt seine Kaffeetasse weg. Er ist jetzt wieder vollkommen nüchtern und müde. »Lasst das Mädchen in Ruhe«, rät er abschließend. »Die merkt das doch, wenn ihr sie ausfragt und dann fühlt sie sich ausgenutzt und nimmt eure Hilfe nicht an, auch wenn ihr es ehrlich meint. Und ihr werdet auch nichts von ihr erfahren.«

»Ja«, stimmt Berta zu. »Ich habe auch ein ganz schlechtes Gefühl dabei. Anne, wir kümmern uns um sie, vielleicht kannst du sie zum Essen herbringen und dann sehen wir weiter. Wir warten einfach ab, ob sie von sich aus etwas erzählt und wenn nicht, ist es auch egal. Erst mal«, schränkt sie ein. »Und wie sich das mit dem Haus verhält, das muss Fred Müller herausfinden. Der wird ja bald wieder hier auftauchen, um uns mitzuteilen, dass es doch ein Mord war.«




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