Hausaufgaben ? Nein Danke!
Armin Himmelrath


Dieses E-Book enthält komplexe Grafiken und Tabellen, welche nur auf E-Readern gut lesbar sind, auf denen sich Bilder vergrössern lassen.

<br/>

Sie sind sozial ungerecht, pädagogisch fragwürdig und persönlich belastend: Hausaufgaben gehören seit Jahrhunderten zum Standardrepertoire von Lehrpersonen – dabei wird ihre Wirkung für den Lernprozess völlig überschätzt. Weil nicht alle Elternhäuser die gleiche Unterstützung bei den Hausaufgaben anbieten können, wirken sie sozial selektierend: Wer als Schülerin oder Schüler Probleme und nicht die richtige Hilfe im Hintergrund hat, verliert durch die Hausaufgaben – und nicht etwa trotz der Aufgaben – schnell den Anschluss an die Unterrichtsinhalte. Das zeigen Forschungen etwa des Wissenschaftszentrums Berlin. Ausserdem hat sich in der Pädagogik längst der Trend zu einem möglichst individuellen Lernen entwickelt – und diesem Ansatz widersprechen Hausaufgaben mit ihren gleichmacherischen Methoden völlig. Es wird also höchste Zeit, sich von diesem veralteten Instrument zu lösen – und stattdessen echte «Schulaufgaben» im besten Sinne des Wortes zu entwickeln und einzusetzen.

<br/>

Das Werk gliedert sich in vier Hauptteile:

1. Hausaufgaben – der nicht hinterfragte Standard

2. Sinnvoll oder Selektion? Hausaufgaben im Fokus der Wissenschaft

3. Praxiserfahrungen – so kann es anders laufen

4. Von Haus- zu Schulaufgaben: ein alternatives Gesamtkonzept












Armin Himmelrath

Hausaufgaben – Nein Danke!

Warum wir uns so bald wie möglich

von den Hausaufgaben verabschieden sollten

ISBN Print: 978-3-03822-017-6

ISBN E-Book: 978-3-03822-020-6

1. Auflage 2015

Alle Rechte vorbehalten

© 2015 hep verlag ag, Bern

www.hep-verlag.com (http://www.hep-verlag.com)


Vorwort

32 Jahre Schulunterricht und damit auch 32 Jahre Hausaufgaben – auf diesen Erfahrungswert komme ich bis heute, was die Schulkarrieren meiner Kinder angeht. Jahre, in denen sie widerwillig und motzend am Küchentisch saßen und mich mit ihrer Lustlosigkeit zur Verzweiflung brachten. Jahre, in denen sie sich in ihre Zimmer zurückzogen, angeblich zum Erledigen der Hausaufgaben, um dann am nächsten Morgen doch noch ganz erschrocken festzustellen: „Oh, für Mathe hatte ich ja auch noch etwas auf!“ In denen sie gelegentlich bei Diskussionen die Frage stellten: „Warum können wir nicht viel weiter außerhalb der Stadt wohnen? Dann hätte ich Zeit, meine Aufgaben im Bus zu erledigen.“ In denen die Lehrer schriftlich und bei Sprechtagen mit mahnend gerunzelter Stirn darauf hinwiesen, dass die Sorgfalt beim Erledigen der Hausaufgaben doch etwas zu wünschen übrig lasse. Und in denen meine Kinder nicht selten, vor allem in jüngeren Jahren, regelrechte Telefonkonferenzen mit ihren Klassenkameraden veranstalteten, um herauszufinden, wie denn eine bestimmte Aufgabe eigentlich gemeint sei. Nein, viele Anlässe, sich über Hausaufgaben zu freuen, gab es aus meiner Perspektive als Vater nicht. Irgendwie waren sie halt zu erledigen, das entsprach schließlich auch meiner eigenen, schon länger zurückliegenden Schulerfahrung: Hausaufgaben müssen sein, gehören einfach zum Unterricht dazu und machen keinen Spaß.

Aber muss das wirklich so sein? Müssen sie wirklich als didaktisches Dogma Teil des Schullebens sein, unverrückbar und unhinterfragbar? Irgendwann setzte sich dieser Zweifel fest und je mehr ich zum Thema Hausaufgaben las und recherchierte, desto deutlicher wurde eine absurde Situation: Ja, die Hausaufgaben gehören zur Schule dazu – und nein, überzeugende Beweise dafür, dass sie etwas bringen, gibt es so gut wie gar nicht. All die schönen Floskeln vom eigenständigen Lernen und Arbeiten, von der Vertiefung des zuvor Gehörten, vom Festigen des Unterrichtsstoffs sind genau das: Floskeln, mit denen die Wirkungslosigkeit eines pädagogisch unsinnigen Instruments zugekleistert wird.

Es ist Zeit, die Hausaufgaben ganz grundsätzlich in Frage zu stellen. In Zeiten der Ganztagsschule besteht endlich die Chance, diesen Unsinn zu beenden – ein Schritt, der eigentlich schon vor Jahrzehnten hätte passieren sollen. Und um endlich zu eigenständigen Lernformen zu finden, von denen die Kinder, die Lehrer und die Eltern gleichermaßen profitieren.

Köln, im Oktober 2015

Armin Himmelrath


HAUSAUFGABEN – DER KAUM HINTERFRAGTE STANDARD (#ulink_6796b918-f808-5e1a-831c-bda7ccee86ea)

Vier Monate keine Hausaufgaben – die Wittmann-Studie aus den 1960er Jahren (#ulink_ad44a47c-c91e-5922-9403-8c53f58b8743)

Die Hausaufgaben-Debatte der 1980er Jahre (#ulink_bc442623-29a5-5104-9e36-8946957aaaff)

Das Hausaufgabenproblem ist uralt – ein historischer Rückblick (#ulink_bdcbfd59-1a98-5967-b5be-6a6590d7349d)

Aktuelle Versuche zur Abschaffung der Hausaufgaben in der Schweiz (#ulink_71050ea6-bcae-5ea5-82ee-7e44c11569a7)

Mehr Probleme als Lösungen – Originaltöne von Lehrerinnen und Lehrern im Internetforum (#ulink_7835807c-d8e7-5e39-a937-935bc4def298)

Gründe für die Hausaufgabenerteilung – Befunde aus der Schulforschung (#ulink_ca9322fe-97fd-504b-b1f7-9a83a92c96e8)

      Hausaufgaben als pädagogisches Problem Erfahrungen der Lehrer-Arbeitsgemeinschaft in Dingolfing 

      Hausaufgaben aus Sicht der Eltern 

      Hausaufgaben – Fragen und Antworten im Ratgeber eines Schulministeriums 

      Hausaufgaben vor Gericht 

      SINNVOLL ODER SELEKTION? HAUSAUFGABEN IM FOKUS DER WISSENSCHAFT 

      Stimmen aus der Wissenschaft – das Leid von Schülern und Eltern wird untermauert 

      Hausaufgaben in Ganztagsschulen 

      Hausaufgaben gehören als Schulaufgaben zurück an die Schule 

      Hausaufgaben als Selektionsinstrument – „Geld schießt Tore“ 

      Fördern Hausaufgaben selbstständiges Lernen? 

      Hausaufgaben sind unwirksam und zudem Familienkonfliktherd 

      Hausaufgaben als fragwürdiges selbstreguliertes Lernen 

      Die Frustrationsschleife: Was am Vormittag in der Schule nicht verstanden wurde, gelingt am Nachmittag erst recht nicht 

      Zusammenfassend: Weder das Wissen noch die Selbstwirksamkeit wird erhöht 

      HAUSAUFGABEN – WER PROFITIERT? VON PÄDAGOGEN, PHILOSOPHEN UND POLITIKERN 

      Polemische Diskussionen 

      Hausaufgaben als Teil des ökonomistischen Bildungssystems 

      Der milliardenschwere Nachhilfemarkt im deutschsprachigen Raum 

      Ärmere Schüler erhalten schlechtere Noten 

      Pädagogische Schattenwirtschaft 

      AUS HAUSAUFGABEN SCHULAUFGABEN MACHEN – ES GEHT AUCH ANDERS 

      Abschaffung von Hausaufgaben – Entwicklung echter Schulaufgaben 

      Entkoppelung der Lernformen vom schulischen Unterricht und Lebensweltorientierung 

      Ausbau des Ganztagsunterrichts 

      Widerstand gegen die Abschaffung der Hausaufgaben in der Ganztagsschule in Frankreich 

      Fahrplan zu einer Schule ohne Hausaufgaben 

      Schlusswort 

      BIOGRAFIE 

      AUSGEWÄHLTE UND KOMMENTIERTE LITERATURHINWEISE 


 (#ulink_9476839a-eb13-584b-b068-101d9402f54d)„Die Schulen haben von ihrem Einfluss und ihrer Anerkennung sehr verloren und an Misliebigkeit beim Publicum sehr zugenommen, seit sie so viel Gewicht auf häusliche Aufgaben gegeben und so ihr Lehrgeschäft ganz und gar ins elterliche Haus gelegt haben.“

Karl Gottfried Scheibert (1803-1898), Direktor der Stettiner Friedrich-Wilhelms-Schule







Vier Monate keine Hausaufgaben – die Wittmann-Studie aus den 1960er Jahren (#ulink_168586e9-372c-549f-aea3-7ffc1d14a816)

Der Versuch war revolutionär, die tiefe Skepsis zu erwarten. Vier Monate lang ließ der Mülheimer Erziehungswissenschaftler Bernhard Wittmann Schüler aus dritten und sechsten Klassen in Duisburg in zwei Fächern keine Hausaufgaben machen. Die eine Hälfte bekam das Hausaufgabenverbot in Mathematik, die andere im Fach Deutsch bei Aufgaben zur Rechtschreibung. Kein Wunder, dass sich während des Versuchs immer mal wieder besorgte Eltern bei den Klassenlehrern meldeten: Ob es denn wirklich sein könne, dass die Kinder schon seit Wochen keine Matheaufgaben mehr bekommen hätten?

Wittmann wollte mit seinem Versuch und den sich anschließenden Leistungstests überprüfen, wie viele Fortschritte Hausaufgaben beim Lernen tatsächlich bringen. Und er kam, nach Auswertung der Testaufgaben, zu einem eindeutigen Resultat: „Hausaufgaben besitzen keinen materialen Bildungswert“, stellte der Pädagoge fest, „Hausaufgaben bewirken keinen Zuwachs an Kenntnissen und Fertigkeiten bei den Schülern.”

Bernhard Wittmann konnte belegen, dass nach dem viermonatigen Versuch die Drittklässler ohne Rechtschreibaufgaben im Rechtschreiben nicht schlechter waren als die Schüler, die Deutschaufgaben erhalten hatte. Auch im Fach Mathematik gab es keine Leistungsunterschiede zwischen Klassen mit und ohne Rechenaufgaben.

Die Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse ohne Matheaufgaben zeigten sogar durchgängig bessere Leistungen als die Schüler, die Hausaufgaben im Rechnen hatten erledigen müssen; bei den Hausaufgaben zur Rechtschreibung jedoch waren zwei von drei Schulklassen mit Hausaufgaben besser als die Klassen ohne Hausaufgaben.

Dabei handelt es sich bei der Duisburger Schulstudie mitnichten um eine aktuelle Untersuchung. Bernhard Wittmann hatte seine Versuche zur Leistungssteigerung durch Hausaufgaben bereits 1958 durchgeführt und ein paar Jahre später als Buch veröffentlicht


, 1965 berichtete der „Spiegel“ unter dem Titel „Spielerische Entleerung“


 darüber. Aus heutiger Sicht, mit dem Abstand von mittlerweile 50 Jahren, klingen die seinerzeit vorgebrachten Argumente zum Sinn und Unsinn von Hausaufgaben beklemmend aktuell: Von Förderung und Stärkung der Schüler reden die Befürworter und preisen die Hausaufgaben gar als probates Mittel gegen Lehrermangel und zu viel Stoff im Curriculum; vor nervlicher und zeitlicher Überbeanspruchung der Schülerinnen und Schüler warnen dagegen die Hausaufgaben-Skeptiker, verweisen auf überforderte Eltern und kommen aus juristischer Sicht gar zu dem Schluss, dass Hausaufgaben den Tatbestand des Hausfriedensbruchs erfüllen, weil sie außerhalb der Schule stattfinden und nicht unter den gesetzlichen Schulzwang fallen. Knapp fünf Jahrzehnte später – zur Bildungsmesse „didacta“ im Jahr 2013 – wird Elternvertreter Hans-Peter Vogeler vom Bundeselternrat feststellen: „Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch. Überlegen Sie mal, wie viel Streit in eine Familie kommt durch Hausaufgaben, und wie das Zusammenleben beschädigt wird – dann wissen Sie, warum ich es pointiert Hausfriedensbruch nenne.“ Vogeler kommt allerdings zu einer insgesamt differenzierten Bewertung: „Wenn Hausaufgaben in einem Kontext sind, wenn sie eingebettet sind in Zusammenhänge und damit auch umgegangen wird und die Kinder auch erkennen, welchen Sinn es machen kann und wozu sie dienen können, dann kann man darüber reden.“

Doch zurück in die 1960er Jahre und zu Bernhard Wittmanns Studie mit Ruhrgebietsschülern. Zu der Untersuchung gehörten damals nämlich nicht nur die Leistungstests in Deutsch und Mathematik nach vier Monaten ohne Hausaufgaben, sondern auch eine Umfrage unter Eltern, Lehrern und Schülern zum Thema. Dabei bewerteten 96 Prozent der insgesamt 1567 befragten Schülerinnen und Schüler Hausaufgaben als „nötig“ und „nützlich“. Der Pädagoge allerdings hielt das für keine ehrliche Aussage: „Vater oder Mutter, aber auch die Lehrperson oder größere Geschwister sagen, Hausaufgaben seien notwendig“, so Wittmann, und dadurch würden die Kinder massiv beeinflusst, denn sie übernähmen „fast ausschließlich die Einstellung und Motivierung der Umgebung“. Doch den klaren wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz sollte es noch lange – sehr lange – dauern, bis die Debatte über den Sinn und Unsinn von Hausaufgaben wieder aufgenommen wurde.


Die Hausaufgaben-Debatte der 1980er Jahre (#ulink_cd9d4a75-ee08-50f4-80be-28374d669870)






1982, also 22 Jahre später, war es erneut der „Spiegel“, der das Hausaufgabenthema aufgriff – in Form einer Titelgeschichte („Schularbeiten – Alptraum der Familie“) und unter der plakativen Überschrift „Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch“


. Da war die Rede von Schülern, die mehr Stunden pro Woche beschäftigt waren als ihre Vollzeit arbeitenden Eltern; von strengen und leistungsorientierten Vätern und Müttern, die ihren Nachwuchs zu Hause noch durch zusätzliche Übungsstunden triezten, damit sie nur ja gute Schulleistungen erreichten; von der vermeintlichen alten Weisheit, dass nur Übung den Meister mache. Und schon damals, vor über 30 Jahren, stellten die Autoren fest: „Wissenschaftler haben erhebliche Zweifel an der gängigen Hausaufgaben-Praxis.“ Die Frage muss erlaubt sein: Warum um alles in der Welt hören wir dann heute immer noch dieselben, schon lange widerlegten Argumente? Warum sind die Hausaufgaben nicht längst flächendeckend abgeschafft, besser noch, schulgesetzlich verboten worden?

Argumente hätte es schon Anfang der 1980er Jahre genug gegeben – und zwar nicht nur auf der Ebene individueller Anekdoten von Schülerinnen und Schülern, die täglich an Nachmittagen und Abenden unter der Last von mehrstündigen schulischen Arbeitsaufträgen stöhnten, sondern auch von wissenschaftlicher und schulpraktischer Seite. So hatte die Arbeitsstelle für Schulentwicklungsforschung an der Universität Dortmund schon damals herausgefunden, dass ein Fünftel aller Schüler täglich mehr als zwei Stunden für die Erledigung der Hausaufgaben benötigte; dass fast die Hälfte der Schüler zwischen einer und zwei Stunden täglich zu Hause über den Schulbüchern saß; dass sogar knapp 40 Prozent der Grundschüler mindestens eine Stunde lang Hausaufgaben machen mussten.

1980 hatte hatte ein Kölner Erziehungswissenschaftler in einer anderen Studie verglichen, wie sich ein unterschiedliches Hausaufgabenpensum bei Schülerinnen und Schülern in deren schulischen Leistungen niederschlug − nämlich so gut wie gar nicht. Und einige der Schüler mit vielen Aufgaben schnitten sogar schlechter ab, mutmaßlich wegen Arbeitsüberlastung. „Im Grunde unzumutbar“ sei diese Arbeitsbelastung, schimpfte der Hildesheimer Psychologieprofessor Dieter Lüttge damals. Doch allen erziehungswissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz konnten sich die Hausaufgabenkritiker mit ihren Einschätzungen nicht durchsetzen – unter anderem auch wegen der Eltern, die ja selbst in aller Regel mit Hausaufgaben als selbstverständlichem Teil des Schullebens aufgewachsen sind und bis heute zusammen mit den Lehrern zur stärksten Lobbygruppe gegen die Veränderung der Hausaufgabenpraxis gehören. Eigentlich erstaunlich, denn die heutigen Eltern gehörten in den frühen 80er Jahren mit einiger Wahrscheinlichkeit genau zu der Generation von Schülerinnen und Schülern, die im „Spiegel“-Artikel über die hohe Arbeitsbelastung klagten.

Heutige Mütter und Väter übernehmen damit Positionen, die schon ihre Eltern bezogen haben. So berichtet der Artikel über eine Umfrage unter Eltern einer Gesamtschule im rheinland-pfälzischen Kastellan, bei der 71 Prozent der Erziehungsberechtigten davon überzeugt waren, dass „die Fülle des Stoffes nicht zu bewältigen“ sei, wenn die Kinder keine Hausaufgaben zu erledigen hätten. Und bei einer Untersuchung des Pädagogen Thomas Hardt aus Münster


, für die er 1978 knapp 1000 Eltern von Kindern aus den Klassen sechs und neun befragt hat, zeigen sich sogar mehr als 95 Prozent der Mütter und Väter davon überzeugt, dass Hausaufgaben nützlich sind. Ein knappes Drittel der Eltern hält sie sogar für „unbedingt notwendig“. Dass Hausaufgaben dazu dienen, den Schulstoff zu vertiefen und sich einzuprägen und dass sie darüber hinaus das selbstständige Arbeiten trainieren, ist für die allermeisten der Befragten völlig klar. „Und neun von zehn Eltern halten Hausaufgaben auch für geeignet, dem Kind Ordnung und Arbeitsdisziplin beizubringen“, heißt es in dem aufschlussreichen Artikel.

Weitgehend ausgeblendet wurde offensichtlich schon damals, was für eine enorme Zumutung Hausaufgaben für die Familien bedeuten – dass sie, damals wie heute, Stress und Spannungen auslösen, Konflikte heraufbeschwören und ganz nebenbei den Eltern die Verantwortung für das Gelingen der kindlichen Schullaufbahn in einem Maß aufbürden, wie das aus schulpädagogischer Sicht zwar seit Jahrhunderten praktiziert wird, erziehungswissenschaftlich aber kaum seriös zu begründen ist. Dass Eltern die Hausaufgaben wahlweise überwachen oder miterledigen, sich für die schulische Heimarbeit verantwortlich fühlen und als unangenehme Antreiber ihrer Kinder auftreten, ist kein neues Phänomen und war auch vor fünf Jahrzehnten bereits gang und gäbe. Wo heute die Rede von überehrgeizigen Helikopter-Eltern ist, spottete 1982 der Hamburger Erziehungswissenschaftler Wolfgang Schulz über „Diplommütter“, die die Förderung ihrer Kinder als „Management“ verstünden – ein Begriff, der zumindest damals so gar nicht zur Vorstellung von Kindheit passte. Und ein Beamter des Düsseldorfer Kultusministeriums formulierte während der Recherche der „Spiegel“-Reporter jenen schon erwähnten Schlüsselsatz, der bis heute Gültigkeit hat: „Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch.“ Der hessische Ministerpräsident Holger Hörner nannte die Eltern wegen deren selbstverständlicher Eingebundenheit in die Hausaufgabenerledigung „Hilfslehrer der Nation“, für den Tübinger Pädagogikprofessor Walther Eifreund waren sie gar die „Sklaven unserer Schulen“. Der Erziehungswissenschaftler wählt scharfe Worte: „Sie sind es, die sich von einem steinzeitlichen Ausbildungssystem terrorisieren lassen, sich aber trotzdem arrangieren, weil sie ja ihre Kinder – koste es, was es wolle – irgendwann durch die Schule bringen müssen.“ Eltern als Getriebene eines Bildungssystems, die sich dem Druck auf ihre Kinder nicht entgegenstellen, sondern ihn noch verstärken – das klingt nicht unbedingt nur nach Anfang der 1980er Jahre.

Vielleicht aber ist so zu erklären, dass viele Eltern diese Erwartungshaltung der Schule einfach adaptierten und sich zu willfährigen Handlangern der Lehrerinnen und Lehrer machten: Sie entwickelten selbst den Ehrgeiz, dass ihre lieben Kleinen besonders gut und erfolgreich sein sollten. Und befürworteten und unterstützten dann die Hausaufgaben, diesen flächendeckenden und massiven Zeitdiebstahl an der Freizeit der Kinder. So bewerteten 56 Prozent der befragten Eltern in der Studie von Thomas Hardt die Tatsache, dass ein Kind pro Tag weniger als eine Stunde Hausaufgaben erledigen muss, als Indiz dafür, dass dieses Kind von der Schule nicht ausreichend gefordert wird.

Schließlich wird Eltern seit Jahrzehnten, wenn nicht seit Jahrhunderten, eingetrichtert, dass das häusliche Pauken am Nachmittag, in den Abendstunden und am Wochenende irgendwie der Reifung und Bildung der Kinder dient und dass die Hausaufgaben eine wichtige erzieherische Wirkung haben. Nur – welche das sein soll und ob sie tatsächlich eintritt, diesen Nachweis haben die Anhänger der Hausaufgaben nie geführt. Es reichte ihnen stets, mit schwammigen Formulierungen die Festigung des Erlernten zu beschwören und darauf zu verweisen, dass es schließlich schon immer so gemacht worden sei und dass die eigene Hausaufgabenzeit ja wohl niemandem geschadet habe. Eine Aussage, die bezweifelt werden darf – die aber in ihrer unspezifischen Belanglosigkeit fast wie ein Totschlagargument wirkt (und so ja auch wirken soll).

Versuche der Aufklärung hat es immer wieder gegeben. So etwa durch den Lehrer Nilmar Schwemmer, der 1980 das Buch „Was Hausaufgaben anrichten“ herausbrachte, in dem er mit zahlreichen Beispielen und Erfahrungen aus seiner Arbeit die Folgen von Hausaufgaben schildert


. Intensiv setzt er sich mit „der Fragwürdigkeit eines durch Jahrhunderte verewigten Tabus in der Hausaufgabenschule unserer Zeit“ auseinander, befragte fast 500 Schülerinnen und Schüler und wertete die Bestimmungen der Bundesländer in der damaligen BRD aus. Schwemmers Fazit war eindeutig: Hausaufgaben sind „eine latente Gefahr für den Aufbau positiver, den Lern- und Erziehungsprozess begünstigender Beziehungen“, zusätzlich stellen sie „eine Beeinträchtigung der physischen Gesundheit der Schüler [dar], weil sie deren Rekreationsphase erheblich verkürzen und den notwendigen Bewegungsausgleich zur Sitzbeanspruchung während des Unterrichts einschränken“. Außerdem seien die Aufgaben „eine ständige Gefährdung der moralischen Entwicklung der Schüler, weil sie negative Verhaltensreaktionen wie das Lügen und Betrügen provozieren können“ – dann nämlich, wenn es darum geht, ob die Schüler die Aufgaben denn alle alleine geschafft haben. Doch auch ohne diese negativen Auswirkungen bei den Kindern und in deren Familien fehle die didaktische Grundlage für Hausaufgaben, argumentiert Schwemmer: Das Gießkannenprinzip der Hausaufgaben, bei dem alle den gleichen Arbeitsauftrag erhalten, könne schon wegen des individuellen Lerntempos und der unterschiedlichen Konzentrationsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler nicht funktionieren. Die Aufgaben seien deshalb ein von Lehrerinnen und Lehrern oft völlig falsch eingeschätztes, weil „äußerst schwierig zu handhabendes methodisches Instrument“. Mit anderen Worten: Liebe Kolleginnen und Kollegen, lasst besser die Finger davon!

Schwemmer bestätigte damit Untersuchungen früherer Jahrzehnte, die den Sinn von Hausaufgaben schon in Zweifel gezogen hatten. Dazu gehören beispielsweise Studien, mit denen der pädagogische Experimentalpsychologe Ernst Meumann Ende des 19. Jahrhunderts begann. Meumann hatte bereits als Lehrer gearbeitet, bevor er 1891 promovierte und sich danach als Schüler von Wilhelm Wundt in Leipzig habilitierte. 1896 wurde er als Professor an die Universität Zürich berufen, wo er das Psychologische Laboratorium aufbaute und immer wieder Leistungsexperimente, unter anderem mit Schülern, durchführte. Die Vorlesungsverzeichnisse der Universität belegen, wie stark Meumann an experimentell erhobenen Daten interessiert war: Im Wintersemester 1898 bot er einen „Praktischen Kursus in der experimentellen Psychologie“ an, im Sommersemester 1900 ein „experimentell-psychologisches Praktikum im psychol. Laboratorium“. In dieser Zeit entstand auch eine Studie, die Ernst Meumann 1904 veröffentlichte. In dieser Publikation stellt er fest, dass die Leistungen von Schülern, wenn sie sie zu Hause und im Rahmen der Hausaufgaben erbrachten, „nach der materialen und formalen Seite im Durchschnitt beträchtlich minderwertiger“ waren als die Lösungen, die die Kinder in der Schule während des Unterrichts erarbeitet hatten. Meumann führte das auf zwei wesentliche Gründe zurück: Einerseits sei in der häuslichen Umgebung die Selbstmotivation viel schwerer zu erreichen, andererseits gebe es einen natürlichen „Gesellschaftstrieb“ des Kindes, das Aufmunterung durch den Lehrer brauche, nicht aber „Dreinreden“ und Ablenkung durch Geschwister oder Eltern. Bei den Hausaufgaben vergaßen die Kinder „öfter als in der Klasse das Großschreiben der Anfangswörter der direkten Rede“ und ließen „doppelt soviel Buchstaben und nahezu doppelt soviel Wörter aus wie in der Klasse“. Deshalb, so Ernst Meumann, sei es „prinzipiell verwerflich, dass man der Hausarbeit auch nur die Befestigung der in der Schule erworbenen Kenntnisse überlassen will“.


Das Hausaufgabenproblem ist uralt – ein historischer Rückblick (#ulink_60267158-51ad-5ed1-b815-cfb21a087684)

Dabei ist die Debatte über die Hausaufgaben sogar noch viel älter und die Hausaufgabe als pädagogisches Instrument mitnichten eine Erfindung des 19. oder 20. Jahrhunderts: Schon in Schulordnungen aus dem 15. Jahrhundert werden die häuslichen Arbeitspflichten der Schülerinnen und Schüler erwähnt und geregelt. Sie dienten schon damals dazu, die Kinder, so der Anspruch, das selbstständige Arbeiten einüben und den in der Schule behandelten Stoff eigenständig nacharbeiten und vertiefen zu lassen. Allein das zusätzliche Quantum an Lernzeit, so die dahinterstehende Idee, werde die Lernergebnisse schon verbessern und die Kinder disziplinieren – Dogmen, die jahrhundertelang nicht mehr hinterfragt wurde. Als dann 1592 im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken weltweit erstmals flächendeckend die Schulpflicht für Jungen und Mädchen eingeführt wurde, gehörten auch die Hausaufgaben zum Standard − und wurden fortan als nicht mehr angezweifeltes pädagogisches Instrumentarium in nahezu allen späteren Schulgesetzen übernommen.

Ein Beispiel von vielen: Der „Entwurf einer neuen Schulordnung für die gelehrten Anstalten Württembergs, verfaßt und mit höherer Genehmigung dem Druck übergeben von der hierzu beauftragten Commission von Schulmännern“


. Zehn solcher „Schulmänner“, vom „Präzeptor zu Brackenheim“ über den „Rector des Lyceums in Tübingen“ bis zum „Professor am Gymnasium zu Rottweil“, hatten das 210-Seiten-Werk 1847 in Stuttgart geschrieben und ein Jahr später veröffentlicht; die „höhere Genehmigung“ kam vom „Königl. Ministerium des Innern und des Kirchen- und Schulwesens“. Stolz vermeldeten die Autoren im Vorwort des Buches ihr Arbeitstempo: „Die Commission trat im April 1847 zusammen und vollbrachte das ihr aufgetragene Geschäft in 24 Tagen und 22 Sitzungen“. Ein ganz ähnliches Pensum wollte sie wohl auch den Schülerinnen und Schülern in Württemberg zumuten. So sollten die Erstklässler 20 wöchentliche Unterrichtsstunden erhalten, danach steigerte sich die Stundenzahl bis zur 7. und 8. Klasse auf 34 Schulstunden pro Woche. Damit aber war es längst nicht getan: „Die dem Singen, Zeichnen und Turnen gewidmete Zeit ist unter diesen Unterrichtsstunden nicht begriffen.“

Ganz selbstverständlich gingen die Verfasser dabei vom Konzept einer Ganztagsschule aus, nur die Nachmittage am Mittwoch und Samstag waren unterrichtsfrei. Dazu kamen obendrein noch die Hausaufgaben – im Schulordnungsentwurf als „Privatarbeit“ bezeichnet und genau nach Schuljahren und Alter der Kinder aufgeschlüsselt:






„Die Privatarbeit beträgt …“




Zwar machten die Verfasser des Entwurfs eine einschränkende Bemerkung: „Die Privatarbeiten sind auf das den Kräften jeder Altersstufe entsprechende Maß zu beschränken, über welches sich die Lehrer oder Lehrercollegien mit den Vorständen, beziehungsweise mit den Lokalschulbehörden, zu einigen haben.“ Doch rein rechnerisch konnten 14-jährige Schülerinnen und Schüler demnach auf ein erhebliches Arbeitspensum kommen: 34 Schulstunden und drei angenommene Stunden in „Singen, Zeichnen und Turnen“ ergeben 37 Schulstunden oder 27 (Zeit-)Stunden und 45 Minuten; mit weiteren 15 Stunden Hausaufgaben kamen sie damit auf knapp 43 Stunden Schulzeit pro Woche. Vielen Eltern heutiger Ganztagsschüler dürften solche Rechnungen zur wöchentlichen Arbeitsbelastung ziemlich bekannt vorkommen.

Ein weiteres Beispiel findet sich in der Schulordnung der Lateinschule zu Bayreuth, erlassen im Jahr 1446: „Alle nacht sollen die Kinder scripturas schreiben, iren latein den elttern anheim sagen. vnd an dem morgen die schriefft in der schule weisen und ire latein wider aufsagen“


. Die Schülerinnen und Schüler sollten also während ihrer Zeit außerhalb der regulierten Schulstunden keinesfalls Freizeit haben oder gar auf dumme Gedanken kommen, sondern fleißig weiter die lateinische Sprache lernen, und zwar so gut, dass die Ergebnisse am nächsten Tag in der Schule überprüfbar waren. Mit solchen Regelungen wurde jedenfalls die Basis gelegt für ein schulpolitisches und pädagogisches Dogma, das bis heute scheinbar kaum hinterfragt wird: dass Hausaufgaben gut und sinnvoll sind. Und dass sie letztlich pädagogischen Zielen dienen.

Nur: Stimmt das tatsächlich? Die Schulforscherin Ilse Nilshon hat sich bereits mehrfach mit dem Thema Hausaufgaben beschäftigt, unter anderem als Verfasserin des 1999 veröffentlichten Gutachtens „Hausaufgaben und selbständiges Lernen“


. Und in dieser Studie zeichnet sie eine faszinierende historische Entwicklung nach. Im Laufe der Zeit wurden die Hausaufgaben sehr wohl immer mal wieder als pädagogisches Instrument in Frage gestellt – und immer wieder wurden diese zum Teil sehr fundierten Einwände abgebügelt, übergangen oder totgeschwiegen. Beispiele dafür, vor allem aus den 1960er und 1970er Jahren, finden sich unter anderem in den oben schon zitierten Spiegel-Artikeln. Den im Rückblick schärfsten Angriff auf die Institution Hausaufgaben jedoch gab es nach Nilsohns Recherchen bereits vor mehr als 100 Jahren. 1889 nämlich erschien die deutsche Ausgabe des Buches „Schulhygienische Untersuchungen“, verfasst von Axel Key.

Der schwedische Professor, ein Zeitgenosse Alfred Nobels, war Rektor der Pathologischen Anatomie am Karolinska-Institut in Stockholm und ab 1882 fünf Jahre lang auch Mitglied des Schwedischen Parlaments, wo er sich unter anderem im Ausschuss für Hochschulfragen engagierte. Einen thematischen Schwerpunkt seiner Veröffentlichungen bildete ab Mitte der 1880er Jahre die Gesundheit von Schulkindern. So argumentierte er beispielsweise in dem Artikel „School Life in Relation to Growth and Health“


, dass die Belastung „durch moderne Unterrichtsmethoden zu Hause und in der Schule“ hochgradig gefährlich für die kindliche Gesundheit sei: „In jedem entwickelten Land Europas wird immer schärfer die Frage des Einflusses des bestehenden Schulsystems auf die heranwachsende Jugend diskutiert“, schreibt Key. Es sei klar, „dass die Belastungen durch Arbeit, die die Kinder unter den bestehenden Schulregularien zu tragen haben, weit über das erträgliche Maß hinausgehen, und dass diese Belastungen zu einem großen Teil verantwortlich sind für die Krankheitsneigung von Schulkindern.“ Zu Hause zu erledigende Arbeiten schloss er in seine auch heute noch lesenswerten Betrachtungen ausdrücklich mit ein.






In seinem Buch hatte Key auch die Forderung aufgestellt, dass Kindern ausreichend Schlaf zugestanden werden müsse: 14-jährige brauchten nach seinen Erkenntnissen neun Stunden pro Nacht, 15-jährige achteinhalb und 16-jährige acht Stunden Schlaf. Das Buch lieferte „der Gruppe der Hausaufgabengegner weitere Argumente, da die Realität diesen Schlafenszeiten nicht gerecht wurde und die Hausaufgaben diesen unhaltbaren Zustand mit verursachten“, rekapituliert Ilse Nilshon. Und so meldeten sich um 1890 die Kritiker der Hausaufgabenpraxis flächendeckend zu Wort: In Leipzig und Kassel, Hamburg und auch in Österreich gingen sie mit wissenschaftlichen Publikationen und (schul-)politischen Forderungen an die Öffentlichkeit. Schon damals musste man sich gegen eine reformverweigernde Das-war-schon-immer-so-Haltung etablierter Pädagogen, Eltern und Politiker behaupten – und die Auseinandersetzung um Sinn und Unsinn der Aufgaben dauerte damals gleich mehrere Jahrzehnte. So forderte etwa Friedrich Dittes, früherer Leiter des Wiener Pädagogiums, dass die tägliche Hausaufgabenzeit von zwei bis drei Stunden reduziert werden müsse. Dittes‘ Worte hatten durchaus Gewicht. Der 1829 in Sachsen geborene Pädagoge studierte und arbeitete in Plauen, Leipzig und Chemnitz, bevor er zunächst als Schulrat nach Gotha und 1868 in die Schulverwaltung nach Wien kam. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Friedrich Dittes bereits einen Namen als Schulreformer gemacht, und so legte er sich auch in Österreich schnell mit den bestehenden Strukturen, vor allem aber mit dem Klerus an, dessen Einfluss auf die Schule und die Pädagogik er beschränken wollte. Obwohl er mit seinem Ansinnen Erfolge hatte, zog sich der Pädagoge 1881 aus der Schul- und Bildungsverwaltung zurück und konzentrierte sich bis zu seinem Tod 15 Jahre später auf die Herausgabe pädagogisch-wissenschaftlicher Artikel und Zeitschriften. Dittes verstand sich dabei bis zum Schluss als kritischer Begleiter der bestehenden Schulpraxis, wie unter anderem seine Positionierung in der Hausaufgabendebatte zeigt.

Auch in Deutschland waren die Thesen von den gesundheitsschädigenden Auswirkungen der Hausaufgabenpraxis um 1900 auf fruchtbaren Boden gefallen. „Die in den Erlassen für das preußische Schulwesen geforderten Zeitspannen, die für unterschiedliche Klassenstufen differieren, stellten selbst schon eine Kritik der gängigen Hausaufgabenpraxis dar“, schreibt Ilse Nilshon. Doch der gesetzliche Anspruch auf weniger Hausaufgaben ließ sich in der täglichen Schulpraxis nicht durchsetzen: Die Lehrer ignorierten die Vorschriften zur Begrenzung der Aufgaben einfach und hebelten sie damit erfolgreich aus. 1904 schreibt Hugo Gaudig in seinem Buch „Didaktische Ketzereien“ bereits süffisant vom „Kampflärm, der sich um die Überbürdung erhoben hat“


. Im selben Jahr kommen Mediziner beim Kongress für Schulhygiene in Nürnberg unter anderem zu der Erkenntnis, dass 15-jährige Schüler mit einer „Gehirnarbeit“ von bis zu zehn Stunden am Tag überfordert seien. Das erfordere schnelle Konsequenzen im Schulalltag: „Darnach müßten die zwangsmäßigen Hausarbeiten im ganzen und überhaupt abgeschafft, ihr Pensum in die Schulstunden aufgeteilt und so eine reinliche Scheidung von Schule und Heim vorgenommen werden“


. Den Schülern bleibe wegen der Hausaufgaben kaum noch Zeit für die Entwicklung individueller Anlagen, denn sie stünden unter permanentem seelischen Druck.

Doch damit war die mittlerweile bereits fünfzehn Jahre alte Debatte keineswegs beendet. Der Dresdner Lehrer Gustav Schanze hatte auf demselben Nürnberger Kongress bereits einen Vortrag gehalten, in dem er sich sehr ausführlich mit der Hausaufgabenfrage und dem Stand der damaligen Debatte befasste


. Zwei Aspekte, die die Hausaufgaben schon damals bestimmten, stellt Schanze dabei in den Mittelpunkt seiner Überlegungen: unterrichtliche und erzieherische Ziele. Beim Unterricht kam er zu folgendem Schluss: „Auch die Übung der Unterrichtsstoffe gehört in die Schule; die Beseitigung der Hausaufgaben würde dem Unterricht und seinen Erfolgen nicht nur keinen Schaden zufügen, sondern im Gegenteil förderlich sein, indem dadurch die Stoffmenge auf ein richtiges Maß gebracht würde.“ Lediglich beim Fremdsprachenlernen könne man sehr dosiert auf den „häuslichen Fleiß“ der Schüler setzen, man müsse dabei aber sehr umsichtig nur das für zu Hause aufgeben, „was unumgänglich notwendig ist“. Schriftlich angefertigte Übersetzungen von lateinischen Texten, stellte Gustav Schanze gleich klar, gehörten nicht zu diesen unumgänglich notwendigen Aufgaben. Sie seien vielmehr „eine unnötige und darum zu vermeidende Arbeit“, die man viel besser mündlich in der Schule erledigen könne. Lediglich für ältere Schüler sei die häusliche Zusammenfassung von in der Schule gemeinsam gelesenen Stücken „von großem Nutzen“ – zum besseren Verständnis dieser Stücke und ihrer Autoren und „für die Ausbildung eines geschmackvollen und gewandten Stils“.

Im Hinblick auf die erzieherischen Folgen der Hausaufgaben redete sich Gustav Schanze damaligen Zuhörern zufolge regelrecht in Rage. Auch hier kam er zu dem Schluss: Sie müssen abgeschafft werden. Karl Roller zitiert in seinen Schilderungen längere Passagen der Rede des Dresdner Lehrers. Dabei wird deutlich, wie stark sich Schanze mit der wissenschaftlichen Literatur seiner Zeit befasst hatte und wie sehr er seine kritische Einstellung zu Hausaufgaben auf eine fundierte Basis stellen konnte. Gustav Schanze sagte: „Dr. Sulzbach äußert sich in dem vorhin zitierten in den ‚Rheinischen Blättern’ enthaltenen Aufsatz hierzu folgendermaßen: ‚Jetzt kann jeder Rechenlehrer ohne Aufgaben vollständig sein Pensum absolvieren. Und gerade hier sollte jeder dies mit Freuden begrüßen, denn in keinem Gegenstande ist die häusliche Aufgabe so wenig Maßstab des Wissens und Könnens als gerade im Rechnen, weil hier am leichtesten ‚abgeschmiert‘ werden kann und ‚abgeschmiert’ wird.‘ Robert Mönchgesang führt als moralische Bedenken unter anderem folgendes an: ‚Die häusliche Aufgabe führt zum Betrug.‘ Wer will’s leugnen? Man denke doch an die zahllosen Schlüssel und geheimen Hilfsmittel bei den Übersetzungen. Nach Raydt – ‚Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper‘, Hannover 1889 – gibt es keinen deutschen Gymnasiasten, der ohne streng verbotene Hilfsmittel seine häusliche Aufgabe anfertigt. Mit dem Betrug geht die Lüge Hand in Hand. Zahlreich sind die Beispiele hierfür. Schulhinterziehung! Hat der Knabe seine häuslichen Aufgaben nicht machen können, so versäumt er aus irgendeinem Grund die Schule. Mama bescheinigt dies sogar. Die häusliche Aufgabe züchtet die Angeberei und weckt den Neid. Namentlich bei überfüllten Klassen wird der eine Schüler bei der Revision übergangen, der andere gerügt, beide haben aber möglicherweise mit demselben Kraftaufwand gearbeitet. Dem einen glückt eine Täuschung, dem anderen zieht sie eine Bestrafung zu. Die häusliche Arbeit setzt Schule und Lehrer in Mißachtung. Die Familie beurteilt nach der Art der Revision der häuslichen Aufgabe die pädagogische Kapazität des Lehrers. Nach den unausbleiblichen, abfälligen und scharfen Urteilen bildet der Schüler sein geringschätzendes Urteil über Schule und Lehrer. Die Hausaufgaben sind mit Ausschluß derjenigen, die sich auf den fremdsprachlichen Unterricht beziehen, vom unterrichtlichen Standpunkte aus als entbehrlich anzusehen; vom erziehlichen Standpunkte aus stiften sie mehr Schaden als Nutzen. Ihre Beseitigung ist daher erstrebenswert.“




Auch der Württembergische Gymnasiallehrerverein hatte sich auf zwei Landesversammlungen 1904 und 1905 mit dem Thema befasst; die dabei geführten Diskussionen griff Gustav Schanze in seinem Referat auf der „VII. Jahresversammlung des Deutschen Vereins für Schulgesundheitspflege“ im Juni 1906 in seiner Heimatstadt Dresden noch einmal auf und leitete daraus einen Fünf-Punkte-Plan ab:

→„Hausaufgaben in Volksschulen sind vom unterrichtlichen Standpunkte aus als entbehrlich anzusehen.

→Vom erziehlichen Standpunkte aus betrachtet, können sie ebenso sehr schaden als nützen.

→Ihre Beseitigung ist daher aus hygienischen Gründen zunächst für die vier ersten Schuljahre zu erstreben.

→Für die vier oberen Schulstufen ist die Beschränkung der Aufgaben auf ein geringeres Maß (täglich nicht über 1/2 Stunde) wünschenswert.

→Dringend zu fordern ist die gänzliche Beseitigung sämtlicher Ferienaufgaben.“




Ein Jahr später legte Gustav Schanze noch ein weiteres Mal nach – und er fühlte sich dabei durchaus vom damaligen Mainstream der pädagogischen Debatte getragen. Tatsächlich hatte es um die Jahrhundertwende herum einen dramatischen Perspektivwechsel gegeben. Anders als es zuvor üblich war, versuchten Reformer wie Maria Montessori, der amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey oder der schon genannte Axel Key, eine „Pädagogik vom Kinde aus“ zu entwickeln, die auf eigene Aktivitäten als Basis des Lernerfolgs setzte und dabei grundlegende Bedürfnisse nach Abwechslung und Freizeit nicht unterschlug. Auch die sich etwa zeitgleich entwickelnde Arbeitsschulbewegung, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts formierte und statt der bis dato üblichen obrigkeitshörigen Schule einen handlungsorientierten Unterricht mit Beteiligung der Schüler wollte, verurteilte Hausaufgaben als „Zwangsinstrumente der Schule“. Einige Reformpädagogen, wie etwa der Münchener Professor Georg Kerschensteiner, versuchten, Hausaufgaben allenfalls als freiwillige Leistung der Schüler einzuplanen – ein Ansatz, der in einem hochgradig unfreiwilligen System wie der Schule kaum umzusetzen war. Gustav Schanze jedenfalls forderte 1907 noch einmal, dass die Hausaufgaben „aus den unmethodischen Händen der häuslichen Berater in die methodische Hand des Lehrers“


 übergehen müssten. Den Einwand, dafür gebe es wegen des schon damals vollgestopften Stundenplans keine Zeit, entgegnete der Dresdner Lehrer, dann müsse eben der zu vermittelnde Stoff deutlich gestrafft werden. Und auch der angebliche Verlust an Lernmöglichkeiten durch den Wegfall des selbstständigen Arbeitens sei gar keiner, befand Schanze − schließlich würden Hausaufgaben letztlich ja nur zu Betrug, Fälschung und Täuschung führen.


Aktuelle Versuche zur Abschaffung der Hausaufgaben in der Schweiz (#ulink_effca956-3eff-5078-80ca-20de4539b516)

Es ist schon mehr als erstaunlich, dass es angesichts dieses jahrzehntelangen Diskussionsvorlaufs bis zum Jahr 1993 dauern sollte, bis im deutschsprachigen Raum erstmals eine Gebietskörperschaft flächendeckend Abstand vom jahrhundertelang gepflegten Hausaufgabenschreckgespenst nahm. Im schweizerischen Kanton Schwyz wurde damals, auch unter dem Eindruck immer neuer hausaufgabenkritischer Studien, vom Bildungsdepartement der Beschluss zum Ausstieg gefasst. Die Lerninhalte der Aufgaben, so die Vorgaben der Schulpolitik, seien fortan in die Unterrichtszeit zu integrieren; die Wochenstundenzahl für die Kinder wurde dafür um eine Stunde erhöht. Nicht nur die Schülerinnen und Schüler jubelten über die freie Zeit zu Hause, auch die Erziehungswissenschaftler und Schulforscher waren von der Abschaffung angetan – hofften sie doch, nunmehr erstmals auf breiter Basis zeigen zu können, wie stark sich die Schul- und Lernleistungen von Kindern mit und ohne „Ufzgi“, wie die Hausaufgaben in der Schweiz genannt werden, tatsächlich unterscheiden. Erste Ergebnisse deuteten bald schon auf positive Folgen der Abschaffung hin (siehe unten).

Doch die Akteure hatten bei ihrer revolutionären Neugestaltung des Schulalltags einen Faktor unterschätzt: das Beharrungsvermögen einer überwiegend bildungskonservativ eingestellten Öffentlichkeit und Elternschaft. Ob die veröffentlichte Meinung tatsächlich den gesellschaftlichen Mehrheitsverhältnissen entsprach, sei dahingestellt – Fakt ist jedenfalls, dass der Druck der Öffentlichkeit durch kritische Medienberichte, Leserbriefe, Wortmeldungen in Gremien und Eingaben von Eltern so groß wurde, dass die Verantwortlichen 1997, also nach nur vier Jahren, eine Kehrtwende hinlegten und die Hausaufgaben im Kanton wieder einführten. Allerdings gibt es seither klare Vorgaben: Die kantonalen Bestimmungen für die Volksschule sehen vor, dass die Hausaufgaben individuell dem Lern- und Leistungsvermögen der Kinder angepasst werden müssen. Auch dürfen sie kein Ersatz für Übungsphasen während der Unterrichtszeit sein und, ganz wichtig: Es gibt nun zeitliche Obergrenzen. So sollen Schülerinnen und Schüler der ersten beiden Klassen nicht mehr als eine bis eineinhalb Stunden pro Woche Hausaufgaben machen müssen; die Belastung steigert sich mit zunehmendem Alter bis zu den Schülern der 7. bis 9. Klasse, für die maximal vier Stunden Hausaufgaben pro Woche vorgesehen sind.




Die Debatte war damit freilich nicht erledigt, denn die ausführlichen Untersuchungen zur Abschaffung der Hausaufgaben wurden erst publiziert, nachdem sie bereits wieder eingeführt worden waren. So erschien im Jahr 2000 eine Auswertung von Tina Hascher und Franziska Bischof


, in der die Forscherinnen die Leistungsentwicklung im Fach Mathematik von Viert- und Sechstklässlern in Schwyz und Zug vergleichen. Sie finden mit Blick auf die Kompetenz keine Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne Hausaufgaben – wohl aber im Hinblick auf deren Befindlichkeit: Die aufgabenfreien Schwyzer Kinder fühlten sich geringer belastet und höher motiviert als ihre Altersgenossen im Kanton Zug.

Obwohl die hausaufgabenfreie Zeit in Schwyz mittlerweile rund zwei Jahrzehnte zurückliegt, flackert die Debatte immer mal wieder auf. So ging im Herbst 2009 die Stadtzürcher Sozialdemokratische Partei mit einer Petition an die Öffentlichkeit, Titel: „Aufgabenstunden statt Hausaufgaben“. Die SP argumentierte mit mangelnder Chancengleichheit bei den Hausaufgaben und plädierte dafür, „Aufgabenstunden“ an den Schulen einzuführen – ganz so, wie das bereits vier Jahre lang in den 1990er Jahren gehandhabt worden war. Erneut erhob sich daraufhin ein öffentlicher Sturm der Entrüstung: Von „Zwang“ für die Schülerinnen und Schüler und „Bevormundung der Eltern“ war die Rede und davon, dass die Partei „die Kinder den Familien wegnehmen“ wolle. „Das Gegenteil ist der Fall! Ihre Kinder werden von der Schule heimkommen und einfach nur Kind sein und keine Mini-Studentinnen und -Studenten“, wehrte sich Lina Bär von der SP, „nicht alle Eltern haben studiert. Viele können dem Schulstoff ihrer Kinder nur schlecht oder gar nicht folgen. Dieser ungleichen Verteilung von Ressourcen wollen wir ein gerechtes Modell entgegensetzten.“


 Doch die Petition scheiterte. Wieder war das Beharrungsvermögen der Reformverweigerer zu groß – und das, obwohl mittlerweile auch einflussreiche Medien wie die „Neue Zürcher Zeitung“ behutsam ins Lager der Reformer gewechselt waren. „Hausaufgaben: Ein ‚pädagogisches Ritual‘ überlebt“, titelte die NZZ etwa im September 2013


. Autor Peter Krebs zitiert darin unter anderem den Kinderheilkundler und Autor von Erziehungsratgebern Remo Largo mit der klaren Hausaufgabenschelte „Sie bringen gar nichts. Schüler und Eltern werden damit nur schikaniert“. Aber auch Gabriel Romano vom Institut Vorschulstufe und Primarstufe der Pädagogischen Hochschule Bern, für den Hausaufgaben nur ein „pädagogisches Ritual“ ohne tieferen unterrichtlichen Sinn sind.

Krebs verweist zwar auf die Zusammenfassung Tausender weltweit erstellter Studien durch den neuseeländischen Bildungsempiriker John Hattie


, der in seiner Metastudie den Hausaufgaben einen moderaten Lerneffekt zuschreibt. Auch lässt er in einem Interview den entschiedenen Hausaufgaben-Befürworter Alois Niggli zu Wort kommen. Der Freiburger Pädagogikprofessor stellt darin fest, dass Hausaufgaben „nicht generell wirkungslos“ sind, „mit zunehmendem Alter können sie einen positiven Einfluss auf die Schulleistung haben, falls sie sorgfältig erledigt werden.“ Und „aus erzieherischen Gründen kann man sagen, dass die Kinder dank den Hausaufgaben mit der Zeit eine gewisse Selbständigkeit entwickeln können.“


 Doch Peter Krebs’ Skepsis gegenüber einem unsinnigen Ritual ohne echten pädagogischen Wirkungsnachweis obsiegt letztlich. Er verweist auf Belastungen für das Familienleben, wenn Kinder die Hausaufgaben manchmal bis morgens vor dem Unterricht vor sich her-schieben, und auf Eltern, die ihren Nachwuchs lieber auf teure – und hausaufgabenfreie – Privatschulen schicken, „um den Familienfrieden zu retten“. Jürg Brühlmann vom Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer empfiehlt deshalb genau das, was vor 20 Jahren im Kanton Schwyz bereits realisiert wurde: die Verlegung der Arbeit in die Schulen, den Wechsel von Hausaufgaben zu Schulaufgaben. Allerdings gibt er auch zu bedenken, dass damit über eine neue zeitliche Struktur des Schulunterrichts nachgedacht werden müsse: „Wir würden bis zu einem Achtel der Lernzeit verlieren.“

Doch obwohl fachlich alles eindeutig in eine Richtung zu weisen scheint, gilt auch für die Schweiz, ebenso wie für Deutschland und Österreich: Die flächendeckende Abschaffung der Hausaufgaben und ihr Ersatz durch zusätzliche schulische Angebote liegen derzeit in weiter Ferne – nicht zuletzt wegen der finanziell schwierigen Lage vieler Kommunen, die zusätzliche Lehrkräfte für eine schulisch betreute Aufgabenhilfe bezahlen müssten, dafür aber kein Geld investieren können oder wollen. Die Befürworter einer Abschaffung der Hausaufgaben stehen damit vor einem kaum zu knackenden, doppelten Verteidigungsbollwerk der Pro-Hausaufgaben-Fraktion, das flapsig formuliert in etwa so klingt: „Erstens haben wir das schon immer so gemacht. Und selbst wenn wir uns durch sämtliche Studien, die den Hausaufgaben Nutzlosigkeit bescheinigen, beeindrucken ließen – was wir nicht tun! –, dann gäbe es doch kein Geld, um irgendetwas zu ändern.“ Veränderung kann also allenfalls, so scheint es, von unten nach oben passieren, mit engagierten Einzelakteuren, die den jahrhundertealten Unsinn mit den Hausaufgaben nicht mehr mitmachen wollen. Beispiele dafür gibt es – etwa in der Gemeinde Neuheim im Kanton Zug. Dort wurde vor einigen Jahren eine Eltern-Lehrer-Gruppe (ELG)


 gegründet, die unter anderem zwei Mal pro Woche eine kostenlose Hausaufgabenbetreuung für Primarschulkinder anbietet. Die Vereinzelung der Hausaufgabensituation wird damit durchbrochen, qualifizierte Betreuer begleiten die Schülerinnen und Schüler bei ihren Aufgaben. Und dennoch ist das nur die zweitbeste Lösung, denn die Hausaufgaben an sich existieren ja weiter. Einen anderen Weg ist das Gymnasium Bäumlihof in Basel gegangen, dass die zu Hause zu bearbeitenden Aufgaben abgeschafft und durch Schulaufgaben ersetzt hat, die in der sogenannten individuellen Lernzeit erledigt werden


, häufig zu Beginn des Tages. Ein innovatives Konzept, das vielleicht kein Wunder ist an einer Schule, die 2010 auch damit begonnen hat, ganze Klassen ohne einen traditionellen Stundenplan zu unterrichten. Es scheint, als könnte es in der Hausaufgabendebatte lohnend sein, öfter einmal in Richtung Schweiz zu blicken.


Mehr Probleme als Lösungen – Originaltöne von Lehrerinnen und Lehrern im Internetforum (#ulink_c0f5505c-8ffd-5425-8650-25f417fa5845)

Doch begeben wir uns zuvor noch einmal ein paar Jahrzehnte zurück, ins Jahr 1982, als der „Spiegel“ die Hausaufgaben erstmals zum Titelthema machte


. Die Autoren – wie es damals bei dem Hamburger Nachrichtenmagazin üblich war, erschien auch dieser Text ohne Angabe der Verfasser – zeichneten nicht nur die historische Debatte um die Hausaufgaben nach, sondern nutzten gleich mehrfach die Gelegenheit, auch den Lehrerinnen und Lehrern eine deutliche Mitschuld am Aufgabendilemma zuzuweisen. So heißt es in dem Text unter anderem:

→„Die Schulpraxis läßt ein voll entwickeltes System fein abgestufter Eskalation erkennen, wenn die Hausarbeiten nicht so ausfallen, wie es der Lehrer wünscht: Wiederholung der Hausaufgabe, Verdoppelung der Hausaufgabe, Aufsatz über Sinn der Hausaufgaben, Klassenprotokoll führen, zu den Hausaufgaben drei Seiten aus einem Buch abschreiben, Verdreifachung der Hausaufgaben, Nachsitzen, Eintragung ins Klassenbuch, blauer Brief an die Eltern.“

→„Was früher Strafarbeit hieß, wird heute häufig als Übungsarbeit kaschiert, frei nach dem Lehrermotto: ‚Was wir jetzt nicht schaffen, müßt ihr zu Hause machen.‘ Wenn Schüler aufbegehren, so geschehen an einem Dortmunder Gymnasium, kann es passieren, daß das Quantum kurzerhand verdoppelt wird. Und wenn die Arbeit einiger zu wünschen übrigläßt, wird auch schon mal, so geschehen in Latein am Gymnasium in Winsen bei Hamburg, die ganze Klasse zur Neuauflage verdonnert.“

→„Der Kölner [Professor] Herff beobachtete, daß Pädagogen ‚zu fortlaufender Überschreitung der zulässigen Zeiten neigen‘, weil sie ihr Fach überbewerten.“

Zitate, die zwar schon über 30 Jahre alt sind, die aber zumindest in Teilen bis heute zutreffen. Denn tatsächlich wissen wohl längst nicht alle Lehrerinnen und Lehrer, was sie mit ihren mitgegebenen Aufgaben auslösen und wie viel Zeit für deren Bearbeitung tatsächlich benötigt wird. Schon 1982 urteilte der Flensburger Lehrer und Buchautor Dieter Boßmann, Hausaufgaben seien lediglich „mit einem Riesenaufwand betriebene, sinnlose Handgelenksübungen der Kinder.“ Und auch das „voll entwickelte System fein abgestufter Eskalation“ dürfte noch an mancher Schule zu finden sein – und das ist, ehrlich gesagt, auch nicht weiter verwunderlich. Denn bis heute spielt das Thema Hausaufgaben in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern kaum eine Rolle. Im Studium kommt es, wenn überhaupt, dann allenfalls am Rande vor. Erst im Referendariat bekommen die angehenden Pädagogen mit dem Thema zu tun. „Nur, intensiv behandelt wird das nicht“, erzählte eine Referendarin aus Baden-Württemberg bei den Recherchen zu diesem Buch: „Alle gehen davon aus, dass Hausaufgaben der Normalfall sind. Und alle gehen davon aus, dass sie der Fortsetzung des Unterrichts zu Hause dienen und irgendwie nach gleichen oder ähnlichen Prinzipien funktionieren wie Stillarbeit in der Klasse. Eigens behandelt werden sie deshalb nicht, die sind einfach da und werden nicht mehr hinterfragt.“ Auf diese Weise werde angehenden Lehrern mehr oder weniger explizit beigebracht, dass die bestehende Hausaufgabenpraxis sakrosankt sei. Und deshalb ist es kein Wunder, dass es dann so schwer ist, dieses Dogma aufzuheben.

Ein Blick in die zahlreichen Internetforen für angehende Lehrerinnen und Lehrer macht schnell deutlich, wie überfordert die Referendare beim Thema Hausaufgaben sind und wie sehr sie selbst mit ihrer Rolle zu kämpfen haben. Der folgende Auszug ist ein Dialog mit in solchen Foren typischen Wortmeldungen. Er entwickelte sich, nachdem eine angehende Lehrerin zu Beginn des Schuljahres ihre Bitte um Hilfe im Forum veröffentlicht hatte. Alle Nicknames wurden geändert.



„Thema: Hausaufgaben

Anna: Gerade ist die zweite Woche halb rum und die ersten Probleme tauchen auf. Folgendes beschäftigt mich im Moment besonders: Ich habe eine 8. Klasse in Mathe (Gym). Vor ein paar Tagen gab ich die ersten Hausaufgaben auf. Prompt vergaßen sie 6 Schüler. Dafür haben sie für ihre Eltern eine Mitteilung mitbekommen, die sie unterschrieben wieder mitbringen sollten, mit den nachträglich angefertigten Hausaufgaben. Das klappte soweit ganz gut. Die erhoffte Wirkung, dass keiner mehr die Hausaufgaben komplett vergaß, trat ein. Dafür werden seitdem die Hausaufgaben von einigen nicht mehr vollständig gemacht („Ach, DAS sollten wir auch noch machen? Das habe ich nicht gesehen.“ „Ach, an DEN Zettel habe ich nicht mehr gedacht.“ Dabei stand es unübersehbar an der Tafel, und zusätzlich im Klassenbuch eingetragen.)

Ich könnte dafür auch eine Mitteilung an die Eltern schreiben. Das hätte dann aber wahrscheinlich zur Folge, dass die betreffenden Schüler dann vorgeben, sie hätten die Aufgaben nicht verstanden und deshalb nicht machen können. Daraufhin würde ich nach einiger Beobachtungszeit ein Gespräch mit den Eltern führen, wie ihre Kinder bei den Hausaufgaben zurechtkommen. Dabei wäre aber schon einige Zeit verstrichen. Ich suche aber einen Weg, der jetzt klar und deutlich macht, dass Hausaufgaben komplett erledigt werden und nur bei echten Schwierigkeiten unvollständig sein dürfen. Habt ihr Ideen?

Holger: ich kenne das, ich habe das gleiche Problem in Latein: die übersetzen oft aus purer Faulheit nur die Hälfte und sagen dann, sie hätten es nicht verstanden. Ob das wirklich stimmt, merkt man dann, wenn man die Schüler im Unterricht den Text, den sie nicht haben, vorübersetzen lässt (ich benote das auch gerne :)), dann merkt man schnell, ob sie ein echtes Verständnisproblem haben oder ob sie sich daheim wirklich nicht damit beschäftigt haben (und nebenbei: bei Schülern, die zwar alles haben, aber nur abgeschrieben haben, fällt das auch sehr schnell auf). letzterer Fall führt natürlich dazu, dass sie auch im Unterricht nix hinkriegen und eine schlechte Note einsacken. natürlich kontrolliere ich die Hefte auch auf Vollständigkeit (was leider ziemlich mühselig ist) und lasse sie nachtragen, was sie nicht haben. du könntest z. B. alle die, die etwas nicht verstanden haben, an die Tafel holen und nachrechnen lassen, was sich ja auch pädagogisch begründen lässt :) ich wette, da kriegen einige Panik :P ansonsten ist es bei uns Pflicht, ein Hausaufgabenheft zu führen, wer etwas nicht vollständig notiert (z. B. weil er schon 5 Minuten vor Stundenende eingepackt hat), hat genauso eine Pflichtverletzung begangen wie wenn er keine Hausaufgaben gemacht hätte, kann also ähnlich belangt werden (bei mir gibt‘s meist nach 3mal einen Hinweis, bei den nächsten dreimal Nacharbeit am Freitag nachmittag). bei allzu häufigem Nicht-Verstehen kannst du natürlich auch eine Nacharbeit ansetzen, mit der Begründung, dass du Verständnislücken individuell mit Übungsaufgaben ausbessern willst. (…)

Marg: ich bin ja aus der Grundschule, aber da macht man das auch oft so, dass man die dann am Ende der Std antreten lässt und sich im HA-Heft zeigen lässt, dass alles aufgeschrieben wurde. Ich lasse auch nacharbeiten, aber schulrechtlich ist das (jedenfalls in BY) wegen vergessener HA nicht zulässig.…

Holger: (…) wenn‘s hart auf hart kommt, lässt sich die Nacharbeit mit befürchteten Stoffversäumnissen erklären: wer so und so viel mal die Hausaufgabe nicht gemacht hat, hat den Stoff weniger geübt und zudem dem Lehrer keine Kontrollmöglichkeit geliefert, mit der er den Lernfortschritt überprüfen kann. insofern ist die Nacharbeit aus pädagogischer Perspektive keine Strafe, sondern eine Fördermöglichkeit. (…) man muss halt nachweisen können, dass die Schüler in der Nacharbeit nicht nur Zeit absitzen :)

Jo: Hm ich würde bei einer nicht gemachten Hausaufgabe nicht gleich die Eltern informieren, das wäre bei mir ein Schritt relativ weit am Ende der Sanktionskette. (…) Schüler an die Tafel holen empfinde ich persönlich als pures Bloßstellen von Schülern. Ich kann mich noch sehr gut an meinen Chemielehrer damals erinnern. (…) Ich finde das erzeugt einfach nur Stimmung der Angst im Unterricht und schafft keine positive Lernatmosphäre. Man sollte den Kids klar machen, dass Hausaufgaben letztlich für sie selbst zur Übung für die Klausur gedacht sind. Meistens werden die Hausaufgaben ja auch im Unterricht besprochen und dementsprechend fallen bei Faulenzern im Bereich Hausaufgaben sowohl die mündlichen Noten als auch die Klausur automatisch schlechter aus.

Holger: (…) viele machen ihre Hausaufgaben deshalb nur, weil sie Sanktionen fürchten, und deshalb halte ich die Sanktionen schon für nötig, gerade in Lernfächern wie Latein (oder anderen Fremdsprachen), wo man keine Chance mehr hat, wenn man einmal eine zu große Vokabel- oder Grammatiklücke hat.“

Diese Foren-Unterhaltung aus dem Jahr 2008 zeigt in erschreckender Weise, wie hilflos einige der jungen Lehrerinnen und Lehrer mit Problemen rund um die Hausaufgaben umgehen, und dass sie zum Teil sogar bewusst gegen Gesetze verstoßen: Sie setzen auf Angst und Panik bei den Schülern, drohen mit verbotenen Strafarbeiten in der Schule – verharmlosend als „Nacharbeiten“ bezeichnet – und präsentieren im Fall von „Holger“ den bemerkenswert unpädagogischen Zirkelschluss, dass bei Schülern oft „pure Faulheit“ vorliege und die Hausaufgaben in der Folge nur dann gemacht würden, wenn ausreichend harte Sanktionen drohten, „und deshalb halte ich die Sanktionen schon für nötig“. Ganz offensichtlich mangelt es einigen dieser Referendare dramatisch an didaktischem Gespür, von Kompetenz gar nicht erst zu reden. Eine Kompetenz, die im Rahmen ihrer bisherigen Ausbildung anscheinend nicht einmal ansatzweise vermittelt wurde. Eine Reflexion der eigenen Rolle im Hausaufgabenkonflikt mit den Schülerinnen und Schülern? Völlige Fehlanzeige. Stattdessen werden die Hausaufgaben als unabänderlicher Bestandteil des Reglements verstanden; ein Bestandteil, der notfalls mit Zwang und sogar Mitteln jenseits des vom Schulgesetz Erlaubten durchgesetzt werden muss.




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/armin-himmelrath/hausaufgaben-nein-danke/) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.


