Hamlet von William Shakespeare: Reclam Lektüreschlüssel XL
Andrew Williams


Reclam Lektüreschlüssel XL
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Der Lektüreschlüssel ist auf Deutsch verfasst, enthält aber das wichtigste Vokabular für die Analyse sowie Aufgaben und Lösungen auf Englisch.

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&quot;To be, or not to be": Angesichts des gewaltsamen Todes seines Vaters, des Königs von Dänemark, und der Heirat seiner Mutter mit dessen mutmaßlichem Mörder zweifelt Hamlet an der Sinnhaftigkeit des Lebens. Zwar verspricht er dem Geist seines Vaters Rache, doch stehen nicht nur listige Mitglieder des Hofes, sondern vor allem die eigenen philosophischen Grübeleien der Vergeltung entgegen.








William Shakespeare




Hamlet


Lektüreschlüssel XL

für Schülerinnen und Schüler

Von Andrew Williams

Reclam


Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe: William Shakespeare: Hamlet. Hrsg. von Holger Klein. Stuttgart: Reclam, 2021 [u. ö.]. (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 14126.)



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Lektüreschlüssel XL | Nr. 15492

2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2021

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961904-0

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015492-2

www.reclam.de (http://www.reclam.de)




1. Schnelleinstieg







William Shakespeares Hamlet ist Weltliteratur. Die Hauptfigur, der junge dänische Prinz Hamlet, gehört zusammen mit Odysseus, Don Quichotte, Sherlock Holmes und einer Handvoll anderer Schlüsselgestalten zu den wichtigsten Figuren des abendländischen (#u131918e7-46f5-52d8-8923-19a57848d619) Literaturkanons und ist auch über europäische Grenzen hinweg bekannt. Das ist insofern bemerkenswert, als Hamlets Abenteuer im Vergleich zu den Taten anderer Helden des Literaturkanons bescheiden sind: Sein Siegeszug (#u131918e7-46f5-52d8-8923-19a57848d619) über seine Feinde geht eher stümperhaft (#u131918e7-46f5-52d8-8923-19a57848d619), zögerlich und planlos vor sich, und wenn Hamlet seine Feinde vernichtet, so gelingt ihm dies eher aus Versehen als aus Berechnung. Ja, das Wesen des Dramas scheint gerade in Hamlets Unfähigkeit, ohne Zögern zu handeln, in seinen Grübeleien und Zweifeln zu bestehen. Hamlet, so könnte man sagen, fehlt es anscheinend an Mut und Durchsetzungsvermögen.






Abb. 1: Die erste Seite des Hamlet in der 1623 erschienenen First Folio, der ersten Stückesammlung Shakespeares

Das elisabethanische Publikum wird in Hamlet einen Zeitgenossen erkannt haben: einen jungen Mann mit vielseitigen Interessen und Begabungen, der unter den widersprüchlichen Tendenzen seiner Zeit leidet. Und Hamlet – immer aktuellauch mehr als 400 Jahre später können wir uns ohne Weiteres mit ihm identifizieren. Das Besondere an Hamlet besteht darin, dass jede Epoche Hamlet neu entdeckt. Man erkennt in ihm den nachdenklichen Menschen, den Zauderer, den Melancholiker, den Intellektuellen, den Schwärmer oder sogar den Revolutionär. Als der Schauspieler Ethan Hawke, der in einer Verfilmung aus dem Jahr 2000 die Rolle des Prinzen spielte, Hamlet charakterisierte – »Er hat Probleme mit seinen Eltern, eine Identitätskrise und eine schwierige Freundin. So geht es doch allen Jungs, oder?« –, setzte er diese lange Tradition von Aktualisierungsversuchen fort und bewies erneut, dass die Faszination, die von dem dänischen Prinzen ausgeht, nicht nachlässt. Schließlich können sich alle, deren Herzensangelegenheiten plötzlich von anderen durchkreuzt werden, in Hamlet wiedererkennen. Alle, die unter intriganten Personen leiden; alle, die eigentlich wissen, was sie tun müssen, aber es nicht tun wollen oder nicht tun können; alle, die sich plötzlich fragen, welchen Sinn Leben und Tod eigentlich haben; alle, die ihr näheres Umfeld für unerträglich unehrlich halten; alle, die von Selbstzweifeln geplagt sind, können sich in Hamlet wiedererkennen.

Hamlets Geschichte ist keine Erfindung Shakespeares, sondern geht auf eine dänische Legende zurück. Der erste Beleg für den Rachezug eines jungen dänischen Prinzen stammt aus dem 12. Jahrhundert. Der Däne Saxo Grammaticus (um 1150 – um 1220) berichtet in seinem Werk Gesta Danorum (›Die Taten der Dänen‹) von den Abenteuern des Prinzen Amlethus, der als ›Mann der Tat‹ handelt. Diese Geschichte erscheint 1514 in Druckform als Historia Danica in Paris; François de Belleforest übersetzt sie ins Französische und ergänzt sie in seinen 1570 erscheinenden Histoires Tragiques. In seiner Fassung ist von einer »weise erdachten und mutvoll ausgeführten« Rache die Rede.1 (Diese Version der Geschichte ist im Wesentlichen die Grundlage für Shakespeares Hamlet.) In den 1590er Jahren wird in London ein Hamlet-Drama erfolgreich aufgeführt, über dessen Urheber wir nur spekulieren können, und irgendwann zwischen 1598 und 1601 verfasst Shakespeare sein Hamlet-Drama. Er ergänzt die Vorlagen um Entscheidendes: Die Kontrastfiguren Laertes und Fortinbras sind Shakespeares Erfindung; ebenso die enge Freundschaft zwischen Hamlet und Horatio; die Rollen der Frauen (Ophelia und Gertrude) sind nun wesentlich für das Drama; und die Rache selbst wirft in Shakespeares Version eher Fragen auf, als dass sie die Geschichte überzeugend abschließt. Hamlet rächt sich … wofür eigentlich? Für seine Mutter? Für sich selbst? Für seinen Vater?

Shakespeares Hamlet ist kein Mann der Tat mehr, er ist ein gebildeter, zurückhaltender junger Mann. Nachdem er vom Mord an seinem Vater erfährt, greift Hamlet nicht etwa zuerst zum Schwert – sondern zu Stift und Papier, um einen wichtigen Gedanken aufzuschreiben. Er gilt nicht als Handelnder, sondern als Intellektueller. Hamlet ist mal warmherzig und leidenschaftlich, mal kaltblütig und berechnend. Er führt, gefangen zwischen den politischen Anforderungen des Hofes, der Familie und den Bedürfnissen seines eigenen Herzens, alle anderen an der Nase herum, manipuliert sie, brüskiert sie, zuweilen mit einer großartigen Energie und mit Witz. Aber am Ende geht er zugrunde.

Shakespeare schafft mit Hamlet eine der komplexesten und faszinierendsten Figuren, die je auf der Bühne aufgetreten sind – und eine der anspruchsvollsten: Zusammenbrüche vor, während oder nach der Aufführung sind keine Seltenheit.2 Trotzdem wird Hamlet noch immer sehr oft aufgeführt. 2014 bis 2016 reiste eine Truppe von Schauspielerinnen und Schauspielern mit dem Ziel, Hamlet in jedem Land der Erde aufzuführen, um die ganze Welt – was ihnen mit Ausnahme von Nordkorea auch gelang (da Syrien nicht zugänglich war, wurde das Drama in einem Flüchtlingslager aufgeführt). Die letzte Aufführung dieser Welttournee, mit der man den 400. Todestag Shakespeares beging, fand in London statt, im nachgebauten Globe Theatre. Das ist ein eindrucksvoller Beweis für die zentrale Stellung von Hamlet innerhalb des Gesamtwerks Shakespeares und für die überzeitliche Bedeutung des Stücks, die sich aus den in allen Kulturen zentralen Themen ergibt: Brudermord, Ehebruch, und natürlich der Tod selbst.




2. Inhaltsangabe


Shakespeares Hamlet besteht aus fünf Akten, die insgesamt zwanzig Szenen umfassen. Bis auf zwei Szenen (IV,4 und V,1) spielt das Geschehen in der Burg zu Helsingör (oder, nach Shakespeares Schreibung, Elsinore), dem Sitz des dänischen Königs. Die Handlung geht zwar auf eine Sage über einen gewissen Amleth aus dem 12. Jahrhundert zurück, doch einige zentrale Themen des Stücks und auch die Darstellung des höfischen Lebens entsprechen dem Elisabethanischen Zeitalter (1558–1603). Auch die Tatsache, dass Hamlet in Wittenberg studiert – die Universität dort wurde 1502 gegründet – spricht dafür, dass es sich hier nicht um ein Historiendrama handelt, sondern dass das Geschehen in der elisabethanischen Gegenwart anzusiedeln ist.




Erster Akt


1. Auf den Befestigungen der Burg zu Elsinore herrscht zu mitternächtlicher Stunde nervöse Gespanntheit: In den beiden vergangenen Nächten ist, sehr zur Beunruhigung der Wachen Marcellus und Bernardo, ein Geist aufgetreten. Nun, um Mitternacht, gesellt sich Horatio, ein Freund Hamlets, zu ihnen, der ihren Berichten von der Erscheinung zunächst keinen Glauben schenkt. Doch erscheint der Geist tatsächlich ein drittes Mal. Er trägt eine Ritterrüstung und gleicht dem verstorbenen König, dem Vater Hamlets. Horatio spricht den Geist an, der sich jedoch zurückzieht und verschwindet. Man ist sich einig darüber, dass die rätselhafte Erscheinung Großes Unheil für Dänemark großes Unheil für Dänemark bedeutet. Die drei erörtern kurz die unruhige politische Lage: Dänemark rüstet auf, da der junge norwegische Prinz Fortinbras ein Gebiet zurückfordert, das sein Vater an Dänemark verloren hatte. Der Geist tritt abermals auf, verschwindet aber, als der Hahn kräht. Höchst beunruhigt, beschließt Horatio, die Ereignisse dem Prinzen Hamlet anzuvertrauen.

2. Am nächsten Tag hält Claudius, der neue dänische König und Bruder des verstorbenen Königs, im großen Saal der Burg vor dem versammelten Hofstaat eine Rede, in der er über seine Krönung und seine Vermählung mit Gertrude, der Witwe seines Bruders, spricht. Er geht schnell zum Tagesgeschäft über. Da der Norweger Fortinbras Dänemark durch den Machtwechsel geschwächt glaubt und einige an die Dänen gefallene Gebiete zurückfordert, lässt Claudius Botschafter nach Norwegen aufbrechen, mit dem Auftrag, auf den Onkel des jungen Fortinbras einzuwirken, damit er das Vorhaben seines Neffen unterbindet.

Anschließend wendet sich Claudius dem zur Krönung angereisten Laertes, Sohn des Rates Polonius, zu und gestattet ihm die Rückkehr nach Frankreich. Er widmet sich dann seinem schweigsamen, schwarz gekleideten Neffen, Hamlet. Claudius und Gertrude mahnen ihn, nicht übermäßig um seinen verstorbenen Vater zu trauern, und bitten ihn, nicht zu seinem Studium nach Wittenberg zurückzukehren, sondern in Dänemark zu bleiben. Hamlet will gehorchen, zeigt sich aber entsetzt über die Hochzeit zwischen seiner Mutter und Claudius – nicht nur, weil diese in großer Eile, unmittelbar nach dem Tod seines Vaters, stattfand, sondern auch, weil seine Mutter mit Claudius einen engen Verwandten seines Vaters heiratete.

Horatio, Marcellus und Bernardo treten auf und berichten Hamlet von der spukhaften Erscheinung. Auch in der kommenden Nacht halten sie Wache. Hamlet, über den Bericht höchst beunruhigt und voller böser Vorahnungen, bittet sie, die Sache geheim zu halten. Er will sie später auf den Befestigungen aufsuchen.

3. In den Gemächern seines Vaters verabschiedet sich Laertes von seiner Schwester Ophelia und rät ihr davon ab, Hamlets Werbungen anzunehmen, schließlich sei dieser der Thronfolger und werde daher keine dauerhafte Bindung mit ihr eingehen können. Seine jetzigen Aufmerksamkeiten seien lediglich Spielereien. Laertes’ Vater Polonius nimmt Abschied von seinem Sohn und erteilt ihm dabei viele Ratschläge. Auch er drängt Ophelia, den Prinzen abzuweisen. Ophelia will seinem Wunsch entsprechen.

4. Auf den Befestigungen warten Hamlet, Horatio und Marcellus bei großer Kälte auf den Geist. Man hört aus der Ferne Lärm eines Zechgelages: Der neue König Claudius feiert ausgelassen, sehr zu Hamlets Verdruss. Der Geist erscheint: Hamlet erkennt in der Erscheinung seinen eigenen Vater. Der Geist winkt Hamlet weg von der Gruppe. Trotz der Warnungen seiner verängstigten Begleiter folgt Hamlet willig und furchtlos.

5. Der Geist bestätigt die Vermutungen seiner Beobachter: Er stellt sich als Hamlets Vater, als verstorbener König Hamlet vor und erzählt Hamlet, er sei nicht, wie bekannt gegeben wurde, von einem Schlangenbiss getötet, sondern im Schlaf von seinem Bruder Claudius vergiftet worden, der ihm aus einem Fläschchen Gift ins Ohr geträufelt habe. Er Der Racheaufruf fodert Hamlet auf, sich an Claudius zu rächen, Gertrude jedoch zu schonen (deren Rolle beim Verbrechen er offenlässt): Ihre Gewissensbisse mögen Strafe genug sein. Vor seinem Verschwinden bittet er Hamlet darum, er möge sich an ihn erinnern. Hamlet schwört dies am Schwert – nicht jedoch, ohne vorher einen wichtigen Gedanken aufzuschreiben: dass man lächeln und gleichzeitig ein Schurke sein kann. Als Hamlets Begleiter wieder auftreten, lässt er sie einen Schwur leisten, niemals über das zu reden, was sie gehört und gesehen haben. Insbesondere müssen sie, falls sich Hamlet in nächster Zeit sonderbar verhält, so tun, als wüssten sie nichts. Vom Inhalt des Zwiegesprächs mit dem Geist seines Vaters verrät Hamlet den beiden nichts.




Zweiter Akt


1. Einige Wochen sind vergangen. Polonius schickt einen Diener nach Paris, um Laertes Geld zu bringen und ihm Mitteilungen auszuhändigen – aber auch um ihn zu beobachten. Ophelia, verstört, berichtet ihrem Vater von einem Besuch Hamlets, der offenbar Hamlets Geisteszustand wahnsinnig geworden sei. Polonius führt Hamlets Verhalten auf Ophelias Abweisung zurück und entscheidet, Claudius darüber zu informieren.

2. Claudius und Gertrude empfangen Hamlets Studienfreunde Rosencrantz und Guildenstern, die sie aus der Universitätsstadt Wittenberg holen ließen, und schicken sie zum Prinzen, in der Hoffnung, dass sie die Ursache seines Geisteszustandes herausfinden.

Claudius empfängt die Botschafter, die er unmittelbar nach seiner Krönung nach Norwegen geschickt hatte. Sie berichten, dass Fortinbras wegen seiner Pläne von seinem Onkel gerügt worden sei und seine Bemühungen nun gegen Polen richte. Sie überreichen Claudius ein Schreiben, in dem Fortinbras um ungehinderten Durchmarsch durch dänisches Gebiet bittet.

Polonius gibt seine Vermutung bekannt, Hamlets Wahnsinn sei der unglücklichen Liebe zu seiner Tochter zuzuschreiben. Um Näheres zu erfahren, wollen Polonius und der König ein arrangiertes Treffen zwischen Hamlet und Ophelia belauschen. Vorher trifft Polonius Hamlet, der, in einem Buch lesend, weiter den Wahnsinnigen spielt. Er beleidigt Polonius wiederholt und spricht zweideutig über Ophelia. Polonius tritt ab. Rosencrantz und Guildenstern treten ein. Auf Hamlets Drängen hin geben sie zu, dass sie im Auftrag des Königspaars gekommen sind. Hamlet gibt ihnen gegenüber seiner unglücklichen Stimmung Ausdruck, wird aber auf einmal heiterer, als Rosencrantz und Guildenstern von einer bald eintreffenden Theatertruppe berichten. Als die Truppe ankommt, lässt Hamlet einen Schauspieler eine Rede über die Tötung des trojanischen Königs Priam durch Pyrrhus wiedergeben. Er Hamlets Falle bittet den Schauspieler heimlich darum, am nächsten Abend The Murder of Gonzago zu spielen und in dem Stück eine Rede unterzubringen, die er selbst schreiben will. Rosencrantz, Guildenstern und die Schauspieler treten ab. Hamlet monologisiert, voller Selbsthass und Zweifel, über die Leidenschaft und Hingabe des Schauspielers einerseits und über sein eigenes Zögern und seine Zurückhaltung andererseits. Er plant, die Schauspieler eine Mordszene spielen zu lassen, in der Claudius seine Bluttat erkennen soll. Er will Claudius während der Aufführung beobachten und sich so von seiner Schuld überzeugen.




Dritter Akt


1. Rosencrantz und Guildenstern berichten dem Königpaar von ihrem Umgang mit Hamlet, können aber zur Klärung von Hamlets Geisteszustand nichts Wesentliches beitragen. Polonius und Claudius verstecken sich, um die Begegnung zwischen Hamlet und Ophelia zu belauschen. Hamlet tritt auf und reflektiert über Selbstmord, Sterblichkeit und menschliche Verstrickungen allgemein (»To be, or not to be«). Ophelia tritt auf. Die beiden Gespräch mit Ophelia unterhalten sich. Hamlet stellt ihre Ehrlichkeit und Keuschheit in Frage. Er gibt zu, sie einmal geliebt zu haben, sagt gleich darauf aber, dass er dabei gelogen hat. Er rät ihr wiederholt, sich in ein Kloster zu begeben, denn durch Heirat und Fortpflanzung würde sie nur zu einer Gebärerin von Sündern (»a breeder of sinners«, III,1, V. 119). Er gerät dabei in Rage und beschimpft Frauen im Allgemeinen. Vermutlich im Wissen, dass er belauscht wird, äußert er zum Schluss noch eine Drohung – gegen den König. Nachdem Hamlet Ophelia verlassen hat, beklagt sie, von der Echtheit seines Wahnsinns überzeugt, seinen Geisteszustand. Unter dem Eindruck der Begegnung zwischen Ophelia und Hamlet beschließt Claudius, Hamlet, dem er misstraut, nach England zu schicken, wo er einen versäumten Tribut einfordern soll. Polonius, der immer noch daran glaubt, dass die verschmähte Liebe Hamlets Wahnsinn hervorgerufen hat, will am Abend nach dem Schauspiel ein Gespräch zwischen Gertrude und Hamlet belauschen.

2. Hamlet gibt einem Schauspieler diverse Hinweise, wie man seine Rede wirkungsvoll vorträgt. Horatio tritt auf und wird von Hamlet in den eigentlichen Zweck der Aufführung eingeweiht. Er soll Claudius’ Reaktion auf das Stück beobachten. Der Hof versammelt sich; die Das ›Spiel im Spiel‹Aufführung beginnt. Pantomimisch wird folgende Handlung dargestellt:

Ein König und eine Königin treten auf. Sie umarmen sich gegenseitig. Der König schläft ein; die Königin sieht dies und verlässt ihn. Während er schläft, gießt ihm ein anderer Mann Gift ins Ohr. Die Königin kehrt zurück und findet den toten König vor. Sie trauert. Der Giftmörder kommt herein und scheint ihren Schmerz zu teilen. Der Leichnam wird weggetragen. Der Giftmörder wirbt um die Königin; sie weist ihn erst ab, nimmt aber am Ende seine Liebe an.

Claudius, der sich während der Pantomime beherrschen kann, muss nun dieselbe Handlung nochmals als Sprechtheater erdulden. Nach der Darstellung der Mordtat erhebt er sich und lässt das Spiel abbrechen; der versammelte Hof zerstreut sich. Hamlet und Horatio sind sich einig: Claudius ist schuldig. Hamlet wird von Rosencrantz und Guildenstern und dann auch von Polonius zu seiner Mutter gebeten.

3. Claudius befiehlt Rosencrantz und Guildenstern, Hamlet sofort nach England zu bringen. Wieder allein, versucht Claudius zu beten: Ihm möge der Brudermord verziehen werden. Aber es fällt ihm schwer, da er zu sehr an den Früchten seines Verbrechens hängt. Hamlet tritt ein, sieht den schutzlosen betenden König und zieht sein Schwert. Er kann die Rache aber nicht vollziehen, denn weil der König betet, so fürchtet Hamlet, würde seine Seele in den Himmel statt in die Hölle gelangen. Er will eine günstigere Gelegenheit abwarten, in der sich Claudius nach den Vorstellungen der Zeit sündig verhält, so dass die Seele des Königs zur Hölle fahren würde: etwa wenn er betrunken schlafen gegangen ist, einen Wutanfall hat oder fluchend Karten spielt.

4. Im Privatgemach der Königin rät Polonius ihr, mit Hamlet streng zu sein und ihn wegen seiner Streiche zur Rede zu stellen. Polonius versteckt sich hinter einem Wandbehang, bevor Hamlet hereinkommt. Dieser reagiert so heftig auf die Äußerungen seiner Mutter, dass sie um ihr Leben fürchtet und um Hilfe schreit. Polonius ruft; Hamlet Hamlet tötet Polonius durchstößt mit seinem Schwert den Wandbehang, hinter dem er dann den getöteten Polonius entdeckt. Hamlets Mutter ist entsetzt, aber Hamlet meint, die Tat sei nicht so verabscheuenswert wie Königsmord und Inzest, und spielt so auf die Taten des Herrscherpaars an. Er führt seine Mutter zu zwei Porträts, die an der Wand hängen – eines stellt seinen Vater, eines seinen Onkel dar –, und spricht von den Tugenden des Vaters einerseits und den schlechten Eigenschaften des Onkels andererseits. Er tadelt seine Mutter wegen der Heirat mit Claudius. Sie zeigt sich verzweifelt und bittet ihn aufzuhören. Der Geist tritt wieder auf und mahnt Hamlet, sein Ziel – die Rache – nicht aus den Augen zu verlieren. Hamlet versichert seiner Mutter, die den Geist nicht sehen kann und Hamlet für wahnsinnig hält, er sei nur aus Berechnung wahnsinnig, und bittet sie, Claudius nichts zu verraten. Er verlässt sie, die Leiche Polonius’ hinausschleifend.




Vierter Akt


1. Claudius, der von Polonius’ Tod erfährt, schickt Rosencrantz und Guildenstern auf die Suche nach Hamlet. Sie sollen die Leiche Polonius’ in die Kapelle bringen.

2. Rosencrantz und Guildenstern finden den düster scherzenden Hamlet. Über den Verbleib der Leiche erfahren sie nichts.

3. Hamlet wird unter Bewachung dem König vorgeführt. Er verrät, wo sich die Leiche befindet. Claudius teilt ihm mit, er soll zu seinem eigenen Schutz nach England gebracht werden, verrät dem Publikum aber anschließend im Monolog, dass Hamlet nach seiner Ankunft in England hingerichtet werden soll.

4. Fortinbras führt sein Heer durch dänisches Territorium, um gegen Polen vorzugehen. Hamlet, Hamlets Reise nach England unterwegs nach England, sieht dies und monologisiert über den Kontrast zwischen Fortinbras’ sicherem Handeln und seinem trägen Verhalten.

5. Einige Wochen sind vergangen. Ophelia ist nach dem Tod ihres Vaters psychisch erkrankt. Sie wird in die Privatgemächer der Königin eingelassen, singt aber nur wirr. Auch der König tritt hinzu. Laertes, aus Paris zurückgekehrt, stürmt herein und fordert Vergeltung für Polonius’ Tod, für den er Claudius die Schuld gibt. Er wird etwas abgelenkt, als er Ophelia sieht, die im Wahn Blumen verteilt und dazu Lieder singt. Claudius will Laertes die wahren Umstände von Polonius’ Tod erzählen.

6. Horatio erhält einen Brief von Hamlet: Er sei wieder in Dänemark. In einer Auseinandersetzung mit einem Piratenschiff sei er als Einziger gefangenen genommen worden und habe die Piraten im Gegenzug für das Versprechen eines guten Dienstes davon überzeugen können, ihn nach Dänemark zu bringen.

7. Laertes und Claudius verschwören sich Rache an Hamlet gegen Hamlet. Ein Edelmann bringt zu ihrer großen Überraschung Nachricht von Hamlet, der am nächsten Tag erscheinen will. Die beiden beschließen, Laertes solle Hamlet bei einem Schwertkampf töten; dazu soll Hamlet ein entschärftes, Laertes aber ein scharfes und zudem mit Gift versehenes Schwert bekommen. Darüber hinaus soll ein Becher bereitstehen, der ebenfalls Gift enthält. Mitten in diesen Vorbereitungen tritt Gertrude auf und berichtet vom Tod Ophelias, die in einem Bach ertrunken ist.




Fünfter Akt


1. Ein Küster und sein Gehilfe beginnen, ein Grab auszuheben, und scherzen dabei. Hamlet und Horatio treten auf. Hamlet diskutiert mit den beiden und reflektiert, angeregt durch den Anblick der Gebeine, die zu Tage gefördert werden, über die Sterblichkeit. Er wird aber von Ophelias Trauerzug unterbrochen: Dem Sarg folgen Laertes, Gertrude und Claudius, ein Priester und einige Höflinge. Weil es sich mutmaßlich um Selbstmord handelte, ist die Beerdigung sehr bescheiden gehalten, sehr zu Laertes’ Verdruss. Bei der Beerdigung steigt Laertes vor Trauer und Wut ins Grab. Hamlet gibt sich zu erkennen. Die beiden ringen, werden dann aber getrennt. König Claudius bittet Laertes, geduldig zu sein, und verspricht ihm heimlich, den Racheplan bald umzusetzen.

2. Hamlet berichtet Horatio von seiner Reise nach England: Die versiegelten Briefe habe er heimlich geöffnet. Sie enthielten den Todesbefehl. Hamlet habe sie noch vor der Begegnung mit den Piraten durch einen schriftlichen Auftrag ersetzt, Rosencrantz und Guildenstern zu töten.

Die Katastrophe Ein Höfling bringt Laertes’ Herausforderung zum Duell, die Hamlet annimmt. Claudius, Gertrude und der Hof versammeln sich. Hamlet und Laertes duellieren sich. Hamlet führt zunächst und lehnt den – vergifteten – Becher ab, aus dem Gertrude jedoch trinkt. Laertes verletzt Hamlet, wird aber, da sie in einem Gemenge die Schwerter tauschen und Hamlet zustoßen kann, auch selbst vergiftet. Gertrude bricht zusammen und stirbt. Der sterbende Laertes erzählt Hamlet vom geplanten Anschlag gegen ihn. Hamlet durchbohrt Claudius mit dem Schwert und zwingt ihn dazu, vom Gift zu trinken: Er stirbt. Hamlet und Laertes können sich noch vor Laertes’ Tod versöhnen. Horatio möchte Hamlet in den Tod folgen und greift nach dem Becher. Hamlet hindert ihn daran und fleht ihn an, seine Geschichte der Nachwelt zu erzählen. Hamlet hört das sich nähernde Heer Fortinbras’ und bestimmt Fortinbras zum nächsten dänischen König. Hamlet stirbt. Fortinbras, in Begleitung englischer Botschafter, die den Tod Rosencrantz’ und Guildensterns mitteilen wollen, übernimmt die Kontrolle und ordnet ein militärisches Ehrenbegräbnis für Hamlet an.





3. Figuren

Die Hauptfigur: Hamlet


Ein sportlicher, attraktiver und intelligenter junger3 Mann, Zierde und Hoffnungsträger des dänischen Staats, ein Prachtbeispiel junger Männlichkeit, ein in jeder Hinsicht vorbildlicher Prinz mit einem edlen Herzen, der im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht und in der Fechtkunst seinesgleichen sucht – das ist der Hamlet, den Ophelia und Horatio gekannt haben und von dem auch der norwegische Prinz Fortinbras wohl gehört hat. Hamlet – ein veränderter Mensch Aber die Zuschauerinnen und Zuschauer lernen eben nicht diesen vielversprechenden Thronfolger kennen: Sie werden mit einem schwarz gekleideten, überempfindlichen, verstörten und trauernden jungen Mann konfrontiert, der abseits der Krönungsfeierlichkeiten grübelt. Hamlet ist schon zu Beginn des Dramas ein veränderter Mensch.






Abb. 2: Die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt (1844–1923) in der Rolle des Hamlet (1899)

Die Zeit, in der Hamlet ein angesehener Prinz war, ist zu Beginn der Handlung nur einige Wochen her, aber trotzdem unwiderruflich verloren. Der Tod des geliebten Vaters und die vorschnelle Hochzeit seiner Mutter stürzen Hamlet ins Unglück und lassen ihn in der Welt jeglichen Sinn vermissen (I,2, V. 133–134), so dass er sogar Selbstmordgedanken hegt. Es scheint unvorstellbar, dass der tintenschwarz gekleidete Hamlet, der sich als Einziger mit den neuen machtpolitischen und familiären Verhältnissen nicht abfinden will, je wieder dem Ideal eines jungen Erbprinzen entspricht. Für seine grundsätzliche Unsicherheit sprechen die drei Stellen, an denen sich Hamlet mit anderen vergleicht: mit einem Schauspieler (II,2, V. 545–566), mit dem jungen Prinzen Fortinbras (IV,4, V. 47–65) und – wenn auch nur kurz – mit Laertes (V,2, V. 77 f.). Seiner Handlungsziele und seines Charakters ist sich Hamlet also nicht sicher.






Abb. 3: Szene aus Hamlet in einer Theaterinszenierung von 1935 am Londoner New Theatre (heute: Noël Coward Theatre) mit John Gielgud als Hamlet und Jessica Tandy als Ophelia – © Lebrecht Music & Arts / Alamy Stock Foto

Es ist in besonderer Weise schwierig, Hamlets Charakter zu beschreiben, weil die Vielseitigkeit seines Wesens ein Hauptmerkmal des Dramas ist – dieses ist jedoch auch ein Grund für dessen jahrhundertelange Beliebtheit. Sich mit Hamlets Charakter auseinanderzusetzten, bedeutet immer zugleich, sich mit der Komplexität des ganzen Dramas auseinanderzusetzen. Welcher Hamlet ist der echte Hamlet? Der Hamlet, der, sobald er hinter dem Wandvorhang Polonius’ Stimme hört, zusticht, und zwar mit solcher Wucht, dass er ihn tötet? Der Hamlet, der Ophelia, die Frau, die er liebt, quält und beleidigt? Der Hamlet, der philosophiert und dichtet? Der Hamlet, der ein Piratenschiff entert und so dem sicheren Tod entkommt? Der Hamlet, der seine angeblichen Freunde in den sicheren Tod schickt? Oder doch der Hamlet, der vor lauter Grübelei zu gar nichts fähig ist? Hamlet ist eine Figur von solcher Komplexität, dass zur Beschreibung seines Charakters eine Annäherung aus verschiedenen Perspektiven am sinnvollsten erscheint.




Hamlet, der Wahnsinnige?


Hamlets Verstörtheit ist auf den Verlust des Vaters und auf die neue Verbindung der Mutter zurückzuführen. Schon vor der Begegnung mit dem Geist des Vaters ist Hamlets Geisteszustand also höchst bedenklich. Nach den brisanten Enthüllungen des Geistes und vor allem nach seiner Aufforderung zur Rache tritt die Veränderung ein, die besonders für Ophelia so schockierend ist: Hamlet Psychische Erkrankung …erkrankt offenbar psychisch. Er redet zum Teil wirr; treibt Wortspiele, die auf den ersten Blick unverständlich wirken; seine Gedankengänge sind – wenn überhaupt – nur schwer nachvollziehbar.

Die … oder raffinierte Täuschung?Frage, ob Hamlet psychisch erkrankt ist oder nicht, ist berechtigt. Hamlet selbst äußert sich dazu eindeutig: Er spiele den ›Wahnsinnigen‹. Diese Taktik ist das Erste, was ihm nach den Enthüllungen des Geistes einfällt. Er hat vor, sich eine »antic disposition« (I,5, V. 172) anzulegen, also die Menschen durch sein Verhalten in die Irre zu führen. Polonius verfällt der Illusion (II,2, V. 92–94) und hält Hamlet für wahnsinnig, obwohl vieles, was Hamlet ihm gegenüber von sich gibt, nicht von einer psychischen Krankheit, sondern vielmehr von seiner Verachtung für Polonius zeugt. In ähnlicher Weise müssen Rosencrantz und Guildenstern einsehen, dass Hamlet sie durch seine »crafty madness« (III,1, V. 8) manipuliert. Wenn Hamlet nach der Racheaufforderung nicht zum Schwert, sondern zum Stift greift, will er einen Gedanken notieren: dass man lächeln und gleichzeitig ein Schurke sein kann. Diese Idee des trügerischen Scheins liegt auch seinem Racheplan zugrunde. Der Schein und das Spiel mit dem Schein sind gewissermaßen das Schwert, mit dem er den verbrecherischen Onkel zu Fall bringen will. Hamlets vorgetäuschter ›Wahnsinn‹ lässt sich als eine Maske auffassen. Hamlet verstellt sich, um für seinen Gegner unberechenbar zu bleiben.

Allerdings entstehen beim Publikum berechtigte Zweifel, ob Hamlets Verhalten ausschließlich auf seine Berechnung, auf sein Kalkül zurückzuführen ist. Seine Handlungen und Äußerungen zeugen sowohl davon, dass er nicht immer bestimmten Verhaltensgrundsätzen folgt (etwa wenn er den unschuldigen Polonius tötet), als auch von einer unmenschlichen Gefühlskälte und Empathielosigkeit (etwa wenn er Ophelia und seine eigene Mutter beleidigt). Gelegentlich hat es den Anschein, als sei sein vorgeblich gespielter ›Wahnsinn‹ eher ein ungeschöntes Bild seines Innenlebens als der aus Kalkül vorgetäuschte Zustand, von dem er spricht. Während es in den früheren Texten, die sich des Amlethus-Stoffes annehmen, eindeutig ist, dass Hamlet nur den ›Wahnsinnigen‹ spielt und hinter dieser Fassade vernünftig bleibt, ist dies bei Shakespeare unklar. Es ist, als würde seine psychische Erkrankung außer Kontrolle geraten.




Hamlet, der Melancholiker?


Das Wort Melancholie kommt aus dem Griechischen und bedeutet Schwarzgalligkeit. Im Elisabethanischen Zeitalter glaubte man an die Lehre der Temperamente, der zufolge sich der menschliche Körper aus vier Elementen zusammensetzt: aus Blut, gelber Galle, Schleim und schwarzer Galle. Charakterliche Eigenschaften wie zum Beispiel Mut, Fröhlichkeit und Tapferkeit wurden auf jeweils unterschiedliche Zusammensetzungen dieser vier Körpersäfte zurückgeführt. Die Gesundheit hing vom Gleichgewicht der Säfte ab. Hamlet ist, nach der Lehre der Temperamente, ein Melancholiker.

Wenn wir heute von Die elisabethanische Melancholie Melancholie sprechen, so meinen wir damit Niedergeschlagenheit, Traurigkeit oder Neigung zur Depressivität; wir sprechen von Kunstwerken, die eine melancholische Stimmung hervorrufen. Die Vorstellung von Melancholie im Elisabethanischen Zeitalter ist etwas anders. Ein Melancholiker hat demnach ein bestimmtes Aussehen: Er ist schlank und dunkel. Er hat eine verschlossene, düstere Gemütsart. Durch diese Melancholie wird der Verstand einerseits in die größte Verwirrung gebracht, die sich zum ›Wahnsinn‹ steigern kann; andererseits kann die Melancholie die Vernunft in einzigartiger Weise unterstützen und einen besonderen Scharfsinn bewirken. Genialität sowie die Fähigkeit, Dämonen und Geister wahrzunehmen und mit ihnen zu verkehren, wurden zu jener Zeit auf die Melancholie zurückgeführt.

Die elisabethanischen Zuschauerinnen und Zuschauer erkannten in Hamlet sofort einen Melancholiker – schon Hamlets Trauerkleidung ist ein Zeichen für seinen krankhaften Gemütszustand – und sie wussten genau, was von einem solchen Typus zu erwarten war: plötzliche Stimmungswechsel, Obsessionen mit einem zentralen Gedanken, Zynismus, abwechselnde Untätigkeit und fieberhafte Aktivität.

Hamlet steckt einerseits voller Energie und Ideen, ist andererseits vom Racheauftrag wie lahmgelegt. Er ekelt sich vor der Sexualität, ja sein Ekel gilt der ganzen Welt, die er mit einem ungejäteten Garten vergleicht, und der ganzen Menschheit, die sich der Fleischeslust hingibt und sich immer weiter fortpflanzt. Hamlet ist somit in gewissem Sinne unmenschlich.




Hamlet, der Philosoph und Poet?


Hamlet ist geisteswissenschaftlich gebildet, was für einen Prinzen eher ungewöhnlich ist, und möchte am liebsten in die Universitätsstadt Wittenberg zurückkehren, um sein Studium fortzusetzen. An Bildung und Geist ist ihm nur Horatio ebenbürtig. Die Studenten Rosencrantz und Guildenstern wirken im Vergleich bieder und witzlos. Hamlet interessiert sich für das Theater. Er ist ein Denker, ein Philosoph. Er stellt viele grundsätzliche Fragen zum menschlichen Dasein (»What a piece of work is a man […]; and yet to me, what is this quintessence of dust?«, II,2, V. 303–309; »To be, or not to be, that is the question«, III,1, V. 56). Sein Philosophieren ist allerdings reich an Rätseln und Widersprüchen und arm an systematischen Überlegungen. Hamlet ist ein feinsinniger Intellektueller, kein Mann der Tat. Die Tatsache, dass er erstmal zur Feder greift, als er vom Mord an seinem Vater hört (»meet it is I set it down«, I,5, V. 107), und nicht zum Schwert, ist vielsagend und ist dem elisabethanischen Publikum mit Sicherheit als sehr ungewöhnlich aufgefallen.




Hamlet, der Grausame?


Hamlet mag gebildet sein und Sinn für Poesie haben, er mag in sehr anständiger Weise und mit hübschen Gedichten um Ophelia geworben und ein edles Herz haben, aber er hat auch eine andere Seite: Er ist grausam. So schickt er Rosencrantz und Guildenstern in den Tod, ohne ihnen die Möglichkeit der vorherigen Beichte zu geben. Er äußert sich in unflätiger Weise über den toten Polonius und reagiert auf dessen Tod, für den er selbst verantwortlich ist, mit einer unmenschlichen und zynischen Kälte. Gegen Ophelia und seine Mutter, die Frauen, die er einmal geliebt hat, geht er mit besonderer Härte vor. Er überschüttet sie mit Beleidigungen und Vorwürfen. Diese Grausamkeit, sein Zynismus und seine Kälte scheinen nur sehr schwer mit seinem angeblich nur gespielten ›Wahnsinn‹ vereinbar, so dass man sich fragen muss, ob diese plötzlich auftretenden Eigenschaften doch auf eine psychische Krankheit hindeuten.




Claudius


Claudius ist der Bösewicht, an dem sich Hamlet rächen soll: Er hat einen Brudermord begangen, um seine Machtgelüste zu stillen, und seine Schwägerin geheiratet. Er hatte keine Bedenken, seinen Bruder »unaneled« (›ohne letzte Ölung‹, I,5, V. 77) zu töten, und begeht also Seelenmord, eine zu Shakespeares Zeiten besonders verabscheuungswürdige Tat. Er ist auch ohne weiteres dazu bereit, seinen Neffen Hamlet töten zu lassen, als dieser ihm durch seine Andeutungen und seine Gewaltbereitschaft gefährlich wird. Er benutzt Laertes in der Absicht, Hamlet zu beseitigen. Claudius stirbt am Ende durch Hamlets Schwert; dieser rächt sich somit an seinem Onkel.

Der Geist bezeichnet Claudius zwar als »wretch« (I,5, V. 51), dessen natürliche Gaben im Vergleich zu den eigenen ärmlich seien. Doch alles spricht dafür, dass Claudius die Staatsgeschäfte in Claudius – ein guter König?höchst kompetenter Weise zu erledigen versteht. Seine erste Rede vor dem versammelten Hof (I,2, V. 1–39) ist ein Glanzstück der Rhetorik und lässt den souveränen Herrscher erkennen. Seine erste Handlung nach der Krönung, die Entsendung der Botschafter nach Norwegen zur Entschärfung militärischer Spannungen, ist ein voller Erfolg für den dänischen Staat. Auch im Umgang mit seinen Untertanen nimmt man einen souveränen Herrscher wahr.

Bei aller Achtung für sein politisches Können darf man nicht vergessen, mit welcher Kälte und welchem Zynismus er die Menschen um ihn herum manipuliert. Sein Umgang mit Laertes ist hierfür ein gutes Beispiel (siehe hierzu die ausführliche Analyse von IV,7 in Kapitel 6: »Interpretationsansätze« dieses Lektüreschlüssels, S. 116–126).

Die oben genannten positiven Eigenschaften machen Claudius zu einem Ein komplexer Antagonist komplexeren Bösewicht, als es die meisten Schurken sind, die es auf der Bühne zu sehen gibt. Sein Charakter gewinnt dadurch an Tiefe, dass er ein Gewissen hat. Das von Hamlet veranstaltete ›Spiel im Spiel‹ (III,2, nach V. 136 – V. 265) konfrontiert Claudius mit seiner Tat. In der darauffolgenden Szene ringt er mit sich selbst und mit seiner Schuld in glaubwürdiger Weise. So sind die Sympathien der Zuschauerinnen und Zuschauer, wenn auch für kurze Zeit, unter Umständen bei Claudius. Nur die (sehr menschliche) Einsicht, dass in seiner Lage die Reue nicht möglich ist, da er so sehr an den Früchten seines Verbrechens – seiner Macht und seiner Frau – hängt, lässt ahnen, dass er seinen Weg fortsetzen, seine Tat nicht gestehen wird. Trotzdem bleibt es für das Genre der Rachetragödie eher ungewöhnlich, dass in dieser Ausführlichkeit ein Einblick in die Gedankenwelt des Bösewichts gewährt wird. Hamlet, dem tragischen Helden, wird gewissermaßen ein zweiter tragischer Held gegenübergestellt. Hierin sind auch die Gründe dafür zu suchen, dass so manche Kritikerinnen und Kritiker bei Ablehnung des unerträglichen und schwachen Prinzen die positiven Eigenschaften seines umso stärkeren und durchsetzungsfähigeren Onkels hervorheben und schätzen.4 Die Tatsache, dass er seine Frau im fünften Akt nur sehr zaghaft vom Trinken des Gifts zurückzuhalten versucht, sie lieber sterben lässt, als seinen Verrat auffliegen zu lassen (V,2, V. 276 f.), ist allerdings ein gewichtiger Grund, diese Figur doch in erster Linie als ruchlosen Bösewicht aufzufassen.




Gertrude


Gertrude hat den Bruder ihres verstorbenen Ehemanns geheiratet, eine im Elisabethanischen Zeitalter in den Augen der Kirche als inzestuös geltende Verbindung (siehe zur Inzestfrage das Kapitel 5: »Quellen und Kontexte« dieses Lektüreschlüssels, S. 84–86). Gertrude ist in vieler Hinsicht eineEine rätselhafte Frau rätselhafte Frau. Es hat den Anschein, dass sie einfach ihren Wünschen folgt, allerdings ohne Wissen um das Böse, das sie umgibt. Dafür spricht ihre Reaktion auf das ›Spiel im Spiel‹: Sie ist vor allem darüber erbost, dass Hamlet seinen Onkel verletzt hat, und scheint von den wahren Zusammenhängen nichts zu ahnen. Das lässt vermuten, dass sie an der Ermordung ihres Mannes unbeteiligt gewesen ist. Es ist nicht eindeutig, zu welchem Zeitpunkt ihr Verhältnis mit Claudius begonnen hat. Zwar spricht der Geist von seinem ›ehebrecherischen‹ Bruder, aber das kann auch bedeuten, dass die Eheschließung in den Augen des Geistes einem Betrug gleicht. Darüber hinaus ist auch die Vermutung plausibel, Gertrude habe nach dem Tod ihres Mannes ihren Schwager aus Bequemlichkeit und aus dem Wunsch, sich nicht vom Zentrum der Macht entfernen zu müssen, geheiratet. Es ist übrigens nicht klar, wie sehr sie ihren neuen Mann liebt, denn nirgendwo drückt sie ihre Gefühle für ihn aus. Auch Claudius gibt seine Gefühle für Gertrude an keiner Stelle glaubhaft preis.

Gertrude schweigt auch zur moralischen Frage des Inzests. Hamlets unkontrollierte Auslassungen über ihr angebliches Vergehen (III,4, V. 144–165) unterbricht sie mit dem Ausruf »O Hamlet, thou hast cleft my heart in twain.« (III,4, V. 156), der eher die Unmöglichkeit, gleichzeitig ihrem Sohn und ihrem Ehemann gerecht zu werden, als ein Schuldbewusstsein ausdrückt.

In der Schlussszene trinkt Gertrude aus dem vergifteten Becher – wohl unwissend von seiner Tödlichkeit. So wird sie Opfer des tragischen Geschehens. Gertrude scheint eher eine naive Mitläuferin als eine Verbrecherin zu sein.




Polonius


Polonius ist Erfahrener Staatsmann ein Staatsmann; über sein genaues Amt informiert das Figurenverzeichnis, wenngleich seine Aufgaben nicht genannt werden: Er ist »chief councillor and Lord Chamberlain«, also der leitende Beamte am dänischen Hof. Er selbst nennt sich »assistant for a state« (II,2, V. 166). Im Laufe der Zeit hat er dem dänischen Staat gute Dienste geleistet und ist der engste Berater des Herrschers geworden. Claudius findet ihn »faithful and honourable« (II,2, V. 130). Polonius’ Glaube an sein eigenes Urteilsvermögen ist unerschütterlich, ja, er hält sich für unfehlbar: »Hath there been such a time […] / That I have positively said ›’Tis so‹, / When it proved otherwise?« (II,2, V. 153–155). Er täuscht sich jedoch darin, dass die Ursache für die Melancholie Hamlets in der unglücklichen Liebe zu seiner Tochter Ophelia liegt. Verhängnisvoller Irrtum Diese Täuschung und die Strategien, die er verfolgt, um das Königspaar von seiner Ansicht zu überzeugen, werden ihm zum Verhängnis.

Polonius ist ein kommunikativer Mensch – Hamlet nennt ihn einen »foolish prating knave« (III,4, V. 215) –, und er Manipulation und Spionage manipuliert Menschen durch seine wortreiche und gelegentlich verschachtelte Redeweise. Er beauftragt Reynaldo, seinem Sohn nachzuspionieren, und erteilt ihm Ratschläge, wie der schwierige Auftrag zu erfüllen sei. Dabei versucht er, dem jungen Höfling die Kunst des Manipulierens beizubringen. Da er um die Unschuld Ophelias und somit auch um seinen eigenen sozialen Status besorgt ist, überzeugt er sie von der Unaufrichtigkeit Hamlets: Ophelia glaubt fortan nicht mehr an eine zukunftsträchtige Liebe und will ihrem Vater ohne weiteres gehorchen. Weil er seine Tochter derart ausnutzt, nennt Hamlet ihn einen »fishmonger« (II,2, V. 174, wörtlich ließe sich das mit ›Fischhändler‹ übersetzen, in übertragener Bedeutung meint Hamlet jedoch einen Bordellbesitzer).

Auf der Bühne und im Film wird Polonius häufig als eine Art geschwätziger Clown dargestellt – seine Zeilen zählen ja auch zu den unterhaltsamsten des Stücks –, aber so verkennt man seine Funktion als berechnender und fähiger Staatsmann und Machtmensch. Polonius mag gelegentlich zerstreut wirken, aber er ist zumeist umsichtig und wägt die genaue Wirkung seiner Worte ab – vermutlich eine bewährte Taktik, die ihm zu seiner hohen Stellung verholfen hat. Typisch ist die Qualifizierung seiner Aussagen durch but. Im folgenden Zitat erteilt er Ratschläge an seinen Sohn, der gerade nach Paris aufbricht:

Be thou familiar, but by no means vulgar;

Those friends thou hast, and their adoption tried,

Grapple them unto thy soul with hoops of steel,

But do not dull thy palm with entertainment

Of each new-hatched, unfledged courage. Beware

Of entrance to a quarrel, but, being in,

Bear’t that th’ opposèd may beware of thee.

Give every man thy ear, but few thy voice,

Take each man’s censure, but reserve thy judgment.

(I,3, V. 61–69)

Dieser Abschnitt gipfelt in der wohllautenden Empfehlung »to thine own self be true« (I,3, V. 78), die sprichwörtlich geworden ist. Polonius zeigt sich hier als einer, der im Umgang mit seinen Zeitgenossen sehr vorsichtig ist und mit einer großen Intelligenz vorgeht.

Polonius stirbt beim Versuch, ein Gespräch zwischen Gertrude und Hamlet zu belauschen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sind zwar entsetzt über die Tat und über die Plötzlichkeit des Todes, empfinden aber wenig Mitleid mit einem alten Mann, der zum Intrigieren und Manipulieren neigt. Hamlets Worte »Thou find’st to be too busy is some danger.« (III,4, V. 32) bringen es auf den Punkt: Polonius’ ständiges Sich-Einmischen bringt Gefahr mit sich.




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