Meine Familie und ihr Henker
Niklas Frank


Hans Frank, genannt «Der Schlächter von Polen», war Angeklagter im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess, wo Tag für Tag die entsetzlichsten NS-Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhandelt wurden. Am 1. Oktober 1946 verurteilte das Gericht ihn zum Tod durch den Strang. Plötzlich waren die Franks herausgerissen aus Reichtum und Selbstherrlichkeit, in Armut und Verachtung gestürzt. Wie ging die Familie damit um? Und wie ging der daran Hauptschuldige Hans Frank damit um? Erstmals wird durch seinen Sohn Niklas die private Seite dieses Prozesses aufgezeigt, der die Weltgerichtsbarkeit auf eine neue Stufe stellte.

Dieses Buch enthält den einzigartigen Briefverkehr zwischen der Gefängniszelle 15 in Nürnberg und den «Lieben daheim». Es zeigt der Welt, wie verlogen, sentimental, berechnend, kalt, grausig, aber auch liebevoll, verzweifelt, grotesk und auf schaurige Weise komisch Hans, Brigitte und ihre gemeinsamen fünf Kinder, dazu Omas, Opas und sonstige Verwandte mit den Folgen des Holocausts umgingen – und ihn verdrängten.

Für Niklas Frank, das jüngste Kind, war der Tod seines Vaters am Galgen ein Lebenselixier: «Er konnte mir mein Hirn nicht mehr vergiften!»







Niklas Frank

Meine Familie und ihr Henker

Der Schlächter von Polen, sein Nürnberger Prozess und das Trauma der Verdrängung

















Die Bilder malte Niklas Frank als Jugendlicher zwischen 1955 und 1957.







Niklas Frank

geb. 1939, war über zwei Jahrzehnte Reporter beim STERN und vollendete nach zwei Büchern gegen seine Eltern (»Der Vater – Eine Abrechnung« und »Meine deutsche Mutter«) mit »Bruder Norman!« eine schonungslose Trilogie über seine Familie, die dank Hitler aufstieg.

Im SPIEGEL-Bestseller »dunkle Seele, feiges Maul« setzte er sich mit der Entnazifizierung auseinander. In »Auf in die Diktatur« zog er erschreckende Parallelen im Verhalten und in der Rhetorik heutiger Politiker zur NS-Zeit.


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de (http://dnb.dnb.de) abrufbar.

ISBN 978-3-8012-7034-6 (E-Book)

ISBN 978-3-8012-0610-9 (Printausgabe)

1. Auflage 2021

Copyright © 2021 by

Verlag J. H.W. Dietz Nachf. GmbH

Dreizehnmorgenweg 24, 53175 Bonn

Lektorat: Gabriela Ratajszczak

Umschlag: Hermann Brandner, Köln

Satz: Petra Strauch, Bonn

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Besuchen Sie uns im Internet: www.dietz-verlag.de (http://www.dietz-verlag.de)


Aus bangem Herzen  für meine Mutter  und  meine ebenso toten  Geschwister




INHALT


Cover (#u0a7b7461-7a23-57ce-8cd0-9dd37ab48a53)

Titel (#ue0328294-1e02-547f-bf56-d84b65ff51dc)

Impressum (#u28d4dea7-a100-5749-8bba-1a0fed0e2c6f)

Zelle mit Türguckerl (#u09072b5e-910f-51d1-b691-8789e73ee894)

Sadist und fromme Helene (#u326b5c70-160a-5b9e-bced-42e59b88953a)

»Ich klage nicht, ich warte« (#u6214b747-2152-531b-b668-38c71d89c761)

Brigittes Verrat (#ucff3121e-4e34-50d8-b0a9-4e64f50a5f87)

»Heil Hitler« zum Ärgern (#uf620023d-e570-5f15-8852-47cc50c635fd)

Feinstaub und die vertauschte Gitti (#u34bde67c-7baa-5dd2-a5e0-8f0e3a38feed)

»Frau Minister« sind unzufrieden (#u97d2bb0b-d714-529e-9fda-50b67a2dfbbe)

Die Schuld der rauen Preußin (#ub831e25a-8881-5d65-9090-3fb46771cf94)

Der Tiefpunkt einer hohen Liebe (#u59b58697-9332-540e-a035-ac3b6d8394e9)

Noch einmal die Sau rauslassen (#u9e913153-0cae-53af-93d3-444079a83f41)

»Rache für unsere Grausamkeiten« (#u01ae1cfd-56a6-5e91-b68f-012f648d05f2)

Sehnsucht nach Unschuld (#ue00f2e83-378a-5d5c-8eb7-4803fd55d626)

Die letzte Gehaltszahlung (#u15f48b17-5f9f-5827-8e19-c472f42be455)

Tränen beim Verhör (#u8895c31f-5552-5353-8e48-8ed93943f28c)

Wiederentdeckung der Familie (#u0fe64c8b-217c-5a1d-8a2f-1bee258643d2)

»Eine Seele voll Zuversicht« (#u3bd05c3a-d75b-4b11-90da-be929bdd7da7)

»Hoventlich komst du balt wieter« (#u3640cf76-de27-5cd3-b288-7933dab1ee43)

»Schmalhans Küchenmeister« (#u02e39ef6-6652-5eed-9806-2e3f17ea9ce6)

Die brotlose Kunst des Bettelns (#u98f65bfc-c73e-5f6e-bba9-294ecedc9127)

Sehnsucht nach Nähe (#u6b598033-96f8-5f1c-9dd8-308abdfc12de)

Sohnes Stolz auf den Massenmörder (#u2426377e-ee60-5452-a91d-2b9ea5e83f4a)

Göring wird abgehängt (#u03c42f3c-7947-5662-9bc3-92074e83a14b)

Aus Honiglatschen in Militärstiefel (#u6e102751-9b96-5b0f-a668-56c78e474a03)

1946 – Tod und Verdrängung (#ufc5d150b-ff18-5ce6-9e8f-c41b232a7b71)

Polentransport (#u5c858677-f9b6-523a-b15c-62076a858147)

Die Tippse und ihr Hengst (#u4893c3c2-5069-5dd1-a291-9c47e62463a3)

In Polen alles gestohlen (#u914000b0-d0a6-5378-a585-9669a2d7e69d)

»Das Mundwerk von Goebbels« (#uc4bc54f7-957e-51ca-8c65-484fc5b0d95f)

Getrennter Hochzeitstag (#u0aa137a8-9b9f-5d1e-93c5-36be6d7c2730)

Hans, der schönste Angeklagte (#u2a6a19cf-f8a5-50c8-8ef4-7657ff7320a4)

Schuldeingeständnis als Trick (#u787ee0ce-770c-5188-b5d0-6cefc54edfc8)

Hansimuckerls Hexenmutter (#ua48309f8-dc49-5a78-ab21-4d0a2d7c6f6c)

»Die Macht des Siegers« (#u8230d9f7-da11-5907-8dc9-ab986eb7b208)

»Aus der reineren Welt« (#u0a97a51c-1a1a-5432-8877-18df03b1a87e)

Tabak als Reliquie (#u8b727bb5-7fa2-5937-87ab-f2114175bf5c)

Unschuldiger 165-Pfünder (#u1ceea247-ac99-5f37-adf3-cffd4dfa01b1)

Mit Messer in die Ohnmacht (#u33659144-ae6f-5bc2-acd0-8706b88d2d85)

Der große Bruch (#uc9eaf55f-9bd5-5a91-9578-d663a6df588d)

Zusammen gerauft – zusammengerauft (#uac07cd5b-d288-5644-bb79-3d0138ea5ca6)

Eros und wachsende Grausamkeit (#u4c0032d0-3330-5352-b5ed-8f48461f2a96)

Hans Franks letzter Diebstahl (#ub3488568-9242-5965-aebd-3855f8b60a83)

»Kopf hoch, Herz stark« (#ub7361db2-6210-5fb2-a346-4a9b1cc90f6f)

Das Urteil (#u1e8e5e6b-706e-5ee2-a3e1-462e70204a97)

Gefesselt hinter Glas (#u2621a65e-2b38-5856-9e83-c85a39b766e7)

Der düstere Witwentitel (#u50a69eee-8b2d-518d-86ce-4ca6e379b084)

Von Deserteuren und Denunzianten (#u3b16f122-4ad4-540e-a3e3-0321109043bb)

Gnädige Vergebung vom Täter (#u21bdbc97-c061-5e62-862f-6dc8b9478af7)

Benutzte Literatur (#ub4b79692-0e54-5e5c-ab79-e39887428375)

Abbildungen (#u582bf6cc-3ea0-5d26-8636-1ae18de42a56)




ZELLE MIT TÜRGUCKERL


Meine Zelle, in die mich unser Oberst Lagerkommandant persönlich mit einer kleinen Anrede führte, ist verhältnismäßig groß und licht. Bayrische Heimatluft dringt von dem Tag und Nacht von mir halboffen gehaltenen Oberlichtfenster herab ein in den durch eine kapellenartige Runddecke gehobenen Raum. Als ich gestern das erste Frühstück (Malzkaffee) durch das Türguckerl gereicht bekam, war ich geradezu frohgemut. Zur Heimatluft gab es endlich wieder einmal das schwarze Brot unseres Landes mit der unserem Geschmack eben entsprechenden landläufigen Wurst. Ich habe dieses erste Stück Brot gestern in tiefer Ergriffenheit als ersten Heimatgruß geküsst. Das Brot war der Bote Bayerns, meines Landes, meines urdeutschen Landes, und gut war sein Charakter. Sein Geschmack war etwas »kriegerisch«, aber essen es nicht all meine deutschen Landsleute in unserem zerfetzten Vaterland? Und ich war also auch um dessen Willen froh, da ich wieder im Nahrungsschicksal ihnen gleich bin.

Da sitzt er also in Zelle Nr. 15: Hans Frank, nein: Dr. Hans Frank, Doktor der Jurisprudenz, vom Führer abgesetzter Reichsleiter, aber bis Kriegsende im (hohlen) Amt verbliebener Reichsminister ohne Portefeuille, und im blutigen des Generalgouverneurs von Polen. 45 Jahre ist er alt. Abgenommen hat er. Auch an Haupthaar. Seine linke Hand zittert, Folge seiner zwei Selbstmordversuche nach seiner Verhaftung im Mai 1945. Seine Zähne sind ohne Befund. Er wiegt bei einer Größe von 1,76 Meter 83,44 Kilogramm. Sein Body-Maß-Index ist mit 27,1 – wie die Berechnung im Internet zeigt – für sein Alter nicht ganz perfekt. Aber: Mit einer gesunden und ausgewogenen Ernährung und regelmäßiger Bewegung kann Vater sein Gewicht langfristig reduzieren.

Schwierig für den Zelleneinsitzer.

Neben dem BMI stimmt es seit seiner Verhaftung auch mit seinem Hirn nicht mehr so ganz. Denn der kauende Liebhaber bayerischen Brotes weiß nun, dass Wirklichkeit werden kann, was er eher spöttisch zwei Jahre zuvor seinem Jugendfreund prophezeite: »Du wirst Professor, und mich wird man hängen. »Vater unser muss um seinen Kopf kämpfen. Von Schlössern, Burgen, Villen und gepanzerten Mercedes-Karossen, den Gemälden wie Leonardo da Vincis »Dame mit dem Hermelin«, den zwei Rembrandts, Raphaels »Bildnis eines unbekannten Jünglings«, seiner penibel zusammengestellten Bavarica-Bibliothek ist nicht viel geblieben: Meine ganze mir verbliebene Habe geht in einem kleinen Karton unter, wo ich die mir von den Amerikanern gegebenen Wäschestücke verwahre. Aber welche Bedeutung kommt ihnen zu: Nicht nur in Bezug auf ihre mir zur Verfügung gehaltene Existenz überhaupt, vor allem ihren Zustand betreffend. Meine Hemdjacken, Taschentücher, Socken und Unterhosen immer wieder waschen und trocknen zu können, ist eine wirkliche Frage.






Hans Frank nach seinem Selbstmordversuch, Mai 1945.

Seit seiner Verhaftung am 4. Mai 1945, vier Tage vor dem offiziellen Kriegsende, hat er keine Verbindung mehr zu seiner Familie.

Will er die überhaupt?

Mit dieser verfluchten, raffinierten, ihm heillos überlegenen Ehefrau Brigitte, die ihm sein Liebesleben vergällte?

Mit dieser eitlen, selbstgefälligen und urfaulen ältesten Tochter Sigrid?






Brigitte 1946, unter dem Bild ihres Hans, gemalt 1939 von H. Barrenscheen.

Mit diesem verdrucksten, miserabel desinteressiert Latein paukenden ältesten Sohn Norman?

Mit dieser ihn anhimmelnden und ihm zu süßlich tuenden nächsten Tochter Gitti?

Diesem mit einer fiesen Hasenscharte geborenen zweiten Sohn Michel und diesem ewig stumm dreinglotzenden Niki, dem jüngsten Knaben, der ihm noch im Februar einfach seine Lesebrille zerbrochen hat, ihn dabei blöde von unten her anstarrte, und von dem er nicht mal sicher ist, ob diese rothaarige Hässlichkeit überhaupt sein Sohn ist?

Oder mit seiner eigenen Mutter, Tochter eines Münchener Kolonialwarenhändlers mit popeligem Tante-Emma-Laden? Die war erst wieder in seinem Leben aufgetaucht, als er Karriere gemacht hatte, um auf seinem Schloss Kressendorf oder auf seiner Burg in Krakau als Königsmutter zu posieren.

Oder mit seiner ewig nervenkranken, grauslig anzusehenden Schwester Lilli! Was hatte er doch mit ihr für Scherereien gehabt! Und wie peinlich, als die sich zu Amon Göth in dessen KZ-Lager Plaszow fahren ließ, um von den todesnahen Juden noch Schmuck ergattern wollte, indem sie ihnen vorgaukelte: »Ich bin die Schwester des mächtigen Generalgouverneurs – vielleicht könnte ich Ihnen ja helfen?« Oder mit seinem Vater, diesem aus der Anwaltskammer geflogenen Rechtsanwalt und Heiratsschwindler, der ihm doch tatsächlich am 15. März 1942 brieflich für seine Gebisserneuerungskur um die Zusendung von 15 Gramm Gold anbettelt und mit Heil Hitler unterschreibt? Woher nehmen und nicht … ach richtig, Brigitte konnte ja wirklich eines ihrer tausend Schmuckstücke hergeben, die sich in Polen so sehr vermehrt und schon zu Gerede in Berlin geführt hatten.

Oh Herr, was für eine Familie habe ich da um mich!

Selbst die große Liebe seines Lebens, Elisabeth Karoline Sophie, genannt Lilly, in die er sich schon als Kind verknallt hatte, und die 1942 wieder aufgetaucht war, konnte er in den letzten Monaten seiner Freiheit nicht mehr in himmeljauchzender Gier küssen, beschlafen und mit ihr die gemeinsame Zukunft gegen Brigitte planen.

Über drei Monate saß er mit den letzten Getreuen in seinem neuen Amtssitz in Neuhaus am Schliersee. »Haus Bergfrieden«, früher ein Café, war ihm zugewiesen worden. Was für ein lausiger Ersatz für seinen Dienstsitz, den Wawel, die Burg in Krakau!

Doch jetzt sein allerlausigster Umzug: in eine Zelle des Gefängnistrakts im Nürnberger Justizpalast.

Allein.

Als ich monatelang dieses Buch vorbereitete, versetzte ich mich immer rückhaltloser in seine wachsende Klaustrophobie. Tag und Nacht wird er von einem amerikanischen Wachtposten durch die Türluke beobachtet. Ganz für sich allein ist er nur auf seiner Toilette, gleicht rechts vom Eingang. Schlafen muss er auf dem Rücken, die Hände oberhalb der Decke. Das Licht wird des Nachts nur gedämmt, nie ganz ausgeschaltet. Einmal am Tag ist ihm eine Stunde Spaziergang im Gefängnishof erlaubt, gemeinsames Mittag- und Abendessen mit den anderen Angeklagten, Besuche in der Zelle nur von den Psychologen Douglas M. Kelley, Gustave M. Gilbert und Leon Goldensohn. Einmal in der Woche ein Bad nehmen, täglich morgens eine kalte Dusche.

Noch hat der Prozess nicht begonnen. Seinen Verteidiger hat er allerdings schon: Dr. Seidl, aus München, so kurz gewachsen, dass der Mitangeklagte Herrmann Göring über ihn spottet: »Der kann ja kaum übers Rednerpult schauen!«

Mein Vater mag Dr. Seidl. Der ihn weniger. Als ich ihn Jahrzehnte später interviewte, wollte er viel lieber über seinen anderen Mandanten, den Wirrkopf Rudolf Heß, sprechen. Ich vermute, Seidl konnte meinen Vater wegen seiner immer stärker werdenden Frömmelei nicht leiden.






Die Frank-Kinder: Norman, Michel, Niklas (»Niki«), Sigrid, Gitti, Schoberhof 1941.

»Haus Bergfrieden«, in dem er bis zu seiner Festnahme sein Büro hatte, liegt im Neuhauser Ortsteil Josefstal. Dort schlief er auch. Nur hin und wieder besuchte er in den drei Monaten zwischen Flucht und Verhaftung den Schoberhof, einen umgebauten Bauernhof, in dem seine Ehefrau Brigitte mit uns fünf Kindern lebte. Die ältesten Drei, Sigrid, Norman und Gitti, haben unter der Trennung ihrer Eltern schwer gelitten. Am meisten Gitti, damals 10 Jahre alt. Michel und ich sicher auch, wenn auch zunächst nicht den Tag bestimmend: Zu spannend war die Zeit des Untergangs des Dritten Reiches!

Da die Eltern die meiste Zeit ihres Lebens während der Naziherrschaft außer Haus ihrem Vergnügen des Einkaufens und Mordens frönten, blieb die Erziehung in Händen von Hilde, einer wunderbaren, lustigen, herzlichen Frau von Mitte Zwanzig. Alles, was an den Frank-Kindern humorvoll, menschlich, mitfühlend war, stammte von ihr.

Als ich sie für mein erstes Buch besuchte, damit sie mir all die merkwürdigen Erinnerungsblitze, die ich mit mir herumtrug, in einen aufklärenden Zusammenhang brachte, war sie schon total verkrebst, hatte aber noch immer ihr herzliches Lachen und gestand mir zum Schluss, dass unser Koch auf dem Schoberhof einmal aus Ärger über »Frau Reichsminister«, die gegenüber ihren Angestellten wieder einmal beinhart gewesen war, in der Küche auf einen Stuhl stieg und in die Suppe pieselte, bevor sie serviert wurde.

»Und weißt du, Niki, was deine Mutter danach beim Raustragen der Teller zur Serviererin gesagt hat? ›Bestellen Sie bitte dem Koch: Die Suppe war köstlich!‹«

Bei diesem Herrschaftsessen für die ortsansässigen Nazi-Honorablen war Vater nicht anwesend. Weswegen er auch nicht wie sein inzwischen uralter jüngster Sohn über diese Szene schmunzeln kann. Am 26. August 1945 beschreibt er weiter sein Leben in der Zelle: Ich blicke in den Abdruck des Kopfes des heiligen Florian unseres berühmten Meisters von Kefermarkt, eines prachtvoll ernsten Mannesantlitzes, das in Erz dem innen gerichteten Blicke des um seine Leidensberufung Wissenden ergreifende Wirkung bietet. Es ist der künstlerische Schmuck der Zelle des Nürnberger Gefängnisses, die nun die mir verbliebene irdische Zone umfasst. Ich habe dieses Blatt aus einem deutschen Zierkalender mitgebracht, der uns in dem Luxemburgisch-Mondorfschen Palasthotel gegeben worden war, um in ihm mit Lust und geistiger Angeregtheit den Ablauf unserer Interniertenlaufbahn zeitlich registrieren zu können. Über drei Monate weilte ich da im Kreise all der Männer, die man aus der Epoche Adolf Hitlers kannte, und die da eingefangen vom Sieger hinter Gittern gepackt wurden. Über vierzig Männer weilten dort in leidlich erträglichen äußeren Umständen, sehr anständig behandelt und gepflegt. Das Hotel in Mondorf machte ein etwas gequältes Gesicht zu der ihm zugemuteten Aufgabe, Behältnis für politische Männer zu sein, die von ihren siegreichen Feinden als Verbrecher bezeichnet werden.

Im Juli 1945 hatte der deutsche Journalist und Schriftsteller Walter Hasenclever die Inhaftierten in Mondorf besucht und einen ganz anderen Hans Frank erlebt, dessen Verhalten einen zum Fremd-Schämen, in meinem Fall zum Familien-Schämen bringt: »Generalgouverneur Hans Frank hatte in Mondorf eine besondere Nische. Er tat sich mit keinem zusammen; von morgens bis abends, wenn er nicht gerade beim Essen oder beim Verhör war, wandelte er auf der Terrasse vor dem Hotel mit einem Gebetbuch auf und ab und tat Buße. Er murmelte Gebete, sprach den Rosenkranz und widmete jede freie Minute der Selbstzerknirschung. Er war allerdings auch sorgfältig darauf bedacht, bei diesen Übungen von allen gesehen zu werden. Seinen Mitgefangenen war er lästig, und sie ließen es in ihren Gesprächen nicht an Seitenhieben auf diesen neugebackenen Büßer fehlen, aber sie konnten ihn in seiner neuen Rolle nicht irre machen.«




SADIST UND FROMME HELENE


Diese Zurschaustellung seiner neu gefundenen Religiosität erinnert mich immer an Wilhelm Buschs »Fromme Helene« und macht mich schaudern.

Es folgt Hasenclevers vernichtendes »Lippen«-Bekenntnis: »Er war eigentlich ein gutaussehender Mensch. Er hatte ein kluges und man könnte beinahe sagen, feines Gesicht mit einem sinnlichen, sehr weichen Mund, der ahnen ließ, dass er vielleicht mehr konnte als trutzige Phrasen von sich geben. Tatsächlich war Frank ein musischer Mensch. Zugleich aber war er, was man dem Mund auch ansah, ein Sadist. In der Weichheit dieses Mundes lag eine deutliche Grausamkeit, die er auch in Polen ungehemmt walten ließ.«

Die »Time« schrieb unter das Gruppenfoto der in Mondorf Inhaftierten: This remarkable group portrait, which looks at first glance like members of a select club, in fact just that: these are most of Nazi Germany’s leaders. Neurotic Göring, undergoing a morphine cure, had lost 30 of his 270 Ibs., but looked fairly well when he took his front-&-center seat. Jewbaiter Streicher had wept and beaten his breast with shame because a U.S. Jewish sergeant gave him a gift of cocoa and crackers. Butcher Frank (of Poland) had arrived hysterical and clad only in lace panties.

Demnach war der »Schlächter von Polen« in Unterhosen in Mondorf eingeliefert worden. Er, der immer tipptopp gekleidet war, seine 110 Uniformen verehrte – und sich selbst in ihnen –, wankt oder wandelt in Unterhosen durch die Gänge des zum Gefängnis umgepolten luxemburgischen Palasthotels! Vielleicht ließ Gefängnisdirektor Burton C. Andrus ihn auch bewusst zunächst ohne Hosen, um die Verachtung der Amerikaner für den Butcher of Poland deutlich zu machen, der schon weit vor Kriegsende von der »New York Times« auf ihrer Kriegsverbrecherliste als Nummer 1 geführt worden war.

Nun in Nürnberg, schreibt Hans Frank weiter, sind wir ein wesentlich reduzierter Kreis unter erschwerten äußeren Lebensbedingungen. Der Lebensstil ist der eines Gefängnisses mit den durch die besondere Art der Inhaftierten und ihrer militärischen Verwahrer gegebenen Abweichungen.

Neben meinem Florian-Platz habe ich noch drei Bücher in treuer Gefolgschaft: die Bibel in der Übersetzung Martin Luthers wurde vermittelt durch die Kriegsgefangenenhilfe; dann die »Einführung in die Philosophie« von Dr. Max Apel und endlich »Die kleine Chronik der Anna Magdalena Bach«, der Frau Johann Sebastians, ein reizend liebes Buch der Engländerin Esther Meynell, die auch den Zensor vermochte, in das Buch ein liebesrotes Mal zu stempeln, dass in seinem Wortlaut ›passed by examiner‹ die Musikalität unserer modernen Militärs allerorten bestätigt.

Bitternis klingt durch den Text: Wie kann man so hochgestellte Persönlichkeiten eines Reiches so behandeln!

Ironie folgt: Mein Bettgestell aus Eisen hat eine Matratze, und 5 Wolldecken wurden mir in aller Fürsorge daraufgelegt. Ein Tisch und ein Stuhl vervollständigen die Einrichtung, die ich, wenn ich als bayrischer Justizminister, dem alle Gefängnisse des Landes unterstanden in den Jahren 1933 – 38, hätte es ahnen können, dass sie mir einmal dienen würde, wesentlich komfortabler gestaltet hätte.

Dass er nur durch die undemokratische Regierungsübernahme seiner Nazis am 10. März 1933 Bayerischer Justizminister geworden war, ist für ihn nicht erinnerungswürdig. Auch nicht, dass er anstatt die Zellen aufzumöbeln, als eine seiner ersten Amtshandlungen jüdischen Anwälten verbot, weiterhin vor Gericht aufzutreten.

Über drei Monate bin ich nun in der Gefangenschaft. Nicht mehr Herr meines Lebens, sondern Sache der Planung anderer. Das Schicksal fügt es so.

Hier taucht zum ersten Mal das Wort Schicksal auf. Es wird ihn und seine Ehefrau durch den ganzen Prozess begleiten: Gegenseitig werden sie sich zahllose Male versichern, dass es allein das Schicksal war, das ihn ins Gefängnis und sie in totale Armut gebracht hat. Beide können nichts dafür. Er nicht, obwohl er per Reichsgesetzblatt als Stellvertreter Hitlers politisch für jeden Mord im Generalgouvernement verantwortlich war, sie nicht, obwohl sie an seiner Seite gnadenlos ein Luxusleben auskostete. In jener Zeit kam nie von ihr ein: »Hans, wie kannst du nur! Zieh dich sofort zurück! Das ist ein Verbrecher-Regime, dem du dienst! Außerdem riecht Hitler aus dem Mund!« Da kam nie von ihm ein: »Wie kannst du nur in meinen Ghettos zu selbst gesetzten Preisen einkaufen fahren? Im Übrigen: Ich schmeiß’ hin! Ich lass’ mir jetzt vom Arzt ein Attest geben, dass ich körperlich und geistig nicht mehr in der Lage sei, meinem geliebten Führer zu dienen!«

Stattdessen stützt Hans Frank jetzt in seiner Zelle weiterhin philosophisch seine Unschuld ab: Wenn man die Mächte des Werdens und Vergehens nicht vernunftgemäß erschließen kann, bleibt nur der ahnungsvolle Glaube, der wie ein magischer Nebel die grauenvolle Kantigkeit umsamtet: Dass die Schlüsse zu einem Anfang gehören, der außerhalb unserer Zonen liegt. Gleich der Wirkung der Sonne etwa, die auch all das Treiben auf der Erde erzeugt, ohne von da aus erreichbar zu sein. Drei Monate – schon! – erst! Wer weiß?

Grabe ich mich mit ihm in seiner Zelle ein, sitze mit dem gleichen Bleistift vor dem gleichen Stück Papier und schreibe, dann fühle ich in mir selbst dieses entsetzliche Hin und Her zwischen Hoffnung und Todesangst. Dieses Gefühlschaos funzelt auch durch seine nachfolgenden Sätze: Das Denken erlahmt. Man hat eine Art von automatischer Denkpolizei in sich, die verhindert, dass farbige Bilder milde lösend durch Dich dahingleiten – Dich streicheln, Dich kosen, und das Tränennass ist der Fluss, über den es kein Zurück mehr gibt zu all’ dem, was Dein war, zu all’ denen, die Dein sind und waren.

»Dein« war einst Brigitte, als ihr Hans sie noch liebte, wie offensichtlich in seinem Brief vom 20. Februar 1930: Herzliebes Weibelen – beide schreiben einander immer Weibelen statt Weibilein, vermutlich ein Schreibfehler von Muttern in ihrer glücklichen Frühzeit, der zur privaten Gaudi kultiviert wurde – Schau, ich habe Dich doch so lieb und leide nur, wenn Du so preußisch-rau-kalt und oft auch direkt lieblos bist. Ich brauche viel Liebe und möchte auch viel Liebe geben. Ich bin so glücklich in dem Gedanken, dass ich Dich habe und Du schöne, liebe Frau allein mein bist, ich möchte noch 16 Kinder von Dir. Aus der Niederung unserer minderwertigen Gegenwart soll gerade unser beider Bund aufragen. So tief, so ewig, so schlicht und wahr liebe ich Dich.

Ewig Dein

Hans






Brigitte Frank um 1942.

Hätte er damals statt seines Unterleibs seinen Verstand aufgepumpt, wäre er auf und davon von dieser rau-kalten Preußin Brigitte!

Der Gefangene, sinniert Hans Frank in seiner Zelle, ist nicht nur der Freiheit beraubt, sondern damit der wesentlichsten Grundlage des Lebens. Deshalb sind seine Gedanken so mühevoll, so wurzellos und gärend verwirrt, weil er hilflos ist, all’ dem Sehnen und Pochen gegenüber, das in ihm sprudelt, das ihn quälend lockt in Betrachtungen der Sehnsucht, der Reue, der Hoffnungslosigkeit.

Fällt ihm bei Sehnsucht sein Brief von 1942 an die wiedergefundene große Liebe Lilly G. ein?

Meine Lilly!

Ich bin so strahlend frisch und froh und stark und glücklich und beschwingt und selig, dass ich weiß, wie alles gut gehen wird. Ich liebe Dich, meine Lilly – mit gottgewollter Innigkeit und schwöre Dir meine Treue und Hingabe bis ins letzte Pianissimo meines Lebens. – Ich strahle Dich an frohgemut – das Neue Leben beginnt. Gott segne meine Lilly und mich! Auf Wiedersehen. –

Ganz herzlichst,

innigst Dein Hans

Doch zu Hause warteten Ehefrau und ein Stall voll Kinder!

Fällt ihm bei Reue sein letztes Telegramm vom 24. Dezember 1944 an Hitler ein?

mein führer

die deutschen krakaus aus allen bereichen und dienststellen

versammelten sich am weihnachtsvortag zu einer kundgebung, in

der in stürmischer begeisterung die treue und hingebungsvolle

dienstbereitschaft zu ihnen, mein führer und ihrem grandiosen

werk machtvoll ausdruck erhielt. Wir beten zu gott,

dem allmächtigen, der sie in so wunderbarer weise in

diesem jahre vor der tücke gemeiner verbrecher bewahrte,

im kommenden jahre ihren waffen den sieg zu verleihen.

heil, ihnen, mein führer.

frank

Ja, vielleicht hat Hans Frank wirklich Reue empfunden, aber die wurde ihm von seiner Gedankenpolizei offensichtlich immer wieder sofort verboten.

Und was fällt ihm bei Hoffnungslosigkeit ein? Da braucht er nicht nachzudenken: Die erlebt er gerade. Sekunde um Sekunde. Tag um Tag. Monat um Monat.

An seinem wackeligen Zellentischchen schreibt er weiter: Und doch! Wären diese Gedanken nicht, dann wäre alles dahin. Nur sie sind es ja, die den Gefangenenzustand vom Tod noch unterscheiden, abgesehen vom rein animalisch-organischen Vegetieren. Oh, Du Gedanke des Alls, das Urgeheimnis und letzten Bewusstseinspunkt verbindet – Du bist das geistige Fundament der inneren Souveränität, die bleibt, wenn die äußere der Persönlichkeit genommen ist.

Mein Vater eine Persönlichkeit? Die hätte doch etwas mit Seriosität, Ehrlichkeit, Empathie und entschlossener Handlungsdynamik zu tun.

Das sieht auch Psychologe Kelley so: »Je bedeutender Franks Stellung wurde, desto anmaßender benahm er sich. In seinem eigenen Fach erwuchsen ihm viele Gegner, denn er war im nationalsozialistischen Staat das Werkzeug der Zerstörung altüberkommenen Rechts. Frank war es, der am meisten dazu beitrug, die These zu begründen, dass das ›Deutsche Recht‹ nicht das Individuum zu schützen, sondern der Nation zu dienen hätte – nämlich Hitler und seiner Partei.«

Dabei hatte er noch in der Weimarer Republik Jura studieren können, das deutsche Recht, das aus dem römischen entstanden war.




»ICH KLAGE NICHT, ICH WARTE«


Statt sich schriftlich über seinen Verrat am Recht Gedanken zu machen, philosophiert er voll des Selbstmitleids weiter: Der Gefangene ist die Antithese Gottes: der der Freieste aller ist und daher ein Widerspruch zur Schöpfung. Die Gefangenschaft ist auch zu allen Zeiten nicht Gottes, sondern der Menschen Werk. Was die Feinde über uns noch alles verhängen werden, weiß ich nicht. Unschuldig, wie ich mich fühle und bin, sehe ich mit Gottes Trost allem entgegen. In Essen steht ein Denkmal, es ist den in den Ereignissen des Jahres 1923 gestorbenen Ruhrarbeitern gewidmet, darunter steht: »Deutschland! Wehe denen, die Dich lieben!«

Das ist es wohl.

Das ist es wohl bei ihm: Noch kein Prozess, noch keine vorgelegten Beweise für seine Verbrechen, aber schon das Endurteil gesprochen: Unschuldig, weil Deutschland liebend.

Meine Kleidung ist interessant und zeigt mir die ganze Gutmütigkeit mancher amerikanischen Männer, die um mich in diesen Monaten besorgt waren. Ich trage ein amerikanisches Soldatenjackett, eine amerik.Militärhose und feste deutsche Militärstiefel, an deren Stelle ich bei leichtem Sommerwetter ein Paar amerikanischer Militärschuhe mit Gummisohlen trage.

So wäre mein Leben schön und ruhig. Denn wer ist so umsorgt, so umwacht wie wir? Ich denke immer an den Fidelio Beethovens. Man ist entweder ein ganz schlimmer Verbrecher, oder man hat mächtige Feinde, das kommt auf dasselbe heraus.

Ich klage nicht. Ich harre und warte.

Und indem ich dieser Gedanken Fäden langsam durch mein Bewusstsein fließen lasse, bin ich ganz ruhig. Wie in Gottes Schoß geborgen. Glaubst Du an Gott: Wohl denn. Er wird Dir plötzlich zum Zimmergenossen! So vertraut bist Du ihm! So direkt körperlich nah, wie einem guten Freunde, der bestimmt alles für Dich tun wird, und Du ertappst Dich bei Ahnungen seiner Gegenwart von solcher Intensität, dass die Wände gefallen scheinen.

Mit Gott durch die Wand! Den hat er aus Mondorf mit in seine Nürnberger Zelle überführt. Er wird neben »Schicksal« zum zweiten Schuld-Tilger berufen.

Gott und Schicksal anstatt sich zu fragen: Was habe ich wirklich getan? Und warum, um Gotteswillen?

Norman, mein ältester Bruder, sagte zu Vaters wachsender Religiosität: »Der suchte nach Hitlers Selbstmord einfach einen neuen Gott.«

Fühle ich mich in seine Zellensituation hinein, kann ich es nachvollziehen: Wen gibt es noch, der dich nicht sofort schuldig spricht? Da bleibt ja nur der liebe Gott, wenn du dich dir selbst nicht stellen willst!

Vergeblich beschwört er beim Weiterschreiben: Man lernt sich kennen, nur in der Gefangenschaft. Gibt aber sofort auf: Im Grunde begreift man nichts um einem, und Unwirklichkeit, unfassbare Traumverzerrung, scheint die Wirklichkeit der Gefangenschaft zu sein. Und dann ist all’ dies Wähnen und Denken weg. Und es kommt das Sinnen über Deine Kinder, Dein Zuhause, Deine Jugend, Deine Lebensentwicklung – und dann bist Du ein kleiner, weinender Mensch, müde, nervös, abgespannt, verzerrt und gejagt – und Du rollst Dich in einem Elendspfuhl und rufst um Schlaf, den gnadenreichen Unterbrecher des Bewusstseins, die Erlösung, die Erholung – ja, so ist es. Die einsame Kreatur kniet vor Gott im Staub.

Auch diesen Elendspfuhl kann ich nachfühlen. Ich habe mehrmals im Nürnberger Gefängnis eine Zelle besucht, die der seinen völlig gleich ist. Der Original Trakt, in dem die Nazi-Verbrecher einsaßen, war bald nach Prozessende abgerissen worden, doch die baugleichen anderen Flügel bestehen bis heute. In dieser Zelle zu stehen, zu sitzen, sich hineinzuversetzen in meines Vaters Einsamkeit, ließ auch dort wieder die Wut in mir aufsteigen: Warum hat er da mitgemacht? Er wusste, dass er ein Verbrechen ums andere mit angeschoben hat! Dass er Sätze wie diesen plärrte: »Mit den Juden, das will ich Ihnen ganz deutlich sagen, muss so oder so Schluss gemacht werden.« Oder: »Wenn ich für je sieben Polen, die ich erschießen lasse, Plakate kleben ließe – die Wälder Polens würden nicht ausreichen, um all das Papier herzustellen.«

Er unterdrückte, was schmerzhaft, aber richtig gewesen wäre: Selbsterforschung. Stattdessen schreibt er weiter: Am 4. Mai abends wurde ich in der Geschäftsstelle meines letzten Amtes in Neuhaus am Schliersee in Oberbayern von den Amerikanern verhaftet. Meine Familie befand sich in unserem Schoberhof, der in Fischhausen am Schliersee, kaum 2 km von der Dienststelle meiner Abführung entfernt, ist. Ich war, seit ich von Krakau am 17. Januar 1945 weggefahren war, meist bei meiner Familie gewesen, und noch am Nachmittag hatte ich etwas Brot auf dem Fahrrad zum Schoberhof gefahren.

Was für ein erstaunlicher Lügenbold offenbart sich da mal wieder. Mitnichten hatte er bei uns gewohnt! Für wen schreibt er denn seine Gedanken und Erlebnisse nieder? Vermutlich doch für ein geneigtes Publikum.

Nur manchmal tauchte er bei uns im Schoberhof auf. Sehnlichst erwartet von den vier Kindern. Ich, das fünfte und jüngste, kann mich aus dieser Zeit vor seiner Verhaftung nur daran erinnern, dass ich ohne Anlass in unserer Halle, früher war’s der Kuhstall des Schoberbauern, von einer Kommode seine Lesebrille genommen und beide Bügel nach außen gebrochen habe. Dabei lugte ich von unten zu ihm hoch. Noch heute sehe ich sein entsetztes Gesicht, denn selbst für ihn, den Nazi-Bonzen, war es in dieser Endzeit des Reichs schwer, eine Brille repariert zu bekommen. Er gab mir eine Ohrfeige. Die tat nicht weh. Er war eh sehr unsportlich. Von richtiger Hebelwirkung wusste er nichts.

In jener Zeit, als er starr auf seine Verhaftung wartet, hin und wieder seine Lilly in Bad Aibling besucht, telefonieren Brigitte und Hans allenfalls oder giften einander offen und versteckt per Brief an. So empfindet Brigitte sicher klammheimliche Freude, als sie ihm dies zur Übergabe unseres Hundes schreibt: Lieber Hans! Durch Peter schicke ich Dir Tommi mit. Dort gibt es sicher eher für ihn eine Fütterungsmöglichkeit. Außerdem ist gestern Götz wieder zu Norman gekommen, der rührend an ihm hängt. Beide Hunde vertragen sich nicht. Wir können sie wirklich nicht noch füttern.

Es war eben ohne den gewohnten köstlichen Nachschub aus dem Generalgouvernement schwierig geworden, die eigene Brut zu nähren – geschweige denn obendrein noch einen Hund!

Der Herr Generalgouverneur hatte plötzlich in seiner Dienststelle einen Köter!

Früher waren es der gepanzerte Mercedes, seine Adjutanten, Staatssekretäre, Geliebten, die polnische Gräfin, die nackt vor ihm tanzen durfte, und jetzt nur noch dieses Hundsviech!

Endlich bist du auf den Hund gekommen, wird sich Mutter bei ihrer fellsinnigen Übersendung gedacht haben.

Ich freue mich noch heute darüber.

Er schreibt weiter in seiner Zelle: In der allgemeinen Aufregung und Unruhe hatte ich mich noch allein in mein Arbeitszimmer in der Höhe des Schoberhofs begeben und in Vorahnung des Kommenden – denn der Einmarsch der Amerikaner in das Schlierseetal stand unmittelbar bevor – Abschied, ja Abschied fürs Leben von all’ dem dort Vorhandenen, für mich so werten und würdigen Gut genommen. Da saß ich oben in meinem Speicherstübchen gegenüber dem Harmonium, schaute über den Fauststuhl und den langen in Mitten des Raumes stehenden Schreibtisch auf das Fischhauser Kirchlein hinaus und ging dann feierlich meine Bücher ab. Meine Monacensia-Bavarica Sammlung vor allem. Welch ein Reich haben wir Deutschen nicht in über 1000 Jahren errichtet und immer wieder verloren. Was ist mit uns? Für die Politik nicht geschaffen, gewogen und zu leicht befunden. Und wieder einmal ein Reich dahin – für immer, wieder einmal alles an Einheit verloren, den Krieg verloren, die Ideenkraft verspielt, der Führer tot, das Heer dahin, die Städte zertrümmert, die Jugend dahingemordet. Grauenvoll zu denken und sich vorzustellen, was in der Seele wogt, nennt man vor sich nur Deutschland. So dachte ich und war des Lebens müde. Wozu weiterleben? Ich grüßte all’ die Erinnerungen meines Lebens in meinem Raum und ging dann noch zu Weib und den Kindern. Alles war sehr erregt, denn es schoss immer noch, und so begab ich mich ohne größeren Abschied gegen Abend zurück in das Diensthaus, um dort alles abzuschließen.

Seinem Weib steckte er damals – beobachtet von Norman – 5000 Reichsmark zu. »Wie einer Nutte!«, fügte Norman Jahrzehnte später bitter hinzu.

Warum hat er es nicht insgeheim ohne Zeugen übergeben? Kleine Rache für den übersandten Köter? Oder Rache für sein durch Brigitte verpfuschtes Liebesleben? Oder wollte er tatsächlich vor Norman den Eindruck erwecken, er bezahle eine Dirne? Denn Brigittes Affären waren auch ihm bekannt.

Norman hat unter dieser Geldübergabe sein Leben lang gelitten. Gegen 8 Uhr kamen noch Sigrid und Norman dorthin (in seine Dienststelle im Josefstal), blieben eine Weile und berichteten über den Einmarsch der Amerikaner. Die Kinder waren begeistert über Haltung und Verhalten, Auftreten und Ausrüstung der amerikanischen Soldaten. So plauderten wir, sie verabschiedeten sich und ich sagte noch, dass ich später nachkommen wollte.

Da geschah meine Verhaftung etwa eine Stunde später durch zwei Offiziere mit Auto, die offenbar überrascht waren mich überhaupt anzutreffen. Ich gab ihnen, was ich hatte an Waffen und derlei, machte sie auf die Kunstschätze und Akten aufmerksam. Da sagte der eine: ›Sie brauchen nicht viel mitnehmen an Kleidern, denn morgen kommen sie wieder hierher zurück. Sie brauchen auch heute nicht mehr zu Hause Abschied nehmen, denn das können Sie morgen tun!‹ Ich verließ mich darauf und fuhr mit.




BRIGITTES VERRAT


Es ist nicht so recht glaubhaft, dass die zwei Offiziere überrascht waren, als sie ihn in seiner »Außenstelle Generalgouvernement« antrafen, denn Jahrzehnte später meldete sich bei mir der Enkel von einem der beiden Offiziere und schilderte Wundersames: Sein Großvater und dessen Kollege hätten als Adresse des gesuchten »Schlächters von Polen« nur den Schoberhof gehabt. Also sind sie zunächst dort hingefahren und trafen eine »elegant angezogene Dame« an. Es war Brigitte Frank. Nach der höflichen Begrüßung fragten sie, ob denn ihr Gatte anwesend sei.

Mutter hatte eine Art – das lange Brotmesser sinnend und kalt lächelnd vor sich haltend –, an der Küchenanrichte zu lehnen, mich oder uns ermahnend oder scharf ausfragend, dass ich mir diese Pose auch bei ihrer Antwort wünsche. Sie hatte es in der Hand zu sagen: »Oh, das wüsste ich auch gerne! Ich weiß nur, dass er über Österreich nach Italien wollte. Das war schon im Februar. Bitte geben Sie mir Bescheid, wenn sie ihn finden!«

Sie hätte auch listig sagen können: »Folgen Sie der Spur des Hundes. Tommy heißt er.«

Nein, Brigitte muss diesen letzten Sieg über ihren Hans genossen haben und sagte: »Sie finden meinen Mann in seiner Dienststelle im Josefstal, im ›Café Bergfrieden.‹« Dann beschreibt sie noch genau den Weg dorthin.

Meine Mutter hat ihn tatsächlich verraten. So, wie mein Vater sie zuvor vielfach verraten hatte. Zum Beispiel, als er Hitler wissen ließ, er müsse sich von Brigitte scheiden lassen, weil sie überhaupt nicht nationalsozialistisch eingestellt sei und darum seiner nicht wert.

Die beiden Offiziere bedankten sich, bestiegen ihren Jeep, fuhren am »Café Bergfrieden« vor, stiegen aus, gingen in den großen Gastraum, wo sich die Runde der letzten Getreuen versammelt hatte, und einer der beiden fragte in die Runde: »Wer von Ihnen ist Frank?«

Das wiederum weiß ich von Helene Kraffczyk, seit 1939 treue Privatsekretärin meines Vaters und letzte Zwischendurch-mal-Geliebte. Sie wurde später als Zeugin für den Prozess verhaftet und hielt, im Gegensatz zu seiner großen Liebe Lilly, treu und liebestoll lügend zu ihm. Das beschreibt so auch Major Kelley, allerdings in schäbiger Macho-Manier: »Franks Sekretärin, ein ausgelaugtes, ältliches Frauenzimmer, das sich sehr bemühte, ihm bei seiner Verteidigung behilflich zu sein, behauptete mit großem Nachdruck, dass seine Ernennung in Polen keine Beförderung, sondern eher eine Degradierung bedeutete, die auf den Druck seiner Gegner in der Partei zurückzuführen war. Frank war zum Teil der gleichen Meinung. Um Hitlers Gunst in vollem Masse wiederzugewinnen, konzentrierte Frank in Polen seine ganze Energie auf die Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.«






Sigrid und Brigitte Frank im Musikzimmer der Krakauer Burg.

Selbst nach der gemeinsamen Flucht aus Krakau, konnte Helene Kraffczyk nicht von Hans Frank lassen, schreibt ihm stattdessen am 2. Februar 1945 aus ihrem Heimatort Amberg den letzten Lobesbrief, den Hans Frank wohl erhalten hat:

Hochverehrter Herr Generalgouverneur!

Es ist mir heute noch nicht glaubhaft, dass das liebe Krakau, das Sie uns zur Heimat gemacht haben, nicht mehr unter Ihrer Führung ist. Aber das, was im Generalgouvernement durch Ihre Initiative aufgebaut, gearbeitet und geschaffen wurde, wird nicht nur in der Geschichte des deutschen, sondern auch des polnischen Volkes einen Höhepunkt bedeuten.

Die schönen Stunden, die ich bei Ihnen auf der Burg, oft in Ihrer unmittelbaren Umgebung, erleben durfte, werde ich bis ins Einzelne ewig im Gedächtnis behalten. Ich glaube, es gibt keinen Menschen mehr auf der Welt, der es so versteht, nicht nur alles Schöne so intensivst zu erleben, sondern auch allen Mitmenschen unvergessliche Feierstunden zu bereiten. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für alles das, was Sie im Laufe der Jahre in verschwenderischer Fülle in mich hineingelegt haben.

Der letzte Satz schweift schon stark ins Doppeldeutige ab, was mein Vater sicher voll Wollust als eindeutig auffasste: Prompt stellte er das erinnerungsselige Fräulein wieder ein, weil Helene in seinen Augen wohl als einzige sein segensreiches Wirken als Generalgouverneur erkannt hatte. Sie begab sich direkt ins Josefstal und dort in seine Arme.

Am 25. September 1946 wird er ihr in einem Brief für ihre Hingabe danken und noch einmal ein bisschen eitel darauf hinweisen, wie bedeutend seine innere Umwelt ist: Meine herbstlichen Gedanken sind klar wie goldener Wein und ich genieße die Abendstunden meines Lebens wie reife Früchte aus dem Wundergarten des Daseins. Und alle die guten großen Geister der herrlichen Jahrhunderte unseres Volkes sind um mich – oh, welch’ herrliche, unzerstörbaren Reichtümer haben wir gesammelt in Musik, Literatur und Weisheit: Bleiben Sie in diesem Reich, mein liebes Fräulein! Denn sehen Sie, dort werden Sie auch mich immer wieder treffen – wenn längst der Tag schwand.






Brigitte Frank mit ihren Kindern während des Prozesses, Frühjahr 1946.

Haarklein erzählte mir sein liebes Fräulein alles über Vaters Verhaftung, auch dass er trotz ihres Flehens freiwillig den Offizieren seine Diensttagebücher aus dem Generalgouvernement übergab. Dann erwähnte sie noch eine funktionierende vergoldete Pistole, die den beiden Offizieren als Andenken offenbar bestens gefiel: Im Gegensatz zu seinen geraubten Kunstschätzen und seinen Diensttagebüchern wird sie nirgends von den Amerikanern aufgezeichnet.

Als ich sie fragte: »Warum hat er sich denn mit dieser Pistole nicht erschossen?«, lächelte sie mich mit dieser nur Frauen eigenen Gabe eines trotz Liebe gnadenlosen Sezierens ihrer Partner an und antwortete: »Niklas, dazu war Ihr Vater zu feige.«

Eine Giftpille muss er als Top-Nazi auch gehabt haben – und er hatte einen Pass auf den Namen »Fischer«. Nichts hat er benutzt. Ja: Aus Feigheit.

Bepackt mit den rund 40 Bänden »Diensttagebuch«, fahren die beiden mit Hans Frank nach Tegernsee. Die dort stationierten Amisoldaten hatten kurz zuvor Dachau befreit und waren ob der deutschen Verbrechen geschockt. Als sie nun hören, der »Butcher of Poland« wird geliefert, bereiten sie ihm den traditionellen Spießrutenlauf, bei dem nur das Gesicht des zwischen zwei Reihen von Soldaten durch getriebenen Delinquenten nicht verletzt wird. Sie dreschen ihn dermaßen zusammen, dass er Stunden später seinen ersten Selbstmordversuch verübt.

Jetzt, in seiner Zelle, schreibt er nur: Was in Tegernsee geschah, verdecke ein gütiger Nebel.

Die Einzelheiten über den Spießrutenlauf erfuhr ich von seinem Anwalt Seidl.

Norman, der jahrzehntelang in Schliersee lebte, überhöhte unseres Vaters Fahrt nach Tegernsee zum Gang eines unschuldigen Jesus nach Golgatha. Mit der Zigarette in der Hand starrte er bis zu seinem Tod 2009 immer wieder auf die Straße hinunter, die unser Vater damals am 4. Mai im offenen Jeep entlanggefahren worden war.

Ach, meine guten, lieben Kinder! In was für ein Elend reißt Euch das Schicksal! Wenn ich so die frischen amerikanischen Soldaten sehe, denke ich an meine beiden Größten. Ach, möge doch endlich, endlich Friede auf der Welt werden und bleiben. Meine gute tapfere Frau hat nun alles zu tragen. Sie wird es.

Gott hülle Deinen Mantel um uns und gib uns die Fahrt ins Licht.

Amen!

Zum ersten Mal wieder Sehnsucht nach der Familie! Er bestätigt sie in seinem Brief vom 24. August 1945:

Meine herzliebste Brigitte!

Mir geht es gut. Aber die Sorge um Euch ist mein Kummer Tag und Nacht. Wie geht es Euch? Wo seid Ihr? Von was lebt Ihr? Ich sehne mich sehr nach Euch, und meine heißen Wünsche für Euch verlassen unausgesetzt meine Seele. Gewaltig ist das Schicksal, doch gewaltiger sind die Menschen, die es tragen. Es werden wir mit Gottes Hilfe alles schaffen. – Seid Ihr alle gesund?

Da ist es ja wieder, dieses Mal sogar gewaltig, das Schicksal!

Die heiß bewünschte Familie hatte inzwischen einiges erlebt. Erst wurde der Schoberhof von den endlich befreiten Zwangsarbeitern aus Polen und der Ukraine geplündert, amerikanische Soldaten machten fröhlich trunken mit. Noch heute sehe ich vor mir einen von ihnen, der, beladen mit einem Teil von Mutters Puppensammlung, den Gartenweg entlang zum Jeep schwankte. Dazwischen wurden Mutter und wir drei Jüngsten auf dem Hof unseres Hauses versammelt, weil uns ein gleichfalls vom guten Wein aus Vaters Keller beschwipster Soldat erschießen wollte. Er hatte aber nicht mit der Unerschrockenheit meiner Mutter gerechnet. Die kanzelte ihn eiskalt und laut, aber kein bisschen hysterisch, dermaßen ab, dass er erschrocken das Gewehr sinken ließ und von einem anderen, etwas nüchterneren Soldaten, weggeführt worden ist. Während Gitti und Michel neben der Mutter heulten, war ich seltsamerweise ruhig und dachte, dass der Ami mit dem Gewehr irgendwie Recht hatte, uns zu erschießen.

Natürlich klingt das unglaubhaft für einen damals 6-Jährigen. Ich hatte auch keine Ahnung, dass unser Vater ein Massenmörder war. Sicher auch noch keine rechte Vorstellung von Sterben und Tod. Vielleicht war es aber auch, dass ich den Grund erahnte: Wir sollten wegen Vati erschossen werden. Und dem hatte ich ja die Brille zerbrochen. Und er hatte mir eine Ohrfeige gegeben. Jetzt kann er dafür büßen, wenn er sieht, dass ich tot bin!

Wochen später verlangte ein Ami von meiner Mutter den Autoschlüssel, um uns den Maybach wegzunehmen. Mutter wehrte sich, wieder mit lauten Worten, wurde aber mit noch lauteren Worten im Befehlston ruhiggestellt. Ich ging mit dem Ami in unsere Garage und sah dann dieses wunderbare, verwunschene Dunkelgrün der Karosse dicht vor meinen Augen langsam an mir vorbeigleiten.

Geblieben war uns Mutters blaues Fahrrad. Das wollte ein polnischer Zwangsarbeiter vom Hof, wo es angelehnt stand, mitnehmen. Ich stand neben meiner Mutter in unserer Küche. Sie öffnete das Fenster, nahm wieder jenen Ton an, der zuvor den Ami am Schießen gehindert hatte, und erzielte den gleichen Erfolg. Als ob Mutter noch die volle Power einer mächtigen Frau Generalgouverneur hätte, lehnte der erschrockene Pole das Rad wieder brav an die Hauswand und ging.

Nachdem Mutter unsere Erschießung verhindert hatte und die Plünderung in vollem Gange war, eilte sie mit uns drei Kleinen ungefähr 300 Meter zu Frau von Langsdorf, direkt unten am Schliersee.

»Frau von Langsdorf, können wir über Nacht bei Ihnen bleiben? Der Schoberhof wird geplündert.«

»Ja, ich weiß. Meine ukrainische Magd plündert mit«, antwortete kühl die Ehefrau des ortsansässigen Arztes, der mir sechs Jahre später meinen Blinddarm entfernen und dabei eine 20 cm lange Narbe auf meinem Bauch hinterlassen wird, die Bruder Norman mir wenig hilfreich so erklärte: »Der Langsdorf braucht immer viel Platz, um einen winzigen Blinddarm zu finden.«

Jetzt allerdings überreichte Mutter dessen Gattin eine große, prall gefüllte Handtasche und bat sie, selbige für ein paar Wochen aufzubewahren. Frau von Langsdorf versprach es und sagte dann: »Frau Frank, Sie dürfen sich oben auf dem Speicher verstecken, müssen sich aber mit Ihren Kindern ganz ruhig verhalten, damit meine Ukrainerin nicht aufmerksam wird.«

Was für eine Umstülpung für die Herrenrasse! Eben noch oben auf, Vater stolz wie ein Goldfasan, dass er über eine Million Zwangsarbeiter ins Reich deportiert hatte, und jetzt diese Angst der Deutschen vor den eben noch als Untermenschen Behandelten!

Wir verbrachten die Nacht mucksmäuschenstill auf dem Dachboden, schlichen uns morgens leise aus dem Haus, offensichtlich schlief die vom Plündern des Schoberhofs ermattete Ex-Zwangsarbeiterin noch.

Wochen später erbat Mutter die Tasche zurück. Frau von Langsdorf gehorchte, war aber Gott sei Dank neugierig genug, einen kurzen Blick hineinzuwerfen: Sie war vollgepackt mit Schmuck!

Er wurde Mutters Rettung. Allerdings war sie raffiniert genug, diesen sicher von Polen und Juden geraubten Schatz erst einzusetzen, als ihr Mann schon hingerichtet und über zwei Jahre ins zerbombte Land gegangen waren. Dann erst wagte sie, auf ihrem blauen Fahrrad mit ein oder zwei Ringen oder Armbändern zu einem Heim für »Displaced Persons« zwischen Schliersee und Neuhaus zu fahren, um dort bei Juden den Schmuck gegen Lebensmittel einzutauschen. Zwei von ihnen erkannten sie wieder von ihren Raubzügen durchs Krakauer Ghetto und nannten sie weiterhin ironisch »Frau Minister«. Sie machten ein kleines Vermögen, und wir mussten nicht mehr hungern.

Von all dem wusste Vater nichts. Und wir nicht, wo er abgeblieben war. Mir ging »Vati« in der Erinnerung nicht ab. Den älteren Geschwistern sehr. Michel und ich lebten die neue Freiheit aus. Unsere ach so tapfere und saubere deutsche Armee war auf einen Haufen Herumtreiber zusammengeschmolzen, die sich in den letzten Apriltagen von 1945, als Vater noch starr im Josefstal saß, im Schoberhof einquartiert hatten. Sie versuchten, aus ihren Uniformen Zivilkleidung zu machen und ihre Waffen loszuwerden. So hatten Michel und ich neben Pistolen auch Handgranaten, Gewehre und jede Menge Munition. Geschossen haben wir allerdings nicht. Dafür schlug ich mit einer Zaunlatte meinem Vetter von hinten dermaßen ins Genick, dass der heulend zu seiner Mutter lief. Noch heute sehe ich das runde Loch an seinem Hals, denn am Ende der Zaunlatte lugte ein verrosteter Nagel hervor. War das doch eine Reaktion von mir auf den äußeren Abstieg, das Verschwinden des Vaters, des Maybach, unserer ausländischen Bediensteten?




»HEIL HITLER« ZUM ÄRGERN


War das auch der Grund, warum Michel und ich unsere Cousine, die uns nichts getan hatte, auf ein von der Wehrmacht zurückgelassenes Pferd setzten, selbigem auf die Flanken hieben, sodass es wie wild losgaloppierte und die Cousine in den Straßengraben direkt vor dem Schoberhof warf? Ohnmächtig blieb sie liegen. Ihre Mutter kam schreiend herbeigelaufen.

Michel und ich verzogen uns umgehend, analysierten aber mitnichten, warum wir plötzlich diese nachgerade mörderisch aggressive Art entwickelt hatten, sondern grinsten nur erleichtert, weil wir nicht in Mutters Besenkammer gesperrt wurden. Auch diese Begebenheit erfuhr Vater nicht, ebenso wenig, dass Michel und ich die Volksschulleiterin, Frau Hosp durch das Gartentor mit laut geplärrten »Heil Hitler« Grüßen und mit hoch gerissenem rechten Arm erschreckten. Denn das hatten wir mitbekommen: Seit die Amis einmarschiert waren, sagte kein Mensch mehr die zwei Worte oder riss den Arm hoch. Frau Hosp ließ sich unsere Verhohnepiepelung nicht gefallen, öffnete das Gartentor, wir stoben davon, sie beschwerte sich bei Mutter, und jetzt landeten wir wirklich in der dunklen, stickigen Besenkammer. Mutters Pädagogik war schlicht, aber wirksam.

Auch sonst veränderte sich das Verhalten der Neuhauser nach Kriegsende erheblich. Ehrerbietung vor der Top-Nazi-Familie war plötzlich nicht mehr in Mode. Die Nachbarbäuerin unterhalb des Schoberhofs ließ einmal ihre neue demokratische Wut an mir aus, putzte mich als verlogenen winzigen Großkopferten, der jetzt gar nichts mehr sei, runter. Das tat weh. Als Tage später ein Jeep hielt und mich der Fahrer fragte, wo’s hier Eier gibt, führte ich ihn zum Eierversteck der Bäuerin unterm Heu, sodass er sich mit Dotter ohne Bezahlung eindecken konnte. Er schenkte mir für meinen Verrat eine der von uns heiß begehrten Ami-Schokoladen. Ich fühlte mich im Recht, weil gerächt.

In der Schule schrie mir ein Klassenkamerad mal hinterher: »Minister, Minister, Benzinkanister!«

Der Satz brannte sich mir ein, weil er Verachtung pur war.

Bruder Norman wurde von einem Bauernburschen, mit dem er noch Monate zuvor fröhlich auf einer selbst gebauten Schanze hinter unserem Haus Skispringen geübt hatte, angeschrien: »Was bist’n Du? Nix bist! Nur a depperter Ministerbankert!« Bankert ist das bayerische Wort für uneheliches Kind. Was nun Norman ganz bestimmt nicht war. Das galt eher für mich.

Gitti hatte eine gleichfalls zehn Jahre alte beste Freundin namens Inge, zu der sie öfters zum Spielen ging. Ein Nachbar aus der Dürnbachstraße kam hinzu und sagte zum Vater ihrer Freundin: »Das ist aber kein rechter Umgang für deine Tochter!«

Der Vater antwortete großartig: »Kinder sind immer unschuldig!«

Offenbar der erste Demokrat mit Empathie im Schlierseer Tal.

Inges Bruder Wolfgang Hahn, von dem ich diese Erinnerung habe, setzte hinzu: »Über diese kurze Antwort war der Herr Lössel doch a bisserl verschnupft.«

Das war ich auch, zumindest als es darum ging, wer auf die riesige grüne Schultafel ein ebenso riesiges Hakenkreuz mit Kreide hingequietscht hatte. Der Deckert Schorsch, Hausmeister, nahm mich auf Anordnung der Lehrerin, die in mir den Schmierer entdeckt haben wollte, an der Hand, um mich bis runter zum See zur Schulleiterin, eben jener Frau Hosp, zu bringen. Ich heulte, während wir über die Straße gingen. Zu meinem Glück und zum baldigen Erschrecken vom Deckert Schorsch kam genau in diesem Augenblick meine leicht o-beinige Mutter vom Einkaufen hochgehaatscht. Sie sah ihren Jüngsten heulend im Schraubgriff des Hausmeisters, nahm sofort ihre Nicht-Erschießen- und Nicht-Fahrrad-Klauen-Stimme an und putzte den Deckert Schorsch so zusammen, dass der mich erschrocken zurück in die Klasse brachte. Ich hatte tatsächlich nichts mit diesem Hakenkreuz zu tun.






In der Hohen Zeit: Hans und Brigitte Frank bei einem offiziellen Empfang.

Michel hingegen schon, denn der malte mit Tinte unten beim Schnapperwirt, wo seine Klasse unterrichtet wurde, auf das Hemd des Knaben in der Bank vor ihm ein solches, nunmehr als verbrecherisch eingestuftes Hoheitszeichen. Mutter musste ein neues Hemd bezahlen, Michel bekam als Ausgleich eine Tracht Prügel. Die vollzog unsere Mutter immer mit dem hinteren Ende eines Teppichklopfers, dort, wo ein runder Blechpfropfen die einzelnen Baststränge zusammenhielt.

Einige Wochen nach Hans Franks Verhaftung wurde auch Norman verhaftet. Mutters Lieblingskind und unser bester Freund, der mit uns im Winter immer »Stalingrad« gespielt hatte. Michel und ich bauten Schneeburgen und verschanzten uns darin. Norman machte aus Schnee riesige Minen und zerbröselte damit unseren Unterstand. Obwohl Jahre älter als wir, entwickelte Norman die Tendenz, nicht älter werden zu wollen. Und war es dann doch plötzlich in bewundernswerter Manier. Er wurde in ein Gefangenenlager hinter Rottach am Tegernsee gebracht. Die Amis standen als Wache davor. Das Lager war nicht mal eingezäunt. Die Sieger kannten den kriecherischen Charakter deutscher Soldaten, denn die gehorchten der deutschen Lagerleitung aufs Wort. Norman ging wie befohlen zum Lagerleiter, einem deutschen Offizier, der ihn im Schnauzton mit den Lagergesetzen vertraut machte. Mein Bruder war genervt: Geht man so mit dem Sohn eines Mannes um, der gerade noch mächtig war und jetzt immerhin von den Amis persönlich im Jeep abgeholt worden war? Er sah sich um, entdeckte, dass das Lager nach hinten ohne Stacheldraht in eine Wiese überging, überredete einen anderen, ebenso jungen Gefangenen, und beide stolzierten in aller Ruhe hinten wieder aus dem Lager raus und wanderten über die Bodenschneid zurück zum Schoberhof.

Ich spielte gerade im Garten, als ich ihn kommen sah, lief ins Haus und schrie: »Mutti, Mutti, der Norman ist da!«

Nie habe ich meine Mutter glücklicher gesehen. Sie lief ihm entgegen, umarmte ihn. Das erstaunte mich sehr, denn Umarmen waren wir von ihr nicht gewohnt. Er war wirklich ihr Lieblingssohn, wogegen wir nichts hatten, weil auch wir ihn liebten. Obwohl er ein so hundsgemeiner Kerl sein konnte. So hatte ich von irgendeinem Fest noch eine Tafel Schokolade übrig, saß in unserer Bauernstube und machte mich egoistisch daran, sie zu vertilgen. Da kam Norman, legte sich eine Decke um die Schultern, kniete sich vor mich hin und jammerte: »Ich bin so ein armer Bettler, und ich habe solchen Hunger. Seit Tagen habe ich nichts mehr gegessen.« Dann streckte er eine zittrige Hand vor, und ich Depp heulte los und gab ihm meine Schokolade. Obwohl ich wusste, dass es der Norman war!

Was sich so alles einbrennt in einem Kinderhirn. Michel wird in späteren Jahren nie mit mir über seine Brandmale aus jener Zeit reden, als die Franks plötzlich nichts mehr waren. Sigrid, die Älteste von uns Fünfen, lässt sich auf den Seitz Hansi ein. Das ist der jüngere Sohn von Franz Seitz, einem bayerischen Filmregisseur, der einen so widerlich anschleimenden Nazifilm gedreht hatte, dass ihn hinfort sogar die NSDAP selbst schnitt: »SA Mann Brandt« heißt der Streifen. Unsäglich! Hansi ist schon in der Hohen Zeit der Franks in Sigrid verliebt, überredet sie, weil der Generalgouverneur gegen diese Verbindung ist, sogar zum gemeinsamen Selbstmord – und schneidet ihr die Pulsadern auf. Bei sich selbst war dann wohl das Messer zu stumpf. Sigrid wird nahezu blutleer gerettet. Als sie, zumindest körperlich gesund, wieder nach Hause kommt, ist sie von sich begeistert: »Mutti, findest du nicht, dass ich jetzt wieder so bin, wie ich es früher – vor Hansi – immer war? Es war mir so, als wenn einer einen Strick um einen immer fester und enger schnürt, und plötzlich fühlt man, man bekommt keine Luft mehr, und es bleibt einem keine Möglichkeit mehr, weiterzuleben.«

Jetzt allerdings, wo ihre Familie einen ganz niedrigen Status verpasst bekommen hat, erkennt sie, dass ein Strick vom Hansi doch nicht das Schlechteste ist. Da muss sie nicht um ihr täglich Brot fürchten. Also lässt sie Hansi gewähren. Obwohl der ihre und unsere Mutter schriftlich erpresst hatte: Wenn sie ihm nicht 50 000 Reichsmark gäbe, würde er den Amis das Versteck ihres Schmucks verraten. Mutter bleibt hart, Sigrid lässt sich schwängern, entflieht der runtergekommenen Familie und setzt ihr stinkfaules Leben fort. Das wird in Südafrika enden, wohin sie mit ihrem zweiten Ehemann auswandert, weil sie die Apartheid sehr schätzt. Wenigstens dort kann sie wieder auf Untermenschen herabsehen.

Am 25. August 1946 schreibt Brigitte ihrem Hans über uns Kluges: Auch Sigrid ist ja letzten Endes ein Opfer der Verhältnisse, der unglückseligen, geworden. Alle haben wir einen Schock erlitten durch die Plötzlichkeit, mit der das Unheil kam. Aber man muss doch wieder einen Weg zu den Wirklichkeiten des Lebens, zu sich selber und den wahren Werten des Lebens finden. Norman, der ja jünger ist, hat ihn gefunden, und er war wirklich welt- und lebensfremd. Vielleicht hat ihn die Erkenntnis der Erbärmlichkeit des äußeren Scheins noch tiefer getroffen. Und Norman hat auch die Führung des Vaters entbehren müssen zu einer Zeit, wo er Dich am dringlichsten gebraucht hätte resp. braucht.

Auch ich hatte einen Schock. Den wollte ich nie wahrhaben – dank meiner immer größer werdenden Wut auf unseren Vater, je erwachsener ich wurde. Doch dann entdeckte ich über 60 Jahre nach meiner Kindheit jene Bilder wieder, die im Umschlag (#u42e1360f-8f3b-56b2-84c8-389ba6251e98) farbig zu sehen sind. Da hatte ich als 16- bis 18-Jähriger meine Seele geöffnet. Zuvor, als Kind, habe ich wie Michel den Schock weiter in Aggression umgesetzt. So erschoss ich mit meinem Luftgewehr den zahmen Igel eines Nachbarjungen durch die Hecke hindurch. Irgendwie hatten mich der Typ oder der Igel geärgert. Vielleicht war auch das Rache am Vater, weil ich vielleicht damals schon wusste, dass er als 14-Jähriger selbst einen Igel besessen hatte. Schreibt er doch in seinen privaten Erinnerungen am Tag, als er von der Ermordung des österreichischen Kronprinzenpaars in Serbien erfahren hatte: Mir war einfach unvorstellbar, dass es solche Mordtat auf Gottes schöner Welt geben sollte. Ich hatte an diesem Tage einen Igel gefangen, den ich dann auch glücklich nach Hause brachte, dort aber wenig Freude damit verursachte.

Oder ich schlug einem Schulkameraden auf der Wiese hinter der Leonhardi-Kirche einen Milchzahn aus. Der heulte los und wollte es seinem Papa sagen. Auch das hat sich mir eingebrannt.

Einmal mussten Michel und ich auch den fetten Dackel einer Neuhauser Villenbesitzerin sprengen, denn die hatte uns beim Stehlen ihres Spalierobstes erwischt und es unserer Mutter verpetzt. Das tut man nicht, natürlich auch nicht das, was wir dem armen Dackel antaten, dem es den Bauch aufriss, genau gegenüber von der Judith am Neuhauser Bahnhof, wo er angebunden wartete. Erwischt hat uns keiner. Auch erklärten wir Meisen, Spatzen, Schwalben, Krähen zu entsetzlich schädlichem Ungeziefer und jagten es mit unseren Luftgewehren oder Steinschleudern. Michel gelang es sogar einmal, mit einem Steinwurf eine Krähe von einem Strommast runterzuholen. Es gab auch keinen Ameisenhaufen, den wir nicht mit trockenem Gras und mitgebrachtem Papier in Brand gesetzt hätten. Dabei lauschten wir auf das leise Knacken, das Ameisen verursachen, wenn sie Feuer fangen.




FEINSTAUB UND DIE VERTAUSCHTE GITTI


Schön und mörderisch war diese Zeit, in der unser Vater um seinen sündigen Kopf kämpfte. Ja, auch wir waren – wie er in seiner großen Zeit – auf Mord und Totschlag aus. Michel, in meinen Augen der beste Steinwerfer des Schlierseer Tals, vollbrachte in unserem von den einheimischen Erwachsenen angeheizten Hass auf die Flüchtlinge, eine weitere Heldentat. In der Hauptkampflinie am Dürnbach, ganz in der Nähe der Brücke zur Waldschmidtstraße, lag drüben das jugendliche Flüchtlingsgschwerl, wir Einheimischen auf der Seite zur Dürnbachstraße hin. Michel spähte lange, bis er einen vorwitzig aus dem Gebüsch hervorlugenden Jungen entdeckte und warf dann mit solcher Präzision seinen Flusskiesel, dass er das Knie des Gegners traf, der voller Schmerz losschrie und vor dem Gebüsch mit stark blutendem Gebein im Kreis sprang. Das hatte er nun von seiner feigen Flucht in unsere Heimat!

Der Gerhard war eigentlich ein Freund von uns. Doch einmal nahm er den Michel so brutal in den Schwitzkasten, dass ich, um ihn zu retten, eine lockere Latte aus dem Zaun riss und damit, in seliger Erinnerung an meinen Genickschlag für unseren Vetter, auf die blanken Haxen des Michel-Quälers eindrosch. Der schrie wie der Flüchtling im Bachbett, und wir blieben als Sieger auf der Wallstatt zurück.

Mutter ließ uns gewähren, weil sie das alles meist nicht mitbekam. Im Gegenteil. Nie werde ich ihr vergessen, wie sie eine Frau mit ihrem Feldwebelton niedergeputzt hat. Die hatte uns als Verbrecherkinder beschimpft, eine direkte Charakterlinie von Vater Hans zu seinen Söhnen Michel und Niki gezogen, obwohl wir ihr – politisch neutral – nur eine Tüte mit feinem Straßenstaub von hoch oben aus dem Baum heraus auf ihren Mantel geschüttet hatten. Der Baum stand genau vor unserer neuen Mietwohnung in der Neuhauser Dürnbachstraße, sodass meine Mutter das Geschimpfe im Haus hören konnte, herauskam und sich eisern vor ihre beiden Rotzbuben stellte.

Gitti hat seelisch wohl am meisten abbekommen. Das fing schon damit an, dass unser Vater nach seiner Flucht aus Krakau bei der Ankunft auf dem Schoberhof strahlend vor Wiedersehensglück statt Gitti ihre Freundin Annelies auf den Arm genommen hatte, sie abbusselte und immer wieder verzückt rief: »Meine Gitti, meine Süße!« Annelies wehrte sich verzweifelt in seinen Armen und rief: »Aber ich bin doch die Annelies!«

Vater sagte lachend und nicht unwitzig, als er Annelies absetzte: »Aber Du siehst ihr ja sooo ähnlich!«

Als Gitti bei einem Theaterstück der katholischen Jugendgruppe zusammen mit ihrer Freundin eine reiche Dame spielte, hatten beide schicke Pelzjäckchen an. In der Pause sprachen die Besucherinnen über die Darbietung und wunderten sich über die kostbaren Kleidungsstücke. Eine sagte lauthals: »Die stammen von der Frau Frank! Die hat sie in Polen den Juden gestohlen. Die waren ja da drüben so reich.«

Auch Michel wurde nicht verschont, sondern im Fischbachauer Kinderheim von der Leiterin übel beschimpft, wie Mutter ihrem Hans in die Nürnberger Zelle schreibt: Michel hat immer Hunger, und als er mir einen Brief geschrieben und sich darüber beschwert hatte, hat ihn die maßgebende Schwester zerrissen und gesagt: »Ach, du bist wohl was Besseres gewöhnt? Das glaube ich schon, nachdem Dein Vater alles in Polen gestohlen hat!«

Heulend erzählt er es später unserer Mutter, die am 15. März 1946 das Ergebnis ihres Besuchs in Michels Kinderheim mitteilt: Ich sprach mit der Schwester, die so Hässliches gesagt hatte. Es war gut, dass sie mich kennen lernte. Ich glaube nicht, dass sie sich nun noch mal so etwas erlauben würde, denn ich hatte doch den Eindruck, dass sie viel Respekt hatte.

Da muss Muttern ihre andere Waffe eingesetzt haben: Zwischen sehr, sehr dünnen Lippen konnte sie einen leisen aber verbrennenden Sprachton einsetzen. Den hat ja auch ihr Hans ein Leben lang gefürchtet. Ich tat es auch, bis sie genau an meinem 20. Geburtstag starb. Gut gemacht, Mutter! Normans erste Ehefrau Ellen tat es ihr darin gleich. Sie ging genau an Normans Geburtstag in ein Hotel am Münchener Hauptbahnhof, hatte sich ein schönes Kleid angezogen, stellte ihre Schuhe ordentlich vor ihr Bett, löste eine Unmenge Tabletten in einem Wasserglas auf, leerte es und legte sich hin. Norman trank derweil mit Freunden in einer Kneipe seinen Geburtstag schön.

Er konnte seine Liebe nicht zeigen. Das konnte auch keines seiner vier Geschwister. Vermutlich Folge ihres Henkers am Galgen: Alle Fünf hatten durch ihn einen Hau mitbekommen. Andererseits schweißt so ein Galgen auch zusammen.

Als Michel in einem Auracher Kinderheim lebte, Gitti bei Mutters Freundin in München zur Schule ging, weil unsere Mutter total erschöpft in ein Münchener Krankenhaus eingeliefert worden war, lag ich im Kinderkrankenhaus in Achatswies bei Fischbachau mit einer Drüsenerkrankung. Dort ging es mir nur ein einziges Mal schlecht, als ich mich nämlich wegen der inzwischen ungewohnt guten Kost übergab, das Erbrochene allerdings noch einmal essen musste. Vielleicht die Rache einer vom Dritten Reich entsetzlich behandelten Krankenschwester, die unerbittlich neben mir stehenblieb, bis ich alles wieder verdrückt hatte. Ich sehe den verkotzten Teller noch vor mir.

Natürlich ist das ein brutales Vergehen an einem 5-Jährigen, doch gegen miese eigene Erlebnisse setze ich Zeit meines Lebens: Was ist das im Vergleich zum Leiden der Millionen Opfer des Holocaust? Wir Frank-Kinder haben nie deren ausweglose Verzweiflung erlebt. Ich konnte sogar sehr alt werden. Was für ein Geschenk.

Norman sagte mir gegen Ende seines Lebens, das immerhin beinahe 81 Jahre lang bis 2009 dauerte: »Ich hab viel Glück und viel Gnade erlebt.«

Ich auch.

Das wusste ich damals nicht. Michel und mir war wichtig, am Ostersonntag 1946 in aller Herrgottsfrühe leise aufzustehen, damit Mutter nichts merkt. Wir schlichen in den Garten der beiden Nachbarbuben Schuppi und Hansi. Die hatten unter zwei riesigen Fichten wie jedes Jahr je ein goldiges Osternest aus Moos, bunten Girlanden und goldenen Sternchen gebaut, dazu einen Weg für den Osterhasen mit weißen Steinchen berändert. Wenn sie dann aufstanden, waren die Nester allösterlich mit Eiern und Süßigkeiten gefüllt. Dieses Mal nicht. Zwei Tage hatten Michel und ich unsere großen Geschäfte in uns behalten. Nun entluden wir sie in die beiden Nester.

Als wir das wenig später triumphierend Gitti erzählten, fing sie aus Mitleid mit den Nachbarsbuben an zu weinen, versprach aber, uns nicht zu verraten. Natürlich erzählte sie es unserer Mutter. Die begann uns auszuschimpfen, musste dann aber lachen. Vielleicht erinnerte sie sich daran, dass sie einmal als Kind ihrem Opa ins Ohr gebissen hatte.

Ob es Vater in seiner Zelle gutgeheißen hätte, glaube ich nicht. Er war zu dieser Zeit schon katholisch getauft worden, hatte seine private Jesus-Erscheinung in seiner Zelle und hätte die vollgeschissenen Nester sicher als Beleidigung von Jesu Auferstehung zornflammend verdammt.

Unsere Mutter hat es nach Untergang des Dritten Reiches am schlimmsten getroffen. Selbst in der »Süddeutschen Zeitung«, meinem lebenslangen Leib- und Magenblatt, veröffentlichte ein A. Heueck – automatisch tippe ich auf einen Mann – am 16. November 1945 auf Seite 4 diesen Artikel:




»FRAU MINISTER« SIND UNZUFRIEDEN


Was Frau Frank unter Nationalsozialismus verstand

Schliersee, 14. Nov. (Eig. Ber.)

Die Familie Hans F r a n k, weiland Generalgouverneur von Polen, erfreut sich keiner sonderlichen Beliebtheit im Schlierseer Land. Frau Brigitte Frank, die entthronte »Herrin vom Schoberhof«, hat ja jetzt einiges von ihrer aufreizenden Arroganz verloren, mit der sie über die simplen Leute in den Krachledernen hinwegsah, aber sie ist von Kopf bis Fuß Dame geblieben.

Ach, es gäbe jetzt so viel in einem fünfköpfigen Haushalt zu tun, aber wenn man ein Jahrzehnt lang an ein zehnköpfiges Personal gewohnt war, fällt es freilich schwer, in einer bescheidenen Zweizimmerwohnung allein Ordnung halten zu müssen. Aber keine Hand mehr würde sich für die so gefürchtete »Frau Minister« rühren, auch nicht aus christlicher Nächstenliebe, die sie jetzt so gern anruft. Man muss den Herrensitz einmal besucht haben, um sich davon einen kleinen Begriff machen zu können, wie bescheiden ein beispielgebender Nationalsozialist zu wohnen pflegte. Soweit es sich nach den Plünderungen der Tage während des Zusammenbruchs noch erkennen ließ, waren die Räume mit Inventar und Kunstgegenständen überhäuft, die weiß Gott wo einmal gestanden haben mochten, sodass der Eindruck nahelag, es mit der prunkhaft eingerichteten Luxuswohnung eines Neureichen zu tun zu haben. Die Tage vom Schoberhof sind unwiderruflich zu Ende – damit muss sich auch die Familie Frank allmählich abfinden, wenn es auch manchmal schwerfällt. Die 19-jährige Tochter Sigrid hat sich inzwischen durch eine Heirat mit dem 21-jährigen Schauspielereleven Hans Seitz getröstet, der sein Debut beim Schlierseer Bauerntheater unterbringen wollte, wofür sich aber Frau Mittermayr, die Inhaberin, höflichst bedankte. Bezeichnenderweise fand die Hochzeit an dem Tage statt, da der Vater bzw. Schwiegervater in seiner Nürnberger Zelle die vernichtende Anklageschrift zu lesen bekam. Starrheit, Kälte und Gefühllosigkeit scheinen überhaupt die Grundzüge der Familie des notorischen Kriegsverbrechers zu sein. Dazu kommt noch eine gehörige Portion Frechheit, wenn man der eigenen Behauptung der Frau Frank Glauben schenken darf, dass sie sich nicht nur beim Erzbischof von Bamberg, sondern sogar beim Internationalen Gerichtshof in Nürnberg über ihre gegenwärtigen Lebensverhältnisse beschwert habe. Man hat der »Frau Minister« bisher noch kein Haar gekrümmt und sie immer anständig behandelt, aber was würde »Frau Minister« sagen, wenn man gegen sie die gleichen Methoden angewandt hätte wie die Nazis gegenüber den politisch Unzuverlässigen und Unbequemen, oder gar, wenn das ungeschriebene barbarische Gesetz über die »Mitverantwortung der Sippschaft« auch heute noch angewandt werden würde? Wir glauben, die heute so unzufriedene »Frau Minister« würde dann wahrscheinlich gar keine Gelegenheit mehr zur Äußerung ihres Unwillens finden …

Dass dieser kleine Hallodri statt von Befreiung von den Tagen des Zusammenbruchs schreibt, zeigt, dass sein Verstand von der Tugend der Hetze, eine der mächtigsten Waffen des Dritten Reiches, nie befreit werden wird.

Mutter hat der Artikel tief ins preußische Mark getroffen. Über Dr. Seidl versucht sie, ihn an Hans zu schicken. Ob es gelang, weiß ich nicht.

Brigitte Franks täglicher Einkauf in Neuhaus oder in Schliersee muss damals für sie eine Qual gewesen sein. Dennoch behielt sie ihre Stärke, machte sogar Witze, wie sie Hans am 10. September 1946 ins Gefängnis schreibt:

Mein lieber Hans!

Als ich gestern früh, d. h. es war inzwischen gegen 11 Uhr geworden, bereits zum dritten Mal mit einer Holzfuhre aus dem Wald kam, sah ich schon von weitem ein Auto vor unserem Haus stehen und erkannte Sigrid, die mit Dr. Gaston Oulman auf mich wartete. Ich sagte ihm gleich: »Nun Herr Doktor, da kann es wieder frisch in die Zeitung kommen: ›Frau Minister holt sich nun selbst das Holz.‹«

Oulman verfasste für den Bayerischen Rundfunk oft die täglichen Prozessberichte. Doch nicht nur Oulman sah sie mit dem Leiterwagen. Unser Dorfpolizist kam ihr einmal auf der Dürnbachstraße entgegen, sah ihr mit Dürrholz beladenes Wagerl, erinnerte sich an Frau Reichsministers Mercedes und sagte schmunzelnd: »Frankin, heut’ hast’ dös Gefährt verwechselt!«

Auch Hans will wechseln: Seine Ehefrau Brigitte gegen besagte frisch aufgetauchte Kinderliebe Lilly, die sich an Hans erinnert, weil ihr Sohn 1942 an der Ostfront vermisst wird. Sie denkt, dass ihr der inzwischen Aufgestiegene bei der Suche helfen könne.

Es gibt wohl kein anderes Ehepaar bei den Top-Nazis, das sich ab 1942 so befetzt wie Brigitte und Hans Frank. Mutter kämpft um ihren Status und verkündet: »Ich bin lieber die Witwe, als die geschiedene Frau eines Reichsministers.«

Ein Satz, der mich in seiner Härte, Klarheit und Prophetie bis heute diebisch freut.

Der damalige Generalgouverneur von Polen schäumt, versucht mit allen lauteren und unlauteren Mitteln, sich von der Familie zu lösen. Dass die Ehe schon zuvor zwischen Zu- und Abneigung schwankte, geht aus manchen Briefen hervor.

Im September 1939 schreibt er noch: Ich freue mich schon jetzt darauf, wenn ich Dich als »Landesmutti« in dieses »Dein neues Land« Mitte September geleite. (Es gibt auch noch allerhand!). So fehlst nur Du mir, liebes Weibelen. Ich habe Dich sehr, sehr lieb und bin Dir sehnsüchtig verbunden. Herzlichst Dein Hans

Die Raffgier seiner Frau weiß er als Lockmittel sehr gut einzusetzen. Die Landesmutti erinnert sich beim Lesen sicher auch daran, wie er gleich nach seiner Ernennung zum Generalgouverneur in der Berliner Villa vor ihr niedergekniet war und feierlich getönt hatte: »Brigitte, du wirst die Königin von Polen!«

Am 8. April 1942, einen Monat, bevor Lilly ihn wiedertraf, versichert er Brigitte – nahezu den Nürnberger Rassengesetzen folgend – seiner Liebe: Wenn ich Dich immer so mit all den Frauen, die man trifft und spricht und mit denen man »parliert und charmiert«, mit diesen Gesellschaftslöwinnen, vergleiche, so sage ich mir doch immer eigentlich in zunehmendem Maße, was doch eigentlich du in Deiner selbstklaren Charakterstärke eine leuchtende Rassegestalt bist, auf die man stolz zu sein hat.






Brigitte Frank als »Königin von Polen« auf dem Wawel.

Dann aber ging’s dahin. Er bereitet die Scheidung vor, schreibt am 8. August 1942 an seine neue Königin Lilly: Am Tage meiner großen Entscheidung durchgehe ich im ernsten Denken diese Burg und grüße Dich aus einem Herzen, voll des Glücks und der Sehnsucht nach der endlichen Erlösung. Lilly! Dreißig Jahre tönt es so in mir. Du bist die mir von Gott bestimmte Frau! Bleibe mir!

Dann beschwört er unter Lillys Augen Brigitte am 6. September 1942: Meine lb. Brigitte – (Nicht mal mehr liebe wollte er ausschreiben! Auch ein nachahmungswerter Trick, um Entfernung anzudeuten.)

Lass mich zur Klärung kommen. Was notwendig ist, muss eben geschehen. Du kannst mir nicht helfen. Lass’ mich nur mit mir und allein fertig werden. Lebe Dein Leben! Alles will ich tun, wenn Du mir klar in der Ferne hilfst, die mich allein noch trägt.

Mutter schreibt am gleichen Tag zurück. Sie weiß, dass sie ihn am stärksten durch den mütterlichen Duldungstrick umeinanderlassen kann: Es gibt nichts Schlimmeres, als von dem geliebten Mann und Vater meiner Kinder zu wissen, ich störe schon durch mein Dasein. Wenn alle Liebe, Güte und Verstehen, die ich für Dich habe, noch Kraft geben können, dann wirst Du für alles das Rechte finden. Für Dich und die Kinder bin ich da, soweit meine Kräfte noch reichen.

Wie sehne ich Dich herbei – doch ich warte – dulde, glaube und liebe und bleibe mit meinem Herzen und meiner Seele bis an mein Ende.

Am 9. September 1942 setzt sie noch eins drauf, analysiert aufs Trefflichste den elend schwankenden Charakter ihres Hans, den sie am Tag zuvor vermutlich in München zu einer Aussprache getroffen hat: Schmäht und beleidigt mich der grausame Hans, stellt er mich als den größten Egoisten hin, der ihn nicht nur totunglücklich, arbeitsfreudlos, ja sogar dem Selbstmord nahe gebracht hat, der mir sagt, ich lass mich nur nicht scheiden, weil ich an der Stellung und am äußeren Glanz hänge und nicht als geschiedene Frau gehen möchte. Sucht er schon Gründe zur Scheidung, die ihm, diesem großen Mann ja leicht fallen werden, braucht er dazu letzten Endes nicht mich armen, kleinen Menschen, schilt er mich grausam und hart zum Abschied, will mir kaum noch die Hand reichen, bleibt sitzen und schaut mit eiskalten Augen, so halte ich mich an das Gute, was mein Hans mir vor einigen wenigen Tagen mit gutem Gesicht und warmen Augen sagte, der mich als seine treue Lebenskameradin kennt, die mit ihm aufgebaut, mit ihm Freude und nicht zuletzt die Leiden durchgemacht hat und weiter durchmachen wird. Ist es nicht meine Pflicht, einem Menschen, der sich vor ganz kurzer Zeit als wahnsinnig und krank vor mir bezeichnet hatte, seine Rückkehr offen zu halten? Und ich tue dies in erster Linie für Dich und unsere Kinder.

Ihr Brief kreuzt sich mit seinem, den er am gleichen Tag wie Brigitte schreibt. In Herrscherpose berichtet er ausführlich über sich und sein Sehertum. Er wusste, weil er selbst daran beteiligt war, von den wachsenden Leichenbergen in seinem Gouvernement und nimmt den Holocaust als Trick, um die Scheidung zu erreichen: Ich sehe Blut und Orgien der Gewalt. Ich sehe das sich Aufeinandertürmen hemmungslos Gemetzelter. Bis endlich sieghaft die neue Form unserer völkischen Gemeinschaft, die das Beste des Führers endgültig mit dem Besten unseres Volkes eint, sich durchsetzen wird. Ich brauche eben diese Lösung oder ich kann nicht weiter.

Sie telefonieren einen Tag später. Tags drauf schreibt er in seinem Brief: Das ist das ernsteste Wort meines Lebens, liebe Brigitte: Ich stehe vor dem Ende oder vor einem neuen Anfang. So kann ich nicht weiter. Zum Neuen Anfang kann ich nur die Kräfte aus einer neuen Charakterfestigkeit erlangen. Sonst versinke ich. Ich bitte Dich also herzlichst, in unsere Scheidung einzuwilligen. Sonst ist mein Untergang gewiss. Du sagst, Du liebst mich – und ich weiß es, dass Du eine Frau bist, wie ich sie nie wieder bekommen werde, aber es geht nicht um Liebe, es geht um die Ermöglichung meines Lebenszieles. Gerade aber, weil Du mich liebst: Beschwöre ich Dich, bringe mir dieses Opfer, das größte Deines Lebens, und ich werde Dich dafür segnen und würdigen, wie es sonst niemals wieder der Fall sein könnte. Denn ein Zurück wäre für mich unmöglich. Es geht auch nicht um Glück oder Unglück, sondern um Stärke oder Verfall. Mein Schicksal ist einzigartig. Niemand steht so in der Zeit wie jetzt ich. Bitte, gib mir, gib Deutschland die Möglichkeit meiner Rettung. Bitte gib mir die Hoffnung wieder, liebe Brigitte! Alles hängt nur von Dir ab. Das Schicksal sandte mir in dem Augenblick meines bisher größten Kampfabschnittes den Partner meiner ersten Jugend, der mir bestimmt ist, den Halt und die Stärke zu geben, die ich eben nunmehr brauche. Brigitte, gib mir Segen und Zukunft. Ich kann nicht anders. So liegt mein Schicksal in Deiner Hand. Auf oder endgültig ab. Wie er es tatsächlich vermag, seine persönliche Scheidung mit dem Schicksal Deutschlands zu verbinden, ist schon extrig. Wenn das sein Scheidungsanwalt dem Gericht vorgetragen hätte! Selbst in einer Zeit, als unsere Richter selbst zu Verbrechern geworden waren, hätten sie wohl geschmunzelt.

Brigittes Antwort liegt mir nicht vor. Sie muss beinhart gewesen sein. Vermutlich hatte Hans von ihrem Besuch bei Himmler erfahren, bei dem sie Lilly verdächtigte, jüdischen Blutes zu sein, wohl wissend, was ihr dann passiert. Hans schreibt ihr am 15. September 1942 starr vor Entsetzen: Liebe Brigitte! Ich bin zutiefst erschüttert, dass Du in das Lager meiner Todfeinde gegangen bist. Es ist nun jedes Zurück völlig ausgeschlossen. Sonst bitte ich Dich nur: Mich, den Vater Deiner Kinder, nicht durch Dein egoistisches Versagen völlig zur Verzweiflung zu treiben.

Heil Hitler!

Hans

Jetzt benutzt er selbst das Heil Hitler!, wie es sein Vater bei seinem Goldzahnbrief getan hatte. Doch er nimmt es als Metapher für Verachtung – das hat ja Stauffenberg-Qualität!




DIE SCHULD DER RAUEN PREUSSIN


Brigitte dachte nicht daran, ihn freizugeben. Sie klagte ihr Leid ihrem Vertrauten, komischerweise einem Vetter ihres Mannes: Richard Schneider-Edenkoben war Drehbuchautor, Filmemacher und hie und da von der Gestapo mit Misstrauen verfolgt.

Mein lieber Richard, schreibt sie zum Faschingsbeginn am 11. November 1942 vom Schoberhof aus, nun erfuhr ich in Berlin trotz meines kurzen Aufenthalts sehr Wichtiges: »Er hat bei der ersten Fahrt ins Hauptquartier (zu seinem geliebten Führer) auf die Vorhaltungen wahrscheinlich der Lebenshaltung und L. (Lilly) Beschuldigungen wegen sofort geantwortet: »Daran ist meine Frau Schuld, ich werde die Konsequenzen ziehen und mich von ihr trennen!« Und dies ist, wie ich aus zuverlässiger Quelle her weiß »oben« mit Empörung aufgenommen worden, dass er es »so abgeschoben« hat.

Vermutlich war es Bormann, der ihn sich in Hitlers Hauptquartier noch mal an seine verfettete Brust genommen hatte. Wie muss er meinen Vater angegrinst haben, als der angstflatternd alle Korruption im Generalgouvernement auf seine Landesmutti schob. Sicher hat Bormann später Hitler so was gesagt wie: »Mein Führer, Sie müssen Ihren alten Kampfgenossen absetzen. Er hat doch glatt alles auf seine Frau geschoben!«

»Nein«, hat der sicher geantwortet, »der Frank hat einen so lieben hündischen Charakter, den brauch ich noch.«






Brigitte Frank und ihre fünf Kinder. Dieses Foto schickte sie an Hitler.

Brigitte fährt nach Berlin, wohnt sicher in unserer arisierten Villa in Dahlem. Sie fightet, besucht Frau Goebbels, Frau Göring, versucht zu Hitler zu gelangen, schreibt ihm einen Brief, legt ein Familienbild bei, das sie im Kreis ihrer fünf Kinder zeigt und weist darauf hin, dass es doch nicht möglich sei, eine so harmonisch dreinblickende urdeutsche Familie wegen einer bösen verheirateten Frau zu verlassen. Von Berlin aus schreibt sie genau am Tage des hl. Nikolaus, also dem 6. Dezember – dem Namenstag ihres hochbegabten 3-jährigen Jüngsten – an ihren Mann: Kann man glücklich leben, wenn man die Gesellschaft und ihre Gesetze hinter sich wirft? Ist absolute Freiheit nicht gleich absoluter Leere. Du sagtest es selbst – Liebe ist es nicht, die Dich uns nahm, ein Sinnentaumel, der Dir das Blut aufstürmt. Dein größter Feind ist die Eitelkeit. Warum duldest Du nie Menschen mit Geist und Format um Dich? Bist Du so arm, dass Du glaubst, Dein Glanz verringere sich dadurch? Und was ist das Schlimmste, was einem Mann, noch dazu in so gehobener Stellung, widerfahren kann: Wenn man über ihn lächelt! Ja, Hans, ich habe heute den Mut, Dir dies alles schonungslos zu sagen. Mir fällt es selbst unendlich schwer, aber wenn es noch ein Mittel gibt, das grauenvolle Ende, auf das Du jetzt hintreibst, von Dir fernzuhalten, so ist es meiner Meinung nach diese grausame Wahrheit. Feige bin ich nie gewesen. Die Feigheit und Lüge sind die gemeinsten Sünden. Ein kleines Erlebnis von vielen muss ich Dir aber ins Gedächtnis zurückrufen: Wir fuhren unvorschriftsmäßig schnell von Kressendorf nach Krakau ins Theater: Du, Richard und ich. Zwei arme Polen wurden dadurch angefahren, und man sah nur, wie sie mit ihren Rädern durcheinander auf der Straße lagen. So fährst Du als »Landesvater« ruhig weiter, ohne sich um die Armen zu kümmern. Du fährst mit dem Salonwagen ins Reich, Deinen Trieben zu leben, wo die besten unseres Volkes ihr Leben opfern. Ich bitte Dich auch – und das ist die einzige Bitte, die ich für mich habe, entwürdige Dich und mich nicht weiter durch die Art des Zusammenlebens nach zwei Seiten hin. So viel Achtung musst Du vor Dir und mir noch haben.

Starker Tobak für einen solchen Mann wie meinen Vater. Mutter in Bestform. Schonungslos. Was Vater besonders wahnsinnig gemacht haben dürfte, ist dieser Von-oben-herab-Ton. Spätestens bei Mutters Beschuldigung der Feigheit muss er das Blatt weggelegt haben. Sich klar zu machen, was für ein feiger Wicht er eigentlich Zeit seines Lebens war, wagt er schon aus Feigheit nicht.

Diese Feigheit wird ihn an den Galgen bringen.

Schade, dass unsere Gesellschaft so auf Eigentum am Partner geeicht ist. Es hätte doch ganz anders ablaufen können. Brigitte fragt Hans: »Wo bist du denn wieder gewesen?«

»Ach, ich hab’ mit Lilly geschlafen.«

»Na, Gott sei Dank, ich dachte schon, du hast wieder heimlich geraucht!«

Die beiden, die Menschheit durchrüttelnden Begriffe sind doch »Treue« und »Eifersucht«.

Auch Mutter entblößt sich in ihrer Anklage. Sie mit ihrer Härte, ihrem Mut und ihrem Wissen, dass sie sich von ihren vielen Liebhabern den charakterlich schwächsten als Ehemann ausgewählt hatte: Warum griff sie nach dem Unfall mit den beiden Polen nicht ein? Warum kein: »Hans, wir müssen anhalten! Wir müssen denen helfen – zumindest helfen lassen! Herr Schamper, bitte halten Sie sofort an!«?

Zumal doch Hans, wie mir später sein Nürnberger Gefängnispfarrer Father O’Connor erzählte, »noch im Gefängnis Angst vor Deiner Mutter hatte«.

Waren Brigitte die beiden Polen nicht genauso gleichgültig wie ihrem Mann?

Und selbst Schamper, Franks Stamm-Chauffeur, der sich nach dem Krieg in Rosenheim mit einem glühenden Schürhaken und der Hilfe seiner Frau die SS-Nummer aus dem Oberarm rausbrennen wird (»Mei, Niki, dös hat weh’tan!«), hätte ja sagen können: »Entschuldigen S’, Herr Generalgouverneur, erlauben S’ bitt’schön, ich muss da jetzt anhalten.«

Als Mutter an einer anderen Stelle einer Freundin von diesem Unfall schreibt, macht sie das Bild des Unfalls noch vollständiger: Hans hat nur stumm an seiner Zigarre gezogen.

Was übrigens die von ihr mehrfach als Waffe gegen Hans eingesetzten gemeinsamen Kinder betrifft, so vernachlässigte Mutter ab der Machtübernahme der Nazis zunächst ihre zwei schon in der »Kampfzeit« geborenen Sigrid und Norman zugunsten der schönen Sause als Reichsministergattin und später als Frau Generalgouverneur mit eigenem Mercedes und eigenen Ghettos zum Einkaufen. Ihre drei weiteren Kinder, Gitti, Michel und ich, lernten sie erst nach Kriegsende so richtig kennen, als ihre Zeit als Hohe Dame zwangsweise beendet worden war. Sie hatte uns drei sicher nur als Rückversicherung geboren, auf dass ihr Mann eine gemäß der Nazi-Ideologie so fruchtbare deutsche Frau nicht verlassen könne. Hans’ Mutter, unsere Oma, raunzte nicht zu Unrecht mal auf einem Spaziergang unsere geliebte Kinderschwester Hilde verächtlich auf Bayerisch an: »Brigitte wirft ja d’ Kinder wia a Loas.« Was auf Hochdeutsch Muttersau heißt.

Die Loas hat ihren letzten Geschlechtsverkehr mit Hans »im Dezember 1942«, wie sein Anwalt dem Landgericht München II am 15. Februar 1943 bekannt gibt. Wenn das Lilly erfahren hätte! Auch Mutter hat ihren Anwalt. Durch den könnte sie vor Gericht öffentlich machen, was sie Monate vor dem letzten Beischlaf ihrem Hans geschrieben hatte: Hans, weißt Du noch die Nacht vom 12. auf den 13. Mai, als Du neben mir im Bett lagst und mir diese furchtbaren Sachen gestanden hast – mit den KZs und der Ermordung von Menschen und so? Guck an: Die Shoah als Betthupferl! Du hast mir empfohlen, mich unbedingt scheiden zu lassen. Und jetzt merke ich, dass Du nur wegen Lilly die Scheidung willst. Vaters widerwärtiges Manöver hat Mutter trefflich durchschaut. Sein Antwortbrief auf ihren ihn entlarvenden Nikolaus-Namenstag-Brief, war am 12. Januar 1943 kurz, hilflos und dennoch ein kleiner Prankenhieb gegen die ungeliebte Ehefrau: Er trug als Absender Garmisch, woselbst die Mutter von Lilly ein Haus besaß, in dem sich das Liebespaar oft aufhielt:

Liebe Brigitte!

In Deinem Brief übermittelst Du mir die merkwürdigen Anschauungen, die schon so oft mein Entsetzen erregt haben. Ich handle – glaube es mir doch endlich – in vollem Bewusstsein. Willst Du Deinen Kindern den Vater erhalten – dann beschwöre ich Dich, auf mein lebensdringendstes Ersuchen einzugehen. – Bevor alles zu spät ist –

Hans

Mit süß geschwächten Lenden und durch Lilly zur Scheidung geistig gestärkt, fährt er in seinem Salonwagen zurück zu seinem Dienstsitz in Krakau und schreibt ihr am 27. Januar 1943:

Liebe Brigitte.

Es bleibt nur der Dir von mir so dringlichst nahegelegte Schritt. Ich kann nicht anders, sollte ich mich nicht völlig aufgeben und damit ohnedies alles verloren sein. In dieser entsetzlichen Zeitepoche, da ganze Welten sich neu formen, muss ich dem Schwersten mich bereithalten. Lass uns in Frieden den formalen Schritt der Scheidung gehen. Die fünf Kinder können nur dann ihren Vater bewahren.

Ich stehe im Ablauf meiner Kämpfe. Meine Zeit ist um. Ich schreite der ewigen Sonne zu. Jeder ist unglücklich, der mir jetzt zugehört. Rette die Kinder! Ich beschwöre Dich!

Hans

Viel falsches Pathos, viel Druck von Lilly und eine Prise Realität, wenn er schreibt, dass er im Ablauf seiner Kämpfe stünde und jeder unglücklich sei, der ihm angehöre. Es ist wahr: Mit dem Unglück, ihm anzugehören, mussten sich die fünf Kinder ein Leben lang herumplagen.

Merkwürdigerweise müsste er doch auch Lilly bedauern, die ja, weil sie ihm zugehört, gleichfalls unglücklich sein müsste. Doch weit gefehlt. Kaum ist der Brief an seine Frau beendet, schreibt er mit Lust an seine große Liebe:

Meine Lilly – meine über alles geliebte Lilly!

Bitte bleibe mir gut. Ich liebe Dich bis in das tiefste Mark meines Lebens. Die letzten Tage waren für mich wieder in all’ meinen wilden Kämpfen eine so unsagbare Qual und mühevolle Belastung, dass ich am Telefon wie geschlagen war. Du, meine Lilly! Du mein Alles! Bei Dir bin ich daheim! Bleibe mir! Bleibe mir! Harre noch wenig aus!

Herzinnigst

Dein Hans




DER TIEFPUNKT EINER HOHEN LIEBE


Es ist Brigitte, die ihrem Hans diese unsagbare Qual bereitet, sodass er die drängende Lilly immer wieder beruhigen muss. Also spitzt er seinen Scheidungsanwalt Kuglstatter an, der am 11. Februar 1943 aus München seiner Noch-Ehefrau diesen unglaublich hochnäsigen Brief schreibt:

Sehr verehrte gnädige Frau!

Gnädige Frau stellen sich offenbar auf den Standpunkt, das Verhalten Ihres Mannes sei schwankend und Ihnen und den Kindern gegenüber ein Unrecht, berufen sich auf eine 17-jährige Ehe und sind nicht zuletzt darauf bedacht, die durch Ihren Mann erworbene Stellung als Ehefrau einer der führendsten Persönlichkeiten unter allen Umständen zu erhalten. Ihre nachweisbare Äußerung, dass sie lieber die Witwe als eine geschiedene Frau eines Ministers sein wollen, bestätigt diese letztere Annahme.

Gnädige Frau übersehen aber dabei die besonderen Umstände, die zu dieser Ehe geführt haben und die Tatsache, dass Ihr Mann 17 Jahre an einer Ehe festgehalten hat, obwohl er seelisch vor allem wegen der grundlegenden Verschiedenheit der Naturen auf das schwerste darunter gelitten hat. Sein Leben hatte alle diese Jahre hindurch keine Erfüllung. Trotzdem war er Ihnen gegenüber immer ritterlich und wurde Ihren Ansprüchen stets gerecht. Sie selbst wissen, dass Ihr Mann eine maßlose Vitalität und Schaffenskraft besitzt, die ihm die Möglichkeit gibt, für Führer und Volk das Höchste zu erreichen. Nach schwerstem Kampf mit sich selbst hat sich Ihr Mann zu dieser letzten Entscheidung durchringen müssen, um sich vor einer lebenslänglichen maßlosen Leere und Vereinsamung zu bewahren. Wie er Ihnen bereits mitgeteilt hat, muss sein Leben entweder neu beginnen oder enden. Schon allein diese Tatsache wird Sie bei einigermaßen vernünftiger Überlegung erkennen lassen, worum es geht. Ihr Hoffen auf eine Rückkehr ist daher völlig aussichtslos. Er muss, das verlangt jetzt das Geschick des Reiches, in die Lage versetzt werden, auf der Grundlage eines neuen privaten Lebens mit letzter Kraft und den ihm in seltener Weise gegebenen Fähigkeiten ruhig und gemessen dem Führer und dem Vaterland dienen zu können.

Mit besten Empfehlungen

Heil Hitler!

Ihr sehr ergebener

Dr. Kuglstatter

Vater muss dieses ekelhafte Dokument seiner Selbstbeweihräucherung gesehen, am Ende vielleicht sogar diktiert haben. Brigitte schickt ihm am 21. Februar 1943 eine Stellungnahme, deren erste Zeile schon große Raffinesse zeigt, denn gleich soll der Adressat ob ihres maladen Zustands einen Stich bekommen:

Die Maschinenschrift bitte ich zu entschuldigen, da ich heute nicht anders schreiben kann.

Hans, nein das kann nicht sein, das darfst und wirst Du Dir, mir und Deinen Kindern nicht antun, dass Du mich vor die Schranken des Gerichts bringst. Unendlich litt ich während dieser 10 Monate, aber nach jeder noch so großen Leidensstation warst Du wieder da, kamst wieder zurück, beteuertest Dein Glück, und ich konnte mir wieder Kraft holen. Nun aber stößt Du mich von Dir und lieferst mich der Öffentlichkeit aus. Du ließest mir durch Deinen Anwalt schreiben, Du hast 17 Jahre unter einem schweren Familienschicksal gelitten. Hans, lese Deine Briefe vom Kriegsbeginn! Weiter sage ich nichts! Diese schönen Briefe, die mich so beglückten, sie wanderten nun zur Photokopie. Und das – nur uns beide Angehende – muss nun vors Gericht gezerrt werden.

Nun stelle ich mich als Bürgerin unter den Schutz des deutschen Rechtes, und da ich mit einem Mann des Rechts seit fast 18 Jahren verbunden bin und von ihm 5 Kinder habe, werde ich mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln dieses mein Recht fordern und für uns alle kämpfen bis zum Letzten, damit ich einst vor meinen Kindern und meinem Gewissen sagen kann: »Ich habe alles getan, um den Kindern das Vaterhaus zu erhalten.« Ich bitte Dich, bringe keine Hassgefühle gegen mich auf. Ich tat Dir doch nichts. Ich liebe Dich ja. An dem Tage, an dem Du mich aber vors Gericht stellst, mich hilflos der Öffentlichkeit auslieferst, will ich mit letzter Kraft versuchen, um Dich zu kämpfen. Ich betrachte dies für eine heilige Mission, die ich zu erfüllen habe.

Was die heilige Missionarin nicht wusste: Lilly bekam sogar von Hitler selbst die große Chance, ihre Jugendliebe Hans endgültig zu erobern – aber das wird sie von Hans, diesem Feigling, nie erfahren.

Am 3. März 1943 liest nämlich Hans das entscheidende Telegramm aus dem Führerhauptquartier. Er hatte doch tatsächlich Hitler seine Scheidungsakten zuschicken lassen. Nicht wissend, dass ihn auch Brigitte mit rührendem Familienfoto und erschütterndem Brief belatscherte.

Meine Geschwister und ich waren im Bewusstsein aufgewachsen, dass Hitler unserem Vater die Scheidung »bis nach dem Krieg« verboten hätte. Doch der Führer war geborener Österreicher, der also den Schmäh kannte und ihn hin und wieder zwischen seine Vernichtungspolitik setzte. Mitten im blutigsten Krieg diktierte er seinem Intimus und Sekretär Martin Bormann einen Text, von dem er wusste, dass er wieder einmal den hündischen Charakter seines Gefolgsmanns Frank offenbaren würde. Ich kann mir sogar vorstellen, dass er grinsend zu Bormann geschnarrt hat: »Wetten, Bormann, dass er die Scheidung nicht mehr will?«

Das Telegramm lautete:

Der Führer hat mich beauftragt, Ihnen mitzuteilen, dass er Ihre Ehescheidungs-Akten eingehend geprüft habe und dass er danach sich nicht mehr in der Lage sehe, Ihnen die Genehmigung zur Scheidung Ihrer Ehe zu geben, solange Sie das Amt eines Generalgouverneurs und Reichsministers bekleiden.

Das saß! Was für eine Pleite für meinen Vater! Sich jetzt entscheiden zu müssen zwischen Schloss, Burg, Mercedes, Titel eines Generalgouverneurs, Titel eines Reichsministers – und einer wiedergefundenen Jugendliebe, die sogar älter war als er, wenn auch nicht fünf Jahre wie Brigitte, sondern nur drei, aber immerhin drei!

Ohne Amt und Macht würde ja das Hohle seines Charakters total nackt aufscheinen! Was hatte der Ur-Nazi Otto Strasser am 27. März 1931 über ihn verlauten lassen?: »Rechtsanwalt Dr. Frank II ist ein eitler und gewissenloser Streber.« Oder wie ihn sein Schulkamerad Karl-Heinz Becker schon als Jugendlicher durchschaut hatte. In seinen »Erinnerungen« charakterisiert er Hans Frank so: »Er war ein mäßig begabter, wegen seiner unaufrichtigen Freundlichkeit unbeliebter Mitschüler. Noch sehe ich ihn in unserer grünen Wehrkraftuniform im Fahrtenquartier 1915 als Vierzehnjährigen bei einer einfachen Allgäuer Familie, auf die er mit einer mich beängstigenden Sicherheit und Gewandtheit einredete, auf dem Sofa sitzen, vor sich einen riesigen Gugelhupf, den er für zu Hause erhamstert hatte.«

Unvorstellbar, dass der Hamsterer sein Herrscherleben in Polen aufgeben könnte. Allein schon seine Adresse: Herrn Generalgouverneur, Burg, Krakau!

Wo unterhalb der Burg doch alles seinen geordneten Gang nahm, wie die Anweisung für die Durchführung von Exekutionen seines Höheren SS-und Polizeiführers Krüger mit einem so menschlichen Schlusssatz und zugleich so humorig deutsch kundtat: Ferner erinnere ich in diesem Zusammenhang an den persönlichen Wunsch des Reichsführers SS, dass die Exekutionskommandos nach der Exekution einer Zerstreuung mit geistig wertvollem Inhalt zuzuführen sind.

Das alles aufgeben? Nicht von Hans Frank, dem Gugelhupfesser. Sollte er etwa die Ikone im Schoberhof aufhängen müssen, die ihm Hitlers Adjutant Fritz Wiedemann am 17. Oktober 1935 zustellen ließ? Anbei das von Ihnen für Ihren Schreibtisch in Ihrem neuen Arbeitszimmer erbetene Bild des Führers mit Unterschrift.

Mit deutschem Gruß!

Jetzt schmückte es natürlich sein Arbeitszimmer auf der Burg zu Krakau.

Nein, er würde dieses herrliche Generalgouvernement seiner geliebten Lilly vorziehen. Zumal die ja nicht allein für sein Lendenwohl sorgte, wie aus Mutters Abschrift vom 9. März 1941 hervorgeht. Ohne sich offensichtlich um meinen zweiten Geburtstag zu kümmern, schreibt sie mit doppelter Klammersetzung den Teil eines um Verzeihung flehenden Briefes von Hans an sie ab: (da rechtfertigt er sich einer von mir bezichtigten Untreue wegen. Allerdings handelte es sich um seine Sekretärin Helene, von der ich mehrere Liebesbriefe besitze, die mir seine Untreue leider bestätigen.): »Ich bin ein alter Stimmungsschwärmer. Das weißt Du. Aber ganz Dein. Nur Dein … Dich umarme ich in herzlichster Liebe und Verehrung: Bleib immer gut zu Deinem alten »Sorgenkind«, dem umworbenen »Meister«.

Hans

Eben: Helene! Das laut Major Kelley ältliche Frauenzimmer, das ihm doch so schmachtend anhing. Und die er deshalb vor allem für Quickis auf der Burg abnutzen konnte. Die würde er ja dann auch verlieren. Wohin dann zwischendurch mit seinem strammen Glied? Nee, nee, mein Generalgouvernement, diesen Pfuhl der Sinnlichkeit und Pracht – na gut, auch mit ein paar Verbrechen gegen die Menschlichkeit a bisserl besudelt – geb ich nicht her. Also belog er seine Lilly, dass sie leider noch bis zur siegreichen Beendigung des Krieges warten müsse. Davor wolle Hitler keine Scheidung.

Merkwürdigerweise: Seiner ihm so lästig gewordenen Ehefrau Brigitte offenbarte er den wahren Inhalt von Bormanns Telegramm, allerdings erst viele Monate später. Mutter muss bei diesem Geständnis mit größter Minenkraft ihr allseits gefürchtetes überlegenes Lächeln unterdrückt haben.

Doch bevor sie davon erfuhr, bewegen Brigitte – auf einem Meer von Blut übrigens, das derweil von Unschuldigen im Generalgouvernement Tropfen um Tropfen gefüllt wird – ähnliche Gedanken wie Hans: Wenn ich diese Knallcharge von Ehemann freigebe, wie kann ich dann noch auf Schlössern und Burgen herrschen, im Ghetto Einkaufen fahren? Da hab ich dann zwar den Schoberhof und sicher eine üppige monatliche Apanage, aber dazu leider diese anstrengenden Nichtsnutze von Kindern. Wo bleiben dann die Staatsbankette? Die Lobhudeleien der Neuhauser? Das untertänige Verhalten aller meiner Freundinnen aus meinen Tagen als Sekretärin?

Also dreht sie die Garrotte wieder enger um die Seele ihres Ehemanns, pestet im April 1943 ohne Datum und ohne Anrede:

Ich glaube, Du erkennst nur noch eine Autorität an, und das ist der Führer, das wäre der Einzige, der Dich auf den Weg Deiner Pflicht bringen könnte. Stattdessen hast Du Sorgen, die L. wieder zu befreien von ihrer Dienstverpflichtung und schreibst sogar persönlich an Herrn Sauckel und reklamierst sie als Deine Sekretärin. Dann scheinst Du nur immer wieder nachzusinnen, was Du uns alles noch antun könntest. Mein Gott, was ist aus Dir geworden? Oder warst Du wirklich immer so? Habe ich Dich nur falsch gesehen? Habe ich Deine Genialität zu hoch eingeschätzt und Dich deswegen charakterlich nicht richtig beurteilt?

Nach alledem, was ich jetzt Grauenvolles über Deinen wirklichen Scheidungsgrund hörte, kann ich auch Deinen Brief v. 15. September 42 verstehen, in dem Du mich beschworst, nicht in das Lager Deiner Todfeinde zu gehen. Ich wollte ja nur zu Bormann oder Himmler gehen und fragen: »Was hab ich getan, wessen klagt man mich an?« Bin ich doch zutiefst verzweifelt gewesen über die immer wieder auftauchenden Gerüchte, die Scheidung werde von oben gewünscht, ich habe irgendwelche Geschäfte mit Pelzen und Juwelen mit Lasch gehabt usw. Ja, ebenso gut hätte man ja von mir behaupten können, ich habe einen Menschen umgebracht. Später glaubte ich dann den Schlüssel zu Deinem Verhalten gefunden zu haben, als man mir sagte, Du selbst habest damals im Hauptquartier gesagt: »Daran ist meine Frau Schuld, ich werde mich von ihr trennen.« Dies kann Dir nur Deine Lebens- oder Todesangst eingegeben haben, denn das tatest Du wider besseres Wissen.






Hans Franks Mutter Magdalena, geb. Buchmayer.

Ich kenne Deine schnelle impulsive Art und auch Deine Methode, allem Unangenehmen aus dem Wege zu gehen.

Ich will den Kindern den Vater erhalten und bete täglich an den drei Bettchen der Kleinen für Dich. Du kannst es gebrauchen! Ich bin so fest davon überzeugt, dass die Stunde nicht mehr allzu ferne ist, wo Du einsehen wirst, dass ich stets Dein bester Freund war und bin. Möge es dann nicht zu spät sein!

Und das wirst Du niemals von mir erreichen, dass ich mit Quittungen belegen werde, was ich für die Kinder usw. ausgebe. Und nicht genug damit! Du verlangst sogar, dass ich eine Summe, die sich aus den Monaten November, Dezember und Januar zusammensetzt und die schon lange vor Deiner Klageeinreichung in Deinem Besitz und von Dir wie immer genehmigt wurde, nachträglich detaillieren soll, was davon für die Kinder und was für mich ist. Aber dies alles entspringt wohl mehr aus den Ratschlägen Deiner Mutter und Schwester, vielleicht auch der Frau L. G., die mir ja hat sagen lassen, sie würde immer schauen, dass wir keine Not zu leiden hätten.

Das Leben ist der Güter höchstes nicht,

Der Übel größtes aber ist die Schuld.

Brigitte

Meine verwundete Mutter konnte scharf zurückschlagen. Sie wusste wahrlich, Menschen zu sezieren. So auch diese drei bösen Frauen: Hans’ Mutter, seine Geliebte Lilly, seine Schwester Lilli! Was für eine abgrundtiefe Bosheit gehört doch bei der Geliebten dazu, die hoffentlich bald verlassene Ehefrau wissen zu lassen, sie würde nie Hungers klagen müssen!

Fazit für den von Schmäh-Hitler gebeutelten Hans: Er muss verärgert und enttäuscht zu ihr zurückkehren, was er ihr auf amtlichem Briefbogen kundtut, damit es des Privaten ja nicht zu viel wird:






Hans Franks Schwester Lilli.

DER GENERALGOUVERNEUR Krakau, Burg den 16. Juli 1943

Liebe Brigitte!

Unter dem Eindruck der außerordentlichen Zeit und meines sich mählich beruhigenden Innenlebens möchte ich mit Dir gerne über die Normalisierung unserer Beziehungen sprechen. Frau L.G. hat sich von mir getrennt. Auch ich bin nun zu der Überzeugung gekommen, dass angesichts des außerordentlichen Ernstes der mir gestellten Aufgabe und der Notwendigkeit der völligen Bereinigung unseres familiären Zustandes unsere beiderseitigen Beziehungen sich der Regel beugen. Wenn auch in diesen stürmereichen Monaten vieles geschah, was die Wirkung haben konnte, uns für alle Zukunft zu trennen, so musst Du auch das Außerordentliche bedenken, was über mich in diese Zeit hereingebrochen ist.

Ich kann mich vielleicht Ende dieses Monats auf einige Tage freimachen und wäre dankbar, wenn Du mit mir in München zusammenkommen könntest.

Wir können dann über alles in Frieden und Harmonie sprechen.

Bis dahin begrüße ich Dich herzlichst als

Dein Hans

Und wo bleiben wir fünf Kinder? Will er die nicht sehen? Hat er keine Sehnsucht nach Ihnen? Der Schoberhof liegt nur 65 Kilometer von München entfernt. Was für eine Bereinigung unseres familiären Zustands? Da ist keine Reue, da ist keine neu aufgeflammte Liebe zu den Seinen.

Die Ehe blieb bestehen, die Partner lebten verbissen getrennt.




NOCH EINMAL DIE SAU RAUSLASSEN


DER GENERALGOUVERNEUR

Krakau (durchgestrichen) Burg (ab hier handschriftlich:) 18. I. 1945

Liebe Brigitte!

Dieser Brief zeigt Dir, dass ich gut und lebend im letzten Augenblick aus Krakau herausgekommen bin. Alle unsere deutschen Menschen konnte ich retten: Es war ein furchtbar ernstes Arbeiten.

(Nach Ende des Briefs:)

Ich werde Euch viel Interessantes erzählen. Alle Sachen sind gerettet.

Vorgestern hatten wir noch unsere große Regierungssitzung auf der Burg zu Krakau!

Dieses erste Fluchtzeichen ihres vielfach hörnenden Gatten kennt Brigitte noch nicht, als sie ihm am 10. Januar 1945 nach Krakau schreibt:

Lieber Hans!

Die Freude, die die drei Kinder beim Empfang Deiner Briefe hatten, kannst Du Dir nicht vorstellen! Und dann die Fragerei: »Mutti, sag mal, ganz ehrlich, welcher Brief gefällt Dir am besten?« Niki stellte dann fest, dass sein Brief doch der schönste sei, denn der an Michel sei wie an einen Menschen geschrieben, der seine wie an ein Kind. Die beiden stritten dann miteinander, weil Michel behauptete, das verstünde Niki nicht, da sei er noch zu klein. Und Gitti sagte: »Mutti, glaubst Du, den Brief gäb ich nicht für 1000 Mark her.« Dann rannten sie mit den Briefen nicht nur im Haus, sondern auch in der weiteren Nachbarschaft mit herum.

Ich denk mir jetzt oft, wie verlassen ich schon wäre, wenn nicht noch die drei Kleinen nachgekommen wären! Ach, gestern war es wieder mal mit ihnen köstlich. Woher sie die Gräuelmärchen hatten, weiß ich nicht. Auf jeden Fall malten sie sich alle aus, was sie täten, wenn die Russen kämen. Michel hatte die abenteuerlichsten Ideen, und hat mit größter Rhetorik seine Pläne entworfen. Das war Wild-West. Gitti versteckt sich im unterirdischen Gang, der von Frau Schlegel zur Burgruine führen soll. Michel zerstörte ihr dies wieder durch große Schwarzmalerei. Die Feinde würden auch zu Frau Schlegel gehen, und durch den Gang kommen, nachdem sie natürlich erst mal Frau Schlegel erschossen haben. Niki dagegen war erst für das Uhrkästchen in der Bauernstube, das ja tief herunter ginge. Als ihm Michel aber auch da keinen langen Aufenthalt versprach, weil er verhungern würde, sagte er so treuherzig: »Dann rufe ich einfach den Vati in Krakau an und sage ihm, dass die Russen hier sind, und er soll doch gleich von seinen vielen Wachen welche herschicken. Michel meinte daraufhin, das Telefon ginge nicht mehr, weil die Feinde die Drähte zerschnitten hätten, und wenn die Russen hier wären, wärst Du ja auch hier und so viel Soldaten hättest Du auch nicht, dass Du uns noch welche schicken könntest. Darauf Niki: »Dann rufe ich eben, bevor die Russen kommen, den Führer an, und der lässt mich dann mit Soldaten abholen, und der hat ja viel Soldaten, und dann bleibe ich bei ihm, bis der Krieg wieder vorbei ist, denn dem Führer dürfen sie doch nichts tun, und er wird mich auch dortbehalten und mir was zu essen geben.« Dieses »Nicht dürfen« wollten Michel und Gitti auch nicht gelten lassen, aber Niki blieb bei seinem letzten gefassten Entschluss und wies alles weitere zurück. Am Sonntag fand hier die zweite Geburtstagsfeier statt u. a. mit Frau Meissner, Frau Oberlindober und 3 Dir unbekannten Damen.

Es muss dieser Tag gewesen sein, an den sich Gittis Freundin Annelies noch heute erinnert. Sie spielte mit Gitti vor deren Zimmer im 1. Stock des Schoberhofs auf dem Balkon, und sie hörte von unten, wie sich die Damen bei herrlichem Sonnenschein kaffeetrinkend angstvoll ausmalten, was aus ihnen wohl werde, da ja der Krieg verloren sei.

Es war sehr schön, und von Deinem guten Hasenbraten waren sie alle sehr angetan, als dann der fürchterliche Angriff auf München begann. Blutrot war der Himmel bis zum Morgengrauen. Nun ist wohl auch der Rest unseres schönen geliebten Münchens dahin. Man kann nun nach München überhaupt nicht mehr telefonieren. Drei Stunden währte der Angriff. Erst warfen sie fast ausschließlich Brandbomben und beim zweiten Anflug auf das brennende München die neuesten Sprengbomben, die gleich ganze Straßenzüge umlegten. Man geht an solchen Tagen wirklich beschämt schlafen, während man an die armen Städter denkt, die auf der Straße sitzen. Ach, es ist eine so grauenhafte Welt, und es wird wohl nicht besser werden, bis es die Menschen werden. Denn das ist ein Gottesgericht.

Am 17. Januar verließ Hans Frank seine hinreißende Adresse in Krakau und flüchtete mit seinen letzten ihm Verpflichteten zunächst in Freiherr von Richthofens Schloss zu Seichau. Was die Herren und die als Dame anwesende Helene Kraffczyk dort anstellten, lässt mich schaudern. Mein Vater hatte mindestens einen Lastwagen mit Kunst aus Polen dabei, darunter zwei Rembrandts, einen Raphael und Leonardo da Vincis Gemälde »Die Dame mit dem Hermelin«, die übrigens für mich, als es noch beim Vater in dessen Büro auf der Krakauer Burg hing, immer eine Ratte war, ich meine den Hermelin. Ich mochte das Bild nicht. Vater schon. Seichau war schon zuvor mit Kunst aus dem Generalgouvernement gestopft worden, wie das Protokoll Schloss Seichau 12. 10. 44 ausweist, dazu ein Hinweis, wie sorgfältig doch die deutsche Herrenrasse, die sich immer so viel auf ihr Kunstverständnis einbildete, mit Kunst umzugehen pflegte: Heute am 12. Oktober 1944 um 10 Uhr Vormittag wurde die Kiste Nr. BA 102 als zweite der die graphischen Sammlungen enthaltenden Kisten geöffnet. Bei der Sichtung ergab sich, dass die meisten Blätter aneinanderklebten, das Paket faulig und schimmlig roch. Die vorgefundenen Qualitäten der Handzeichnungen lassen darauf schließen, dass die etwa 100000 Blatt enthaltende Sammlung einen Wert von vielen Millionen besitzt, was die Restaurierung und Katalogisierung der Sammlung als notwendig erscheinen lässt.

In Seichau lässt mein Vater noch ein letztes Mal die Sau raus. Selbst die 4. Panzerarmee kommt wohl ins Stocken (auf ihrem Rückzug nehme ich an!), als deren Oberkommando an einen Major Hess am 6. Februar 1945 schreibt: Mehrfach wurde mir von Seiten der Partei und der Zivilbevölkerung über das unglaubliche Benehmen der Regierung Frank des G.G. in ihrem Ausgleichquartier, Schloss Seichau, sowie über ihre feige Flucht Beschwerden vorgetragen. Aus den Vernehmungen ergab sich, dass die umlaufenden Gerüchte über die verschwenderischen Exzesse und überhastete Flucht tatsächlich zum größten Teil auf Wahrheit beruhen. Neben vielen Kunstschätzen, großen Mengen an Trink- und Esswaren blieb ein Achtzylinder (Spez. Mercedes-Kompressor in Luxus-ausführung) und sogar geheime Akten und Presseinformationen wahllos liegen.

Das war sicher mein Lieblings-Mercedes! Darin gefahren zu werden, war mir das Höchste! Und Vater lässt ihn dort einfach stehen, ohne an mich zu denken. Heute wäre er sicher eine Million Euro wert. Der jetzige Besitzer möge sich bitte bei mir melden, damit ich noch einmal darin fahren kann.

Zu Recht empörte sich unter Geheim Elisabeth Matschewsky, die Wirtschafterin der Richthofens, am 2. Februar 1945: Mitte Januar kam der Generalgouverneur Dr. Frank und nahm mit seinem Gefolge Quartier im Schloss.

Die Dienststelle bezog den Nordflügel und die untere Etage des Schlosses. Es wurde hier auch eine eigene Küche zur Verfügung gestellt. Mir fiel besonders auf, dass die überreichlichen Vorräte an Lebensmitteln und Spirituosen vergeudet wurden. Überall lagen Lebensmittel herum, der Koch machte das Frühstück erst um 11 Uhr. Um 9 Uhr schlief der Diener noch. Besonders reichlich muss der Alkoholverbrauch gewesen sein, da überall leere und halbleere Schnapsflaschen in allen Zimmern und Ecken herumlagen.

Selbst die täglichen Gebrauchsgegenstände wie Waschzeug usw. blieben zurück.

Große Mengen Porzellan, viel Silbersachen und Wäsche, die auch liegen gelassen wurden, haben die anschließend hier untergebrachten Flüchtlinge mitgenommen.

Was Mutter und wir Kinder später in diesem Jahr, nachdem wir aus dem Schoberhof rausgeworfen worden waren, dringend als Tauschobjekte für Lebensmittel gebraucht hätten, hat unser Popanz (wie er in Berlin auch genannt wurde) einfach neben meinem Mercedes obendrein zurückgelassen, wie diese Abschrift zeigt: 3 Kisten Bestecke, 14 Schreibmaschinen, 3 Pakete Kunstmappen, 1 Zimmer mit Kunstgegenständen, 1 Liegestuhl.

Der Herr Generalgouverneur hat seine Verzweiflung in Alkohol ertränkt: kein eigenes Reich mehr! Nur noch Reichsminister ohne Portefeuille! Nur noch den Schoberhof als Rückzugsquartier. Sicher hat er im Suff auch mit seiner vergoldeten Pistole herum geschossen, lallend immer wieder seinen Führer ebenso hochleben lassen wie dessen Wunderwaffen, von denen alle schwärmten. Andererseits muss es in ihm gepocht haben: Jetzt, wo ich kein Generalgouverneur mehr bin, kann ich doch endlich Lilly heiraten!

»Alle heben jetzt ihr Glas, und wir trinken gemeinsam auf die große Liebe meines Lebens, auf meine Lilly!« Alle soffen aufs Wohl und vergaßen mit immer höheren Promillewerten im Blut ihre desolate Lage. Mich erinnert das immer an die letzte Abend-Tafel der Nibelungen auf Krimhilds und Etzels Burg, bevor die allgemeine Metzelei begann.

Doch die Nibelungen waren Ehrenmänner.

Bei aller Völlerei vergaß mein Vater nicht die Kultur. Zum einen besuchte er zwischendurch, halbwegs nüchtern, seinen verehrten Freund Gerhart Hauptmann in dessen Agnetendorf, zum anderen, wie mir Jahrzehnte später sein Chauffeur Schamper berichtete, ließ er des Nachts die kostbarsten Kunstwerke in einem speziellen Lastwagen verstauen, sodass er später in seinem Dienstsitz im Neuhauser Josefstal seinen von ihm so benannten »Andachtsraum« einrichten konnte: Dort hingen dann die zwei Rembrandts, der Raphael und Leonardo da Vincis Dame mit der Ratte.




»RACHE FÜR UNSERE GRAUSAMKEITEN«


Während sich ihr Vater die Zukunft genehm soff, machte seine älteste Tochter eine damals typische Reise durch ein zusammenbrechendes Reich. Am 3. Februar verfasst sie den für mich eindrucksvollsten Brief ihres Lebens, weil er nicht nur einen Blick in ihre – durch den Verlust ihrer großen Liebe, den Doktor, wie sie ihn im Brief nennt – verwundete Seele gibt, sondern auch die damaligen Zustände und Menschen glänzend beschreibt:

Meine liebe Mutti!

18 Tage habe ich nun auf der Eisenbahn zugebracht. Für Strecken von 100 km waren wir 3 Nächte und 2 Tage unterwegs. Wir hatten ein Öfchen im Abteil, und die nötigen Kohlen klauten wir uns dazu. Alle Fenster waren kaputt, und wir verbauten die Fensterhöhlen notdürftig mit Matratzen. Während der ganzen Fahrt kamen wir nicht aus den Mänteln, und Waschgelegenheiten konnten nur selten aufgetrieben werden. So wurden wir mit der Zeit die reinsten Mohren. Als wir endlich an unserem Bestimmungsort anlangten und eine ganze Nacht auf den zugigen Bahnsteigen als Gepäckwachen zugebracht hatten, stürzten wir dann sofort in die nächste Fabrik, um uns dort im Waschraum wieder halbwegs zu reinigen. Noch nie bereiteten mir heißes Wasser und Seife und anschließend frische Wäsche solche Freude und riefen in mir ein so wohliges leichtes Gefühl hervor, wie damals. Nach nochmaligen langen Warten konnten wir endlich todmüde unser Quartier beziehen, und nachdem wir unsere Strohsäcke gestopft hatten, schliefen wir – viel, mehr wollten wir schlafen, denn in dieser Nacht kamen unangemeldet Verwundete in unsere Schule, und wieder hieß es packen und zum Bahnhof marschieren. So geht es immer hin und her, und langsam rücken wir immer näher der Heimat. Von Vati erhielt ich einen Brief. Er ist glücklich in Seichau gelandet, und ich war so froh, dass es ihm gut geht. – Ach Mutti, ich bin so unglücklich! Vom Doktor habe ich noch keine Nachricht. Ich weiß gar nichts von ihm. Posen ist eingeschlossen. Die Stimme des Radiomannes ist mir furchtbar: »Die Besatzung Posens verteidigt heldenmütig!« Ach, liebe Mutti, ich bin so traurig, an nichts anderes kann ich mehr denken. Ich hab ihn ja so lieb! Überall hier ist Elend und Flucht – wie überhaupt nirgends etwas Tröstliches zu finden ist. Keine Arbeit haben wir. Immer nur rumsitzen und denken müssen. Ach ich möchte nur noch einmal seine liebe Stimme hören, aber ich weiß ja recht gut, dass auch, wenn ihm nichts passiert, zwischen uns alles aus ist. – Ich kann meine Kameradinnen nicht verstehen, während ich heulen könnte und verzweifle, nicht nur wegen meines persönlichen Kummers, so sitzen jene und lachen, rennen ins Kino und flirten mit Soldaten. Vielleicht wäre es besser, auch so zu sein wie sie, über einem letzten Rausch noch einmal das Leben in vollen Zügen zu genießen und die Gegenwart zu vergessen. Aber ich kann es nicht. Ich kann auch nicht mehr beten, was kann und darf Gott uns helfen. Eine sehr einstimmige Meinung herrscht hier über die Folgen und Ausmaße des jetzigen Krieges, besonders sehen alle darin die Rache für unsere Grausamkeiten den Juden gegenüber. Man wundert sich sehr. Sie rufen Heil Hitler!, hören gespannt die Hitlerreden, und die meisten von ihnen haben doch einen sehr klaren Blick. Vor einigen Tagen ging das Gerücht, wir würden alle auf Nimmerwiedersehen entlassen werden. Aber es stellte sich dann heraus, dass wir zum größten Teil gar nicht nach Hause fahren können, da die Russen zwischen uns und der Heimat stehen. Ich bin gar nicht weit von Seichau entfernt, aber ich darf nicht zu Vati fahren und möchte es auch nicht sehr gern. Ich könnte nicht mit Vati jetzt über Dinge sprechen, die mich nicht im Geringsten mehr interessieren. Mein einziges Ziel, auf das all meine Gedanken gerichtet sind, ist nur noch, den Doktor und Euch alle noch einmal gesund beisammen zu sehen und eine glückliche Zukunft vor Augen bei Euch sein zu können. Ich bin völlig verlaust und sehr erkältet. Aber das alles ist ja so nebensächlich.

Ich umarme und grüße Dich herzlich

Deine Sigrid

Der für mich erschreckendste Satz ist dieser: Eine sehr einstimmige Meinung herrscht hier über die Folgen und Ausmaße des jetzigen Krieges, besonders sehen alle darin die Rache für unsere Grausamkeiten den Juden gegenüber.

Da ist kein: Und stell Dir vor, Mutti, die sagen hier, wir hätten den Juden was angetan! Weißt Du davon was?

Nein, die Kenntnis wird vorausgesetzt – weil sie es alle wussten hierzulande! Erst nach der totalen Kapitulation am 8. Mai 1945 setzte die große Verdrängung ein, die bis heute unsere Psyche schlaucht und mich meinen Volksgenossen gegenüber sehr misstrauisch gemacht hat.

Schon einen Tag vor Sigrids Brief ist Hans Frank, aus Bad Aibling von seiner Lilly kommend, in Neuhaus am Schliersee eingetroffen und hat im Josefstal seine neue Dienststelle bezogen. Wo er auch wohnt. Brigitte erfährt es, auch wir Kinder wissen es. Ich kann mich allerdings nicht mehr daran erinnern. Gitti und Michel, 8 und 10 Jahre alt, leiden: Der Vater lebt in zwei Kilometer Entfernung und will uns nicht mal sehen!

Zunächst muss er dort für seine wohnliche Ausstattung sorgen. So schreibt sein Kunstbeauftragter Palézieux an einen Herrn Sylvester Hupfloher in München am 21. Februar 1945: Ich fordere Sie hiermit auf, folgende in Ihrer Verwaltung befindlichen Gegenstände aus dem Besitz des Herrn Generalgouverneurs jederzeit zur Abholung durch einen von ihm Ermächtigten bereitzuhalten.

Ein Radioapparat, italienisches Fabrikat

Eine Auto-Pelzdecke, gezeichnet H.F.

Ein Herrenfahrrad mit elektronischer Beleuchtung

Ein Damenfahrrad

Eine holzgeschnitzte Figur (Johannes)

Ein Kruzifix aus Metall

Ein Kraftfahrzeugbrief

Eine Kraftfahrzeugzulassung

Ein Kraftfahrzeugschein und

zwei Schlüssel von dem PKW I Ost 10. Außerdem den Schlüssel zur Reichsautobahn München-Sauerlach, den Sie seinerzeit gegen Quittung erhalten haben.

Das gibt’s doch nicht! Einen Schlüssel zur heutigen A 8! Was gäb’s heutzutage für endlose Warteschlangen! Vor allem, wenn der vor einem sagt: »Ich hab’ meinen Autobahnschlüssel vergessen – kann ich ganz dicht hinter Ihnen mit durchwitschen?«

Am gleichen Tag setzt sich Vater selbst hin und lässt wieder etwas aus einer inneren Kälte raus, das mich noch heute verletzt:

Liebe Mama!

Ich bin nunmehr nach Überwindung kolossaler Schwierigkeiten in Neuhaus bei Schliersee, Josefstalerstraße 12, Haus Bergfrieden, untergekommen und habe mir hier eine kleine Dienststelle errichtet. So ist also nun zurzeit das schöne Generalgouvernement mit allem dahin.

Ich bin fest überzeugt, dass wir den Ansturm der Russen überwinden werden und dass dann bald eine glücklichere Zeit kommt. Drum Kopf hoch und mit Vertrauen weitermarschiert.

Norman wird voraussichtlich in den nächsten Tagen einrücken. Er befindet sich zurzeit mit den anderen Kindern am Schoberhof. Dort herrscht dicke preußische Luft. Ich fahre heute Abend wieder einmal auf einige Tage nach Aibling zur alten Lilly, mit deren Mann ich zurzeit fast besser stehe wie mit ihr selbst. So komisch ist das Leben. Lilly ist ein lieber herziger Mensch und hat mich mit aller Güte und Fürsorge aufgenommen. Sie ist mir im Innersten aufs herzlichste verbunden. Aber Du weißt ja, sie hat es auch mit mir sehr schwer. Aber Rache muss sein, hätte sie mich vor 25 Jahren geheiratet, wäre alles gut, auch für sie.

Mutter bettelt für die gemeinsamen Kinder um einen Besuch, er will die dicke preußische Luft partout nicht inhalieren, lebt wieder Mal, wie Mutter ihm schon mehrmals vorgeworfen hatte, nur seinen Trieben. Wobei die sich jetzt mehr auf Lillys Ehemann zu richten scheinen. Der Arme hat sich von ihrem Nazi-Bonzen-Geliebten schon seit zwei Jahren mit seltenen Briefmarken bestechen lassen.

Bis zum 1. März wird er sich dort verlustieren. Bevor er sich nach Bad Aibling begibt, schreibt er am Abreisetag noch seinem Freund Othmar Schrott-Vorst, dem Bildhauer mit besten Kontakten zu den Nazi-Machthabern:

Lieber Othmar!

Ich selbst habe nunmehr nach dem schrecklichen Angriff der Russen gleichsam über Nacht Krakau und Kressendorf verloren. Ich habe nunmehr in Neuhaus bei Schliersee, Josefstalerstraße 12, Haus Bergfrieden, eine Ausweichstelle bezogen, wo ich meine Abschlussarbeiten vollführe. Du würdest, wenn Du einmal hierherkommen solltest, viele alte Bekannte von Krakau und Warschau wiedersehen. Meine Tochter Sigrid ist als Schwester des Roten Kreuzes in einem Kriegslazarett tätig. Norman, der mit 16 Jahren das wehrfähige Alter erreicht hat, wird in den nächsten Tagen einrücken. Den drei kleinen Kindern geht es gut, sie leben am Schoberhof, den Du ja kennst.

Mit freundlichsten Grüßen, in der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen, zumindest aber auf einen Brief von Dir, bin ich in alter Verbundenheit

stets Dein

Hans






Der Wawel – die Burg in Krakau, Hans Franks Dienstsitz.






Hans Franks Wochenend Schloss Kressendorf mit Hakenkreuzfahne.

Kein »leider« für Sigrid, keines für Norman, dafür hohe Worte für sich selbst. Er beendet nicht seine Abschlussarbeiten, nein, er vollführt sie.

Mit poetisch gespitzten Lippen reimt er an seinem »Bergfrieden« Schreibtisch zu Sigrids 18. Geburtstag am 17. März 1945:

Frühling 1945

von

Hans Frank

Die Blüten leuchten auch durch diese Zeit

Die Farben strahlen aus der Sonnenewigkeit –

Die Düfte linder Frühlingspracht erquicken Dich und mich

Im Glanze jungen Werdens schmückt unsere Erde sich.

Die Vögel kehren mit neuen Liedern zum frischen Grün

Und singen, was sie lernten an frohen Melodien

Sie zwitschern täglich süßer und bauen sich das Nest

Unmusikalisch knurrt Herr Winter. Hinschmilzt des Eises Rest.

Was soll doch all’ das Sprühen und Glühen der Natur?

Erscheint uns Armen aus dieser Not der Rettung Spur?

Ich will es nicht entscheiden. Gott weiß da besser Rat!

Er ist der Herr des Lebens, des Sterbens und aller Tat.

Er mag es füglich wenden, das Grauen seiner Welt

Die mitten in den jungen Tag das schwerste Elend gellt

Und doch. Und ja. Frag doch Dein Herz, oh frag!

Er kommt, er naht, der Gnaden großer Tag!

Ein Frühling soll dann werden, so frisch und neu,

Dass jeder hier auf Erden wie eine Blume sei –

Die tief verwurzelt in dem düstern Erdenschoss

Erlöst und glaubensfroh empor sich richtet schmerzenlos

Oh Mensch! Oh Kind! Die Schreckensnacht: Sie weicht!

Oh Mann! Oh Weib! Des Unheils Grauen: Es bleicht!

Erhebe Dich aus diesem Joch der tiefsten Qual

Wie eine Blüte Gottes demutsfroh zu seinem ewgen Lebensstrahl

Warum hatte er in den ersten beiden Strophen nicht so losgelegt:

Die Toten keuchen auch durch diese Zeit

Geschundne strahlen aus der Sonnenewigkeit –

Die Düfte vieler Öfen erquicken Dich und mich

Im Glanze unsres Mordens drückt unsere Erde sich.

Die Deutschen kehren mit neuen Lügen zum frischen Grün

Und singen, was sie lernten an falschen Melodien

Sie zwitschern täglich übler und bauen sich das Nest

Unmusikalisch knurrt die Wahrheit, Hinschmilzt der Juden Rest.

Und so weiter. Dass ich acht Tage zuvor sechs Jahre alt geworden war, hat ihn nicht mal zu so einem Gedichterl gereizt:

Mein gülden haariges Nikilein,

Das böse Brillentöterschwein,

Es wird nun sechse ganze Jahr,

Was sollte mich das kümmern gar?

Bin ich sein Vater – ich hoff’s nicht,

Dafür ist mir sein Hirn zu schlicht,

Nur seine Augen fürchte ich,

Am Ende gar durchschau’n sie mich!

Als Reichsminister bekam er noch immer täglich, wenn auch manchmal verspätet, eine ausländische Zeitung, in der er die Fortschritte der alliierten Armeen auf deutschem Boden verfolgen konnte. Vielleicht stand gerade an diesem Tag Neues über sein verlorenes »Reichsnebenland« drin, vielleicht gar etwas über die Vernichtungslager, für die er politisch verantwortlich gewesen war. Vielleicht war genau das der Anlass für seinen Ausbruch an kurzfristiger Ehrlichkeit gegenüber Lilly in einem Brief vom 28. März 1945: Dabei denke ich nur an das äußerliche der allgemeinen Situation, an der ich mein nicht wegdeutbares Teil grässlicher Schuld in mich täglich mehr quälender Weise aufsteigen spüre.

Einmal echt! Einmal sich geöffnet haben!




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