Steine brennen nicht
Klaus D. Biedermann


Im Jahre 2166 beginnt die Welt sich neu zu ordnen.

Grund dafür sind Katastrophen wirtschaftlicher, politischer und natürlicher Art.

Die Welt teilt sich und besiegelt die Trennung mit einem Ewigen Vertrag.

Der eine Teil lebt weiter mit dem Fortschritt der Technik und der Wissenschaften, der andere besinnt sich auf seine natürlichen Ressourcen, alten Werte und lebt in Einklang mit der Natur.

700 Jahre später begegnen sich beide Teile in Gestalt einer Frau und eines Mannes.

Der Roman beschreibt die Heldenreise zweier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können. Bei der Erfüllung ihrer Mission, in der sie Gegner sind, erhalten beide Hilfe.

Und dennoch sind sie im entscheidenden Moment auf sich alleine gestellt.

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1. Band der Romantrilogie

Steine brennen nicht – Die Siegel von Tench&apos;alin – Das Erbe von Tench&apos;alin









Inhaltsverzeichnis


Copyright (#ulink_16fe61f1-f06d-5098-9dc0-5655066fc7ab)

Danksagung (#udeca2652-a7fa-520d-a622-233e33b84f33)

Prolog (#u62f69eef-6915-52f1-8b60-00bbc9ee0a55)

Kapitel 1 (#u756b139b-d400-5e21-9cb3-dcdbddbee34b)

Kapitel 2 (#ub97328e1-3974-5381-9b7a-602c06ae30b9)

Kapitel 3 (#u1e466b29-72cc-5354-af58-39dd1ccf1c67)

Kapitel 4 (#u2e3336c5-1e91-5019-8eee-db61cd3dc411)

Kapitel 5 (#u22944049-5c3f-501c-a93e-ace5b16ad873)

Kapitel 6 (#ue2f2684c-6561-51a4-9b37-b1d1811d568c)

Kapitel 7 (#ua42c5543-4886-57ba-b4d5-5d8e59eec765)

Kapitel 8 (#u1cda894a-61f6-52fe-b0dd-c03493399238)

Kapitel 9 (#u9fecea08-8b0e-55e7-aea7-5a5a622fa816)

Kapitel 10 (#ue354d407-9b05-5f3a-88be-486d69a97f2c)

Kapitel 11 (#ue0f5796b-4dbe-52d9-8960-dea1a3e6ffdc)

Kapitel 12 (#u9a6cf49a-190e-5b2f-b279-f5005b23b099)

Kapitel 13 (#u04c0d43f-e920-5c01-b55e-21ca579210e6)

Kapitel 14 (#u8b92e8ff-774e-5806-a77b-6e6efc6785a4)

Kapitel 15 (#u2477835d-ecd7-5dbc-8de0-f51d06b6a3cd)

Kapitel 16 (#ua0b84d04-b620-5647-a429-94616d6b33ad)

Kapitel 17 (#u78288868-22bb-52aa-8674-8e9c919adf5d)

Kapitel 18 (#u09cacfa6-4827-53c3-90fc-d2b69cd55963)

Kapitel 19 (#u9ffaad7c-f3df-5669-a385-5d78ed64069c)

Kapitel 20 (#ub048c96e-0ff5-515b-9b2d-ad76b2fa3f0a)

Kapitel 21 (#u36608689-ac95-5f0c-8476-abeefe663eca)

Kapitel 22 (#u8f071ccc-3e72-55d7-957b-7bf7e1f9c757)

Kapitel 23 (#udf0b77b7-7a68-5ab3-aa25-0665d930d017)

Kapitel 24 (#u477933c3-1b28-5419-bec2-2e19f7d5f444)

Kapitel 25 (#uc2852351-ef2d-585e-8b59-61628cf8d542)

Kapitel 26 (#u8b7cc8cc-bb71-5bde-a34a-e02a23e87525)

Kapitel27 (#u3ab88729-2a79-57ee-ae11-7a98c962e9ac)

Kapitel 28 (#u14fdc30d-5fe8-578f-8640-db1b663238b5)

Kapitel 29 (#uc4d5bf2f-b27d-5fb5-9d19-f19f9314194d)

Kapitel 30 (#u5fd65eaf-54e2-541f-a915-91453dafc6f5)

Kapitel 31 (#ue2817493-4581-50c4-b343-87830370d92e)

Kapitel 32 (#ud9a35cd6-ba64-5132-8c86-59ca0f44d2f8)

Kapitel 33 (#ud0ff6561-04f9-5ebf-b35d-e1ed6c929b10)

Kapitel 34 (#ub539addc-427c-5386-b4c4-f599995010b5)

Kapitel 35 (#u7aa5ad4a-dc57-56e4-a57c-e8d808f0401b)

Kapitel 36 (#uac1fbb0c-c676-5f3e-9a44-6b3e3a7893e4)

Kapitel 37 (#u6080c703-a70f-583f-99f3-0287e204c22f)

Kapitel 38 (#u50ee9657-40e9-5e65-b874-00199da221c5)

Kapitel 39 (#u87b65039-4657-5200-9f33-8f84ca6c7939)

Kapitel 40 (#u8f43bbf5-5101-5a63-8c9d-5b3ea540741d)

Kapitel 41 (#uc0bf8142-f79f-516c-90d4-fd7bf5d5303d)

Kapitel 42 (#uf02b6307-c667-5910-baf7-63789bb85f4d)

Epilog (#u6ec4ee3e-959a-50e8-8dd7-e453610f2eea)

Personenverzeichnis (#u8238e19c-85ed-5735-b1ee-70acf8dc25f2)

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Copyright


Alle Namen in diesem Buch, auch die von Unternehmen, sind rein fiktiv.

Romantrilogie von Klaus D. Biedermann:

Steine brennen nicht - Band I

ISBN: 978-3-937883-52-6

Die Siegel von Tench’alin - Band II

ISBN: 978-3-937883-53-3

Das Erbe von Tench’alin - Band III

ISBN: 978-3-937883-83-0

eBook

(1. Auflage Printversion März 2005)

Deutsche Ausgabe: © EchnAton Verlag Diana Schulz e.K.

Gesamtherstellung: Diana Schulz

Covergestaltung: Raphaela Näger

Coverbild: ©Jack Hollingsworth/Getty Images

Lektorat: Angelika Funk

ISBN: 978-3-937883-52-6

www.echnaton-verlag.de (http://www.echnaton-verlag.de/)



Klaus D. Biedermann




Meinen Eltern und Geschwistern


Ich glaube nicht an Wunder, 

dafür habe ich zu viele gesehen. 

Oscar Wilde

Mein Dank geht an meine Frau Ingrid, die sich jeden Abend geduldig angehört hat, was tagsüber entstanden ist und die auch so mutig war, kritisch nachzufragen.

Ich danke meiner Mitarbeiterin Nicole Spitzenberg, die mir in der heißen Phase des Schreibens fast alles andere aus dem Weg geräumt hat und ich danke Diana Schulz dafür, dass sie dieses Buch verlegt.




Prolog


Im Jahre 2166 passierte die letzte große Katastrophe. Die Unterschiede zwischen Reich und Arm, den einzigen zwei verbliebenen Gesellschaftsschichten, waren unüberbrückbar geworden. In den letzten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts waren Bewohner armer Länder wiederholt an die Grenzen der Reichen vorgedrungen. Sie wollten sich das holen, was ihnen ihrer Meinung nach zustand.

Man hatte diese Länder Entwicklungsländer genannt oder auch als Dritte Welt bezeichnet, obwohl ja jedem klar gewesen sein musste, dass es nur eine Welt gab.

Von riesigen Militäraufgeboten wurden solche Invasionen zurückgedrängt. Wenn sie nicht durch Waffengewalt starben, wurden viele der Verzweifelten auf dem Rückweg Opfer des Hungers. Begonnen hatte es damit, dass Slumbewohner großer Städte Südamerikas und Asiens in die Bezirke der Wohlhabenden eingefallen und als marodierende Horden durch die Straßen gezogen waren.

Einwohner Afrikas waren in Schiffen, die diesen Namen kaum verdienten, an den Küsten Europas gelandet, um hier Asyl zu erlangen. Viele von ihnen waren tatsächlich politisch verfolgt, andere schämten sich zuzugeben, dass der Hunger sie hergetrieben hatte. Aus alldem wurde ein Flächenbrand, der sich über die ganze Erde ausdehnte.

Der Teil der Menschheit, dessen Götter Maschinen waren, hatte sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts von der Natur getrennt, sie gnadenlos ausgebeutet und damit begonnen, sie zu zerstören.

Es war zwar der kleinere Teil der Weltbevölkerung, aber der mächtigere. Diejenigen, die die Macht hatten, waren Meister der Verführung, denn sie überzeugten viele Menschen davon, dass es erstrebenswert sei, nach ihren Maximen zu leben.

Man war zum Mond und sogar weiter geflogen, aber Millionen Menschen hatten immer noch keinen Zugang zu sauberem Wasser. Die natürlichen Ressourcen der Erde waren fast erschöpft. Kriege waren um sie geführt worden. Die Verschmutzung der Umwelt trug zu massiven klimatischen Veränderungen bei.

Das Eis der Pole und der Gletscher war dramatisch geschmolzen und den Meeren zugeflossen. Die Grundwasserspiegel sanken und Trinkwasser wurde zum wertvollsten Gut. Seuchen und Hungerkatastrophen rafften große Teile der Bevölkerung ganzer Kontinente dahin. Überschwemmungen und gigantische Stürme hatten ganze Landstriche verändert. Ehemals fruchtbare Gebiete waren in Wüsten verwandelt, andere Regionen durch den Anstieg der Meeresspiegel permanent überschwemmt. Europäische und amerikanische Konzerne hatten sich vorausblickend frühzeitig die weltweiten Wasserrechte gesichert. Für die meisten Bewohner vieler Länder war das kostbarste Gut damit unbezahlbar geworden.

Die Macht hatten die Industrienationen. Deren Wissenschaft und Technik hatten sich in den letzten Jahrzehnten rasant entwickelt. Die Medizin hatte es teilweise geschafft, der Natur die Arbeit abzunehmen. Es waren aber auch neue Krankheiten entstanden. Alleine die Seuche Aids tötete bis zum Jahre 2003 mehr als 300 Millionen Menschen. Und wieder traf es überwiegend die Armen, die sich die teuren Medikamente nicht leisten konnten.

Vor alldem war man schon gegen Ende des 20. Jahrhunderts gewarnt worden, nur wollte es damals kaum jemand wahrhaben.

In ehemals gemäßigten Klimazonen nahmen Überschwemmungen zu und die Menschen dort mussten sich sogar an Orkane und Hurrikans gewöhnen. Die Medien sprachen von »Naturkatastrophen«. In Wirklichkeit aber waren es »Menschenkatastrophen«. Schon ein Jahrhundert später starben täglich mehrere Tier- und Pflanzenarten aus. Nach weiteren hundert Jahren waren 27 Prozent der Säugetiere und 19 Prozent der Vogelarten für immer von diesem Planeten verschwunden.

Wer vor den Folgen der Ausplünderung des Planeten warnte, wurde als grüner Spinner oder pessimistischer Schwarzmaler abgetan. Als Alibi wurden Tier- und Naturschutzbünde gegründet.

Das beruhigte manches Gewissen. Hinter diese Ironie blickte kaum jemand: Dass nämlich ein Teil der Natur einen anderen vor sich selbst schützte.

Es war noch eine Ironie der harmloseren Art. Eines der damals kriegerischsten Völker vergab als höchste Auszeichnung »die Freiheitsmedaille« - einmal sogar dem Papst, kurz nachdem dieser dem Präsidenten dieses Landes wegen seiner aggressiven Außenpolitik die Leviten gelesen hatte. Aber das war schon Zynismus.

Es gab Menschen, die sich gegen die katastrophalen Zustände des Ungleichgewichts auch mit extremen Mitteln wehrten. Diese wurden zu Terroristen erklärt und erbarmungslos verfolgt. Darin waren sich die Regierungen der reichen Länder einig. So spielten die Terroristen bewusst oder unbewusst diesen Machthabern in die Hände.

Die meisten Regierungen hatten im weiteren Laufe der Zeit versagt und waren durch Marionettenpolitiker ersetzt worden.

Die Menschen hatten keine wirkliche Wahl mehr, denn Wahlen wurden immer öfter manipuliert oder boykottiert. Die Drahtzieher waren die Führer bestimmter gut organisierter Gruppen.

Sie hatten ihre straff aufgebauten Organisationen über Jahrhunderte hinweg bewahren können, weil sie nicht zuletzt auch Meister in der Geheimhaltung und Verdunkelung waren. Tauchte einmal ein für das Volk verheißungsvoller Politiker auf, der nicht in die Machtinteressen eingebunden werden konnte, fand oder konstruierte man schnell etwas Anstößiges aus seiner Vergangenheit. Dies publizierte man dann in einer gewissen Weise und entledigte sich so seiner Person. War das nicht möglich, gab es ein Attentat als Endlösung.

Die Situation wurde so verzweifelt, dass immer mehr Menschen versuchten, mit irrsinnigen Attentaten auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Dadurch lieferten sie den Mächtigen erst recht Argumente, die Angst unter den Völkern zu schüren. Da bei den Anschlägen auch Frauen und Kinder getötet wurden, gesellte sich Wut zur Angst. Eine gefährliche Kombination.

Diejenigen, denen die Anschläge eigentlich galten, lebten perfekt abgeschirmt und blieben unbehelligt. Eine Handvoll Wissenschaftler, die sich im Geheimen treffen konnte, entwickelte eine Bombe, mit der es möglich sein sollte, ohne große Verluste an Leben technische Einrichtungen großflächig zu zerstören. Sie wollten die Gleichberechtigung der Völker wiederherstellen.

Die Wissenschaft selbst aber hatte die Probleme verursacht, die sie nun zu korrigieren versuchte. Ihr Größenwahn bestand darin, dass sie den Menschen versprach, alle Rätsel zu lösen und sie hatte für das meiste auch Erklärungen parat. Es existierte schon lange ein harter Konflikt mit den etablierten Religionen, der viele Menschenleben gekostet hatte - auf beiden Seiten. Die einen negierten Gott, die anderen behaupteten, sein verlängerter Arm und Sprachrohr zu sein. Beide irrten sich.

Anfang des 21. Jahrhunderts versicherte die Wissenschaft, das Geheimnis des Lebens, die DNA, entschlüsselt zu haben und belegte dies auch mit einem eindrucksvollen Ergebnis. In der DNA, einem doppelsträngigen, helikalen Makromolekül, war die gesamte Erbinformation eines Organismus codiert. Man hatte entdeckt, dass die Gene als Teil der Erbinformation für die Ausprägung einzelner Merkmale verantwortlich sind und es sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA handelt, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA enthält.

Mit einer Kombination aus den vier Buchstaben A, C, G und U konnte man ihn darstellen. Der leistungsfähigste Computer der damaligen Zeit benötigte drei Jahre, um den Code restlos zu entschlüsseln. DNA und Gene waren nun kein Rätsel mehr und der Mensch begann, Gott zu spielen. Alles schien möglich zu sein. Biotech-Unternehmen schossen wie Pilze aus dem Boden, denn hier war jetzt Geld zu machen. Zunächst sah es aus, als sei es ein Segen für die Menschheit, denn viele Krankheiten, auch Erbkrankheiten, konnten eliminiert werden. Eine weitere Folge der Genforschung war, dass Männer mit Männern, Frauen mit Frauen Kinder »zeugen« konnten. Man konnte sich für viel Geld sein »Wunschkind« bestellen. Noch einmal 50 Jahre später war Klonen gesellschaftsfähig geworden: Aus zwei sozialen wurden nun zwei genetische Schichten.

Das Wissen hatte die Weisheit schon seit langem verdrängt. Durch die Ausrottung vieler Krankheiten explodierte aber die Weltbevölkerung und was zunächst wie ein Segen ausgesehen hatte, wurde zu einer immensen Belastung. Im Jahre 2000 mussten schon drei Milliarden Menschen mehr versorgt werden als im Jahre 1970. Im Jahre 2010 noch einmal 500 Millionen mehr. Um diese Menschen ernähren zu können, mussten unter anderem riesige Regenwälder, die mächtigen Sauerstoffproduzenten, großen Agrarflächen weichen.

Die Erde wehrte sich wie ein erwachender Riese durch verheerende Beben apokalyptischen Ausmaßes gegen die Ausbeutung. Durch die Entnahme der riesigen Ölvorkommen und anderer Bodenschätze waren gigantische Hohlräume im Erdinneren entstanden, was zu Verschiebungen der Erdplatten führte. Jahrelange Atombombenversuche unter dem Meeresspiegel und im Erdinneren hatten zusätzlich dazu beigetragen.

Das alles hatte die Verschiebung der Erdachse um mehr als 20 Grad zur Folge. Dies wiederum zog weltweite Folgekatastrophen wie Orkane, Feuersbrünste, Überschwemmungen und Erdrutsche nach sich.

Die Mächtigen hatten diesen Planeten wie eine tote Masse behandelt, mit der man ungestraft machen konnte, was man wollte, und nicht wie einen lebendigen Organismus, so wie es die Naturvölker beispielsweise taten. Man hätte von ihnen lernen können. Jetzt erhielt man seine Lektion.

Mit Hilfe von Selbstmordkommandos war es schließlich gelungen, viele der neu entwickelten Bomben fast zeitgleich im damaligen China, Russland, in Europa, Asien und den USA in deren Nervenzentren zu zünden. Die Aktion wurde nicht zu dem Erfolg, den man sich gewünscht hatte, denn sie kostete wesentlich mehr Menschenleben, als beabsichtigt war. Die wichtigen Zentren waren zerstört.

Mit Bomben aber wurde noch nie Gerechtigkeit geschaffen, was man hätte wissen können, aber wohl übersehen hatte. Die Erde hatte nun Zeit, sich zu erholen, und die Überlebenden teilten und ordneten mit einem Ewigen Vertrag eine neue Welt, in der es jedem möglich sein sollte, nach seinen Vorstellungen in Frieden zu leben.




Kapitel 1


700 Jahre später, an einem Julimorgen des Jahres 2866, schickte die Sonne ihre ersten Strahlen fast waagerecht in den Wald von Elaine. Tau glitzerte, wie Diamanten an fein gewobenen Spinnennetzen aufgezogen, geheimnisvoll durch zarte Nebelschleier. Noch verschlafen zwitscherten die ersten Singvögel des großen Waldes, dessen älteste Bäume seit mehr als tausend Jahren hier wurzelten. Manche von ihnen waren hoch und stark wie Wehrtürme und so dicht belaubt, dass die Sonne nur in den Mittagsstunden bis zur Erde reichte. Riesige Farne, dichtes Unterholz und knorrige Baumhöhlen boten manchem Leben Schutz. Hin und wieder machten die Bäume einer Lichtung Platz, auf der ein kleiner See träumte - manchmal hinter hohem Schilf versteckt, auch ein idealer Platz für die Kinderstube der Wasservögel. Jetzt zogen sich die Wesen der Nacht zurück, manche satt von reichem Beutezug. Auch einige Baumelfen und Erdkobolde, verspätete Heimkehrer eines sommerlichen Waldfestes, huschten im Licht des anbrechenden Tages in ihre Behausungen.

Effel brauchte seine ganze Aufmerksamkeit, um nicht über eine der zahlreichen Wurzeln oder über Äste zu stolpern. Deswegen hatte er auch keinen Blick für die zierlichen Elfen in ihren Spinnwebkleidern oder die Kobolde mit ihren lustigen Kopfbedeckungen. Er hatte nämlich die Fähigkeit, sie zu sehen.

Die Nacht hatte er in einer mächtigen, hohlen Eiche verbracht. Das trockene Laub, das der Wind in ihrem Inneren gesammelt hatte, bot ihm ein weiches und warmes Ruhelager. Er war allerdings so müde gewesen, dass er auch auf unbequemerer Bettstatt geschlafen hätte, und er liebte es, in freier Natur zu übernachten. In der ersten Nacht seiner Reise hatte er, kaum dass er sich niedergelegt hatte, wie in tiefer Ohnmacht geschlafen und sehr lebhaft geträumt. So brauchte er jetzt etwas Zeit, in die Wirklichkeit zurückzufinden.

»Kein Wunder«, dachte er. Es war auch viel geschehen in den letzten Wochen seit Verkündung der schlimmen Nachrichten. Er musste Vorbereitungen treffen und dann hatte er seinen Rucksack mit allem Nötigen gepackt. Der Abschied von seiner Familie und seinen Freunden hatte sich lange hingezogen. Soko, dem Schmied, war sogar das Feuer fast ausgegangen, was ihm selten passiert war. Alle Dorfbewohner hatten sich auf dem Platz versammelt, um ihm Lebewohl zu sagen.

Und dann, zum Schluss, Saskia.

Er war noch eine Weile auf dem weichen Lager der Baumhöhle liegen geblieben und hatte der Dämmerung zugeschaut, die dort draußen einen neuen Tag ankündigte. Neben ihm trottete ein großer, struppiger Hund, der seinem Herrchen, wie es ja öfter vorkommt, ein wenig ähnlich sah.

Sam, ein Wolfshund, hatte noch gestern das Vielfache der Wegstrecke zurückgelegt, denn die Wildspuren waren einfach zu verlockend gewesen. Die Freude, mit von der Partie zu sein, hatte dem treuen Begleiter unsichtbare Flügel verliehen. Jetzt aber sagte ihm sein sicherer Instinkt, dass es sinnvoll sein würde, sich die Kräfte einzuteilen.

Sein ganzes Leben lang, jedenfalls soweit er sich erinnern konnte, hatte Effel auf eine solche Gelegenheit gewartet: Unterwegs zu sein und Abenteuer zu erleben. Sein Großvater hatte mehr als einmal zu ihm gesagt: »Ein Mann muss hinaus in die Welt um seinen Horizont zu erweitern. Er sollte wissen, wie andere Menschen leben und woran sie glauben. Vor allem, woran sie glauben. Fast alle Kriege vergangener Zeiten waren nämlich Glaubenskriege oder basierten auf Vorurteilen. Am besten ist, man lebt einige Zeit in der Fremde, dann wird man andere Menschen viel eher respektieren. Denn was man kennt und schätzen gelernt hat, wird man nicht bekämpfen wollen. Vorurteile sind immer auch ein Zeichen für einen Mangel an Vernunft.«

Er erzählte gerne und oft von seinen langen Reisen und konnte beschreiben wie kein anderer. Mit einer ruhigen, sonoren Stimme nahm er seine Zuhörer mit in fremde Welten, sodass sie nachher das Gefühl hatten, selbst dort gewesen zu sein. Er schloss aber stets mit dem Hinweis, dass es nicht ausreiche, seine Geschichten zu hören, sondern dass es wichtig sei, eigene Erfahrungen zu machen.

Vor zwei Monaten hatte Effel seinen 29sten Geburtstag gefeiert. Jetzt war er unterwegs, aber von solch einer Mission hatte er in seinen kühnsten Träumen nicht geträumt. Er spürte die Verantwortung auf seinen breiten Schultern. Andererseits liebte er Herausforderungen und Optimismus war eine seiner Stärken.

Die beiden kamen aus dem Wald heraus. Die Sonne wärmte schon die taufrische Erde, denn Wolken feinen Dampfes standen in den Furchen der Felder, dort wo die Ernte noch niedrig stand. Hier musste es in der letzten Nacht geregnet haben. Zur Linken dehnte sich das Ackerland über mehrere Hügelketten aus. Der Wald erstreckte sich nun zur rechten Seite. Der Weg, auf dem sie liefen, diente wohl auch Fuhrwerken, denn tiefe Spurrillen zeugten von schwer beladenen Wagen. Die Regenwolken hatten sich verzogen und es versprach, ein wunderbarer Tag zu werden.

Auf einem umgestürzten Baum nahe beim Weg gönnte sich Effel eine kleine Pause. Sam ließ sich neben ihn in das noch feuchte Gras plumpsen. Hechelnd blickte er nach oben und schien zu fragen: »Ist es noch weit?« Effel konnte seinem Hund diese stumme Frage nicht beantworten. Seinem Rucksack entnahm er ein Paket, das ihm Saskia eingesteckt hatte. Er musste lächeln, als er merkte, wie liebevoll es verschnürt war.

»Typisch Saskia«, sagte er zu Sam. Dann wickelte er zwei dick mit Wurst belegte Brote aus.

»Schau mein Alter, an dich hat sie auch gedacht, hier nimm.«

Er hielt seinem Hund ein ansehnliches Stück vor die Nase, das dieser vorsichtig nahm und ohne einmal zu kauen verschlang. Während Effel frühstückte, musste er an das denken, was ihm Mindevol, der Dorfälteste von Seringat, beim Abschied gesagt hatte.

»Niemand kann wissen, wie lange deine Reise dauern wird. Wir alle hoffen, dass du das Ziel erreichst und tust, was zu tun ist. So viel hängt davon ab. Wir sind mit unseren Gedanken bei dir und als Symbol dafür, werden wir das Feuer im Dorfhaus nicht ausgehen lassen. Du wirst sicher manche Schwierigkeit bekommen, aber du wirst auch Helfer haben. Andere Menschen, Tiere und Wesen, die du noch nicht kennst. Vertraue deinen Träumen und deiner Intuition. Beachte auch die kleinen Zeichen. Vielleicht können gerade sie dir helfen, die Mission zu einem guten Ende zu bringen. Besinne dich stets auf das, was du gelernt hast, sei aber auch offen für Neues. Hier durftest du Fehler machen und das war sogar wichtig, denn du hast aus ihnen gelernt. Dort draußen werden dir nicht viele Fehler verziehen werden.«

In Mindevols anschließender Umarmung hatten Wärme und Kraft gelegen. Der Dorfälteste hätte weder einen weißen Bart noch weiße Haare haben müssen, seine Weisheit leuchtete aus den braunen Augen. Es tat Effel gut, sich daran zu erinnern. Während er fertig aß, schleckte der durstige Sam den restlichen Tau von den Gräsern. Die Sonne stieg allmählich in einen wolkenlosen Himmel.




Kapitel 2


In einem anderen Teil der Welt, mehrere tausend Meilen weiter östlich, erwachte Nikita Ferrer aus einem kurzen Schlaf. Seitdem man die Wachpillen an jedem Straßenkiosk kaufen konnte, schlief sie manchmal nur noch zwei bis drei Stunden, meist traumlos. Wenn sie einmal träumte, war das so intensiv, dass sie nach dem Aufwachen eine Zeitlang brauchte, um in die Realität zurückzukehren. Es war meist der gleiche Traum und sie konnte absolut nichts damit anfangen.

Mit dem Aussprechen des Wortes »Frühstück« setzte sie eine leise und genau aufeinander abgestimmte Küchenmaschinerie in Gang. Jetzt hatte sie Zeit, sich frisch und für einen langen Arbeitstag fit zu machen. Sie räkelte sich und genoss noch für einen kurzen Augenblick die Wärme ihres Bettes. Vor 19 Uhr würde sie wieder nicht aus dem Bunker kommen, wie sie insgeheim die Firma nannte. Sie hatte sich schon oft gefragt, wie die Menschen es früher wohl geschafft hatten, all diese zeitraubenden Verrichtungen wie die Zubereitung eines Frühstücks oder die einer anderen Mahlzeit zu erledigen. Dann noch zu arbeiten und Zeit für Hobbys zu haben, erschien ihr nahezu unmöglich. Kein Wunder, dass es damals soweit kommen musste. Inzwischen schrieb man das Jahr 2866, jetzt war alles in Ordnung und sie war stolz darauf. Vieles, allem voran ihre Stadt, musste damals wieder aufgebaut werden. Und es wurde schöner als je zuvor.

Nikitas Welt hatte sich technisch so weit entwickelt, dass das Leben äußerst angenehm war. Es war praktisch für alles gesorgt. Den Haushalt und vieles mehr erledigten Computer und geschickte Roboter.

Die Forschung hatte neben den inzwischen genetisch perfekten Lebensmitteln auch die synthetische Nahrung weiterentwickelt, die schon früher in der Raumfahrt Verwendung gefunden hatte.

Jeder Mensch hatte von Geburt an einen kleinen Chip im Körper, der genauestens berechnete, was gerade an Nährstoffen benötigt wurde. Die Mahlzeiten wurden in computergesteuerten Küchen zubereitet. Der Chip konnte sogar noch mehr.

Über ihn, ein Mini-Genlabor, war man mit der nächsten Klinik verbunden. Ständig wurden alle Körperdaten überprüft und man wurde informiert, wenn etwas nicht stimmte. Inzwischen waren auch die meisten Organe austauschbar, wenn sie verbraucht waren - und zwar aus der eigenen Organbank.

Die Geburtenkontrolle, die durch die enorm erhöhte Lebenserwartung nötig geworden war, wurde strikt eingehalten. Die Kleidung, die die Menschen in diesem Teil der Erde trugen, war meist synthetisch. Im Laufe der letzten Jahrhunderte hatten sich die Allergien so weit verbreitet, dass jeder peinlich darauf achtete, weder mit Staub noch anderem Schmutz in Berührung zu kommen.

Die politische Landschaft war übersichtlich geworden. Es gab eine Senatsregierung, die von einem Präsidenten angeführt wurde. Als Modell hierfür hatte die Staatsform des antiken Roms gedient. Der Präsident wurde alle drei Jahre direkt vom Senat ernannt und er bestimmte dann seinen Stellvertreter. Die Senatoren wurden vom Volk gewählt. Das Staatsoberhaupt, das seit acht Jahren diesen Teil Welt regierte, hieß Dean Wizemann.

Kirchliche Institutionen gab es schon lange nicht mehr. Sie waren durch die letzten Glaubenskriege aufgerieben und ihre Priester in den Untergrund getrieben worden.

Zur anderen Hälfte der Welt bestand kein Kontakt, so wie es damals durch den Ewigen Vertrag besiegelt worden war. Im Bewusstsein der Menschen hier existierte eine andere Welt, wenn überhaupt, nur noch am Rande. Man kümmerte sich einfach nicht darum, wohl auch, weil sie so weit entfernt war.

Nikita hatte zu Beginn ihres Studiums einige Vorlesungen in Geschichte besucht. Daher wusste sie etwas mehr über diese längst vergangenen Zeiten und den Ewigen Vertrag, wenn es ihr auch schwer fiel nachzuvollziehen, wie es dazu kommen konnte. Fasziniert hatte sie die logistische Meisterleistung der Menschen der damaligen Zeit. Durch die Teilung der Erde war eine unvorstellbare Umsiedelungsaktion nötig geworden.

Immerhin hatte man nur ein Jahr Zeit sich zu entscheiden, in welchem Teil der Welt man leben wollte. Diese Entscheidung war nicht mehr rückgängig zu machen. Es hatte zwar immer Völkerwanderungen gegeben, aber diese war sicherlich die größte gewesen. Nikita war wirklich froh, in ihrer Zeit zu leben.

Nach einer heißen Dusche kleidete sie sich an, wie meist ganz in Schwarz, und setzte sich an den kleinen Tisch in der Küche.

Während sie ihren heißen Kaffee trank, schweiften ihre Gedanken noch einmal zum gestrigen Abend, den sie im Kreis von Kollegen in Tonys Bar verbracht hatte. Die Gespräche hatten sich wieder einmal ausschließlich um die Firma gedreht, was kein Wunder war, denn Tonys Bar lag fast um die Ecke.

Dr. Will Manders, ein Kollege aus einer anderen Abteilung, spekulierte auf den frei gewordenen Posten eines Abteilungsleiters und gab den ganzen Abend über damit an, warum er für diesen Job die beste Wahl sei. Sein Fleiß und seine Forschungsergebnisse konnten an oberster Stelle einfach nicht übersehen werden, meinte er selbstsicher. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass er vor allem wegen ihr so angegeben hatte. Das war wahrscheinlich etwas, was sich nie ändern würde, dachte sie bei sich. Selbst intelligente Männer mussten wohl einer ebenbürtigen Frau zeigen, dass sie besser waren. Komisch fand sie, dass diese Männer scheinbar nicht merkten, dass sie sich gerade dadurch kleiner machten, als sie waren.

Dabei war Will eigentlich ein ganz netter Kerl, der auch noch gut aussah. Erst vor zwei Tagen hatte ihre beste Freundin, Chalsea Cromway, sie wieder einmal auf Will angesprochen: »Nick«, hatte sie gesagt, »ich verstehe dich einfach nicht, wie du ohne Kerl leben kannst. Immer nur arbeiten kann doch nicht gesund sein. Schau dich an, du bist jung, du siehst gut aus und die Männer fliegen auf dich. Will ganz besonders, das sieht ein Blinder im Dunkeln. Vergiss Jan endlich! Eure Trennung ist über ein Jahr her und besonders gut behandelt hat er dich vorher auch nicht immer, wenn du mich fragst.«

»Ich frage dich aber nicht«, hatte Nikita schnippisch geantwortet, denn sie mochte es nicht, an einem wunden Punkt berührt zu werden und die Trennung von Jan, ihrer Studentenliebe, war ein wunder Punkt. Sie wusste selbst, dass sie ihren Teil dazu beigetragen hatte. Oft genug hatte Jan sich beschwert, dass sie zu wenig Zeit miteinander verbrachten, seitdem sie bei BOSST arbeitete. Jan schien zu übersehen, dass sie keine Studentin mehr war, sondern einen Beruf hatte, der besonders zu Beginn ihre Zeit mehr beanspruchte, als ihr selbst oft lieb war. Wenn sie dann abends geschafft war von der Arbeit, traf sie sich manchmal dennoch mit ihm, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte.

Dass diese Abende nicht das sein konnten, was sich beide wünschten, war ihr im Nachhinein auch klar geworden. Insgeheim warf sie ihm außerdem vor, nicht an einer Karriere zu arbeiten, so wie sie es tat. Ihm schien die Assistentenstelle als Arzt in der städtischen Klinik zu genügen.

Nikita gehörte mit 27 Jahren zu den jüngsten Bewohnern im Donald-Crusst-Tower, dem mit seinen 900 Metern höchsten Gebäude der Stadt. Normalerweise konnten es sich Leute ihres Alters nicht leisten, in diesem Gebäude, das den Namen des ersten Präsidenten der neuen Weltordnung trug, zu wohnen.

Der Tower aber war Eigentum der Firma. Mitarbeitern, von denen man sich viel versprach, wurden hier Wohnungen zu äußerst günstigen Preisen vermietet. Es war also ein Privileg, hier zu wohnen. In den 20 unteren Stockwerken, wie auch in mehreren Etagen des mittleren Bereiches, hatten sich die teuersten Geschäfte der Stadt angesiedelt. Es gab außerdem Arztpraxen, Wellnesszentren, Fitnessparks, Cafés und Restaurants und viele Firmen hatten hier einen Geschäftssitz. Alleine die Tiefgaragen des Towers reichten 300 Meter unter die Erde.

Nach dem Frühstück, das neben dem schwarzen Kaffe, ihrer Absage an alle Gesundheitsapostel, aus einem nährstoffreichen Brei und einer mit einer grünen Paste bestrichenen Scheibe Vollkornbrot bestand, setzte Nikita ihre neue Multifunktionsbrille auf und verließ ihr Apartment. Die Brille war das erste Projekt, an dem sie mitgearbeitet hatte, leider nicht am Design. Sie stand ihr nicht, wie sie fand, aber ihr Chef hatte wegen der vielen hilfreichen Funktionen darauf bestanden, dass sie sie trug. Wenn nicht dieser breite Steg am oberen Rand gewesen wäre, hätte sie ausgesehen wie eine ganz normale Sonnenbrille. Professor Rhin war besonders stolz auf seine neueste Entwicklung. Sie brachte dem Unternehmen schon jetzt viel Geld ein, was natürlich auch den anderen Forschungsprojekten zugute kam.

Sie betrat die Parkbox neben ihrer Wohnung im 80. Stockwerk, orderte über ein Mikrofon ihren Wagen und wartete. Eine Minute später kündigte ein leises Zischen an, dass ihr Auto jeden Moment aus den Tiefen der Erde hier oben neben ihr erscheinen würde.

Sie hatte gerade in ihrem neuen Coupé Platz genommen, als sich auch schon die Boxentür geräuschlos öffnete. Draußen floss der Verkehr fast lautlos vorüber und der Zubringer, auf dem sie gleich zu einer der Straßen fahren würde, fuhr langsam aus.

Fünf Fahrwege führten in unterschiedlichen Höhen am Donald-Crusst-Tower vorbei. Das schwarze Automobil, das inzwischen seinen Namen wirklich verdiente, setzte sich nach einem kurzen Sprachkommando Nikitas geräuschlos in Bewegung, um sich reibungslos in den fließenden Verkehr 300 Meter über der Erde einzureihen. Sie betätigte einen kleinen Knopf am rechten Brillenbügel und gleich darauf wurden ihr die neuesten E-Mails angezeigt. Neben den üblichen Werbemails, die sie umgehend wieder löschte, las sie auch eine Nachricht von Chalsea Cromway auf dem Schirm. Sie hatte für den Abend einen Tisch in irgendeinem angesagten Lokal bestellt und wollte die Verabredung für 20:00 Uhr bestätigt haben. Eine andere Nachricht kam von ihrem Chef, der dringend um eine sofortige Unterredung bat. Worum es ging, schrieb er nicht.

Die Nachricht musste sehr wichtig sein, denn Nikita wäre in einer Stunde ohnehin an ihrem Arbeitsplatz gewesen. Daher beschloss sie, direkt in die Firma zu fahren und nicht, wie geplant, zu ihrem Friseur. Die Haare mussten warten.

Ihr Chef war ein Pünktlichkeitsfanatiker und außerdem besessen von seiner Arbeit. Von seinen Mitarbeitern erwartete er ebenfalls höchsten Einsatz. Schon im Einstellungsgespräch hatte er auf die Respektlosigkeit hingewiesen, die seiner Meinung nach hinter Unpünktlichkeit stand und wenn er »sofort« sagte, dann meinte er auch »sofort«.

»Typisch«, dachte sie, »da will ich mal etwas für mich tun und wieder gibt es Wichtigeres. Sicher kann ich den Friseur vergessen und Chal wird mir heute Abend eine ihrer Standpauken halten.«

Nach einem neuen Kommando bog ihr Wagen in die nächste Seitenstraße ab. »In fünfzehn Minuten erreichen Sie Ihr Ziel«, meldete eine angenehme Stimme aus dem Lautsprecher.

Zeit, um nachzudenken.

Unmittelbar nach dem Studium, das sie an einer renommierten Universität »summa cum laude« abgeschlossen hatte, und zwar in den zwei Fächern Physik und Verhaltenspsychologie, wurde ihr die Stelle bei BOSST, einem bedeutenden Institut, angeboten.

Fast jeder ihrer Kommilitonen hätte einiges darum gegeben, in diesem Unternehmen eine Anstellung zu finden. Professor Rhin selbst hatte mit ihr gesprochen, da sie ihm schon während seiner Gastvorlesungen und in Seminaren als intelligente, willensstarke Frau aufgefallen war. Die Anstellung bei BOSST ermöglichte ihr jetzt auch das Wohnen in einem der modernsten Tower der City.

Was kaum jemand wusste, war, dass BOSST, das Institut für Biophysik und Energiegewinnung auch noch einem anderen Zweck diente. Der eigentlich wichtigere Komplex des Institutes lag 25 Stockwerke unter der Erde und war gegen jeden erdenklichen unbefugten Zugang optimal abgesichert.

Da die Menschen von ihrer Geburt an überwacht wurden, war man ganz oben darüber unterrichtet, dass Nikita Ferrer »sauber« war. Man wusste sogar noch mehr von ihr. Der Teil, den man nicht überwachen konnte, lag für sie selbst noch im Dunkeln.

BOSST hatte erreicht, wovon viele andere Firmen nur träumen konnten. Man arbeitete und forschte zum Wohle der Menschheit und konnte Ergebnisse vorweisen, die keinen Zweifel an der Lauterkeit des Unternehmens aufkommen ließen. Es war sogar so, dass man dem Unternehmen seinen immensen Reichtum gönnte, nicht zuletzt weil BOSST sich im sozialen Bereich großzügig engagierte. Offiziell arbeiteten bei BOSST 7500 Menschen und damit war die Firma der größte Arbeitgeber der Stadt. Zahlreiche Erfindungen und Entwicklungen des Unternehmens hatten das Leben für die Menschen leichter und angenehmer gemacht. Das Mini-Genlabor und der praktische Identitätserkennungs-Chip, kurz IDC genannt, waren nur zwei Beispiele der zahlreichen Erfindungen.

Nikita war stolz, in Professor Rhins Arbeitsgruppe zu sein. Ihr Chef zählte wohl zu den angesehensten Forschern auf diesem Planeten und für seine Anerkennungen und Preise brauchte er sicherlich zu Hause einen eigenen Raum. Obwohl mancher daran zweifelte, dass der Professor überhaupt ein Zuhause hatte, soviel wie er arbeitete. Jedenfalls hatte er ein Apartment in der Firma. Nikita mochte ihren Chef und sie merkte, dass auch er sie mochte. Sie war direkt nach ihrer Einstellung in sein neuestes Projekt involviert worden und musste sich nicht mit irgendwelchen langweiligen Routinearbeiten herumschlagen, so wie es neue Mitarbeiter meist tun mussten. Man testete so deren Frustrationstoleranz und Durchhaltevermögen. Sie wusste nicht, dass der Professor darum gebeten worden war, sie unter seine Fittiche zu nehmen.




Kapitel 3


Sam war eingeschlafen und ein leichtes Zucken seiner Pfoten deutete einen Traum an. Vielleicht war er gerade hinter einem Hasen her. Effel gönnte seinem Hund den Traum. Er wusste, dass er nur mit einem Schokoladenpapier leise rascheln musste, um seinen Sam auf Anhieb hellwach vor sich sitzen zu sehen. Er musste schmunzeln. Schokolade war das Höchste für Sam. Dann schweifte seine Erinnerung wieder zum Abschied von Mindevol.

»Ich weiß, dass die Kraft deiner Jugend dich treiben wird«, hatte er hinzugefügt, »und du sollst diese Kraft auch genießen, denn sie befähigt dich ja für diese Aufgabe. Sie wird dich manches Mal überreden, schnell zu sein, aber dabei kann man Wesentliches übersehen. Denke an die goldene Regel: Schritt für Schritt, denn das, was dich für eine Aufgabe befähigt, muss noch nicht das sein, was dich diese Aufgabe auch lösen lässt.«

Effel erinnerte sich gut an diese Regel, denn er hatte sie von Mindevol immer wieder gehört.

Sam befolgte sie in seinem Traum offensichtlich nicht, denn ab und zu fiepte er aufgeregt und seine Pfoten zuckten immer wilder. Effel gönnte seinem Hund die Jagd.

Er lehnte sich, auf einen Arm gestützt, zurück und sah über sich am Himmel zwei Bussarde gemächlich ihre Kreise ziehen.

»Sie sind so aufmerksam«, ging es ihm durch den Kopf, »und es entgeht ihnen nichts.« Dass man in Ruhe mehr sah, wusste er, denn er hatte es schon oft erlebt, besonders bei der Jagd. Er hatte gelernt, dass es sinnvoller war, sich auf einen Hügel zu setzen und den Blick ruhig umherschweifen zu lassen, als in der Ebene hinter jedem Busch nach dem Wild zu suchen. Aber er konnte auch ganz anders sein. Er verglich sich selbst manchmal mit dem »Ritter der Schwerter« aus Mindevols Tarotdeck, einem alten Kartenorakel mit zahlreichen bunten Abbildungen. Hin und wieder hatten sie das alte, abgegriffene Kartenspiel aus der Truhe in Mindevols Zimmer geholt, das blaue Ledertuch aufgeschlagen, die Karten gemischt und den »Geist des Tarots« befragt, wie der Alte sich auszudrücken pflegte. Der Ritter der Schwerter tauchte bei Effels Fragen des Öfteren als Antwort auf. Das Bild auf der Karte zeigte einen Ritter mit gezogenem Schwert, der sich über den Hals eines nach vorne stürmenden Pferdes lehnte. Das Visier weit offen, schien er vor nichts und niemandem Angst zu haben. Ringsherum standen von Sturm gepeitschte Bäume. Dieser Ritter war der einzige der vier Ritter des Tarots, der wild entschlossen nach vorn blickte und kein Auge für rechts oder links hatte.

Mindevol liebte dieses Kartenspiel. »Ein Bild sagt mehr als tausend Worte«, hatte er damals erklärt, als er Effel in das Spiel einwies.

Die entschlossene Zielstrebigkeit des Ritters der Schwerter hatte ihm aber auch schon so manches Mal geholfen. Als Effel den Bussarden nachschaute, dachte er an das, was er zurückgelassen hatte. Er hatte den Ort seiner Kindheit und Jugend verlassen, um eine Mission zu erfüllen, von deren Ausgang sehr viel abhing – nicht nur seine eigene Zukunft. Dabei wurde er beseelt von einer unbekannten, tiefen Sehnsucht und dem absoluten Glauben an das Gelingen seiner Aufgabe. Dies hatte ihn von seinen Freunden immer unterschieden, ihm aber letztlich auch den Vorrang gegeben. Er war vom Ältestenrat des Dorfes für diesen Auftrag ausgewählt worden.

Er ließ die Menschen zurück, unter denen er geboren und aufgewachsen war und die er liebte, allen voran seine Familie und Saskia. Sein Dorf Seringat in dem Tal Alur, dem Zentrum des Geschlechtes der Kuffer, und vielleicht musste er auch Flaaland, seinem Vaterland, eines Tages den Rücken kehren.

Sein eigenes Haus, das seit einem halben Jahr fertig war und das er mit Hilfe seiner Familie und Freunde gebaut hatte. Wie stolz war er gewesen, seine Gäste durch das fertige Haus führen zu können. Dabei war es eher Zufall, dass das Haus da stand, wo es stand.

Als er nämlich einmal mit Sam auf einem ihrer Jagdstreifzüge durch die Wälder von Seringat unterwegs war, stieß er auf einen Granitfindling, der sechs Meter lang und teilweise unter der Erde begraben war. Eigentlich war es der Hund gewesen, der ihn bei der Verfolgung eines Ebers in das dichte Unterholz geführt hatte. Der Findling war mit Ästen der umstehenden Bäume, von Gestrüpp und Brombeeren dicht überwachsen, deswegen wohl hatte ihn niemand zuvor entdeckt. Als er den Stein näher untersucht hatte, stellte er fest, dass dieser perfekt lotrecht war und wie eine Hauswand aussah. Augenblicklich hatte er das Bild seines Hauses an diesem Platz vor seinem inneren Auge.

Die Entdeckung rettete dem Eber wahrscheinlich das Leben.

Effel war ganz begeistert direkt zu seinem Bruder, bei dem er noch wohnte, zurückgekehrt und da seine Freude ansteckend war, hatten die beiden gleich mit der Planung begonnen. Der Zeitpunkt war genau richtig, denn Julia, seine Schwägerin, war im vierten Monat schwanger und der Raum würde bald benötigt werden. An den Findling fügte er sein Haus an und er hatte von dort einen guten Blick auf sein Heimatdorf. Er liebte diesen Platz in der Nähe des Waldes. Die große offene Feuerstelle neben dem Kachelofen, den er direkt an den Findling angebaut hatte, war seine beste Idee gewesen, wie er fand.

Da die anderen Zimmer des Hauses auf zwei offenen Ebenen angelegt waren, heizte der Ofen alle Räume. Nur in seinem Schlafzimmer hatte er einen zweiten Kamin eingebaut. Er selbst gelangte im ersten Stockwerk auf der Empore mit ihrem kunstvoll geschnitzten Geländer in die Zimmer. Da er einmal Kinder haben wollte, hatte er groß genug gebaut. Sein Bruder Jobol, der inzwischen die Schreinerei des Großvaters weiterführte, hatte das Geländer angefertigt. »Das ist mein Einzugsgeschenk «, hatte er gesagt, nachdem er es angebracht hatte. In diesem Sommer hatte er vorgehabt, den Garten anzulegen, doch das musste jetzt warten.

Der Abschied von Saskia war bitter gewesen und schwerer noch als der von seinen Eltern, Geschwistern und Freunden. Sie hatte ihn gestern noch ein Stück begleitet. Hätte sie entscheiden können, wäre sie mitgekommen, aber der Rat hatte sie nicht gelassen. Hand in Hand waren sie schweigend nebeneinanderher gegangen, mit der Schwere des Abschieds und der Ungewissheit seiner Wiederkehr belastet. Als er aus einem Augenwinkel heraus ihre Tränen bemerkte, sagte er: »Es wird alles gut gehen, du wirst sehen, ich komme heil zurück.« Aber sie kannte ihn zu gut, deswegen hatte sie auch nicht die Unsicherheit in seiner Stimme überhört. »Ich würde es so gerne glauben«, gab sie mit gefasster Stimme zur Antwort, »ich werde mit meinen Gedanken bei dir sein und dir Kraft schicken.«

»Was soll dann noch schief gehen?«, versuchte Effel die Schwere aus der Szene zu nehmen, merkte aber gleich, dass es nicht ganz passend war. Er legte einen Arm um seine Freundin und zog sie enger an sich heran.

»Auch ich werde an dich denken, Saskia, du bist in meinem Herzen. Das wird mir Kraft geben, da bin ich mir sicher.« Im gleichen Moment flogen zwei Tauben von einem Baum in der Nähe auf, flogen ein Stück gemeinsam und trennten sich dann.

Effel hoffte, dass Saskia das nicht bemerkt hatte, denn auch sie hätte sicherlich ihre Schlüsse daraus gezogen. Wenn, so ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken.

»Danke Effel, für all die schönen Momente in meinem Leben. Du hast mir so viel gegeben und das werde ich bewahren, egal was passiert.«

Am Rande des Moores, in dem die Dorfbewohner ihren Torf stachen, nahmen sie in einer langen und innigen Umarmung wortlos Abschied. Dann streichelte Saskia Sam über den Kopf.

»Du passt gut auf ihn auf, nicht wahr, Sam?«Wie zur Bestätigung sprang der Hund an ihr hoch, wobei sie sich in Augenhöhe gegenüberstanden. Dabei berührte er ihr Gesicht mit seiner Schnauze, wie zu einem Abschiedskuss. Dann stellte er sich dicht neben Effel. Noch ein langer Blick, dann nahm Effel seinen Rucksack auf und folgte dem Hund, der schon losgelaufen war. Er war sich sicher, auch Saskia würde sich nicht mehr umdrehen.

Jetzt war er nicht mehr aufzuhalten und er hatte auch vorher nicht einen Augenblick daran gedacht, einen Rückzieher zu machen. Die Reise hatte begonnen und er konnte nicht wissen, ob er je zurückkehren würde. Er würde sein Bestes geben, denn er liebte Flaaland.

Im Norden wurde es beschützt durch das Agillengebirge, aus dem der mächtige vierzackige Gork herausragte und das im Frühjahr die noch kalten Nordwinde abwehrte. Im Westen bildete das Meer mit seinen steilen Küsten eine natürliche Grenze. Große Teile Flaalands waren vor vielen hundert Jahren noch eine Insel gewesen. Das Land war fruchtbar. Riesige Wälder beherbergten Wild in großer Zahl. Auf den Feldern wuchs das Korn in Fülle und die fischreichen Seen brachten willkommene Abwechslung auf manchem Speiseplan. Die Winter waren kalt und schneereich, die Sommer warm und trocken. Das war seine Heimat.

Dies war so lange sein Begriff von »Heimat« gewesen, bis er diesem merkwürdigen Gaukler mit Namen Malu begegnet war, der durch Flaaland reiste und dabei eines Tages auch in Seringat aufgetaucht war.

Einige Zuschauer hatten den Gaukler nach dessen Heimat gefragt und der hatte nur gelacht und geantwortet: »Meine Heimat ist überall«. Wenn auch einige der Umstehenden darüber gespottet hatten, der fünfzehnjährige Effel wurde dadurch an etwas erinnert. Vor kurzem noch hatte er in einem alten, schon mehr als abgegriffenen Buch, das er auf dem Dachboden im Hause seines Großvaters entdeckt hatte, den Satz gelesen: »Dort wo dein Herz ist, ist deine Heimat. Wenn du in deinem Herzen bist, bist du zu Hause.« Er fühlte damals schon, dass es stimmte.

Wenn er mit dem Gaukler zusammentraf, bekam er meist auch neue Denkanstöße. Fast war es so, als wüsste Malu, was in Effel gerade vorging. Später einmal, als beide schon Freunde waren, hatte Effel ihn gefragt:

»Oft sagst du etwas, das mich in eine neue Richtung führt. Kannst du Gedanken lesen?« Malu lachte ihn dann aus seinen wasserblauen Augen an: »Für dich mag es so aussehen, als hätte ich diese Fähigkeit. Wenn du die Gedanken deines Herzens meinst, so hast du sogar Recht. Ich erkenne deine Gefühle, denn wenn ich mit dir zusammen bin, ist es so, als würde ich in einen jüngeren Spiegel blicken. Wir schauen nämlich immer nur in Spiegel. Manchmal gefällt uns, was wir dort sehen, und manchmal nicht.«

Das war wieder so ein Ausspruch, der ihn zum Nachdenken angeregt hatte. Oft ließ der Gaukler ihn nach einer solchen Bemerkung einfach stehen, so als wolle er dem Inhalt der Aussage erst einmal Gelegenheit geben zu wirken. Effel wusste inzwischen, dass dies genau richtig war, wenn auch die meisten Leute dieses Verhalten als arrogant bezeichneten. Malu schien auf das Urteil anderer wenig Wert zu legen.

Dennoch gewann Malu die Herzen der meisten Zuschauer im Flug. Er hatte immer ein Lachen in den Augen und trotz eines unübersehbaren Bauches waren seine Bewegungen geschmeidig.

Die Kleidung, die er trug, war auffallend bunt und irgendwie wollte nichts recht zueinander passen. Während seiner kurzen Aufführungen, in denen er humorvoll ganz alltägliche Situationen aus dem Leben der Zuschauer spielte, nahm er jeweils ein oder zwei Kleidungsstücke weg und schon wurde der Charakter der jeweiligen Rolle deutlich.

»Andere Schauspieler haben eine Garderobe, in der sie sich umziehen, ich habe meine am Leib«, sagte er vor den Aufführungen.

Das, und vor allem wie er es sagte, brachte ihm sofort einige Lacher ein. Während seines Schauspiels sah man aber auch sehr nachdenkliche Zuschauer, wenn sie sich in dem Spiegel erkannten, den er ihnen vorhielt. Seine besondere Stärke war es, sein Publikum spontan in die Vorstellungen mit einzubeziehen, indem er ihnen kleine Stegreifrollen zuwies.

Wie sich dabei immer wieder herausstellte, hatte er ein sehr gutes Gespür für Menschen.

Sein Alter war schwer zu bestimmen, er selbst verriet es jedenfalls nicht. Er meinte, Leute, die ihre Lebensjahre zählten, würden sich auch »altersgerecht« verhalten. »Das, was wir über das Alter denken, gehört zu den größten Beeinflussungen, denen wir uns aussetzen können«, meinte er einmal während einer Aufführung. »Alter muss nicht zwangsläufig heißen, gebeugt zu gehen, bestimmte Krankheiten zu bekommen oder bestimmte Dinge nicht mehr zu tun.« Seine kleinen Theaterstücke waren auch Lehrstunden, zumindest für die Leute, die bereit waren, auch noch mit einem anderen Ohr und einem anderen Auge zu hören bzw. zu schauen.

Die Begegnung mit Malu, dem Gaukler, bereicherte Effels Leben und brachte ihm wichtige Erkenntnisse. Er betrachtete die Menschen seiner Umgebung nun mit dieser neuen »Spiegel-Erkenntnis«, wie er sie selber nannte. Er stellte sich vor, jedes Mal, wenn er mit jemandem zusammen war, in einen Spiegel zu schauen. Die Erfahrungen, die er dabei machte, überwältigten ihn geradezu. Nach und nach dämmerte ihm, welch ein großartiges Geschenk er sich selbst machte, indem er sich auf eine solche Erfahrung einließ, zumal er mit Malu darüber reden konnte.

Malu besuchte Seringat jetzt öfter. Die Leute im Dorf munkelten, dass seine Besuche etwas mit Birja, der Lehrerin, zu tun haben könnten. Offiziell war das nicht so.

Birja hatte erst vor einigen Monaten ihren Mann durch einen Jagdunfall verloren und das Trauerjahr war noch nicht vorüber.

Einfach war es nicht mit der Spiegel-Erkenntnis, oft war es sogar schmerzhaft. Aber das war nur am Anfang so. Es wurde Effel dadurch bewusst, wie wenig er sich selbst annehmen konnte, so wie er war. Damals konnte von »Geschenk« wirklich keine Rede sein. Erst später sollte er erkennen, dass die wirklich großen Geschenke, die das Leben macht, meist nicht in Geschenkpapier eingepackt sind.

Er dachte von nun an anders. Besonders schwer fiel ihm das bei den Leuten seines Dorfes, die er vorher immer abgelehnt hatte.

Bei Soko, dem Schmied, den er wegen seiner unbeherrschten Impulsivität mied, ja, der ihm sogar Angst einflößte, oder Suna, der Nachbarstochter, die sich über alles und jeden lustig machte. »Und die alle sollten seine Spiegel sein?«, fragte er sich so manches Mal. Es war wirklich eine harte Lehre. Es gab Momente, in denen er sich wünschte, Malu nie begegnet zu sein. Alles wurde so kompliziert. Aber das war vor der Zeit, in der es einfacher wurde. Soko zählte inzwischen sogar zu seinen engsten Freunden.

Mit einem leisen Bellen erwachte Sam aus seinen Träumen und brachte damit auch Effel wieder in die Gegenwart zurück. Die Sonne hatte bereits ein weiteres Stück ihres täglichen Weges zurückgelegt und Wald und Wiesen in ein sattes Grün getaucht.

Dieser Anblick machte es Effel leicht, seinen Rucksack wieder aufzunehmen. Er rief Sam einige ermunternde Worte zu und sie machten sich auf den Weg.

Die Bussarde waren vom Himmel verschwunden, vielleicht speisten sie gerade irgendwo in den Wipfeln der Bäume. Im Laufe der nächsten zwei Stunden kamen sie auch an dem Dorf Verinot vorbei. Effel sah die Menschen, von denen er viele kannte, auf den Feldern bei der Arbeit. Pferdekarren waren hoch mit Heu beladen und er hörte den Gesang der arbeitenden Frauen und Männer. Gerne hätte er das Dorf besucht, auch um zur Mittagszeit im »Wirtshaus zum Lamm« einzukehren. Mit Soko, dem Schmied, war er des Öfteren hier gewesen, wenn dieser die Pferde des Bürgermeisters beschlagen hatte. Dabei hatte er Soko auch von einer anderen Seite kennen gelernt.

Soko liebte die Natur, das Wandern durch den alten Wald und erkannte alle Vogelarten an ihrem Gesang. Hinter seiner Schmiede hatte Soko mehrere Verschläge, kleine Ställe und Käfige, in denen er kranke oder verletzte Tiere gesund pflegte.

Sogar Leute aus den Nachbardörfern brachten ihm Tiere. Dieser Hüne hatte ein gutes Herz und würde mit einem Freund das letzte Brot teilen. Dass er manchmal so impulsiv reagierte, lag an der großen Hitze, in der er arbeitete. »Das Feuer erhitzt auch mein Gemüt«, meinte er einmal, »deswegen hält es auch keine Frau lange bei mir aus.« Dass der wortkarge Mann auf diese Weise über sich nachdachte, wunderte Effel damals. Als Effel noch zur Schule ging, hatte er in den Ferien manchmal in der Schmiede geholfen und konnte deshalb gut nachvollziehen, was Soko meinte.

Im »Wirtshaus zum Lamm« konnte der Schmied nach getaner Arbeit gut und gerne zwei mächtige Portionen des ohnehin reichlichen Mittagessens verdrücken.

Da Effel heute, am zweiten Tag seiner Reise, ein gutes Stück vorankommen wollte, machte er einen Bogen um das Dorf. Das leichte Grummeln in seiner Magengegend ignorierte er. Es war inzwischen so warm, dass er froh war, am Waldrand ab und zu etwas Schatten zu finden. Sam lief, wie meist, ein Stück voraus.

Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen, nur seine Flanken bewegten sich im Rhythmus des Atems. Effel stutzte und näherte sich langsam.

Das, was die Aufmerksamkeit des Hundes erregte, schien aus dem Wald zu kommen oder aus dem Gebüsch, nahe beim Weg.

Jetzt war auch Effel angelangt, aber so sehr er sich bemühte, erkennen konnte er nichts. Sam hatte sich flach hingelegt, die Schnauze auf der Erde, heftig mit dem Schwanz wedelnd, begleitet von diesem Laut, den man bei Menschen sicher als Lachen bezeichnen würde. Er schien sich unbändig zu freuen.

Effel ging in die Hocke und beschloss, geduldig zu sein.

Irgendwann einmal war ihm klar geworden, dass er weniger sah, wenn er sich anstrengte, etwas »Verborgenes« zu sehen. Auch wusste er, dass Tiere Dinge wahrnehmen konnten, die für ihn selbst unsichtbar waren. Sie konnten sogar die Naturgeister sehen und sich mit ihnen in einer Sprache verständigen, die die Menschen verloren hatten.

Effel beneidete die Tiere um diese Gabe. Mindevol hatte einmal gesagt, dass auch die Menschen diese Fähigkeit besäßen, sie hätten nur verlernt sie zu nutzen.




Kapitel 4


Mit zwölf Jahren wusste Nikita, dass sie beruflich einmal etwas mit Menschen zu tun haben wollte. Ihrer Mutter war schon wesentlich früher aufgefallen, dass sich ihre Tochter sehr für das Verhalten von Menschen interessierte. Eine der häufigsten Fragen ihrer aufgeweckten Tochter war: »Mama, warum macht der das?«

Da sie sehr geduldig war, bemühte sie sich stets, ihrer Tochter alle Fragen zu beantworten und Nikita hatte viele Fragen.

Heute war sie ihrer Mutter dankbar, dass sie sie nie gebremst hatte, sondern im Gegenteil, sie durch ihre Antworten noch neugieriger gemacht hatte. Später, als sie dann in die Schule ging, wurden Psychologie und Physik ihre Lieblingsfächer. Ihr Vater hatte sich zwar gewünscht, dass seine Tochter, wie er selbst, eine politische Laufbahn einschlagen würde, musste aber bald einsehen, dass er gegen seine willensstarke Nikita keine Chance hatte. Er war sehr stolz auf sie, ja, es gab Leute, die behaupteten, er vergöttere seine Tochter. Er versäumte es selten, vor seinen Freunden mit ihren Leistungen anzugeben.

Im Alter von 14 Jahren schickten ihre Eltern sie nach Sells. Dort war die beste Schule für Hochbegabte und Nikita schaffte die Aufnahmeprüfung mit Leichtigkeit. Da die Schule 200 Meilen von Ihrem Heimatort entfernt war, wohnte sie in dem angeschlossenen Internat. Sie sah ihre Eltern von nun an nur einmal im Monat für ein Wochenende, denn man legte in Sells Wert darauf, dass die Schüler auch an den schulfreien Tagen an Weiterbildungen teilnahmen. Das musste man in Sells allerdings keinem Schüler ans Herz legen. Wer hier war, lernte gerne. Sowohl das Freizeit- als auch das Sportangebot im Internat waren abwechslungsreich. Jeder erlernte während seiner Schulzeit mindestens auch ein Musikinstrument und die meisten Schüler taten sich außerdem in einer Sportart besonders hervor. Nikitas Lieblingssportart war damals schon Golf, obwohl sie sicher auch eine gute Leichtathletin geworden wäre. Sie galt als außerordentliches Talent und einer Profikarriere hätte bestimmt nichts im Weg gestanden. Jede freie Minute verbrachte sie auf dem Golfplatz.

Dennoch hatte sie sich so manches Mal gewünscht, mehr Kontakt zu ihren Eltern gehabt zu haben. Besonders ihre Mutter fehlte ihr, die auch für die kleinen Alltagssorgen ihrer Tochter ein offenes Ohr hatte und immer für sie da gewesen war. Nikita war zwar immer von Freundinnen umgeben und sie hatte mit 16 Jahren auch ihren ersten Freund, aber wenn sie von Chelsea hörte, was diese alles mit ihren Eltern unternommen hatte, wurde ihr klar, dass sie etwas vermisste. Das Familienleben der Ferrers hatte sich seit Sells auf die Schulferien konzentriert. In ihrem Ferienhaus am Lake Mountin wurde dann versucht, alles nachzuholen. Sie unternahmen Bootstouren, sie ging mit ihrem Vater auf die Jagd und mit ihrer Mutter zum Golf spielen, die Tage waren ausgefüllt und unbeschwert.

Chelsea sah das ganz anders: »Ich wäre froh gewesen, in solch einer Schule zu sein mit den ganzen Freiheiten dort. Glaubst du, es war ein Vergnügen, jeden Abend erklären zu müssen, wo man war, mit wem und warum?«

»Wahrscheinlich vermisst man immer das, was man nicht hat«, dachte Nikita während solcher Gespräche oft.

Niemand war überrascht, dass Nikita einen exzellenten Abschluss an der Universität machte. Einer glanzvollen beruflichen Karriere stand nichts mehr im Weg. Die Idee, Profigolferin zu werden, hatte sich inzwischen in Luft aufgelöst.

Immer nur Golf zu spielen war ihr dann doch zu eintönig gewesen. Es ging ihr auch gegen den Strich, dass Golfer scheinbar nur ein Thema kannten, über das sie sich unterhielten, nämlich Golf.

Einige Firmen, die ihre Scouts an die Eliteuniversitäten schickten, waren schon während des Studiums an sie herangetreten und hatten ihr lukrative Angebote gemacht. Da sie alles Berufliche mit ihren Eltern besprach, konnte ihr Vater auch dazu raten, das Angebot von BOSST anzunehmen. Als Senator wusste er, dass BOSST schon viele Regierungsaufträge bekommen hatte. Manche Senatoren munkelten hinter vorgehaltener Hand, dass es sich bei BOSST sogar um ein regierungseigenes Unternehmen handelte.

»Da hast du einen sicheren Arbeitsplatz und eine Herausforderung dürfte es für dich auch sein«, meinte er. »Ein Unternehmen wie BOSST wird nicht untergehen und wenn du einmal Schwierigkeiten bekommen solltest, kannst du mir Bescheid geben.«

»Papa, du weißt genau, dass ich es selber schaffen will und mich nie auf deine Beziehungen verlassen würde. Außerdem, warum sollte es bei einem Unternehmen, das so im Licht der Öffentlichkeit steht, Schwierigkeiten geben? Zählt BOSST nicht zu den erfolgreichsten und sozialsten Unternehmen aller Zeiten?«

Eine Woche später hatte Professor Rhin sie überzeugt.

»Ich hätte sie gerne in meinem Team, Frau Ferrer«, hatte er ihr damals bei einer Tasse Kaffee im Restaurant der Firma gesagt.

Sie war einer Einladung von BOSST gefolgt. Man hatte zehn Erfolg versprechende Absolventen der Universität eingeladen, sich das Unternehmen anzuschauen. Jeder sollte die Gelegenheit haben, sich unverbindlich über die Arbeitsbedingungen vor Ort zu informieren. Die waren allerdings so bekannt, dass man sich alleine deswegen schon bemühen musste, für dieses Unternehmen zu arbeiten. Die jungen Leute wurden selbstverständlich ständig beobachtet.

Da man nur Leute einstellte, die vorher genauestens ausgesucht worden waren, gab es keine fest vorgeschriebenen Arbeitszeiten. Wer für BOSST arbeitete, war ohnehin mindestens zwölf Stunden anwesend. Man stellte nur Menschen ein, von denen man wusste, dass Arbeit die höchste Priorität in deren Leben hatte. Außerdem zahlte man überdurchschnittlich und Mitarbeiter der Firma konnten sich zahlreicher anderer Vergünstigungen erfreuen, zu denen auch manchmal eine Wohnung im Crusst-Tower gehörte. Auf dem Firmengelände gab es Sport- und andere Freizeitmöglichkeiten und in den exklusiven Ruheräumen mit ihren Hologrammen konnte man jede nur erdenkliche Illusion erzeugen. In den firmeneigenen Restaurants wurden auch die anspruchvollsten Gaumen verwöhnt. Eigentlich brauchte man als Mitarbeiter das Firmengebiet gar nicht zu verlassen und es gab sicherlich einige, die das auch nicht taten.

»Warum ausgerechnet mich, Herr Professor?« hatte Nikita gefragt.

»Weil Sie gut sind, Frau Ferrer. Sie sind gut. Ich habe Ihre Diplomarbeiten gelesen und mir hat gefallen, wie sie die Dinge anpacken. Sie haben den Mut, neue Wege zu gehen, und haben nicht, wie die meisten ihrer Kommilitonen, nur den anerkannten Kapazitäten nachgeplappert. Sie haben eigene Ideen, Nikita, das gefällt mir. Sie haben eben nicht nachgedacht, im Sinne von jemandem hinterherdenken, sondern Sie können selbst kreativ und innovativ sein.« Professor Rhin schenkte Kaffee nach.

»Und Sie fanden es nicht unqualifiziert oder überheblich? Professor Snyder hat einmal gesagt, ich solle auf dem Teppich bleiben. Ich hatte ihm damals zu spontan geantwortet, dass es wohl keine großen Entdeckungen gegeben hätte, wenn alle Menschen auf dem Teppich geblieben wären. Mich muss der Teufel geritten haben. In der nächsten Klausur verpasste er mir dann eine Drei minus.«

»Ja, ja der gute Snyder«, Professor Rhin schmunzelte, »ist es nicht erstaunlich, dass Menschen, die eigentlich als weise und maßgeblich gelten, sich gleichzeitig als hemmend für die Fortentwicklung ihrer Gesellschaft erweisen können? Einmal zu »Experten« ernannt, scheint es ihnen häufig unmöglich, ihr vermeintliches Wissen weiterhin in Frage zu stellen. Warum neigen Menschen zu festen Überzeugungen oder Vorurteilen und scheuen den Zweifel? Nein, Frau Ferrer, ich fand Ihre Ideen überhaupt nicht überheblich. Ich glaube nämlich auch, dass man im Ätherkörper oder der Aura des Menschen alle Informationen bezüglich seines Charakters, seiner Neigungen oder Handlungen lesen kann. Besonders gefallen hat mir, dass Sie der Meinung sind, dass auch alle zukünftigen Handlungen eines Menschen bereits festgelegt sind und dort sichtbar gemacht werden können. Das denke ich nämlich auch, obwohl dies sicher nicht sehr populär ist, wo wir doch so stolz auf unseren vermeintlich freien Willen sind. Ich möchte offen zu Ihnen sein, Frau Ferrer. Wir arbeiten an der Entwicklung eines Gerätes, einer Art Brille, mit der es möglich sein soll, diese Informationen auch ablesbar zu machen. Mit der Kirlianfotografie war man seinerzeit schon auf einem guten Weg, hat aber nicht alle Möglichkeiten erkannt. Die wären damals allerdings technisch auch noch nicht umsetzbar gewesen.«

»Wow, ein Gerät, das es dem Nutzer ermöglicht, seine Mitmenschen quasi seelisch zu durchleuchten? Ist das nicht gefährlich, Herr Professor, könnte damit nicht ungeheurer Missbrauch getrieben werden?«

»Nur, wenn es in die falschen Hände kommt, Nikita, oh Pardon, Frau Ferrer. Außerdem sollten wir das doch lieber der Politik überlassen, zu entscheiden, wer etwas nutzen darf und wer nicht, meinen Sie nicht auch? Ist Ihr Herr Vater nicht in der Politik? Senator sogar, wenn ich mich nicht irre?«

»Nennen Sie mich ruhig Nikita, Herr Professor, Frau Ferrer klingt so alt. Ja, mein Vater ist Senator. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich ebenfalls eine politische Laufbahn eingeschlagen. Ich bin aber kein Verwaltungsmensch und besonders diplomatisch bin ich auch nicht, wie Sie an der Geschichte mit Professor Snyder erkennen können.«

»Welch Verlust für die Wissenschaften! Mir gefällt Ihre Selbsteinschätzung, Nikita.« Professor Rhin trank den Rest seines Kaffees in einem Zug aus. In seiner Stimme schwang keine Ironie mit, sondern ehrliche Überzeugung. Das mochte Nikita und machte sie auch ein bisschen stolz.

»Meinen Sie nicht auch«, fuhr Professor Rhin fort, »dass wir uns selbst Handschellen anlegen würden, wenn wir vorher jedes Mal überlegen müssten, wer Nutznießer unserer Entwicklungen sein darf und wer nicht? Unsere Aufgabe ist die Forschung, nicht die Politik.«

»Ja, es ist ungefähr das Gleiche wie mit den Teppichen.« Beide mussten lachen und als Nikita an diesem Abend nach Hause fuhr, wusste sie, dass es etwas zu feiern gab.

Wenn sie, so wie an diesem Morgen, in ihrem Automobil saß, bewunderte sie immer wieder den reibungslosen und zügigen Verkehrsfluss. Sie versuchte sich vorzustellen, wie es früher für die Menschen gewesen sein mochte, als man fast alles selber machen musste um vorwärts zu kommen, und dazu noch im Schneckentempo. Es war kein Wunder, dass damals so viele Menschen im Straßenverkehr ums Leben gekommen waren.

Der menschliche Wahrnehmungsapparat mit seinem begrenzten Reaktionsvermögen war eigentlich gar nicht geschaffen für all die komplizierten Vorgänge. Heute war man um ein Mehrfaches schneller unterwegs. Computer und intelligente Roboter konnten das viel besser und man hatte auch dadurch mehr Zeit für die wesentlichen Dinge des Lebens, zum Beispiel seine Arbeit oder Hobbys.

»In meinem Fall habe ich wohl eher Zeit für die Arbeit«, dachte sie bei sich. »Aber ich wusste ja, worauf ich mich einließ, als ich bei BOSST anfing. Die Firma ist schließlich nicht als Sanatorium bekannt. Wenn ich erst einmal richtig drin bin, werde ich auch wieder öfter zum Golfen kommen. Was soll’s, da muss ich wohl durch. Wie sagt Mama? Augen zu und durch. Besser ist es wohl mit offenen Augen«, verbesserte sie im Stillen ihre Mutter.

Schwer vorstellbar war für sie auch, wie es wohl früher gerochen haben musste, als die Automobile noch mit Hilfe von Verbrennungsmotoren liefen. Von den Auswirkungen auf die Umwelt einmal ganz abgesehen, die ja bekanntermaßen verheerend gewesen waren.

Dass der menschliche Körper selbst Energie produzierte, wusste man schon lange. Sehr viele Prozesse im menschlichen Organismus spielen sich auf der Basis elektrophysiologischer Vorgänge ab. So unter anderem die Leitung und Verarbeitung von Informationen in den Nerven oder die Kontraktion der Muskeln. Auch die Kontraktionen des Herzens und damit der Blutausstoß beruhen auf elektrophysiologischen Vorgängen.

Nikita erinnerte sich, gelesen zu haben, dass ein Forscher namens Galvani das Phänomen schon 1791 entdeckt und ihm den Begriff »Tierische Elektrizität« gegeben hatte.

In der Mitte des 21. Jahrhunderts hatten die Forschungen auf diesem Gebiet einen neuen Höhepunkt erreicht. Computerspezialisten war es gelungen, einen PC zu bauen, der seine Energie durch die Photosynthese eines Baumes erhielt.

Aber erst im vorletzten Jahrhundert war es einem Wissenschaftler und Mitarbeiter der asiatischen Niederlassung von BOSST gelungen, die Kraftquelle Mensch für den Antrieb von Automobilen zu nutzen. Der Fahrer selbst und natürlich auch seine Beifahrer produzierten die Energie praktisch zum Nulltarif. In der gesamten Bandbreite der Elektrophysiologie lieferten die Forschungsteams von BOSST und ihre interdisziplinären Aktivitäten wesentliche Beiträge, nicht nur diesen.

Nikita genoss die Momente in ihrem Wagen. Sie fühlte sich wie auf einer kleinen Insel, denn alle Kommunikationsinstrumente ließen sich auch abschalten, sodass man einfach nur chauffiert wurde und sich ausruhen konnte.

Heute hatte sie ein komisches Gefühl, irgendetwas lag in der Luft. Etwas Entscheidendes, wie ihr das bekannte Kribbeln in ihrer Magengegend sagte. Sie hatte manchmal solche Vorahnungen, die sich dann meist auch bestätigten. Als sie ein kleines Mädchen war, hatte sie diese Gefühle, manchmal auch mit Visionen verbunden, sogar noch viel ausgeprägter. Im ersten Schuljahr wurde sie von ihren Mitschülern deswegen ausgelacht und auch von ihren Lehrern bekam sie keine Unterstützung, sondern eher noch abfällige Bemerkungen.

Danach wurden diese Empfindungen seltener. In der Pubertät hatte sie »ihre Anwandlungen«, wie sie es inzwischen selbst nannte, wieder öfter. Sie hatte sogar manchmal am helllichten Tag regelrechte Albträume, während denen sie auch nicht ansprechbar war. Todschlecht war ihr oft dabei, manchmal bis zum Übergeben. Diese Erfahrungen waren für sie schon traumatisch, da sie ein Eigenleben zu entwickeln schienen und drohten, zu Dämonen zu mutieren.

Nachdem sie das erste Mal mit einem Jungen geschlafen hatte, hörte es in dieser Intensität schlagartig auf und reduzierte sich auf Vorahnungen wie eben dieses Kribbeln in der Magengegend.

Sie war dankbar dafür. Sonst gab es keine Veranlassung, gerne an dieses »erste Mal« zurückzudenken, aus dem die meisten ihrer Freundinnen ein Riesentheater gemacht hatten.

Pete Johnson hieß er, war zwei Jahre älter als sie und der Baseballstar der benachbarten Schule. Alle Mädchen flogen auf Pete und auch Nikita hatte sich schließlich von seinem umwerfenden Charme einfangen lassen. Sie war ihm gegenüber anfänglich sehr reserviert gewesen, was ihn anscheinend besonders motiviert hatte. Er bemühte sich rührend um ihre Aufmerksamkeit und am Ende hatte er sie tatsächlich erobert.

Manche Mädchen platzten vor Neid. Nach einer der seltenen Partys auf Sells waren sie ziemlich beschwipst in seiner Bude gelandet. Beide hatten sich Mut angetrunken, denn auch für ihn war es das erste Mal, was sie nie gedacht hätte. Wohl aber, nachdem alles sehr schnell vorbei war. Sie traf sich noch ein paar Mal mit ihm, erkannte allerdings bald, dass sein Hauptinteresse dem kleinen Lederball galt. Da sie nicht als sein Maskottchen enden wollte, gab sie ihm nach zwei Wochen den Laufpass, was bei einigen Freundinnen auf großes Unverständnis stieß. Der nächste Mann, auf den sie sich körperlich einließ, war Jan und sie hatte gleich bedauert, dass er nicht der Erste gewesen war.

Mit den Vorahnungen konnte sie leben und erzählen musste sie ja auch niemandem davon. Was konnte Professor Rhin nur von ihr wollen?




Kapitel 5


Anfangs war es für Effel schwierig gewesen, sich so zu »versenken«, wie Mindevol es ihm beibrachte. Mit den ersten Erfolgen begann es, Spaß zu machen. Gleichzeitig erfüllte es ihn mit Ehrfurcht und Staunen. Er erinnerte sich noch genau daran, als er zum ersten Mal einen Bodach sah, einen jener Kobolde, die gerne in Kaminen leben. Es war zwar ein sehr vorwitziger Kobold gewesen, der es Effel leicht gemacht hatte, aber es war eine wundervolle Bestätigung für Mindevols Lehren.

Nun, Sams Blick folgend, versenkte sich Effel wie er es gelernt hatte. Sein Blick schien ins Leere zu gehen, wurde in Wirklichkeit aber weiter. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig.

Die Konturen der Blätter und Zweige wurden unscharf. Sie verschwammen fast vor seinen Augen und die Geräusche des Waldes traten in den Hintergrund.

»Du musst zwar noch üben, aber es klappt schon ganz gut«, hörte er eine Stimme sagen.

Obwohl er nicht schreckhaft war, musste er doch unwillkürlich zurückzucken. Er behielt aber die Balance, schob ein paar Zweige zur Seite und streckte den Kopf noch etwas weiter vor.

Was er vernahm, hörte sich eher wie das Rascheln von Blättern an und doch waren deutliche Worte zu verstehen.

Plötzlich sah Effel den Eigentümer dieser seltsamen Stimme. Es war ein Krull, ein Wesen, nicht viel größer als 50 cm. Effel erkannte ihn, weil Mindevol diese Wesen oft genug beschrieben hatte. Soweit bekannt war, gehörten die Krulls zur Gattung der Gnome, wurden sehr, sehr alt und waren Wanderer zwischen den Welten. Manche Leute sprachen ihnen magische Kräfte zu, andere wieder behaupteten, sie seien hässlich, würden in Höhlen hocken und Schätze bewachen. Krulls hatten angeblich Verbindung zu den unterschiedlichsten Bewusstseinsstufen und konnten andere führen, wenn diese bereit dazu waren. Das wusste Effel ebenfalls von Mindevol. Sonst war von diesen Wesen relativ wenig bekannt, da sie als scheu galten und sich noch lange nicht jedem zeigten. Mindevol war zwar mit einigen von ihnen befreundet, nur hatte er nie so recht mit der Sprache herausgerückt, wenn man ihn nach diesen Freunden fragte. »Sie möchten nicht, dass man über sie redet«, sagte er, »und ich respektiere das.«

Der Krull sah gleichzeitig lustig und ernst aus, hässlich aber war er nicht.

»Vielleicht liegt es daran, dass nur seine Augen lachen«, dachte Effel. Die Augen waren das Besondere. Aber auch das Gesicht passte in seine Vorstellungen von jemandem, der magische Kräfte besaß.

Er mochte mittleren Alters sein, so um die 120 Jahre vielleicht. Sein braunes Haar war schulterlang und wurde dann und wann von einer feinen silbernen Strähne durchzogen. Klare, smaragdgrüne Augen und eine freundliche Stupsnase machten ihn für Effel sofort sympathisch. Er trug ein grünes Wams, braune Stiefel und eine ockerfarbene Hose.

»Die Farben des Herbstwaldes«, schoss es Effel durch den Kopf.

Er saß ganz ruhig auf einer Wurzel, die Arme um seine Knie geschlungen, und sah Effel freundlich an.

»Wenn du ein wenig übst, Effel, so wirst du uns sehen können, ohne alles andere unscharf zu sehen. Wir gehören zu dieser Welt wie die Blumen und die Bäume, wie die Tiere und die Menschen. Wie alle Wesen wirken auch wir mit am Rad des Geschehens. Dein Hund ist aber sehr stürmisch.«

»Oh, entschuldige bitte«, Effel zog Sam zu sich heran. Dieser legte sich auch sogleich hin.

»Woher kennst du meinen Namen?«

»Na bist du nicht der junge Mann aus Seringat? Der Mann, auf dem so viele Hoffnungen ruhen? Der Mann, der ausgesandt wurde? Das hat sich herumgesprochen. Wir Krulls kennen die Namen aller Suchenden, denn wir können auf ihren Reisen wichtige Wegweiser und Begleiter in die anderen Welten sein.

Aber das ist nur eine unserer Aufgaben.« Das hatte er ohne jeden anmaßenden Unterton gesagt.

»Heißt das, du hast hier auf mich gewartet, du wusstest, dass ich heute hier vorbeikommen würde?« Effel war sehr erstaunt. Was wusste dieser Krull noch alles über ihn? Während er sich diese Frage stellte, versuchte er sich aus den Einzelheiten dieser merkwürdigen Begegnung ein vernünftiges Bild zu machen.

Aber noch ergab es für ihn keinen Sinn.

»Heute oder morgen, was spielt das für eine Rolle? Ich wusste, dass du kommst. Das hat aber nichts mit übersinnlicher Wahrnehmung zu tun, wie du jetzt vielleicht denken magst, sondern es liegt an unserem gut funktionierenden Nachrichtensystem.

Seit deiner Abreise, von der uns Mindevol natürlich in Kenntnis gesetzt hat, wirst du begleitet, denn diese Mission geht auch uns etwas an. Aber das hat er dir doch erklärt, oder?« Der Krull gab sich keine Mühe, sein Vergnügen über Effels Verwirrung zu verbergen.

»Ja, so etwas hat er tatsächlich gesagt, aber ich habe es wohl anders verstanden«, gab Effel zu. Er hatte sich vorgebeugt, die Hände auf die Knie gestützt, konnte er den Krull gut erkennen.

»Mein Name ist Perchafta«, fuhr der Krull fort. »Ich erwähne das aus Höflichkeit, auch weil es Einiges vereinfacht. Es kann sein, dass du dich manchmal an meinen Namen erinnern möchtest oder sogar musst.«

»Perchafta, schon oft habe ich von den anderen Welten gehört und nun treffe ich dich hier. Da ich schon lange nicht mehr an Zufälle glaube, vermute ich, dass ich eine der Welten betreten soll und du mir dabei helfen kannst.«

Sein Bild wurde allmählich klarer.

»Nun, wie gesagt, es ist nur eine unserer vielen Aufgaben, aber da du mich so direkt danach fragst - ja, ich kann dir helfen, in eine andere Welt zu gelangen, bei der Erfüllung dieser Mission wirst du nicht daran vorbeikommen, schätze ich.«

Mit diesen Worten erhob sich Perchafta und war in Kopfhöhe mit Sam, der immer noch dalag und zuzuhören schien.

»Ganz so einfach, wie du es dir vielleicht vorstellst, wird es allerdings nicht, obwohl du den Schlüssel besitzt.«

»Ich soll den Schlüssel dazu haben? Treibst du Schabernack mit mir, Perchafta?« Sein Staunen stand ihm deutlich im Gesicht.

»Schabernack treibe ich nur mit meinesgleichen. Nein, Effel, dein Entschluss wird zum Schlüssel. Indem du dich zu etwas entschließt, egal zu was, öffnest du dir die erste Tür dorthin, so einfach ist das «, und leiser fügte er hinzu, »und auch so schwierig.«

Aus seiner Rocktasche zog Perchafta ein kleines, kunstvoll geschnitztes Pfeifchen hervor. Er stopfte es sorgfältig und steckte mit einem winzigen Schwefelholz den Tabak langsam in Brand. Nun sog er genießerisch an dem Mundstück. Ein süßer Duft stieg Effel in die Nase.

»Genau wie Malu«, dachte Effel, »sagt etwas und raucht dann erst mal ein Pfeifchen.« Als wenn Perchafta seine Gedanken gelesen hätte, deutete er auf die Tabakspfeife: »Es ist erstklassige Elfenarbeit, du findest nirgendwo eine bessere, das kannst du mir glauben.«

Die Schnitzerei war wirklich schön. Die Pfeife war aus Kirschholz gefertigt und das Mundstück aus Bernstein. Effels Gedanken kreisten um den Schlüssel, den er haben sollte, um seinen Entschluss.

»Nun, was überlegst du?« Perchafta sprach etwas undeutlich, weil er gleichzeitig rauchte. Aus dem Tonfall der Stimme glaubte Effel etwas Drängendes zu hören.

»Das weiß ich selbst nicht genau«, erwiderte er, »vielleicht wäre es gut, wenn ich mehr über diese Anderen Welten wüsste, bevor ich mich auf das Abenteuer einlasse.« Gleichzeitig wunderte sich Effel, wie schnell er es gelernt hatte, Perchaftas Stimme zu verstehen.

»Das weiß niemand, der diese Welten betritt, denn es gibt keine Karten davon, und wenn, könntest du nichts damit anfangen, denn eine Karte ist nie die Landschaft, die sie versucht darzustellen.

Außerdem können sich Landschaften verändern, Karten aber nicht. Dir bleibt also nichts anderes übrig, als selbst nachzusehen und dir dein eigenes Bild zu machen.«

Es war zum Verzweifeln, aus diesem Krull war anscheinend nicht viel herauszubekommen. Was Effel da noch nicht wusste war, dass die Krulls zu den weisesten Geschöpfen auf dieser Erde gehören. Solche Leute sagen nie viel und vor allem nicht das, was man von ihnen erwartet.

»Eines kann ich dir versichern«, fuhr Perchafta fort, »wenn du einmal eine dieser Welten betreten hast, wirst du immer wieder hineingehen wollen und teilweise lange dort bleiben, zumindest wird es dir so vorkommen. Für den guten Ausgang deiner Mission wirst du es tun müssen. Diese Welten, die ihr die »Anderen Welten« nennt, haben ihre eigenen Dimensionen.

Das Einzige, was ich für dich tun kann und darf, ist, dich auf dem Weg zu begleiten.«

»Wenn du mitgehst, ist es für mich bestimmt viel einfacher.« Effel war begeistert, er wäre nicht alleine und er hätte Hilfe. Das konnte er jetzt schon ahnen.

»Halt, nicht so stürmisch«, wurde er gleich gebremst, »meine Hilfe wird ausschließlich die Begleitung sein, anders, als du es erwartest, aber nicht ganz unwesentlich, wie du noch bemerken wirst.« Perchafta stopfte sein Pfeifchen mit einem winzigen Stein.

»Es genügt mir vollkommen, wenn du bei mir bist«, beeilte sich Effel zu versichern. Ein wenig peinlich war es ihm, dass er scheinbar nicht kapierte, was der Krull meinte.

»Gut, dann komme morgen wieder hierher, genau an diese Stelle.«

»Warum erst morgen und nicht sofort?« Effel fühlte sich nun sehr bereit.

»Wichtige Entscheidungen sollte man immer erst einmal überschlafen, Effel, schreibe dir das in dein Tagebuch, wenn du eines hast.« Dabei lachten seine Augen.

»Außerdem habe ich noch einige Besorgungen zu machen. Schlaf gut, denn es ist wichtig, dass du deine Reise ausgeruht antrittst.«

Perchafta war verschwunden, wie ein Blatt, das der Wind wegweht. Die Geräusche des Waldes wurden wieder deutlicher und die Konturen klarer.

Schlagartig wurde es Effel bewusst, wie lange die Begegnung mit Perchafta gedauert hatte, denn die Sonne schickte ihre letzten Strahlen für den heutigen Tag auf die Wipfel der Bäume.

»Komisch«, dachte er, »wo ist die Zeit bloß geblieben?«

Es würde jetzt bald dunkel werden. Deswegen war es an der Zeit, sich nach einer Bleibe für die Nacht umzuschauen. Ein Dorf war weit und breit nicht in der Nähe, das wusste er.

Gegessen hatte er heute auch noch nicht viel, das Abendessen würde wohl ausfallen. Er brauchte nicht lange zu suchen, denn er fand ganz in der Nähe einen geeigneten Platz unter einer mächtigen Ulme. Im nahen Bach wusch er sich und trank von dem klaren Wasser. Er war müde und hatte schnell sein Nachtlager bereitet. Dazu rollte er sein Schlaffell, in das er hinein kriechen konnte, auf dem weichen Waldboden aus. Aus dem Rucksack nahm er die Daunenjacke, die ihm als Kopfpolster diente, streichelte Sam noch einmal und war bald eingeschlummert.

Von gut schlafen konnte in dieser Nacht keine Rede sein.

Effels Traum war sehr lebhaft. Er träumte von Krulls, die einen roten Teppich ausrollten, um ihn in eine mysteriöse Welt zu locken. Alle rauchten schrecklich stinkende Pfeifen, die nichts anderes bezwecken sollten, als Effel zu betäuben, ihm seinen klaren Verstand zu rauben, ihm das Gefühl für die Realität zu nehmen. Und andauernd flüsterte ihm jemand ins Ohr, er müsse nur Vertrauen haben, alles andere käme dann von selbst. Als er hinschaute, war es sein kleiner Sam, der das sagte. Gleichzeitig hörte er sich aussprechen: »He, Sam, was machst du in meinem Traum?«

Fast im gleichen Moment verwandelte sich Sam in Malu, den Gaukler, der auf eine große Trommel schlug. Aus der Trommel kamen große, bunte Schmetterlinge, die alle in Richtung Sonne flogen.

Dann sah er eine Brücke, die über einen tosenden Wildbach führte. Am anderen Ufer war ein Tisch mit den herrlichsten Speisen gedeckt, an dem Krulls, Kobolde und Feen ein Fest feierten. Effel wurde hungrig und wollte gerade hinübergehen, als er einen alten einäugigen Mann am Anfang der Brücke sitzen sah, der ihn zu sich her winkte:

»Die Brücke ist nur für den Rückweg, der Hinweg ist schwieriger «, raunte der Alte ihm zu.

Was für ein Fest dort gefeiert werde, fragte Effel im Traum.

»Sie feiern die Ankunft Effels«, war die Antwort.

»Aber ich bin Effel und ich bin hier«, rief er laut ... und erwachte davon.

Er hatte den Eindruck, der Wald halle nach von seinen letzten Traumworten. Effel schaute aus seinem warmen Schlaffell in einen werdenden Morgen. Neben sich spürte er Sam. Er streckte seine Hand aus und streichelte den Hund, der ihm daraufhin mit seiner rauen Zunge die Hand leckte.

Er hatte sein Nachtlager unweit der Stelle eingerichtet, an der er Perchafta gestern begegnet war. Nun standen neben ihm ein Krug mit Milch, noch warmes, duftendes Brot, ein Stück Käse und zwei dicke, rotbackige Äpfel. Zu hungrig, um sich lange darüber zu wundern, warum die Ameisen sich nicht schon darüber hergemacht hatten, griff er zu und genoss gleichzeitig noch die Wärme seiner Schlafstätte. Dann stand er auf, entledigte sich seiner Kleidung und ging zum Bach, um sich dort zu waschen. Er nahm seine große Trinkmuschel, füllte sie mehrmals mit dem kalten Wasser und goss es sich über seinen Körper. Danach war er wach. Neben ihm stand der Hund und trank.

Auch er schien beschenkt worden zu sein, denn er sah satt und zufrieden aus.

Während Effel die paar Schritte zu dem vereinbarten Treffpunkt zurückkehrte, ging die Sonne auf und es versprach, wieder ein schöner Tag zu werden.

Perchafta erwartete ihn bereits und diesmal erkannte Effel ihn sofort. Er lehnte an einer Wurzel und lachte Effel entgegen:

»Aber ich bin Effel und ich bin hier«, imitierte er freundlich lachend die letzten Traumworte.

»Also habe ich es doch laut gerufen und ich dachte, es sei nur im Traum gewesen.«

»Nun, jedenfalls so laut, dass ich es bis hierher hören konnte, aber verlegen zu sein brauchst du deswegen nicht, im Gegenteil. Es ist ein schönes Zeichen, sehr symbolisch. Es ist eine gute Voraussetzung für deine erste Reise in die Anderen Welten. Ich sehe es dir an, dass du bereit bist.«

Effel fühlte sich heute Morgen sehr gut. Er wusste nicht, ob das an seinem lebhaften Traum lag, an den er sich in allen Einzelheiten erinnern konnte, oder ob das Frühstück sein Wohlbefinden verursacht hatte. Vielleicht war es auch einfach das Gefühl, dass jetzt seine Reise wirklich begonnen hatte.

»Zunächst möchte ich mich für das wunderbare Frühstück bedanken, Perchafta, es war doch von dir?«

»Direkt von mir war es zwar nicht, aber ich werde deinen Dank gerne weiterleiten, doch nun lass uns aufbrechen, Effel, der Zeitpunkt ist günstig.«

»Und du wirst bei mir sein?«, Effel war immer noch ein wenig skeptisch.

»Ich werde bei dir sein, auch wenn du es manchmal vergessen wirst.«

»Wieder so eine rätselhafte Aussage«, dachte Effel.

»Darf Sam mitkommen?«, fragte er.

»Sam wird hier bleiben müssen, er hätte ohnehin nichts davon. Vielleicht geht er währenddessen auf seine eigene Reise. Jedenfalls wird er dich hier bestimmt wieder erwarten.«

Perchafta winkte mit seiner kleinen Hand den Hund zu sich und flüsterte ihm etwas ins Ohr, woraufhin Sam sich niederlegte.

Dann schickte Perchafta sich an, tiefer in den Wald zu gehen, für Effel ein unmissverständliches Zeichen, dem Krull zu folgen. Vorher kniete er aber noch nieder, um Sam zu streicheln und ihm Lebewohl zu sagen. Dann beeilte er sich.

Seine Augen gewöhnten sich immer besser an den Krull. Er konnte ihn mühelos erkennen, wie er dort vorne sehr zielstrebig seinen Weg durch den dichter werdenden Wald fand.

Er hatte ihn bald eingeholt, denn Perchafta blieb immer mal wieder stehen. Er schien dann und wann mit einem Käfer zu plaudern oder er hielt an, um Ameisen vorüberzulassen. Er schien sich hier bestens auszukennen. Jetzt liefen sie nebeneinanderher und bald darauf, sie waren vielleicht 15 Minuten gegangen, kamen sie auf einer kleinen Lichtung an. In der Nähe musste eine Quelle sein, denn Effel hörte das Plätschern von Wasser. Sonst war es angenehm still im Wald. Eine Taube flog vorüber, ihr Flügelschlag verhallte.

In der Nähe eines kleinen Teiches, der von der Quelle gespeist wurde, ließ Perchafta sich nieder und deutete Effel an, es ihm gleichzutun. Es war am Fuße einer uralten Eiche. Gleich neben dem Krull war ein sehr bequemer Platz, mit weichem Moos dick gepolstert. Effel setzte sich.

»Machen wir jetzt schon eine Rast?«, fragte Effel.

»Nein, wir sind angekommen, hier ist heute der Eingang zu einer Welt, die ihr die untere nennt. Man könnte sie allerdings auch die obere nennen, aber lass uns nicht mit Definitionen aufhalten.«

»Hier? Ich kann nichts Besonderes erkennen.« Effel schaute sich nach allen Seiten um. Er hatte sich den Eingang ganz anders vorgestellt, irgendwie geheimnisvoller, mystischer.

»Das Tor ist nicht außen, es ist innen.« Perchafta hatte sich vorgebeugt, seine Stimme klang ein wenig leiser als sonst.

»Schaue nach innen, mein Freund, dort ist die Tür.«

Effel wurde ganz warm ums Herz. Perchafta hatte ihn »Freund« genannt und seine kleine Hand auf seine Schulter gelegt. Und da geschah etwas, was ihn vollkommen verblüffte. Der Krull strahlte eine solch lebendige Energie aus, die alles um ihn herum verblassen ließ. Eine wohlige Wärme floss zu ihm hinüber. Es war wie Magie, denn er entspannte sich auf eine unglaublich angenehme Art und Weise, sein Atem wurde ruhiger, die Augen fielen langsam zu, seine Muskeln schienen irgendwie weicher zu werden und er lehnte sich an den Stamm des Baumes an.

»Komisch«, dachte er, »ich bin noch nicht einmal müde, nur mein Körper scheint irgendwie willenlos zu werden. Was ist, wenn der Krull gar kein Freund ist?«, sprang es ihn aus seinem tiefsten Unbewussten an. Gleichzeitig war es ihm, als würde jemand in seinem Kopf über diesen Gedanken lachen. Dieses innere Zwiegespräch spielte sich jedoch nur am Rande seiner bewussten Wahrnehmung ab.

Das Plätschern der Quelle drang gedämpft in sein Bewusstsein und Perchaftas Stimme, sanft und weich, die ihm empfahl, sich einfach mehr zu entspannen, nach innen zu schauen, sich den Bildern hinzugeben, zu träumen - und dann war kein Denken mehr da. Er hatte sich inzwischen hingelegt, das hatte sein Körper irgendwie von ganz alleine gemacht.

Er sah sich, zunächst wie durch ein Kaleidoskop, in Mindevols Haus. Es war Winter. Das Feuer im Kamin verbreitete eine wohltuende Wärme in dem behaglichen Raum und an den kleinen Fenstern klebten Eisblumen. Effel saß am großen Ahorntisch, Hand in Hand mit Saskia, und rührte mit einem Löffel in seinem Tee.

Das Bild wurde klarer.

Vor ihnen auf dem Boden lag Sam und schlief, den Kopf auf Saskias Füssen. Effel liebte den würzigen Rauch des Tees. Mira, Mindevols Frau, war eine Meisterin im Zubereiten von Kräutertees und wohlschmeckenden Gewürzmischungen. Sie wusste, dass jeder Tee, jedes Gewürz und jedes Kraut auch Medizin waren, wenn sie zur richtigen Zeit in der genau bemessenen Menge eingenommen würden. Durch jahrelange Übungen hatte Mira sich das Wissen ihrer Großmutter, einer Zauberheilerin, angeeignet und inzwischen gab sie dieses Wissen in ihrer kleinen Heilkundeschule auch weiter. Das Auffälligste an Mira war ihr dickes, lockiges Haar, das sie immer mit einem farbigen, breiten Band zu bändigen versuchte.

Ihre Bewegungen waren geschmeidig und sie schien nie etwas unbewusst zu tun.

In der Runde um den Tisch befanden sich mehrere Dorfbewohner.

Soko, der Schmied, Sendo, der Korbmacher, Birja, die Lehrerin und Susa, Sokos alte Mutter.

All das sah Effel jetzt ganz genau, wie in einem Film. Mindevol saß in seinem behaglichen Ohrensessel und Minka, die wohlgenährte Lieblingskatze, schnurrte in seinem Schoß.

Ein Auge hatte sie immer wachsam auf Sam gerichtet, das andere geschlossen. So machte sie einen demonstrativ entspannten Eindruck, der sich in das Gegenteil verwandeln würde, wenn Sam ihr zu nahe käme. Sie traute einem Hundefrieden nie. Mindevol liebte das Gespräch mit Freunden um diese Zeit des Tages ganz besonders.

Obwohl Effel auf einer Waldlichtung lag und neben ihm ein Krull saß, konnte er sich in aller Ruhe die Bilder aus seiner Vergangenheit, die sich seinem inneren Auge zeigten, anschauen und gleichzeitig hörte er auch noch das gedämpfte Plätschern der Quelle, die in der Nähe war.

Neben Mindevol saß Malu auf einem Hocker und spielte bekannte Lieder auf seiner Gitarre, die er leise summend begleitete. Mira bediente ihre Gäste wie immer mit fröhlicher Gelassenheit. Mal goss sie Tee in eine der Tassen nach, mal brachte sie Gebäck. Sie wurde von den anderen mit der gleichen Dankbarkeit und Achtung behandelt wie ihr Mann. Es gab kaum jemanden in Seringat, dem sie nicht zumindest einmal durch ihre Heilkunst geholfen hatte.

Effel war überrascht, wie viele Einzelheiten er sehen konnte, und auch darüber, wie schnell Gedankenverbindungen zu den Bildern kamen. Er erinnerte sich sogar an die Tageszeit. Es war später Nachmittag, die Stunde kurz vor der Dämmerung, für Effel die behaglichste des Tages. Er hatte gerade zu Saskia gesagt, dass er morgen früh gleich nach den Beeten schauen wolle, als es klopfte. Malu, der der Tür am nächsten saß, legte sein Instrument beiseite und stand auf, um zu öffnen. Die Katze war mit einem leisen Mauen von Mindevols Schoß herunter gesprungen und mit einem für ihre Körperfülle unglaublich eleganten Sprung auf der Fensterbank gelandet. Ihr Schwanz zuckte nervös. Gleichzeitig war Sam mit gesträubten Nackenhaaren, leise knurrend aufgestanden. Alle Anwesenden schauten gebannt zur Tür, denn es war ungewöhnlich, dass jetzt noch jemand aus dem Dorf kam. Normalerweise war man mit Vorbereitungen für das Nachtessen beschäftigt.

Heute war der dritte Vollmond des Jahres und es würde - wie in jedem Monat - ein Fest im Dorfhaus geben.

Als die Tür offen stand, war das Erste, das Effel bemerkte, wie dunkel es draußen bereits war. Nur das Dorfhaus war hell erleuchtet und sein Licht brachte den Schnee auf dem Platz davor zum Glitzern, da, wo er noch nicht niedergetrampelt war.

Es hatte Ende März noch einmal viel Schnee gegeben. Man konnte die Leute aus dem Dorf geschäftig umhergehen sehen, sogar die weißen Atemwolken waren zu erkennen. Fast jeder trug irgendetwas in Händen, seinen Beitrag zum Fest.

Eine in einen dunkelgrauen Mantel gehüllte Gestalt trat in die Tür und versperrte damit den Blick auf den Dorfplatz. Sie blieb auf der Schwelle stehen. Nachdem sie die Kapuze zurückgeschlagen hatte und eingetreten war, erkannte Effel, dass es ein Mann war. Über seiner linken Schulter hing eine mächtige Armbrust. Malu hatte auf einen kurzen Wink Mindevols hin den Weg freigegeben und seine Hand lag noch um die Türklinge. Sein Blick ging zwischen dem Besucher und Mindevol hin und her.

Jetzt, im Schein des Feuers und der Kerzen, konnte man den Fremden besser erkennen. Seine Haut war von bronzenem Schimmer, ganz anders als bei den Menschen, die Effel bisher gesehen hatte. Sein Gesicht konnte man schön nennen. Er war groß gewachsen, Malu wirkte klein neben ihm. Er mochte um die 40 Jahre alt sein. Das Eis an seinem mächtigen Schnurrbart begann zu schmelzen und unter ihm bildete sich bereits Tropfen für Tropfen eine kleine Wasserlache. Das Auffälligste an ihm aber war, dass er schwarze Augen hatte und der Kontrast brachte das Weiß der Augäpfel fast zum Leuchten.




Kapitel 6


Professor Rhin war aufgestanden um Nikita zu begrüßen, und ging dann wieder hinter seinen Schreibtisch, nicht jedoch ohne ihr den Platz davor anzubieten.

Nikita musste innerlich immer schmunzeln, wenn sie dabei zusah, wie der Professor seine zwei Meter Körpergröße in dem Schreibtischsessel zusammenfaltete.

»Nikita, ich hätte Sie nicht so schnell hergebeten, wenn es nicht außerordentlich wichtig wäre«, eröffnete er das Gespräch noch im Hinsetzen. »Wir brauchen jemanden für eine besondere Aufgabe und ich will direkt zur Sache kommen: Wir haben dabei an Sie gedacht.« Jetzt saß er.

»Sie sind sowohl körperlich als auch geistig in Topform. Was für die Durchführung dieses Auftrages aber auch Grundvoraussetzung ist, Sie sind wissenschaftlich auf dem Laufenden wie kaum ein anderer. Ich versichere Ihnen, dass es wohl nie wieder eine solche Gelegenheit für Sie geben wird, einen gewaltigeren Schritt auf der Karriereleiter zu machen. Ja, ich darf sagen, wenn Sie Erfolg haben, werden Sie in die Geschichte der Wissenschaften eingehen.«

Seine stahlgrauen Augen fixierten sie, als wolle er testen, wie sie auf solch eine Ankündigung reagierte.

»Selbstverständlich testet er mich, aber warum? Und warum trägt er so dick auf?«, dachte Nikita bei sich. Er ist die Kapazität auf dem Gebiet der Verhaltensbiologie. Seine frühen Arbeiten handelten von Stressoren und den unbewussten menschlichen Reaktionen darauf. Seinen Forschungen war die Entwicklung vieler segensreicher Medikamente zu verdanken, so konnte zum Beispiel die biologische Halbwertszeit des Cortisols, des Hormons, das beruhigend auf den Hypothalamus wirkt, von 90 Minuten auf vier Stunden verlängert werden. Professor Rhin hatte drei Doktorate und 43 Ehrendoktorate. Er war Mitglied in mehreren Duzend der renommiertesten wissenschaftlichen Vereinigungen. Er hatte seinen internationalen Respekt nicht nur für seine wissenschaftlichen Errungenschaften erhalten, sondern auch durch seinen Einsatz im praktischen Umsetzen seiner Arbeiten. Seine Bücher waren Bestseller.

Komisch, dass sie sich jetzt in diesem Moment daran erinnerte. Aber Verhaltenspsychologie war auch ihr Lieblingsfach gewesen. So gelang es ihr, ihre Gesichtszüge entspannt aussehen zu lassen und den Professor auch weiterhin direkt anzublicken.

Ihre Füße konnte er von dort aus nicht sehen, sonst hätte er bemerkt, dass ihr linker übergeschlagener Fuß nach oben zuckte. Ihr selbst aber fiel es auf und sie fand im gleichen Moment die These bestätigt, dass der Körper nicht lügen kann.

Was er aber bemerkte war, dass sie immer noch hoch atmete, deshalb fuhr er fort, indem er sich zurücklehnte:

»Ich möchte Ihnen auch genauer erklären, warum unsere Wahl auf Sie gefallen ist. Möchten Sie etwas trinken?«

War er ihr anfangs ziemlich steif vorgekommen, so fand er jetzt zu seiner gewohnten Lockerheit und Umgänglichkeit zurück.

Genau das, was Nikita an ihrem Chef so zu schätzen gelernt hatte. In den letzten Monaten ihrer Zusammenarbeit war eine Vertrautheit zwischen ihnen entstanden, die Nikita bei niemand anderem im Team sonst beobachtet hatte.

»Danke, einen Kaffee vielleicht, ich werde Alma Bescheid sagen. Möchten Sie einen neuen, Ihrer sieht kalt aus?« Im Kaffeetrinken wäre der Professor sicher Weltmeister geworden, wenn es solche Meisterschaften gegeben hätte. Nikita erhob sich, um bei Alma, der Sekretärin, das Gebräu in Auftrag zu geben.

Der Professor gehörte, was seine Arbeit anbetraf, sicherlich zu den fortschrittlichsten Menschen auf diesem Planeten. Aber in puncto Sekretariat, und hier im Besonderen das Kaffeekochen, war er bestimmt der Altmodischste. Er hatte auf einer eigenen Sekretärin bestanden und diese natürlich auch genehmigt bekommen.

Das ganze Institut amüsierte sich über diese Marotte und Alma liebte ihren Chef abgöttisch, aber platonisch.

Als Nikita sich wieder setzte, blickte ihr Chef von seinen Unterlagen auf und legte seine Stirn in Falten.

»Es handelt sich um eine Reise«, nahm er den Faden wieder auf, »um eine weite Reise mit ungewissem Ausgang und auch nicht ganz ungefährlich. Das kann und möchte ich Ihnen nicht vorenthalten.« Nikita beugte sich interessiert nach vorne. Der Professor hatte es spannend genug gemacht.

»Sagt ihnen das Projekt: Energie aus Myon-Neutrino-Feldern etwas?« Er hatte die Worte gedehnt ausgesprochen.

»Ja«, antwortete sie, »ich habe darüber gelesen. Es gab einen Forschungsauftrag, den meine Uni gerne bekommen hätte.

Wenn ich richtig informiert bin, geht es bei diesem Projekt um die Gewinnung von Strom und Licht direkt aus dem Äther. Aber das Projekt wurde doch wegen Undurchführbarkeit ad acta gelegt, obwohl es fast alle unsere Probleme lösen würde.

Ich war auf dem Jahreskongress meiner Universität und dort bei einem Vortrag von Dr. Wenstin, der sich wohl mehr als zehn Jahre lang mit dieser Materie beschäftigt hat, immerhin mit einem Stab von 15 fähigen Leuten und mächtigen Sponsoren im Rücken. Er meinte damals, man müsse dieses Projekt aufgeben, es würde nie möglich sein, eine solche Maschine zu bauen und man müsse sich jetzt wieder anderen Ideen zuwenden.

Ich erinnere mich noch ganz genau an seine Schlussworte: ››Weisheit kann auch bedeuten, zu erkennen, wann man auf dem

Holzweg ist‹.« Dabei ahmte Nikita Dr. Wenstins näselnde Stimme gekonnt nach. »Ich dachte damals noch: Eine teure Weisheit.«

»Das Projekt ›Myon-Neutrino‹ ist nicht gestorben und auch nicht ad acta gelegt, Nikita«, fuhr Professor Rhin fort.

»Man hat es Dr. Wenstin entzogen und es wurde ihm nahe gelegt, vor dem Kongress die Aussage zu machen, die Sie eben zitiert haben. Lediglich offiziell ist die Arbeit an diesem Projekt damit beendet worden, verstehen Sie?

Dr. Wenstin hatte ein Problem. Er konnte es nicht lassen, in seinem Bekanntenkreis und wer weiß noch wo mit seinen Forschungsergebnissen zu prahlen. Man musste befürchten, dass dadurch auch die Konkurrenz davon Wind bekommt. Wir waren also gezwungen, den Kongress einzuberufen, das Projekt öffentlich zu machen und im gleichen Atemzug auch zu begraben. Eine für uns sehr unangenehme Geschichte, obwohl er schon weit gekommen war.«

»Hatte Dr. Wenstin nicht erkannt, dass es falsch war, den Äthergedanken zu verdammen und durch das Prokrustesbett, einer für ruhende wie für bewegte Quellen und Beobachter gleich großen mathematisch konstanten Ein- und Zweiweglichtgeschwindigkeit zu ersetzen, nur weil man die Geschwindigkeit der Erde gegenüber dem Äther und die Einweglichtgeschwindigkeit nicht messen konnte?« Nikita erinnerte sich genau an die Veröffentlichung.

»Das stimmt, Nikita. In Analogie zu Luft und Schall«, dozierte Professor Rhin, »sah bereits die Äthertheorie des 19. Jahrhunderts in einem im Raum ruhenden Äther das Ausbreitungsmedium für elektromagnetische Wellen. Immerhin eine erstaunliche Leistung, wenn man bedenkt, unter welchen Bedingungen damals geforscht wurde. Auf den ersten Blick scheint der Äther, der kosmische Urstoff, mit dem Einzug der Relativitätstheorien Albert Einsteins in die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts aus selbiger verbannt worden zu sein. Doch der Schein trügt. Denn bereits Einstein versuchte, den Äther über Quantenfelder wieder einzuführen. Früher beobachteten Philosophen zunächst die Natur und leiteten dann Gesetzmäßigkeiten aus den wahrgenommenen Phänomenen ab.

Soweit die Fortschritte in der Mathematik dies erlaubten, beschrieben sie als solche erkannte ›Naturgesetze‹ auch auf mathematische Weise. Seit Einstein gehen Naturwissenschaftler bei ihren Beobachtungen immer häufiger umgekehrt vor: Sie untersuchen die bereits formulierten Naturgesetze auf mathematische Weise, um aus ihnen ›Naturgeschehen‹ herzuleiten.

Widersprechen reale Erscheinungen dabei den mathematisch gewonnenen Erkenntnissen, verliert dieser Teil unserer Realität gelegentlich seine Existenzberechtigung. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Erhält man Ergebnisse, die sich in der Natur so gar nicht wieder finden lassen, werden die mathematischen ›Rätsel‹ schlichtweg zum Bestandteil unserer Natur erklärt.«

Jetzt war Nikita in ihrem Element. Sie liebte philosophischwissenschaftliche Diskussionen.

»Haben sich nicht selbst schon Wissenschaftler der Antike Gedanken um den Äther gemacht? Und hat sich nicht sogar die Wissenschaft der Magie mit diesem Phänomen befasst? Was war mit dem fünften Element gemeint?«

»Das fünfte Element nannten manche Wissenschaftler, aber auch Philosophen, den Himmel, manche nannten es Licht, andere Äther.« Jetzt hatte auch der Professor Feuer gefangen und fuhr fort: »Im Äther finden wir die feinsten Eigenschafen der anderen Elemente ebenso wie das, was dem Äther selbst eigen ist. Dies ist auch der Grund dafür, dass in der so genannten niedrigen Magie oft der Äther überhaupt nicht erwähnt wird; man dachte, dass das Element selbst ohnehin auch die feinsten Essenzen in sich trägt. Dass aber der Äther auch Eigenständigkeit besitzt, erschien nur jenen, die sich in ihm verwirklichen konnten, erarbeitungswert.«

»Die Vier-Elemente-Lehre wurde doch auch von griechischen Philosophen weiterentwickelt. Platon ordnete meines Wissens jedem der vier Elemente einen regelmäßigen Körper zu.

Aristoteles wiederum gab den vier Elementen die Eigenschaften warm/kalt, trocken/feucht. Aristoteles fügte dann den Äther als fünftes Element, die so genannte Quintessenz, hinzu«, erinnerte sich Nikita jetzt wieder.

»Sicher«, bestätigte Professor Rhin, »vieles von dem, was wir heute wissen, verdanken wir der Vorarbeit mutiger Generationen von Wissenschaftlern. Dr. Wenstin war auf einer guten Spur, leider mit den erwähnten Nebenwirkungen. Inzwischen kann er nicht mehr angeben, denn er erlitt kurz darauf tragischerweise einen Herzinfarkt. Eine seltene Krankheit heutzutage.

Der Forschungsauftrag, den Ihre Universität so gerne bekommen hätte, kam von der Firma, für die Sie heute arbeiten, von BOSST. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass es im Interesse eines Auftraggebers ist, solch ein Projekt geheim zu halten.«

Nikita konnte ihre Überraschung kaum verbergen.

»Oh ja, das glaube ich«, antwortete sie, »das Unternehmen, das ein Gerät oder eine Maschine entwickeln würde, mit deren Hilfe man Energie aus Myon-Neutrino-Feldern gewinnen kann, hätte wohl alles auf seiner Seite.«

»Das kann man so sagen«, Professor Rhin nickte, »und die Menschen, die sie bauen würden, auch. Es gibt in diesem Zusammenhang neue Erkenntnisse, Nikita, um die es in unserem Gespräch gehen wird.«

»Sie machen es spannend, Herr Professor, was soll ich bei dieser ganzen Angelegenheit für eine Rolle spielen? Wollen Sie mir etwa diesen Forschungsauftrag zutrauen?«

»Das ist nicht mehr nötig, Nikita. Das Verfahren gibt es nämlich schon. Es wurde bereits vor mehr als 1100 Jahren entwickelt.« Professor Rhin beobachtete Nikita hierbei genau.

Es kam nicht oft vor, dass Nikitas Mund vor Staunen offen blieb, jetzt aber war es so »Habe ich Sie richtig verstanden, dass es vor 1100 Jahren schon ein Verfahren gab, mit dem man einen Großteil der damaligen Probleme hätte lösen können? Und dass es dennoch nicht angewandt wurde?«

»Ja, das stimmt. Das kann aber mehrere Gründe haben. Ein Grund - man war technisch einfach noch nicht so weit, diese Maschine zu realisieren.

Oder man hielt es aus irgendwelchen, heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen nicht für opportun. Vielleicht wurde dem Entwickler auch zu wenig Geld geboten.

Oder, ganz einfach, die Pläne wurden ihm gestohlen.

Es wäre übrigens nicht die erste Erfindung, die des Geldes wegen zurückgehalten wurde. Schon in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts zum Beispiel war ein Automobilantrieb erfunden, der nur mit Sonnenenergie lief. Die Ölmultis zahlten dem Erfinder zehn Millionen Dollar dafür, dass er seine Erfindung in der Schublade ließ. Er nahm das Geld.«

»Wenn es nicht mehr nötig ist, dieses Verfahren zu entwickeln, was soll ich dann bei der ganzen Angelegenheit noch machen? Lassen Sie uns dieses Ding bauen, Professor.«

»Schön, wenn es so einfach wäre, Nikita«, sagte der Professor und lächelte.

»Das Verfahren wurde zwar entwickelt, Nikita, aber bisher nur theoretisch. Es gibt bislang lediglich die Pläne, also die Unterlagen für den Bau dieser Maschine. Wir haben die Pläne nicht, noch nicht, aber Sie sollen sie beschaffen. Sie sind gescheit, Nikita, Sie sind ausdauernd und nach unserer Meinung die richtige Frau für diese Aufgabe. Von ganz oben ist man auf Sie aufmerksam geworden, vielleicht freut es Sie, das zu hören.«

Der Professor hatte Nikita immer noch sehr genau im Visier. Verriet sie etwas?

Nein, sie schien wirklich keine Ahnung zu haben. Noch nicht einmal aus ihrem Unbewussten kam eine Reaktion.

»Was soll daran so schwierig sein, diese Unterlagen zu bekommen, ist nicht alles in den Archiven gespeichert? Warum wusste Dr. Wenstin das nicht?«, fragte Nikita, ohne sich durch die offensichtliche Schmeichelei besonders beeindrucken zulassen.

»Die Dokumente und Baupläne, wahrscheinlich in Form von Schriftrollen, befinden sich in dem Teil der Welt, zu dem wir offiziell keinen Zugang haben.« Jetzt war die Katze aus dem Sack.

»Das ist der Haken an der Sache, Nikita. Wenn wir eine Art diplomatische Anfrage stellen würden, bekämen wir die Unterlagen nicht. Wir müssen sie uns also auf einem anderen Weg beschaffen. Und dieser Weg sind unserer Auffassung nach Sie, Nikita. Wir glauben an Sie. Ein Mensch, der sich drüben schnell anpassen kann, wird nicht auffallen. Außerdem haben Sie das Wissen, die Unterlagen zu erkennen, wenn sie vor Ihnen liegen. Wir werden Ihnen die Arbeiten von Dr. Wenstin zur Verfügung stellen, lesen Sie sich ein. Was wir noch haben, erhalten Sie auf elektronischem Weg. Uns ist natürlich bewusst, dass wir damit bestehende Verträge verletzen, aber bedenken Sie den Wert, den diese Unterlagen bedeuten, Nikita.«

Nikita brauchte für ihre nächste Frage länger als sonst.

»Das hieße für mich«, fasste sie zusammen, »eine Reise von unbestimmter Dauer in ein Land, das ich nicht kenne. Wo soll ich mit der Suche beginnen, wenn ich drüben bin? Wenn ich überhaupt so weit komme. Die Menschen dort werden mir nicht gerade wohl gesonnen sein, wenn sie entdecken, warum ich da bin. Wie gefährlich schätzen Sie das alles ein? Und was meinen Sie mit anpassen?«

»Wenn Sie nicht besonders auffallen und es schnell geht, dürften Sie ziemlich sicher sein. Kontakt zu den Anderen müssen Sie natürlich aufnehmen, denn wir sind überzeugt, dass man drüben auch irgendwelche Aufzeichnungen, zum Beispiel in alten Bibliotheken, finden kann. Wir können Ihnen allerdings nicht mit einer Armee zu Hilfe kommen, das müssen Sie verstehen. Zu viel steht auf dem Spiel. Es darf auch nie ein Verdacht aufkommen, dass die Firma etwas damit zu tun hat.

Nichts darf von diesem Auftrag bekannt werden. Sie sind dort ganz alleine auf sich gestellt, Nikita, wir werden aber immer in Verbindung bleiben. Wir haben selbstverständlich Informationen über die Lebensweise in diesem Teil der Welt. Man kann sagen, sie ist so ziemlich das Gegenteil unserer eigenen.

Lesen Sie alles, was Sie über die Zeit vor der Industrialisierung bekommen können, dann wissen Sie in etwa, wie man dort lebt.«

»Also eine Reise in die Steinzeit?« Nikita konnte es kaum glauben. »Ich hoffe, Sie verstehen, Herr Professor, dass ich nicht gleich zusagen kann. Dazu brauche ich Bedenkzeit. Das muss ich mir erst einmal alles durch den Kopf gehen lassen.

Geben Sie mir wenigstens einen Tag Zeit, ich bitte Sie. Woher weiß man eigentlich, dass die Unterlagen drüben sind und nicht hier?«

»Weil sie nur drüben sein können. Unterschätzen Sie diese Zeit nicht, Nikita. Denken Sie doch nur an die griechischen Philosophen, die haben noch früher gelebt. In unserem Teil der Welt wurde zu der damaligen Zeit überhaupt noch nicht geforscht.

Einen Tag bekommen Sie, alles andere würde die Sache unnötig verzögern, Nikita. Ich gebe Ihnen heute frei. Gehen Sie Golf spielen und treffen Sie die richtige Entscheidung. Ich möchte es noch einmal betonen, dass die Zeit drängt. Wenn die andere Seite auf irgendeine Art und Weise gewarnt wäre, würde das für Sie nur zusätzliche Erschwernis bedeuten.«

Der Professor sagte Nikita nicht, was genau er damit meinte.

Nachdem Nikita gegangen war, betrat Professor Rhin den kleinen Raum, der unmittelbar an sein Büro anschloss und den keiner seiner Mitarbeiter kannte. Nachdem sich die Tür hinter im geschlossen hatte, betätigte er einen Knopf und der Raum setzte sich zunächst langsam, dann schneller in Bewegung. Er glitt nach unten in die Tiefe der Erde. Die leuchtenden Zahlen an einer der Wände verrieten ihm den Fortgang seiner Fahrt. Schon nach ca. einer Minute erschien die Zahl 20. Er war angekommen und die Tür glitt auf. Vor ihm lag ein großer, achteckiger Raum, der beherrscht wurde von einer riesigen Leinwand und einem ebenfalls achteckigen Pult mit einem Durchmesser von acht Metern in der Mitte des Bereichs.

Professor Rhin nahm auf einem der Stühle Platz und betätigte mit sicherer Hand einen der vielen Schalter. Der Raum dunkelte sich selbsttätig ab und die Leinwand wurde heller, als die Silhouetten von acht Menschen dort sichtbar wurden. Sie schienen sich irgendwo an einem runden Tisch zu befinden. Mehr konnte der Professor nicht erkennen.

»Ich hoffe, Sie können uns Positives berichten, Herr Professor. Sie wissen, dass die Zeit drängt.«

Den Eigentümer der Stimme, die aus dem Lautsprecher kam, kannte Professor Rhin als Einzigen aus der Runde, persönlich.

Von den anderen kam ab und zu eine Frage oder ein Kommentar.

Außer Mal Fisher hatte er noch niemanden aus dieser dunklen Runde zu Gesicht bekommen, immer nur ihre Schatten. Das Einzige, was er aus seinen Beobachtungen wusste, war, dass es sich neben Mal um weitere vier Männer und drei Frauen handelte. Natürlich war im klar, dass die Acht nicht wirklich am gleichen Tisch saßen, sondern sich, von wo auch immer auf der Welt, an diesen virtuellen Ort projizierten.

»Es tut mir Leid, Sir, aber sie hat sich noch Bedenkzeit ausgebeten. Ich denke aber, sie wird es machen, sie ist ehrgeizig und liebt Herausforderungen. Ihr Persönlichkeitsprofil prädestiniert sie geradezu, wenn sie nicht sowieso schon aus anderen Gründen die Richtige wäre.«

»Sie können ganz offen reden, Ted. Wir alle wissen, dass Frau Ferrer die Einzige ist, die eine Chance hat. Sie muss einfach zusagen. Der Tatsache, dass wir heute alle versammelt sind, entnehmen Sie bitte nochmals die Dringlichkeit der Angelegenheit, aber das brauche ich Ihnen sicherlich nicht noch einmal zu sagen.«

»Ich bin mir durchaus der Tragweite dieser Aufgabe bewusst, Sir, deswegen habe ich auch nur einer kurzen Bedenkzeit zugestimmt.«

»Nun, Sie wissen sicherlich, was Sie tun, aber allzu viel Zeit bleibt nicht. Wir haben Meldungen darüber, dass die andere Seite gewarnt ist und ihrerseits bereits Vorkehrungen trifft. Es darf nichts schief gehen.«

»Das wird es auch nicht, Sir«, Professor Rhin strahlte Ruhe aus.

»Ich bin mir sicher, dass es Frau Ferrer schaffen wird.«




Kapitel 7


Mit einer wohlklingenden, tiefen Stimme sagte der Fremde: »Guten Abend«, während er seinen grauen Umhang, der aus Wolfspelzen bestand, zurückschlug. Effel wunderte sich nicht mehr darüber, dass er auf der kleinen Lichtung, auf der er lag, sogar den Klang der Stimme genau erinnerte.

»Ich habe eine sehr lange Reise hinter mir, auf der Suche nach eurem Dorf. Mein Name ist Schtoll von Malewien«, stellte er sich Mindevols Gästen vor. Effel hatte noch niemals von einem Land oder Ort solchen Namens gehört, es musste sehr weit weg sein. Sam knurrte immer noch und Effel dachte bei sich, dass das Knurren seines Hundes etwas mit dem Wolfsmantel zu tun haben musste.

Mindevol war aufgestanden, um den Fremden zu begrüßen.

»Sei willkommen in meinem Haus, Schtoll, ich bin Mindevol. Ich hatte zwar erst morgen mit dir gerechnet, bin aber froh, dass du gut angekommen bist. Es ist gar nicht so einfach in dieser Jahreszeit, wo viel Schnee liegt und die Wälder oft unpassierbar sind, auch wegen der hungrigen Wölfe. Aber mit denen scheinst du dich ja auszukennen. Manchmal haben wir Schnee bis in den April und in diesem Jahr sieht es ganz danach aus.«

Dabei ging Mindevols Blick zwischen Mantel und Armbrust hin und her.

»Setz dich zu uns und trinke erst einmal einen warmen Tee, der wird dir gut tun. Essen bekommst du auch bald, denn wir feiern heute den Vollmond. Du musst hungrig sein. Komm ans Feuer, du bist ja ganz durchgefroren.«

Effel war verblüfft, denn Mindevol hatte nicht erwähnt, dass er einen Gast aus einem fremden Land erwartete. Er erinnerte sich aber auch jetzt, dass er schon damals gedacht hatte, dass Mindevol ihm ja nicht alles sagen musste.

»Vielen Dank für den freundlichen Empfang, dann hole ich erst noch meine Sachen herein, wenn du erlaubst.« Man merkte kaum, dass der Besucher nicht in seiner Muttersprache sprach.

Er hatte lediglich einen leichten gutturalen Akzent. Schtoll legte die Armbrust ab und lehnte sie an die Wand gleich neben der Tür. Dann ging er nach draußen und kam sofort darauf mit einem großen Rucksack und einem Köcher voller Pfeile zurück.

Effel fragte sich, wie schwer die Waffe wohl sein mochte und der Jäger in ihm hätte sie am liebsten gleich einmal ausprobiert.

Alles in allem schätzte er das Gewicht von Schtolls Ausrüstung auf ungefähr 50 kg.

Malu nahm Schtoll den Umhang ab, um ihn zum Trocknen aufzuhängen. Wenn er über diesen Besuch überrascht war, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. Sam begleitete ihn, jetzt neugierig am Mantel schnuppernd, die Nackenhaare immer noch leicht aufgestellt. Der Gast ließ sich auf einem Stuhl neben dem Kamin nieder, nicht ohne einige beruhigende Worte an Sam in einer fremden Sprache zu richten. Es klang wie: »Wu echnar won.«

Der Hund beruhigte sich augenblicklich, kam zurück und legte sich unter den Tisch. Man konnte die Erleichterung des Mannes spüren, im Warmen zu sein. Stumm blickte er in die Runde und begrüßte die Anwesenden mit einem leichten Kopfnicken.

Effel gefiel der offene Blick, der Ruhe und Kraft ausstrahlte.

Dass der Blick des Besuchers besonders lange auf ihm ruhte, dem maß Effel keine Bedeutung zu. Mira brachte eine Tasse Tee, die Schtoll gerne annahm und er begann sofort, das heiße Getränk zu schlürfen. Dabei umschloss er die Tasse mit seinen Händen, um sie zu wärmen.

»Ich bringe euch Meldungen und Erkenntnisse, die uns alle betreffen«, sagte er. »Ich bin einer von denen, die vom Rat des Südens geschickt wurden, die Nachrichten zu möglichst vielen Menschen unserer Welt zu tragen.«

Effel dachte noch: »Ist das wirklich schon vier Monate her, es ist so, als sei es gestern gewesen?«, als er einen sanften Druck auf seiner Schulter spürte.

Es dauerte eine kleine Weile, bis er die Augen aufschlagen konnte und Perchafta neben sich sitzen sah. Es war dessen Hand, die ihn von seiner Reise in die Erinnerung zurückgeholt hatte.

»Das war merkwürdig, Perchafta, wie lange war ich weg?« Effels Stimme war ganz belegt, sie schien ebenfalls weit weg gewesen zu sein.

»Merkwürdig ist es nur das erste Mal und es ist wirklich würdig, dass du es dir merkst. Ich freue mich, dass es so gut geklappt hat. Deine Reise hat vielleicht eine Stunde gedauert.

Du hast viele Bilder gesehen. Gib dir noch einen Moment Zeit, ganz hierher zurückzukommen. Wenn du magst, kannst du mir gerne später erzählen, was du gesehen hast. Wir haben ja noch den ganzen Tag vor uns.«

Perchafta war aufgestanden, um sich ein wenig die Beine zu vertreten und sein Pfeifchen anzuzünden, dabei schüttelte er leicht seinen Kopf, was aber Effel nicht bemerkte.

»Es ist wie träumen und doch anders«, meinte Effel, »es ist bewusster, irgendwie klarer und alles kam mir vor, als sei es erst gestern geschehen.«

»Es freut mich, dass dir diese Art zu reisen gefallen hat. Hierbei spielt Zeit keine Rolle, Effel. Du hast damit den ersten und entscheidenden Schritt getan.« Perchafta hatte sich wieder hingesetzt.

»Den ersten entscheidenden Schritt, welches wird der zweite Schritt sein?«

Er fühlte sich noch ein wenig zwischen den beiden Welten.

»Langsam, kehre erst einmal ganz zurück hierher und dann sehen wir weiter, außerdem beantworte ich nicht gerne zwei Fragen auf einmal«, lächelte Perchafta ihn an. »Der erste Schritt ist immer der entscheidende, denn jede Reise beginnt damit. Der zweite und alle nächsten sind dann nur noch eine logische Folge. Komm, Sam wird sicher schon warten.«

»Ja, mein guter Sam. Er ist der anhänglichste Hund, den ich kenne. Ich bekam ihn vor fast zwei Jahren von unserer Nachbarin geschenkt, als er noch ein Welpe war. Ihre Hündin hatte einen großen Wurf. Da sie wusste, dass ich ein Hundenarr bin, durfte ich mir einen Welpen aussuchen. Aber eigentlich habe nicht ich ihn ausgesucht, sondern er mich. Er kam als Einziger sofort auf mich zugelaufen, als ich den Hof betrat.

Sicherlich hat er sich kaum von der Stelle gerührt, an der wir ihn verlassen hatten.«

»Nun, dann sollten wir nachschauen, oder?«

Der Hund freute sich, als sei Effel eine Ewigkeit weg gewesen und steckte seinen Herrn mit dieser Freude an. Perchafta war vorsichtshalber ein wenig zurückgeblieben, aber Sam kam sehr behutsam mit dem Schwanz wedelnd heran, um ihn zu beschnuppern.

Es sah fast respektvoll aus. Gleich darauf sprang er wieder an Effel hoch. Nach dieser stürmischen Begrüßung machten sich die drei auf den Weg und kamen bald aus dem Wald heraus. Effel wandte sich an seinen Begleiter:

»Wie geht es jetzt weiter, Perchafta, wirst du mitkommen oder soll ich eine Zeit lang hier bleiben?«

»Ich denke, es schadet nichts, wenn wir ein wenig beisammen bleiben, damit deine nächsten Reisen in die untere Welt, wie du sie nennst, mit Begleitung stattfinden können. Zum Üben ist es ganz gut so, später wirst du mich nicht mehr brauchen.«

»Du meinst, ich werde irgendwann diese Art von Reisen ganz alleine unternehmen können, ohne Hilfe eines anderen?«

»Es wäre schlimm, immer auf jemanden angewiesen zu sein, findest du nicht?«

»So betrachtet hast du Recht«, meinte Effel, »aber vorhin hat es mich irgendwie beruhigt, dich neben mir zu wissen.«

»Anfangs ist es sogar besser, einen erfahrenen Begleiter zu haben, aber du wirst bald ohne mich auskommen. Ob ich dennoch bei dir bleibe, wird sich zeigen, es kommt auf den weiteren Verlauf deiner Mission an. Wir haben nicht auf alles Einfluss.«

»Kannst du mir ungefähr sagen, wie lange es dauern wird, bis ich auch alleine weiter kann?«

»Du hast es wohl sehr eilig«, Perchafta musste schmunzeln.

»Du kennst den Grund meiner Reise und wirst daher bestimmt verstehen, dass ich möglichst schnell weiter möchte.«

»Vergiss den Grund deiner Reise zunächst einmal und Zeit, Effel, ist das geringste Problem in diesem Fall. Außerdem, woher willst du wissen, dass es weiter weg geht, vielleicht passiert ja alles ganz in der Nähe. Wenn du nicht optimal vorbereitet bist, egal wie lange das dauert, kannst du deine Mission in den Wind schreiben. Und glaube mir, das war wirklich erst der Anfang. Für die Erfüllung deiner Aufgabe wirst du eine Fähigkeit benötigen, auf die ich dich mit dieser Art von Reise vorbereite, und ohne die du nicht das erreichen wirst, was du erreichen sollst.

Bis jetzt hast du nur Zugang zu dem Wissen und den Erinnerungen, die dein jetziges Leben betreffen und nur dir selbst gehören. Aber es wird wesentlich mehr als das vonnöten sein. Es gibt viele Ebenen der Erinnerung. Bei diesen Gegnern wirst du alles brauchen.«

»Komisch«, meinte Effel, »manchmal habe ich den Eindruck, ich selbst wüsste am wenigsten, was mich erwarten wird.«

»Nein, meine Feststellung habe ich lediglich getroffen aus Erfahrung als Reisebegleiter und aus der Kenntnis eurer Widersacher.

An einem positiven Ausgang deiner Mission bin ich mehr interessiert, als du vielleicht glaubst, denn sie betrifft uns doch letztlich alle. Was geschehen wird, weiß ich genauso wenig wie du. Deine Leute scheinen mit dir die richtige Wahl getroffen zu haben, das sagt mir mein Gefühl.«

Die Luft war frisch und klar und sie kamen gut voran. Sam lief voraus und Effel ging neben dem Krull her. Dabei brauchte er gar nicht langsamer zu gehen. Wie Perchafta es machte, mit ihm Schritt zu halten, erkannte Effel allerdings nicht, es schien ihn auch nicht im Mindesten anzustrengen. Die beiden sprachen nun längere Zeit nicht miteinander, Effel war einerseits mit seinen Gedanken beschäftigt und wollte andererseits Perchafta keine Löcher in den Bauch fragen. Dem Krull schien das nur recht zu sein. Ein paar Mal schon hatte Effel für Momente den Eindruck, als sei sein kleiner Begleiter mit den Gedanken weit weg.

Nach einer Weile gelang es ihm, sich mehr auf die Landschaft, durch die sie jetzt kamen, zu konzentrieren. Eine weich geschwungene Hügellandschaft lag vor ihnen, von mehreren kleinen Flüssen durchzogen. An den Ufern dieser Wasserläufe standen Pappeln, Birken und unterschiedlichste Sträucher, die weit über das Wasser ragten. Effel konnte Graureiher erkennen, die beinahe regungslos am Ufer standen und auf einen Fisch warteten. Das Gras wurde von einem leichten Wind bewegt, sodass es beinahe aussah wie die sanften Wellen des Meeres. In der Ebene weideten Pferde und Rinder. Auf einer Anhöhe lag wohl das Haus des Farmers.

Die beiden Wanderer blieben stehen, um den Blick, der sich ihnen bot, zu genießen. Nachdem Perchafta sich dann auf einen Grenzstein am Weg gesetzt hatte, meinte er:

»Welch eine Aussicht. Hörst du die Melodie des Windes und spürst du seinen Hauch auf deinem Gesicht? Riechst du den Duft der Gräser? Es ist wundervoll, nicht wahr? Dass es dies alles wieder gibt, zeugt von der Kraft der Natur. Kaum vorstellbar, dass es Menschen gab, die so etwas nicht achteten, ja sogar zerstörten. Und doch war es so.«

Perchafta hatte fast geflüstert, wurde nun aber wieder lauter:

»Dieser Blick ist das Einzige, was jetzt zählt. Weder Dein Auftrag ist in diesem Moment von Bedeutung noch das Ziel deiner Reise, das du sowieso nicht kennst. Nur das Jetzt ist wichtig und so ist es immer, nur das Hier und Jetzt ist wichtig. Das Leben findet im Hier und Jetzt statt, nirgend woanders. Die Menschen müssen alles in Zeit einteilen und sind mit ihren Gedanken dann entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft unterwegs, eine unsinnige Angewohnheit.«

»Warum«, fragte Effel, »ist es nicht wichtig, sich an die Vergangenheit zu erinnern? Die Gegenwart gäbe es doch gar nicht so wie sie ist, wenn nicht die Vergangenheit so gewesen wäre, wie sie war.«

»So meinte ich das nicht, Effel, mit dem was du sagst, hast du natürlich Recht. Was ich meinte, ist, dass die meisten Menschen mit ihren Gedanken in der Vergangenheit leben, vor allem dann, wenn sie dort schlechte Erfahrungen gemacht oder etwas Schönes verloren haben. Dann haben sie Angst davor, dass etwas Ähnliches noch mal passieren könnte. Und was passiert, wenn man Angst hat, das weißt du. Man ist nicht mehr offen, für das, was wirklich im Jetzt geschieht.«

»Das hat Malu auch oft gesagt, jedenfalls so ähnlich, und jetzt habe ich verstanden, was du meintest, Perchafta.«

»Genauso ist es mit der Zukunft«, fuhr der Krull fort. »Und das ist sogar noch viel blödsinniger, wenn man es genau betrachtet. Die Zukunft gibt es ja noch gar nicht und sie entsteht doch aus dem Hier und Jetzt. Wenn ich ganz bewusst im Hier und Jetzt lebe, nach den Naturgesetzen und in Harmonie mit mir und den anderen Geschöpfen, was kann da Schlimmes passieren? Wir erschaffen doch unsere Zukunft durch unsere Taten und Gedanken von heute. Es mag vielleicht etwas abgedroschen klingen, Effel, aber alle alten Schriften besagen, dass das Rezept für ein vollkommenes Leben ein Leben im Hier und Jetzt ist. Es gilt, mit dem anzufangen, was gerade vor einem ist, den Problemen beim Hausbau, einer Partnerschaft, den Sorgen um die Kinder, Krankheit der Großmutter oder Überwindung der Ängste.«

»Ja, das wird bei uns schon den Kindern beigebracht und es tut gut, es noch einmal so deutlich zu hören. Aber hat man das früher nicht auch schon gewusst? Und wenn ja, frage ich mich, wie es zu alldem kommen konnte, was schließlich in der großen Katastrophe endete.«

»Sicher, Effel, das hat man gewusst und zu Anbeginn der Zeiten hat man es auch befolgt. Doch als die Gier begann, die Mächtigen zu beherrschen, lag es in ihrem Interesse, die Menschen die Wahrheit vergessen zu lassen. Man redete ihnen ein, sie seien die Herrscher über die Welt und sie könnten mit der Erde machen, was sie wollten. Das taten sie dann auch, aber zu welch einem Preis, einen den die Schwachen bezahlen mussten! Glaube mir, einer bestimmten Clique wurde kein Haar gekrümmt, sie haben alle überlebt, oder fast alle. Aber das weißt du ja, du wärst ja sonst nicht hier.«

»Wenn dieses Wissen auch früher schon vorhanden war«, meinte Effel, »dann ist Wissen allein demnach keine Garantie für rechtes Handeln.«

»Schön wäre es, Effel, dann hätten wir jetzt jedenfalls Zeit und Muße für schönere Dinge. Ich wäre bei meiner Familie, könnte lesen und all die Dinge tun, die das Leben lebenswert machen.«

»Aber was ist mit dem Ewigen Vertrag, wurde der nicht geschlossen, um den Überlebenden die Möglichkeit zu geben, das Leben zu wählen, das sie für richtig hielten?«

»Effel, nichts was Menschen machen, ist ewig. Dieser Vertrag wurde geschlossen aus der Not der Stunde, also nicht ganz freiwillig. Man brauchte einfach Zeit, denn man hatte den Lauf der Dinge unterschätzt. Jetzt ging es erst einmal darum, sich zumindest einen Teil zu sichern. In der Geschichte der Menschheit sind die meisten Verträge gebrochen worden. Wir Krulls kennen zum Beispiel gar keine Verträge. Wenn ein Krull in etwas einwilligt, dann genügt sein Wort. Das ist dann für ihn und seinen Clan bindend. Aber ist es bei euch Kuffern inzwischen nicht ähnlich?«

»Doch, bei meinem Hausbau habe ich mit dem Nachbarn, der mir das Holz lieferte, auch alles per Handschlag erledigt. Und so wird es immer bei uns gemacht. So lange ich mich erinnern kann, war es nie anders.«

»Na siehst du, ein Teil der Menschheit hat etwas gelernt. Das Wort eines Mannes muss reichen, das ist doch Vertrag genug. Ich hoffe, dass die Menschen mehr gelernt haben, als das. Das, was ihr die Große Katastrophe nennt, war nicht die erste ihrer Art. Es kam damals einiges zusammen. Genauer gesagt kamen drei Gruppen zusammen. Einmal die Wirtschaftsmagnaten, deren Gier keine Grenzen kannte, dann eine gewisse politische Klasse, deren Heil in der militärischen Aufrüstung lag, und schließlich noch die religiösen Fanatiker, die es für ihre Aufgabe hielten, eine Weltordnung nach ihren Wertvorstellungen nötigenfalls herbeizubomben. Eine wahrhaft unselige Allianz. Schlimm war es dann, als die Politik religiosiert wurde. Man machte den Menschen weis, im Auftrag Gottes zu handeln. So kam es, wie es kommen musste.

Die Menschen hatten irgendwann einfach nur noch Angst. Die Attentate häuften sich, die Kriege mehrten sich und in solchen Zeiten wurde der Ruf nach einer starken Händen immer lauter.

Und die gab es ja auch. Man versprach Schutz vor den Attentätern und lenkte so von den wahren Problemen ab.

Angst manipuliert am besten. Wenn ein Mensch von Angst erfüllt ist, wird er leicht zum Opfer jeder Art von Beeinflussung, weil er in diesem Moment die Verbindung zu sich selbst verliert. Was nicht gesehen wurde, oder gesehen werden durfte, war die Tatsache, dass auch die Täter Opfer waren, denn auch sie hatten Angst.

Menschen fügen anderen Menschen Schmerzen zu, wenn sie Angst haben. Je mehr Schmerzen ein Mensch einem anderen zufügt, desto größer ist die Angst in seinem Inneren. Solche Ereignisse, ihr nennt sie Katastrophen, hat es andererseits aber immer wieder gegeben. In den Zivilisationen aller Zeiten. Nach einer rasanten Entwicklung in Wissenschaft und Technik wurden die Menschen überheblich und überschätzten sich und ihre Fähigkeiten. Sie gingen an dem Plan vorbei. So bekamen sie, oder gaben sich selbst, egal wie man es sieht, eine neue Chance. Es sollte dadurch wohl die Spreu vom Weizen getrennt werden.«

»Du meinst also, die Menschen hätten sich selbst unbewusst in solch schlimme Situationen gebracht? Und letztlich auch mit dem Risiko, ganz vernichtet zu werden? Ich bin bisher davon ausgegangen, dass dies ein Schöpfer tut, ein Gott, der uns alle geschaffen hat und deswegen auch das Recht hat, uns zu nehmen, was er gegeben hat.«

»Meinst du, dass du die Schöpfung vom Schöpfer trennen kannst?«, fragte Perchafta.

»So gesehen, nein. Aber hat dieser Schöpfer nicht auch durch die Natur gesprochen? Hat er uns nicht auch durch sie zahlreiche Warnungen geschickt, die letztlich doch alle überhört wurden?«

»Man nannte sie Naturkatastrophen«, erwiderte Perchafta, »aber für die Natur war es ja keine Katastrophe, nur für die Menschen. Für die Natur war es eine Reinigungsaktion und für die Erde begann damals eine Neuordnung, die Erde strukturierte sich um. Das hat sie übrigens immer mal wieder gemacht, in riesigen Zeitabständen. Und vor einigen hundert Jahren war es eben mal wieder so weit. Kannst du dir vorstellen, Effel, dass deine Heimat einmal eine Insel war, und weißt du, warum sie das heute nicht mehr ist?«

»Ja, ich weiß das von Mindevol, der es übrigens ähnlich erklärt hat wie du, Perchafta. Durch die Verschiebung von Erdplatten, stimmts?«

»Genau, Effel. Weißt du übrigens, dass bei solchen Phänomenen wie Erdbeben, Flutwellen oder Stürmen kaum wild lebende Tiere ums Leben kamen? Nur Tiere, die von Menschen an Leinen oder in Ställen gehalten wurden?

Die Tiere haben die Zeichen, die solchen Ereignissen immer vorausgehen, besser deuten können und sich in Sicherheit gebracht.

Wirklich gelitten haben nur die Menschen darunter. Ich glaube aber, dass wir gar nicht so differenzieren müssen, Effel, denn wenn es diesen Schöpfer gibt, wovon ich übrigens auch ausgehe, dann ist dieser Schöpfer ja in Allem und gleichzeitig ist er Alles, also auch in euch Menschen, auch in dir, in Sam, in jedem Blatt, das hier wächst, in jedem Vulkanausbruch, in jedem Erdbeben und in jeder Flutwelle.«

»Aber warum hat die größte Katastrophe, das Seebeben im früheren Asien, gerade die ärmsten Länder heimgesucht? Ist die Natur, oder der Schöpfer, nicht immer gerecht? Wo war denn Gott da?«

Effel war gespannt, ob der Krull auch darauf eine Antwort wüsste.

»Glaubst du wirklich, dass der Schöpfer sich mit solch menschlichen Wertmaßstäben wie gerecht oder ungerecht messen lässt? Sagt ihr nicht auch, dass Gott unermesslich ist? Und was ist schon gerecht? Ist das nicht Sache des Standpunktes? Nein, Effel, ich glaube, er hat den Menschen in seiner Güte und Liebe wieder einmal eine Chance gegeben, einen Wink. Auch damals in Asien. Wenn er auch einen Zaunpfahl dazu genommen hat.«

Perchafta hatte Effels erstaunten oder auch fragenden Gesichtsausdruck durchaus bemerkt.

»Ja Güte, Effel, dadurch, dass er dieses Unglück dort hat geschehen lassen, wo es geschah, gab er den reichen Ländern Gelegenheit, sich zu besinnen und zu helfen. Das meine ich mit Güte. Das Seebeben geschah in einem der beliebtesten Urlaubsgebiete weltweit. Zu einer Zeit, da sehr viele Menschen aus allen erdenklichen Ländern dort ihren Urlaub verbrachten.

Er wählte für dieses Ereignis einen der höchsten religiösen Feiertage der Christen und die meisten Menschen der damaligen Industrienationen waren Christen. Durch diese Flut waren alle Länder durch ihre zahlreichen Opfer direkt betroffen.

Es entstand die größte weltweite Hilfsaktion aller Zeiten. Eine beispiellose Hilfe lief innerhalb weniger Stunden an. Auch logistisch eine Meisterleistung. Durch dieses Beben wurden die Menschen auf der Erde vereint, viele haben ihre Herzen geöffnet und viele wurden angeregt, über ihre Werte nachzudenken.

Außerdem bekamen Umweltschutz und Klimaerwärmung einen neuen Stellenwert. Die Welt war für einige Wochen vereint.

Was wäre wohl geschehen, Effel, wenn das gleiche Unglück in den reichen Ländern geschehen wäre? Der damalige Mittelmeerraum galt seit langem als besonders gefährdetes Gebiet, gerade für Erd- und Seebeben mit ihren furchtbaren Tsunamis.

Es hätte sich kaum jemand wundern können, wenn dort eine Flut gekommen wäre. Und Europa gehörte damals zu den reichen Gebieten der Welt. Ich sage dir, warum. Es wäre schon damals das Ende gewesen.

Denn die armen Länder hätten nicht in diesem Umfang helfen können, wenn überhaupt. Außerdem darfst du den religiösen Aspekt nicht vergessen. Die meisten Menschen in der Unglücksregion glaubten an ein Karma, also an eine Art Schicksal.

Dieser Glaube ermöglicht es einem viel eher, solche Dinge hinzunehmen, zu akzeptieren, als wenn man auf einen ungerechten Gott schimpft oder glaubt, für seine Sünden bestraft zu werden. Gott hat nie gestraft, das können die Menschen ganz gut selbst. Aber Religion ist ein Thema für sich, Effel, lass uns darüber ein anderes Mal sprechen, wenn du magst.«

»Ja gerne«, erwiderte Effel auf den Vorschlag, »lass uns darüber reden, auch über Schicksal, denn daran glaube ich auch.«

»Die Menschen haben dort gemeinsam alles wieder aufgebaut, schöner und sogar in relativ kurzer Zeit.«

»Ja, ich habe alles darüber gelesen, Perchafta. In unseren Geschichtsbüchern wird dies ja als größte Katastrophe der Menschheit ausführlich beschrieben. Es sollen weit mehr als 300000 Menschen den Tod gefunden haben.«

»Es waren mehr, aber viele wurden nie gefunden, weil das Meer sie mitgenommen hatte. Deswegen tauchten sie in keiner der offiziellen Listen auf, so steht es jedenfalls bei uns geschrieben. Der Schöpfer hat also auch damals ein Zeichen gesetzt und viele Menschen haben das auch verstanden. Sie haben gesehen und erkannt, dass die Welt eins ist, dass man sie gar nicht teilen kann. Sie hätten es auch ohne dieses Unglück wissen können, denn wenn sie aus ihren Satelliten auf die Erde geschaut haben, konnten sie keine Grenzen sehen.

Leider hat es nicht sehr lange angehalten, dann setzten sich wieder die individuellen Machtinteressen der einzelnen Länder durch. Schon zwei Wochen später diskutierten die Politiker über die großzügigen Spenden und missbrauchten dies sogar für ihre Wahlkämpfe. Aber auch schon während des Unglücks zeigten einige Menschen ihr wahres Gesicht. Ohne Rücksicht und Respekt wurden die Toten beraubt, Häuser, soweit sie noch standen, wurden geplündert. Kannst du dir vorstellen, dass es Leute gab, die einige Tage nach dem Unglück wieder dort Urlaub machten und aus ihren Liegestühlen die Aufräumarbeiten beobachteten? Also es kann niemand sagen, die Menschen hätten ihre Chancen nicht gehabt. Du siehst, Effel es musste einfach so kommen, wie es dann gekommen ist.«

»Interessant, dass du das alles auch als Chance betrachtest. Ich kenne jemanden, der sieht es ähnlich. Aber von welchem Plan sprichst du da, Perchafta?«

»Wenn die Menschen so weit sind, wird sich dieser Plan ihnen offenbaren. Komm, lass uns weitergehen.«

Am Nachmittag kamen sie an Kirschbäumen vorbei. Die Äste bogen sich schwer von den reifen Früchten. Stare, die sich an den Kirschen gütlich getan hatten, flogen verärgert auf. Sie würden später wiederkommen.

Perchafta brauchte nur eine Handvoll davon zu essen, um satt und zufrieden dreinzuschauen. Aber auch für Effel war genug da. Nach diesem süßen Genuss setzten sie sich unter den größten Baum und Effel hatte wieder nur einen Blick für die zauberhafte Landschaft.

»Komm, lass uns weitergehen«, meinte Perchafta nach einer Weile, »und erzähle mir von diesem Schtoll, Effel. Du hast doch eine Zeit lang mit ihm verbracht?«

Effel wunderte sich nicht mehr über das, was dieser Krull alles zu wissen schien, und erzählte.

»Schtoll wohnte damals im Haus des Korbmachers Sendo und dessen Frau Balda. Die beiden hatten genügend Platz, denn sie haben keine Kinder bekommen. Das Besondere am Hause Sendos aber ist eigentlich der Garten, den müsstest du mal sehen, Perchafta. Bei schönem Wetter sitzt Sendo bei der Arbeit zwischen all den bunten Blumen und unterhält sich mit den Bienen und den Schmetterlingen, so wie du vorhin.

Manche Leute halten ihn ja für schrullig, ich aber glaube, dass er einfach besonders ist. Man kann sich mit ihm gut unterhalten.

Nach dem Vollmondfest, bei dem sie sich gleich angefreundet hatten, hatte Sendo Schtoll eingeladen bei ihnen zu wohnen, solange er wolle. Da ja Winter war, hat Schtoll zunächst nicht viel von dem Prachtstück um das Haus seiner Gastgeber gesehen, sondern erst später, denn er blieb bis zum Mai.

Ich war mit Schtoll viel unterwegs, um ihm die Heimat zu zeigen. Bei unseren Wanderungen oder bei der Jagd hatte ich Gelegenheit, ihn näher kennen zu lernen. Er wies mich auch in den Umgang mit seiner Armbrust ein und ich bin ein ganz guter Schütze geworden. Schtoll beneidete uns um den Wildreichtum der Wälder, er war ein guter Jäger, wenn er auch noch nie im Schnee gejagt hat. Er war ganz fasziniert, wie einfach es zum Beispiel im Schnee ist, die Spuren zu verfolgen. Er hatte auch noch nie Schneeschuhe gesehen und wünschte sich, sie schon bei seiner Hinreise gehabt zu haben. Es war sicher eine enorme Leistung, ohne diese hilfreichen Geräte zu uns zu gelangen.

Sein Heimatland weit unten im Süden muss, seinen Berichten nach, karger, schroffer und sehr unwirtlich sein. Raue Winde und die Glut der Sonne hätten das Gesicht seines Landes geformt, meinte er einmal. Vor vielen hundert Jahren sei sein Land von riesigen Regenwäldern bedeckt gewesen, wie er wusste. Man konnte merken, dass er seine Heimat liebte wie ich meine. Er erzählte mir von einer langen Trockenheit, die einem großen Teil seines Volkes das Leben gekostet hatte. Das muss schrecklich sein und ich hoffe, sie haben inzwischen auch wieder Regen gehabt. Irgendwann werde ich ihn dort besuchen.

Als Sohn eines alten Fürstengeschlechts fühlte er sich für sein Volk verantwortlich und machte sich eines Tages auf den Weg, die Ursache für diese lang anhaltende Dürre zu finden. So kam er durch viele Länder und lernte deren Völker kennen. Das, was er von seiner Reise berichtete, war für mich unendlich interessant und es erinnerte mich manchmal an die Erzählungen meines Großvaters. Ich selbst war ja bisher nie weiter aus meiner Heimat herausgekommen. Aber das soll ja vielleicht jetzt anders werden.«




Kapitel 8


Aufgrund der Nachrichten Schtolls hielten Mindevol und andere es für erforderlich, die Ältesten aus den anderen Dörfern zusammenzurufen, um gemeinsam zu beratschlagen, was zu tun sei. Die Kuffer lebten in vielen, teilweise weit verstreuten kleinen und großen Dorfgemeinschaften. Früher hatten auch sie in monströsen, anonymen Städten gewohnt, die die ganze Erde überzogen hatten. Der Ältestenrat war die oberste Instanz, wenn es um die Regelung übergeordneter Angelegenheiten ging. Dorfinterne Dinge waren jeweils Sache des Dorfältesten oder eines gewählten Bürgermeisters. Die Versammlungen fanden an wechselnden Orten statt und diesmal war Seringat an der Reihe.

Die Zusammenkunft wurde für den April einberufen, in der Hoffnung, dass dann der Winter langsam zu Ende gehen würde.

Die Bewohner von Seringat freuten sich, bei diesem Ereignis die Gastgeber zu sein, obwohl schnell durchgedrungen war, dass es sich um eine sehr ernste Angelegenheit handelte. Die Einberufung des Ältestenrates war immer ein großes Ereignis, diesmal ganz besonders. Obwohl der Rat »Ältestenrat« hieß, waren seine Mitglieder nicht alle alt. Es waren verdiente Mitbürger, die jeweils in ihren Dörfern von den Mitbewohnern für die Dauer von zwei Jahren gewählt wurden, aber auch wieder gewählt werden konnten. Seitdem Effel denken konnte, war Mindevol Mitglied dieses Rates. Der Ältestenrat bestand aus vier Männern und vier Frauen. Das älteste Mitglied war Jelena aus Gorken, eine Frau von 92 Jahren und schon 20 Jahre lang die Vorsitzende der Ratsversammlungen. Bei Abstimmungen zählte ihre Stimme nur bei Stimmengleichheit doppelt.

Gorken lag an der südlichen Grenze des Landes, das die Kuffer bewohnten und es war für die alte Frau sicher eine anstrengende Fahrt gewesen, weil ja immer noch Schnee lag.

Den Besprechungen des Ältestenrates ging jedes Mal eine große Versammlung voraus, damit sich jeder anhören konnte, über was später beraten wurde. Auch war es Brauch, dass jeder der Anwesenden zu den Dingen seine Meinung äußern konnte, wenn er die Regeln der Versammlung einhielt, auch Kinder konnten ihre Meinung sagen.

Es war eines der wenigen Male, soweit Effel sich erinnern konnte, dass das Gemeinschaftshaus auf dem Dorfplatz von Seringat aus den Nähten zu platzen drohte.

An diesem Tag wollte jeder einen guten Platz ergattern. Es waren nicht nur Seringater da, sondern auch viele Leute aus den anderen Dörfern der Nachbarschaft. Die Meldungen hatten sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, auch weil fast jeder Dorfbewohner Verwandtschaft in den Nachbargemeinden hatte. Das Feuer im großen Kamin hätte gar nicht zu brennen brauchen, die Halle wurde schon durch die Körper der Menschen schnell erwärmt. Einige Jungen waren sogar nach oben auf die Deckenbalken geklettert, was normalerweise verboten war. Niemand dachte heute daran, sie zurechtzuweisen. Die Jungen waren so mit Festhalten und gespanntem Zuhören beschäftigt, dass sie nicht bemerkten, wer sonst noch dort oben saß.

Der Ältestenrat residierte etwas erhöht auf einer kleinen Bühne auf Stühlen mit hohen Lehnen, die mit prachtvollen Schnitzereien verziert waren, und alle sahen sehr würdevoll aus.

Auch Schtoll saß dort oben.

»Zunächst einmal möchte ich mich bei unseren Gastgebern bedanken, die es ermöglicht haben, dass wir heute hier zusammentreffen können«, eröffnete Jelena die Sitzung. Dabei schaute sie zuerst Mindevol an und dann ließ sie ihren Blick lange über die anwesenden Zuhörer schweifen. Alle waren da, die meisten sogar in Ihren Festtagsgewändern. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können und jeder hatte das Gefühl, Jelena schaue nur ihn an. »Ich freue mich, dass ich bei euch sein kann, und ich freue mich auch, dass ihr in solch großer Zahl erschienen seid«, fuhr sie fort.

»Mein Dank gilt auch dir, Jussup«, sie deutete mit ihrer linken Hand auf einen Mann in der vorderen Reihe und lächelte ihm zu, »du hast mich in deinem schnellen Pferdeschlitten hierher gebracht. Zu Fuß hätte ich den Weg durch den Schnee wohl nicht mehr geschafft.«

Und dann an die Versammelten gerichtet: »Sehr warme Decken hatte er auch in seinem Schlitten.« Jussup lächelte verlegen, denn er wusste, dass jetzt alle Augen auf ihn gerichtet waren.

Jelena trug ein schlichtes, bis zu den Knöcheln reichendes, graues Wollkleid. Ihre schneeweißen Haare fielen über die Schultern wie ein Umhang. Ihr braun gegerbtes Gesicht verriet die Schönheit früherer Jahre und erzählte dem Betrachter von Freud und Leid eines erfüllten Lebens.

Der erste Redner war der Gast aus dem Süden. Schtoll berichtete den Versammelten, dass die Anderen sich ungeheurer Technologien bedienten, zu denen nach seinen Erkenntnissen auch die Beeinflussung des Klimas gehörte. So vermutete er, dass man seinem Volk den Regen regelrecht gestohlen und damit eine lange Dürre ausgelöst hatte. Das war zunächst einmal der Anlass gewesen, sich auf den Weg zu machen, um auch die Bewohner anderer Länder zu informieren.

Hier hörte er dann Ähnliches. Es war ihm schließlich gelungen, die Völker des Südens zu einem Rat zusammenzuschließen und dieser hatte ihn und andere mutige Männer auf die Reise geschickt, um andere zu warnen, aber auch um Mithilfe zu bitten.

»Wie ihr ja alle wisst«, legte Schtoll damals auf der Versammlung dar, »haben sich die Völker der Erde nach der Großen Katastrophe für zwei unterschiedliche Wege entschieden und dies in dem Ewigen Vertrag besiegelt. Der andere Teil der Menschheit geht weiterhin die Wege der Technik. 700 Jahre Entwicklung der Technik, man mag sich gar nicht vorstellen, was alles möglich geworden ist. Die Anderen sind davon überzeugt, dass ihr Weg zum Wohle aller ist. Das ist auch ihr Recht, so wie es unser Recht ist, auf unsere Art zu leben. Nun aber greifen sie nach mehr.« Unruhiges Raunen der Zuhörer erfüllte die große Halle.

Schtoll nannte den Weg der Anderen im Verlauf seiner Rede den »Machtweg«. Die Menschen in Effels Teil der Welt lebten mit der Natur in Einklang, so wie dies zu allen Zeiten von den Weisen empfohlen worden war. Schtoll, wie auch der Rat des Südens, befürchteten, dass alle Völker, die natürlich lebten, wieder unterdrückt und sogar vernichtet werden könnten.

Das alles hatte es schließlich schon einmal gegeben. Aber dann fuhr er fort: »Scheinbar überstürzen sich die Ereignisse, Freunde. Es geht nicht mehr nur um die Beeinflussung des Klimas, was ja an sich schon schlimm genug ist. Alles deutet darauf hin, dass die andere Seite dabei ist, den Ewigen Vertrag zu brechen. Wir müssen unsere Kräfte bündeln und uns auf unsere Stärken besinnen. Wir müssen zusammenhalten, denn unser aller Leben hängt vielleicht davon ab! Ich bin einer der Gesandten, die geschickt wurden, die Kunde zu allen Menschen unserer Welt zu tragen.

Ich sage euch, das Damoklesschwert hängt über uns! Es hat eine Zeit lang gedauert, aber wir haben Informationen, denen zufolge etwas Großes in unserem Teil der Welt verborgen ist. Das werden sie suchen.

Madmut, der große, alte Seher des Südens, hat schreckliche Visionen davon gehabt, was passieren würde, wenn die Anderen es stehlen könnten. Unser aller Existenz ist in großer Gefahr. Wir sind uns sicher, Freunde, die Anderen werden den Ewigen Vertrag brechen. Sie werden nicht mit einer Armee kommen. Dazu wären sie zwar in der Lage, aber auf eine kriegerische Auseinandersetzung werden sie es zunächst einmal nicht ankommen lassen. Sie wissen, dass auch wir nicht wehrlos sind. Wir glauben, dass sie ein oder zwei Leute schicken, die hier zunächst einmal suchen und, wenn möglich, das Gesuchte auch gleich außer Landes schaffen sollen.«

Es sei höchste Zeit, so sein Schlussappell bei der Versammlung, dieser unheilvollen Entwicklung Einhalt zu gebieten.

Hier und da war ein »Richtig« aus dem Zuhörerraum zu vernehmen »Dann spüren wir sie auf und werfen sie aus unserem Land!«, rief Soko, der Schmied. Dabei wirbelte er seine riesige Faust wild in der Luft herum, so als würde er jeden Moment zuschlagen wollen. Einige der Umstehenden lachten.

»Das wird nicht einfach sein«, erwiderte Schtoll ganz ruhig.

»Diejenigen, die kommen, werden kein Schild um den Hals tragen und ich bin mir sicher, dass die Verantwortlichen keine Schlafmützen schicken.«

Damit beendete er seine Rede.

Die meisten Leute von Seringat waren erschüttert, einige schüttelten ungläubig den Kopf und ein paar Leute weinten sogar. Dann trat Schweigen ein. Man lebte hier so weit weg von allem in seiner eigenen kleinen, heilen Welt, dass das Wissen um eine mögliche Bedrohung leicht verdrängt wurde.

Jeder ermaß für sich selbst die Tragweite des eben Gehörten. Es war für viele unglaublich. Sollte es wirklich Menschen geben, die aus dem, was passiert war, scheinbar nichts gelernt hatten und sogar bereit waren, den Ewigen Vertrag zu brechen?

Die Große Katastrophe und die darauf folgende Umsiedelung waren zwar schon lange her, aber Schtolls aufrüttelnde Rede verfehlte ihre Wirkung nicht. Jedenfalls galt das für die Mehrzahl der Anwesenden. Die Geschichten, die schon die Kinder in der Schule lasen und hörten, handelten von ihr, und wie es dazu gekommen war. Nie mehr dürfe es geschehen und es müsse alles getan werden, das zu verhindern, endeten diese Erzählungen immer. Und jetzt sollte es wieder soweit sein?

Das Leben hier war zwar nicht immer leicht, aber es war lebenswert und niemand wollte sich das wieder nehmen lassen.

Deshalb bewerteten die meisten Leute die letzte Katastrophe auch nicht negativ, obwohl sie damals so vielen Menschen das Leben gekostet hatte und es weltweit zu solch großen Veränderungen gekommen war. Mindevol sagte immer, die Menschen hätten zu allen Zeiten nur durch Leid gelernt und deshalb hatte alles so passieren müssen.

»In der Tat ist der Anlass so wichtig«, ergriff Jelena erneut das Wort, »dass wir zu einem Entschluss darüber kommen sollten, was wir tun können. Ich möchte aber gleichzeitig auch zu bedenken geben, dass wir uns von der Heftigkeit der Nachrichten nicht zu übereilten Entscheidungen hinreißen lassen dürfen. Weiß man denn schon etwas über den Zeitpunkt? Wann werden sie kommen, Schtoll?«

Jelena brauchte nicht laut zu sprechen, denn wenn sie redete, war es immer mucksmäuschenstill im Raum. Kein Wort wollte man sich entgehen lassen.

»Nein, Jelena«, antwortete Schtoll, »über den Zeitpunkt wissen wir nichts Genaues. Sie werden aber auch Zeit brauchen, um diejenigen zu finden, die kommen werden.«

Jetzt trat Mindevol hervor und ergriff den Redestab. Wer den Redestab, einen verzierten Eichenstock, in der Hand hielt, konnte sich der Aufmerksamkeit aller Anwesenden sicher sein.

»Im Namen meines Dorfes, das in diesen Tagen die Ehre hat, euer Gastgeber zu sein, begrüße ich euch alle herzlich. Auch ich bin immer noch über das, was unser Freund berichtet hat, aufgewühlt, wenngleich ich etwas länger Zeit hatte, mich mit seiner Botschaft zu beschäftigen.

In der Geschichte der Menschheit hat es immer ruhige und auch sehr bewegte Zeiten gegeben. Die Ankunft unseres Freundes aus dem Süden scheint nun wieder eine bewegte Zeit anzukündigen und ich möchte mich hier vor euch allen auch in eurem Namen bei Schtoll bedanken. Er hat weder Mühen noch Gefahren gescheut, den langen Weg zu uns in den Norden zu kommen, dazu noch in einer schwierigen Jahreszeit.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Seringat, liebe Nachbarn, lasst euch nicht von der Angst beherrschen, sondern behaltet einen kühlen Kopf und ein warmes Herz. Die Problematik ist so schwerwiegend, dass der Ältestenrat sich auf eine mehrtägige Beratung einrichten wird. Aber jeder hat ja gehört, was Schtoll uns berichtet hat. Wir von Seringat, und das darf ich im Namen aller meiner Mitbewohner sagen, sind bemüht, euch, unseren Gästen, den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Für Essen und Trinken ist gesorgt und jeder wird ein Dach über dem Kopf haben. Die meisten von euch kennen sich ja von anderen, erfreulicheren Gelegenheiten und viele haben sogar ihre Familienbande in unserem Dorf geknüpft.«

Mindevol war dem Anlass entsprechend festlich gekleidet. Er trug eine helle Leinenhose, dazu ein dunkelbraunes Lederhemd in der Farbe seiner Augen, das ihm fast bis an die Knie reichte.

Seine weißen Haare und der fast leuchtende Bart ergaben einen starken Kontrast zum Braun des Hemdes.

»Lasst uns der Realität ins Auge schauen, Freunde. Mit unserem Frieden hier, und nicht nur hier, könnte es bald vorbei sein«, fuhr er fort, »da schließe ich mich der Meinung unseres Freundes aus dem Süden an. Nie war unsere Heimat so gefährdet.

Es mag hart klingen, aber es macht keinen Sinn, etwas zu beschönigen. Wie wir gehört haben, schicken sie eine Person oder vielleicht zwei, die etwas aus unserem Teil der Welt entwenden sollen. Wir wissen weder was es ist, noch wo sie suchen werden. Wir wissen auch nicht, wie viele Personen kommen werden. Aber wir werden es herausbekommen. Glaubt mir, wir werden es bald wissen.

Es dürfte klar sein, dass sie nur jemanden einschleusen werden, der mit außergewöhnlichen Fähigkeiten ausgestattet ist. Ich bin mir aber auch sicher, ja ich weiß, dass Menschen unter uns leben, die dieser Person ebenbürtig sind. Darum lasst uns die Herausforderung mutig annehmen. Wir werden nicht tatenlos zusehen. Das würden uns nachfolgende Generationen niemals verzeihen.«

Ein zustimmendes Murmeln ging durch die Reihen.

»Aber jetzt möchte ich unserem Freund aus Verinot das Wort erteilen. Danke, Marenko, dass du gekommen bist.«

Der Bürgermeister von Verinot, der sich heftig zu Wort gemeldet hatte, war inzwischen nach vorne gekommen. Er atmete schwer, denn er musste seinen fülligen Leib durch die Menge drängen. Während er die kleine Bühne erklomm, wischte er sich mit einem Tuch einige Schweißperlen von der Stirn. Es war inzwischen sehr warm im Versammlungshaus. Das Feuer im Kamin und die Menschen verbreiteten ja auch noch ihre eigene Wärme. Mindevol übergab Marenko den Redestab.

»Freunde, Freunde!«, rief dieser. »Ich danke euch für die Einladung. Wenn ich genauer gewusst hätte, worum es geht, hätte ich mehr Leute aus meinem Dorf mitgebracht. Wie tragisch, das alles hören zu müssen. Ich hoffe nur, es ist nicht ganz so schlimm und wir können heute Abend meine beiden Gastgeschenke, die dort draußen noch im Koben quieken, in Ruhe verspeisen. Was immer der Ältestenrat beschließen wird, meine Gemeinde trägt es mit, das darf ich euch als Bürgermeister von Verinot versichern. So haben wir es immer gehalten und so wird es auch bleiben. Möge ein guter Geist mit dieser Versammlung sein und dem Rat helfen, zu einem weisen Entschluss zu kommen.« Damit stieg Marenko wieder von der Bühne herunter und drängte zu seinem Platz zurück.

»Typisch Marenko«, flüsterte Jobol seinem Bruder Effel ins Ohr, »er denkt wieder nur ans Essen.« Alle, die das gehört hatten, mussten lachen.

Bis vor kurzem war auch ein Bewohner aus Verinot Mitglied im Rat gewesen. Leider war er im letzten Herbst bei einer Treibjagd von einem wilden Eber so schwer verletzt worden, dass keine Hilfe mehr möglich war. Bald darauf hatte Marenko angekündigt, sich im nächsten Frühjahr zur Wahl zu stellen. Er würde zwar dann das Amt als Bürgermeister abgeben müssen, aber das Ansehen eines Mitgliedes des Ältestenrates war ungleich höher.

»Marenko, Bürgermeister von Verinot«, ergriff Mindevol wieder das Wort, »ich danke dir für deine Unterstützung und dein Gastgeschenk, das bestimmt seinen Weg in unsere Mägen finden wird. Sei versichert, dass wir hier gründlich beraten, so wie wir es immer tun. Jetzt ist es wichtiger denn je, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Es wird auch alles aufgeschrieben werden, sodass du es später deinen Leuten übermitteln kannst.

Wenn diese Versammlung beendet ist, Marenko, wird noch genügend Zeit für ein ausgiebiges Nachtmahl sein. Auch frisch gebrautes Bier ist genügend vorrätig und der junge Wein wird euch allen munden.«

Viele hatten sich noch zu Wort gemeldet und ihre Meinung geäußert, bevor Jelena die Versammlung dann für beendet erklärte.

»Ich danke euch für eure zahlreichen Beiträge. Wir werden sie bei unserer Beratung berücksichtigen, so wie wir es immer getan haben. Bitte lasst euch trotz der Nachrichten nicht von einem schönen Abend abhalten. Und hebt uns etwas vom Essen auf «, endete sie lachend.

Der Ältestenrat hatte sich direkt im Anschluss an diese Versammlung zu einer ersten Sitzung in Mindevols Haus zusammengefunden.

»Jelena, bitte nimm du in meinem Sessel Platz, da hast du es am bequemsten«, bot Mindevol ihr an, als sie in seinem Haus angekommen waren. »Minka kann sich auch woanders hinsetzen und wir anderen haben am Tisch genügend Platz. Kommt Freunde, setzt euch.« Minka stand von ihrem Lieblingsplatz auf, machte einen Katzenbuckel, schaute sich um, erkannte, dass sie keine Chance haben würde zu bleiben und verließ würdevoll ihren Stammplatz. Sie verschwand in der Küche, wo Mira schon dabei war, etwas für die hohen Gäste herzurichten.

Jelena nahm den Sessel gerne an und als alle anderen auch Platz genommen hatten, sagte sie lächelnd: »Ich hoffe, Minka verzeiht mir das, Mindevol«, und dann: »Wir müssen einen weisen Entschluss fassen. Hast du schon mit deinen Freunden, den Krulls, gesprochen?«

Jeder der hier Anwesenden wusste, dass Mindevol sehr gute Verbindungen zu den Krulls hatte.

»Ja, Jelena, sie haben mich ja über der Ankunft Schtolls informiert, auch über den Grund seiner Reise. Außerdem habe ich einen von ihnen heute Abend auf unserer Versammlung gesehen. Wenn auch nicht unten in der Halle. Er saß oben bei den Jungs auf den Dachbalken.«

»Das dachte ich mir schon, dass sie jemanden schicken«, Jelena musste schmunzeln, »und was meinen sie zu der ganzen Geschichte?«

»Sie nehmen die Sache ebenfalls sehr ernst«, antwortete Mindevol und ließ dabei seinen Blick in die Runde schweifen.

»Sie haben ihrerseits bereits Maßnahmen eingeleitet. Euch kann ich es ja sagen: Sie haben Emurks nach drüben geschickt.«

Ein Raunen ging durch die Runde am Tisch.

»Emurks? Mein Gott, wenn das herauskommt. Die Anderen werden dann nicht lange fackeln. Damit brechen die Krulls den Ewigen Vertrag!« Herzel, mit 40 Jahren das jüngste Ratsmitglied, war vor Erregung aufgesprungen und hatte dabei mit der Faust auf den Tisch geschlagen.

»Beruhige dich, Herzel«, schaltete Jelena sich wieder ein, »die Verträge wurden zwischen Menschen geschlossen, die Krulls sind nicht daran gebunden und werden sich bestimmt auch nicht von irgendwelchen Richtlinien, die von Menschen aufgestellt werden, beeinflussen lassen.«

»Ja, aber die Anderen werden es trotzdem uns in die Schuhe schieben, sie warten doch nur auf einen Anlass! Wenn das stimmt, was Schtoll uns berichtet hat. Die Krulls müssen ihre Leute sofort zurückpfeifen! Mein Gott, wenn das herauskommt, sind wir alle verloren! Dann waren die letzten 700 Jahre umsonst!« Herzel stand immer noch und redete sich allmählich in Rage.

»Die Krulls werden sich von uns nicht sagen lassen, was sie zu tun haben, sie sind freie Wesen, und warum sollten die Anderen die Emurks mit uns in Verbindung bringen? Wenn sie sie überhaupt entdecken, was ich nicht für wahrscheinlich halte«, wendete Freya, ein anderes Ratsmitglied, ein.

»Das stimmt«, ergriff Mindevol wieder das Wort, »aber sie haben mir auch versichert, dass sie die Besten schicken und es mit dem Teufel zugehen müsse, wenn sie aufflögen. Wir sollten froh sein, dass die Krulls uns freundlich gesonnen sind.«

»Hach, und ich dachte schon, die Emurks seien Teufel!« Herzel wollte sich nicht damit abfinden, hatte sich aber wieder hingesetzt.

»Herzel, beruhige dich doch bitte«, bat Jelena, »wir müssen einen kühlen Kopf behalten, du hast ja Recht damit, dass die Lage ernst ist. Und wir alle wissen auch, was euch passiert ist. Wenn die Emurks es schaffen, unsichtbar zu bleiben ...«

»Das glaubt ihr doch wohl selber nicht«, wurde sie von Herzel unterbrochen, »im Gegenteil, sie werden sich einen Spaß daraus machen. Ihr wisst doch, wie sie es lieben, Leute zu erschrecken. Was haben sie schon zu befürchten? Sie brauchen ja keine Angst vor den Konsequenzen zu haben. Wie konnten die Krulls bloß auf eine solche Idee kommen? Emurks schicken sie, ausgerechnet Emurks! Entschuldige bitte, Jelena, dass ich dich unterbrochen habe.«

»Nun verbreite bitte keine Panik«, schaltete sich Mindevol wieder ein. »Ich kann ja deine Aufregung verstehen, Herzel. Aber du musst nicht gleich von einem Emurk auf alle anderen schließen. Sie sind besser als ihr Ruf, glaube mir, und die Krulls wissen sicher, was sie tun. Aber wir sind hier versammelt, um zu entscheiden, was wir tun können.«

»Die Krulls wissen was sie tun?« Herzel ließ nicht locker. »Klar wissen sie, was sie tun. Wahrscheinlich schicken sie die Emurks, weil sie sich nicht selbst in Gefahr bringen wollen. Für sie sind die Typen doch nur Kanonenfutter! Ihr wisst alle, dass ich die Emurks nicht leiden kann, aber das haben sie auch wieder nicht verdient.«

»Herzel«, wieder war es Mindevol, der sprach. »Seien wir doch einfach froh, dass die Krulls uns Informationen liefern. Sie gehen mit Sicherheit sehr verantwortungsvoll mit dieser schwierigen Situation um.«

In diesem Moment kam Mira aus der Küche. Sie stellte ein Tablett mit einem dampfenden Krug und mehreren Gläsern auf dem Tisch ab.

»Ihr müsst von meinem Punsch probieren, ihr habt doch bestimmt Durst und etwas Warmes kann euch nicht schaden. Ich habe ihn auch nicht so stark gemacht. Trinkt nur.«

Mira schaute in die Runde und ließ ihren Blick etwas länger auf Herzel ruhen.

Jeder begrüßte die kleine Unterbrechung.

»Die Krulls vielleicht, Mindevol, um die mache ich mir auch keine Sorgen. Aber Emurks! Da brauchen wir gar nichts mehr zu entscheiden, wenn mit diesen Kerlen etwas schief geht. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass es grob fahrlässig war, solche Wesen mit einer so wichtigen Aufgabe zu betrauen«, sagte Herzel, jetzt äußerlich zwar ruhiger, aber immer noch sehr bestimmt. »Ich hoffe nur, dass die Krulls die Emurks hart an der Kandare haben. Danke Mira, dein Punsch ist jetzt genau das Richtige.«

Herzel nahm einen Becher und schüttete aus dem Krug von dem heißen Getränk ein. Dann füllte er auch die anderen Becher und reichte sie weiter. Er hatte selbst gemerkt, dass er etwas zu weit gegangen war und dies war seine Art, sich dafür zu entschuldigen.

»Vielen Dank, Mira«, sagte Jelena und nippte an ihrem heißen Getränk.

»Wenn wir dich nicht hätten.« Dabei zwinkerte sie Mira zu.

»Ich danke dir auch, Mira«, sagte Mindevol und fuhr fort, »wir müssen unsere persönlichen Animositäten zurückstellen, so schlimm war es ja auch wieder nicht, Herzel. Deine Frau lebt ja noch.«

»Ja, aber in Ohnmacht ist sie gefallen damals, und ich dachte sie sei tot. Es war der Schreck meines Lebens.«

»Meine Freunde, die Krulls haben mir versichert, dass es das Beste ist, was man tun kann, um gesicherte Informationen zu bekommen. Jeder andere würde drüben sofort auffallen. Du weißt doch, wozu sie energetisch in der Lage sind. Wir sind ständig in Kontakt und ich bekomme sofort Bescheid, wenn es etwas Neues gibt. Bald wissen wir, wonach sie suchen und wen sie schicken. Schon morgen treffe ich mich mit einem Freund. Lasst uns den morgigen Tag abwarten, auf einen Tag kommt es bestimmt nicht an, so eilig es auch sein mag. Kommt, nehmen wir an dem Fest teil, das wird andere auch beruhigen, und außerdem habe ich Hunger.«

Mira sagte: »Jelena, ich habe für dich unser Gästezimmer hergerichtet. Es ist eingeheizt und du kannst gerne schon hinein.«

»Danke, meine Liebe, aber ich bin noch nicht müde und werde noch mit auf das Fest gehen. Ich möchte Marenko doch nicht beleidigen.«

Es wurde noch ein ausgelassener Abend und die Entscheidungen, die zu treffen waren, traten erst einmal in den Hintergrund. Die Leute aus Seringat verstanden es zu feiern und bewiesen das auch an diesem Abend. Man hatte absolutes Vertrauen in den Ältestenrat. Im Dorfhaus, das vor einigen Stunden noch Ort der Versammlung war, brieten jetzt die beiden Gastgeschenke Marenkos an Spießen über einem großen Feuer. Entlang der Wände hatte man Tische und Bänke aufgestellt, an denen jetzt fröhliche Menschen saßen und in der Mitte der Halle spielte eine Musikgruppe zum Tanz auf.

Am nächsten Morgen traf sich der Ältestenrat wieder in Mindevols Haus. Jelena hatte im Gästezimmer übernachtet, die anderen bei Freunden oder Verwandten.

»Nun, haben sich deine Freunde schon gemeldet, Mindevol, gibt es etwas Neues von den Krulls?«, fragte Herzel gleich, kaum dass sie am Tisch beisammen saßen. Er hatte noch nicht einmal darauf gewartet, dass Jelena die Ratssitzung eröffnete.

In Anbetracht der Lage wollte aber auch niemand auf das Einhalten der Ordnung bestehen. Jelena lächelte nur milde.

»Ja, Herzel, ich habe Neuigkeiten.«, und zu Jelena gewandt fuhr er fort: »Es muss drüben in der anderen Welt eine Gruppe von Leuten geben, die auf bestimmte Unterlagen aus sind, die in unserem Teil, vielleicht sogar hier in Flaaland, versteckt sein sollen. Das ist ja auch schon ungefähr das, was uns Schtoll bereits berichtet hat. Was aber die Leute um Schtoll nicht herausgefunden haben, ist dies: Es soll sich um Baupläne für eine Maschine handeln. Offensichtlich ist ihnen diese Maschine so wichtig, dass sie es sogar riskieren, den Ewigen Vertrag zu brechen. Jetzt tritt also doch das ein, wovor Effels Großvater immer gewarnt hat.«

»Die Pläne für eine Maschine?« Jelena runzelte die Augenbrauen und fuhr fort: »Warum brauchen sie die Pläne einer Maschine, die ja, wenn sie hier versteckt sind, mindestens 700 Jahre alt sein müssten? Sie sind doch sicher inzwischen viel weiter in ihrer Forschung. Da muss noch etwas anderes dahinter stecken. Und wie wollen sie die Pläne finden? Sie können keine großen Suchtrupps schicken, wie Schtoll schon gesagt hat. Es sei denn, es ist ihnen wirklich alles egal. Und wenn sie Karten von der damaligen Zeit haben, nutzt ihnen das auch nicht viel. Inzwischen sieht hier alles anders aus. Da, wo früher Land war, ist jetzt vielleicht Wasser, oder umgekehrt.«

»Perchafta, so heißt einer meiner Freunde bei den Krulls, meinte, die Anderen würden nur eine Person auf die Suche schicken, weil sie hoffen, es geheim halten zu können. Hat Schtoll eigentlich gesagt, woher er seine Informationen hat?

Oder beziehen sich seine Befürchtungen ausschließlich auf die Visionen des Sehers Madmut? Ich werde ihn später danach fragen. Wir sollten doch heute Abend bei der nächsten Versammlung im Dorfhaus eine klare Entscheidung verkünden, wie wir dieser Ungeheuerlichkeit begegnen wollen. Ich schlage vor, wir suchen ebenfalls jemanden aus unseren Reihen aus, der diese andere Person aufspürt, findet und unserer Gerichtsbarkeit zuführt. Wir riskieren sonst, dass sich jeder auf eigene Faust auf die Suche macht. Ihr habt ja Soko gesehen, gestern bei der Versammlung. Das ist übrigens auch der Vorschlag der Krulls.«

»Die Krulls schlagen ebenfalls vor, nur eine Person zu schicken? Warum nicht zwei? Und an wen hast du da gedacht?« Es war Reijssa, die diese Frage stellte.

»Ich denke dabei an Raphael, Effel oder Gernot. Alle drei sind junge, ausdauernde und gute Jäger. Außerdem sind sie intelligent. Und Effel und Raphael haben noch etwas anderes, was ihnen helfen wird.«

»Warum reist Schtoll so weit, und dann noch um diese Jahreszeit? Was sucht er? Warum kommt er ausgerechnet in unser Dorf? Gab es unterwegs keine Freiwilligen?« Herzel hatte scheinbar ein neues Opfer gefunden.

»Du hast es doch gehört, Herzel, es ist dringend. Nun hör aber mal auf mit deiner Schwarzmalerei, wir sollten froh sein, überhaupt Bescheid zu wissen, so kenne ich dich ja gar nicht«, schalt Reijssa ihn. »Jetzt können wir wenigstens reagieren und vielleicht Schlimmes abwenden.«

»Was heißt denn Schlimmes?«, erwiderte Herzel. »Woher wollen wir das wissen? Warum bilden wir nicht einen Suchtrupp, finden diese verdammten Pläne und geben sie ihnen? Was wollen wir mit Maschinen? Sollen sie doch Maschinen bauen, so viele sie wollen.«

»Die Krulls meinen, es geht um mehr, wie ich eben schon sagte«, wollte Mindevol die Wogen glätten.

»Sie befürchten, dass eine viel größere Sache dahinter steckt. Sie brauchen allerdings auch Zeit, alles herauszufinden. Die Informationen, die wir brauchen, stehen drüben nicht gerade in der Zeitung.«

»Schon wieder die Krulls, was habt ihr nur mit euren Krulls?« Jelena mischte sich wieder ein, auch um das Gespräch nicht

eskalieren zu lassen: »Die drei, die du genannt hast, Mindevol, halte ich auch für geeignet. Was meint ihr anderen dazu?«

»Baut Effel nicht gerade an einem Haus?«, es war Reijssa, die diese Frage stellte.

»Ja, das tut er«, erwiderte Mindevol, »aber er ist bald fertig damit. Wie ich neulich gesehen habe, sind nur innen noch einige Dinge fertig zu stellen. Er wird bald einziehen können. Sein Bruder Jobol und ein paar andere helfen ihm ja täglich.«

Keiner der Anwesenden hatte einen Einwand gegen einen der drei.

Herzel schaltete sich noch einmal ein.

»Wenn die Krulls und die Emurks so toll sind, warum müssen wir dann jemanden schicken? Sollen sie doch alles regeln!«

»Weder die Krulls noch die Emurks dürfen sich in menschliche Belange einmischen. Wenn die Menschen sich die Köpfe einschlagen wollen, so ist das Sache der Menschen«, ergriff Jelena das Wort. »Wir können froh sein, dass sie uns Informationen liefern, uns möglicherweise auch Wege weisen. Das ist aber auch nur legal, weil sie es uns von sich aus angeboten haben. Aber in einen direkten Konflikt dürfen sie nicht eingreifen. Das ist Bestandteil viel älterer Verträge, aber das weißt du doch, Herzel.«

»Natürlich weiß ich das, Jelena, aber die andere Seite bricht den Ewigen Vertrag, warum nehmen wir Rücksicht?«

»Es mag ja sein, dass sich die Menschen nicht an die Verträge halten, aber letztlich wird sich kein anderes Wesen in irgendwelche Geschichten hineinziehen lassen, die die Menschen untereinander auszutragen haben, das haben sie noch nie getan, zu keiner Zeit. Ich weiß zwar nicht, was passiert, wenn durch unsere Querelen auch ihre Existenz bedroht wird, aber bisher ist mir solch ein Fall noch nicht bekannt geworden. Letztlich werden wir auf uns ganz alleine gestellt sein, ihr werdet sehen. Krulls oder Emurks, ganz egal, wir werden uns auf unsere Kräfte, unsere Ideen und unseren Mut verlassen. Das ist mein Appell. Lasst uns unseren Mann finden und dann werden unsere Gedanken ihn begleiten.«

»Ich danke dir, Jelena, und ich schließe mich ganz deiner Meinung an. Ich schlage Effel vor«, sagte Mindevol, »wie ihr alle wisst, habe ich ihn in den letzten Jahren unter meinen Fittichen gehabt. Er war mir schon als kleiner Junge aufgefallen, weil er etwas Besonderes zu sein schien. Und in der Tat hatte ich Recht behalten, wie jeder, der ihn kennt, bestätigen kann.« Alle Anwesenden nickten.

»Er war ja wie ein Sohn für dich, Mindevol«, sagte Reijssa jetzt.

»Ich dachte immer bei mir, was für ein Glück der Junge hatte, bei euch und von euch so viel lernen zu können.«

»Ja, und dennoch war es mir immer wichtig, dass er auch ein ganz normales Leben führte, wie alle anderen jungen Männer von Seringat auch.«

Effel hatte schon nicht mehr damit gerechnet, den Vorzug zu bekommen. Wenn man ihn gefragt hätte, hätte er seinen alten Schulkameraden Rafael geschickt. Rafael war noch einen Kopf größer als er, und er war schon nicht klein. Außerdem war sein Freund, was den Umgang mit Menschen anbetraf, an Feingefühl wohl nicht zu übertreffen. Er schien immer den richtigen Ton zu finden und hatte schon so manchen Streit schlichten können. Er war der geborene Vermittler und es gab wohl niemanden, der Rafael nicht mochte.

Das waren auch die Qualitäten, die dem Ältestenrat nicht verborgen geblieben waren und die Rafael in den engeren Kreis der Kandidaten hatten kommen lassen. Es war sogar kurzzeitig erörtert worden, zwei junge Männer loszuschicken und dann wären es Rafael und Effel gewesen.

Jeder der Kandidaten wurde zum Schluss in den Versammlungsraum des Ältestenrates gerufen und Jelena fand wie immer für jeden die richtigen Worte.

»Effel«, hatte sie zu ihm gesagt und er erinnerte sich noch sehr genau an seinen rasenden Herzschlag, »der Ältestenrat hat beschlossen, dich auf die Reise zu schicken, und ich möchte dir auch erklären, warum unsere Wahl auf dich fiel. Uns gefällt, dass du etwas zu Ende führen kannst, auch wenn es zwischendurch einmal schwierig wird. Anfangen ist nämlich leicht, etwas durchzustehen ist da schon schwieriger. Dass konnten wir schon oft an dir beobachten. Du setzt deinen Verstand ein, vertraust aber auch deiner Intuition. Du kannst unterscheiden, wann das eine sinnvoll und das andere nötig ist. Du hast ebenfalls bewiesen, dass du in entscheidenden Momenten die Ruhe bewahrst, auch wenn es für dich einmal brenzlig wurde. Uns ist durchaus bewusst, dass vieles von dem, was dich draußen erwarten wird, nicht vergleichbar ist, mit dem, was dein Leben hier ausmacht. Wir erkennen bei dir aber auch die richtige Mischung zwischen Mut, Gelassenheit und Ideenreichtum. Eine Frage habe ich noch, Effel. Glaubst du an dich selbst?«

Ohne zu zögern hatte er geantwortet:

»Ja, Jelena, ich glaube an mich selbst und es ist mir eine Ehre, ausgewählt worden zu sein. Wann soll es denn losgehen?«

»Du hast Zeit, denke ich, jetzt ist Winter. Du kannst dein Haus noch fertigbauen. Wir wollen auch erst ganz sicher sein, was genau die Anderen vorhaben. Bis jetzt sind es mehr Vermutungen als gesicherte Erkenntnisse. Aber die Anderen werden auch erst kommen, wenn das Wetter gut ist. Vor Juni oder Juli wird es kaum losgehen, Effel. Das sagt mir mein Gefühl.«




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