Die Siegel von Tench'alin
Klaus D. Biedermann


Fortsetzung des erfolgreichen 1. Bandes «Steine brennen nicht» der Romantrilogie

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Die Begegnung der Alten und der Neuen Welt in Gestalt von Effel und Nikita bedeutet zwar die Wiederentdeckung ihrer vergangenen Liebe, ist aber auch der Grund für die Versammlung des Rats der Welten, denn der Ewige Vertrag wurde gebrochen. Wie wird die Entscheidung ausfallen? Wird Nikita die Pläne erhalten und in ihre Heimat zurückkehren?

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Die Verbannung der Emurks ist beendet und sie brechen in ihre Heimat, die Seen von Kögliien, auf. Was wird sie dort erwarten?

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Auf der Suche nach dem verschwundenen Farmerssohn Vincent begegnen sich dessen Vater Jared und sein Freund im Tal von Angkar Wat. Welches Geheimnis verbirgt sich dort? Und welche Geheimnisse entdeckt Saskia während ihrer Ausbildung bei der mystischen Äbtissin Adegunde in Haldergrond?

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In der Neuen Welt sind aus den ehemals entführten Sisko-Zwillingen erwachsene Männer geworden und Kay scheint eine große politische Zukunft vor sich zu haben. Was aber ist mit Steve?

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Und Senator Ferrer, dessen Suche nach seiner Tochter Nikita einige Fragen aufwirft, kann sich indes seines Lebens nicht mehr sicher sein.

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2. Band der Romantrilogie

Steine brennen nicht – Die Siegel von Tench&apos;alin – Das Erbe von Tench&apos;alin









Inhaltsverzeichnis


Copyright (#ulink_a92bf505-9b0c-57ae-b337-5a192125c2b4)

Prolog – Was bisher geschah (#ube9589d6-830f-59ac-9477-202ec6ac3815)

Kapitel 1 (#u39947939-89c4-538f-8400-641ac51e2a25)

Kapitel 2 (#u04eb26fa-1ffd-594c-94d4-0a59982d213c)

Kapitel 3 (#uf41a01ba-26f1-5118-8a16-6f6d61308ea8)

Kapitel 4 (#u3a22f2e3-15eb-52b5-b8fd-4e3b7dacd5e9)

Kapitel 5 (#u650f7477-a1b4-5850-af88-67d15741864e)

Kapitel 6 (#u455201e2-db2e-5c82-9712-9d2b7049382b)

Kapitel 7 (#u582bd857-c660-53dc-b521-162a4745150f)

Kapitel 8 (#uf20f72e0-500b-56e0-9b15-aba732438511)

Kapitel 9 (#u171c915e-50c6-53d5-a2e0-a5b7ed078d12)

Kapitel 10 (#uc33086b2-6ca3-5b3d-9e19-1afa68cf2b83)

Kapitel 11 (#u3a3c813e-6a4d-587e-b1f1-74b8f7d3ce6f)

Kapitel 12 (#u0f9f1d4f-90b8-5cd0-a5f8-1e6257464190)

Kapitel 13 (#u58d258ab-1f25-5606-9821-50a504652fac)

Kapitel 14 (#u0399cf89-d2b4-5170-a3ba-318552d3cf7b)

Kapitel 15 (#ub587b34c-39d2-58f3-90e3-e15ce06783a1)

Kapitel 16 (#u1b2adf3a-70fb-5aa4-a5fc-9c8ec010cdb0)

Kapitel 17 (#u2671ff46-149b-585f-b35b-6a70b2a35439)

Kapitel 18 (#u39d8a1b9-a36c-54a7-b4c9-65f841ba741e)

Kapitel 19 (#ue4a3ce45-e03f-59d8-b7b3-1eeb13838179)

Kapitel 20 (#u524a7a56-0379-5646-b2d9-0e1c0ef38509)

Kapitel 21 (#ue1bd8184-7616-5d8c-9cce-f3976315bd27)

Kapitel 22 (#u8b99b0d1-bb1a-5f63-af2c-db82f2efcdc2)

Kapitel 23 (#u2624940f-3131-5e9f-8f47-4203782804fd)

Kapitel 24 (#u6dd3a4cd-0dbc-5015-897c-75f50294fff7)

Kapitel 25 (#u37547078-b5c3-5def-9822-320cb5049539)

Kapitel 26 (#u9d7add25-f263-5d66-a902-87a9d211e792)

Kapitel 27 (#ue9661db2-4235-5e1c-983b-e5b517a69d38)

Kapitel 28 (#uf0adacbb-9981-5d67-9a8e-9f3d0be3b5d6)

Kapitel 29 (#ufe9db9a6-9276-5e15-b978-3a20cc0ebb47)

Kapitel 30 (#u41369bd3-9bf3-56f2-ac5e-8a732d47c7c1)

Kapitel 31 (#ufd1c19e0-f5dc-581a-b750-9d24811d7ffa)

Kapitel 32 (#u52ed3207-6502-5def-bf49-47b56284f7c5)

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Copyright




Alle Namen in diesem Buch, auch die von Unternehmen, sind rein fiktiv.

Romantrilogie von Klaus D. Biedermann:

Steine brennen nicht

ISBN: 978-3-937883-52-6

Die Siegel von Tench’alin

ISBN: 978-3-937883-53-3

Das Erbe von Tench’alin

ISBN: 978-3-937883-83-0

eBook  (1. Auflage Printversion März 2011)

Deutsche Ausgabe: © EchnAton Verlag Diana Schulz e.K.

Gesamtherstellung: Diana Schulz

Lektorat: Angelika Funk

Umschlaggestaltung: HildenDesign, München

Umschlagmotiv: © Stefan Hilden unter Verwendung eines Motives von Shutterstock.com

ISBN: 978-3-937883-53-3

www.echnaton-verlag.de (http://www.echnaton-verlag.de/)





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Klaus D. Biedermann






Die Siegel von Tench’alin




Meinen Großvätern


Wenn es nur eine einzige Wahrheit gäbe,

könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen.

Pablo Picasso

Mein Dank geht an Gerold Kiendl, der geduldig, ideenreich und aufmerksam nach Zeichensetzung und Rechtschreibung geschaut hat, an Renate, für ihre fleißigen Vorkorrekturen und Aufmunterungen, dranzubleiben.

Mein Dank geht an Justus Frantz, der auf Gran Canaria einen Platz zur Verfügung stellt, an dem man einfach kreativ sein muss – und dort an Christian und José, die genialsten Köche und liebevollen Verwöhner, sowie an Gaby, die gute Fee der Finca.




Prolog – Was bisher geschah


Als die drastischen Veränderungen der Erde im Jahre 2166 ihr vorläufiges Ende gefunden zu haben schienen, hatten die Überlebenden die Welt kartografisch in zwei Hälften geteilt. Jeder Mensch konnte wählen, in welchem Teil der Welt er leben wollte. Die unterschiedlichen Lebensformen wurden durch einen Ewigen Vertrag besiegelt.

Der eine Teil der Menschheit hatte den immer rasanteren Fortschritt moderner technischer Entwicklungen gewählt und lebte fortan in der sogenannten Neuen Welt. Die Menschen im anderen Teil der Erde hatten sich auf deren eigene natürliche sowie erneuerbare Ressourcen, alte Werte und Traditionen besonnen und ihr Lebensraum wurde seither Alte Welt genannt. Hier vertrauten sie den Kräften der Natur und versuchten, im Einklang mit ihr zu leben. Sie hatten ihren Ländern und Orten, soweit diese noch existiert hatten, deren uralte ursprüngliche Namen zurückgegeben oder hatten sie liebevoll wieder aufgebaut. Jeder Mensch hoffte, im sicheren Teil der Arche zu sein, denn dass es ums nackte Überleben ging, war damals jedem klar.

Durch die Teilung der Welt war die größte Umsiedelungsaktion der Geschichte nötig geworden, da jeder Mensch wählen konnte, wo er leben wollte. Ein Zurück sollte es auch für die nachkommenden Generationen nicht mehr geben. Die Organisation und logistische Umsetzung hatten noch in den Händen der UNO gelegen, die sich im Laufe der Zeit als Weltregierung etabliert, sich hernach aber aufgelöst hatte. Seit dem ersten Januar des Jahres 2167 war jeder Teil für sich selbst und die Einhaltung des Ewigen Vertrages verantwortlich. Beobachtet wurde all dies vom Rat der Welten, von dem die meisten Menschen allerdings keine Kenntnis hatten.

Im Jahr 2870 hatte BOSST, einer der größten Konzerne der Neuen Welt, einen streng geheimen Auftrag zu vergeben. Man hatte Kenntnis von Bauplänen einer Maschine, des sogenannten Myon-Neutrino-Projektes, mit dem nach vorliegenden Informationen Energie aus dem Äther gewonnen werden konnte. Diese Pläne befanden sich allerdings in der Alten Welt. Für den Konzern würden sie einen unschätzbaren Wert darstellen.

Nikita Ferrer, eine junge, ehrgeizige und aufstrebende Wissenschaftlerin im Dienste von BOSST, hatte den Auftrag erhalten, diese Pläne zu beschaffen. Aus Abenteuerlust und weil sie gewusst hatte, dass dies eine Chance war, die so leicht nicht wiederkommen würde, hatte sie in dieses gefährliche Unternehmen eingewilligt. Da man sich seitens der Firma sicher war, alle nötigen Vorkehrungen getroffen zu haben, nahm man das Risiko in Kauf, dieser Bruch des Ewigen Vertrages könnte entdeckt werden. Nach offizieller Darstellung wurde Nikita Ferrer für ein paar Wochen in die Südstaaten geschickt, um bei einem kritischen Firmenprojekt den dortigen Wissenschaftlern zur Seite zu stehen. Das war es auch, was sie selbst, ganz im Dienste der Wissenschaft und aus Loyalität zu ihrem von ihr sehr geschätzten Vorgesetzten Professor Rhin, ihren Freunden und Eltern erzählt hatte.

Sie hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst, dass sie eine Walk In war, dass sie nämlich zu den Menschen gehörte, die bewusst inkarnieren können und unter gewissen Umständen die Erinnerung aller früheren Leben zur Verfügung haben. Sie selbst hatte die Pläne einst in den Gewölben der Burg Gisor im geheimnisvollen Tal Angkar-Wat versteckt. Nur ein kleiner Kreis von Eingeweihten, darunter der Konzernchef Mal Fisher, selbst ein Walk In, wusste das.

Senator Ferrer, Nikitas Vater, hatte seit der Abreise seiner Tochter ein ungutes Gefühl gehabt und die Version eines Forschungsauftrages im Süden angezweifelt. Trotz bester Verbindungen zum Geheimdienst hatte er es nicht verhindern können, dass sie mit einem U-Boot unter dem Kommando eines gewissen Kapitän Franch in der Alten Welt an den Küsten Flaalands abgesetzt worden war. Und als er es erfahren hatte, war es zu spät, denn da war sie bereits in der Alten Welt angekommen. An Deck der U46 hatte Nikita eine erste mystische Begegnung mit einer völlig anderen Welt gehabt, der noch einige folgen sollten. Ngorien, ein Meergeist und Anführer der Andaros, hatte ihr wichtige Hinweise auf den Fundort der Pläne gegeben.

Ihr Kollege, Dr. Will Manders, der in Nikita verliebt war, hatte seine Nachforschungen über ihren Verbleib inzwischen mit seinem Leben bezahlt. Genauso wie Kapitän Franch und seine Besatzung, die daher niemandem von ihrer letzten Fahrt mit der U46 erzählen konnten.

In Flaaland, am anderen Ende der Welt, war man aber auf das Vorhaben der Anderen, wie die Bewohner der Neuen Welt nur genannt werden, aufmerksam geworden und nicht untätig geblieben. Die Krulls, die zur Gattung der Gnome gehören und seit alten Zeiten das Buch Balgamon in den Höhlen von Tench´alin pflegen und bewachen, hatten zwei Wesen mit besonderen Fähigkeiten in die Neue Welt entsandt, um nähere Informationen über die geplante Operation zu erhalten. Eines davon, ein Emurk namens Vonzel, der fast entdeckt worden wäre, hatte nach einigen brenzligen Zwischenfällen herausgefunden, dass es Nikita war, die die Unternehmung durchführen sollte. Er hatte damit sein Volk, die Wächter von Angkar-Wat aus einer dreihundertjährigen Verbannung gerettet.

Die Krulls hegten aber immer noch die Befürchtung, dass die Anderen in Wirklichkeit an dem interessiert waren, was von den Siegeln von Tench´alin in dem weitläufigen Höhlensystem der Agillen beschützt wurde. Käme dieser Schatz in den Besitz der Neuen Welt und dort in die falschen Hände, würde das Konsequenzen unvorstellbaren Ausmaßes haben. Nach Erkenntnissen der Krulls und ihrer Bundesgenossen verfügte man zwar inzwischen über die technischen Möglichkeiten, mit den Geheimnissen, die von den Siegeln verschlossen wurden, zu experimentieren, war aber in der geistigen Entwicklung noch weit davon entfernt, die ganze Tragweite solcher Experimente zu erkennen.

Effel, ein junger Mann der Alten Welt aus dem Dorf Seringat, war vom Ältestenrat seines Volkes ausgewählt worden, um den feindlichen Übergriff zu verhindern. Der mächtige Krull Perchafta hatte sich ihm zu erkennen gegeben und war sein Reisebegleiter, weiser Ratgeber und Lehrer geworden.

Als Effel gerade zwölf Jahre alt geworden war, hatte Mindevol ihn unter seine Fittiche genommen und war sein spiritueller Lehrer und Mentor geworden. Wann immer es seine Zeit neben Schule, Ausbildung und anderen Pflichten erlaubt hatte, hatte der Junge den Dorfältesten besucht, der ihn auch manchmal auf eine seiner kurzen Reisen in die Nachbargemeinden mitnahm. Seine Kameraden verbrachten ihre Freizeit derweil auf dem Bolzplatz oder streunten einfach so in der Umgebung herum, die immer ein Abenteuer bereithielt, bei dem sie sich beweisen konnten.

Als Mitglied des Ältestenrates der Kuffer wurde Mindevol oft als Ratgeber oder Schlichter bei Streitigkeiten hinzugezogen und Effel hatte in den Verhandlungen stets aufmerksam zugehört. Im Anschluss hatten sie auf dem Rückweg über das Geschehene gesprochen, vor allem über die Gründe, die Mindevol zu dieser oder jener Entscheidung veranlasst hatten. Immer wieder hatte sich der Alte über die tiefsinnigen Gedankengänge des Jungen gewundert. Dessen kluge Fragen hatten ihn überzeugt, mit Effel die richtige Wahl getroffen zu haben.

»Mira«, hatte er eines Abends zu seiner Frau gesagt, »aus dem Jungen wird mal etwas Besonderes. Er ist eine alte Seele mit einer großen Bereitschaft dazuzulernen.«

»Ich weiß«, hatte sie dann lächelnd zur Antwort gegeben.

Effels Eltern waren nach anfänglichen Bedenken, vor allem weil seine beiden Geschwister so ganz anders waren, stolz auf ihren Sohn gewesen. Die Zeit bei Mindevol und Mira schien ihn nicht von anderen wichtigen Dingen abzulenken, er blieb mit beiden Füßen auf der Erde, wie sein Vater einmal bemerkt hatte, und so hatten sie voller Freude seine weitere Entwicklung beobachtet.

Anfangs waren für Effel viele der Lehren schwer nachzuvollziehen gewesen. Von wirklichem Verstehen konnte lange Zeit keine Rede sein. Erst nach und nach war es einfacher geworden – und einleuchtender. Seine Lehrer hatten ihn immer wieder auf die Zusammenhänge zwischen allen Dingen dieser Welt aufmerksam gemacht und neben vielem anderen gelehrt, dass es so etwas wie Zufall überhaupt nicht gibt. Besonders das Resonanzgesetz hatte es seinem Lehrer Mindevol angetan. Wann immer sich eine Möglichkeit ergab, sprach er darüber.

»Wenn wir ein Ereignis nicht verstehen, sagen wir, es sei Zufall, weil das bequemer ist«, hörte er seinen alten Mentor öfter sagen, »oder weil wir dann glauben, nicht die Verantwortung dafür übernehmen zu müssen. Aber die Dinge hängen nun einmal zusammen – ausnahmslos, Effel. Es ist wichtig, dass du das erkennst. Alles bedingt sich und ist voneinander abhängig. Die Menschen und die Tiere, die Bäume und die Blumen, die Flüsse und die Meere, die Sterne und die Wolken. Zufall ist, wenn der liebe Gott inkognito kommt. Die Dinge gehen in Resonanz zu uns und es ist lohnenswert, sich dies immer wieder bewusst zu machen. Je offener du für diese Erkenntnisse wirst, je bewusster du wirst, desto mehr kannst du daraus lernen. Weisheit kommt nicht durch Erfahrung, sonst wäre ja jeder alte Mensch weise. Wir werden weise, weil wir das Erfahrene reflektieren. Lebendige Erfahrung umfasst auch konsequentes Handeln. Niemand ist weise, nur weil er etwas weiß.«

Dann hatte er sich wieder irgendeiner Tätigkeit zugewandt und seinem Schüler die Gelegenheit gegeben, das Gesagte zu verarbeiten. Effel hatte es damals nicht in seiner ganzen Tragweite verstanden. Auch heute gab es manchmal noch Situationen, die es ihm schwer machten, an dieses universelle Gesetz zu glauben. Aber damals wie heute war er bemüht, die Lehren des Dorfältesten nicht nur zu akzeptieren, sondern sie auch in sein Denken und vor allem in sein Handeln zu integrieren. Die Begegnung mit Perchafta hatte ihn darin noch bestärkt.

Im entscheidenden Moment war Effel aber auf sich alleine gestellt gewesen, genauso wie Nikita, die von Professor Rhin mithilfe einer von BOSST entwickelten Brille aus der Ferne begleitet worden war. Erst kurz vor dem Ziel waren Nikitas Erinnerungen an ein früheres Leben wie eine Sturzflut über sie gekommen und sie hatte den Eingang zu dem geheimnisvollen Tal Angkar-Wat und auch zu den Höhlen von Tench´alin gefunden.

Professor Rhin war damals mehr als erstaunt gewesen, als sein Chef, Mal Fisher, ihm eröffnet hatte, man habe sein jüngstes Teammitglied, Nikita Ferrer, dazu ausersehen, die Pläne des Myon-Neutrino-Projektes aus der Alten Welt zu beschaffen. Vor allem, als er den Grund hierfür erfahren hatte. Seine junge, aufstrebende Mitarbeiterin war eine Walk In, die angeblich in einem früheren Leben die Pläne, die für seine Welt so sehr viel bedeuteten, schon in Händen gehabt haben sollte. Woher man das wusste, darüber hatte der Professor noch gar nicht nachgedacht. Viel zu aufregend war die Aussicht gewesen, solche Pläne bald besitzen zu können. Er hatte damit begonnen sich auszumalen, was das für seine wissenschaftliche Reputation bedeuten würde. Sein hohes Ansehen, das er bereits genoss, würde ins Unermessliche steigen. Es wäre die Krönung all dessen, wofür er lebte. Alles, was er seiner Karriere je geopfert hatte, würde einen Sinn bekommen. Jetzt durfte nichts mehr schiefgehen. Er würde Tag und Nacht wach bleiben und seine junge Mitarbeiterin mithilfe der MFB, der von ihm entwickelten Multifunktionsbrille, begleiten. Er hatte gleich geahnt, dass die junge Nikita Ferrer die Richtige war. Als sie ihm beim Einstellungsgespräch gegenüber gesessen hatte, hätte er ihre ausgezeichneten Zeugnisse nicht mehr zu sehen brauchen. Er hatte sogar für einen kurzen Moment geglaubt, ihre Aura sehen zu können. Gemessen hatte er diese schon bei vielen Menschen, die Geräte dazu hatte er selbst bis zur Perfektion weiterentwickelt.

Der Plan Mal Fishers war aufgegangen, Nikita hatte sich wirklich erinnert. Was er nicht hatte einplanen können, war, dass Nikita vielleicht gar keine Lust mehr haben könnte, wieder heimzukehren.

In Effels Heimat waren inzwischen merkwürdige Dinge geschehen. Vincent, der Sohn des reichen Farmers Jared, war nach einem missglückten Mordversuch an der Seherin Brigit in die Berge geflohen und hatte dort ebenfalls zufällig den Zugang zum Tal Angkar-Wat entdeckt. Er war aber von einem der Wächter getötet worden.

Nikita und Effel hatten schließlich eine für sie schicksalhafte Begegnung in dem Tal und waren bald darauf als Paar nach Seringat zurückgekehrt. Über die Pläne und den Vertragsbruch aber sollte vom Rat der Welten demnächst entschieden werden. Die Versammlung sollte im Tal Angkar-Wat stattfinden.

* * *




Kapitel 1


Zärtlich berührte er im Halbdunkel ihr Gesicht. Er wollte sich vergewissern, dass diese Frau, die neben ihm lag und schlief, nicht das letzte, für immer unvergesslich bleibende Bild eines soeben verblassten, wunderschönen Traumes war. Erleichtert reckte er sich und atmete tief. Er lächelte, denn damit stand für ihn fest, dass auch die letzten erlebnisreichen Tage Wirklichkeit gewesen waren.

Gott sei Dank, dachte er noch. Nikita war aus Fleisch und Blut und sah überirdisch schön aus. Wie aus einer anderen Welt kommend, nicht wahr?, flüsterte es in ihm. Und dann dachte er, dass das ja auch stimmte. Er kannte durchaus intensive, sehr lebendige Träume, aus denen er manchmal schweißgebadet aufwachte und dann quälende Minuten brauchte, um herauszufinden, was von all dem zuvor Durchlebten Realität war.

HEUTE NACHT TRÄUMTE ICH, ICH SEI EIN SCHMETTERLING. UND NUN WEISS ICH NICHT, BIN ICH EIN SCHMETTERLING, DER TRÄUMT, ER SEI CHUANG TSE, ODER BIN ICH CHUANG TSE, DER TRÄUMT, ER SEI EIN SCHMETTERLING.

Dieser, in Großbuchstaben auf goldfarbenem Büttenpapier gedruckte Spruch eines chinesischen Weisen, der angeblich vor mehr als zweitausend Jahren lebte, stand noch in dunklem Holz gerahmt an einer Wand des Schlafzimmers gelehnt. Er würde ihn, so beschloss er in diesem Moment, noch vor allen anderen Bildern, die er in seinem neuen Haus noch aufzuhängen hatte, gleich neben der Tür zum Badezimmer anbringen. Vom Fußboden neben seiner Seite des Bettes hörte er Sams tiefe gleichmäßigen Atemzüge. Der große Wolfshund durfte seit der Rückkehr auch die Nacht in seiner Nähe verbringen, wie er es auf der abenteuerlichen Reise immer getan hatte. Vorher war das Schlafzimmer, genauso wie das Bad, seine Tabuzone gewesen. Nun aber war der von Sendo liebevoll geflochtene Weidenschlafkorb mit dem Lammfell, der im Hauseingang gleich hinter der Tür stand und ein sehr komfortables Hundebett abgab, verwaist.

Auf Effels Nachttisch lag die Alraunenwurzel, die ihm Perchafta geschenkt hatte und die ihrer Form nach beinahe etwas Menschliches hatte. Er wusste, dass diese Pflanze äußerst selten war, und selbst wenn man sie gefunden hatte, war man ihrer noch lange nicht habhaft. Ihr wurden magische und heilende Kräfte zugesprochen und es sollten schon merkwürdige Dinge geschehen sein, wenn man bei ihrer Ernte nicht ganz bestimmte Rituale sehr genau eingehalten hatte. Doch von dem Krull hatte er noch mehr erfahren: Irgendwann würde sie ihm einmal von großem Nutzen sein. Seitdem trug er sie tagsüber immer bei sich und auch nachts bewahrte er sie sorgsam in seiner Nähe auf.

Effel schlug die Bettdecke zurück, stand auf, trat mit drei Schritten an das Fenster und öffnete es leise. Sam erwachte, fand alles in Ordnung, legte seinen Kopf wieder auf eine Vorderpfote, tat einen zufrieden klingenden Seufzer und schlief weiter.

Die Nacht, in der es geregnet hatte, wich allmählich dem Tag. Am Horizont ging die Sonne auf. Ganz sanft erfüllte sie den Himmel in feurigen Tönen. Wolken ritten auf dem kühlen Herbstwind und erste Vogelstimmen waren zu hören. Der nahe Wald, jetzt noch in dunklem Grau, aus dem langsam weißer Nebel stieg, bildete einen starken Kontrast zum Rest des Himmels. Es würde nur noch wenig Zeit verstreichen, bis er im vollen Licht der Sonne seine ganze Farbenpracht zeigen würde.

Der frühe Morgen war seine liebste Tageszeit. Er hatte es sich schon vor Jahren zur Gewohnheit gemacht, noch vor dem Frühstück zusammen mit Sam eine halbe Stunde oder länger durch den Wald zu laufen. Heute tat er das nicht, denn er wollte jeden Moment mit Nikita genießen. Gerade erinnerte er sich daran, was Perchafta während ihrer gemeinsamen Reise an einem Abend gesagt hatte: »Wenn etwas zur Gewohnheit wird, egal was es ist, sei es noch so gesund oder meditativ, kann es schädlich sein. Unterbrich ab und zu den Rhythmus, dann bleibst du wach. Gewohnheiten verleiten zum Schlafen ... und auch von gesunden Dingen kann man abhängig werden.« Dabei hatte er wieder sein verschmitztes Schmunzeln gezeigt.

Das war nicht das einzige Mal, dass er Effel dazu gebracht hatte, eine Überzeugung in Frage zu stellen. Die Begegnung mit Perchafta gehörte, und da war er sich vollkommen sicher, zu den wichtigsten seines Lebens. Bis vor Kurzem hatte er zwar hin und wieder von der Existenz dieser seltsamen Wesen gehört, aber noch nie eines von ihnen gesehen. Ihm war schnell klar gewesen, dass Perchafta damals, am ersten Tag seiner Reise, von ihm erkannt werden wollte. Nachdem der weise Gnom dann sein Begleiter geworden war, hatte Effel auch andere Krulls sehen können und deren warmherzige Gastfreundschaft genossen. Er hatte viele ihrer erstaunlichen Fähigkeiten selbst erfahren. Dass das längst noch nicht alle waren, sollte die Zukunft ihm noch zeigen.

Mindevol, der Dorfälteste, hatte nach seiner Rückkehr mit einem wissenden Augenzwinkern zu ihm gesagt: »Na, mein Lieber, die gemeinsame Zeit mit Perchafta hat dich verändert, nicht wahr? Im Außen war deine Reise zwar kurz, im Innen war sie dagegen um einiges länger ... und tiefer gehend. Die Begegnung mit Nikita hat sicherlich dazu beigetragen, aber das ist eine andere Geschichte.« Die noch längst nicht zu Ende ist und in der du noch eine Menge dazulernen wirst, sagte er ihm nicht.

»Du hast völlig recht, Mindevol. Perchafta ist ein Geschenk. Er verbindet Lernen mit unmittelbaren Erfahrungen, mit tief gehenden und manchmal auch recht heftigen Erfahrungen. Manchmal hatte ich das Gefühl, als wüsste er immer, was passieren wird ... so als ob er die Situationen erschaffen würde. Ich habe mich immer sicher gefühlt ... auch wenn ich während meiner Innenreisen an weit entfernten Orten und in anderen Zeiten gewesen war, habe ich immer gespürt, dass er bei mir ist. Er zeigt eine große Präsenz bei allem, was er tut oder sagt.

Das größte Geschenk aber ist die Begegnung mit Nikita und ich hoffe sehr, dass dieses Erlebnis noch lange andauert. Dass du mich für diese Mission ausgewählt hast, werde ich dir mein Leben lang danken, egal was noch geschieht.«

»Danke nicht mir, danke dir selbst, Effel. Wenn du dich nicht auf alles eingelassen hättest, wäre nichts geschehen. Ich wusste ja, dass du wissbegierig bist ... und mutig«, fügte er lächelnd hinzu, »immerhin kenne ich dich ja schon eine ganze Weile.«

Und du wirst noch sehr viel mehr Mut brauchen, fügte er noch im Stillen an.

Wie schön es hier ist, ging es Effel gerade durch den Kopf. Er hatte von Mindevol gelernt, auch Altbekanntes immer mal wieder mit neuen Augen zu betrachten. Und nach einer kleinen Pause, in der er seinen Blick über Seringat schweifen ließ, dachte er: Ich werde alles dafür tun, dass Flaaland so friedlich bleibt, wie es ist ... sofern es in meiner Macht liegt. Er schaute zu dem breiten Doppelbett hinüber, wo Nikita im Schlaf gerade leise stöhnte, als ihn ein anderer Gedanke anflog. Würde ich in deiner Welt leben können und ... wollen, wenn es keine andere Möglichkeit gäbe? Würde ich für dich das alles hier aufgeben? Er schüttelte diese Vorstellung so schnell wieder ab wie ein lästiges Insekt. Wenn es wirklich einmal so weit kommen sollte, könnte er immer noch darüber nachdenken, obwohl er eine leise Ahnung davon hatte, wie er sich entscheiden würde. Aber im Moment zählte nur das Hier und Jetzt.

Unten im Dorf krähte ein Hahn. Zunächst zaghaft und leise, so als wolle er überprüfen, ob seine Stimme noch funktioniert, dann lauter. Unmittelbar darauf antwortete ihm ein zweiter, offenbar noch verschlafen, dann ein dritter. Innerhalb kurzer Zeit war daraus ein Konzert geworden, in das bestimmt jeder Hahn des Dorfes eingestimmt hatte. Und es schien so, als versuchte dabei jeder, alle anderen an Lautstärke zu übertreffen. Manche Stimmen überschlugen sich im Übereifer, worüber Effel innerlich leise lachen musste.

Fast so, wie manchmal auf unseren Versammlungen, dachte er und erinnerte sich an den letzten April, als beraten worden war, wie man auf die Vertragsverletzung der Anderen reagieren sollte. Nach dem überraschenden Besuch von Schtoll, der mitten im Winter nach langer Reise mit eisigem Bart vor Mindevols Haus gestanden hatte, um Verbündete zu suchen, war der Ältestenrat einberufen worden. Bis auf wenige, die krank oder anderweitig verhindert waren, waren alle gekommen und Effel konnte sich noch gut an die stickige Luft im Saal erinnern, den man trotz der winterlichen Kälte gar nicht hätte zu heizen brauchen.

Für Effel hatte damit das größte Abenteuer seines Lebens begonnen und er wurde das Gefühl nicht los, dass es noch lange nicht zu Ende war. Er würde Schtoll gerne bald wiedersehen. Nicht nur, um ihm berichten zu können, was aus seiner Mission geworden war, die er ja ausgelöst hatte. Das würde gleich nach den Beratungen des Rates der Welten auf anderem Wege ohnehin sehr viel schneller geschehen. Nein, er wollte mehr wissen. Er wollte mehr über die Lebensweise und die Kultur dieses so weit entfernt lebenden Volkes aus dem Süden erfahren. Schtoll hatte während seines kurzen Besuchs viel zu wenig davon erzählen können und das, was er erzählt hatte, war in mancher Beziehung so völlig anders gewesen als das, was Effel kannte. So wie er den Fürstensohn einschätzte, würde dieser nicht Däumchen drehen und darauf warten, was andere entschieden, ganz egal, wer das war. Leute wie er nahmen die Dinge selbst in die Hand, das hatte er ja schon bewiesen.

In Seringat waren einige Fenster bereits erleuchtet und aus einem flackerte unruhig rötliches Licht. Soko ist also schon dabei, das Feuer in der Werkstatt anzufachen, dachte Effel. Der Schmied war ebenfalls Frühaufsteher und Effel sah ihn förmlich vor sich, wie er mit nacktem, muskulösem Oberkörper die beiden mächtigen Blasebälge in seiner Werkstatt bediente. Diese lehnte sich mit ihrem weit ausladenden, riedgedeckten Vordach, das zur Wetterseite hin fast bis zum Erdboden reichte, ziemlich windschief an das Wohnhaus aus Backstein an. Dort wohnte Soko mit seiner alten Mutter Susa, die nach einem Treppensturz seit einiger Zeit pflegebedürftig an ihr Bett gefesselt war und um diese Stunde sicher noch schlief.

Agata, die kinderlose Witwe Berthors, der vor zwei Jahren im Hochgebirge bei der Verfolgung einer verletzten Gämse abgestürzt und ums Leben gekommen war, hatte ihre Pflege übernommen und schaute mehrmals am Tag nach ihr. Sie versorgte die alte Frau liebevoll, aber es gab auch Leute die wissen wollten, dass ihr größeres Interesse Soko galt. Weil sie am anderen Ende des Dorfes wohnte, war es für sie manchmal, wie sie es nannte, ein kleiner Spießrutenlauf, wenn ihr aus einem der Gärten oder einer geöffneten Haustür, an der sie vorübergehen musste, zugegebenermaßen öfter als vielleicht nötig, zugerufen wurde: »Na, Agata wie geht es denn Susa heute, ist Soko auch da?« Oder: »Soko ist aber nicht zu Hause!« Selbst wenn dabei gekichert wurde, war dies durchweg freundlich gemeint, denn jeder im Dorf hätte Agata wieder einen Mann gegönnt ... und Kinder. Und wenn sich die junge Frau dann der Schmiede näherte, kam sie sich wie eine Sechzehnjährige vor, in deren Bauch Schmetterlinge ihre ersten Flugübungen vollführten.

Bestimmt hatte Soko heute in der Frühe schon die kranken oder verletzten Tiere versorgt, die er hinter dem Haus in einem geräumigen Stall, in unzähligen Käfigen und kleinen Gehegen beherbergte, denn das war stets seine erste Arbeit des Tages. Scherzhaft hatte er einmal gesagt, dass er nicht genau wüsste, ob er nun Schmied und im Nebenberuf Tierarzt sei oder umgekehrt. Er war bekannt für seine heilenden Hände. Besonders durch die meist erfolgreiche Behandlung von Pferden hatte er sich einen Namen gemacht.

Bei Effels Ankunft in Seringat war er jedenfalls nicht zu Hause gewesen, da er in einem der Nachbardörfer war, um einem Freund beim Beschlagen der Pferde eines großen Gestüts zu helfen. Er würde wohl an einem der nächsten Tage vorbeikommen, vermutete Effel. Jetzt hatte er sicher viel zu tun, wenn er seine unerledigten Aufträge noch fristgerecht fertigstellen wollte. So groß und stark er auch äußerlich war – viele fanden ihn sogar grobschlächtig – so weich war doch sein Herz. Wer ihn nicht näher kannte, hätte in diesem oft lauten und manchmal auch cholerischen Mann, den man besser nicht reizte, niemals eine sanfte Seite vermutet, es sei denn, man hatte ihn schon bei der Behandlung von kranken Tieren erlebt. Wenn er mit seinen großen Händen behutsam die Wirbelsäulen seiner vierbeinigen Patienten abtastete, verschobene Wirbel wieder einrenkte oder Hüftgelenke begradigte, schien er sich in einen Menschen zu verwandeln. Erst im letzten Jahr hatte er Effels Lieblingspferd, das sich bei einem Ausritt vertreten hatte, mit zwei kurzen Handgriffen kuriert.

An Soko hatte Effel sehr deutlich erkannt, dass jede Medaille zwei Seiten hat. Wenn er den fünfzehn Jahre älteren Schmied in ein Nachbardorf zur Arbeit begleitet hatte, was gelegentlich vorkam, hatte dieser ihm in langen Gesprächen auch diesen Teil seiner Persönlichkeit offenbart. Stets hatte er ein offenes Ohr und Effel konnte mit ihm über alles reden. Soko war ein einfühlsamer Zuhörer und wenn er einen Rat gab, so tat er dies immer so, dass es nicht wie ein Ratschlag aussah. Er hatte die Gabe, es für den anderen so aussehen zu lassen, als sei es dessen eigene Idee gewesen. Mit der Zeit waren sie schließlich Freunde geworden.

In diesem Moment sah und hörte Effel seine Vermutung über die Vorgänge in der Schmiede auch schon bestätigt, denn eine dünne Rauchfahne stieg kräuselnd aus dem Kamin des mit dunkelroten Schindeln bedeckten Hauses und zerteilte den inzwischen rosafarbenen frühmorgendlichen Himmel. Soko musste gerade ein Fenster geöffnet haben, denn das Zischen der Blasebälge war jetzt auch hier auf dem Hügel deutlich zu vernehmen. Es hörte sich an, als würden zwei hungrige Riesenschlangen durch das Dorf kriechen, die bereit waren, alles zu verschlingen, was ihnen unvorsichtigerweise oder todesmutig begegnen würde.

Von seinem Fenster aus konnte Effel das ganze Dorf überblicken. Er hatte etwas oberhalb von Seringat nicht weit vom Waldrand gebaut. Das Haus stand auf einem Stück Land mit einer kleinen Quelle, die er eher zufällig während einer Jagd entdeckt hatte, und erst kurz vor seiner Abreise war er dort eingezogen.

Jetzt war er mit der Frau zurückgekehrt, mit der er hier leben wollte, und er hoffte, dass dies auch ihr Wunsch war oder bald werden würde. Saskia, seine Jugendliebe und Freundin, hatte während seiner Abwesenheit viel Arbeit in den Garten gesteckt. Das hatte er bei seiner Rückkehr mit einem Blick gesehen und sofort ein schlechtes Gewissen bekommen, das sich seitdem auch hin und wieder zu Wort gemeldet hatte.

Seit seiner Ankunft in Seringat hatte er sie nur einmal kurz aus der Ferne gesehen und seitdem war sie aus seinem Blickfeld verschwunden. Sogar Mira wusste angeblich nicht, wo sie war.

»Ich weiß auch nicht, wo sie sich verkrochen hat«, hatte sie auf sein Fragen geantwortet. »Es ist wohl besser, sie erst einmal in Ruhe zu lassen. Wenn sie Hilfe braucht oder einfach nur reden will, wird sie zu mir kommen ... da bin ich mir ganz sicher. Ich glaube, dass sie etwas geahnt hat, denn nach deiner Abreise hat sie etwas von zwei Tauben erwähnt. Sie sagte mir, die Vögel hätten zunächst beisammen gesessen, seien dann aber in getrennten Richtungen davongeflogen. Für Saskia hatte es wohl eine Bedeutung, denn sie hatte Tränen in den Augen, als sie mir davon erzählte.« Mira ahnte zwar, wo die junge Frau sich aufhielt, wollte es aber für sich behalten.

»Mir ging es genauso, Mira, und ich hatte gehofft, sie hätte es nicht gesehen. Aber das war wohl zu optimistisch gedacht, denn sie hat von euch gelernt und ist es gewohnt, solche Zeichen zu deuten.«

Effel fröstelte ein wenig, wie er jetzt so nackt am Fenster stand, und das kam nicht allein von dem kühlen Morgenwind, der in das Zimmer wehte. In den Bergen wird bald schon der erste Schnee fallen, wie wohl der Winter wird?, dachte er. Und dann: Ob Sas nach Haldergrond geht? Ich werde sie suchen und mit ihr reden. Ich möchte ihr alles erklären, das bin ich ihr schuldig. Ich werde ihre Mutter fragen, wo sie ist, dann Ihna und wenn die beiden es mir nicht sagen, werde ich Brigit bitten, mir zu helfen.

Brigit war eine Seherin, die weit über die Grenzen von Seringat hinaus bekannt war und etwas außerhalb des Dorfes alleine mit ihren Katzen in einem kleinen Haus mit wunderbar verwildertem Garten lebte. Von überall her kamen die Leute, um sich bei ihr Rat zu holen. Effel hatte inzwischen durch seinen Bruder von dem Überfall auf Brigit erfahren. Auch dass Vincent, der verwöhnte Erbe von Raitjenland, mit dem Mordanschlag in Verbindung gebracht wurde. Seitdem war Vincent verschwunden – und er würde es auch bleiben, was aber hier noch niemand wusste.

Für den Fall, dass sich Perchafta an diesem Morgen nicht melden würde, um von den Beschlüssen des Rates der Welten zu berichten, was eher unwahrscheinlich war, wollte Effel nach dem Frühstück aufbrechen, um Brigit aufzusuchen. Er fragte sich, ob Nikita wohl mitkommen wollte und wenn, was sie als Wissenschaftlerin der Neuen Welt von einer Frau halten würde, die hellsehen konnte oder aus der Hand las. Er war sehr gespannt.

Die weißen Vorhänge, die Saskia genäht hatte, bauschten sich leicht im Wind. Sie sehen aus wie die Segel unserer Schiffe, mit denen wir aus Frankreich fliehen mussten ... es war verdammt knapp damals, dachte er und fast schien es ihm, als würde er wieder den stark salzigen Geschmack der Meeresbrise auf seiner Zunge schmecken, als sie den Hafen von La Rochelle hinter sich gelassen hatten und Fahrt aufnahmen. Er wollte aber den jetzigen Moment genießen und nicht wieder von einer der so überaus lebendig erlebten Zeitreisen in Bann genommen werden, von denen er mit Perchafta und später auch im Tal mit Nikita einige unternommen hatte.

Er blickte sich um. »Die ganze Welt in einem Raum«, flüsterte er »ich liebe dich so sehr, Leila.« Er würde sich daran gewöhnen müssen, dass Leila in diesem Leben Nikita hieß. Er hatte keine Gelegenheit, sich weiteren Gedanken zu überlassen, denn plötzlich fühlte er eine feuchte Hundeschnauze an seinem Oberschenkel. Effel beugte sich zu seinem Hund hinunter, streichelte ihn und sagte ganz leise: »Na Alter, hast du gut geschlafen? Wir haben wohl einiges an Schlaf nachzuholen.« Obwohl Mindevol jetzt sicher sagen würde, dass man im Leben nie etwas nachholen kann. Der Hund antwortete mit leisem Grunzen und verhaltenem Schwanzwedeln, gerade so, als wolle auch er Nikita nicht aufwecken.

Nach ihrer Rückkehr aus Angkar-Wat war der Wolfshund der Held des Dorfes gewesen, nachdem Effel von dem Erlebnis mit dem mächtigen Grizzly erzählt hatte. Damals hatte Sam ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. Suna hatte daraufhin seinem vierbeinigen Freund zur Belohnung einen mächtigen Knochen aus der Metzgerei ihres Bruders gebracht, mit dem er zwei Tage hingebungsvoll beschäftigt gewesen war, bevor er ihn dann irgendwo im Garten verbuddelt hatte. Dort würde er eines Tages wahrscheinlich von einem Waschbären oder einem anderen hungrigen Waldbewohner gefunden werden.

»Guten Morgen ... bist du schon lange wach?«, fragte Nikita mit belegter Stimme vom Bett her. Sie räusperte sich und stützte ihren Kopf auf einem Arm auf, während sie mit der anderen Hand eine Haarsträhne vor ihren Augen wegwischte. Kleine Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Mit einem mächtigen Satz war Sam auf dem Bett und begrüßte die Frau, die seit einigen Tagen zu seinem Leben gehörte und bereits sein Hundeherz erobert hatte.

»Hey, nicht so stürmisch, Sam«, lachte Nikita, »lass mich erst einmal richtig aufwachen!« Der Hund legte sich sofort nieder, hielt ihr seinen Kopf hin und ließ sich hinter den Ohren kraulen ... und wenn Hunde verliebt schauen können, schaute er verliebt. Wie macht sie das nur?, dachte Effel, bei ihr wird er zum Schoßhündchen ... na, ja, ist ja auch nur ein Mann ... oder aber sie hat ihn mit Schokolade bestochen, gluckste er in sich hinein.

»Was ist so lustig?«, fragte Nikita, die sein breites Grinsen durchaus bemerkt hatte – dafür hätte sie nicht jahrelang Psychologie studieren müssen.

»Oh, ich dachte nur gerade über Männer und Frauen nach ... genauer gesagt ... über zwei Männer und eine Frau.«

»Und, ... was hast du dabei gedacht, verrätst du es mir?«

»Nein, lieber nicht ... später vielleicht.«

»Da bin ich aber gespannt ... ich werde dich daran erinnern.«

»Da bin ich mir sicher.«

»Effel, es ist wunderschön hier, einfach herrlich.« Nikita räkelte sich. »Die Ruhe und die gute Luft ... ich habe geschlafen wie in Abrahams Schoß. Ich fühle mich so wohl in deinem Haus ... aber diese Nacht hatte ich einen sehr merkwürdigen Traum«, und jetzt erschienen zwei Längsfalten in der Mitte ihrer Stirn, »ich erinnere allerdings nur noch Bruchstücke. Irgendetwas von meinem Vater habe ich geträumt ... er wurde verfolgt ... von einem Mann mit einem merkwürdigen großen Hut ... wo immer mein Vater hinging, er folgte ihm wie ein Schatten ... richtig unheimlich ... mir stellen sich alle Haare auf, wenn ich jetzt davon erzähle ... dann war wieder alles dunkel ... dann tauchte plötzlich Jimmy, der Sohn unserer Haushälterin, auf ... und wieder war alles wie im Nebel ... Als Nächstes sah ich eine dunkelhaarige, wunderschöne Frau, deren Augen hin und wieder rot leuchteten. Sie stand in einer großen Muschel ... und sie hielt eine Rede in einem großen Saal, der mit wunderschönen Bildern bemalt war, und viele merkwürdige Wesen hörten ihr zu. Es waren jedenfalls keine Menschen ...«, Nikita seufzte. »Ich glaube, ich muss das Träumen wieder lernen. Mit unseren Pillen, die wir nehmen, schlafen wir zwar sehr tief, aber sie verhindern Träume. Ich kann mich nicht erinnern, je mehr als vier Stunden am Stück geschlafen zu haben. Aber das ist bei uns ganz normal. Bisher fand ich das vorteilhaft, weil man dadurch Zeit für all die anderen Dinge hat.«

»Ich hoffe, von dem Teil, den du über deinen Vater geträumt hast, wird nichts wahr. Es wäre ja schlimm, wenn ihm etwas geschehen würde ... aber wie du erzählt hast, wird er ja gut beschützt. Der Rest deines Traumes hat bestimmt vom Rat der Welten gehandelt ... darauf möchte ich fast wetten ... Sam, komm jetzt runter vom Bett!«, sagte Effel dann so streng, wie ihm dies gerade möglich war, denn innerlich amüsierte er sich immer noch über das Verhalten seines Hundes. Der schien das gespürt zu haben, denn er bequemte sich nur sehr langsam und widerwillig vom Bett herunter, wo es doch gerade so gemütlich war und, wer konnte das schon wissen, vielleicht später noch eine schöne Balgerei hätte geben können. Er warf Effel einen schrägen Blick zu, so als wolle er sagen: Nie gönnst du mir etwas, was natürlich nicht stimmte, aber zeigte, dass Hunde wirklich nur im Hier und Jetzt leben.

»Jetzt tu nicht so beleidigt, Alter«, lachte Effel, »wir toben schon noch mit dir ... später, draußen im Garten.« Dann setzte er sich zu Nikita, nahm sie in den Arm und gab ihr einen Kuss.

»Du kennst Abraham?«, grinste er. »Sag bloß, ihr lest die Bibel.« Fast hätte er sie wieder bei ihrem früheren Namen genannt, weil dieser ihm immer noch vertrauter war. »Haben wir dich aufgeweckt?«

»Nein, Fran ..., Effel«, korrigierte sie sich gleich, » ... es ist gar nicht so einfach, sich an die jetzigen Namen zu gewöhnen, nicht wahr? Nein, ihr habt mich nicht aufgeweckt, es waren wohl die Hähne. Und außerdem, mein Lieber, die Bibel habe ich gelesen. In unseren Philosophiekursen an der Uni nehmen wir alle alten Religionen durch«, lächelte sie augenzwinkernd und streichelte sein Gesicht. »Du hast ein wunderschönes Haus. Du bist reich, Effel. In meiner Heimat muss man dafür in einer solchen Lage ein Vermögen bezahlen ... wenn man es überhaupt noch bekommen kann.«

»Wirklich reich fühle ich mich erst jetzt, Nikita, weil wir uns gefunden haben ... nach so langer Zeit. Diesen Platz hier habe ich eigentlich Sam zu verdanken. Ich war auf der Jagd und er hetzte einen waidwunden Eber. Ich folgte den beiden durch ein dichtes Gestrüpp ... und als ich dann wieder im Freien stand, entdeckte ich diesen mächtigen, seltsam geformten Felsen, der nahezu senkrecht aus dem Erdboden ragte ... seltsam deshalb, weil er aussah, als sei er irgendwann einmal bearbeitet worden ... und gleich daneben sprudelte eine Quelle.

Es war viel Arbeit, alles freizulegen. Der Stein ist heute Teil der Wand, an die ich den unteren Kamin gebaut habe, und die Quelle versorgt das Haus mit Wasser ... mit dem Wasser, das dir so gut schmeckt. Fast alles andere, was du hier siehst, ist aus der Werkstatt meines Bruders. Mein Vater und viele Freunde haben beim Hausbau geholfen. Im Garten ist allerdings noch Arbeit, denn jetzt ist Pflanzzeit ... obwohl Saskia schon viel getan hat.

Sie hat wirklich einen grünen Daumen. Auch im Keller sollte ich bald für Ordnung sorgen, einige Kisten sind noch immer nicht ausgepackt. Ich werde mich wohl in den nächsten Tagen an die Arbeit machen müssen.«

Während er das sagte, stand er auf und ging wieder zum Fenster.

»Im Garten helfe ich dir gerne«, sagte Nikita hinter ihm, »ich wollte schon immer mal in der Erde wühlen ... ich meine, außerhalb eines Golfplatzes«, kicherte sie. »Ich freue mich jedenfalls darauf.« Sie bemerkte gerade, dass sie ihren Lieblingssport, dem sie zu Hause in jeder freien Minute begeistert nachgegangen war, überhaupt nicht vermisste.

Sie war erleichtert gewesen, dass Saskia hier noch nicht gewohnt hatte, denn sie hätte sich schlecht dabei gefühlt, wenn Effels Freundin wegen ihr hätte ausziehen müssen.

»Was denkst du, wie lange der Rat der Welten für seine Entscheidung brauchen wird? Werde ich die Pläne bekommen?« Nikita setzte sich im Bett auf, sie hatte sich inzwischen das Kopfkissen hinter den Rücken gestopft und schaute ernst aus ihren blauen Augen. Ihr war durchaus bewusst, welche Gedanken sie bei Effel mit ihrer Frage anstoßen würde. Sie hatten noch nicht darüber gesprochen, was geschehen würde, wenn sie die Pläne wirklich erhielte. In Angkar-Wat hatten sie vereinbart, immer den jeweiligen Moment zu leben und auszukosten. Beiden war durchaus bewusst, dass die Zukunft Entscheidungen von ihnen verlangen würde.

»Ich weiß es nicht, Perchafta hat sich dazu nicht geäußert. Er hat aber gesagt, wir seien die Ersten, die etwas erfahren werden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht mehr allzu lange brauchen werden. Sie müssten jetzt gerade zusammen sein. Ich wäre dort nur allzu gerne Mäuschen. Alleine die Vorstellung, dass dort mehr als zweitausend Teilnehmer zusammenkommen ... da wird es für die Krulls eine Menge Arbeit geben.«

»Ich wäre auch gerne dabei«, gab Nikita zur Antwort. »Ich habe dem Professor versprochen, mich heute zu melden. Er ist sicherlich ungeduldig. Wie ich ihn kenne, übernachtet er seit Tagen im Büro.«

»Was wird der Professor sagen, wenn er erfährt, dass du die Pläne gefunden hast?«, fragte Effel.

»Was er sagen wird? Er wird vollkommen aus dem Häuschen sein und alles daransetzen, dass sie möglichst schnell in seine Hände gelangen. Dabei wird er mir jede erdenkliche Hilfe zukommen lassen wollen ... wenn er wüsste, wie es hier ist ... ob er sich das vorstellen kann?«, Nikita lächelte. »Ich glaube nicht, dazu denkt er viel zu rational und wissenschaftlich. Das Myon-Neutrino-Projekt ist für unsere Firma außerordentlich wichtig, deswegen werden sie ihm auch alle Mittel zur Verfügung stellen. Mithilfe der Pläne könnten wir wahrscheinlich Maschinen bauen, mit denen wir die Energieprobleme unserer Welt endgültig lösen würden. BOSST würde damit eine Menge Geld verdienen. Davon ganz abgesehen brächte es dem alten Professor Rhin großen wissenschaftlichen Ruhm ein – na ja, und mir natürlich auch«, fügte sie leiser hinzu und Effel glaubte, so etwas wie Sehnsucht aus ihrer Stimme herauszuhören.

»Haben sie bei euch denn keine Angst vor den Konsequenzen ihres ... Vertragsbruches?«, erwiderte er und war inzwischen zu einem Stuhl gegangen, um sich Hose und Hemd überzuziehen, die er in der letzten Nacht dorthin geworfen hatte; ein Hosenbein war auf links gedreht. »Schließlich handelt es sich nicht um eine Bagatelle.«

»Ich glaube, Mal Fisher, mein oberster Boss, hat vor gar nichts Angst«, meinte Nikita trocken. »Wir werden sehen, was der Rat der Welten beschließt, und dann können wir immer noch darüber nachdenken ... Was wohl gerade in unserem Tal geschieht?«

Nikita und Effel hatten in Angkar-Wat die großartige Gastfreundschaft der Krulls genossen. Diese hatten dem Paar ein Zelt aufgebaut, das mit seinen weichen Teppichen ein ideales Liebesnest gewesen war. Sie hatten sich um nichts kümmern müssen, denn auch für ihr leibliches Wohl war bestens gesorgt worden. Wenn sie nicht ineinander verschlungen waren oder sich aus ihrem Leben erzählt hatten, hatten sie die Reste der stark verfallenen Burganlage Gisor erkundet. Hier hatte vor so langer Zeit ihre verschworene Gemeinschaft eine neue Heimat gefunden.

Sam hatte die Gelegenheit zu kleinen Jagdausflügen genutzt und hin und wieder war aus der Ferne sein aufgeregtes Bellen zu hören gewesen, wenn er wieder etwas Interessantes aufgestöbert hatte. Die Krulls hatten auch ihn verwöhnt, denn er schlief nachts zufrieden unter einem kleinen Busch vor dem Zelt, so als hätte er die Liebenden nicht stören wollen.

Während ihrer gemeinsamen Streifzüge durch das Tal waren ihnen immer wieder alte Erinnerungen gekommen. Sie hatten sich dann unter einen Baum gesetzt, die Augen geschlossen und waren gemeinsam in ihre Vergangenheit eingetaucht.

Mal waren vor Effels geistigem Auge Szenen des früheren Lebens entstanden, ein anderes Mal hatte Nikita einfach zu erzählen begonnen. Die Worte waren dann regelrecht aus ihr herausgesprudelt. Oft hatten sie vor der Ruine ihres einstigen gemeinsamen Hauses gestanden und geweint. Ab und zu hatte ihnen Perchafta Gesellschaft geleistet, soweit es ihm seine Zeit erlaubt hatte, denn die Krulls waren mit den Vorbereitungen für das Treffen des Rates der Welten beschäftigt gewesen.

Die Gespräche mit ihm waren stets von Weisheit und Humor geprägt. Einmal hatte er sie in die Eingangshalle der Höhlen von Tench´alin mitgenommen, in der er die beiden einige Tage zuvor erwartet hatte, nachdem Nikita die Pläne gefunden hatte.

»Weiter darf ich euch nicht hineinlassen«, hatte er gesagt. »Schon dass ihr bis hierher gekommen seid, ist ein besonderes Privileg. Keines Menschen Fuß hat diese Hallen je betreten.«

»Befinden sich die Siegel in der Nähe?«, hatte Nikita ganz unschuldig gefragt.

Perchafta hatte sie aus großen Augen überrascht angeschaut: »Woher weißt du von den Siegeln, Nikita?«

»Keine Ahnung, ich weiß es nicht, Perchafta, die Frage kam von irgendwo tief aus meinem Inneren – ich musste sie einfach stellen. Ich dachte an euer Buch Balgamon und die geheimen Schriftzeichen, an den Code mit dem man sie entschlüsseln kann und diesen Rat der Weisen ... von all dem hast du uns erzählt ... vor ein paar Tagen im Höhleneingang.«

Perchafta hatte sich schnell gefasst und war fast wieder die Ruhe selbst. »Lass uns von etwas anderem reden«, hatte er dann gesagt. »Ihr dürft niemandem, wirklich niemandem den Zugang zu diesem Tal verraten, hört ihr? Ich könnte euch dann nicht mehr schützen. Ich könnte niemanden schützen, der sich Zugang zu den Höhlen verschaffen wollte ... und wenn dadurch die Siegel erwachen würden ... da endet meine Macht«, Perchaftas Stimme war jetzt leise, aber umso eindringlicher. »Versprecht mir das!«

»Wir versprechen es«, hatten beide wie aus einem Munde geantwortet und Effel hatte gefragt: »Was sollen wir denn den Leuten sagen? Jeder wird den Weg hierher wissen wollen. Sie werden fragen, wie und wo wir uns getroffen haben. Ich muss dem Ältestenrat Bericht erstatten. Sie haben mich ausgesandt, unseren Feind aufzuhalten«, dabei deutete er lächelnd auf Nikita. »Ich kann und will weder Mindevol noch den Ältestenrat belügen ... Mindevol würde es sowieso gleich bemerken.«

»Niemand«, hatte Perchafta wieder ernst das Wort ergriffen, »niemand darf je erfahren, wo der Eingang zu diesem Tal und den Höhlen ist. Alles andere dürft ihr erzählen.«

Die Art, wie Perchafta das sagte, ließ die beiden nach ihrem Versprechen gleich das Thema wechseln und sie hatten den Eindruck, als wenn der kleine Krull an diesem Tag nicht mehr zu seiner gewohnten Lockerheit zurückfand.

An anderen Abenden hatten sie dann, meist Hand in Hand, vor dem Zelt gesessen, einen schweren, süßen Wein aus großen kristallenen Gläsern genossen und den Zikaden und dem Nachtvogel gelauscht, der klagend seine eintönigen Weisen durch das Tal schickte. Sie waren stets von den Emurks bewacht worden, die auf Bitten der Krulls unsichtbar geblieben waren und nebenbei mit ihrer eigenen Abreise und dem bevorstehenden Fest ihre Arbeit gehabt hatten.

Am dritten Tag ihres Aufenthaltes in Angkar-Wat hatten sie bei einem ihrer kleinen Ausflüge ein Seitental entdeckt, das ihnen bisher nicht aufgefallen war. Sam, der wie immer vorausgelaufen war, war auf einmal verschwunden gewesen und man hörte nur noch sein Bellen, das er immer dann hören ließ, wenn er etwas gefunden hatte. Effel war losgerannt und als Erster bei ihm gewesen. Dort war er wie angewurzelt stehen geblieben. Wenig später hatte Nikita neben ihm gestanden und war nicht weniger über das erstaunt, was sich ihren Blicken bot. Effel hatte nur fassungslos seinen rechten Arm ausgestreckt und auf das große Segelschiff gedeutet.

»Kneif mich, ich glaube, ich träume.« Er hatte sich die Augen gerieben, aber das Bild war geblieben. Nikita hatte mit großen Augen auf die Brigg geschaut, die mit drei leicht im lauen Wind flatternden, trapezförmigen, strahlend weißen Rahsegeln an beiden Masten und einem zusätzlichen rot-weiß gestreiften Briggsegel am Hauptmast auf mächtigen hölzernen Pfosten stand. So konnte weder Kiel noch Schwert durch die Last beschädigt werden. Sie hatte schnell das Schiff auf gut neunzig Fuß Länge und dreißig Fuß Breite geschätzt.

Über dem Oberbramsegel hatte eine hellblaue Fahne am Ende des sicherlich hundertzwanzig Fuß hohen Großmastes geflattert. Auf ihr waren drei fliegende Albatrosse abgebildet gewesen, ein roter, ein schwarzer und ein grüner. Knapp darunter hatte sich der Bootsmannstuhl leise knarrend träge im Wind gedreht. Der große Anker hatte auf dem Boden gelegen und die eiserne Ankerkette hatte matt in der Sonne geglänzt. Die Schäkel waren vorbildlich poliert gewesen und ihr Anblick hätte sicher dem strengsten Kapitän Freude bereitet. Fender aus Kork hatten über der Reling gehangen und die Fenderleinen waren locker darüber geworfen. Nikita hatte von unten durch die Klüsenöffnungen sogar zwei Poller aus Messing erkennen können.

Das Paar hatte langsam das Schiff umkreist, um es von allen Seiten betrachten zu können, und war sich neben der Brigg ziemlich klein vorgekommen. An beiden Bordseiten, auf denen in goldenen Lettern der Name ›Wandoo Ii‹ zu lesen war, hatten jeweils drei große Rettungsboote gehangen, deren Dollen ebenfalls matt schimmerten. Die Gangway war heruntergelassen, zwei dicke Taue hatten als Handläufe gedient. Aber es war nirgends eine Menschenseele zu sehen gewesen, die an Bord hätte gehen können. Den geschwungenen Steven hatte eine kunstvoll geschnitzte und bemalte Galionsfigur geziert. Sie hatte einen aus dem Wasser springenden Merlin dargestellt, der von einem fremdartigen Wesen harpuniert wurde.

»Schau«, hatte Nikita gesagt und dabei auf die Figur gedeutet, »ein Mensch ist das jedenfalls nicht.«

»Nein, dann müsste sich der Künstler schon sehr viele Freiheiten genommen haben«, hatte Effel geantwortet, »was ich aber nicht glaube, denn der Schwertfisch ist sehr naturgetreu nachgebildet.«

»Was glaubst du, was das ist? Eine Sagengestalt?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht treffen wir ja den Künstler hier irgendwo, dann können wir ihn fragen. Ich bin mir sicher, dass es Perchafta weiß.« Sie waren langsam weitergegangen.

Die gesamte Reling hatte ebenfalls von der Kunst der Holzschnitzer gezeugt, die hier am Werk gewesen sein mussten. Das mächtige eichene Ruderblatt war an seinen Rändern mit Metall beschlagen gewesen. Das ganze Schiff war auf Hochglanz gewienert und hätte an einem geeigneteren Ort sicher sofort in See stechen können. Gerade hatte der Wind ein wenig kräftiger geblasen und sofort hatten sich Brigg- und Rahsegel für einen Moment leicht aufgebläht. Die Fenderleinen waren langsam hin- und hergeschwungen und irgendwo an Deck hatte eine Glocke leise angeschlagen.

»Die Schiffsglocke«, hatte Effel geflüstert.

»Ja, der Wind muss sie bewegt haben«, hatte Nikita zurückgeflüstert, »denn ich sehe niemanden an Bord.«

»Ich glaube nicht, dass wir flüstern müssen«, hatte Effel grinsend gesagt, »denn wenn jemand hier wäre, hätte er uns längst entdeckt.«

Ein lautes, knarrendes Geräusch war plötzlich an ihre Ohren gedrungen, die Segel hatten sich in einem Windstoß gebläht und man hätte fast meinen können, das Schiff wolle sich aus seinem hölzernen Gerüst befreien. Aber es war offensichtlich gut befestigt gewesen.

»Ein Geisterschiff«, hatte Nikita gesagt, es aber nicht wirklich ernst gemeint. Sie hatte Effel zugezwinkert, auf dessen Gesicht sofort ein noch breiteres Grinsen erschienen war.

»Ja, gewiss, und wenn der Wind noch zunimmt, wird es einfach lossegeln«, hatte er ergänzt, »und schau ... gleich daneben ist das Geisterhaus.«

Ein niedriges, sicherlich fünfzig Fuß langes und dreißig Fuß breites Gebäude, halb aus Stein, halb aus Holz, hatte in einer Entfernung von vielleicht siebzig Schritten vor der Felswand gestanden. Zwischen dem Haus und dem Schiff hatte sich eine ebene, gepflegte Rasenfläche befunden, die so gar nicht zum Rest des wilden Tals passen wollte. Es musste viel Arbeit gewesen sein, diese Fläche so perfekt einzuebnen.

Von dem mit Holzschindeln gedeckten Dach des Hauses herab hatte die Fahne mit den Albatrossen geweht. Nur eines der vier mit schweren Holzläden gesicherten Fenster an der Vorderfront des Gebäudes war geöffnet gewesen. Jeder Holzladen war mit einem geschnitzten Anker verziert. Wenn sich jemand im Inneren des Hauses aufgehalten hatte, so war er wohl nicht erpicht darauf gewesen, die Bekanntschaft des Paares zu machen. Es war auch hier niemand zu sehen gewesen. Die einzigen Geräusche waren vom Schiff hergekommen, wenn die Segel sich an der übrigen Takelage rieben.

»Hallo?«, hatte Nikita in Richtung des Hauses gerufen. Das leise Schließen des offenen Fensters – und das war nicht der Wind – war die Antwort gewesen. Der Holzladen war von innen verriegelt worden. Sam hatte leise geknurrt.

»Das war deutlich«, hatte Effel gemeint.

»Vielleicht ist nicht aufgeräumt«, hatte Nikita gescherzt, »aber seltsam, seltsam. Wir scheinen hier nicht erwünscht zu sein.« Dann, mit dem Kopf in Richtung des Schiffes deutend, hatte sie stirnrunzelnd ergänzt: »Meinst du nicht, dass es selbst für ein Trockendock ein wenig weit weg vom Meer ist? Verstehst du den Sinn des Ganzen? Irgendwie ähnelt es dem Schiff, auf dem wir damals fliehen mussten. Unseres hatte aber drei Masten und es war irgendwie ... breiter«, hatte sie nach einer kleinen Pause hinzugefügt.

»Ja«, hatte Effel genickt und Nikitas Hand genommen, »das habe ich auch gesehen, aber findest du das hier nicht einfach alles sehr merkwürdig? Wer mag wohl dort in dem Haus sein?«

»Das ist in der Tat merkwürdig«, war eine vertraute Stimme hinter ihnen zu hören gewesen und sie hätten sich nicht umdrehen müssen, um zu wissen, dass es Perchaftas war. Er hatte neben Effel gestanden und auf das Schiff gedeutet.

»Das haben die Emurks gebaut, bald nach ihrer Ankunft in Angkar-Wat vor mehr als dreihundert Jahren. Und es ist ihr ganzer Stolz. Sie haben immer daran geglaubt, eines Tages wieder in ihre Heimat zurück kehren zu können. Hier in der Schule für Nautik haben sie ihre Nachkommen mit der Seefahrt vertraut gemacht. Hinter der nächsten Biegung haben sie ihre Hütten gebaut, sicherlich tausend Fuß lang an beiden Seiten des Tales. Bitte geht dort nicht hin, sie würden das sicherlich als aufdringlich empfinden und ich glaube, sie würden sich wegen der schäbigen Bauweise schämen. Sie sind ein stolzes Volk und haben das Tal stets nur als vorübergehende Bleibe betrachtet.«

Sowohl Effel als auch Nikita wussten, wer die Emurks waren, wenn sie auch selber noch nie einen zu Gesicht bekommen hatten.

»Nachdem klar war, dass ihre Verbannung ein Ende gefunden hatte – du weißt warum, Nikita«, hatte der Krull gelächelt und die Frau freundschaftlich in die Seite geknufft, »dachte ich eigentlich, sie hätten nichts Besseres zu tun, als ihre Sachen zu packen. Ich wähnte sie schon weit weg, als sie mir berichteten, sie wollten sich gebührend von uns und dem Tal verabschieden. Wie geprügelte Hunde seien sie hier angekommen, meinten sie, und mit Pauken und Trompeten würden sie uns verlassen. Sie werden ein großes Fest feiern und haben alle Krulls eingeladen. Es wird etwas dauern, bis meine große Familie hier eingetroffen ist, und ich glaube, wir werden über die Mengen an Essen staunen. Die Getränke werden wir beisteuern, das haben wir ihnen versprochen. Ihr solltet sehen, was ein Emurk verdrücken kann – über das Wie kann man sich sicherlich streiten «, hatte er amüsiert hinzugefügt.

»Aber wo sind sie?«, hatten die beiden wie aus einem Munde gefragt.

»Ich zog es vor«, hatte Perchafta geantwortet, »sie darum zu bitten, diskret im Hintergrund zu bleiben.«

»Wir können sie uns jetzt ungefähr vorstellen«, hatte Effel gemeint und auf die Galionsfigur geschaut, »nicht wahr Leila, eh, Nikita. Ich werde wohl etwas Zeit brauchen, um mich an deinen neuen Namen zu gewöhnen.« Nikita hatte nur kurz zustimmend nicken können, weil Perchafta wieder das Wort ergriffen hatte.

»Ihr Schulschiff, die Brigg, die ihr hier seht, haben sie in nur drei Monaten gebaut, ihre besten Schiffsbauer hatten sich mächtig ins Zeug gelegt. Sie mussten zunächst das Holz weit unten im Tal schlagen und dann die ganze Strecke bis hier nach oben transportieren. Eine gewaltige Kraftanstrengung, selbst für Emurks. Und was ihr hier seht«, der Krull hatte auf das Gebäude gedeutet, »war ihre Schule für Nautik. Allerdings hat niemand – weder die Lehrer noch die Schüler – je das Meer gesehen, na ja, außer Vonzel vielleicht, als er bei dir in deiner Welt war, Nikita.

Der Kapitän, der das Volk hergeführt hatte, ist bald nach der Ankunft gestorben. Sein Grab befindet sich etwas weiter oberhalb den Berg hinauf, damit sein Geist immer das Schiff sehen kann. Mit der Zeit sind dann auch alle anderen gestorben, die mit ihm zusammen an der Küste Flaalands gelandet waren. Sie hatten unterwegs hohe Verluste gehabt, aber das ist eine andere Geschichte. Ich wünsche ihnen jedenfalls, dass sie genügend über die Seefahrt gelernt haben und wohlbehalten ihre alte Heimat erreichen. Das Meer ist ja doch noch mal etwas anderes als die Trockenübungen hier oben. Wir werden sie jedenfalls nach besten Kräften unterstützen und gegebenenfalls unsere Beziehungen spielen lassen«, hatte der Krull seine Ausführungen mit einem Augenzwinkern beendet.

Dies war ihr letzter Tag in Angkar-Wat gewesen. Früh am nächsten Morgen hatten sie ihre Heimreise angetreten. Allerdings hatten da beide noch nicht gewusst, dass sie sich nicht an den Zugang zu diesem Tal würden erinnern können. Perchafta war auf Nummer sicher gegangen.

Nikita schaute Effel zu, wie er sich anzog, und fuhr fort: »Fisher wird sagen, dass nichts ewig ist. Ich sehe ihn geradezu vor mir mit ... wie komisch ... einem süffisanten Lächeln. In der Regel ist er freundlich, ja verbindlich. Er lebt für die Firma. Von seinem Privatleben ist nichts bekannt, weder ob er verheiratet ist, noch ob er Kinder hat. Manche Kollegen behaupten sogar, er wohnt auch dort unten in seinem unterirdischen Reich. Eigene Interessen und die der Firma scheinen dasselbe zu sein. Jedenfalls schert er sich in diesem Fall nicht um irgendwelche Verträge, da bin ich mir sicher. Mal Fisher ist der geheimnisvollste Mann des gesamten Konzerns, manchmal ist er mir ein wenig unheimlich. Er scheint seine Augen und Ohren überall zu haben, jedenfalls ist er immer bestens informiert. Kannst du dir vorstellen, dass sein Büro zweihundert Fuß tief unter der Erde liegt?«

Was Nikita nicht wissen konnte, war, dass sie genau in diesem Moment und an dem von ihr beschriebenen Ort, Mittelpunkt eines Gesprächs von Mal Fisher war.

»Das fällt mir schwer ... so wie vieles, was du von ... der Neuen Welt erzählst liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft.« Beinahe wäre ihm ›von deiner Welt‹ herausgerutscht. Er wollte das aber vermeiden, denn sein tiefer Wunsch war es, dass sie bei ihm bliebe und irgendwann seine Welt als die ihre empfinden würde.

»Warum jemand sein Büro oder seine Wohnung unter der Erde haben sollte, ist mir wirklich ein Rätsel. Ist es wirklich so schlimm da drüben?«, meinte Effel mit einer kurzen Kopfbewegung in Richtung Westen. »Du hast mir neulich noch erzählt, wie du in den Ferien mit deinem Vater am See auf die Jagd gegangen bist ... und auch alles andere, was du von der Neuen Welt erzählst, hört sich nicht so an, als wenn es nur grässlich wäre.« Wenn man mal von dem ganzen Roboterzeug und euren Hochhäusern absieht ... von diesem Chip einmal ganz zu schweigen, fügte er im Stillen hinzu. Effel hatte sich inzwischen auf die Bettkante gesetzt und kraulte Sam, der jetzt mit dem Kopf auf seinem Schoß neben ihm saß, den Nacken.

»Ja, bei uns ist es schön«, sie sagte ›uns‹, »und es gibt auch noch Gegenden, die diese Bezeichnung sogar im Vergleich zu dem, was ich hier bis jetzt gesehen habe, verdienen. Sonst ist es wirklich völlig anders ... aber grässlich ist es sicher nicht. Man kann es überhaupt nicht vergleichen. Man sollte nie etwas vergleichen, meinst du nicht auch? Wenn man vergleicht, ist man nicht bei dem, was gerade ist. Nein ...«, sie wurde von Effels Lachen unterbrochen.

»Warum lachst du? Was ist daran so lustig?«

»Weil dein Satz über das Vergleichen von Mindevol stammen könnte, fast genauso hat er ihn zu mir auch gesagt ... und nicht nur einmal. ›Wer vergleicht kann nur verlieren‹, meint er.«

»Ein kluger Mann, dieser Mindevol«, schmunzelte Nikita und fuhr fort: »Aus Angst haben sie wichtige Gebäudeteile in die Tiefe der Erde verlegt, Effel, fast alle Firmen. Sie haben Angst, es könnten wieder Flugzeuge in ihre Hochhäuser stürzen, wie schon einmal, vor langer Zeit. Diese Angst ist wohl immer noch in ihren Köpfen, obwohl solch ein Anschlag heute nicht mehr möglich wäre.«

»Aber wenn sie glauben, unter der Erde wären sie sicher, haben sie sich gewaltig getäuscht. Es soll Wesen geben, die durch nichts und niemanden aufzuhalten sind, Nikita, und ich wünsche uns nicht, solche Geschöpfe zum Feind zu haben. Frag´ Mindevol oder Perchafta, die können dir sicher Genaueres sagen.«

»Ich glaube, das will ich gar nicht wissen. Außerdem habe ich schon zwei kennengelernt, nämlich Perchafta und auf meiner Herfahrt Andaro. – Warum, meinst du, hat Perchafta so ... so seltsam reagiert, als ich ihn nach den Siegeln fragte? Ich hab´ mir schon den Kopf zerbrochen, was ich mit meiner Frage da wohl losgetreten haben könnte. Er war ja fast ... erstarrt.«

»Ja, so habe ich ihn noch nicht erlebt, da hast du an etwas gerührt ... mmh, wie soll ich sagen ... na ich weiß nicht, jedenfalls ist dieses Myon-Projekt wohl ein kleiner Fisch dagegen. Er hat mir gegenüber auch nur Andeutungen gemacht. Die Siegel sind wohl auch nicht das, um was es wirklich geht, sondern es geht vielmehr um das, was die Siegel verschließen ... oder in diesem Fall ›bewachen‹. Das ist das eigentliche Geheimnis. Dazu hat Perchafta sich nie näher geäußert, außer dass es sich bei den Siegeln um etwas sehr Mächtiges handelt, an dem man angeblich nicht vorbeikommt und was dich das Leben kostet. Wie bist du überhaupt auf die Frage gekommen?«

»Ich weiß es nicht, sie tauchte ganz plötzlich auf, wie aus ... den Tiefen irgendeiner Erinnerung. Komm, lass uns über etwas anderes reden – oder besser noch irgendwas unternehmen ... vielleicht fällt mir dann noch etwas dazu ein. Zeig´ mir mehr von deiner Heimat, Effel, ich will alles sehen. Mit jedem Stück lerne ich auch dich besser kennen. Sind wir heute Abend nicht bei deinen Eltern eingeladen? Ich bin gespannt, was es zu Essen gibt ... mein Gott, ich bin total verfressen, seit ich hier bin«, kicherte sie. Nikita sprang dann, so wie Gott sie erschaffen hatte, unternehmungslustig aus dem Bett und lief in das nebenan liegende Badezimmer. Während sie dort die Dusche aufdrehte, rief sie durch das Rauschen des Wassers: »Das alles hier müssten meine Eltern sehen, die würden staunen ... ich glaube, es würde ihnen gefallen. In jedem Fall werde ich mich gleich nach dem Duschen mit dem Professor in Verbindung setzen und ihn bitten, mit meinem Vater Kontakt aufzunehmen, damit sie wissen, dass es mir gut geht.«

»Dann werde ich mich inzwischen um unser Frühstück kümmern«, rief Effel, »oder soll ich unter die Dusche kommen?«

»Wenn du dich traust«, lachte sie.

»Nikita wie geht es Ihnen?«, rief ein aufgeregter Professor Rhin einige Zeit später. »Ist alles in Ordnung dort drüben? Sie haben sich lange nicht gemeldet. Warum tragen Sie die Brille nicht ständig? Ich hatte Sie darum ... gebeten ... es ist für unsere Operation wichtig. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.«

Nikita hatte sich mit ihrer MFB auf die Fensterbank im Schlafzimmer gesetzt und dann hatte es nicht lange gedauert, bis die Verbindung aufgebaut war und sie ihren Chef hören konnte. Dass er statt ›gebeten‹ eigentlich ›befohlen‹ hatte sagen wollen, war ihr nicht entgangen und sie stellte fest, dass sie sich vor gar nicht langer Zeit noch darüber geärgert hätte. Heute reagierte sie darauf mit einem Lächeln.

»Ja, Herr Professor, bei mir ist alles in Ordnung, es ist so viel passiert, das werde ich Ihnen alles berichten, wenn ich zurück bin ... Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.« Alles erzähle ich sicher nicht, dachte sie noch.

»Na, Sie haben Nerven, Nikita. Haben Sie sich zurechtgefunden? Hatten Sie ... ›Kontakt‹? Hatten Sie Schwierigkeiten? Brauchen Sie etwas?« Dann machte er eine kleine Pause. »Wo sind Sie da, Nikita, ist das ein ... Hotelzimmer?« Sein Erstaunen war dem Professor anzuhören.

»Nein, das ist kein Hotelzimmer, Herr Professor, aber das erzähle ich Ihnen auch später«, Nikita musste schmunzeln, ihr Chef überschlug sich ja fast am anderen Ende der Welt. »Obwohl das zu den für Sie eher unwichtigen Details gehören dürfte«, fuhr sie fort, dann: »Herr Professor, stellen Sie sich vor, ich habe gefunden, wonach ich suchen sollte ... aber so leicht ist das nicht gewesen und es ist auch immer noch nicht einfach. Ich weiß allerdings nicht, ob ich mit den Plänen zurückkommen kann. Aber eines kann ich Ihnen versprechen ... Sie werden aus dem Staunen nicht mehr herauskommen, wenn ich Ihnen alles erzählt habe.«

»Was soll das heißen, Nikita? Werden Sie bitte etwas deutlicher ... oder können Sie gerade nicht sprechen?«

»Nein, ich glaube, ich komme hier alleine besser klar. Hilfe von außen würde alles unnötig verkomplizieren. Ich kann die Brille auch nicht ständig tragen, ich muss wirklich vorsichtig sein, Herr Professor. Ich erkläre es Ihnen, wenn wir uns wiedersehen ... und ich kann sprechen, denn ich bin alleine, wie Sie sehen können.« Nikita drehte ihren Kopf nach allen Seiten.

»Bitte, Nikita, spannen Sie mich nicht auf die Folter! Was soll das heißen, dass Sie nicht wissen, ob Sie mit den Plänen zurückkommen können?«

Nikita konnte sich gut vorstellen, wie der Professor am Schreibtisch saß und vor Ungeduld auf seinem Sessel hin- und herrutschte oder wie ein Zirkuslöwe in einem viel zu engen Käfig, der spürte, dass er gleich in die Manege musste, herumlief. Was sie nicht wissen konnte war, dass ihr Chef nicht alleine war und dieses Gespräch auch nicht von seinem eigenen Büro heraus führte.

»Haben Sie nun die Pläne oder nicht, Nikita?«

»Nein, es wurde mir verwehrt, sie von dem Ort, an dem ich sie gefunden habe, mitzunehmen ... bisher jedenfalls.«

»Verwehrt? Was soll das jetzt wieder heißen? Ich denke, Sie haben sie gefunden? Wer hat es Ihnen verwehrt?«

Nikita verdrehte die Augen und atmete tief durch. Wie sollte sie ihrem Chef erklären, dass ein Wesen, das zuweilen nicht viel größer war als seine Kaffeetasse, im Stande war zu verhindern, dass sie einfach mit den Plänen im Gepäck aus diesem Land herausspazieren konnte.

»Nun, Herr Professor, wie soll ich sagen, dass es hier anders ist als bei uns, das war uns ja klar, aber doch wissen wir nicht alles ... längst nicht alles. Ich melde mich wieder, wenn ich Ihnen sagen kann, wie es weitergeht. Es kann nicht mehr lange dauern, so viel steht fest.«

»Nikita, Sie sprechen in Rätseln, das ist mir alles zu hoch.«

Professor Rhin klang irgendwie merkwürdig förmlich, fand Nikita, fast beleidigt, nicht so verbindlich wie sonst. Eine Alarmglocke tief in ihrem Inneren meldete sich, verstummte aber augenblicklich, als sie ihren Blick nach draußen richtete und das Dorf unter inzwischen blauem Himmel so friedlich dort unten liegen sah. Dort war das morgendliche Leben jetzt in vollem Gang. Vielleicht tut dieser Blick ihm auch gut. Dann schenkte sie ihrem Chef wieder ihre Aufmerksamkeit.

»Herr Professor, ist irgendwas? Geht es Ihnen nicht gut? Wir sollten doch froh sein, so weit gekommen zu sein. Es gibt die Pläne! Ich habe das Gefühl, dass wir sie bekommen können, wenn das auch vielleicht mit ... Auflagen verbunden sein wird.«

»Auflagen? Bedingungen? Nikita wer sollte uns Auflagen machen?«

»Genau das werde ich Ihnen später erklären, Herr Professor. Ich habe noch eine Bitte, können Sie meinen Vater kontaktieren und ihm sagen, dass es mir gut geht?«

»Ja, Nikita, ja, das mache ich«, kam die etwas zögerliche Antwort vom Professor.

»Das ist sehr nett von Ihnen, Herr Professor«, antwortete Nikita, der das Zögern in der Stimme ihres Chefs nicht entgangen war. »Ich muss jetzt Schluss machen, ich melde mich bald wieder.«

Nikita setzte die MFB ab und verstaute sie wieder sorgfältig in ihrem kleinen Rucksack. Dann ging sie, nachdem sie einen kurzen Blick in die Küche geworfen hatte, hinaus in den Garten, wo Effel bereits den Tisch gedeckt hatte.

»Es ist ein so schöner Morgen, da dachte ich mir, wir nutzen das aus und frühstücken in der Sonne, mein Schatz ... schau mal diese wundervollen Farben des Waldes.« Er wies mit seinem Kopf in die Richtung.

»Das ist eine gute Idee«, sagte Nikita, »den Wald habe ich mir schon eben vom Schlafzimmerfenster aus angeschaut«, und ihn auch meinem Chef gezeigt, »er ist einfach herrlich ... so viele Farben«, und nach einer kurzen Pause, in der Effel ihr Tee einschenkte, fügte sie hinzu: »Er war irgendwie komisch, der Professor.«

»Was meinst du mit komisch?«

»Ich weiß nicht, er war ... reserviert, fast distanziert ... ja, so kann man es nennen. So als wenn er sich nicht hätte freuen dürfen, von mir zu hören. Ach egal, vielleicht hat er auch gedacht, ich serviere ihm die Pläne auf einem Silbertablett, und war einfach nur enttäuscht. Komm, lass uns mit dem Frühstück beginnen, ich habe einen Mordshunger.«

»Hey, dann müssen wir uns ja in Acht nehmen, was meinst du Sam?«, sagte Effel zu seinem Hund, der schon wieder bettelnd neben ihm saß, obwohl er sein Frühstück bereits hatte.

»Keine Angst ihr beiden«, lachte Nikita, »ich nehme erst einmal von dem frischen Brot hier.«

* * *




Kapitel 2


Senator Paul Ferrer, Nikitas Vater, hatte schon seit einigen Tagen versucht, Dr. Will Manders telefonisch zu erreichen – bisher allerdings ergebnislos. Er wollte ihm mitteilen, dass er inzwischen wusste, wo sich Nikita unglaublicherweise aufhielt, und dem jungen Mann dadurch weitere Nachforschungen ersparen, die er für sehr gefährlich hielt. Er hatte stets über eine abhörsichere Leitung – als solche war sie deklariert – aus seinem Senatsbüro telefoniert. Falls doch irgendjemand Fragen stellen sollte, wollte er erklären, dass es um beantragte Forschungsgelder gehe. In seiner väterlichen Sorge hatte er allerdings übersehen, dass einem zufälligen Zeugen auf der anderen Seite solch ein Gespräch wohl sehr merkwürdig vorgekommen wäre. Nicht Will Manders, sondern Professor Rhin, wahrscheinlich sogar Mal Fisher selbst wären für Gesprächsinhalte dieser Art die formell richtigen Ansprechpartner gewesen.

Die Ereignisse der letzten Tage hatten ihm mehr zugesetzt, als er es sich eingestehen wollte. Am wenigsten seiner Frau gegenüber, obwohl er genau wusste, dass gerade Eva der Mensch war, dem er nichts vormachen konnte. Wenn er abends nach Hause kam, genügte ihr ein Blick und sie schien dann genau zu wissen, was mit ihm los war. Nicht nur, dass sie seine Gemütsverfassung sofort erkannte – das konnte man nach mehr als fünfundzwanzig Ehejahren sicherlich erwarten –, sondern wie eine äußerst treffsichere Hellseherin nannte sie auch das Kind beim Namen.

Er hatte längst aufgegeben herauszufinden, wie sie das anstellte. Ihre einzige Tochter Nikita hatte das, was Frau Ferrer ›weibliche Intuition‹ nannte, ganz offensichtlich von ihrer Mutter geerbt und so war Paul Ferrer zu Hause ein offenes Buch. Da der Senator kein Mann war, der Geheimnisse vor seiner Frau hatte – außer denen, die ihm sein Amt auferlegten, und da konnte er stoisch sein wie eine Sphinx –, machte es ihm nichts aus, dass Eva die Gründe seiner Launen kannte.

Als er in seinem Büro die Ungewissheit nicht mehr aushalten konnte, fuhr er mit dem Wagen zu dem Haus des jungen Wissenschaftlers, der in seinen jungen Jahren schon akademische Preise gewonnen hatte. Er wohnte in der Vilmerstreet, einem der vornehmeren Stadtteile Bushtowns, der größtenteils von leitenden Angestellten und hohen Beamten bewohnt war. Vance, sein Bodyguard, war gerade in der Mittagspause, und so brauchte er sich keine Ausrede auszudenken, warum er alleine fuhr. Eigentlich waren seit Kurzem alle Senatoren aus Sicherheitsgründen dazu angehalten, nie ohne bewaffnete Begleitung zu fahren, egal wie kurz die Strecke auch sein mochte. Man hatte ihnen allerdings nicht die Gründe für diese Maßnahme mitgeteilt. Senator Ferrer hatte seinen Freund, den Innensenator Hennings, bei einem Arbeitsessen eher beiläufig danach gefragt und von diesem die Antwort bekommen: »Eine Sicherheitsübung, mehr nicht.«

Paul Ferrer konnte sich mit dieser lapidaren Antwort allerdings nicht abfinden.

Jetzt stehle ich mich schon vor meinem Aufpasser davon, das darf ich wirklich niemandem erzählen, dachte er, als er in seiner Rolls Royce-Replik saß. Auf der Fahrt beschlichen ihn wieder böse Ahnungen, die ihm fast schon zur lästigen Gewohnheit geworden waren, und er fragte sich nicht zum ersten Mal, ob er den Beginn einer Paranoia erlebte und schließlich sein Leben in einer Zwangsjacke beenden würde. Er ließ den Wagen zwei Straßenblöcke vor der Vilmerstreet stoppen und schaute sich um, bevor er ausstieg.

Verrückt ... welch ein Blödsinn, schalt er sich gleich darauf, als wenn mir jemand auf diese Weise folgen würde. Hab wohl zu viele alte Krimis geschaut. Das ist doch heute nicht mehr nötig, wenn man wissen will, wo sich jemand aufhält.

Nicht nur Regierungsfahrzeuge besaßen obligatorisch ein Ortungssystem. Wie er gelesen hatte, war es damals, vor einigen hundert Jahren, lächerlich einfach gewesen, den Leuten den Einbau aufzuschwatzen. Man musste ihnen nur klarmachen, dass man im Falle eines Diebstahls sein Auto innerhalb von Stunden zurückbekommen könne. So hatten die Leute auch noch für ihre eigene Überwachung bezahlt. Manchmal sind die Menschen wirklich dumm, hatte der Senator nicht nur in diesem Zusammenhang gedacht.

Auf seinem kurzen Weg bemerkte er, dass hier alles irgendwie gleich aussah, sogar die Vorgärten schienen sich gegen Abwechslung erfolgreich zur Wehr gesetzt zu haben. Alle zeigten kurz geschnittene Rasenflächen, die von akkuraten Blumenbeeten umrahmt wurden. Lediglich die Höhe der Buchsbaumhecke, die jedes Grundstück umschloss, gab Aufschluss über die Wohndauer der Besitzer.

»Wohl ein und derselbe Bauträger«, murmelte er, »es lebe der Individualismus.«

Als er auf das Haus von Dr. Manders zuging und es mit seinen Blicken abtastete, so als könne er von dem Gebäude einen wichtigen Hinweis über den Verbleib seiner Tochter erhalten, befand er, dass es ein sehr schmuckes Haus für einen jungen alleinstehenden Mann sei, der eher in dem Ruf stand, nur seine Forschungen im Sinn zu haben, und sicherlich die meiste Zeit in seinem Labor verbrachte. Passt eigentlich nicht zu ihm, zu dem jungen Abteilungsleiter bei BOSST, dachte er bei sich, während der weiße, feine Kies der Auffahrt leise unter den Ledersohlen seiner vornehmen, maßgefertigten Schuhe knirschte. Vielleicht hat er es ja geerbt, dachte der Senator noch, bevor er sich wieder dem Grund seines Kommens widmete. Auf sein zunächst zaghaftes, dann immer heftigeres Klingeln wurde allerdings nicht geöffnet. Was ist da bloß los?, fragte er sich, in der Firma ist er nicht, und hier ist er auch nicht.

Dr. Will Manders, der Kollege und schüchterne Verehrer seiner Tochter, der sich ebenfalls große Sorgen um Nikita gemacht hatte, hatte sich nach ihrer Abreise häufiger bei Paul Ferrer gemeldet. Er war eines Tages zu ihm ins Büro gekommen und hatte ihm sein Herz ausgeschüttet. Kurz darauf hatten sich die Männer bei einem geheimen Treffen im Clubhaus der Golfanlage weiter austauschen können. Schon nach ihrem ersten Kennenlernen hatte der Senator dem jungen Mann sein Vertrauen geschenkt und mit ihm alle Befürchtungen geteilt. Daher passte es so gar nicht, dass Will Manders auf einmal nichts mehr von sich hören ließ. Das konnte im Grunde nur Schlechtes bedeuten.

Jetzt war dem Senator klar, dass der junge Mann sich zu weit aus dem Fenster gelehnt haben musste. Er hatte wohl mit seinen düstersten Ahnungen recht behalten.

Wenn die gemerkt haben, dass du ihnen nicht traust und eigene Nachforschungen angestellt hast, war dies dein Todesurteil. Besonders dann, wenn du herausgefunden haben solltest, wo Niki wirklich ist.

Eine letzte Möglichkeit, an die sich Paul Ferrer gerade klammerte, bestand darin, dass der junge Mann alleine losgezogen sein könnte. Diesen Gedanken verwarf er aber sofort, denn in dem Fall hätte er sich sicher vorher bei ihm gemeldet. Oder auch wieder nicht, wenn Will Manders befürchtete, dass er ihn von diesem Vorhaben abhalten würde. Der Senator war verwirrt und zunehmend unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, was für ihn äußerst ungewöhnlich war. Im Kongress war er für seinen scharfen Verstand bekannt und wurde von seinen politischen Gegnern gefürchtet, weil er seine Gedankengänge auch rhetorisch sehr gewandt zum Ausdruck bringen konnte. Jetzt ging es um das Wohl seiner Tochter und da waren Logik und Verstandesschärfe seinen väterlichen Emotionen zum Opfer gefallen.

Zu Hause wurde er von seiner Frau Eva, die ihm aus der Küche entgegenkam, erwartet. Sie brauchte keine Fragen zu stellen. Schon an der Art und Weise, wie er sein Jackett über einen Stuhl in der Eingangshalle warf, und natürlich an seinem Gesicht, sah sie ihm an, dass er nichts Neues über die Umstände der Reise ihrer Tochter erfahren hatte. Er war in den letzten Tagen älter geworden, wie ihr schien. Tiefe Sorgenfalten hatten sich um Mund und Nase eingegraben.

»Paul, du musst dich ausruhen ... denk an deine Gesundheit, du machst dich noch ganz fertig ... hast du mal in den Spiegel geschaut?«, ermahnte sie ihren Mann und stand jetzt dicht vor ihm. »Ich mache mir Sorgen um dich. Wenn du krank wirst, hilfst du damit niemandem. Überlasse ab jetzt bitte Frank die Nachforschungen, er verfügt über die richtigen Verbindungen. Wenn jemand etwas erfahren kann, was man eigentlich nicht wissen darf ... dann er.«

»Ich habe ihn selbstverständlich angerufen, Eva, er ist im Urlaub, wie mir seine Sekretärin sagte. Wusstest du das? Nun, er muss uns ja nicht alles erzählen.«

Frank Murner, Pauls Studienfreund und Leiter einer militärischen Sicherheitsabteilung, die der Regierung direkt unterstellt war, war Nikitas Patenonkel. Er selbst hatte Kapitän Franch auf persönliche Order des Präsidenten hin befohlen, mit der U46 auszulaufen. Er wusste allerdings damals noch nicht, dass Nikita an Bord sein würde, und als er es erfahren hatte, war es schon zu spät gewesen. Da war sie längst in Flaaland und hatte das größte Abenteuer ihres Lebens begonnen.

Der Senator ließ, ohne auf die Ermahnungen seiner Frau einzugehen – er wusste, dass sie recht hatte –, einen Kaffee aus der Maschine und setzte sich auf einen der hohen Hocker an der Küchentheke.

»Wie kann ich mich ausruhen, Eva ... in dieser Situation? Will Manders ist bestimmt tot«, sagte er fast tonlos und blickte wie ein meditierender Kaffeesatzleser in seine Tasse, als könne er dort eine Antwort finden. »Ich hatte es zwar geahnt, aber jetzt bin ich mir sicher. Dass diese Leute vor nichts zurückschrecken, ist ja nichts Neues. Ich möchte gerne wissen, was unsere Tochter da drüben soll, ausgerechnet unsere Tochter. Was kann so wichtig sein, dass wir die Ewigen Verträge brechen und alles aufs Spiel setzen, was wir uns aufgebaut haben? Ich weiß jedenfalls nichts von irgendwelchen Projekten, die das auch nur annähernd rechtfertigen würden. Das ist vollkommen absurd.«

Er erwartete keine Antwort, sondern stützte seinen Kopf mit beiden Händen und sah dabei aus wie der Denker von Hamangia.

Leise fuhr er fort: »Ich werde niemanden mehr anrufen, das ist verschwendete Zeit. Die wissen jetzt sowieso, dass ich Will Manders suche. Das Haus wird selbstverständlich überwacht. Dass ich daran nicht gedacht habe ... ich bin bestimmt sehr gut zu erkennen ... ach, was soll´s.« Er lächelte bitter.

»Aber wenn du deine Nachforschungen einstellst«, entgegnete seine Frau besorgt, »wird man wissen, dass du Verdacht geschöpft hast. Wenn du irgendwie an der Sache dranbleiben möchtest, bitte einen Kollegen um eine offizielle Untersuchung. Rudolf zum Beispiel. Geh in die Offensive ... obwohl ich eine Ahnung habe, dass es Nikita gut geht. Ich kann mir nicht helfen, aber mein Bauchgefühl sagt es mir. Eine Mutter spürt so etwas.«

Frau Ferrer hatte sich ebenfalls einen Kaffee geholt und stellte sich jetzt ihrem Mann gegenüber an die Theke.

»Eva«, der Senator blickte seine Frau aus müden Augen an, »deine Ahnungen in allen Ehren, aber unsere Tochter ist einige Tausend Meilen weit weg in einem unbekannten, feindlichen Land, da hätte ich schon gerne mehr Sicherheiten als deine Ahnungen. Ich habe auch ein Bauchgefühl, ein väterliches, und das schlägt Alarm.«

»Wieso feindlich, Paul? Woher willst du wissen, dass die Menschen dort unsere Feinde sind?«

»Sie sind vielleicht noch keine Feinde, Eva, aber wenn sie merken, dass wir die Verträge verletzen, werden sie es ... da bin ich mir sicher. Eine offizielle Untersuchung durch den Senat wäre geradezu töricht. Da würden sich einige Medien freuen wie die Maus in der Backstube. Ich sehe schon die fette Schlagzeile: ›Durchgebrannt?‹ Und den Untertitel: ›Senator sucht jetzt offiziell nach dem Verehrer seiner erwachsenen Tochter, die ebenfalls verschwunden ist.‹ Ich sehe schon meine feixenden politischen Gegner vor mir ... nein, den Gefallen werde ich denen sicher nicht tun. Ich kann nur hoffen, dass diejenigen, die für all das verantwortlich sind, nie herausbekommen, dass wir wissen, wo Niki ist. Die Nachricht über den Verlust des U-Boots, mit dem sie gefahren ist, zeigt doch, dass etwas vertuscht werden sollte. Den armen Kapitän und seine Besatzung haben sie auch auf dem Gewissen. Er war so guter Dinge und hatte sich so auf das Wochenende mit seiner Familie gefreut. Frank und ich waren wahrscheinlich diejenigen, die ihn und seine Mannschaft zuletzt lebend gesehen haben.«

»Dann lass los, Paul. Vertraue darauf, dass alles gut geht. Eine Runde Golf würde dir mal wieder guttun«, versuchte Eva ihren Mann aufzuheitern. »Du kannst jetzt sowieso nichts tun, sie ist nun mal weg. Aber wenn sie wieder hier ist, wird sie vielleicht ihren Vater brauchen, was meinst du?«

»Golf, wie kann ich jetzt ans Golf spielen denken, wo unser Kind vielleicht in Gefahr ist! Und wie kommt es, Eva, dass du so gelassen sein kannst, weißt du irgendetwas? Verheimlichst du mir etwas?«

»Habe ich dir jemals etwas verheimlicht, Paul? Nein, wie gesagt, ich habe das Gefühl, dass es unserer Tochter gut geht. Halte mich für verrückt, aber ich weiß es einfach. Nenne es von mir aus ›Mutterinstinkt‹.«

»Eva, bitte! Du weißt es? Na gut ... ich weiß es aber nicht. Morgen werde ich in Nikis Wohnung fahren. Vielleicht entdecke ich doch noch einen Hinweis, irgendeine Botschaft, die sie oder jemand anderes dort gelassen hat und die wir bisher übersehen haben. Ich werde Mike Stunks bitten mitzukommen. Er ist mir noch einen Gefallen schuldig.«

»Was soll Mike denn ausrichten?«, Eva Ferrer runzelte die Augenbrauen. »Bringst du ihn damit nicht in eine ... na ja ... missliche Lage?« Sie dachte an den inzwischen etwas fülliger gewordenen Mike, der Leiter einer Spezialabteilung der NSPO war. Ferrers waren ihm im letzten Jahr bei einem offiziellen Anlass im Festsaal des Ministeriums für Sicherheit begegnet.

Nichts schien den wachsamen Augen dieses Mannes zu entgehen, auch nicht an einem Ort, an dem er eigentlich hätte feiern und sich entspannen können. Eva erinnerte sich, dass es sich um eine Jubiläumsfeier gehandelt hatte. Jemand, der vor lauter Orden schon nicht mehr gerade gehen konnte, hatte noch einen dazubekommen. Eva hasste solche Veranstaltungen wie die Pest, war aber ihrem Mann zuliebe und der Etikette wegen mitgegangen.

Als Eva das College besucht hatte, vor hundert Jahren wie ihr manchmal schien, war Mike Stunks einer ihrer Verehrer gewesen und sie hatte sogar einmal zugestimmt, ihn auf einen Ball zu begleiten. Er hatte sich als recht hartnäckig erwiesen und sie hatte, eher um ihre Ruhe zu haben, seinem freundlichen Drängen nachgegeben. Es war dann doch noch ein lustiger Abend geworden, an dem sich Mike als charmanter Unterhalter und passabler Tänzer gezeigt hatte. Danach hatten sie sich aus den Augen verloren, nachdem sie ihm klargemacht hatte – und zwar diesmal unmissverständlich –, dass es bei der einen Verabredung bleiben würde. Er war ein netter Kerl, der obendrein noch das Gespür dafür hatte, wann es eine Frau ernst meinte, aber als potenzieller Ehemann war er für sie von vornherein nicht in Frage gekommen. Sie hatte nämlich damals schon ein Auge auf Paul Ferrer geworfen, der zu dieser Zeit gerade mitten in seinem juristischen Examen stand. Dennoch hatte der sie, und dafür hatte sie gesorgt, in der Mensa schon einige Male bemerkt und ihr sogar ein Lächeln geschenkt, das sie nur noch mehr motiviert hatte.

»Mike ist einer der Besten«, wurde sie von ihrem Mann aus ihren Erinnerungen gerissen, »und gerade deshalb will ich ihn dabeihaben. Auf sein Konto gehen die meisten Aufklärungen von Verbrechen. Erinnerst du dich an den Entführungsfall der Sisko-Kinder? Das hat er praktisch im Alleingang erledigt, auch wenn, wie man munkelt, Freund Zufall zu Hilfe kam. Aber nur dem Fleißigen winkt auch das Glück. Ich möchte einfach nichts unversucht lassen. Wenn du mit ›misslicher Lage‹ meinst, er müsse das seiner Dienststelle melden, nun, ich werde es ihm erklären, warum es erst einmal besser ist, es nicht zu tun.«

Der Senator hatte seinen Kaffee ausgetrunken und stellte die Tasse scheppernd auf den Unterteller. Sein neuer Plan schien seine Lebensgeister geweckt zu haben.

Natürlich erinnerte sich Eva an die Sisko-Kinder, auch wenn es jetzt 15 Jahre her war. Sie erinnerte sich sogar an das Datum, an dem sie zum ersten Mal von der Entführung gehört hatte, weil es am siebzigsten Geburtstag ihrer Mutter gewesen war. Es war der 2.8.2851 gewesen. Mike hatte ihr die ganze Geschichte außerdem an jenem steifsten aller steifen Abende im letzten Jahr ausführlich erzählt, zumindest das, was er für die ganze Geschichte hielt. Sie waren darauf gekommen, weil Kay, der eine der beiden Sisko-Söhne, irgendeine Auszeichnung seiner Universität erhalten hatte, was just an dem Tag in den Medien berichtet wurde.

Die damals achtjährigen Zwillinge des bekannten Industriellenehepaares Sisko waren entführt und drei Monate lang gefangen gehalten worden. Sie waren offensichtlich wie immer mit dem Wagen von der Schule abgeholt worden. Mr. Doutes, der Hausmeister, und zwei Lehrer hatten dies bestätigt.

Zu diesem Zeitpunkt war der echte Chauffeur, ein gewisser Claude Robbins, allerdings mit Reifenwechseln beschäftigt gewesen. Als der ehemalige Profiboxer, der damals bereits seit fünf Jahren als Leibwächter und Fahrer bei den Siskos arbeitete, losfahren wollte, um die Kinder abzuholen, hatte er bemerkt, dass beide Hinterreifen der schweren gepanzerten Limousine fehlten. Der Wagen war aufgebockt worden. Ob fehlende Schlussfolgerungen das Ergebnis vieler schwerer Kopftreffer gewesen waren oder einen anderen Grund gehabt hatten, würde für immer im Dunkeln bleiben. Jedenfalls hatte sein Hirn die Überlegungen nicht weitergetrieben als bis zu einem ganz einfachen Reifendiebstahl. Einen Ersatzreifen hatte er vorrätig gehabt, aber für den zweiten hatte er einen Servicewagen aus der Werkstatt kommen lassen müssen. Das hatte ungefähr eine halbe Stunde gedauert, was überhaupt nicht tragisch gewesen war, da es wegen des dichten Verkehrs manchmal hatte vorkommen können, dass er sich verspätete. In einem solchen Fall hatten die Kinder einfach in der Halle der Schule auf ihn gewartet und sich die Zeit mit ihren geliebten Computerspielen vertrieben.

»Es war exakt der gleiche Wagen«, so hatte es der beflissene Hausmeister unterwürfig der Polizei, die mit großem Aufgebot angerückt gewesen war, versichert.

»Durch die getönten Scheiben konnte ich doch nicht sehen, wer da am Steuer saß. Ich ging davon aus, dass alles seine Richtigkeit hat. Die Kinder sind ja auch hinten eingestiegen, so wie immer ... sie haben noch gelacht und rumgealbert. Da dachte ich mir doch nichts Schlimmes. Kann ja keiner mit rechnen. Aber ihr könnt sie doch finden, sie haben doch den Chip«, jammerte er, als wenn es sich um seine eigenen Kinder gehandelt hätte. Der Chip hatte aber in diesem Fall nicht helfen können, obwohl Kindesentführungen das Hauptargument bei seiner Einführung gewesen waren. Jeder hatte die Sinnhaftigkeit leicht nachvollziehen können.

Wie sich in diesem Fall später herausgestellt hatte, war der ICD fachmännisch entfernt und ausgetauscht worden. Die Ironie war, dass die ICDs von der Firma Sisko hergestellt wurden. Hundertschaften der Polizei, die fast das ganze Land auf den Kopf gestellt hatten, hatten unverrichteter Dinge aufgeben müssen. Alle Hinweise aus der Bevölkerung waren ins Leere gelaufen und dann versickert wie Wellen an einem Sandstrand. In der ersten Woche waren über fünfhundert Zeugenmeldungen eingetroffen. Alle hatten die Kinder irgendwo gesehen und viele hatten sogar ihren Kopf darauf verwetten wollen. In der zweiten Woche waren es nur noch dreißig Meldungen gewesen, obwohl die Medien fast stündlich von dem Fall berichteten und dafür gesorgt hatten, dass jeder im Land wusste, wie die Zwillinge aussehen.

Drei wirklich dummdreiste Trittbrettfahrer, die alle ein hohes Lösegeld gefordert hatten, waren schnell dingfest gemacht worden – zwei von ihnen bei der Lösegeldübergabe, zu der sie pünktlich selbst erschienen waren. Die Dummheit war auch im 29sten Jahrhundert noch nicht ausgestorben. Der Dritte, der auf diese Weise reich werden wollte, hatte seine Gesinnungsbrüder sogar noch übertroffen. Er hatte es irgendwie geschafft, aus dem Gefängnis, in dem er einsaß, anzurufen, um seine Forderungen zu stellen. Das hatte den Gefängnisdirektor seinen Job gekostet und allen Mitgefangenen eine sehr genaue Untersuchung ihrer Zellen eingebracht. Der Anrufer war ja schon gewesen, wo er hingehörte. Von da an noch einmal zehn Jahre länger.

Die Kinder aber waren wie vom Erdboden verschwunden geblieben und auch die Entführer schienen sich in Luft aufgelöst zu haben. Man hatte das Schlimmste befürchtet.

Zwei endlos lange Wochen waren weder Forderungen gestellt noch irgendwelche abgeschnittenen Ohren oder Finger geschickt worden – ein sehr beliebtes Druckmittel in ähnlich gelagerten Fällen – und Psychologen hatten die verzweifelten Eltern auf das Schlimmste vorbereitet. Mrs. Sisko hatte ergänzend dazu von ihrem Hausarzt starke Beruhigungsmittel bekommen, was dazu geführt hatte, dass sich die bedauernswerte Frau schlafwandlerisch und wie ein Schatten ihrer selbst durch das große Haus bewegt hatte, sofern sie einmal ihr Zimmer verließ. Keiner der Dienstboten hatte gewagt, auch nur ein lautes Wort zu sprechen, und alle waren nur mit gesenktem Blick umhergelaufen. Es hatte eine Grabesstimmung geherrscht, gerade so, als seien die Kinder bereits gestorben.

Als die Haushälterin der Siskos, Maria Gonzales, eine äußerst resolute Person und unter normalen Umständen nicht auf den Mund gefallen, in der dritten Woche der Entführung zum Einkaufen in einem nahe gelegenen Supermarkt gewesen war, war sie von jemandem im allgemeinen Gedränge an der Kasse angerempelt worden. Sie hatte dem leichten Rempler außer einem sehr kurzen bösen Blick aus ihren braunen Augen zunächst keine weitere Beachtung geschenkt. Erst als sie später beim Auspacken der Lebensmittel in ihrer Einkaufstasche einen Brief gefunden hatte – sie konnte sich nicht erinnern, jemals überhaupt einen in der Hand gehabt zu haben –, hatte die kleine Rempelei doch noch eine Bedeutung bekommen.

Von diesem Moment an hatte Mike Stunks Stunde geschlagen und bei den geplagten Siskos war neue Hoffnung aufgekeimt. Es war Mikes erster großer Fall bei der NSPO gewesen. Zuvor hatte er sich bereits bei der Kriminalpolizei, die ebenfalls an diesem Fall dran war, einen Namen gemacht und die Siskos wussten das. Er hatte sich in den Fall verbissen gehabt wie ein Terrier, dem man sein Lieblingsspielzeug wegnehmen wollte. Er war in das Gästehaus des Sisko-Anwesens eingezogen. Es war doppelt so groß wie sein eigenes Wohnhaus und es hatte zwei Wochen lang den Anschein gehabt, als würde er keinen Schlaf brauchen.

Als Erstes hatte er Maria Gonzales befragt, die kräftig gebaut und gut einen halben Kopf größer war als er. Jeder Angestellte des Hauses war selbstverständlich auf Herz und Nieren geprüft worden und alle hatten eine Weste, die so blütenweiß war wie frisch gefallener Schnee in den Rockys.

»Mrs. Gonzales, was genau haben Sie im Supermarkt gesehen? Bitte denken Sie genau nach. Jede noch so kleine Einzelheit ist wichtig ... ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich unser Gespräch aufnehme«, hatte Mike das Verhör ganz ruhig begonnen und dabei auf sein kleines Aufnahmegerät gezeigt, das er vor sich auf den Tisch gelegt hatte. Er hatte die Frau dabei fixiert wie die Schlange das Kaninchen. Er wusste aus jahrelanger Erfahrung, dass jede noch so kleine Körperreaktion eines Zeugen einen Hinweis auf eine unbewusste Beobachtung geben konnte. Aus diesem Grund war er auch in die Küche, in ihr Reich, gekommen. Sie sollte möglichst entspannt sein.

»Mein Gott«, hatte die Haushälterin, mit einer Geste in Richtung des Aufnahmegeräts, die Mike als Zustimmung deutete, erwidert, »was soll ich schon gesehen haben? Ich war damit beschäftigt, die Kassiererin zu kontrollieren. Sie machen andauernd Fehler, komischerweise meist zu ihren Gunsten. Ich verstehe gar nicht, warum es wieder Geschäfte gibt, in denen Menschen an der Kasse sitzen. Aber der Laden ist nicht weit und ich wollte schnell wieder zu Hause sein ... Sie wissen doch ... die arme Mrs. Sisko, die ...« Von Entspanntheit war Mrs. Gonzales meilenweit entfernt gewesen, obwohl sie selbst vielleicht auf Nachfrage das Gegenteil behauptet hätte.

»Mrs. Gonzales«, hatte Mike den beginnenden Redeschwall unterbrochen, »ist Ihnen vielleicht vorher etwas aufgefallen, wurden Sie verfolgt oder hat Sie jemand beobachtet?«

»Hören Sie, Sir, ich war damit beschäftigt, alles was auf meinem Display stand, einzukaufen, da schaue ich nicht nach anderen Leuten. Wissen Sie, wie viele Menschen in Supermärkten rumlaufen? Da hätte ich viel zu tun ... aber sagen Sie doch Maria zu mir, das machen alle hier.« Maria war aufgestanden und hatte begonnen, in der Küche herumzuhantieren, was eher planlos ausgesehen und wohl dem Abbau ihrer Nervosität gedient hatte. Mike hatte sich aber nicht so schnell abschütteln lassen.

»Danke, Frau Gonzales, ... äh, Maria, bitte setzen Sie sich doch«, sein Ton war um eine Nuance schärfer geworden. »Ich weiß, wie viele Leute sich in Geschäften aufhalten ... ich gehe hin und wieder selber einkaufen. Aber manchmal kann man fühlen, dass man beobachtet oder verfolgt wird, kennen Sie das nicht? Es ist wie ein sechster Sinn.«

»Doch, klar kenne ich das«, in Marias Stimme hatte jetzt leichter Trotz gelegen und daran hatte Mike erkannt, dass seine kleine Stresserhöhung funktioniert hatte, »aber neulich war es nicht so ... bestimmt, glauben Sie mir, Sir, Mr. Stunks. Was soll ich sagen, ich hab´ nix gesehen.« Sie hatte sich auf einen Stuhl fallen lassen, ihre Schultern waren herabgesunken und sie hatte ihre Hände in den Schoß gelegt, als ihr linkes Augenlid auf einmal wild zu zucken begonnen hatte, als ob ihr etwas ins Auge geflogen wäre, was Mike nicht entgangen war. Er hatte den Atem angehalten, um einer möglichen Erinnerung Zeit zu geben. Und diese war gekommen, wenn es auch nicht viel gewesen war. Maria hatte für einen Moment die Augen geschlossen. Das Zucken hatte so plötzlich aufgehört, wie es begonnen hatte.

»Jetzt ... ich erinnere mich doch!«, hatte Maria dann gerufen.

»Da war ein Mann, der hat sich an allen vorbeigedrängt! Er hatte nichts eingekauft, hatte keinen Korb, keine Tasche ... nichts. Der hat mich angerempelt und so komisch geschaut! Jesus!«, es klang wie ›Jesses‹. »Meinen Sie, das war das Monster, das unsere Engelchen entführt hat? Ich weiß noch ... in diesem Moment hatte ich so ein Gefühl wie ... kennen Sie das? Als wenn die Welt für einen Moment aufgehört hätte sich zu drehen. Mein Gott! Wie konnte ich den Kerl vergessen, Sir? Es ist wohl alles ein bisschen viel für mich, es ist so schrecklich!« Marias Augen waren vor Entsetzen ganz groß geworden und sie hatte sich mit der flachen Hand an die Stirn geschlagen, dass es leise, aber unüberhörbar geklatscht hatte.

»Sehr gut. Können Sie ihn beschreiben, Mrs. Gonzales, äh ... Maria?« Mikes Stimme war ganz ruhig gewesen. »Jede noch so kleine Einzelheit ist wichtig.«

»Nein ... es ging ja schnell ... oder ... warten Sie, es gibt doch etwas, nur eine Einzelheit, an die ich mich erinnere, und die ist nicht klein, ich sehe sie gerade förmlich vor mir. Eine Raubvogelnase, ja, eine ziemlich große, gebogene Nase. Irgendwie passte sie nicht zu dem Typ, das dachte ich noch. Und, ja, Augen wie aus Stahl, er hatte einen Blick wie aus Eis. Aber dann war er auch schon weg und ich musste meine Sachen einpacken, weil von hinten wieder gedrängelt wurde.« Maria hatte laut geseufzt. »Mehr weiß ich nicht, es tut mir so leid, wenn ich geahnt hätte, dass das der Entführer der Kleinen ist, glauben Sie mir, ich hätte ihn nicht einfach gehen lassen«, hatte sie gejammert.

»Bringen Sie uns die Kinder zurück, Mr. Stunks, ich flehe Sie an.«

»Nun mal langsam mit den Pferden, Maria, wir wissen weder, ob das der Entführer war, noch ob er den Brief in ihre Tasche getan hat. Es ist eine reine Vermutung, dass es dieser Mann war. Sind Sie sich sicher, dass Sie ansonsten mit niemandem Kontakt hatten? Bitte denken Sie noch einmal genau nach, das mit der Rempelei ist Ihnen ja auch nicht gleich eingefallen.«

Mike hatte innerlich dem Schicksal gedankt, dass Maria im Supermarkt nicht eingegriffen hatte. Nicht weil ihm der Überbringer des Briefes leid getan hätte, sondern weil er sich sicher gewesen war, dass es sich bei den Entführern um mindestens zwei Personen gehandelt hatte. Jemand musste das Auto gefahren haben, mit dem die Kinder abgeholt wurden, ein anderer hatte sicherstellen müssen, dass der richtige Chauffeur, der vielleicht ausgerechnet an diesem Tage früher dran war, lange genug beschäftigt war und eventuell nochmals aufgehalten werden konnte. Mit dieser Vermutung hatte Mike allerdings falsch gelegen.

»Nein«, hatte Maria stirnrunzelnd nach einer weiteren kurzen Pause gemeint, »ich bin nach dem Einkaufen direkt nach Hause gegangen, da war nichts mehr.«

»Na, jedenfalls danke ich Ihnen, Maria, Sie haben uns sehr geholfen.« Das hatte er zwar nicht wirklich so gemeint, hatte sich aber für den Fall, dass Maria eventuell doch noch etwas einfiele, eine Hintertür offen lassen wollen.

Mike Stunks hatte gesehen, dass in dem Moment nicht mehr aus der Frau herauszuholen war, und deshalb hatte er sich als Nächstes dem Umschlag gewidmet. Es war mit den Siskos ausgemacht worden, dass alles, was an Post eventuell ins Haus kam, zunächst von ihm untersucht werden würde. Mike hatte

nicht einen Moment daran geglaubt, dass eventuelle Forderungen auf dem sonst üblichen elektronischen Weg eintreffen würden, dazu waren sie zu leicht zurückzuverfolgen.

Die Entführer hatten bereits gezeigt, dass sie nicht auf den Kopf gefallen waren. Man würde ganz sicher auch keinen der staatlich geprüften Kurierdienste beauftragen, die auf schnellstem Weg kleinere Warensendungen oder wichtige Dokumente, die man nicht elektronisch übermitteln konnte, ihrem Empfänger zukommen ließen. Mit dieser Vermutung hatte er recht behalten.

Er hatte sich nach dem Verhör der Haushälterin in seinen Gästebereich zurückgezogen, in dem er ein kleines Labor aufgebaut hatte. Die Untersuchung auf Fingerabdrücke hatte nichts erbracht, worüber er auch nicht sonderlich erstaunt gewesen war.

Wer eine solche Entführung plant und durchführt, der tatscht nicht auf seinem Erpresserbrief herum, war ihm durch den Kopf gegangen. Er hatte das Kuvert dennoch fast so behutsam geöffnet wie ein Chirurg eine Herzkammer, weil er alles vorsichtshalber noch im großen Labor der NSPO hatte untersuchen lassen wollen.

Er hatte seine dünnen weißen Stoffhandschuhe getragen, die er routinemäßig immer dabeihatte. Man konnte letzten Endes nie vollkommen sicher sein. Er hatte in seiner kriminalistischen Laufbahn schon ›Pferde vor der Apotheke kotzen sehen‹, wie er gerade erst vor ein paar Tagen einem jungen Kollegen erklärt hatte, und zwar mehr als nur einmal.

Außerdem hatte man ihm an der Hochschule für Kriminalwissenschaften beigebracht, dass die meisten Verbrecher irgendwann, und sei es auch erst nach der Tat, einen Fehler machen – auch diejenigen, oder insbesondere diejenigen, die sich für besonders clever hielten. Dieses Sich-für-besonders-clever-Halten war genau ihr Schwachpunkt, ihre Hybris, die sie zu Fall brachte.

Adressiert war der Umschlag gewesen an ›Die Firmenleitung von Sisko ESS, zu Händen Herrn Herb Sisko, streng vertraulich‹. Mike hatte sich, wie ausgemacht, von dem Zusatz ›streng vertraulich‹ nicht beeindrucken lassen und zwei bedruckte DIN A4 Papierbögen aus dem Umschlag herausgezogen.

Dann hatte er in einem der schweren, komfortablen Ledersessel Platz genommen – Sessel, die denjenigen, der sich ihnen anvertraute, zu verschlucken schienen. Auch wenn Informatik in der Schule nicht zu seinen Lieblingsfächern gehört hatte und er diese Sprache nicht gut beherrschte, hatte er sofort gesehen, dass es sich bei der Menge an Nullen und Einsen, mit denen eines der Blätter beschrieben war, um ein Computerprogramm handelte.

Das zweite Blatt hatte Folgendes zum Inhalt – und für diese Sprache war er Experte:

»Wenn Ihnen Ihre Kinder am Herzen liegen, und davon gehen wir aus, bitten wir Sie, die nächste Produktion des ICD, die in einem Vierteljahr fertig sein soll, mit beiliegenden Programm zu versehen.«

»›Bitten wir Sie!‹... Sarkasmus gepaart mit Gewalt ist eine gefährliche Kombination ... ›ein Vierteljahr‹, die sind gut informiert«, hatte Mike kopfschüttelnd gemurmelt, bevor er weitergelesen hatte.

»Wir haben den Kleinen inzwischen den Prototyp implantiert. Sollten Sie unseren Forderungen nicht nachkommen – und wir können Ihnen versichern, dass wir die Möglichkeit haben, das zu überprüfen –, werden wir ein kleines Programm unserer Version des ICD im Körper Ihrer Kinder aktivieren. Sie können sich nicht vorstellen, wie unangenehm das sein wird.

Der Tod wäre in diesem Falle das kleinere Übel. Kommen Sie unseren Forderungen nach, werden Ihre Kinder ein ganz normales Leben führen, so als ob nichts passiert wäre. Was allerdings geschieht, wenn Sie zu irgendeinem späteren Zeitpunkt die Baupläne des ICD wieder ändern sollten oder Informationen über den Inhalt dieses Schreibens an die Öffentlichkeit dringen, überlassen wir Ihrer Fantasie. Das Gleiche gilt selbstverständlich für den Fall, dass Sie die ICDs Ihrer Söhne wieder austauschen oder den Versuch unternehmen sollten, sie anderweitig zu manipulieren. Seien Sie versichert, dass wir das bemerken würden. Sie werden verstehen, dass wir diesen Brief nicht unterzeichnen können, was bei Ihnen aber bitte keinen Zweifel an unserer Ernsthaftigkeit aufkommen lassen möge. P.S.: Wir werden es bei diesem einen Schreiben belassen. Betrachten Sie es bitte als einmalige Chance. Sie haben das Schicksal Ihrer Söhne in der Hand.«

Herb Sisko war eine Stunde später beim Lesen des Briefes noch blasser geworden, als er ohnehin schon gewesen war, und hatte ihn auf den kleinen, mit einem Schachmuster verzierten Tisch neben seinem Sessel gelegt. Mike Stunks hatte zunächst nur still dagesessen, war dann aufgestanden und im Raum hin- und hergegangen, wie er es gerne tat, wenn er nachdenken musste. Dabei war er in Gedanken bei möglichen Motiven und Täterprofilen gewesen. Er hasste es, im Dunkeln zu tappen, aber hier hatte er ein kleines Licht am Horizont gesehen, denn man hatte etwas in der Hand, wenn auch nur aus Papier. Die beiden Männer hatten sich in der Bibliothek des Hauses aufgehalten und Herb Sisko hatte gewiss einen oder zwei Brandys zu viel getrunken – wie an jedem Abend der letzten beiden Wochen. Trotzdem hatte er kaum Schlaf gefunden und nach diesem Brief würde sich sein Zustand sicher nicht verbessern, wie Mike vermutet hatte.

Die Zwillinge Steve und Kay waren die Erfüllung seiner Wünsche gewesen. Die erste Ehe Herb Siskos war, trotz modernster Medizintechnik, kinderlos geblieben und wohl auch deswegen in die Brüche gegangen. Er wäre vor Freude und Stolz fast geplatzt, als seine zweite Frau Lara auf ganz natürlichem Wege, nur zwölf Monate nach der Hochzeit, die Kinder zur Welt gebracht hatte. Mit den Söhnen war die Nachfolge gesichert.

»Wer kann so was?«, hatte Mike Stunks gefragt. »Ich meine, wer hat die technischen Möglichkeiten, einen solchen Chip herzustellen?«

»Ich weiß es nicht«, war die müde Antwort gewesen, »wir haben zwar viele Verrückte in diesem Land, die es behaupten könnten, aber diese Programme sind außerordentlich kompliziert. Ich werde das hier sofort selbst untersuchen. Ich muss unbedingt wissen, wie wir den ICD verändern sollen. Ich habe schon viele Binärcodes gesehen, die meisten habe ich selbst geschrieben, aber diese Halunken haben einen komplementären BCD-Code verwendet ... egal, was es ist, wir werden es machen. Ich will meine Kinder wiederhaben ... Was immer diese Verbrecher auch programmiert haben wollen ... von mir wird niemand etwas erfahren. Meine Söhne sind mir wichtiger als alles andere auf der Welt.«

»Haben Sie Feinde, Mr. Sisko?« Er hatte in diesem Moment nicht darauf eingehen wollen, dass die NSPO es sicher nicht durchgehen lassen würde, dass Herb Sisko solch eine Sache für sich behielt, vor allem, wenn sie, wie man vermuten musste, nicht harmlos war. Mike würde alles sehr genau prüfen.

»Nein, aber das haben mich Ihre Kollegen schon tausendmal gefragt, ich habe keine Feinde, Mr. Stunks.« Herb Sisko hatte Mike aus müden Augen angeblickt und ihn für einen kurzen Moment an Blessie, seinen Cocker Spaniel erinnert, den er als Junge gehabt und über alles in der Welt geliebt hatte.

»Was ist mit Konkurrenten, Mr. Sisko?«

»Nein, die Claims sind abgesteckt, Mr. Stunks«, Sisko hatte abgewinkt. »Was den ICD anbetrifft, hatte unsere Firma damals nur zwei wirklich ernst zu nehmende Mitbewerber, als die Regierung den Auftrag für den Chip vergab. Natürlich wollten wir ihn alle haben. Das ist ein dicker Brocken und sichert einem die Zukunft. BOSST war mit dran und eine kleinere Firma, die es schon lange nicht mehr gibt, Fuertos LCD. Es hatte wohl damals ziemlichen Wirbel gegeben, wie mir mein Großvater erzählt hat. Aber das ist hundert Jahre her ... Schnee von gestern. Nein, wir haben weder Feinde noch Konkurrenten. Und, um Ihnen Arbeit zu ersparen, Mr. Stunks, Mal Fisher, der Vorstandsvorsitzende von BOSST, ist der Patenonkel von Steve, was ja wohl Beweis genug sein dürfte.«

»Und wie viele Personen wissen davon, dass eine neue Produktionsreihe des ICD in Kürze ausgeliefert wird?«, hatte Mike gefragt ohne sein Gehen zu unterbrechen. Dass Patenonkelsein kein Freifahrtschein war, behielt er für sich.

Herb Siskos Maß an Aufregungen war bereits mehr als voll, man musste es nicht noch zum Überlaufen bringen. »Das Datum wird nicht gerade in den Nachrichten gekommen sein, Mr. Sisko.«

»Nein, natürlich nicht. Davon wissen, außer den entsprechenden Regierungsstellen, nur die Geschäftsleitung, also ich ... und meine beiden Vorstandskollegen, Mr. Sahib und Mrs. Labarte, naja ... und natürlich die Leute, die den Chip programmieren. Aber für die lege ich meine Hand ins Feuer, Mr. Stunks.«

»Na, nichts für ungut, Mr. Sisko, aber Sie wären nicht der Erste, der sich dabei verbrennt.«

Von dem echten Erpresserbrief hatte Mike Stunks Eva Ferrer natürlich nichts erzählt. Nur drei Personen bei Sisko ESS und Mike Stunks kannten dessen Inhalt. Für die großen Anteil nehmende Öffentlichkeit, die erleichtert aufgeatmet hatte, als die Zwillinge wohlbehalten drei Tage nach Auslieferung der neuen ICD-Produktion wieder bei ihren überglücklichen Eltern waren, hatte es die Version eines enorm hohen Lösegeldes gegeben. Einen Täter hatte man den Medien auch präsentieren können, wenn auch dieser sich der irdischen Gerichtsbarkeit bereits mithilfe eines starken Stricks entzogen gehabt hatte.

So blieb der Hergang der Entführung weiterhin im Dunkeln, denn auch aus den Kindern, die man allerdings auf Bitten der Siskos nur kurz befragt hatte, war nicht mehr herauszubekommen gewesen, als dass sie mit einem meist schweigsamen Maskenmann, der aber gut kochen konnte, Spiele gespielt hätten und fast immer gewonnen hatten. Wie eine sehr aufgeregte Maria Gonzales im Leichenschauhaus der Gerichtsmedizin festgestellt hatte, hatte es sich bei dem Mann allerdings nicht um denjenigen gehandelt, der sie im Supermarkt angerempelt gehabt hatte, da war sie sich völlig sicher gewesen.

»Der hat ja eine Stupsnase, der war das ganz bestimmt nicht«, hatte sie nur gesagt und hatte den unwirtlichen Ort so schnell wieder verlassen, als wäre jede weitere Sekunde Aufenthalt ansteckend. Im Laufe der nächsten Monate war die Familie Sisko weitgehend zu ihrem normalen Leben zurückgekehrt.

Die Kinder besuchten wieder die Schule, jetzt mit zwei Leibwächtern und einem neuen Chauffeur.

Eva Ferrer stand auf und stellte das Kaffeegeschirr neben die Spüle.

»Paul«, sagte sie zu ihrem Mann, » ruh´ dich heute mal aus, bleib´ zu Hause, wenn du schon nicht auf den Golfplatz willst. Ich werde Manu bitten, uns etwas Leckeres zu kochen. Um acht gibt es Essen.«

»Hat sie heute nicht ihren freien Tag?«, fragte Paul Ferrer.

»Ach nein, der ist ja erst morgen, nicht wahr?«, korrigierte er sich. »Ja, das ist eine gute Idee, essen wir heute zu Hause. Ich habe mir etwas Schriftkram mitgebracht, den ich noch erledigen möchte ... nur wenig, versprochen ... und Mike Stunks werde ich anrufen.«

Um Punkt acht saßen die Ferrers an ihrem wie immer liebevoll gedeckten Tisch. Manu hatte sich wieder einmal selbst übertroffen. Nach zwanzig Jahren als Haushälterin bei den Ferrers kannte sie den Geschmack des Senators, den sie sehr verehrte, in- und auswendig. Heute gab es eines seiner Lieblingsgerichte, Curryhuhn. Dazu tranken die beiden einen leichten Weißwein. Manu hatte sich wieder in ihr hübsches Apartment zurückgezogen, das sich im Anbau des Hauses befand, und schaute sich im Fernsehen eine ihrer Lieblingstalkshows an. Später am Abend würde sie noch einmal hinübergehen und aufräumen, denn in der Nacht vor Vollmond konnte sie sowieso kaum schlafen und wurde höchstens von ihren Erinnerungen gequält.

Am nächsten Morgen wollte sie schon früh in die Stadt fahren, um einige Geschenke für ihren Jimmy zu kaufen, der bald Geburtstag hatte. Dreiundzwanzig Jahre wurde er und er war ihr Ein und Alles. Sie war so stolz gewesen, als er vor Kurzem einen Ausbildungsplatz in einem der besten Hotels der Stadt, direkt am Ufer des Potomac, bekommen hatte. Er hatte zwar mit Leichtigkeit seinen Schulabschluss gemacht, war dann aber orientierungslos gewesen, was seine Berufswahl anbetraf. Zuerst hatte er es in einer Computerfirma versucht, weil Mathematik und Informatik zu seinen Lieblingsfächern gehört hatten. Dort hatte er allerdings sehr schnell erkannt, dass ihm die Materie zu trocken war. Danach hatte er sich mit einigen Gelegenheitsjobs durchgeschlagen und seine Mutter, die sich immer besorgter gezeigt hatte, damit getröstet, dass dies lediglich seiner Berufsfindung diene. Ihm war inzwischen klar geworden, dass er ›irgendwas mit Menschen‹ machen wollte. Auf die Idee, es doch im Hotelfach zu versuchen, hatte ihn dann Eva Ferrer gebracht. Jim liebte seine Mutter, aber ihre ständigen Fragen nach seiner beruflichen Zukunft nervten ihn.

Und wenn sie ihn nicht danach fragte, so tischte sie ihm ihr zweites Lieblingsthema auf: Ehefrau und Enkelkinder.

»Mama«, wand er sich dann stets heraus, »du sagst doch selbst immer, dass ein Mann in der Lage sein muss, seiner Frau etwas zu bieten. Also erst der Beruf, dann die Familie. Pass auf, du wirst noch früh genug Großmutter, du bist doch gerade mal knapp über vierzig.«

Dann lachten beide und er hatte bis zum nächsten Mal seine Ruhe. Das waren nicht die einzigen Momente, in denen er sich einen Vater wünschte.

Nach dem Gespräch mit Tante Eva, wie er sie seit seinem vierten Lebensjahr nannte, hatte er sich in mehreren Hotels, von denen es eine Menge gab, beworben und schließlich hatte er einen Ausbildungsplatz im Vision Inn erhalten. Er war sehr froh darüber, denn eigentlich hatte er das Alter eines Auszubildenden schon überschritten. Dass der Chef dieses Luxushotels ein Freund der Ferrers war, wusste er nicht.

Es hatte gleich zu Beginn ganz danach ausgesehen, als könne er es mit seiner freundlichen und verbindlichen Art wirklich zu etwas bringen. Man hatte ihm gesagt, dass er als Praktikant erst einmal alle Stationen des Hotelbetriebs durchlaufen müsse, angefangen von der Küche und der Patisserie über den Zimmerservice, die Bar, die Restaurants bis zur Rezeption des Vision Inn. Auf die Küche hatte er sich besonders gefreut, denn für das Kochen hatte er sich schon als kleiner Junge interessiert. Oft war er seiner Mutter dabei zur Hand gegangen. Die Ausbildung selbst, wenn er sich dann dafür entscheiden sollte, und man ihn auch nähme, würde vier Jahre dauern. Danach war immer noch Zeit, eine Familie zugründen, wie er fand.

Die Personalabteilung des Vision Inn war ihm behilflich gewesen, eine kleine, bescheidene Wohnung in der Nähe seines neuen Arbeitsplatzes zu finden, sodass Manu ihr Apartment jetzt manchmal sehr groß vorkam. Sie hatte nur Jimmy, der seinen Vater nicht kannte. Eigentlich hieß er Jim, aber für sie war und blieb er ihr Jimmy. Manu war sich selbst nicht hundertprozentig sicher, welcher der beiden einzigen Männer, mit denen sie in ihrem Leben zusammen gewesen war, Jims Vater war. Aber wenn sie ganz ehrlich zu sich war, und das fiel ihr in diesem Fall schwer, weil es ihr überhaupt nicht gefiel, erkannte sie ihn in Jimmys Augen. Fast täglich schickte sie ein Stoßgebet zum Himmel, dass der Rest der Gene von ihr stammten.

Ihrem Sohn hatte sie auf dessen Fragen nach seinem Erzeuger, die in den letzten Jahren seltener geworden waren, immer nur erzählt, sein Vater sei kurz nach seiner Geburt gestorben. Und da ihr dabei jedes Mal Tränen in den Augen standen, hatte Jimmy auch nicht weiter nachgebohrt.

Zwei Männer waren in all den Jahren ihres Lebens die einzigen Beziehungen geblieben. Seit dem schrecklichen Ereignis vor fast vierundzwanzig Jahren und dem einige Monate darauf folgenden Selbstmord ihres zweiten Freundes, der den Rest seines Lebens nicht in einem Rollstuhl verbringen wollte, hatte sie sich an keinen Mann mehr gebunden.

Manchmal, wenn sie wieder einmal nicht schlafen konnte, hatte sie festgestellt, dass der Schock immer noch tief in ihrer Seele saß.

* * *




Kapitel 3


Nach Vincents Flucht war Scotty Valeren zum Rathaus aufgebrochen, um sich dort möglichst unauffällig umzuhören. Er wollte nicht noch mehr Staub aufwirbeln. Wenn sich auch nur eine seiner Befürchtungen bewahrheitete, lag schon genug in der Luft. Unterwegs pfiffen es die Spatzen bereits von den Dächern, dass der künftige Herr von Raitjenland des Mordversuchs an der Seherin Brigit verdächtigt wurde und sich durch seine überstürzte Flucht selbst schwer belastet hatte. Seine Verfolger, Jobol und Jeroen, die ihm mit ihren Hunden so dicht auf den Fersen gewesen waren, hatten in seinem Zimmer lediglich das noch warme Bett vorgefunden und später einen verdutzten Jared Swensson zurückgelassen, der verzweifelt nach einer Erklärung für das plötzliche Verschwinden seines Sohnes gesucht hatte. Ihm war angst und bange geworden bei dem Gedanken, seiner Frau sagen zu müssen, was man ihrem über alles geliebten Sohn zutraute. Die Nachricht hatte sie dann wohl doch schneller erreicht, als ihm lieb sein konnte, denn plötzlich hatte Elisabeth, noch im Morgenmantel, kreidebleich und um Jahre gealtert in der Tür gestanden. Sie hatte sich mit einer Hand schwer auf die Klinke gestützt, so als wenn sie jeden Moment zusammenbrechen würde, und hatte mit Tränen in den Augen und mit gebrochener Stimme, die Jared augenblicklich einen Schauer über den Rücken jagte, geflüstert: »Wir werden unseren Sohn nie mehr wiedersehen, Jared, nie, nie mehr.«

Das sollten für lange Zeit ihre letzten Worte gewesen sein, die sie überhaupt zu irgendjemandem sprach. Mit einem tiefen Schluchzen hatte sie sich umgedreht und war mit schleppendem Gang in ihrem Schlafzimmer verschwunden. Die Tür hatte sie mit einem lauten Klicken hinter sich abgeschlossen. Dieses Geräusch war ein einziger Vorwurf gewesen und dieser hatte den Herrn von Raitjenland bis tief ins Mark getroffen.

Nachdem Elisabeth die Küche verlassen hatte, hatte Jared sich an den schweren Eichentisch gesetzt, sein Gesicht in die Hände gestützt und hemmungslos geweint. Auch wenn er die Visionen seiner Frau immer als weibliche Spinnereien abgetan hatte, hatte er jetzt instinktiv gespürt, dass sie dieses Mal recht haben könnte. Und er hatte jetzt selbst eine Vorahnung: Die letzten Minuten würden das Leben auf der Farm für immer verändert haben.

Wie oft hatten sie sich wegen der Erziehung ihres einzigen Sohnes gestritten! Jared hatte seiner Frau mehr als einmal vorgeworfen, Vincent zu verhätscheln, wenn sie sich wieder schützend vor ihren Sohn gestellt hatte, und sie dann Gegenvorwürfe an ihn gerichtet, dass er den Jungen zu hart anpacke und viel zu viel von ihm verlange. Ihre Gespräche über Vincent waren immer ähnlich verlaufen.

»Zu hart?«, hatte er dann zum Beispiel erwidert. »Glaubst du, diese Farm kann er einmal führen, wenn er nicht früh genug mit den Realitäten dieses Betriebes vertraut gemacht wird? Ich lasse ihm doch wirklich alle Freiheiten, er kann sich nicht beklagen. Lesen wir ihm nicht jeden Wunsch von den Augen ab? Dafür könnte er sich wirklich hin und wieder erkenntlich zeigen. Sogar seinen Freund Scotty kann man im elterlichen Betrieb öfter antreffen als unseren Sohn hier auf der Farm.«

»Du und deine sogenannten Realitäten, es gibt auch noch anderes im Leben, was er erfahren soll und worauf es eben auch ankommt. Es gibt mehr als immer nur die Arbeit.«

»Ach ja? Aber wir leben doch ganz gut von dieser Arbeit – oder etwa nicht? Man bekommt im Leben nichts geschenkt«, konterte er dann gereizt. Und so gab ein Wort das andere.

Innerlich verfluchte er sich jedes Mal dafür, denn er liebte seine Frau sehr. Dass man im Leben nichts geschenkt bekam, wusste sie genauso gut wie er. Elisabeth, er nannte seine Frau zärtlich Liz, war schließlich die Tochter des reichen Getreidefarmers Wayne Goddard, der mit Jareds Vater die gleiche Leidenschaft teilte, nämlich die Pferdezucht, und mit ihm auch in geschäftlicher Verbindung stand. Auf den Hengstparaden waren sie bei den Versteigerungen manches Mal auch schon Konkurrenten gewesen. Jared hatte seine Frau auf einem Heubodenfest in Onden kennengelernt, als er dreiundzwanzig Jahre alt war, und sich gleich in sie verliebt. Da dies auf Gegenseitigkeit beruhte und auch die Eltern die Verbindung befürwortet hatten, heiratete das junge Paar bereits nach einem halben Jahr. Der ersehnte Nachwuchs war allerdings lange ausgeblieben und erst, als die beiden sich schon schmerzlich damit abgefunden hatten, ohne Erben zu bleiben, war Vincent doch noch geboren und sogar von einem der Großväter als Geschenk Gottes bezeichnet worden.

Die ersten Jahre in Vincents Leben waren problemlos verlaufen und die Großeltern Swensson und Goddard schienen eine Art Wettkampf im Verwöhnen auszutragen, der manchmal merkwürdige Blüten trieb. Im Alter von zwei Jahren besaß Vincent bereits zwei Ponys, ein braun-weiß geschecktes von den Swenssons und ein schwarzes mit einer weißen Blesse auf der Stirn von den Goddards. Immerhin war aus Vincent ein guter Reiter geworden und in den Regalen seines Zimmers standen zahlreiche Pokale, die er auf Turnieren gewonnen hatte. Da Vincent auf Raitjenland aufwuchs, war es selbstverständlich, dass er alle Feiertage und später auch seine Schulferien auf der Goddardschen Farm verbrachte. Jared hatte seinen eigenen Vater nicht wiedererkannt, denn er selbst war von diesem nie verwöhnt worden. So betrachtete er das Ganze eher skeptisch, weil er befürchtete, dass sein Sohn, den er liebte, zu sehr verweichlichen würde.

In der Pubertät dann hatte der Spross von Raitjenland Verhaltensweisen an den Tag gelegt, die erst selten, dann immer öfter zu Beschwerden der Lehrer oder anderer Leute führten, und auch seine Besuche auf der Goddardschen Farm nahmen ab. Vincent hing lieber mit seinen Freunden ab, das war wesentlich lustiger, als bei Großeltern den braven Enkel zu spielen.

Immer hatten sich Elisabeth und Jared nur wegen Vincent gestritten, wobei es beide ja nur gut meinten. Jared wäre seiner Frau am liebsten nachgeeilt, hätte sie in den Arm genommen und mit ihr gemeinsam geweint. Aber sein Trotz oder sein Stolz – er wusste es selber nicht – oder vielleicht beides, hatten ihn am Küchentisch festgehalten.

Zehn Minuten später war er mit einem festen Entschluss aufgestanden, wobei er fast den Stuhl umgeworfen hätte. Dann hatte er die Sachen zusammengepackt, die er sonst für einen längeren Jagdausflug mitnahm, hatte draußen seinen besten Jagdhund zu sich gerufen und die Farm verlassen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Der Rest der Hundemeute hatte beleidigt hinter ihnen her geheult.

Auf dem Küchentisch würde seine Frau später einen Zettel vorfinden und lesen: »Ich werde unseren Jungen suchen und zurückbringen. Vorher komme ich nicht zurück. Es tut mir so leid. Ich liebe dich. Jared«

Wie ein Lauffeuer war die Nachricht von Vincents vermeintlicher Tat bis in den letzten Winkel von Winsget gedrungen. Manch einer, dem Scotty begegnete, schaute ihn an, als hätte er selber den Anschlag auf die Seherin verübt. Jeder wusste natürlich, dass Vincent sein bester Freund war, und aus den Augen einiger Mitbürger sprach unverhohlene Schadenfreude. Endlich hatten die reichen Jungs auch mal ein Problem, konnte ja auf die Dauer nicht gut gehen, mochte manch einer von ihnen denken.

Am liebsten hätte er den Leuten zugerufen: Hey, ich bin zwar mit Vincent befreundet, aber deswegen bin ich noch lange nicht für das verantwortlich, was er vielleicht getan hat, oder habt ihr etwa schon Beweise?

Ihn kotzte das Spießertum in seinem Heimatort an und er hatte auch aus diesem Grund schon oft seinem Vater vorgeschlagen, in eine der größeren Städte im Süden zu ziehen, in denen sie ebenfalls Geschäfte hatten. Aber der Vater hatte von einem Ortswechsel nie etwas wissen wollen.

»Hier sind unsere Wurzeln, Scotty, und hier bleiben wir. Winsget ist der Stammsitz unseres Unternehmens. Du wirst eines Tages deiner Reiselust frönen können, wenn du deinen Antrittsbesuch bei unseren Filialen machst, und die Reise wird länger dauern, als dir vielleicht lieb ist. Deine Freunde kannst du nämlich nicht mitnehmen«, hatte er ihm dann mit einem Augenzwinkern geantwortet. Dieses Augenzwinkern und die Art, wie sein Vater ihm das gesagt hatte, hatten ihm gezeigt, dass er ihn liebte und es gut meinte.

Scotty hatte es längst gedämmert, dass an dem Gerücht, das in Winsget die Runde machte, sehr viel dran war. Er hatte Vincent vor dessen sehr hastigem Aufbruch die halbe Speisekammer seines Elternhauses in den Rucksack gestopft und ihm versprochen nachzukommen, wenn der erste Sturm sich gelegt haben würde. Vincent war überhaupt nicht gelassen gewesen.

Vielmehr hatte im Blick des Freundes etwas gelegen, was er dort noch nie vorher gesehen hatte und deshalb auch nicht hatte einordnen können. Jetzt konnte er es. Es war Panik gewesen, reine Panik.

Sie hatten sich noch hastig an ihrem alten Platz an den oberen Wasserfällen der Agillen verabredet, bevor sich Vincent dann mit seinem Rucksack durch die Hintergärten davongeschlichen hatte. Seit ihrem vierzehnten Lebensjahr waren sie fast jeden Sommer für ein bis zwei Wochen mit ihren Freunden zum Baden und Jagen in das Gebirge gegangen, das von Gorg, einem majestätischen, aber erloschenen Vulkan, beherrscht wurde. In der wilden Berglandschaft hatten sie sich austoben können. Fernab von der Kontrolle durch Eltern oder Nachbarn.

Nicht, dass sie etwas Verbotenes getan hätten, das war dort gar nicht möglich, aber es tat einfach gut, wenigstens einmal im Jahr nur so in den Tag hineinzuleben und in zahlreichen Abenteuern seine erwachende Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Außerdem bestand dort nie die Gefahr, von einem der Väter, die in ihrer Jugend das Gleiche getan hatten, zur Arbeit gerufen zu werden. Das galt für ihn ebenso wie für Vincent.

Die Familie Valeren betrieb seit vielen Generationen in Winsget eine Tuchweberei mit einem großen angeschlossenen Verkaufsgeschäft und dieser Betrieb gehörte zu dem Ort wie die Mühle zum Bach. Es gab in jeder Winsgeter Familie mindestens eine Person, die in der Weberei oder dem Geschäft arbeitete. Die Produkte der Firma wurden weit über die Grenzen des Landes hinaus verkauft. Der Ort hatte den Valerens sehr viel zu verdanken. Scotty hatte das Glück gehabt, mit drei älteren Schwestern und vielen Angestellten die Arbeit teilen zu können, wenn man von Arbeitsteilung überhaupt sprechen konnte. Er war der jüngste Spross der Familie und vor allem sein Vater setzte all seine Hoffnungen in ihn. An einem weinseligen Stammtischabend war diesem einmal die Bemerkung herausgerutscht, dass er auch noch öfter geübt hätte, aber es wären nur vier Versuche nötig gewesen. Irgendjemand, vielleicht die Bedienung, hatte Scottys Mutter dies zugetragen und das hatte zu einem mehrwöchigen eisigen Schweigen zwischen seinen Eltern geführt. Unter Zuhilfenahme eines großen Straußes roter Rosen und eines ehrlich gemeinten reumütigen Blickes hatte es schließlich beendet werden können.

Nach dem Willen seines Vaters sollte Scotty einmal das Familienunternehmen leiten, eine tüchtige Frau aus gutem Hause heiraten, Kinder bekommen – möglichst Söhne – und so den Fortbestand der Valerens sichern.

Seine Mutter und seine Schwestern hatten ihn verhätschelt, vor allem weil er zart gebaut war und als Kind oft gekränkelt hatte. Aber inzwischen war aus ihm ein zäher, ausdauernder und ausgesprochen intelligenter junger Mann geworden. Dies machte ihn bei seinen Freunden beliebt, die ihn fast alle um mehr als einen Kopf überragten. Mit seiner pfiffigen Schlagfertigkeit hatte er der Clique aus mancher Patsche geholfen, besonders wenn schlagende Argumente oder die Beziehungen eines Vaters nicht mehr weitergeholfen hatten. Er selber konnte sich des Schutzes seiner stärkeren Freunde sicher sein, vor allem aber der Tatsache, dass er der Sohn von Harie Valeren war. Wenn Scotty allerdings an die Zukunftspläne seines Vaters dachte, wurde ihm jedes Mal flau in der Magengegend.

Der Firmengründer und Scottys Namensgeber Scott Valeren, dessen strenges Konterfei aus einem schwarzem Rahmen, der im Eingang der Weberei hing, auf die Kunden und Mitarbeiter herunterblickte, hatte vor 700 Jahren die Seidenweberei nach Flaaland gebracht und Winsget zu seinem Hauptsitz auserkoren. Warum es ausgerechnet Winsget gewesen war, war sein Geheimnis geblieben. Bald schon hatte er mit der künstlichen Aufzucht der Raupe des Seidenspinners begonnen, was die Firma weitgehend von Importen unabhängig gemacht hatte. Später war man sogar in der Lage gewesen, selber Rohseide zu exportieren.

Neben dem Bild des ehrwürdigen Firmengründers hing eine Tafel, deren kunstvoll gestalteten Inhalt Scotty auswendig herbeten konnte und der von der Geschichte der Seide kündete.

Als die Gemahlin des Kaisers Huang Di, Lei Zu, an jenem ›glücklichen Tag‹ spazieren ging, sah sie zwischen Maulbeerzweigen hängende, sanft leuchtende Gebilde. Wohl dem Baum entwachsene! Doch nein, eines der Früchtchen dehnte plötzlich seine Eigestalt und ein mehlweißer Schmetterling, bräunlich gestreift, schwirrte hervor. Nicht Obst war es gewesen, vielmehr das abgelegte Kleid des Schwärmers.

Lei Zu, mit dem weiblichen Interesse für Mode und Bekleidung, betastete dieses verblüffende Gewand von zauberhafter Weiche. Mit geschickten Fingern gelang es der Kaiserin bald, den Anfang des Fadens zu erfühlen. Leuchtend, glatt und klar ließ er sich vom Kokon herunterspulen. In ihm hatte sie das herrlichste Naturgespinst auf Erden entdeckt.

Jeder in der Familie wusste, dass sie in diesem Teil der Welt die Seide zwei Mönchen zu verdanken hatten, die in ihren hohlen Wanderstöcken sowohl Samen des Maulbeerbaumes als auch Eier des Seidenspinners aus dem damaligen China herausgeschmuggelt und damit das Monopol des damals größten Landes der Erde beendet hatten. Seide war in frühen Zeiten so begehrt und teuer gewesen, dass der römische Kaiser Tiberius seinem überschuldeten Volk das Tragen von Seide verbieten musste. Ein Pfund Seide hatte damals ein Pfund Gold gekostet. Und als Scottys Vorfahren noch in Fellen herumgelaufen waren, hatten sich die chinesischen Edelleute bereits in dem wertvollen Stoff gekleidet.

Die Weberei Valeren hatte fünfzehn Filialen, die über das ganze Land verteilt waren, und bis weit in den Süden reichten.

Winsget aber war das Herz der Seide, während die Flachs- und Wollwebereien der Firma Valeren, die alle von Verwandten geführt wurden, in anderen Orten ansässig waren.

Scotty war sich inzwischen überhaupt nicht mehr sicher, ob er einmal das Geschäft übernehmen wollte, wie es die Tradition forderte. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr hatte er noch nicht daran gezweifelt, er war ja sozusagen in Seide aufgewachsen und seine Spielplätze waren die Werkstätten und Geschäftsräume der Firma gewesen. Als er gerade drei Jahre alt gewesen war, wäre er fast in einen der kochend heißen Wassertröge gefallen, in denen die Arbeiterinnen die Larven in ihren wertvollen Kokons abtöteten, um dann die kostbaren Fäden zu gewinnen, die eine Länge von bis zu zweitausend Metern haben konnten. Es war nur dem reaktionsschnellen Zupacken einer Arbeiterin zu verdanken gewesen, dass Scotty lebte. Dafür hatte sie von Scottys Vater eine lebenslange Rente und vom Bürgermeister eine Urkunde sowie eine Ehrenmedaille erhalten.

Klara, die älteste seiner Schwestern, eignete sich seiner Meinung nach viel besser für das Webergeschäft. Sie kannte sich nicht nur in den Stoffen und Arten der Gestaltung bestens aus, sondern sie war auch ein Zahlengenie. In der Buchführung machte ihr niemand etwas vor. Während seine anderen Schwestern längst verheiratet waren und Kinder hatten, war Klara mit dem Geschäft verheiratet, wie sogar ihr Vater des Öfteren anmerkte.

Scottys heimliche Liebe, die er mit dreizehn Jahren entdeckt hatte, galt der Biologie und in seinen Träumen sah er sich auf einer Forschungsstation in einem unbekannten Land, und zwar sicher nicht auf einer, die sich mit Schmetterlingen, Faltern oder Raupen beschäftigte. Da Tradition in seiner Familie einen sehr hohen Stellenwert besaß, war ihm durchaus bewusst, dass er einen nicht unerheblichen Kampf würde austragen müssen, wenn er seiner heimlichen Berufung folgen wollte. Das letzte Quäntchen an Mut für diesen Kampf fehlte ihm jedoch noch.

Von dem um ein Jahr älteren Vincent war Scotty fasziniert.

Er bewunderte dessen lässige Art, die von anderen oft für Arroganz gehalten wurde. Scotty wusste, dass Vincent sich dadurch nur schützte. In Wirklichkeit war er nämlich sehr verletzlich, was er vor allem seinem Vater Jared nie gezeigt hätte, der seit seinem sechsten Lebensjahr unablässig bemüht war, aus ihm einen ›ganzen Mann‹ zu machen. Vielleicht hatte seine Mutter ihn zu sehr verwöhnt. Vincent würde als einziger Sohn einmal eine Farm übernehmen, die die größte im Umkreis von zweihundert Meilen war. Er konnte verstehen, dass sein Freund diesen Moment nicht gerade herbeisehnte und das Leben noch möglichst unbeschwert genießen wollte. Die Gesundheit Jareds verhieß ihm dabei gute Aussichten. Jeder wusste, was es bedeutete, eine Farm dieser Größenordnung zu leiten.

Vincent war frech und hatte keine Angst vor Autoritäten. Vor allem aber war er ein Lästermaul und es gab kaum jemanden im Ort, der von ihm nicht irgendwann schon einmal durch den Kakao gezogen worden war. Dass er nicht bei Saskia landen konnte, hatte Vincent schwer getroffen, wie schwer, das wusste nur Scotty, der eben auch hinter die lässige Fassade seines Freundes blicken konnte. Vielleicht hatte diese Mordattacke etwas mit Saskia zu tun, obwohl Scotty jetzt noch keine Verbindung zu der Seherin Brigit herstellen konnte. Er musste Saskia aufsuchen und mit ihr reden, und zwar möglichst bald.

Was die beiden jungen Männer am meisten verband, war ihre Leidenschaft für die Jagd und die Natur. Dabei ergänzten sie sich in einer geradezu perfekten Art und Weise. Scotty war sicher der beste Fährtenleser weit und breit, während Vincent ein hervorragender Schütze war. Diese Fähigkeiten, die sie auf den großen Treibjagden regelmäßig in den Dienst der Gemeinschaft stellten, hatten ihnen die Anerkennung der älteren Männer eingebracht, die im Gegenzug ein Auge zudrückten, wenn sie mit ihrer Clique wieder irgendetwas angestellt hatten.

Er fragte sich auf dem Weg zum Bürgermeisteramt, was wohl Vincent mit Brigit zu tun gehabt haben könnte. War er etwa doch bei ihr gewesen und hatte von ihr etwas Unangenehmes erfahren? Aber welche Mitteilung konnte eine einigermaßen plausible Erklärung für einen Mordversuch sein? Scotty schüttelte diese Gedanken gleich wieder ab – sie würden doch nirgendwohin führen. Sie hatten die Seherin nie wirklich ernst genommen, sondern sie sogar unter sich als ›durchgeknallte Hexe‹ bezeichnet. Oft genug hatten sie sich über sie lustig gemacht, besonders dann, wenn wieder irgendjemand in ihrem Beisein deren seherische Fähigkeiten gelobt hatte.

»Alles Unsinn«, hatten sie dann zum Beispiel gerufen, »ihr glaubt auch jeden Scheiß, den euch jemand aus einer Kristallkugel liest! Reine Verarschung ist das! Unglaublich, womit man alles Geschäfte machen kann. Ist doch klar, dass genau das eintritt, was sie euch voraussagt. Es geschieht, weil ihr es glaubt, nicht weil sie es weiß. Kommt Freunde, lasst uns auf die Dummheit trinken. Immerhin kann jeder mit seiner Kohle machen, was er will, hahaha.« Unter schallendem Gelächter hatten sie dann noch die eine oder andere, in ihren Augen witzige oder geistreiche Bemerkung fallen lassen, bevor sie sich dann wieder ihren Lieblingsthemen, Frauen und Jagd, widmeten, die besonders zu vorgerückter Stunde zu einem einzigen Thema verschmolzen und einem Autor fantastischer Literatur sicher alle Ehre gemacht hätten.

Was weder Scotty noch irgendjemand sonst aus Winsget, Onden oder Seringat zu diesem Zeitpunkt wusste, war, dass sein Freund Vincent nie die Farm seines Vaters übernehmen würde, nie wieder jagen würde und nie mehr irgendwelche Bemerkungen, weder witzige noch geistreiche, über andere Leute machen würde. Nicht, weil er sich über Nacht geändert hätte, sondern weil er tot war. Wären die Umstände seines Todes bekannt geworden, hätte es wohl auch dem Hartgesottensten einen Schauer über den Rücken gejagt.

Nachdem Scotty im Büro des Bürgermeisters auch nicht mehr erfahren hatte, war er mit einem festen Entschluss nach Hause zurückgekehrt. Er war gerade dabei, ein paar Sachen zu packen, als seine Mutter plötzlich im Zimmer stand. Er hatte sie gar nicht kommen gehört.

»Warum packst du, Scotty«, fragte sie ihren Sohn besorgt, »was hast du vor?«

»Ich muss Vincent suchen, Mutter, ich muss mit ihm reden und ihn dazu bringen, sich der Sache hier zu stellen, er macht mit seiner Flucht alles nur noch schlimmer. Ewig kann er sich sowieso nicht verstecken, sie werden ihn früher oder später finden. Ich glaube, er hat einfach den Kopf verloren, er war panisch.«

»Lass dich bitte von ihm nicht wieder in irgendeine seiner Geschichten reinziehen, Scotty, ich habe dir immer gesagt, dass Vincent kein guter Umgang für dich ist, und wie es aussieht, habe ich recht behalten.«

»Du hast ihn also auch schon vorverurteilt, Mutter, so wie alle anderen.« Ohne aufzuschauen, packte Scotty weiter seinen Rucksack.

»Nein, ich habe ihn nicht verurteilt, aber er hatte immer nur Flausen im Kopf, es ging ihm immer nur um sich selbst. Hat er sich auch nur einmal um dich gekümmert, wenn es dir schlecht ging? Ich habe einfach kein gutes Gefühl, wenn du ihn jetzt suchen gehst. Wo willst du ihn überhaupt finden, er kann überall sein.«

»Mach dir mal keine Sorgen, als Freund bin ich es ihm einfach schuldig, ich muss ihn finden, bevor die Suchtrupps kommen.«

»Du musst wissen, was du tust mein Sohn. Du bist schließlich alt genug«, seufzte seine Mutter und verließ resigniert den Raum.

Ein halbe Stunde später war Scotty auf dem Weg in die Agillen. Er hatte sich nicht von seinen Eltern verabschiedet, weil er eine weitere Diskussion vermeiden wollte. Außerdem war er sich sicher, dass er bald zurück sein würde.

* * *




Kapitel 4


Es war punkt neun. Officer Bob Mayer war gerade von seiner ersten frühen Streife durch die Delice Shopping Mall zurückgekehrt, Sergeant Fancy und Officer Ruler waren jetzt unterwegs auf ihrem Rundgang. Bob Mayer hatte an dem Doppelschreibtisch, der den Raum beherrschte, Platz genommen.

Er nahm seine dunkelblaue Mütze mit dem großen silbernen Abzeichen über ihrem breiten Schirm ab und hängte sie über die Schreibtischlampe. Dann ließ er sich auf seinem Sessel auf Rollen nieder, schob den Tablet-PC beiseite und wischte mit dem rechten Arm über die jetzt frei gewordene Stelle, was nicht nötig gewesen wäre. Er lockerte den Knoten seiner Krawatte, bückte sich und entnahm einer speckigen braunen Ledertasche, die neben ihm auf dem Fußboden stand, sein in einer schneeweißen Serviette eingeschlagenes Frühstück. Diese Tasche war, was Dinge anbetraf, sein ganzer Stolz und gleichzeitig immer mal wieder Zielscheibe für den Spott seiner Kollegen. Er wusste nicht genau, von welchem seiner Urgroßväter sie stammte, aber sie war alles, was von deren Hab und Gut übrig geblieben war, als dieser Urahn beschlossen hatte, in der Neuen Welt zu leben.

Dem Serviettenpäckchen folgte eine weiß etikettierte Flasche Blue Mountain-Mineralwasser mit zum Namen passender Schriftfarbe. Er drehte am Verschluss, der sich sofort leise zischend öffnete, wobei ihm etwas von dem heraussprudelnden Wasser über die Finger rann. Dann wickelte er ein großes, quadratisches Sandwich aus, strich die Serviette mit einer liebevollen, fast pedantischen Geste glatt und platzierte das Weißbrot darauf. Er klappte es vorsichtig auf, schnupperte und schaute sich den Belag an, wie ein Entomologe ein äußerst seltenes Exemplar betrachtet, das er gerade in einem seiner Schaukästen säuberlich mit einer Nadel aufgespießt hat. Auf einem über den Rand des Brotes ragenden Salatblatt, das noch erstaunlich frisch aussah, lag eine dicke Tranche gelben Käses und darüber zwei große, hauchdünn mit Mayonnaise bestrichene Tomatenscheiben. Sichtlich zufrieden mit dem, was er gesehen hatte, klappte Bob Mayer das Brot wieder zusammen und begann mit einem herzhaften Biss sein zweites Frühstück – eigentlich war es das erste, da er am frühen Morgen lediglich eine Tasse Kaffee getrunken hatte, so wie fast immer.

»Von ihr, dein ›Forschungsobjekt‹?«, kam die Frage des zweiten Mannes in dem kleinen Raum. Officer Richard Pease saß ihm gegenüber und in seinem Blick, der zwischen dem Sandwich und Bob hin- und herging, lag eine Mischung aus Amüsement und Ekel. Er hatte sich für seine Pause allerdings nicht die Mühe gemacht, die Mütze abzunehmen, sondern sie nur lässig in seinen Nacken geschoben, sodass sie eine seiner vollen, tiefschwarzen Locken freigab, die ihm nun keck über der Stirn hing. Wie üblich war er über den Sportteil seiner elektronischen Zeitung gebeugt. In seinem linken Ohr steckte außerdem ein kleiner Knopf, durch den er keine Sportübertragung verpasste, sein Lieblingssport war Baseball.

In einer Hand hielt er einen Pappbecher dampfenden Kaffees, den er sich noch eben aus dem Automaten im Flur geholt hatte. Einem BOSST-Getränkeautomaten, der eine Auswahl von mehr als zwei Dutzend Getränken, heiße wie kalte, zur Auswahl bot, für die jeweils Diensthabenden kostenlos.

Mit der anderen Hand tippte er jetzt wieder konzentriert irgendwelche Zahlenreihen einer Sportwette ein. Vor einiger Zeit hatte er einen hübschen, aber viel zu kleinen Betrag gewonnen und er war sich seitdem ganz sicher, ja er spürte es regelrecht, irgendwann, und zwar in gar nicht ferner Zukunft, den ganz großen Coup zu landen. Dann könnten ihn alle mal den Buckel runterrutschen und auf die seiner Meinung nach längst fällige Beförderung zum Sergeant würde er auch dankend verzichten. Selbst wenn ihm einer seiner Kollegen die Wahrscheinlichkeit eines ganz großen Coups vorrechnete, hielt er an seiner Überzeugung fest wie ein frühchristlicher Märtyrer im alten Rom, weil er es einfach spürte. Und das hatte mit Mathematik nicht das Geringste zu tun.

Im Kollegenkreis wurde er wegen seines an Verrücktheit grenzenden Fanatismus zu dem gleichnamigen Sport, manche gebrauchten auch den umgekehrten Wortlaut, nur ›Base‹ genannt.

»Von ihr«, wiederholte Richard etwas lauter, aber jetzt ohne von seinen Glückszahlen aufzublicken, »oder etwa selbst gemacht?«

Mit ›ihr‹ war Bob Mayers Verlobte, Mia Sandmann, gemeint. Bob hatte Mia, die persönliche Assistentin von Mal Fisher, im letzten Jahr kennengelernt, als sie im Delice zum Einkaufen gewesen war. Sie hatte unterwegs irgendwo eine ihrer Einkaufstaschen stehen gelassen und war ins Sicherheitsbüro gekommen, um nachzufragen, ob sie vielleicht dort abgegeben worden war. Bob hatte gerade Bürodienst gehabt und sich auf den ersten Blick in sie verliebt. Noch nie im Leben hatte er solch wunderschöne Augen gesehen. Zum Glück hatte er den Stoffbeutel mit dem Karton unter dem Tresen hervorzaubern können, denn der war tatsächlich kurz vorher von einem ehrlichen Teenager abgegeben worden.

»Wie kann ich mich erkenntlich zeigen?«, hatte Mia mit einem Lächeln gefragt, das ihm den Rest gegeben hatte. Bob hatten schon den Finder nennen wollen, denn dessen Namen hatte er natürlich notiert. Er hätte später nicht mehr sagen können, was ihn geritten hatte, als er keck geantwortet hatte:

»Eine Kugel Eis im neuen Frozen würde durchaus genügen ... Frau Sandmann. Ich habe in zehn Minuten Dienstschluss. Kennen Sie das Frozen? Ich werde dort anrufen und einen besonders schönen Tisch reservieren.«

»Woher wissen Sie meinen Namen?«, hatte Mia erstaunt gefragt und ihn aus ihren großen blauen Augen angeschaut. Bob hatte auf die Einkaufstasche gezeigt. »Ein Kassenbeleg ... mit Ihrem Namen drauf. Ich musste doch nachschauen, was drin war. Hätte ja alles Mögliche sein können ... es sind im Übrigen ausgesprochen schöne Schuhe, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.« Seine Brust hatte zu zerspringen gedroht, so schnell hatte sein Herz geschlagen.

»Ich bin keine Terroristin, Officer«, hatte Mia charmant lächelnd geantwortet, »ich verdiene mein Geld mit ehrlicher Arbeit und genieße hier nur einen freien Tag, von denen es leider viel zu wenige gibt. Selbstverständlich kenne ich das Frozen ... und Eis mag ich auch.«

Sie hatten dann bis in den späten Abend hinein geredet und sehr viel gelacht. Obwohl sie inmitten einer weißen Landschaft mit Robben, Pinguinen, treibenden Eisschollen und Eisbären gesessen hatten, die von den Hologrammen perfekt in den Raum projiziert worden waren, war beiden immer wärmer ums Herz geworden. Irgendwann war Bobs Blick auf die Uhr neben dem Eingang gefallen und er hatte lachend festgestellt, dass er noch nie so lange für eine Kugel Eis gebraucht habe.

Ein halbes Jahr später wohnten sie schon zusammen und Bob Mayer fühlte sich immer noch wie im siebten Himmel.

Nach zwei gescheiterten Beziehungen, die in einem Desaster geendet hatten, fühlte er sich diesmal angekommen.

»Ja, es ist von ihr«, beantwortete er die Frage seines Kollegen mit vollem Mund und sagte dann kauend: »Olgas Platz ist immer noch leer«, und als keine Reaktion kam, »ich sagte, Olgas Platz ist immer noch leer, Richie, hörst du mir mal zu?«

»Ab einem Pfund wird´s undeutlich, kau erst mal fertig. Ich weiß, dass es keine Pfannkuchen gibt. Als wenn das wichtig wäre ... Junge, Junge, Bob, es gibt in dieser Welt auch noch was anderes als Pfannekuchen«, er sprach das Wort jetzt eher wie ›Pfannnnekuchen‹ aus, »... jetzt mach aber mal ´nen Punkt ... wie ich gehört habe, ist ihr Platz auch schon wieder vermietet ... kein Wunder bei der Lage. Jeder latscht dran vorbei. Irgend so ein Pizzabäcker versucht sich jetzt dort, hab´ ich gehört ... na ja, Futter geht immer. Wer verteilt hier eigentlich die Lizenzen?

Der kann doch nicht mehr alle Latten am Zaun haben! Muss es wieder so ein fettes, altmodisches Zeug sein? Unsere Fooddesigner reißen sich den Arsch auf ... ich kann das gar nicht fassen ... was manche Menschen sich antun ... du eingeschlossen ... übrigens stinkt der Käse entsetzlich. Stammt wohl aus dem letzten Jahrhundert«, erwiderte der Angesprochene mit einer Miene, die wohl Abscheu ausdrücken sollte, und fuhr im gleichen Atemzug begeistert fort: »Hast du die scharfe Braut im Frozen schon gesehen? Bedient seit zwei Tagen da. Rote Haare ... und auch sonst genau meine Kragenweite, wenn du weißt was ich meine«, und übergangslos mit einem Blick auf seinen Bildschirm, auf dem gerade eine neue Schlagzeile erschienen war, »Mann, Wahnsinn, hast du das gelesen? Pete hatte schon wieder zwei Home Runs in einem Spiel, einem Auswärtsspiel wohlgemerkt ... und ich war nicht dabei, Scheißsonntagsdienst, verflucht! Ein richtiger Teufelskerl ist das ... und garantiert die beste Investition der Tiger seit Jahren. Die hundert Mille haben sich mal gelohnt. Der Mann hat einen Schwung, unglaublich, so was hab ich noch nicht gesehen ... und ich kenne sie alle. Ich schwör´s dir ... es geht wieder aufwärts, Bob ... wir werden uns die Meisterschaft zurückholen. Das ist jetzt schon so sicher, wie deine Olga im Knast sitzt.« Der Übergang von Ekel zu Begeisterung war ihm nahtlos gelungen.

»Sag mal, hast du eigentlich auch noch was anderes als Baseball und Weiber in deiner Birne?« Bob biss erneut ein Stück von seinem Sandwich ab. Er erwartete keine Antwort.

»Wozu?«, grinste Richard. »Sind nicht die schlechtesten Themen ... jedenfalls besser als die, über die du dir Gedanken machst. Du tust ja gerade so, als seiest du mit Olga verheiratet.

Hast einen richtigen Narren an ihr gefressen ... Mann, Mann, Mann. Wenn das deine Mia erfährt, hahaha ... Mensch, Bob, nun halte aber mal den Ball flach, sie hat Drogen vertickt, die gute Frau! Hat wohl doch nicht nur Mehl verwendet ... hahaha ... clevere Tarnung, das muss man ihr lassen. Na ja, von Pfannkuchen allein wird man auch keine großen Sprünge machen können ... mit denen deiner Olga allerdings schon«, er lachte über seinen eigenen Witz.

»Ach ja?« Bob Mayer schluckte den Rest des Bissens herunter und lehnte sich auf seinem Schreibtisch nach vorne, wobei er sein Sandwich so heftig umherschwenkte, dass etwas von der Mayonnaise herabtropfte, glücklicherweise auf die Serviette. »Woher willst du das so genau wissen, Richie, hast du welche bei ihr gekauft? Nein Rich, ich sage dir, sie hat damals etwas erlebt ... gesehen oder gespürt ... was sie nicht erleben durfte. Und ich habe es auch gesehen und wenn du etwas schneller gewesen wärst, dann hättest du es auch gesehen und würdest jetzt nicht so ignorant daherreden. Da war etwas, da bin ich mir sicher, hundert pro! Sie ist weder verrückt noch verkauft sie illegales Zeug ... und die Brille hat funktioniert. Es war etwas im Infrarot, da verwette ich sogar meine nächsten drei Eintrittskarten für die Albert Hall ... und nimm mal endlich den verdammten Stöpsel aus dem Ohr! Irgendwann wächst er da fest.«

Bob Mayer hatte dabei mit dem Zeigefinger der anderen Hand auf seinen Kollegen gedeutet.

»Jetzt sperr mal deine Lauscher gut auf, mein Lieber, und hör auf, mit deinem Essen herumzufuchteln, ist ja ekelhaft, schau dir mal die Sauerei an«, er zeigte mit gespieltem Vorwurf, als wenn es sich um die Überreste einer Kannibalenmahlzeit handeln würde, auf den Mayonnaisefleck und fuhr dann fort: »Wir sollten uns da raushalten, meine ich. Erstens ... hast du nicht gesehen, wer diese Dame abgeholt hat? Das waren keine einfachen Bullen, das war die Staatspolizei. Die Fressen erkenne ich besoffen im Dunkeln, die riech ich gegen den Wind ... selbst wenn es Scheiße regnen würde ... und zweitens, höre ich noch genug.« Er tippte sich an das Ohr mit dem Stöpsel.

Richard hatte mit zusammengekniffenen Augen das Wort ›Staatspolizei‹ lang gedehnt ausgesprochen, so als hätte er einen Taubstummen vor sich, der nur von den Lippen ablesen kann. Dabei hatte er seinen Pappbecher so heftig auf den Tisch gestellt, dass ein paar Spritzer des inzwischen lauwarmen Gebräus auf seinem Bildschirm gelandet waren. Mit einer schnellen Handbewegung wischte er sie mit dem Ärmel weg.

»Mensch, jetzt versaue ich mir wegen dir und deiner Olga auch noch meine Uniform, schau dir das an!« Mir einer theatralischen Geste hob der den Arm und betrachtete den kleinen Fleck mit gespieltem Entsetzen, was Bob Mayer nur dazu veranlasste, müde abzuwinken und ihm einen Vogel zu zeigen.

Bei aller Unterschiedlichkeit mochten sich die beiden und meist nahmen sie ihre Wortgefechte nicht wirklich ernst. Es war fast so, als liebten sie ihre kleinen Kabbeleien, die immerhin eine Abwechslung in ihrem wenig aufregenden Dienstalltag darstellten, wenn man einmal von dem besagten Zwischenfall an dem Pfannkuchenstand absah. Sie wussten beide, dass sie sich aufeinander verlassen konnten, wenn es einmal hart auf hart kommen würde, womit allerdings keiner von ihnen wirklich rechnete. Ihnen war aber auch klar, dass es für Männer in Uniform Unangenehmeres und Anstrengenderes gab, als in einer Shopping Mall Streife zu laufen und dafür zu sorgen, dass die Leute in Ruhe ihre Einkäufe erledigen konnten.

»Nichts zu tun, die Herren, haben die Geschäfte heute geschlossen?« Chief Supervisor Don Wichewski war unbemerkt eingetreten und seine Glatze leuchtete mal wieder wie frisch poliert mit der großen Gürtelschnalle vor seinem Bauch um die Wette. Spötter behaupteten, beides glänze immer dann besonders, wenn er eine neue Flamme hatte. Dass die Geschäfte im Delice immer geöffnet waren, wusste er natürlich so gut wie jeder andere in Bushtown.

»Wir machen Pause, Chief. Fancy und Ruler sind draußen«, Bob lehnte sich in seinem Sessel zurück und schaute demonstrativ auf die Wanduhr. »Wir haben gerade über Olga gesprochen ... Olga Wrenolowa, wissen Sie, die Pfannkuchenfrau.«

Die Kollegen Fancy und Ruler, beides sehr erfahrene Beamte, hatten die Mannschaft des Delice-Wachdienstes verstärkt. Kurz nach dem Zwischenfall am Pfannkuchenstand waren sie in die Shopping Mall abkommandiert worden, sodass jetzt unter dem Befehl des Chief Supervisors Wichewski acht Männer im 24-Stunden-Schichtdienst im Einsatz waren.

»Ich weiß, wer Olga Wrenolowa ist, Mayer. Wollen Sie mich für dumm verkaufen? Finden Sie mir einen in der Stadt, der sie nicht kennt. Sie wurde verhaftet, Sie waren doch selbst dabei.

Was gibt es da also noch zu reden? Das ist Schnee von gestern ... im wahrsten Sinn des Wortes, hahaha ... der Pizzamann soll übrigens sehr gut sein ... hat schon eine Filiale drüben in Southend. Ein paar Kumpels von mir waren mal da ... waren ganz begeistert von dem Zeug. Die Abwechslung wird Ihnen guttun, Bob, immer Pfannkuchen kann´s ja wohl auch nicht sein«, lachte er laut über seinen Witz. Dann fuhr er ernster und mit gesenkter Stimme fort: »Ich warte stündlich darauf, dass mir von der NSPO wieder unangenehme Fragen gestellt werden. Irgendwie habe ich das im Urin. Die haben das noch nicht zu den Akten gelegt. Werden noch mal nachbohren, warum es uns entgangen ist, dass im Delice so etwas passieren konnte ... warum wir nicht in der Lage sind, Ordnung zu halten, und so weiter, bla, bla, bla. Obwohl ich denen schon alles gesagt und sogar geschrieben habe, was ich weiß. Na ja, sei´s drum, warten wir's ab. Ich regel das schon.« Er schaute dabei wie der Wettertyp vom Fernsehen, der es gewohnt war, dass seine Prognosen immer stimmten, was kein Kunststück war. Dann straffte er sich und zog seine Uniform glatt, bevor er wieder seinem Büro zustrebte, so als ob ihn dort Herr oder Frau Wichtig persönlich erwarten würde.

»Gehen Sie wieder pünktlich an Ihre Arbeit meine Herren, das Verbrechen schläft nicht, auch nicht in diesen Zeiten, wie Sie wissen«, rief er noch in wichtigtuerischem Befehlston mit einem Blick auf die Uhr, die gerade auf 9:25 gesprungen war.

Kaum an seinem Schreibtisch, griff er zu seinem privaten Mobiltelefon und Sekunden später säuselte er in einer Stimmlage in den Hörer, die ihm wohl keiner seiner Untergebenen zugetraut hätte.

»Gehen Sie pünktlich an Ihre Arbeit«, äffte Richie seinen Chef nach. »Der hat gut reden. Sitzt den ganzen Tag auf seinem Arsch und hält Maulaffen feil. Seitdem wir zu Acht sind führt er sich auf wie ein Viersternegeneral kurz vor der Verleihung seines fünften. Möchte echt mal wissen, was die an dem findet.« Mit ›die‹ meinte er die aktuelle Freundin des Chiefs.

»Steht wahrscheinlich auf schicke Uniformen ... sollte lieber mal schauen, was drinsteckt«, beantwortete er sich selbst die Frage. »Obwohl sie das wahrscheinlich schon getan haben wird, hahaha ... weißt du eigentlich, warum er sich seine Hosen immer so hochzieht?« Er war dabei aufgestanden und zog jetzt eine imaginäre Hose bis unter seine Achseln. Dabei grinste er frech.

»Lass ihn doch, Richie, solange er verknallt ist, haben wir unsere Ruhe, bist ja eh nur neidisch«, meinte Bob gelassen, der sich schon lange nicht mehr über seinen Vorgesetzten aufregte.

Er dachte an Olga, der er die angebliche Tat nie und nimmer zutraute. Musicals lieben und gleichzeitig Drogen verkaufen passte in seinem Weltbild einfach nicht zusammen.

»Neidisch?«, prustete Richard Pease. »Ich, auf den? Hast du dir die Tussi mal angesehen? Nie und nimmer. Die könntest du mir nackt auf den Bauch binden. Aber wie wir ihn kennen, wird in zwei Monaten sowieso die Nächste auf der Matte stehen, beziehungsweise liegen, hahaha.«

Fünf Minuten später, die Pause war in diesem Moment zu Ende, erschien der Chief abermals in der Tür und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war es mit der Ruhe erst einmal vorbei.

»Ich hab´s ja gewusst«, knurrte er, »hat allerdings keine Stunde gedauert.« Er zog sich mürrisch einen Stuhl heran und setzte sich. Richard Pease hatte seinen Streifengang bereits begonnen und Bob Mayer hatte gerade die Reste seines Sandwiches eingepackt und zusammen mit der halb geleerten Flasche Blue Mountain-Mineralwasser in seiner Tasche verstaut. Jetzt blickte er den Chief erwartungsvoll an und fasste sich an den Kragen, der auf einmal eng zu werden schien.

»Ich hatte gerade ein Gespräch mit einem der Chefs der NSPO, ... Mike Stunks, oder so ähnlich«, fuhr er fort. »Sie wollen noch einmal genau wissen, was da neulich hier los war.

Mein schriftlicher Bericht hat denen nicht gereicht. Mayer, Sie hatten ja Ihre Kamera eingeschaltet, als Sie dieses ›Dings‹ verfolgten, und jetzt will die NSPO wissen, was bzw. ob Sie selber etwas mit Ihren eigenen Augen gesehen haben. Meine Berichte genügen denen nicht. Jaja, das gute alte menschliche Auge, tztztz. Sie werden also persönlich befragt werden. Ich habe Sie beide in Schutz genommen, hab´ gesagt, dass Sie sich erst noch an die Brillen gewöhnen müssen, worauf ich eins draufbekommen habe, dass ich Sie gefälligst besser schulen soll. Der hat sich aufgeführt wie Graf Koks ... Sie sind mir was schuldig, geben Sie das an Ihren Kollegen Pease weiter. Ich gehe in die Pause, muss mal an die frische Luft.«

»Sie sind mir was schuldig? Das hat er wirklich gesagt? Hat der sie noch alle?«, fragte Richard empört, als sie sich kurze Zeit später in der Mall trafen. »Er und uns in Schutz nehmen, da lachen ja die Hühner, dem geht´s doch nur um seine eigene Haut. Aber warum hast du auch bloß diese Scheißbrille eingeschaltet, Mann? Der olle Wichewski macht das jetzt zur Chefsache.« Richard Pease machte bei dem Wort ›Chefsache‹ mit beiden Händen imaginäre Anführungszeichen in der Luft.

»Und wir haben jetzt wieder den Ärger am Hals.«

»Ja, ich, weil ich sie eingeschaltet habe, und du, weil du sie nicht eingeschaltet hast, mein Lieber, und hör damit auf, dauernd auf ihm rumzuhacken, es gibt schlimmere Chefs und lass ihn ›Scheißbrille‹ besser nicht hören«, konterte Bob und fuhr fort: »Also was ist jetzt mit den Drogen? Nix Drogen, hab´ ich gleich gewusst, hier geht es um was Größeres. Oder glaubst du, die NSPO kümmert sich um Drogen?«

»Was weiß denn ich«, war die lakonische und leicht resigniert klingende Antwort seines Kollegen, »mir wär´ nur lieb, wenn du uns da nicht weiter reinreitest mit deiner Pingeligkeit. Pass also auf, was du denen erzählst.« Er machte auf dem Absatz kehrt und strebte dem Frozen zu, um sich die neue Bedienung, genauer anzuschauen.

* * *




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