Die Reise nach Hause
Lee Carroll


In dieser faszinierenden Parabel wird die Geschichte von Michael Thomas erzählt, einem scheinbar gewöhnlichen Mann, der in Minnesota geboren wurde und nun in Los Angeles arbeitet. Er stellt den Prototyp des normalen – und unzufriedenen – Amerikaners dar. Nach einem Überfall, der ihn in Todesgefahr bringt, wird Michael von einem weisen Engel besucht und gefragt, was er sich in Wahrheit vom Leben wünscht. Michael antwortet, dass er eigentlich NACH HAUSE gehen möchte! Um sein endgültiges Ziel zu erreichen, muss Michael zunächst eine Reihe von Abenteuern und Prüfungen in einem erstaunlichen Land von Engelwesen, weisen Lehrern und finsteren Kreaturen bestehen. Michaels Suche ist ergreifend, humorvoll, faszinierend und spannend bis zum Schluss.
















Titel der Originalausgabe: The Journey Home

Hay House, Inc., P.O. Box 5100

Carlsbad, CA 92018-5100

Aus dem Englischen von Melina Taeuber

Deutsche Ausgabe: © KOHA-Verlag (http://www.koha-verlag.de/home.html) GmbH Burgrain

Alle Rechte vorbehalten – 12. Auflage 2012

Lektorat: Franz Simon

Gesamtherstellung: Karin Schnellbach

E-Book-Umsetzung: Medialike GmbH (http://www.medialike.de), München

ISBN 978-3-867287-16-6


Jenen gewidmet, die erkannt haben,

dass ein Mensch die Macht hat, sein Leben zu ändern,

und dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie scheinen!


Wer ist Kryon

Kryon ist eine sanfte, liebevolle Wesenheit, die derzeit auf der Erde weilt, um uns zu helfen in die hohe Energie des sogenannten New Age zu wechseln. Kryons Worte haben manches Leben verändert und Liebe und Licht in einige der dunkelsten Winkel unseres Inneren gebracht. Die Idee der Erzählung DIE REISE NACH HAUSE wurde von Kryon inspiriert und von Lee Carroll aufgeschrieben.


Einleitung

Am 8. Dezember 1996, gegen Ende eines Nachmittags-Seminars, saß Kryon vor mehr als 500 Leuten in Laguna Hills, Kalifornien. In einer Sitzung, die über eine Stunde dauerte, erzählte er die Reise von Michael Thomas – eine Wanderung, geboren aus dem Wunsch eines der Erde müden Menschen, »nach Hause« zu gehen und bei seiner spirituellen Familie zu sein.

Der Name Michael Thomas steht sowohl für das unerhört Große und Heilige eines Erzengels Michael, wie auch für die in der alten Energie wurzelnden Eigenschaften des ungläubigen Thomas – eine Kombination, die auf viele von uns zutrifft. Einerseits fühlen wir uns als spirituelle Wesen, andererseits zweifeln wir oft an uns, zumal, wenn wir den wachsenden spirituellen Aufgaben und beängstigenden He­rausforderungen des neuen Jahrtausends gegenüber stehen.

Michaels Reise nach Hause schildert ein Abenteuer, das sich durch sieben bunte Häuser zieht, jedes bewohnt von einem Engel. Jedes Haus stellt ein Merkmal des New Age dar und umfasst Weisheit, Unterricht, Humor und Einsicht in das, was Gott uns über uns mitteilen möchte. Gleichzeitig erhalten wir – während wir durch das neue Paradigma unseres New Age wandern – einen Einblick in die Art und Weise, wie die Dinge funktionieren.

Bis zum bewegenden und überraschenden Ende beschert die Reise des Michael Thomas uns eine Reihe liebevoller Unterweisungen, die von einer spirituellen Quelle kommen, welche immerfort den Wunsch hat, »unsere Füße zu waschen«.

Falls du Gott jemals die Frage gestellt hast: »Was möchtest du mich wissen lassen?« – DIES KÖNNTE DIE ANTWORT SEIN! Begib dich gemeinsam mit Michael Thomas auf seine spannende Reise. Vielleicht ähnelt sie der deinen?


E I N S

Michael Thomas

Schwarze Plastiksplitter flogen in alle Richtungen, als Mike seinen Ablageschuber mit »Eingängen« ziemlich unsanft gegen die Trennwand seines Vertriebsbüros stieß. Wieder einmal musste ein unschuldiger Gegenstand für Mikes angestauten Ärger über seine Situation herhalten. Unversehens schob sich ein Kopf durch die staubigen Blätter der Plastikpflanze zu seiner Linken.

»Alles in Ordnung da drüben?«, fragte John aus der Büro-Box nebenan.

Die Wände jedes Kubus waren gerade hoch genug, um die Illusion zu erzeugen, man sitze im eigenen Büro. Mike hatte auf seinem Schreibtisch mehrere hohe Gegenstände um sich platziert. Das half die Tatsache zu kaschieren, dass seine Kollegen nicht mehr als 1.30 Meter von ihm entfernt waren – alle vorschützend, sie säßen allein in ihrem Raum und führten »private« Gespräche. Unzählige, über den Boxen hängende nackte Neonröhren, tauchten Mike und die anderen in ein fahles, unnatürliches Licht, wie man es nur in der öffentlichen Verwaltung und der Industrie findet. Es schien die Rottöne so vollständig aus dem Farbspektrum zu absorbieren, dass alle, obgleich sie im sonnigen Kalifornien lebten, ganz bleich aussahen. Mike, der sich jahrelang nicht in der direkten Sonne aufgehalten hatte, wirkte noch blasser.

»Nichts, was ein Urlaub auf den Bahamas nicht beheben könnte«, antwortete Mike, ohne sich zu der Pflanze umzusehen, durch die Johns Kopf lugte. John zuckte die Achseln und wandte sich wieder seinem Telefongespräch zu.

Noch während die Worte aus seinem Mund kamen, wusste Mike: Bei dem Lohn, den er in der Bestellannahme des »Kohlenbergwerks« erhielt – so nannten die Angestellten ihre Vertriebsfirma –, würde er die Bahamas nie zu Gesicht bekommen. Er fing an, die Stücke der zertrümmerten Kunststoffablage aufzulesen und seufzte – was in letzter Zeit immer öfter vorkam. Wozu war er hier? Warum hatte er nicht die Energie oder die Motivation, sein Leben zu verbessern? Er starrte auf den dümmlich dreinschauenden ausgestopften Bär, den er sich gekauft hatte. »Halt’ mich lieb«, stand da drauf. Daneben lag sein liebster Far Side Cartoon – auf dem der Titelheld, Ned, irgendwas über den »Bluebird des Glücks« von sich gab und prompt vom »Hähnchen der Depression« besucht wurde.

Egal, wie viele lächelnde Gesichter oder Cartoons Mike an die Wände seiner Box pinnte, es änderte nichts an seinem Gefühl, in der Klemme zu sitzen. Er steckte fest in einem Leben, das ähnlich funktionierte wie eine Kopiermaschine im Büro; Tag für Tag der gleiche Ablauf, ohne Sinn und Zweck. Seine Frustration und Hilflosigkeit machten ihn wütend und deprimiert; und man merkte es ihm an. Sogar sein Vorgesetzter hatte sich schon dazu geäußert.

Michael Thomas war Mitte dreißig. Wie bei vielen in seinem Büro, ging es auch bei ihm darum, irgendwie zu überleben. Sein Job war von allem, was er hatte finden können, der einzige, der nicht viel Nachdenken erforderte. Mike konnte acht Stunden am Tag abschalten, nach Hause gehen, schlafen, am Wochenende seine Rechnungen bezahlen und montags wieder arbeiten gehen. Er bemerkte, dass er in seinem Los Angeles-Büro von den mehr als dreißig Mitarbeitern nur vier mit Namen kannte. Es war ihm einfach egal. Dabei arbeitete er schon über ein Jahr dort – seit seine Beziehung in die Brüche gegangen und sein Leben unwiderruflich ruiniert war. Nie sprach er über das, was geschehen war, obgleich es ihm fast jede Nacht durch den Kopf ging.

Mike lebte allein, mit seinem einsamen Fisch. Er hätte gern eine Katze gehabt, aber sein Vermieter erlaubte es nicht. Ihm war klar, dass er das »Opfer« spielte, doch seine Selbstachtung war zerstört. Also stocherte er beständig in seiner Lebenswunde, hielt sie offen, blutend und schmerzhaft, so dass er sich jederzeit in Erinnerung rufen konnte, was passiert war. Es schien ihm nichts anderes übrig zu bleiben und er war nicht sicher, ob er – selbst wenn er bereit gewesen wäre – genügend Energie gehabt hätte, die Dinge zu ändern. Aus Jux hatte er seinen Fisch »Katze« getauft, und immer, wenn er nach Hause kam oder bevor er zur Arbeit ging, redete er mit ihm.

»Nicht die Hoffnung aufgeben, Katze«, sagte Mike dann jedesmal zu seinem Flossen tragenden Freund. Der Fisch gab natürlich nie eine Antwort.

Mit seinen zwei Metern konnte Mike einem beinahe Angst machen – bis er lächelte. Sein Grinsen hatte einen Charme, der alle Vorbehalte gegenüber seiner hünenhaften Gestalt dahinschwinden ließ. Es war kein Zufall, dass er am Telefon arbeitete und seine Kunden ihn nicht sehen konnten. Vielmehr diente es dazu, seine beste Eigenschaft zu verleugnen; wie in einem selbst errichteten Gefängnis, konnte er weiter im Melodrama seiner gegenwärtigen Situation schwelgen. Seine eigentliche Begabung lag im Umgang mit Menschen, aber er nutzte sie nur, wenn seine Arbeit ihn gelegentlich dazu zwang. Von sich aus pflegte Mike keine Freundschaften; und das weibliche Geschlecht existierte zurzeit nicht einmal für ihn; obgleich die Frauen an ihm interessiert waren.

»Mike«, pflegten seine Kollegen zu sagen, »wann warst du zum letzten Mal verliebt? Du musst ausgehen und dir eine gute Frau suchen – hör auf, über dein Leben nachzugrübeln!«

Worauf sie nach Hause gingen – zu ihren Familien, Hunden und Kindern, und gelegentlich auch zu ihrem Fisch. Doch Mike hatte keine Ahnung, wie er es anstellen sollte, um die Liebe in sein Leben zurück­zuholen. Es hatte keinen Zweck, entschied er. Ich habe schon früh die richtige Partnerin gefunden, sagte er sich immer. Nur – sie hat es nicht erkannt. Er war sehr verliebt gewesen und natürlich auch voller Erwartungen. Sie hingegen hatte einfach Spaß haben wollen. Als ihm das schließlich klar wurde, war es, als sei seine Zukunft zusammengeschrumpft und verschwunden. Er hatte seine Freundin leidenschaftlich geliebt und glaubte, nur einmal im Leben so empfinden zu können. Er hatte ihr alles gegeben, und sie hatte es einfach weggeworfen.

Mike war auf der Farm seiner Eltern in Blue Earth – einem kleinen Städtchen in Minnesota – aufgewachsen und vor einem Leben geflohen, das seiner Meinung nach sinnlos war: Er hätte Getreide angebaut, das entweder von fremden Ländern aufgekauft oder in riesigen Silos gelagert wurde – weil es einfach zu viel davon gab. Schon von klein auf hatte er gewusst, dass er kein Farmer werden wollte. Nicht einmal in seinem eigenen Land war dieser Beruf geachtet. Wozu sollte er gut sein? Außerdem konnte Mike den Stallgeruch nicht ausstehen und wollte lieber mit Menschen, statt mit Tieren und Traktoren arbeiten. Er war ein guter Schüler gewesen und ein absolutes Ass im Umgang mit Menschen. Kein Wunder also, dass Mike Kaufmann geworden war. Gute Jobs fand er mit Leichtigkeit und so hatte er eine Reihe von Produkten und Dienstleistungen verkauft, die er ehrlichen Herzens empfehlen konnte. Die Leute kauften gern bei Michael Thomas.

Wenn er zurückblickte auf das, was seine verstorbenen Eltern ihm mitgegeben hatten, stellte er fest: Wirklich geblieben war von all dem sein Glaube an Gott. Viel nützen tat er ihm jetzt nicht – so dachte Mike oft voll Bitterkeit. Er war Einzelkind gewesen und seine Eltern – seine geliebte Mom und sein Dad – waren kurz vor seinem einundzwanzigsten Geburtstag bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Immer noch trauerte er um die beiden und trug stets Fotos bei sich, die ihn an ihr Leben – und ihren Tod – erinnerten. Mike ging weiterhin regelmäßig zur Kirche und machte zumindest äußerlich die Gesten mit, die zum Gottesdienst gehörten. Als der Geistliche sich nach seinem spirituellen Wohlergehen erkundigte, erklärte Mike, dass er an Gott glaube und sich selbst als spirituelles Wesen sehe. Er war überzeugt, Gott sei gerecht und liebevoll, allerdings im Augenblick nicht wirklich auf seiner Seite – und das eigentlich schon seit mehreren Jahren nicht mehr. Mike betete oft um ein besseres Leben, hatte aber wenig Hoffnung, dass sich tatsächlich etwas ändern würde.

Mit der frischen Gesichtsfarbe seines Vaters war Mike zwar nicht direkt schön, aber sein rauhes Aussehen wirkte attraktiv. Frauen fanden ihn unwiderstehlich. Sein strahlendes Lächeln, sein blondes Haar, sein hoher Wuchs, sein kräftiges Kinn und seine tiefblauen Augen zogen die Blicke auf sich. Und wer genügend Intuition besaß, der spürte Mikes Integrität und fasste augenblicklich Vertrauen zu ihm. Mehr als einmal hatte Mike Gelegenheit gehabt, Situationen zu seinem Vorteil auszunutzen – in geschäftlichen, wie auch in Liebesbeziehungen –, doch er hatte es nie getan. Sein Bewusstsein war durch seine bäuerliche Herkunft geprägt, eine Prägung, die zu den wertvollen Attributen gehörte, die ihm aus der Heimat seiner Kindheit und Jugend noch anhafteten.

Er war unfähig, zu lügen. Er spürte, wann andere Hilfe brauchten. Er hielt den Leuten, die im Supermarkt ein- und ausgingen, die Türe auf; er hatte Respekt vor alten Menschen und redete mit ihnen; und er gab den heruntergekommenen, bettelnden Männern und Frauen auf der Straße immer ein paar Dollars, auch wenn er den Verdacht hatte, dass sie für Alkohol verschwendet würden. Er war der Meinung, dass die Menschen sich gemeinsam für eine bessere Welt einsetzen sollten, und er konnte nicht verstehen, warum die Leute in seiner neuen Heimatstadt nicht miteinander redeten, ja, oft nicht einmal ihre Nachbarn kannten. Vielleicht, weil das Wetter so schön war, dass niemand je Hilfe brauchte. Wie paradox, dachte er.

Mikes einziges weibliches Rollenvorbild war seine Mom gewesen; und so behandelte er alle Frauen mit dem gleichen Respekt, den er dieser wunderbaren, einfühlsamen Frau – die ihm jetzt so sehr fehlte – entgegengebracht hatte. Teilweise hing sein augenblickliches Elend damit zusammen, dass dieser Respekt in der einzigen »wirklichen« Beziehung seines Lebens scheinbar ausgenutzt worden war. Tatsächlich jedoch hatte es sich um ein kulturelles Missverständnis gehandelt: Beide Partner hatten etwas erwartet, was sie nicht bekamen. Das kalifornische Mädchen, das ihm das Herz gebrochen hatte, hatte unter Liebe das verstanden, was in ihrer Kultur üblich war. Doch Mike hatte es nicht so gesehen. Er war mit einer bestimmten Vorstellung von Liebe aufgewachsen und konnte eine andere Auffassung nicht akzeptieren.






Und damit beginnt nun unsere eigentliche Geschichte. Hier war Michael Thomas, am Tiefpunkt seines Lebens angelangt, an einem Freitagabend auf dem Nachhauseweg zu seinem winzigen 2-Zimmer- Apartment (mit integriertem Bad!). Unterwegs hatte er im Supermarkt noch rasch die mageren Lebensmittelvorräte gekauft, die er brauchte, um die nächsten zwei Tage über die Runden zu kommen. Schon längst hatte er herausgefunden, dass er mit seinem Geld viel besser auskam, wenn er bestimmte Marken kaufte und die beigefügten Coupons für weitere Käufe verwendete. Doch sein wirksamster Spartip war: weniger essen!

Mike kaufte Fertiggerichte, die man nicht zu kochen brauchte. Dadurch konnte er auf den Herd verzichten und musste weniger Strom zahlen. Er fühlte sich zwar unbefriedigt, irgendwie noch hung­rig, und bekam nie einen Nachtisch, auf den er sich freuen konnte – doch paßte das gut zu seiner selbst kreierten Opferrolle. Außerdem fand er es sehr praktisch, über dem Spülstein direkt aus der Packung zu essen. Damit ersparte er sich das leidige Spülen! Er hasste Spülen und rühmte sich seinem Kollegen und einzigen Freund John gegenüber oft, wie toll er dieses Problem gelöst habe. John, der Mikes Gewohnheiten kannte, witzelte dann, Mike werde sicher bald einen Weg finden, wie er – ganz ohne Apartment – alles vom nächsten Obdachlosenheim aus erledigen könne. Dabei pflegte er zu lachen und klopfte Mike auf den Rücken. Doch Mike hatte diese Möglichkeit tatsächlich in Betracht gezogen.

Als Mike sich vom Supermarkt auf den Weg nach Hause machte, war es schon dunkel. Den ganzen Tag über hatte sich der dichte Nebel in Regen aufgelöst und immer noch war alles glatt und glänzte im fahlen, gelben Licht der Straßenlaterne, das sich auf den Stufen zu Mikes Apartment spiegelte. Froh, in Kalifornien zu leben, dachte Mike oft zurück an die entbehrungsreichen Wintermonate in Minnesota, wo er aufgewachsen war.

Seine ganze Jugend hindurch hatte er eine Leidenschaft für alles Kalifornische gehabt. Er hatte sich geschworen, dem Hundewetter, das offenbar alle sang- und klanglos hinnahmen, zu entkommen. »Wie kommt es, dass Leute freiwillig irgendwo leben, wo man in zehn Minuten tot sein kann, wenn man bei schlechtem Wetter nach draußen geht?«, fragte er seine Mom immer wieder. Sie schaute ihn dann nur lächelnd an und sagte: »Familien bleiben meistens da, wo sie herkommen. Außerdem ist man hier sicher.« Das war ihre typische Antwort, um ihm klarzumachen, wie gefährlich Los Angeles und wie schön Minnesota war. Aber es stimmte nur, wenn man nicht Tod durch Erfrieren hinzufügte! Mike konnte seine Mutter nicht davon überzeugen, dass die Gefahr eines Erdbebens einfach wie ein Glücks­spiel sei. Es konnte einen zwar erwischen – musste es aber nicht. Die zermürbenden Winter in Minnesota dagegen kamen jedes Jahr – eine Tatsache, mit der man absolut zu rechnen hatte!

Kein Wunder also, dass Mike seine ländliche Heimat verließ, sobald er die Highschool beendet hatte und seine College-Jahre in Kalifornien verbrachte. Er hatte seine kaufmännische Begabung genutzt, um alles, was er unternahm, selbst zu finanzieren. Jetzt wünschte er sich, er wäre in den Jahren vor dem Unfall noch eine Weile zu Hause geblieben, bei seiner Mom und seinem Dad. Er fand, dass er in seinem Drang, der Kälte zu entrinnen, kostbare Zeit mit seinen Eltern verschenkt hatte. Im Nachhinein kam es ihm egoistisch vor.

Im trüben Dämmerlicht schleppte sich Mike nun die Stufen zu seiner Parterrewohnung hoch und nestelte an seinem Schlüsselanhänger. Die Tüte mit Lebensmitteln im Arm, steckte er den Schlüssel ins Schloss. Der Schlüssel passte auch normalerweise; doch von da an war an diesem Freitagabend das »Normale« für Michael Thomas zu Ende. Auf der anderen Seite der Tür befand sich ein Geschenk – eine potenzielle Episode in Mikes Schicksal –, etwas, das sein Leben auf immer verändern sollte.

Da der Türrahmen verzogen war, hatte Mike sich angewöhnt, die klemmende Wohnungstür mit seinem Körpergewicht aufzudrücken, wobei sie jedesmal mit großem Schwung aufflog. Mike hatte eine Methode perfektioniert, wie er die große Papiertüte mit Lebensmitteln auf der einen Hüfte balancierte, den Schlüssel ins Schloß steckte, ihn umdrehte und gleichzeitig mit dem Fuß gegen die Tür trat. Für das Manöver musste er die Hüfte verdrehen, und obgleich es gut funktionierte, fand sein Freund John, dass es ziemlich komisch aussah!

Die widerspenstige Tür flog durch den Druck von Mikes Hüfte auf und erschreckte den Einbrecher, der sich im dunklen Zimmer zu schaffen machte. Mit der Behendigkeit einer aufgescheuchten Katze und durch jahrelange Erfahrung mit dem Unvorhersehbaren, schoss der ungeladene Gast – der einen Kopf kleiner war als Mike – nach vorn, packte Mikes Arm und zerrte ihn in den Raum. Da Mikes Hüfte noch verdreht war, befand dieser sich bereits in der Vorwärtsbewegung und der Dieb konnte ihn leicht zu Fall bringen. Mikes großer Körper schlug der Länge nach hin, wobei die Lebensmittel auf die gegenüberliegende Wand prallten und die verschweißten Packungen aufplatzten. Kurz bevor er auf dem Boden lag, hörte Mike – geschockt und alle Sinne hellwach – wie die Tür hinter ihm zuknallte – und der Einbrecher noch im Zimmer war! Dann sah er eine Glasscherbe auf sein Gesicht zukommen, ein Stück des zertrümmerten Fensters, durch das der kleinere Mann eingebrochen war.

Solche Momente sind es oft, von denen Menschen später sagen, alles sei wie in Zeitlupe abgelaufen. Bei Michael Thomas war das anders. Die Sekunden rasten wie im Zeitraffer vorbei und versetzten ihn in äußerste Panik! Der Mann, der in Mikes Apartment eingebrochen war, schien entschlossen, sein Vorhaben durchzuführen. Er wollte Fernseher und Stereoanlage mitnehmen und was mit seinem Opfer geschah, interessierte ihn nicht im Geringsten. Kaum lag Mike am Boden, als der Mann auch schon auf ihm saß und seine verschwitzten Hände wie einen Schraubstock um Mikes Kehle presste. Seine weit geöffneten Augen waren nur wenige Zentimeter von Mikes Gesicht entfernt. Mike spürte den fauligen Atem des Mannes, dessen Rumpf jetzt schwer auf seinem Magen lag. Instinktiv reagierte Mike wie jemand, dem der Tod im Nacken sitzt und machte eine Bewegung wie aus einem zweitklassigen Film: Trotz seiner Verwirrung warf er den Kopf schnell und mit aller Kraft nach vorn und schmetterte ihn gegen den Kopf des Einbrechers. Es funktionierte. Der Angreifer, überrascht von der Heftigkeit des Aufpralls, lockerte sekundenlang seinen Griff; Mike rollte sich blitzschnell zur Seite und versuchte, aufzustehen. Doch bevor er noch auf den Beinen stand, schlug der Einbrecher zu und versetzte ihm einen Hieb in den Magen. Der Aufprall hob Mike buchstäblich in die Höhe; er fiel nach links, schlug hart auf etwas Großes und registrierte benommen, dass es sich um sein Aquarium handelte. Mit lautem Getöse gesellten sich Vitrine, Aquarium und der einsame Fisch zu den Einkäufen an der Rückwand des kleinen Zimmers.

Der Schmerz verschlug Mike den Atem. Doch während er noch nach Luft schnappte, weiteten sich seine Augen vor Entsetzen, als ein Stiefel von der Größe Montanas auf ihn herabstieß. Sein Angreifer grinste. Es war zu schnell gegangen: Der Tritt saß! Mike spürte und hörte, wie die Knochen seines Halses grauenhaft knirschten. Entsetzt schnappte er nach Luft, absolut sicher, dass seine Luftröhre zertrümmert war – womöglich auch seine Wirbelsäule. Sein ganzer Körper reagierte auf das knackende, brechende Geräusch seines malträtierten Halses. Mit Entsetzen begriff er, was passiert war. Es war vorbei – der Tod war da! Er versuchte zu schreien, doch sein Kehlkopf funktionierte nicht. Er bekam keine Luft mehr und es wurde schwarz vor seinen Augen. Alles war still. Der Dieb beeilte sich – ungeachtet des reglos daliegenden Mannes –, sein nächtliches Werk zu beenden, als er erneut durch Lärm an der mitgenommenen Wohnungstür aufgeschreckt wurde.

»Was ist los da drin? Ist alles in Ordnung?!« Ein Nachbar hämmerte wie wild mit der Faust auf das unnachgiebige Holz.

Der Einbrecher – fluchend über sein Missgeschick – wandte sich widerstrebend dem zertrümmerten Fenster zu. Er schlug ein paar Glasscherben weg, die ihm im Weg waren und glitt mühelos hinaus.

Mikes Nachbar, der Mike nicht näher kannte und wieder das Geräusch von splitterndem Glas im Zimmer hörte, entschloss sich, am Türgriff zu drehen. Die Tür war unverschlossen. Er trat ein, fand das Apartment in wüstem Durcheinander und sah, wie ein Mann durch das zertrümmerte Fenster floh. Vorsichtig tappte er im Dunkeln an Fernseher und Stereoanlage vorbei – die merkwürdigerweise mitten im Raum standen – und knipste das Licht an. Eine nackte Birne flammte an der Decke auf.

»Oh, mein Gott!« Er hörte, wie seine Stimme vor Entsetzen verstummte.

In Sekundenschnelle war der Mann am Telefon und rief um Hilfe. Michael Thomas lag bewusstlos und schwer verletzt am Boden. Es war jetzt still im Raum – bis auf das Geräusch des hin und her schlagenden Fisches, nicht weit von Mikes Kopf entfernt. »Katze« wand sich, zwischen Salat und Nudel-Fertiggericht, in einem unappetitlichen Haufen verstreuter Lebensmittel, den die wachsende Lache von Mikes Blut allmählich rot färbte.







Z w e i

Die Vision

Mike wachte in einer fremden Umgebung auf. Als er richtig zu sich kam, fiel ihm jäh alles wieder ein. Seine Augen schossen durch den Raum und es war offensichtlich, dass er sich weder in seinem Apartment, noch in einem örtlichen Krankenhaus befand. Alles war still. Die Stille war überwältigend, beinahe unheimlich. Kein Laut war zu hören, nur sein eigener Atem! Keine vorbeifahrenden Autos, kein Surren der Klimaanlage – absolut nichts! Mike versuchte, sich etwas aufzurichten.

Er schaute nach unten und bemerkte, dass er sich auf einer Art Liege befand. Bettzeug war keines da, doch er trug die gleiche Kleidung wie zur Zeit des Überfalls. Er fasste sich an den Hals. Sein letzter bewusster Gedanke war gewesen, sein Hals sei zerquetscht, doch zu seiner Erleichterung konnte er keine Verletzung feststellen. Im Gegenteil, Mike fühlte sich richtig gut! Vorsichtig tastete er verschiedene Stellen seines Körpers ab. Seltsam, nichts tat ihm weh, nirgends schien er verletzt. Doch diese Stille! Sie machte ihn wahnsinnig; kein Laut drang an seine Ohren. Auch das Licht war ganz merkwürdig: Es schien von nirgendwo und überall herzukommen. Es war strahlend weiß – ein Weiß, so bar jeder Farbe, dass es seinen Augen weh tat. Er beschloss, seine Umgebung näher zu untersuchen.

Sie hatte etwas Gespenstisches. Er war nicht in einem Raum – aber auch nicht draußen! Es gab nur ihn, die Liege und den weißen Boden, der sich ins Endlose auszudehnen schien. Mike legte sich wieder zurück. Jetzt wusste er, was passiert war: Er war tot. Man musste kein Experte für Weltraumraketen sein, um zu merken, dass nichts von dem, was er wahrnahm, mit der physischen Welt übereinstimmte. Aber wieso hatte er noch einen Körper?

Mike beschloss, etwas ganz Banales auszuprobieren. Er kniff sich, um festzustellen, ob es weh tat. Er zuckte zusammen und schrie »Au!«.

»Wie fühlst du dich, Mike?«, fragte eine wohltuende männliche Stimme.

Mike drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam. Was er sah, war ein Anblick, den er für den Rest seines Lebens nicht vergessen würde. Gleichzeitig empfand er eine engelhafte Präsenz, das Gefühl tiefer Liebe. Mike verließ sich immer zuerst auf das, was er FÜHLTE und dann erst auf das, was er SAH. Er hatte sich diese Reihenfolge zur Gewohnheit gemacht, wenn er nach seinen Erfahrungen gefragt wurde; und im Augenblick sah er eine Gestalt in Weiß, die ihm ein wenig unheimlich, aber dennoch wunderschön erschien. Ob sie wohl Flügel trägt?, fragte er sich. Wie albern! Mike lächelte der Erscheinung zu und konnte sich nur schwer vorstellen, dass sie wirklich existierte.

»Bin ich tot?«, erkundigte er sich gefasst und respektvoll bei der Wesenheit.

»Ganz und gar nicht«, sagte die Gestalt, indem sie auf Mike zukam. »Es ist nur ein Traum, Michael Thomas.« Die Erscheinung näherte sich, offenbar ohne zu gehen. Mike bemerkte, dass das Gesicht des »Mannes« undeutlich und verschwommen blieb; und doch vermittelte es ihm ein Gefühl von Geborgenheit, von Sicherheit und Behütet-Sein. Er konnte nicht anders als weitersprechen – er fühlte sich so wundervoll!

Die Gestalt war weiß gekleidet, trug jedoch weder ein Gewand noch einen Anzug. Ihr Kleid erschien wie lebendig und bewegte sich mit ihr, als sei es ihre Haut. Auch ihr Gesicht wirkte verschwommen. Mike konnte weder Falten, noch Knöpfe oder Umschläge erkennen; ebenso wenig, wo der Stoff endete und die Haut begann; und doch war das seltsame Gewand nicht eng anliegend. Es schien leicht und fließend – oder auch leuchtend – und verschwommen. Die Vision war für Mikes Wahrnehmung noch eindrucksvoller, weil das Weiß ihres Gewandes in den unvorstellbar weißen Hintergrund der Umgebung überging. Nur schwer ließ sich erkennen, wo die Gestalt endete und der Hintergrund begann.

»Wo bin ich? Vielleicht ist das eine dumme Frage, aber sicher habe ich das Recht, es zu erfahren«, sagte Mike mit dünner Stimme.

»Du bist an einem heiligen Ort«, antwortete die Gestalt. »Ein Ort, den du selber erschaffen hast, und ein Ort voller Liebe. Das ist es, was du im Augenblick fühlst.« Das engelhafte Wesen verneigte sich vor Mike, und schien den ohnehin schon hellen Raum mit noch mehr Licht zu füllen.

»Du hast es erraten: Ich bin ein Engel.«

Mike zuckte nicht mit der Wimper. Er wusste, die Erscheinung vor ihm sprach die Wahrheit. Die Situation – wie sonderbar sie auch scheinen mochte – war außerordentlich real. Mike fühlte alles ganz klar.

»Sind alle Engel Männer?« Mike bedauerte seine Worte, sowie er sie ausgesprochen hatte. Was für eine blöde Frage! Dies war offensichtlich etwas ganz Besonderes. Wenn es ein Traum war, dann war er jedenfalls nicht weniger wirklich, als das, was Mike bisher erlebt hatte.

»Ich bin nur das, was du sehen möchtest, Michael Thomas. Ich besitze keine menschliche Gestalt; mein Aussehen soll dir helfen, dich wohl zu fühlen. Und nein – nicht alle Engel sind Männer. In Wirklichkeit haben wir kein Geschlecht. Und wir haben auch nicht alle Flügel.«

Mike musste lächeln bei dem Gedanken, dass vielleicht alles, was er sah, seine eigene Kreation war. »Und wie siehst du in Wirklichkeit aus?«, fragte er, inzwischen entspannt genug, um normal mit diesem liebevollen Wesen zu reden. »Warum kann man dein Gesicht nicht erkennen?« Eine, unter diesen Umständen, berechtigte Frage.

»Meine Form würde dich in Erstaunen versetzen, und bei ihrem Anblick käme dir eine merkwürdige Erinnerung an sie; denn auch du selbst siehst so aus, wenn du nicht auf der Erde bist. Es ist eine Form, die sich nicht beschreiben läßt; deshalb werde ich fürs Erste weiter so erscheinen, wie bisher. Was mein Gesicht betrifft, so wirst du es schon bald zu sehen bekommen.«

»Wenn ich nicht auf der Erde bin?«, forschte Mike.

»Das Leben auf der Erde ist zeitlich begrenzt; doch das weißt du selbst, nicht wahr? Ich kenne dich gut, Michael Thomas. Du bist ein spiritueller Mann und hast erkannt, dass der Mensch ein ewiges Wesen ist. Viele Male hast du dafür gedankt, und wir, hier auf meiner Seite, haben jedes deiner Worte gehört.«

Mike war still. Es stimmte, er hatte in der Kirche und zu Hause gebetet; doch sich vorzustellen, alles sei tatsächlich gehört worden, fiel ihm schwer. Diese Wesenheit in seinem Traum kannte ihn also?

»Wo kommst du her?«

»Von zu Hause.«

Die liebevolle Wesenheit schien jetzt direkt vor Mikes kleiner Liege zu leuchten. Sie neigte den Kopf zur Seite und wartete geduldig, während Mike alles auf sich wirken ließ. Er spürte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief. Tief im Inneren wusste er, dass die Wahrheit in ihrer ganzen Größe vor ihm stand; er brauchte nur zu fragen, und ein Strom von Weisheit würde sich ergießen.

»Du hast recht!«, antwortete der Engel auf Mikes Gedanken. »Was du jetzt tust, wird deine Zukunft verändern. Du fühlst es selbst, nicht wahr?«

»Kannst du meine Gedanken lesen?«, wunderte sich Mike, ein wenig verlegen.

»Nein. Wir können sie fühlen. Dein Herz ist nämlich mit dem Ganzen verbunden und wir reagieren, wenn du uns brauchst.«

»Wir?« Jetzt begann es gruselig zu werden. »Ich sehe nur dich.«

Der Engel lachte und es klang unbeschreiblich. Was für eine Energie in diesem Lachen steckte! Mike fühlte, wie jede Zelle seines Körpers mit der Fröhlichkeit des Engels in Resonanz schwang. Alles, was der Engel tat, war neu und übertraf das gewöhnliche Leben; und tief in Michaels Unterbewusstsein weckte es die Erinnerung an etwas Wunderbares. Mike war hingerissen von der Stimme, sagte aber nichts.

»Ich spreche zu dir mit der Stimme eines Einzelnen, doch sie ist Ausdruck für die Stimmen Vieler«, erklärte der Engel, indem er die Arme ausstreckte und mit seinen Bewegungen die merkwürdige Gewand-Haut ins Fließen brachte. »Es gibt viele Wesen im Dienst eines jeden Menschen, Michael. Das wird dir offenbar werden, wenn du beschließt, dass es so sein soll.«

»ICH BESCHLIESSE ES!«, rief Mike mit lauter Stimme. Wie hätte er solch ein Angebot ausschlagen können! Doch dann wurde er ein wenig verlegen, als habe er sich vor einem Matinee-Star wie ein kleines Kind benommen. Eine Weile sagte er nichts und beobachtete, wie der Engel leicht auf und ab schwebte – beinahe wie auf einem hydraulischen Mini-Lift. Wieder fragte sich Mike, wie viele seiner Wahrnehmungen wohl auf Sehgewohnheiten beruhten, die geprägt waren durch Filme, die Kirche oder große Kunstwerke. Abermals herrschte Stille – was für eine Stille! Der Engel tat offenbar keine Äußerung, ohne dass Mike ihn fragte.

»Darf ich dich etwas zu meiner Situation fragen?«, erkundigte sich Mike respektvoll. »Ist dies tatsächlich ein Traum? Es kommt mir so wirklich vor.«

»Was ist denn ein menschlicher Traum, Michael Thomas?« Der Engel näherte sich ein wenig. »Ein Traum ist das Eintauchen in dein biologisches und spirituelles Bewusstsein; durch den Besuch dieses Bewusstseins erhältst du Informationen von meiner Seite der Dinge – manchmal im übertragenen Sinne. Wusstest du das? Ein Traum erscheint euch vielleicht anders als eure Realität, er ist der Realität Gottes jedoch viel ähnlicher als alles, was ihr normalerweise erlebt! Als dir dein Vater und deine Mutter damals im Traum erschienen sind – was war das für ein Gefühl? Kam es dir wirklich vor? Es war Wirklichkeit. Erinnerst du dich an die Woche nach dem Unglück, als sie dich besuchten? Tagelang danach hast du noch geweint. Es war IHRE Realität. Ihre Botschaften an dich waren wirklich. Die beiden lassen dich auch jetzt noch an ihrer Liebe teilhaben, Michael, denn sie sind ewig – so wie du. Was die Fragen zu deiner Situation betrifft: Was glaubst du, warum du diesen Traum jetzt hast? Aufgrund deiner Situation; nur deswegen bist du hier zu Besuch, und genau zur richtigen Zeit.« Mike freute sich über den Redefluss des wunderschönen Wesens, das ihm immer vertrauter vorkam.

»Werde ich alles heil überstehen? Ich glaube, ich bin schwer verletzt und liege irgendwo bewusstlos, vielleicht im Sterben.«

»Kommt darauf an«, sagte der Engel.

»Worauf?«, wollte Michael wissen.

»Was möchtest du denn wirklich, Michael?«, fragte der Engel liebevoll. »Sag uns, was du WIRKLICH willst. Überlege dir deine Antwort gut, Michael Thomas, denn die Energie Gottes nimmt vieles wörtlich. Im übrigen – wir wissen, was du weißt. Du kannst deiner eigenen Natur nichts vormachen.«

Michael wollte bei seiner Antwort ehrlich sein. Die Situation wurde mit jedem Augenblick realer. Er erinnerte sich sehr gut an die lebhaften Träume von seinen Eltern, direkt nach deren Unfall. Sie waren zusammen zu ihm gekommen – in den wenigen Stunden, in denen er in jener furchtbaren Woche überhaupt schlafen konnte; und sie hatten ihn umarmt und ihn spüren lassen, wie sehr sie ihn liebten. Sie hatten ihm erklärt, es sei für sie der richtige Zeitpunkt gewesen, fortzugehen – was immer das bedeuten mochte. Mike hatte es nicht akzeptiert.

Seine Eltern hatten ihm auch gesagt, ihr Tod sei unter anderem arrangiert worden, weil ihr Dahinscheiden ein Geschenk für Mike sein sollte. Er hatte sich immer gefragt, worin wohl das Geschenk bestand, aber schließlich war es nur ein Traum gewesen, oder nicht? Nun sagte der Engel, es sei Wirklichkeit. Was Mike im Augenblick erlebte, erschien ihm zweifellos real; vielleicht waren die Botschaften seiner Eltern ja auch real, so wie dieser Engel es war, oder ist. Diese Art Traum oder Vision ist ziemlich verwirrend, dachte er frustriert!

Was ist es, was ich will?, fragte er sich nun. Er dachte an sein Leben und an all die Dinge, die ihm im letzten Jahr passiert waren. Er wusste, was er wollte, aber er hatte das Gefühl, es war nicht in Ordnung, darum zu bitten.

»Es passt nicht zu deiner Größe und Erhabenheit, deine tiefsten Wünsche in dir zu verschließen«, ließ der Engel sich hören.

Zu dumm!, dachte Michael. Der Engel weiß schon wieder, was mir durch den Kopf geht. Es gibt nichts, was ich verbergen kann.

»Wenn du es schon weißt, warum stellst du mir diese Frage?«, erkundigte er sich. »Und was soll das bedeuten: meine Erhabenheit?« Zum ersten Mal zeigte der Engel kein Lächeln, sondern etwas anderes. Es war ein Ausdruck von Verehrung, von Ehrfurcht!

»Du hast keine Vorstellung davon, was und wer du bist, Michael Thomas«, sagte der Engel ernst. »Du glaubst, ich sei schön? Wenn du sehen könntest, wie du aussiehst! Eines Tages wird es geschehen. Was deine Gedanken und Gefühle betrifft – natürlich kenne ich sie. Ich bin hier, weil ich zu denen gehöre, die dich unterstützen; daher bin ich in vieler Hinsicht eng mit dir verbunden. Es ist eine Ehre für mich, vor dir zu erscheinen; doch nur deine eigene Absicht kann jetzt eine Veränderung bewirken. Du kannst selbst entscheiden, ob du mir sagen möchtest, was du dir in diesem Augenblick, als Mensch am meisten wünschst. Die Antwort muss aus deinem Herzen kommen, laut und hörbar, für alle – sogar für DICH. Was du jetzt tun wirst, ist auch für viele andere von entscheidender Bedeutung.« Mike hatte aufmerksam zugehört. Er musste seine Wahrheit aussprechen, auch wenn es vielleicht nicht das war, was der Engel hören wollte. Er dachte einen Moment nach, dann sagte er: »Ich möchte NACH HAUSE gehen! Ich hab’ dies Leben als Mensch satt.« Da! Jetzt war es heraus. Er wollte weg. »Aber ich will mich nicht drücken vor etwas, das wichtig ist in Gottes Plan«, fuhr er leidenschaftlich fort. »Einerseits erscheint mir das Leben so sinnlos; andererseits habe ich aber gelernt, dass ich als Ebenbild Gottes zu einem besonderen Zweck erschaffen wurde. Was soll ich denn tun?«

Der Engel schwebte an die Seite der Liege, so dass Mike ihn besser sehen konnte. Dieser Traum, diese Vision oder was immer es sein mochte, war verblüffend. Mike hätte schwören können, dass es nach Veilchen duftete – oder war es Flieder? Warum nach Blumen? Wahrhaftig – der Engel hatte einen Geruch! Und je näher er kam, umso schöner war er. Michael spürte auch, dass der Engel über die Unterhaltung erfreut war. Er fühlte es, obwohl er seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen konnte.

»Sag mir, Michael Thomas, ist deine Absicht rein? Willst du wirklich das, was Gott will? Du möchtest nach Hause, aber du bist dir gleichzeitig eines größeren Planes bewusst – deshalb willst du uns nicht enttäuschen und dich spirituell nicht unangemessen verhalten.«

»Ja«, sagte Mike. »Genau so ist es. Ich möchte aus meiner Situation heraus, aber gleichzeitig scheint mein Wunsch widersprüchlich zu sein – er scheint mir egoistisch.«

»Und wenn ich dir sagte, du kannst beides haben?«, fragte der Engel mit einem Lächeln. »Und, dein Verlangen nach Hause zu kommen ist nicht selbstsüchtig, sondern natürlich und steht auch nicht im Gegensatz zu deinem Wunsch, den tieferen Sinn deines Menschseins anzuerkennen?«

»Aber wie? Bitte erkläre mir, wie ich beides haben kann«, wollte Mike jetzt aufgeregt wissen.

Der Engel hatte Mikes Herz gesehen, und zum ersten Mal ging er spirituell auf ihn ein.

»Michael Thomas von reiner Absicht – um zu entscheiden, ob dies dein Weg sein kann, muss ich dir, bevor ich mehr dazu sage, noch eine Frage stellen.« Der Engel schwebte ein wenig zurück. »Was glaubst du davon zu haben, wenn du nach Hause gehst?«

Mike dachte darüber nach. Sein Schweigen hätte bei einer normalen Unterhaltung seltsam gewirkt, aber der Engel verstand ihn vollkommen und wusste, dass dies ein geheiligter Augenblick für Michael Thomas’ Seele war. Nach irdischer Zeitrechnung schwieg Michael zehn Minuten oder länger; doch der Engel rührte sich nicht und sagte kein Wort. Er zeigte weder Ungeduld noch Ermüdung. Mike begann zu begreifen, dass diese Wesenheit tatsächlich zeitlos war, und die Ungeduld eines Menschen – für den nur die lineare Zeit Realität besaß – nicht empfinden konnte.

»Ich möchte geliebt werden und dort sein, wo Liebe ist«, war Mikes Antwort. »Ich möchte Frieden in meinem Leben.« Er machte eine Pause. »Ich möchte mit den Problemen und belanglosen Auseinandersetzungen der Leute um mich herum nichts zu tun haben. Ich möchte keine Geldsorgen haben. Ich möchte mich BEFREIT fühlen! Ich habe es satt, alleine zu sein. Ich möchte für andere Wesen im Universum etwas bedeuten. Ich möchte wissen, dass mein Leben einen Sinn hat und dazu beitragen, im Himmel – oder wie immer ihr es nennt – ein adäquater Teil von Gottes Plan zu sein. Ich möchte eigentlich gar kein Mensch sein. Ich möchte sein wie du!«

Er machte erneut eine Pause. »Das ist es, was nach Hause gehen für mich bedeutet.« Der Engel schwebte wieder ans Fußende der Liege.

»Dann, Michael Thomas von reiner Absicht, sollst du auch empfangen, wonach du strebst!« Es war, als strahlte der Engel in noch hellerem Licht – wenn es denn möglich gewesen wäre. Über seinem leuchtenden Weiß lag nun ein goldener Schimmer. »Du musst jedoch einem vorherbestimmten Weg folgen und du musst es freiwillig tun, aus eigenem Entschluss und Antrieb. Dann wirst du mit einer Reise nach Hause belohnt. Willst du das tun?«

»Ja, das will ich«, erwiderte Mike. Es war der Anfang eines wundervollen Gefühls, das sich vielleicht mit dem Wort »Liebeswäsche« beschreiben ließ. Die Luft schien sich zu verdichten. Der Schein des Engels begann, die Liege zu durchdringen und umspülte Mikes Füße. Schauer liefen Mikes Rücken hoch, und ohne sein Zutun begann er in einer so schnellen Schwingung zu vibrieren, wie er es noch nie erlebt hatte. Es war fast wie ein Summen, so schnell. Es fuhr seinen Körper hinauf bis in seinen Kopf. Seine Wahrnehmung veränderte sich, und es zuckten kleine blaue und violette Blitze auf – in starkem Kontrast zu dem intensiven Weiß, auf das er seit Beginn dieser ganzen Geschichte geschaut hatte.

»Was ist los?«, fragte Mike voller Angst.

»Deine Absicht ist dabei, deine Realität zu verändern.«

»Ich verstehe nicht.« Mike war entsetzt.

»Ich weiß«, sagte der Engel mitfühlend. »Hab’ keine Angst Gott in dein Wesen zu integrieren. Es ist ein Verschmelzen, um das du gebeten hast und es wird dir auf deiner Reise nach Hause zugutekommen.«

Der Engel wich von Mikes schmalem Bett zurück, als wolle er Platz machen.

»Bitte geh’ noch nicht fort!«, rief Mike, immer noch erschüttert und verängstigt.

»Ich passe mich deiner neuen Größe an«, sagte der Engel ein wenig amüsiert. »Ich gehe erst weg, wenn wir vollzählig sind.«

»Ich verstehe das immer noch nicht, aber ich habe keine Angst«, log Mike. Wieder lachte der Engel und erfüllte den Raum mit einem Klang, dessen Fröhlichkeit und Liebe Mike überraschten. Mike erkannte, dass es hier keine Geheimnisse gab, also sprach er weiter. Er musste wissen, was das für ein Gefühl war. Der Engel lachte.

»Was passiert eigentlich, wenn du lachst? Es berührt mich sehr, und ich habe noch nie so etwas gefühlt.« Der Engel freute sich über die Frage.

»Was du hörst und fühlst ist ein Attribut, das einzig und allein die göttliche Quelle besitzt«, sagte der Engel. »Humor ist eine der wenigen Eigenschaften, die ungehindert von unserer Seite auf eure Seite wechseln können. Hast du dich je gefragt, warum Menschen wohl die einzigen biologischen Wesen auf der Erde sind, die lachen? Man könnte meinen, auch Tiere lachen, aber sie reagieren nur auf Reize. Ihr seid die Einzigen, die den echten Funken spirituellen Bewusstseins haben, das euch dazu befähigt; ihr allein könnt einen abstrakten Gedanken oder eine Idee in Humor verwandeln. Das heißt, euer Bewusstsein ist der Schlüssel. Glaub mir, es ist heilig. Und deshalb ist es auch so heilend, Michael Thomas von reiner Absicht.«

Diese Erklärung war ausführlicher, als alles, was der Engel bis hierher geäußert hatte. Mike glaubte, dass er noch einige Schätze der Wahrheit aus ihm hervorlocken könnte, bevor seine Zeit abgelaufen wäre. Eifrig versuchte er es.

»Wie lautet dein Name?«

»Ich habe keinen.« Wieder herrschte Stille. Eine lange Pause entstand. Tja, dachte Mike, jetzt sind wir wieder bei den einsilbigen Antworten.

»Als wer bist du bekannt?«, bohrte er weiter.

»ICH BIN allen bekannt, Michael Thomas, und weil DAS ICH BIN allen bekannt ist, deshalb existiere ich.« * (#ulink_12a961a4-5cfd-5460-96e8-568fdd7dcf80)

»Das verstehe ich nicht«, entgegnete Michael.

»Ich weiß.« Wieder schwieg der Engel, was sich jedoch nicht gegen Mike richtete. Vielmehr respektierte er Mikes Naivität – man konnte in dieser Situation kaum mehr von Mike erwarten –, so wie Eltern die Neugier ihres Kindes verstehen, wenn es Fragen über das Leben stellt. Alles, was der Engel tat und sagte, geschah mit Liebe. Mike wusste, es war besser, nicht länger zu drängen und zum Wesentlichen zu kommen.

»Was ist der Weg, von dem du sprichst, lieber Engel?« Mike fühlte sich einen Moment unwohl bei der Anrede »lieber«, aber irgendwie passte sie zu der Art des Engels. Er war wie Eltern, Bruder, Schwester und Geliebte zugleich. Ein Gefühl, das Mike nicht so bald vergessen würde. Er sehnte sich, in dieser Energie zu bleiben und hatte Angst, sie wieder zu verlieren.

»Wenn du in deine Realität zurückkehrst, Michael, bereite deine Sachen für ein Abenteuer vor, das eine Weile dauern wird. Sobald du so weit bist, bekommst du den Anfang des Weges gezeigt. Er führt dich zu sieben Häusern des Geistes – auch Spirit genannt – und in jedem Haus triffst du eine Wesenheit wie mich; jede erfüllt eine andere Aufgabe. Deine Reise mag Überraschungen und sogar Gefahren mit sich bringen, doch kannst du sie jederzeit abbrechen, ohne dafür verurteilt zu werden. Mit der Zeit wirst du dich verändern und viele Dinge lernen. Es wird deine Aufgabe sein, die Merkmale Gottes zu studieren. Wenn du in allen sieben Häusern gewesen bist, wird dir die Tür gezeigt, durch die du nach Hause gehen kannst. Und, Michael Thomas von reiner Absicht«, der Engel machte eine Pause und lächelte, »es wird ein großes Fest stattfinden, wenn du diese Türe öffnest.«

Mike wusste nicht, was er sagen sollte. Er empfand eine gewisse Erleichterung, fühlte sich aber auch nervös bei dem Gedanken jetzt ins Ungewisse zu reisen. Was würde er vorfinden? Sollte er es tun? Vielleicht war das Ganze nur ein Traum und einfach Unsinn! Was war denn überhaupt Realität?

»Was du jetzt vor dir hast, ist Realität, Michael Thomas von reiner Absicht«, sagte der Engel, der wieder einmal Mikes Gefühle las. »Dort, wohin du zurückkehrst, ist eine zeitlich begrenzte Realität, eigens eingerichtet, damit Menschen darin lernen können.«

Michael brauchte seine Zweifel nur zu fühlen und schon wusste es der Engel. Wieder empfand er, dass diese neue Art der Kommunikation zwar etwas indiskret, aber zweifellos auch eine Ehre für ihn war. Im Traum, überlegte Mike, ist man in Kontakt mit dem eigenen Gehirn. Deshalb kann man keine Geheimnisse vor sich selbst haben. Vielleicht war es daher auch in Ordnung, wenn er in dieser Form mit einem Wesen redete, das seine Gedanken kannte. Außerdem entsprach das, was der Engel sagte, ja genau dem, was in Mike vorging. Er begann sich wohl zu fühlen in dieser »Traumrealität«, und war nicht darauf erpicht, in eine Wirklichkeit zurückzukehren, die ihr nachstand.

»Was jetzt?«, fragte Mike zögernd.

»Du hast die Absicht erklärt, diese Reise zu machen. Deshalb wirst du nun in dein menschliches Bewusstsein zurückkehren. Es gibt jedoch einige Punkte, die du auf deinem Weg beachten musst: Die Dinge sind nicht immer so, wie sie scheinen, Michael. Im Laufe der Zeit wirst du dich der Realität nähern, die du jetzt mit mir erlebst. Vielleicht musst du daher – wenn du der Türe von Zuhause näher kommst – ein neues Verhalten entwickeln, das ein bisschen …«, der Engel pausierte, »…AKTUELLER ist, als bisher.« Mike verstand zwar nicht, wovon die Rede war, hörte aber aufmerksam zu.

Der Engel fuhr fort: »Es gibt noch eine Frage, die ich dir jetzt stellen muss, Michael Thomas von reiner Absicht.«

»Ich bin bereit«, erwiderte Michael, der sich keineswegs selbstbewusst fühlte, jedoch aufrichtig bereit war, weiterzumachen. »Wie lautet die Frage?« Der Engel schwebte näher ans Fußende der Liege.

»Michael Thomas von reiner Absicht, liebst du Gott?« Mike war über die Frage erschrocken. Natürlich, dachte er. Warum wurde er danach gefragt?

Rasch erwiderte er: »Da du mein Herz sehen kannst und meine Gefühle kennst, musst du doch wissen, dass ich Gott liebe.« Es herrschte Stille, und Mike wusste, dass der Engel sich freute.

»Wahrhaftig!« Es war das letzte Wort, das von den unsichtbaren Lippen dieses wunderbaren Wesens kam, das ihn offensichtlich von Herzen liebte. Der Engel streckte die Hand aus und machte eine Bewegung, als durchtrenne er Mikes Kehle. Wie konnte er so weit reichen? Augenblicklich hatte Mike das Gefühl, Hunderte von Leuchtkäfern seien in seinen Hals geflogen und veränderten etwas an seiner Person. Mike spürte keinen Schmerz, aber plötzlich musste er erbrechen.






* (#ulink_631bc9bf-64de-57da-8878-4e865d1f3bf4) Engl.: I AM known by all – and THAT I AM known by all; therefore, I exist. (A.d.Ü.)


D r e i

Vorbereitung

Die Reise beginnt



»Halte seinen Kopf nach links über die Schale!«, rief die Krankenschwester dem Pfleger zu. »Er muss erbrechen.« Die Notaufnahme war an jenem Abend überfüllt, wie so oft am Freitag. Diesmal machte der Vollmond alles noch schwieriger. Obgleich man vermutlich in Krankenhäusern weder an Astrologie noch an metaphysische Dinge glaubte, war man doch dazu übergegangen, bei Vollmond mehr Personal in der Notfall-Ambulanz einzusetzen. Es schienen Dinge zu passieren, wie zu keiner anderen Zeit. Die Schwester eilte hinaus, um sich einer weiteren dringenden Angelegenheit zu widmen.

»Ist er wach?«, fragte der Nachbar, der Mike zum Krankenhaus begleitet hatte. Der weiß gekleidete Pfleger beugte sich hinab, um Mikes Augen genauer zu untersuchen.

»Ja. Er kommt gerade zu sich«, erwiderte er. »Wenn Sie gleich mit ihm sprechen, lassen Sie ihn nicht sofort aufstehen. Er hat nicht nur einen schlimmen Schlag auf den Kopf gekriegt, der genäht werden musste, auch sein Unterkiefer wird ein paar Tage sehr weh tun. Gott sei Dank konnten wir ihn wieder einrenken, solange er bewusstlos war.«

Der Pfleger verließ die Kabine, die aus einem Vorhang bestand, der von einer halbkreisförmigen Schiene herabhing. Beim Hinausgehen zog er den Vorhang zu, so dass Mike und sein Nachbar wieder allein waren. Die zahlreichen Geräusche auf der Station waren gedämpft, aber der Nachbar hörte alles, was sich in den angrenzenden Kabinen abspielte. In der linken lag eine Frau – Opfer eines Messerstiches; in der rechten ein älterer Mann mit Atemnot und einem tauben Arm. Sie waren fast ebenso lange da wie Mike – etwa anderthalb Stunden.

Mike öffnete die Augen und fühlte einen brennenden Schmerz im Unterkiefer. Er wusste sofort, dass er wach war. Keine Engelträume mehr, dachte er, als die Schmerzen und die ganze Situation langsam Realität für ihn wurden. Das grelle, künstliche Licht der Neonröhren, das die Notaufnahme erhellte, ließ ihn schaudern und die Augen schließen. Es war kalt im Raum und Mike wünschte sich eine Decke – doch niemand brachte sie ihm.

»Sie waren eine Zeit lang bewusstlos«, sagte der Nachbar, ein wenig verlegen, weil er nicht einmal Mikes Namen kannte. »Man hat Ihnen den Kopf verbunden und den Kiefer eingerenkt. Versuchen Sie jetzt nicht, zu sprechen.«

Mike schaute den Mann, der sich über ihn beugte, dankbar an. Trotz seines Dämmerzustandes bemühte er sich, die Gesichtszüge zu erkennen und sah, dass es der Mieter aus der Wohnung nebenan war. Der Mann setzte sich an Mikes Seite, während dieser in einen tiefen Schlaf fiel.






Als er wach wurde, wusste Mike, dass er sich woanders befand. Es war still und er lag im Bett. Er öffnete die Augen und versuchte, etwas klarer im Kopf zu werden; offenbar lag er immer noch im Krankenhaus, doch nun in einem Privatzimmer. Für ein Krankenzimmer, fand er, war es gut ausgestattet. Sein müder Blick glitt über die Bilder an der Wand und den schön gedrechselten Stuhl neben seinem Bett. Die Zimmerdecke war mit einem teuren, schalldämpfenden Material verkleidet. Es bildete kleine, wohlgeformte Recht­ecke, die sich durch Mikes verschwommene Wahrnehmung etwas in die Länge zogen. Neonröhren gab es zwar auch, aber gedämpft und halb versteckt im Muster des geschmackvollen Dekors. Die Helligkeit kam vor allem von einem Fenster mit Blick auf die Bucht und von den Glühbirnen einiger im Raum verteilter Lampen. Statt einem Wandbrett, auf dem sich in Krankenhauszimmern für gewöhnlich der Fernseher befindet, gab es hier einen schönen, la­ckierten Schrank. Die Türen des exquisiten Möbels waren geschlossen. Die Lampen trugen Schirme, wie in einem vornehmen Hotel und passten sogar zur Tapete! Was war das hier? Ein Privathaus? Als Mikes Augen weiter wanderten, entdeckten sie allerdings die normalen Krankenhausstecker für Luft, Gas und Elektrizität, die sich an verschiedenen Stellen im Raum befanden. Auch entdeckte Mike eine Anzahl diagnostischer Geräte hinter sich – wovon eins mit medizinischem Klebeband an seinem Arm befestigt war. Alle paar Sekunden gab es einen leisen Ton ab.

Da offenbar niemand in der Nähe war, begann Mike über die Geschehnisse nachzudenken. War er am Hals operiert worden? Konnte er sprechen? Langsam tastete er mit der Hand über seinen Hals, wo er einen dicken Verband oder sogar Gips erwartet hatte. Stattdessen fühlte er glatte Haut! Mit den Fingern fuhr er darüber und stellte fest, dass alles normal war. Vorsichtig versuchte er, sich zu räuspern; erstaunlicherweise sprach seine Stimme sofort an. Als er jedoch den Mund öffnete, merkte er, was nicht in Ordnung war. Ein heißer, stechender Schmerz durchzuckte ihn im Schlund und unter dem Ohr – so furchtbar, dass ihm übel wurde. Schmerzen, die man hören kann, dachte er und nahm sich vor, den Mund nur noch langsam zu öffnen.

»Ah, ich sehe, wir sind wach geworden. Gegen die Schmerzen können Sie alles bekommen, was Sie möchten, Mr. Thomas«, sagte eine schniefende, aber freundliche Frauenstimme an der Tür. »Sie werden aber schneller gesund, wenn Sie Ihre Schmerzgrenze ohne Pillen he­rausfinden. Es ist nämlich nichts gebrochen. Ihr Kiefer braucht nur Übung, um wieder normal zu funktionieren.« Die Krankenschwester, angetan mit etwas, das sich nur als Designer-Outfit bezeichnen ließ, kam an Mikes Bett. Doch nicht nur ihre Uniform war gebügelt und saß perfekt, offensichtlich hatte sie auch eine Menge Erfahrung. Über ihrer Brusttasche prangten verschiedene Abzeichen und Auszeichnungen. Mike sprach vorsichtig durch die Zähne, wobei er sich bemühte, den Unterkiefer möglichst wenig zu bewegen.

»Wo bin ich?«, nuschelte er.

»Sie sind in einem Privatkrankenhaus in Beverly Hills, Mr. Thomas.« Die Schwester stand jetzt neben ihm. »Sie haben die Nacht hier verbracht, nachdem man Sie von der Notaufnahme hierher verlegt hat. Sie sollen bald entlassen werden.« Mikes Augen weiteten sich und sein Gesicht zog sich angstvoll in Falten. Er hatte gehört, dass ein Tag in einem derartigen Krankenhaus zwei bis dreitausend Dollar kosten konnte. Beim Gedanken, wie er das bezahlen sollte, fing sein Herz an zu klopfen.

»Das geht in Ordnung, Mr. Thomas«, sagte die Schwester beruhigend, als sie Mikes Gesicht sah. »Alles ist schon geregelt. Ihr Vater hat sich darum gekümmert. Ja, und er hat alles bezahlt.«

Mike war einen Moment still und überlegte, wie sein verstorbener Vater sich um alles hatte kümmern können. Vielleicht vermutete sie nur, es sei sein Vater gewesen und in Wirklichkeit war es sein Nachbar? Mike versuchte, so gut es ging zu sprechen, ohne den Mund zu bewegen.

»Haben Sie ihn gesehen?«, nuschelte er.

»Gesehen? Ja klar! Sah toll aus, Ihr Dad! Groß und blond wie Sie, mit der Stimme eines Heiligen. Waren alle am Tuscheln, die Schwestern, als sie ihn sahen; ja wirklich.« Mike brauchte die Schwester nur reden zu hören, um zu wissen, dass sie aus seiner Heimat Minnesota kam. Irgendwie redete man da verdreht, indem man das Subjekt oft an das Satzende stellte. Eine komische Ausdrucksweise, die er, sobald er nach Kalifornien gezogen war, aufgegeben hatte. Sie klang, wie die des Yoda, der in Star Wars mitspielte.

»Hat für alles bezahlt, hat er, bar bezahlt sogar. Also machen Sie sich keine Sorgen, Mr. Thomas und – ach ja – er hat da eine Nachricht für Sie hinterlassen.«

Mikes Herz machte einen Sprung, obwohl er den Verdacht hatte, dass der angebliche Vater sein Nachbar war; die Beschreibung der Krankenschwester passte allerdings auf keinen von beiden. Die Schwester ging hinaus, um die Nachricht zu holen. In weniger als fünf Minuten war sie zurück mit einem Stück Papier, auf dem offensichtlich eine maschinengeschriebene Botschaft stand.

»Hat das diktiert, wissen Sie«, sagte die Schwester, indem sie ein gefaltetes Blatt aus dem Krankenhaus-Kuvert nahm. »Sagte, seine Handschrift sei nicht so gut; deshalb haben wir das für Sie getippt. Bisschen schwer zu verstehen, wenn Sie mich fragen. Hat er Sie als Kind Vorab genannt?« Sie reichte Mike das Blatt und er las es.

Lieber Michael-Vorab,



Nicht alles ist so, wie es scheint. Deine Suche beginnt jetzt. Werde rasch gesund und mache deine Sachen fertig für die Reise. Ich habe den Weg nach Hause vorbereitet. Nimm dieses Geschenk an und breche auf. Den Weg bekommst du gezeigt.



Mike fühlte, wie ihm Schauer über den Rücken liefen. Dankbar schaute er die Schwester an, während er das Blatt an seine Brust drückte. Dann schloss er die Augen, wie um zu sagen, dass er allein sein wollte. Die Schwester begriff seinen Wunsch und verließ das Zimmer.

Unzählige Gedanken gingen Mike durch den Kopf. »Nicht alles ist so, wie es scheint«, stand in der Botschaft. Was für eine Untertreibung! Er wusste, dass sein Hals gestern zusammengetreten und zerquetscht worden war, von einem Verbrecher, der ihn auf dem Boden seines Apartments beinahe umgebracht hätte. Er hatte bei dem furchtbaren Ereignis das Knirschen seiner Knochen deutlich gespürt! Und jetzt war da keinerlei Verletzung, außer einem ausgerenkten und replatzierten Unterkiefer; und ein paar Schnittwunden und blauen Flecken im Gesicht und am Kopf. Das würde zwar eine Weile wehtun, ihn aber nicht außer Gefecht setzen. War dies das Geschenk?

Dass die Engel-Vision tatsächlich stattgefunden hatte, wurde für Mike erst zur Realität, nachdem er die Notiz gelesen hatte. Wenn das nicht der Engel gewesen war, wer dann? Mike kannte niemanden, der so viel Geld besaß oder eng genug mit ihm befreundet war, um ihm etwas zu schenken – geschweige denn die hohe Krankenhausrechnung zu bezahlen. Wer sonst konnte von der Reise wissen, zu der Mike sich bereit erklärt hatte? Sein Körper zitterte vor Fragen; und immer noch kamen ihm Zweifel, ob die Nachricht und ihr Sinn auch echt seien; bis er schließlich den letzten Beweis entdeckte – und lächeln musste.

Hatte die Krankenschwester nicht gefragt, ob er »Vorab« genannt worden sei? Auf dem Zettel stand Vorab, so als sei es ein Name; ohne Zweifel Buchstabe für Buchstabe diktiert von dem »Engel«, der seine Rechnung bezahlt hatte. Es war jedoch kein Spitzname. Es waren Anfangsbuchstaben! Vo-r-Ab – Von reiner Absicht!* (#ulink_69e6102b-a6a7-5340-a0ab-f29f57778e7b) Mikes Lächeln wurde zum Lachen. Es tat fürchterlich weh, aber er lachte und lachte und sein ganzer Körper schüttelte sich vor Glückseligkeit – bis er verstummte und auch die Freudentränen noch laufen ließ. Er war auf dem Weg nach Hause!






Die nächsten Tage hatten besondere Bedeutung. Mike verließ das Krankenhaus mit ein paar Schmerztabletten; aber er sah, dass er sie nicht brauchte. Sein Unterkiefer schien unglaublich schnell zu heilen und er konnte vorsichtige Übungen damit machen. Es fiel ihm immer leichter zu sprechen. Und obgleich das Essen zuerst mühsam für ihn war, ging es nach ein, zwei Tagen bereits gut. Die Schmerzen beschäftigten ihn bei der ganzen Sache überhaupt nicht. Alles war noch etwas steif, aber im Hinblick auf die Umstände durchaus erträglich. Mike wollte nicht, dass sein Hochgefühl über die nun beginnende, spirituelle Suche durch Schmerztabletten beeinträchtigt wurde. Die Schnittwunden und blauen Flecken verschwanden allmählich, und immer wieder musste er staunen, wie schnell alles ging.

Seine Kündigung erledigte er telefonisch. Unzählige Male hatte er sie in Gedanken geübt; er wollte seinen Abschied von diesem fürchterlichen Job voll auskosten. Dann rief er seinen Freund John an und erklärte ihm, so gut es ging, dass er einen ausgedehnteren Urlaub machen würde und vielleicht nicht mehr zurückkäme. John wünschte ihm alles Gute, äußerte sich allerdings besorgt über Mikes Geheimniskrämerei in Bezug auf seine Pläne.

»Kumpel«, hatte John ihn gedrängt, »mir kannst du es doch erzählen! Ich werde dich nicht daran hindern. Was ist los?« Mike wusste nur zu gut, dass John nicht verstehen würde, wenn er sagte, ein Engel sei ihm erschienen und habe ihm Anweisungen gegeben – also schwieg er.

»Ich muss eine private Reise unternehmen«, erklärte er John. »Sie ist wichtig für mich.« Und dabei ließ er es bewenden.

Mike kündigte sein Apartment und packte seine Sachen. Sorgfältig sortierte er seine persönlichen Schätze von Kleidung und Hausrat. Viel besaß er nicht, doch seine Lieblingssachen – Fotos und ein paar Bücher – steckte er in zwei Reisetaschen. Ihm war klar, dass er nicht viel Kleidung mitnehmen konnte und so nahm er nur genug für eine einfache Reise und tat sie zu den Fotos und Büchern.

Dann lud er seinen Nachbarn ein, der ihn gerettet hatte und gab ihm einige Kleidungsstücke, seinen Fernseher, sein Fahrrad – mit dem er immer zur Arbeit gefahren war – und ein paar weniger wertvolle Dinge, die sich im Laufe des letzten Jahres angesammelt hatten.

»Wenn Sie die Sachen nicht wollen«, meinte er, »geben Sie sie einer Hilfsorganisation.«

Der Nachbar schien überwältigt von so viel Großzügigkeit und strahlte übers ganze Gesicht, als er Mike die Hand schüttelte. Mike hatte den Eindruck, dass der Mann tatsächlich vieles von den Sachen gebrauchen konnte. »Katze«, der Fisch, war von seinem Nachbarn – nachdem dieser die Polizei gerufen hatte – gerettet worden; und da er sich jetzt sowieso im Aquarium des Mannes befand, schien es das Beste, dass er da blieb.

»Bye-bye, Katze!«, hatte Mike lächelnd gesagt, als er in der Wohnung des Mannes gewesen war. »Nicht die Hoffnung aufgeben.« Katze hatte ihn nicht einmal angeschaut. Er war mit seinen neuen Fischfreunden beschäftigt.

Fünf Tage nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, stellte Mike fest, dass er mit den Vorbereitungen fertig war. Er hatte keine rechte Vorstellung, was er jetzt tun und wo er eigentlich hingehen sollte. Es war Abend und alles war still. Er wusste, der Engel würde mitbekommen, wann er bereit war, und morgen würde etwas Neues beginnen. Mike fühlte, dass es an der Realität seiner Reise keinen Zweifel gab. Er war fest überzeugt, dass ihm gezeigt würde, was er zu tun hatte. Alles, was in der letzten Woche passiert war, rechtfertigte diese Überzeugung. Er beschloss, die Schätze, die er in den Reisetaschen auf seine spirituelle Fahrt mitnehmen würde, noch einmal anzuschauen.

Er öffnete die Taschen und prüfte jeden Gegenstand, den er glaubte mitnehmen zu müssen. Zuerst waren da die Fotos. Das Fotoalbum war im Laufe der Zeit etwas aus dem Leim gegangen, und viele der alten Fotos waren mit den altmodischen Klebe-Ecken aus den fünfziger Jahren eingeklebt. Er öffnete das Buch vorsichtig, um die schlechter klebenden Bilder nicht abzulösen; wieder überkam ihn die wohlbekannte Melancholie, als er auf das Hochzeitsfoto seiner Eltern blickte – das erste Foto im Album. Dieses und andere Fotos von ihnen hatte er nach dem Unfall gefunden und kaum die Kraft gehabt, sie anzuschauen.

Da waren die beiden – verliebt in die Kamera lächelnd – am Beginn ihres gemeinsamen Lebens. Ihre Kleidung fand Mike eher komisch und soweit er sich erinnern konnte, war es das einzige Mal, dass er seinen Vater mit einer Krawatte sah. Irgendwann hatte Mike Moms altes Hochzeitskleid auf dem Speicher gefunden. Er hatte eine Nachbarin gebeten, es einzupacken, weil es für ihn selbst zu schmerzlich war. Als das Hochzeitsfoto seiner Eltern damals aufgenommen wurde, existierte von Mike noch nicht mehr als der Glanz in ihren Augen: Voll freudiger Erwartung blickten sie der Zukunft entgegen. Mike starrte lange auf das Foto, bis er schließlich sanft zu ihm sagte: »Mom und Dad, ich bin euer einziges Kind. Ich hoffe, das, was ich jetzt vorhabe, wird euch nicht enttäuschen. Ich liebe euch und wünsche mir, euch bald wiederzusehen.«

Dann schlug er die Seiten auf, die ihn als Jungen zeigten. Er lächelte oft. Da war die alte Farm, und ab und zu Bilder von Freunden, die seinen Lebensweg geteilt hatten. Er liebte das Foto, wo er selbst auf dem Traktor saß und sechs Jahre alt war. Wieviel ihm dieses Album bedeutete! Mike hatte den Eindruck, Gott eine Freude zu machen, wenn er die Fotos mit auf seine besondere Reise nahm und in dieser Weise seine Eltern und sein früheres Leben hochhielt. Was später mit dem Album passieren würde, konnte niemand wissen. Doch im Augenblick hatte Mike das Gefühl, dass er diese Dinge nicht zurücklassen durfte.

Außerdem waren da noch seine Bücher. Er liebte sie über alles! Seine Bibel: vom vielen Lesen dünn geworden; wie oft hatte sie ihn getröstet! Auch wenn er nicht alles verstand, so fühlte er doch ihre spirituelle Energie. Sie war sorgfältig eingepackt und Mike hätte sie niemals irgendwo zurücklassen können. Dann seine Jugendbücher, die ihm so viel bedeuteten: Die Hardy Boys, Charlottes Netz – ein paar Taschenbücher, die er ab und zu wieder las; und die ihn jedesmal an die Zeit erinnerten, als er diese spannenden Geschichten zum ersten Mal gelesen hatte und an alles, was er in dem Alter gemacht hatte. Schließlich das tolle Abenteuerbuch von Moby Dick – da war er schon etwas älter – und die Sherlock-Holmes-Serie. Und dann einige seiner Lieblingsgedichte von unbekannten Schriftstellern.

All die Bücher und Fotos passten problemlos in zwei Taschen und waren leicht zu tragen, so dass er auch noch einen mittelgroßen Beutel für Proviant mitnehmen konnte. Mike war mit allem fertig und legte sich zum Schlafen ein letztes Mal auf den Boden seines nun leeren Apartments. Er hatte ein Kissen und das genügte. Er war für den kommenden Tag gerüstet und auf seine spirituelle Suche so gespannt, dass er kaum einschlafen konnte – so sehr beschäftigte ihn alles, was passiert war und die Verheißung des Kommenden. Morgen würde seine Reise nach Hause beginnen.






* (#ulink_215f39fb-efdd-53ed-b200-322a43ff54af) Engl. Opi: of Pure Intent. Dieser Name bezieht sich auf Obi-Wan Kenobi aus »Star-Wars« Im Verlauf der Erzählung zeigen sich Gemeinsamkeiten zwischen Michael und Obi-Wan. (A.d.Ü)


V i e r

Das erste Haus

Der nächste Morgen sah ein wenig trüb aus, doch Mike war in ausgezeichneter Stimmung. Von dem bisschen Geld, das er gespart hatte, kaufte er sich ein großes Frühstück und aß es auf der Terrasse eines Bistros in der Nachbarschaft. Es war ein seltsames Gefühl, um diese Zeit draußen zu sein. Normalerweise arbeitete er jetzt schon, gewohnt, den ganzen Tag zu schuften, ein Butterbrot am Schreibtisch zu essen und den Sonnenuntergang zu verpassen, da er um die Zeit noch im Büro saß.

Die Taschen in der Hand und den Sack geschultert, stand Mike vor dem Restaurant und überlegte, in welche Richtung er gehen sollte. Er wusste, dass er nicht nach Westen konnte, da der Ozean ihm schon bald den Weg versperren würde. Also auf nach Osten, bis ihm eine andere Marschroute gezeigt wurde. Mike hatte ein gutes Gefühl dabei, eine Reise zu unternehmen, die auf Glauben und Vertrauen gegründet war; dennoch hätte er gerne ein klareres Ziel gehabt.

Wenn ich nur wüsste, in welche Richtung ich gehen soll – oder wenigstens eine Karte hätte oder einen Hinweis auf meinen augenblicklichen Standort, sagte Mike zu sich selbst, während er ostwärts wanderte und die scheinbar endlosen Vororte von Los Angeles durchquerte, um den Fuß der Hügel anzusteuern, wo ein weiteres Wohnviertel begann. Es wird Wochen dauern, bis ich zu Fuß hier raus bin, dachte er.

Mike hatte keine Ahnung, wo er hinging, hielt sich aber immer in Richtung Osten. Um die Mittagszeit setzte er sich auf einen Bordstein und verzehrte die Reste, die von seinem Frühstück übriggeblieben waren. Wieder fragte er sich, ob er wohl auf dem richtigen Weg sei.

»Wenn ihr da seid, dann brauche ich euch jetzt!«, rief Mike zum Himmel hinauf. »Wo ist der Eingang zu meinem Weg?«

»Eine aktuelle Landkarte ist vonnöten!« Mike hörte eine bekannte Stimme in seinem Ohr sprechen. Er stand auf und blickte um sich, sah aber niemanden. Er erkannte die Stimme des Engels.

»Habe ich das gehört oder gefühlt?«, murmelte er aufgeregt und erleichtert. Zumindest gab es nun eine Verständigung!

»Warum hast du so lange gebraucht?«, fragte Mike, der Sinn für Humor hatte.

»Du hast gerade erst um Hilfe gebeten«, antwortete die Stimme.

»Aber ich bin seit Stunden unterwegs!«

»Das war deine eigene Entscheidung«, bemerkte die Stimme. Warum hast DU so lange gebraucht, deine Bitte an uns zu richten?« Die Stimme hatte offensichtlich Spaß daran, Mikes Vorwurf umzukehren.

»Meinst du damit, dass ich nur Hilfe bekomme, wenn ich darum bitte?«

»Ja. Stell dir vor!«, erwiderte die Stimme. »Du bist ein freier Geist, mächtig und hoch geehrt; imstande, den eigenen Weg zu finden, wenn du dich dazu entschließt. Dein Leben lang hast du nichts anderes getan. Wir sind immer da, aber nur dann aktiv, wenn du darum bittest. Ist das so seltsam?« Mike war einen Augenblick irritiert, denn der Engel hatte vollkommen recht.

»O.k., wo soll ich also hingehen? Jetzt wird es schon Nachmittag; den ganzen Morgen über habe ich geraten, in welche Richtung ich gehen soll.«

»Richtig geraten«, antwortete die Stimme wie mit einem Zwinkern. »Das Tor zu deinem Weg liegt direkt vor dir.«

»Das heißt, ich bin die ganze Zeit darauf zugelaufen?«

»Es braucht dich nicht zu wundern, dass du darauf zugegangen bist. Du bist ein Teil des Ganzen, Michael Thomas von reiner Absicht. Mit etwas Übung wird deine Intuition dich führen. Ich bin heute nur hier, um dir einen kleinen Hinweis zu geben.« Die Stimme zögerte. »Schau nach vorne, du bist schon am Eingangstor!«

Michael stand vor einer großen Hecke, die zwischen den Häuserreihen in eine Schlucht führte.

»Ich kann nichts sehen.«

»Schau noch einmal hin, Michael Thomas.«

Michael starrte auf die Büsche und erkannte langsam die Umrisse eines Tores. Es war versteckt geblieben, weil es sich in die Form der Pflanzen einfügte. Jetzt schien es ihm unmöglich, das Tor NICHT zu sehen, selbst wenn er es gewollt hätte. Es war unverkennbar! Er drehte sich einen Moment zur Seite und schaute dann noch einmal – mit neuem Blick. Da war es, sogar noch deutlicher als eben.

»Was ist los?«, fragte Mike, dem auffiel, dass seine Wahrnehmung sich veränderte.

»Wenn das Unsichtbare sichtbar wird«, sagte die sanfte Stimme, »dann kannst du nicht in die Unwissenheit zurückfallen. Du wirst von nun an jedes Eingangstor sofort erkennen – weil du die Absicht bekundet hast, dieses hier zu sehen.«

Obgleich Mike nicht ganz verstand, was das zu bedeuten hatte, war er begierig, den eigentlichen Weg seiner Reise zu betreten. Die Hecke sah inzwischen nicht nur aus wie ein Tor, sondern verwandelte sich tatsächlich in eines! Direkt vor Mikes Augen begann sie zu wachsen und eine neue Form anzunehmen.

»Das ist ja ein Wunder!«, flüsterte Mike und schaute zu, wie die hohe Hecke zur Eingangspforte wurde; ja, er wich sogar ein wenig zurück, um dem Phänomen Platz zu machen.

»Eigentlich nicht«, antwortete die Stimme. »Deine spirituelle Absicht hat DICH ein wenig verändert; dadurch werden die Dinge, die auf deiner neuen Stufe schwingen, plötzlich für dich sichtbar. Kein Wunder, sondern einfach die Art und Weise, wie es funktioniert.«

»Du meinst, mein Bewusstsein kann die Realität verändern?« , fragte Mike.

»Wenn du es so ausdrücken willst«, erwiderte die Stimme. »Realität ist die Essenz Gottes und ist immer gleich. Dein menschliches Bewusstsein offenbart dir nur die neuen Aspekte der Realität, die du kennen lernen möchtest. Während du dich veränderst, siehst du immer mehr davon, und du kannst diese neuen Offenbarungen erleben und nutzen, wie du willst; nur zurück kannst du nicht.«

Mike begann zu verstehen; doch hatte er noch eine Frage, bevor er sich durch das sichtbar gewordene Tor auf den Weg machte. Immer schon war es ihm ein Bedürfnis gewesen, alles auf seinen Wahrheitsgehalt hin zu prüfen – auch die Engel-Stimme, die er im Inneren hörte. Er überlegte sich seine Frage und stellte sie:

»Du hast gesagt, ich sei ein Geschöpf mit freiem Willen. Warum kann ich dann nicht zurück, wenn ich es will? Was ist, wenn ich die neue Realität ignorieren möchte, um zu einer einfacheren zurückzukehren? Ist das nicht freier Wille?«

»Das Axiom, dass du niemals in einen weniger bewussten Zustand zurückkehren kannst, ergibt sich aus den Gesetzmäßigkeiten der Spiritualität* (#ulink_90a0c2c2-7f52-5038-8d8f-781ed9aa4feb)«, entgegnete die Stimme. »Wenn du es trotzdem aktiv versuchst, leugnest du die Erleuchtung, die du empfangen hast und verlierst dein Gleichgewicht. Du kannst in der Tat versuchen, dich zurückzubewegen. Es ist dein freier Wille. Doch Menschen, die versuchen, das, was sie als Wahrheit erkennen, zu ignorieren, sind in einem sehr traurigen Zustand, denn sie können mit einer doppelten Schwingungsfrequenz nicht lange existieren.«

Mike verstand zwar nicht die Bedeutung der neuen spirituellen Information, die die Stimme ihm gab. Doch er hatte eine Antwort auf seine Frage bekommen. Er wusste, er konnte hier und jetzt umkehren und zur Stadt zurückgehen. Er hatte die Wahl. Doch jedesmal, wenn er hier stünde, würde er das Tor sehen; und es zu sehen und zu ignorieren, würde ihn aus dem Gleichgewicht bringen und zweifellos krank machen. Irgendwie machte alles Sinn und sein Wunsch war nicht, zurückzugehen, sondern vorwärts. Also nahm er seine Taschen und seinen Beutel und machte sich durch das Tor auf den Weg, auf dem seine Reise begann. Es war ein einfacher Trampelpfad, so wie in jeder anderen Schlucht. Mike fand es aufregend und – das Tor rasch hinter sich lassend – schritt zügig voran.

Kaum hatte er die Pforte durchschritten, als eine dunkle, schemenhafte grünliche Gestalt ebenfalls hindurchschlüpfte. Das Gestrüpp verwelkte, wo ES entlang ging; und hätte Michael beim Gehen nicht nach vorn geschaut, der Gestank hätte ihm verraten, dass ES anwesend war. ES bezog seine Position weit genug hinter Mike, um außer Sichtweite, aber immer im gleichen Abstand zu ihm und seiner Überschwänglichkeit zu bleiben. Behende und listig, überschattete es gleich einem Phantom Mikes fröhliche Begeisterung mit ebenso viel Hass und dunklen Absichten.

Nach kurzer Zeit änderte sich für Michael Thomas nicht nur die Landschaft, sondern auch das Gefühl, das sie in ihm hervorrief. Nirgendwo konnte er das weitgestreckte Los Angeles mit seinen unzähligen Vorstadt-Häusern entdecken. Tatsächlich gab es keinerlei Anzeichen von Zivilisation – keine Telefonmasten, keine Flugzeuge, keine Autobahnen. Gespannt hatte er sich auf den neuen Weg gemacht, wie ein Kind, das an Weihnachten seine Geschenke auspackt – stetig ausholend und ohne viel nachzudenken, wobei er nun entdeckte, dass er mit jedem Schritt tiefer in eine andere Welt eindrang. Seine Reise führte ihn in eine Realität, die vollkommen verschieden war von derjenigen, in der er sich bis eben noch aufgehalten hatte. Mike fragte sich, ob er sich nun irgendwo zwischen Erde und Himmel befand, wo er spirituellen Unterricht erhalten würde – denn er ging davon aus, dass dieser bald beginnen musste, um ihn auf die Ehre seiner Heimkehr vorzubereiten. Der schmale Pfad war allmählich breiter geworden und besaß nun beinahe die Ausdehnung einer Straße. Er maß vielleicht ein bis anderthalb Meter, und war, obgleich er keinerlei Fußspuren zeigte, leicht auszumachen.

Mike drehte sich plötzlich um. Was war das? Sein Blick fiel auf etwas Dunkelgrünes, Behendes, das nach links hinter einen Felsen schoss. Wahrscheinlich irgendein Wild, dachte er. Die Straße hinter ihm war nun das Spiegelbild dessen, was vor ihm lag – ein langes Band, das sich kurvenreich dahinschlängelte. Inmitten einer herrlich üppigen Landschaft mit grünen Bäumen, Wiesen und felsigen Anhöhen, verschwand sie über viele Hügel hinweg in der Ferne. Blumen betupften die Gegend genau an den richtigen Stellen – wie hunderte von Pinselstrichen auf der vollkommenen Leinwand der Natur.

Mike hielt inne, um zu rasten. Er hatte keine Uhr, doch nach dem Sonnenstand schätzte er, dass es etwa zwei Uhr nachmittags war – Zeit zum Essen. Er setzte sich an den Wegrand und aß die Reste seines riesigen Frühstücks, die er sich für später aufbewahrt hatte. Er schaute umher und fühlte die Stille.

Keine Vögel, dachte er. Er sah sich den Boden unter seinen Füßen genauer an. Auch keinerlei Insekten. Wirklich ein seltsamer Ort. Es machte ihn nachdenklich. Dann fühlte er einen plötzlichen Luftzug im Haar. Wenigstens Luft gibt es hier! Er schaute hinauf zum wolkenlosen Himmel, in das reine Blau eines erfrischenden, herrlichen Tages.

Mike stellte fest, dass es in seinem Beutel nichts mehr zu essen gab; aber er wusste auch, dass er nicht allein war und dass Gott irgendwie für sein leibliches Wohl sorgen würde. Die Geschichten von Moses in der Wüste fielen ihm ein, der 40 Jahre lang mit den Stämmen Israels umherzog. Er erinnerte sich, wie diese Nomaden vom Himmel gespeist worden waren, und während er über die Geschichte nachdachte, fragte er sich, ob sie wohl wahr sei. All die Familien, die Moses folgten, hatten wahrscheinlich eigensinnige Teenager, so wie wir heute auch, dachte er. Er sah sie vor sich, wie sie ihren Eltern gegenüber maulten: »Also jetzt sind wir schon achtmal an diesem Felsen vorbeigekommen seit ich klein war! Warum vertraut ihr diesem Moses? Er führt uns im Kreis herum! Die Wüste kann doch so groß nicht sein! Oder?«

Mike lachte bei dem Gedanken und fragte sich, ob er wohl bald den gleichen Felsen noch einmal sehen würde und dann wüsste, dass auch er im Kreis herumging! Ebenso wenig wie die Israeliten in der Wüste, hatte er eine Vorstellung, wohin er ging – und nicht einmal etwas zu essen! Die Übereinstimmung ließ ihn noch mehr lachen.

Vielleicht als Belohnung für sein Lachen oder ganz einfach weil es an der Zeit war, entdeckte Mike hinter der nächsten Kurve der sich weitenden Straße das erste Haus – und es war blau! Du meine Güte, dachte er. Wenn Frank Lloyd das sehen könnte, er würde brüllen! Mike musste innerlich lachen. Ich hoffe, ich bin nicht respektlos, dachte er, aber ich habe noch nie ein blaues Haus gesehen. Der Weg führte tatsächlich zur Haustür, was also bedeutete, dass hier seine erste Station war. Es konnte nur so sein, da keinerlei andere Gebäude zu sehen waren.

Als Mike sich dem kleinen Landhaus näherte, sah er, dass es in Kobaltblau gehalten war, und dass es von innen heraus sanft leuchtete. Er bog ab, und während er auf die Tür zuging, entdeckte er ein kleines Schild mit der Aufschrift »HAUS DER KARTEN«. Genau danach hatte er doch gefragt! Er schien der Sache also näher zu kommen. Vielleicht würde die weitere Reise nicht so voller Ungewissheit sein. Eine aktuelle Landkarte wäre eine wertvolle Hilfe in diesem fremden Land.

Plötzlich öffnete sich die Haustür und heraus spazierte ein wunderschönes, großes, blaues Wesen, dessen Farbe doch wahrhaftig zu der des Hauses passte! Offenkundig war es ein Engelwesen, denn wie auch der erste Engel in der Vision, war es überlebensgroß – größer als ein Mensch. Seine Gegenwart erfüllte die Atmosphäre mit etwas Gewaltigem und einem Hauch von Blütenduft. Auch diesmal konnte Michael den Duft der Wesenheit tatsächlich riechen! Der große Blaue schaute ihn an.

»Sei gegrüßt, Michael Thomas von reiner Absicht! Wir haben dich schon erwartet.«

Anders als bei dem Engel in der Vision, war das Gesicht dieses Engels deutlich erkennbar und Mike bemerkte, dass es Wohlbefinden und Heiterkeit ausdrückte, unabhängig von dem, was die Wesenheit sagte. Mike war froh, Gesellschaft zu haben und verhielt sich respektvoll. Er grüßte den Engel.

»Guten Abend, du großer Blauer!« Michael schluckte sofort. Was, wenn der Engel nicht »Blauer« genannt werden wollte? Was, wenn seine Farbe nur für menschliche Augen blau erschien und er in Wirklichkeit gar nicht blau war? Vielleicht mag er blau nicht einmal! Mike seufzte über die vielen Skrupel, die durch seinen Kopf gingen.

»Ich bin für alle Wesen blau, Michael Thomas von reiner Absicht«, ließ sich der Engel vernehmen, »und ich freue mich über deinen Gruß. Bitte komm ins Haus der Karten und richte dich darauf ein, die Nacht hier zu verbringen.«

Diesmal war Mike froh darüber, dass ein Engel seine Gedanken gelesen hatte – oder wie hatte es der erste Engel noch ausgedrückt? Dass er sie fühlen konnte? Wie dem auch sei, Mike war erleichtert, dass er den Vorstand des ersten Hauses nicht beleidigt hatte.

Mike und der blaue Engel, zwei äußerlich unähnliche Wesen, drehten sich zur Tür und betraten das blaue Haus. Im selben Augenblick, da sich die Tür hinter ihnen schloss, spähten zwei durchdringende, riesige, knallrote Augen wütend aus dem großen Gebüsch links vom Hauseingang. Sie waren wachsam. Sie kannten keine Müdigkeit. Sie waren schweigsam und unendlich geduldig. Sie würden sich weder bewegen noch zwinkern – bis sie sähen, dass Michael Thomas sich anschickte, weiterzuziehen.

Mike trat ein und war überrascht, über den Anblick, der sich ihm bot. Das Innere des Gebäudes war riesig! Es schien sich endlos auszudehnen, während es äußerlich einfach und bescheiden gewirkt hatte. Er erinnerte sich, dass der erste Engel gesagte hatte, nicht alles sei immer so, wie es scheine; was offenbar auch auf seine seltsame neue Wahrnehmung zutraf. Mike machte sich Gedanken über diese neue Art, die Dinge zu sehen. Hatte sie eine tiefere Bedeutung?

Er wanderte hinter dem Engel durch die weiten Räume im Haus der Karten. Es war eingerichtet wie eine klassische Bibliothek, ähnlich den berühmten Bibliotheken in Europa, wo bedeutende historische Bücher aller Art aufbewahrt wurden. Statt der Bücherregale gab es hier jedoch Tausende kleiner, runder Öffnungen in den Wänden, jede bestückt mit – so schien es Mike – einer Schriftrolle. Die Wände dehnten sich endlos nach oben aus und die Öffnungen befanden sich – mehrere Stockwerke hoch – auf beiden Seiten der Hallen, die sie betraten. Mike konnte die kleinen Vertiefungen noch nicht aus der Nähe sehen, vermutete aber, dass sich, wie der Name des Hauses schon andeutete, Karten darin befanden. Doch warum so viele? Der Gang durch die riesigen Räume schien ohne Ende und nirgends war ein anderes lebendes Wesen zu sehen.

»Sind wir allein?«, fragte Mike. Der Engel drehte sich um und lachte in sich hinein.

»Je nachdem, was du unter allein verstehst. Du schaust auf die Verträge aller auf diesem Planeten lebenden Menschen.« Gelassen schritt er weiter.

Mike blieb stehen und starrte auf die Wände, fassungslos über das, was die blaue Wesenheit gerade gesagt hatte. Der Engel ging ohne Michael weiter und der Abstand zwischen ihnen vergrößerte sich. Als er gewahr wurde, dass niemand hinter ihm war, blieb er stehen, wandte sich um und wartete geduldig auf Mike. Er sagte nichts.

Mike sah die Leitern an den hohen Wänden und die vielstöckig übereinander gereihten hölzernen Vertiefungen, die Schriftrolle um Schriftrolle enthielten. Verträge hatte der Engel sie genannt. Was mochte das bedeuten?

»Ich verstehe überhaupt nichts mehr!«, rief Mike, als er den Engel eingeholt hatte.

»Noch bevor deine Reise zu Ende ist, wirst du es verstehen«, beruhigte ihn der Engel. »Es gibt hier nichts, wovor du Angst haben brauchst, Michael. Alles ist, wie es sein soll; wir haben auf deinen Besuch gewartet und achten deine Entscheidung. Deine Absicht ist rein – wir alle können das sehen. Entspanne dich und genieße es, von uns geliebt zu werden.«

Blaus Worte berührten Mike im Innersten. Etwas Schöneres hätte ihm kein Wesen im Universum sagen können. Wurde er empfindsamer? Der frühere Engel war ebenso liebevoll zu ihm gewesen, doch er merkte, dass es ihn jetzt viel stärker berührte als damals.

»Ist es nicht ein wundervolles Gefühl, geliebt zu werden, Michael?« Der blaue Engel hatte sich wieder an Mikes Seite begeben und überragte ihn beträchtlich.

»Was ist das bloß für ein Gefühl?«, fragte Mike leise. »Mir kommen fast die Tränen.«

»Du wechselt in eine andere Schwingung, Michael.«

»Ich weiß gar nicht, was das bedeutet. Äh ... hast du einen Namen, Sir?« Michael fragte sich wieder, ob er die Wesenheit beleidigt hatte. Wenn sie nun ein weiblicher Engel war? Mike kannte sich mit solchen Dingen nicht aus, doch das Benehmen und die Erscheinung des Engels konnten durchaus als weiblich gelten.

»Nenn mich einfach Blau«, sagte der Engel und zwinkerte Mike zu. »Ich bin geschlechtslos; doch meine Größe und Stimme signalisieren dir, dass ich ein männliches Wesen bin. Rede mich als einen ER an. Das ist o.k.« Der Engel machte eine Pause, damit Mike Zeit hatte, es zu verdauen. Dann fuhr er fort: »Deine menschliche Zellstruktur kann in vielen Schwingungsfrequenzen existieren, Michael. Deine gewohnte könnten wir als Frequenz Nummer eins bezeichnen. Sie ist dir vertraut und hat dir gute Dienste geleistet. Auf dieser Reise jedoch ist es nötig, dass du Frequenz sechs oder sieben erreichst, um an dein Ziel zu kommen. Jetzt im Augenblick wechselst du zu Frequenz zwei – um es einmal so auszudrücken. Jede Schwingungsfrequenz bringt, wie dir schon gesagt wurde, ein größeres Bewusstsein der eigentlichen Wirklichkeit Gottes mit sich. Was du jetzt spürst, ist das Gewahrsein von Liebe. Liebe hat Dichte, Michael. Sie besitzt physikalische Eigenschaften und hat Kraft. Deine neue Schwingungsfrequenz läßt dich die Liebe stärker fühlen als je zuvor. Liebe ist die Essenz von Zuhause und sie wird stärker mit jedem Haus, das du besuchst.«

Michael liebte es, Blau zuzuhören. Seine Erklärungen gingen über die Antworten, die er bisher bekommen hatte, hinaus.

»Bist du ein Lehrer?«, fragte Mike.

»Ja. Alle Hausengel sind es, außer dem letzten. Ich habe dir Wahrheiten mitzuteilen, die Teil meines Hauses sind, und das gilt auch für die anderen. Wenn du so weit bist, wirst du einen viel größeren Überblick haben, wie die Dinge im Universum funktionieren, als jetzt. Meine Aufgabe ist, dir etwas auszuhändigen, das du dir durch deine Absichtsbekundung verdient hast. Du bist hier in meinem Haus, um die Karte deines Vertrages zu erhalten. Morgen früh zeige ich sie dir und beantworte dir einige Fragen, bevor du dich wieder auf den Weg machst. Es ist wichtig, dass dieses Haus das erste ist, denn das wird dir bei deiner Reise helfen. Und nun möchte ich dich bitten, unsere Geschenke der Nahrung und Ruhe zu genießen.«

Wieder ging Mike hinter Blau her, der ihm mehr und mehr wie ein vertrauter Freund vorkam – allerdings ein sehr blauer. Er wurde in einen wunderschönen Innengarten geführt, wo alle erdenklichen Früchte und Gemüse in sorgfältig angelegten Reihen wuchsen. Wie in den übrigen Räumen, so strömte auch hier das Licht durch die Dachluken herein. Es erfüllte alle Innenbereiche mit dem Flair der freien Natur. Mike roch nun auch den Duft von frisch gebackenem Brot, der aus einem anderen Teil des Gebäudes kam.

»Wer kümmert sich um all das?«, fragte er. »Ich sehe nur dich ... isst du denn?«

»Jedes Haus hat Räume wie diesen, Michael. Und was das Essen betrifft: Nein, ich esse nicht. Dieser Garten ist ausschließlich für die Menschen da, die sich auf dem gleichen Weg befinden wie du, das heißt, die diese Lernerfahrung machen und währenddessen hier vorbeikommen. Für den Garten sorgen viele – du siehst sie nur jetzt nicht. Es wird dir auf deinem Weg der Erkenntnis an Nahrung, Gesundheit und Obdach nicht fehlen. Denn wir möchten dir und deiner Absicht auf diese Weise unsere Anerkennung bezeugen.«

Mike begann sich auf wunderbare Weise behütet zu fühlen, während die beiden durch weitere Räume wanderten – der Mensch im Gefolge der großen blauen Engelwesenheit. Schließlich kamen sie zu einem gemütlichen Schlafquartier: Ein Raum, in dem ein wunderschönes Bett mit Baldachin und blütenweißer Spitzenbettwäsche stand und Mike einlud, seinen müden Körper auszustrecken. Weich gepolsterte Kissen versprachen einen tiefen, wohligen Schlaf. Mike war überwältigt von so viel Vorsorge.

»Ist das alles für mich?«, fragte er beeindruckt.

»Für dich und andere, Michael. Für alle, die dieselbe Absicht haben wie du.«

Im Nebenraum war ein wahres Festmahl aufgetragen. Mike konnte sich gar nicht vorstellen, wie er das alles essen sollte! Nie hatte er so viele Köstlichkeiten gesehen – viel zu viel für einen Einzelnen.

»Iss, was du magst, Michael«, ermunterte ihn Blau. »Nichts davon wird umkommen. Aber hebe keine Reste auf. Widerstehe der Versuchung, etwas davon mitzunehmen. Dies ist eine Prüfung deiner Fortschritte – was du später besser verstehen wirst.«

Blau ließ Mike allein und aufgeregt zurück. Mike stellte seine Taschen hin, setzte sich und aß wie selten zuvor. Er bemühte sich, nicht gefräßig zu sein, aber er aß sich mit Köstlichkeiten satt bis obenhin. Seine Lider wurden schwer und er fühlte sich so wohl, wie seit seiner Kindheit nicht mehr – als seine fürsorglichen, liebevollen Eltern noch lebten.

Ach, könnte ich mir dies Gefühl doch bewahren!, dachte Mike. Es machte das Menschsein der Mühe wert. Mike erhob sich von seiner Mahlzeit. Um das schmutzige Geschirr würde er sich am nächsten Morgen kümmern. Er war hundemüde! Kaum brachte er es fertig, seine Sachen auszuziehen, um sie an den vorgesehenen Wandhaken aufzuhängen. Er fiel ins Bett und war bald in friedlichen Schlaf gesunken.

In der Morgenstille stand er auf und fühlte sich unglaublich erfrischt. Er wusch sich und begab sich ins Esszimmer. Das Geschirr vom Vorabend war weggeräumt und der Tisch mit einem köstlichen Frühstück gedeckt! Unter anderem war er an diesem Morgen vom Geruch frisch gekochter Eier, Bratkartoffeln und lecker duftendem Brot geweckt worden. Mike nahm sein Frühstück allein ein, und während er am Tisch saß, fragte er sich wieder, ob sein Wunsch, nach Hause zu gehen, gerechtfertigt sei.

Ist es falsch, aus der Erdenerfahrung herauszuwollen?, fragte er sich. Was ist mit denen, die zurückbleiben? Sie würden die Frequenzsteigerung nicht erleben können, so wie er. War das fair? Ein Gefühl von Traurigkeit ergriff ihn beim Gedanken an seine Freunde und die Leute, mit denen er zusammengearbeitet hatte. Er machte sich sogar Sorgen um seine frühere Freundin!

Was ist bloß mit mir los?, fragte er sich. Plötzlich habe ich mit allen Mitgefühl. Früher hatte ich das nicht. Es tut richtig weh! Plötzlich bedauere ich, etwas zu haben, was andere nicht haben. Bedeutet das, ich mache etwas falsch? Sollte ich besser zurückgehen?

»Es ist unvermeidlich, dass du dir diese Frage stellst, Michael«, sagte Blau, der plötzlich in der Tür erschienen war und sich wieder einmal in Mikes Gefühle eingeklinkt hatte. Obgleich ein wenig erschreckt, freute sich Mike doch riesig, Blau wiederzusehen und nickte zur Begrüßung.

»Kannst du mir mehr darüber sagen, Blau?«, bat Michael. »Ich brauche wirklich jemanden, der mir weiterhilft. Ich frage mich allmählich, ob das, was ich getan habe, richtig war.«

»Spirit wirkt auf wunderbare Weise, Michael Thomas von reiner Absicht«, erwiderte Blau. »Und für die menschliche Erleuchtung gilt Folgendes: Kümmere dich zuerst um dich selbst, dann kommt die Reise deinen Mitmenschen ebenso zugute, wie dir; denn die Absicht eines Einzelnen hat immer auch eine Wirkung auf alle anderen.«

»So ganz verstehe ich das noch nicht, Blau«, erwiderte Mike verwirrt.

»Auch wenn du es im Moment noch nicht verstehst, Michael, so hat dein Handeln doch Einfluss auf andere; es gibt ihnen Gelegenheiten für eigene Entscheidungen, die sie ohne deinen Entschluss, in diesem Augenblick hier zu sein, nicht gehabt hätten. Du kannst da­rauf vertrauen, dass es sich so verhält und brauchst dir keine Vorwürfe zu machen.«

Mike fühlte, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel. Blau hatte ihm nicht ganz klar machen können, wieso das alles eine spirituelle Wirkung hatte, aber seine Zusicherung genügte Mike für heute, und es ging ihm inzwischen viel besser bei dem Gedanken, weiterzu­machen.

Mike holte seine Sachen und verließ sein Gästequartier. Er ging zurück in den großen Flur, der zu der Tür führte, durch die er gestern von draußen hereingekommen war. Blau ging langsam hinter ihm her, während Mike staunend die riesigen Ausmaße des Ganzen betrachtete. Blau sagte nichts, als er das Hörnchen und die Brotstangen sah, die aus Mikes Beutel schauten.

»Wohin gehen wir?«, fragte Mike. »Soll ich in diese Richtung weitergehen?« Er wusste, dass er seine persönliche Karte bekommen würde und wollte, dass Blau voranging.

»Du kannst jetzt anhalten«, sagte Blau. Die beiden blieben in der Mitte einer großen, geschmackvoll gestalteten blauen Halle stehen, von wo aus Blau schweigend zu einer entfernten Wand hinüberging, an der eine Leiter lehnte. »Komm einmal her, Michael.«

Mike folgte der Aufforderung und bald war er auf Blaus Anweisung dabei, eine hohe Leiter hochzuklettern und nach der Wand-Box zu suchen, in der seine Karte steckte. Während Mike die Leiter erklomm, bemerkte er, dass die Öffnung jeder Box einen Namen trug. Eigentlich waren es zwei Namen pro Fach. Ein Name sah aus, als sei er in Arabisch geschrieben, der andere trug lateinische Buchstaben. Die Boxen schienen nicht alphabetisch geordnet, sondern nach einem anderen – Mike unbekannten – System, mit dem Blau sich zweifellos auskannte. Blau hatte ihm genau gesagt, wo er suchen sollte, und Mike war nur noch etwa einen Meter von der angegebenen Stelle entfernt.

Schließlich sah er sie: Die Box mit der Aufschrift »Michael Thomas« und jenen seltsamen Buchstaben, die auch die anderen trugen. Vermutlich eine Engelsprache, dachte Mike bei sich. Sein Auftrag war, nicht umher zu schauen, sondern die Schriftrolle aus der entsprechenden Box zu nehmen und zur Überprüfung nach unten zu bringen. Mike hatte gerade die Rolle herausgezogen und war dabei, die Leiter hinabzusteigen, als sein Blick auf eine andere Namensgruppe fiel und ihm beinahe das Herz stehen blieb. Auch Mom und Dad waren hier! Die Namen waren nach Familien geordnet! Das war also das spirituelle System, das in der großen Halle benutzt wurde. Mike wusste, dass es absolut tabu war, eine andere Schriftrolle zu berühren; doch er blieb noch ein wenig und las ein paar Namen, die ihm unbekannt waren. Warum befanden diese anderen Namen sich bei seiner Familie?, wunderte er sich.

»Michael?«, rief Blau von unten.

»Bin schon auf dem Weg, Sir«, antwortete Mike verlegen. Blau wusste, was Mike durch den Kopf ging; doch Mike stellte keine Frage, die das Protokoll dieses geheiligten Ortes verletzt hätte. Nachdenklich kletterte er die lange blaue Leiter hinab und reichte Blau seine Schriftrolle. Blau schenkte Mike einen langen Blick, hinter dem sich keine Geheimnisse verbargen. Dankbarkeit drückte sich darin aus, Dankbarkeit, dass Mike den geheiligten Ablauf der Dinge eingehalten hatte ,und Mike fühlte, wie die Liebe Gottes sein ganzes Wesen durchdrang. Mike und Blau lächelten gemeinsam über die wortlose Kommunikation. Mike bekam das Gefühl: Worte waren gar nicht mehr nötig! Er schien Blau alles mitteilen zu können, ohne es laut auszusprechen. Wie merkwürdig!, dachte er.

»Aber nicht so ungewöhnlich, wie das, was du gleich sehen wirst«, antwortete Blau auf Mikes Gedanken. Mist!, dachte Mike. Ich kann hier aber auch nichts für mich behalten. Blau ignorierte den letzten Gedanken und legte die kleine Schriftrolle auf einen Tisch. Dann wandte er sich Mike zu.

»Michael Thomas von reiner Absicht«, verkündete er feierlich, »dies ist deine Lebenskarte. In irgendeiner Form wirst du sie von jetzt an immer bei dir haben. Sie wird dir aus Liebe geschenkt und ist eines der wertvollsten Dinge, die du nun besitzt.« Mike erinnerte sich plötzlich an die Worte des ersten Engels über die neue Energie, die viel aktueller sei als die frühere. Er stellte die offensichtliche Frage:

»Ist die Karte aktuell?«

»Aktueller als dir womöglich lieb ist«, war die ausweichende Antwort des großen Blauen. Mike glaubte sogar, Blau kichern zu hören.

Blau reichte Mike die Karte und lud ihn wortlos ein, selbst nachzuschauen. Mike nahm sie und hielt sie einen Augenblick an die Brust gedrückt, glücklich über sein Geschenk wie ein kleines Kind. Er fühlte, dass dies ein heiliger Augenblick war und öffnete die Rolle mit einer zeremoniellen Gebärde, über die Blau lächeln musste. Blau wusste, was jetzt passieren würde.

Mikes freudige Erwartung verschwand in dem Moment, als er die Karte aufgerollt hatte. Sie war leer! Oder doch nicht? Genau in der Mitte befanden sich eine Reihe Buchstaben und Symbole. Mike beugte sich vor, um genauer hinzusehen. Ein Pfeil zeigte auf einen kleinen roten Punkt. Neben dem Punkt standen die Worte »DU BIST HIER«. Ein kleines Symbol bei dem Punkt markierte das Landhaus mit der Aufschrift »Haus der Karten.« Ein bis zwei Zentimeter im Umkreis des Punktes waren Details eingezeichnet; unter anderem der Weg, auf dem Mike gekommen war; dann hörte die Zeichnung einfach auf! Die Karte zeigte Mike lediglich seinen eigenen Standort und das, was sich im Umkreis von etwa 300 Meter befand.

»Was ist das denn?«, fragte Michael nicht gerade respektvoll. »Soll das ein Engelwitz sein, Blau? Bin ich den ganzen Weg bis zum Haus der Karten gekommen, um eine wertvolle heilige Schriftrolle zu empfangen, die mir zeigt, dass ich … im Haus der Karten bin?«

»Die Dinge sind nicht immer, wie sie scheinen, Michael Thomas von reiner Absicht. Nimm dies Geschenk und trage es bei dir.« Damit hatte Blau die Frage gar nicht beantwortet.

Mike wusste intuitiv, dass es nichts bringen würde, noch einmal zu fragen, deshalb rollte er die scheinbar nutzlose Karte zusammen und steckte sie in seinen Beutel. Er war sichtlich enttäuscht. Blau ging zur Eingangstür und trat hinaus. Mike folgte ihm. Der Engel sah ihn an.

»Michael Thomas von reiner Absicht, es gibt eine Frage, die ich dir stellen muss, bevor du deinen Weg nach Hause fortsetzt.«

»Wie lautet die Frage, mein blauer Freund?«, wollte Mike wissen.

»Michael Thomas von reiner Absicht, liebst du Gott?« Blau war sehr ernst.

Mike fand es seltsam, dass der erste Engel die gleiche Frage gestellt hatte – und fast im gleichen Tonfall. Er wunderte sich, was diese Wiederholung wohl zu bedeuten hatte.

»Lieber, wunderschöner blauer Lehrer: Da du mein Herz sehen kannst, weißt du auch, dass ich Gott wirklich liebe.« Mike stand dem Engel gegenüber und schaute ihn an, während er die Frage aufrichtig beantwortete.

»So ist es«, sagte Blau, und damit ging er zurück in das kleine blaue Landhaus und schloss mit Nachdruck die Tür. Michael fühlte sich plötzlich abgeschnitten. Ob die wohl jemals »Auf Wiedersehen« sagen? ,wunderte er sich.






Das Wetter war mild und angenehm. Mike nahm seine Taschen und den Vorratsbeutel mit dem Brot, das er im blauen Haus eingesteckt hatte, und ging die Landstraße entlang, in die Richtung, die ihn zu einem neuen Haus des Lernens führen würde. All die ulkigen Dinge, die im Haus der Karten passiert waren, gingen ihm noch einmal durch den Kopf. Stell’ dir eine Karte vor, die dir nur zeigt, wo du dich im Augenblick befindest! Völlig nutzlos! Ich weiß doch, wo ich bin! Wirklich ein komischer Ort hier, dachte Mike.

Schallendes Gelächter hallte von den Hügeln wider, als Michael Thomas von reiner Absicht den Spaß über seine Situation zu Felsen und Bäumen hinausbrüllte und seinen Weg nach Hause fortsetzte. Sein Lachen drang auch an die warzigen grünen Ohren des finsteren Wesens, das nur 200 Meter hinter ihm lauerte. Mike hatte keine Ahnung, dass die dunkle Gestalt geduldig gewartet hatte, bis er seine Reise wieder aufnehmen würde und ihm nun auf Schritt und Tritt folgte. Dieses Etwas gehörte nicht zu seiner Dimension. Es brauchte weder zu essen noch zu schlafen. Es hatte keine Freude – nur die eiserne Entschlossenheit, Michael Thomas nie, aber auch niemals das letzte Haus erreichen zu lassen. Sein Programm stand fest, und es holte langsam zwischen sich und Michael Thomas von reiner Absicht auf.






* (#ulink_a2a9116b-ee06-5fe5-83ac-d83470198e46) Engl.: the physics of spirituality, (A.d.Ü.)




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