Der mondhelle Pfad
Petra Wagner


Autorin: Petra Wagner, Taschenbuch mit 768 Seiten. Illustriert von Haucke Kock.

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„Der mondhelle Pfad“ – die Fortsetzung zu „Die Macht der weisen Schlange“

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Die legendäre Salzschlacht im hercynischen Wald zwischen Chatten und Hermunduren ist entschieden. Siegreich kehren die Hermunduren in ihre Clans zurück und Loranthus, ihr griechischer Gast, genießt die Zeit im Kreise seiner neuen Freunde. Als er jedoch den lang ersehnten Brief seines Vaters in Händen hält, gerät seine heile Welt abrupt ins Wanken.

Sein Vater, Spross einer uralten Händlerdynastie, wurde der Verschwörung gegen Rom bezichtigt und musste von Kreta flüchten. Nun wartet Madenius hinter dem Rhenus, in Confluentes, das zur römischen Provinz Gallia Belgica gehört.

Voller Sorge macht sich Loranthus auf den Weg, um seinem Vater beizustehen. Hanibu, seine äthiopische Sklavin, sowie Viviane und Silvanus lassen ihn in der Not nicht im Stich. Sie kommen gerade zur rechten Zeit in Confluentes an, um drei Chatten am Kreuz sterben zu sehen, die sich ebenfalls gegen Rom verschworen haben sollen. Doch Viviane ist nicht umsonst eine Druidin vom Bund des Drachenschwertes und gemeinsam mit ihren Freunden startet sie eine Rettungsaktion.

Ihre Täuschung ist perfekt ausgeklügelt, nur eines ist ihnen entgangen: Sie wurden schon längst ins Visier genommen.











Petra Wagner

Der mondhelle Pfad









„Der mondhelle Pfad“ – die Fortsetzung zu „Die Macht der weisen Schlange“

Impressum

Umschlaggestaltung und Titelbild: Hauke Kock, Kiel

1. Auflage 2015

ISBN 978 - 3-86777 - 909-8 - 0

ISBN 978 - 3-86777 - 957-9, E-Book [ePUb]

Lektorat: Anne-Cathrin Rost, Jena

Innenlayout: Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de (http://dnb.d-nb.de) abrufbar.




 (http://www.verlag-rockstuhl.de)

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Inhalt

Cover (#u941976fa-d069-5061-946a-8013190c159a)

Titel (#u107c6558-a8cb-5852-857d-61b4edcd8cd3)

Impressum (#u962f355a-f124-5f5d-aaaf-8a791f670d1a)

Die Hüter des weißen Goldes (#ufac7572c-bfab-41a6-b595-45e83ca590b6)

Fragen sind der Anfang allen Wissens (#ulink_4fc2cd08-c008-54ba-a1ea-f9a4f53d7d5f)

Drei gängige Schlüssel, um Gedanken aufzuschließen: Trunkenheit, Vertrauensseligkeit, Liebe (#ulink_ce7bfe00-0897-5c0d-8cfb-fdb93118c947)

Weisheit verdient Achtung (#ulink_f6e13079-fd35-5540-a4b5-a7c8b2e8b24f)

Die Zeit geht vorbei, ob bei Spiel oder Arbeit (#ulink_b7bb35b8-e247-544e-89d1-74e63afa2b87)

Wer schenkt, findet eine offene Tür (#ulink_ef9c29f1-8b45-529a-a01e-348f277d4148)

Vögel einer Farbe treffen sich am selben Ort (#ulink_4939e5f3-9748-5c85-a91c-c30cabbc2722)

Sein und Schein (#ulink_c00be756-8191-541d-9add-84f75dcede15)

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt (#ulink_a6dda846-2793-5753-a732-77f2446d279a)

Wo ein Wille, ist eine Tat (#ulink_618d049c-04c1-5114-9c2d-d6f63191a216)

Was der Mund spricht, kann nur die Tat beweisen (#ulink_bc126a6b-a056-5c4e-a24d-cac3051ae5ba)

Ohne Hoffnung bricht jedes Herz (#ulink_ba226d01-73f8-53f2-94ca-c2ebf46cd634)

Das Ende eines Tages ist gut zum Feiern (#ulink_4917b6ed-eece-5aed-bdf4-d1d5e5d2d5bd)

Übung ist die Mutter der Meisterschaft (#ulink_3b43bb34-b172-50a2-980b-4bd27a47318d)

Unverhofft kommt oft (#ulink_e52a4a92-aebd-5ddb-94b9-2c75ee5db870)

Nach Regen folgt Sonnenschein (#ulink_00de8e97-37f5-529b-9cd2-32ba9ce48e02)

Eile mit Weile (#ulink_89b9fc19-7579-58b7-897c-bd2a6e2a6aba)

Drei Erfordernisse für Gerechtigkeit: Urteilsvermögen, Mäßigung und Gewissen (#ulink_9816a0bb-c140-5a6e-a32f-7438671e6fb1)

Hochzeit (#ulink_9dac35cf-c641-5caa-9bf2-74096e737ad8)

Was, außer ein Kätzchen, sollte man von einer Katze erwarten (#ulink_f350222f-cb7c-50ad-8700-77458b719f17)

Wer eine Reise tut, kann vieles erleben (#ulink_e84f5766-df4b-58d2-acc7-09a7ea8e6d94)

Wo Frauen sind, da sind auch Zaubermittel (#ulink_d409982a-828a-555d-aeb0-bcac1b4288b8)

Himmelhoch jauchzend (#ulink_ab227b0c-e87f-58b9-aed4-c0b939a4b78b)

Zu Tode betrübt (#ulink_09ec0e85-faec-5291-9fcc-62d1574b5e07)

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser (#ulink_129a2882-5805-55bc-9d5f-341463892ef0)

Kommt Zeit, kommt Rat (#ulink_6f88a967-e900-50f3-a167-4f332420b1fd)

Personen bei den Hermunduren (#u821739ee-fbc5-508b-ab62-e6113b67bc7f)

Personen bei den Treverern um Confluentes (Koblenz) (#uee7dcbc7-1dd0-5f15-a546-324b9df8c5fe)

Die Karte (#ulink_bcfe3fd0-3dd1-56a1-a917-62a3175ddb20)

Die Autorin (#ud9c20820-c8af-50c5-b6ae-f3bfd438990e)





Der mondhelle Pfad




Die Hüter des weißen Goldes


Eine sanfte Brise strich durch die Schatten der Wälder, erklomm die sonnigen Bergkuppen, senkte sich hernieder in die kühlen Auen. Jedem Kiesel in den gewundenen Bächen, jedem Grashalm auf den saftigen Wiesen, jedem Blatt in den hohen Wipfeln raunte sie zu:

„Dreht euch, wiegt euch und tanzt beschwingt, denn seht:

Dieser Tag der Eiche ist einmalig.

Selbst der Strahlende strebt heute seinem Zenit besonders gleißend entgegen.“

Und so wurde es heiß, sehr heiß. Über der Antsanvia begann die Luft zu flimmern. Verlassen lag die breite Straße, wartete.

Die Alten und Mütter des Hirschclans hatten sich längst vom Wegesrand ins schattige Unterholz zurückgezogen. Auch sie warteten.

Sie warteten auf diejenigen, wegen deren Mut sie überhaupt noch warten konnten, wegen deren Tapferkeit sie noch ein Leben hatten, eine Heimat, Freiheit.

Doch vorerst war es noch nicht soweit, die siegreich Heimkehrenden in die Arme zu schließen. Noch wurden gemurmelte Worte ausgetauscht, manchmal erklang auch helles Lachen, ansonsten döste jeder vor sich hin. Nur die Kinder tobten lärmend um die Bäume herum.

Auch sie warteten – auf ihre Art.

Drei mal schon hatten sie mitten im Lauf inne gehalten und dem Erschallen der Hörner gelauscht. Jedes mal hatte ihnen eine sanfte Brise den mahnenden Ruf zugetragen – der erste nur eine Ahnung, der zweite bereits laut und vernehmlich, der dritte war das gewohnte Dröhnen.

Die Berge ringsum hatten den Schall bis tief hinein ins schattige Unterholz geworfen und der dumpfe Klang die Kinder in helle Aufruhr versetzt; ihr Spiel noch ausgelassener gemacht. Ihre Mütter und Großeltern jedoch waren träge liegen geblieben.

Nun endlich erschallten die Hörner das vierte Mal und bewirkten ein allgemeines Aufsetzen und Glieder strecken, nur die Hunde gähnten gelangweilt.

Es war immer noch Zeit.

„Beim Geweih Cernunnos! Halt endlich still, Robin!“

Im Takt ihrer Worte klatschte Lavinia ihre Hand auf Robins Rücken und schleuderte mit einem „Ich brauch Platz!“ seinen langen roten Zopf über die Schulter nach vorne. „So, freie Bahn und jetzt Ruhe! Wie soll ich denn einen ordentlichen Buchstaben auf deinen Rücken bekommen, wenn du so zappelst!“ Rabiat packte sie seine Schultern und zerrte ihn in eine gerade Sitzposition.

„He! Lass das Schütteln sein! Ich bin doch kein Apfelbaum!“

„Mit welchem Buchstaben fängt Apfelbaum an?!“, rief Lavinia sofort und schüttelte noch mehr, so dass jetzt auch ihre eigenen nussbraunen Locken ordentlich mitwippten.

„Mir ist so heiß!“

„Von dem Buchstaben hab ich noch nie was gehört und mir reißt jetzt gleich der Geduldsfaden! Also! Konzentriere dich endlich, Robin! Ich habe dich ge …“

„Ich will jetzt endlich spielen!“

„Dummes Zeug!“, schnarrte Lavinia und gab ihm einen derben Klaps auf den Rücken.

Den Schwung nutzte sie schnell noch aus, um sich ein paar hängengebliebene Ringellocken aus dem Mund zu zerren, schon hatte sie ihn wieder gepackt. Robin war allerdings auch nicht untätig geblieben und hatte es geschafft, seinen Zopf zurückzuwerfen, doch der klatschte ihm so schnell gegen die Stirn retour, dass er nicht einmal bis eins zählen brauchte. Lavinia grummelte wesentlich länger und schüttelte noch wilder, da sie eine Abneigung gegen widerspenstige Sprösslinge jedweder Art hatte, die nur mit Gewalt in die richtige Richtung gezogen werden konnten. Bloß gut, dass gerade Sommer war. Bis da die Sonne unterging …

„Ich will spielen! Ich will sp …“

„Ruhe! Der Tag ist bereits zur Hälfte um! Die Hörner sind schon ganz laut! Jetzt ist keine Zeit mehr für …“

„Dafür reicht die Zeit allemal noch! Und seit wann ist Verstecken spielen dummes Zeug?! Du redest Schwachsinn, Lavinia! Ich bin nämlich ein Kind! Genau wie du übrigens! Mit fünf Jahren dürfen wir dummes Zeug machen, soviel wir wollen! Immerzu!“

„Wer sagt das?!“

„Medan.“

„Me-dan!?“, knurrte Lavinia und zog entrüstet die Augenbrauen hoch. Doch dann entschied sie sich für ein herablassendes Schulterzucken und verzog das Gesicht zu einem verheißungsvollen Lächeln.

„Nun, ja. Medan, als mein jüngster großer Bruder, muss es wohl wissen! Wenn der erst seine Weihe hat, ist die Zeit der Dummheiten vorbei! Einen Mond später, höchstens zwei, und er will wieder ein Kind sein! Garantiert!“

„Wer sagt das!?“

„Schwatz nicht so altklug daher!“

„Nun, ja. Du musst’s ja wissen, Tantchen!“, plusterte sich Robin auf und zupfte einen langen, imaginären Bart an seinem Kinn zurecht. „Das Studium der Altklugheit hast du bekanntlich schon vor drei Jahren mit Bravour gemeistert! Vielleicht wirst du später mal … Druidin der Altklugheit!“

Lavinia klappte die Kinnlade herunter. Ihre Hand zuckte verdächtig in die Höhe und strich betont würdevoll eine äußerst widerspenstige, nussbraune Locke aus der leicht geröteten Stirn.

„Wie recht du doch hast, liebster und – bis jetzt – einziger Neffe, Robin!“, säuselte sie honigsüß und leckte sich die Lippen. „Auch du kannst klug werden im Alter. Es ist nicht schwerer, als ein Feld mit einem Holzlöffel zu beackern.“

Robin brauchte einen Augenblick, um die versteckte Botschaft zu entschlüsseln, doch da hatte sie seinen Gedankengang schon ausgenutzt und versuchte, ihn in die Spur zu lenken. Eigentlich tat sie das immer; im konkreten Fall drückte sie allerdings dermaßen derb in Richtung Gras – je schneller er von ihr wegkam desto besser. Die einzig mögliche Option war Kapitulation – wie jedes Mal – und es war ja nicht so, dass er sich geschlagen gab … oh, nein.

Höchst betrübt drehte Robin seinen Kopf nach hinten, hielt sich an seinem Zopf fest und konterte Lavinias ironisches Grinsen mit einem bockig-verzweifelten Blick.

Tief seufzend maulte er: „Ich lerne dieses schwierige Geschreibsel sowieso nie! Da kann ich es auch gleich sein lassen!“ Und damit hatte er ihre Schwachstelle getroffen.

Wie erwartet tätschelte Lavinia sofort seine leidende Miene, nahm ihn unter ihre Lockenpracht und gurrte beschwichtigend: „Wir schaffen das gemeinsam, Robin! So wahr ich hier sitze, du lernst schreiben! Da gebe ich dir Brief und Siegel drauf.“

Robins Augen leuchteten ehrlich begeistert auf und er wurde so rot wie seine Haare.

„So einen Brief wie Afal in der Hand hatte, als er mit Königin Elsbeth bei uns war? Der mit dem Hirsch auf dem Siegel?“

„Genau so einen meine ich.“ Alles an Lavinia wippte.

„Aber der war doch in Geheimschrift, Lavinia! Da müsstest du schon eine echte Druidin werden, um den zu lesen! So eine, wie deine Schwester, Viviane!“

Lavinia ruckte kerzengerade und löste tatsächlich ihre Armklammer, um sich nachdenklich gegen die Wange tippen zu können. Mit der anderen Hand drehte sie sich noch mehr Locken.

„Jaaa, das wäre eine Überlegung wert, mein schlauer und, wie schon erwähnt, einziger Neffe … Nora sagt, ich hätte das Zeug dazu.“

Diese Reaktion hatte er zwar nicht einkalkuliert, doch Robin nutzte die Gelegenheit und rutschte ein Stück weg. Belustigt zog er die Augenbrauen hoch und kiekste: „Nora ist unsere Schafhirtin.“

„Na, und!?“

Lavinia reckte das Kinn in Angriffsposition und kniff ihre Augen bedrohlich zusammen; Robin schaute so unschuldig drein wie das frommste aller Lämmchen … ein besonders niedliches, liebes Lämmchen mit flauschiger roter Wolle … so rot wie die Rübe, die das wehrlose Lämmchen scheinbar gerade kaute, weil es nichts Besseres zu essen hatte … und so konnte sie nur nachsichtig lächeln. Natürlich nicht, ohne Achtung heischend den Zeigefinger zu heben – den, mit den aufgewickelten Haaren.

„Nora ist die beste Freundin meiner lieben Schwester Viviane, also muss sie es auch am besten wissen. Die beiden haben schließlich gemeinsam die Schafe gehütet, als sie so alt waren wie wir.“ Und bestimmt hatten auch sie ein kleines, knuddeliges und ach so treuherzig drein blickendes Lämmchen dabei gehabt, einfach zum …

„Was meinst du, Lavinia!?“, raunte Robin und beugte sich gewagt in ihre Reichweite. „Haben die Kinder früher auch Buchstaben und Zahlen gelernt, als sie auf den Weiden waren?“

„Natürlich!“, rief Lavinia und wickelte schnell ihre Haare ab, um den Finger besser schwenken zu können. „Das ist doch wohl klar wie ein Gebirgsbach! Was sollte der Hirte denn sonst den Kindern beibringen!? Ist doch viel zu langweilig, den ganzen Tag nur den Hunden Befehle geben und in aufgeblähte Bäuche stechen, damit den vollgefressenen Schafen die Luft ausgeht!“

„Oooch, Steine schleudern macht auch Spaß! Und Hirtenflö …“

„Lenke nicht vom Thema ab, Robin! Wir wollen schließlich gut dastehen, wenn unsere Leute heimkommen! Was meinst du wohl, wie dein Vater guckt, wenn wir schon Conall schreiben können! Also, mit Schwung! Wir probieren es mal im Liegen. Das Hemd kommt weg!“

Ehe Robin begriff, sprang Lavinia auf, versetzte ihm einen kräftigen Stoß in den Rücken und kletterte auf sein Hinterteil.

Dieser neuartigen Lernmethode zu entkommen, war jetzt schlichtweg unmöglich und so blieb ihm nur noch ein sehnsüchtiger Seitenblick auf die anderen Kinder, die keine angehende Druidin als Spielgefährtin hatten. Daher durften sie johlend über die Wiese tollen und Hermunduren gegen Chatten spielen, während er sich seinem Schicksal ergeben musste. Er hätte einen perfekten Chatten abgegeben, sogar freiwillig.

Seufzend legte Robin den Kopf ins Gras und überlegte, wann er das letzte Mal im Ringkampf gewonnen hatte. Wie schon erwähnt: Er war immer der Chatte.

Lavinia gab sich diesmal aber nicht mit einem klassischen Sieg zufrieden, sondern raffte energisch sein Hemd unter dem Gürtel heraus, zerrte es ihm über die Schultern, stopfte seinen Zopf umsichtig hinein und setzte mit konzentrierter Miene ihren Zeigefinger auf seinen entblößten Rücken.

Sie hatte ihren Buchstaben noch nicht ganz fertig aufgemalt, da waren Robins Augen schon geschlossen und ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen. So machte verlieren …

„Also, Robin! Was habe ich geschrieben?“

„He? Ein A“, nuschelte er.

„Und? Ausführlich!“

„In Griechisch Alpha und Apfel fängt damit an. Womit wir wieder beim Apfelbaum wären!“

„Höchstens Sprössling, du Klugscheißer! Was noch? Ein Name, zum Beispiel!“

„Ein Name … ein Name … Ah, ich weiß! Mein Großvater! Sein Name! Arminius!“

„Sehr gut, Robin. Arminius ist absolut richtig. Aber für mich ist Arminius mein Vater.“

Ermutigt von dem Lob drehte Robin seinen Kopf bis zum Anschlag und grinste breit.

„Weiß ich doch, du kleines Nesthäkchen.“

Kaum hatte er das letzte Wort gesagt, hob Lavinia ihr Hinterteil und ließ es mit Schwung auf seinen Po sausen. Sein Gefasel über tieffliegende Hausdrachen überhörte sie galant und malte konzentriert weiter.

„Ich erwarte Respekt“, säuselte sie nebenbei. „Ich bin schließlich deine Tante, kleiner Neffe Robin! Und bald bin ich eine große Schwester. Den laschen Spruch kannst du dir also schon mal abgewöhnen. Ansonsten …“ Sie stemmte sich wieder ein Stück in die Höhe, setzte sich diesmal jedoch sachte. „Was jetzt?“

„Ein S. Griechisch Sigma und Salz fängt damit an und … Silvanus“, leierte Robin so schnell wie möglich herunter.

Lavinia inspirierte die deutliche Antwort auch prompt zu einem Lob. Sie tätschelte ihm die Flanke wie einem Pferd.

„Perfekt! Prima, Robin! Jetzt bin ich dran.“

„Oooch! Jetzt schon?“

Widerwillig erhob sich Robin, um den Platz mit ihr zu tauschen. Dabei fiel sein Blick auf die Wegbiegung am Ende der Straße.

„Was meinst du, Lavinia, wann sind sie endlich da?“

„Hm. Mal überlegen …“, murmelte Lavinia und ließ ihren Blick die Antsanvia hoch und runter schweifen.

Die Straße selbst war leer. Die Kinder ihres Clans hatten sich überall am Wegesrand zwischen den Büschen verteilt und spielten, je nach Alter – doch immer ziemlich laut – Verstecken, Fangen, Zielwerfen oder Schwertkampf. Letzteren hatte ihr Bruder Medan gerade gewonnen und stolzierte mit hochgerecktem Schwert umher wie der Gockel auf dem Mist. Seine langen kupferroten Haare gaben einen prima Hahnenkamm ab, er krähte sogar recht authentisch. Alle fast-erwachsenen Mitstreiter hielten sich die Ohren zu, bis auf einen. Der hielt sich die Hand mit dem abgebrochenen Holzschwert.

Etwas weiter die Straße hinauf hatte es sich Großmutter Mara mit den anderen alten Leuten unter mächtigen Eichen bequem gemacht. Hanibu saß mitten unter ihnen wie ein junges, schwarzes Schaf zwischen alten, weißen und redete – wie so oft – mit Händen und Füßen. Ab und zu schallte Gelächter herüber, denn Hanibu artikulierte manchmal die Mundart der Hermunduren so verquer, dass am Ende nur unsinniges Zeug heraus kam. Lavinia kannte sich damit aus, weil sie umgekehrt die Sprache der Äthiopier fleißig lernte und daher auf die gleiche Weise ihre dunkelhäutige Freundin zum Lachen brachte.

Die einzigen, bei denen es sehr ruhig zuging, waren die Frauen mit kleinen Kindern, die noch nicht schnell genug weg krabbeln konnten. Dort saß ihre Mutter, Flora, und tat so, als würde sie sehr aufmerksam ihre Schwiegertöchter, Noeira und Taberia, sowie Enkeltöchter, Belisama und Armanu, betrachten. Ihre wahren Absichten verbarg sie hinter üppig herabwallendem Kupferhaar. Lavinia hatte schon fünf Jahre geübt, diesem getarnten Kontrollblick zu entkommen und tat so, als würde sie die Mittagssonne blenden.

Mit der Hand über den Augen drehte sie sich wieder zu Robin um.

„Nun, ja … Wann werden unsere Leute endlich da sein. Gute Frage. Also: Der letzte Hörnerklang kam vom Schleidsberg und sie sind ja nicht so schnell, weil sie im Tross ziehen. Also Geduld, Robin, Geduld. Es dauert nicht mehr lange. Mama hat gesagt, die Zeit des Hoffen und Bangen ist vorbei!“

„Den Göttern sei Dank! Meine Mama heult nachts lauter als meine kleine Schwester!“

„Wem erzählst du das?!“, seufzte Lavinia und setzte sich ins Gras. „Immerhin habe ich die ganze Zeit neben Noeira gelegen! Du schläfst ja bei Medan! Ich bin froh, wenn ihr endlich wieder in euer eigenes Haus zieht.“

„Nichts lieber als das, Medan zieht mir immer die Decke weg! Was meinst du, Lavinia? Wird mein Papa seinen Arm je wieder gebrauchen können? Königin Elsbeth hat gesagt, er hätte einen schlimmen Schwerthieb abbekommen und Onkel Tarian hat es extrem am Bein erwischt.“

„Nur keine Sorge, Robin. Meinen großen Brüdern geht es bestimmt gut! Schließlich haben sie die beste Ärztin dabei, die es hierzulande gibt. Viviane flickt alles wieder zusammen, es sei denn, der Kopf ist ab.“

Robin verzog das Gesicht und fasste sich an den Hals.

„Königin Elsbeth hat gesagt, unser Clan hätte nur vier Krieger verloren, aber es gab viele Verwundete. Im Allgemeinen hätten sämtliche Hermunduren-Clans jedoch großes Glück gehabt.“

„Dieses Glück heißt Viviane. Sie hat schließlich alles zum Guten gewendet. Sie hat die Späher der Chatten in eine Falle gelockt und sie hat unserem Amaturix geholfen, als er gegen die Könige der Chatten gezogen ist. Die Beiden haben heroisch gekämpft und unserem Hirschclan enorm viel Ehre gebracht. Sie sind unsere Helden, die Helden des geeinten Großkönigreiches der Hermunduren.“

„Genau. Wir Hermunduren haben die große Salzschlacht im hercynischen Wald gewonnen. Wir Hermunduren haben von den Göttern das Salz geschenkt bekommen. Wir Hermunduren sind die Hüter ihres weißen Goldes. So war es, so ist es, so wird es auch bleiben. Unser Land steht den Göttern am nächsten und deshalb haben die berühmt-berüchtigten Chatten jetzt Respekt vor uns ehrbaren Hermunduren.“

„Garantiert. Aber nur vor denen, die ordentlich schreiben können, besonders, wenn sie aus dem ehrenhaften Hirschclan kommen.“

Demonstrativ verdrehte Lavinia ihren Arm und tippte sich auf den Rücken, den sie schön krumm zum Buckel formte. Hinlegen tat sie sich nicht, verschränkte aber wenigstens die Hände vor den Knien und stützte ihr Kinn darauf ab.

Robin seufzte ergeben, klemmte sich die Zungenspitze zwischen die Zähne und malte auf ihren gesamten Rücken ein …

„T, griechisch Tau wie Teller, Tasse oder Tarian. Jetzt haben wir alle durch, die von unserer Familie in die Schlacht ziehen mussten. C wie Conall und V wie Viviane haben wir ja schon vorhin mit Steinchen gelegt.“

„Einen hast du noch vergessen!“

Robin malte wieder hochkonzentriert.

„Ach ja! Da hast du natürlich recht, Robin! L, griechisch Lambda wie Lamm, lesen oder Loranthus. Aber eigentlich war unser Loranthus ja nicht richtig in der Schlacht dabei, weil er ein Grieche ist und kein Hermundure. Er ist unser Gast, und Gäste dürfen nur von Weitem zusehen.“

„Aber er könnte einer von uns werden, Lavinia! Immerhin hat er sich in Elektra verliebt und Elektra sich auch in ihn!“

„Richtig. Wenn Loranthus eine Königstochter ausschlägt, und auch noch eine solche Schönheit wie Elektra, wäre er wirklich ein Dussel. Dümmer geht’s schon gar nicht mehr.“

In Anbetracht dieser potentiellen Fehlentscheidung verzog Lavinia schon einmal geringschätzig das Gesicht. Robin hingegen wiegte den Kopf, als pendele er selbst zwischen dem Leben eines Königs und dem eines Seefahrers hin und her.

„Ich weiß nicht, Lavinia … Großmutter Flora sagt, er könnte dann kein Händler mehr werden wie sein Vater! Er käme nie mehr in seine Heimat, diese herrliche griechische Insel, Kreta!“

„Da hat meine Mutter vollkommen recht, Robin. Großmutter Mara sieht das als seine schwerste Entscheidung an, immerhin ist Loranthus der Spross einer uralten und enorm reichen Händlerdynastie.“

„Da hat meine Urgroßmutter Mara vollkommen recht, Lavinia. Medan hat sie übrigens belauscht, als sie gerade über seine Sklavin Hanibu geredet haben. Er hat sich doch tatsächlich auf eine Wette mit mir eingelassen.“

Lavinias Kopf ruckte hoch und bis zum Anschlag herum.

„Hanibu mag die Sklavin von Loranthus sein, aber sie ist auch unsere Freundin, Robin!“, schnaubte sie tadelnd, um ihre wahre Absicht zu kaschieren, doch der lauernde Ausdruck in ihren Augen sagte alles. „Um was hat mein jüngster Bruder mit dir gewettet?“

„Kannst du schweigen?“

„Selbstverständlich!“

„Siehst du, ich auch!“

„Ts, dann eben nicht“, winkte Lavinia verächtlich ab und säuselte einen Wimpernschlag später: „Aber wir zwei könnten ja auch eine Wette abschließen, Robin!“

„Gut. Warum nicht.“

Ihr Blick bekam sofort einen geschäftsmäßigen Ausdruck.

„Also. Ich wette mit dir um einen Kieselstein meiner Wahl, dass Loranthus und Hanibu hier bei uns Hermunduren bleiben.“

„Dann halte ich dagegen und wette mit dir um einen ausgetrockneten Frosch meiner Wahl, dass Loranthus mit Hanibu zurück nach Kreta reist.“

„Wette angenommen!“, sagte Lavinia und verrenkte sich, um Robin mit feierlicher Miene die Hand zu schütteln.

Robin drückte fest zu und schob sie sorgsam in Richtung ihrer Füße zurück; ein bisschen schräger drücken, noch schräger nach unten, Übergewicht ausnutzen, Achtung! Drache fällt! Füße hinten … festhalten! Und mit Schwung auf das Hinterteil! Drache fixiert!

Triumphierend reckte Robin die Finger in die Luft und … fing wieder an zu malen. „Mama …“, rief Lavinia sofort und schmiegte sich ins Gras, als hätte sie sowieso dorthin gewollt.

„Nein, Lavinia! Doch nicht M wie Mama! Es ist doch ein N wie Noeira! Wie meine Mama!“

Lavinia presste ihr Ohr ins Gras und zischte: „Lass mich doch ausreden! Ich wollte sagen: Mama hat recht gehabt. Sie kommen.“

Sofort reckte Robin den Kopf, wohlgemerkt nur den, und seine Augen visierten die ferne Wegbiegung an. Feixend drehte er sich wieder zu Lavinia um.

„Da musst du dich getäuscht haben, Tantchen! Nichts zu sehen, aber guter Versu …“

Lavinia zerrte so abrupt an seinem Arm, dass er einfach zur Seite kippte und sie ihm eine Hand auf die Wange klatschen konnte. Zornig wollte er aufbegehren, doch sie hatte seinen Kopf bereits seitwärts ins Gras gedrückt, der Rest war auch schon da.

„Zu sehen vielleicht noch nicht, aber horch mal, Robin! Das hat uns doch Oen am letzten Tag auf den Weiden beigebracht, bevor er in die Schlacht ziehen musste. Deshalb ist doch seine Schwester, Nora, jetzt unsere Schafhirtin.“

Robins verdrießliche Miene hellte sich sofort auf, denn nun konnte er es auch hören: Das Trampeln der Pferde und Ochsen, das Rumpeln der Wagenräder … Er bildete sich sogar ein, die Schritte der Leute auszumachen, als er sein Ohr ganz fest ins Gras presste. Jauchzend sprang er hoch. Wo war sein Hausdrache? Ah, genau vor seiner Nase.

Wild packte er Lavinia und zerrte sie hinter sich her zu den Erwachsenen.

„Sie kommen!“, jubelte er. „Jaaa! Sie kommen endlich heim!“ Lavinia johlte mit und flatterte mit ihrem frisch gewaschenem grünen Leinkleid neben ihm her.

Auch auf der anderen Straßenseite riefen die Kinder durcheinander. Medan rannte quer durch die Büsche, stob über die Antsanvia, riss die Arme hoch und Lavinia sprang jauchzend in diese hinein. Er drückte sie an sich, schob Robin an seine Seite und sie legten das letzte Stück gemeinsam zurück, wobei Robin den beiden neidische Blicke zuwarf oder vielleicht eher skeptische.

Er selbst hatte leider nur eine kleine Schwester, Belisama, und musste daher selbst laufen. Dafür konnte er von einem winzigen, haarlosen Baby aber auch nicht herumkommandiert werden, so wie es Medan mit ihnen versucht hatte – wohlgemerkt nur ‚versucht‘. Schließlich hatte dieser Halbstarke noch nicht mal seine Weihe, auf die er sehr sehnsüchtig wartete und die Robin ihm auch gönnte. Dann hätte Medan nämlich mit in die Schlacht ziehen dürfen und er wäre der einzige Mann im Dorf gewesen. Erste Betonung auf ‚Mann‘, zweite auf ‚einzig‘.

Robin war so mit diesem verlockenden Szenario beschäftigt, dass er gar nicht merkte, wie sich die Leute erhoben und nach Familien ordneten. Erst als Hanibu in ihre dunkelbraunen Hände klatschte, erkannte er seine Chance und hüpfte in ihre ausgebreiteten Arme. Er widerstand allerdings der Versuchung, auf ihre Schultern zu klettern, so wie es Lavinia gerade bei Medan tat, und begann schon ein wenig zu schmollen, da fühlte er plötzlich, wie ihm jemand zärtlich von hinten den Zopf aufmachte und noch einmal neu flocht.

Es war Flora. Sie gab ihm noch einen großmütterlichen Kuss auf die Wange, bevor sie sich mit jugendlichem Schwung über die Lockenpracht ihrer Tochter, Lavinia, hermachte. Nach erfolgreicher Entfernung jeglicher Grasrückstände legte sie ihre Hände irgendwie feierlich bei Medan und Hanibu auf die Schultern, um ihre Ruhe auf die Gruppe zu übertragen.

Gleich daneben kämmte sich Noeira ebenfalls ihre rotblonde Mähne durch. Kaum war sie damit fertig, hatte Belisama auch schon ein paar Strähnen in der Zerre und riss ihr kleines Mündchen auf. Ungeduldig brummelte Noeira vor sich hin und rutschte Belisama im Tragetuch zurecht, denn ganz offensichtlich hatte die Kleine Hunger, ausgerechnet jetzt. Taberia brachte schnell ihren langen blonden Zopf in Sicherheit und lugte zu ihrer Armanu hinunter, die gerade mit der gleichen Absicht und ziemlich gierig an ihrem Kleid zerrte. Seufzend öffnete sie gleichfalls die Fibel auf der rechten Schulter und zog das Gewand ein Stück herab, während kleine Füße gegen ihren Bauch rempelten und grapschende Finger sich ihre Brustwarze einverleibten.

Großmutter Mara schnalzte belustigt mit der Zunge, als die Babys zu schmatzen begannen und legte den beiden jüngeren Generationen feierlich die Hand auf. Es war wirklich schön, Mutter, Großmutter und Urgroßmutter zu sein. So war es, so ist es, so würde es auch bleiben, dank derer, die da siegreich heimkehrten.

Aufrecht und voller Freude standen alle Leute da wie angewurzelt und schauten gespannt in die gleiche Richtung, weit die Straße hinunter zur Biegung, wo endlich König Gort erschien. Hoch zu Ross, Langschwert und Kurzschwert im Gürtel, den runden Schild leger daneben gehängt, den Speer triumphierend in der Hand und das Haupt hoch erhoben wie der stolze Hirsch, trabte er majestätisch um die Biegung der Antsanvia. Seine langen braunen Haare wehten weit über sein grau glänzendes Kettenhemd, als wollten sie nach hinten deuten. Da setzten sich ihre Füße von ganz alleine in Bewegung – zögerlich; sie brauchten noch mehr Gewissheit.

Und wirklich: Die ersten Krieger kamen hinter König Gort in Sicht, während er sein Signalhorn an den Mund hob und ein herrlicher, tiefer, dumpfer Klang die Luft zum Vibrieren brachte.

Plötzlich ertönte auch bei ihnen das Dröhnen und Afal, in seinem reinweißen Druidengewand, das Horn an den Lippen, hob die Hand und schwenkte sie weit ausholend zum Gruß. Sämtliche Kinder, Mütter und alte Leute jauchzten auf und rannten los, rannten, sprangen, hüpften, schritten dem Tross entgegen, der sich schwerfällig um die Biegung wand.

Beim Anblick der heranpreschenden Meute aus stampfenden Füßen, aufgerissenen Mündern und fuchtelnden Armen kam der Wagenzug ins Stocken.

Nun brachen auch die Heimkehrenden in Jubelgeschrei aus, sprangen von den Ochsenkarren und stürmten den langen Tross entlang, eilten den Daheimgebliebenen entgegen. Manch einer entwickelte auch ohne Pferd eine so extrem schnelle Gangart, dass die Krieger ihre tänzelnden Pferde zügeln mussten, damit niemand zu Schaden kam. Umsichtig warteten sie daher auf ihre Kameraden in den Streitwagen, die nur langsam über den bebenden Boden rumpelten, weil sie nicht an ein paar humpelnden Männern vorbei kamen, die wuchtig ihre Gehstöcke schwangen. Die Insassen der Streitwagen stiegen jedoch einfach heraus und huschten wie der Wind an den Hindernissen vorbei. Johlend sprangen auch die anderen Krieger von ihren Pferden und mischten sich ins Gedränge.

König Gort blieb auf seinem Hengst sitzen und stieß die ganze Zeit ins Horn; am anderen Ende der Straße tat es Afal, sein oberster Druide, ihm gleich.

Der mächtige Hörnerklang und Jubel von zwei Seiten schwoll zu einem einzigen, vielstimmigen Triumphgetöse, auf dessen Höhepunkt sich die Menschen beider Seiten mit Wucht vermischten wie zwei Flüsse, die ineinander brausten.

Sofort ebbte der Strom ab und jeder versuchte, so schnell wie möglich seine Lieben in die Arme zu schließen. Namen wurden gerufen, Leiber schoben sich gegeneinander vorbei, prallten zusammen, pressten sich aneinander, umarmten sich … Kleine Kinder wurden hochgehoben, jauchzten gemeinsam mit ihren Eltern, Brüdern, Schwestern, Großeltern. Die Freudenschreie triumphierten über die besorgten Rufe wegen der Verletzungen. Tränen tropften aus glücklichen Augen.

Aber es gab auch einige in dieser mächtig wogenden Menschenmenge, die still dastanden und unförmige Lederbeutel an ihr Herz pressten. Auch sie wurden umarmt, gedrückt, gestreichelt, geküsst und getröstet, doch bedächtig traten sie aus dem Freudentaumel heraus, stellten sich abseits unter die Bäume.

Voll Wehmut schauten sie auf die kläglichen Reste ihrer Angehörigen herab und betrachteten die, die lebend heimgekommen waren, mit einem suchenden Blick, als müssten ihre Leute doch unter ihnen sein – irgendwo, sie sahen sie in dem Gewühl nur nicht.

Erst als ihr oberster Druide, Afal, erneut in sein Horn blies, wurde ihnen endgültig bewusst, dass niemand mehr kommen würde, den sie vielleicht doch noch in die Arme schließen könnten.

Genau wie alle anderen fielen auch sie auf die Knie und pressten ihre Stirn gegen die Erde, während König Gort sein Trinkhorn hob und Mutter Erde in allen vier Himmelsrichtungen ein Trankopfer darbrachte. Und genau wie alle anderen dankten sie den Göttern für die Heimkehr ihrer Lieben. Denn heimgekehrt waren auch die Toten. Das war das Wichtigste.

Nachdem sich der gesamte Hirschclan wieder erhoben hatte, reichte Königin Elsbeth König Gort einen kleinen Laib frisches Brot und er brach ihn bedächtig entzwei. Sorgfältig streute sie Salz darüber und er reichte ihr eine Hälfte.

Während der ganzen Zeremonie hatten sie sich angesehen und auch jetzt, als sie gemeinsam aßen, schauten sie sich tief in die Augen.

Nun war es an den anderen, Brot und Salz miteinander zu teilen.

Natürlich hatten die Leute aus den Dörfern gleich mehrere kleine Brote dabei, denn alle: Kinder, Mütter, Großmütter, Großväter, Urgroßmütter und Urgroßväter brachen mit ihren heimgekehrten Familienmitgliedern das Brot. Danach standen sie zusammen und erzählten. Schlacht, Gefahren, Strategien, Verletzungen, Heimweg, Getreidefelder, Gemüsefelder, Viehzeug, Gesundheit, Wetter, Neuigkeiten …

Erwachsenengespräche. Da konnte Robin endlich zum Spielen gehen und sogar Lavinia mühelos mit sich ziehen.

Lavinia sah beim Versteck spielen immer mal zu ihren Leuten hinüber, dort war ihr nämlich etwas aufgefallen, sie kam nur nicht drauf …

Ihre ganze Familie war endlich wieder vereint: Mutter und Vater, Schwester und Brüder, Schwägerinnen, Neffe und Nichten, Gast aus Griechenland und Gast aus Äthiopien.

Gäste, ah, ja. Hatte Loranthus früher schon so alt ausgesehen? Selbst seine Sklavin, Hanibu, die sonst so gerne lachte, runzelte heute sorgenvoll die Stirn beim Anblick seiner bekümmerten Miene und den hängenden Schultern. Dabei war es nicht mal einen Mond her, als er mit ihren Leuten losgezogen war, nur um eine keltische Schlacht aus der Ferne sehen zu können.

Keltoi, so sagten die Griechen zu ihnen, was wohl so viel wie ‚die Hohen‘ bedeutete, und weil sie ihren griechischen Gast sehr gerne hatte, tat sie ihm den Gefallen und ließ ihn reden. Schließlich hatte sie dafür Verständnis, dass sich ein Auswärtiger nicht alle zweitausend oder sonst wie viele Clans sämtlicher Stämme mit Namen merken konnte, das schaffte sie ja selbst nicht. Außerdem war ‚die Hohen‘ eine sehr schöne und irgendwie treffende Beschreibung für ihre Leute, aber Keltoi hin und keltisch her – in einem Mond konnte doch kein Grieche so schnell altern!

Obwohl … Ihr Vater sah auch ganz anders aus, als sie ihn in Erinnerung hatte, genau wie ihre Brüder und ihre Schwester. Irgendwie sahen alle Heimgekehrten seltsam aus. Und die Daheimgebliebenen?

Arminius und Flora, der Schmied und die Kräuterfrau: Wann hatten ihre Eltern jemals geweint? Wann hatten sich ihre Eltern jemals so fest aneinander geklammert oder gar der Vater einen Kniefall vor der Mutter gemacht und ihren Bauch geküsst?

Conall und Noeira, der Sattler und die Holzschnitzerin: Wann hatte ihr ältester Bruder jemals vor Schmerz geschrien, als seine winzige Belisama ihm die noch winzigere Hand auf den Arm geklatscht hat?

Tarian und Taberia, der Tischler und die Töpferin: Wann hatte ihr zweitältester Bruder jemals seiner heißgeliebten Frau die kleine Armanu aus den Händen gerissen und zitternd an sich gedrückt? Wann hatte ihn die zierliche Taberia je dabei stützen müssen?

Viviane und Silvanus. Sie, die Ärztin und Elitekriegerin im Bund des Drachenschwertes, er, der Schuster, Wagenbauer und Glasmacher: Wann hatten ihre Schwester und ihr Gefährte jemals beide gleichzeitig die Arme um Großmutter Mara gelegt und sich unter ihren grauen Haaren versteckt?

Nun, Großmutter Mara hatte massenweise davon, da passte noch viel mehr drunter, und dennoch heulte sie so laut, als würden sie ihr jedes Haar einzeln ausreißen. Manchmal, nachts im Traum, hatte sie auch so geschluchzt, weil sie wegen der großen Schlacht in Sorge war. Das hatte sie Lavinia ganz genau erklärt, weil sie es einfach nicht begreifen wollte.

Eigentlich verstand sie es immer noch nicht, warum jemand so friedliche Menschen wie ihre Familie bedrohte und sie zwang, in einer Schlacht zu kämpfen nur wegen Salz, das hier überall aus der Erde sprudelte. Was wäre passiert, wenn sie verloren hätten?

Lavinias Betrachtungen waren in dem Augenblick zu Ende, als sie abgeschlagen wurde und nun mit Suchen dran war. Als sie das nächste Mal ihre Familie beobachten konnte, hatte sich die Situation so vollkommen verändert, dass sie heftig zwinkern musste, weil sie ihren Augen nicht traute.

Alle standen im Kreis, knabberten an ihren Broten, nippten an ihren Hörnern und lachten. Sie lachten sogar lauthals.

Viviane bildete den Mittelpunkt und drehte sich langsam um sich selbst.

Sie erzählte sehr lebhaft, fuchtelte immerzu vor ihrem Bauch herum und zuckte mit den Schultern. Loranthus grinste über beide Ohren und Hanibu schaute so schnell von einem zum anderen, dass es ihr bestimmt bald schwindelig werden würde.

Flora rutschte das Brot aus der Hand und sie konnte es gerade noch erwischen, ohne Viviane dabei aus den Augen zu lassen. Erstaunt über ihre eigenen Fangkünste, stand ihr Mund ganz weit offen und sie starrte Arminius an, der feixend seine großen Hände auf ihren Schultern ablegte.

Noeira beugte sich so weit zu Viviane hin, dass sie eigentlich vornüber kippen müsste, zumal Belisama schon mit den Füßen in der Luft zappelte und der Rest von ihr bedrohlich im Tragetuch baumelte. Conall schüttelte grinsend den Kopf und hielt irgendwie beides fest, Noeira mit den Beinen und sein Töchterchen mit einer Hand.

Großmutter Mara hatte sich mit beiden Händen in den langen dunkelbraunen Haaren von Silvanus verkrallt und wollte sich daran hängen. Ach, nein. Sie zerrte ihn zu sich herunter. Silvanus – zuvorkommend wie immer – beugte sich grinsend zu ihrer faltigen Wange herab und gab ihr einen Kuss. Plötzlich packte er sie und warf sie so weit hoch in die Luft, dass Großmutter Mara jauchzte wie eine junge Maid beim Tanz.

Lavinia gab ihr perfektes Versteck auf und rannte dorthin, wo die Musik spielte.

Flora fing sie ab, hockte sich zu ihr runter und strahlte.

„Lavinia, wir bekommen ein Baby!“

„Aber Mama!“, schnaubte Lavinia und winkte ab. „Das ist doch nichts Neues! Wir wissen schließlich alle, dass du zur Zeit der Ulme ein Baby bekommst.“ Sie stellte sich auf die Zehen. „Und dann werde ich endlich große Schwester sein.“

Flora lächelte ihre Jüngste an und deutete auf ihre große Tochter, die sofort den Kopf schräg legte.

„Viviane bekommt auch ein Baby, etwa zur Zeit des Apfelbaumes. Du wirst also wieder Tante genau wie bei Robin, Belisama und Armanu.“

Lavinia hörte sofort mit ihrem Spitzentanz auf und kippte den Kopf zur Seite. Sie war, bis auf die Haarfarbe, die Miniatur ihrer großen Schwester. Wie zwei ungleiche Ebenbilder betrachteten sie sich nun beide höchst nachdenklich, Viviane kniff nur die Augen nicht so zusammen. Im Gegenteil, ihre wirkten recht groß, wegen der hochgezogenen Augenbrauen.

„Moment mal! Da stimmt doch was nicht!“, stellte Lavinia auch sogleich fest und sah ihrer großen Schwester prüfend in die Augen. „Der Apfel ist vor der Ulme dran! Da müsstest du ja schon etwa einen Mond vor Mama ein Kind empfangen haben.“

Viviane schmunzelte.

Lavinia kniff die Augen noch mehr zusammen, legte den Kopf noch schiefer und drehte sich ziemlich langsam zu Silvanus um. Auch ihn bedachte sie mit diesem taxierenden Blick und bekam prompt ein freches Grinsen zurück. Jetzt sah sie fast gar nichts mehr. Nachdenklich tippte sie sich an die Wange und widmete sich wieder Viviane, die irgendwie verlegen oder verärgert wirkte. Je nachdem, wie schnell sie ihr langes Mahagonihaar um den Finger wickelte, war das immer ganz offensichtlich. Diesmal war sie gerade dabei, sich den Finger abzuschnüren.

„Dann ist das Kind gar nicht von Silvanus,“ sagte Lavinia gut verständlich und machte die Augen weit auf. „Du hast es aus Britannien mitgebracht, bestimmt von diesem Merdin, von dem du uns erzählt hast.“

Vivianes Miene hatte sich bei jedem Wort mehr verfinstert, während sie nebenbei ihren Finger langsam ausgewickelt hatte, aber ihre Stimme klang bewundernd, als sie sich hin hockte und die Hände ihrer kleinen Schwester nahm.

„Lavinia. Du bist schneller von Begriff, als ich für möglich gehalten hätte. Ich habe für diese Erkenntnis ganze drei Monde gebraucht. Und wenn ich nicht zufällig Großmutter Dana verdächtig vorgekommen wäre …“ Viviane hob in einer hoffnungslosen Geste die Hände. „Ich glaube, ich würde noch ein paar Monde weiter denken, ich hätte ein wachsendes Geschwür im Bauch.“ Sie klatschte sich die Hand gegen die Stirn. „Geschwür! Beim Geweih von Cernunnos! Ich will eine Ärztin sein und erkenne meine eigenen Symptome nicht!“

Lavinia kicherte und drückte sich in die Arme ihrer großen Schwester.

„Viviane. Spätestens beim ersten ordentlichen Tritt gegen deinen Bauch wäre dir was verdächtig vorgekommen und wenn nicht, dann spätestens im Winter, wenn es raus kommt und ‚Überraschung!‘ ruft. Da fällt mir gerade ein: Weißt du, wer außer mir noch so schnell von Begriff ist, große Schwester?“

„Sag es, kleine Schwester!“

„Madite, natürlich! Sie hat es schon vorausgesehen, damals zum Beltaine-Fest, weißt du noch? Sie hat gesagt, dass dem stolzen Hirsch ein Sohn geboren wird, wenn es zum dritten Mal schneit. Na, und dieser Merdin aus Britannien ist ja auch ein Nachfahre des Cernunnos, genau wie wir. Und weil er der Sohn des obersten Druiden dort ist, hat er auch einen hohen Status, also ist er dieser stolze Hirsch.“

Viviane klappte den Mund auf und wieder zu. Lavinia spürte eine Hand auf ihrer Schulter. „Wenn du später mal Druidin werden willst, Schwesterchen, wäre es mir und Viv eine Ehre, wenn wir dich unterstützen dürften“, erklang eine leicht belustigte Stimme in ihrem Rücken.

Lavinia drehte sich strahlend zu Silvanus um, der feixend zu ihr herab sah.

„Danke, Silvanus. Ich werde dich daran erinnern. Schließlich kann ich jede Hilfe gebrauchen, wenn ich die Rechtsprechung studieren will. Das soll ja so unheimlich lange dauern, bis man endlich in diesen hohen Rat aufgenommen wird.“

Silvanus schaute zu Viviane. Die beiden grinsten sich an und meinten einstimmig: „Du brauchst höchstens die Hälfte der Zeit!“

Robin zupfte Silvanus am Hemd.

„Silvanus? Wenn du Viviane zu Lugnasad heiratest, baust du dir doch auch ein Haus. Kann ich dann bei euch schlafen, bis euer Baby da ist? Belisama schreit nämlich immer so laut, wenn ich schlafen will. Ein paar Monde Ruhe täten mir gut.“

Robin blickte hoffnungsvoll in die Augen von Silvanus, doch der sah verlegen zu ihm herab.

„Also, Robin. Wir wollen schon zu Lugnasad heiraten, aber … wie soll ich dir das jetzt erklären …“

„Vielleicht kann ich dir dabei helfen, Silvanus“, sagte Arminius, stellte sich zwischen Viviane und Silvanus und legte ihnen die Hände auf die Schultern. Alle drei hatten den gleichen stolzen Gesichtsausdruck.

„Unsere Kinder bekommen ein Stück Land geschenkt, weil sie so tatkräftig an unserem Sieg beteiligt waren als Späher, im Vorkampf und als Wagenkämpfer. Das ist übrigens das Beste für uns und alle Hermunduren, außerdem hätten die ganzen Pferde auf unserem Land sowieso nicht genug Futter.“

Flora sah ihren Mann fragend an, aber Noeira war schneller.

„Pferde? Was denn für Pferde!? Erbeutete?! Doch nicht etwa alle, die da hinten stehen?!“ Silvanus kickte Conall seinen Ellenbogen in die Seite. Conall rempelte zurück und legte seiner Frau beruhigend den Arm um die Schultern.

„Nein, natürlich nicht alle, Noeira. Viviane und Silvanus haben den anderen Kämpfern auch noch einen kleinen Rest übrig gelassen. Aber wenn du schon so fragst, hat es noch einen weiteren Vorteil, wenn die beiden ein Haus und einen Schuppen auf eigenem Land bauen können … Und damit meine ich nicht, dass Robin auf die Entfernung nichts mehr hört von dem Geschrei unserer kleinen Belisama.“

Conall streichelte seinem Töchterchen die rosigen Wangen und bekam ein zahnloses Lächeln mit viel Spucke dafür. Er räusperte sich und deutete die Antsanvia hinunter.

„Komm mal mit zu unserem Ochsenkarren, Noeira! Dann zeig ich dir die Köpfe, die Viviane und Silvanus erbeutet haben. Die passen keinesfalls alle zusammen an ein Haus. Wenn man die ganzen Schädel so dicht aneinander nageln täte, würde das viel zu protzig aussehen.“

Viviane protestierte sofort, sie habe nicht die Absicht, irgendwelche Schädel an irgendwelche Hauswände zu nageln, doch Noeira hörte ihr gar nicht zu. Argwöhnisch kniff sie die Augen zusammen, beugte sich um Conall herum und betrachtete seine Rückansicht. Erschrocken weiteten sich ihre Augen.

„Wo ist dein Zopf, Conall?!“

Conall fasste sich ins Genick und zog verlegen den kläglichen Stummel seines Zopfes aus dem Hemd heraus.

„Ach, Noeira! Der ist auch hinten im Wagen. Ich hatte wirklich gehofft …“

Noeira presste ihre Lippen auf seinen Mund und klammerte ihre Arme fest um seinen breiten Rücken.

„Viel wichtiger ist doch, dass dein Kopf nicht mit dran war, als das Schwert von dem Chatten ihn abgeschlagen hat!“ Abrupt drückte sie sich weg, schlug ihre Faust in die andere Hand und knurrte: „Den Kopf von diesem mordgierigen Übeltäter will ich als erstes sehen, damit ich ordentlich drauf spucken kann!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, stürmte sie die Antsanvia hinunter und Belisama gluckste vergnügt, weil sie es liebte, schwungvoll geschaukelt zu werden. Conall rannte hinterher und hatte sie bald eingeholt.

Tarian und Taberia schauten ihnen nach, wie sie jetzt langsam und eng umschlungen die breite Straße hinuntergingen. An der Biegung sahen sie plötzlich Conalls fliegende Beine und grienten sich an.

„Vater, ich zeige Taberia auch mal unsere Kriegsbeute. Sie ist bestimmt auch … äh … neugierig.“

„Tu das, mein Sohn. Taberia wird staunen. Unser Karren ist allein damit schon voller, als mit dem Proviant für den Hinweg. Aber pass auf dein verwundetes Bein auf! Bleib nicht in den Büschen hängen, die stehen ja ziemlich nah am Wegrand. Da werden wir im Winter wohl mal ordentlich auslichten müssen, sonst wird unsere Antsanvia noch … unübersichtlich.“

König Gort ließ sich Zeit, bis er das Signal zum Aufbruch gab, doch irgendwann blies er in sein Horn und alle liefen zu den Karren und Pferden. Gemächlich setzte sich der Tross wieder in Bewegung, diesmal mit allen Leuten des Hirschclans. An der Kreuzung verließen sie die breite Straße und schlugen den Fuhrweg zur Burg ein.

Loranthus sah noch einmal zurück auf die Antsanvia, auf der er mittlerweile schon mehr Schritte getan hatte als in seinem gesamten alten, griechischen Leben, wie er es neuerdings nannte. Vor ihm rumpelte der Ochsenkarren seiner Gastfamilie mitsamt den Frauen den Uhsineberga hinauf, Tarian, ziemlich eingequetscht, mittendrin. Arminius und Conall trabten neben her, weil sie keine Beinverletzungen hatten, aber schon genug Schürfstellen.

Loranthus, seine Sklavin Hanibu, Silvanus und Medan liefen leichtfüßig neben dem Streitwagen. Lavinia und Robin hielten jeder einen Zügel in den Händen und Viviane lenkte umsichtig ihren Tatendrang.

„Hast du eigentlich von deiner Warte aus gut sehen können, Loranthus?“, fragte Robin und beugte sich neugierig aus dem Wagen heraus, behielt seinen Zügel jedoch wachsam im Auge.

„Oh ja, Robin! Der Aussichtsplatz war sehr hoch und mit diesen Fernrohren, die eure Wachtposten haben, kann man wirklich wunderbar weit sehen. Ich wusste gar nicht, dass ihr derartige Gerätschaften euer eigen nennt!“

Silvanus sah zu Viviane und machte Grimassen. Viviane ließ sich davon aber nicht abschrecken.

„Silvanus hat sie gebaut, zusammen mit Großvater Anu und Afal.“

„Oh!“

Loranthus betrachtete Silvanus von oben bis unten und wieder zurück, als würde er alles glauben, nur das nicht. Silvanus winkte auch sogleich ab und verzog wieder das Gesicht.

„Viv übertreibt. ‚Gebaut‘ kann man dazu nämlich nicht sagen, und außerdem war Afal der wirkliche Schöpfer.“

„Afal?“ Loranthus schwenkte seinen Kopf zur Spitze vom Tross und wieder zurück, diesmal aber nicht ungläubig sondern neugierig. „Ich dachte, euer oberster Druide sei Astronom?“

Silvanus nickte eifrig.

„Afal ist ein großer Denker, ein Genie. Er ist für alles zu haben, was es noch nicht gibt.“

„Was es noch nicht gibt?“, echote Loranthus und sah dabei aus, als zähle er in Gedanken durch.

„Darf ich erzählen?“, fragte Medan hoffnungsvoll und quetschte sich zwischen Loranthus und Silvanus. Letzterer verdrehte die Augen, doch Viviane nickte feixend und sogleich warf sich Medan in die Brust. Lavinia kicherte, weil ihr Bruder nun so steif bergan lief, dass er eigentlich rückwärts umkippen müsste.

„Also, das war so, Loranthus“, begann Medan und passte seine Stimme seinem Gang an. „Zu Lugnasad kommen doch immer die Händler aus den fernen Ländern. Ein Händler hatte Glasbarren aus Ägypten dabei und schrie über den ganzen Markt, er hätte die Augen des Sonnengottes mitgebracht. Natürlich wollten alle dieses Wunder sehen und rannten zu ihm hin. Silvanus quetschte sich erfolgreich durch den Massenauflauf, denn er war damals noch ein dürres, kleines Ästchen. Er …“

„Du kriegst gleich einen Hieb von dem dürren Ästchen!“, warf Silvanus grinsend ein und wollte Medan im Genick packen. Doch der tauchte unter seiner Hand weg und sprang um Loranthus herum in Deckung. „Mittlerweile taugt er natürlich schon als Bohnenstange“, säuselte er aus sicherer Entfernung und wankte hin und her, als sei er die dazugehörende Bohnenranke.

„Ich fühle mich geehrt, Medan“, meinte Silvanus galant und reckte seine frei gebliebene Hand nach oben. „Bohnenstange wollte ich schon immer werden. Da hat man eine tragende Aufgabe im Leben. Erzähl ruhig weiter, Brüderchen! Bohnenstangen schlagen nicht aus, meistens.“ Und dabei streckte er seine Arme dermaßen weit nach hinten, als wolle er beweisen, wie gut er sich auch als Langbogen eignen würde.

Medan verzog das Gesicht, da ihm bei derartigen Verrenkungen nur vom Zusehen alles weh tat. Erst als Silvanus wieder wie ein normaler Mensch lief, kam er vorsichtig aus seiner Deckung, räusperte sich und sah Loranthus vielsagend an.

„Also. Silvanus schacherte so lange mit dem Händler, bis der ihm einen Glasbarren gegen einen Hirschhundwelpen tauschte. Um genau zu sein: Der Händler jauchzte ganz begeistert, weil ihn der kleine gleich abschleckte. Silvanus war natürlich sehr stolz auf seine Errungenschaft und hat jedem den Glasbarren gezeigt. Ich war damals noch sehr klein …“

„Ein Bohnensprössling, um genau zu sein!“, präzisierte Silvanus und schlug Medan die Hand so derb auf die Schulter, dass er nach vorne kippte wie ein zartes Pflänzchen im Wind.

Medan brachte das aus dem Rhythmus; er bekam seinen steifen Schritt nicht mehr zustande und lief wieder normal.

„Äh, ja, Silvanus. Das hätte ich mir denken können. Jedenfalls wollte ich dieses Glas auch sehen, wie Kinder eben so sind. Ich konnte den Barren kaum hochheben, so schwer war er. Silvanus hat ihn mir vor die Augen gehalten, damit ich hindurchsehen konnte. Er rief: ‚Du hast gaaanz große Augen, Medan!‘ Dann hat er sich den Glasbarren vors Gesicht gehalten und ich habe gerufen: ‚Du hast auch gaaanz große Augen, Silvanus!‘ Belustigt hat Silvanus den Glasbarren gegen die Sonne gehalten und wir haben zusammen gerufen: ‚Du hast auch gaaanz große Augen, Sonnenkönig!‘

Das war ein schönes Spiel und jeder, der vorbeikam, wollte mitspielen. Plötzlich stand Afal bei uns und sagte, er wolle auch gerne einmal hindurchsehen. Kaum hatte er durchgeguckt, bat er Silvanus, ihm den Glasbarren zu leihen und winkte Großvater Anu heran. Tuschelnd gingen sie im Eilschritt zum Lagerabschnitt der Händler und bald darauf war auch Afal der stolze Besitzer eines Glasbarren.

Den folgenden Winter über haben Afal und Großvater mit diesem Glasbarren experimentiert. Silvanus hat den ganzen Winter über aus seinem Perlen geformt. Es waren wunderschöne Perlen in leuchtenden Farben. Mutter war anfangs skeptisch, weil er sich bei ihr Farben erbettelt hatte, doch dann war sie ganz begeistert und hat ihm sogar mehr Farben versprochen, wenn er einen neuen Glasbarren hätte.

Als es wieder wärmer wurde und wir die Felder bestellten, hat Mutter ganz oft vor sich hin gesungen, weil sie so stolz auf ihre Glasperlenkette war. Zum Beltaine-Fest hat sie jeder angestarrt, als wäre sie eine Fee, die gekommen sei, um mit uns die gelungene Aussaat zu feiern. Afal musste sich sogar hinsetzen. Er sagte, dass die Kunst der Glasmacher schon lange verschwunden wäre. Keiner wüsste heute mehr davon. Er betrachtete die Kette ganz genau und ein paar Tage später kam er zu uns ins Dorf. Silvanus sollte ihm zeigen, wie die Perlen geformt werden. Er verfolgte die Prozedur höchst interessiert und als Silvanus die fertige Perle in seine Schiene zum Abkühlen legte … Da ist etwas passiert.“

Medan machte eine Pause, hob den Zeigefinger und sah Loranthus Achtung heischend an.

„Silvanus hatte für seine Perlen Schilfrohre gespalten, damit sie nicht weg rollen konnten. Und als er eine neue Perle in diese Rille legte … und sie rollte auf die vorherige Perle zu … da hat sich Afal vor den Kopf geschlagen, dass es richtig laut klatschte. Überaus hastig hat er sich für die Vorführung bedankt und ist mit Großvater Anu wieder auf die Burg. Großvater hat sich einen ganzen Mond nicht mehr bei uns im Dorf blicken lassen, aber als er wiederkam, brachte er Afal mit und die beiden haben uns etwas vorgeführt.“

Medan machte eine Handbewegung, als hielte er sich ein Fernrohr vor die Augen und sah Loranthus abwartend an. Irgendwie schien seine Geschichte nicht den gewünschten Erfolg zu haben, sein erwartungsvolles Grinsen ging in ein verhaltenes Lächeln über.

Jetzt erkannte Loranthus, dass er anders reagiert hatte, als von Medan erhofft und beeilte sich, den Jungen zu tätscheln. Dabei setzte er ein erfreutes Strahlen auf.

„Ich kenne dieses Glas aus Ägypten, Medan. Du weißt doch: Mein Vater ist ein Händler, meine Familie treibt schon seit Generationen Handel mit vielen Ländern!“

„Ach, so“, sagte Medan schlapp, als hätte er sich völlig umsonst so viel Mühe gegeben. Da huschte ein neugieriges Funkeln in seine Augen.

„Du hast doch deinen Vater auf seinen Handelsreisen begleitet, Loranthus! Hast du dieses Glas etwa selbst gesehen?! Ich meine, wie es gemacht wird.“

Loranthus tätschelte Medan wieder die Schulter.

„Ganz recht, Medan! Das habe ich wirklich! Und ich habe auch gesehen, was sie dort alles aus diesem Glas herstellen. Du musst bedenken: Schon seit der Hochepoche der Ägypter werden die Stoffe für Glas in riesigen Wannen zusammengemischt. Die sind übrigens so lang wie du, aber wesentlich breiter! Ein weiser Herrscher hat die Rezeptur sogar in Stein meißeln lassen, damit jeder weiß, wie man die Bestandteile zusammen bringen muss.“

Robin reckte den Hals über die Wand des Streitwagens.

„Wenn ich groß bin, dann laufe ich durch alle Länder und sehe mir an, was es überall für wundersame Dinge gibt. Nach Ägypten gehe ich natürlich auch!“

„Nimm lieber ein Schiff wie mein Vater. Das geht viel schneller und du siehst viel mehr von der Welt, als wenn du zu Fuß unterwegs bist.“

„Von mir bekommst du ein Pferd, Robin!“, warf Viviane lachend ein. „Bis zum nächsten Hafen ist es ziemlich weit!“

Bei Robin klappte die Kinnlade herunter und bei Silvanus ruckten die Augenbrauen hoch.

Viviane zuckte nur mit den Schultern.

„Ich meine das vollkommen ernst. Wenn Robin gerne in die Welt ziehen will, werde ich ihm helfen. Reich genug sind wir ja jetzt. Da kommt es auf ein Pferd mehr oder weniger nicht an. Am besten noch ein Ersatzpferd dazu – für’s Gepäck.“

Robin japste nach Luft, doch Viviane hob mahnend den Finger.

„Natürlich erst, wenn du deine Ausbildung beendet hast. Vorzugsweise solltest du etwas lernen, was man allerorts gut gebrauchen kann. Dann kannst du dir überall deinen Lebensunterhalt verdienen und bist so unabhängig, wie ein Weltreisender sein sollte. Denk mal darüber nach, Robin.“

Robin nickte derart stürmisch, dass sein Kopf gefährlich wackelte, genauso wie der Zügel, den er fest umklammert hielt. Viviane legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm.

„Nun ist es aber genug geschwatzt und du, Loranthus, solltest dein Wissen um unsere Fernrohre für dich behalten. Es hat nämlich seine Vorteile, wenn andere Völker nicht alles von einem wissen.“

„Keine Sorge! Ich musste schon Königin Birgie schwören, dass ich nichts davon erzähle!“

Viviane legte sofort den Kopf schräg und sah ihn von der Seite her scharf an. Loranthus presste die Lippen zusammen, war ihm doch plötzlich bewusst geworden, dass er sich verplappert hatte. Offiziell war er ja gar nicht bei Königin Birgie auf der Burg gewesen, sondern hatte nur mit Großmutter Dana auf einem einzelnen Wachturm gestanden. Also hätte ihn Großmutter Dana über sein Stillschweigen verpflichten müssen und nicht Königin Birgie.

Schnell dachte er nach, wie er seine vorlaute Rede berichtigen könnte und beeilte sich zu sagen: „Großmutter Dana hat mir natürlich auch schon erklärt, dass ich niemandem etwas über eure Fernrohre erzählen darf, es sei denn, es ist ein Hermundure. Aber als wir schließlich mit Königin Birgie zu eurem Kriegslager unterwegs waren, habe ich mich verplappert und da hat sie mich schwören lassen. Und damit ich meinen Schwur auch nicht vergesse, hat sie mir noch einen Fluch auf den Hals gehetzt.“

Alle rissen Augen und Münder auf, nur Viviane schmunzelte.

„So, so! Einen Fluch! Das sieht meiner Tante Birgie ähnlich.“

Loranthus sah Viviane verdutzt an und tastete seinen Hals ab.

„Hetzt Königin Birgie öfters Leuten einen Fluch auf den Hals?“

„Ständig. Die Königin der Bären ist berühmt-berüchtigt dafür. Jeden Tag muss mindestens einer dran glauben und wenn sie schlechte Laune hat auch mal zwei … oder drei“ Loranthus schnaubte.

Viviane feixte: „Mit welchem Fluch hat sie dich denn belegt?“

„Das darf ich auch nicht sagen!“, wimmelte er alle ab, die sich schon erwartungsvoll zu ihm hingebeugt hatten. „Der Wortlaut ist im Fluch mit inbegriffen!“

Alle Oberkörper kippten enttäuscht in die Ausgangsposition zurück, bis auf den von Viviane. Sie hatte ihre gerade Haltung mit dem schräg gelegten Kopf gar nicht geändert gehabt. Loranthus wollte ihrem forschenden Blick möglichst unauffällig ausweichen.

Daher schwenkte er seine Augen zum Waldrand und murrte: „Aber ohne diese Fernrohre hätte ich die Schlacht doch niemals so genau beobachten können! Ich darf also niemandem berichten, wie ihr gesiegt habt!?“ Er zog noch einen Schmollmund, einen möglichst traurigen.

Mit diesem Ablenkungsmanöver war er wohl übers Ziel hinausgeschossen, Viviane beugte sich weit aus dem Streitwagen und tätschelte ihm mitleidig die Schulter.

„Doch, doch Loranthus! Das kannst du ruhig jedem erzählen, der dir über den Weg läuft! Lass einfach die Fernrohre weg! Das merkt sowieso niemand, wenn du nicht sagst, wie weit du entfernt warst. Lenke die Aufmerksamkeit deiner Zuhörer auf die Geschehnisse der Schlacht. Je mehr du dabei übertreibst und je schrecklicher du alles darstellst, umso besser.“

Loranthus fuhr sich mit der Hand durch seine schwarzen Locken und der Staub der langen Reise tanzte in den Sonnenstrahlen, als er sich am Hinterkopf kratzte.

„Das verstehe ich nicht.“

Viviane kicherte.

„Das liegt am Blickwinkel, Loranthus. Beleuchte es von allen Seiten.“

„Blickwinkel?“

Loranthus sah nach vorne auf den Wagentross, der sich rumpelnd und stampfend gemächlich den staubtrockenen Weg bergan schob. Er lugte durch die Baumwipfel hoch zur Sonne, zwischen die Sträucher hindurch ins Dickicht und erspähte sogar ein paar leuchtend gelbe Schmetterlinge, die mitten im dichtesten Wald anmutig dahin schwebten. Schließlich ließ er seine Augen bei den Blumen am Wegrand zur Ruhe kommen.

„Also“, seufzte er tief. „Selbst wenn ich es nicht noch gruseliger mache, als es ohnehin schon für mich war … Ja …“ Er nickte überzeugt. „Meinen Zuhörern würden die Haare zu Berge stehen.“

„Und?“

„Es würde ihnen kalt den Rücken runter laufen, inklusive Gänsehaut. Eventuell sogar Ohnmachtsanfälle.“

Viviane sah ihn tadelnd an.

„Ach so! Jetzt weiß ich, was du meinst, Viviane! Keiner würde noch mal einen Krieg gegen euch führen wollen, und ihr könntet wieder das friedliche Leben führen, dass ihr immer schon geführt habt.“

Nun schien Viviane mit der Antwort zufrieden.

Robin genügte solch allgemeines Geschwätz jedoch nicht.

„Uns kannst du es auch erzählen, Loranthus! Wir halten unsere Haare fest und frieren tut heute eh keiner bei der Hitze. Wir haben nämlich Nora schon ausgefragt, als wir auf den Weiden bei den Schafen waren. Aber die hat doch noch nie eine Schlacht gesehen. Kämpfen da alle mit Schwertern, Speeren und Streitwagen?“

Loranthus zog scharf die Luft ein.

„Streitwagen gab es zum Glück nicht so viele, Schwerter und Speere dagegen um so mehr, Robin. Es kamen aber auch Äxte, Lanzen, Schleudern und Pfeile zum Einsatz.“

„Pfeile!?“ Robin rümpfte die Nase. „Ich würde zuerst Steine schleudern. Die fliegen noch weiter! Aber wenn die Chatten auch …“

„Unsere Schleuderer waren besser. Oen und Harthu waren mit dabei und Tarian gehörte zu den Bogenschützen.“

Robin riss die Augen auf und streckte seinen Kopf weit über den Wagenrand. Lavinia lugte mit einem ziemlich langen Hals hinter Viviane vorbei. „Erzähl!“, riefen sie im Chor und grinsten synchron.

Loranthus seufzte und ergab sich strahlend seinem Schicksal.

„Stellt euch eine riesige Wiese vor, so breit, dass man einen Speer mindestens ein Dutzend Mal werfen muss, bis man zur anderen Seite kommt.“

„So weit auseinander standen die Heere?!“, rief Robin ungläubig, schlug sich aber schnell die Hand auf den Mund. „Erzähl weiter, Loranthus!“

Loranthus tat so, als würde er in weite Ferne sehen und sprach mit geheimnisvollen Unterton: „Die Schlacht begann, als der Hochkönig der Chatten in seine Carnyx blies. Oooh, das hörte sich schauerlich an, kann ich euch sagen! Aber ich höre mir lieber den ganzen Tag zwei Dutzend Carnyx auf einmal an, als noch einmal so eine Schlacht sehen zu müssen und hören noch dazu.“

„So schrecklich war das alles?“, fragte Robin ungläubig, schlug sich wieder die Hand vor den Mund und nuschelte zwischen den Fingern hervor: „Ich will alles ganz genau wissen!“

Loranthus holte tief Luft und tat so, als würde er in enorm langes, aufrecht stehendes Horn blasen. Er brauchte beide Hände, um es fest zu halten, die eine am Mund, die andere weit ausgestreckt über seinem Kopf.

„Die Chatten blasen ihre Carnyx, grölen Schmährufe und schlagen wie die Irren gegen ihre Schilde. Der Lärm ist entsetzlich, absolut grauenvoll. Plötzlich herrscht mit einem Schlag Ruhe. Warum? Nicht, weil ihnen die Luft ausgegangen wäre, oh, nein! Weil die Erde bebt.

Alle Chatten glotzen wie blöde auf ihre Füße. Und ihre Füße, ha, ha! Es war genial! Ihre Füße, die zittern. Ihre Füße vibrieren so stark, dass ihre Knie aneinander scheppern. Das Rütteln und Schütteln zieht ihre Knochen bis hoch und sie fangen an, mit den Zähnen zu klappern. Sie klappern so laut, man kann es noch bis zu uns Hermunduren rüber hören! Auf die Entfernung, das müsst ihr euch mal vorstellen! Wie die Chatten dastehen, mit wackelnden Knien und aufgerissenen Mäulern und sich total entsetzt anstarren! Alle rufen durcheinander: ‚Die Götter der Unterwelt kommen! Hall kommt uns alle holen! Bei allen Göttern, wie kann das sein! Wir haben doch geopfert und die Götter haben uns den Sieg versprochen!‘ Oh! Sie haben geheult wie getretene Hunde, das kann ich euch versichern! Bis sie auf die Idee gekommen sind, nicht mehr auf ihre Füße zu schauen, sondern wieder nach vorne, auf die Hermunduren. Vielleicht haben sie gehofft, sämtliche Götter der Unterwelt hätten die Hermunduren verschlungen! Das wäre ja praktisch gewesen! Aber nein, oh nein! Beim Anblick der Hermunduren sind ihnen die Kinnladen runter geklappt!

Dort hat sich nämlich ein noch viel größeres Heer aus dem Boden gestampft! Stellt euch vor! Wie aus dem Nichts stehen da plötzlich an den Flanken der Hermunduren neue Krieger mit neuen Pferden, neuen Kettenhemden, neuen Schilden, neuen Speeren, neuen Äxten, neuen Schwertern und die anderen Hermunduren jubeln ihnen zu, es wird sich begrüßt und auf die Schultern geklopft … ihr wisst ja selbst, wie es zugeht. Und als sich dann alle Hermunduren fertig in Schlachtlinie aufgestellt haben, grinsen sie rüber zu den Chatten.

Ha, ha! Da reißen die Chatten wieder die Mäuler auf, aber diesmal bringen sie keinen Ton heraus. Sie können nur wie schwachsinnig da stehen und der Sabber tropft ihnen aus den offenen Mündern.

Der Hochkönig der Chatten glotzt am dämlichsten, da tobt er plötzlich wie ein wütender Stier und kreischt, dass man ihn noch auf unserer Seite hört. Wie ein Irrer reißt er mit einem Ruck seine Carnyx hoch, bläst hinein und sofort stürmen seine Bauern los. Oh, ja! Sie stürmen los!

Was bleibt ihnen auch anderes übrig, wenn ihr Hochkönig befielt. Vielleicht hat er sie mit irgendwas besoffen gemacht, dass sie so wild auf’s Kämpfen waren! Die waren ja alle wie im Rausch!

Stellt sie euch vor! Wie sie angestürmt kommen! Nicht wie unzählig viele Bauern, oh, nein! Dicht an dicht wie eine einzige, feste Wand schieben sie sich über das Schlachtfeld. Eine Masse aus rasenden, brüllenden, wahnsinnigen, besoffenen Irren mit wilden Mähnen! Ihre Augen glühen, der Speichel spritzt auf ihre Bärte … Ich sage euch, so sehen Dämonen aus der Anderswelt aus!

Hinter ihnen schlagen die restlichen Chatten wieder dröhnend gegen ihre Schilde und johlen Schlachtgesänge, damit die Bauern auch wirklich wissen, dass sie sich nicht blamieren dürfen! Nicht, dass einer umkehrt oder vor Angst in die Hosen seicht oder gar scheißt! Muss ja schließlich irgendeinen Zweck haben, das ganze Geschrei! Also grölen die anrückenden Bauern auch wie irre und schwingen dabei derart rasant die Beine, das Gras wird hochgewirbelt, die Fetzen fliegen … Es ist der reinste Wahnsinn! Ihre Arme rudern wie verrückt durch die Luft und ihre Waffen … so viele tödliche Waffen! Scharfe Äxte, Speere, riesige Messer und weiß der Geier noch was!

Auf unserer Seite bläst Hochkönig Eryrrix ebenfalls in seine Carnyx, sofort preschen die Streitwagen im wilden Galopp los und teilen sich auf. Es sieht richtig anmutig aus, wie die Kolonne erst zusammen ausrückt und sich dann mit einem spektakulären Wendemanöver in drei Gruppen aufteilt. Ein Teil fährt gerade aus weiter, die anderen Teile schwenken nach rechts und links ab.

Viviane rast mit ihrem Streitwagen zur rechten Flanke, unser Amaturix reitet auf seinem Hengst mit. Gemeinsam jagen sie am Rande des Schlachtfeldes entlang. Die Streitwagen der Chatten kommen ihnen so schnell entgegen, dass man nur noch fliegende Hufe und hoch stiebendes Gras sieht. Wie Donnergrollen hört es sich an. Tiefes, bedrohliches Donnergrollen.

Auch im Mittelfeld preschen die Streitwagen vorwärts. Oen und Harthu und andere Schleuderer jagen damit über das Schlachtfeld und steigen dann auf halber Höhe aus. Die haben die Ruhe weg, sag ich euch, denn sie sind natürlich viel schneller, als die Chatten-Bauern zu Fuß, auch wenn die noch so schnell rennen. Bis die ihnen gefährlich werden, haben unserer Schleuderer schon Unmengen an Wurfgeschossen abgeschleudert.

Diese Wurfgeschosse sind aber keine glatten Steine oder die praktischen Tonkugeln, wie ihr sie macht, oh, nein! Es sind Kugeln aus Metall! Unser Amaturix hat sie gegossen. Diese Kugeln fliegen viel, viel weiter als normale Schleudersteine und schlagen dermaßen durch, selbst durch Schilde! Bei Zeus und Pallas Athene! Blut spritzt, Knochen splittern, Augen bersten, Nasen … ja, ganze Gesichter!“

Loranthus presste sich die Hand gegen seine Stirn und erschauerte.

„Die Bauern sind noch nicht mal zu einem Viertel über das Schlachtfeld, da stehen schon Streitwagen mit Bogenschützen parat. Tarian ist mit dabei. Er spannt seinen Langbogen und einen Wimpernschlag später rammt sich sein Pfeil in die Stirn eines Chatten. Durch den Schild!“

Loranthus wischte sich geistesabwesend über seine eigene Stirn.

„Massenweise schlagen Pfeile in die Chatten. Manche haben aber Glück und rennen weiter, kreischen noch wahnsinniger und fordern Vergeltung. Die sollen sie bekommen! Unsere Streitwagen mit den regulären Speerwerfern erwarten sie schon, unsere Krieger zu Pferde mit dazu. Wer es von den Chatten-Bauern dennoch schafft und irgendwie durchkommt, der rennt gegen Lanzen und Schwerter und Streitäxte und … beim Haupte der Medusa! … Die Waffen krachen aufeinander und klirren und alle brüllen und kreischen und die Pferde stampfen und wiehern und die Streitwagen metzeln mit ihren Klingen an den Radnaben alles nieder … Fleisch und Knochen … und das Gras auf dem Schlachtfeld, alles färbt sich rot … so entsetzlich rot … und überall liegt …“

Robin stöhnte auf und verzog das Gesicht, als hätte er große Schmerzen. Loranthus nickte und zeigte auf Arion und Dina, die unbeeindruckt den Streitwagen zogen.

„An den Flanken kämpfen derweil die restlichen Streitwagen gegeneinander. Viviane und Silvanus ducken sich unter ihre Schilde gegen die anfliegenden Speere. Silvanus nutzt eine Lücke, trifft einen feindlichen Lenker und brüllt zu Viviane, wer als nächster an der Reihe ist. Viviane lenkt, weicht aus und reißt ihren Schild hoch. Wie Athene persönlich lehnt sie sich aus dem Wagen und schwingt ihr Drachenschwert … der näher kommende Lenker hebt seinen Schild, der splittert und er starrt auf seinen Armstumpf. Da trifft ihn Silvanus’ Speer im Rücken und er kippt aus dem Wagen. Der Werfer kippt hinterher, Silvanus dreht sich verdutzt um und sieht Amaturix entschuldigend die Hände heben. Viviane schüttelt strafend den Kopf, dann wendet sie den Wagen.

Im Mittelfeld stehen plötzlich die Krieger der Chatten und schlagen um sich, während sich die restlichen Chatten-Bauern zusammen rotten, unsere Krieger von ihren Pferden zerren und mit Äxten und Speeren auf sie eindreschen. Da kommen ein paar Amazonen; die Kriegerinnen vom Dolmar, eine Kriegerkönigin führt sie an! Mit wildem Geheul preschen sie durch das Getümmel, um unsere Krieger zu retten, doch sie können nicht überall sein! Alle anderen Kämpfer sind in Zweikämpfe verwickelt … da bildet sich eine große, wilde Meute und attackiert unseren Wahedon … sie werfen einen Speer auf ihn … daneben … sie schleudern Äxte auf die Pferde rechts und links … die armen Tiere brechen zusammen, begraben ihre Reiter unter sich … ein paar aus der Chatten-Meute machen sich mit wahnsinnigem Siegesgeheul über unsere wehrlosen Reiter her … nun hat Wahedon keine Flankendeckung mehr … sieben Chatten umzingeln ihn … sieben! Und Wahedon hat nur noch sein Schwert! Er haut um sich, als wolle er Bäume fällen, doch die Chatten haben gute Schilde und springen in Deckung … Wahedon schaut sich um … alle Hermunduren sind in Kämpfe verwickelt … die Meute greift wieder an … da kommt unser Lanzenkämpfer, dieser German, angerannt und spießt einen Chatten auf, so schnell und kraftvoll wie Zeus mit seinem Blitz. Und wie ein Kriegsgott in Person reißt German die Lanze zurück, dreht gekonnt die andere Spitze vor und trifft den nächsten Chatten … zack! Und noch ein Blitz und noch ein Blitz! Diesmal daneben! Wahedon schlägt sich mit zwei Chatten gleichzeitig, die letzten beiden halten sich zurück und warten auf eine günstige Gelegenheit … Da täuscht der eine an, reißt seine Axt hoch, schwingt sich herum und hechtet über einen der Toten am Boden drüber … genau in den Rücken von German. Die Axt schlägt mit einem brutalen Knirschen in Germans Kettenhemd ein … er spuckt Blut … im gleichen Augenblick rammt Wahedon dem Chatten sein Schwert ins Genick …“

Loranthus hebt ebenfalls seinen Arm, lässt ihn hernieder sausen, schüttelt traurig den Kopf.

„Während Wahedon sich vom letzten Chatten freikämpft und sich endlich um German kümmern kann, fällt Hirlas mit einer Axt im Beinschutz. Arminius steht gegen einen Bär von Chatten im Schwertkampf, von hinten nähert sich ein anderer Chatte, doch Tarian besiegt seinen eigenen Gegner und wirft sein Messer, um Arminius zu helfen. Conall trifft ein Schwert im Rücken, er dreht sich um, winkt seinen Gegner näher heran und grinst blutüberströmt …

Auch Viviane fletscht die Zähne und nimmt den nächsten Wagen ins Visier. Ihre Speerspitzen durchdringen Kettenhemde und Schilde besser, die Klingen ihrer Räder zerschmettern die Räder der Chatten besser, bald jagen sie im Rudel. Amaturix steigt im Schlachtgetümmel auf den erstbesten freien Streitwagen, wirft alle Speere weg und prescht zur gegnerischen Seite.

Die Nachhut der Chatten macht einen Satz Speere und einen neuen Werfer bereit, weil ihnen in ihrer Siegesgewissheit gar nicht einfällt, dass ihnen da ein Hermundure entgegengeprescht kommen könnte! Bis sie ihren Irrtum bemerken, ist Amaturix schon genau vor ihnen und alle sprengen auseinander, wegen der Klingen an seinen Rädern. Feixend fährt er einfach vorbei und winkt ihnen sogar zum Dank. Wie blöde glotzen sie ihm hinterher. Amaturix erreicht ohne Probleme die Anhöhe.

Als die Chatten-Könige dort oben die blitzenden Klingen an seinen Radnaben sehen … oh, ich sage euch! Da strecken sie ihre Schwerter vor und scharren sich wie aufgescheuchte Hühner um ihren Hochkönig, als könnte der noch was tun! Doch Amaturix umkreist sie nur, das lässt sie aufatmen. Abwartend senken sie ihre Schwerter … ja, sie triumphieren sogar … bis ein zweiter Streitwagen auftaucht und sie unter dem Blut und Dreck Viviane und Silvanus erkennen. Da vergeht ihnen das Lachen. Aber trotzdem! Auch Viviane greift nicht mit dem Streitwagen an! Oh, nein! Sie steigt sogar aus und bedeutet Silvanus, er solle es sich gemütlich machen!

Da wird den Chattenkönigen alles klar und sie besprechen sich kurz. Ein König tritt aus dem Pulk und zeigt, hochmütig lächelnd, auf Viviane. Viviane deutet eine Verbeugung an und zieht ihr Langschwert. Silvanus winkt ihr salopp zu und trommelt mit den Fingern auf dem Streitwagen herum, so als solle sie sich mal beeilen, er hätte nicht den ganzen Tag Zeit.

Auch Amaturix lehnt so lax an seinem Streitwagen, als habe er gerade nichts Besseres zu tun. Aber er beobachtet den Kampf ganz genau und sieht die überraschten Gesten der Könige, als sie Vivianes Schwert mit den eingravierten Drachen erblicken. Da fällt ihnen auch schon ein grinsender Kopf vor die Füße, sofort treten zwei Könige gleichzeitig aus ihrem Pulk vor und brüllen wie irre. Viviane lässt ihren Schild fallen und zieht noch das Kurzschwert. Sie tötet den ersten mit einem Stoß rückwärts und schlägt dem anderen gleichzeitig das Schwert entzwei. Seine Verwirrung wird ihm zum Verhängnis.

Amaturix ahnt, was jetzt kommt und stellt sich schnell Rücken an Rücken mit Viviane, da greifen auch schon alle Könige gemeinsam an. Wie die Wahnsinnigen hauen sie mit ihren Schwertern um sich, bis sie merken, dass sie sich gegenseitig behindern. Da gehen sie alle zusammen rückwärts. Viviane, überströmt von Schweiß und Blut und Dreck wie die Rachegöttin in Person, winkt zwei Könige heran und lacht sie aus, weil sie laut schlucken. Auch Amaturix wählt zwei Gegner und der Kampf beginnt aufs Neue. Viviane tanzt um ihre Gegner, taucht weg und überspringt sogar den kleineren. Amaturix verwundet mit jedem Schlag. Als die Könige fallen, sinken die Restlichen auf die Knie und beugen das Haupt.

Hinter ihnen steht nur noch der Hochkönig, aufrecht und erhaben, das Haupt stolz empor gereckt. Wie ein tollwütiger Hund fletscht er die Zähne, stößt einen bestialischen Schrei aus und stürzt sich auf Amaturix. Viviane tritt zurück, beobachtet den Kampf und die immer noch knienden Könige. Sie sind dem Schlachtfeld zugewandt und machen keine Anstalten, ihrem Hochkönig zu helfen. Da hebt plötzlich einer den Kopf. Viviane und die anderen Könige sehen in dieselbe Richtung …“

Loranthus redete nicht weiter.

Robin und Lavinia sahen schon lange nicht mehr dahin, wo sie fuhren, sodass Viviane die Zügel übernommen hatte. Doch auch sie musterte Loranthus neugierig, genau wie alle anderen.

Silvanus klatschte Loranthus die Hand auf den Rücken.

„Spuck’s endlich aus, Loranthus! Robin wird schon ganz blau vom Luft anhalten!“

Loranthus sah ihn an, als wüsste er gar nicht, was er meinte.

Silvanus verdrehte die Augen.

„Dann sag ich es eben, wenn du vergessen hat, wie die Schlacht ausging.“

Silvanus drehte sich von einem zum anderen und machte eine Bewegung, als wolle er in ein riesiges Horn blasen. Geheimnisvoll senkte er seine Stimme und raunte: „Es war total seltsam, kann ich euch versichern, aber … mitten im größten Schlachtgetümmel … da kommt tatsächlich die Todesgöttin, genau wie es Madite vorausgesehen hatte. Sie bläst einmal in ihr Horn und ein dumpfer, nie gehörter Ton schallt über das Schlachtfeld. Alle Kämpfer heben die Köpfe und versuchen auszumachen, woher dieser seltsame Hörnerklang kommt … doch nur wer in ihrer Nähe steht, erkennt die Todesgöttin in Dreiergestalt. Oh, ja, Hall! Die oberste Todesgöttin höchst persönlich! Wer sie erblickt, hört sofort auf zu kämpfen und wirft sich hastig nieder … Hall beachtet sie gar nicht, sondern lässt ihr Horn zum zweiten Mal erschallen und jetzt, wo rund herum alle danieder liegen, können viele Kämpfer sie erkennen. Hermunduren und Chatten, wie sie da stehen und auf sich eindreschen … sie alle werfen sich nieder ins rote Gras und wimmern vor Angst. Es gibt aber auch noch ein paar unter ihnen, die sind so in Brass, dass sie erst noch ihren Gegner mit in die Anderswelt nehmen wollen, bevor sie der Blick von Hall trifft. Doch so oder so: Als Hall das dritte Mal in ihr Horn bläst, da liegt jeder auf dem Boden, egal ob Chatte oder Hermundure, und die Schlacht ist aus.“

Lavinia machte große Augen.

„Hall war wirklich gekommen? In echt? Das ist … also das ist … Mir fehlen die Worte!“

„Das ich das mal erleben darf!“, seufzte Robin und streckte dankend seine Hände gen Himmel.

Lavinia wollte sich gerade auf ihn stürzen, da drückte ihr Viviane wieder die Zügel in die Hände.

„Lass gut sein, Lavinia!“, sagte sie langsam und betrachtete Loranthus von der Seite. „Auch mir haben die Worte gefehlt. Ich konnte nur dastehen und hinüberstarren zu der alten Eiche, wo die rote Göttin in Dreiergestalt erschienen ist. Doch bevor sie zu mir sehen konnte, habe auch ich mich nieder geworfen, denn wer könnte schon von sich behaupten, jemals Hall in die Augen gesehen zu haben.“

Loranthus schielte zu Viviane und ein Zittern erfasste seinen ganzen Körper.

Er sah plötzlich die verzerrten Gesichter der Toten vor sich. Jede Nacht träumte er nun schon von ihren Wunden, fühlte ihre Schmerzen, und es wären noch viele viele mehr gewesen, wenn Hall nicht gekommen wäre. Sollte er irgendwann einmal jemandem erzählen, was er alles gesehen hatte … wirklich alles … Er wischte sich unauffällig über die Augen.

„Was meinst du wohl, Loranthus?“, fragte Medan und tastete die Windungen seines langen kupferroten Zopfes ab. „Wie lange hat die Schlacht gedauert?“

„Wie lange?“, krächzte Loranthus und zog verdutzt die Augenbrauen hoch. „Soll ich den Tag davor, den mit den Schaukämpfen, mitrechnen?“

Medan wiegte den Kopf.

„Nein, die Schaukämpfe kannst du weg lassen. Die sind doch nur dazu da, um allen zu beweisen, wie gut man kämpfen kann. In der echten Schlacht hat nämlich keiner mehr die Zeit, vor sämtlichen Augen von Freund und Feind mit seinem Mut zu protzen.“

„Äh … ja, … beweisen … protzen … nun, da magst du recht haben“, bestätigte Loranthus und ergänzte: „Solche Schaukämpfe sollen wohl auch dazu dienen, dem Gegner zu zeigen, wer der Stärkere ist. Es soll ja schon vorgekommen sein, dass eine Partei lieber das Weite gesucht hat, weil sie sämtliche Schaukämpfe verloren hat. Es soll sogar schon mal eine Schlacht gegeben haben, da dauerten die Schaukämpfe mehrere Tage, bis sich die Gegner doch noch zu einer Schlacht aufgerafft haben …“

„Red nicht um den heißen Brei herum!“, forderte Medan und drehte den Finger durch die Luft. „Wie lange?!“

„He? Ach ja, die Schlacht!“

Loranthus schielte zu Viviane hinüber.

Sie betrachtete eine hübsche gelbe Blume am Wegesrand und tat so fasziniert, als wäre diese ein seltenes Heilmittel gegen Gedächtnisschwund. Wahrscheinlich überlegte sie wirklich, ob sie das Pflänzchen gebrauchen konnte. Er persönlich hätte nichts gegen einen schmackhaften Kräutersud gegen Schlafstörungen einzuwenden …

„Also was nun, Loranthus“, drängelte Medan. „Sag schon! Du, als Außenstehender, hast ja wohl die Schlacht am objektivsten betrachtet!“

Loranthus verzog das Gesicht.

„Was, objektiv? Du denkst, ich sein unvoreingenommen? Nun, ja … natürlich, das bin ich … also ich würde mal sagen … die reine Schlacht … vom Aufstellen bis zur Todesgöttin … etwa eine Stunde.“

„Was!“, brüllte Medan und starrte Loranthus so entrüstet an, als hätte der ihn schwer beleidigt. „Ei-ne Stun-de?! Mehr nicht?! Das kann doch nicht wa … chhhhh … lass … chhoo!?“

Zu mehr war Medan nicht mehr fähig, denn Conall stand plötzlich da und hatte ihn mit einer Hand im Genick gepackt. Mit gefletschten Zähnen rüttelte er ihn kräftig durch, während die Leute rundum ihre Hälse reckten, weil sie nur Medans letzte Worte verstanden hatten. Sofort entstand ein Wettstreit, wer seinen Wagen am schnellsten zum Stehen brachte; Fußgänger schlugen natürlich auf der Stelle Wurzeln, wobei manch verkorkste Gestalten entstanden. Einer vergaß sogar seinen Fuß in der Luft, weil er sich so auf Conall konzentrierte, der seinen Mund weit aufriss, um Medan zu verschlingen.

„Du kleiner Wicht! Du wagst es!“, grollte er so laut, dass es jeder im Umkreis von dreißig Schritt verstand. Wer weiter weg war, sorgte schleunigst für einen kürzeren Abstand, um deutlich zu hören: „Eine Stunde Schlachtgetümmel ist dir nicht genug?! Eine Stunde gegenseitiges Abschlachten von Menschen reicht – dir – nicht!?“

„Conall, hör auf!“, bettelte Medan, der wieder ein bisschen Luft zu bekommen schien.

Conall änderte das sogleich und nahm ihn in den Schwitzkasten.

„Was meinst du wohl, du dürres Rippchen …“, knurrte er mit einem diabolischen Grinsen und spannte seinen unversehrten Arm zu einem mächtigen Muskelpaket an. „Wie lange würde es dauern, bis du einen Hieb abbekommst? Egal was für einen! Einen Speerstoß, einen Schwertstreich, einen Axthieb oder von allem etwas?“

Er kickte Medan den freien Ellenbogen in die Rippen, krachte ihm den Schädel gegen seinen und rammte ihm ein Knie gegen die Beine. Medan röchelte nach Luft, zappelte und wand sich, Conall johlte dazu: „Was meinst du wohl, wie die Chancen stehen, bis du an einen Gegner gerätst, der besser ist als du gackerndes Hähnchen? Ein Chatte? Oder zwei? Oder gar drei?! Los! Sag was, du bartloser Ziegenbock!“

„Ichgannnich … mee …“, wimmerte Medan und sein Gesicht war schon ganz rot.

„Aha! Der Herr Kriegsgott aller hirnlosen Meckerziegen kann nicht mehr! Dann sage ich jetzt mal … so über den Daumen gepeilt … du hältst zwei Chatten stand. Das ist viel! Viel mehr als ich glauben möchte, aber nehmen wir mal an, du hast Glück und schaust erst beim dritten Gegner an dir herunter, weil du plötzlich dein Bein nicht mehr spürst … Tja, du hast vergessen, es rechtzeitig weg zu stellen!“

Er schlenkerte Medan ein wenig herum und wuschelte ihm seinen ordentlich geflochtenen Zopf durcheinander, während Medan auf seinen Zehen tänzelte, um nicht zu sehr gewürgt zu werden.

„Das, kleiner Bruder, kann schon mal passieren, wenn man weiter oben beschäftigt ist! Wie durch ein Wunder besiegst du deinen Gegner trotzdem noch schnell, weil du nämlich nur umkippen willst, ohne gleich tot zu sein. Leider denkt dein Gegner das Selbe und du musst dir deinen Sieg redlich verdienen, aber wie schon gesagt, du schaffst es. Nun liegst du also da, nur halb tot, inmitten von abgehackten Fingern, Händen, Armen, Beinen oder herausquellenden Gedärmen, inmitten von Blut, Pisse und Scheiße … Weil es dir da unten nicht gefällt, versuchst du aufzustehen, aber dein Bein macht nicht mit und irgendwie will auch dein einer Arm nicht so recht. Also tastest du nur mit einer Hand um dich herum nach besserem Halt und hast plötzlich ein glitschiges Auge in der Zerre … aber damit nicht genug! Oh, nein! In dem Moment siehst du eine wilde Horde Chatten auf dich zukommen! Sie fuchteln mit riesigen Messern und Schwertern und Äxten und sie sehen aus wie Irre … und diese Wahnsinnigen stürmen dir entgegen, und du liegst da und willst weg … doch du kannst nur noch kriechen, sie sind natürlich viel schneller, und da siehst du dein Weib, wie es schreit in den Wehen, und du siehst dein winziges, blutverschmiertes Töchterchen in deinen Armen, und dein Sohn weint, weil er sich das Knie aufgeschrammt hat, und du willst ihn trösten, doch du kommst nicht hin, weil dein Bein aufgeschlitzt ist … und diese blutbesudelten Chatten jauchzen und hetzen wie eine hechelnde Meute Hunde auf dich zu, die Blut geleckt hat und du weißt: Jetzt ist alles aus, und du pisst dir vor Angst in die Hosen und kneifst die Augen zu und wartest auf den ersten Schlag und bittest Hall, dass sie dich gnädig aufnimmt und dass es schnell vorbei ist …“

Conall atmete schwer. Mit einem Ruck gab er Medan frei, der sich schnell den Hals abtastete und seinen großen Bruder anstarrte, als hätte er einen Geist aus der Anderswelt vor sich.

Conall schüttelte traurig den Kopf und zeigte an sich herunter.

„Und dann“, flüsterte er. „Dann machst du die Augen auf und stellst fest, dass es die Chatten-Horde gar nicht auf dich abgesehen hat. Sie sind zehn Schritte weiter und haben den ältesten Sohn von Eburix samt seiner beiden Flankenreiter von den Pferden gezerrt. Wie animalische Bestien hauen und hacken und stechen sie auf die drei ein, mit gierigem Glitzern in den Augen wollen sie dem Königssohn seinen Schmuck abnehmen. Sie müssen sich natürlich beeilen, weil Ethel oder ihre Töchter sie irgendwann entdecken werden und ihrem Treiben ein Ende machen. Aber bis jetzt ist sie noch nicht zu sehen und die Armreifen und Bartperlen gehen schnell ab, bloß bei den Fingerringen müssen sie die Messer zücken, weil sie nicht lange zerren wollen und der Königssohn brüllt … Sein goldener Torques geht natürlich gar nicht runter, also hebt einer die Axt und der arme Junge … Hall, erbarme dich! Es ist kein Mensch mehr, der da schreit. Doch weil die Monster so in Rage sind und sich gegenseitig in die Quere kommen, trifft der Idiot mit der Axt nicht richtig, und die Schneide verklemmt sich im Brustkasten, und der Wahnsinnige reißt sie wieder raus, und der Königssohn kreischt, und die Axt kracht wieder runter … Diesmal ist es ein Ohr, weil der arme Junge in seinem Schmerz natürlich nicht still hält … Die Chatten geifern wie tollwütige Hunde, als beim nächsten Schlag das Gehirn herausquillt und der Rest vom Körper zuckt und zappelt und sich aufbäumt und stöhnt … Denk ja nicht, dass sich irgendeiner erbarmt … oh, nein! Sie zerstückeln ihn bei lebendigem Leibe und als sie es endlich geschafft haben, jauchzen sie und tanzen und raffen ihre Beute ein …“

Conall holte tief Luft und atmete rasselnd aus.

„Und was tue ich?“, fragte er tonlos und schüttelte seine geballten Fäuste. „Nichts tue ich. Ich kann nur starren, starren und nochmals starren … doch was das Allerschlimmste ist … Ich bin so ein erbärmlicher Hund, denn ich bin erleichtert. Unendlich erleichtert, dass nicht ich es bin, der da nicht mehr zu erkennen ist und ich danke Hall, als sie erscheint und ich endlich meine Augen schließen kann, jetzt wo keiner mehr kommt, der es vielleicht doch noch auf mich abgesehen hat … Und wie ich so daliege, höre ich lautes Hufgetrappel, König Donar kommt an mir vorbei mit Ethel an seiner Seite und ihre Töchter gleich hinterher. Du kannst dir ja vorstellen, wie lange diese blutrünstigen Chatten noch zu leben hatten.“

Conall kniff die Augen zu und öffnete sie langsam wieder. Staunend blickte er um sich, als wüsste er nicht genau, wo er war. Medan glotzte ihn an und zog schniefend die Nase hoch.

Mittlerweile hatte sich der gesamte Clan eingefunden. Alle beobachteten stumm, wie Medan sich schluchzend in die Arme seines ältesten Bruders warf und Conall ihn tröstete, wie er es schon immer mit seinem kleinen Bruder getan hatte, nur diesmal mit einem Arm und schmerzverzerrtem Gesicht. König Gort wischte seiner Elsbeth über die Wangen und gab ihr einen sanften Kuss.

„Lasst uns weiter ziehen“, sagte er mit belegter Stimme. „Gleich haben wir es geschafft.“

Schwerfällig löste sich die Menschenmenge auf, während Lavinia etwas murmelte, dass sich wie: „Rein rechnerisch dürfte es noch nicht mal eine Stunde gedauert haben. Immerhin waren die Heere ungefähr gleich stark und so konnten auch nur einer, höchstens zwei Gegner gegeneinander kämpfen … schon gar nicht wegen der gut durchdachten Eröffnungstaktik unsererseits.” Laut sagte sie aber: „Viviane?“

„Ja, Lavinia?“

„War es sehr laut auf dem Schlachtfeld? Ich meine: Wenn die Schwerter klirren und die Menschen schreien … Haben Arion und Dina dabei nicht gescheut?“

Viviane räusperte sich.

„Nein, sie haben nicht gescheut, Lavinia. Bei unseren Übungsfahrten auf der Burg wurden sie daran gewöhnt. Die Krieger haben nämlich immer die Schilde zusammengeschlagen und geschrien. Aber trotzdem war dieser Lärm gar nichts im Vergleich zur Schlacht. Da war es so laut, als ob der schlimmste Sturm und das gewaltigste Gewitter gleichzeitig um dich herum toben, und du kannst dich nirgends unterstellen.“

„Da kannst du nur hoffen, dass es bald vorbei ist.“

Viviane sah ihre kleine Schwester ernst an.

„Genau so ist es.“

„Ihr musstet euch doch bestimmt auch vor den Speeren der Chatten schützen. Wenn man dabei die ganze Zeit den Arm mit dem schweren Schild hochhalten muss … Das geht doch gar nicht!“

Lavinia schüttelte ihren Arm aus, der schon vom Zügel Festhalten wehtat.

Viviane lächelte sie an und nickte zu Robin.

„Dafür gibt es Halteriemen, die gehen quer über die Schulter. Unsere hat übrigens Conall gemacht. Sie haben gar nicht gescheuert. Alle haben uns darum beneidet.“

Robin schwoll die Brust, was ihn wie eine verkleinerte Ausgabe von Medan wirken ließ, der im Moment jedoch ziemlich geknickt und mit mächtig zerzaustem roten Zopf neben Conall ging. Die beiden schienen in ein sehr ernsthaftes Gespräch vertieft.

„Mein Papa hat diese Riemen gemacht?“, flüsterte Robin andächtig. „Die muss ich mir nachher unbedingt mal ansehen!“

„Nachher, Robin. Jetzt sind wir da.“

Mit diesen Worten tat sich vor ihnen der Wald auf und sie fuhren zwischen den letzten Bäumen hindurch auf die riesige Wiese vor der Burg. Der Tross fächerte sich längs des Fuhrweges auf und die Leute setzten sich ins Gras. Nur die Kämpfer sammelten sich um König Gort und Afal.

Loranthus wollte auch hingehen, aber Medan hielt ihn an seinem kurzärmeligen Hemd fest.

„Nicht du, Loranthus. Nur die, die bei der Schlacht dabei waren.“

„Aber ich war dabei!“

„Na gut. Dann hätte ich besser sagen sollen: Nur die, die gekämpft haben.“

Loranthus sah Medan verständnislos an und schaute Viviane hinterher, die mit den anderen über die Holzbohlen vom Burggraben lief und gerade den Wall passierte. Sie hatte einen so schleppenden Gang.

„Wohin gehen sie?“

„Sie betreten das Heiligtum.“

„Und wieso dürfen wir anderen nicht mit?“

„Weil sie dort von Afal gereinigt werden.“

„Gereinigt?! Wir haben uns doch heute morgen erst in der Ulster gewaschen!“

Medan schüttelte ernst den Kopf.

„Sie haben Menschen getötet, Loranthus. Diese Toten sind nun in der Anderswelt. Ihre Seelen müssen versöhnt werden, damit sie zu Beltaine oder Samhain nicht in unsere Welt zurück kommen und ihre Bezwinger mit sich ziehen.“

Loranthus beäugte Medan, als würde er plötzlich die Landessprache nicht mehr verstehen. Abrupt zuckte seine Hand zum Burgtor und sein Zeigefinger stieß vor.

„Aber die Chatten haben uns doch angegriffen! Nur wegen Salz! Da wurde gekämpft! Mann gegen Mann! Oder Weib! Das ist ja bei euch egal! Denkst du, da hätte auch nur ein einziger Chatte dich am Leben gelassen, wenn du dich nicht gewehrt hättest?! Ich, ein außenstehender, objektiver Grieche! Ich selbst habe gesehen, wie man aussieht, wenn man sich nicht gut genug gewehrt hat! Und glaube mir: So will ich nie aussehen! So willst du nie aussehen! So will keiner je aussehen!“

Medan legte Loranthus beruhigend die Hand auf die Schulter.

Doch der schüttelte sie brüsk ab, schubste Medan zurück und sprach mit verstellter Stimme: „He, du Hermundure! Ich habe ja nichts gegen dich persönlich, aber mein König sagt, ich soll dich töten, damit wir an euer Salz ran kommen. Euer Eisen bekommen wir natürlich auch noch mit dazu, gratis sozusagen! Und wenn ich mit dir fertig bin, komme ich in dein Dorf und hole mir dein Weib und deine Tochter! Was ich von deinen Kindern nicht gebrauchen kann, bringe ich auf den Sklavenmarkt! Oder …“ Loranthus fuhr sich mit dem Finger über seine Kehle und funkelte Medan angriffslustig an. „Bei Pallas Athene! Zeig mir einen …“ Er fuchtelte mit erhobenen Daumen vor Medans Nase herum. „ … einen Einzigen, der sich da nicht wehren würde!“

Medan blieb ruhig stehen, nickte.

„Komm. Ich kenne einen gigantischen Bergahorn. Von dort können wir ziemlich gut sehen. Es ist nur eine Zeremonie, Loranthus. Du brauchst dir keine Sorgen um sie machen.“

„Keine Sorgen?“

„Nein, keine Sorgen.“

Loranthus trottete Medan hinterher, der mit den anderen seines Alters zum Waldrand zurückging, und sie kletterten an einem wirklich hohen Baum bis hinauf in die Spitze. „Es ist zwar nicht so gut wie auf einer Warte mit Fernrohr …“

Loranthus beugte sich gewagt nach vorne und drückte einen dünnen Ast mit gefiederten Blättern nach unten.

„Es ist perfekt.“

Medan lächelte und beugte sich ebenfalls vor.

„Schade“, seufzte er. „Wirklich schade, dass wir keine Kriegsbeute gemacht haben.“

„Natürlich haben wir Kriegsbeute gemacht“, verkündete Loranthus so stolz, als hätte er höchst persönlich dafür gesorgt. „So viele Schwerter, Schilde, Speere, Äxte, Streitwagen … und der ganze Schmuck erst noch. Man hätte meinen können, die Chatten wäre zu einem Fest unterwegs gewesen.“

„Aber wir haben nichts davon mit nach Hause gebracht! Wo ist das ganze Zeug hin? Hat wohl alles unser Hochkönig eingeheimst!?“

„Nein, natürlich nicht!“, entrüstete sich Loranthus und warf Medan einen tadelnden Seitenblick zu. „Alles wurde euren Kriegsgöttern geopfert!“

„Alles? Alles geopfert?!“

„Alles.“

„Auch die Pferde?“

„Auch die Pferde.“

„Und wieso haben wir welche dabei, meine Schwester mehr als alle anderen zusammen?“

„Ach so, die! Die meisten sind von den Spähzügen, da haben sie ihre erbeuteten Pferde angebunden, sodass sie ausreichend grasen konnten und sie später geholt. Nach der Schlacht hat euer ranghöchster Druide auch bestimmt, dass nur die Pferde geopfert werden, die sowieso schon verwundet waren. Tödlich verwundet, wohlgemerkt! Er sagte, solange er der höchste Druide der Hermunduren ist, wird kein lebendes Wesen geopfert. Es sei denn, es ist dem Tode schon näher als dem Leben.“

„Weise gesprochen …“, lobte Medan und nickte beifällig. „ … und den verwundeten Pferden hat er damit ein gnädiges Ende verschafft. Aber …“ Er kniff die Augen zusammen. „ … wo haben sie alles geopfert? Ich meine, diese ganzen Dinge …“

„Ich weiß schon, was du meinst, Medan“, verkündete Loranthus im Brustton der Überzeugung. „Also, das war so: Die Körper der toten Chatten wurden auf Hochgerüsten angebunden und ihre Köpfe darum auf Pfähle gesteckt, damit sie jeden, der vorbeikommt, an die Schlacht gemahnen. Alles andere haben sie kaputt gemacht und im Moor versenkt.“

„Kaputt gemacht und im Moor versenkt?“

„Ja. Damit das Böse, das die Chatten euch antun wollten, auf sie selbst zurückfällt.“

„Verstehe“, murmelte Medan nachdenklich vor sich hin.

Loranthus betrachtete seinen jungen Freund wehmütig und flüsterte heißer: „Das ganze Moor hat sich rot gefärbt. Ein rotes Moor! Kannst du dir das vorstellen? Selbst als die Leiber der Pferde mit ihrem herrlichen Zaumzeug schon längst untergegangen waren und die verbogenen Schwerter, die zerbrochenen Torques, Streitäxte, Speere, Lanzen, Pfeile, Bögen, Messer, Armspangen, Ringe mitsamt …“

„Ist gut, Loranthus“, sagte Medan schnell. „Denk nicht mehr dran. Schau! Die Bauern beugen sich unter dem letzten Steintor und steigen nacheinander die Stufen zum Heiligtum hinauf. Die ersten Krieger sind schon oben angekommen und stellen sich im Kreis auf.“

„Ihr immer mit euren Kreisen …“

„Du weißt, das ist symbolisch gemeint. Der äußere Kreis ist das Symbol für die Menschen in dieser Welt, der innere Kreis, in diesem Fall von einem Scheiterhaufen gebildet, ist das Symbol für die Seelen der Verstorbenen in der Anderswelt. Es gibt aber noch einen anderen Grund, einen ganz simplen, irdischen: Sie können gleichberechtigt warten, bis Afal das Zeichen gibt.“

„Ach so.“

„Siehst du Afal? Er schreitet gerade mit dem vergoldeten Schädel auf den Scheiterhaufen zu.“

„Ja, ich kann euren obersten Druiden gut sehen. Er hat wieder diesen seltsamen Fellmantel mit den Rabenfedern um, den er schon zu Beltaine getragen hat. König Gort geht neben ihm und dieser Druide … wie heißt er noch mal? Hört sich irgendwie nach Gärtner an … Ach ja! Gardan.“

„Gut gedacht, Loranthus. Jetzt dauert es nicht mehr lange.“

„Aha! Afal winkt! Die Kämpfer treten der Reihe nach in den Kreis und knien sich nieder. Der erste ist Amaturix, danach kommt gleich Viviane.“

„Das liegt an ihrem hohen Rang – Druiden des Drachenbundes. Danach kommen alle, die unter ihnen stehen. Zuerst Wahedon, der erste Krieger. Silvanus wird auch als Krieger geehrt, danach die Handwerker, Dorfvorsteher und die anderen Bauern, als letzte die Sklaven. Kannst du sie gut sehen, Loranthus? Wie sie um Afal knien?“

„Nicht besonders. Ich kann mich aber auch nicht noch weiter zur Seite beugen, sonst falle ich vom Ast. Siehst du es von deiner Warte aus besser, Medan? Was macht Afal mit dem Schädel?“

„Er gießt jedem geweihtes Wasser über die Hände. Natürlich nur ein bisschen. Es ist ja symbolisch gemeint. Das Wasser hat Afal heute Morgen selbst mit seinem Sklaven, Luis, bei Pauline geholt.“

„Den kleinen Luis kenne ich. Aber wer ist Pauline?“

„Pauline ist die Quellgöttin auf dem Uhsineberga.“

„Aha. Ich verstehe. Ihr habt drei Quellen: Pauline oben auf der Burg und die Quellgöttinnen unten im Tal heißen Sünna und Uhsine. Oh! Was macht Gardan dort hinter Afal?“

„Er füllt den Schädel immer wieder nach.“

„Dieser Gardan war auch mit im Tross dabei und kennt sich in eurer Götterwelt aus. Er ist von der Bruderschaft der Wanderdruiden. Ich habe gehört, dass er drei Tage lang eine Geschichte erzählen kann und zwar mit dem exakten Wortlaut, wie sie schon vor zweitausend Jahren erzählt wurde. Stell dir das mal vor! Was der sich alles merken kann!“

„Das ist die Grundvoraussetzung, wenn man ein Druide werden will. Sie nehmen einen nur auf, wenn man ein starkes Gedächtnis hat, sonst braucht man sich gar nicht bewerben. Das beste Buch ist das Gedächtnis und gelehrt macht nicht, was man liest, sondern behält.“

„Tja, wer sein Wissen auf mündliche Art weiter gibt, der muss sich schon auf sein Gedächtnis verlassen können! Das habe ich begriffen, wenn ich auch weiterhin für Aufschreiben bin. Aber was ich absolut nicht verstehe … Gardan besitzt nichts, absolut nichts! Kannst du dir das vorstellen, Medan?! Alles, was er braucht, bekommt er geschenkt. Das wäre kein Leben für mich!“

Medan nickte bedächtig vor sich hin.

„Er muss ein sehr reicher Druide sein.“

Loranthus’ Kopf ruckte herum und er sah Medan an, als würden dem gerade Eselsohren wachsen.

Medan lächelte prompt mit gebleckten Zähnen zurück, in seinen Augen war allerdings Loranthus der Esel, er hatte sogar ein paar Ahornblätter an den richtigen Stellen.

„Na, stell dir doch mal vor, Loranthus: Überall, wo du hinkommst, wirst du mit offenen Armen empfangen. Ausnahmslos alle Menschen schenken dir Essen, Trinken, Kleidung, Unterkunft und sogar das eigene Weib oder die eigene Tochter. Glaube mir, es ist die höchste Ehre für eine Maid, bei einem Druiden zu liegen. Du brauchst dir also in deinem ganzen Druidendasein nie Sorgen machen, ob die Ernte gut ausfällt, ob dein Vieh gesund bleibt, ob dein Haus dem Sturm standhält oder das Dach kaputt geht, oder der Lehm abbröckelt … und nachts wird auch noch dein Lager angewärmt, ohne dass du werben musst. Geschweige, dass du dich um die eventuellen Auswirkungen kümmern musst.“

Loranthus überlegte. Ein interessanter Glanz bemächtigte sich seiner Augen und er sah in weite Ferne.

„Wahrlich, das wäre ein göttliches Leben …“, lallte er mit verschleierten Blick, doch plötzlich packte er einen Ast und keuchte: „Ha! Was ist denn das für ein riesiges blaues Feuer?!“

„Genial, nicht war?! Die Flammen züngeln extrem schnell hoch. Afal macht das. Schau genau hin! Sie halten ihre Schwerter oder Messer in die Flammen, schneiden sich damit ein paar Haare ab und werfen sie ins Feuer. Das ist die Buße dafür, dass sie einen Menschen getötet haben.“

„Aha. Und was machen die, die mehr als einen getötet haben? Müssen die sich dann auch mehr Haare abschneiden?“

„Hm, keine Ahnung. Aber wir gucken uns nachher Viviane und Silvanus mal genauer an.“

„Beim Zeus! Jetzt wird das Feuer grün!“

„Ja. Das machen die obersten Götter der Anderswelt, Hall und Ogmios. Sie haben die Opfergabe angenommen und versöhnen nun die unsterblichen Seelen der Getöteten. So finden sie dort ihre Ruhe und kommen nicht mehr mit Rachegelüsten zurück, wenn sie wieder in unsere Welt eintreten dürfen.“

„Das ist gut. Ich hätte mir sonst echte Sorgen gemacht. So ein angriffslustiger Wurm oder eine gefräßige Made sind ja auch wirklich zum Fürchten.“

Medan prustete los.

„Wenn sie als Wildsau wiedergeboren werden, können sie einen richtig arg erwischen.“ Loranthus verzog das Gesicht.

„Daran habe ich gar nicht gedacht. Und wenn ich so recht darüber sinniere, kann auch ein Wurm giftig sein und manch einer ist auch schon an anderen Kleinigkeiten gestorben: verdorbener Fisch, Gräte, Hühnerknochen, Schlangenbiss, Hundebiss … Jetzt liegen alle auf dem Boden.“

„Sie danken Dis und allen anderen Göttern, dass ihre Bitte erhört wurde, besonders aber Hall und Ogmios. Guck, der Schwellenrauch erlischt langsam. Die Schwelle zur Anderswelt kann nun nicht mehr überschritten werden. Gleich kommen sie aus dem Heiligtum heraus.“

„Sag mal, Medan, kann ich eigentlich auch mal euer Heiligtum betreten?“

„Natürlich. Wenn du Afal noch eine Opfergabe für das Nementon mitbringst, führt der dich bestimmt extra lange herum und du kannst jede Opfergabe einzeln betrachten, nebst Erklärung, warum sie dort liegt. Kommst du gegen Abend, schleppt dich Afal vielleicht sogar mit rüber zum Geißkopf. Dort erklärt er dir ganz genau, wie er die Sterne vom Himmel holt und zeigt dir seine Sammlung an Knotenmustern. Wenn du Glück hast, darfst du seine Sternenmuster mit der echten Konstellation vergleichen. Pass also auf, dass du nicht in den See der Weisheit fällst.“ Medan deutete nach vorne. „Sie kommen zurück. Guck mal zum inneren Burgtor, Loranthus! Dort laufen die Opferdruiden mit den jungen Stieren für das Großopfer. Wir können wieder runter. Die Reinigung ist vorbei.“

Als Loranthus, Medan und die andern jungen Leute wieder bei ihren Familien standen, liefen gerade zwei Stiere nacheinander aus dem äußeren Burgtor und steuerten einen Wall aus Gras und Holz mitten auf der Wiese an. Loranthus konnte seinen Blick gar nicht mehr abwenden. Es war eine erhabene Prozession, die er da zu sehen bekam.

Die Stiere waren mit Blumenkränzen geschmückt, ihre langen Hörner mit Efeu umwunden. Sie wurden von je einem niederen Opferdruiden geführt, deren weiße Gewänder einen schlichten Gegensatz zu den prachtvollen Stieren bildeten. Dahinter liefen Afal, König Gort, Gardan und die Kämpfer in Zweierreihen. Medan und Loranthus sahen Wahedon, Silvanus, Oen, Harthu, Arminius, Tarian, Conall, Zanadu, Hirlas, Wadi, Rivu, Nion, Susanne, Ria, Beth … über die Wiese schreiten, doch ihr besonderes Augenmerk galt Viviane. Sie hatte nicht mehr diesen schweren Schritt wie vorhin, sondern ging aufrecht und würdevoll neben Amaturix. Und ihr wallendes Mahagonihaar war noch genauso üppig wie vorher.

Die Stiere machten vor dem Wall halt, der fast mannshoch über die Wiese ragte. Die Kämpfer stellten sich im Halbkreis darum, der restliche Clan postierte sich gegenüber und vollendete den Kreis. Loranthus stand ganz still zwischen Hanibu und Medan, erwartungsvoll beobachtete er Afal.

Er hatte immer noch diesen exotischen Mantel aus Tierfellen und Rabenfedern an und wenn sein Kopf nicht eindeutig menschlich gewesen wäre, hätte er auch ein skurriles Wesen aus der Anderswelt sein können. Wie zu Beltaine reichte er auch diesmal jedem Tier aus einer goldenen Schale eine Hand voll Kräuter und machte mit seinem Daumen das Zeichen der vier Himmelsrichtungen auf ihrer Stirn. Mit sanfter, aber kraftvoller Stimme bedankte er sich bei ihnen, weil sie ihr Leben gaben. Seine letzten Worte waren kaum verklungen, da legten sich die Stiere auch schon ins Gras. Schnaufend schlossen sie die Augen.

Vollkommene Stille trat ein. Afal breitete die Arme aus, senkte sie herab zur Erde und schwang sie hinauf zum Himmel. Alle knieten nieder.

„Allmächtige Götter! Wir, die Nachkommen des stolzen Cernunnos danken euch. Ihr habt uns in der Not beschützt, unsere Waffen gelenkt und uns den Sieg über die beschert, die den Frieden nicht ehren, den ihr uns gelehrt habt. Nirgends werden die Bitten von uns Sterblichen so nahe vernommen wie hier, wo durch eure Huld das weiße Gold entsteht und deshalb bitten wir euch: Nehmt unsere toten Gefährten in allen Ehren in der Anderswelt auf und gebt ihren unsterblichen Seelen Ruhe und Frieden. Lasst sie wieder eintreten in diese, unsere, Welt, wenn ihr es denn wollt und wacht mit eurer göttlichen Macht über den ewigen Kreis unser aller Sein, hier und immerdar. Ihr Götter! Dieses Großopfer soll euch beweisen, wie sehr wir eure Gunst achten und begehren. Wir bitten euch: Nehmt unser Opfer wohlwollend an.“

Afal hob sein Hirschhornmesser zum Himmel und drehte sich mit ausgestreckten Armen um seine Achse. Würdevoll, ja sogar anmutig, schnitt er damit den Stieren die Halsschlagadern auf; betäubt von den Kräutern, merkten sie es nicht mehr.

Ihr Blut wurde von den niederen Opferdruiden aufgefangen und in große bronzene Kannen geschüttet, deren Ausgüsse wie Hirschköpfe geformt waren, die Henkel wie Geweihe. König Gort und Afal nahmen die Kannen entgegen, stellten sich Rücken an Rücken und hoben sie feierlich zum Himmel. Dann gingen sie in entgegengesetzte Richtungen und gossen den Inhalt im Kreis um den Wall, bis der letzte Tropfen geopfert war. Als sie zusammentrafen, ließen sie die Kannen erneut füllen und hoben sie wieder zum Himmel. Drei mal umrundeten sie so den Opferplatz und es entstanden drei rote Kreise.

Den Stieren wurden nun die Köpfe abgetrennt. Auch das machte Afal selbst und Loranthus stellte fest, dass es ihn gar nicht störte, so nahe dabei zu stehen. Es waren ja auch keine Menschenköpfe, die auf den Wall gelegt wurden. Aber es wirkte schon irgendwie grotesk, wie die Stierköpfe von der Erhöhung herabsahen, der eine nach Osten, der andere nach Westen. Blumen und Efeu waren so üppig, dass es nicht nur den gesamten Wall bedecke, sondern auch noch bis ins Gras hinab rankte.

Loranthus überlegte, wie es wohl von oben aussehen musste, aus der Sicht der Götter. Er kam zu dem Schluss, dass es auf sie wirken müsste wie ein abstraktes Blumengebinde. Seltsam belustigt richtete er seinen Blick wieder auf die irdischen Dinge.

Die Opferdruiden häuteten die Stiere, schnitten lange Fleischscheiben ab und legten diese in große Holzbottiche. Alles wurde mit einer dünnen Schicht Salz und Kräuter bedeckt, darauf folgte die nächste Lage Fleisch. Herzen und Lebern wurden ebenfalls geschnitten und gewürzt, kamen aber in kleinere Bottiche. Die Mägen der Tiere wurden mit Speck und Blut gefüllt und verknotet, die restlichen Eingeweide waren für die Hunde. Jetzt blieben nur noch die Gerippe übrig. Sie wurden in mehrere Kessel verteilt und zu Holzstößen getragen, die etwas abseits aufgeschichtet waren. Nun war von den Stieren alles da, wo es hingehörte.

Loranthus kam nicht umhin zu bemerken, wie sauber der Platz am Ende aussah.

Afal schabte einen Feuerstein über sein Feuereisen und ließ gekonnt die Funken in das trockene Gras spritzen. Schon qualmte es und die Boten begaben sich von Mutter Erde zu Vater Himmel. Bald entschwand der Rauch, dafür brannte nun der ganze Wall lichterloh und lockte die Götter herbei zum Opferschmaus.

Afal hielt eine Fackel ins Feuer und reichte sie König Gort. Der lief damit von einem Holzhaufen zum nächsten und zündete sie an.

Als wäre dies eine Aufforderung, gingen alle Clanmitglieder an den Bottichen vorbei und nahmen sich Fleischscheiben, die Stücken von Herz und Leber waren allerdings den Kriegern des Königs vorbehalten.

Nach Dörfern geordnet setzten sie sich um die Feuer, steckten das dünne Fleisch wellenförmig auf bereitliegende Spieße und hielten es in die Flammen.

Loranthus wartete darauf, dass seine Scheibe gar wurde und lugte nebenbei in den Kessel, der an einem Dreibein über dem Feuer hing. Morgen würde es also Fleischbrühe geben. Lavinia schien seine Gedanken zu erraten, sagte aber nichts, sondern lächelte nur. Bis auf schwaches Babygeschrei war auf der gesamten Wiese kein Laut zu hören. Abrupt verstummte auch dieses Geräusch, alle warteten.

Arminius drückte sein Fleisch prüfend zwischen den Fingern und nickte zufrieden. Bedächtig schnitt er die Hälfte ab und warf sie ins Feuer. Es zischte kurz auf, teilte sich, und schon schlugen die Flammen wieder zusammen, züngelten gierig empor. Arminius schob seinen Spieß in die Erde, ging auf die Knie und legte die Hände flach auf die Wiese. Alle taten es ihm nach, auch Loranthus und Hanibu.

„Heilige Mutter Erde, du gibst uns das Leben, du gibst uns Nahrung, du gibst uns Unterkunft, du gibst uns Heilung, du gibst uns alles, was wir brauchen und dafür danken wir dir. Wir achten dich und wir ehren dich, solange unsere unsterblichen Seelen im großen Kreis existieren. Aber du bist auch die Mutter aller anderen Wesen: aller Tiere, aller Pflanzen, allen Seins auf Erden. Deshalb: Vergib uns. Wir haben gegen unsere Brüder und Schwestern gekämpft. Wir haben sie verletzt und getötet und sie taten uns das Gleiche an. Ich weiß, wir alle, ob Götter oder deren Kinder, sind der Allmacht unterworfen, und natürlich bin ich froh, dass wir den Sieg errungen haben und unser göttliches Erbe verteidigen konnten. Doch ich bin kein Krieger und kein Druide und kein König, ich bin Bauer. Deshalb, ehrwürdige Mutter, erhöre meine Bitte: Lass mein Blut nie wieder gegen deine Kinder kämpfen und wenn es doch sein muss, hilf. Hilf den Gerechten.“

Loranthus zog nachdenklich die Stirn kraus. Nicht weil Arminius diese sanftmütige Einstellung demonstrierte – als objektiver Grieche hatte er schon längst begriffen, dass nicht alle Keltoi rauflustig waren; das traf nur für die Krieger zu und auch da nicht bei jedem. Nein, er wunderte sich, weil er diese Bitte an Mutter Erde noch nie gehört hatte. Was meinte er denn mit ‚hilf den Gerechten‘? Sollten sie möglichst schnell den Sieg erringen, damit Menschenleben verschont wurden? Und wenn doch einer von den Gerechten starb? Sollte Mutter Erde den gut in sich aufnehmen, damit er ein friedvolles Dasein in der Anderswelt führen durfte? Wie war das dann bei den ‚Ungerechten‘, die besiegt werden sollten? Wenn die nur gezwungenermaßen kämpften und ihre bösen Taten bereuten – gehörten sie dadurch zu den Gerechten? Wer richtete darüber?

‚Gerechte‘, ‚Gerichtete‘ … so oder so, oder alles zusammen – sonst sprach Arminius immer eine andere Bitte vor dem Abendbrot. Aber eigentlich war das hier ja auch kein Abendbrot. Dafür war es viel zu früh. Dieses Großopfer war also etwas ganz Außergewöhnliches. Das gab es scheinbar nur deshalb, weil die Kämpfer siegreich aus der Schlacht heimgekehrt waren, genau wie es Madite prophezeit hatte.

Loranthus sah zu Madite, die mit König Gort, Amaturix, Afal, seinem Weib Fea und Gardan am Feuer saß, da schossen plötzlich grüne Flammen aus dem Opferwall empor. Afal hob sein Horn und stieß drei Mal hinein, dass es laut über die gesamte Wiese schallte. Alle erhoben sich, streckten ihre Hände zum Himmel, jubelten, klatschten und hüpften hoch, so sehr freuten sie sich. Medan nickte ihm bedeutsam zu: Die Götter hatten ihr Opfer wohlwollend angenommen. Jetzt fehlte nur noch die ausgelassene Feier, dann würde Madite mit einem Teil ihrer Weissagung zu Beltaine schon mal recht gehabt haben.

Als wären seine Gedanken erhört wurden, erklang von Ferne Musik. Loranthus drehte sich um, und sein Herz machte einen Freudensprung. Sein Körper hüpfte hinterher, auf seiner Haut knisterte es, in seinen Adern loderte es auf und von seinem Kopf bis zum Fuß begann sein ganz persönliches Freudenfeuer zu prasseln.

Elektra erschien im Burgtor.

Neben ihr gingen Königin Elsbeth und davor der Barde, der sich ihrem Tross angeschlossen hatte. Kablitu hieß er und war ein guter Freund von Lew, dem Barden des Hirschclans. Lew war ja auch gerade auf Wanderschaft durch das Großkönigreich und hatte sich König Ebu vom Hermannsberg im Thuringer Wald angeschlossen, wo er schon vor der Schlacht zu Gast gewesen war.

Auch Kablitu beherrschte sein Spiel auf der Leier perfekt; Elektra und Königin Elsbeth tänzelten zu seiner Melodie über die Wiese Richtung Opferwall. Es sah so aus, als wären ihre Bewegungen vorgegeben, denn sie machten immer genau drei Schritte nach rechts vorne, drehten sich um sich selbst und machten darauf drei Schritte nach links vorne. Es war kein einziger Sprung dabei und als sie näher heran gekommen waren, wusste Loranthus auch, warum. Sie hielten große Weidenkörbe. Aus denen warfen sie bunte Blütenblätter heraus und verstreuten sie im Kreis um den Opferwall und um alle Leute an den Feuern. Anmutig setzten sie sich zu König Gort und Amaturix, die ihnen Spieße reichten; Afal blies in sein Horn und schwenkte den seinen auffordernd durch die Luft.

Jetzt konnten alle mit dem Essen beginnen.

Nach der ersten Scheibe holten sie sich neue. Die Sklaven teilten Met für die Erwachsenen, Tee und noch etwas anderes für die Kinder aus. Auch für die Erwachsenen hatten sie ein zweites Getränk in den Fässern und Loranthus ließ sich nicht lange bitten, es einmal zu probieren.

„Mmmh, das ist einfach köstlich! Euer Birkensaft zu Beltaine war schon wunderbar, aber das hier …“ Loranthus schmatzte genüsslich. „ … mmmh. Was ist das, Arminius?“

„Elder.“

„Was für’n Zeug?“

„Du kannst auch Holunder sagen. Wenn der Hollerbusch blüht, machen wir davon einen Sud und geben reinen Alkohol dazu. Schmeckt gut, nicht wahr?“

„Oh ja, daran könnte ich mich gewöhnen. Richtig lieblich und süffig.“

„Süffig, garantiert! Wenn es dir in den Kopf steigen sollte, es gibt auch Eldersud für die Kinder. Der wird aus Blüten, Wasser, Honig und Essig gemacht, schmeckt herrlich erfrischend und dreht den Kopf nicht schneller als man tanzen kann.“

„Tanzen, Elder ohne Alkohol, muss ich probieren“, murmelte Loranthus, schnupperte fasziniert an seinem Horn und sah zu Elektra hinüber. Sofort verschleierte sich sein Blick, als hätte er schon ein halbes Fass Elder intus.

Arminius griente Flora an, die nickte Großmutter Mara zu, Viviane und Lavinia kicherten und flatterten mit den Händen, als wollten sie fliegen lernen … Loranthus nahm nichts davon wahr.

Er schlürfte langsam aus seinem Horn und merkte nicht einmal, wie Bewegung in die Leute kam. Sie gingen umher, setzten sich an andere Feuer, redeten, lachten, tranken sich zu … der Barde spielte auf seiner Leier, andere Musikanten zückten ihre Instrumente, Lavinia füllte sein Horn mit Elder ohne Alkohol auf, Kinder fassten sie an den Händen und hüpften jauchzend zwischen den Feuern hindurch … „Ich freue mich, Loranthus, dich wohlbehalten wiederzusehen.“

Loranthus rieselte es heiß den Rücken runter.

Hastig drehte er sich zu Elektra um, die ihm die Hand auf die Schulter gelegt hatte und sich ganz ungezwungen neben ihn setzte. Wie war sie unbemerkt hinter ihn gekommen? Er hatte sie doch die ganze Zeit angestarrt!

„Elektra!“, krächzte er. „Wie bist du …?“ Er fuhr sich verlegen durch die Haare. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Deine Eltern haben mir schöne Grüße für dich aufgetragen. Sie waren sehr freundlich zu mir. Besonders deine Mutter und deine Großmutter Dana. Schau mal, das habe ich für dich geschnitzt, als ich bei ihn … äh … Großmutter Dana war.“

Bloß gut, dass er diese Begrüßung schon geübt hatte. So kam es fast fehlerlos über seine Lippen, nur ein bisschen zu eilig. Betont ruhig nahm er ihre Hand und legte ein kleines geflügeltes Pferd hinein. Mutig gab er sich einen Ruck, umarmte sie und hauchte ihr dabei rechts und links einen Kuss auf die Wange.

Elektra tippte auf das Holzpferdchen und zog ein vorwurfsvolles Schnutchen.

„Aber, Loranthus! Das kann ich doch nicht annehmen!“

Loranthus legte sich ins Zeug.

„Es ist nur eine Kleinigkeit! Klein, im wahrsten Sinne des Wortes!“ Er winkte ab. „Einer Königstochter nicht würdig, ich weiß. Aber Königin Birgie, also deine leibliche Mutter, meinte, du liebst phantastische Wesen und würdest dich darüber sehr freuen.“

Eigentlich hatte Königin Birgie ihm das Lindenholz zum Schnitzen gegeben, damit er aufhörte, vor Aufregung an seinen Fingernägeln zu kauen. Die untätige Wartezeit bis zur Schlacht hatte ihn dermaßen hibbelig gemacht, dass sie ihn vor die Wahl stellte: entweder Baldrian oder Schnitzen. Wenn er kein Fernrohr ans Auge gedrückt hielt, hatte er also das Holz statt seiner Nägel bearbeitet. Und siehe da! Königin Birgie war mit seinen ordentlich gestutzten Fingernägeln zufrieden und von dem geflügelten Pferdchen richtig beeindruckt. Darum hatte sie ihm auch ein schmales Lederband gegeben, damit er daraus einen Anhänger machen konnte.

Elektra sah ihn schelmisch an und zog sich den Anhänger über den Kopf.

„Da hat meine Mutter recht, aber trotzdem …“ Sie tippte sich tadelnd an den Hals.

„Nein, Loranthus! Ich kann wirklich nicht annehmen, dass das schon alles war!“

Loranthus sackte in sich zusammen und betastete den fast verheilten Schnitt am Daumen. Waren seine Mühen also doch umsonst gewesen. Vielleicht hätte er ihr lieber die Lilien schenken sollen, die ihm auf dem Weg zur Burg so gefallen hatten? Aber dieser Schmollmund …

Elektras azurblaue Augen blickten vorwurfsvoll, sie schniefte, ihr Mund zuckte, prustend warf sie sich auf ihn, wühlte ihre Lippen in seine und schob ihre Zunge verlangend hinterher. Loranthus riss die Augen auf, bewegte nichts – außer seine Zunge – und hielt sie sachte umschlungen. Gleichzeitig versuchte er, ihrem Druck standzuhalten und nicht umzukippen; seine Bauchmuskeln zitterten, Elektra schnurrte. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie ihren Mund löste. Sofort huschten ihre Lippen an sein Ohr und ihr heißer Atem trieb ihm wohlige Schauer vom Genick bis sonst wohin.

„Ich kann wirklich nicht annehmen, dass deine steife Rede schon alles war!“ Feixend biss sie Loranthus ins Ohrläppchen und ihre Hand rutschte an seinen Bauch hinunter. „Hmmm, schon besser. Das ist ja wohl eher die richtige Stelle dafür. So möchte ich ab sofort immer von dir begrüßt werden. Das ist einer Königstochter würdig.“

Loranthus japste. Ohne Gegenwehr ließ er sich von Elektra umdrücken und ergab sich stöhnend in sein Schicksal: Einer Königstochter musste man jeden Wunsch erfüllen. Das hatte sie ihm ja schon zu Beltaine im See erklärt.

Seine Sklavin Hanibu tanzte derweil mit Medan um die Feuer. Vor ihnen hüpften Viviane und Silvanus, Nora und Harthu, Susanne und Hirlas. Viviane drehte sich zu Hanibu um, deutete zwinkernd auf das Knäuel neben ihrem Feuer und flatterte wieder mit den Händen, als wolle sie fliegen. Sie grienten sich alle an; ihr Tanz wurde noch ausgelassener.

Bis in die Nacht hinein wurde getanzt, getrunken, gegessen, gelacht, erzählt … als die Sonne aufging, lag der ganze Clan über die Burgwiese verstreut, paarweise oder in Gruppen.

Die Kinder schliefen zusammen innerhalb der Feuer. Die Nacht war mild, sodass sie eigentlich keine zusätzliche Wärme gebraucht hätten, aber die Mitte gab ihnen einen besseren Schutz. Ihre Eltern, Großeltern und erwachsenen Geschwister waren vom Fest zwar noch benommen, doch der eine oder andere hätte es bestimmt bemerkt, wenn sich ein Raubtier angeschlichen hätte.

Viviane wäre die Erste gewesen, denn sie lag am Waldrand und hatte keinen Alkohol getrunken. Wenn sie bloß an einem Horn mit Met roch, wurde ihr schon übel. Deshalb trank auch Silvanus nur Tee und Eldersud für Kinder, er wollte ja keinen Schritt von ihr weichen.

Es war für ihn nicht schlimm, nüchtern zu bleiben; er fand es sogar lustig, dass Viviane so extrem auf Gerüche reagierte. Genau genommen zollte er dieser Erscheinung ihrer Schwangerschaft sehr große Ehrfurcht. Ihr Geruchssinn glich dem eines Hundes – er konnte das einschätzen, seine Ethmanja war die beste Hirschhündin weit und breit – und so hatte Viviane ihnen als Späher einen immensen Vorteil verschafft. Aber nicht nur ihre empfindliche Nase, sondern auch ihre listigen Täuschungen waren genial und Silvanus war überzeugt: Viviane war die personifizierte Todesgöttin für alle Feinde, die sich ihr in den Weg stellten.

Dieses Weib war nun seines. Offiziell zwar erst zu Lugnasad, wenn sie vom höchsten Druiden zusammengeführt wurden, aber Viviane hatte sich ihm bereits versprochen. Seit Beltaine waren sie zusammen und Silvanus war total stolz, Viviane sein eigen nennen zu können. Es störte ihn nicht einmal, dass sie das Kind eines anderen erwartete. Sie konnte ja nichts dafür. Außerdem hatte sie einmal erwähnt, dass dieser britannische Merdin fast so aussah wie er. Nur seine Augen waren nicht dunkelbraun, sondern blau. Wenn der Kleine dann Vivianes moosgrüne Augen bekäme, wäre das irgendwie befriedigend: Der Sohn des zukünftigen höchsten Druiden von Britannien würde bei ihnen aufwachsen und jeder, der ihn ansah, würde ihn für sein Kind halten.

Viviane blinzelte, sah in die lächelnden Augen von Silvanus und schlang ihm die Arme um den Nacken. Voller Leidenschaft gab sie ihm einen wilden Kuss, nahm seine Hüften in die Beinzange und presste ihn an sich, bis er stöhnte.

„Schon wieder Angriff ohne Vorkampf?“, hauchte ihr Silvanus ins Ohr und seine Lippen flüsterten weiter zu ihrem Nacken: „Seit wir es das erste Mal richtig gemacht haben, sind wir nicht mehr zum Spielen gekommen.“ Seine Zunge strich leicht über ihr Schlüsselbein, sachte biss er in ihre Schulter. „Du bist unersättlich.“

Viviane japste, bäumte sich auf und zog einen Schmollmund, während sie ihre Beine noch mehr verschränkte.

„Das liegt an meiner Schwangerschaft. Wir müssen es schließlich ausnutzen, wenn es eh schon zu spät ist. Außerdem: Wenn ich solchen Hunger habe, kann ich nicht spielen wie die Katze mit der Maus. Schon gar nicht …“ Sie rutschte sich ein wenig zurecht und schnurrte: „ … wenn sich die Maus so einladend vor dem Mauseloch präsentiert.“ Knurrend schnappte sie mit den Zähnen nach seiner Gurgel und Silvanus keuchte: „Friss mich!“

Lavinia drehte sich auf die andere Seite, gähnte und blinzelte verschlafen in die goldene Morgendämmerung. Hastig riss sie die Augen weit auf und rüttelte Robin, der neben ihr leise schnarchte. Brummend öffnete er ein Auge, sah Lavinia strafend an und drehte sich von ihr weg. Die ließ sich davon aber nicht beirren, zerrte ihn unsanft wieder zurück und drückte ihm mit den Daumen die Lider hoch. Robin knurrte und wollte sich auf sie stürzen, hielt aber mitten in der Luft inne, riss die Augen auf und ließ sich neben Lavinia fallen. Den Kopf behielt er jedoch oben.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Bewegung in die Leute kam. Gemächlich zogen sie die Speckblasen aus der noch warmen Asche, wischten sie sauber und schnitten sie in Scheiben. Die Feuer wurden neu entfacht und die Fleischbrühe erhitzt; dazu kam noch das restliche Fleisch. Die jungen Maiden hatten kühles Quellwasser geholt und manch einer schöpfte gleich mehrere Hörner hintereinander, um sie gierig in einem Zug zu leeren.

Viviane und Silvanus grienten sich an und beobachteten Conall, der jetzt das Wasser hinunter kippte wie gestern Met und Elder. Nur Loranthus schien kein Interesse an Ess- oder Trinkbarem zu haben und widmete die ganze Aufmerksamkeit seinen Händen, die er immer mal zur Nase führte. Silvanus ließ seinen Mittelfinger über Vivianes Hand kreisen und sie schnappte zu. Da grienten sie sich wieder an und winkten Elektra, die gerade zwischen Königin Elsbeth und dem Barden Kablitu saß und zu Loranthus herüber sah. Elektra hielt triumphierend den Daumen hoch, grinste breit und nahm noch ihren Zeigefinger und ihren Mittelfinger dazu. Silvanus schüttelte mit gespielten Entsetzen den Kopf; er sah gerade noch, wie Viviane ihre Finger einzog und die Faust in Siegerpose in die Luft stieß.

Nach der Mahlzeit erklang ein melodischer Posaunenstoß und Ruhe trat ein. Afal stellte sich neben die abgebrannte Opfergabe und deutete auf die geschwärzten Tierschädel.

„Nachkommen des stolzen Cernunnos! Die Götter haben unser Großopfer wohlwollend angenommen. Wenn sich die Sonne das dritte Mal neigt, werden sie zu uns herabsteigen und mit uns tanzen. Lasst sie uns ehrerbietig begrüßen. Lasst uns mit weitem Herzen über Mutter Erde wandeln und am Tag der Birke den Göttern huldigen. Geht nun in Frieden.“

Beschwingt fuhren alle in ihre Dörfer. Loranthus rannte mit Silvanus und Medan den kürzeren Weg quer durch den Wald. Als Arminius mit dem Rest der Familie ankam, hatten sie schon die Hühner aus dem Gehege gelassen, die Eier eingesammelt, Brunnenkresse am Fluss geholt, Zwiebeln und Möhren geputzt und Brot geschnitten. Loranthus musste schmunzeln, als Viviane eintrat und ihm dabei zusah, wie er die Kresse auf Butterbrote schnippelte und sie akribisch zusammenklappte.

Arminius klopfte ihm zufrieden auf die Schulter, wickelte die Brote in ein Leintuch und legte es mit Eiern und Gemüse in eine Kütze. Die Männer liefen los, um die Felder zu begutachten.

Viviane stand in der Tür und beobachtete Medan, wie er die Kütze schulterte und Robin, der stolz an den Fingern aufzählte, was sie alles für Arbeiten verrichtet hatten. Sie wäre auch gerne mitgegangen, aber ihre Mutter hatte Schmerzen im Unterleib. Da wollte sie ihr lieber einmal den Bauch abtasten.

„Also, Mama, ich kann nichts Ungewöhnliches finden. Alles sitzt da, wo es hingehört. Werden wohl die Bänder sein, die sich dehnen müssen. Die Gebärmutter ist immerhin schon faustgroß.“

Viviane drehte sich zu Lavinia um und hielt Daumen und Zeigefinger ein Stück auseinander.

„Unser Schwesterchen dürfte jetzt etwa so groß sein.“

Lavinia nahm sich das kleinste Ei aus der Bastschale und hielt es prüfend zwischen den Fingern.

„Dann ist es ja so groß wie das Ei von einem jungen Huhn!“

Vorsichtig legte sie das kleine Ei in ihre Hand, strich liebevoll darüber und wiegte es hin und her.

„Mein liebes Schwesterchen. Wenn du geboren bist, wiege ich dich genauso immer hin und her. Das kann ich schon gut, sagt Noeira.“

Viviane gluckste und wollte schon den Mund aufmachen, doch Flora schüttelte warnend den Kopf. Ihr stand nämlich gerade das Bild vor Augen, auf welche Weise Viviane damals Medan gewiegt hatte.

Sie hatte sich unter die Wiege gehängt und war daran hin und her geschaukelt. Das ging gerade noch gut. Der Balken an der Decke war ja stark genug, um die hängende Wiege und Viviane zu halten. Doch auf die Wiederholung dieser Belastungsprobe konnte Flora gerne verzichten und der Deckenbalken bestimmt auch, immerhin war er nun schon seit elf Generationen im stetigen Gebrauch und musste geschont werden.

Noeira stemmte die Hände in die Hüften.

„Da wir gerade von Babys reden … Wie bist du eigentlich zu deinem gekommen?“

Viviane schnaufte, als wäre ihr eine Fliege in die Nase geflogen.

„Das habe ich euch doch schon erzählt!“

Noeira winkte gelangweilt ab, von Fliegen – egal welcher Art – ließ sie sich nicht beirren, wenn es etwas Neues zu erforschen gab.

„Ja, ja, wir haben aufgepasst. Morgens Prüfung für das Drachenschwert im Wald, abends Initiation für den Orden mit himmlisch duftender Schale in einem sonst leeren Raum. Was mich persönlich dabei interessieren täte, ist das, was nach dem Riechen an der Schale passierte.“

„Na, nichts!“ Viviane warf die Hände in die Höhe und verscheuchte einen ganzen Schwarm Fliegen. „Nichts, nichts und nochmal nichts!“ Es war die reinste Fliegenplage. „Einfach nur am nächsten Morgen orientierungslos mit schmerzenden Gliedern aufgewacht!“

Noeira reckte das Kinn und sah Viviane herausfordernd an.

„Hast du nicht gesagt, du hättest einen Traum gehabt?“

Jetzt winkte Viviane ab, als wolle sie eine ganz besonders lästige Fliege mit einem Wisch schnappen.

„Ach, das war doch nur ein total abstrakter Traum, Noeira! Absolut surreal! Skurril! Abstrus! Hervorgerufen durch Drogen! So was Irres sehen nicht mal die Feinschmiede, wenn sie in Trance sind und ihre phantastischen Figuren ins Edelmetall treiben.“

Noeira wedelte mit ihrem Zeigefinger vor Vivianes Nase herum und beförderte sie energisch auf die Sitzbank.

„Da wäre ich mir nicht so sicher! Schließlich ist bei dir ja auch ein Kunstwerk entstanden. Hauptsache, der Kleine hat keine Hufe oder einen Hirschkopf, wenn er raus kommt! Das wird nämlich schwierig mit dem Anziehen.“

Viviane schüttelte übertrieben tadelnd den Kopf, verdrehte die Augen und nickte zur Tür.

„Du denkst schon wie Silvanus! Der hat letztens erst gemeint, ich solle bei den Mützchen Löcher rein machen, damit das Geweih gut durchpasst.“

„Also wirklich!“ Noeira klatschte entrüstet die Hand auf den Tisch. „Das schlägt dem Fass den Boden aus! Ich hoffe doch, du hast ihn für so eine freche Rede ordentlich bezahlen lassen!?“

Viviane grinste listig.

„Der bezahlt mir jeden Tag dafür! Doppelt und dreifach.“

„Recht so! Also los! Erzähl schon von diesem phantastischen Traum! Je mehr abstrakt, surreal, skurril und abstrus, umso besser.“

Mit rollenden Augen schaute Viviane zu Noeira und allen andern, die sich nun erwartungsvoll um den Tisch platzierten. Lavinia huschte schnell zwischen Großmutter Mara und Taberia, damit sie Viviane exakt gegenüber saß, und beugte sich sogar noch weiter vor als Noeira. Nur Hanibu sah aus, als wüsste sie schon Bescheid. Viviane seufzte und verschränkte die Hände auf dem Tisch.

„Also. Mein oberster Lehrer, Akanthus, hatte Merdin und mich in ein mickriges kreisrundes Grubenhaus ohne Mobiliar geführt und von außen den Riegel vorgeschoben. Da es nur ein winziges Fenster hatte, haben wir neben der Tür darauf gelauert, was nun kommt, denn wir waren auf einen erneuten Reaktionstest gefasst. Doch es passierte nichts, überhaupt nichts. Also haben wir uns auf die Bärenfelle gesetzt und erzählt, wie es uns bei der Prüfung früh morgens im Wald ergangen ist.

Merdin war in einem anderen Teil des Waldes unterwegs gewesen als ich und der irrigen Annahme, dass ich als Maid nicht so hart geprüft würde wie er. Bei Tarnung und Spurensuche war es ja egal, aber er hat gestaunt, weil ich mich gegen jeden meiner fünf Angreifer genauso erwehren musste wie er. Einen hatte ich sogar früher erwischt als er mich, weil ich ihn von einem Baum aus gesehen hatte. Zwar nur seinen blinkenden Schwertknauf, aber gesehen ist gesehen.

An den habe ich mich herangeschlichen wie ein Wolf auf Beutefang und habe ihm aus meinem längsten Blasrohr eine ordentliche Ladung Pfeile verpasst. Bis er endlich von seinem Baum unten war, hatte er einen im Hintern, einen im Oberschenkel und einen mitten im Genick. Natürlich ohne Betäubungsgift dran, er sollte mich ja im Schwertkampf testen, was er danach auch ziemlich rabiat tat. Am Ende sah er richtig zerzaust aus. Ich dagegen bin tadellos aus dem Wald herausgetreten und meine Prüfer hatten nichts zu bemängeln. Der Zerzauste hat mir sogar feixend sein Schwert hingehalten und Revanche gefordert. Ich habe es natürlich nicht berührt, es war ja nur Spaß.

Merdin musste lachen, als er sich die Szene vorstellte. Er konnte sich gar nicht mehr beruhigen und sprang in dem winzigen Raum herum, als hätte er einen von meinen Blasrohrpfeilen im Hintern. Weil es mittlerweile schon dunkel geworden war, nahm ich ein Stück Glut aus meinem Zunderschwämmchen und legte es in eine Ölschale, die vom obersten Deckenbalken hing. Merdin musste mich hochstemmen, sonst wären wir gar nicht an die Schale herangekommen, so extrem weit oben war sie angekettet. Kaum brannte das Öl, verströmte es auch schon einen ganz intensiven Duft, unbeschreiblich gut, einfach genial. Wir konnten gar nicht genug davon bekommen und reckten beide die Hälse, um möglichst viel von den Duftschwaden einzuatmen.

Wann ich die Besinnung verloren habe, kann ich absolut nicht sagen. Jedenfalls sah ich einen Hirsch in meinem Traum. Der stand vor mir auf einer großen Wiese und rief mich. Ich lief auf ihn zu, schlug im letzten Augenblick einen Haken und rannte an ihm vorbei. Er stellte sich auf die Hinterläufe und preschte mir lachend hinterher. Übermütig trieben wir uns gegenseitig durch einen schattigen Birkenwald und einen steilen Berg hinauf. Oben auf der Kuppe befand sich eine sonnige Wiese mit herrlichen Blumen und Kräutern.

Ich pflückte Blumen und steckte mir die wohlriechenden Kräuter in den Mund. Die Sonne wärmte mich so angenehm, also legte ich mich auf die Wiese und ruhte mich aus. Als die Sonne im Zenit stand, begann ich zu schwitzen.

Der Hirsch legte sich neben mich und leckte mir den Schweiß ab. Das kitzelte, aber ich fühlte mich gleich viel besser und döste kurz ein. Als ich aufwachte, äste der Hirsch an einem kleinen Weiher. Wir tranken das herrlich erquickende Wasser und liefen gemeinsam von einem duftenden Kraut zum anderen.

So kamen wir zu einem Weg, der zum nächsten Berg führte. Dort glitzerte es in der Sonne und wir wollten sehen, was das war. Also sind wir wieder losgelaufen, aber der Pfad wurde immer schmaler und abschüssiger. Kurzerhand nahm mich der Hirsch auf seinen Rücken, damit ich nicht vom Wege abglitt.

Ich wollte ihm danken und streichelte über seine Flanken, seinen Rücken, die Schultern, den Hals und das Geweih. Bei jedem seiner Schritte konnte ich seine sehnigen Muskeln spüren. Er strotzte vor Kraft. Sein Fell war weich und warm. Sein stattliches Geweih fühlte sich herrlich an. Ich musste es einfach immer wieder berühren und meine Finger glitten über jeden Zacken in seiner Krone.

Der Pfad ging bald steiler nach oben, doch der Hirsch trug mich sicher hinauf und ich war froh, so einen guten Weggefährten zu haben. Auf der Bergkuppe fanden wir wieder eine große Wiese mit saftigem Gras. Was von Weitem so gefunkelt hatte, waren Tautropfen, die in der Sonne glänzten. Das wunderte mich, denn nachmittags gibt es eigentlich keinen Tau mehr.

Erstaunt betraten wir die Wiese und schon beim ersten Schritt merkten wir, dass es kein echter Tau war, sondern winzige Kristalle. Die Wiese war übersät mit Kristallen und es fühlte sich ganz seltsam an, darüber zu laufen. Aber der Hirsch rannte wieder übermütig vor mir her und so trieben wir uns gegenseitig, bis wir erschöpft ins Gras fielen und er mir eifrig den Schweiß ableckte. Kaum hatte er mich auf diese Weise ein wenig abgekühlt, neigte sich die Sonne zum Horizont und die Kristalle erstrahlten in den zartesten Farben.

Ich wollte mir die blauen und grünen genauer ansehen, der Hirsch lief zu den goldenen und veilchenfarbenen, doch wir konnten sie nicht berühren, weil plötzlich Wind aufkam. Die Kristalle trudelten über die Wiese, wie zuvor wir, und als der Wind stärker wurde, trennten sie sich sogar nach Farben. Es sah seltsam aus, aber sie reihten sich tatsächlich aneinander und bildeten einen breiten, vielfarbigen Weg.

Der Hirsch sah mich fragend an, ich nickte und wir betraten den Pfad. Er ging auf der goldenen Bahn, ich legte ihm die Hand auf die Schulter und betrat die grüne. Es wurde heiß und immer heißer, die Abendsonne gleißte, wir konnten kaum noch den Weg vor unseren Füßen erkennen. Mir kam das Laufen auf dem Pfad unwirklich vor. Es war, als würde ich auf der Stelle gehen, aber ich kam trotzdem vorwärts, die Kristalle selbst trugen mich voran. Je weiter wir aufstiegen, desto heißer und strahlender wurde das Licht der Sonne und ich musste die Augen schließen. Der Hirsch führte mich.

Dann waren wir am Ende angekommen und der Sonnenkönig saß vor uns in seinem großen Himmelswagen. Er lächelte und sprach: ‚Danke, dass ihr mir meinen Götterpfad zurückgebracht habt. Dafür gebe ich euch das Schönste, was ein Gott einem Menschen schenken kann.‘ Bei diesen Worten senkte er seine Hände zu den farbigen Kristallen und warf sie hoch in den azurblauen Himmel. Dort tanzten sie, bis sie ihren angestammten Platz fanden und ihre Farben erstrahlten noch heller. Staunend blickten wir hinauf, voller Ehrfurcht.

Der Sonnenkönig sah uns freundlich an und sagte: ‚Und nun euer Lohn.‘ Er hob die Hände zu den Göttern, die um den See der Weisheit im Himmel saßen und bat sie um einen Schluck Wasser daraus. Sie nickten, schöpften jeder eine Hand voll Wasser und warfen es uns mit vollendeter Anmut entgegen. Ganz sanft nieselte es auf uns herab und die große Hitze wich einer angenehmen Frische. Die Regentropfen perlten an uns herunter, vereinigten sich zu einem kleinen Bach und wir glitten darauf zur Erde zurück. Der Sonnenkönig winkte zum Abschied, freudig wiehernd strebten seine Pferde ihrem Nachtlager entgegen.“

Viviane betrachtete die verträumten Gesichter der Frauen. Sie alle schienen noch auf dem Weg zwischen den Welten zu sein. Hanibu hatte garantiert nicht alles verstanden, aber sie sah vor sich hin und ihre Augen wiesen diesen entrückten Blick auf, den sie schon einmal gehabt hatte – damals, bei ihrer ersten Begegnung mit Lew.

Noeira fing sich als Erste. Übermütig schnalzte sie mit der Zunge und schürzte mit Verschwörermiene die Lippen.

„Also, ich will dir mal was verraten, Viviane. Wenn Conall zum Höhepunkt kommt, tanzen vor seinen Augen auch die Sterne.“

Taberia kicherte und dann prusteten alle Frauen los, sogar Großmutter Mara. Lavinia sah interessiert von einer zur anderen.

Flora tätschelte ihren Bauch. „Ja, ja. Und wenn es dann zu nieseln anfängt … und man findet keinen Unterschlupf …“ Sie tippte gegen ihren Unterleib. „ … ist man nass.“ Alle grölten, nur Viviane zog einen Schmollmund.

„Ha, ha. Wie lustig“, knurrte sie, kniff die Augen zusammen und sah sich suchend im Langhaus um. Allerdings schien sie nicht zu finden, wonach sie suchte und lugte deshalb auch noch unter den Tisch. Noeira bückte sich hinterher.

„Was suchst du denn?“

„Was wohl, meinen Humor natürlich. Der scheint mir gerade abhanden gekommen zu sein.“

Alle schmunzelten, nur Lavinia beugte sich über den Tisch und deutete zur Tür.

„Dort!“

„Was, dort?“

„Na, dort! Mitten auf der Wiese! Da läuft er, dein Humor!“

Viviane reckte den Hals.

„Ich kann nichts sehen. Wo denn?“

„Oh je! Oh je, oh je! Jetzt kommt er mit vollem Karacho wieder zurück! Achtung! Ha!“

Lavinia sprang auf, riss die Arme hoch und klatschte die Hände zusammen. „Hab ihn erwischt! Bitte schön! Sag mal ‚aaaa‘, Viviane!“

Viviane schmunzelte, sagte artig „aaaa“ und Lavinia stopfte ihr den Humor in den Rachen zurück. Höchst erfreut über den guten Geschmack kaute sie alles ordentlich durch, nuschelte „Nichs desdo drodz, dad hädd mi jama eine vohe sang gönn“, schluckte laut und leckte sich die Lippen. Lavinia kicherte.

Noeira nahm das Spucktuch, das sie immer für Belisama über der Schulter hängen hatte, und wischte Viviane damit sorgfältig den Mund ab. Nebenbei tätschelte sie ihr die Schulter und ließ ihren Gedanken freien Lauf:

„Erstens: Du hast nie danach gefragt. Und zweitens: Wer von uns hätte ahnen können, dass es derlei Initiationen gibt!? Wir sind einfache Bauern! Mutter webt und färbt, ich schnitze Holz, Taberia und Großmutter Mara töpfern, Vater ist Schmied, Conall Sattler, Tarian Tischler, Silvanus Wagenbauer, Schuster und Glasmacher. Dafür braucht man doch keine Initiation! So was gibt es eben nur bei Druiden! Und wenn …“ Noeira fuchtelte mit dem Zeigefinger und tippte sich gegen den Kopf. „ … wenn wir es geahnt hätten? Was hätten wir – deiner Meinung nach – der Taube für einen Brief mitschicken sollen?“ Sie kniff die Augen zusammen und tat so, als müsse sie ein winziges Stück Papyrus beschreiben. „Viviane, hüte dich vor zutraulichen Hirschen im Wald und lass dich nicht nass regnen, sonst bekommst du ein kleines Hirschlein geschenkt?“

Viviane schnaubte. „Da hätte ich bestimmt das Gegenteil davon gemacht, nur um das Hirschlein zu bekommen. Das habe ich noch nicht in meiner Tiersammlung.“

Noeira tätschelte grinsend Vivianes Bauch. „Nur Geduld! Bald hast du eins. Musstest du vor dieser Initiation eigentlich wieder hungern?“

„Ja, natürlich. Wir verbrachten drei Tage in der Höhle mit dem kleinen See, genau wie beim ersten Mal. Es gab also nur geweihtes Wasser.“

„Sonst nichts?“

Viviane schüttelte den Kopf.

„Wie konntest du dann überhaupt gegen all die Krieger im Wald bestehen? Mich hätte der erste bloß anhauchen müssen, da wäre ich schon umgefallen!“

Viviane lachte laut auf und verscheuchte erneut einen Fliegenschwarm.

„Das geht besser, als du dir vorstellen kannst, Noeira. Immer, wenn man Hunger bekommt, trinkt man sich den Bauch mit dem geweihten Wasser voll. Sonst sitzt man nur in der Höhle und wandert zwischen den Welten. In Trance zu geraten, muss man natürlich erst lernen. Bei meiner ersten Initiation habe ich das noch nicht so gut hinbekommen. Da hat mich der Hunger viel stärker gequält. Aber als ich bei dieser letzten Initiation aus der Höhle heraus in die Morgendämmerung trat … Das war absolut genial!

Ihr ahnt gar nicht, was ich plötzlich alles sehen, hören, fühlen, riechen und sogar schmecken konnte! Fährten lesen war ein Kinderspiel! Verstecken erst recht! Und ich spürte eine Kraft in mir wie noch nie zuvor! Jeden, der sich mir in den Weg stellen wollte, den habe ich einfach umgerannt. Mein Lehrer Akanthus hat es die ‚pure Macht der Sinne‘ genannt, die unserem Körper durch das geweihte Wasser dargebracht wird.“

Noeira winkte ab.

„Das hört sich alles recht interessant an, aber auf so eine Erfahrung kann ich gerne verzichten. Mir gluckert schon der Magen von dem ganzen Wasser-Gerede.“

Flora klatschte in die Hände, stand auf und ging hinter den Ofen.

„Da hilft nur eines: Wir essen zu Mittag. Viviane, hol mal die Buttermilch aus dem Keller. Lavinia, hier sind die Holzbrettchen. Noeira, schnipple die Kresse. Taberia, schäl die Zwiebeln. Mara, stech Löcher in die Eier, die schlürfen wir aus.“

Viviane streute sich gerade Salz über ihr zweites Kressebrot, da ertönten die Hörner. Alle traten verwundert auf den Vorbau; nur Viviane blieb sitzen, klappte schnell ihr Brot zusammen und rief Hanibu zurück. Die kam an den Tisch, stopfte sich noch den Rest Zwiebel in den Mund, klatschte einen dicken Klumpen Butter aufs Brot und rollte es halbwegs zusammen. Nach einem Griff in das Näpfchen mit Kresse rannte sie neben Viviane her zur Koppel und versuchte nebenbei, ihr Brot umzudekorieren.

Viviane scheuchte eine Schar Hühner aus dem Weg und rief: „Das gilt mir! Ich habe zwar gestern niemanden gesehen, der meine Hilfe nötig gehabt hätte, aber wer weiß, was da passiert ist! Es hört sich jedenfalls so an, als könnte ich deine Hilfe gebrauchen, Hanibu.“

Hanibu zäumte Dina in Windeseile wieder auf, Viviane ihren großen Arion. Dabei hielt sie ihr Kressebrot zwischen den Zähnen, weil sie es auf die Schnelle nicht weglegen wollte. Arion schnappte einmal zu und grinste sie aus seinem Pferdegesicht schelmisch an. Viviane ließ die Zügel los und stemmte die Hände in die Hüften, da sprang der Schalk auch in ihre Augen. Sie tätschelte seine Nüstern und kraulte ihn hinter den Ohren, während sie ihm das Zaumzeug überstreifte.

„Du bist scheinbar der einzige Mann, der sich um meine Figur sorgt. Silvanus hält mir immerzu was Essbares unter die Nase und schaut nach, wie lange meine Bauchmuskeln noch durchhalten.“

Arion schnaubte und kaute gemächlich weiter.

„Ganz recht. Ich will ja nicht auseinandergehen wie Brotteig. Da es dir so gut schmeckt, gebe ich dir natürlich gerne was ab, wenn ich wieder Kressebrot habe, aber sei froh, dass es kein frisch gebackenes Brot war, Arion. Sonst würdest du bald Bauchschmerzen bekommen und wer würde dich da wohl verarzten müssen, na?!“

Arion schnaubte wieder, schluckte und Viviane schwang sich auf seinen Rücken. Nebenbei bemerkte sie, dass auch Dina zufrieden kaute und Hanibus Hände brotlos waren.

„Und jetzt wie Bruder Wind zum Uhsineberga!“

Arion preschte vorneweg, Dina galoppierte hinterher, wild flatterten die Haare der Pferde und Frauen im Wind. Ohne Streitwagen waren sie viel schneller wieder oben auf dem Berg und sahen schon von Weitem eine alte Frau vor dem Burgtor stehen. Unruhig trat sie von einem Fuß auf den anderen und knetete ihre Hände. Beim Näherkommen gewahrten sie ihr verweintes Gesicht, bevor sie sich tief und lange verbeugte.

Der Wächter nahm ihnen die Pferde ab und Viviane lief mit Hanibu eilig neben der Frau her. Nach zwei Versuchen gab sie es allerdings auf, die alte Frau nach dem Problem zu fragen, da sie kein ordentliches Wort herausbrachte und nur wehklagte, während sie mit kleinen Schritten an den einfachen Häusern der Handwerker vorbei trippelte, hoch zu den größeren der Krieger, bis sie vor einer Tür anhielt und sich wieder tief verbeugte.

Viviane und Hanibu traten ein und wussten sofort Bescheid.

Eine junge blonde Frau saß auf dem Strohlager und krümmte sich wimmernd. Ihr Unterkleid und das Laken waren blutverschmiert. Ein kleiner Junge klammerte sich an ihren Arm und schluchzte jämmerlich.

„Tinne, jetzt doch noch nicht! Es sollte doch erst in zwei Monden kommen!“, rief Viviane, ging schnell die paar Schritte zum Lager und fasste nach ihren Händen. Doch Tinne stöhnte nur und krümmte sich noch weiter vor.

Viviane sah Hanibu an und schüttelte den Kopf. Die alte Frau schnappte laut nach Luft, doch Viviane herrschte sie an: „Ich brauche heißes Wasser!“

„Es ist …“, sie schniefte und wischte sich die Augen, „ … nur noch ein bisschen Wasser da, hohe Dru …!“

Viviane fauchte: „Bei allen Göttern! Dann schaff es bei, Weib! Du hattest Zeit genug!“ Die Frau stand stocksteif. Erschaudernd griff sie nach zwei Holzeimern und schlurfte benommen zur Tür hinaus. Hanibu überlegte nicht lange und rannte ihr nach. Viviane redete unterdessen beruhigend auf Tinne ein, wusch sich die Hände, träufelte Essig darauf und untersuchte Tinne. Mit dem bisschen Wasser, das übrig war, bekam sie gerade noch das Blut von den Händen und strich dem kleinen Jungen sanft über den blonden Schopf. Er hörte sofort auf zu weinen und lächelte zaghaft.

Viviane setzte sich neben ihn, hob ihn auf ihren Schoß und strich ihm wieder über das Haar, die Schläfen, die Stirn. Ihre andere Hand streichelte langsam über seinen Unterarm. Leise fing sie an zu reden.

„Tinne, hör mir zu. Der Kopf ist schon durchgetreten, da kann ich nicht mehr schneiden. Aber eine normale Geburt ist zu schwer für ein so früh Geborenes. Es wird wohl nicht überleben.“

Tinne presste sich die Hände auf den Bauch und keuchte: „Dieses Kind … ist das einzige, was mir … von German geblieben … ist.“

„Du machst das genau richtig, Tinne“, lobte Viviane und massierte ihr den Rücken. Zärtlich strich sie ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sagte ganz ruhig: „Vielleicht ist uns Epona freundlich gesonnen und wir haben Glück. Du hast ja schon einmal geboren. Wenn es stark ist, dann könnte es gelingen. Knie dich auf die Bastmatte und halt dich an der Truhe fest, so rutscht es leichter. Komm, ich führe dich.“

Tinne fasste nach Vivianes dargebotener Hand und sah ihr fest in die Augen.

„Wenn die Götter dieses Kind am Leben lassen, opfere ich ihnen den Armreif, den mir German zu Beltaine geschenkt hat.“ Sie horchte in sich hinein, umfasste ihren Bauch und begann wieder zu atmen, tiefer, kraftvoller, verbissener.

Viviane massierte ihren Rücken und wartete, bis sie sich vollends entspannt hatte, dann stand sie mit dem Jungen im Arm auf und zog Tinne vom Lager hoch.

„Der silberne mit den eingefassten Korallenstücken?“, fragte sie ganz ruhig und nickte bedächtig. „Ja, das wäre wirklich eine angemessene Opfergabe.“

Die Tür ging vorsichtig auf und die Frauen kamen mit den Wassereimern herein. Viviane drückte der Alten den kleinen Jungen in die Arme, schob sie wieder zur Tür hinaus und wirbelte zu Tinne herum, die sich an der Truhe festklammerte und mit schmerzverzerrtem Gesicht lautstark presste.

„Hecheln, Tinne!“, rief Viviane in scharfem Ton und kniete sich neben sie. „Nicht pressen! Du darfst noch nicht nachgeben!“

„Geht … nicht!“, keuchte Tinne und versuchte zu gehorchen, aber der Drang war stärker und sie schlug die Zähne aufeinander, krampfte sich zusammen.

„Denk an dein Kind und hechle!“, befahl Viviane, drückte Tinne die Finger in den Rücken und flüsterte in ihr Ohr: „Lass es von alleine rutschen! Ganz sanft! Es soll leben! Drück erst, wenn ich es sage! Denk an German, wie er sich freut! Wie er wieder zu dir zurückkommt! Schau in seine Augen!“

Hanibu beobachtete vom Ofen aus, wie sich Tinne zusehends entspannte und unter Vivianes Kommando zu hecheln begann und war sich sicher, im Rhythmus ihrer schnellen Atemzüge die Worte ‚seine Augen‘ zu verstehen. Tinne schrie es sogar laut heraus, als sie endlich pressen durfte, und Viviane jauchzte dazu: „Es hat auch die dunklen Haare von German geerbt! Gleich kannst du es selbst sehen! Ein Mal noch pressen!“ Als Tinne das hörte, lachte sie laut auf, holte tief Luft und presste mit aller Kraft und Viviane schrie: „Mehr! Noch mehr!“, da hielt sie auch schon das Baby in den Armen.

„Du hast eine ganz prächtige Maid geboren, Tinne“, sagte sie mit hörbarer Anerkennung und schlug das Baby schnell in das Tuch ein, mit dem sie es aufgefangen hatte. Auffordernd nickte sie Hanibu zu.

Hanibu wollte gar nicht hinsehen, aber sie sollte ja die Nabelschnur durchschneiden. Und dann war sie richtig erstaunt, als sie ein ganz normales Baby vor sich hatte, nur viel kleiner und von einer dicken Schicht Käseschmiere umhüllt. Viviane legte es auf die saubere Seite vom Lager und holte ein Röhrchen aus ihrer Tasche. Das steckte sie der Kleinen erst in die Nase, dann in den Mund und saugte den Schleim aus den Atemwegen heraus. Nach einem kleinen Klaps quäkte sie leise.

Viviane hielt die Hand hin und Hanibu legte ihr ein feuchtes, lauwarmes Tuch hinein. Damit wischte sie ganz vorsichtig das Blut von der Kleinen und wickelte sie in Tinnes Wolldecke, bis nur noch das winzige Gesichtchen herauslugte.

Tinne sah zu. Dafür musste sie sich fast verrenken, weil sie immer noch vor der Truhe kniete. Tränen schwammen in ihren Augen.

Als die Nachgeburt herauskam, kümmerte sich Hanibu um Tinne. Viviane ging derweil im Haus umher und schüttelte immer wieder unzufrieden den Kopf. Seufzend zog sie ihr Übergewand aus, hielt es vor das Baby und beugte sich schützend darüber.

„Hol mal das Weib herein, Hanibu.“

Zögerlich trat die alte Frau ein. Hanibu gab ihr einen Schubs und schloss schnell die Tür hinter ihr.

Viviane raunte: „Ich brauche eine Tragetasche mit besonders weichem Schaffell, einen Berg gekämmte Wolle, lieber noch Daunen. Ich nehme auch beides. Und die Wiege muss her.“

„D … die b … braucht noch Wahedon für s … seinen Sohn, ho …“

„Bei allen Göttern!“, fauchte Viviane leise. „Stell dich nicht an wie der erste Mensch! Borge dir halt woanders eine! Es wird ja noch mehr Wiegen auf der Burg geben! Habt ihr eine Ziege?“

Die Frau wischte sich über die Augen und nickte hastig.

„W … wir h … haben zwei Z … Ziegen, hohe Druidin.“

„Noch besser. Wir brauchen viel Ziegenmilch für Tinne und das Baby. Und dann holst du noch neues Stroh, ein neues Laken und eine neue Bastmatte. Und neues Wasser zum Saubermachen!“

Die Frau griff nach den Eimern, stolperte wieder zur Tür hinaus und zog sie diesmal schnell hinter sich zu. Hanibu führte Tinne auf den Abort, goss ihr dort kaltes Wasser über den Unterleib und half ihr danach beim Waschen im kleinen Badehaus neben dem Schwitzbad.

Interessiert blickte sie sich um, aber das Badehaus gefiel ihr nicht besonders. Hier oben hatten sie nun mal keinen Fluss nahe beim Haus wie unten in den Dörfern. Da mussten sie sich schon mit einem großen Waschzuber begnügen, in dem das bisschen Wasser kaum zu sehen war, was im Moment zur Verfügung stand. Tinnes Vorrat an Wolle war dagegen höchst zufriedenstellend. Sie nahm sich eine ordentliche Handvoll und wickelte sie in ein großes Leintuch, während Tinne sich abtrocknete und dann tatsächlich ihr Unterkleid in den Zuber warf. Schnell drückte sie ihr das Leintuch in die Hand, um das Kleid selbst in der Pfütze auszuwaschen, und hätte wohl die ganze Zeit missbilligend vor sich hingeschaut, wenn Tinne ihr nicht ein Töpfchen mit dieser famosen Waschpaste aus Rosskastanien hingehalten hätte. Als sie das dreckige Wasser in den Kanal abgoss, brachte sie sogar ein anerkennendes Nicken zustande. Die Tonröhre war gut konzipiert.

Das Schmutzwasser gurgelte und gluckste und schon war es weg.

Frisch angezogen und verpackt huschte Tinne durch die Hintertür wieder ins Haus und Hanibu verriegelte sie sorgfältig. Viviane hielt das Bündel im Arm, summte leise vor sich hin und schob bei ihrem Anblick die Decke einen Spalt breit auseinander. Ihr Blick und ihre Körperhaltung triumphierten geradezu, als sie Tinne mit einem verschmitzten Blick bedeutete, sie solle in die Lücke hineinschauen.

Tinne schwankte einen Moment, presste die Hände auf den Busen und kam zögerlich näher. Zaghaft lugte sie an Vivianes Fingern vorbei. Ihr ängstlicher Blick wich schlagartig einem strahlenden Lächeln, keuchend schlug sie sich ihre zitternden Hände vor den Mund. Und dann, ganz vorsichtig, berührte sie die rosige Wange ihrer neugeborenen Tochter. Sofort schnappte das winzige Mündchen herum.

Viviane lachte leise.

„Sie hat einen starken Saugreflex. Meinen Finger konnte ich gerade noch in Sicherheit bringen. Und sie hat eine sehr gesunde Farbe“, betonte sie. „Sehr groß für knapp sieben Monde und auch sehr kräftig. Sie ist wirklich eine Ausnahme. Es würde mich gar nicht wundern, wenn aus ihr mal eine große Kriegerin wird, genau wie ihr Vater. Komm, Tinne! Nimm sie mal!“

Abwehrend streckte Tinne die Hände vor, doch Viviane verstand die Geste falsch und drückte ihr strahlend das Bündel hinein. Sofort drehte das Baby den Kopf und suchte nach Nahrung. Viviane gluckste.

„Sag ich doch! Überaus kräftiger Saugreflex. Einfach perfekt. Lass sie gleich trinken!“

Energisch beförderte sie Tinne auf die Sitzbank, hakte eine der Fibeln ihres Kleides auf und legte ihr das Kind an. Gierig schnappte der suchende Mund nach Tinnes Brust und saugte sich so fest, dass sie erschrocken japste. Viviane tätschelte ihre Schulter.

„Leg sie an, so oft sie will. Ich lass dir ein Näpfchen Wollfett da. Bei dem Elan wirst du es bald brauchen. Aber bis deine Milch richtig einschießt, gibst du ihr Ziegenmilch. Die ist besonders nahrhaft. Wenn das Weib wiederkommt, zeige ich dir gleich mal, wie du das mit der Kapillare machen musst.“

„So, wie du vorhin den Schleim abgesaugt hast? Das war doch der Kiel von einer Feder, nicht wahr?“

„Schwanenfeder, genau. Ich sehe, du hast gut aufgepasst, Tinne.“

„Und wofür brauchst du die Daunen?“

„Das ist mein Problem“, gab Viviane zu und seufzte. „Bis jetzt hatte ich nur tote Frühgeborene oder sie haben zumindest nicht lange gelebt. Dieses Kind ist aber viel kräftiger als die anderen. Trotzdem müssen wir damit rechnen, dass …“

„Ich habe aber keine Daunen“, schluchzte Tinne und wischte sich mit der freien Hand die aufsteigenden Tränen aus den Augen.

„Beruhige dich, Tinne. Wenn wir auf die Schnelle keine auftreiben können, muss es auch so gehen“, tröstete sie Viviane. „Ich kann dir nichts versprechen, aber ich kann alles versuchen, damit sie am Leben bleibt und gesund. Wir packen sie warm ein, ob mit oder ohne Daunen – Hauptsache Wolle. Damit kommt sie in die Tragetasche mit dem Schaffell und die legen wir in die Wiege, am Besten noch eine Wolldecke drumherum.“

Viviane deutete auf einen starken Deckenbalken in der dunkelsten Ecke von Tinnes Haus.

„Wir nehmen den Balken dort zum Aufhängen. Dort kann sie keinen Zug abbekommen. Davor habe ich nämlich Angst. Wenn du sie wickelst, lass immer die Tür zu und mach eine dicke Decke, besser noch zusätzlich eine Kuhhaut vor die Fenster. Dann brauchst du zwar eine Lampe oder genauer viele Öllampen, aber das wird schon gehen, wenn nötig borgst du dir welche. Wenn du sie stillst, immer auf deiner nackten Haut mit einem Schaffell darüber. So hat sie es am wärmsten. Und wenn du richtig einheizt, kannst du sie auf dem Fell auch nackt strampeln lassen; immer mit einer Decke darüber, versteht sich. Aber Baden ist tabu! Die Käseschmiere ist der natürlichste Schutz, den es gibt. Wir haben wirklich Glück, dass es Sommer ist. Sie hat die besten Chancen, durchzukommen. Hast du schon einen Namen für sie?“

Tinne lächelte auf ihr Töchterchen herab.

„Ich werde sie Germania nennen.“

Viviane nickte.

„Das hätte German sicher gefreut.“

„Kann ich mit ihr raus? Wegen der Sonnenwende?“

Viviane schüttelte vehement den Kopf und sagte in scharfem Ton: „Sie bleibt solange im Haus, wie ich es anordne! Nur wenn das Wetter absolut passt, darf sie unter meiner Aufsicht raus. Da fällt mir ein: Du solltest das Pergament in den Fensterrahmen ordentlich säubern, damit es schön hell hier drinnen wird. Licht ist wichtig, also probieren wir es auf diese Weise. Ich werde natürlich mit dem König reden, damit du nicht an der Sonnenwendfeier teilnehmen musst. Wer ist eigentlich das Weib, das bei dir ist? Das war doch nicht deine Mutter?!“

„Nein, das ist unsere Sklavin. Sie hat schon zu Germans Familie gehört, als ich ihn geheiratet habe. Aber jetzt muss ich sie wohl verkaufen, denn ohne meinen Mann werde ich mir bald nicht einmal mehr die Butter aufs Brot leisten können.“

Viviane winkte ab.

„Darüber rede ich auch mit dem König. Dein Mann ist schließlich für unser Königreich in die Anderswelt gegangen. Was hast du gelernt, als du noch nicht das Weib eines Kriegers warst?“

„Ich habe bei uns am Falkenstein die Schafe gehütet.“

„Du bist Schafhirtin!? Das passt ja wie die Faust aufs Auge. Unser Schäfer, Oen, ist zum Krieger berufen worden und seine Schwester will Harthu heiraten, der auch in den Kriegerstand aufgenommen wird. Sie braucht also garantiert keine Schafe mehr hüten. Wie du siehst, ist der Posten für den Schäfer frei. Du wirst keine Not leiden, Tinne, auch wenn du nicht so schnell einen neuen Mann findest.“

Tinne nahm Vivianes Hände.

„Als mein erster Mann so plötzlich vor zwei Jahren zu Lugnasad starb, konnte ihm keiner helfen. German ergriff sofort die Gelegenheit, obwohl ich hochschwanger war, und warb um mich. Aber weil es mir so gut bei euch gefiel, wollte ich nicht mit in sein Königreich ziehen. German gab nach, bewarb sich bei König Gort und dieser war höchst erfreut, als er einen erfahrenen Lanzenkämpfer bekam.“ Tinne lächelte versonnen vor sich hin, bevor sie seufzend wieder in die Gegenwart zurück kam. „Wenn ich mit German ins Nachbarkönigreich gezogen wäre, hätte das an seinem Schicksal nichts geändert, wohl aber am Leben seiner Tochter. Die Götter lächeln ihr zu, dank dir, Viviane.“

Viviane winkte ab.

„Danke mir lieber nicht zu früh. Ab sofort werde ich dich und deine kleine Germania immerzu belästigen. Sie ist mein Experiment. Und wenn ich zur Sonnenwende mit den Göttern tanze, werde ich sie fragen, ob es gelingen wird.“

Es klopfte an der Tür. Diesmal ging Viviane hinaus, denn da standen gleich mehrere Leute; alle hatten die Hände voll. Der eine hielt eine Wiege, der andere ein Bündel Stroh, eine Frau hatte einen Sack gekämmte Wolle, eine andere eine Tragetasche aus Leder, gefüllt mit Babysäckchen, Windeln und Laken. Ein Schuster hielt mit seiner Lederschürze einen Topf dampfender Brühe fest. Daneben stand seine Frau mit einem Laib Brot, rief: „Vom König!“ und schwenkte strahlend ein großes Kissen; die alte Sklavin schielte auf ihre Wassereimer hinab.

„Aha, ich kann mir schon denken, wo ihr Tinnes Sohn gelassen habt!“, lachte Viviane und nickte dem Schuster und seiner Frau dankend zu. „Perfekt. Ich danke euch allen.“ Viviane schnappte sich das Kissen, die Ledertasche und den Wollsack. „Wartet bitte einen Augenblick hier draußen. Ich lasse euch gleich herein.“

Sie bugsierte ihre Utensilien schnell durch die Tür und trat sie mit dem Fuß zu. Sorgfältig legte sie das saubere Laken auf den Tisch, breitete Wolle und die Daunen aus dem Kissen darauf aus und schlug den restlichen Stoff darüber ein. Dann nahm sie Tinne die eingeschlafene Germania ab, wickelte sie erst in die Windeln, als nächstes in das viel zu große Babysäckchen und zum Schluss in das Tuch mit der Füllung, bis nur noch ihr winziges Gesichtchen heraus lugte. Hanibu hielt die Ledertasche auf und Viviane legte ihr Bündel vorsichtig hinein.

Zufrieden besahen sie sich ihr Werk. Jetzt konnten die Leute kommen.

Nachdem alle ihre Glückwünsche ausgesprochen hatten und jeder einen Blick in die Tasche werfen durfte, halfen alle mit. Die Männer hängten die Wiege an den Deckenbalken. Die Frauen nahmen das schmutzige Stroh aus dem Lager und ersetzten es durch frisches. Die Sklavin gab ihnen ein neues Laken aus der Wäschetruhe, knickte die schmutzige Bastmatte zusammen und steckte sie in den Ofen; eifrig schrubbte sie das Blut von den Holzbohlen und legte eine neue Bastmatte vor die Truhe.

Als alles erledigt war, brockten sie sich Brot in die Brühe und tranken einen kräftigen Tee von dem Wasser, das endlich gekocht hatte. Tinne erzählte den wissbegierigen Leuten von der Geburt, bis sie müde wurde. Das war für Viviane das Signal zum Aufbruch. „Wir kommen morgen wieder, Tinne. Sechs mal am Tag gibst du Germania ein Röhrchen von der Ziegenmilch. Mehr nicht! Anlegen kannst du sie aber beim kleinsten Mucks, das wird sie beruhigen. Sie darf ihre Kräfte nicht mit Schreien verausgaben, die braucht sie zum Leben. Deine Gäste möchte ich bitten, nun zu gehen. Ihr habt uns sehr geholfen. Wir werden bei der Quellgöttin auch für euch bitten.“

Die Helfer gingen mit Viviane und Hanibu hinaus und verneigten sich zum Abschied vor Viviane. Die bedankte sich noch einmal für ihre Hilfe, holte mit Hanibu die Pferde von der Koppel und ritt zum Burgtor hinaus. Bis zum Waldrand blieb Hanibu still, doch dann hielt sie es nicht länger aus.

„Viviane, was ist mit dir?“

Viviane drehte sich zu Hanibu und sah sie erstaunt an, weil sie es in äthiopischer Sprache gesagt hatte.

„Ich habe dich verstanden, Hanibu, aber ich weiß nicht, was du meinst.“

„Ich meine, wie du die alte Sklavin behandelt hast. Das warst doch nicht du, nicht die Viviane, die ich kenne.“

Viviane sackte auf Arion zusammen.

„Ich bin aggressiv?“

„So schlimm nun auch wieder nicht, aber …“

Viviane nickte.

„Silvanus hatte also doch recht. Er meinte, ich würde schnell zornig und wäre launisch. Da war ich natürlich erst recht wütend. Vater meinte, das wäre wegen der Schwangerschaft. Na, er muss es ja wissen! Aber ich will doch gar nicht aggressiv sein oder launisch!“

Hanibu schüttelte den Kopf und wechselte wieder ins Griechische.

„Als ich dich kennen gelernt habe, da warst du schon schwanger und du warst immer freundlich zu allen, egal ob Sklave oder Herr. Daran liegt es also nicht.“ Sie sah Viviane nachdenklich an. „Ihr habt gestern viel von dieser Schlacht erzählt, aber ich habe nicht genug davon verstanden. Wenn ihr so schnell redet, ist das schwer für mich. Bitte, übersetze es mir ins Griechische. Wenn dir Worte in meiner Sprache einfallen, kannst du sie natürlich dazu nehmen.“

„Was willst du wissen?“

Hanibu zog die Augenbrauen hoch.

„Ich will alles wissen, auch das, was du nicht erzählt hast.“

Viviane verzog das Gesicht.

„Das dauert aber länger.“

Hanibu deutete auf den Fuhrweg, über dem sich die hohen Ahornbäume zum grünen Gewölbe vereinten.

„Wir können langsam reiten, die Arbeit ist getan.“

Viviane überlegte kurz, womit sie beginnen sollte. Sie entschied sich, mit Baria anzufangen. Ihre Wolfstochter hatte als Erste bemerkt, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Sie dachte damals wirklich, sie müsse an einem Geschwür sterben. Deshalb hatte sie sich als Späher gemeldet und so begann ihr Kampf noch vor der Schlacht.

Hanibu zuckte zusammen, als sie ihr aufzählte, wie viele Späher sie getötet hatte; wie sie ihre Köpfe nahm. Dann kam der Vorkampf. Wieder unterschätzten sie die Gegner. Dem einen warf sie den Speer ins Auge, dem anderen stieß sie ihr Schwert in die Lunge, dass sein Blut schäumend aus Mund und Nase quoll. Am nächsten Tag starben die Menschen um Viviane herum, doch diesmal war es meist Silvanus, der sie in die Anderswelt schickte. Viviane war ja nur der Lenker oder wie sie es nannte: die Leitwölfin. Beim Kampf mit den Königen war es wieder Viviane, die tötete. Endlich war die Schlacht vorbei, überall lagen Tote, Sterbende … nicht viele konnte sie retten.

Als sie ein wenig Ruhe gefunden hatte, war es ihre Großmutter Dana, die ihr bewies, dass sie gar kein Geschwür hatte, sondern schwanger war. So wurde sie sehr zornig auf ihren guten Freund Merdin, der sie geschwängert hatte, ohne um Erlaubnis gefragt zu haben.

Hanibu nickte bedächtig.

„Ich habe dir einst erzählt, dass schwarze Weiber in ihrer Hochzeitsnacht die Sterne tanzen lassen. Kannst du dich noch erinnern? Damals hast du nicht gefragt, wie das geht und ich dachte, du weißt es schon. Jetzt ist mir natürlich klar, dass du es nicht wusstest.“

„Ihr kennt diese Droge auch in deiner Heimat?“

„Vielleicht ist es nicht dieselbe, aber die Wirkung ist gleich.“

„Da springen auch Hirsche durch eure Träume?“

Hanibu lachte laut auf und ihre weißen Zähne blitzten in dem braunen Gesicht.

„Hirsche gibt es bei uns nicht. Wir haben Antilopen. Aber jeder hat mit seinem Gefährten seinen eigenen Traum. Dieser Merdin hat dich vielleicht als Hirschkuh gesehen, weil er auch zum Hirschclan gehört, genau wie du.“

„Du meinst, er hat mich anders gesehen?! Genau, wie ich ihn anders gesehen habe?!“ Verdutzt schürzte Viviane die Lippen. „Das wäre … möglich. Normalerweise esse ich keine Kräuter einfach so, aber Hirschkühe tun das wohl. Und ein Hirsch hat auch noch nie still gehalten, wenn ich ihn streicheln wollte, obwohl ich nie mit der Bratpfanne in den Wald gehe. Interessant.“ Viviane sah zur Sonne, die den erhabenen Wäldern von Raino entgegenstrebte. „Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Er hat mich also gar nicht erkannt. Schwachsinn! Er hat gar nicht gewusst, was er die ganze Zeit gemacht hat! Er konnte wirklich nichts dafür!“

„So ist es. Aber dein Zorn kommt, glaube ich, nicht davon. Du hast deinen Frieden mit Merdin geschlossen, genau wie Silvanus.“ Hanibu schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, ich bin sicher: Es liegt am Kampf, Viviane, an den vielen Toten, deinem Blutrausch, deiner Trauer.“

Viviane seufzte schwer.

„Du ahnst ja gar nicht, wie sich das anfühlt. Jede Nacht sehe ich ein skurriles Wesen, ein monströses Geschöpf mit messerscharfen Krallen, ellenlangen Fangzähnen, dichtem Schuppenpanzer und einem langen Schweif mit Giftstachel. Es springt und rennt an vielen Leibern vorbei und beißt, kratzt, sticht und schlägt um sich. Aus seinem blutverschmierten Maul tropft giftiger Speichel, es brüllt, es jault so bestialisch und es lacht und johlt und jauchzt, dass mir der Schädel dröhnt. Und wenn es mich mit seinen glühenden, roten Augen ansieht … Ich habe Angst, Hanibu.“

„Dass dich die Geister der Menschen heimsuchen, die du getötet hast?“

„Nein, nicht wegen der Geister. Deswegen sind wir schließlich von Afal gereinigt wurden. Es ist auch nur ein einziges Monster und das … bin ich selbst.“

Hanibu schürzte die Lippen und betrachtete Viviane mit schräg gelegtem Kopf.

„Du hast Angst, dich voll und ganz in dieses Monster zu verwandeln. Dass die Bestie aus deinem Kopf entkommt und sich in deinem Körper breit macht? Ist es das, was dich so quält, Viviane?“

„Ja. Es zieht mich wie magisch an, aber ich habe Angst vor ihm, Angst vor mir! Und ich verstehe nicht, warum ich mich nicht befreien kann! Ich will es nicht! Ich will nicht so sein! Ich will Frieden! Aber es klebt an mir fest wie Harz, trotz Reinigungsritual durch unseren höchsten Druiden! Obwohl mir die Götter verziehen haben!“

„Hast du dir selbst verziehen?“

Viviane stutzte und schürzte die Lippen, sagte aber nichts.

Hanibu nickte verstehend.

„Ohne diese monströse Bestie in dir wäre dein Volk jetzt vielleicht versklavt. Auf alle Fälle wären die Hermunduren in die Knechtschaft der Chatten geraten, als Klientel, wie ihr hierzulande sagt. Es war richtig, die Bestie frei zu lassen. Aber dadurch hast du viel mehr durchgemacht als andere. Du hast öfter getötet und bist in einen enormen Blutrausch geraten. Dein Geist hat extrem gelitten. Wenn das Feuer brennt, ist es angenehm warm, aber wenn die Flammen hoch lodern und um sich greifen, dann wird es immer schwerer, es zu löschen.“

„Gegenfeuer oder genügend Wasser hilft.“

Hanibu wiegte den Kopf.

„Weißt du, Viviane, ich habe oft über deinen Geisterflug nachgedacht, den du bei deiner ersten Initiation durchstehen musstest“, murmelte sie und sah Viviane forschend an; wartete, bis diese nickte. „Du hast damals von Bestien erzählt, die dich im finsteren Wald angefallen haben. Du und deine Hilfsgeister haben sie getötet oder in die Flucht geschlagen. Diese Bestien … das waren deine ureigenen Charaktere: Angst, Hass, Boshaftigkeit, Zorn, Überheblichkeit …“

Hanibu hob beschwichtigend die Hände, als Viviane zum Protest ansetzte, und wollte weiter reden, doch Viviane hielt ihr einfach den Mund zu und wartete, bis sie still hielt.

„Kann ich die Hand wieder weg tun?“

Hanibu nickte.

„Gut, dann will ich dir mal was sagen, Hanibu. Jeder Mensch trägt die dunkle Seite in sich! Du, ich, jeder. Das ist das Erste, was man als angehende Druidin erkennen muss. Tagelang haben wir uns gegenseitig analysieren müssen. Das war fast wie nackig ausziehen, aber es ist sehr wichtig, die Gegensätze zu erkennen und festzustellen, wie daraus ein Gleichgewicht entsteht. Wer ein Druide sein will, muss nämlich besonders hohe Anforderungen an sich stellen. Moralisch müssen Druiden einwandfrei sein, schließlich repräsentieren wir die Verbindung der Menschen zu den Göttern. Beide Seiten müssen einen Druiden für hoch achtenswert befinden. Beide Seiten müssen Vertrauen haben in einen Menschen, der vor allen Anfeindungen gefeit ist, denen von innen und denen von außen.

Einem Druiden muss man absolut, ohne Vorbehalte, trauen können. Und das schafft dieser nur, indem er Frieden hält. Frieden mit sich selbst, Frieden mit allen Menschen und Frieden mit den Göttern. Deshalb soll ein Druide nicht kämpfen. Wir Druiden behüten das Wissen und die Weisheit, so bringen wir die Brücke zwischen Menschen und Göttern zustande.“

Viviane musterte Hanibus nachdenkliche Miene und fragte sich, ob sie es in der griechischen Sprache gut erklärt hatte. Deshalb fügte sie noch hinzu: „Du hast also Recht, was meine Initiation angeht. Wenn man normal bei Bewusstsein ist, geht man ganz anders mit seinem Innersten um. Aber wenn man …“ Sie suchte nach den richtigen Worten. „Wenn man in sich selbst schwebt, dann sieht man sich aus einer ganz anderen Perspektive. Man erkennt noch viel mehr, kann andere Wege gehen, weiter laufen, tiefer graben … und alles Schlechte hineintreiben …“ Seufzend hob sie die Hände. „Ich kann es schlecht erklären.“

Hanibu sah Richtung Süden, in weite Ferne.

„Um den Frieden zu wahren. Ich weiß, was du meinst und ich möchte behaupten, dass es wenige Menschen gibt, die eine derart geringe Schattenseite in sich tragen wie du, Viviane. Vielleicht liegt das daran, dass deine Hilfsgeister alle schlechten …“ Hanibu wackelte Achtung heischend mit ihrem Zeigefinger vor dem Mund herum. „ … deiner Meinung nach, schlechten Eigenschaften in die Flucht geschlagen haben. Weil du es wolltest. Vielleicht ist das gerade so enorm wichtig, wenn man Druide ist und ihrem Kriegerbund angehört. Also glaube mir: Du bist ein moralisches Vorbild für mich und für jeden, der mit dir zu tun hat. Hast du mich verstanden?“

Viviane bohrte sich im Ohr herum und nickte. Hanibu lächelte, doch sie war noch nicht fertig.

„Jetzt, denke ich, sind ein paar deiner schlechteren Charakterzüge aus ihren Verstecken gekrochen. Manchmal bis du aggressiv, launisch, kurz angebunden … wie ein Hirschhund, den man auf eine Fährte ansetzt.“

Hanibu hob wieder abwehrend die Hände, um Vivianes Protest zuvor zu kommen.

„Es ist, als wäre die Schattenseite größer geworden. Als hätte die Dunkelheit die Bestien hervor gelockt und nun haben sie einen Mordshunger.“

Viviane zog die Augenbrauen hoch und schob die Unterlippe vor, sagte aber nichts. Hanibu machte ein Gesicht wie sonst Viviane, wenn sie einen verunsicherten Kranken vor sich hatte und deshalb ganz genau erklärte, wie sie ihn zu heilen gedachte.

„Du brauchst keine Angst haben! Du wirst deinen Frieden finden! Niemals wird die Bestie von dir Besitz ergreifen, es sei denn, du willst es! Du bist kein ruchloser Mörder, kein Frefler! Natürlich bist du ein Krieger, aber du, Viviane, bist ein Verteidiger des Lebens! Die Götter haben dich in den Kreis eintreten lassen, um auf vielerlei Art Leben zu geben und zu bewahren!“

Hanibu deutete auf Vivianes Bauch.

„Du bist ein Weib, Viviane. Du gebärst Leben, wie die große Mutter Erde. Du nährst dieses Leben, wie die große Mutter Erde und du schützt dieses Leben, wie die große Mutter Erde. Und wie die große Mutter Erde tust du das nicht nur für dich! All jenen, denen du mit deinem Können hilfst, gibst du Leben, egal ob als Ärztin oder Kriegerin! Vielleicht geht der Krieger in dir immer noch auf dem blutigen Pfad und fletscht die Zähne wie ein hungriger Hund, dem man seinen Knochen weggenommen hat, jedoch die Ärztin und Mutter in dir weint garantiert. Erst, wenn du beide Teile deiner Seele wieder vereint hast, wird es dir besser gehen.“

„Besser gehen“, echote Viviane und runzelte die Stirn. „Schon mal Holz gehackt?! Ich komme mir nämlich vor wie ein dürrer Ast, den Großmutter Mara für den Ofen auserkoren hat! Und ich garantiere dir, Hanibu: Nie werde ich wieder so sein wie früher!“

„Ich weiß. Dafür hast du zu viel Leid erblickt. Aber …“

Hanibu zuckte die Achseln und betrachtete Viviane, als ob sie sich nun selbst weiterhelfen müsste. Viviane tippte sich auch sogleich gegen den Kopf.

„Aber es ist geschehen, nicht mehr zu ändern, vorbei; man muss daraus lernen und die richtigen Schlüsse ziehen. Und nun sollte ich den Krieger, der ein Teil von mir ist, auf den friedlichen Weg zurückführen. Vielleicht als Wächter?“

„Genau. Wie damals, als du bei deinem Geisterflug gegen die Ungeheuer gekämpft hast. Die hast du ja auch dahin zurückgeschickt, wo sie hergekommen sind. Lass den Krieger in dir all deine Wut und deinen Zorn zur dunklen Seite treiben, werfe noch hinterher, was du nicht haben willst und dann stell deinen Krieger vor dein ganz persönliches Schattenreich und befehle ihm, niemanden durchzulassen, es sei denn, du brauchst etwas aus der Dunkelheit.“

„Hanibu, du wirst mir unheimlich.“

Hanibu zog die Augenbrauen hoch.

Viviane feixte. „Weil du mich besser kennst, als ich mich selbst. Und ich kenne mich schon länger als nur zwei Monde.“

Hanibu verneigte sich.

„Es ist mir eine Ehre, dich besser zu kennen, als du dich selbst, Druidin und Freundin Viviane.“

Viviane verneigte sich ebenfalls.

„Es ist mir eine Ehre, deinen Rat zu befolgen, schwarze Perle und Freundin Hanibu.“

Hanibu ließ ihre weißen Zähne wieder aufblitzen und schüttelte gleichzeitig den Kopf über Vivianes Rede. Sie wusste allerdings aus Erfahrung, dass sie ihr den Vergleich mit der schwarzen Perle nicht austreiben konnte. Viviane war eben Viviane und wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann konnte man sie höchstens mit guten Argumenten vom Gegenteil überzeugen – man konnte es aber auch lassen, weil sie eigentlich nie etwas tat, was nicht rechtschaffen war. Bei Geisterflügen und imaginären Bestien konnte sie sowieso nicht mithalten.

„Und wie willst du diese Biester in die Dunkelheit zurück schicken? Mit einem Kräutertrank wie bei deiner ersten Initiation?“

„Bloß keine Giftmischerei! Da wird mir schon schlecht, wenn ich nur daran denke! Meine Initiationen habe ich zum Glück alle hinter mir!“ Viviane schüttelte sich angewidert und schnippte dann schmunzelnd mit den Fingern. „Da gibt es einen anderen guten Weg. Einen viel besseren. Ich werde Baria besuchen, noch vor der Sonnenwendfeier. So kann ich wirklich gereinigt mit den Göttern tanzen. Für heute ist es aber erst mal genug. Robin und Lavinia wollen sicher noch zeigen, wie gut sie auf der Tin Whistle geübt haben, während ich weg war.“

Hanibu lachte auf.

„Sie waren sehr emsig! Jeden Abend haben wir den anderen etwas vorgespielt. Das hat sie immer aufgeheitert.“

Viviane verzog das Gesicht und sah den Weg entlang. Gestern noch – in einem anderen, dunklen Leben – war sie als Kriegerin durch die Buchenwälder von Raino gezogen. Hatten ihre Augen eigentlich wahrgenommen, was die Götter für ein herrliches Gebirge dort erschaffen hatten? Eine Hügelkette dicht aneinander geschmiegter Berge, hoch und erhaben, umgeben von einzeln stehenden Bergen wie Könige, die sich um einen Hochkönig sammeln. Wenn man es so betrachtete, ritt sie selbst gerade einem solchen König, dem Uhsineberga, den Buckel runter.

Seufzend lugte sie durch die Ahornbäume, Buchen und Tannen zum Ausgang des Waldes, der als goldenes Tor inmitten grüner Wände erstrahlte.

„Ihr habt auch eine schlimme Zeit hinter euch. Es ist bestimmt ganz schrecklich, wenn man daheim bleiben muss und gar nicht weiß, wie es den anderen geht.“

„Es war schlimm. Aber deine Mutter hat dafür gesorgt, dass wir zu müde waren, um darüber lange nachdenken zu können. Außerdem ist Königin Elsbeth jedes Mal vorbeigekommen, wenn sie von König Gort eine Taube bekommen hat. Wir waren also immer recht gut informiert. Ach, sieh mal!“ Hanibu deutete zwischen den letzten Sträuchern hindurch über die Wiese. „Da vorne kommen Lavinia und Robin!“

Die Kinder trugen Körbe, winkten und liefen ihnen entgegen oder besser, sie hopsten ihnen entgegen und sangen: „Wir haben kleine Hanibus, ganz viele süße Hanibus! Hanibus, Hanibus, viele, süße Hanibus!“

Viviane sah Hanibu verdutzt an. Die lachte.

„Mein Name bedeutet Himbeere.“

„Sooo? Das hast du mir noch gar nicht erzählt!“

„Wir haben Obst durchgenommen bei unseren abendlichen Lektionen in meiner Sprache.“

„Oh, an die Lektionen habe ich gar nicht mehr gedacht, Himbeere! Quatsch. Jetzt bringst du mich total durcheinander! Ich meinte natürlich, Hanibu! Hoffentlich habe ich nicht zu viel versäumt!?“

Viviane setzte eine leidende Miene auf, Hanibu kicherte und winkte ab.

„Keine Sorge, Viviane. Die Kinder werden sich freuen, wenn sie dir mal etwas beibringen können.“

Vor einem Feld, das dicht mit Färberwaid überwuchert war, trafen sie zusammen. Viviane beugte sich zu den Kindern herunter und rieb sich begeistert die Hände.

„Mmmh, ihr habt ja viele Himbeeren gesammelt! Und groß sind die! Fast so groß wie Hanibu!“

Lavinia und Robin sahen sich an, kicherten und streckten ihre Körbe hoch.

„Probiert mal! Wir haben euch extra welche übriggelassen. Der Rest liegt schon im Backofen und trocknet vor sich hin. Natürlich haben wir vorher noch eine Wagenladung frisches Brot gebacken. Das Holz zum Anheizen haben wir übrigens ganz allein gesammelt.“

„Da wart ihr aber fleißig!“ Viviane gab Hanibu eine Himbeere, nahm sich auch eine und sagte in Hanibus Sprache: „Sehr – schön – süß – die – kleine – Hanibu!“

Die Kinder nickten eifrig und wiederholten ihre Worte. Strahlend reichte Hanibu Lavinia die Hand und auch Viviane zog Robin zu sich hoch auf Arion. Übermütig langte sie in seinen Korb.

„Mmmh! Getrocknete Himbeeren schmecken zwar auch gut, aber frisch sind sie einfach köstlich! Mit solcher Verpflegung könnte ich ein paar Tage reisen! Aber vorher hole ich noch Afal und Armanu. Dann gibt es einen leckeren Obstsalat.“

„Obstsalat?“, fragte Hanibu, zog verwirrt die Augenbrauen hoch und wirkte sehr besorgt. Doch Lavinia und Robin kicherten übermütig und machten untereinander aus, wer erzählen durfte. Lavinia hatte das Vergnügen und drehte sich zu ihr um.

„Afal bedeutet Apfel und Armanu Aprikose.“

„Ach, so! Jetzt verstehe ich. Und was heißt Robin?“

„Rotkehlchen!“, rief Robin schnell. „Ich tauge zwar nicht für Obstsalat, aber essen tue ich ihn gerne!“

„Das glaube ich dir aufs Wort, kleines Rotkehlchen! Und Lavinia?“

Lavinia reckte sich und flüsterte verschwörerisch: „Der Name kommt aus dem Land der Latiner. Eine Königstochter hieß so, vor langer Zeit, tausend Jahre glaube ich. Großmutter Maras Ahnen kommen doch aus der Gegend. Eine ihrer Großmütter hieß ebenfalls Lavinia und sie hat Mama beschwatzt, ihn mir zu geben, weil ich wohl genauso ausgesehen habe, als ich geboren war.“

„Jaaa“, gluckste Viviane. „Daran kann ich mich noch bestens erinnern! Unsere Großmutter Mara hatte schon immer ein Talent darin, den Leuten die richtigen Argumente schmackhaft zu machen. Aus dieser latinischen Königstochter, Lavinia, entwickelte sich nämlich ein stolzes und mächtiges Adelsgeschlecht und schuf nach den Griechen das größte Imperium.“

Hanibu sah Viviane nachdenklich an. „Wer sollte …“ Ihr sackten die Schultern nach unten. „Römer.“

Lavinia tätschelte ihre Arme und schmiegte sich seufzend hinein.

„Vor mir brauchst du keine Angst zu haben, Hanibu. Wenn ich einmal Kinder bekomme, werde ich jedem eigenhändig den Hintern versohlen, der andere überfallen will.“

Hanibu streichelte Lavinia über die nussbraunen Ringellöckchen und lächelte Viviane wehmütig zu. Die räusperte sich.

„Wenn wir gewaschen sind, können wir noch ein bisschen auf der Tin Whistle spielen! Was haltet ihr davon? Und natürlich müsst ihr mir danach ganz genau vorsagen, was ihr alles in Hanibus Sprache neu gelernt habt, damit ich das auch lerne.“

„Ja! Das machen wir!“, jauchzte Lavinia und Robin lehnte sich zufrieden an Viviane.

Die strich ihm über das Haar und als sie den Blick wieder hob, sah sie Conall aus dem äußeren Tor treten. Auch er schien es eilig zu haben und Viviane dachte schon, es wäre im Dorf etwas passiert. Doch dann erreichte er die Wegbiegung und sie konnte ihren ältesten Bruder von vorne sehen.

„Warum kommt Conall auch mit einem Korb?“

„Keine Ahnung! Aber es scheint wichtig zu sein, so schnell wie er rennt“, stellte Lavinia fest und Robin fügte noch hinzu: „Papa war vorhin noch nicht zu Hause, als wir losgelaufen sind.“

Conall verlangsamte seinen ausgreifenden Schritt und kam grinsend vor den Reitern zum Stehen.

„Da seid ihr ja endlich! Seht mal, wir haben Johannisbeeren mitgebracht! Sind ganz süß! Probiert mal!“

Conall reichte seinen Korb zu Viviane hoch und die streckte ihn Robin, Hanibu und Lavinia hin. Jeder nahm sich einen Stängel Beeren, erst dann griff Viviane hinein.

„Ja, Conall, die sind wirklich fast genauso süß wie die Himbeeren von Robin und Lavinia.“

Conall sah wenig begeistert in den Himbeerkorb seines Sohnes und deutete eifrig auf seinen eigenen.

„Großmutter Mara macht gerade Marmelade. Die hier haben wir euch extra übrig gelassen.“

„Aha. Wer ist denn wir, Conall?“

„Na ich, Tarian, Medan und Loranthus.“

Viviane kniff die Augen zusammen und visierte ihren ältesten Bruder mit schräg gelegtem Kopf an.

„Was soll ich euch geben, Conall.“

Conall versuchte, mit der freien Hand zu wedeln, obwohl der dazugehörige Arm noch nicht funktionstüchtig war und verzog vor Schmerz prompt ein wenig das Gesicht.

„Nichts! Rein gar nichts!“

Viviane hob eine Augenbraue, und Conalls Handfläche klappte sofort nach außen in eine beschwichtigende Geste, die auch ein wenig misslang.

„Na gut, na gut! Wir wollten dich fragen, ob du uns mal auf deinen neuen Pferden reiten lässt. Wenn die den ganzen Tag auf der Weide stehen, fressen sie bald unser ganzes Gras weg. Da haben wir gedacht, wir könnten mal ein bisschen durch die Gegend reiten und ihnen ein schönes Plätzchen suchen. Jeden Tag ein anderes wäre … praktisch? So lange … bis ihr euch … häuslich niedergelassen habt?“

Viviane sah ihn nachdenklich an, klopfte auf den Korb und schnalzte mit der Zunge.

„Das wird aber nicht reichen. Conall …“

„Na gut, na gut! Ich mach dir noch einen schönen Lederranzen dazu, mit passenden Schlaufen für dein Handwerkszeug und weichen Riemen, damit du ihn bequem auf dem Rücken tragen kannst.“

Er deutete hoffnungsvoll auf ihre Arzttasche, die fast aus allen Nähten platzte; wahrscheinlich ein Geschenk von irgendeinem Halbgott der Ärzteschaft, der zwar nähen konnte, aber kein derbes Rindsleder bearbeiten und erst recht nicht kunstvoll. Selbst Viviane schien das schon aufgefallen zu sein, so erfreut wie sie aussah.

„Gute Idee. Denk aber dran, dass alles in Tüchern eingewickelt ist, wenn du die Schlaufen ausmisst, und ich will noch ein paar Extras! Wird also ein großer Ranzen. Aber das wird immer noch nicht reichen. Conall …“

Conall seufzte.

„Ich habe noch ein schönes Täschchen für deine Tin Whistle gemacht – sogar punziert mit dem Knoten von Taliesin.“

„Oh, da freue ich mich aber! So ein Täschchen wie Robin hat?“

Conall nickte hoffnungsvoll.

„Und Tarian macht dir noch eine neue Wiege, denn die alte braucht ja Mutter selbst.“

„Einfach oder mit Verzierungen?“

Conall strahlte.

„Natürlich mit! Welcher Handwerker würde sich diese Gelegenheit entgehen lassen!? Er wollte Cernunnos im Relief darstellen, wie er majestätisch durch den Wald schreitet.“

Viviane winkte ab und zog eine Grimasse.

„Wie konnte es auch anders sein?! Na, dann will ich mich mal nicht so haben. Nehmt sie ruhig. Wenn ihr wollt, können wir zusammen reiten. Wir müssen ohnehin noch zur Quellgöttin. Tinne hat ihr Töchterchen viel zu früh bekommen. Wir wollen Sünna bitten, dass sie am Leben bleibt und gesund aufwächst.“

„Ach, Viviane! Ruh’ dich mal aus! Es wäre eine Ehre für uns, die Nachgeburt zu Sünna zu bringen und für Germans Kind zu bitten. Wie soll die Kleine denn heißen?“

„Germania.“

„Da würde sich German aber freuen. Ich sag schnell den anderen Bescheid.“

Conall musste blinzeln, faselte etwas von „was ins Auge bekommen“ und streckte seine Hand aus, damit ihm Viviane das kleine Päckchen hinein legen konnte, während er sich die Augen rieb. Kaum hatte er die Finger um den Lederlappen geschlossen, drehte er sich um und ging eilig Richtung Tor davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Viviane schnalzte mit der Zunge, doch sie ließ die Pferde mit Absicht langsam gehen. Bis zur Dorfumfriedung war es nicht mehr weit und sie wollte Conall nicht noch einmal über den Weg laufen. Lavinia und Robin kicherten. Viviane sah sie erstaunt an.

„Was ist denn los, ihr beiden?“

Robin grinste schelmisch.

„Na, wie du mit Papa gehandelt hast! Selbst Mama könnte das nicht besser!“

„Ja, genau!“, gluckste Lavinia. „Es war wie auf dem Markt. Du hast einen sehr guten Handel abgeschlossen.“

Viviane prustete los.

„Ja, das habe ich wirklich, Lavinia. Aber eigentlich wollte ich Conall doch nur sagen, dass ich alleine schon neunzehn Pferde mitgebracht habe, Silvanus’ nicht mitgerechnet. Da reichen Conall, Tarian, Medan und Loranthus nicht aus, um sie in Bewegung zu halten. Und wenn sie die restlichen Pferde hinten dran binden, könnten sie sich unterwegs verheddern.“

Jetzt kicherten alle und Lavinia zwinkerte Hanibu zu.

„Hanibu könnte sie als Karawanenführer ausbilden. Ihr Großvater ist das nämlich in ihrer Heimat. Und die Kamele dort können ganz viel Wasser trinken und deshalb dauert es ganz lange, bevor sie loslaufen. Und ihre Dörfer sind bei Oasen. Dort gibt es Brunnen, wie auf den Burgen. Das hat sie uns erzählt.“

Robin klatschte begeistert in die Hände.

„Oasen und Kamele will ich mir später einmal ansehen, wenn ich groß bin. Hanibu nehme ich mit und sie wird dann mein Karawanenführer.“

Viviane sah Hanibu verschmitzt an und lenkte Arion zum Gatter.

„Da musst du als Erstes lernen, wie du ein Pferd zäumst, Weltreisender Robin. Denn das bekommst du ja, wie versprochen, von mir. Hier, setze dich mal auf den Pfosten und nimm Arion die Zügel ab.“

Robin bekam ganz große Augen und kletterte wie gewünscht von Arion hinüber auf den Pfosten. Arion stellte sich davor und streckte ihm seinen Kopf entgegen, als hätte er Viviane verstanden. Er hielt ganz still und als Robin voller Stolz das Zaumzeug über das Weidengeflecht legte, schnaubte er zu Dina hin.

„Ach ja, Arion! Da hast du natürlich vollkommen recht“, meinte Viviane und tätschelte ihm den Hals. „Lavinia kann das auch gleich lernen. Komm, Lavinia, setzt dich mal wie Robin.“

Dina stellte sich auf die andere Seite vom Gatter, damit Lavinia bequem von ihrem Rücken auf den Torpfosten hinüber klettern konnte, hielt ruhig ihren Kopf hin und ließ sich das Zaumzeug abnehmen. Zur Belohnung streichelte Lavinia ihre lange, silberne Mähne und umarmte ihren Kopf, soweit ihre Hände herumreichten.

„Ich hab dich ja so lieb, meine schöne und kluge Dina.“ Arion schnaubte und kam sogleich neben Dina. „Und dich natürlich auch, mein großer, schöner Arion.“ Lavinia wollte auch ihn umarmen, doch Arion stupste sie sachte in die Schulter. „Arion, du Schelm! Natürlich bist du auch klug! Das größte und schlaueste Pferd im ganzen Land!“

Jetzt schien Arion zufrieden und drückte seine Nüstern in Lavinias offene Hände.

Hanibu zeigte zum hinteren Tor.

„Seht mal, da reiten die Männer gerade los!“

Viviane hob anerkennend den Daumen.

„Absolut korrekt, Hanibu! Du lernst wirklich sehr schnell!“

Viviane bemerkte nicht, wie Hanibu strahlte, denn sie recke ihren Hals zum Wegende.

„Sie haben jeder noch ein Pferd im Schlepptau und scheinbar auch ihr Abendbrot dabei. Ach, Vater und Silvanus sind auch mit von der Partie! Das hätte ich mir ja denken können. Na, wenn sie jeden Tag die Pferde tauschen, wird es ihnen in nächster Zeit nicht langweilig.“

Viviane drehte sich zu Lavinia und Robin.

„So ihr zwei. Das ging ja schon richtig gut. Ab jetzt könnt ihr jedes Mal die Pferde zäumen.“

„Auch aufzäumen?“, fragte Robin hoffnungsvoll und hüpfte im hohen Bogen ins Gras. „Natürlich! Aber jetzt nehmt mal die Körbe mit rein und sagt Mutter, dass wir noch schnell zum Fluss gehen. Gegessen haben wir schon bei Tinne.“

Als Viviane und Hanibu ihnen nach dem Waschen hinterher kamen, waren Robin und Lavinia gerade eifrig damit beschäftigt, Tontöpfe auf den vordersten Tisch zu stellen, die sie von Flora und Großmutter Mara gereicht bekamen. Taberia setzte die kleine Armanu in die Ecke auf ein Kuhfell und gab ihr kleine Holztiere zum Spielen, Noeira wickelte die schlafende Belisama in eine Wolldecke und legte sie daneben. Dann gingen die Frauen geheimnistuerisch die Treppe hoch, um etwas äußerst Wichtiges zu erledigen, wie sie Viviane versicherten. Viviane sah ihnen verdutzt nach, lenkte ihre Aufmerksamkeit aber gleich wieder auf die Kinder.

Lavinia nahm geschäftig von drei hübsch bemalten Tontöpfchen die Deckel ab und verdrehte die Augen, weil Robin die Töpfe noch einmal unschlüssig hin und her tauschte. Als Robin endlich alles zu seiner Zufriedenheit arrangiert hatte, bedeutete er mit einer übertriebenen Geste, Viviane solle sich hinsetzen. Viviane setzte sich und schaute besonders erwartungsvoll drein. Robin breitete auch sogleich einladend die Arme über den Töpfen aus, als hätte er soeben seinen Marktstand eröffnet.

„Schau mal, Viviane, was wir alles geschafft haben, als du weg warst!“

Er zeigte auf den vordersten Topf.

„Das ist Honig aus der ersten Klotzbeute. Den haben ich und Mama gemacht. Das hier ist Honig aus der zweiten Klotzbeute, den haben Lavinia und Großmutter Flora gemacht. Der hier ist aus der dritten, den haben Hanibu, Taberia und Urgroßmutter Mara gemacht. Du musst unbedingt mal probieren, Viviane! Wir wollen mit dir ein Experiment machen.“

Robin zückte sein Messer und schabte konzentriert ein Stückchen Honig aus dem ersten Topf. Dann hielt er Viviane das Messer hin, als wolle er ihr etwas äußerst Wertvolles darbieten. Viviane nahm den Honig deshalb auch besonders ehrfürchtig entgegen und steckte ihn in ihren Mund.

„Hmmm, sehr gut! Nicht zu süß … sehr fruchtig … mild … Ich würde mal sagen: Das ist Honig von Himbeerblüten und Erdbeerblüten.“

Lavinia nickte eifrig. Robin nickte auch, aber ganz bedächtig.

„Ganz genau, Viviane. Und der hier?“

Er zückte wieder sein Messer und hielt Viviane eine zweite Scheibe hin.

„Hmmm, das schmeckt süß … nach Sonne, Wiese, Wind … Das ist Honig von Löwenzahn.“

Robin riss die Augen auf und sah Lavinia bestürzt an. Leicht zögernd nahm er wieder sein Messer und schnitt aus dem dritten Topf ein dünnes Scheibchen, doch diesmal musste ihm Lavinia erst einen Schubs geben, damit er es über den Tisch streckte.

Viviane ließ den Honig im Mund zergehen und lächelte mit geschlossenen Augen.

„Wald, Laub, Regen, Harz, Birken, Linden, … Es ist eindeutig Honig von Bäumen.“

Robin sackte auf die Bank und kippte kraftlos mit dem Rücken an die Lehne. Er beäugte Viviane, als wäre sie ein Geist aus der Anderswelt. Viviane musterte ihn ebenso besorgt.

„Welchen habe ich falsch gehabt?“

Lavinia ließ sich schwungvoll neben ihn plumpsen und tätschelte grinsend Robins Hand. „Keinen einzigen, Viviane. Also …“ Sie hielt Robin ihre Hand unter die Nase.

Robin versuchte, die Hand zu ignorieren, bis sie gegen seine Brust klatschte. Da seufzte er tief und kramte übertrieben lange in seiner kleinen Gürteltasche. Sein Mienenspiel entsprach sieben Tagen Regenwetter, als er endlich ein leeres Schneckenhaus herauszog. Lavinia schnappte es ihm aus der Hand und johlte triumphierend.

„Na endlich! Und jetzt das gleiche Spiel noch mal mit der Marmelade, Viviane! Schließlich hat Robin noch so ein schönes Schneckenhaus. Das wird dann mit dem hier …“ Sie drehte ihre neue Errungenschaft prüfend vor den Augen hin und her. „ … einen Ehrenplatz in meiner Sammlung bekommen.“

Robin fuchtelte abwehrend mit den Händen durch die Luft.

„Da bekommt Viviane aber die Augen verbunden, sonst erkennt sie die ja schon an der Farbe!“

„Ts, ts, ts!“ Lavinia stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn mitleidig an. „Die Begründung hättest du dir besser sparen sollen!“

Robin stutzte, verstand nicht, was sie damit sagen wollte und holte, statt zu fragen, lieber ein Leintuch vom Nagel neben dem Tellerbord.

Nachdem Viviane auch drei verschiedene Marmeladen am Geschmack erkannt hatte und Lavinia ihren Wetteinsatz hüpfend die Treppe hochbrachte, lugte Großmutter Mara kopfüber herunter und strahlte.

„Warte einen Augenblick, Viviane. Noeira ist gleich fertig. Mach’s dir so lange bequem!“

Also setzte sich Viviane zu Robin, der ihre Gesellschaft allerdings nicht zur Kenntnis nahm. Doch als Noeira mit aufgesteckten Haaren die Stufen herunter kam und Vivianes Augen mit jedem ihrer Schritte größer wurden, war er in seiner Verblüffung nicht mehr alleine – wenn auch aus einem anderen Grund.

Noeira drehte sich in ihrem neusten Kleid vor den beiden hin und her, schlenderte langsam bis zur offenen Tür, schwang dort betont würdevoll herum und kam noch gemächlicher zurück, wobei sie übertrieben ihre Hüften wiegte und den Sitz ihrer aufgetürmten Haare prüfte. Viviane klappte der Mund auf und Noeira winkte ab.

„Ja, ja! Ich weiß, dass ich noch ein bisschen schlanker werden muss! Etwa so, guck!“

Sie presste sich die eine Hand auf den Bauch, die andere in den Rücken und posierte vor Viviane. Ihre erwartungsvoll lächelnde Miene wurde nach einem Wimpernschlag eine ungeduldig lächelnde; im nächsten Augenblick war nur noch die ungeduldige übrig.

„Bei allen Göttern! So schlimm ist es doch nun auch wieder nicht! Conall sagt, mein Bauch ist schon wieder schön fest. Und das nach nicht mal zwei Monden und immerhin beim zweiten Kind! Noch hundert Mal Butter stampfen und circa zwei Dutzend Hühner rupfen, dann bin ich wieder knackig wie ein frisch gepflückter Apfel! Vielleicht noch den Rest des Jahres Korn mahlen?“

Prüfend schaute sie an sich herunter und runzelte die Stirn.

„Oder meinst du, gelb passt nicht zu mir?“

Viviane erwachte aus ihrer Starre und wedelte beschwichtigend mit den Händen.

„Nein, nein, Noeira, es liegt nicht an deiner Figur! Du bist wirklich schon wieder schön schlank … beneidenswert schlank!“ Viviane tätschelte ihren Bauch und strich das Kleid glatt, worauf sofort die kleine Beule sichtbar wurde. „Hoffentlich geht das bei mir dann auch so schnell … Und dieses leuchtende Gelb passt einfach genial zu deinen rotblonden Haaren, wie … wie ein herrlicher Sonnenaufgang. Nein, Noeira, ich bin einfach nur so perplex! Das ist doch die Seide, die ich euch aus Britannien mitgebracht habe!?“

Noeira nickte stolz und hielt ihr Kleid hoch, damit Viviane sich überzeugen konnte. Bewundernd strich sie über den weichen Stoff und schüttelte langsam den Kopf.

„Ich habe schon so viele schöne Kleider gesehen … aber dieses hier ist einfach … fantastisch.“

Noeira klatschte begeistert in die Hände und jauchzte vergnügt.

„So sehr gefällt es dir?“

Viviane hielt beide Daumen hoch und nickte anerkennend.

„Das hatten wir gehofft! Wir haben alle zusammen überlegt, wie wir dieser göttlichen Seide am besten gerecht werden. Hanibu hat uns aufgemalt, wie sie die reichen Griechinnen in Massalia und Antibes getragen haben. Peblos sagen sie dazu!“ Sie breitete die Arme aus und drehte sich im Kreis. „Und das ist dabei herausgekommen! Man beachte die Raffung an den Schultern und die filigranen Broschen in Form von Rosen!“

„Du siehst aus wie eine griechische Göttin. Das müssen wir unbedingt Loranthus nachher zeigen.“

Noeira wackelte verneinend mit dem Zeigefinger und feixte.

„Wir haben noch mehr griechische Göttinnen!“ Sie lugte zur Treppe, von der aus es erwartungsvoll kicherte, und klatschte schallend in die Hände. „Wir haben noch Thera in Goldbraun … Hera in Lindgrün … Leto in Violett und … Iris in Rosa …“

Dabei schritten Großmutter Mara, Flora, Taberia und Hanibu nacheinander die Stufen herab auf Viviane zu. Die rieb sich begeistert die Hände.

„Ich muss zu Lugnasad ein paar Flaschen Massageöl mitnehmen! Alle Weiber werden sich wegen euch die Köpfe verrenken! Ach, was red ich da! Am besten ein ganzes Fass! Ich habe die Männer vergessen!“

Noeira wedelte wieder verneinend mit ihrem Zeigefinger und streckte ihn Achtung gebietend in die Höhe. So ging sie die Treppe hinauf und kam mit einem dunkelgrünen Kleid zurück, dass sie mit übertriebener Verbeugung Viviane entgegenstreckte.

„Am meisten wegen dir, Viviane, oh du Ursache aller verzerrten Gliedmaßen und Behebung der Wirkung! Ach, apropos Ursache – Wirkung! Keine Angst, Viviane! Ob mit oder ohne Gürtel, das Kleid ist so konzipiert, dass es jeder Figur angepasst ist, weil die Griechinnen die Gürtel genau unter dem Busen schnüren. Das zeigen wir dir gleich. Wir können sogar untereinander tauschen und variieren wie wir lustig sind, weil wir die Gürtel und Taschen von den Resten gemacht haben. Es passt alles gut zusammen und je nachdem, wie du die Taschen trägst, wirkt es jedes Mal anders.“

Viviane hielt sich das Kleid an, strich sachte über den Stoff und sah strahlend an sich herab.

„Ich ahne Schreckliches, Noeira.“

Noeira zog die Augenbrauen hoch und wollte schon fragen, doch Viviane grinste sie an.

„Eine schreckliche Dürre wird über alle Weiber kommen, wenn wir zu Lugnasad damit herumlaufen.“

„Verrenkte Hälse verstehe ich ja, aber wieso auch noch eine Dürre?“

„Na, was meinst du, was die für einen Durst bekommen, wenn sie immer mit offenem Mund gucken, jedes Mal, wenn wir vorbeigehen.“

Taberia klatschte begeistert in die Hände, rannte schnell die Treppe hoch und kam mit kleinen Seidentäschchen und den passenden Gürteln wieder. Viviane raffte alles an sich und hielt es sich der Reihe nach gegen ihr grünes Kleid. Taberia assistierte ihr und schmunzelte zufrieden.

„Ich sehe schon: Du wirst zu Lugnasad ganz schön was zu tun bekommen, Viviane!“ Sie zählte an ihren Fingern ab: „Verrenkte Hälse, trockene Rachen, vielleicht noch ein paar gebrochene oder verstauchte Glieder, weil manche nicht dahin gucken, wohin sie laufen …“

Alle Frauen ahmten sogleich mögliche Varianten nach und stachelten sich gegenseitig an, als es um die korrekte Darstellung des Unfallhergangs ging. Viviane warf ihnen mehrmals einen strafenden, aber nachsichtigen Blick zu und drehte sich tänzelnd mit ihrem Kleid hin und her. Bewundernd verfolgte sie die geschmeidigen Bewegungen der Seide und ihr Blick fiel auf Robin, der sie immer noch mit einem abwesenden Blick bedachte. Sie hielt inne, schlug das Kleid zurück und kramte in ihrer Gürteltasche.

„Robin! Hast du das schon mal gesehen?“

Sie streckt ihm die Hand entgegen. Robin erwachte aus seiner Starre und betrachtete den seltsamen Gegenstand auf ihrer Hand genau.

„Hm, das kommt mir irgendwie bekannt vor. Was ist das, Viviane?“

„Ein Schmetterling. Habe ich vorhin an einem Blatt hängen sehen. Seine Brüder und Schwestern sind wahrscheinlich alle schon ausgeflogen.“

Robin schüttelte den Kopf.

„Viviane. Ich weiß doch, wie ein Schmetterling aussieht und das ist garantiert keiner.“

„Noch ist es kein richtiger Schmetterling, aber bald. Wenn du ihn jeden Tag beobachtest, dann wirst du sehen, wie er sich verändert. Und wenn du den Tag nicht verpasst, dann wirst du ein Wunder erleben, das nur unsere große Mutter vollbringen kann.“

Robin klatschte sich die Hand gegen die Stirn und nickte begeistert.

„Jetzt weiß ich’s, Viviane! Das war mal eine Raupe! Ihr Lebensfaden ist abgelaufen, Mutter Erde schickt sie in die Anderswelt und die Götter geben ihr ein neues Leben. Es ist wie bei den Fliegeneiern aus Naschus Bein! Erst waren es Eier, dann sind daraus Maden geschlüpft und die haben das faule Fleisch gefressen, bis sie ganz dick waren. Nach einem halben Mond war Naschus Wunde sauber und die Maden wurden plötzlich ganz starr und haben sich verpuppt. Lavinia meinte, sie hätten es sich redlich verdient, als Fliegen wiedergeboren zu werden, weil sie so hilfreich waren. Deshalb hat Naschu sie uns geschenkt und wir haben jeden Tag nachgesehen, wann sie aus der Anderswelt zurückkommen. Und plötzlich … schwupps …“ Robin zog an seinem Hemd, als wolle er es zerreißen. „ … waren sie wiedergeboren! Erst sahen sie klebrig aus und dann haben sie geglänzt wie ein Kupferspiegel, nur in Grün.“ Robin stieß begeistert seinen Finger in die Luft. „Guck mal, Viviane! Das da oben könnte eine von unseren fleißigen Maden sein!“

Robin verfolgte mit seinem Finger den Flug einer dicken Fliege, die hektisch am Deckenbalken entlang schwirrte, bis sie endlich den Ausgang fand. Enttäuscht nahm er den Arm herunter.

„Ach, jetzt ist sie raus geflogen. Na, auch gut. Ich zeig Lavinia mal meinen Schmetterling!“ Ausgelassen hopste er zur Treppe, hielt aber mitten im Sprung inne und grinste schelmisch. Dann polterte er ganz langsam die Treppe hoch und rief mit verstellter, tiefer Stimme: „Laviniaaa! Ein eeechtes Geschöpf aus der Anderswelt kommt die Treppe herauf! Uuuuuuh! Es kommt auf dich zuuu und will dich hooolen! Uaahuu!“

Lavinia kreischte auf und sie hörten, wie oben ihre kleinen Füße eilig herum trippelten, bis es einen Schlag tat. Lavinia war garantiert in ihr Lager gesprungen und hatte sich wohl auch mindestens zwei Wolldecken über den Kopf gezogen, denn ihr Kreischen klang jetzt deutlich dumpfer.

„Robin!?“, rief Viviane die Treppe hoch. „Die Fliege schwirrt gerade zum Tor hinaus! Sie will bestimmt deinen Vater begrüßen! Ich kann ihn schon hören!“ Sie drehte sich zu den Frauen und flüsterte: „Haben die Männer unsere Kleider schon zu Gesicht bekommen?“

„Wir wollten sie erst dir zeigen“, flüsterte Flora und scheuchte die anderen hinter den Ofen. „Los, versteckt euch! Die überraschen wir! Mal sehen, ob denen die Augen auch so groß werden wie bei Viviane.“

Flora lugte noch mal kurz hinter dem Ofen hervor und schnappte sich das grüne Kleid, da kam auch schon Silvanus hereingestürmt und riss Viviane von den Füßen. Sie hängte sich lachend an seinen Hals und gab ihm einen langen Kuss.

„Na, ihr Pferdehirten! Habt ihr eine geeignete Weide gefunden, damit unsere Tiere auch ja alle satt werden?“

Silvanus stellte sie wieder auf die Füße.

„Nicht nur das, Viv. Wir haben sogar das Problem mit dem Transport dorthin gelöst. Das heißt, wenn es dir zusagt.“

Viviane sah ihn fragend an, doch da kamen auch schon die anderen Männer herein, oder besser gesagt: Jeder von ihnen versuchte, als Erster durch die Tür zu kommen. Da aber keiner nachgeben wollte, steckten sie im Türrahmen fest.

Silvanus schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. Doch als sich Medan durch die Beine der anderen hindurch quetschte, nickte er anerkennend.

„Klein kann man sein, man muss sich nur zu helfen wissen und … darf aus dem Krabbelalter noch nicht raus sein.“

Medan baute sich vor Silvanus auf, legte seinen Kopf übertrieben weit in den Nacken und grinste.

„Wo du recht hast, hast du recht, großer Bruder.“

Loranthus drückte sich rückwärts.

„Der Klügere gibt nach“, sagte er selbstgefällig grinsend und rieb sich die Schultern.

Jetzt hätten eigentlich Conall und Tarian genug Platz gehabt, blockierten sich aber hartnäckig weiter. Arminius stützte sich auf den Schultern seiner beiden Söhne ab, drückte sie seitwärts an den Türrahmen und schwang sich durch die Lücke.

„Wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte.“

Conall und Tarian reichten sich die Hand und traten gemeinsam durch die Tür.

„Wenn du einen Kampf nicht gewinnen kannst, dann gewinne wenigstens die Eintracht.“

„Ach! Apropos Eintracht …“ Arminius schlug sich die flache Hand vor die Stirn. „Wir haben dir was mitgebracht, Viviane! Loranthus!?“

„Hab schon!“, rief Loranthus und kam mit zwei langen Holzstangen herein, die er Arminius entgegen streckte. „Das hat uns Naschu mitgegeben. Er meinte, es könnte dir gefallen, Viviane.“

Arminius stellte die Stangen vor sich hin und machte ein höchst konzentriertes Gesicht. Dann stieg er vorsichtig auf die kleinen Querhölzer, die in Kniehöhe abstanden und machte ein paar Schritte vorwärts. Viviane schürzte die Lippen und neigte sich nach rechts und links, einmal, um Arminius die Sicht hinter den Ofen zu versperren, und natürlich auch, um die Stangen genauer anzusehen.

„Papa, du machst einem Storch alle Ehre. Achtung, tiefhängende Äste!“

Arminius schwenkte vor dem Deckenbalken herum, kam ins Straucheln, hüpfte von den Fußstützen und hielt Viviane die Stangen hin.

„Probier’s erst mal selbst! … von wegen Storch.“

Lavinia und Robin kamen gerade einträchtig die Treppe herunter.

„Lässt du uns auch mal, Viviane? Das macht bestimmt großen Spaß! So sind wir auf einen Schlag ein ganzes Stück größer!“

„Natürlich, ihr zwei. Aber dann bin ich dran! Immerhin ist das wirklich eine gute Idee von Naschu. Er wollte bestimmt, dass ich mich nicht mehr so strecken muss, um zu Silvanus hochzukommen.“

„Sag das doch gleich“, piepste Silvanus, ging in die Hocke und trippelte übertrieben schnell vor Viviane hin und her.

Viviane kuschelte sich in seine Arme und sah zu ihm hinab.

„So geht’s natürlich auch.“

Dann schauten alle Lavinia und Robin zu, die sich gegenseitig überbieten wollten, wer am weitesten mit den Stangen laufen konnte. Sie hatten schon lange nicht mehr so gelacht, und sogar die Frauen lugten hinter dem Ofen hervor.

„So, jetzt versuch ich mal mein Glück.“

Viviane nahm Robin die Stangen ab und stieg auf die Fußstützen. Johlend stakste sie durchs Zimmer und drehte eine Extrarunde um den Ofen. Dabei zwinkerte sie den Frauen zu.

„Und nun kommen wir zum Höhepunkt des heutigen langen Sommerabends! Dazu müsst ihr euch alle hinsetzten, sonst fallt ihr eventuell um. Jetzt kommen nämlich die Göttinnen des Olymp zu den Nachfahren des Cernunnos und präsentieren die neusten Kleiderkreationen aus der Heimat von Loranthus.“

Die Männer setzten sich auf die Bänke und blickten erwartungsvoll zu Viviane, die immer noch auf den Stangen balancierte.

„Zuerst erscheint die ehrwürdige Mutter aller Götter, Thera – repräsentiert von Großmutter Mara – in einem ihrem Rang ebenbürtigen goldbraunen Kleid. Man beachte die auffällige Raffung an den Schultern, erhaben und sinnlich zugleich!“

Großmutter Mara trat verlegen lächelnd hinter dem Ofen hervor und alle Männer klatschten begeistert in die Hände.

„Und nach Thera kommt natürlich gleich Hera, die erste aller Göttinnen, in einem bezaubernden Lindgrün wie das Kleid von Mutter Erde im Lenz, wenn sie – passenderweise – die Saat in sich trägt.“

Flora schwebte hinter dem Ofen hervor und sah die aufgerissenen Augen von Arminius. Ein strahlendes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen.

„Und nun noch Demeter in Strahlend-Gelb, Leto in Mystisch-Violett und in Rosa-Abendrot unsere Götterbotin Iris, die gerade von einem Botengang aus Äthiopien kommt und dort schön braun geworden ist.“

Jetzt kamen Noeira, Taberia und Hanibu hinter dem Ofen hervor. Noeira schwenkte ihre Hüften und musste kichern, als sie Conalls begeistert-schmachtendes Mienenspiel beobachtete. Taberia zog Hanibu hinter sich her, lächelte Tarian zu und stellte sich neben Noeira. Hanibu wollte sich verstecken, aber Taberia zerrte sie bestimmend neben sich, ohne den Blick von ihrem Mann zu wenden, der mit offenem Mund auf der Bank saß.

Loranthus fand als erster die Sprache wieder und sah Arminius fragend an, denn ihm stand eigentlich das erste Wort zu. Doch Arminius schienen die Worte abhanden gekommen und so nickte er nur zurück. Loranthus rutschte sich auf der Sitzbank in Position und räusperte sich, als wolle er im Senat eine Rede halten.

„Viviane, du hast uns nicht zu viel versprochen. Es ist eine wahre Pracht, die wir hier erblicken dürfen! Atemberaubend schön! Genau so müssen sie aussehen, die obersten Göttinnen des Olymps. Ich nehme an, du hast auch ein Kleid?“

Flora reichte Viviane das grüne Kleid. Sie stieg von den Stangen und drapierte es über ihren Schultern.

Silvanus ruckte auf der Bank nach vorne.

„Du bist Aphrodite, Viviane! Wahrlich, so schön …“

Viviane winkte ab, lächelte aber erfreut.

„Nein, Silvanus. Ich bin natürlich Athene. Das passt besser zu mir. Aphrodite ist schon vergeben.“

Viviane nickte in Richtung Burg und lächelte Loranthus zu. Alle lachten, als Loranthus versuchte, sich hinter Tarian zu verstecken.

Die Kinder ergriffen die Gelegenheit und stellten sich bittend vor Viviane. Die gab ihnen natürlich die Stelzen und kicherte weiter, bis sie den Kopf schief legte und ihnen nachdenklich hinterher schaute.

„Silvanus? Wie habt ihr noch mal das Transportproblem mit den Pferden gelöst, sagtest du?“

Statt Silvanus erhob sich Arminius und legte ihr den Arm um die Schultern.

„Dieses Moosgrün passt perfekt zu deinen Augen und deinem wunderschön glänzendem Haar, Töchterchen.“

Viviane sah ihn von der Seite her an und drehte sich betont langsam zu Lavinia, die gerade begeistert auf die Stangen kletterte, während Robin assistierte.

„Ach. Jetzt wird mir alles klar“, murmelte sie und tippte sich mit dem Zeigefinger sehr nachdenklich an die Lippen. „Hm, Naschu will doch sicher nicht … alleine mit euch reiten?“

Arminius griente verlegen.

„Eigentlich wollten alle … ich meine … nur die Männer …“

„Hm. Zanadu, Naschu und Hirlas, das ist natürlich eine wirklich gute Lösung. Aber so ganz reicht das immer noch nicht …“

Arminius klopfte ihr auf die Schulter und ging noch mal vor die Tür. Mit einem triumphierenden Lächeln hob er noch ein Stangenpaar hoch und stellte es vor Viviane. Robin kam gleich angerannt und sah Viviane hoffnungsvoll an.

Viviane verdrehte die Augen, schob ihm die Stangen hin und seufzte.

„Naschu kennt meinen schwachen Punkt wirklich ganz genau. Also gut, aber nur unter einer Bedingung.“

Arminius nickte vorsichtig.

„Und die wäre …?“

„Ein Pferd bleibt immer hier. Jeden Tag ein anderes.“

„Hmpf. Na gut.“

„Dann wäre ja alles geklärt.“

Arminius griente jetzt wieder und bedachte erst Silvanus und danach Viviane mit einem verschwörerischen Lächeln.

„Ganz recht. Und deshalb nimmt jetzt jeder die ihm angetraute Göttin, äh Gattin, und führt sie zum rechtmäßigen Beilager, auf dass uns alle der süße Schlaf neue Kraft für den morgigen Tag schenkt.“

„Hmpf“, machte jetzt Viviane und schaute ihrem Vater nach, der Flora unter hakte und beschwingten Schrittes zur Tür hinausging. Silvanus nahm tröstend ihre Hand und flüsterte ihr etwas ins Ohr, woraufhin sich ihre Mundwinkel wieder nach oben bewegten.

Alle polierten sich die Zähne mit ihren kleinen Wolltüchern, pulten mit spitzen Haselnussgerten die Zahnzwischenräume frei, spülten kräftig aus und gingen in ihre Häuser. Silvanus hielt sich dicht hinter Viviane, strich ihr unauffällig über den Rücken und erhaschte im Obergeschoss noch einen Kuss von ihr. Artig verschwand er hinter dem Vorhang und legte sich neben Medan und Loranthus auf sein Strohlager.

Doch bei den Maiden auf der anderen Seite des Vorhangs wurde es nicht ruhig, im Gegenteil. Viviane japste laut. Hastig schlug Silvanus seine Wolldecke zurück und schnellte hoch, da hörte er Viviane fragen: „Wer hat das gefilzte Täschchen auf mein Lager gelegt?“ Also stand er sehr leise auf und lugte ganz vorsichtig durch einen äußerst winzigen Spalt. Medan und Loranthus postierten sich zu beiden Seiten und schielten mit hindurch.

Lavinia kicherte schelmisch und hopste mit Schwung auf ihr Schaffell.

„Na, ich und Hanibu natürlich, wer denn sonst? Wir haben es ja schließlich extra für dich gemacht.“

„Das hübsche Filztäschchen ist für mich? Grün mit roten Karos, das habt ihr aber schön gemacht!“

Lavinia winkte Viviane näher heran und flüsterte in ihr Ohr: „Du kannst es auch aufmachen. Einfach an der Schleife ziehen, dann aufklappen.“

„Das kommt mir irgendwie bekannt vor“, raunte Viviane verschwörerisch zurück, tat aber gleich, wie ihr geheißen.

Vorsichtig zog sie die Schleife auf, die ein wenig zu groß geraten war – bestimmt hatte Lavinia sich daran versucht. Mit spitzen Fingern schlug sie die vier Ecken auseinander und japste: „Aber das ist ja ein Fidchellspiel! Ein Fidchellspiel aus grünem Filz mit rotem Wollfaden für die Karos! Und die Spielfiguren sind kleine Halbkugeln aus Holz, mit irren Mustern in Orange-Braun und Violett-Weiß! Was sind denn das für Dinger? So was hab ich im Leben noch nicht gesehen!“

„Pantherschildkröten“, kiekste Lavinia und kuschelte sich eng an Hanibu. „Hanibu hat uns aufgemalt, wie sie aussehen und Noeira hat sie aus ein paar Lindenholzabfällen geschnitzt. Die wilden Muster hat Hanibu aber selber aufgemalt. Sie sind wirklich echt, hat sie uns versichert. Besonders die jungen Pantherschildkröten sind total farbenprächtig, wenn sie so alt sind wie ich und … ob du es glaubst oder nicht: Sie sind auch so schwer wie ich, oder noch schwerer! Stell dir das mal vor, Viviane! Natürlich sind die hier eine Miniaturausgabe!“

„Was es nicht alles gibt …“

Viviane ließ sich auf ihren Schlafplatz am Fenster sinken und schaute ungläubig auf ihre Finger, die mit den abstrakt gemusterten Halbkugeln klapperten. Je mehr sie die Pantherschildkröten mischte, desto verwirrender wurde das Farbenspiel. „Wahnsinn! Sie sind wirklich winzig und federleicht. Ideal für ein kleines Täschchen. Ein Fidchellspiel zum Mitnehmen …“

Jetzt kicherte Hanibu und sprach langsam in der Mundart der Hermunduren: „Kannst du dich noch erinnern, wie wir auf der Wiese gelegen haben? Damals hatte ich Angst vor deinen Leuten, weil ich so anders aussehe als ihr und du hast gesagt …“

Viviane drehte sich zu Hanibu und nickte.

„Du wirst sehen, meine Leute werden dich gut aufnehmen, sei ganz zuversichtlich. In fast jeder Herde gibt es schließlich ein schwarzes Schaf. Jetzt haben wir endlich auch eins.“ Viviane lächelte wehmütig. „Ja, ich kann mich noch an jedes Wort erinnern, obwohl es mir so vorkommt, als wäre es schon ewig her. Dabei war das gerade mal vor zwei Monden.“

„Und was hast du noch gesagt?“

„Ich hab dich zum Lachen gebracht, weil ich gesagt habe: Du und ich auf der Weide als Schafe, wie wir genüsslich den Löwenzahn kauen. Und was wir dann für eine Wolle abgeben. Meine Mutter macht daraus die exotischsten Kleider in Schwarzweiß. Darauf kann man dann Fidchell spielen. Ich höre schon die Rufe der Händler: Fidchell spielen wann immer du willst! Leicht und luftig oder dick und wärmend!“

„Genau. Und das habe ich Lavinia alles erzählt.“

Hanibu drückte Lavinia an sich, beide lächelten glücklich.

„Wir haben in deiner Sprache gesprochen und in meiner Sprache und manchmal auch mit den Händen und Füßen … Aber wir konnten uns gut verstehen. Lavinia kann deshalb sogar schon ein paar Wörter in Griechisch.“

Lavinia rutschte sich gerade zurecht und deutete auf das Fidchellspiel in Vivianes Händen.

„Eines Nachts bin ich aufgewacht und hatte diesen Einfall. Hanibu war ganz begeistert, obwohl ich unbedingt grüne und rote Wolle nehmen wollte statt braun und weiß. Sie hat mir auch beim Filzen geholfen, sonst wäre es wohl nicht so schön gleichmäßig geworden.“ Lavinia verzog entschuldigend das Gesicht, doch nur kurz, und redete dann stolz weiter: „Natürlich ist das hier kein richtiges Brett wie bei dem Spiel, das du Papa aus Britannien mitgebracht hast. Dafür kann man es aber beidseitig benutzen.“

Viviane hielt anerkennend das viereckige Wolltuch hoch und besah sich auch die Karos auf der Rückseite.

„Es ist perfekt. Das war ein genialer Einfall, Lavinia!“

Lavinia streckte sich und nickte heftig.

„Noeira hat das auch schon gesagt, weil ich …“ Sie seufzte und zog einen herzerweichenden Schmollmund. „Weil ich so traurig war.“

„Traurig? Wo du so ein schönes Fidchellspiel gemacht hast?“

Lavinia hob Achtung heischend den Finger, klapperte mit den Augenlidern und langte unter ihre Wolldecke. Dort raffte sie etwas Kugeliges ein und streckte Viviane die geschlossenen Hände entgegen.

„Ich war traurig, weil meine eigene Idee für die Spielfiguren nicht funktioniert hat. Ich wollte nämlich unbedingt Elefanten filzen, wie die Figuren bei dem echten Fidchellspiel.“

„Aha, Elefanten.“

Viviane machte einen langen Hals mit neugierigem Gesicht, bis Lavinia die Finger spreizte. Da schlug sie sich die Hand vor den Mund und prustete los: „Ist der aber niedlich! Ein rosa Flaumball mit Segelohren und kurzen Wollfäden, einer dick, einer dünn!“

„Ja, ja! Lach nur! Nach diesem Probeexemplar habe ich es eingesehen: Elefanten kommen nicht in die Tasche. Sie sind einfach zu dick und die Rüssel sind in Wirklichkeit auch länger …“

„Ach, nein! Der kurze Rüssel reicht vollkommen! Er muss doch kein Gras rupfen! Und, dick … hm …“ Viviane piekte dem wuscheligen Ball ihren Finger in die Stelle, wo sie den Bauch vermutete. „Ich weiß nicht … Irgendwie sieht er wirklich wie ein Elefant aus. Ich habe zwar noch keinen echten gesehen, aber wenn ich ihn mal mit den Figuren von Vaters Fidchellspiel vergleiche … außer, dass er rosa ist …“ Sie drehte den Wuschel prüfend nach allen Seiten und strich ihm liebevoll über die abstehenden rosa Ohren. „Nein, dick ist er nicht, höchstens gut im Futter. Und erst das niedliche Schwänzchen hinten dran! Sogar mit Quaste!“

Viviane wedelte den winzigen Wollfaden hin und her, der am Ende einen Knoten hatte und dahinter extra verzottelt war. Das konnte nur der Schwanz sein, denn der vermeintliche Rüssel war etwas länger und glatt. Verschmitzt grinsend, warf sie den Ball hoch in die Luft und fing ihn wieder auf, plötzlich riss sie die Arme auseinander und umarmte Lavinia und Hanibu stürmisch.

„Das ist das schönste Geschenk, was ihr mir machen konntet! Ich danke euch von ganzem Herzen!“

„Das freut uns, Viviane.“ Lavinia nahm ihr das gefilzte Tuch aus der Hand. „Guck mal! Wir haben extra eine schmale Brettchenwebkante in Grün-Rot gemacht, die legst du einfach ein und fertig ist die Umhängetasche. Aber jetzt wird geschlafen. Die Nacht ist kurz und morgen wird wieder ein langer Tag. Da spielen wir mal eine Partie, Viviane.“

„Ja, Vater! Äh, ich meinte natürlich: Ja, Lavinia! Den rosa Elefanten will ich aber unbedingt dazu. So ein Sonderexemplar hat nicht jeder … und schon gar nicht von seiner kleinen Schwester.“

Lavinia ließ sich kichernd zurück plumpsen, zerrte an ihrer Decke und strampelte so lange, bis sie nur noch ab ihrer Nase hervorlugte. Viviane streckte sich schmunzelnd neben ihr aus und zog betont sorgfältig ihre eigene Wolldecke über sich.

„Endlich …“, flüsterte Lavinia und gähnte müde. „Kannst dir übrigens noch einen schönen Namen für den Elefanten aussuchen …“ Mit letzter Kraft kuschelte sie sich an Viviane, fasste nach ihrer Hand und streckte die andere nach Hanibu aus.

„Rosvinia!“, hauchte Viviane und strich ihrer kleinen Schwester über den nussbraunen Haarschopf. Sie seufzte, weil Lavinia wirklich schon eingeschlafen war. Wer unschuldig ist, schläft einfach besser, wurde ihr wieder einmal bewusst. Sie selbst hatte Angst, die Augen zu schließen, denn seit der Schlacht sah sie jedes Mal schmerzverzerrte Gesichter, um Gnade flehende Augen und verunstaltete, zuckende Körper. Fest presste sie das Stoffbündel an sich, sog den vertrauten Duft des Hauses in sich ein und lauschte auf das Plätschern des Flusses. Ganz kurz huschte der Gedanke durch ihren Geist, dass ihre Mutter noch extra eine Kütze voller Blumen gesammelt haben musste, denn das Stroh roch nicht nur nach den üblichen beigemischten Bettkräutern, sondern intensiv nach Blüten aller Art.

Tief atmete sie den Wohlgeruch ein und lächelte über diesen ganz besonderen Willkommensgruß. Und wirklich kamen diesmal die schrecklichen Bilder nicht, denn Sünna sang ihr gleichmäßiges, altbekanntes Lied und nahm sie mit in ihre klare, friedliche Welt – die Welt ihrer Kindheit, bei der sie die ersten Schritte ihres Lebens über eine sonnenbeschienene Wiese tat und ihre winzige Nase in jede Blüte steckte, die ihr gefiel.




Fragen sind der Anfang allen Wissens


Als wäre Viviane nie weg gewesen, erhob sie sich bei Sonnenaufgang und ging mit Hanibu, Lavinia, Flora und Großmutter Mara die Kühe melken. Sie mussten zwar jetzt ein kleines Stück länger gehen, weil die Mutterkühe auf einer anderen Weide grasten, aber das war nicht weiter schlimm. Der Morgen war herrlich, die erwachende Göttin der Morgenröte winkte mit einem goldenen Tuch über die Thuringer Berge und die Vögel zwitscherten so lautstark, als hätten sie einen Wettstreit im Jubilieren auszutragen.

Den Rückweg liefen sie so beschwingt, dass sie sich sogar im Imitieren der Vogelstimmen versuchten und danach Großmutter Mara zur Zaunkönigin wählten. Immer noch trällernd, stellten sie die gefüllten Milcheimer ins Langhaus, gingen zum Fluss und wuschen sich.

Noeira und Taberia kamen ihnen nach und schmunzelten, als sie ihre Babys in den großen Weidenbaum hängten. Der hieß jetzt nämlich Kinderbaum, weil nun schon zwei Kinder in ihren Tragetaschen dort dran hingen. Lavinia hatte diesen Einfall gehabt und sie damit jeden Morgen aufgeheitert. Denn wenn eines gefehlt hatte in der Zeit, als die Männer und Viviane fort waren, dann war es die Heiterkeit.

Doch nun standen sie alle unter den Weiden und machten ausgiebige Dehnübungen. Die hatten sie auch ohne Viviane weiter gemacht, weil sie sich einbildeten, dass sie ihnen tatsächlich halfen. Großmutter Mara war sogar felsenfest davon überzeugt, dass sie sämtliche Glieder nicht nur besser bewegen konnte, sondern auch mehr Kraft hatte als früher.

Sie blinzelte durch die Augenlider, beobachtete Viviane bei ihren geschmeidigen Bewegungen und sagte: „Kind, du machst mir heute irgendwie einen angespannten Eindruck.“

Viviane atmete lange ein, noch langsamer wieder aus und ging mit geschlossenen Augen in den Spagat.

„Da gebe ich mir extra Mühe …“, seufzte sie und vollführte kreisende Bewegungen mit ihrem Oberkörper. „ … und du merkst es trotzdem, Großmutter. Wie machst du das nur?“

„Jahrelange Übung“, gluckste Mara und deutete auf Vivianes Gesicht. „Also, warum kneifst du die Augen zusammen, als müsstest du nachdenken, wie du etwas Unmögliches schaffst, weil du Silvanus diesmal nicht als deinen Komplizen hast?“

Noeira hielt in ihrer letzten Pose inne, streckte die Arme besonders weit in den Himmel, die Augen in die Gegenrichtung und grummelte: „Sag’s uns, Viviane! Ich fühle mich auch schon ganz angespannt!“

„Er soll Tinne nicht mit zur Sonnenwendfeier nehmen“, brummte Viviane, stemmte ihren gesamten Körper nur mit den Fingerspitzen ein Stück weit über den Boden und machte endlich die Augen auf.

Noeira stemmte die Hände in die Hüften und schnaubte: „Das erlaubt er niemals! So etwas hat es noch nie gegeben!“

Viviane schnappte mit einem Ruck hoch, stellte sich betont aufrecht hin und reckte entschlossen das Kinn.

„Mich hat es auch noch nie gegeben. Wenn alle Stricke reißen, muss ich ihn eben bestechen.“ Sie legte den Kopf schief und lugte nachdenklich zur einzigen Wolke am Himmel. „Ich könnte ihm natürlich auch was zu trinken anbieten …“

„Ha! Du kannst ihm auch ein Pferd schenken! Immerhin hast du mehr Beute gemacht als er!“

„Das wäre wirklich eine gute Idee, Noeira! Aber wenn wir unser eigenes Land bekommen, müssen wir sowieso Abgaben darauf zahlen.“

„Ach. Und die leistest du in Pferden?“

„Ja, jedes Jahr zwei Fohlen seiner Wahl.“

„So viel geschenktes Land und zwei Fohlen als Gegenleistung? Das soll alles sein?!“

„Natürlich nicht. Er und unser Hochkönig dürfen Arion zur Zucht nehmen.“

„Oh, oh. Ich ahne Schreckliches …“

„Wieso?“, fragte Viviane verständnislos. „Das ist doch wirklich der günstigste Handel, den es gibt!? Wir müssen nur den Anteil von Silvanus abtreten.“

Noeira winkte ab.

„Ist doch klar. Immerhin bist du eine Druidin, da brauchst du dich nicht mit solch profanen Sachen wie Abgaben belasten. Silvanus muss zwar Abgaben leisten, aber ich wette mit dir, dass er ab und zu ein gutes Hirschhündchen extra übrig hat und noch ein paar Glasarmbänder oder Glasperlen, oder mal einen neuen Streitwagen, oder andere Wagen, oder ein neues Mähwerk … ganz zu schweigen von einem Paar neuer Schuhe, doppelt genäht mit wasserdichter Schweinsblase dazwischen, für den Winter mit Schafwolle …“ Noeira fuchtelte lax mit der Hand, als könnte sie noch ewig weiter aufzählen, nur sei der Tag nicht lang genug.

„Aber das mein ich doch nicht, Viviane! Guck dich doch mal um!“, rief sie und deutete auf die Berggipfel um sie herum. „Wenn sich das mit Arion erst herumspricht, kommen alle Könige mit ihren Stuten und wollen sie bei ihm auf die Weide stellen. Dann hat er schrecklich viel zu tun und natürlich schrecklich viel … Spaß.“

Noeira stellte diesen Spaß sogleich gestenreich dar, damit auch jeder wusste, was sie meinte. Alle lachten und prusteten los, als sie es mit einem Pferdegesicht in Ekstase versuchte. Ihre Augen quollen vor, ihre Zunge hing sabbernd heraus und wippte im Takt ihrer Hüften auf und ab … Großmutter Mara musste sich sogar gegen die Weide lehnen und die Augen wischen.

Viviane winkte schnaufend ab und gluckste.

„Es hat sich schon herumgesprochen, Noeira. Was meinst du, was man da alles geboten bekommt, damit Arion seinen Spaß haben kann.“

Noeira holte ihre Augen und Zunge wieder in Normalposition zurück, nickte überzeugt und wackelte Achtung heischend mit dem Finger.

„Das kann ich mir vorstellen! Da sind sicher die tollsten Sachen dabei!“

Mara klatschte schallend in die Hände und alle drehten sich zu ihr um.

„Mir ist etwas eingefallen, mit dem du König Gort bestechen kannst! Glaube mir, der erfüllt dir jeden Wunsch, wenn er nicht zu abwegig ist. Da brauchst du ihm nicht mal was untermischen.“

„Was zu trinken? Was da genau …?“

Viviane visierte ihre Großmutter an, aber die rieb sich nur die Hände und grinste verschlagen.

„Lass dich überraschen! Ich gebe dir nach dem Frühstück einen Krug mit auf die Burg.“

Zu ihrer aller Verdruss war auf dem Rückweg ins Langhaus nichts aus Großmutter Mara herauszubekommen. Also aß Viviane ein gekochtes Ei und Haferbrei mit Ahornsirup und starrte grübelnd vor sich hin. Daneben Noeira, die grübelte jedoch nicht, weil sie damit beschäftigt war, Großmutter Mara nicht aus den Augen zu lassen, die wiederum so tat, als wäre sie weitsichtig.

Medan brach die erwartungsvolle Spannung, indem er vom Tisch aufstand, um auf den Dietrichsberg zu Amaturix zu gehen. Viviane hatte plötzlich zu Ende gegrübelt.

Sie sprang auf, strich alle Eierschalen zusammen und huschte nach draußen, um sie zerbröselt ins Hühnergehege zu werfen. Beschwingt rannte sie hinter Medan her und dirigierte ihn zur Pferdekoppel um.

Als er die vielen Pferde sah, seufzte er traurig und ließ die Schultern hängen.

„Meinst du, ich soll sie mir noch mal ansehen, Viviane? Denn wenn ich heute Abend wiederkomme, sind sie schon mit ihnen weggeritten und ich habe wieder das Nachsehen wie immer.“

Medan trat gegen einen Stein, dass er im hohen Bogen ins Gras hüpfte. Viviane tätschelte ihrem jüngsten Bruder beschwichtigend die Schulter.

„Eigentlich wollte ich dich um etwas bitten, Medan …“

„Ja, ja, das wollen sie alle!“ Er spuckte aus. „Medan, nimm die Sense, der Weinberg muss gemäht werden und bring vom Heimweg gleich noch Wasserflöhe mit, wir wollen rote Wolle machen, weil das Blau schon alle ist. Medan, bring feinen Flusssand, wir haben frischen Essig gemacht und wollen die Tontöpfe scheuern. Medan, wir müssen Leinsamen pressen, unsere Schweinsblasen an den Fenstern brauchen bei der Hitze eine Ölung. Medan, räucher die Bienen aus, wir wollen Honig schleudern …“ Er hob flehend die Hände zum Himmel. „So ging es die ganze Zeit, als ihr nicht da wart! Beim Geweih von Cernunnos! Es ist wirklich anstrengend, das Oberhaupt im Dorf zu sein.“

Viviane tätschelte ihn immer noch.

„Jetzt ist Vater wieder da und du hast ihn würdig vertreten. Dafür sind wir dir sehr dankbar und deshalb …“

„Ja, ja. Ich weiß“, seufzte er, steckte die Daumen in seinen Gürtel und schob den nächsten Stein in Schussposition. „Jetzt kann ich wieder hoch zu Amaturix und weiterlernen, damit ich ein guter Eisengießer und Schmied werde. Amaturix meinte sogar, ich könnte auch mal ein Druide des Pheryllt-Ordens werden, so wie er. Stell dir das mal vor, Viviane! Ich lerne, wie ich meinen Namen ins Schwert hinein schmieden kann, ohne die Klinge zu stempeln! Erze mischen für den perfekten Härtegrad! Aber dann müsste ich ja ganz lange und ganz weit weg – bis nach Irland! Das ist noch weiter als Place in Britannien, wo du warst! Kannst du dir das vorstellen, Viviane? Ich, der ich nicht mal ordentlich Griechisch kann, soll in die Fremde ziehen?!“

„Na, ja. Ich muss zugeben, dein Griechisch ist wirklich miserabel, es will einfach nicht in deinen Kopf hinein. Aber vielleicht musst du gar nicht weg, um ein Druide der Metallurgie zu werden. Amaturix kann dich doch ausbilden! Ich und Amaturix machen nämlich eine Schule fürs Drachenschwert auf. Jeder, der ein Druide ist, kann da eintreten. Wir nehmen natürlich alle Sparten der Druiden, egal ob Arzt, Metallurge, Philosoph, Richter, Astronom, Barde oder Seher … Aber ich schätze mal, so viele werden es trotzdem nicht werden. Wer will schon als Druide dem Schwert verpflichtet sein. Druiden haben doch so ein schönes und sicheres Leben. Keine Abgaben, kein Kriegsdienst …“

Medan japste nach Luft und schnappte ihre Finger, die mit Aufzählen beschäftigt waren.

„Und das sagst du mir erst jetzt?! Das ist ja perfekt! Besser geht’s gar nicht mehr! Jetzt lauf ich ganz schnell hoch zum Dietrichsberg und werde der beste Schüler, den Amaturix je gehabt hat und bei dir lerne ich die Kampfkunst und dann bin ich Druide des Pheryllt-Ordens und gehöre zum Bund des Drachenschwertes. Beim Geweih von Cernunnos, ich werde ein Elitekrieger! All meine Wünsche … all meine Träume! Ich muss sofort Sünna mein Opfergeschenk schmieden! Vielleicht zeigt mir Amaturix das Kunststück mit dem Namenszug einlegen jetzt schon, denn später muss ich das ja mit zwei Drachen können, die sich um den Baum des Lebens winden!“

Medan umarmte Viviane und lief los, doch sie hielt ihn am Gürtel fest, was ihn zu einer Art Verbeugung mit gekeuchtem „He!?“ veranlasste.

„Du brauchst dich nicht so zu beeilen, Medan.“

Er versuchte, loszukommen und stemmte sich gegen sie, da ließ Viviane abrupt los und er konnte gerade noch sein Gleichgewicht halten.

„Ich habe keine Zeit für Kinderkram, Viviane!“

„Warte noch einen Augenblick, ich will dir nur was sagen.“

„Später! Ich muss mich beeilen! Ich muss doch schnell mit Amaturix alleine reden und außerdem will ich ab jetzt immer der Erste sein!“

„Keine Sorge, das wirst du.“ Viviane zeigte auf die Pferde. „Such dir eins aus!“

„Was?“

„Na, ein Pferd! Such dir eins aus! Du kannst jeden Tag ein anderes nehmen, schließlich brauchen sie Bewegung.“

Medan beäugte Viviane, als könne er plötzlich nicht nur Griechisch, sondern auch seine eigene Muttersprache nicht mehr verstehen. Dann lachte er auf, umarmte sie stürmisch und sprang gekonnt über das Gatter. Strahlend nahm er sich ein Halfter vom Weidengeflecht und ging damit zielstrebig auf eine schöne braune Stute zu. Beiläufig bückte er sich und warf einen Stein exakt in die Mitte des Weges. Viviane nickte anerkennend und Medan verbeugte sich lachend.

„Viviane, du bist die beste Schwester, die mir Mutter und Vater schenken konnten!“, rief er und warf das Zaumzeug über die lange Mähne der Stute.

Viviane machte das Tor auf und ließ ihn hinaus reiten. Medan winkte ihr glücklich zu und schnalzte mit der Zunge. Er ließ es langsam angehen, streckte seinen Rücken durch und saß so entspannt obenauf, als hätte er sein ganzes Leben nichts anderes getan als zu reiten. Die Stute gehorchte ihm willig, obwohl sie von ihrem Vorbesitzer einen ganz anderen Reitstil gewöhnt war.

Im Hinterherwinken sah Viviane plötzlich wieder ihren Speer fliegen, der durch den Schild des Unglücklichen schlug und sich in sein Auge bohrte …

Als sie wieder beim Langhaus angekommen war, schüttelte sie immer noch traurig den Kopf und wischte sich die Hände an ihrem frischen Überkleid ab, obwohl sie gar nicht blutverschmiert waren.

„So, Viviane. Jetzt wird aber nicht geguckt wie sieben Tage Regenwetter!“, trällerte Großmutter Mara, hielt ihr einen Tonkrug hin und schmunzelte verschwörerisch.

Sofort richtete Viviane ihre Gedanken wieder auf die Gegenwart. Zögernd nahm sie den Krug, zog den Pfropfen ab und lugte hinein. Sie stutzte und schnupperte.

„Das ist ja Himbeersaft, ganz gemeiner Himbeersaft!“ Ungläubig sah sie Großmutter Mara an und schielte übertrieben misstrauisch in den Krug. „Und da ist nichts drin? Nicht die kleinste Droge?“ Sie sog noch einmal argwöhnisch Luft ein, um selbst die winzigste Nuance zu wittern, die nicht wie Himbeere roch.

Großmutter Mara stemmte entrüstet die Hände in die Hüften.

„Heiße ich Flora oder Viviane?! Ich bin Mara, die Töpferin, und kein Giftmischer! Schon lange nicht mehr in dich gegangen, Viviane, was?! Also: Nein. Natürlich ist da kein Gift drin! Ich vergreif mich doch nicht am König! Die Götter würden mich allesamt verdammen! Und deine Mutter hätte mir auch garantiert keine, wenn auch noch so schwache, Droge gegeben.“ Mara schüttelte vehement den Kopf und tätschelte Vivianes Wange. „Vertrau deiner alten Großmutter! Bring deine Argumente vor und der König wird dir deine Wünsche erfüllen.“

Viviane kräuselte zweifelnd die Stirn, drückte aber den Pfropfen fest in den Krug und nickte.

„Das werde ich, Großmutter, und verzeih mein Misstrauen. Da sind wohl die Pferde mit mir durchgegangen. Also, dann mal los! Auf ins Gefecht der Worte! Ist Hanibu fertig?“

„Die ist schon mit den Kindern zur kleinen Weide.“

„Gut. Bis nachher!“

Viviane ging zur kleinsten Wiese, auf der nur Dina und Arion grasten. Sie waren schon aufgezäumt und Hanibu lehnte wartend am Gatter. Lavinia und Robin kamen ihr entgegen, jeder ein paar Himbeeren futternd.

„Nimmst du uns mit, Viviane? Wir wollen auch mal so ein winziges Baby sehen!“

„Nein, das geht heute noch nicht.“ Viviane schüttelte entschieden den Kopf. „Außerdem müsst ihr doch wieder auf die Weiden und nebenbei Himbeeren sammeln, damit wir zur Feier genug Saft für euch und alle anderen Kinder haben. Das ist sehr wichtig.“

Lavinia und Robin ließen enttäuscht die Köpfe und Schultern hängen, murrten aber nicht. Viviane wuschelte ihnen ein wenig die Haare.

„Wenn es dem Baby gut geht, nehme ich euch morgen mal mit.“

„Ja! Da freuen wir uns, Viviane! Und heute sammeln wir so viele Himbeeren, dass wir ganz viel Saft pressen können!“ Robin streckte seine Hände weit auseinander und rieb sich übertrieben den Bauch. „Mmmh, Himbeermarmelade schmeckt gut, getrocknete Himbeeren sind genauso lecker, aber Himbeersaft … mmmh … Himbeersaft könnte ich fässerweise trinken!“

„Na, dann mal los ihr zwei, auf dass wir genug Fässer voll kriegen!“

Lavinia zog Robin hinter sich her.

„Wir lassen euch wieder welche übrig!“

Viviane war bei Tinne schneller fertig, als sie gedacht hatte. Die kleine Germania schlief friedlich in der Hängewiege und machte einen gesunden und zufriedenen Eindruck. Es war eben ein großer Vorteil, dass Tinne schon einen kleinen Sohn hatte und genau wusste, was zu tun war.

Noch ein Vorteil war, dass sie eine Sklavin besaß. Die kümmerte sich um den Haushalt und spielte mit dem Jungen. So konnte sich Tinne ganz ihrem Töchterchen widmen. Sie kam gut mit dem Wickeln und Füttern zurecht und hatte die Kleine auch schon erfolgreich angelegt, denn trotz ihrer Winzigkeit hatte sie einen kräftigen Zug. Daher konnten sie alle das Beste hoffen, verabredeten sich für den nächsten Tag und Viviane ging mit Hanibu den Fuhrweg weiter nach oben.

Hanibu betrachtete das Haus von Wahedon, der als erster Krieger des Königs ein noch etwas größeres als Tinne besaß. Vor dem Haus des obersten Druiden klappte ihr allerdings die Kinnlade herunter. Es war mindestens dreimal so groß wie ihr Langhaus im Dorf.

„Was macht Afal eigentlich, wenn er nicht gerade Opferzeremonien oder Feste leitet?“

Viviane drehte ihr den Kopf zu und Hanibu erschrak wegen des seltsamen Mienenspiels, dass sich ihr bot.

„Hätte ich das nicht fragen dürfen?! Ist das ein Geheimnis?!“

Viviane prustete los und winkte beschwichtigend ab, weil Hanibus Augen schon feucht zu glänzen begannen.

„Nein, nein! Das ist kein Geheimnis und natürlich darfst du mich alles fragen, was du wissen willst. Aber ich war gerade in Gedanken, und du bist übrigens die Erste, die das wissen will! Keiner fragt danach!“

„Vielleicht denken alle, dass man so was nicht fragen darf?“, hakte Hanibu nach und kämpfte die aufsteigenden Tränen erfolgreich zurück.

„Du meinst, weil Afal der oberste Druide in unserem Clan ist und deshalb über allem steht?“

„Genau.“ Jetzt war alles wieder gut.

„Da hast du einen totalen Denkfehler, Hanibu. Auch er muss sich verantworten, sogar mehr als jeder andere Mensch: vor dem gesamten Clan, vor dem König und natürlich vor den Göttern. Das ist seine absolute Pflicht. Und glaube mir, Hanibu: Nur derjenige wird oberster Druide, der seiner Verantwortung vollkommen gerecht wird.“

„Ich verstehe. Kann eigentlich jeder Druide oberster Druide werden?“

Viviane wiegte den Kopf.

„Theoretisch, ja. Aber meistens sind das weise Druiden, die das Universum studiert haben, zumindest die Rechtsprechung oder die Philosophie. Diese Künste stehen im höchsten Rang bei uns Druiden und bringen daher das meiste Ansehen in unseren Kreisen. Ich persönlich gebe der Astronomie den Vorrang. Die Sterne zu berechnen und was sonst noch dazu gehört, halte ich nämlich für besonders kompliziert. Das wäre nichts für mich. Wahrscheinlich würde ich, an Afals Stelle, die Sommersonnenwende in den Winter verlegen, Beltaine käme zu früh zur Frühjahrstagundnachtgleiche und außerdem würde ich den ganzen Tag über Nackenschmerzen jammern.“

„Nackenschmerzen? Ach so! Aber vielleicht hat Afal ja ein dickes, weiches Schaffell und beobachtet die Sterne im Liegen?“

Viviane kicherte und nickte anerkennend.

Hanibu strahlte.

„Afal ist also ein hoch angesehener Astronom.“

„Ja. Er berechnet die Bahnen der Sterne. Nachts beobachtet er sie bei ihrem göttlichen Tanz und hat für jede Sternenkonstellation ein Knotenmuster parat. Wie er das ganze Knüpfwerk auseinander hält, ist mir zwar schleierhaft, aber er kann sogar Sonnenfinsternisse auf dreihundert Jahre vorausberechnen. Stell dir das mal vor, Hanibu! Dreihundert Jahre im Voraus! Mondfinsternisse gibt es ja viel öfter und sie sind auch leichter zu berechnen, aber irgendwie habe ich es trotzdem nie verstanden, obwohl ich schon mal dabei war, als sie die Sterne vom Himmel geholt haben.“

„Sterne? Vom Himmel? Geholt?“

„Das geht, glaube mir! Du brauchst nur einen Teich, ein riesengroßer Bottich geht aber auch. Da gehen eben weniger Sterne rein.“

„Sterne rein? Wie?“

„Ganz einfach. Du musst nur Stricke spannen und dort, wo sich die Sterne im Wasser spiegeln, da machst du einen Knoten. Wenn du das übers Jahr verteilt machst, erkennst du die Wanderung der Sterne. Nicht umsonst gibt es den See der Weisheit in unseren Mythen. Die Welt von Vater Himmel spiegelt sich bei uns hier unten auf der Mutter Erde wider.“

„Aha, das ist wirklich interessant.“

„Ja, das ist es, Hanibu. Es geht alles, wenn man weiß wie, auch Sterne vom Himmel holen. Und im Winter lehrt Afal zusätzlich die älteren Kinder Schreiben, Rechnen und Griechisch. Sein Weib, Fea, ist für die jüngeren zuständig, musst du wissen. Ach! Und dann überprüft Afal auch noch gemeinsam mit dem König wie viele Rinder, Schafe, Schweine, Ziegen und Gänse es in den Dörfern gibt, Getreide und Gemüse natürlich auch. Daraus wird errechnet, was die Dörfer abgeben müssen.“

„Und wenn der König zu viel von euch verlangt?“

Viviane schüttelte den Kopf.

„Dafür ist Afal ja gerade zuständig. Der König verwaltet zwar seine Güter selbst, aber Afal überprüft alles zur Sicherheit und steht mit seinem Wort für jede Forderung ein. Keiner kann dann behaupten, der König würde zu viel verlangen. Verstehst du? Afal ist praktisch die Kontrolle für König und Clan.“

Hanibu nickte.

„Wie du vorhin schon gesagt hast: Er muss sich mehr verantworten als andere. Ja, ich verstehe. Aber wer legt die Abgaben fest? Wenn sie zu hoch sind, meine ich.“ Viviane nickte verstehend und schüttelte dann den Kopf.

„Jedes Jahr zu Samhain wird der König neu gewählt, beziehungsweise bestätigt. Natürlich ist es wichtig, dass ein König Verbündete hat und hoch angesehen ist, aber was meinst du, was passiert, wenn sein Clan unzufrieden ist?“

Viviane zog scharf die Luft ein und überließ es Hanibus Fantasie, was man mit einem König alles anstellen könnte, der sein Volk übers Ohr haut. Hanibu fasste sich auch prompt an die Gurgel.

Viviane fühlte sich nun doch zu einer Erklärung genötigt, denn Lew würde ja auch eventuell König werden. Hanibu sollte keine schlaflosen Nächte haben, wegen der Vorstellung, ein aufgebrachter Haufen Bauern würde Lew aus ihren Armen zerren.

„Keine Angst, Hanibu! Das ist wie beim Melken! Wir nehmen bei jeder Kuh doch auch nur ein bisschen Milch weg. Sonst würden wir uns ja ins eigene Fleisch schneiden. Und König Gort nimmt auch nur einen kleinen Teil. Er muss ja schließlich die Krieger und die Druiden mit ernähren.“

„Warum gehen die nicht selbst auf die Felder?“

„Oh, das tun sie ja! Sie haben jeder ein kleines Stück Land, das sie eigenhändig bewirtschaften. Alle Krieger, Druiden und Könige können pflügen, säen, ernten, mit einem Ochsen umgehen und was man sonst noch als Bauer können muss. Einige sind auch ganz passable Handwerker, aber die Felder zu beackern ist eben nicht ihre Hauptaufgabe. Jeder in unserem Clan hat seine ganz persönlichen Pflichten. Stell dir mal vor, was passieren würde, wenn ein ängstlicher Bauer plötzlich als Krieger fungieren müsste oder ein König sein Organisationstalent beim Schafe- und Ziegenhüten vergeuden täte! Das wäre doch absurd! Das wäre …“

Viviane suchte nach einem passenden Vergleich.

„Das wäre so verkehrt, als wenn ich Arion tragen täte statt er mich.“

Hanibu kicherte und Viviane fügte noch hinzu: „So etwas nennt man Hierarchie, Staatsgefüge, was bedeutet: Jeder fügt sich in die Gemeinschaft und nutzt ihr mit seinen Talenten.“

„Ich glaube, ich verstehe, was du meinst, Viviane. Du bist ja das beste Beispiel: Die Tochter eines Schmieds und einer Kräuterfrau kann zwar keine Sterne berechnen, aber dafür hat sie ein höchst seltenes Talent, das aus ihr eine Ärztin und Kriegerin macht und sie so ganz vortrefflich ihrem Clan nützt. Aber wie ist dieses … Staatsgefüge entstanden? Ich meine: Warum ist es gerade so und nicht anders?“

Viviane blieb stehen und sah Hanibu erneut seltsam an. Die verzog verlegen das Gesicht und lächelte entschuldigend.

„Bin ich wieder die Erste, die das wissen will?“

Viviane lachte und sah sich um.

„Ich amüsiere mich immer prächtig, wenn du in einem Kauderwelsch aus drei Sprachen sprichst“, erklärte sie Hanibu und schob sie vor sich her. „Aber um deine Frage zu beantworten: Ja, du bist wieder die Erste. Das liegt vielleicht daran, dass es für uns eben schon immer so war. Du kommst aus einem anderen Land. Da ist es nur verständlich, dass dich so etwas interessiert. Mir ist auch gerade eingefallen, wie ich dir das am besten erklären kann. Guck!“

Viviane winkte zwei junge Maiden heran, die gerade mit Holzeimern voller Wasser an ihnen vorbei laufen wollten und sich nebenbei tief verbeugten. Sie erklärte ihnen, was sie vorhatte und fragte, ob sie ihr dafür die Wassereimer zur Verfügung stellen wollten. Die beiden jungen Mädchen verstanden zwar nicht sogleich den Zusammenhang, waren aber sehr erpicht darauf zu sehen, wie man Hierarchie mit Wasser erklären konnte und hockten sich neben Hanibu vor die Eimer.

Schmunzelnd tauchte Viviane die Hand in einen der Eimer, spreizte die Finger und ließ das Wasser hindurch rinnen.

„Das sind die Menschen, wenn jeder für sich arbeitet.“

Viviane deutete auf ihre nasse Hand.

„Es bleibt zwar was hängen, aber man muss viel zu oft schöpfen, wenn man seinen Durst löschen will. Da kommt der König und sagt ‚Schart euch um mich und ich werde euch leiten, zusammen schaffen wir alles, was unserem Vater Himmel zur Ehre gereicht und die Götter werden uns gnädig sein.‘ Also hören die Leute auf ihren König und siehe da …“

Viviane schloss langsam ihre gespreizten Finger, tauchte die hohle Hand ein und deutete auf das Wasser, das sich darin gesammelt hatte.

„Wenn man sich etwas erschafft, dann muss man es natürlich auch schützen. Sonst nutzt ein anderer die Gelegenheit und denkt sich ‚Ach! Ich warte, bis die Schwächlinge ihre Ernte einfahren‘ und dann schwupps …“

Viviane holte aus und gab ihrer eigenen Hand einen kräftigen Schlag. Das Wasser schwappte heraus und spritzte in alle Richtungen davon. Ihre drei Zuschauer gegenüber quietschten.

„Wie ihr seht … Verteidigung ist wichtig und dafür braucht die Gemeinschaft Krieger. Sie müssen immer – ich betone immer – kampfbereit sein und beschützen uns mit ihrem Leben. Für diesen Dienst sollten ein paar Abgaben gerechtfertigt sein, denke ich.“

Viviane nahm ihr Horn aus der Gürtelschlaufe.

„Dann gibt es einige Menschen, die sind schlauer als die anderen. Sie beobachten alles von Mutter Erde, die Gestirne von Vater Himmel, die Allmacht … Sie achten die Götter und hüten das Wissen, das sie uns vor langer Zeit gebracht haben. Sie tun den Menschen viel Gutes.“

Hanibu nickte verstehend, eine der jungen Maiden zeigte auf das Horn.

„Da passt natürlich noch mehr rein, als in die hohle Hand und einfacher geht es auch.“

„Ganz recht, junge Maid“, lobte Viviane und bot Hanibu das Horn zum Trinken an.

Als sie danach greifen wollte, zog sie schnell die Hand zurück. Hanibu sah sie verständnislos an, bis ein Lächeln ihr Gesicht erhellte.

„Aha! Jetzt verstehe ich! Damit die Druiden das alles leisten können, müssen sie natürlich auch einen Teil von den Abgaben bekommen. Sonst hat man am falschen Ende gespart und bekommt sein Horn nicht voll.“

„Genau, Hanibu. Nun hast du das System begriffen! Und meine anderen aufmerksamen Zuhörer? Wie steht es mit euch?“

Die beiden jungen Mädchen nickten eifrig. Viviane erklärte ihnen, dass die Lektion nun beendet sei und fragte, ob sie ihr noch einen Schluck Wasser gönnten, was die beiden zum Strahlen brachte. Viviane bückte sich ziemlich umständlich und konnte sich nicht entscheiden, aus welchem Eimer sie denn nun das Wasser nehmen sollte. Endlich hatte sie ihr Horn voll und die beiden Mädchen gingen mit neuem Elan ihrer Wege. Mit einer Hand im Rücken drehte sich Viviane zu Hanibu um und prostete ihr zu.

„Vorhin diente es einem anderen Zweck, aber ich lasse dich trotzdem nicht mehr aus meinem Horn trinken.“

„Aber das hast du doch sonst auch immer gemacht!?“

Hanibus Augen begannen wieder verdächtig zu glänzen, doch Viviane übersah es diesmal, trank genüsslich ihr Horn leer und steckte es umständlich in die Schlaufe zurück. Danach schloss sie die Schnallen an ihrer prall gefüllten Arzttasche. Hanibu leckte sich derweil die trockenen Lippen. Sehnsüchtig pendelte ihr Blick zwischen den entschwindenden Wassereimern und Vivianes Horn. Ihre Augen wurden abgelenkt und weiteten sich überrascht, als Viviane ein wunderschön verziertes Horn in die Höhe hielt.

„Du brauchst mein Horn nicht mehr. Du hast jetzt ein eigenes. Und hier …“ Sie hob ein reich verziertes Lederteil hoch. „ … hab ich auch noch die passende Gürtelschlaufe dazu.“

Hanibu blinzelte hektisch.

„Viviane! Das ist … das ist …!“

„Für dich, ganz recht! Hab ich aus meiner Kriegsbeute ausgesucht. Gefällt es dir nicht?“ Viviane beugte sich zu Hanibu und sah ihr von unten her in die Augen. „Du brauchst doch nicht gleich weinen! Ich habe noch mehr davon, da wählst du dir nachher selbst eins aus. Das hier hat mir bloß am besten gefallen.“

Hanibu schniefte, schüttelte den Kopf und wischte sich mit einem Zipfel ihres Überkleides die Augen. Dann krächzte sie: „Ist es dir gar nicht aufgefallen?“

„Was?! Ist doch ein ordentliches, solides Trinkhorn! Absolut auslaufsicher, wenn man es richtig rum hält.“

Viviane betrachtete das Horn von unten und drehte es prüfend zwischen den Fingern. Hanibu räusperte sich und deutete zitternd darauf.

„Es ist innen drin mit Silber ausgegossen und hat außen herum dünne Goldfäden im Schliff!“ Hanibus Stimmlage wurde genauso dünn wie die Goldfäden und schraubte sich, passend zu den Verzierungen, immer höher. „Die Gürtelschlaufe hat sogar ein punziertes Knotenmuster und der Feststellknopf ist ein riesiger Bernstein.“

Wenn Hanibu jetzt weiter piepsen täte, bekäme der Bernstein einen Sprung und sie Atemnot. Daher stellte Viviane ihre Ohren auf Durchzug und fächelte ihr schnell den ankommenden Luftstrom zu.

„Ach so! Doch, doch! Ist mir alles aufgefallen! Deshalb hatte es mir ja so gut gefallen. Ich hab auch ein weißes, was innen vergoldet ist und außen mit Perlmuttintarsien, aber das fand ich dann doch zu protzig. Und die Gürtelschlaufe dazu erst noch! Am oberprotzigsten!“

Viviane winkte ab. „Wenn du das lieber haben willst …“

Hanibu schluchzte: „Ich bin doch nur eine Sklavin, Viviane! Hast du das vergessen!? Ich bin nicht würdig …“

„Ach. Jetzt weiß ich, woher der Wind weht! Einen kurzen Augenblick dachte ich wirklich, ich stehe auf deinen Zehen.“

Viviane drückte Hanibu bestimmend das Horn in die zitternden Hände und klammerte die ihren fest darum, sodass jeder Widerstand zwecklos war.

„Hör mir gut zu, Hanibu! Ich, Viviane, Dar Arminius und Flora vom Clan des stolzen Cernunnos, Hermundurin und Abkömmling der mächtigen Sueben, kann meine Kriegsbeute verteilen an wen ich will und wie ich will. Ich habe mir alles redlich erkämpft. Der Sieg über meine Gegner gibt mir das Recht dazu. Verstanden?“

„Ja, Viviane. Ich habe dich verstanden“, nuschelte Hanibu, zog den Kopf ein und ihre Hände wurden schlaff.

Viviane drückte sie energisch um das Horn und hielt ein kleines Kupferröhrchen hoch.

„Sollte natürlich irgendjemand dir dieses Geschenk streitig machen wollen, habe ich schon mal vorgesorgt. Da steht übrigens dasselbe drin, was ich gerade eben gesagt habe, bis auf das ‚Verstanden‘, versteht sich. Aber das hier drin …“ Viviane wedelte mit dem Kupferröhrchen. „ … begreift selbst der dümmste Dieb. Es ist nämlich in Ogham und trägt mein Siegel. Jeder, der das Schriftstück zu Gesicht bekommt, weiß dann Bescheid. Und wer es nicht lesen kann, gib es sowieso freiwillig zurück. Schon allein aus Angst, es könnte ein Fluch mit drin stehen. Was auch der Fall ist. Nur so als kleine Rückversicherung, da es das Geschenk eines Chattenkönigs ist, genauer, das meines angeheirateten Onkels Nyht. Die anderen Hörner habe ich übrigens von seinen Bündnispartnern als Geschenk bekommen, was eindeutig nicht unter Kriegsbeute zählt.“

Hanibu bekam ganz große Augen, Viviane tätschelte das Horn.

Übertrieben wackelte sie mit dem Röhrchen und schnippte einen Finger dagegen, so dass es einen feinen Klang von sich gab. „Es ist übrigens das erste Mal, dass ich mein Siegel benutzt habe. Das wollte ich noch dazu sagen, weil man es wegen dem Röhrchen nicht sieht. Ist ja auch eigentlich für Rezepte gedacht. Wir Hermunduren sollen schließlich nicht zurückstehen, bei den vielen Rezepturen, die sonst überall kursieren.“

Ehrfurchtsvoll nahm Hanibu das Röhrchen entgegen, sah auf und lächelte endlich wieder.

„Ich nehme dein Geschenk an und will es immerdar ehren und achten wie dich selbst, meine hoch angesehene Freundin Viviane.“

„So!“ Viviane klatschte in die Hände, wobei sie hektisch zwinkerte. „Dann hätten wir ja alles geklärt. Nein, halt! Natürlich musst du es noch ausprobieren! Hoffentlich hast du nicht so sehr rein geheult. Da schmeckt ja sonst das schöne Bergwasser unserer Quellgöttin Pauline ganz salzig.“

Übertrieben genau beäugte sie das Innere vom Horn, befand es für annehmbar und bedeutete Hanibu mit großer Geste, sie dürfe nun daraus trinken.

Schmunzelnd beobachtete Viviane, wie Hanibu erst zögerlich, dann genüsslich trank.

„Und jetzt auf zum König! Mal sehen, ob Großmutter Mara recht hat.“

„Soll ich lieber hier warten?“

Viviane schwang herum und sah strafend auf Hanibu herab, die sich noch nicht von der Stelle gerührt hatte.

„Hast du Leim an den Füßen?! Soll ich dich mal ordentlich an den Ohren ziehen?“

Hanibu drehte das Horn nervös zwischen den Fingern hin und her.

Viviane verdrehte dazu passend die Augen.

„Du brauchst doch keine Angst vor dem König zu haben. Ich bin schließlich dabei!“

„Du hast ja recht“, seufzte Hanibu. Aber verstecke bitte das Horn wieder in deiner Tasche, damit es der König nicht an mir sieht.“

„Ach, König Gort wird es dir garantiert nicht wegnehmen. Der hat selbst so eines.“

Hanibu drückt Viviane das Horn in die Hand. Mit eingezogenem Kopf schielte sie den Weg hinauf und sagte ganz leise in der Sprache der Hermunduren: „Eben.“

Unverständliches Zeug vor sich hin brummelnd, steckte Viviane das Horn wieder in ihre Tasche zurück und dirigierte Hanibu weiter den Berg hinauf. Sie hielt nicht einmal an, um mit daherkommenden Leuten ein Schwätzchen zu halten, sondern erklärte lautstark, sie hätte keine Zeit, der König erwarte sie. Nach der dritten Wiederholung wurde sie ein wenig leiser, nach der siebten oder neunten jedoch wieder lauter. Als sie hinter Afals großem Haus zu einer Wegbiegung mit Felsplateau kamen, knurrte sie „Endstation“ und deutete auf ein riesiges Langhaus, das dort stand wie auf einem steinernen Thron. Hanibu betrachtete es mit offenem Mund. Sie sah weit nach vorne, doch das Haus des Königs nahm kein Ende. Kopfschüttelnd beugte sie sich zur Seite und auch hier konnte sie nicht dahinter sehen. Vivianes Schmollmund verformte sich zu einem Schmunzeln.

„Ich staune auch jedes Mal über seine Größe, Hanibu. Als Kind habe ich es genauso angestarrt wie du jetzt.“

Hanibu seufzte.

„Du hast mir erzählt, dass hier manchmal viele Leute wohnen, wenn sich die Könige treffen und ihre Krieger mitbringen oder wenn andere hochrangige Gäste untergebracht werden müssen, Barden zum Beispiel. Du hast mir mal gesagt, dass ein Barde immer eine sehr gute Unterkunft braucht, sonst wandert er zum nächsten König und singt dort Schmählieder über den geizigen König und schadet so dessen Ruf.“

Drei Kinder mit Reisigbündeln liefen eilig an ihnen vorbei, neigten artig die Köpfe und riefen „Guten Morgen!“

Sie grüßten zurück und schlossen sich ihnen an, immer dem Weg folgend, der sich durch ein paar lang gestreckte Steinstufen das Felsplateau hinauf wand. Als Viviane weiter redete, sorgten die Kinder gleich dafür, dass sie nicht außer Hörweite gerieten.

„Könige und ihre Krieger wollen standesgemäß untergebracht werden, Barden erst recht. Solche Schmählieder darf man nicht unterschätzen, Hanibu. Es soll wirklich schon Barden gegeben haben, die wegen schlechter Bewirtung einen König so verunglimpft haben, dass er sein Amt abgeben musste. Es fällt schließlich auf den ganzen Clan zurück, wenn jemand über dessen König herzieht. Daher hat unser Königshaus sogar ein eigenes Abteil, mit allem drum und dran, extra für einen wandernden Barden. Damit demonstriert König Gort nicht nur seinen Respekt für Barden, sondern sein Langhaus ist auch so etwas wie ein Prestigeobjekt.“

„Aha, ich verstehe!“ Hanibu trat von der letzten Stufe auf die Freifläche und besah sich die Aussicht über das Tal. Mit weit ausholender Geste deutete sie auf die umliegenden Berge. „Es geht um euer Ansehen bei den anderen Clans.“

„Genau, Hanibu. Es ist natürlich auch prunkvoller ausgestattet als ein normales Langhaus. Es hat mehrere Schwitzbäder mit genügend Waschzubern und auch mehrere Aborte. Innen gibt es sogar abgeteilte Räume. So richtig mit Holzwand! Nicht nur Flechtwand oder Vorhang! Der König hat auch einen eigenen Brunnen, extrem tief, und seine Küche ist in einem Extrahaus. Was meinst du wohl, wie viel Platz sie im Keller haben? Der ganze Berg unter der Küche ist ausgehöhlt!“

Viviane stampfte mit dem Fuß auf und horchte, ob es hohl klang. Da nichts zu hören war, deutete sie auf den Weg, der vor dem Langhaus entlang ging.

„Komm, wir zählen mal die Schritte von der Außenkante bis zur Treppe, die ist genau in der Mitte.“

Sie stellten sich nebeneinander und Hanibu zeigte auf den Vorbau.

„Prunkvoll ist das richtige Wort. Das erkennt man schon am Vorbau. Der ist ja nicht wie bei euch offen, sondern geschlossen und geht von einem Ende zum anderen.“

„Das liegt an der Höhe. Bruder Wind treibt es hier oben gerne ein wenig toller. Es hat also mehr einen praktischen Effekt.“

„Ein Windschutz, ich verstehe. Aber so schöne Schnitzereien habe ich noch nie gesehen! Wie wird es da wohl erst drinnen aussehen?“

Mit einem „Wirst du gleich selbst sehen“ von Viviane gingen sie näher heran und besahen sich die Bilder und Ornamente in der Holzvertäfelung. Dabei vernahmen sie Musik und sahen auch bald die Köpfe von Königin Elsbeth, Elektra, Fea, Madite und des Barden über den Windfang ragen. Als sie an der Treppe ankamen, hatten sie eine vollständige Sicht auf die dort versammelten.

„Vierzig“, flüsterte Viviane und verbeugte sich erst vor dem Barden, dann vor Königin Elsbeth.

„Was?“, raunte Hanibu zurück und verneigte sich ebenfalls, nur viel tiefer und länger.

„Vierzig Schritte bis zur Hälfte, was bedeutet, dass das Haus achtzig Schritte misst“, wisperte Viviane. „Also ist es fünfmal länger als unser Langhaus und würde noch nicht mal in unsere Umfriedung passen! Das muss man sich mal vorstellen.“

Hanibu antwortete mit einem Keuchen, denn ihr brach der Angstschweiß aus, als Königin Elsbeth sich erhob. Sicherheitshalber verbeugte sie sich gleich noch einmal.

Die Königin kam die Treppe herunter, umfasste Vivianes Hände und schenkte sogar Hanibu ein freundliches Lächeln, als diese endlich wieder aufsah. Würdevoll geleitete sie die beiden die Treppe hinauf, und Elektra winkte ihnen grinsend zu.

Hanibu verneigte sich noch einmal vor allen Anwesenden, doch der Barde machte sich nicht die Mühe, von ihr Notiz zu nehmen. Viviane schenkte er umso mehr Beachtung und konnte gar nicht aufhören, sie zu drücken und zu tätscheln, bis er endlich seine Leier weiter zupfte. Fea, die Frau von Afal, und Madite, die Seherin, hatte Hanibu schon zu Beltaine kennengelernt. Mit einer gewissen Genugtuung stellte sie fest, dass beide ihr freundlich zunickten.

In diesem Augenblick stand ihre Meinung über den Barden fest und beim nächsten Wimpernschlag hatte sie ihr eigenes Schmählied im Kopf, was sie aber sofort wieder vergaß, weil der Besuch beim König nun einen Hergang annahm, mit dem nicht einmal Viviane gerechnet hatte.

***

„Was? Du hast mit dem König an einem Tisch zu Mittag gegessen?“

„Er hat nur einen Tisch, Noeira. Allerdings einen ziemlich großen.“

Noeira lehnte sich kraftlos gegen die Wand vom Langhaus, wo sie gerade eben noch gestanden und gesponnen hatte. Höchst angestrengt richtete sie ihren Blick auf den Uhsineberga, um dort den großen Tisch von König Gort eventuell zu erkennen.

„Was isst denn ein König so zum Mittag?“

„Eigentlich das Gleiche wie wir, Noeira. Es gab Brot, frische Butter, kalten Braten, Käse, Zwiebeln, junge Erbsen und Möhren …“

Noeira zog die Nase kraus und lugte jetzt sichtlich enttäuscht den Berg hinauf.

„Und ich dachte immer, die essen da oben …“

„Was? Den ganzen Tag nur Hirschschinken und Lammkeulen und Weißbrot mit einem Berg Butter obendrauf?“

Noeira zuckte die Schultern.

„Ja, so ähnlich.“

„Ha! Dann gäbe es bald kein Wild mehr in den Wäldern und kein Vieh mehr auf den Weiden! Aber ich hätte nicht mal im Traum daran gedacht, dass uns Königin Elsbeth dazu einlädt!“

„Uns? Hanibu saß auch mit …?“

„Nein! Nicht ganz! Eine alte Sklavin hat sie in den Raum mitgenommen, wo die Sklaven essen. Aber da hat es ihr auch gefallen. Beim Essen hat übrigens kein Sklave bedient. Sie haben nur den Tisch gedeckt und sind gegangen. Das ist praktisch für König Gort, so erhält er sich einen großen Teil seiner Privatsphäre. Man konnte sich ungestört unterhalten.“

„Was unterhält man sich denn so mit dem König, wenn man nicht gerade den Mund voll hat?“

„Königin Elsbeth und Elektra wollten viel wissen. Ich musste ihnen von Großmutter Dana erzählen, von Königin Birgie und natürlich von Lothaar, von unserem Lagerplatz, dem Spähtrupp und dann noch von den Vorkämpfen und der Schlacht …“

„Da wundert es mich aber, dass sie dich nicht gleich zum Abendbrot dabehalten haben – dem morgigen, versteht sich.“

„Da ist doch Mittsommer. Bis dahin sind ihnen sicher noch ein paar Fragen eingefallen.“

„Und was hat Hanibu die ganze Zeit gemacht?“

„Das Selbe wie du, Noeira. Sie hat mit den anderen Weibern draußen auf dem Vorbau gesponnen. Königin Elsbeth war ganz begeistert.“ Viviane drehte sich zu Hanibu und nickte ihr zu. „Hanibu! Zeig Noeira mal dein Geschenk!“

Hanibu hielt Noeira strahlend einen Stoffbeutel hin.

„Oooh! Der ist aber schön gewebt, mit Ornamenten und einer feinen Kordel“, seufzte Noeira und drehte den Beutel hin und her. Ach, ein Bär und ein Hirsch sind auch noch eingewebt! Hast ihn wohl von Elektra bekommen?“

Hanibu nickte begeistert und erklärte langsam: „Von Königin Elsbeth habe ich das geschenkt bekommen, was drinnen ist.“

Noeira zog an der Kordel und lugte hinein.

„Beim Geweih von Cernunnos! Das nächste Mal nimmst du mich auch mit, Viviane, wenn du wieder zum König musst! Eine geschnitzte Spule aus Lindenholz und auch noch bis zum Geht-nicht-mehr mit feinstem roten Lein voll!“

Viviane lachte auf.

„Das Garn hat Hanibu selbst gesponnen, als sie bei den Weibern draußen saß. Königin Elsbeth wollte ihr etwas zu tun geben, solange sie auf mich warten musste. Als sie dann Hanibu beobachtet hat, war sie so zufrieden mit ihr, dass sie ihr die Spule geschenkt hat. Und damit sie die nicht den ganzen Heimweg in der Hand tragen muss, hat ihr Elektra noch ein Täschchen geschenkt.“

Das dünne Garn ging von Hand zu Hand, wurde gebührend gelobt und natürlich wollte jeder wissen, wie es Hanibu bei Königin Elsbeth ergangen war.

Hanibu redete in der Mundart der Hermunduren, Griechisch, Äthiopisch und mit Gebärden. Flora und Taberia hörten aufmerksam zu, Noeira saugte förmlich jedes ihrer Worte und Gesten in sich ein – so wie sie dastand: nach vorne gebeugt, mit offenem Mund.

Großmutter Mara nahm derweil Viviane am Arm und zog sie Richtung Backofen.

„Und?“

Viviane feixte.

„Es hat besser funktioniert, als ich erhoffen konnte. Ich habe ihm erklärt, wie wichtig das Baby für Tinne ist und dass ich von diesem Glücksfall viel lernen kann. Er hat auch eingesehen, dass man mit so einem Winzling weit vorsichtiger umgehen muss, als mit einem normalen Baby. Wir haben einen Kompromiss geschlossen. König Gort will Tinne selbst das Essen vorbeibringen. Stell dir vor, was für eine Ehre! Dann nimmt er Tinne mit zum Göttertanz und ihre Sklavin bleibt so lange bei Germania. Für den Segen haben wir auch eine Lösung gefunden. Afal kommt extra für die Kleine mit geweihtem Wasser zu Tinne ins Haus. Aber er wird nur ihre Stirn benetzen und im nächsten Jahr bekommt sie ihre richtige Lebensweihe.“

Großmutter Mara nickte anerkennend.

„Und was hat er zu deinem Geschenk gesagt?“

Viviane prustete los.

„Gesagt?! Er hat in den Krug hineingeschaut, tief eingeatmet und dann hat er gefragt, ob Großmutter Mara noch mehr so extravagante Muster auf ihren Krügen hätte. Dieses hier wäre ganz vortrefflich gelungen. Er hat den Krug auf das höchste Regal gestellt, wahrscheinlich, damit niemand außer ihm ran kommt, und immer mal einen bewundernden Blick darauf geworfen, wenn er gedacht hat, ich sehe es nicht.“

Großmutter Mara gluckste und sah verträumt vor sich hin.

„Er hat als Kind schon so gerne Himbeersaft getrunken. Kaum war sein Horn leer, stand er wieder am Fass, gemeinsam mit Arminius. Die beiden haben oft zusammen gespielt … und gestritten … und sich geprügelt. Ach ja, die wundervolle Zeit der Kindheit …“

Viviane nickte schelmisch und wackelte mit ihrem Zeigefinger. „ … jetzt verstehe ich.“

Sie gingen wieder zurück zu den anderen, wo Noeira schon aufgeregt winkte.

„Viviane! Elektra will sich auch mal anhören, wie ihr auf der Tin Whistle spielen könnt. Lew hat ihr davon erzählt und sie hat Hanibu gefragt, ob ihr noch übt.“

Viviane lachte und schaute zur Sonne.

„Wenn unsere kleinen Schafhirten heimkommen, kann es gleich losgehen. Wo bleiben die beiden eigentlich?“

Flora winkte ab.

„Die baden auf dem Heimweg mit den Männern zusammen. Ihre Weide ist gleich oberhalb der Festwiese und weil die Männer ohnehin dort sind, wollten sie die große Badestelle ausnutzen. Wie du siehst …“

„Ja, ja. Sie denken sehr praktisch. Was da wohl länger dauert? Das Grasen der Pferde oder das Baden der seeehr verschwitzten Männer, die noch zwei junge Fohlen beaufsichtigen müssen. Wenn sich das herum spricht, stehen die Sklaven bei mir Schlange, um einen Posten als Pferdewirt zu ergattern.“

Flora drehte sich sofort zur Burg.

„Jetzt, wo du das sagst … bei dir würde es einem Sklaven richtig gut gehen.“

„Wieso? Hat jemand seinen Ehrenpreis verloren?“

„Noch nicht. Aber das Weib von unserem ältesten Krieger, der gefallen ist, hat keine Kinder. Ich könnte mir vorstellen, dass sie bald nicht mehr alleine zurechtkommt. Und in ihren Mutterclan will sie nicht wieder zurück. Das hat sie mir jedenfalls erzählt, als ich mich mit ihr unterhalten habe.“

Viviane sah ihre Mutter fragend an.

„Da warst du gerade zur Reinigung oben im Heiligtum, Kind.

„Oh, daran habe ich ja noch gar nicht gedacht. Ich war so damit beschäftigt, für Tinne eine brauchbare Lösung zu finden … Aber ich werde ihr natürlich gerne eine Arbeit bei mir anbieten, die ihrem Alter entspricht.“

Flora legte Viviane die Hand auf die Schulter.

„Bei dir kann sie unbesorgt alt werden, da bin ich mir sicher.“

„Hm, aber vielleicht nimmt sie sich auch wieder einen neuen Mann? Dann gebe ich sie frei und zwar ohne Rückkauf vom Ehrenpreis.“

Flora tätschelte dankend Vivianes Schulter und die nutzte die Gunst der Stunde.

„Ich will nach dem Abendessen zu Baria.“

Floras Hand rutschte kraftlos an Vivianes Arm herab, und das Lächeln gefror ihr im Gesicht.

„Heute Abend schon? Sonst gehst du doch immer vor Sonnenaufgang? Ist irgendwas passiert? Hast du sie unterwegs im Wald wieder gerochen?“

„Nein, nein, keine Bange, und gerochen hab ich sie auch nicht. Sie weiß doch, dass sie mich nur rufen muss, wenn sie mich braucht.“

„Warum willst du dann so früh los?“

Viviane winkte ab.

„Keine Sorge, Mama! Ich will auf der Lichtung noch meditieren, bis sie zu mir kommt!“

„Was!? Du bist wohl nicht ganz bei Trost!? Hast du nicht gesagt, wenn jemand zwischen den Welten wandert, dann bekommt er nichts mehr um sich herum mit, weil der Geist den Körper verlässt? Und da willst du dich in die Höhle des Löwen setzen!?“

Flora fuchtelte wild mit den Händen über Vivianes Kopf herum und schnaubte: „Dein Geist flattert irgendwo in der Gegend herum und dein Körper ruft: Kommt alle her und fresst mich! Ich kann mich nicht wehren!?“

Viviane hielt beschwichtigend die Hände ihrer Mutter fest und zog sie nach unten.

„Jetzt übertreibst du aber, Mama, von wegen Höhle des Löwen …“

„Na, ist doch egal, ob du nun von einem Wolf gefressen wirst oder … da laufen ja auch noch Wildschweine im Wald rum und Luchse und Bären und …“

„Oder ich setze mich aus Versehen in einen Ameisenhaufen und schnipp-schnapp …“

Viviane schlug die Zähne aufeinander. „ … bin ich abgenagt. Jetzt ist es aber gut, Mama! Es hat eben seine Vorteile, wenn man in der Höhle des Löwen meditiert.“

„Ach! Was sollte daran von Vorteil sein?!“

„Na, denk doch mal nach! Wer ist das gefährlichste Raubtier im Wald?“

„Na, eben doch! Der Wolf!“

„Und würdest du als Wildschwein oder Bär freiwillig in die Nähe von einem Wolf gehen?“

„Äh … nein. Da wäre ich ja lebensmüde!“

„Na also! Dann kannst du heute beruhigt schlafen und ich beruhigt wandern.“

Flora gab es auf.

„Ich press noch schnell den letzten Tropfen Saft aus meinen Himbeeren. Das kommt mir jetzt gerade recht. Du willst bestimmt mit den Kindern auf der Tin Whistle üben, wenn sie heim kommen.“

„Ganz recht. Ich gehe mit ihnen in den Baumgarten, da bin ich dir aus dem Weg. Ich habe auch schon ein schönes, beruhigendes Liedchen im Sinn. Es heißt praktischer Weise ‚der heulende Wolf‘.“

Als die Männer heimkamen, summte Flora an ihrer Saftpresse eine melancholische Melodie mit, die von Vivianes kleiner Zinnpfeife ausging, bis die Kinder zu üben begannen. Aber es dauerte gar nicht lange, da hörte sich auch ihr Spiel richtig gut an und sie versuchte es noch einmal mit summen. Nach dem Abendbrot war sie so gut gelaunt, dass sie sich an Vivianes neues Fidchellspiel erinnerte, und schon lagen alle draußen auf den Kuhhäuten, genossen den lauen Sommerabend und gaben Lavinia und Robin nebenbei gute Ratschläge. Damit es nicht zu lange dauerte, hielten sie die Wege kurz und die Kuhhäute eng zusammen. Es war ein ziemliches Gefuchtel und Gerede, doch die beiden wollten gar nicht mehr aufhören, obwohl sie gegen jeden Gegner, der sich ihnen gegenübersetzte oder -legte, verloren.

Verlieren war prima, denn wer verlor, durfte zum Trost den rosa Elefanten, Rosvinia, drücken und mit seiner schlechten Laune füttern, weshalb Rosvinchen sich ihren Bauch mit enorm viel Frust der Verlierer vollfraß. Kaum war sie satt, konnte das nächste Spiel beginnen, bis Robin das Rosvinchen beim Füttern selbst verschlingen wollte.

Im Angesicht dieser drohenden Gefahr für wohlgenährte rosa Elefanten, erklärte Arminius den Abend für beendet und Viviane sprang auf die Füße. Silvanus zerrte sie gleich mit hoch.

Flora stutzte.

„Ich denke, Silvanus darf nicht mit, wenn Baria sich zeigen soll?!“

Silvanus winkte ab.

„Ich begleite sie nur ein Stückchen, Mutter. Da kann ich gleich noch mal nach unseren Pferden sehen.“

Arminius sah von seiner allerallerletzten Partie Fidchell mit Lavinia auf, hielt ihr jedoch sicherheitshalber die Hände fest.

„Aber dass mir keine Klagen von den … Pferden kommen, Silvanus!

Alle um ihn herum kicherten und Conall schlug dabei mit der Hand so kräftig auf die Kuhhaut, dass die kleinen Holzschildkröten in die Luft flogen. Lavinia johlte begeistert und konnte sie schnell zu einem neuen Spiel arrangieren, bevor Arminius eine besonders weit hüpfende Pantherschildkröte eingefangen hatte. Nachsichtig schüttelte er den Kopf über so viel Eifer.

Silvanus griente, hob Viviane wie ein Kind auf die Arme und stolzierte mit folgenden Worten zum Tor hinaus: „Ich trage deine Tochter auf Händen, Arminius, und werde mich bemühen, dass sie sich nie über mich beschweren muss.“

Arminius überprüfte seine enormen Armmuskel.

„Recht so, mein Sohn. Was anderes hatte ich auch nicht erwartet.“

Viviane winkte lachend und Silvanus trug sie durch das Tor um die Palisaden herum.

„Jetzt kannst du mich wieder runter lassen, Silvanus.“

Silvanus schüttelte den Kopf.

„Erst, wenn wir da sind.“

„Aha. Und wo ist das: da?“

„Lass dich überraschen.“

Silvanus ging an den Gattern der Ziegen, Schweine und Gänse vorbei. Selbst bei ihren erbeuteten Pferden machte er nicht halt, lief durch das offene Eichentor zum Dorf hinaus und am kleinen Bach entlang. Der Stier, in seiner Umfriedung aus Hainbuchensträuchern, muhte ihnen kurz nach und graste weiter.

„Warum haben wir erst jetzt das Tor zugemacht? Ich dachte, ihr habt das vorhin gleich erledigt, als ihr von eurem Ausritt gekommen seid?“

„Ich habe Vater gesagt, wo ich hin will, damit er sich keine Sorgen um dich macht.“

„Und, was hat er gesagt?“

Silvanus griente sie vielsagend an.

„Ach, er hat nur gesagt, ich soll das Tor nicht vergessen, sonst muss er noch mal raus und es zumachen. Und das wollen wir doch vermeiden. Dann hat er gelacht.“

Viviane verschränkte die Arme, kniff die Augen zusammen und linste Silvanus durch einen kleinen Spalt heraus an.

„So, so. Und was hat er wirklich gesagt?“

„Viviane! Sehe ich aus wie ein Lügner!? Wenn ich mich recht entsinne, warst du bei unseren Kinderstreichen immer diejenige, der man genauer zuhören musste!“

Vivianes Blick hatte sich noch nicht verändert. Silvanus verdrehte die Augen zum Abendhimmel.

„Na gut, na gut. Aber das ist eigentlich nur was für Männer.“

„Ich hab schon einiges erlebt, was eigentlich nur für Männer ist, Silvanus. Also …“

„Warte bis wir da sind, dann sag ich’s dir.“

Viviane legte ihm wieder die Hände um den Hals, zog einen Schmollmund und kraulte seinen Nacken.

„Nur, wenn’s nicht allzu lange dauert.“

Silvanus seufzte.

„Immer diese Ungeduld von den jungen Stuten. Apropos: Ich hatte zwar auch ein schönes Plätzchen bei unserer Festwiese gefunden, aber damit wäre Vater garantiert nicht einverstanden gewesen. Und meine Arme auch nicht. So, da wären wir schon.“

Silvanus schlängelte sich geschickt durch eine Ansammlung junger Birkenbäume, kniete nieder und legte Viviane ins weiche Moos. Doch sie ließ seinen Hals nicht los, zog ihn neben sich und kuschelte sich schnell in seine Achsel. Den Rest von Silvanus klammerte sie mit einem Bein fest und betrachtete die unzähligen kleinen Birkenzweige um sich herum.

„Das hätte ich mir eigentlich denken können. Unser alter Platz, wo wir früher immer die Wolkenbilder von Vater Himmel beobachtet haben.“ Sie strich über das weiche Moos. „Damals war hier mehr Gras und die Birkenbäumchen waren auch noch nicht da.“

„Hm, hat sich verändert in den paar Jahren und ist richtig schön dicht mittlerweile. Sieht ein bisschen wie unser Birkenhain bei der Festwiese aus, nur in Miniaturformat und von außen uneinsehbar.“

Viviane nickte verschmitzt.

„Fehlt nur noch der Stein unserer Fruchtbarkeitsgöttin, dann ist es perfekt.“

Silvanus öffnete seine Gürteltasche und legte Viviane einen flachen, schwarz-weißen Kieselstein in die Hand.

„Auch eine Miniatur, aber sonst …“

Viviane strich über die glatte ovale Fläche, drehte ihn um und besah sich die schwarze Unterseite.

„Der ist ja fast zweigeteilt. Wo hast du ihn denn gefunden?“

„In der Badestelle, als ich heute vor Loranthus geflüchtet bin.“

Viviane lachte.

„Das kann ich mir gut vorstellen. Du Armer. Und?“

„Was, und!? Ich bin ihm natürlich entkommen und Conall hat ihn erwischt.“

Viviane schob sich halb auf Silvanus und schlang ihr Bein noch fester um ihn.

„Ich meinte eigentlich, was Vater zu dir gesagt hat.“

Silvanus verdrehte die Augen.

„Also gut! Wenn du’s unbedingt wissen willst! Er hat gesagt, ich kann’s ruhig laufen lassen, es wäre ja eh schon alles zu spät.“

Viviane prustete los, warf sich ganz auf Silvanus und kicherte an seinem Hals weiter.

„Vater ist immer so praktisch veranlagt. Aber wenn du denkst, er wäre damit der Einzige, dann hast du dich getäuscht. Nora hat das auch zu mir gesagt, als ich beim Großopfer bei ihr und Harthu gesessen habe.“

Jetzt prustete auch Silvanus los.

„Kann ich mir denken. Bei denen ist ja auch schon alles zu spät.“

Viviane fummelte am Haken seines Gürtels herum. Das schwere, kupferne Knotenmuster klappte zur Seite und sie schnurrte ihm ins Ohr: „Na, dann wollen wir mal die Gelegenheit ausnutzten, wenn wir so schön alleine sind.“

Silvanus packte die Hand, die ihm gerade das Hemd hochziehen wollte.

„Erst will ich von dir wissen, wie du dir das nachher vorstellst, bei Baria.“

„Sag ich dir. Aber nur, wenn du das Hemd ausziehst.“

„Warum? Muss man beim Meditieren das Hemd aus haben?“

Viviane lächelte geheimnisvoll und raffte ihm das Hemd über den Kopf.

„Quatsch. Aber mir gefällst du ohne Hemd besser.“

„Gut. Aber dann auch du!“

Er hatte das letzte Wort kaum ausgesprochen, da war Viviane auch schon aufgesprungen, hatte ihren Gürtel aufgehakt und riss sich Überkleid und Unterkleid vom Leib. Silvanus schüttelte grinsend den Kopf und leckte sich die Lippen.

„Gierig wie eine siebenköpfige Raupe.“

„Also pass auf!“ ermahnte Viviane mit hochgehobenem Zeigefinger und setzte sich neben ihn. „Die gierige Raupe setzt sich so in den Runensitz und schließt die Augen.“

Silvanus besah sich Vivianes verschränkte Beine und schlug umständlich seine eigenen ineinander.

„Hm. Ich glaub, meine Beine sind für solche Verrenkungen viel zu lang!“

„An dir ist alles … lang“, säuselte Viviane, hielt aber die Augen geschlossen. „Mit ein bisschen Übung ist das gar nicht so schwer. Jetzt die Hände auf die Knie und entspannen!“

Silvanus fuchtelte mit seinen Händen vor Vivianes Nase herum und zog Grimassen.

Viviane lächelte, ohne die Augen zu öffnen, und knurrte: „Entspannen, hab ich gesagt!“

Silvanus kniff die Augen fest zu und legte betont artig seine Hände auf die Knie.

Viviane brummte zufrieden und gab ihrer Stimme einen beruhigenden Klang.

„Jetzt hörst du den Grillen zu, fühlst den warmen Sommerabend, schmeckst das Aroma des Windes, riechst die Düfte, die dich umgeben und denkst an eine schöne, langsame Melodie. Dein Geist wandert vom Gehirn über deine Augen, deine Nase, deine Lippen, deine Ohren, deinen Hals und über die Schultern, bis hinab in deine Fingerspitzen. Dort gibst du ihn frei und lässt ihn fliegen, weit hinauf zu Vater Himmel.“

Viviane linste durch ihre Wimpern und betrachtete Silvanus’ Hände. Seine Handflächen zeigten nach oben, seine Fingerspitzen spreizten sich auseinander. Er war wirklich entspannt.

„Du kannst jetzt deinen Geist überall hin fliegen lassen und er wird dir die Antworten bringen, die du suchst.“

Silvanus’ Kopf kippte leicht nach hinten und seine Lippen öffneten sich. Viviane griente und streichelte mit ihrer Hand über seinen Rücken.

„Ich suche beispielsweise die Antwort auf die Frage, wann wir endlich die Gelegenheit ausnutzen. Ich wollte nämlich nicht erst durch den Wald stolpern, wenn es dunkel ist.“

„Mmmh, mach nur weiter so. Mein Geist kommt schon angeflattert“, brummte Silvanus, schlug ein Auge auf und schielte zu ihr rüber. „Da gibt es nur ein Problem: Ich bekomm den Knoten in meinen Beinen nicht wieder auseinander.“

„Welch eine Misere!“, seufzte Viviane, stand auf, beugte sich über ihn und besah sich höchst nachdenklich seine Stellage. Mit einem „So könnte es gehen“ zog sie seine Hände hoch auf ihre Brüste, empfahl ihm, sich daran fest zu halten und biss sachte in sein Ohrläppchen, während ihr Körper an seinem Bauch hinunter glitt und sie sich auf seinen Knien abstützte.

„Sind deine Beine schon frei? Nein? Nun, wir sollten einfach das Beste draus machen“, hauchte ihr Atem an seinem Hals.

Viviane griente immer noch vor sich hin, als sie schon längst auf dem schmalen Wildwechsel unterwegs war, der sie direkt zu Baria führte. Sie kam schnell voran. Selbst als das Blätterdach dichter wurde, konnte sie alles deutlich erkennen und hörte die Geräusche der Waldbewohner. Obwohl sie sehr leise ging, wurde sie natürlich auch von ihnen bemerkt, aber nicht als Bedrohung wahrgenommen. Nur ein junger Rehbock schreckte bellend auf und huschte mit einer Ricke davon ins Dickicht. Kaum waren sie verschwunden, knackten dort die Zweige und ein leises Quieken verriet, dass eine Rotte Wildschweine ebenfalls flüchtete.

Viviane übersprang dagegen geräuschlos-leichtfüßig den kleinen Gebirgsbach und kam bald darauf zum Rande der Lichtung, auf der sie und Baria immer zusammentrafen.

Abwartend blieb sie stehen, strich sachte über ihre Lieblingsbirke und sog deren typischen Geruch ein. Sie war in den paar Jahren noch ein Stück gewachsen, das war ihr bisher noch gar nicht aufgefallen, wohl wegen der sonst herrschenden Dunkelheit. Auch die blaugrünen Gräser wiegten sich heute nicht silbrig schimmernd im Nachtwind, sondern verschmolzen mit dem blaubeerfarbenen Abendhimmel. Ihre winzigen Ähren standen filigran über den weichen Grasbüscheln wie zarte Kunstwerke, geschaffen von Meisterhand.

Viviane betrat die Wiese, ließ ihre Finger darüber streifen. Flauschige Hummeln brummten behäbig an ihr vorbei und auch die flinken Bienen schwirrten noch emsig zwischen rotem Klee und blauen Lupinen hin und her, während sie ihre Schritte bedächtig setzte, um sie nicht zu stören.

Langsam bewegte sie sich auf ihren alten Baumstumpf zu, doch diesmal setzte sie sich nicht darauf, sondern davor ins Moos. Lächelnd strich sie darüber, sah sich noch einmal auf der Lichtung um und zog die Beine ineinander. Die Hände legte sie auf ihre Knie, den Kopf lehnte sie an das alte Holz, seufzend schloss sie die Augen.

Das Moos war angenehm warm und weich, Gras und Kräuter verströmten ihre Düfte, Bienen summten leise, friedlich. Die Vögel zwitscherten wesentlich lauter und machten das Lied der Dämmerung vollkommen.

Viviane öffnete leicht ihre Lippen, atmete langsam ein. Die laue Nacht legte sich auf ihre Zunge. Die Mondgöttin rief ihren Geist zu sich.

Behäbig floss er durch ihren Körper und quoll hinaus wie ein Bach aus seiner Quelle. In einem schmalen Rinnsal rann er zum Waldrand, schlängelte sich zwischen den Buchen und Birken hindurch und rieselte knisternd über die trockenen Nadeln unter den mächtigen Tannen. Das gleichmäßige Summen blieb auf der Wiese zurück, auch das Tschilpen wurde leiser wie ein abklingendes Harfespiel, gezupft auf göttlichen Saiten, sanft, einfühlsam.

Die Vögel verstummten ganz und sahen neugierig dem Rinnsal hinterher, das sich an den knorrigen Wurzeln der alten Eichen entlang wand, immer weiter, bis es sich endlich mit dem klaren Gebirgsbach vereinigte. In diesem Augenblick legte die Göttin der Nacht ihren diamantbesetzten Mantel über ihren Vater Himmel und der Bachlauf erstrahlte im Glanz der Gestirne, spielte mit ihnen Verstecken. Bald aber standen die Bäume so dicht, dass selbst das helle Mondlicht ihre Wipfel nicht mehr durchdringen konnte und der Bach gewann das Spiel.

Freudig umspülte er die Steine und passte sich sanft den Windungen seines alten Bettes an. Von überall her kamen kleine Rinnsale herbei und vereinigten sich mit ihm, ließen ihn anschwellen, manchmal sogar ein wenig tosen. So plätscherte der Gebirgsbach lange im Dunkeln dahin, ohne den Verlauf zu sehen, einfach nur, weil es sein ureigener Weg war, den er immer nahm.

Ganz allmählich öffnete sich der düstere Wald zu einer Aue.

Silbern schwankten lange Gräser im diffusen Licht der Mondgöttin und wiegten sich in den Armen von Bruder Wind. Der Bach aber wand sich nun nicht mehr in engen Kurven, sondern wurde breiter, ruhiger. Gemächlich strömte er an großen Felsblöcken vorbei, die zwischen seinem Bett und einem schmalen Wiesenweg lagen. Etwas Animalisches ging lautlos darauf, bewegte sich geschmeidig.

Der Rhythmus seiner Schritte passte sich der Geschwindigkeit des Wassers an. Mühelos übersprang es die Felsen, trennte sich nie vom Bach und schaute auf das Ende des Weges, wo das Mondlicht in einem stillen See glitzerte. Der Bach ergoss sich hinein, kam zur Ruhe, schlief ein.

Am anderen Ufer ragte ein riesiger Opal empor. Ein Schwert steckte darin. Die Göttin der Nacht strich mit ihren silbernen Fingern über die beiden Drachen, die darauf eingraviert waren und sich um einen Baum wanden. Das Wasser spiegelte das Mondlicht, warf es gegen das glänzende Schwert und es sah fast so aus, als würden sich die Drachen im Takt der Strömung bewegen.

Lautlos, bedächtig trat eine Wölfin aus den Schatten der Nacht und legte eine Pfote auf den schwarzen Edelstein. Schon tasteten sich die Finger der Nachtgöttin ganz sanft an den Krallen entlang, streiften den Lauf und warfen schließlich behutsam einen Mantel aus Mondlicht über ihr gesamtes grau-braunes Fell. Vollkommen still verharrte die große Gestalt der Wölfin in majestätischer Würde, kraftvoll, animalisch, überflutet von einer Aura aus Silber. Selbst ihre wachsamen, klugen Augen beobachteten erhaben das schlafende Wasser, das sich in ihnen widerspiegelte, sie schimmern ließ wie polierte Bernsteine.

Viviane schlug die Augen auf, sah ihrerseits in die gelb-braunen Augen von Baria und lächelte. Auch die Wölfin schien zu lächeln und als Vivianes Hand sich auf ihre Pfote legte, schloss sie ihre Augen. Ein wohliger Laut kam aus ihrem tiefsten Inneren. Viviane ahmte den Laut nach, kniete sich vor die Wölfin und umarmte sie.

Baria schmiegte ihren Kopf an Vivianes Hals und beide sogen den unverwechselbaren Duft der anderen ein. Gemächlich legte sich Baria ins Moos, ließ sich von Viviane streicheln und kämmen und lauschte der ruhigen Stimme ihrer Mutter.

Später verstaute Viviane die ausgekämmten Haare in einem Holzdöschen und legte sich ebenfalls ins Moos. Baria rollte sich neben ihr zusammen und schob ihren Kopf in Vivianes Achsel. Eine Pfote legte sie auf Vivianes Unterbauch.

Schweigend genossen beide die wohlige Wärme des geliebten Wesens, bis es plötzlich gegen Barias Pfote klopfte. Viviane hob den Kopf und sah verdutzt auf Barias Pfote, doch die Wölfin ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Dann begriff auch Viviane, wer da gegen ihren Bauch geklopft hatte.

„Das war das erste Mal, dass ich es selbst gespürt habe“, flüsterte sie strahlend und kraulte Baria mit der einen Hand die Ohren. Die andere legte sie über ihre Pfote.

„Weißt du, es ist schon seltsam, dass ich mich deine Mutter nenne, Baria. Wo du doch viel früher gemerkt hast, dass ich ein Kind erwarte, als ich selbst. Da kannst du mal sehen, wie viel mein menschlicher Instinkt wert ist gegen deinen animalischen. Hm. Woran das wohl liegt, dass ich da nicht mithalten kann. Vielleicht, weil mein Leben einfacher ist als deines. Du bist der Jäger, immer auf der Hut, um zu überleben. Und ich …“

Viviane gluckste leise und sah Baria in die wachsamen Augen. „ … kann noch viel von dir lernen. Doch nun steigt Ostara über den Horizont, umhüllt von ihren schönsten goldenen Gewändern. Es wird Zeit für uns.“

Baria erhob sich und legte ihrer Ziehmutter die Pfote auf die Schulter, so, wie es Viviane mit ihr machte, wenn sie sich hinlegen sollte. Viviane verstand und wartete geduldig, bis Baria wiederkam.

Sie war nicht allein.

Drei kleine Wölfchen folgten ihr und tapsten zielstrebig auf Viviane zu. Sie beschnupperten ihre Hände, kletterten über ihre Beine und drehten sich ein paar Mal um sich selbst. Nach kurzem Gerangel hatte jeder einen Platz auf Vivianes Kleid gefunden und sie kuschelten sich eng aneinander. Viviane streichelte Baria mit der einen und ihre Jungen mit der anderen Hand.

Nach einer Weile erhob sich Baria und trug ihre Kleinen der Reihe nach wieder in den Bau. Sie kam noch einmal zurück und legte Viviane ihre Pfote aufs Knie. Viviane legte ihre Hand darüber.

„Wenn du mich rufst, werde ich da sein. Wenn ich dich rufe, wirst du da sein. Bis bald, meine Tochter.“




Drei gängige Schlüssel, um Gedanken aufzuschließen: Trunkenheit, Vertrauensseligkeit, Liebe


Noeira stemmte die Hände in die Hüften.

„Wird auch Zeit, dass du endlich zum Waschen kommst! Mutter hat sich schon Sorgen gemacht. Ich habe extra auf dich gewartet. Die anderen kochen schon den Hirsebrei. Hast du unterwegs getrödelt? Oder …“ Noeira stutzte. „Dreh dich mal! Hat Baria dich etwa …?“

Viviane rollte mit den Augen, wandte sich übertrieben hin und her, zog ihr Kleid aus und hielt es Noeira ausgebreitet vor die Nase. Mit großer Geste schwenkte sie es zur Seite und deutete triumphierend auf ihren nackten Körper.

„Kleid in Ordnung und an mir noch alles dran, wie du siehst. Wir haben uns ganz lange unterhalten und dann hat sie mir noch ihre drei Jungen gezeigt. Baria saß richtig stolz neben mir, und ich habe die Kleinen gestreichelt.“

„Was? Drei Wölfchen? Gestreichelt?!“

Noeiras Worte sprudelten aus ihrem Mund und ihre Hände schoben sie wieder zurück. Deshalb kam als nächstes nur noch ein gedämpftes „Beim Geweih von Cernunnos! Ist das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?“, zwischen ihren Fingern hindurch.

Viviane zog fragend die Augenbrauen hoch und wusch sich gemächlich das Gesicht. Noeira wackelte ungeduldig mit dem Kopf und legte die Hände in ihre typische Denkerpose – eine ans Kinn, die andere an die Hüfte, den Fuß noch zur Seite weg.

„Ich meine doch: Hat sie ihre Kleinen geholt, damit sie dich kennen lernen oder zeigt ihnen Baria schon mal ihre zukünftige Beute?“

Noeira schlug zur Verdeutlichung ihrer Worte die Zähne aufeinander. Viviane prustete in ihre mit Wasser voll geschöpften Hände und wischte sich die Tropfen von der Brust.

„Es ist natürlich ein gutes Zeichen. Baria hat sehr viel Vertrauen in mich, sonst würde sie mir ihren Nachwuchs doch nicht schutzlos ausliefern.“

„Schutzlos!?“, schnaubte Noeira verächtlich. „Ha! Wer’s glaubt! Ich dachte, Baria hat genau neben dir gesessen!? Da braucht sie doch nur mit dem Maul rum schnappen und zack …!“ Noeira spreizte die Finger und packte ihren eigenen Hals.

Viviane wusch sich die Achseln und antwortete so geduldig, als müsse sie einem Kind erklären: „Baria hat einen Instinkt. Sie weiß, dass ich ihren Kindern nichts tue und ich weiß, dass sie mir nichts tut. So etwas nennt man Vertrauen.“

„Aha. Und wenn Baria mal seeehr, seeeeeehr lange nichts gefressen hat, kann man ihr da auch vertrauen und sorglos in ihre Nähe kommen?“

„Baria hat genug zu fressen im Wald.“

„Aber was wäre, wenn nicht?“

Viviane wiegte den Kopf, beäugte Noeira von oben bis unten, schnalzte mit der Zunge und schmatzte, als hätte sie an einem dicken Brocken zu kauen.

„Mich würde sie nie angreifen, aber jeder andere sollte sich hüten. Wölfe sind gute Beobachter. Die würden sofort merken, wenn ein schwacher, wehrloser Mensch durch ihr Revier geht.“

„Sag ich doch!“ Noeira schnappte wieder nach ihrem Hals, krächzte, röchelte, rollte mit den Augen und ließ den Kopf schlaff hängen. Dann zerrte sie sich mit ihren eigenen Händen wieder gerade und betrachtete Viviane argwöhnisch von der Seite, wie sie sich mit ihrem Wolltuch die Zähne polierte.

„Und warum sollte sie ausgerechnet dich nicht fressen wollen? Du setzt dich ihr ja geradewegs auf den Tisch? Einfacher geht’s doch gar nicht mehr! Braucht nur noch das Maul aufzumachen! So wie früher, als du sie gefüttert hast!“

„Weil wir Freunde sind“, stellte Viviane fest, ohne im Putzen inne zu halten.

„Pfhh.“

„Noeira!“ Viviane ließ ihr Tuch entsetzt sinken. „Würdest du deine Mutter töten?“

„Bei allen Göttern!“, japste Noeira. „Nein! Natürlich nicht! Der Himmel soll mir auf den Kopf fallen, wenn ich bloß darüber nachdenken sollte!“ Sie legte den Kopf schräg, um nach den ersten Anzeichen derartiger Vorkommnisse zu suchen. „Und natürlich würde ich auch nicht meine Kinder und Kindeskinder töten, so wie du auch nie Baria und den Ihren etwas tun würdest. Ja.“ Sie nickte überzeugt. „Ich schätze mal, so etwas nennt man Vertrauen!?“

Viviane wusch schmunzelnd ihr Wolltuch aus und hängte es zum Trocknen an einen Ast. Noeira lächelte ebenfalls und klatschte in die Hände.

„Heute Abend ist Sonnenwendfeier!“, trällerte sie beschwingt.

„Weiß ich doch, Noeira!“

„Und? Was kann man da gebrauchen?“

„Durchhaltevermögen und Standfestigkeit, würde ich mal sagen“, raunte Viviane verschwörerisch und warf sich aus dem Stand in den Liegestütz.

„Gute Idee! Davon kann man bei so einem Fest nie genug haben!“, kiekste Noeira und begann mit Hüftkreisen.

Nach dem Frühstück gingen alle in den Schuppen und holten sich Kützen. Nur Noeira und Taberia hatten keine, denn die trugen ja schon ihre Babys auf dem Rücken. Lavinia und Robin liefen mit Ethmanja um die Wette über die Wiesen, Loranthus sah ihnen belustigt nach und atmete tief ein.

„Sammeln wir heute wieder Blumen, Viviane?“

„Nein, Loranthus. Heute sammeln wir Arnika, Gundermann, Beifuß, Johanniskraut und Eisenkraut.“

„Aha. Und was macht man mit dem ganzen Grünzeug?“

„Arnika stecken wir um unsere Felder, damit die Götter unsere Ernte segnen. Alles andere binden wir nach dem Mittag zu Röcken und Kränzen zusammen und bekleiden uns damit. Hier, schau mal! Das mit den gekerbten violetten Blüten ist Gundermann. Damit kann man prima Haarkränze flechten. Und nachher kommt auch was davon in die Suppe. Das dort, mit den kleinen schmalen Blättern und den gelben Blüten ist Johanniskraut – auch bestens geeignet für Kränze.“

Sie gingen ein Stück weiter und Viviane zeigte auf eine buschige Pflanze mit silbrig behaarten Blattunterseiten.

„Das ist Beifuß.“

„Die kenne ich! Beifuß sagst du? Wir nennen sie Artemisia.“

„Ach, nach eurer Göttin des Mondes? Interessant. Passt perfekt!“

Loranthus zückte sein Messer und setzte es an den langen Stiel, doch Viviane hob mahnend den Finger.

„Je länger du den Beifuß lässt, desto länger wird auch dein Rock sein, Loranthus!“

Loranthus hielt sofort inne und musterte Viviane argwöhnisch.

„Ich werde nur ein Röckchen aus diesem Grünzeug anhaben? Oh, nein! So was zieh ich nicht an! Da mach ich mich ja lächerlich! Ich bin der Spross einer uralten Händlerdynastie, die schon zur Hochzeit der alten Sumerer …!“

„Ah, die alte Schule! Dann dürftest du dich ja bestens auskennen! Und ob es ein Röckchen wird oder ein Rock, liegt ganz an dir! Je nachdem, was du zeigen oder verbergen willst!“

Loranthus kniff die Augen zusammen und legte den Kopf schief.

„Ob du’s glaubst oder nicht, Viviane: Ich hab dich schon verstanden. Und die Weiber?“

„Die haben meistens Röcke aus Eisenkraut um Hüfte und Busen.“

„Meistens? Bei allen Göttern! Zeus sei mir gnädig! Das wird ein toller Tanz! Schlimmer kann es gar nicht kommen!“

Kopfschüttelnd beugte er sich sehr weit hinunter und schnitt das Artemisia ganz knapp unter der Erde ab. „Jetzt weiß ich auch, warum das Kraut Bei – Fuß heißt“, vor sich hin brummelnd, betrachtete er missbilligend sein zukünftiges, im Moment noch recht dürftiges, Gewand und rannte schnell zum nächsten Büschel.

Allerdings hatte Loranthus seinen allmächtigen Göttervater Zeus nicht überzeugt, denn es kam noch viel schlimmer. Und das lag nicht am langen Weg, den er in einem sehr dichten und sehr langen Rock aus wohlriechenden Kräutern gehen musste, die auch hierzulande der Mondgöttin geweiht waren. Zeus kam extra zu Besuch und hatte einen Heidenspaß.

Das ganze Königreich traf wieder auf der großen Wiese vor der Burg zusammen, wo schon ein neuer Wall aus Holz und Gras aufragte, im Kreis darum viele kleinere Holzhaufen. Die Leute begrüßten sich, als hätten sie sich schon ewig nicht mehr gesehen und Loranthus verkniff sich das Lachen, indem er sich fest auf die Zunge biss. Seine Mundwinkel zeigten jedoch verräterisch nach oben und zuckten ab und zu.

Er fand es einfach urkomisch, dass alle wie wandelnde Büsche aussahen. Aber das Interessanteste war, dass es keinem außer ihm abnormal erschien und schon gar nicht amüsant.

Hanibu stand so ungezwungen bei Hirlas und Susanne, als würde sie jeden Tag in ihrem Kräuterzweiteiler herumlaufen. Dass sie dabei mit Händen und Füßen redete, passte irgendwie perfekt zum Gesamterscheinungsbild ‚äthiopischer Busch im Sturm‘ … Naschu streichelte Ninives gerundeten Bauch, den das Eisenkraut umrahmte, aber nicht verdeckte, und rutschte an seinem eigenen Rock den Beifuß zurecht … Silvanus und Tarian zupften johlend an Nions allzu kurz geratenem Röckchen herum, als könnten sie es durch Gegröle doch ein Stück verlängern … Nion sah derweil zufrieden in die Runde, weil viele aufmerksam wurden und kicherten … Noch schlimmer war es bei den jungen Maiden, die noch nicht ihre Weihe hatten. Die trugen tatsächlich nur einen Rock, obwohl manche von ihnen schon üppige Brüste vorzeigen konnten.

Loranthus wurde es ganz warm unter seinem behaarten Blattwerk. Erschrocken schielte er nach unten, um zu prüfen, ob nichts die Formvollendung seines Meisterwerkes störte. Sicherheitshalber lenkte er sich mit den freien Oberkörpern der Männer ab, das entspannte … Sehr schnell sogar, denn da bekam er nun massenhaft Muskeln zu sehen.

Nachdenklich strich sich Loranthus über die Brust, als müsse er sich auf das Kraulen der dortigen Haarkringel konzentrieren und betastete dabei unauffällig seinen Bauch … noch einmal zur Kontrolle … Doch, da war schon was! Zwar noch nicht viel, aber wenn er weiter so fleißig auf den Feldern arbeitete, konnte er vielleicht schon bald mithalten. Bis er so aussehen würde wie Conall und Arminius, müsste er allerdings die Felder des gesamten Königreiches beackern, des Großkönigreichs wohlgemerkt.

Bloß gut, dass keiner seine Gedanken lesen konnte. Also lachte auch keiner über ihn, während sie in Gruppen zusammen standen und erzählten und erzählten und erzählten. Wenn es nichts mehr zu erzählen gab, löste sich die Gruppe auf und hatte sich nach ein paar Schritten schon wieder umstrukturiert. Austausch von Neuigkeiten im keltischen Stil – unterhaltsam und effizient.

Loranthus hätte mit diesem besonders interessanten Informationstanz noch den ganzen Abend zugebracht, wenn nicht Lavinia und Robin so schnell angerannt gekommen wären, dass ihre Kräuterröckchen wie im Orkan hüpften und flatterten.

Natürlich drehten sich alle sofort um und komprimierten sich zum Pulk, denn es war ja wohl offensichtlich, dass hier die neuesten Neuigkeiten auf sie zugestürmt kamen. Dementsprechend lauschte jeder höchst aufmerksam, während Lavinia und Robin aufgeregt von ihrem Besuch bei Tinne und dem winzigen Baby erzählten, sowie mindestens zwei Dutzend Fragen gleichzeitig beantworteten.

Erst, als keinem mehr etwas fragwürdig erschien, durften sie mit den anderen Kindern über die Wiese toben. Da die Hunde dort auch mit rannten, war es schwer zu sagen, wer mehr Lärm machte, doch als die Hörner von der Burgmauer dröhnten, herrschte sofort Ruhe.

Hunde und Kinder eilten zu ihren Familien zurück und starrten erwartungsvoll zur Burg – ja, sogar die Hunde, aber eventuell aus einem anderen Grund.

König Gort trat zum Burgtor heraus. Hinter ihm gingen der Barde, Königin Elsbeth und Elektra. Auch sie waren im Kräutergewand und ihre Torques erstrahlten seltsam deplatziert in der Abendsonne. Barbarenkönig mit Anhang im Festgewand. Loranthus biss sich auf die Zunge und lenkte seine Aufmerksamkeit auf den Barden, der auf seiner Leier eine Melodie zupfte, zu der die Königsfamilie majestätisch einher schreiten konnte. Im konkreten Fall also eine Rotte musikalischer Wilder in Grün mit Rhythmusgefühl.

Bei allen Göttern des Olymp! Warum hatte ihn keiner gewarnt?! Elektra hatte auch noch nicht ihre Weihe!

Loranthus schnappte nach Luft, verbeugte sich hastig und tief, schielte aber in die entgegengesetzte Richtung. Seine Augen waren derartige Verrenkungen nicht gewöhnt und starrten natürlich auf die falsche Stelle, sodass er mehr fühlte, wie Elektra an ihm vorüber raschelte, als dass er es sah.

Dafür atmete seine Nase ganz von selbst genüsslich ein, Elektra roch immer so herrlich nach Rosenöl. Diesmal vermischte sich der Duft ihrer Haut mit dem Wohlgeruch von Eisenkraut. Noch ein tiefer Atemzug und Loranthus wurde es schlagartig heiß unter seinem tragbaren Schattenspender.

Die wildesten Phantasien überkamen ihn im Bruchteil eines Wimpernschlages und er rannte gerade hinter Elektra über eine üppige Blumenwiese, als die Hörner riefen und er mitten im Hechtsprung gegen einen Stier krachte. Durch den Rückprall landete er inmitten von grünen Büschen und wollte sich auf einem bequemen Heuhaufen ausruhen, wurde aber mit kräftigem Rückenwind stetig schwebend weiter befördert und nach der Landung ziemlich rabiat in die Erde gepflanzt.

Schwachsinn, natürlich stand er im Kreis um den Opferplatz, flankiert von Conall und Arminius, im Rücken Silvanus. Elektra, gegenüber auf der anderen Seite des Scheiterhaufens, zwinkerte ihm zu. Leider war nur ihr Kopf zu sehen, doch das hinderte Loranthus nicht am Weiterträumen, der Barde spielte dazu noch die passende Melodie namens ‚schwimmen in den Sonnenuntergang hinein‘.

Die hohen Druiden kamen nacheinander durch das Burgtor und warfen Blütenblätter vor sich auf den Weg. Über diese Blüten liefen zwei junge Stiere und zwei große Schafböcke. Sie wurden von niederen Opferdruiden geführt, waren wieder übervoll mit Blumen behängt und ihre Hörner glänzten golden.

Während sich Loranthus mit Elektra in einer heißen Quelle vergnügte, überlegte er nebenbei, wie viel Gold der Clan von Viviane wohl besaß. Sie mussten sehr reich damit gesegnet sein, wenn sie es so vielen Opfertieren um die Hörner legen konnten.

Afal stellte sich neben die aufgeschichteten Holzscheite und die anderen Druiden schlossen zu ihm auf. Wie nicht anders zu erwarten, trugen auch sie ein Kräutergewand und die Frauen sahen richtig schick aus, stellte Loranthus fest, als er von Viviane über Madite zu Fea sah. Selbst Amaturix trug sein Röckchen mit Würde und enthüllte seine kräftigen Beinmuskeln; während Gardan eher sehnig gebaut war.

Nur Afal verbarg seinen Körper samt Grünzeug unter seinem abstrakten Umhang aus allen möglichen Tierfellen. Die angehängten Rabenfedern bewegten sich leicht, als er vor den Opfertieren entlang ging und allen eine Handvoll Kräuter aus seiner goldenen Schale reichte.

Als die Tiere bereitwillig kauten und ins Gras nieder sanken, erhaschte Loranthus einen zufriedenen Blick von Viviane. Sie schien aber nicht erfreut wegen der schnellen Wirkung der Kräuter … oh, nein! Sie hatte ganz offensichtlich eine Spinne an ihrem Bauchnabel entdeckt. Nun versuchte sie diese vorsichtig ins Gras zu setzen, doch jedes Mal, wenn sie dachte, sie hätte es geschafft, hing die Spinne immer noch am Faden und der an ihren Fingern. Geduldig versuchte sie es weiter und schien sogar auf die Spinne einzureden … Amaturix beteiligte sich an der Diskussion und endlich wurden ihre Mühen belohnt, vielleicht ergriff die Spinne auch freiwillig die Flucht.

Loranthus plusterte die Backen auf. Er musste Schwerstarbeit leisten, um die Lippen zusammengepresst zu lassen, denn nun war das Bild, das er früher von den Keltoi gehabt hatte, wirklich perfekt: Ein Haufen Barbaren – die Opfertiere niedergestreckt – im Gras versammelt um ein Opferfeuer. Da Sommer war, trugen sämtliche Bewohner des wilden Landes die luftige Variante zum Fellkleid. Dennoch hatten zwei von den Wilden namens Viviane und Amaturix ganz offensichtlich schon einen Hitzeschaden, weil sie mit glückseligem Lächeln einer Spinne hinterher winkten.

Wild entschlossen, nicht an Atemnot zu sterben, konzentrierte sich Loranthus auf Afal, der auf den Stirnen der Tiere das Zeichen der vier Himmelsrichtungen machte. Dazu sang er das Dankeslied, das er schon zu Beltaine gesungen hatte.

„Ich war ein Wurm und gab mein Leben dem singenden Vogel. Er dankte mir dafür.

Ich war ein Frosch und gab mein Leben dem anmutigen Adebar. Er dankte mir dafür.

Ich war eine Maus und gab mein Leben dem schnellen Fuchs. Er dankte mir dafür.

Ich war ein Hase und gab mein Leben dem starken Wolf. Er dankte mir dafür.

Ich bin ein Mensch und nehme euer Leben. Ich danke euch dafür.“

Als er geendet hatte, waren die Tiere schon so betäubt von den Kräutern, dass sie friedlich schliefen. Afal schnitt ihnen die Ader am Hals auf und die Opferdruiden hielten ihre Schalen darunter. Afal und König Gort gingen wieder mit den seltsamen Kannen um den Opferplatz herum und brachten ihr Trankopfer dar.

Die Fleischstreifen, Herzen, Lebern und die Füllung für die Mägen wurden ebenfalls wieder in großen Holzbottichen mit Salz und Kräutern vermengt. Die geschmückten Tierköpfe kamen auf den Wall, diesmal sogar mit dem dazugehörenden rechten Schenkel.

Loranthus stellte fest, dass alles exakt symmetrisch angeordnet wurde. Stierköpfe nach Osten und Westen, Schafsköpfe nach Süden und Norden, die jeweiligen Schenkel dazwischen und drum herum die ausladenden Blumengebinde: Aus Sicht der Götter musste es wie ein abstrakter Blütenkelch aussehen.

Afal breitete die Hände aus, senkte sie zur Mutter Erde, schwang sie hinauf zu Vater Himmel und rief dabei laut: „Sohn des Allvaters und unserer Mutter Erde, du schenkst uns dein Licht am Tage. Tochter des Allvaters und unserer Mutter Erde, du erhellst uns die Nacht. Achtung und Ehre gebührt euch immerdar, demütig neigen wir unser Haupt. Nehmt unser Opfer an, auf dass ihr uns nie eure Gunst entzieht. All ihr Götter! Wir, eure Kinder, huldigen eurer Macht! Kommt in unsere Mitte! Lasst uns eintreten in eure ewigen Sphären, auf das wir uns vereinigen, wie es seit Alters her geschehen ist.“

Mit geschickten Händen schabte Afal den Feuerstein über das Eisen, Funken spritzten, Qualm entstand, blaue Flammen züngelten empor und verschlangen die Opfergaben. Aufmerksam und erwartungsvoll sah jeder im weiten Kreis dem Rauch nach, der zum Himmel stieg – selbst der junge Mann aus Kreta, dem bei diesem Anblick plötzlich ganz wehleidig ums Herz wurde. Und das lag nicht an seiner arg strapazierten Zunge, denn der Mund stand ihm weit offen.

Am Anfang verlief das Fest noch so, wie es Loranthus schon kannte. Nur Elektra gesellte sich nach dem Essen nicht zu ihm, sondern blieb auf ihrem Platz neben Afal sitzen. Sie winkte ihm aber, dass er zu ihr kommen sollte. Also machte er sich gleich auf den Weg und grüßte Amaturix und den Barden ehrerbietig, die ebenfalls am Feuer saßen, ehe er sich neben Elektra nieder ließ.

Suchend schaute er sich um, weil König Gort und seine Frau verschwunden waren, genau wie Viviane. Da fiel es ihm wieder ein: Viviane war ja schon vor der Feier mit Lavinia und Robin bei Tinne gewesen und jetzt wollte sie ihr mit dem König und der Königin etwas vom Opfermahl bringen.

Während sie auf den König warteten, verteilten die Sklaven Met aus ihren riesigen Eichenfässern mit Eisenbändern so breit wie eine Handspanne.

Medan reihte sich seelenruhig in die Schlange der Erwachsenen ein. Loth, der Sklave, nickte ihm zu, nahm das dargebotene Horn entgegen, rief „Luis!“ und reichte es an seinen kleinen Bruder weiter. Der schöpfte für Medan Himbeersaft aus seinem Fass und reichte es wieder zurück, dabei zog er die Wangen ziemlich weit ein, bestimmt wegen dem Geruch des Safts.

Mit hängendem Kopf trottete Medan davon und brummte dabei fantasievolle Verwünschungen für den achtsamen Sklaven in seinen nicht vorhandenen Bart, bis er in die Nähe seiner Familie kam.

Sofort ging sein Stampfen in ein Schlendern über und er ließ sich schwungvoll neben Tarian fallen. Bis zum Aufschlag schielten seine Augen auf dessen übervolles Horn, seine Lippen verzogen sich zu einem Schmollmund. Den versteckte er nach der anderen Seite, wo es noch ein Horn zu inspizieren galt. Hier bot sich ihm eine ungeahnte Möglichkeit und schon zuckten seine Mundwinkel nach oben, jedoch gleich wieder ein Stück zurück, wegen der Tarnung.

Conall hatte sein halbvolles Horn in der Schlaufe stecken und hielt sein Töchterchen auf dem Arm. Er war perfekt abgelenkt. Also tat Medan einen langen, schlürfenden Zug, beugte sich über Belisama und zog Grimassen, bis sie quietschte, nebenbei tauschte er seinen Himbeersaft ganz sachte aus.

Beinahe hätte das auch funktioniert, wäre da nicht Arminius gewesen, und der kannte seinen jüngsten Sohn wie sich selbst. Er brauchte Tarian nur ansehen und schon packte der Medan am Arm, Arminius schnappte sich natürlich den anderen.

Vollkommen ruhig gab Conall seine kleine Belisama an Noeira ab, nahm Medan sein Horn aus der Hand, trank den Met bis zum letzten Tropfen aus und schmatzte genüsslich. Mit tadelndem Blick zog er übertrieben langsam das untergeschobene Horn voll Himbeersaft aus seiner Gürtelschlaufe und gab Medan einen brüderlichen Klaps auf die Finger.

Arminius und Tarian deuteten das als Zeichen und zerrten Medan zu Boden.

Medan strampelte sofort mit den Beinen und ruckelte mit den Armen, aber er kam einfach nicht frei. Arminius hechtete sich auch noch todesmutig auf die fliegenden Beine und dann war es ganz vorbei mit seinen Zuckungen.

Zur großen Erheiterung aller Schaulustigen im Umkreis von zweihundert Schritt zwängte ihm Conall die Kiefer auseinander und schüttete ihm den Himbeersaft in den Rachen. Sein „Ich will nicht!“, ging in Gurgeln und Husten über, bis er sich der Übermacht fügte und einfach nur schluckte. Kein Tropfen ging daneben, was darauf schließen ließ, dass er nicht das erste Mal auf diese Art verköstigt wurde.

Arminius klopfte ihm versöhnlich auf die Schultern.

„Nächstes Mal bekommst du deinen Met, mein Sohn. Und dann wirst du erfahren, dass es richtig war, ihn dir heute noch nicht zu lassen.“

Medan knurrte wie Ethmanja, wenn ihr jemand einen besonders leckeren Knochen wegnehmen wollte, rammte sein leeres Horn in die Gürtelschlaufe und verschränkte störrisch die Arme vor der Brust. Finster starrte er von einem zum anderen, und je mehr ihm seine Familie aufmunternd zulächelte, desto düsterer wurde seine Miene.

„Autsch! Bei Cernunnos!“ Conall klatschte sich die Hand ans Ohr. „Was war das? Au! Schon wieder!“ Seine andere Hand schlug auf seinen nackten Oberarm. „Mitten auf meine Narbe!“

Medan rubbelte sich begeistert die Hände.

„Da hast du’s! Unser Vater im Himmel sieht alles und rächt sich dafür, dass du mich so drangsaliert hast!“

„Hmpf. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ha!“ Conall zeigte ins Gras. „Von wegen Rache der Götter …“ Er bückte sich und hob triumphierend zwei grüne Glasperlen hoch, zu genauerer Betrachtung kam er jedoch nicht.

Hinter den Feuern kreischte Lavinia wie eine Furie auf und Robin blökte wie ein Lämmchen, dem man die Beine lang zog. Sofort liefen alle in Hörweite herbei und bildeten einen Kreis, damit jeder die Ursache des Lärms gut sehen konnte, jedenfalls wer vorne stand.

Silvanus ließ sich bereitwillig nach hinten drängen. Arminius und Conall schoben sich jedoch mit Schwung ins Zentrum, wo mehrere Kinder ineinander verkeilt am Boden lagen und sich wie irre balgten.

Arminius betrachtete eine Weile das zappelnde Knäuel aus Armen und Beinen, dann griff er hinein und zog an einem Kräuterröckchen.

Er stellte Lavinia aber nicht auf die Füße, sondern ließ sie an ihrem Gürtel in der Luft baumeln, als hätte er eben einen Busch ausgerissen und wolle die Erde abschütteln. Conall hatte es da schon schwerer, denn er musste erst mehrere Kinder auseinanderzerren, um an Robin heranzukommen. Wadi, Rivu und noch ein paar andere griffen nach allem, was daneben flog und hielten ihre Beute triumphierend in die Höhe. Ein Busch sah besonders ramponiert aus. Diesen fauchte Lavinia sofort an und ihre Zuhörer konnten sich nun ein Bild davon machen, wie es zu der Rauferei gekommen war.

„Du Tollpatsch! Du hast mit deinem vermaledeiten Schilfrohr mein schönstes Armband kaputt gemacht!“

„Was heißt hier Tollpatsch, du dumme Gans!? Was kann ich dafür, wenn mich der Hornochse schubst!? Wegen dem hab ich ein ganzes Horn Himbeersaft verschüttet!“

Jetzt fuchtelte Robin wild mit den Fäusten und begann bedrohlich hin und her zu schwingen, doch Conall schien das nicht aufzufallen.

„Selber Hornochse, du Rindvieh! Hättest halt schneller austrinken sollen! Ich bin bloß über eine Wurzel gestolpert, weil mich dein hinterlistiger Bruder mit seinem Schilfrohr in den Rücken gestochen hat! Wenn ihr schon Krieger spielen wollt, dann macht das gefälligst unter euch aus und lasst uns damit in Ruhe!“

Jetzt schwang besagter Bruder an seinem Gürtel hin und her.

„Wehe, du nennst mich noch einmal hinterlistig, du Muttersöhnchen! Aus dir wird sowieso nie ein Krieger! Komm nur her, dann beweis ich’s dir!“

Lavinia verschränkte die Arme unter ihrem Bauch und sah säuerlich von einem zum anderen.

„Ruhe jetzt! So geht das nicht weiter! Unsinnige Beschimpfungen machen mein schönes Glasarmband auch nicht wieder ganz. Lasst uns wieder Freunde sein und helft mir suchen!“

„Such doch allein, du Furie! Vorhin waren dir die Glasperlen auch egal, als du mir eine reingehauen hast!“

„Du hast doch gesagt, das hätte gar nicht weh getan! Also brauchst du auch nicht beleidigt sein“, vermittelte Rivus Sohn ruhig und bedächtig.

„Ach, sei still! Du willst Lavinia ja nur Honig ums Maul schmieren.“

„Noch ein Wort und ich schmier dir was ganz anderes ums Maul!“

„Komm doch her, wenn du dich traust! Ich warte! Na los, du Feigling!“

„Du Trottel! Hast wohl keine Augen im Kopf?!“

Rivu sah zu Arminius und Conall hinüber und begann, seinen Sohn vor und zurück zu schwenken, als würde ihn das Ganze langweilen. Alle Männer machten mit und schon war ein neuer Wettstreit erfunden, denn Conall warf Robin am weitesten hoch und griente die anderen Väter provokant der Reihe nach an. Das reichte für höhere Sphären, nur Arminius hatte eindeutig verloren, schien aber nicht enttäuscht.

„Ich weiß ja nicht, wie es euch geht …“, meinte er fast gelangweilt. „ … aber ich, für meinen Teil, fand den Vorschlag von Lavinia recht plausibel. Wir können es natürlich auch so machen wie mein Großvater, als wir noch Kinder waren.“

Rivu wechselte seinen Sohn in die andere Hand und grinste listig.

„Was hat der denn gemacht, Arminius?“

„Ach, weißt du … wenn wir uns nicht einigen konnten, dann hat er immer seinen Gürtel abgeschnallt und uns der Reihe nach damit den Hosenboden versohlt. Was glaubst du, wie schnell wir uns wieder vertragen haben?!“

Rivus Miene verzerrte sich, als hätte auch er derlei Erziehungsmethoden kennengelernt, und lugte zu seinem Bruder. Wadi schnaubte jedoch verächtlich, warf seinen jüngsten Sohn hoch und fing ihn mit der anderen Hand wieder auf.

„Arminius, mein lieber Freund und Schwager“, tönte Wadi und tätschelte Arminius mit der freien Hand. „Das ist doch ein alter Hut und wer clever war, hatte natürlich immer eine Portion Wolle parat.“ Wadi reckte die Brust raus, sodass kein Zweifel bestand, wen er mit ‚clever‘ meinte. Um nicht gar zu sehr aufzutrumpfen, schürzte er die Lippen und überlegte: „Wenn wir einmal so schön in Schwung sind, könnten wir ihnen doch die Dickschädel zusammenstoßen. Bei den großen Hörnern, die ich hier sehe, wird das ordentlich krachen. Das bisschen Schnalzen von einem Lederriemen ist lachhaft dagegen.“

Wadis Sohn hörte sofort auf zu zappeln und tastete seine Stirn ab. Er hatte sich bisher noch nicht am Geschrei beteiligt und hing nur in der Luft, weil er Lavinia und Robin beschützen wollte, schließlich waren sie blutsverwandt.

„Ach nein, Vater, lieber nicht! In letzter Zeit geht das immer so daneben. Denk an Onkel Rivus Nase! Außerdem hat Lavinia recht. Wir sollten mit ihr gemeinsam die Glasperlen suchen. Seid ihr alle dafür?“

Alle baumelnden Kinder begannen synchron zu nicken und schon standen sie wieder auf ihren eigenen Füßen. Schwankend gingen sie aufeinander zu, gaben sich die Hände und gingen in die Knie, damit ihnen keine Perle im Schein der Feuer entging. Auch einige der Umstehenden suchten mit, sogar Elektra und Loranthus. Es dauerte jedoch nicht lange, und sie gaben es auf. Das Gras war einfach zu hoch und es wurde langsam dunkel.

Mit hängenden Köpfen trotteten Lavinia und Robin zum Feuer ihrer Familie zurück.

Lavinia schniefte.

„Alle liegen in den Flammen. Im Gras haben wir keine einzige mehr gefunden.“

Flora zog ihre kleine Tochter tröstend auf den Schoß und drückte sie an sich. Silvanus setzte sich davor und wischte ihr sanft die Tränen fort.

„Hör auf zu weinen, Lavinia. Die grünen hat Conall für euch gefangen oder besser: Sie haben ihn erwischt, aber egal. Guck mal!“ Er nahm die Glasperlen, hielt sie vor seine Augen und machte Grimassen, es half nicht viel.

Lavinia schob ihre zitternde Unterlippe vor und maulte: „Ausgerechnet die grünen. Da war doch nur ein brauner Punkt drauf. Meine anderen waren alle so schön bunt verziert …“ Sie schmiegte sich an Floras Hals und schluchzte: „Ich hätte hören sollen, Mama! Warum musste ich auch unbedingt mein allerschönstes Armband umtun?“

„Weil du Luis imponieren wolltest?“, kam es ganz leise von Robin. Sofort zog er den Kopf ein und drückte sich an Noeira, doch Lavinia putzte sich gerade die Nase.

Hanibu strich Lavinia tröstend über die nussbraunen Ringellöckchen. Robin wagte sich wieder heran und tätschelte sogar ihre Hand. Lavinia sah zu Robin, lächelte Hanibu an und dann fassten sie sich ohne Worte an den Händen und gingen zu dem Feuer, wo Lavinia die Perlen gesehen hatte.

Loranthus sah ihnen kopfschüttelnd hinterher und griff sich die grünen, die unversehrt geblieben waren.

„Wie macht ihr diese Farbe, Silvanus. Aus Blätterextrakten?“

Silvanus schüttelte den Kopf.

„Grün ist unsere Ausgangsfarbe. Wenn wir Eisenerz schmelzen, fällt Glas nebenbei ab. Es ist immer grün, mal mehr, mal weniger. Ich kaufe deshalb lieber durchsichtige Glasbarren beim Händler und mische die Farben unter. Ein grüner Unterton ist bei manchen dunklen Farben aber von Vorteil. Ich setzte auch gerne mal bunte Schlaufen und andere Verzierungen drauf. Die hier jedoch …“

„Ja, ich habe sie schon zu Beltaine bewundert. Perlenketten, Armbänder … lauter herrliche Muster … Du bist ein Künstler, Silvanus.“

Silvanus neigte dankend den Kopf, ruckte aber sofort wieder hoch und sprang mit einem Satz auf seine Füße.

„Robin! Nicht anfassen! Zu heiß!“

Robin winkte ausholend und deutete lachend ins Feuer. Hanibu zerrte ihn ein Stück weg, winkte ebenfalls herüber und nickte zum Zeichen, dass sie ihn gehört hatte. Sie hob ein Schilfrohr hoch, das dort im Gras lag und schwenkte es gut sichtbar. Silvanus schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

„Oh nein! Sie hat mich falsch verstanden!“, murmelte er und trat unschlüssig von einem Fuß auf den anderen, um sich schon mal warm zu laufen. Vorerst brauchte Hanibu seine Hilfe nicht, sie stocherte hoch konzentriert mit dem Schilfrohr im Feuer herum. Hinter ihr hüpften Robin und Lavinia und zeigten begeistert auf die Stellen, wo sie noch hin stechen sollte.

Hanibu ließ sich von ihnen nicht aus der Ruhe bringen und hielt alsbald triumphierend ihre Ausbeute in die Höhe. Nebenbei klopfte sie Robin auf die Hand, weil er den Klumpen anfassen wollte und hob Achtung heischend den Finger.

Sofort standen die Kinder stramm und beobachteten mit großen Augen, wie sie in das Schilfrohr pustete und es dabei drehte. Kaum sichtbar, begann sich die Glasmasse aufzuplustern, genau wie Silvanus Wangen. Langsam setzte er einen Schritt vor den anderen und je mehr sich die Glasmasse nach außen wölbte, umso eiliger bewegte er sich vorwärts. Vollkommen fasziniert saugten sich seine Augen an dem bunten Klumpen fest.

Wie er sich aufblähte, unförmig wurde und dann mit einem gekonnten Dreh des Schilfrohrs weiter wölbte und Gestalt annahm … Wie im Traum bewegte sich Silvanus durch die Leute hindurch und jeder, der ihm verwundert in die Augen sah, schloss sich ihm sogleich an.

Hanibu schien von dem Auflauf um sie herum gar nichts mit zu bekommen. Voll konzentriert drehte sie die Masse weiter, immer weiter, dehnte das Glas noch mehr, noch dünner … so dünn, dass alle Zuschauer ungläubig die Augen aufrissen und hektisch mit den Armen durch die Luft fuchtelten, um noch mehr Leute auf dieses Spektakel aufmerksam zu machen.

Natürlich kamen fast alle Ahnungslosen angerannt und sahen gerade noch, wie Hanibu nachdenklich ihr Werk betrachtete, zufrieden nickte und einen brennenden Ast aus dem Feuer zog. Den hielt sie an den Übergang vom Schilfrohr zum Glas und machte es noch einmal heiß.

„Kannst du mit deinem Messer hier abschneiden, Silvanus?“, fragte sie leise.

Silvanus raffte eilig sein Zahntuch aus der Gürteltasche, zückte sein Messer und trennte das Glas mit geübter Hand vom Schilfrohr. Vorsichtig hielt er die entstandene Form mit seinem Wolllappen fest, setzte sie ins Gras und Hanibu nahm ein kleines Stöckchen, um der Schnittfläche ihre endgültige Form zu geben, bevor sie kalt wurde.

Alle Leute in der ersten Reihe hockten sich um die beiden herum, während die dahinter dafür sorgten, dass sie unten blieben und die dahinter ebenfalls … immer schön gestaffelt, bis es nur noch mit Hälse recken ging.

Silvanus, mit normaler Halslänge, deutete mit respektvoller Miene auf die kleine, farbige Glasfigur.

„Das ist wunderschön. So zart und bunt wie die Flügel von einem Schmetterling. Wo hast du eine solche Kunstfertigkeit gelernt?“

„Ich habe es nicht gelernt. Ich habe es bei einem Glasmacher in Massalia gesehen, als sie mich vom Hafen zum Sklavenmarkt geführt haben“, erklärte Hanibu in einem Kauderwelsch aus drei Sprachen.

Silvanus verstand sie trotzdem und nickte versonnen. Voller Bewunderung strich er über die Form und schüttelte langsam den Kopf.

„Ich kann Glasarmbänder aus einem Stück, aber so etwas habe ich noch nie … Ich weiß gar nicht, wofür das gut sein soll. Eine kleine Kanne ohne Henkel aus Glas. Ziemlich unpraktisch. Viel zu dünn. Die zerbricht bestimmt noch schneller, als meine Glasarmbänder. Selbst, wenn sie dickwandiger wäre … Mit der Haltbarkeit von Tonkrügen kann sie nicht mithalten. Lass mich mal nachdenken …“ Stirnrunzelnd betrachtete er das Gebilde von allen Seiten. „Hm. Zart, bunt … man kann was rein tun … wenn das Lavinia nicht aufheitert …“

Er sah sich in der Menge um und suchte Lavinia und Robin. Doch selbst als sich die Leute zerstreuten, waren sie nirgendwo zu sehen. Also ging er mit Hanibu wieder zu ihrem Feuer zurück, denn er konnte sich schon denken, wo sie abgeblieben waren.

Und wirklich, da lagen die beiden nebeneinander unter ihren Decken und schlummerten schon tief und fest. Armanu und Belisama lagen zwischen ihnen.

„Das ging aber schnell!“, murmelte Silvanus und drapierte die Kanne neben Lavinia im Gras. Sie bemerkte es nicht.

Viviane kam mit Tinne über die Wiese, führte sie zu dem Feuer, wo die Krieger mit ihren Frauen saßen und gesellte sich zu ihrer eigenen Familie.

„So, jetzt kann es losgehen. Wenn sie Holz nachgelegt haben, kommt der Eröffnungstanz.“

Loranthus hob erwartungsvoll den Kopf.

„Wer macht den heute? Wieder die jungen Leute wie zu Beltaine?“

„Nein, Loranthus, heute ist ein Sonnenfest. Der König tanzt. Zuerst mit Elektra und dann mit … mir.“

Loranthus beugte sich erstaunt vor, Silvanus noch viel mehr und gab ihr einen Kuss.

Viviane wurde schlagartig rot und ringelte einen Grashalm um ihren Finger.

„Na ja, Loranthus, das ist so: Heute ist der längste Tag und die kürzeste Nacht des Jahres. In dieser Nacht wird aus dem ersten Weib des Sonnenkönigs das zweite.“

Loranthus zog verwirrt die Augenbrauen hoch, Viviane sah hilfesuchend zu Silvanus.

„Ich erkläre es dir“, meinte der auch sogleich, drehte sich zu Loranthus und musterte ihn wie ein Lehrer, der seinen ersten Schüler vor sich hatte.

„Du weißt doch, Loranthus: Der Sonnenkönig hat drei Weiber und sie stehen für ein und dasselbe. Sie symbolisieren den Jahreszyklus von Mutter Natur. Als erste die Jungfrau. Sie steht für die ruhende Erde vor der Aussaat, wenn die Natur erwacht und sich in ihren schönsten Farben zeigt wie eine junge Maid zur Hochzeit. Dann bestellen die Bauern die Felder und Mutter Erde trägt die Saat in sich. Durch sie gedeihen unser Korn, unser Gemüse und unsere Früchte wie ein Kind im Leib eines Weibes.“

„Aha! Jetzt weiß ich’s!“, jubelte Loranthus und wedelte aufgeregt mit den Händen. „Das ist wie bei dem Geisterflug, den Viviane zu Beltaine erzählt hat. Der König mit seinen drei Weibern! Sein zweites Weib hatte ein Kind im Arm und ein Ährenbündel!“ Stolz über seine schnelle Auffassungsgabe, hob er sein Horn und nahm einen Schluck.

Silvanus nickte anerkennend und zeigte auf Viviane.

„Kein Wunder, dass dich der König zum Tanz gebeten hat. Du hast den höchsten Rang. Jede andere Schwangere muss vor dir zurückstehen.“

Viviane nickte und schmunzelte wegen Loranthus. Der nuckelte immer noch an seinem Horn und saugte nebenbei auch jedes Wort in sich ein. Seine Augen huschten mit einem seltsam gierigen Glitzern zwischen ihr und Silvanus hin und her.

„Man munkelt …“, raunte Viviane verschwörerisch. „ … Königin Elsbeth solle ihren Sohn Lothaar beim ersten Göttertanz empfangen haben. Sie durfte ja damals immer für die junge Maid tanzen, obwohl sie vorher schon geboren hatte, nur leider …“

Loranthus spuckte seinen Met aus und schwang hastig das Horn darunter, um den Verlust möglichst gering zu halten.

„Welchn ersdn Gödderdans?“, nuschelte er, während er sich über den Mund wischte und in sein Horn lugte, um den Erfolg seiner Rettungsaktion zu überprüfen.

Viviane schüttelte nachsichtig den Kopf und wischte sich ein paar Tropfen Met von den Armen.

„Den zur Frühjahrstagundnachtgleiche, natürlich. Ihr Sohn Lothaar wurde drei Sonnenfeste später, zur Zeit des Apfelbaumes, geboren.“

Viviane machte ein Gesicht, als ob sie es ihm gleich noch vorrechnen wollte, doch Loranthus hob die Hand, und sie hielt inne.

„Wenn ich dich richtig verstanden habe, Viviane, also … äh …“ Loranthus lugte misstrauisch von einem zum anderen. „Was habt ihr denn hier für seltsame Tänze, von denen man schwanger wird?“

Sein Blick huschte zu Vivianes Kräuterrock und dann schnell wieder hoch zu ihren belustigten Augen, um Silvanus nicht auf falsche Gedanken zu bringen. Doch der prustete seinen Met auch zurück ins Horn und klopfte ihm dabei noch überschwänglich auf die Schulter. Beides tat seine Wirkung: Alle in seiner Umgebung blieben trocken, nur Loranthus musste schon wieder in seinem Horn nachsehen. Der gesunkene Pegel entlockte ihm ein „Bacchus steh mir bei!“ und besagter Bacchus tat natürlich prompt, wie ihm geheißen.

In göttlichem Tempo schlug Loranthus die Hand aufs Horn und machte sich steif … genau im rechten Moment, denn Silvanus wischte sich über den Mund und schlug noch einmal krachend zu. Er war allerdings stärker als Bacchus und Loranthus zusammen.

„Lass dich überraschen, mein griechischer Freund. Ich, für meinen Teil, bin froh, dass Viviane mit dem zweiten Tanz geehrt wird … und außerdem ist es sowieso recht praktisch, wenn zu den Sonnenfeiern die Weiber schon schwanger sind.“

Jetzt prustete Viviane ihren Tee zurück ins Horn, weil Loranthus aus seiner extremen Schräglage hochkam und dabei so komisch von einem zum anderen schaute. Er hatte aber dermaßen viel Schwung, dass er gleich weiter nach hinten kippte und mit Medan zusammenstieß. Der zuckte nicht und beschwerte sich auch nicht, sondern starrte mit finsterem Blick ins Feuer und zerpflückte ein paar Grashalme in winzige Schnipsel.

Loranthus deutete mit den Daumen auf Medan, sah Viviane fragend an und drehte den Zeigefinger neben seinem Kopf.

Viviane schaute strafend zurück, aber ihre Augen funkelten schelmisch. „Hat der Himbeersaft geschmeckt, Medan?“

Medan knurrte. Viviane ließ sich davon aber nicht in die Flucht schlagen. Sie setzte sich zu ihm und sah aufmerksam in seine Augen.

„König Gort meinte, der wäre dieses Jahr besonders gut gelungen. Willst du dir noch ein Horn voll holen? In deinem Alter kann man davon ruhig drei oder vier trinken.“

Medan schnaubte, stemmte sich grummelnd hoch und stapfte über die Wiese hinüber zum Fass. Dort standen schon seine gleichaltrigen Freunde und prosteten sich übertrieben laut zu. Auf die Entfernung hörte es sich an wie: „Die Tage sind gezählt. Auf das vorletzte Horn voll Himbeersaft … auf das letzte Horn voll Himbeersaft … Wer noch eins schafft, wird zum Himbeerkönig gekrönt.“ Medan wurde lauthals in der Runde willkommen geheißen und zum Wettsaufen aufgefordert. Johlend stellte er sich den Herausforderern und Silvanus wettete, das er der Himbeerkönig werden würde. Viviane hielt dagegen, die Konkurrenz war stark. Loranthus enthielt sich der Stimme. Sie hatten viel Spaß beim Zuschauen, bis die Hörner erschallten.

Das Feuer loderte blau auf. Afal stand daneben und breitete die Arme aus.

Alle Leute, die noch munter waren, setzten sich in weitem Kreis um das Opferfeuer, die Frauen auf die Ostseite, die Männer auf die Westseite. Medan und seine Freunde brauchten am längsten, sich einzuordnen.

König Gort wartete geduldig, bis alle zu ihm schauten, dann rutschte er von seinem Ziegenfell, ging im Gras auf die Knie und beugte demütig sein Haupt.

Afal drückte ihm einen Kranz aus Mistelzweigen auf den Kopf und überreichte mit erhabener Miene einen Langbogen, der mit herrlichen Schnitzereien verziert war, einen Köcher aus derbem Rindsleder und einen Pfeil, der komplett vergoldet war, oder gar selbst aus Gold bestand. König Gort nahm alles entgegen, ohne aufzusehen und ließ sich von Afal mit einem Birkenzweig schlagen. Klatschend spritzte geweihtes Wasser über ihn hinweg, doch er ertrug jeden Schlag klaglos, obwohl Afal ziemlich derb mit ihm umging, bis er endlich zufrieden schien und mit dem Daumen das Zeichen der vier Himmelsrichtungen auf König Gorts Stirn machte. Nun neigte Afal seinen Kopf vor dem König, machte exakt drei Schritte rückwärts, und der Barde begann zu spielen.

König Gort stellte ein Bein auf und erhob sich majestätisch. Den Bogen und den Köcher mit dem Pfeil hängte er sich quer über die Schulter, verneigte sich noch einmal vor Afal und ging gemessenen Schrittes um das Feuer herum auf Elektra zu, die gleich in der ersten Reihe saß.

Anmutig kniete er nieder und nahm ihre Hand. Elektra neigte demütig das Haupt und verschränkte ihre Finger mit den seinen.

Afal trat heran und streckte dabei einen Kranz aus Gänseblümchen und eine weiße Kuhhaut vor sich aus. Den Blumenkranz drückte er Elektra auf den Kopf, die Kuhhaut drapierte er mit ernstem Blick um ihre Schultern und verband die Enden mit einer vergoldeten Fibel in Form einer Kuh. Jede Bewegung, ja sogar die Mimik, schien vorgegeben, genau wie das Schlagen der Birkenruten, um auch Elektra zu weihen. Afals drei Schritte zurück mit geneigtem Kopf beendeten seinen Part.

König Gort zog Elektra hoch und streckte ihre verschränkten Hände gen Himmel. Bei dieser Bewegung wallte die Kuhhaut weich fließend bis zu Elektras Füßen herab und als sie nebeneinander einher schritten, sah es fast so aus, als würde sie schweben.

Beim Opferfeuer angekommen, nahmen sie die Hände herunter und stellten sich Rücken an Rücken.

Der Barde wartete, bis sie ruhig gerade aus schauten, dann legte er seine Leier zur Seite und nahm eine lange, kunstvoll geschnitzte Holzflöte. Darauf spielte er eine neue Melodie und die Leute klatschten im Takt die Hände zusammen, während König Gort und Elektra jeder einen Fuß vor sich setzten. Den zweiten Fuß schleiften sie auf den Zehen nach, blickten sich noch einmal über die Schulter hinweg an und schritten weiter vorwärts, immer Fuß für Fuß.

Es dauerte keine fünf Schritte, da wurde die Melodie rhythmischer und je mehr sie sich von einander entfernten, desto entschlossener wurde ihr Gang. Dabei bewegten sich nicht nur ihre Hände und Füße, nein, ihre kompletten Körper vollführten seltsame Verrenkungen, König Gort schwang dazu noch Pfeil und Bogen.

Loranthus hatte einige Mühe, jeden Fingerzeig und jeden Fußtritt zu verfolgen, denn er wollte keinen von beiden aus den Augen verlieren.

Silvanus schmunzelte und flüsterte: „Es dauert nicht mehr lange, dann kommen sie sich wieder näher. Du musst wissen, Loranthus: Sie erzählen die Geschichte der Götter. Wie sie die Erde geschaffen haben, wie sie miteinander gekämpft haben, bis sich Dis erhob und alle in die Unterwelt verbannte, die gegen ihn rebellierten. Danach zeugte er unser Göttergeschlecht und herrschte als unser aller Vater, denn auch wir entstammen seinen Lenden, genau wie unser Sonnengott und unsere Mondgöttin. Siehst du, wie König Gort seinen Bogen hält? Wie er seinen Pfeil anlegt? Jede Geste, jeder Wink mit den Fingern, jedes Aufsetzen der Füße, ja sogar jeder Augenaufschlag hat seine Bedeutung. Wenn man die kennt, dann kann man jede Geschichte damit darstellen.“

„Also eine Art Zeichensprache mit dem gesamten Körper.“

„Genau.“

Der Barde begann schneller zu spielen und die Leute schlugen die Hände kräftiger zusammen. König Gort hatte den Bogen wieder umgehängt und umkreiste Elektra hinter dem Feuer. Sie streckten sich die Hände entgegen, beugten sich zueinander und …

Loranthus reckte seinen Hals, doch er konnte es nicht genau sehen, weil das Feuer lichterloh brannte. Drei mal kamen sie zusammen, dann trennten sie sich wieder und tänzelten in den für ihn sichtbaren Radius. Er lauerte schon auf den Augenblick, wenn sie sich das nächste Mal begegneten.

Aha! Sie schritten wieder aufeinander zu, nein, sie schleiften die Füße, umkreisten sich, tänzelten und streckten sich mit eindeutig sehnsüchtiger Miene die Hände entgegen, bis sie sich erreichten. Bei Zeus und allen Göttern! Loranthus stöhnte auf. Der Unterkiefer klappte ihm herunter und seine Hände vergaßen zu klatschen.

König Gort zog Elektra an sich und umarmte sie sehr eng und sehr lange. Zu lange! Und sie bewegten sich noch dazu, als würden sie … Diese verdammte Kuhhaut wallte um sie herum! Nein. Oh, nein! Elektra hatte den König darunter geschoben und raffte die Kuhhaut hinter ihm zusammen. Was flüsterte da der König in Elektras Ohr, das sie zum Lachen brachte? Und ihr Kopf neigte sich nach hinten, ihr Mund öffnete sich und ihr weißer Hals wölbte sich seinen Lippen entgegen?! Jetzt riss sie die Kuhhaut nach hinten, doch kaum standen sie frei, presste der König Elektra noch stärker an sich. Und wieder warf sie die Kuhhaut vor und wieder wanden sich ihre Leiber, diesmal noch wilder. Mit einem Ruck hob er sie hoch, ihre Füße waren nicht mehr zu sehen, sein Oberkörper beugte sich langsam immer weiter nach unten, schwenkte sie dabei in wallenden Bewegungen … sie schrie auf und er zog sie wieder hoch, die Kuhhaut flog diesmal nicht weg …

Als sie sich nach der dritten Umarmung endlich trennten und die zweite Runde begann, sackte Loranthus in sich zusammen und glotzte der Kuhhaut hinterher, als würde er sie gerne in die Finger bekommen, um sie noch ein wenig zu gerben.

Der König schien nun langsamer zu tanzen als Elektra. Seine Schritte wurden kürzer und er brauchte mehr Zeit, um ihr wieder zu begegnen. Loranthus gab ein heißeres Krächzen von sich, stemmte sich von seinen Fersen hoch, um sie besser sehen zu können und zerrte ein Büschel Gras hinterher.

Diesmal umarmten sie sich nicht, sondern hielten sich nur an den Händen und umkreisten sich wieder. Beruhigt glitt Loranthus zurück und lächelte boshaft, als der König noch kürzere Schritte machte und das Gras in seinen Händen ziemlich zermatscht aussah.

Beim dritten Zyklus konnte der König gerade noch eine Hand von Elektra erreichen. Die hob er in die Höhe, führte sie zu ihrem Platz zurück und verbeugte sich zum Abschied. Dann ging er gemessenen Schrittes auf Viviane zu.

Afal stand schon neben ihr, mit einem neuen Blumenkranz und neuer weißer Kuhhaut.

Viviane kniete demütig nieder und ließ sich mit Weihwasser bespritzen. So eine Kuhhaut hatte durchaus auch seine guten Seiten, stellte Loranthus der Fairness halber fest und schielte zu Silvanus.

Der schaute Viviane verliebt hinterher und machte einen mächtig stolzen Eindruck.

„Meine Viv“, seufzte er inbrünstig und griente, als hätte er ein Fass Met allein getrunken. „Sieht sie nicht wunderschön aus? Sie ist mit Abstand das schönste zweite Weib vom Sonnengott, was es bis jetzt zu den Sonnenfeiern gegeben hat.“

Loranthus beäugte ihn misstrauisch von der Seite her und beeilte sich mit dem Nicken. Ehrlich anerkennend, ja, sogar fasziniert, betrachtete er Vivianes Bewegungen und versuchte sich an der Deutung. Ob wohl der Blumenkranz auch etwas zu sagen hatte?

„Die blauen Kornblumen auf ihrem offenen Haar sehen einfach genial aus … azurblau und rotbraun wie … aber Elektras Gänseblümchen haben mir auch sehr gut gefallen.“

„Das kann ich mir vorstellen“, gluckste Silvanus und wackelte mit den Augenbrauen.

Loranthus lugte auf sein Kräuterröckchen herab und zupfte schnell am Beifuß, doch Silvanus sah nicht mehr auf das, was da hervorlugte. Er war jetzt mit Schwanken im Sitzen beschäftigt.

Viviane übernahm in der ersten Runde den Schrittrhythmus von Elektra, gleich darauf drehte sie sich in immer größeren Abständen um den König herum. Trotzdem verrenkte sich Silvanus den Hals und alles was man sonst noch verrenken konnte, um Viviane hinter den Flammen besser sehen zu können.

Loranthus zog einen Schmollmund.

„Warum gehen sie denn nicht wieder so zusammen wie vorhin bei Elektra?“, maulte er in möglichst interessiertem Tonfall.

„Weil der König unsere Sonne symbolisiert. Viviane tanzt für die Mondgöttin. Sie sind der Tag und die Nacht. Zur Sommersonnenwende ist der Tag viel länger als die Nacht. Deshalb berühren sie sich nicht.“

Silvanus leckte sich über die Lippen, als Viviane in ihrer Nähe vorbei zirkelte, jawohl zirkelte, denn sie streckte ihr rechtes Bein weit aus und drehte sich um sich selbst. Prompt geriet Silvanus in extreme Schräglage, was Loranthus zu einen verständnislosen Blick animierte, bis er diesen anmutigen Tanzschritt auch einmal aus dieser Perspektive betrachtete.

„Bei Artemis!“, quiekte er und zuckte wieder hoch. „Als der König vorhin mit Elektra getanzt hat, war das also die Zeit um die Frühjahrstagundnachtgleiche“, versuchte er sich abzulenken.

„Genauuu“, grunzte Silvanus, schmatzte „Früh … jahrs … tag … und … nacht … gleiche“ und schnalzte vergnügt mit der Zunge. „Zur Sommersonnenwende kommt immer der zweite Tanz hinzu.“

„Der mit Viviane.“

„Ja. Oder mit einer anderen Schwangeren. Es ist eine hohe Ehre, für die Mondgöttin zu tanzen.“

„Kann ich mir vorstellen“, hauchte Loranthus schlapp und ließ dazu passend die Schultern hängen. Doch da ruckte er plötzlich hoch und fasste sich ins Genick, als habe ihn etwas gezwickt.

„Dann müsstet ihr zur Herbsttagundnachtgleiche ja drei Tänze haben! Und beim dritten ist der Tag wieder gleichlang mit der Nacht!“

„Ja“, bestätigte Silvanus und erhob sich. „Königin Elsbeth ist dabei immer die Mondgöttin.“

Loranthus sackte zusammen und atmete erleichtert aus, doch da zuckte er schon wieder. Diesmal allerdings mit eindeutiger Schräglage, denn König Gort hatte ihm einen derben Klaps auf die Schulter verpasst.

Loranthus war so verdattert, dass er ihm nur mit offenem Mund hinterher starren konnte, während er verzweifelt um sein Gleichgewicht rang. Der König bekam seine Notlage nicht mit.

Er bewegte sich durch die Reihen hindurch und klopfte jedem Mann auf die Schulter. Keiner kippte zur Seite und Loranthus wurde sich wieder einmal bewusst, dass er nur ein dürres Ästchen unter Knüppeln war. Nein, er war eine Weidenrute, biegsam und geschmeidig! Immerhin hatte er es gerade in die Vertikale geschafft. Und außerdem waren es die anderen Barbaren-Männer gewohnt, einen Klaps vom König verpasst zu bekommen, denn sie feierten schließlich jedes Jahr die Sommersonnenwende auf Barbarenart.

Dass er in seinen Überlegungen richtig lag, zeigte ihm der rabiate Umgang seiner Gastgeber mit ihresgleichen. Johlend schleiften sie alle Leute weg, die eingeschlafen waren. Conall und Tarian zerrten den selig schlummernden Medan besonders grob über die Wiese.

Ganz anders Viviane. Anmutig tänzelte sie durch die Frauenabteilung und berührte jede von ihnen sanft an der Schulter. Sie lächelte auf eingeschlafene Maiden herab, ihre langen Haare wallten über die weiche Kuhhaut, rotbraun auf weiß, alles schwang und wehte … und die Beine … so graziös, so … „Was?“

Silvanus zog Loranthus mit einem Ruck auf die Füße, denn er hatte ihn jetzt schon das dritte Mal aufgefordert, mit zu den Fässern zu kommen, wo die Sklaven den Met austeilten. Als er es endlich begriffen hatte, ging er auch ohne Hilfe, wollte aber tatsächlich zum Himbeersaft abschwenken. Silvanus musste ihn quasi vor sich her schieben. Wenn das Medan gesehen hätte … vor allem, dass er sein Horn auch noch nur halbvoll wollte.

Da erklärte Silvanus seinem griechischen Schüler sehr geduldig, dass er einen Teil den Göttern opfern sollte. Sofort ruckten Loranthus’ Augenbrauen nach oben und sein Horn nach vorne über das Fass Met.

„Ein Trankopfer?!“, johlte er und verrenkte sich den Hals, bis er gefunden hatte, was er suchte. „Sehr schön. Mach nur ordentlich was rein, Loth! Wir Griechen lieben Trankopfer! Ach, was sag ich! Wir Griechen sind die Erfinder des Trankopfers, oder präziser: die Nachkommen der Erfinder des Trankopfers!“

„In deiner Heimat gibt es bestimmt viele Sümpfe, Loranthus!“ rief einer irgendwo hinter ihm.

„Oder präziser: In deiner Heimat laufen alle den ganzen Tag mit einem Fass Wein auf dem Buckel rum, damit sie jederzeit für ein Trankopfer gerüstet sind!“ wusste ein anderer.

„Ganz genau. Und weil ihr immer so viel Wein verschüttet, bekommt ihr den Hals nicht voll!“ sinnierte ein weiterer.

„Ja, und deshalb habt ihr auch Sandalen! Da läuft alles besser ab, wenn ihr durch all den vergossenen Wein waten müsst!“

Loranthus nahm vom grinsenden Loth sein Horn entgegen, drehte sich um, reckte die Brust und sagte pikiert: „Wie ich höre, habt ihr eine sehr praktikable Art, Ursache und Wirkung in Einklang zu bringen, bis auf die Fässer. Wir Griechen haben Amphoren aus bruchsicherem Graphittongemisch. Aber Fakt ist eines: „Die Götter selbst haben uns das Trankopfer gelehrt, und überhaupt haben …“

„ … alle anderen auch noch ein leeres Horn, genau wie ich.“

Silvanus schob Loranthus zur Seite und hielt Loth sein Horn hin. Diese Aktion dauerte einen Wimpernschlag, und schon ging Loranthus bereitwillig vor ihm her, ohne weiter zu diskutieren. Dabei machte er ein Hohlkreuz, was an Silvanus’ Finger lag, der ihm ins Kreuz pikte und ihn gleichzeitig zum Opferfeuer dirigierte. Dieses Ursache-Wirkung-Prinzip funktionierte so gut, dass Loranthus seine Augen nicht brauchte und prompt seinen Kopf nach hinten drehte.

„Warum stehen Viviane, Flora, Noeira und Taberia beim Kräutertee?“

„Es ist egal, mit welchem Getränk du den Göttern opferst. Schwangere und stillende Weiber sollten lieber auf den Met verzichten. Du wirst bald selbst erkennen, warum. Komm, wir müssen zur Opfergabe. Afal und König Gort warten schon.“

Loranthus sah zu den beiden und erkannte gleich, dass sie in einer bestimmten Linie am Feuer standen. Afal genau im Osten und der König gegenüber im Westen – jeweils exakt an den Stellen, wo am Morgen die Sonne aufgegangen und gerade eben untergegangen war.

Als alle Erwachsenen mit erwartungsvollen Mienen um den brennenden Wall standen, hob Afal sein Horn.

„Entsprungen euren Lenden, bitten wir euch laut: Kommt zu uns, ihr allmächtigen Götter!“, rief er feierlich und goss einen Schluck Met ins Feuer, dass es zischte.

Auf der anderen Seite hob König Gort sein Horn.

„Vereint seit Anbeginn der Zeit, erwarten wir euch sehnsüchtig. Kommt zu uns, ihr allmächtigen Götter!“

Auch er schüttete Met ins Feuer, und eine neue Dampfwolke quoll zischend empor und stieg zu den Göttern auf.

Nun traten alle Männer von der Westseite vor und gaben aus ihren Hörnern einen Schluck ab, dann waren die Frauen an der Reihe. Der Met schwappte von allen Seiten in die Flammen, es zischte und qualmte unablässig, bis endlich das Feuer die Oberhand bekam.

Als es wieder richtig hoch loderte, streckten alle ihre Hörner gen Himmel, riefen im Einklang: „Erhört unsere Bitte! Kommt zu uns, ihr allmächtigen Götter!“ und tranken.

Plötzlich flammte das Feuer grün auf und goldene Funken stoben hinauf in den Abendhimmel.

Der Rauch hatte jetzt seltsamerweise einen metallischen Geruch.

Loranthus schnupperte und schnupperte. Er wollte unbedingt wissen, nach was es roch, doch er kam einfach nicht drauf. In seine Überlegungen hinein hörte er ein Prasseln, oder eher ein Dröhnen, das in seinen Kopf eindrang, auf seine Brust drückte und sein Herz zum Rasen brachte. Es waren Töne, die er fühlen konnte. Sie beeinflussten seinen Körper und seinen Geist.

Einen Augenblick dachte er, alle Kräuterfrauen des Clans würden hinter ihm gemeinsam die Trommeln schlagen, schneller und schneller. Doch er konnte sich nicht umdrehen; das Dröhnen kam auch von vorne, aus dem Opferwall, wurde immer lauter und greifbarer; sogar die flirrende Luft um das Feuer vibrierte, bis sie plötzlich in einem Gestöber aus Myriaden goldener, grüner, blauer und roter Funken zerbarst.

Ehrfürchtig starrte Loranthus gen Himmel, reckte seine Hände, schrie und staunte mit offenem Mund, genau wie alle anderen um ihn herum. Ein tausendfacher Sternenregen sank schillernd auf die Erde hernieder, ein paar Funken schwebten in seine dargebotenen Hände. Es tat nicht weh, es fühlte sich gut an, so warm, so …

Loranthus wollte sich bei Silvanus erkundigen, ob er es auch so interessant fand, drehte sich also um, riss die Augen auf und schrie noch einmal.

Die Götter waren da.

Sie hoben die Hand zum Gruß und kamen auf ihn zu. Allen voran schritt Apollo, umgeben von einer riesigen, schillernden Aura aus Gold. Er hielt Artemis an der Hand, deren silberne Haare ihr gütiges Gesicht umrahmten und weich wallend ihren schlanken Hals umspielten. Dahinter ging Zeus mit langen nussbraunen Haaren und drückte Hera an seine enorm muskulöse Brust. Besitzergreifend schob er seine kräftigen Hände in ihre üppigen kupferroten Locken, und Thera, die alte Göttermutter, tätschelte ihnen die strahlenden Gesichter.

Loranthus kniff die Augen zu, riss sie erneut weit auf − sie lachten ihn an! Die Götter lachten ihn an, und sie waren zum Greifen nahe! Demeter, Eos, Poseidon, Persephone, Hades, Iris, Hephaistos … Fassungslos starrte er in die Runde, lachte, jauchzte, schüttelte Zeus die Hände, Hera … Sie legte einen Finger auf die Lippen, damit er innehielt und hinhörte, denn es flötete, schellte, rasselte, klopfte, röhrte und heulte schrill oder kehlig …

Er wirbelte herum.

Hinter ihm wiegten sich grauhaarige Musen neben dürren Satyren und spielten eine wundersame Melodie. Einen Lidschlag lang beäugte er die Schellen an ihren Armen und Beinen, die verschiedenen Flöten, Trommeln, Kinnaren, Klanghölzer … und dachte, dass diese verwelkten Kinder der Götter zu alt zum Tanzen sein mussten und deshalb musizierten, sehr gut sogar.

Die Musik fuhr ihm in alle Glieder, riss ihn mit.

Sein Herz wummerte im Takt der Schläge, seine Füße hoben sich von ganz allein und stampften synchron, seine Fingerspitzen zuckten zu jedem Schellenschlag und seiner Kehle entsprangen Laute, die er noch nie gehört hatte. Wie ein lauter Rufer antwortete er den göttlichen Tönen. Seine Beine, Arme, Hände, Hüften … ja, sein ganzer Körper bewegte sich ohne sein Zutun und wurde zum Abbild der Klänge.

Auch die Götter lachten, jauchzten und tanzten um ihm herum.

Sie gebärdeten sich wie toll: zuckten, hüpften, drehten, wiegten, beugten, verrenkten sich und schwangen dabei wild ihre Haare. Ihn überkam der Gedanke, dass alle Götter des Olymps und sämtliche Nymphen gekommen sein mussten, um ihren Schützling so weit weg von Kreta zu besuchen, also schob er sich durch die Menge, schwankte von einem zum anderen und dankte ihnen für ihre Gunst.

Sie waren erfreut ihn zu sehen, verneigten sich ebenfalls, umarmten ihn, küssten ihn, besonders Iris, die Götterbotin. Sie hatte den anderen bestimmt erzählt, wo sie ihn finden konnten.

Plötzlich schritt Cernunnos mit graziöser Anmut auf ihn zu und wiegte sein majestätisches Hirschhaupt.

Loranthus verneigte sich tief und fragte, ob er sein Geweih berühren und die Enden zählen dürfe. Doch er schaffte es nur bis zu zwei Dutzend und Cernunnos stolzierte weiter, um Esus, Epona, Hall und Ogmios zu begrüßen.

Loranthus sah, wie sie sich gegenseitig voreinander verneigten und lachten, berührten und miteinander bewegten … Epona kam zurück und zog ihn mit sich … Esus drückte ihn fest an sich und zerquetschte ihm fast die Rippen … doch es tat nicht weh, nein, er gab ihm etwas von seiner Kraft ab und da fühlte Loranthus sich so stark … so wild, so unbesiegbar. Er war die pure Energie … er musste tanzen, tanzen und die Götter wollten das auch …

Sie waren so in Verzückung, dass sie genießerisch die Augen schlossen, also tat er es ihnen gleich.

Ja, das war wirklich etwas ganz Besonderes, nun fühlte er die Klänge der Musik sogar auf seiner Haut, auf seiner Zunge, überall … so intensiv.

Die Götter berührten ihn, raunten ihm zu. Sie kannten all seine Fragen, Probleme, Ängste, Sorgen … trösteten ihn, versprachen Schutz, Hilfe für alle Zeit … Sie waren so freundlich, so einfühlsam, so …

Eine Göttin ließ ihre weichen Hände über seinen Rücken gleiten und schmiegte sich von hinten an ihn. Als er sich umdrehte und sie anlächelte, warf sie ihre langen roten Haare über seinen Kopf und drückte ihn zwischen ihre herrlich duftenden Kleider. Ein junger Gott mit Wolfskopf schob aber seine Hände zwischen ihre Leiber. Mit der einen Hand drückte er Loranthus weg, mit der anderen strich er über ihre Schenkel. Die Göttin ließ Loranthus los und schmiegte sich an den Wolfsmann.

Der war nur wenig größer als er! Loranthus wollte sie zurückerobern, doch in diesem Moment presste sich eine schwarzhaarige Göttin seitlich an seinen Rock. Eine Hand ließ sie über seine behaarte Brust wandern und die andere schob sie in sein Gewand.

Loranthus wurde es so warm wie an einem heißen Sommertag in seiner Heimat. Er wandte sich ihr zu, riss sie fest an sich, damit ihm keiner dazwischen kommen konnte, sie lächelte verheißungsvoll, ihre Zunge glitt sanft über seine Lippen, ihre Fingernägel strichen an seinem Bauchnabel entlang.

Da erblickte er eine wunderschöne Göttin mit feinen langen Haaren, so zart und hell wie Mondlicht. Sie lag schlafend unter einem weißen Fell und ihr anmutiges Gesicht war so liebreizend, so herrlich anzuschauen … das konnte nur Aphrodite sein. Er betrachtete sie verlangend, streckte eine Hand nach ihren sanft geschwungenen Lippen aus, doch nein – er wollte ihren göttlichen Schlummer nicht stören. Also folgte er der schwarzhaarigen Göttin.

Hand in Hand rannten sie über die Wiese, da kam ihnen eine üppig gebaute Göttin entgegen, breitete ihre Arme aus und lachte so klangvoll wie Glöckchenklingeln. Sie berührte seine freie Hand mit ihrem heißen Mund und bat ihn um Kühlung. Er half ihr gerne, die schrecklichen Qualen zu lindern und fühlte selbst Hitze in sich aufsteigen. Die schwarzhaarige Göttin erbot sich, ihn abzukühlen und saugte das Feuer von ihm ab, doch dann stand sie selbst in Flammen und Loranthus benetzte ihren zuckenden Leib, um die Flammen zu löschen.

Die Schwarzhaarige erhob sich lächelnd, ließ ihre Zunge wieder über seine Lippen gleiten und hauchte einen Dank in sein Ohr, dann liefen die beiden Göttinnen Hand in Hand davon. Loranthus lehnte sich zufrieden zurück, kraulte seine dichte Brustbehaarung und schaute ihnen selbstgefällig nach, da sah er mehrere Göttinnen über die Wiese schreiten. Er sprang auf und rannte auf sie zu, weil er die Vorderste erkannt hatte.

„Athene! Wo willst du hin? Komm zu mir!“

Athene lächelte ihn freundlich an und drückte ihm die Faust gegen die Brust.

„Loranthus, Zeus hat mir eine wichtige Aufgabe anvertraut. Ich muss mich ihrer würdig erweisen.“

Loranthus fiel nieder, beugte sein Haupt und umschlang ihre Knie. „Oh, Göttin der Weisheit und der Kriegskunst! Aus dem Haupt des Allvaters geborene! Bitte sage mir nur eines: Weißt du, wie es meinem Vater in der Heimat geht? Ist er wohlauf? Ich habe schon Iris gefragt, aber sie hat gesagt, sie hätte ihn noch nicht wieder gesehen.“

Athene sah in weite Ferne, nickte und legte ihre Hand auf seinen Kopf.

„Deinem Vater geht es gut, Loranthus. Er wird dir zu Lugnasad eine Nachricht senden.“

Loranthus jauchzte und küsste ihr vor Freude überschwänglich die Füße. Sein Mund bewegte sich aufwärts, doch er kam nur bis zu Athenes Knöcheln, schon zogen ihre Gespielinnen sie lachend weiter.

Loranthus winkte ihnen strahlend nach und rieb sich dabei die Brust und den Kopf.

Die Stellen, die von Athene berührt worden waren, brannten wie Feuer. Athene war eine mächtige Göttin und bald loderte sein ganzer Körper. Er brauchte Kühlung. Da sah er eine Göttin aus Athenes Gefolge umkehren, eine zweite folgte ihr, eine dritte.




Weisheit verdient Achtung


Es war noch dämmrig, als Loranthus erwachte. Wohlig rekelte er sich ein wenig, behielt aber die Augen geschlossen. Die Vögel zwitscherten so fröhlich, so beschwingt − genauso fühlte er sich.

Ihm war warm, sehr warm. Er hatte die ganze Nacht nicht gefroren. Es ging ihm so gut wie noch nie in seinem Leben. Jetzt wusste er endlich, wie sich Euphorie anfühlen musste, und Ekstase. Bislang hatte er einfach nicht begriffen, wieso diese Gefühle in den Schriften so übertrieben dargestellt wurden. Aber jetzt wusste er aus eigener Erfahrung, dass es so herrlich war − für einen einzelnen Menschen viel zu viel.

Loranthus lächelte verzückt, schlug seine Augen auf und … starrte auf zwei Kuheuter. Er lag zwischen zwei … Erschrocken riss er seinen Kopf hoch, doch davon wurde ihm schwindlig und er kippte wieder auf sein weiches Kuheuter-Kopfkissen zurück.

Stöhnend schnaufte er nach Luft und wollte sich gerade wieder hochstemmen, da klatschte etwas Großes auf seinen Hinterkopf und drückte ihn noch tiefer in die Versenkung. Ein wohliges Seufzen begleitete seine japsenden Proteste, zum Glück ließ der Druck etwas nach und er konnte Luft holen.

Langsam, ganz langsam, weil das große Ding auf seinem Kopf so schwer war, zog er seine Nase aus der Spalte, doch die wurde immer enger und … seit wann hatte ein Kuheuter eigentlich eine Spalte?

Beim Bacchus! Er war aber auch ein wenig schwachsinnig heute! Selbst die Vögel hatten die Lage erkannt und berichteten in voller Lautstärke von seiner Blamage, damit auch jeder gleich hörte, wie er sich hier abmühte. Von ihrer Warte aus war das bestimmt höchst amüsant, aber wenigstens wusste er jetzt Bescheid.

Vorsichtig hievte er die Hand von seinem Kopf und legte sie … Er zog mit einem leichten Schmatzen die Nase aus der Spalte und sah sich suchend um. „Aha! Ein Ersatzmann! Wie praktisch!“ Also legte er die riesige Pranke auf den Kopf des kleinen Mannes, der gleich neben ihm – nur ein wenig tiefer – friedlich schnarchte. Kaum war dessen halbes Gesicht in der riesigen Hand verschwunden, seufzte er wohlig auf und schmiegte auch noch den Rest vom Gesicht hinein.

Loranthus überlegte, ob der Mann wohl genug Luft bekam, und lauschte … Nun, der schnarchte zwar ein wenig leiser, aber er schnarchte noch … da konnte er sich jetzt also unbehelligt steif machen.

Hoch konzentriert stemmte er sich auf seine Fingerspitzen und Zehen, atmete tief ein, atmete aus, nochmal ein … schwang sich in einem Ruck hoch und hechtete zur Seite weg.

Trotz seiner harten Bauchlandung schnellte er in die Hocke, riss die Faust in Siegerpose hoch und sah sich nach seiner Ausgangslage um. Sicherheitshalber blieb er geduckt und betrachtete die Kuh, nein, das Weib, auf dem er gelegen hatte, und das er gar nicht kannte. Ach doch! Einmal, zu Beltaine, war sie ihm aufgefallen. Damals hatte sie ein dürres Männlein bei den Reiterspielen huckepack getragen. Loranthus machte einen langen Hals und spähte über das Weib. Ja, sie musste es sein, denn der schmächtige Mann lag neben ihr, wenn sein Gesicht auch nicht erkennbar war.

Loranthus wischte sich ein paar Schweißperlen von der Stirn, was kaum der Rede wert war, bei dieser Befreiungsaktion. Wichtig war nur, dass der Mann nicht aufgewacht war oder das Weib, so konnte er unbeschadet die Flucht ergreifen. Obwohl: Das kleine Kerlchen sah nicht so aus, als müsse er vor ihm Angst haben. Der war eindeutig ein dürres Ästchen, gar kein Vergleich zu ihm. Trotzdem war Vorsicht besser als Nachsicht. Selbst dürre Ästchen hingen an einem Baum neben starken Zweigen.

Lautlos wollte er gerade wegrutschen, da rekelte sich das Weib plötzlich ausgiebig.

Er konnte nicht einmal „Bei Hera!“ hauchen, da hatte sie ihren massigen Körper schon schwungvoll halb herum gewälzt und grunzte laut, um auch noch den Rest der Strecke zu schaffen, doch Loranthus, mitten in der Bewegung erstarrt, stemmte sich geistesgegenwärtig mit seinem ganzen Gewicht dagegen und sie kippte wieder auf die andere Seite zurück.

Durch den Schwung begrub sie dort leider ihren ein Viertel so breiten Mann unter sich, was ihn nicht zu drücken schien. Jauchzend klatschte er ihr seine Hände auf den Hintern. Sie schmatzte laut auf, schlang ihm auch noch ihre Arme unter seinen Kopf und warf ihre massigen Beine um seine Schenkel. Dann bewegte sie ihre Hüften. Er seufzte wohlig, sie schnaufte stöhnend und beide schnarchten weiter. Das wäre sonst wohl Loranthus’ Schicksal gewesen.

Loranthus wischte sich den Schweiß von der Stirn, der ihm nun in Strömen herab rann, stand auf und wankte zum Waldrand, den er nur undeutlich wahrnahm, weil ihm der Schweiß wohl inzwischen in die Augen gelaufen war.

Eigentlich wollte er sich energisch übers Gesicht reiben, aber seine Arme waren plötzlich so schwer und seine Beine so wackelig. Das Gras unter seinen Füßen war so nachgiebig, als würde er über einen Haufen Heu auf einem Leiterwagen laufen, einem fahrenden Leiterwagen wohlgemerkt.

Bei diesem Bild vor seinem geistigen Auge wurde ihm auch schon speiübel. Röchelnd taumelte er weiter und schaffte es gerade noch, einen Baum zu umarmen, sonst wäre er umgefallen. Beim Bacchus, jetzt musste er sich auch noch übergeben, wie ekelhaft! Hinein hatte es viel besser geschmeckt.

Zitternd atmete Loranthus ein, wieder aus und visierte dann drei Bäume zehn Schritte weiter so lange an, bis sie still hielten. Mit der Zeit wurde es besser, die Bäume rutschten zusammen, er sah nur noch den mittleren. Selbst der Leiterwagen war stehen geblieben.

Schnaufend sah er sich um und lehnte sich gegen seinen eigenen Baum. Nein, er schlurfte lieber einen weiter, noch einen.

Hier, zwischen den Bäumen, war es noch duster und es wehte eine kühle Brise, als ob Bruder Wind ihm einen kalten Lappen auf die Stirn legen wolle. Er wedelte auch den Geruch des Erbrochenen weg und Loranthus überlegte kurz, ob er sich den Finger in den Hals stecken sollte, um eventuelle Überbleibsel zu entsorgen, konzentrierte sich aber aus praktischen Gründen lieber aufs Atmen und den frischen Luftzug auf seiner feuchten Haut.

Bald fühlte er sich wieder einigermaßen normal, doch das war ein schwacher Trost, denn nun stand er nicht mehr alleine an seinen zweiten Baum gelehnt. Geübt wie er war, suchte er sich einfach einen neuen, es gab ja genug davon. Auf dem Weg fiel ihm der Spruch mit den Sandalen wieder ein und er sah auf seine, zum Glück sauber gebliebenen, Füße. Er grinste breit. Hierzulande waren sie noch praktischer veranlagt und gingen gleich barfuß. Oh, nein! Kichern war gar nicht gut! Es war so ein erhebendes Gefühl!

Lavinia rekelte sich und erstarrte.

„Was ist denn das?“, murmelte sie schlaftrunken, tastete den seltsamen Gegenstand neben sich ab und riss die Augen auf. „Die Götter haben mir eine … äh …“

Sie hob das Glasgefäß hoch, drehte es prüfend und strahlte übers ganze Gesicht.

„Eine kleine Kanne ohne Henkel. Die Götter haben mir eine Kanne aus Elfenglas geschenkt, weil ich ihnen gestern so leid getan habe! Schau mal, Silvanus! Sie haben mir alle Farben zurückgegeben!“

Voller Stolz reichte Lavinia ihren Fund an Silvanus weiter, der ihn mit anerkennendem Blick betrachtete, und schon ging die Kanne von Hand zu Hand. Jeder bestaunte die vielen Farben und das dünne Glas und beglückwünschte Lavinia zu solch einem außergewöhnlichen Geschenk.

Viviane lugte nachdenklich in den schimmernden Hohlraum hinein.

„Es hat immer seinen Grund, wenn die Götter den Menschen solche Gaben überlassen. Silvanus, du bist unser Glasmacher. Könntest du solch ein Gefäß fertigen? Ich glaube, darüber würden sich die Götter freuen.“

Silvanus nahm ihr die Kanne ab, betrachtete sie fachmännisch und nickte überzeugt.

„Ja, das kann ich. Die Götter haben mir das Wissen dafür gegeben.“ Er schielte zu Viviane und wackelte mit den Augenbrauen. „Epona ist sogar extra gekommen und hat sich von meiner Kunstfertigkeit überzeugt. Sie wollte immerzu die Kanne füllen.“

Loranthus plumpste kraftlos neben Silvanus auf die Kuhhaut. Hanibu reichte ihm eine Schale Gerstenbrei, die er hastig zurückschob. Hanibu drückte jedoch so lange dagegen, bis er sie seufzend annahm und zu löffeln begann.

„Na, Loranthus!“, feixte Medan und machte eine ausholende Handbewegung vom Mund weg. „Hast du die Ameisen gefüttert?“

„Wa? Ameisn?“, schmatzte Loranthus und beäugte argwöhnisch die Kuhhaut, auf der er saß, bis er begriff.

„Hatte ich eigentlich nicht vorgehabt, aber die anderen haben mich sozusagen lauthals und sehr überzeugend … animiert.“ Grinsend schob er sich einen neuen Löffel Brei in den Mund. „Schmeckt gut. Danke, Hanibu. Ich probiere danach auch noch ein Scheibchen vom restlichen Fleisch. Mein Magen ist ja im Augenblick genauso leer wie die Vase dort.“

Er zeigte auf das Gefäß in Silvanus’ Hand und übersah dabei Hanibus erfreutes Lächeln. „Eine sehr schöne Form übrigens. Ich wusste gar nicht, dass auch ihr Gefäße aus Glas macht.“

Kauend betrachtete er die Kanne und zuckte mit den Schultern. „Dachte immer, ihr macht nur Gefäße aus Holz oder Ton oder Metallen oder Horn.“

„Machen wir auch normalerweise, wegen der Bruchsicherheit. Dies hier ist sozusagen ein Unikat, nur zum hinstellen und angucken.“

„Wegen der Bruchsicherheit, verstehe!“, gluckste Loranthus, und über seine Miene huschte ein zufriedenes Lächeln. „Ich hatte schon befürchtet, mir wäre da etwas entgangen.“

„Du meinst, jeder bringt seinen teuersten Besitz in Sicherheit, wenn du im Anmarsch bist?“

Loranthus machte eine wegwerfende Handbewegung, grinste verschwörerisch und wedelte die zweideutige Frage in alle Himmelsrichtungen davon.

„In meiner Heimat gibt es massenweise Glasgefäße. In den Morgenländern weiß man seit Urzeiten damit umzugehen. Ich habe euch doch schon gesagt, das Rezept für Glas ist in Stein gehauen, damit sich jeder etwas mischen kann, wenn er gerade mal Lust hat. Wer sich die Mühe ersparen will, kauft sich natürlich einen riesigen Block am Stück in der Glaserei. Dort machen sie am Tag gleich mehrere Wannen voll. Der Bedarf an Glas ist groß, aber nicht weil das Glas kaputt geht … das kann man jederzeit wieder einschmelzen … im Gegensatz zu Ton … Nein, es ist so vielseitig verwendbar, einfach sehr zweckmäßig.“

„Zweckmäßig. Aha“, machte Silvanus und gab sich geschlagen, doch wenn er schon nicht spotten konnte, wollte er wenigstens wissen: „Und was macht ihr alles damit?“

Loranthus tat so, als müsse er sich eine lange Liste in Erinnerung rufen.

„Nun, um nur ein paar Beispiele zu nennen … Wir füllen Wein und andere Getränke hinein. Jeder, der etwas auf sich hält, hat Karaffen, Trinkpokale, Schalen … auch unsere Wasseruhren sind aus Glas. Es gibt sogar Messer aus dem natürlichen Obsidian, absolut scharf. Glas hat viele Vorteile, es rostet nicht und sieht noch dazu ästhetisch aus.“

„Mit Obsidian kann ich nicht dienen, aber mit Getränken oder Wasseruhren …“, murmelte Silvanus und warf Viviane einen belustigten Blick zu. „Sehr interessant, wirklich Loranthus. Wenn du mir das mal bei Gelegenheit ein wenig näher erläutern könntest, würde ich das auch gerne einmal ausprobieren. Das heißt, wenn Lavinia einverstanden ist, schließlich haben die Götter ihr dieses Geschenk gemacht.“

„Natürlich probieren wir das aus, Silvanus!“, jauchzte Lavinia und klatschte begeistert in die Hände. „Ich kann es kaum erwarten! Vielleicht hat Luis noch einen Rest Himbeersaft! Und diese Wasseruhr interessiert ihn bestimmt auch! Ich frag ihn gleich mal …“

Sie sprang auf, doch Arminius zeigte mahnend auf ihre halbvolle Schale.

„Erst wird gegessen, Lavinia, damit du groß und stark wirst!“

Widerwillig ließ sich Lavinia wieder auf ihre Kuhhaut sinken und schob sich einen Berg Brei zwischen ihre zusammengepressten Lippen. In der Zeit, die sie brauchte, um sich zwischen Sauerei und Sauberkeit zu entscheiden, kam Wadi und setzte sich neben sie.

„Schau mal, Lavinia! Wir haben noch drei Perlen in unserem Feuer gefunden!“ Er zuckte bedauernd mit den Schultern. „Na, ja. Eigentlich sind es keine Perlen mehr. Das Glas ist breit gelaufen. Aber Silvanus kann es bestimmt wieder einschmelzen und macht dir besonders schöne, extravagante Perlen daraus.“

Er legte die bunten Glasscheiben vor Lavinia ab, die einen ziemlich ausgehungerten Eindruck machte.

„Dange, Ongl Wadi“, nuschelte sie mit vollem Mund und stopfte sich schon den nächsten Berg Brei hinterher, den sie energisch zermalmte und hinunterschluckte. „Geschafft! Das ist wirklich sehr lieb von dir, Onkel Wadi!“, versicherte sie nun verständlicher und tauschte ihren Napf mit den Glasscheiben. „Sie gefallen mir auch so sehr gut. Guck mal, wie schön sie glänzen!“

„In meiner Heimat legt man mit solchen Glasscheiben Mosaike“, erklärte Loranthus.

„Was sind Mosaike?“

„Das sind Bilder. Sie werden aus ganz vielen bunten Steinen oder Glas gelegt.“

Lavinia musterte Loranthus fasziniert und hielt ihm eine gelbe Scheibe mit rosa Streifen hin.

„Diese hier sieht aus wie die Göttin der Morgenröte und diese …“ Sie hob eine rote mit lila Rand. „ … sieht aus wie die Göttin der Abendröte. Und die hier … Hm.“

Lavinia hielt die blaue Scheibe hoch und tippte auf einen grün-gelben Streifen, in dem einige Grashalme eingeschlossen waren.

„Sieht aus wie gerade jetzt, in diesem Moment. Als wäre es eine grüne Wiese kurz vor dem Sonnenaufgang. Sogar mit echtem Gras.“

„Apropos Sonne!“, rief Loranthus und klatschte sich auf die Schenkel. „Die römischen Kaiser sehen immer durch geschliffene Brillanten hindurch, damit sie die Sonne nicht blendet. Das hier hätte sicher den gleichen Effekt!“

Silvanus sah ihn nachdenklich an, ließ sich von Lavinia das Glas geben, warf seine langen Haare zurück und erhob sich.

„Etwa so, Loranthus?“

Er machte ein überhebliches Gesicht, stolzierte auf und ab, winkte würdevoll in die Runde und hielt den Daumen hoch oder runter.

Alle lachten. Loranthus wusste jedoch nicht so recht, wie er darauf reagieren sollte, schließlich machten sie sich immer über sein römisches Bürgerrecht lustig. Aber Arminius klopfte ihm gutmütig auf die Schulter und so schmunzelte auch er. Als sich Silvanus graziös auf der Kuhhaut ausstreckte und sich ein zweites Glas vor das andere Auge klemmte, musste er sich schon den Bauch halten. Wie er versuchte, sein Wasser im Liegen zu trinken und gleichzeitig noch zu winken, grölte Loranthus sogar lauter als die anderen und schubste Arminius von der Decke.

Sie waren gerade dabei, sich die letzten Lachtränen aus den Augen zu wischen, als die Hörner erklangen und sie mit schmerzenden Kieferknochen dem abgebrannten Opfer entgegenliefen.

Afal erwartete sie schon, gestützt auf seinen Druidenstab, wie ein müder Schäfer seine behäbigen Schäfchen.

„Nachkommen des Cernunnos!“, rief er entgegen dieser äußeren Erscheinung mit ungeahnt lauter Stimme und zeigte in die Runde. „Die Götter haben uns ihre Gunst bewiesen. Lasst uns diesen besonderen Tag ehren, unser Haupt gen Osten neigen und die Weihe vollziehen.“

Loranthus wollte schon niederknien, doch alle reihten sich der Rangordnung nach hinter Afal ein.

Das ging so schnell, als würden sie es jeden Tag üben. Er jedoch stand mitten im Gewühle, drehte sich unschlüssig hin und her … mit einem Ruck zuckte sein Kopf zurück.

Wie gebannt starrte er auf Afal oder genauer, auf dessen seltsame Kopfbedeckung. Eine höchst skurrile Kopfbedeckung. Ein Riesending von Kopfbedeckung.

Es war ein glänzender Hut, mindestens eine Elle hoch, und er verjüngte sich nach oben wie ein langgezogener Kegel, nein, eher wie ein Finger. Dieser fantastische Hutfingerkegel schien ganz aus Gold zu sein. Seltsame Zeichen waren darauf eingraviert: Kreise, Striche … So etwas hatte er schon gesehen. Aber wo und wann? Vielleicht erst gestern, aber wieso konnte er sich an so etwas Herausragendes, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht er … Da kam Silvanus, schnappte seinen Arm und zog ihn zu Arminius und den anderen Bauern.

Loranthus hastete zwar neben ihm her, seine Augen klebten aber immer noch an Afals goldenem Hut. Hinter dem glänzenden Riesenfinger hatten sich der König und die anderen Druiden aufgereiht. Viviane stand neben Amaturix, beide in weiße Gewänder gehüllt. Wann hatte sich Viviane umgezogen?

Silvanus schob Loranthus energisch hinter Tarian in die Reihe und stellte sich daneben, was ihn wieder auf seine eigenen Angelegenheiten aufmerksam machte.

„Wo ist Hanibu?“

„Die läuft hinter Lavinia und Robin.“

„Ah, ja. Jetzt sehe ich sie“, sagte Loranthus nach hinten gekehrt und war sichtlich zufrieden, dass seine Sklavin nicht mit den anderen Sklaven an letzter Stelle laufen musste.

„Wohin gehen wir jetzt, Silvanus?“

„Zu unserem Heiligtum.“

„Das ist oben auf dem höchsten Punkt vom Uhsineberga, stimmt’s?“

„Nicht das Heiligtum. Wir gehen zum Kalendarium.“

„Verstehe“, sagte Loranthus, doch seine Miene strafte ihn Lügen. „Und wieso verneigen wir uns nach Osten?“

„Und das fragt einer, der sich mit dem Morgenland auskennt“, gluckste Silvanus und tat so, als ob er ihn besonders argwöhnisch musterte. Da Loranthus aber immer noch wie ein Schaf guckte, sagte er ganz langsam: „Weil bald im Osten die Sonne aufgeht. Wir begrüßen die Sonne nach ihrer Sommerwende.“

„Aha! Geht ihr zur Wintersonnenwende auch zum Kalendarium und verneigt euch nach Osten, wenn die Sonne aufgeht? Ist es dann nicht viel zu kalt?!“

„Zugig und rutschig hast du vergessen. Im Winter schneit es immer ordentlich“, fügte Silvanus noch hinzu und sah, wie Loranthus prompt eine Gänsehaut bekam. Vergnügt rieb er sich die Hände. „Du machst dir ja keinen Begriff, Loranthus! Das wird sogar klirrend kalt und der Atem gefriert einem im Mund und die Zähne klappern wie irre. Wenn man nicht aufpasst, bricht man sich einen ab. Deshalb sollte man durch die Nase atmen. Wenn man Glück hat, bekommt man keinen Schnupfen, sonst gefriert der Rotz und die Nase ist dicht. Dann muss man wieder den Mund aufmachen … Ja, das ist wirklich alles gar nicht so einfach … Was soll der neu geborene Sonnenkönig von uns denken, wenn wir dastehen mit abgebrochenen Zähnen und ellenlangen Eiszapfen an der Nase … Deshalb bleibt man lieber zu Hause und verbringt die Nacht im Stillen. Wenn der alte König stirbt, ist alles still, wie es sich gebührt. Alle warten.“

„Was? König Gort stirbt?“

„Nein. Niemand stirbt wirklich, Loranthus. Ich meinte den Sonnenkönig als Symbol für die Wintersonnenwende. Denk an den Tanz von Elektra und Viviane. Sie haben doch auch nur die Mondgöttin symbolisiert.“

„Und König Gort hat mit Pfeil und Bogen den Sonnengott verkörpert.“

„Ja, genau. Die Wintersonnenwende ist die geweihte Nacht, wenn die Sonne ihren Jahreslauf beendet und einen neuen Umlauf beginnt. Symbolisch stirbt der alte König und der neue wird geboren. Alles beginnt von vorne, ein ewiger Kreislauf.“

„Puh, und ich dachte schon …“

Silvanus klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

„Nicht denken, Loranthus! Beobachten, erkennen, wissen.“ Er lachte auf. „Fragen geht natürlich schneller.“

„Deshalb bin ich hier“, seufzte Loranthus und reckte den Kopf, damit er den goldenen Hut von Afal besser im Blick hatte. Der oberste Druide schwenkte gut sichtbar von der Wiese ab auf einen breiten Weg. Alle folgten ihm wie die Schafe zu einer anderen Weide. Loranthus musste sich das Lachen verkneifen und fragte deshalb: „Ist das dieser Königsweg, der vom Uhsineberga zum Dietrichsberg führt?“

Silvanus nickte, deutete aber seitwärts in den Wald hinein.

„Wir folgen ihm nur ein kurzes Stück und zweigen gleich zum Kalendarium ab. Aber keine Bange, der Trampelpfad ist gut gangbar.“

„Etwas anderes hätte ich auch nicht erwartet“, murmelte Loranthus mit Blick auf den goldenen Hut, der nach rechts ausscherte.

Als er kurz darauf selbst vom Wege abbog und einem gewundenen Pfad folgte, gab er es auf, ständig den Hals zu recken. Fasziniert betrachtete er mächtige Tannenbäume und ausladende Kronen riesiger Buchen oder Ahorne. Zwei Männer hätte man gebraucht, um diese Stämme zu umfassen, vielleicht sogar drei.

Ohne es zu bemerken, ging sein Kopf immer weiter in den Nacken und er staunte wie ein kleines Kind, als hätte er noch nie einen Wald gesehen. Das war natürlich Schwachsinn, aber er hätte es nicht benennen können … Er hörte die Stille, obwohl sich die Leute gedämpft unterhielten. Ab und zu erhaschte er auch einen kurzen Blick auf den goldenen Hut, sah Pilze zwischen Gräsern, roch sie sogar. Ein Eichelhäher flog krächzend auf … und da wusste er es: Er konnte den Wald fühlen, mit allen Sinnen erfahren.

Umsichtig stieg er über knorrige Wurzeln, die so dick waren, dass sie tief hinabreichen mussten in die unterirdische Welt. Bewundernd betastete er die raue Borke von uralten Bäumen, die so warm und vielschichtig war wie das irdischen Leben. Andächtig lauschte er dem leisen Wispern von Bruder Wind, der so sachte durch die Wipfel streifte wie Viviane, als sie gestern die Frauen zum Tanzen geholt hatte … und so erhoben sich auch die vielen grünen Blätter und wiegten sich im Takt zu einer seufzenden Melodie … so anmutig … so weit oben … so erhaben … überirdisch.

Loranthus hätte nicht sagen können, wie lange er zwischen den Welten gewandert war, doch unvermittelt war der Wald zu Ende und vor ihm erstreckte sich eine Hochebene.

Kein Baum und kein Strauch stand darauf, aber dafür wurde sie von etwas anderem dominiert: Einem riesigen Steinring, in dem lange Holzstämme steckten. Oben, am Kopfende, waren sie durch Querstämme miteinander verbunden. Ein imposantes Bauwerk, fand er und dachte an einen gigantischen runden Käfig, bei dem die Gitterstäbe zu weit auseinander standen.

Der steinerne Sockel war aus Basaltbrocken, wie alles hier in der Gegend. Er war auch nur kniehoch und daher nichts Besonderes, die gesamte Konstruktion dagegen schon.

Die stehenden Stämme ragten alle pfeilgerade aus dem Sockel und hatten immer den gleichen Abstand zueinander. Damit sie schön senkrecht blieben, brauchten sie natürlich nicht nur Halt am Fuß, sondern auch am Kopfende, und diese aufliegenden Querstämme passten so exakt, dass kaum Fugen zu sehen waren.

Anerkennend schürzte er die Lippen.

Wie er die keltischen Holzhandwerker kannte, hatten sie alles sehr stabil gemacht, durch Spundung und Verzapfung. Selbst bei Sturm, Regen, Eis und Schnee würde dieser Ring stehen bleiben, weil es sich gegenseitig stützte. Ein perfekter, riesiger Kreis aus Stein und Holz, keine Ecken oder Kanten. Ja, warum eigentlich nicht?

Bei näherem Hinsehen bemerkte Loranthus, dass die Aufliegerstämme eine leichte Krümmung aufwiesen. Womit bewiesen wäre, dass die Keltoi alle Hölzer krumm bekamen, wenn sie auch noch so dick waren, und am Ende passte es immer noch zusammen, es sei denn sie wollten mit Absicht eine Spirale machen, was die zweitbegehrteste Figur gleich nach dem Kreis war.

Loranthus wurde plötzlich ganz aufgeregt, weil er in dem Kreis noch einen zweiten erblickte, genau im Zentrum, deshalb war dieser wesentlich kleiner. Er hatte keinen Steinsockel, die Stämme standen von alleine und waren viel dicker, extrem dick, um genau zu sein. Diesmal ragten allerdings immer nur zwei hoch und einer lag quer auf, dazwischen war nichts. Es schien fast so, als stünden die enormen Stämme nur durch ihr eigenes Gewicht. Vielleicht waren sie auch irgendwie in der Erde verankert.

Loranthus reckte den Kopf, damit er besser sehen konnte und zählte schnell durch: Es waren fünf wuchtige Dreiergruppen, und sie waren untereinander wirklich nicht verbunden. Eigentlich bildeten sie auch keinen richtigen Kreis, sondern eher ein Hufeisen. Eine Stelle war nämlich weit offen geblieben und gab den Blick frei auf ein steinernes Becken genau im Mittelpunkt.

„Komm!“, sagte Silvanus und führte Loranthus auf die hölzernen Pfeiler zu. „Der Weg führt uns genau zum Osteingang. Wir müssen das geweihte Land aber erst einmal umrunden. Dann dürfen wir eintreten und stellen uns an der Westseite auf.“

„Aha“, murmelte Loranthus gedankenverloren und seine Augen huschten vom Trampelpfad um den Steinsockel herum zur gegenüberliegenden Seite. „Dort ist also Westen. Aber in welche Richtung müssen wir gehen? Rechts herum oder links herum?“

Silvanus schmunzelte und sah bedeutsam drein, gab aber keine Antwort. Loranthus betrachtete ihn erwartungsvoll von der Seite und achtete nebenbei auf seinen Weg. Das war gar nicht so einfach, und er war gerade dabei, seine Ungeduld in Worte zu fassen, plus seine Miene passend zu verfinstern, da hatte er einen erhellenden Gedanken.

„Jetzt wird mir alles klar wie ein Gebirgsbach! Wir gehen natürlich von Osten über Süden, nach Westen und Norden! Und aufstellen tun wir uns im Westen, damit wir die Sonne sehen können, die nach der Sonnenwende das erste Mal wieder aufgeht.“

„Das hat aber lange gedauert, du Gast aus dem Lande der Kultur und Gelehrsamkeit. Komm! Ich zeige dir den Stamm, den Noeira letztes Jahr behauen hat. Der alte war morsch geworden und da musste natürlich ein neuer her. Mal sehen, ob du errätst, für welchen Festtag er steht!“

„Was bekomme ich, wenn ich es errate?“

„Dann hast du einen Wunsch bei mir frei. Aber darüber muss ich mir keine Sorgen machen, Grieche aus dem fernen Kreta“, feixte Silvanus mit einem besonders spöttischen Zug um die Lippen.

Loranthus konnte schon gar nicht mehr hinsehen.

Beim Anblick der ersten Pfeiler vergaß er allerdings, dass er ein wenig schmollen wollte. Er war nämlich jetzt mit wichtigeren Dingen beschäftigt. Er musste staunen.

Die Schnitzereien waren so detailgetreu aus den Stämmen herausgearbeitet, dass sich seine Hände ganz von alleine ausstrecken, um die glatten Strukturen zu betasten. Ohne Mühe konnte er die abgebildeten Dinge erkennen, ganz alltägliche wohlgemerkt: ein Pflug, eine Sense, ein Mähwerk, das von einem Ochsen über ein Kornfeld geschoben wurde, Ährenbündel, eine Drehmühle, ein Backofen und ein Weib, dass dem Betrachter ein Brot entgegenstreckte; ein Schwarm Bienen, Blumen, Klotzbeuten, Gerste, Dinkel, Fässer, Trinkhörner, Harfen, Flöten, Trommeln, Hörner und Kinnaren. Es gab auch Schnitzereien von tanzenden Weibern mit hervorquellenden Brüsten und Männer mit übertrieben erigiertem Phallus. An denen hätte er Klimmzüge machen können, sie wären nicht abgebrochen. Und wenn doch, wäre er schließlich bei einem Tanzpaar hängen geblieben, das in eindeutiger Pose miteinander verschlungen war.

Loranthus sah plötzlich ein Bacchusfest vor sich, wo es auch nicht anders zuging; seltsame Wehmut überkam ihn. Schnell lenkte er sich mit den nächsten Bildern ab: Leute beim Hausbau, Kinder in hängenden Wiegen oder mit einem Napf in der Hand, Weiber die webten oder töpferten, Männer die Schafe schoren oder schlachteten, ein Rennofen, ein Dreifuß über dem Feuer … alle Tiere, die es hierzulande gab und auch welche, die es nicht gab, Löwen, zum Beispiel; dazu immer wieder Bäume, Sträucher, Obst, Gemüse, Getreide, Kräuter und Runen.

Er machte sich den Spaß und verglich sie mit den griechischen Schriftzeichen. Einige sahen sich wirklich verblüffend ähnlich: Beta, zum Beispiel, oder Delta, Jota, Ypsilon; wenn man ein Auge zudrückte auch Kappa, Ny, Omikron und wenn man zwei Augen zudrückte …

Hinter Loranthus hatten sich die Leute aufgestaut und Medan löste das Problem ganz praktisch, indem er ihn mit ziemlich viel Schwung zum nächsten Pfeiler beförderte.

Loranthus konnte sich gerade noch abfangen, sonst wäre er mit ein paar Kriegern zusammen geprallt − keinen echten, zum Glück. Ihre geschnitzten Abbilder waren zu Fuß unterwegs und mit Schleudern sowie mannshohen Schilden gewappnet. Andere hoben schussbereite Bögen und duckten sich dabei hinter hohe Schilde. Reiter hoch zu Ross streckten dagegen kleine runde Schilde vor und sahen mächtig stolz aus. Noch majestätischer wirkten die Krieger in Streitwagen. Letztere trugen Helme mit verschiedenen Tierfiguren als Schmuck und hielten Doppeläxte oder Speere kampfbereit. Einer hob eine Carnyx an den Mund … Das war der einzige Pfeiler, an dem sich Loranthus nicht länger aufhielt.

Dafür musterte er Noeiras Schnitzereien umso akribischer, denn er erkannte einen Vollmond und Menschen, die Tierbälger über sich gezogen hatten, sogar die Schädel und die Beine waren noch dran. Da gab es Ziegenböcke, Schafböcke, Stiere und Hirsche − also lauter Leute mit Hörnern auf dem Kopf und baumelnden Hufen, bis auf einen mit Eselsohren, aber Hufe hatte der auch. Einer hatte sich einen Hasenbalg über gestülpt und hatte daher nur einen kleinen Schädel auf dem Kopf, konnte sich dafür aber die langen Ohren streicheln; ein anderer trug den Balg von einem Keiler mit einem Paar riesiger Hauer, der nächste ein Federkleid … Kurz: Sämtliche Tiere tanzten um ein Feuer, aßen und tranken, lachten oder waren eindeutig besoffen. Eine Kuh paarte sich höchst obszön mit einem … Bären?

Loranthus musste blinzeln und schon grinste er von einem Ohr zum anderen, weil sein Blick auf einen Mann im Schafspelz fiel. Er sah seltsamerweise Silvanus verblüffend ähnlich. Der Schaf-Silvanus hatte den Mund weit aufgerissen und machte gerade einen Hechtsprung auf ein davon rennendes Ferkelchen, ein echtes wohlgemerkt. Wer von den beiden wohl schneller war?

Silvanus schien jedenfalls keinen Kommentar abgeben zu wollen, er ignorierte Loranthus’ verschmitztes Kichern, zumindest versuchte er es.

„Imbolg“, raunte Loranthus mit Verschwörermiene, schwenkte den Zeigefinger und schnippte schwungvoll gegen den Schafspelz. Es sah fast aus, als wolle er den Mann darunter ein wenig auf die Sprünge helfen.

„Was?“

„Du hast mich schon verstanden, Silvanus“, gluckste Loranthus und nun lachte er einmal zur Abwechslung provozierend überheblich. „Ich habe etwas gut bei dir. Die Szene zeigt euer Mondfest Imbolg. Es wird zu der Zeit zelebriert, in der die Schafe wieder Milch geben und ihre Lämmer gebären, also euer Fruchtbarkeitsfest nach der Wintersonnenwende.“

„Und woher weißt du das so genau?“, erkundigte sich Silvanus mit letzter Kraft und ließ die Schultern hängen.

Loranthus sah sich nach allen Seiten um, ob jemand lauschte, doch er war ja in seine Gastfamilie eingekeilt. Außerdem waren sämtliche Leute vor und hinter ihm damit beschäftigt, die Schnitzereien zu betrachten. Das erforderte enorm viel Aufmerksamkeit, wenn man alles sehen wollte. Dazu kamen noch die neugierigen Fragen der Kinder, die garantiert nichts übersahen und deshalb auch zu jedem Detail etwas wissen wollten − je lauter, umso besser.

Feixend beugte er sich zu Silvanus hin und knurrte leise durch die Zähne: „Weil Imbolg ‚im Bauch‘ bedeutet, um es mal mit anderen Worten zu sagen. Die Menschen, die sich die Tierbälger überstülpen sind nichts anderes als Symbole. Sie stehen stellvertretend für das, was einem Menschen wichtig ist, nämlich die Fruchtbarkeit der Tiere. Keine Fruchtbarkeit − kein Fleisch, keine Milch, keine Butter, kein Käse, keine Wolle, keine Felle … Ergo: lauter Wackelzähne und Schniefnasen und mit der eigenen Fruchtbarkeit sieht’s dann auch schlecht aus.“

„Hm“, brummte Silvanus und schob Loranthus mit besonders viel Elan durch den Osteingang des steinernen Sockels.

Auch die wuchtigen Stämme im Inneren waren mit Schnitzereien versehen, erkannte Loranthus schon von Weitem. Lanze, Schwert, Kelch, Stein, Adler, Schwan, Ente, Rabe, Taube, Hirsch, Stier, Bär … besonders interessant war das große Becken im Zentrum der Dreiergruppen. Loranthus beugte sich neugierig darüber.

Es war aus Basalt und so glatt geschliffen, dass es wie poliert aussah und bläulich schimmerte, aber das war noch nicht alles.

Es hatte kleine Kerben rundherum, in denen bei manchen dünne gelbe Stricke klemmten und sich asymmetrisch überkreuzten. Seltsame Muster … die jetzt abgenommen wurden und zusammengefaltet.

„Es würde mich freuen, wenn wir uns bei nächster Gelegenheit länger unterhalten könnten“, raunte eine tiefe Stimme und Loranthus riss den Kopf hoch.

Da stand Afal mit seinem goldenen Hut und hatte sichtlich Mühe, sich das Lachen zu verkneifen.

„D … das wä … wäre mir eine große Ehre“, krächzte Loranthus und wusste nicht, wo er zuerst hingucken sollte, auf Afal oder auf die Linien und Kreise von dessen Hut.

Er entschied sich für ein ausgiebiges Nicken und erhaschte so einen Blick auf beides; Afal lachte nun ganz offen.

Loranthus hatte aber keine Zeit zum Verlegen sein, denn er musste ja Schritt halten, ob er wollte oder nicht. Schon stand er auf der Westseite und der Clan fächerte sich auf: Bis vorne die Königsfamilie und die Druiden, gleich dahinter die Krieger mit ihren Familien, danach kamen die Handwerksfamilien, die Bauern und als letzte die Sklaven.

Loranthus fand diese Rangordnung äußerst praktisch, er hatte nach allen Seiten gute Sicht. Als erstes drehte er sich nach hinten, denn jetzt konnte er die dünneren Stämme endlich in aller Ruhe betrachten, wenn auch nur die Innenseiten. Seltsamerweise bestanden hier die Schnitzereien aus simplen Kerben, auf den stehenden Stämmen horizontal, auf den aufliegenden Stämmen vertikal … Kerben, Kerben und nochmals Kerben, so weit das Auge reichte … Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit also komplett rundherum in Höhe und Breite.

Nachdenklich schüttelte er den Kopf.

Was war hier das Offensichtliche? Das Offensichtliche …

Loranthus visierte noch einmal die Kerben der aufliegenden Stämme an und begann zu zählen. Schon nach zwei Stämmen hörte er auf. Er wusste schon im Voraus, dass es 360 waren. Die Kerben der Pfosten brauchte er auch nicht zählen. Das waren garantiert 90. Nun hatte er das Offensichtliche entdeckt und schüttelte schon wieder grübelnd den Kopf. Er bemerkte gar nicht, wie Afal sich nach Osten drehte und Achtung heischend seinen Arm hob. Silvanus musste ihm deshalb erst den Ellenbogen in die Seite rammen. Auf ein Zeichen Afals gingen alle auf die Knie und es wurde still. Loranthus wollte sein Haupt neigen, doch Silvanus knurrte zwischen den Zähnen: „Du musst hinsehen! Sonst verpasst du den Sonnenkorridor!“

„Sonnenkorridor“, echote Loranthus leise und sah Afal zu, wie er vier goldene Stäbe in einigen Kerben des steinernen Beckens feststeckte.

Einen Wimpernschlag lang betrachtete Loranthus die dünnen Stäbe, dann rutschte er auf seinen Knien so unruhig umher, dass Silvanus ihm die Hand auf die Schulter legen musste.

„Bleib ruhig, Loranthus“, raunte er. „Es passiert dir nichts. Heute wird nichts geopfert.“

„Es sei denn, du willst als Zwiesel enden, wenn du weiter so zappelst“, gluckste Arminius leise und drückte fest auf die andere Schulter von Loranthus, obwohl er dabei an Conall und Tarian vorbei langen musste.

„Dann braucht Großmutter Mara nicht bis zum Winter warten“, kicherte ihm Tarian ins Ohr und löste seinen Vater beim Drücken der Schulter ab.

„Du kannst persönlich in der Buttermilch deine Früchte verrühren und das Gemüse in der Suppe“, versicherte Conall und rieb kräftig die Hände gegeneinander, als wolle er einen Zwiesel führen.

Loranthus wirbelte so schnell mit seinem Kopf zwischen Arminius, Silvanus, Conall und Tarian herum, dass er einem echten Zwiesel erstaunliche Konkurrenz machte. Und als seine Hände zwischen den goldenen Stäben und dem gleißenden Gold des Sonnenaufgangs hin und her zuckten, war das Bild perfekt.

„Das ist ein Observatorium!“, flüsterte er aufgeregt und zeigte auf die Holzstämme rund herum. „Damit könnt ihr Mondjahr und Sonnenjahr in Einklang bringen! Und dieser Hut! Afals Hut …“

Silvanus sah ihn übertrieben erstaunt an und wisperte: „Natürlich. Was hast du denn gedacht?! Meinst du, ihr Griechen seid die einzigen, die Zyklen von Mond- und Sonnenfinsternis berechnen können? Afal kann das auch. Was meinst du wohl, woher wir wissen, wann die Tagundnachtgleichen sind, die Sonnenwenden, die Rauhnächte, Samhain, Imbolg, Beltaine, Lugnasad?“

„Ruhe jetzt! Augen gerade aus!“, zischte Arminius und Loranthus klappte seinen Mund kommentarlos zu. Er hatte sowieso keine plausible Antwort parat.

Afal drehte sich zu ihnen um und schien sich prächtig zu amüsieren, hatte also gute Ohren. Er wurde aber schnell wieder ernst, hob die Hände zum Himmel und breitete die Arme in seiner allumfassenden Geste aus.

„Seht, Nachkommen des Cernunnos! Ostara breitet ihren göttlichen Mantel für unseren König aus, auf dass der Strahlende darüber schreite, wie es einem König gebührt: In einer Aura aus Licht, auf goldenem Pfad. Heißt ihn willkommen!“

Ein melodiöser Hornstoß schallte über die Hochebene, ein zweiter setzte ein, ein dritter, ein vierter … Dreizehn Bläser wechselten sich so gekonnt ab, dass man nicht hörte, wie sie Luft holten. Ihr Signal dauerte an, bis die Sonne ihren Scheitel über den Horizont der Thuringer Berge geschoben hatte und in einem gleißenden Kranz aus Licht erstrahlte. Von überall her auf den Bergen hallte Hörnerklang zu ihnen herüber, mal mehr, mal weniger laut. Loranthus stellten sich die Nackenhaare auf, so majestätisch hörte es sich an. Ein Raunen ging durch die Menge, als der erste Strahl über einem spitzen Felsen aufglomm, der am äußersten Rand der Hochebene aufragte. Dieser Finger aus Licht ging exakt zwischen den beiden Pfeilern am Osteingang hindurch und traf den vordersten der goldenen Stäbe auf dem Stein. Sofort flammte der zweite Stab auf und warf seinen Glanz geradewegs auf den dritten, dann strahlte der dritte den vierten an.

Loranthus hätte schwören können, auf den wuchtigen Dreiergruppen Bilder zu sehen, die ihm vorher nicht aufgefallen waren, aber das Licht am Horizont, das Licht auf dem Becken, das Licht der Reflektion, Afals goldener Hut … alles zusammen gleißte derart hell, dass er die Augen fest zusammen kneifen musste.

„Der Sonnenkorridor!“ rief er aufgeregt und schielte mit gesenktem Kopf zu Silvanus. „Beim Pfeil und Bogen von Apoll! Ich glaub, ich werd irre! Ihr habt hier oben auf dem Berg ein Observatorium, ein Kalendarium wenn man so will. Und heute ist die Sommersonnenwende. Da steht die Sonne in ihrem Jahresverlauf am nördlichsten! Ist der Felsensporn dort vorne natürlichen Ursprungs oder habt ihr ihn auf diesem Platz eingegraben? Egal! Jedenfalls geht über diesem Felsen heute die Sonne auf und Apollo schießt seinen Pfeil direkt hierher.“

„Arcturus. Und das Horn ist echt.“

„Was?“

„Der Felsen ist natürlichen Ursprungs“, betonte Silvanus und brüllte fast, damit Loranthus bei dem lauten Hörnerklang auch alles gut verstand. „Und Arcturus schießt seinen Pfeil direkt hierher.“

„Arcturus − Apollo … hört sich für mich einerseits verschieden, andererseits doch ähnlich an! Da gibt es so viele Namen für ein und dasselbe!“, schrie Loranthus zurück.

„Aber weißt du, Silvanus, was mich am meisten verwundert?“

„Sag’s laut!“

„Dass die Symbole gleich sind!“, brüllte Loranthus.

„Ich schätze mal, das ist der Sinn von Symbolen! Hat irgendwie den selben Zweck wie Zeichensprache!“

„Zeichensprache?“, fragte Loranthus verblüfft und vergaß zu schreien, dafür versuchte er ein Auge zu öffnen. Gequält verzog er sein Gesicht, kniff das Auge wieder zu und hob den Daumen. „Zeichensprache.“

Die Hörner vereinten sich zu einem letzten langen Crescendo und verstummten abrupt. Die plötzliche Stille hallte auf eine ganz besonders anrührende Weise nach. Loranthus konnte das erhabene Schweigen nicht nur hören, sondern auch fühlen und jetzt sogar wieder einigermaßen sehen.

Afal, in gleißendes Licht gehüllt, breitete die Arme aus.

„Lasst − die Weihe − beginnen!“

König Gort und Gardan erhoben sich und trugen eine mannshohe Holzstatue zu Afal. Loranthus hatte sie bis jetzt noch gar nicht bemerkt, aber er erkannte sofort, dass es die Figur war, die Noeira bei seiner Ankunft hier, in diesem Land, behauen hatte. Jetzt war sie fertig und irgendwie kam sie ihm bekannt vor. Es war eine Frau mit langen wallenden Haaren. Sie streckte die Hände aus, als wolle sie dem Betrachter einen Schluck Wasser darbringen.

„Hiermit gebe ich dir den Namen ‚Quellgöttin Sünna‘. Möge deine göttliche Gabe allzeit bestehen und all jenen, die dich achten und ehren, zum Wohle gereichen.“

Afal tauchte Birkenzweige in das steinerne Becken und besprengte Sünna mit geweihtem Wasser, bis sie von oben bis unten nass war.

Loranthus überlegte, dass sie auch in das Becken gepasst hätte, wenigstens bis zum Bauchnabel. Aber das hätte wohl zu komisch ausgesehen, wenn sie die Statue dann umgedreht und kopfüber hinein getaucht hätten. Obwohl? Auf dem steinernen Becken wurde auch eine Gestalt kopfüber in einen Kessel getaucht. Sie sah aus wie ein … Mensch. Loranthus sah genauer hin.

Ganz eindeutig: In den Stein waren Symbole und Figuren gehauen. Es waren Krieger. Das erkannte er an ihren Helmen. Der eine hatte Hörner auf seinem, ein anderer eine borstige Wildsau, der nächste einen Hahn. Sie saßen auf Pferden und hielten Schwerter, Äxte und Schilde in den Händen. Hinter ihnen reihten sich Krieger zu Fuß. Sie sahen alle nach vorne zu einem gehörnten Wesen, das einen Krieger an einem Bein gepackt hielt und kopfüber in einen Kessel tauchte.

Loranthus stellten sich die Haare auf und er bekam Gänsehaut. Ihn hatte nicht so sehr die dargestellte Szene erschreckt, sondern mit welch gleichmütigen Mienen die nachstehenden Krieger darauf warteten, dass sie auch dran kämen. Und dieser Gehörnte … dieses Hirschgeweih da auf seinem Kopf … Das konnte doch nur Cernunnos sein. Ganz eindeutig: In der einen Hand hielt er eine Schlange und seinen Torques, den er sonst immer mit der anderen hoch hielt, trug er um den Hals. Das lag wohl daran, dass seine andere Hand schon besetzt war.

Loranthus schluckte laut, als sich Noeira und Taberia erhoben und ihre Babys zu Afal trugen. Conall und Tarian gingen neben ihnen. Loranthus sah ihnen nach, als wolle er sie am liebsten aufhalten, doch gleichzeitig erkannte er, wie stolz sie über den Platz auf das steinerne Becken zu schritten. Auch andere Mütter und Väter betraten den Kreis und Gardan ordnete sie.

Zuerst kam Wahedon mit seiner Frau Mirja und seinem Sohn. Afal machte mit dem Daumen das Zeichen der vier Himmelsrichtungen auf seiner Stirn und sprach: „Hiermit gebe ich dir den Namen ‚Hattu‘, der Behütete. Achte die Götter und sie werden dich achten.“

Wahedon nahm seinen nackten Sohn aus dem Tuch und reichte ihn Afal. Der tauchte ihn komplett, bis über den Kopf, in das Becken mit den seltsamen Bildern und gab ihn zurück. Der Kleine schrie nicht einmal und Wahedon schwoll die Brust, als er ihn der Sonne entgegenstreckte und wieder in das Tuch zurücklegte. Mirja schlug ihn fürsorglich ein und sie machten einen Schritt zur Seite.

Noeira und Conall waren an der Reihe und Belisama bekam nun ganz offiziell ihren Namen. Sie beschwerte sich aber lauthals über das Bad, was alle Zuschauer zum Lachen brachte.

Conall küsste seine strampelnde Tochter und hob sie strahlend in die Höhe. Belisama quittierte seine Freude mit energischen Fußtritten und pinkelte los, was Conalls Arme zusehends länger werden ließ. Geduldig wartete er in gestreckter Vorhalte, und als sie fertig war, versuchte er sie wieder in ihr Tuch zurück zu legen. Noeira kam aus dem Lachen nicht mehr heraus, weil sie einige Mühe hatte, ihre agile Tochter wieder einzuwickeln. Alle Umstehenden freuten sich mit.

Die nächste, die sich über zu viel Wasser beschwerte, war Armanu, und auch Tarian hob seine Tochter lachend der Sonne entgegen. Sie hatte aber keinen Wasserüberschuss, beziehungsweise: Sie hatte schon vorher ihr Einschlagtuch nass gemacht, aber Taberia hatte wohlweislich für Ersatz gesorgt.

Viele Babys schrien und strampelten, ein besonders kräftiges gähnte gelangweilt und reckte seine Fäuste gen Himmel, eins hatte Afal am Daumen erwischt und seinen einzigen Zahn hineingeschlagen, der nächste wollte sein Wickeltuch partout nicht loslassen … alle hatten viel Spaß.

Die Namensgebung ging schnell vorüber und Loranthus staunte nicht schlecht, als Viviane nach vorne ging und auch die anderen Krieger nachkamen. Diesmal musste Gardan niemanden ordnen. Sie kannten ihre Rangfolge genau.

Amaturix ging vor Afal auf die Knie, senkte den Kopf und streckte ihm sein Schwert entgegen. Afal nahm es langsam und tauchte es wie die Babys ins Becken. Loranthus fragte sich, wie tief das Wasser wohl sei und ob er da vielleicht auch hineinpassen würde, wenn er in die Hocke ging.

Da rief Afal auch schon: „Hiermit gebe ich dir den Namen ‚Gabe der Götter‘! Achte das Leben und hüte die göttlichen Gaben!“ Mit diesen Worten reichte er das nasse Schwert an Amaturix zurück.

Silvanus stieß Loranthus an und flüsterte: „Hast du gesehen, wie präzise sie das Schwert parallel zu sich halten und nur mit den Fingerspitzen berühren?“

„Jetzt, wo du es sagst …“, wisperte Loranthus zurück. „Warum machen sie es so umständlich?“

„Wenn man es anders berührt, oder die Schwertspitze auch nur ein kleines bisschen zu dem einen oder anderen hinzeigt, kann das derjenige schon als Provokation deuten.“

„So ein Schwachsinn“, zischte Loranthus leise. „Das ist Afal, der da vorne steht! Ist dir das noch nicht aufgefallen?“

„Kein Schwachsinn, Loranthus. Egal wer es ist, Ausnahmen werden nur bei Kindern gemacht. Und jetzt still! Viv ist dran.“

Viviane beugte ihr Haupt und hielt ihr Schwert exakt zwischen sich und Afal, der es ihr ganz vorsichtig abnahm und ins Steinbecken tauchte. Loranthus dachte an Namen wie: die Unbesiegbare, die Unbeugsame, die Erhabene, die Kühne, die Gerechte, die Glorreiche …

Er war total perplex, als Afal rief: „Hiermit gebe ich dir den Namen ‚Der mondhelle Pfad‘! Achte das Leben und hüte die göttlichen Gaben!“

Was sollte das heißen: Der mondhelle Pfad?! Wollte Viviane aus ihrem Schwert einen Wanderstock machen für einen lauschigen Spaziergang mit Silvanus bei Mondschein?! Doch kein Krieger nannte sein Schwert so, wie es Loranthus erwartet hatte. Und als sie wieder vom Heiligtum herab schritten, erklärte es ihm Viviane selbst, denn nun war der offizielle Teil vorbei und jeder lief, wo er wollte.

„Du musst den Namen fühlen, Loranthus. Das können Wünsche sein oder Versprechen, wichtige Ereignisse in deinem Leben oder andere Dinge, die dir Kraft spenden. Diese Kraft soll mit dem Namen auf dein Schwert übergehen. Es ist dein Beschützer, dein Freund, das Beste was du hast! So ähnlich wie ein Hilfsgeist bei einem Geisterflug. Verstehst du?“

„Deshalb hat Wahedon sein Schwert ‚Für das Leben‘ genannt?“

„Ja, weil sein Weib und sein Sohn ihm alles bedeuten.“

„Du hast beiden das Leben gerettet, Viviane“, bemerkte Loranthus und winkte sofort ab, um ihren Protest zu unterdrücken. „Ich weiß schon! Es stand in deiner Macht. Also. Wann macht man so eine Schwertweihe? Ich meine: Du hast dein Schwert doch schon länger und Amaturix auch und all die anderen Krieger.“

„Das kann jeder machen, wie er will. Jede Sommersonnenwende bekommt man die Gelegenheit dazu. Es kommt nur darauf an, wann du den Namen in dir hörst. Zum Beispiel, wenn sich in deinem Leben etwas Wichtiges ereignet.“ Sie betrachtete ihn schelmisch von der Seite. „Du könntest dein Schwert zum Beispiel …“.

Sie machte eine Kunstpause, die Loranthus lachend nutzte.

„ … Elektra nennen?“

„Warum nicht?“ gluckste Viviane. „Aber es sollte sich geheimnisvoller anhören. Wie ‚Sonnenstrahlendes Mondhaar‘ oder so ähnlich.“

Loranthus lachte laut auf.

„Wenn ich jemals mehr als ein Holzschwert führen sollte, dann nenne ich es ‚Verbindung zweier Bänder, die eins waren‘.“

„Wie kommst du denn auf den Namen?“

Loranthus sah sie ernst an und wiegte den Kopf.

„Ich weiß nicht genau, Viviane. Aber in letzter Zeit kommt mir immer öfter der Verdacht, dass mich viel mehr mit deinem Volk verbindet, als meine Liebe zu Elektra.“ Er raufte sich die Haare und stöhnte. „Was soll ich nur machen, Viviane? Ich will sie nicht verlieren, sie kann nicht von hier weg, mein Vater erwartet mich … unsere Händlerdynastie … ich bin sein einziger Erbe …“

Viviane zog seine Hände herunter.

„Jetzt warten wir erst mal vor Tinnes Haus, damit auch die kleine Germania ihre Weihe bekommt. Dann bringen wir unsere neue Statue an ihren angestammten Platz. Viele von uns werden dort eine Bitte an Sünna richten und ihr ein Opfer versprechen, wenn sie unsere Wünsche erfüllt. Vielleicht hast auch du einen Wunsch? Weißt du, Loranthus: Ich habe lange überlegt, bis ich einen Namen für mein Schwert gefunden habe und als ich am wenigsten daran dachte, war er einfach da. Vielleicht ist es ja bei dir genauso. Es gibt so viele Möglichkeiten … Warte einfach auf die richtige.“

Loranthus stöhnte wieder auf und Viviane tätschelte ihm die Schulter.

„Bald, Loranthus, bald.“




Die Zeit geht vorbei, ob bei Spiel oder Arbeit


Wenn es Loranthus an diesem Tag auch nicht geglaubt hatte: Die Zeit bis zu Lugnasad verging schneller als geahnt.

Das lag wohl daran, wie gut er sich schon in Vivianes Familie fügte.

Er harkte die Gemüsefelder, ohne Blasen an den Händen zu bekommen. Seine Arme taten ihm beim Korn mahlen mit der Drehmühle nicht mehr weh und er hämmerte sogar manchmal unter dem wachsamen Blick von Arminius auf dem Amboss herum. Ein Federmesser, ein Feuereisen sowie drei Halter für eine Dachrinne hatte er schon eigenhändig gefertigt, letzteres für das neue Haus von Viviane und Silvanus. Oder vielleicht doch lieber nur für den Schuppen der beiden, weil er die Sache mit dem Feingefühl immer noch nicht richtig raus hatte. Wolle kämmen war dagegen das reinste Kinderspiel.

Mittlerweile konnte er schon eggen, säen und wusste, wann das Gemüse reif zum Ernten war. Um das Schlachten von Viehzeug hatte er sich zwar bis jetzt noch erfolgreich herum gedrückt, aber dafür hatte er das Häuten und Gerben, den Gebrauch einer Sense und das Reusen bauen genauso schnell erlernt wie spinnen und Wolle färben. Flora war richtig stolz, als er das Färber-Wau mitsamt der Wurzel ausriss und wusste, dass man damit ein kräftiges Gelb bekommt. Seine Lieblingsfarbe war allerdings Blaubeere in allen Nuancen.

Das lag daran, dass man das Abfallprodukt nach dem Saftpressen noch so schmackhaft verwerten konnte. Jedenfalls war das Großmutter Maras Überzeugung, weil er so gerne Molke oder Buttermilch mit ausgepressten Blaubeeren trank. Am liebsten zwirbelte er alles höchstpersönlich durcheinander und mit besonders viel Elan, wenn Conall und Tarian in der Nähe waren.

Eines Tages hatte er es mit diesem Getränk dermaßen übertrieben, dass er fast den ganzen Tag zwischen der Töpferscheibe, dem Brennofen und dem Abort hin und her rannte. An letzterem Ort machte er sich darüber Gedanken, warum Flora ihm getrocknete Blaubeeren in den Mund geschoben hatte, damit der Durchfall aufhörte. Sie schmeckten grässlich, aber wirkten. Und, egal ob frisch oder getrocknet, schienen sie auch seinen Geist zu beeinflussen, denn nebenbei formte er mit dem Ton einen abstrakten Tierkörper aus Stier, Hirsch und Bär, der ihm in Gesicht und Frisur erstaunlich ähnlich sah.

Bei den letzten Feinheiten entwickelte er derartiges Geschick, dass sogar Großmutter Mara ihr wiederholtes „Hab ich’s dir nicht gesagt?!“ vergaß, als er das vierte Mal vom Abort kam und ihr seine fertige Figur präsentierte.

Den Tier-Loranthus machte er als Henkel an seinem Krug fest und schob die Töpferwaren von Mara, Taberia und seine eigene Kreation zum Brennen in den Ofen. Dabei zuckte er nicht mit der Wimper und tat so, als wären die phantastischen Figuren von den beiden das Normalste von der Welt. Er hatte schon so viele seltsame Wesen aus Holz, Ton, Kupfer, Bronze, Silber, Gold oder Eisen gesehen … mittlerweile fand er weder skurrile, noch echte Tiere erschreckend.

Wagemutig kraulte er die Ochsen zwischen ihren riesigen Hörnern, selbst angriffslustig schreiende Gänse scheuchte er heldenhaft vor sich her. Nur als seine Leute Honig machen wollten, weigerte er sich hartnäckig.

Großmutter Mara duldete aber keinen Widerspruch: Wer Met haben wolle, der müsse auch Honig schleudern können, das war ihre Devise, die sie mit ihrem Finger in seine Brust einstanzte. Und als Loranthus sah, wie die Bienen freiwillig ihre Klotzbeuten verließen, schämte er sich etwas, weil er sich vor ihnen gefürchtet hatte. Wofür so ein bisschen Rauch doch gut war.

Er machte auch Fortschritte in Schwertkampf, Bogenschießen und Speerwerfen. Immerhin war er schon besser als Lavinia und Robin und blieb sogar bei Vivianes Kampflektionen stehen, manchmal. Doch in keiner Disziplin war er so gut wie im Steine schleudern. Selbst Viviane konnte da nicht mithalten.

Das galt auch für Kirschen-Ziel-Spucken. Das hatte er schon zweimal gewonnen und als er keinen würdigen Gegner mehr auftreiben konnte, kam er auf den Gedanken, den Wettstreit doch mal mit anderen Leuten zu versuchen.

So kam es, dass alle Leute der umliegenden Dörfer eines Abends, mitsamt ihren Spucknäpfen, bei ihnen am Tor standen.

Der Abstand zum Napf wurde festgelegt und jeder bekam genau ein Dutzend Kirschen.

Wer daneben traf, schied aus und die Kirschkerne häuften sich unter lautem Jubel in den Näpfen oder irgendwo in der Botanik.

Am Ende gab es ein Stechen, beziehungsweise Spucken, zwischen Loranthus und Naschu. Jeder bekam noch ein letztes Mal seine Kirschen und es dauerte nicht lange, da lieferten sie sich einen verbissenen Wettlauf zum Abort.

Loranthus war schneller und riss die Tür auf. Mit der einen Hand zerrte er seinen Hosenstrick auf, mit der anderen den Holzdeckel vom Abort.

Naschu saß schon längst auf seinem Hintern und seufzte erleichtert, als Loranthus immer noch mit seiner Hose kämpfte. Endlich hatte er sie in den Kniekehlen und plumpste so schnell auf die Fallgrube, als könne er damit seinen Rückstand aufholen.

„Beim Zeus, das war knapp“, presste er heraus und versprach sich selbst und allen Göttern, das nächste Mal lieber zwei Hände zu nehmen, statt Zeit sparen zu wollen, egal bei welcher Gelegenheit.

„Hätte ich doch bloß nicht so viel getrunken“, jammerte Naschu und krümmte sich zusammen.

Da öffnete sich die Tür ein klein wenig und die Nase von Conall erschien im Türspalt.

„Phuh! Dicke Luft!“, sagte er in ziemlich nasalem Ton und streckte seinen Kopf mit einem breiten Grinsen herein. „Aber was mich nicht tötet, macht mich noch härter!“

„Lass das Feixen und komm rein, wenn du dich traust!“, maulte Naschu zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hindurch. „Tür zu!“

„Ach, keine Bange“, versicherte Conall und machte die Tür sperrangelweit auf. „Die Hühner nebenan wissen alle, wie ein gluckendes Huhn aussieht − oder zwei, um genau zu sein.“ Er deutete auf Loranthus, der immer noch den Abortdeckel in der Hand hielt. „Schwachsinn, wie komm ich denn auf Huhn! Natürlich findet hier ein Kriegsrat statt! Der Rundschild steht dir gut, Loranthus, gibst einen prima Reiter ab!“

„Willst du nun reinkommen oder dummes Zeug labern“, zischte Loranthus laut und übertönte damit einige Nebengeräusche.

„Natürlich komm ich rein. Ist ja schließlich noch ein Platz frei. Wollte euch nur einen Vorsprung auf den Thron lassen. Bin ja nur der Drittplatzierte.“

Abends, als die Nachbarn weg waren, verging Conall das Grinsen, denn er bekam Bauchschmerzen. Loranthus teilte sein Leid, jammerte aber wesentlich lauter, weil er bei solchen Krämpfen eigentlich den ersten Platz verdient hätte und sich schon wieder Maras „Hab ich’s dir nicht gesagt?!“ anhören musste.

Um der eintönigen Litanei zu entgehen, schlichen sie sich schleunigst besonders mitleiderregend zur Hintertür hinaus und rannten mit heruntergelassenen Hosen zu ihrer dritten oder vierten Thronbesteigung.

Wieder zurück, empfing sie Flora mit einem Tee aus Kamille und Minze. Unter ihrem strengen Blick musste jeder seine Portion trinken, sich lang legen und nach ihrer Anweisung vom Rücken, über die Seite, zum Bauch und zur anderen Seite drehen. Derart beschäftigt mit synchronem Rollen, hatten sie ihre Bauchschmerzen vergessen. Oder waren sie gerade deshalb verschwunden?

Zum Erbsen auskneibeln war Loranthus jedenfalls wieder in Bestform und wurde einstimmig zum Erbsenkönig ernannt. Mara legte ihm einen Torques aus Erbsen um den Hals und Lavinia drückte ihm einen sauren Apfel in die Hand. Zu guter Letzt kniete Robin vor ihm nieder und überreichte einen verästelten Buchenstab, der vorher den Erbsen zum Ranken gedient hatte.

So ausstaffiert stolzierte Loranthus über den Dorfplatz und winkte seinen Erbsenzählern huldvoll zu, bis allen vor Ergriffenheit die Tränen liefen, besonders Conall, der schon wieder das Nachsehen hatte.

Die langen Tage wichen den kurzen Nächten, der Mond nahm ab und wieder zu, die Blüten der Sträucher dufteten verführerisch und bildeten Früchte aus, das Korn wiegte sich golden im strahlenden Sonnenschein und manchmal regnete es mal mehr, mal weniger kräftig, aber immer so mild, dass man sich einfach darunter stellen musste.

Nach getaner Arbeit badeten sie immer im Fluss und kamen danach meistens draußen um die Feuerstelle zum Abendbrot zusammen. Bis zum Dunkelwerden wurde erzählt, Fidchell gespielt, getanzt und musiziert.

Als Viviane, Hanibu, Lavinia und Robin das erste Mal vorspielten, was sie schon alles auf der Tin Whistle konnten, applaudierte Loranthus ganz euphorisch und verkündete: „Ich muss unbedingt auch ein Instrument lernen.“

Arminius hielt ihm gleich sein Kinnarum hin, doch das erschien ihm für den Anfang zu schwierig. Deshalb entschied er sich für die Hirtenflöte. Das musste einfacher sein, weil sie von vielen Leuten hier gespielt wurde, und außerdem: Wenn der griechische Pan das konnte, hatte er ja sozusagen einen göttlichen Helfer. Seitdem bekam er also von seinen Gastbrüdern Unterricht und entdeckte seine musische Begabung. Ja, er war auch musikalisch. Das erkannte er an wippenden Füßen und dass keiner sich die Ohren zuhielt.

Manchmal lag Loranthus aber einfach nur im Baumgarten und betrachtete die vorbeifliegenden Vögel, Bienen, Schmetterlinge … Lavinia rief ihn dann immer zum Abendbrot, doch eines Tages legte sie sich mit unter den größten Walnussbaum und deutete auf die gefiederten Blätter.

„Wenn sie sich bewegen, kann man die Finger unseres Sonnenkönigs sehen und Bruder Wind drückt die Blätter zur Seite, damit uns Vater Himmel von seiner Warte aus besser erkennt.“

„Wunderschön. Und dazu noch ein Tierstimmenkonzert.“

„Loranthus?“

„Hm?“

Loranthus starrte weiter auf die Tanzpaare aus Sonnenstrahlen und Walnussblättern.

Lavinia drehte sich zu ihm, stützte sich auf ihre Ellenbogen und sah ihm fest in die Augen.

„Wenn du viele Jahre Zeit hättest … würdest du gerne den Beinamen ‚Ildana‘ erlangen?“

„Der, der alles tut? Wie kommst du denn darauf, Lavinia?“

„Das ist doch klar wie ein Gebirgsbach. Du bist jetzt seit drei Monden bei uns. Du siehst dir alles an und machst alles nach, so lange, bis du es kannst. Und du kannst schon recht viel. Warum?“

„Warum?“

Loranthus visierte eine träge vorbeiziehende Schäfchenwolke an und schürzte die Lippen.

„Hm. Das ist eine gute Frage, Lavinia. Mein Vater sagte: ‚Mein Sohn, ich sende dich in das Reich der Hermunduren. Lerne ihr Leben kennen und kehre mit reichem Wissen zu mir zurück. Dann will ich dich aufnehmen in den Kreis der Händler, so, wie es mein Vater damals mit mir gemacht hat.“

„Dein Vater war auch schon einmal hier?“

„Nein. Sein Vater hat ihn damals nach Assur geschickt.“

„Aha. Und warum hat dich dein Vater ausgerechnet zu uns Hermunduren geschickt?“

„Das hat er mir nicht gesagt. Aber es hat Tradition in unserer Familie, den Sohn in ein fremdes Land zu schicken, bevor er in die Fußstapfen des Vaters tritt. Mein Großvater, zum Beispiel, war auf seiner ersten Reise den Euphrat entlang geschippert.“

„Warst du auch schon einmal in Assur und am Euphrat?“

„Ja, gemeinsam mit meinem Vater.“

„Dies ist also deine erste Reise ganz allein. So etwas wie eine Probe. Oder eher eine Initiation?“

„Ja, Initiation könnte man es nennen, wenn auch bei vollem Bewusstsein ohne irgendwelche Drogen.“

„Gut, du hast die Wünsche deines Vaters erfüllt. Aber warum gibst du dir solche Mühe?“

„Solche Mühe?“

„Ja. Viviane sagt, du bist wie ein Stier, der nur den Pflug auf Rädern bis zum Feld ziehen soll, aber auch noch über alle Felder rennt und die Scholle bricht.“

„Ich! Ein Stier! Ha, ha!“

Loranthus kniff prustend die Augen zusammen. Als er sie wieder öffnete, war die Schäfchenwolke weg. Nun hätte er seinen Kopf drehen können, war aber viel zu träge. Außerdem brauchte er seine ganze Kraft zum Luft holen. Da wurde er sehr still, fast traurig. Schließlich nickte er.

„Jetzt weiß ich, was du meinst, Lavinia. Vielleicht liegt es daran, dass ihr mich so gastfreundlich aufgenommen habt?!“

Lavinia schüttelte den Kopf.

„Wir nehmen jeden gastfreundlich auf, Loranthus. Jeder Reisende, ob alt oder jung, arm oder reich, bekommt ein Obdach. So ist es Brauch. Aber du zeigst dich viel mehr erkenntlich dafür, als du müsstest.“

Nun drehte er doch bedächtig den Kopf und lächelte Lavinia an.

„Jetzt will ich dir mal was verraten, meine kleine freundliche Gastgeberin. Früher lag ich auf meiner bequemen Ruheliege, studierte die Bücher und dachte, Kreta sei der göttlichste Ort auf der Welt. Schließlich ist es die Wiege des Zeus. Ha! Kein Wunder, dass mich Viviane mit einem Stier vergleicht! Na, jedenfalls war ich überzeugt, ihr könntet nicht schreiben, nur eure Druiden wären einer gebildeten Sprache mächtig, ihr könntet einen Stuhl nicht von einem Tisch unterscheiden und würdet den ganzen Tag in zerfetzten Fellen herumlaufen. Alle paar Tage opfert ihr einen Stier, vielleicht noch ein paar Menschen hinterher und hüpft danach wie die Wilden blutverschmiert ums Feuer.“

Lavinia kontrollierte ihre Seitenlage, faltete die Hände übereinander und legte ihr Kinn darauf. Ihre Mundwinkel zuckten.

„Und? Enttäuscht?“

Loranthus stutzte. Sie prusteten gleichzeitig los.

„Was hat sich bei dir am meisten verändert?“, wollte Lavinia wissen, als sie ihre Atmung wieder halbwegs unter Kontrolle hatte.

Loranthus wischte sich schnaufend die Augen.

„Hach, beim Zeus! Meine Einstellung natürlich, Lavinia! Euer Ehrgefühl, eure Kunstfertigkeit, euer Wissen über Kräuter, Metalle, Holz … das alles verdient meine Hochachtung. Euer astronomisches Wissen ist gigantisch. Das ist mir klar geworden, als ich vor ein paar Tagen bei Afal auf dem Geißkopf war und er mir das Observatorium erklärt hat.“

„Hast du alles verstanden, was er dir erzählt hat?“

„Zum Kalendarium? Ja, logisch! Das war einfach! Schließlich bin ich schon oft mit meinem Vater auf See gewesen! Mit Sternen kenne ich mich gut aus!“

„Aha! Ich habe mich schon immer gefragt, wie ein Seefahrer seinen Weg findet, wenn nur Wasser um ihn herum ist. Woher weiß man, wo man gerade ist und woran erkennt man, wo es hingehen soll?“

„Ganz einfach!“, rief Loranthus und sprang auf, als wäre er von imaginären Ameisen umzingelt. Ein paar hatten es scheinbar bis auf seine Arme geschafft, er fuchtelte wild in der Gegend herum. „Man misst den Winkel zwischen Zenit, Schiff und Stern mit dem Himmelskompass. Zum Schätzen geht es aber auch mit den Armen. Guck!“

Er streckte beide Hände genau über sich und erstarrte in dieser Position.

„Das ist der Zenit und dort …“ Er bewegte eine Hand langsam von der anderen weg, bis er genau auf die Sonne zeigte. “ … dort ist die Sonne. Bei der Sonne ist es etwas schwieriger, weil man ihre Deklination und Kulmination mit einrechnen muss. Ich kann das auswendig, aber es gibt dafür auch Tabellen, die man zu Rate ziehen kann. Nachts ist es einfacher. Da gibt es Fixsterne. Das heißt: Sie haben immer den selben Standpunkt. Jeder Seefahrer kennt die Sternbilder, in denen sich die Fixsterne befinden. Er muss nur das erste Lineal oder den Arm, wenn er kein Lineal hat, zum Nordstern ausrichten. Das zweite Lineal, nach Berechnung der Korrekturen siehe Listen, die ein Seefahrer auswendig kennen sollte …“

„Schon gut!“

Lavinia sprang auf, streckte ihre Hände hoch, zur Seite, wieder zurück und hopste auf der Stelle, während sie rief: „Ich verstehe nur Sonne und Fixsterne! Mehr nicht! Du brauchst dich also nicht so ins Zeug legen!“

Loranthus sackte mit hängenden Schultern wieder zurück ins Gras und kippte in die Horizontale. Lavinia plumpste daneben, ging wieder in den spitzen Armbeugewinkel und tätschelte ihm mitfühlend den schwarzen Lockenkopf.

„Nicht traurig sein, Loranthus! Ich bewundere dich ehrlich, weil du dir diese komplizierten Berechnungen alle merken kannst.“

„Ach, das ist ganz einfach! Dafür gibt es Geschichten!“, erklärte Loranthus und winkte lax ab.

„Geschichten?“ Lavinias Augen wurden ganz groß. Sie zog ein Schnutchen und tippte sich gegen die Unterlippe. „Weißt du, Loranthus, mir fällt gerade ein … Robin möchte doch so gerne in die Welt ziehen. Könntest du ihm vielleicht die Sterne beibringen? Dann würde er immer seinen Weg finden. Und wenn du einmal dabei bist … Kann ich auch mitmachen?“

Loranthus war so verblüfft, dass er in einem Ruck zu ihr herum schnappte und eine Weile brauchte, um mit dem Blinzeln aufzuhören.

„Natürlich!“, jauchzte er schließlich und strahlte übers ganze Gesicht. „Das wäre mir ein großes Vergnügen, Lavinia! Ach, was sag ich, eine Ehre! Endlich mal etwas, was ich jemanden beibringen kann! Heute Abend geht’s los!“

„Perfekt! Prima! Robin wird sich freuen! Also, wie steht es: Willst du nun ein Ildana werden?“

„Du meinst, so wie Lew, euer Barde? Der kann ja auch nicht mehr wie alles.“

„Lew? Der natürlich auch, aber ich dachte eigentlich an unseren Gott Lugh.“

„Euer Gott Lugh? Wegen dem ihr Lugnasad feiert?“

„Ganz genau“, gluckste Lavinia und lächelte süffisant. „Kennst du schon die Geschichte von Lugh?“

Loranthus überlegte.

„Nicht, dass ich wüsste.“

Lavinia rieb sich die Hände und rutschte näher heran.

„Soll ich sie dir mal erzählen?“

„Ich bestehe darauf.“

Wie auf Kommando legten sie sich Seite an Seite und verschränkten synchron die Hände im Nacken.

„Also, das war so“, begann Lavinia und versicherte sich mit einem Seitenblick, dass ihr Zuhörer noch nicht eingeschlafen war.

„Lugh ist ja auf ganz sonderbare Weise gezeugt worden. Seinem Großvater ist nämlich geweissagt worden, dass er durch seinen Enkel zu Tode kommt. Das wollte er natürlich verhindern und deshalb sperrte er seine Tochter schleunigst in einem Turm ein. Dem Druiden Cian gelang es aber dennoch, in diesen Turm einzudringen und ein paar Monde später wurde Lugh geboren. An dieser Stelle gehen die Geschichten auseinander. Eine berichtet davon, dass sein Großvater das hilflose Baby ins Meer schleudert. Ich glaube aber eher der Version, wo sie das Baby aus dem Turm herausschmuggeln und zu einer Amme bringen. Rein logisch gesehen, hatten Lughs Eltern genug Zeit, sich einen Plan zu überlegen; wer in den Turm hineinkam, der musste schließlich auch wieder heraus kommen.

So oder so kommt Lugh Jahre später nach Tara und will in die Königsburg eintreten. Der Wächter will ihn aber nur dann hereinlassen, wenn er eine besondere Fähigkeit vorweisen kann. Lugh ruft also nach oben: ‚Ich bin ein guter Bauer!‘ Doch der Wächter winkt ab, so einen Mann hätten sie schon auf der Burg. Da ruft Lugh hinauf: ‚Ich bin auch ein kunstfertiger Schmied!‘ Aber der Wächter winkt wieder ab und sagt, den hätten sie auch schon. Nun geht es immer hin und her: Lugh ruft hinauf, er sei ein guter Kämpfer mit einer einzigartigen Schwerthand, er könne lieblich Harfe spielen, er sei ein Poet, ein Historiker, ein Astronom, ein Magier, ein kunstfertiger Schuster und beherrsche noch viele andere Handwerke … Doch der Wächter winkt jedes Mal ab und ruft nach unten, so einen hätten sie schon. Da fragt Lugh, ob sie denn auch einen hätten, der all diese Fähigkeiten auf sich vereint. Da muss der Wächter passen und lässt ihn endlich eintreten.“

Lavinia schaute noch einmal nach, ob ihr Zuhörer die Augen offen hatte und sagte feierlich: „So wird Lugh, dank seiner besonderen Fähigkeiten, der neue König von Tara und wir feiern ihm zu Ehren Lugnasad. Lugh hat diese Feier extra für seine Ziehmutter festgelegt, weil er ihr so viel zu verdanken hat.“

„Das war aber eine schöne Geschichte“, seufzte Loranthus. „Noch ein Viertel Mond, dann beginnt Lugnasad.“

„Fährst du danach wieder nach Hause?“, fragte Lavinia und wischte sich verstohlen über die Augen.

Loranthus holte tief Luft, doch sie ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen.

„Gästen gibt man immer ein Abschiedsgeschenk. Eines, was einem selbst viel bedeutet. Daran erkennt man die tiefe Freundschaft und Verbundenheit. Auch ich möchte dir ein Geschenk machen, Loranthus. Hier, guck mal!“ Sie griff hinter sich und zog etwas aus ihrem Gürtel. „Meine Puppe! Viviane und Hanibu haben sie mir genäht. Siehst du die grünen Augen? Das sind die beiden Perlen, die wir zur Sonnenwendfeier noch gerettet haben! Innen drin ist sie mit Duftkräutern gefüllt! Riecht absolut prima!“

Loranthus setzte sich ganz langsam auf und nahm die Puppe in die Hand. Nachdenklich strich er über die Zöpfe aus nussbrauner Wolle und sah Lavinia in die Augen.

„Sie sieht aus wie du“, murmelte er leise und schüttelte entschieden den Kopf. „Lavinia, ich bitte dich! Dieses Geschenk kann ich unmöglich annehmen.“

Lavinia lächelte hoch erfreut.

„Soll mir recht sein! Gleich morgen früh gehe ich mit Viviane und Robin zu Ninive. Sie bekommt bald ihr Baby und Viviane hat uns versprochen, dass wir mal das Hörrohr an ihren Bauch halten dürfen. Dann lauf ich gleich zu Sünna.“

„So, so. Um was willst du unsere Quellgöttin bitten?“

Lavinia lächelte verschwörerisch und stand auf. Er hatte ‚unsere‘ Quellgöttin gesagt. Damit kam sie der Erfüllung ihrer Bitte schon ein Stückchen näher.

„Das darf man doch nicht verraten, Loranthus. Sonst ist Sünna beleidigt und stellt sich quer. Aber dafür lüften heute Medan und Hanibu endlich ihr Geheimnis. Immerzu stecken die beiden ihre Köpfe zusammen, und wer weiß was noch! Hanibu hat bei der Quellgöttin auf Medan gewartet und sie haben sich zusammen bei ihr bedankt, weil sie ihnen geholfen hat. Jetzt sind sie endlich da und nach dem Abendbrot kann es losgehen. Also, aufgehört mit der Träumerei!“

Lavinia sprang auf und wollte Loranthus hinter sich herziehen, aber er war schon auf den Füßen, schnappte sie und schwang sie auf seinen Rücken. Lavinia quietschte hocherfreut und rief: „Hüa, Loranthus, mein stolzes Ross! Der Braten ruft!“

„Hm, Ziegenbraten! Den Bock habe ich selbst abgezogen, Lavinia!“

„Ja, ich weiß, dass du beim Schlachten auf dem Abort gesessen hast!“

„Die Blätter zum Abwischen waren alle und keiner hat mich rufen hören!“

„So ein Zufall! Nun aber schnell! Schwing die Hufe, mein edles Ross! Sonst isst uns der König noch alles weg!“

Loranthus erstarrte mitten im Schritt.

„Was will denn der König bei uns?“

„Amaturix hat ihm von dem Geheimnis erzählt, weil er Medan doch dabei geholfen hat. Königin Elsbeth und Elektra sind natürlich genauso neugierig.“

„Ha!“, japste Loranthus, knickte kurz ein und rannte los.

So schnell war Lavinia noch nie geritten, außer auf Dina.

Der Bratenduft füllte das ganze Langhaus aus, doch alle standen auf dem Vorbau und warteten auf Arminius, der am äußeren Tor die Königsfamilie empfing.

Loranthus bekam Bauchkrämpfe vor Aufregung und rannte zum Abort. Zum Glück war der gleich hinter dem Haus. Schnell wie der Wind war er wieder da, am Brunnen Hände waschen, zurück auf den Vorbau springen, da kam auch schon der Besuch durchs Torhaus geschlendert.

Ein Abendessen mit der Königsfamilie hatte er sich viel gezwungener und langweiliger vorgestellt, mit Gerede und überschwänglicher Gastfreundschaft. König Gort bedankte sich aber nur sehr höflich bei Arminius und Flora für die Einladung, alle umarmten sich auf dem Vorbau, Loranthus erwischte Elektra sogar zwei Mal, und schon ließen sie sich den Braten schmecken.

Einhellig lobte der Besuch das saftige Fleisch und die wohlschmeckenden Kräuter, das zarte Gemüse und das frische Brot. Wahedon war auch mitgekommen und Loranthus stellte fest, dass er im Gegensatz zu manch anderem Krieger perfekte Essmanieren hatte. Es sah sogar gediegen aus, als er wie die anderen mit einem langen Holzstab das Mark aus den Knochen pulte und so lange schlürfte, bis nichts mehr raus kam.

Nach dem Essen verteilten Lavinia und Robin die Tonbecher, nun wurde erzählt.

Den König interessierte alles: Gesundheit, Viehzeug, Felder … die bevorstehende Getreideernte. Er stakste sogar mit Vivianes Stelzen durch den Raum und wettete mit Amaturix, wer wohl länger darauf balancieren konnte. Natürlich traten auch Königin Elsbeth und Elektra in Wettstreit. Danach saßen sie japsend vor Lachen auf den Bänken und tranken noch einen Becher Tee.

Loranthus hob seinen Becher in die Höhe und rief laut: „Hast du Ackerschachtelhalm im Tee, sind alle Runzeln schnell passé!“

Elektra wäre vor Lachen fast von der Bank gerutscht, wenn sie der König nicht festgehalten hätte, und Flora musste noch eine neue Kanne Tee kochen, weil plötzlich jeder mächtigen Durst hatte.

Um die Wartezeit zu überbrücken, ging Lavinias Stoffpuppe von Hand zu Hand und Königin Elsbeth lobte das rote Kleidchen aus dem Garn, welches sie Hanibu geschenkt hatte. Danach musizierten Viviane, Lavinia und Robin auf der Tin Whistle.

Dass Hanibu und Medan verschwunden waren, bemerkte Loranthus erst, als die beiden zusammen die Treppe herunterkamen und Viviane ihr Lied besonders schwungvoll beendete. Alle rutschten sich erwartungsvoll auf ihren Plätzen zurecht und vergaßen sogar ihren frischen Tee.

Mit offenen Mündern verfolgen sie, wie Medan mit zwei Leintüchern wedelte und diese in einen kleinen schwarzen Holzkasten schob, den Hanibu ihm hinhielt. Der Holzkasten hatte wohlgemerkt keinen Deckel und auch keinen Boden, er war nach vorne und hinten offen, aber die Leintücher waren trotzdem verschwunden.

Lavinia sollte nachsehen und suchte erst einmal den Fußboden um Hanibu ab, dann inspizierte sie misstrauisch die Innenwände vom Kasten und hielt plötzlich ganz verblüfft ein kleines Küken in der Hand. Erst als Robin darin herumwühlte, kamen die Tücher wieder zum Vorschein.

Nachdem das Johlen sämtlicher Zuschauer verklungen war, klapperten Bronzemünzen in hastig leer getrunkenen Tonbechern und verschwanden spurlos. Nicht einmal der König konnte sie herausschütteln, wohl aber Elektras Ohren.

Als nächstes durfte Königin Elsbeth einen sehr langen Strick in zwei Hälften zerschneiden. Hanibu band sich die entstandenen kürzeren Stricke um den Hals und Amaturix sollte mit Wahedon an den Enden kräftig ziehen. Argwöhnisch beäugten beide die Schlinge um Hanibus Hals und weigerten sich, bis Hanibu schwor, dass ihr nichts geschehen würde. Um es ihnen leichter zu machen, legte Medan die Leintücher über ihren Nacken. Also zogen sie … es knackte verdächtig … und sie hielten einen einzigen langen Strick in den Händen. Elektra schrie erschrocken auf, machte daraus jedoch schnell ein Jauchzen und Wahedon begutachtete Hanibus Hals mindestens drei Mal.

Medan schmunzelte wegen seiner Besorgnis, stellte sich neben Hanibu und reichte ihr eine bauchige Kanne aus Zinn, die eine schöne Gravur aus Spiralmustern aufwies.

„Jetzt kommen wir zum Höhepunkt des Abends! Hanibu wird nun Met in Wasser verwandeln! Wer will seinen Met hergeben?“

Medan sah sich erwartungsvoll um, alle hielten ihre Becher fest und der König rief: „Wird das so wie mit den Münzen? Kommt danach bei Elektra Wasser aus den Ohren heraus?“

Amaturix klatschte ihm die Hand auf die Schulter.

„Lass dich überraschen, Bruder! Wenn ich die Kanne nicht selbst mit Medan gegossen hätte, würde ich es auch nicht glauben.“

Hanibu schaute Amaturix, Medan und alle anderen dankbar an, ihre Augen wurden glasig.

„Hanibu! Geht’s auch mit Tee?“, rief Robin schnell.

„Natürlich“, krächzte Hanibu und räusperte sich. „Du musst ihn selber in die Kanne schütten. Ich halte sie fest.“

Stolz postierte sich Robin vor Hanibu und ließ seinen Tee in die Kanne fließen. Nun sollte er seinen Becher festhalten und Hanibu schüttete ihn wieder voll. Robin sah fasziniert zu, trank einen Schluck und rief erstaunt: „Es ist wirklich Wasser!“

Medan sah triumphierend in die Runde und bedeutete Robin, bei ihm zu bleiben.

„Wer möchte aus seinem Met jetzt Tee machen?“

Viviane flüsterte Silvanus etwas ins Ohr. Er flüsterte zurück. Sie schienen zu handeln. Ein wenig zögerlich ging Silvanus zu Hanibu und schüttete seinen Met so langsam in die Karaffe, als würde er jeden Tropfen nachzählen. Heraus kam … Tee. Silvanus nahm es mit dem Nachmessen nicht so genau, zwinkerte Viviane zu und zeigte ihr grinsend den Becher.

Medan hielt Robins Becher mit Wasser in die Höhe.

„Und jetzt: Wasser in Met!“

König Gort trank schnell seinen Becher leer.

„Beim Geweih von Cernunnos! Den muss ich probieren!“

Medan wollte das Wasser in die Kanne schütten, doch der König nahm ihm mit einem listigen Grinsen den Becher ab, probierte sicherheitshalber noch einmal und füllte den Inhalt selbst um. Triumphierend hielt er seinen Becher hin und beobachtete Hanibu ganz genau, als sie ihm eingoss. Er schnupperte argwöhnisch, prostete allen zu und trank genüsslich. Mit einem anerkennenden Lächeln für Hanibu schlenderte er wieder zu seiner Sitzbank und lehnte sich zufrieden zurück.

„Was gibt es besseres als schmackhaften Met! Wenn ich auch nicht gesehen habe, wie ihr das Kunststück fertig gebracht habt.“

Hanibu und Tarian verneigten sich.

„Wir haben noch eine letzte Vorführung, einen Entfesselungstrick. Dafür brauchen wir zwei Freiwillige mit viel Humor, die sich fesseln lassen.“

Alle sahen sich an und überlegten mit deutlichem Vorbehalt im Blick. Tarian klopfte Conall auf die Schulter.

„Komm, Bruder! Jetzt sind wir dran!“

Hanibu nahm einen langen Strick und band ein Ende um Tarians rechtes, das andere um sein linkes Handgelenk.

„Soll ich damit Seil springen?“, fragte er ernsthaft und kontrollierte, ob die Länge reichen würde.

Hanibu schüttelte den Kopf, zog seine Hände auseinander und führte einen anderen Strick hinter dem seinen durch. Diesen band sie an Conalls Handgelenken fest.“

Medan trat nun hinzu und zeigte weit ausholend auf den Verlauf der Seile.

„Wie ihr seht, seid ihr jeder für sich an seinem eigenen Seil gefesselt und nur durch die Seilführung miteinander verbunden. Ihr stellt praktisch die Zahl acht dar. Nun sollt ihr euch voneinander befreien, dürft euch aber nicht losbinden oder gar die Seile durchschneiden. Wenn ihr es nicht schafft, hilft euch Hanibu.“

Mit diesen Worten hatte er natürlich den Ehrgeiz seiner Brüder geweckt. Sie betrachteten ihre Hände und den Verlauf der Seile, schon hatte Conall die Lösung gefunden.

„Nichts leichter als das! Tarian, geh mal mit deinen Händen ein Stück runter! Ich muss über dein Seil steigen!“

Tarian bückte sich und ließ sein Seil extra durchhängen, Conall machte einen großen Schritt, drehte sich und hob die Seile über seinen Kopf. Triumphierend schaute er nach oben und Tarian lachte. Nichts war passiert.

„Lach nicht! Lass dir lieber auch was einfallen! Ich mach mich hier doch nicht alleine zum Deppen! Los, Bein hoch! Ich muss mich da durchschieben!“

Und so begann ihr Seiltanz. Sie drehten sich, kletterten übereinander, schoben sich untereinander, machten die Arme und Beine lang und quetschten sich durch … Ihre Zuschauer johlten und gaben gut gemeinte, aber unnütze Ratschläge. Es dauerte eine Weile, bis sie sich so umgarnt hatten, dass sie sich nicht mehr bewegen konnten.

„Hanibu!“, schnaufte Conall, der Tarian fast huckepack trug. „Jetzt brauchen wir deine Hilfe!“

Hanibu war sofort zur Stelle und begutachte mit fachmännischem Blick das Desaster.

„Wir müssen euch erst einmal aus diesem Knäuel befreien! Erst danach kann ich euch zeigen, wie ihr es machen müsst.“

„Ja, Hanibu! Dafür wäre ich dir sehr dankbar.“

Hanibu fasste nach seinen Handgelenken.

„Schneidet der Strick zu sehr ein, Conall?“

„Nein, du hast ihn gut gebunden. Es tut nicht weh.“

„Gut. Also, dann musst du erst einmal mit deinem linken Arm unter dem rechten Bein von Tarian durch.“

„Wenn’s weiter nichts ist …!“

Alle Zuschauer grölten, bis ihnen die Tränen liefen und schlugen sich begeistert auf die Schenkel. Immer wieder zeigten sie japsend auf Hanibu, die Conall und Tarian hin und her dirigierte. Die beiden Gefesselten lachten mit, denn sie bezogen den Übermut ihrer Zuschauer auf die Verrenkungen, die sie machen mussten, um sich aus dem Gewirr zu befreien.

Was sie nicht bemerkten war, dass ihnen Hanibu nebenbei die Gürteltaschen leerte.

Nagelschneider, Pinzetten, Kämme, Zahnwolle, Zunderschwämme, Feuersteine, Feuereisen, Lederriemen, Schnupftücher, Hörner, Messer, sogar Armbänder nahm sie ihnen ab, ohne dass sie es merkten. Ihre Beutestücke reichte sie sofort an Medan weiter, der immer in ihrer Nähe stand, um im Notfall eingreifen zu können, wie er es ausgedrückt hatte. Nun, ja. Er hatte nicht einmal gelogen.

Strahlend hielt er alle entwendeten Dinge noch einmal hoch, damit sie auch wirklich jeder Zuschauer gut sehen konnte und verstaute sie in einem Korb neben dem Ofen. Dabei legte er sich immer wieder feixend den Finger auf den Mund, damit niemand etwas verraten sollte.

Natürlich wurde sein Rat befolgt. Als Medan sich zwei kleine Bronzemünzen unter die Augenbrauen klemmte und Tarians Zopfband als Schnurrbart benutzte, trommelte König Gort johlend mit seinen Fäusten auf dem Tisch herum und Wahedon wälzte sich nach Luft japsend auf den Eichenbohlen.

„Conall, es hat keinen Zweck! Ich weiß mir keinen Rat mehr“, gestand Hanibu und zog Conalls Kopf unter Tarians linken Arm durch, was beide stark ins Wanken brachte, weil Conalls restlicher Körper unter Tarians rechtem Bein fest klemmte.„Ich übernehme deine Fesseln und zeige euch, wie es einfacher geht.“

„Ha! Da bin ich aber mal gespannt! Von wegen einfach …!“

Hanibu löste den ersten Knoten an Conalls Hand und er band das Seil um ihr Gelenk. Dann kam der zweite Knoten, wobei Conall sorgsam darauf achtete, dass Hanibu nicht schummeln konnte. Sicherheitshalber überprüfte er noch einmal den Seilverlauf und war zufrieden. Nun stand also Hanibu an seiner Stelle und Tarian sah sie erwartungsvoll an.

Hanibu überlegte kurz und hob ein Bein, das sie unter seinem ausgestreckten Arm durchschieben wollte. In diesem Moment schien ihr aber eine bessere Lösung einzufallen und sie klatschte erfreut in die Hände.

„Schaut alle her! Einfach in die Hände klatschen, schon seid ihr frei!“

Hanibu trat zwei Schritte zurück und präsentierte ihr Seil. Tarian betrachtete sein eigenes höchst misstrauisch. Kein Zweifel, sie waren getrennt.

Conall kam sofort zu ihnen und überprüfte die Knoten an ihren Handgelenken. Triumphierend hielt er Hanibus Hand hoch und rief: „Hoch lebe Hanibu, die Entfesselungskünstlerin!“

„Hoch lebe Hanibu!“, jubelten alle und hoben ihre Becher.

Auch Conall und Tarian griffen gewohnheitsmäßig nach ihren Hörnern. Irritiert betasteten sie die leeren Schlaufen und sahen schockiert an sich herunter.

„Mein Horn!“

„Meines ist auch weg und mein Messer!“

„Was?! Meines auch! He! Wo ist mein Lederarmband?“

„Keine Ahnung“, murmelte Tarian und fasste sich nachdenklich ins Genick. Da stellte er reichlich spät fest, dass sein Zopf aufgegangen war. Verwundert schüttelte er seine lange braune Mähne.

„Das gibt’s doch nicht! Ich habe mein Zopfband verloren! Na, zum Glück habe immer einen Ersatz!“ Schwungvoll öffnete er eine seiner Gürteltaschen, stutzte und öffnete die nächste.

„Meine Taschen sind leer! Alle!“

„Was?! Die Taschen?“ Conall zerrte die Lasche über seinen Hirschhornknopf und lugte lange in seine leere Tasche, hastig in die nächste und übernächste. „Beim Geweih von Cernunnos! Meine auch!“

„Alles ist weg. Wir haben nichts gemerkt, weil wir so mit den Seilen beschäftigt waren“, kombinierte Tarian und wollte eine besonders lustige Verrenkungen nachstellen. In dem Moment rutschte ihm die Hose runter. Da sah er in die grinsenden Gesichter ihm gegenüber, knuffte Conall und beide prusteten los. Tarian bekam vor Lachen kaum eine Schleife in seinen Hosenstrick.

Medan präsentierte den beiden seinen Korb und erklärte, wie ihre Sachen dorthin gekommen waren. Tarian sortierte sofort sein Eigentum aus und tat alles wieder dahin, wo es hingehörte, Conall musste sich erst mal setzen.

„Jetzt wird mir alles klar wie ein Gebirgsbach!“, gluckste er.

König Gort trat nach vorne, klopfte beiden lachend die Schultern und schenkte ihnen eigenhändig Met ein.

„Auf Hanibu und Medan! Noch nie habe ich einen solchen Spaß gehabt!“

Am nächsten Morgen begann die Getreideernte und Medan brauchte nicht zu Amaturix, was ihn sehr ärgerte. Loranthus bekam seine schlechte Laune nicht mit, er saß mit abwesenden Blick beim Frühstück.

Viviane schnippelte ihm Zwiebeln in seinen süßen Hirsebrei, er kratzte seine Schale leer. Lavinia streute ihm Petersilie in seine Milch, er schmatzte genüsslich. Medan erklärte ihm zweimal, dass er heute Holzschuhe brauchte, weil die Halme sonst die Füße zerschnitten, er ging barfuß weiter und holte mit Conall, Silvanus und Tarian die Ochsen von der Weide. Ochsenmäßig trottete er hinter Arminius in die Scheune und sah verträumt zu, wie dieser ein Öl getränktes Leintuch von etwas Großem herunterzog.

Da wachte er endlich auf und zwinkerte ungläubig.

„Was ist denn das für ein riesiges Ding?“

Arminius schleuderte die Plane schwungvoll hoch und legte sie mit geübten Griffen zusammen.

„Unser Mähwerk natürlich!“

„Euer Mähwerk? Ich dachte …“

Er zeigte auf ein viel kleines Mähwerk gleich neben dem Tor. „Flora mäht doch mit dem Mähwerk dort immer das Gras im Dorf. Ich dachte, das ist euer Mähwerk?“

Silvanus lachte schallend.

„Das kleine Ding? Nun, ja, für das Gras im Dorf ist es ganz zweckdienlich, aber ein richtiges Mähwerk ist wesentlich größer und die Schneiden sind auch viel weiter oben. Damit schneidet man nämlich nur die Ähren am Getreide ab und nichts anderes.“

„Aber ihr habt doch auch zu dem kleinen dort …“ Loranthus zeigte anklagend zum Tor. „ … Mähwerk gesagt! Was stimmt denn nun!?“

Silvanus winkte beschwichtigend ab.

„Kannst du dich noch an die Geschichte mit den Brennnesseln erinnern, Loranthus?“

„Klar. Du hast dir als Kind ein Mähwerk äh … ausgeborgt, damit bist du einen Hang runtergefahren, unten in die Brennnesseln reingeprescht und an einem Stein hängengeblieben. Bei dem vielen Schwung hast du leider das Mähwerk zerschmettert.“

„Genau. Heimlich zurückstellen ging zu meinem Leidwesen nicht mehr. Die Eisenschneiden waren aber noch einigermaßen zu gebrauchen und auch etwas Holz war heil geblieben. Daraus bauten Großvater und ich ein viel kleineres Mähwerk mit tiefsitzenden Schneidebalken. Damit musste ich zur Strafe immer das Gras im Dorf mähen. Großvater meinte, ich würde mich gut als Ochse machen, und ich hab natürlich immer ordentlich dazu geschnaubt.“

Silvanus sah verträumt vor sich hin.

„Ach, unser Großvater Anu … Ich habe ihm nie verraten, wie viel Spaß ich als Ochse hatte. Sogar Großmutter Dana wollte sich das kleine Mähwerk mal ausborgen, weil sie angeblich nicht so gerne mit der Sense Gras mähte. Sie kam extra mit einem Ochsenkarren zu Besuch und hat es mit in ihr Königreich genommen. Ein Jahr später hatte Großvater drei neue Aufträge für ein kleines Mähwerk, weil auf den Höhenzügen von Raino plötzlich etliche Leute nicht mehr mit einer Sense umgehen konnten.“

Loranthus kicherte und tat so, als wolle er mit einer Sense mähen, was er wirklich noch nicht so gut konnte.

„Dein Großvater hat also immer die Wagen bei euch gebaut.“

„Ganz genau. Er konnte alles bauen, was Räder hatte.“

„Und das hier …“ Loranthus klopfte auf das große Mähwerk. „ … ist also ein neues, echtes Mähwerk von deinem Großvater. Sieht es genauso aus wie das alte?“

„Ja, natürlich! Die gleiche Konstruktion und ich musste beim Bauen helfen. Vater hat übrigens die Messerschienen geschmiedet.“

Loranthus schürzte anerkennend die Lippen und schlenderte um das breite Mähwerk herum. Seine Hand glitt von den scharfen Messerzacken über das große Rad zu einem Holzkasten mit enormen Fassungsvermögen.

„Diese Konstruktion … einfach genial! Wenn ich das richtig sehe, funktioniert das Ganze folgendermaßen: Der Ochse schiebt das Mähwerk vor sich her. Dabei drehen sich die Räder, die Messerschienen laufen gegeneinander … und weil sie so weit oben sind, schneiden sie das Korn gleich unter der Ähre ab. Die Ähren fallen nach hinten in den großen Kasten und den braucht ihr nur ausleeren. Ohne großen Aufwand bekommt ihr schnell viele Säcke voll und stapelt sie auf einem anderen Wagen. Wenn ihr es richtig anstellt, seid ihr so hurtig mit der Getreideernte fertig, wie der Ochse das Mähwerk vor sich herschiebt.“

„Korrekt, Loranthus“, rief Silvanus, trabte auf der Stelle und wischte sich hechelnd über die Stirn, als würden dort Bäche von Schweiß rinnen. „Wenn der Ochse schneller gehen täte, würde ich alle Getreidefelder an einem Tag schaffen! Aber ich darf ihn ja nicht überfordern. Schließlich bin ich der beste Ochsenführer weit und breit. Einen Wettkampf im Getreideernten würde ich garantiert gewinnen, vorausgesetzt meine Helfer kommen hinter mir her.“

Loranthus nickte eifrig und bemühte sich um eine ehrfürchtige Miene. „Aber wie hast du dieses Riesending den Hang hinauf befördert, Silvanus? Du warst doch damals noch klein?!“

„Nur ein Stückchen kleiner!“, korrigierte Silvanus und hörte auf zu traben. „Aber wozu habe ich ältere Brüder!? Viviane und ich hatten gewettet, wer von uns schneller den Hang wieder unten ist. Sie, wenn sie rennt oder ich mit dem Mähwerk. Noeira war damals auch schon mit von der Partie und hätte Conall das Mähwerk am liebsten auf den Rücken gehievt, wenn wir dadurch schneller den Berg hochgekommen wären. Weil das schlecht ging, haben wir es abwechselnd mit unseren Freunden hochgezerrt.“

„Naschu und Ninive waren also auch mit dabei?“

„Sogar noch viele mehr! Beth, Harthu, Nora, Oen, Susanne, Mirja … sogar Nion und Medan sind uns hinterher geschlichen, obwohl beide damals kaum über die Tischplatte gucken konnten, Medan jedenfalls nicht.“

„Gar nicht wahr!“, kam es von draußen, aber Medan hatte wohl gerade etwas anderes zu tun, als die Angelegenheit richtig zu stellen.

„Ich kann euch förmlich vor mir sehen …“, feixte Loranthus und drückte mit aller Kraft gegen das große Mähwerk. „ … wie ihr alle zusammen den Berg hinauf keucht. Als die Griechen das hölzerne Pferd vor Trojas Tore gezerrt haben, ging es ihnen bestimmt genauso.“

Loranthus musste über seinen eigenen Vergleich lachen und entdeckte dabei ein technisches Problem.

„Aber es hat ja nur zwei Räder! Wie bist du denn damit einen Hang runter gefahren, Silvanus? Das kippt doch sofort!“

„Ach, ich habe ein paar Bretter zurecht gezimmert und eine Achse mit kleinen Rädern festgemacht. Du weißt doch, Loranthus: Die Räder, die wir unter die Eggen machen, um sie auf die Felder zu fahren. Die Konstruktion habe ich mit Stricken am Mähwerk festgebunden. Auf dem Brett konnte ich gut stehen und mit den Stricken sogar lenken.“

Loranthus musterte Silvanus nachdenklich und begann zu kichern. Er wurde immer lauter. „Kein Wunder …“ quietschte er die ersten verständlichen Wörter. „ … wenn dich dein Großvater ‚Ochse‘ genannt hat! Du warst ja wirklich der Ochse!“

Loranthus imitierte Stierhörner, muhte und alle lachten, bis auf Silvanus.

„Ja, ja! Lacht ihr nur! Bald habt ihr keine Luft mehr dafür, wenn ich den Ochsen führe und ihr hinter mir her rennen müsst! In drei Tagen könnt ihr nur noch japsen und keuchen! Und euer Gemuhe schrumpft zu einem kläglichen quaaak!“

Loranthus klatschte ihm versöhnlich die Hand auf die Schulter.

„Das kann ich mir vorstellen, oh erhabenster Führer aller Ochsenfrösche!“, säuselte er und sprang schnell hinter Arminius in Deckung. „Was macht ihr eigentlich mit den Halmen, die stehen bleiben?“

Silvanus tat so, als hätte er nichts gehört, drehte sich um und prüfte die Schärfe des Messerbalkens mit einem Strohhalm, während sich Arminius der Frage von Loranthus widmete.

„Kommt drauf an. Das Vieh kann es abweiden oder es wird mit der Sense abgeschnitten. Für Strohmatten, Körbe, Seile, Schuhe, Einstreu für die Tiere im Winter, für unsere Betten und was man sonst noch so alles gebrauchen kann. Es eignet sich auch hervorragend als Dämmstoff, wenn ein Haus gebaut wird. Das Stroh kommt zusammen mit Mist in den Lehm für die Flechtwände und auch mit Laub und Astwerk ins Fundament unter die Dielenbretter. Weil Viviane und Silvanus bald ihr Haus bauen, werden wir also diesmal alles absensen.“

„Ihr könntet auch eure Häuser damit decken. Anderswo machen sie das auch.“

Arminius schüttelte den Kopf.

„Hierzulande sind Tannenschindeln besser. Und jetzt auf, an die Arbeit! Vom Schwatzten trägt sich das Korn nicht in die Scheune! Es muss alles ordentlich gewogen sein und die Wagen müssen wir auch noch schmücken, wenn wir die Abgaben zur Burg hochfahren.“

„Schon wieder Blumen pflücken“, maulte Tarian.

Conall tätschelte ihm mitfühlend die Schulter.

„Diesmal sind es nur Kornblumen, das geht doch schnell. Und da ist noch das Gastmahl beim König!“

Tarians Augen leuchteten auf.

„Braten, Musik, Tanz … und Met bis zum Umfallen. Ich seh schon Medans Gesicht vor mir.“

Medan lugte zum Tor herein und kicherte höchst belustigt.

Tarian hatte erwartet, er würde sich über seinen Spott ärgern und zumindest auf ein störrisches Aufstampfen mit dem Fuß gehofft. Leider fehlten bei Medan jegliche Anzeichen von Wut und das ließ ihn seine jüngsten Bruder ins Visier nehmen.

„Was gibt’s denn da zu lachen?“, fragte er argwöhnisch und kniff die Augen zusammen. Medan grinste von einem Ohr zum anderen.

„Ich habe für Mutter die Schere geschliffen.“

„Die hatte es ja auch nötig nach der letzten Schafschur“, meinte Arminius. „Und ich bin sicher, dass sie nun wieder schön scharf ist, bei deinem Talent, mein Sohn.“

Medans Augen leuchteten über das Lob, aber Tarian konnte sich gar nicht für seinen kleinen Bruder freuen. Er wusste jetzt Bescheid und überprüfte seinen geflochtenen Zopf auf herausragende Haare.

„Ich wollte heute Abend mal zu … Onkel Wadi. Genau. Onkel Wadi.“

Arminius sah ihn verblüfft an.

„Heute Abend noch so weit weg? Was willst du denn bei Wadi?“

„Er hat … gerade eben eine Taube geschickt, weil … bei ihm ein Tischbein kaputt gegangen ist. Das will ich schnell reparieren.“

Arminius sah Tarian immer noch mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Ein Tischbein? Das schafft Wadi bestimmt auch alleine!“

„Nein!“, schrie Tarian und schob sich seinen Zopf unters Hemd. „Nein, das war doch eines von meinen, die ich für ihn gedrechselt habe! Da muss ja schließlich … das Muster zu den anderen Tischbeinen passen. Muster sind wichtig. Was sollen die Leute denken, wenn sie bei Wadi am Tisch sitzen und die Flechtmuster passen nicht.“

„Tarian.“ Arminius legte seinem zweitältesten Sohn schwer die Hände auf beide Schultern und setzte eine mitleidvolle Miene auf. „Nimm lieber noch ein Tischbein als Ersatz mit, sollte eins zerbrechen. Deine Mutter wollte nämlich heute Abend auch in Wadis Haus, zu Fanar. Weiberkram. Du verstehst? Die neuesten Frisuren und so.“

Er zog ganz langsam Tarians Zopf wieder aus dem Hemd und seufzte.

„Also würde ich mir das mit dem Tischbein reparieren lieber noch mal gut überlegen. Wenn du Pech hast, verbünden sich die Weiber womöglich noch. Stell dir bloß vor, Flora und Fanar fallen gemeinsam über dich her. Du weißt: Meine Schwester, deine Tante, Fanar, ist nicht gerade zimperlich. Noch schlimmer wird es für dich, wenn Rivus Weib auch da ist. Störrische Männer erledigt die mit einem Schlag.“

Tarian stöhnte auf und jammerte vor sich hin.

Arminius tätschelte mitfühlend seinem Sohn den Kopf und ein verschmitztes Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Tarian, du musst der Tatsache ins Auge sehen. Um die Schere kommst du nicht drum herum. Da fällt mir ein: Heute gibt es frisch gerupftes Hähnchen.“

Aus Tarians Jammern wurde ein Jaulen. Loranthus verstand das nicht, er fand geschmorte Hähnchen absolut schmackhaft. Also bat er Arminius um eine Erklärung und der tätschelte Tarian noch einmal den Kopf, damit er endlich Ruhe gab.

„Flora schneidet jedem die Haare, wenn es auf Lugnasad zugeht. Tarian konnte das noch nie leiden. Schon als kleines Kind hat er gebrüllt, als koste es sein Leben, wenn sie mit der Schere auf ihn zukam.“

Loranthus verzog das Gesicht.

„Bei Hera! Stell dich nicht so an, Tarian! Deine Haare sind so lang, da kommt es auf ein paar Fingerbreit nicht an!“

„Ja, genau!“, grölte Conall und deutete hinter sich. „Ich hab’s schließlich auch geschafft und nicht geheult. Und bei mir wäre das immerhin gerechtfertigt gewesen.“

Arminius klopfte seinem ältesten Sohn tröstend die Schulter.

„Noeira meinte zu Flora, es sähe ungleichmäßig aus.“

Conall wedelte erschrocken mit den Händen.

„Nein! Das bildet sie sich nur ein! Mutter muss sich mit meinen paar Fransen nicht noch extra Arbeit aufbürden! Schließlich soll sie sich schonen. Zu viel stehen …“

„Nun ist es aber gut!“, mischte sich jetzt Silvanus ein und warf viele kleine Stückchen Stroh in die Höhe. „Ich bin immer als Erster dran und ihr wisst doch ganz genau, dass Mutter für meine Haare den ganzen Abend braucht. Und außerdem war ich es, dem sie schon mal ins Ohr geschnitten hat und nicht einer von euch! Also. Seht ihr mich jammern? Nein.“

„Ich jammre auch nicht, Silvanus!“, rief Loranthus und machte winkend auf sich aufmerksam.

„Das solltest du aber, Loranthus! Auch für dich kommt der Abend“, weissagte Medan und nickte wissend.

„Jeden Tag wird es Aben … Was?!“

Loranthus sah sich nach einer Fluchtmöglichkeit um, aber Conall lehnte ganz entspannt und ziemlich schräg am Tor. Bei seinem gehetzten Blick fand Tarian seine eigenen Leiden nur noch halb so schlimm, doch so schnell gab sich Loranthus nicht geschlagen. Hastig zerrte er eine Strähne seiner Locken in die Länge und maß sie mit seinen gespreizten Fingern.

„Drei Handspannen! Bei mir lohnt sich das doch gar nicht!“

„Nur keine falsche Bescheidenheit!“, feixte Tarian. „Ich würde schon sagen, dass sie ganz ordentlich gewachsen sind, seid du bei uns bist. Wenn du sie so in die Länge ziehst, gehen sie immerhin schon bis zu deinen Schultern!“

Loranthus ließ sofort los und die Strähne schnappte zurück. Sicherheitshalber stauchte er seine Haare an der Stelle noch extra zusammen.

„Ich wollte doch mit Flora das Glücksbrot ansetzen! Da bleibt gewiss keine Zeit mehr für solch aufwendige Unterfangen!“

„Glücksbrot? Ha! Das ich nicht lache!“, grölte Conall. „Das bisschen Mehl, Milch und Honig habt ihr beide im Handumdrehen zusammengerührt und dann muss der Teig erst mal ruhen! Also bleibt genug Zeit.“

Loranthus zupfte an seinem schwarzen Wuschelkopf.

„Aber damit muss Flora nicht ihre Zeit verschwenden!“

Arminius tätschelte ihm beruhigend die Schulter.

„Keine Panik. Flora verschwendet weder ihre Zeit, noch deine paar Ringellöckchen! Elektra hat ihr ganz genau gesagt, wie viel bei dir weg soll.“

Alle Bauern im Königreich nutzten das schöne Wetter aus und bald hallten rund um den Uhsineberga die Schergeräusche von Messerbalken und Sensen. Die Männer füllten die Körner in Säcke und warfen sie auf die Wagen, die Frauen drehten sich Stricke und bündelten das Stroh. Das warfen sie wiederum auf Wagen mit besonders hohen Seitenteilen. ‚Leiterwagen‘ sagten sie dazu.

Oben standen die jungen Maiden und pressten alle Ballen sorgfältig ineinander. Das war eine sehr wichtige Prozedur, denn das Stroh war zwar leicht, konnte aber, je höher es lag, einen Wagen zum Kippen bringen. Die Kinder pflückten Kornblumen oder hoben liegengebliebene Halme auf und machten daraus einen Wettstreit.

Am dritten Tag genossen sie ihr Mittagessen auf dem Feld hinter dem Birkenwäldchen und flochten nebenbei Kränze aus Kornblumen. Das ging recht schnell und danach war Mittagsruhe.

Alle Männer hatten die Köpfe bei ihren Frauen in den Schoß gebettet und die Augen geschlossen.

Silvanus zückte seine Hirtenflöte, Conall und Tarian spielten mit. Viviane, Lavinia, Robin und Hanibu teilten sich die Tin Whistles und fügten sich in die Melodie ein.

Loranthus schielte auch zu seiner selbst gemachten Flöte, überlegte es sich anders und ließ stattdessen lieber seinen Blick über das abgeerntete Feld schweifen. Aus den Augenwinkeln betrachtete er seine Gastfamilie.

Arminius und Flora hielten sich an den Händen. Noeira stillte die kleine Belisama, die es sich auf der Stirn ihres Vaters bequem machte. Armanu hockte bei Tarian auf dem Bauch und kaute sabbernd auf einer Brotrinde herum. Das ging auch ohne Zähne und Taberia passte auf, dass sie keine Brocken verschluckte.

Loranthus bekam glasige Augen, lehnte sich an die Eiche und blinzelte durch die vergoldeten Blätter zum Himmel. Hanibu beobachtete ihn, nahm die Tin Whistle von Robin entgegen und lächelte.

Sie wusste genau, wie er sich jetzt fühlte.

Hier hatten sie beide ein neues Leben gefunden und mussten wieder zurück in ihr altes. Loranthus würde sie mit nach Kreta nehmen und dort würde sie eine Sklavin von vielen sein. Aber Loranthus war ein guter Herr. Sie hatte keine Angst. Allerdings würde sie Viviane vermissen, ihre Familie und … Lew. Hanibu reichte die Tin Whistle an Robin zurück. Sie brachte keinen Ton mehr heraus.

Wenigstens würde sie Lew noch ein letztes Mal sehen. Viviane hatte ihr erzählt, dass zu Lugnasad alle Königreiche in einem großen Lager zusammenkamen. Die wandernden Barden zogen bei den Königen mit, denen sie gerade ihre Künste darboten. Bei diesem Fest würden sogar alle Barden in einen Wettstreit treten und Hanibu hoffte, dass Lew gewann. Er spielte auf seiner Harfe so herrlich wie ein Gott − so schön, so klug, so königlich. Man konnte ihn nur lieben.




Wer schenkt, findet eine offene Tür


„Was?! Großmutter Mara! Du kommst nicht mit?“

Loranthus fiel das Weißbrot samt Rührei fast aus der Hand und er war mit hektischen Abfangbewegungen beschäftigt, weshalb er nicht bemerkte, wie Mara griente.

„Du brauchst doch nicht gleich alles fallen lassen, Loranthus! Die Hörner rufen erst morgen früh!“

Seufzend klatschte Loranthus sein matschiges Rührei ins Brot und rollte alles fest zusammen.

„Das habe ich mir ja schon gedacht, dass sie uns zum Sammeln rufen, aber ich hatte auch gedacht, dass alle mit zu Lugnasad gehen. Das habe ich gelesen.“

„Was du alles für ein Zeug liest!“ Mara schüttelte strafend den Kopf und tätschelte begütigend seine Hand. „Loranthus. Denk doch mal logisch. Bis zur Festwiese seid ihr zwei Tage unterwegs. Das Fest dauert mehrere Wochen, danach wieder nach Hause … Wer soll sich denn solange um das Viehzeug kümmern? Alle alten Leute bleiben hier.“

„Ach ja, daran habe ich gar nicht gedacht“, murmelte Loranthus und sah schuldbewusst zu Arminius. „Ein Bauer denkt immer zuerst an sein Viehzeug?“

Arminius nickte nachsichtig.

„Sehr richtig, Loranthus. Deshalb bleiben die Ältesten zu Hause.“

„Aber dann verpasst Großmutter Mara die Wettspiele, die Händler, ihre Verwandten …!“

Mara tätschelte ihm noch schwungvoller die Hand und winkte ab.

„Ich habe in meinem Leben schon so viele Male Lugnasad gefeiert … Glaube mir, Loranthus: Für mich ist es nicht so schlimm, darauf zu verzichten. Seid ihr jungen Leute nur alle ausgelassen und fröhlich … wir alten machen es uns zu Hause auch schön.“

Loranthus lehnte sich beruhigt an die Lehne zurück, zuckte aber gleich wieder vor.

„Wie willst du das ganze Viehzeug alleine unterhalten, Großmutter Mara?! Das schaffst du doch nie!“

Mara gluckste vergnügt und tätschelte ihm die Wange.

„Ihr nehmt natürlich etliches Vieh mit. Davon wird ein Teil abgegeben, je nachdem wie groß der Clan ist. Diese Tiere kommen sogar auf gesonderte Weiden, damit nichts verwechselt wird. Euer Nutzvieh kommt ebenso extra, ihr braucht schließlich frische Milch und Eier.“

„Gut, das habe ich verstanden, aber was ist mit dem Stier? Dem möchte ich nicht allein gegenüberstehen!“

„Der wird auf dem Viehmarkt mit einem anderen Zuchtstier getauscht. Arminius wird sich um ihn kümmern. Bei dem ist er folgsam wie ein Lämmchen, besonders wenn er die schmackhafte Kräutermischung von Flora intus hat“, kicherte Mara verschlagen, doch Loranthus grübelte immer noch, also ergänzte sie: „Das Viehzeug was hier im Dorf bleibt, kommt auf solche Weiden, dass ich nur noch das Gatter aufmachen muss und sie können die nächste abgrasen. Die Gänse versorgen sich selbst, die Hühner kommen abends von alleine … Du siehst, Loranthus, wir machen das nicht zum ersten Mal.“

Sie tätschelte ihn wieder.

„Und wenn es doch mal Probleme geben sollte, ist das nächste Dorf nicht weit, ich habe ein Signalhorn.“ Was sie allerdings nicht brauchen würde, weil sich die alten Leute der umliegenden Höfe immer in einem Dorf trafen. Sie kümmerten sich gemeinsam um das Vieh, aßen zusammen, erzählten, tanzten und was man sonst noch zusammen machen konnte, auch wenn man alt war. Aber das verriet sie ihm nicht. Er hatte ja selbst einen Kopf zum Denken.

Loranthus kam zwar nicht auf derlei Gedanken, aber er machte sich nun keine Sorgen mehr um Großmutter Mara. Daher konnte er sich endlich dem auffordernden Blick von Silvanus zuwenden, sogleich besann er sich auf seine eigenen Probleme.

„Viviane, wie viel kosten die beiden sandfarbenen Hengste, die du von zwei Chatten … äh übernommen hast? Ich würde sie dir gerne abkaufen.“

Viviane ruckte verdutzt hoch und sah plötzlich zwei Männer vor sich, die überheblich grinsten. Hinter ihren streitlustigen Visagen sah sie ihren Vater, der anscheinend versuchte, ein stummes Zwiegespräch mit ihr zu führen. Sie schüttelte den Kopf und riss sich zusammen.

„Die kosten nichts, Loranthus. Das ist unser Gastgeschenk an dich.“

„Beim Hermes! Ihr könnt mir doch nicht solch ein wertvolles Gastgeschenk machen!“, entfuhr es Loranthus. Im gleichen Moment wurde er sich seiner Lautstärke bewusst und er hob begütigend die Hände, erst vor Viviane, dann vor Arminius.

„Arminius! Ich weiß doch, wie viel euch Pferde hier bedeuten! Das kann ich nicht annehmen!“

Arminius legte seine Hände geschlossen auf den Tisch und öffnete sie, als wolle er ihm etwas reichen.

„Loranthus. Gerade deshalb machen wir sie dir zum Geschenk. Nimmst du es nicht an, beleidigst du nicht nur Viviane und mich, sondern unsere gesamte Familie.“

Loranthus zuckte zurück und wedelte entsetzt mit den Händen.

„Natürlich würde ich gerne euer Geschenk annehmen und immer in Ehren halten … aber …!“

„Aber was?!“

Loranthus sackte in sich zusammen. Abrupt richtete er sich kerzengerade auf und hielt sich an seinem Tonbecher fest.

„Ich bleibe hier.“

Alle starrten ihn an, als ob der Minotaurus von Kreta höchstpersönlich seinen Becher heben täte. Oh, er hatte Hände der Minotaurus, und er konnte sogar trinken, ohne zu sabbern, obwohl er zitterte. Er verhedderte sich auch nicht mit seinen Hörnern, als er sich durch die Mähne strich und stellte den Becher sehr gesittet auf den Tisch zurück. Manieren hatten sie, diese kretischen Stiere, eindeutig.

Loranthus lugte vorsichtig von einem zum anderen, schielte auf seine Hände und entdeckte einen Fingernagel, den es abzuknabbern galt.

„Also. Elektra will mich …“ Er holte tief Luft und widmete sich dem Problem. „ … nägseslunasaheiradn.“

„Nächstes Lugnasad heiraten“, wiederholte Arminius, um sicher zu gehen, dass er richtig verstanden hatte, grinste von einem Ohr zum anderen und reichte ihm einen Nagelschneider.

Loranthus nahm ihn dankend entgegen und lugte mit gesenktem Kopf in die Runde. So viele blitzende Zähne auf einmal hatte er noch nie gesehen. Es schien, als wollten sie ihm beweisen, wer die Mundwinkel bis zu den Ohren ziehen konnte, sogar Armanu machte mit und gewann eindeutig. Aber sie lachte wohl eher über Loranthus, weil sie öfters solche Grimassen zu sehen bekam, wie er gerade zum Besten gab.

Loranthus wurde diese Tatsache nun auch bewusst, räusperte sich und strich sich über seine neue Frisur.

„Eigentlich wollte ich sie fragen, ob sie mich heiraten will. Aber sie hat mich gar nicht zu Wort kommen lassen und hat stattdessen mich gefragt. Ich komme mir wirklich vor, wie ein Stier, der von einer Maid geritten wird. Das fühlt sich …“

„ … guuut an“, beendete Silvanus und klatschte Loranthus seine Hand auf den Rücken. Er kippte aber nicht so weit vor wie erhofft.

„Du weißt doch, Loranthus, bei uns entscheiden die Weiber, wen sie heiraten wollen und das ist auch gut so. Stell dir nur mal vor, du hättest ein Weib, was dich gar nicht will! Du könntest nachts kein Auge zu tun!“

„Gefährliche Sache, so ein Weib“, pflichtete nun auch Conall bei und gab Noeira einen Kuss. „Aber du brauchst dich wirklich nicht gegängelt wie ein Ochse fühlen, Loranthus. Elektra ist nicht nur eine Maid, sondern auch die Tochter eines angesehenen Königs. Sie muss die Initiative ergreifen, sonst wäre sie ihrem Rang nicht würdig. Verstehst du?!“

Loranthus sah ihn erstaunt an.

„Daran habe ich gar nicht gedacht! Ja, jetzt verstehe ich.“

„Nun wäre also alles geklärt.“

„Nein, nicht ganz“, rief Viviane und stand auf. „Wenn du bei uns bleibst, kannst du natürlich auch kein Gastgeschenk bekommen.“

„Du brauchst sie mir ja nicht schenken, Viviane! Ich kauf sie dir ab! Ich habe noch genug Gold!“ Er sprang auf. „Echte griechische Drachmen aus Gold! Damit kannst du den ganzen Markt leer kaufen, Viviane! Ich hole sie mal runter!“

Loranthus wollte zur Treppe stürmen, doch Viviane vertrat ihm den Weg.

„Dein Gold interessiert mich nicht, Loranthus. Du weißt doch, ich darf meinen Besitz nicht verkaufen.“

„Aber, Viviane! Ich muss in diesem einen Jahr bis zur Hochzeit schnell nach Kreta, meinem Vater alles erklären und dann zu Beltaine … spätestens zu Lugnasad … muss ich wieder hier sein! Das schaffe ich nie und nimmer ohne Pferde!“

„Such dir von meinen welche aus“, bot Silvanus an.

Loranthus ließ die Schultern hängen und Silvanus verstand ihn sofort. Die Pferde aus seiner Kriegsbeute waren bei weitem nicht so kräftig wie die von Viviane. Sie stand da und wartete geduldig, bis er sich wieder ihr zuwandte, drückte ihn auf die Sitzbank zurück und setzte sich gegenüber.

„Loranthus. Kommst du denn nicht von alleine drauf?“, fragte sie mit leicht enttäuschtem Unterton und rieb ihre Hände gegeneinander.

War ihr kalt? Nachdenklich runzelte er die Stirn.

„Nein. Auf was soll ich von alleine dr …“ Seine Hand klatschte schallend auf seine Stirn. „Doch! Jetzt weiß ich’s! Wir machen einen Tausch! Aber …“ Er sah an sich herab und zeigte seine leeren Hände. „ … was könnte ich dir zum Tausch gegen ein paar Pferde anbieten? Ich habe nichts weiter außer Gold!“

Viviane lächelte erfreut.

„Zwei Wünsche.“

„Zwei Wünsche?“

„Ganz genau! Ich gebe dir zwei Pferde und du gibst mir die Erfüllung zwei meiner Wünsche. Da ich aber jetzt keine Wünsche habe, gilt unser Handel bis zum Eintausch des Gegenwertes.“

Viviane sah, wie es in seinem Kopf arbeitete, und schmunzelte. Er schien alle möglichen Szenarien durchzugehen, was sie sich eventuell wünschen könnte. Dabei kam er richtig ins Schwitzen.

„Und wenn ich diese Wünsche gar nicht erfüllen kann?“

„Keine Bange. Natürlich nur etwas, was in deiner Macht steht. Nichts Unmögliches, nichts Lebensbedrohliches und selbstverständlich auch nichts Unehrenhaftes.“

Viviane hielt ihm die Hand hin. Loranthus zögerte keinen Augenblick und schlug ein.

„Nun ist endlich alles ausgehandelt und die herrlichen Pferde gehören dir“, zog Arminius sein Resümee und grinste plötzlich listig. „Außerdem passen sie farblich perfekt zusammen und machen sich besonders ansehnlich vor deiner neuen Kutsche.“

„Kutsche?! Was denn für eine neue Kutsche?“, fragte Viviane und sah verständnislos von einem zum anderen.

Lavinia und Robin taten es ihr gleich, alle anderen schmunzelten jedoch äußerst zufrieden. Loranthus grinste besonders schelmisch und wippte auf der Bank hin und her, als führe er schon mit seiner Kutsche über Stock und Stein. Viviane hielt ihn an der Schulter fest, damit er nicht im Graben landete.

„Du hast eine neue …“

Ihr Kopf ruckte zu Silvanus herum, der sich frohlockend die Hände rieb, als hätte er etwas geschafft, was er noch nie bewerkstelligt hatte. Ihre Augen verengten sich und sie erhob sich ganz langsam.

„Duuu …!“, knurrte sie, hielt inne, schielte zu Hanibu, holte Luft und lächelte. Im Geiste sah sie einen riesigen Bottich Honig vor sich, und sie saß mitten drin.

„Du hassst also eine Kutsche gebaut, Silvanusss. Und ich habe nichtsss davon gemerkt. Wie hast du dasss denn angestellt?“ Der Honig war klebrig und Bienen liebten klebrigen Honig. Emsige Bienen schafften viel Honig und sie klebte sehr fest.

Silvanus beugte sich vor und strich ihr über den Schmollmund. Wahrscheinlich wollte er ihr auch dort noch Honig drum herum schmieren.

„Erstens, ja. Zweitens, nein. Und auf was bezieht sich die dritte Frage?“, konterte er selbstbewusst, stand schwungvoll auf und strich ihr das Kleid nach hinten, damit ihr Bauch sichtbar wurde. Dann verschränkte er die Hände vor der Wölbung und legte sein Kinn in die Mulde von Vivianes Schlüsselbein.

„Wenn du nämlich mein handwerkliches Können meinst: Das war ganz einfach. Nach der Schafschur haben wir in der Scheune mit dem Wagen angefangen. Loranthus hat geholfen. Er hat gesägt, gehobelt und sogar mit Tarian gedrechselt. Tarian hat auch die Deichsel gemacht und Conall das Geschirr aus seinem besten Leder. Die Sitze und Rückenlehnen hat er auch bezogen und Mutter hat sie schön weich ausgepolstert.“

Viviane sah mit offenem Mund von einem zum anderen.

Noeira ergriff das Wort.

„Wir haben eine dicke Decke aus warmer Schurwolle gewebt, damit der Kutscher nicht frieren muss. Conall hat noch einen Überwurf aus Leder dafür gemacht, für schlechtes Wetter.“

Viviane klappte den Mund zu und wieder auf.

„Mir hat’s die Sprache verschlagen. Aber wie …“

„Ah, ich sehe schon, du hast doch das andere ‚angestellt‘ gemeint, Viv!“, gluckste Silvanus und strich ihr die Haare zur Seite, damit sein Kinn wieder bequem zu liegen kam. „Kommst du denn nicht von alleine drauf?“

Viviane schob die Unterlippe vor, nickte bedächtig und betrachtete ihre Leute aus zusammengekniffenen Augen. Sie schienen sich allesamt prächtig zu amüsieren.

„Jetzt wird mir so einiges klar: Immer, wenn ich mal in die Scheune wollte, ist jemand anders für mich gegangen. Alle mussten zufällig sowieso gerade etwas holen, oder ich sollte mich ausruhen, weil ich so erschöpft aussehe …“

„Das war allerdings keine fadenscheinige Ausrede“, fiel ihr Silvanus ins Wort. „Du bist abends wirklich geschafft! Kein Wunder! Du fährst immer noch jeden Tag von Dorf zu Dorf oder hoch zur Burg. Du nimmst immer noch die Kinder mit auf die Weiden, wenn es auf deinem Weg liegt, du sammelst Kräuter, Brennholz, Himbeeren und Blaubeeren im Wald. Du kommst auf die Felder und nimmst Noeira und Taberia mit und unser junges Gemüse … Und du musst unbedingt noch Mutter bei dem ganzen Salbenkram, dem Destillieren und den ätherischen Ölen helfen. Das kann sie schließlich genauso gut wie du! Aber was das Allerschlimmste ist …“ Er hob Aufmerksamkeit heischend den Zeigefinger und Viviane hörte auf, die Augen zu verdrehen; nach dem Allerschlimmsten kam ja wohl nichts mehr. „Du gibst immer noch Kampflektionen, obwohl ich es dir verboten habe!“

Viviane stutzte, schürzte die Lippen und musterte Silvanus übertrieben genau von allen Seiten. Noeira, Taberia und Flora kicherten. Silvanus wunderte sich über ihre Reaktion, weil er zuerst gedacht hatte, er sähe vielleicht krank aus.

„Was machst du da, Viv?“

„Das ist doch wohl eindeutig“, säuselte Viviane. „Mein baldiger … angetrauter … Gatte. Ich überlege, welche Stelle die beste ist.“

„Wofür?“

„Ach!“ Viviane winkte ab und warf einen verschwörerischen Blick zu den Frauen. „Für Bratpfannen natürlich oder eine Faust … Ich könnte dir auch …“ Sie maß seinen geflochtenen Zopf und ringelte sich das Ende um die Finger. „ … eine neue Frisur verpassen, wenn du schläfst. Ganz zu schweigen von einigen sehr ausgefallenen, schmackhaften Kräutern für dein Essen …“

Silvanus zuckte zurück und hob beschwichtigend die Hände. Mit perfektem Hundeblick ging er auf die Knie und legte seinen Kopf an ihren kleinen Bauch.

„Ich bin ja schon froh, dass du Loth, den Sklaven, für die praktischen Vorführungen nimmst und nicht mehr selbst kämpfst! Komm, Viv! Ich zeig dir mal die Kutsche!“

Lavinia und Robin sprangen auf.

„Die wollen wir auch sehen!“

Conall klatschte erfreut in die Hände.

„Wir kommen natürlich alle mit! Schließlich wollen wir nichts verpassen!“

Silvanus warf seinen Zopf zurück und seine dunklen Augen schauten ihn drohend an. Conall ließ sich davon aber nicht die Laune verderben.

„Die Kutsche sieht genauso aus …“ Viviane ging um das Gefährt herum, besah sich den Kutschbock und lugte ins Fenster. „Sie hat sogar Vorhänge wie …“

Loranthus wippte ganz hibbelig auf den Zehenspitzen.

„ … wie meine alte, die ich mir damals in Antibes gekauft habe. Ich hätte nie geglaubt, dass ich noch einmal so ein Meisterwerk ergattern könnte.“

Viviane nickte und ließ ihre Finger über das dunkle Holz gleiten.

„Ja, sie ist wunderschön.“

Medan zog sie zu den Rädern und klopfte gegen den Eisenring.

„Rate mal, wer den geschmiedet hat!“

Viviane sah ihn ungläubig an.

„Du?“

Medan nickte begeistert.

„Ganz alleine. Amaturix hat mir nur beim Ausrechnen geholfen, weil ich Ausdehnung und Zusammenziehen noch nicht konnte, wenn das heiße Eisen auf die Wagenräder geschoben wird.“

„Kein Wunder! Das ist ja auch ein Gesellenstück und du hast noch zwei Jahre Zeit dafür. Amaturix war sicher sehr stolz auf dich!“

Medan schwoll die Brust und er nickte, dass seine roten Locken flogen.

„Beim nächsten Rad darf ich es ganz alleine versuchen, hat er gesagt.“

Viviane klopfte ihm anerkennend auf die Schulter.

„Die Deichsel ist dir auch gelungen, Tarian. So schön gedrechselt … So eine hat bestimmt niemand auf weiter Flur. Und der Kutschbock erst noch … herrlich, Tarian! Und diese Schnitzerei …“

Viviane ließ ihre Finger über die Tür gleiten und drehte sich staunend zu Noeira. „Damit hast du dich selbst übertroffen, Noeira!“

Noeira stellte sich neben sie und nickte stolz.

„Ich habe all unsere Namen in das Rahmenmuster geschnitzt, damit Loranthus eine Erinnerung an uns hat. Und schau mal, das Bild! Loranthus und du, wie ihr euch kennengelernt habt. Ihr hebt grüßend die Hand. Auf der anderen Tür führt er mit Arminius die Ochsen übers Feld.“

Viviane hakte Noeira unter und drehte sich zu den anderen um.

„Die Überraschung ist euch gelungen! So eine schöne Kutsche! Noch schöner als deinen erste! Loranthus, du brauchst unbedingt ein paar Kampflektionen extra, wenn jemand auf die Idee kommt und dich noch einmal überfallen will!“

Loranthus warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend.

„Das passiert mir nicht wieder! Diesmal bin ich schlauer! Ich werde auf alle Fälle mit den Händlern ziehen, auch wenn das länger dauert!“

Arminius klatschte Loranthus die Hand auf den Rücken und schubste ihn dadurch gegen Conall.

„Recht so! Aus Schaden wird man klug!“

Großmutter Mara nahm Vivianes Hand und zog die Tür auf.

„Schau mal, mein Kind! Die Riegel hat auch dein Vater gemacht und mit Tarian schön graviert. Ein stolzer Hirsch aus Eisen! Zieh am Geweih − und er springt majestätisch in die Höhe.“

Viviane klatschte begeistert in die Hände und probierte den Hebel gleich aus.

„Phantastisch! Als würde er seine Hufe in einem Fluss versenken.“ Sie betrachtete das verschnörkelte Muster im eisernen Gegenhalter genauer und schmunzelte. „Der Fluss heißt Sünna. Eine feine Gravur.“

Conall hielt ihr die Tür auf und zeigte triumphierend auf die Lederpolster.

„Ziegenleder. Die Weiber haben viel Wolle hergegeben, damit alles schön weich ist.“

Viviane drückte ihre Hand in den Sitz und nickte anerkennend.

„Und du hast das Leder so schön punziert, Conall. Wahrlich, herrliche Knotenmuster …!“

Silvanus quetschte sich vor Conall und hob Viviane in die Kutsche oder richtiger: Er drückte so gegen sie, dass sie aus Platzmangel nur noch einsteigen konnte.

„Ja, genau! Du musst unbedingt die Sitze ausprobieren, Viv. Mit der Hand fühlt man gar nicht, wie bequem sie sind. Auch die Aufhängung der Kutsche ist perfekt. Stabilstes Leder. Federt jeden Stein ab. Und dann habe ich noch zusätzlich etwas eingebaut. Das wird dir gefallen.“

Arminius drehte sich zu seiner Familie um und fuchtelte mit den Händen, als wolle er Gänse scheuchen.

„Wir wollten doch noch eine Partie Fidchell spielen, Kinder! Nehmt eure Ratgeber mit! Ihr könnt alle Hilfe gebrauchen, die ihr kriegen könnt!“

Robin und Lavinia protestierten energisch und als das nichts half, verlegten sie sich auf einen herzerweichenden Katzenjammer. Arminius hatte auch prompt eine sehr gute Gegenleistung parat.

„Dafür dürft ihr morgen mit Loranthus auf dem Kutschbock sitzen, wenn die Kutsche wirklich fährt.“

Lavinia und Robin warfen die Arme hoch und hüpften auf der Stelle.

„Juhu! Wir fahren mit der Kutsche und winken allen zu!“

„An denen wir vorbei sausen so schnell wie Bruder Wind!“

„Wer zuerst im Langhaus ist!“

„Ich!“

„Nein, ich!“




Vögel einer Farbe treffen sich am selben Ort


Loranthus stand auf den Zehen und spähte die breite Antsanvia hinunter.

Die ganze Straße war voll mit Karren, Ochsen, Kühen, Pferden … Hühner streckten gackernd ihre Köpfe aus den Käfigen, Schafböcke blökten, Hunde bellten, Ziegenböcke meckerten, sogar Tauben gurrten und der Stier schnaubte dazu. Die Leute standen herum und schwatzten. Die Kinder rannten um die Gespanne und sprangen über die Deichseln. Die Dorfvorsteher überprüften noch einmal, ob alles gut festgezurrt war.

Jedes Dorf hatte zwei oder drei Gespanne und noch den hohen Leiterwagen dabei. Der sah besonders imposant aus, weil seine Plane so weit oben hing.

Die Hörner erschallten zum zweiten Mal an diesem Tag und gleich darauf erschien der Tross des Königs auf dem Fuhrweg zur Burg. Alle Wartenden verneigten sich da, wo sie gerade standen, und die königlichen Gespanne zogen über die Kreuzung. Die Wagen der Druiden, Krieger- und Handwerksfamilien folgten. Die Krieger selbst saßen natürlich auf ihren Pferden, zwei von ihnen fuhren sogar mit ihren beiden Streitwagen vor.

Viviane schnalzte mit der Zunge und Arion lief mit geschmeidigen Schritten auf den letzten Wagen zu. Dort lugten sie beide unter ein großes Leintuch. Arion schnaubte und Viviane sprach: „Hier drunter wird es Germania gut gehen, Tinne, nicht zu heiß und nicht zu kalt. Selbst, wenn es regnen sollte, wird sie nicht nass. Ich werde immer mal bei euch vorbeikommen.“

Tinne nickte lächelnd, nahm Vivianes Hand und führte sie dankbar an ihre Stirn, da riefen die Hörner auch schon zum dritten Mal. Hurtig rannte jeder dahin, wo er hingehörte und der Zug setzte sich in Bewegung.

Loranthus hob Lavinia und Robin auf den Kutschbock, sprang hinterher und schaute ein letztes Mal hoch zur Burg vom Uhsineberga und zum Dietrichsberg. Lächelnd schwenkte er seinen Kopf weiter bis an die Spitze vom Tross, wo sich Elektra gerade nach ihm umdrehte. Energisch gab er seinen beiden Hengsten die Zügel und winkte wie seine gesamte Gastfamilie fröhlich zu Großmutter Mara, bis sie nicht mehr zu sehen war.

Bruder Wind war zufällig gerade heute nur ein laues Lüftchen und das Vorbeisausen funktionierte überhaupt nicht, Lavinia befürchtete sogar, dass sie demnächst von einer Schnecke überholt würden. Das war unwahrscheinlich; schneller als eine Schnecke waren sie allemal, revidierte sie sich selbst, und irgendwie waren sie ja auch so schnell wie der Wind. Also streckte sie ihre Beine aus, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und seufzte, passend zum Tempo, genießerisch.

Robin dagegen saß da wie festgeklebt und musterte alles, was er von seiner erhöhten Position aus sehen konnte, mit intensivem Blick. Er war dermaßen bei der Sache, dass er nicht ansprechbar war und nach zwei Anläufen zur Konversation mit ihm gaben es Loranthus und Lavinia auf. Selbst Viviane schmunzelte über seine abwesende Miene, als sie beim Überqueren der Werra kurz neben ihnen ritt und wissen wollte, ob sie es bequem hätten.

Wie wunderten sie sich aber alle drei, als er mit glasigen Augen „Wir müssen rechts abbiegen!“ rief, obwohl die Kreuzung der Antsanvia noch gar nicht in Sicht war. Loranthus staunte noch viel mehr, weil er vor nicht allzu langer Zeit hier an dieser Stelle mit einer Fähre übergesetzt war, jetzt suchte er vergeblich nach den mitreißend hohen Wassern; aber wenigstens waren die Fische nicht weniger geworden.

Erst an einer großen Siedlung direkt an der Werra hörte Loranthus auf, über schwankende Wasserpegel in Bezug zu den Jahreszeiten nachzudenken und sogar Robin erwachte aus seiner Trance, weil die Wagenkolonne ins Stocken geriet, damit sich die Salzsieder anschließen konnten. Die Lautstärke der Begrüßungen zwischen den Wartenden und den Ankommenden war vielleicht auch ausschlaggebend, denn natürlich wurde überschwänglich geschwatzt und gelacht, die alten Leute blieben am Wegesrand zurück und alle anderen reihten sich ein.

Unter ihnen war auch die Tochter von Großmutter Mara, Fanar, mit ihrem Mann, Wadi. Heute war er nicht als Fährmann über die Werra unterwegs, sondern lenkte, wie praktisch, einen übervoll beladenen Ochsenkarren auf der breiten Salzstraße. Loranthus konnte nur staunen, wie gut sie ihren Proviant verstaut hatten und nebenbei auch noch vorwärts kamen.

Wadi schien Loranthus’ anerkennenden Blick bemerkt zu haben, er stupste seine Frau an und sie winkten fröhlich. Stolz deuteten sie hinüber zum Fluss, wo ihr ältester Sohn, Oen, mit anderen jungen Leuten in Cerrags um die Wette paddelte.

Loranthus winkte zurück zum Zeichen, dass er verstanden hatte, doch da standen auch schon Lavinia und Robin auf der Sitzbank und er brauchte beide Hände, um sie zurück zu zerren. Die beiden feuerten ihren Cousin jedoch mit so viel körperlichen Einsatz an, dass er diese sinnlose Tätigkeit aufgab. Da Loranthus nun nicht mehr ständig ins Leere griff, konnte er selbst den Hals recken und fand das Spektakel, dass sich ihm bot, wirklich sehenswert.

Alle Cerrag-Fahrer hatten freie Oberkörper, und es war imposant anzusehen, wie ihre Muskeln arbeiteten, um gegen die Strömung zu paddeln, die trotz des Niedrigwassers beachtlich war. Armmuskeln, Bauchmuskeln, Beinmuskeln und sogar die Rückenmuskeln bewegten sich höchst geschmeidig und nebenbei unterhielten sie sich sogar noch mit den Leuten am Ufer, ohne in Atemnot zu geraten. Die Leute in der Wagenkolonne gaben lautstark ihre Prognosen ab, wer wohl als Erster im Lager ankommen würde, und es wurden Wetten abgeschlossen. Sogar Lavinia und Robin beteiligten sich mit einem Wetteinsatz, Loranthus wollte aber nicht mithalten.

Ihre jeweiligen Favoriten machten beide einen vielversprechenden Eindruck, nur die Cerrags stimmten ihn äußerst skeptisch. Es hätten genauso gut Walnussschalen sein können, die da auf dem Wasser schaukelten, nur dass sie wesentlich größer waren und aus einem Weidenrutengeflecht, bespannt mit Rindsleder, bestanden. Diese simple Konstruktion machte sie aber derart leicht und wendig, dass sie viel schneller vorwärts kamen, als der Tross auf der Straße. Bald waren sie aus ihrem Blickfeld verschwunden und Lavinia hielt wieder nach vorbei rasenden Schnecken Ausschau.

Loranthus widmete seine Aufmerksamkeit den baumlosen Bergkuppen mit ihren Burgen. Beim Pendeln zwischen rechts und links schweifte sein Blick jedes Mal über die grüne Flussebene mit ihren abgeernteten Getreidefeldern. Mit einigem Stolz in der Stimme zählte er auf, was er auf den restlichen Feldern für Gemüse sah und erkannte anhand der fast kahlen Stängel sogar ein Feld mit Färberwaid. Er bildete sich sogar ein, die bläulichen Schoten in den hochragenden Dolden auszumachen. Wenn er Blumen und Kräuter am Wegrand nicht kannte, half Lavinia ihm aus und er wiederholte ihre Namen mehrmals, um sie sich besser zu merken. Lavinia lauschte seinem Vortrag und nickte, als wäre sie mit ihrem Schüler zufrieden, während Robin erneut in seiner andächtigen Starre ausharrte.

Nach einer kurzen Rast am Mittag ging es weiter. Nicht lange, da waren die Kinder eingeschlafen und nahmen mit ihren Köpfen Loranthus’ Schoß in Beschlag. Sorgsam schlang er sich die Zügel um seine Handgelenke, damit die losen Enden die beiden nicht an den Nasen kitzelten und bedeutete den anderen mit der entsprechenden Geste, dass die Kinder schliefen.

Um ihren Schlummer nicht zu stören, betrachtete er die Gegend nun still und sah nebenbei zu Viviane, Hanibu, Arminius und seinen Gastbrüdern, die vor ihm auf den Pferden ritten, während Flora, Noeira und Taberia gleich dahinter die Ochsenkarren lenkten. Unvermittelt wallte Dankbarkeit in ihm hoch und schwappte über.

Sie hatten zusammen gearbeitet, gegessen, getrunken, gefeiert und er wusste, besser hätte er es nicht treffen können. Verstohlen wischte er sich die Augen, denn die Leute vom Baier und Pleß reihten sich ein und vor denen wollte er sich keine Blöße geben. Er musste öfters blinzeln, bis er die borstige Wildsau und das Huhn auf ihren Standarten deutlich sah.

Viviane rutschte sich auf Arion zurecht, als wappnete sie sich für eine Schlacht und hob sogar unbewusst ihren Schildarm. Nach einem Blick zur leeren Faust lachte sie über sich selbst, schnalzte vergnügt mit der Zunge und führte Arion neben die Pferde von König Gort, Amaturix und Wahedon. Könige und Heerführer begrüßten sich, danach ritten die Könige an der Spitze dem langen Tross voraus und Viviane kam zu ihrer Familie zurück. Schon von Weitem sah Silvanus, wie sie die Augen rollte.

„Und? Wie sieht Naharrix aus?“, fragte er vorsichtig und strich sich durch die offenen Haare.

Viviane schnaubte, lenkte Arion an seine Seite und knurrte leise: „Als wäre er nie krank gewesen. Seine Augen sind nicht mehr blutunterlaufen und er riecht auch gesund.“

„Aber?“

„Nichts ‚aber‘. Ich bin froh, dass es ihm gut geht.“

„Aber?“

Silvanus zwinkerte wie Ethmanja, wenn sie spielen wollte. Viviane legte den Kopf ins Genick, starrte gen Himmel, dann kapitulierte sie vor so viel Beharrlichkeit und warf das Stöckchen.

„Er hört sich seltsam an.“

Silvanus riss seinen Mund auf und blaffte: „Seltsam?“

„Siehst du! Ich hab’s doch gleich gesagt, da ist nichts weiter!“

„Nein, Viv! Jetzt red schon! Ich bin ganz Ohr!“

Zur Bestätigung seiner Worte drückte er beide Ohren nach vorne und zog sie ein bisschen zurück, wieder vor. Das brachte Viviane zum Kichern. Funktionierte immer.

„Also gut. Ich erkläre es dir! Aber du darfst nicht lachen!“

Silvanus klemmte sich die Zügel zwischen die Zähne, legte sich die rechte Hand aufs Herz und hob die linke.

„I geb di mei Ehnwod.“

„Er putzt sich so komisch die Nase.“

„He?!“

Vor Verblüffung fielen Silvanus die Zügel aus dem offenen Mund, doch er versuchte, nicht zu lachen. Vergeblich. Pünktlich zum Mienenabgleich kam Ethmanja angezockelt und sah ihm verdächtig ähnlich, außer dass Silvanus nichts im Mund hatte − Ethmanja aber sehr wohl, was daran lag, dass sie zum Betteln im Tross unterwegs gewesen war.

„Das ist so“, seufzte Viviane. „Früher … also vor fünf Jahren … und davor … seitdem ich denken kann …“

„Also etwa seit sechs Jahren …“, rechnete Silvanus aus, grinste provozierend und drehte den Zeigefinger in der Luft. Wahrscheinlich hätte er ihn sechs Mal kreisen lassen, wenn Ethmanja das nicht falsch verstanden hätte und sich schon wieder auf den Weg zu schmackhaften Beutezügen machte. Außerdem war ihm noch sein Versprechen eingefallen, natürlich erst nach Vivianes ‚Ich hab’s doch gewusst‘-Blick.

„Seit ich denken kann …“, knurrte sie und hakte ihre Kieferknochen wieder auseinander. „ … hatte Naharrix immer die schönsten Schnupftücher, feinstes Lein mit aufgestickter Wildsau in einer Ecke. Und in diese Ecke hat er nie hinein geschnäuzt. Nie! Verstehst du, Silvanus?“

„Ja, ich weiß, was du meinst, Viv“, beteuerte Silvanus und nickte sehr tief mit dem Kopf, als stünde er am Krankenlager eines Todgeweihten.

Viviane legte den Kopf schräg und trommelte mit den Fingern auf ihrem Schwertgriff herum, das eindeutige Zeichen, es nicht zu übertreiben.

„Früher haben wir uns gerne darüber lustig gemacht“, beeilte er sich also hinzuzufügen und schniefte übertrieben. „Wir haben immer die Hälse gereckt und spekuliert, wann er denn endlich mal aus Versehen auf sein Wappentier rotzen tut.“

„Und niemals, Silvanus, niemals hat einer von uns die Wette gewonnen.“

„Sehr richtig. Aber was hat ein sauber gehaltenes Wildsau-Emblem mit ‚Er hört sich seltsam an‘ zu tun?“

„Also.“ Viviane holte Luft. „Erstens, Naharrix hat gerade eben … vor meinen Augen … genau auf die gestickte Wildsau gerotzt.“

„Oh! Meinen herzlichsten Glückwunsch, Viv! Da bekommst du von mir bei nächster Gelegenheit eine besonders schöne Elderflöte geschnitzt!“

Viviane verdrehte die Augen wieder gen Himmel, doch dann schürzte sie die Lippen.

„Wetteinsatz angenommen, Silvanus. Gutes Gedächtnis. Aber das habe ich auch und deshalb ist da noch etwas anderes, was mich stutzig macht.“

Silvanus wedelte wieder mit den Ohren und reckte erwartungsvoll den Hals. Viviane beugte sich ganz nah zu ihm hinüber, während sie Arion auf Abstand hielt, damit die Pferde nicht aneinander gerieten.

„Wenn sich Naharrix die Nase putzt, hört sich das jetzt anders an als früher.“

Silvanus reagierte, als wäre der Todgeweihte plötzlich mit viel Elan aus dem Bett gesprungen. Viviane quittierte sein Mienenspiel mit einem sehr ernsten Kopfnicken und machte ihn durch Handzeichen darauf aufmerksam, dass er gleich vom Pferd kippte.

„Ich weiß schon, was du sagen willst, Silvanus. Aber ich bin der Meinung, wir sollten uns noch kein Urteil erlauben. Da ist was faul! Ich kann es förmlich riechen!“

„Du kannst es riechen.“, feixte Silvanus und beugte sich ganz nah zu ihr hin. „Reite doch noch mal hin, Viv! Vielleicht riechen seine Fürze auch anders als früh …“

So schnell konnte er gar nicht reagieren, da hatte sie ihm am Hinterkopf erwischt und knurrte: „Beobachten und analysieren, das ist die Devise! Und wenn ich mich getäuscht habe, kannst du dich immer noch über mich lustig machen.“

„Hm“, brummte Silvanus, brachte seine Locken wieder in Form und rutschte sich auf seinem Pferd zurecht. „Abgemacht, Viv, aber hau mich nicht wieder. Du weißt, ich bin sensibel.“

Das hatte diesmal nicht den gewünschten Lacherfolg bei Viviane, im Gegenteil, sie runzelte sogar die Stirn und murmelte: „Jetzt, wo du es sagst … fällt mir noch was ein.“

„Spuck’s aus, Viv. Du weißt, ich bin neugierig.“

Viviane vergewisserte sich nach allen Richtungen, dass sie keiner hören konnte und kam wieder ganz nah an Silvanus heran.

„Er guckt Wahedon an, wie er jeden anguckt.“

„Wo ist dein Problem, Viv? Ist doch gut so!“

„Nichts ist gut. Wahedon hat mir erzählt, dass er ihm nicht mal gratuliert hat, als er bei König Gort zum ersten Krieger aufgestiegen ist.“

„Vielleicht ist er neidisch, weil es Wahedon so gut geht bei uns. Immerhin ist er in kürzester Zeit zum ersten Krieger gewählt wurden. Dazu noch ein hübsches Weib und einen strammen Sohn … So viel Erfolg und Anerkennung hat er seinem kleinen Bruder bestimmt nicht zugetraut. Schon gar nicht in einem fremden Clan.“

Viviane schürzte nachdenklich die Lippen.

„Ist eigentlich nicht Nahars Stil. Er war doch sonst nie neidisch auf Wahedon, im Gegenteil. Er hat ihm alles beigebracht, was ein Krieger können muss.“

„Ja, genau. Das war dein Glück und seins auch an jenem unseligen Unglückstag, an dem du ihm die Narbe verpasst hast.“

„Erinnere mich nicht daran! Aber weißt du, was komisch ist? Seine Narbe zuckt nicht mehr, wenn er mich sieht!“

„Echt nicht?! Die hat doch jedes Mal unkontrolliert gezuckt, wenn er dich früher immer gesehen hat! Er konnte gar nichts dagegen machen! Aber vielleicht liegt es ja an der langen Zeit. Immerhin hatte er zehn Jahre, um seine Emotionen unter Kontrolle zu bringen. Mir hat er manchmal richtig leidgetan, weil er sich einfach nicht beherrschen konnte, der Ärmste.“

Viviane seufzte.

„Mir auch, das kannst du mir glauben. Aber Fakt ist: Das Zucken ist weg. Außerdem ist seine Narbe verblasst.“

„Verblasst? Wie kommst du denn darauf, Viv?“

„Weil sie früher violett war und jetzt ist sie nur noch rosa.“

Silvanus schaute erst Viviane ungläubig an, dann nahm er König Nahar ins Visier, der sich prächtig mit Amaturix zu unterhalten schien.

„Tja, Viv. Ich schätze mal, das liegt auch an der Zeit. Ist schließlich schon zehn Jahre her, seit du ihm die Narbe verpasst hast.“

„Hör endlich auf! Mir hat schon gereicht, ihm ins Gesicht sehen zu müssen!“

„Hat manchmal auch seinen Nachteil, so ein Gleichstand, Viv!“

Viviane sah ihn streng an und presste die Lippen zusammen. Ein tiefes Grollen kroch ihre Kehle hinauf und sie knurrte: „Fakt ist: Ich habe ihm eine sehr, sehr tiefe Narbe verpasst und sie war immer violett! Zehn lange Jahre war sie violett! Jetzt ist sie rosa. Das ist praktisch nicht nachvollziehbar.“

„Apropos praktisch: Kommst du mit hinter zu Naschu, Hirlas und Zanadu? Ich will wissen, wie ihnen die Reise zu Pferde gefällt.“

„Gut. Aber danach müssen wir noch bei Harthu und seinen Leuten vorbei. Nicht, dass sie beleidigt sind.“

„Soll mir recht sein, Viv. Was hast du eigentlich von Harthus Vater bekommen, damit auch seine Leute auf deinen Pferden reiten dürfen?“

„Onkel Wadi und seine Leute haben auch Pferde von uns. Schließlich müssen wir ja irgendwie zum Lager kommen. Es ist also recht praktisch, dass alle sich geehrt fühlen, wenn wir ihnen etwas vom Braten abgeben. Man sollte sich eh den Mund nicht zu voll stopfen.“ Sie schnalzte kurz und Arion trabte an.

Auch Silvanus schwenkte herum, folgte jedoch in einigem Abstand, weil er sich schon denken konnte, warum sie so kurz angebunden war. Erst die Erinnerung an ihre schlimme Begegnung mir König Nahar und dann war da noch Furia. Die beiden für fast einen Mond zusammen in einem Lager … Bei dem Gedanken kam er richtig ins Schwitzen und das lag nicht am strahlenden Sonnenschein.

Zum Glück war Furia eine Königstochter. So war sie wenigstens in einem separaten Bereich des Lagers untergebracht, und der war weit genug weg von ihnen. König Nahar war somit auch weg und konnte sich ungestört dem Verblassen seiner unschönen Narbe in dem ansonsten recht freundlichem Gesicht widmen … Apropos widmen: War Viviane ihm die Antwort auf seine letzte Frage eigentlich schuldig geblieben?

Abends lagerten sie an einem See und alle rannten übermütig ins Wasser. Loranthus stellte sich neben Silvanus, beobachtete das muntere Treiben und schüttelte den Kopf.

„So viele Leute! Da findet man ja kein nasses Fleckchen mehr, um sich in Ruhe zu waschen. Ich warte lieber, bis es nicht mehr zugeht wie in einer Pfütze mit Kaulquappen.“

„Vollkommen richtig, Loranthus. Ich, für meinen Teil, bringe erst mal Viv ins Schwitzen, damit sich das Waschen auch wirklich lohnt. Vorher schwitzen ist sowieso besser, weil das Wasser nämlich ganz schön kalt ist.“

„Woher weißt du das, Silvanus? Du hast doch noch nicht mal deinen Zeh rein gehalten!?“

„Ach, das ist doch offensichtlich. Sieh mal! Da steht Elektra mit Gänsehaut im Wasser und hüpft immerzu. Ich glaube, sie will Kaulquappen fangen, damit es ihr wärmer wird.“

Loranthus japste erschrocken, hakte seinen Gürtel auf und riss sich Hemd und Hose vom Leib. Dann rannte er los und Viviane, die gerade von Tinne kam, schaute ihm verblüfft hinterher.

„Der hat’s aber eilig!“

„Elektra friert. Da hilft nur Bewegung.“

„So? Dann brauchst du bestimmt auch Bewegung. Den ganzen Tag reiten, davon wirst du ganz … steif“, schnurrte sie in sein Ohr und presste sich an ihn. Mit einem Seufzen kuschelte sie sich in seine Arme. „Ich friere auch. Wir sollten uns ein warmes Plätzchen suchen, bis es leerer wird im See.“

Silvanus strich ihr über die Brust und fühlte sie erschauern.

„Ja, du frierst wirklich ganz schrecklich“, stellte er fest und zwinkerte. Mit Verschwörermiene beugte er sich zu ihrem Hals und hauchte: „Da drüben ist schönes Buschwerk, wind- und blickdicht, inklusive Glut und Schürhaken.“

Viviane hielt ihn am Gürtel fest.

„Nein, da ist Vater schon hin! Hinter dem Hügel, da ist es ruhiger. So ein Feuer prasselt ja ziemlich emsig, wenn es geschürt wird.“

Am nächsten Tag trafen sie auf die Truppen vom Dolmar.

Ihr König Donar begrüßte die anderen Könige und Heerführer sehr huldvoll, dann rief er laut: „Wie geht es meiner Großtante Mara?!“, krachte Viviane die Hand auf den Rücken und ritt mit ihr ein Stück von der Salzstraße weg.

Da Viviane wider Erwarten nicht vom Pferd kippte, lugte Loranthus den beiden ziemlich neugierig hinterher. Seine Augen wurden schmal, als dieser König Donar die eben geschlagene Stelle liebevoll tätschelte.

Überhaupt war sein ganzes Verhalten sehr auffällig, er behandelte Viviane äußerst respektvoll. Nicht, dass die anderen Könige das nicht täten, aber er war mittlerweile zum Schulterstreicheln übergegangen, gestikulierte dabei mit der anderen Hand ausladend und lachte schallend. Jetzt steckten sie die Köpfe zusammen und umarmten sich wortreich. Küsschen rechts, Küsschen links und noch mal von vorn, weil’s so schön war …

Loranthus lehnte wir festgezurrt an seinem Wagen und schaute mehr als argwöhnisch drein. Dieser Donar − große Statur, stattlich gebaut, helle Haut, rotes zotteliges Haar, langer Bart, ebenfalls rot und buschig, lautes Mundwerk … Exakt so hatte er sich früher immer einen Keltos vorgestellt, nur mit den Fellkleidern haperte es.

König Donar war nämlich ausgesprochen geschmackvoll bekleidet. Sein kurzärmeliges rotes Hemd war um den Ausschnitt mit einem verschnörkelten Muster bestickt und aus feinstem Lein, genau wie die blau-rot karierten Hosen, kurze Hosen wohlgemerkt. Loranthus hatte freien Blick auf stramme Waden ohne erkennbaren Haarwuchs. Sofort huschte sein Blick noch einmal zum sichtbaren Brustbereich − auch keine Haare. Im Winter brauchte der Kerl auf alle Fälle ein wärmendes Fellkleid.

Obwohl König Donar einen Luchs auf der Standarte hatte, wollte ihn sich Loranthus gerade im Bärenfell vorstellen, da blieb sein Blick an dessen tiefblauem Mantel haften. Der war ihm bisher noch gar nicht aufgefallen. Als sich Donar jedoch ein Stück drehte, wallte er locker an seinem Rücken herab und die Goldfäden in dem hauchdünnen Leinstoff schimmerten wie Sternbilder. Leider waren sie nicht gut sichtbar, aber Loranthus starrte wie hypnotisiert auf die Falten, die der glänzende Stoff auf dem Rücken des Pferdes schlug. Er musste sich fast zwingen, wegzusehen.

Schwerfällig schwenkte er seinen Blick hinauf zu König Donars goldenem Torques, über eine protzige Fibel in Form eines Hammers und weiter zu zwei überdimensionalen Armreifen, die auf enormen Armmuskeln klemmten, dazu noch mindestens drei Ringe an jeder Hand. Überall schillerten bunte Edelsteine inmitten filigran verschnörkelter Goldstreben, sogar in der Gürtelschnalle und auf seinen Schuhen. Und als wäre das noch nicht genug, prangten auch noch in seinem Bart jede Menge eingeflochtener Goldperlen, die aus dem üppigen roten Buschwerk ein apartes Gewächs machten. Dieser König Donar präsentierte irgendwie eine wilde Gepflegtheit, die er in solcher Kombination bei noch keinem König gesehen hatte.

Kopfschüttelnd überlegte Loranthus, wie lange wohl ein Goldwäscher den Flusssand sieben musste, um solche Massen an Gold zu bekommen. Und dann gaben die Leute auch noch alles ab, weil es nur Königen und Druiden vorbehalten war.

Natürlich waren auch die anderen Könige ähnlich gekleidet und mit Schmuck behangen wie König Donar, doch der hatte etwas … Loranthus konnte es nicht genau erklären, aber es machte ihm Angst.

Ihm war es sogar vergangen, sich den Mann im golddurchwirkten Bärenfell vorzustellen. Nicht einmal an einem Diadem zwischen zotteligen Luchsohren konnte er sich belustigen.

Also sah er lieber nicht mehr zu Viviane und König Donar, der wie zur Bestätigung mit seinen Armmuskeln rollte und seine Fäuste gegeneinander krachen ließ. Bei Athene! Dass Viviane da noch lachen konnte?!

Aber halt! Sie sah dabei gar nicht zu König Donar, sondern zu Silvanus. Auch er schien sich prächtig zu amüsieren, er flanierte mit einer schwarzhaarigen Kriegerin umher, die mitsamt ihrem Kopf unter seinem Arm klemmte, so klein und zart war sie. Ihre Rüstung aus übereinander geschichteten Metallplatten stand in so krassem Gegensatz zu Silvanus’ nackten Bauchmuskeln, dass Loranthus bei dem Anblick automatisch zusammensackte, als zerre ihn ein imaginäres Gewicht in die Knie.

Ihre Hose und ihr Umhang waren dagegen aus feinstem roten Lein, beide Ober- und Unterarme verzierten breite, verschnörkelte Silberspangen mit Edelsteinen und sie hatte Muskeln … selbst am Unterarm hatte sie Muskeln. Bei Athene! Eine Amazone! Und dann auch noch mit silbernem Torques!

Das brachte Loranthus, noch ehe er den Mund wieder zu geklappt hatte, auf den Gedanken, dass sie eine Königin sein musste, eine Königin und Kriegerin. Neben ihrer silbernen Gürtelschnalle in Form eines Einhorns hingen nicht nur Lang- und Kurzschwert, sondern auch eine riesige Streitaxt, und alles glänzte vor lauter Edelsteinen. An einem Arm trug sie ganz locker einen Schild komplett aus poliertem Eisen mit − bei Athene! − eingelassenen Edelsteinen. Quer über dem Rücken hing einen Langbogen samt Lederköcher mit gefiederten Pfeilen.

Da waren keine Edelsteine dran, stellte Loranthus befriedigt fest, der Köcher sah sogar mächtig abgewetzt aus. Er konnte es jetzt genau sehen, weil Silvanus die Amazone in die Kurve schleppte, immer noch mit eingequetschtem Kopf.

Ihr schien es zu gefallen, sie strahlte über’s ganze Gesicht und schüttelte ihre unzähligen, langen, schwarzen Zöpfe bis hinunter zur Hüfte … Loranthus interessierte dieses Phänomen allerdings nicht mehr, weil sein Blick wie magisch auf eine Stelle dahinter gezogen wurde.

Dort saßen, wie bereit zum Appell, sieben Maiden auf Pferden. Ihre Töchter, die Ähnlichkeit war unverkennbar, obwohl sie nicht alle die gleiche Haarfarbe hatten.

Von rotblond bis schwarz war alles dabei, als wären sie auf einer Farbpalette gemischt worden. Die jüngste hatte nussbraune Haare und war vielleicht so alt wie Lavinia, die älteste mochte etwa in Noeiras Alter sein. Sie war die einzig schwarzhaarige, trug ein Baby im Wickeltuch vor dem Bauch und unterschied sich etwas von den anderen, nicht durch ihr Aussehen, sondern durch den Kontrast zwischen Haar und Gesicht.

Sie war extrem blass, aber dennoch sehr hübsch, sehr zierlich … nur machte sie einen geistesabwesenden Eindruck und strich mit einem seltsam verschleierten Blick über das Tragetuch. Weder das darin zappelnde Baby, die Anwesenheit ihrer Schwestern, noch ihre Umgebung schien sie wahr zu nehmen, bis sich Viviane und König Donar zu ihnen gesellten. Da schreckte sie auf, wie aus dem Schlaf gerissen, und ihre dunklen Augen huschten hektisch herum, doch niemand schien ihre verstörte Miene zu beachteten.

Im Gegenteil, wieder wurde lauthals geredet und gestikuliert und als Silvanus kehrt machte, ging es noch lustiger zu. Er hatte sein eingeklemmtes Anhängsel nämlich direkt aufs Pferd gewuchtet und sich mit dem Schwung ein wenig verschätzt. Alles johlte, weil er die Amazone am Schild zurück zerren wollte, sie aber schon längst gerade saß und deshalb auf ihn drauf zu kippen drohte. Also stemmte er sich mit ausgestreckten Armen gegen den Schild und das Austarieren begann von Neuem. König Donar rannte schnell um das Pferd herum, riss die Arme auseinander und machte ein erfreut-erwartungsvolles Gesicht, bis die Kriegerin mit so viel Schwung vom Pferd hechtete, dass er rückwärts mit ihr ins Gras krachte.

Plötzlich wusste Loranthus, zu wem die Amazone und ihre Töchter gehörten. Und er wusste auch, wo er sie schon mal in Aktion gesehen hatte, allerdings nicht so prunkvoll gekleidet und schon gar nicht lachend, deshalb hatte er sie nicht erkannt. Sofort schlug sein Instinkt Alarm und er sah schreckliche, bluttriefende Bilder vor seinem geistigen Auge, dazu ein Paar wilder schwarzer Augen, das starr wie ein Adler seine Beute anvisierte und gefletschte Zähne, aus denen das wilde Brüllen einer hungrigen Löwin herausbrach.

Ein hohes Kichern holte ihn wieder in die Gegenwart zurück und er sah die Amazone sich voll Übermut in König Donars Armen winden. Völlig ungehemmt begannen die beiden zu küssen. Bei dem Anblick hallte in Loranthus noch das Lachen der Kriegerin nach, doch egal wie hoch und lustig sie quieksen konnte − ihn beschlich der Verdacht, dass es nicht König Donar war, vor dem er sich fürchten sollte.

Als sie weiter ziehen wollten, hielt es Loranthus vor Neugierde nicht mehr aus. Er winkte Silvanus zu sich und wollte wissen, was es mit der Kriegerkönigin auf sich hatte. Sie hieß Ethel Guda Seba. König Donar war mächtig stolz auf sie, denn solch ein Weib gab es nicht so oft. Sie war nicht nur hübsch, sondern auch klug. Sie war nicht nur eine perfekte Kriegerin, sondern auch eine treue Gefährtin. Dazu war sie noch eine liebevolle Mutter und natürlich gediehen all ihre Töchter nach ihrem Vorbild. Sie kam von den Sueben, weit hinter dem Thuringer Gebirge, und entstammte also dem Ursprungsstamm der Hermunduren.

Loranthus wuschelte sich mit gerunzelter Stirn die Locken durcheinander und verstand nur ‚Stamm‘.

Silvanus sah sich nach Abhilfe um und entdeckte eine Esche mit mächtiger Krone. Die war ein prima Anschauungsobjekt. Ein dicker Ast der Esche waren die Sueben und ein Zweig davon waren die Hermunduren.

Um Silvanus zu demonstrieren, dass er die Logik von Stamm und Abzweig verstanden hatte, deutete Loranthus auf den dicken Ast, verfolgte besagten Zweig der Hermunduren, bis er zu einer neuen Gabelung kam und sah ein Blatt ganz verliebt an. Das war Elektra.

Silvanus verdrehte die Augen, konnte sich ein erfreutes Grinsen aber nicht verkneifen. Er war mit sich als Lehrmeister zufrieden und ertappte sich sogar dabei, auf einem anderen Zweig ein besonders schönes Blatt zu suchen, moosgrün wie Vivianes Augen wenn möglich. Er fand tatsächlich eines und hatte es plötzlich sehr eilig, wieder neben Viviane zu reiten.

Loranthus lehnte sich bequem auf seinem Kutschbock zurück und betrachtete diese Ethel Guda Seba jetzt mit ganz anderen Augen. Das lag nicht daran, dass er sie nun von hinten sah, aus dieser Perspektive zog sie seinen Blick genauso an wie von vorne. Nein, es war die Art, wie sie auf dem Rücken ihres Hengstes saß, aufrecht und erhaben, als wäre sie mit ihm verbunden. Ihrer beider Bewegungen waren geschmeidig und doch zeugten sie von Kraft. Genauso war sie auch mit ihren älteren Töchtern damals über das Schlachtfeld geritten.

Sie jetzt, in Friedenszeiten, zu beobachten, erweckte in ihm ein seltsames Gefühl, dass er schon damals bei Viviane bemerkt hatte, als sie sich kennen gelernt hatten: Er fühlte sich sicher, behütet. Augenblicklich schwelgte er in Erinnerungen an seine ersten Erfahrungen mit Hermunduren im Allgemeinen und Vivianes Familie im Besonderen … Er war richtig erstaunt, weil sich die Sonne schon ihrem Nachtlager entgegen neigte und der lange Tross eine Wegkreuzung erreichte. Dort standen drei Eichen und davor ein behauener, mannshoher Stein. Sofort gab er seinen Gedanken einen anderen Drall.

„Aha! Eine Leuga!“, rief er begeistert in Griechisch und reckte den Hals, um besser sehen zu können, was darauf eingemeißelt stand.

„Das ist eine Lieska!“, verbesserte Robin und bedachte Loranthus mit einem Blick, als hätte er das doch wissen müssen.

„Lieska oder Leuga, das ist gehüpft wie gesprungen! Hauptsache, es ist ein Wegweiser, der einem sagt, wo es lang geht!“, rechtfertigte sich Loranthus sehr leise in Mundart der Hermunduren und bedachte Robin mit einem Blick, als hätte er das doch wissen müssen.

„Und, was steht drauf? Wo geht’s lang“, fragte Robin gelangweilt.

Loranthus kniff die Augen zusammen.

„Also, im Westen liegt Raino, sieben Wegstunden bis auf die Kuppe.“

„Eine Wegstunde wird danach berechnet …“, dozierte Robin und betrachtete Loranthus, als sei er sein begriffsstutziger Schüler. „ … wie lange ein Pferd für fünfzehntausend Fuß braucht. Im Tross geht es natürlich wesentlich langsamer.“

Loranthus wusste allerdings schon aus Erfahrung, was es mit diesen ominösen Wegstunden auf sich hatte. Er konnte sogar in römische Meilen und griechische Stadien umrechnen. Da Robin zwar alles essen konnte, aber nicht alles zu wissen brauchte, nickte er nur anerkennend und widmete sich wieder seiner Lektüre.

„Aha! Danke Robin! Im Osten liegt Thuringia mit ebenfalls sieben Wegstunden. Im Süden liegt Alpina und bis dorthin dauert es … äh … Ich kann es nicht lesen.“ Robin seufzte.

„Ich dachte …“, fing er extrem laut an und bekam einen Rippenstoß von Lavinia. Erst wollte er sich beschweren, doch da bemerkte er seinen Fehler, beugte sich zu Loranthus und raunte: „Ich dachte, du kannst unsere Sprache?“

Loranthus beugte sich ganz nah an sein Ohr und wisperte zurück: „Es liegt nicht an mir. Es liegt am Wetter.“

Robin musterte Loranthus mitleidig, als sei bei ihm eine seltene Krankheit ausgebrochen, die ihn demnächst dahin raffen würde.

Bis es soweit war, grinste Loranthus noch recht lebensfroh.

„Die eingekerbte Schrift ist verwittert.“

„Ach so“, nuschelte Robin und kam wieder näher heran.

Lavinia schüttelte tadelnd den Kopf.

„Vor vielen Jahren hat man es bestimmt noch gut lesen können, aber da jeder Händler diese Kreuzung kennt, macht sich wohl keiner die Mühe, die Schrift nach zu meißeln. Bei den Händlern, die über die Alpenpässe müssen, kommt es auf ein paar Wegstunden mehr oder weniger bestimmt nicht an. Im Moment interessiert uns sowieso nur die große Festwiese und bis dorthin ist es bloß noch eine halbe Wegstunde. Für uns dauert es natürlich länger.“

„Aha! Also dann, gerade aus, nach Süden!“, rief Loranthus sehr laut in Mundart der Hermunduren, jedoch mit starkem griechischem Akzent, und deutete enthusiastisch nach vorne, als habe er jetzt endlich begriffen. Aus den Augenwinkeln sah er etliche Leute in der näheren Umgebung nachsichtig lächeln.

Das war Sinn und Zweck der Täuschung, sichtlich zufrieden schmunzelte er in sich hinein. Sollten sie ihn ruhig für schwer von Begriff halten. Jetzt noch ein bisschen zurücklehnen und vor sich hin freuen …

Dazu hatte er sogar allen Grund: Dieses Reisen mit dem Wagen war so gemütlich, viel besser als zu Fuß oder zu Pferde. Das Lenken ging ihm leicht von der Hand und seine neuen Pferde gehorchten willig, sie trabten so leichtfüßig. Das lag daran, dass es sachte bergab ging und es dauerte diesmal wirklich einen Augenblick, bevor er es bemerkte. Erst, als der Wagen vor ihm die Sicht freigab, stemmte er sich fasziniert aus seinem Sitz.

„Beim Hermes, diese Aussicht ist ja herrlich! Und alles ist genauso, wie ihr es mir berichtet habt!“

Es war ein weites, flaches Grasland mit einigen kleinen Wäldchen, das sich da vor ihm erstreckte, soweit das Auge reichte. Mitten durch die grüne Ebene mit ihren dunkelgrünen Tupfen zog sich die breite Werra mit ihren vielen Nebenflüssen. Links der Werra gab es Weideflächen und abgeerntete Felder, am rechten Ufer reihte sich ein Zelt ans andere. Noch weiter rechts erstreckte sich die breite Handelsstraße, auf der sie unterwegs waren, gesäumt von Apfelbäumen, Apfelbäumen und nochmals Apfelbäumen. Ihre endlos lange Reihe wurde nur ab und zu von Beerensträuchern unterbrochen.

Rechts von der Handelsstraße gab es drei Besonderheiten: als erstes ein Stadion, als zweites ein frisch gemähter Festplatz mit überdachtem Holzbau und am weitesten weg ein fast kreisrunder See mit üppigen Sträuchern und noch mehr Schilfbewuchs. Dort hinten war der Lagerabschnitt für die Könige. Sie hatten sogar einen eigenen Nebenfluss, der ein wenig breiter war als andere Zuflüsse der Werra.

Loranthus beschirmte seine Augen.

„Wunderschön, wie der See in der Abendsonne schillert! Und die Werra sieht aus wie ein endlos langes, glänzendes Band, an dem sich massenhaft bunten Perlen reihen!“

„Das Band hat einen Knick und die bunten Perlen sind in Wirklichkeit Zelte“, half Robin nach und fragte sich, ob Loranthus schlechte Augen hatte.

„Zelte!“, rief Loranthus begeistert in Landessprache und redete auf Griechisch weiter.

„Zelte, Zelte und nochmals Zelte! So viele habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen! Beim Zeus! Das müssen ja zwei-, dreitausend Leute sein, die dort am Fluss lagern! Rechts von der Straße erkenne ich ganz deutlich den Festplatz und davor die Backöfen und Feuerstellen. Und als erstes sehe ich natürlich das Stadion.“

„Stadion?“, wiederholte Lavinia mit großen Augen.

„Sehr richtig, Lavinia. Ein Stadion. So sagen wir Griechen zu einer Wettkampfstätte. Eigentlich ist Stadion ein Längenmaß und bedeutet sechshundert Fuß, aber irgendwann hat es sich so eingebürgert, es als Wort für Wettkampfstätte zu nehmen.“

Robins Augen begannen zu leuchten.

„Das würde ich mir zu gerne mal ansehen! Unsere Wettkampfstätte, also unser Stadion, wird abends immer umfunktioniert, zum Tanzplatz. Auf der Festwiese zwischen See und Stadion wird nämlich immer gemeinsam gegessen und abends wird musiziert. Dann schwärmen die Massen aus und verteilen sich über See und Stadion. Wenn du willst, kannst du auch mal auf deiner Flöte mitspielen, Loranthus.“

„Nein, da muss ich noch ein bisschen üben, Robin!“, wehrte Loranthus schnell ab und sah schon die Leute in Panik vor seinen musischen Ergüssen auseinander stieben. Die einen ersäuften sich im See, die anderen rannten den Marathon. „Vielleicht nächstes Jahr.“

Robin kicherte: „Wenn du krumme Töne spielst, merkt das eh keiner, das kannst du mir glauben! Die Leute sind abends immer so beschäftigt mit tanzen und saufen und …“

„Ja, das kann ich mir vorstellen!“, rief Loranthus begeistert und sah ganz genau vor sich, was sich da alles für Möglichkeiten eröffneten. „Dieser überdachte Flachbau auf der Festwiese macht einen soliden Eindruck.“

„Ganz genau! Aber der Platz dort reicht nur für die Könige und oberste Druiden. Wenn das ganze Großkönigreich zusammen kommt, passen nicht mehr rein. Außerdem ist es sowieso besser, wenn die Krieger nicht zusammensitzen.“

Loranthus ließ den Kopf hängen. Gerade hatte er sich neben Elektra sitzen sehen und nun war für ihn kein Platz. Für Krieger zum Glück auch nicht.

„Warum kein Platz für Krieger? Wegen ihrer Essmanieren?“

„Nein“, gluckste Robin und hob Achtung heischend den Finger. „Wenn viele Hunde zusammengepfercht werden, dauert es nicht lange, und der erste beißt um sich. Du weißt doch, Loranthus, kein Streit zu den Festen. Zu Lugnasad sind die Druiden der Rechtssprechung besonders streng. Da muss der hohe Rat oftmals Streitfälle schlichten, die gar nicht eingeplant waren.“

„Streitfälle schlichten? Interessant! Das muss ich mir unbedingt ansehen.“

„Apropos ansehen!“, rief Robin und deutete nach hinten. Eilig kletterte er auf den Sitz und hielt sich an Loranthus’ Schulter fest. „Guckt mal! Dort drüben kommen die Bären von Raino! Ja! Juhu! Urgroßmutter Dana kommt!“

Loranthus sah nach rechts.

„Ich sehe nur eine Staubwolke, Robin, mit Königen und ein paar Kriegern an der Spitze. Woher weißt du, dass es die Bären von Raino sind?“

„Da sind noch mehr Clans dabei, aber egal, es ist doch einfach, Loranthus! Sie kommen aus der richtigen Richtung. Guck mal nach links! Was siehst du da?“

„Den Thuringer Wald.“

„Und?“

„Hm, auch eine Staubwolke. Ach, da kommen eure Verwandten vom Hermannsberg und von der hohen Möst, und natürlich noch andere Clans!“

„Richtig, Loranthus, unsere Buchen- und Eichenleute!“, lobte Robin und hockte sich ächzend wieder hin wie ein betagter Lehrmeister nach einer anstrengenden Lektion.

„Aber du ahnst ja gar nicht, mit wem wir alles versippt sind. Wenn wir unsere Zelte aufgeschlagen haben, zeige ich dir mal die ganze Sippschaft.“

„Das hört sich so an, als würde es lange dauern. Vorher will ich was Ordentliches zum Abendbrot!“

Robin tätschelte ihm mitleidig die Schulter, sein Schüler musste noch sehr viel lernen.

„Ess lieber nichts, Loranthus, alle werden dir Essen und Trinken anbieten. Und glaube mir, ich meine wirklich alle.

Lavinia feixte: „Vergiss die siebenköpfige Raupe nicht mitzunehmen, Loranthus!“




Sein und Schein


Am nächsten Tag schlenderte Loranthus mit Silvanus und Ethmanja durch das Lager. Er war überwältigt, was er alle paar Schritte auch kund tat − besonders, wenn er einer Horde spielender Kinder aus dem Weg springen musste, um nicht umgerannt zu werden. Bei der ersten Begegnung hätte er dabei fast ein Zelt eingerissen und bekam doch tatsächlich sofort ein Honigbrot gereicht, weil er es nicht geschafft hatte. Strahlend nahm er seine Abfindung entgegen und machte sich mit vielen Dankesworten auf den Rückzug. Silvanus durfte auch einmal abbeißen, das meiste bekam allerdings Ethmanja. Loranthus konnte ihren bettelnden Hundeaugen einfach nicht widerstehen und außerdem war er noch vom gestrigen Rundgang voll bis Oberkante Unterlippe.

Es dauerte jedoch keine halbe Wegstunde, da war alles abgesackt und sein Magen knurrte laut und vernehmlich, er solle beim nächsten Schwung Kinder was zu Essen ergattern, sonst wäre es mit der Ruhe vorbei.

Die passende Gelegenheit bot sich recht schnell, leider ging er da gerade an einer Brombeerhecke vorbei.

Das hatte allerdings auch seine Vorteile, nun lernte er endlich den Dreiecksprung. Den kannte er bisher nur vom Hörensagen, im Gegensatz zu Honigbroten. Zu seiner eigenen Verwunderung kollidierte er weder mit Dornen, noch mit Kindern − er war eben ein Naturtalent.

Bei den Halbstarken funktionierten die Ausweichmanöver schon gesitteter und vor allem gefahrloser. Sie grüßten ordentlich und warfen ihnen interessierte Blicke zu, während die Maiden nebenbei kicherten und die jungen Männer abschätzend ihre Gestalten musterten.

Als Loranthus sich dessen bewusst wurde, drückte er die Brust raus, wobei sich sein Bauch automatisch straffte, und gaffte genauso zurück. Solche Begegnungen hatten allerdings auch ihre Tücken, denn er musste ja noch Luft holen und dann stimmten die Proportionen irgendwie nicht mehr.

Erwachsene Männer und Frauen bedachte er daher mit einem erwachsenen Kopfnicken ohne Extras, und wenn sie jemanden trafen, den sie kannten, brauchte er sich gar keine Mühe mehr geben, da lag nämlich der Wert auf einem kurzen Schwätzchen.

Sie kamen also in etwa so schnell voran wie eine Schnecke mit Atemnot, Ethmanja gähnte immerzu.

Etwa sechstausend Menschen waren zusammengekommen. Solche Massen brauchten natürlich auch massenhaft Platz, aber es herrschte trotzdem eine gewisse Ordnung.

Das Viehzeug weidete auf weiträumigen Wiesen, die von Beerensträuchern begrenzt wurden. Die Pferde hatten Weiden gleich beim Lager der Könige. Schlachtvieh und das Vieh zum Tausch wurde abseits gehalten, damit es keine Verwechselungen gab. Milchkühe standen auf den nächstgelegenen Weiden, genau wie die Gehege der Hühner. Das Federvieh wurde sogar durch ein dichtes Weidengeflecht abgeschirmt, als Schutz vor Raubvögeln. Für zusätzliches Futter türmten sich überall noch Heuhaufen, die auf der Festwiese und im Stadion abgemäht worden waren.

Aber nicht nur das Vieh, sondern auch die Menschen hatten für jedes ihrer Bedürfnisse gesonderte Plätze.

Wenn man zum Abort wollte, musste man ein Stück die Werra entlang laufen. Dort gab es für jeden Lagerabschnitt überdachte Senkgruben mit einem Holzgestell darüber, eine simple Konstruktion, aber es tat seinen Zweck. Ab und zu würde dort die Asche aus den Feuerstellen darüber gestreut werden. Das neutralisierte den Geruch.

Ins Zelt ging man eigentlich nur, wenn man sich hinlegen wollte. Das gesellige Beisammensein spielte sich draußen ab, anfallende Arbeiten wurden gemeinsam erledigt.

Gegessen wurde auf dem riesigen Festplatz zwischen See und Stadion. Dort reihten sich auch die Backöfen, Feuerstellen mit Dreifüßen und Kupferkesseln darüber und allem anderen, was man für die Verpflegung brauchte, sogar eine Schmiede mit richtigem Blasebalg, falls mal jemandem sein Essmesser abbrach. Jeder Bereich wurde durch Sträucher voneinander abgegrenzt, die voller Johannisbeeren, Stachelbeeren und Brombeeren hingen.

Aus jedem Königreich waren ein Dutzend junge Leute ausgelost worden, die hier tagelang Gras gemäht, Holz gemacht, Senkgruben für den Abort ausgehoben, Backöfen neu gebaut oder repariert und Gatter in Stand gesetzt hatten. Natürlich hatten sie auch die Wettkampfstätte hergerichtet und auf der Rennbahn Unmengen an Erde glattgezogen, um Stolperstellen einzuebnen.

Loranthus war etwas neidisch gewesen, dass er nicht als Helfer ausgewählt worden war, tröstete sich jedoch damit, dass keiner aus seiner Gastfamilie früher hier war als er.

Dafür begutachtete er nun wie ein Oberaufseher höchst akribisch das Resultat anderer Leute Arbeit, doch wo er auch hinsah, machte alles einen ordentlichen und gepflegten Eindruck.

Sogar die Zelte waren hinter den Apfelbäumen in einer Linie zur Handelsstraße ausgerichtet, als wären sie zur Parade angetreten. Dieser Vergleich drängte sich ihm förmlich auf.

Es gab kleine Zelte, große Zelte, breite Zelte, lange Zelte, meist mit zwei Spitzen, manchmal auch mit einer im Zentrum und vier, fünf, sechs, sieben oder vielleicht auch acht niederen Spitzen − da konnte man sich schon mal verzählen − und natürlich gab es auch welche in einfacher Kegelform. Aber wie sie auch gestaltet waren, immer war der Zelteingang zurückgeschlagen. Als Einladung einzutreten?

Da er nicht zu neugierig erscheinen wollte, entschied er sich für einen langen Hals.

Mit Kennerblick stellte er fest, dass bei vielen die Zeltstützen Schnitzereien aufwiesen und die Leinwände sogar mit Ornamenten oder Bildern bemalt waren, eines schöner und auffälliger als das andere. Schmucklose Holzstützen und einfarbige Leinwände gab es natürlich auch. Diese erstrahlten allerdings auf Hochglanz poliert, beziehungsweise in allen möglichen Farbgebungen.

Der Hirschclan konnte, zum Beispiel, mit so einem herrlich satten Grün aufwarten, welches jeden Vorbeieilenden automatisch in seinen Bann zog. In diesem grünen Bereich gab es noch eine Besonderheit, sie hatten nämlich ein Arzt-Zelt, selbstverständlich auch in Grün. König Gort hatte es Viviane geschenkt und höchst persönlich mit aufgestellt. Es war das größte Zelt im gesamten Lagerabschnitt und hatte exakt zwei Dutzend Stützstreben, Loranthus hatte nachgezählt. König Gort hatte ein größeres, aber nur unwesentlich viel.

Im Lagerabschnitt der Könige hätte jeder Juwelenhändler seine wahre Freude gehabt. Hier prunkten die Zelte ganz und gar noch mit eingelassenen Edelsteinen im Schnitzwerk der Stützstreben und wehenden Standarten in Gold und Silber am Eingang.

Der gesamte Bereich schillerte schon von Weitem in der Sonne und Loranthus brummte zufrieden, als er das grüne Zelt von König Gort und den Hirsch auf der Standarte silbern schimmern sah. Gegen die anderen wirkte es eher schlicht, doch für das Auge war es eine Wohltat. Und so blieben auch hier viele Leute stehen und hefteten ihre Blicke darauf. Je länger man hinsah, desto besser erkannte man ein filigranes Muster aus Silberfäden in der Zeltleinwand, die ein Rudel Hirsche und Jagdszenen darstellten. Wer im Hirschclan konnte so kunstvoll weben? Loranthus seufzte tief, drehte sich hierhin und dorthin und überlegte.

Es war eine Frage des Prestige, eindeutig. Alle Königreiche kamen zu Lugnasad zusammen und zeigten sich von ihrer besten Seite. Wenn sie vor jedem Clan ein Schild aufgestellt hätten ‚Wir sind wohlhabend, einflussreich und imponierend‘, hätte es nie im Leben denselben Effekt gehabt. Die wehenden Standarten vor den Zelten vermittelten auch noch den Eindruck eines skurrilen Tierasyls. Die normalen Bilder von Löwe, Hirsch, Bär, Falke, Gans, Hase, Hahn, Huhn, Hund, Luchs, Pferd, Stier, Taube, Widder und Zaunkönig flatterten zusammen mit den abnormalen Varianten als wäre dies hier der Treffpunkt, um sich zu kreuzen und noch ein paar weitere fantastische Gattungen hervor zu bringen, Hauptsache alles strahlte und funkelte in den sattesten Farben; je glamouröser, desto besser.

Diese Hermunduren protzten doch wirklich mit allem, was sie hatten.

Natürlich hatte sich auch jeder mit Schmuck behängt.

Fibeln, Broschen, Ketten, Armreifen, Handreifen, Fußreifen, Fingerringe oder Ohrringe in Kupfer, Bronze, Messing, Silber, Gold, Holz, Horn oder Glas mit Perlmutt, Bernstein, Koralle, Emaille oder Edelsteinen im Farbspektrum von Kristall bis Onyx … Man musste richtig blinzeln, um überhaupt noch ihre verschiedenen Torques zu erkennen, so sehr gleißte es in der Sonne.

Eine Frau schleppte sogar einen kleinen Hund mit einem breiten Halsband aus aufwendig verflochtenen Kupfersträngen mit sich herum. Vor lauter Windungen, Schlingen und Knoten war der Hund kaum noch zu erkennen, da musste man schon genauer hinsehen, was Loranthus auch tat, weil sie genau auf ihn zukam.

Ihr Blick war der eines Milans, der einen frei laufenden Hahn gesichtet hatte. Loranthus konzentrierte sich auf ihren Hals, um die Gefahr besser einzuschätzen und gab seinem eingezogenen Kopf gleich Entwarnung.

Sie hatte einen besonders dicken Torques, aber nur aus drei gedrehten Kupfersträngen. Ihre Augen huschten mehrmals an ihm hoch und runter, bis sie sicher gehen konnte, dass er weder Schmuck noch Torques vorzuweisen hatte. Da stolzierte sie an ihm vorbei, als hätte sie einen Stock verschluckt und kraulte den Hund oder das Halsband, was ja dasselbe war.

Ethmanja gähnte ihr gelangweilt hinterher, doch Loranthus war über ihr Gehabe eher belustigt. Er nickte sogar anerkennend, schließlich war sie die erste, die einen Stelzgang perfekt imitieren konnte und das wohlgemerkt ganz ohne Hilfsmittel. Daher kam er lautstark zu der Erkenntnis, dass sie in einem früheren Leben ein Storch gewesen sein musste. In diesem Leben war sie jedenfalls das Weib eines Händlers, erfuhr er von Silvanus in der gleichen Lautstärke.

Prompt sah er ihr lange nach und rümpfte die Nase.

Ihre aufgetürmten roten Haare sollten wohl römisch oder griechisch wirken und waren garantiert gefärbt, wahrscheinlich mit derselben Farbe wie ihr Mund und ihre Wangen. Ihr dunkelrosa Kleid war auch nichts Besonderes. Da gab es viel schönere in leuchtenden Farben, mit komplizierten Brettchenwebkanten am Saum und mit Blumen bestickt … Sogar er trug ein kurzärmeliges Hemd, bestickt mit Misteln. Flora hatte es ihm genäht. Zum einen schmeichelte es seiner schlanken Figur, zum anderen passte es so schön zu seinem Namen. Der bedeutete ja schließlich auch Mistel.

Sichtlich mit sich selbst zufrieden, schlenderte Loranthus an den Backöfen vorbei, erschrak und duckte sich hinter Silvanus.

Da kam dieser furchteinflößende König Donar mit noch einem König, den er nicht kannte, genau auf sie zu.

König Donar war wieder an jeder freien Stelle mit Schmuck behängt, die goldenen Bartperlen schaukelten bei jedem Schritt und machten aus seinem Wuschelbart einen roten Sternenhimmel. Vielleicht bildete sich Loranthus das nur ein, aber eine der Bartperlen war gar nicht golden, sondern aus roter Koralle und die goldenen Perlen drum herum bildeten das Sternbild des Skorpion. Leider oder zum Glück tat ihm König Donar nicht den Gefallen und blieb stehen.

Der König, der ihn begleitete, trug seinen braunen Bart zu zwei langen Zöpfen geflochten, was keine Sterndeuterei zuließ, aber dafür hübsch ordentlich aussah. Am Ende eines jeden Zipfels hing eine lange Perle aus Horn mit eingelassenen Kristallen, wie Regentropfen, die an einem verharzten Baumstamm funkelten.

Als Loranthus seinen Blick davon losgerissen hatte, bemerkte er daneben noch einen jungen Mann mit welligen, rotbraunen Haaren bis hinab zu den Hüften. Diese Mähne, sein Gesicht und besonders die Augenpartie erinnerte ihn irgendwie an Viviane. Er hatte sogar die gleiche Gestalt und den gleichen geschmeidigen Gang wie sie.

Loranthus konnte sich nie so recht entscheiden, ob Viviane nun eher wie ein Reh oder wie eine Löwin ging, denn anmutig und effizient passte ja bei beiden, tödlich nur zu letzterem. Bei diesem jungen Mann war es ebenso, mit leichter Tendenz zum Löwen wegen des Bartwuchses.

Wie die Könige trug auch er einen goldenen Torques, aber ansonsten nur Schmuck aus Holz, der jedoch derart filigran gefertigt war, dass Loranthus fasziniert die Augen aufriss. Auf den breiten Armreifen konnte er Jagdszenen erkennen und seine einzige Bartperle hatte die Form eines Baumes, wobei winzige Smaragde die Blätter darstellten. Es war eindeutig eine Buche.

Plötzlich huschte Loranthus die Erkenntnis wie ein heller Blitz durch den Kopf: Der andere König war Eburix und der junge Mann musste sein Sohn sein.

Bei allen dreien blitzten die Schwertscheiden, als würden sie den ganzen Tag nichts anderes tun, als sie zu polieren. Jeder hatten je zwei Hörner in den Gürtelschlaufen stecken und Loranthus fragte sich gerade, warum nicht eines zum Trinken reichte, da sah er noch eine Doppelaxt bei jedem an der Seite.

Doppelt und dreifach, das war zu viel.

Im Affekt packte er Silvanus und wollte ihn weg zerren, doch der zog zurück, so dass er eine unfreiwillige Verbeugung machte. Auch Silvanus verneigte sich tief, aber gewollt, und schon waren die drei an ihnen vorbei. Sie riefen sogar ein dreistimmiges „Seid gegrüßt, Silvanus und Loranthus!“, womit Loranthus absolut nicht gerechnet hätte.

Er war darüber so verdutzt, dass Silvanus ihnen alleine hinterher rief: „Auch wir grüßen euch, Donarrix, Eburix und Hermann.“

Loranthus lugte ihnen hinterher und hätte schwören können, dass auf den Äxten die Todesgöttin in Dreiergestalt eingraviert war. Jede hatte einen Raben auf der Schulter sitzen und hob ein Signalhorn an den Mund.

„Nichts wie weg hier“, murmelte er, als die drei außer Hörweite waren und wollte sich über den Weg in Sicherheit bringen. Doch er musste warten und sich schon wieder verneigen, denn jetzt kreuzte Aodhrix seine Bahn.

Auch dieser König hatte seinen dunkelbraunen Bart zu zwei langen Zöpfen geflochten und die Zipfel mit zwei riesigen Diamanten verziert. Loranthus musste richtig die Augen zusammen kneifen, so sehr funkelten sie im Takt seiner schnellen Schritte. Dazu bildeten Bart und Perlen noch einen interessanten Kontrast zu den seltsamerweise kupferroten Haaren, die ihm offen vom Scheitel bis zu den Hüften reichten und beim Gehen anmutig nach hinten wehten.

‚Charismatisch‘ war das einzige Wort, das Loranthus zur Erscheinung von Aodhrix wirklich passend erschien, inklusive ‚intelligent‘ und ‚durchsetzungsstark‘, was seine Augenbrauen und die Augen verrieten, die genauso dunkel wie der Bart waren; auch seine Nase machte einen geradlinigen Eindruck.

Summa summarum hatte Aodhrix eine total autoritäre Ausstrahlung und als ob das nicht schon genug wäre, besaß er noch etwas ganz Außergewöhnliches: Er hatte einen besonders langen knorrigen Stab in der Hand, um den sich eine Schlange mit einer Zeichnung aus Runen wand.

Natürlich waren Stock und Schlange nur geschnitzt, die Runen ins Holz eingebrannt, doch Loranthus fragte sich, ob er ihn zum Laufen brauchte, zum Lesen oder ob er anderen Zwecken diente, denn hinter ihm ging eine ganze Reihe Kinder, der Größe nach geordnet, im Gänsemarsch. Sie sahen sich zwar aufmerksam nach allen Seiten um, aber keiner sagte ein Wort.

Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen.

Alle trugen einen geschlossenen goldenen Torques um den Hals. Nur beim letzten Kind war es anders, der Kleine hätte auch noch mit den Schultern durchgepasst.

Loranthus nickte der Gruppe hinterher.

„Ich wusste gar nicht, dass es auch ruhige Kinder gibt?“

„Keine Sorge! Nur, weil es Königskinder sind, können sie genauso toben und schreien wie die anderen.“

„Ist mir irgendwie entgangen“, konsternierte Loranthus und steckte sich den Finger prüfend ins Ohr.

Silvanus lachte.

„Sie wissen natürlich, wie sie sich zu benehmen haben, wenn sie mit dem ranghöchsten Druiden des gesamten Großkönigreiches unterwegs sind.“

„Aha! Ich verstehe. Und ich dachte schon, es liegt an dem großen Stock, den Aodhrix so kraftvoll bei jedem Schritt niedersausen lässt.“

Silvanus prustete los.

„Völlig verkehrt! Das ist das Statussymbol für den höchsten Druiden! Die Schlange, die sich schützend um den Baum des Lebens windet. Wenn du ihn mal richtig zu Gesicht bekommst, solltest du dir die Runen ansehen. Die Schlange ist über und über damit verziert und jede hat ihre eigene heilige Bedeutung, genau wie die Schlange und der Stock selbst. Aodhrix braucht keinen Knüppel zum Draufhauen. Es ist eine große Ehre, hinter dem obersten Druiden der Hermunduren zu gehen. Das weiß jedes Kind.“

„Lernen sie bei Aodhrix etwas über die Rechtsprechung?“

„Ganz recht. Sind alles seine Schüler. Seine kleinen wohlgemerkt.“

„Das ist mir aufgefallen! Dem kleinsten rutscht sogar noch der Torques über den Kopf, wenn er sich bückt!“

„Ha. Adalrich ist wirklich sehr zierlich, aber dafür ist er zäh und klug und freundlich, das genaue Gegenteil von seiner Schwester, Furia.“

Loranthus blieb abrupt stehen und stieß seinen ausgestreckten Zeigefinger in die Richtung, wo die Kinder gerade in der Menschenmenge verschwanden. Der letzte drehte sich nach ihnen um und winkte, als hätte er gewusst, dass sie ihm nachsahen. Selbst auf diese Entfernung leuchteten seine Augen wie zwei blaue Saphire.

„Der dort mit den hellbraunen Haaren und den azurblauen Augen?! Der letzte! Das ist der kleine Bruder von Furia?“

„Ja. Und da wir gerade bei der Verwandtschaft sind …“, begann Silvanus und deutete auf Adalrich, der in diesem Moment einen gellenden Pfiff ausstieß und sich suchend umschaute. „Dort kommt ein Sohn von Ethmanja!“

Loranthus und Ethmanja hoben beide gleichzeitig den Kopf, als ein junger Hirschhund an ihnen vorbei zischte und Richtung Adalrich stürmte. Mitten auf halber Strecke blieb er wie angewurzelt stehen, drehte sich um und rannte wieder zurück. Er hatte so viel Schwung, dass er in Ethmanja hinein krachte. Ethmanja riss das Maul auf und dann wirbelten die beiden Hunde so wild umeinander, dass nur noch zwei wedelnde Schwänze erkennbar waren.

Silvanus schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Ich wusste gleich, dass der Kleine nicht für die Jagd taugt. Aber für Adalrich ist er genau der richtige Gefährte. Liebevoll, verspielt, treuherzig … später schenke ich ihm einen Hirschhund, den er perfekt für die Jagd nehmen kann, jetzt ist er ohnehin noch zu klein für derart gefährliche Unternehmungen.“

Ein Pfiff gellte zu ihnen herüber. Sofort hörte das spielerische Gerangel auf und der junge Hirschhund hob den Kopf. Adalrich strahlte über’s ganze Gesicht, winkte ihnen zu und pfiff noch einmal. Sein Gefährte gab Ethmanja noch einen Nasenstüber, schon rannte er los.

„Vier Beine und alle in der Luft“, lachte Silvanus und tätschelte Ethmanja den Kopf.

„Bei Hera! Der hat enormes Temperament!“

„Wie gesagt: Er passt perfekt zu Adalrich. Man muss die beiden einfach gerne haben.“ Silvanus seufzte und schürzte nachdenklich die Lippen. Mit vorsichtigem Tonfall sagte er: „Apropos ‚gerne haben‘ … Wolltest du nicht gerade weg von hier, Loranthus?“

„Äh, ja! Wird besser sein!“, gluckste Loranthus und warf Silvanus einen feixenden Seitenblick zu. Wenn sie Adalrich begegnet waren, konnten sie auch jederzeit Furia über den Weg laufen. Darauf konnte er gut und gerne verzichten. Ihm war schon längst aufgefallen, dass Silvanus dieses Weib nicht leiden konnte. Warum wohl nicht. Schmunzelnd schob Loranthus seinen Freund zwischen riesigen Johannisbeersträuchern hindurch.

Exakt zwei Schritte weiter blieb er schon wieder wie angewurzelt stehen.

Irritiert starrte er auf eine ganze Kohorte in die Erde eingelassener Holzluken, erkannte aber recht schnell einen sicheren Weg durch ihre Anordnung und schritt zielstrebig voran, nur um wieder zu erstarren. Ethmanja dagegen wirkte höchst erfreut.

Viele Sklaven waren damit beschäftigt, Fleisch zu teilen, zu würzen oder Speck in Tiermägen zu füllen. Andere Sklaven saßen sich vor einem Holzbrett gegenüber, das so breit wie ein Zelt war. Jeder hielt einen Holzgriff in den Händen und zwischen ihnen sausten riesige, gebogene, blutbesudelte Messer auf und ab.

Sie sahen aus wie die Wiegemesser, mit denen er selbst schon Kräuter zerkleinert hatte. Doch diese hier waren nicht klein und handlich, sondern machten einen gefährlichen, wenn nicht sogar monströsen, Eindruck. Deshalb hätte Loranthus auch hier am liebsten die Flucht ergriffen, aber er wollte unbedingt sehen, was unter den Messern zerschnitten wurde.

Also trat er sachte näher heran und beugte sich über die Sklaven. Im selben Augenblick klatschte seine Hand von ganz alleine auf seinen Mund und er unterdrückte ein Würgen. Alles Mögliche an Schlachtresten wurde von den Messern in Stücke gehackt. Es sah widerlich aus. Die Sklaven schien das nicht zu stören. Sie riefen sich zu, hoben ihre Messer, schoben die Brocken damit zusammen und zerstückelten fröhlich weiter. Es war eine einzige, schmierige, blutrünstige Metzelei und sie sangen sogar dabei. Einer winkte mit blutiger Hand zu ihnen hinüber, krallte lachend seine Finger in die Brocken und warf einen Fleischfetzen mit Schwung durch die Luft.

Ethmanja sprang hoch und schmatzte.

Loranthus würgte und drehte sich um, doch das war keine gute Idee.

Andere Sklaven steckten bis zum Ellenbogen in Bottichen mit genau derselben Masse, bekamen Salz und andere Gewürze dazu geschüttet und wühlten weiter in der Pampe. Daneben stand ebenfalls ein Bottich. Hier hielten schon Sklaven Trichter bereit und quetschten die Masse in einen endlos langen Darm, bis er vollgestopft und ineinander gerollt da lag wie eine Schlange.

Wenigstens war es keine blutige Schlange, da sie alle paar Windungen mit Wasser gesäubert wurde. Loranthus trat dennoch einen Schritt zurück, was seinem Oberkörper leider immer noch nicht reichte. So stand er also ziemlich schräg nach hinten geneigt und beobachtete, wie die Sklaven das Darmende verknoteten und das lange Ding in einen riesigen Kupferkessel mit kochendem Wasser gleiten ließen. Darin schwammen schon die Tiermägen mit ihrem blutigen Inhalt und blubberten gemächlich vor sich hin. Ein alter Sklave rührte mit einem Holzstock in der Brühe, der so lang war wie er selbst und auch genauso dünn.

Ein paar Schritte weiter schürte ein anderer mit einem Handblasebalg ein Feuer unter einem wahren Berg aus Holzkohle. Das Eisengitter darüber hatte ein Gestell, das fast so groß war wie das Schneidebrett vorhin.

Loranthus rümpfte die Nase und zupfte Silvanus am Ärmel.

„Wenn ich nicht gleich etwas anderes zu sehen bekomme, würge ich dir meinen Gerstenbrei vor die Füße!“

„Bloß nicht! Die habe ich erst frisch gewaschen! Aber ich weiß einen Ort, wo es dir besser gefällt. Ist gleich um die Ecke, hinter den Johannisbeerhecken.“

„Ach ja? Und warum sollte es mir dort besser gefallen?“

Silvanus schüttelte den Kopf und grinste.

„Mal sehen, ob du es alleine herausfindest!“

Vor sich hin grummelnd, schlurfte Loranthus neben Silvanus her und stand gleich darauf unter mächtigen Apfelbäumen. Erleichtert atmete er tief ein und sah sich um.

Hier standen mannshohe Fässer, eine Armspanne breite Bottiche, riesige Kupferkessel mit langen dünnen Rohren, dahinter gab es noch lange Holzrinnen und andere seltsame Gerätschaften.

Zwei junge Männer betätigten sich gerade an einer dieser Konstruktionen, die aussah wie ein riesiger Holzeimer mit Ablaufrohr und Holzgestell darüber. Sie schütteten körbeweise Äpfel in den Eimer, bis er fast überquoll. Dann zückte der eine einen Holzgriff, an dem sich unten lange Klingen kreuzten. Dieses gefährliche Instrument setzte er lachend auf die Äpfel und drückte fest dagegen. Sofort gaben die Äpfel ein schmatzendes Geräusch von sich und sackten ein Stück zusammen.

Loranthus legte den Kopf schief, denn das kam ihm irgendwie bekannt vor, außer, dass hier kein Blut floss. Das Prinzip war jedoch das gleiche: Das Schneidewerkzeug wurde aus der Apfelmasse gezogen und wieder neu hinein gerammt. Nach mehrfachem Auf und Nieder ruhte sich der erste Mann aus, der zweite schüttete Äpfel nach und machte weiter. Dann besahen sich beide ihr Werk, nickten zufrieden und setzten einen Deckel auf.

Loranthus ging noch ein Stück näher, nun war die Gefahr gebannt, und außerdem schien es interessant zu werden. Der eine zückte nämlich ein gewundenes Ding, das so lang und so dick war wie sein Arm. Es war aus Holz und das verblüffte Loranthus so sehr, dass er unwillkürlich die Hand danach ausstreckte, um sicher zu gehen. Die beiden Männer verstanden sein Interesse etwas falsch, denn plötzlich lag die riesige Holzschraube in seinen Händen. Loranthus starrte die stabilen Windungen an und das Loch an einem Ende. Prüfend betrachtete er das Holzgestell und setzte die Schraube an ihren Platz, einem genau passenden Ring mit Innengewinde.

Die beiden Männer nickten anerkennend und schoben ein Querholz durch das Schraubenloch. Der erste fasste es an beiden Enden und begann zu drehen, der zweite löste ihn ab.

Loranthus stellte sich auf die Zehenspitzen und sah, wie sich der Deckel immer weiter in den Eimer schraubte, unten plötzlich Saft aus dem Rohr austrat und in den bereitgestellten Eimer lief.

„Das ist eine Saftpresse! Eine riesige Saftpresse!“, rief er begeistert und hockte sich vor das Austrittsrohr. „Und diese Konstruktion dort …“ Er zeigte auf den kupfernen Kessel mit Rohren. „ … ist zum Destillieren! Ihr macht hier Wein! Apfelwein!“

„Das hast du gut erkannt, Loranthus. Unsere Saftpresse im Dorf ist zwar kleiner, aber für unsere Zwecke reicht sie vollkommen. Und wie zu Hause machen wir auch hier nicht nur Apfelwein, Loranthus, sondern auch Apfelessig, Korma und natürlich … „Silvanus nickte zum Eimer, der sich rasch füllte. „Apfelsaft und Saft aus verschiedenen Beeren, Wein aus Beeren, Essig aus Beeren …“

Er nahm sein Horn, hielt es unter den austretenden Saftstrahl und winkte Loranthus, es ihm gleichzutun.

„Mmmh, ja! Euer Fruchtsaft ist wirklich genial und der hier schmeckt seeehr fruchtig“, befand Loranthus, schmatzte und nahm noch einen Schluck. „Und leicht säuerlich.“

„Also säuerlich würde ich nicht sagen …“ Silvanus leckte sich die Lippen. „ … eher aromatisch.“

„Aber auch ein bisschen säuerlich. Aromatisch-säuerlich!“

„Nein! Eindeutig aromatisch-fruchtig-würzig-süffig!“

So ging es eine Weile hin und her, bald gingen ihnen die Umschreibungen für ‚Apfel‘ genauso aus wie ihr Saft.

Loranthus wollte sich noch einmal nachholen, doch Silvanus meinte, er solle mit purem Saft vorsichtig sein, sonst könne er sich auf dem Abort häuslich niederlassen. Da sie aber beide jetzt noch mehr Durst hatten, schöpften sie nur einen kleinen Teil Saft und füllten den Rest mit Wasser auf. Wieder schmatzten sie und gaben ihre Kommentare ab. Dann wollten sie auch noch Apfelessig mit Wasser verdünnt probieren, aber leider war der noch nicht fertig. Also tranken sie das Wasser pur und selbst hierzu musste Loranthus nach jedem Schluck seinen Kommentar abgeben. Er war nämlich fest davon überzeugt, das Wasser aus der Sünna schmecke besser als das aus der Werra und hätte einen würzigen Beigeschmack nach Bergen, Eisen, Kiesel, Moos, Tannennadeln …

Silvanus beteiligte sich nicht mehr an der Lektion über Wasserqualität und wann immer Loranthus ihn nach seiner Meinung fragte, hatte er gerade den Mund voll Wasser. Doch bald kam seine Ablösung in Form eines Duftes. Loranthus schnupperte genüsslich und nach dem dritten Atemzug stand sein Mund ohne zu trinken unter Wasser, so dass er nur noch schlucken und nicht mehr sprechen konnte. Seine Beine setzten sich ganz von alleine in Bewegung.

Schnell gingen sie immer der Nase nach und standen plötzlich wieder da, wo Loranthus eigentlich nicht noch einmal hin wollte. Ihm lief jedoch derart das Wasser im Mund zusammen, dass er keine Skrupel mehr kannte.

Breitbeinig stellte er sich vor den Rost und machte niemandem Platz, bis er endlich ein Stück Wurst in einer Scheibe Brot gereicht bekam. Anerkennend lobte er die praktische Verwendung des Brotes als Topflappen und Silvanus hätte schwören können, das er beim Kauen das Lied summte, welches die Sklaven vorhin beim Fleischschneiden gesungen hatten.

Zum Essen machten sie es sich unter einem Apfelbaum bequem. Die standen überall am Weg, waren behangen mit grünen, gelben oder roten Früchten und spendeten angenehmen Schatten. Als sie ihre Würste vertilgt hatten, streckte sich Silvanus, holte von den kleinen, hellgrünen Äpfeln ein paar herunter und gab Loranthus welche ab.

„Die müssen zuerst weg, weil sie sich nicht lange halten.“

„Bloß keine Hektik! Ich bin gerade erst angekommen.“

Silvanus kicherte und rieb seinen Apfel am Hemd, bis er glänzte. Loranthus tat es ihm nach, betrachtete prüfend das Ergebnis im Schein der Mittagssonne und bemerkte noch mehr Leute, die Äpfel pflückten.

„Warum stehen hier so viele Apfelbäume, Silvanus? Die ganze Handelsstraße rechts und links entlang, dann noch über die Wiesen verteilt … Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu!“

„Doch, doch! Du musst wissen, Loranthus, dieses Gebiet hier ist die Königsleite. Jeder König kommt hierher und pflanzt einen Apfelbaum, wenn er zum König erhoben worden ist. Über die vielen Generationen von Königen wurde die Königsleite immer größer und größer. Zu Lugnasad kommen unsere Clans hier zusammen, um den Frieden zu sichern.“

Loranthus war gerade dabei, genüsslich an seinem glänzenden Apfel zu schnuppern. Hinein beißen tat er jedoch nicht, im Gegenteil, er streckte ihn mit misstrauischen Blick von sich.

„Wie sichert ihr Hermunduren den Frieden? Schwören sich sämtliche Könige jedes Jahr aufs Neue gegenseitig ihre Loyalität unterm Apfelbaum?“

„Kann schon sein, aber am besten sichert man den Frieden, indem sich die Clans miteinander vermischen.“

„Sich vermischen“, echote Loranthus, polierte noch einmal über seinen Apfel und schnippte gleich darauf mit den Fingern. „Jetzt hab ich’s! Alle Clans kommen hierher, die Leute knüpfen Bekanntschaften, manche verlieben sich ineinander und heiraten. Die Familienbande werden erweitert und natürlich will niemand dem anderen Clan ein Leid antun, wenn er dort Blutsverwandte hat.“

„Du hast die Angelegenheit vollkommen erfasst. Aber wusstest du schon, dass es zu Lugnasad auch immer mal einen Toten gibt?“

Loranthus sog erschrocken die Luft ein und sah sich nach etwaigen Todeskandidaten um. Silvanus biss herzhaft in seinen Apfel und erklärte mit vollem Mund: „Hm, hm. Es so scho welle gegebn ham, de sn veunged.“

„Verhungert?“, fragte Loranthus nach, doch im gleichen Moment hatte er begriffen, schnell biss er in seinen Apfel. „Hmmm, sind die aromatisch! Davon könnte ich einen ganzen Eimer essen, um dem Hungertod zu entgehen.“

„Lieber nicht! Von zu vielen bekommst du Bauchschmerzen! Das ist wie mit purem Saft, denk dran.“

„Na gut. Dann eben nur noch einen“, johlte Loranthus, stopfte sich den halben Apfel in den Mund, nickte nach vorne und rief: „Gromudder Daha, woin do eilg?“

Großmutter Dana hielt in ihrem rasanten Schritt inne, sah sich um, schwenkte vom breiten Hauptweg ab und baute sich vor Loranthus auf.

„Na, ihr zwei? Was habt ihr ausgefressen!?“

Loranthus plusterte die Backen auf und nickte Silvanus zu, der konnte besser sprechen.

„Gar nichts, Großmutter Dana! Wir wollen zum See! Unsere Freunde, Bekannte und Verwandte treffen!“

„Na, dann habt ihr ja redlich zu tun.“

„Und wo willst du hin, Großmutter Dana?“

„Ich? … bringe Viviane eine ganz besondere Medizin vorbei, damit euer Barde schnell wieder gesund wird und aus dem Quarantänezelt heraus darf. Der ärmste Lew hat sich eine derart seltene Krankheit zugezogen … Zum Glück hatte Viviane schon einen solchen Fall bei ihrem Studium in Britannien und kann ihm helfen.“

Sie schlug die Hände über den Kopf zusammen.

„Bei Artio, der großen Bärin! Man stelle sich nur vor, ein Quarantänezelt! Nein, so etwas hat es in all den Jahren noch nie gegeben! Aber was sein muss, muss sein!“

Silvanus nickte traurig, stand auf und streckte sich noch einmal nach den Äpfeln.

„Unser Lew kann einem wirklich leid tun. Nicht einmal zum großen Opfer darf er heraus und natürlich kann er sich auch die Wettspiele nicht ansehen, die Händler oder den großen Rat. Hier, Großmutter Dana! Nimm ein paar Äpfel mit und richte ihm unsere besten Wünsche zur Genesung aus.“

„Ja, Großmutter Dana!“, rief Loranthus und schluckte schnell runter. „Hier hast du noch zwei für Hanibu. Halt!“ Er zog die Äpfel wieder zurück. „Ich poliere sie noch etwas! Da glänzen sie so schön appetitlich. Ich bin wirklich sehr überrascht, dass Hanibu auch schon einmal diese seltene Krankheit von Lew hatte und dagegen gefeit ist. Sie ist Viviane wirklich eine große Hilfe bei seiner Pflege. Vielleicht geht es ihm bald wieder gut und er nimmt wenigstens am Bardenwettstreit teil.“

Großmutter Dana sah Loranthus nachdenklich an, der die Äpfel an seinem Hemd rubbelte, als übe er für den Wettstreit ‚meist strahlender Apfel‘. Er könnte glatt gewinnen. Ihre Augen wurden schmal.

„Wenn dir so daran gelegen ist, mein Guter, könntest du mir eigentlich helfen?!“

Wenn Loranthus nicht so sehr mit der Qualitätskontrolle der beiden Äpfel beschäftigt gewesen wäre, hätte er den Ausdruck auf ihrem Gesicht vielleicht bemerkt und wäre ins Grübeln gekommen. So aber strahlte er genau wie seine Äpfel.

„Natürlich! Gerne! Was soll ich denn machen?!“

„Ach!“ Großmutter Dana winkte ab. „Eine ganz simple Aufgabe. Ich will noch über die Wiesen, um die Kräuter für meine Räucherpfanne zu suchen. Ich brauche eine ganze Menge davon, vor allem Erdrauch. Ich muss mich ja vor der Krankheit schützen, wenn ich bei Lew bin. Besser wäre allerdings Weihrauch, aber den gibt es erst, wenn die Händler eintreffen. Bis dahin müssen wir unsere heimischen Kräuter mit einer Beschwörungsformel wirksamer machen. Und zwar genau in dem Augenblick, wenn man sie anzündet. Das ist sehr wichtig. Wenn du mir beim Kräutersammeln hilfst, darfst du mir beim Anzünden zusehen, Loranthus.“

„Oh! Das ist wirklich ein großzügiges Angebot, Großmutter Dana, aber …“ Loranthus drehte sich hilfesuchend zu Silvanus, der ihn unauffällig in den Rücken pikte. „ … aber ich habe Silvanus schon versprochen, mit ihm zum See zu gehen und …“

Großmutter Dana tätschelte ihm die Schulter.

„Natürlich, mein Guter, dafür habe ich doch vollstes Verständnis! Man muss seine Versprechen möglichst einhalten. Ich schaffe das bisschen Kräutersammeln auch ohne dich. Der Erdrauch wächst ja hier auf den Wiesen in rauen Mengen.“

„Phu, da bin ich aber beruhigt“, seufzte Loranthus, atmete tief ein, um seine Worte zu verdeutlichen und versicherte: „Aber wenn die Händler kommen, kaufe ich dir gerne einen ganzen Scheffel voll Weihrauchbrocken, wenn die so gut wirken.“

Großmutter Dana kniff beiden in die Wangen.

„Ihr seid zwei brave Hamster. Schwachsinn, wie komme ich den darauf!? Ich meinte natürlich Burschen. Seid ihr schon an den Bratwürsten vorbeigekommen? Es riecht, als wären sie gut!“

Loranthus rieb sich den Bauch und versicherte: „Wahrlich, das sind sie.“

„Dann will ich mich nicht länger mit Schwatzen aufhalten! Nicht, dass Lew, Viviane und Hanibu wegen mir noch hungern müssen. Macht’s gut ihr zwei und keinen Ärger!“

Loranthus und Silvanus winkten Großmutter Dana nach, die in ihrem rasanten Schritt davon rauschte.

„Was meint sie denn mit ‚keinen Ärger‘?“, fragte Loranthus und überlegte, ob Danas Geschwindigkeit etwas mit den Bratwürsten zu tun hatte.

Silvanus zuckte die Schultern.

„Vielleicht, weil es zu Lugnasad viel schwieriger ist, den Frieden zu halten. Wenn alle Königreiche zusammenkommen, gibt es immer mal Leute, die gerne Streit anfangen. Aber keine Bange! Da wird gleich kurzer Prozess gemacht.“

„Kurzer Prozess?“ Loranthus griff sich unwillkürlich an den Hals.

„Nein, nicht das!“, feixte Silvanus. „Kurzer Prozess ist einfach kurzer Prozess. Der Streitfall kommt sofort dran, weil ja Lugnasad ist. Wenn du dich danach mit jemanden zankst, musst du bis nächstes Lugnasad warten. Nächstes Jahr, verstehst du?“

„Ein ganzes Jahr? Nur um einen Streit zu schlichten?“

„Kommt drauf an, wann du dich zu streiten gedenkst. Die lange Wartezeit hat natürlich einen ganz praktischen Nutzen.“

„Nutzen.“

„Jawohl, Nutzen. Manche Streithähne haben sich bis dahin nämlich wieder vertragen und so muss der hohe Rat weniger Streit schlichten.“

„Aha! effizient, sparsam!“, lobte Loranthus und wollte gerade zu einem verschwenderischen Nicken ansetzten, da zog er schnell den Kopf ein. „Streithahn, sagtest du? Glaube mir, Silvanus, auch ich kann auf Streithähne verzichten, aber oh, bei Hera, da kommt schon der erste!“

„Welcher?“

„Der große, der mit dem dicken Knüppel als Stütze. Ach, der geht zum Rost.“

Aufatmend sah Loranthus dem Mann nach und Silvanus strich sich nachdenklich durch die Haare.

„Groß? Pfh! Wäre besser für ihn, wenn er größer wäre. Dann würde sich seine Körpermasse günstiger verteilen. Guck dir mal seine Visage an! Sieht aus, als wäre er derselben Meinung wie ich. Den hab ich gestern noch nicht gesehen, als wir angekommen sind, und ich weiß auch nicht, zu welchem Clan der gehört …“

„Das ist der Fährmann von Aodhrix.“

„Woher kennst du … Ach.“

„Oh, ja: Ach. Das ist der Fährmann, den Viviane zusammengeschlagen hat, kaum das wir uns begegnet sind.“

„Bullenscheiße und Ziegenpisse! Dem massigen Kerl hat sie Arm und Bein gebrochen?“

„Und noch den Finger!“

„Bei allen Göttern! Kein Wunder, dass der so grimmig guckt!“

„Oh, je! Hera zürnt mir! Er dreht um! Ich glaube, er hat mich wiedererkannt! Guck mal, wie der mich anglotzt! Schnell! Hinter dem Backofen durch und dann nichts wie weg!“

Loranthus sprang auf und schubste Silvanus zwischen zwei Tische mit Brotlaiben, um schneller zum Backofen zu kommen. Mit diesem Sichtschutz im Rücken, hasteten sie geduckt über die Straße, umkurvten zwei junge Maiden mit Bratwürsten, die ihnen irgendetwas hinterher riefen, und schlängelten sich zwischen zwei Zelten hindurch. Dort sahen sie sich nach dem günstigsten Fluchtweg um und sprangen von Zelt zu Zelt, bis sie die Gefahrenzone hinter sich hatten.

Getarnt als Apfelbaum und Brombeerstrauch prüften sie die Lage und schlenderten wieder auf den Hauptweg zurück. Um genau zu sein: Nur Silvanus schlenderte. Loranthus schnaufte und wischte sich den Schweiß von der Stirn, schließlich war er gerade im Hindernislauf durchs halbe Lager Zweiter geworden.

„Wir ha … haben ihn abgehä … hach … abgehängt, Silvanus.“

„Oh nein!“

„Doch.“ Loranthus tätschelte Silvanus beruhigend die Schulter und stützte sich bei der Gelegenheit gleich noch ein bisschen ab. „Ich seh ihn nirgendwo! Die Gefahr ist gebannt.“

„Da täuscht du dich, Loranthus. Sie ist zwar noch weit weg, aber sie hat mich gesehen. Bei allen borstigen Wildsäuen! Sie kommt direkt auf uns zu!“

Loranthus stutzte und hörte auf zu schnaufen, sowie die Gegend nach dem Fährmann abzusuchen. Neugierig schaute er in die gleiche Richtung wie Silvanus.

Die junge Frau, die da lächelnd auf sie zukam, hatte er irgendwo schon einmal gesehen. Sie war zwar wirklich noch weit weg, aber ganz eindeutig zu erkennen: Praller Busen, extrem gefärbte rote Haare, diesmal nicht auf einem Pferd, aber dafür unter einem zu klein geratenen weißen Zelt zum Mitnehmen …

Loranthus musste erst ein paarmal blinzeln, bevor er herausbrachte: „Oh, je, die Wildsau … äh ich meine, Furia! Was ist denn mit der passiert?“

„Sie trägt einen Sonnenschutz.“

„Dieses Gestell auf ihren Schultern mit dem weißen Leinstoff darüber? Das habe ich schon mehrfach an adeligen Weibern gesehen. Ich meinte eigentlich ihr Gesicht oder richtiger, was davon noch übrig ist.“

„Was ist mit ihrem Gesicht?“

„Na, siehst du das denn nicht?! Das Einzige, was nicht angemalt ist, sind ihren Augäpfel. Hatte wahrscheinlich die Augen zu, als sie in den Farbtopf gefallen ist und danach hat sie festgestellt, dass sie ihren Kupferspiegel zu Hause vergessen hat. Und jetzt sieht sie aus, als wolle sie in die Schlacht ziehen, nur nicht in Blau, sondern in Rot und Grün.“

„Ach, du meinst die Schminke auf ihren Lippen!“

„Lippen?!“ Loranthus kniff die Augen zusammen und schob abschätzend die Unterlippe vor. „Ja, ganz eindeutig. Nur dass ihre Lippen vom Kinn bis zum Scheitel gehen.“

Silvanus prustete los.

„Loranthus! Dein Augenmaß ist wirklich frappierend! Aber jetzt mal im Ernst: Daran musst du dich bei unseren Weibern gewöhnen, je größer die Feste, desto mehr Schminke.“

Loranthus legte seinen Kopf schief und knurrte: „Nur bei denen, die was zu verbergen haben.“

„Na, du tust ja gerade so, als hättest du Ahnung von derlei Weiberkram!“

Loranthus reckte herausfordernd das Kinn und brummte etwas Unverständliches, während seine Augen einer Horde junger Maiden hinterher schielten, die gerade kichernd an ihnen vorbei liefen. Zwei davon winkten ihnen und Silvanus winkte zurück. Daher konnte sich Loranthus in Ruhe auf die Zunge beißen, er hatte nämlich tatsächlich Ahnung von derlei Weiberkram. Vor nicht allzu langer Zeit war er höchstpersönlich selbst in einen Schminktopf gefallen und hatte beim Anblick von Loranthissima einen Schreck bekommen. Das durfte natürlich keiner wissen. Ablenkung war die Devise.

„Griechische Weiber schminken sich auch, musst du wissen, Silvanus. Am liebsten kalken sie sich die Haut heller. Je weißer, desto besser! Manche übertreiben es derart, dass sie Pusteln oder gar hässliche Ekzeme davon bekommen und dann brauchen sie noch mehr Kalkpuder, um alles zu überdecken. Was für ein Schwachsinn! Hier habe ich noch kein einziges Weib mit Unreinheiten gesehen.“

„Wir haben helle Haut, da brauchen wir kein Kalkpuder!“

„Da könntest du recht haben, Silvanus. Ihr werdet ja schließlich nicht umsonst ‚die Milchigen‘ genannt. Aber vielleicht habt ihr einfach bessere Schminke! Hm. Das wäre einen Handel wert! Sag mal, Silvanus, gibt es bei euch auch Weiber, die sich Extrakte der Tollkirsche in die Augen träufeln, um einen entrückten Blick zu bekommen?“

„Entrückter Blick? Damit man neben der Spur läuft? Wofür soll das gut sein?!“

„Na, ich gucke mir diese Furia mal ganz genau an. Wenn die auch übergroße Pupillen hat, weiß ich, dass sie neben der Spur läuft.“

Silvanus zischte durch die Zähne: „Philosophier nicht solchen Schwachsinn zusammen! Beug lieber dein Haupt, rat ich dir!“

Loranthus musste zugeben, dass Silvanus sehr deutlich reden konnte, ohne die Lippen zu bewegen. Aber da der wandelnde Schminktiegel schon gefährlich nah war, tat er sofort, wie ihm geheißen und richtete seinen Blick nach unten.

Beim Zeus, kamen da ein paar rot lackierte Fußzehen auf ihn zu! Aber wenigstens die Sandalen waren so kunstvoll mit Edelsteinen besetzt, dass Loranthus seinen Kopf gerne noch etwas länger gebeugt hielt, es waren schließlich viele Edelsteine.

„Silvanus! Welch’ seltene Freude! Dein Schoßhündchen heute angebunden!? Wer ist denn dein Begleiter?“

Mit ‚Schoßhündchen‘ konnte sie nicht Ethmanja meinen, denn die brauchte er nicht anbinden, weil sie aufs Wort hörte. „Das ist Loranthus, unser Gast aus Kreta, edle Königstochter.“

„So, so. Der griechische Händlersohn. Ich habe von ihm gehört. Er soll bei der Schlacht gegen die Chatten dabei gewesen sein. Mir ist er jedoch nicht aufgefallen.“

„Er hat nur von Weitem zugesehen. Er war nicht direkt dabei, edle Königstochter.“

„So, so. Er bevorzugt die sichere Entfernung, der griechische Händlersohn.“ Ansatzlos ging sie ins Griechische über: „Ich bin Furia, Tochter des stattlichen Naharrix und oberster Befehlshaber seiner Krieger. Du kannst jetzt dein Haupt wieder heben, Loranthus. Ich bin noch nicht Königin, dass du mir derart Achtung zollen darfst. Wie gefällt es dir bei meinen Nachbarn, den Nachfahren des Cernunnos?“

Loranthus hob zwar seinen Kopf, hielt aber die Augen immer noch gesenkt, weil er plötzlich zwei Mal rot sah: rote Fingernägel, die in einem Topf mit roter, brodelnder Wut herum rührten. Letzteres wollte er nicht überschäumen lassen, darauf spekulierte sie ganz offensichtlich.

Deshalb holte er tief Luft und pustete gegen die roten Schöpfkellen. „Es gefällt mir sehr gut bei den Nachfahren des Gottes Cernunnos, edle Furia. Sie haben mich sehr freundlich aufgenommen. Besser hätte ich es gar nicht treffen können. Das ist mir jetzt absolut bewusst.“

Die rot lackierten Fingernägel winkten verächtlich ab und rasselten mit drei goldenen Armreifen an jedem Handgelenk, jeder so breit wie ihr goldener Torques.

Dass sie bei dem Gewicht die Arme überhaupt noch hoch bekam − beachtlich. Obwohl, ihr Hals bog sich irgendwie durch. Da hing nämlich nicht nur ihr Torques dran, sondern extra noch eine höchst kunstvolle Kette aus filigran verschlungenen Kettengliedern, in denen riesige Edelsteine prunkten. Sie passten farblich exakt zu Furias Gesamterscheinung, auch hier waren alle Farben vertreten. Nun, ja. Sollte diese Furie demnächst das Übergewicht bekommen, würde sie, wenn schon nicht weich, dann wenigsten reich, abknicken. So langsam dickte die brodelnde Wutsuppe zu einer sämigen Ironiesoße ein, besonders als er sich vorstellte, wie Furias extrem kunstvolle Hochsteckfrisur aussehen würde, wenn er sie da mit viel Elan kopfüber hinein schubsen würde.

„Das ist ja sehr interessant. Du hast sicher schwer bei ihnen arbeiten müssen, Händlersohn. Hast du schon einmal einen Backofen mit Lehm verstrichen? Nein? Da hinten ist gerade welcher abgebröckelt, als ein Mann seinen Knüppel daran … anlehnte. Dabei war er doch erst neu, der Backofen. Die Leute dort freuen sich bestimmt, wenn sie einen Helfer bekommen.“

Nun riss Loranthus aber doch seinen Kopf hoch und stellte verblüfft fest, dass dieses arrogante Weib unter der Schminke recht hübsch war. Sogar ihre Pupillen in den bernsteinfarbenen Augen waren normal groß. Instinktiv drehte er sich aber um und sah wirklich Leute aufgeregt mit den Händen fuchteln. Manche rannten mit Brotlaiben zu anderen Backöfen, andere sammelten Lehmbrocken auf.

Loranthus blickte Furia direkt in die Augen.

„Ich habe wahrlich noch nie gesehen, wie Weidengeflecht mit Lehm verstrichen wird und werde mein Wissen gerne bereichern. Doch bevor meine Augen von deinem Anblick nicht mehr vor Erstaunen erstarren, muss ich noch ein Letztes sagen: Ich kenne die Schriften vieler Reisender, auch derer, die in Ägypten das Leben studierten. Sie berichten von den göttlichen Pharaonen, die prächtigen Statuen gleichen. Auch ich bereiste dieses reiche Land und kann dir daher mit Gewissheit verkünden: Keine ihrer Königinnen wird je die üppige Farbenpracht erreichen, der ich in eben diesem Augenblick gewahr werde.“

Loranthus verbeugte sich sehr tief, drehte sich um und ging. Er sah ihr nicht noch einmal ins Gesicht. Egal, wie sie es verzogen hätte, er hätte sich das Lachen nicht verkneifen können. Höflich und mit besonders strahlendem Lächeln fragte er einen Mann am Ofen, ob er helfen könne. Der gab ihm genauso erfreut eine Schale und schickte ihn zum Lehm holen an die Werra. Nach einem kurzen Seitenblick aus günstiger Entfernung war er sicher, dass er es weitaus besser getroffen hatte als Silvanus.

„Hanibu! Lew! Kommt mal aus dem Zelt!“

Viviane winkte ungeduldig, reichte ihr Fernrohr an Hanibu weiter und zeigte die Richtung.

Lew sah durch sein eigenes.

„Ach, Furia legt schon wieder ihre Schlingen aus. Bei allen Göttern! Kein gut gebauter Mann ist vor ihr sicher. Das habe ich selbst gesehen, als ich bei ihrem Vater war. Zum Glück stehe ich über ihr. Aber nachts habe ich dennoch zur Sicherheit einen Keil unter meine Tür geschoben.“

„Und?“

„Ich praktiziere diese äußerst simple Methode zum Selbstschutz schon länger. Furia weiß das. Sie hat es nur einmal probiert, und das ist schon ein paar Jahre her.“

„Und?“

Lew verzog das Gesicht, als müsse er wirklich bittere Medizin schlucken.

„Du solltest gehen, Viviane. Ihr wolltet euch doch gleich am See treffen.“

Viviane machte keinerlei Anstalten, sich zu erheben, im Gegenteil. Sie lehnte sich zurück und betrachtete Lew mit einem abschätzenden, eindeutig lauernden, Blick. Lew tat wiederum so, als bemerke er es nicht und beobachtete weiter höchst konzentriert die Szene im Lager.

Viviane verzog das Gesicht zu einem süffisanten Lächeln.

„Der Genießer schweigt?“

„Pfh!“, machte Lew und setzte endlich das Fernrohr ab. Ganz langsam drehte er sich um und schnaubte: „Genießer? Ts! Das ist eindeutig das falsche Wort. Wer Furia in die Hände fällt, kommt sich vor wie ein Apfel in der Saftpresse. Und da habe ich noch Glück gehabt.“

„Wieso. War bei der Saftpresse die Schraube locker?“

„Nein, so kann man das nicht sagen. Ich war sozusagen der Probedurchgang.“

„Probe …? Ach! Du warst der Erste!“ Viviane kicherte und nickte anerkennend. „Wenn ich auch nichts an Furia schätze, aber was Männer angeht, hat sie einen guten Geschmack.“

Lew kniff die Augen zu und schüttelte den Kopf. Ihm blieb zum Glück jedes weitere Wort erspart, weil Hanibu den Hügel hinab deutete.

„Großmutter Dana kommt.“

„Gut“, nutze Lew den Themenwechsel. „Sie bringt uns was zu essen.“

„Morgen komme ich wieder vorbei und erzähle euch die neuesten Neuigkeiten.“

„Nur keine Eile, Viviane. Wir beobachten hier oben alles und jeden ganz genau.“

Großmutter Dana schnaufte die letzten Schritte herauf und ließ sich neben Viviane fallen.

„Bei Artio! Ausgerechnet hier oben musstest du das Zelt aufschlagen, Viviane. Weiter unten hätte auch gereicht.“

„Gewiss, Großmutter Dana, weiter unten müsste Hanibu das Wasser nicht so weit schleppen. Aber sie sind ja sparsam und baden im selben Wasser. Eigentlich ist es nur wegen der Sicht. Lew will den Clan von seinem Vater im Auge behalten. Wir wollen schließlich herausbekommen, wer ihn damals als Baby in ein Cerrag gelegt hat, denn es ist schon höchst seltsam, dass nie jemand nach ihm gesucht hat. Das müssen wir vorsichtig angehen und alle genau beobachten.“

„Vorsicht und Verschwiegenheit ist wichtig, das macht ihr ganz richtig. Aber es kann nur jemand gewesen sein, der nach deiner Geburt an dich herangekommen ist, Lew. Also behaltet die Zelte der Burgbewohner besonders im Auge. König Justinius und dein leiblicher Vater, Alban, halten dicht?“

Lew nickte stolz.

„Garantiert. Auf meinen Vater ist Verlass. Er will sich selbst unauffällig umhören. König Justinius hilft ihm natürlich und ist absolut verschwiegen. Er hat es nicht einmal seinem Weib erzählt. Viviane hat das überprüft.

„Wirklich? Wie hast du das denn angestellt, Viviane?!“

Viviane kramte ein winziges Fläschchen aus Tannenholz aus ihrer Gürteltasche.

Großmutter Dana roch daran.

„Kamille. Sehr wohlriechend. Eine Mischung?“

„Ganz recht. Selbst konzentriert und mit Honig versetzt. Fällt in Met gar nicht auf. Wenn die Gerste für das Korma geerntet ist, habe ich auch eine Mischung mit rauchigem Geschmack parat. Schon nach einem Dutzend Minuten …“

Großmutter Dana schnitt ihr mit einer herrischen Geste das Wort ab, schnupperte noch einmal intensiv an dem Fläschchen und gluckste verschlagen: „ … bekommt man Bauchkrämpfe. Ja, da ist es wirklich recht heilsam, wenn zufällig eine Ärztin mit einem Gegenmittel in der Nähe ist, weil sie sich zufällig und abseits mit König Justinius unterhält.“

Viviane winkte ab.

„Er hat nur versucht, mir Arion abzukaufen. Ich musste ja hinauszögern und wir haben gehandelt und gehandelt und …

„Gehandelt“, vervollständigte Dana gelangweilt und drehte den Zeigefinger, als wolle sie Vivianes Rede schneller ablaufen lassen. Viviane verstand den offensichtlichen Wink auch sogleich.

„Jedenfalls habe ich ihn so lange zappeln lassen, bis sein Weib zum Abort gerannt ist, und in dem Augenblick hat er mir ganz zufällig ein gutes Angebot gemacht.“

„Was?! Du hast deinen Arion verkauft?“

„Nein, das darf ich doch gar nicht! Arion darf alle Stuten decken, die König Justinius aufbringen kann, und ich bekomme noch was dazu.“

Lew klopfte Viviane freundschaftlich auf die Schulter und feixte.

„Unsere Ärztin bekommt in letzter Zeit sehr viel extra. In ihrem Behandlungszelt geht es zu wie in einem Taubenschlag. Die Leute kommen mit vollen Händen und gehen leer wieder raus. Man könnte meinen, du würdest dich für deine Dienste entlohnen lassen!“

Viviane verdrehte die Augen.

„Nun übertreibe nicht, Lew! Das sind doch meistens nur arme Bauern, die sich bei mir bedanken wollen, weil ich ihnen das Leben gerettet habe, damals nach der Schlacht. Der eine bringt leuchtend grüne Wolle, der andere eine schön geschnitzte Schatulle, der dritte ein besonders weiches Schaffell …“

Lew tätschelte ihr aus prophylaktischen Gründen schon mal versöhnlich die Schulter und redete weiter: „ … der vierte einen Kamm aus Perlmutt, der fünfte eine Kette aus Bernstein, der sechste einen Armreifen mit eingefassten Korallen, der siebte einen Gürtel mit einer Schnalle aus purem Eisen, der achte eine Kütze, damit du alles reinlegen kannst …“

Viviane plusterte sich auf, doch Lew hob feixend den Zeigefinger.

„Hochkönig Eryrrix war auch schon da. Der hat dir sein Geschenk leider nicht vor dem Zelteingang gezeigt.“

Jetzt war es an Viviane, zu grinsen.

„Er hat dir noch gewunken, bevor er zu mir ins Zelt gekommen ist. Ein erfahrener Mann, unser Hochkönig Eryrrix.“

„Mach dich nur lustig, Viviane. Aber danke für die beiden Kätzchen. Eines schwarz, eines weiß, wenn das kein Omen ist! Von wem hast du sie bekommen?“

Viviane drehte sich zu dem kleinen Körbchen, in dem zwei flauschige Fellknäuel dicht aneinander geschmiegt schliefen. Ihre winzigen Barthaare vibrierten leicht, weil sie sich gegenseitig anpusteten. Sie hatten sogar die Pfötchen übereinander gelegt. Es war einfach zu niedlich.

„Von Taurus’ kleiner Tochter. Sie hat sich bei mir bedankt, weil ich ihrem Vater das Bein so schön geflickt habe. Wenn sie groß ist, will sie auch einmal Ärztin werden.“

„Ja, das ist eine höchst lohnende Kunst. Aber weiß du, was uns noch aufgefallen ist?“

Viviane zuckte die Schultern.

„Das ich die Geschenke nicht alle trage und dir die Kätzchen gegeben habe?“

„Denen geht es bei mir besser, als in dem Gedränge da unten. Nein, Hanibu hat mich darauf aufmerksam gemacht: Du bedankst dich bei jedem, als hätte er dir ein königliches Geschenk gemacht und wenn es nur ein Korb voll Eier ist.“

„Ein sehr kunstvoll geflochtener Weidenkorb, wie du bestimmt sehen konntest, Lew. Aber du hast Recht. Ein Geschenk, das von Herzen kommt, ist immer ein wertvolles Geschenk. Es verdient den gebührenden Dank, egal was es ist. Und jetzt bekommt Silvanus ein Geschenk von mir. Ich will ihn mal von Furia erlösen. Er lugt schon ganz verstohlen in unsere Richtung.“

Lew lachte übermütig.

„Walte deines Amtes, hohe Druidin, Viviane! Lass rangniedere Königstöchter ängstlich die Flucht ergreifen und machtlose Freunde erleichtert aufstöhnen!“

Viviane blieb stehen, drehte sich noch einmal um und wackelte schelmisch mit dem Finger.

„Apropos aufstöhnen: Die ganze Nacht hat ein Ochse gestöhnt und ein Käuzchen geschrien, als wäre es ihre letzte Nacht auf Erden. Habt ihr das hier oben auch gehört oder ging der Wind in die andere Richtung?“

Großmutter Dana klopfte sich auf die Schenkel und stand auf.

„Genau das hab ich auch gehört, obwohl unsere Zelte viel weiter die Werra runter stehen. Ich hab ja einen leichten Schlaf … bin gespannt, ob das Viehzeug heute Nacht wieder so einen Lärm macht oder ob es wartet, bis ich in Tiefschlaf gefallen bin. Und Hanibu …“

Großmutter Dana wandte sich an die grinsende Hanibu. „ … denk morgen früh an den Korb unten am Fuß des Hügels! Ich packe euch einen ordentlichen Vorrat ein. Milch, Eier und was man noch so alles gebrauchen kann. Nicht, dass ihr hier oben verhungert. Morgen kommen die Händler. Da haben wir erst abends Zeit. Händler! Ha! Das hätte ich doch beinahe vergessen!“

Dana sprang auf und griff nach ihrer Räucherpfanne.

„Ich muss euch ja noch ordentlich ausräuchern! Mich natürlich auch! Aber keine Sorge, ich habe lauter wohlriechende Kräuter dabei! Es muss ja nur ordentlich qualmen und nicht stinken. Kommt sowieso keiner in die Nähe, um nachzuprüfen.“

„Woher weißt du das so genau, Großmutter Dana?“, wollte Viviane wissen, bevor sie sich endgültig auf den Weg machte.

„Ach, ich habe natürlich auch die Probe aufs Exempel gemacht. Sogar ganz ohne Nebenwirkungen.“

„Sil-va-nus“, hauchte Furia mit schmachtendem Blick. „Jetzt habe ich dich aber lange genug aufgehalten. Das Fußvolk wartet sicher schon auf dich. Du solltest dich sputen! Auch ich habe leider keine Zeit mehr, mit dir zu plaudern … Du kannst gehen.“

„Es war mir eine Ehre“, rief Silvanus und wusste sofort, dass Viviane im Anmarsch war. Er verbeugte sich besonders tief und schwungvoll, sodass er einen kurzen Blick auf sie erhaschen konnte, wie sie den Hügel herunterkam. Endlich. Eilig trottete er davon und drehte sich nicht noch einmal um.

Schade. So verpasste er das Schauspiel, wie eine Schlange ein Wildschwein frisst.

Das Wildschwein durfte nicht flüchten, sondern hatte zu grüßen. Also neigte Furia ihren Kopf, natürlich nicht zu tief, schließlich waren viele Leute in der Nähe und reger Verkehr auf der Straße. Es schien sogar, als würde das Gedränge gerade jetzt noch viel dichter werden.

„Ich grüße dich, Druidin Viviane. Willst du auch zum See, wo sich das gemeine Volk trifft und sich mit nebensächlichem Geschwätz den Tag verschönert?“

„Ja, Furia, das hatte ich vor. Ich unterhalte mich gerne mit dem gemeinen Volk, aus dem ich stamme. Apropos verschönert: Du hast dich heute selbst übertroffen. So viele Farben auf so wenig Untergrund …“

Furia strich über die Silberfäden auf ihrem Leinkleid.

„Ja, da muss ich dir recht geben, allerliebste Freundin Viviane. Ist es nicht ein herrliches Gewebe?! So kräftige Farben in Rosa, Violett und Lindgrün. Und es betont meine … schlanke Figur derart vorteilhaft …“

Auffällig schielte sie zu Vivianes Körpermitte und presste sich selbst die Hände aufs Kleid, damit ihre eigene, recht üppige, Figur zum Vorschein kam. Viviane tat ihr den Gefallen und verdrehte die Augen. Furia tat ihr den Gefallen und verstand den Wink falsch.

Sie tätschelte ihren flachen Bauch, packte ihren prallen Busen, rüttelte daran und überprüfte mit einem äußerst kritischen Blick die Spannkraft ihrer Brüste. Höchst zufrieden drehte sie sich hin und her, ließ ihre Finger langsam an den Seiten herabgleiten …

Ein junger Mann, der gerade vorbei ging, verneigte sich artig und rannte gegen einen Apfelbaum.

Furia begutachtete seine groteske Umarmung mit dem Stamm, leckte sich die Lippen und überprüfte den Sitz ihres Torques. Schon wollte sie loslaufen, da viel ihr Viviane wieder ein und die Beute entwischte. Sofort zog sie einen Schmollmund.

„Viviane, du bist so unscheinbar gekleidet, beinahe hätte ich dich vergessen! Ich gebe dir den guten Rat: Richte dich mehr nach der Mode und lauf nicht herum wie eine arme Maid an einem warmen Sommertag.“

Mit gerümpfter Nase zeigte sie demonstrativ auf Vivianes hellgrünes Kleid und ihre bloßen Füße.

„Hast du das Kleid aus eurer Zeltleinwand geschnitten? Es ist natürlich schade, dass du deine … ach so wichtigen Dienste nicht gegen Lohn verrichten kannst. Wie willst du dir jemals ein hübsches Kleid leisten, das deinem Stand und deiner … Figur … Genüge tut.“

Voller Mitgefühl schaute sie auf Vivianes Körpermitte.

„Nun ja, die Übergröße ist recht praktisch, noch kann man nichts erkennen … aber vielleicht könntest du dir doch irgendwie hochwertiges Leingewebe zulegen. Bei deinem Stand müssen die Farben kräftig sein, damit dich jeder sieht und …“

„Schwester, liebste Schwester!“, rief eine piepsende Kinderstimme von Weitem und Furia drehte sich sofort um. Obwohl sie ihren weißen Sonnenschutz trug, beschirmte sie hastig die Augen und sprang auf die Zehenspitzen, auch wenn sie dadurch die vordersten Edelsteine ihrer Sandalen in den Dreck rammte. Das schien sogar von großem Vorteil, sie wackelte kein bisschen beim Balancieren und konnte den winzigen Rufer zwischen den vielen großen Leuten schnell finden.

Es war Adalrich. Er stand zwischen den Backöfen, hopste auf der Stelle und winkte mit beiden Armen, damit sie ihn besser sehen konnte. Seine blauen Augen strahlten wie der Himmel über ihm.

Und plötzlich sah Furia gar nicht mehr aus wie eine überhebliche Königstochter. Sie lachte ganz offen und winkte ihrem kleinen Bruder genauso ausholend zurück. Adalrich jauchzte, bedeutete ihr, dass er später vorbei kommen wolle und rannte schnell hinter seinen Mitschülern her, um nicht den Anschluss an Aodhrix zu verpassen.

Je weiter sich Adalrich entfernte, desto mehr kehrte Furias abweisende Miene zurück und versteinerte in dem Augenblick, als er außer Sicht war. Wie zum Stoß zuckte ihr Kinn gegen Viviane.

„Und wieso trägst du deine Waffen nicht!? Dein Stand gebietet dir, die Zugehörigkeit zur Bruderschaft des Drachenschwertes zu präsentieren. Schließlich gibt es von deinesgleichen so wenige. Ach!“ Furia winkte verächtlich ab. „Wenige ist wohl stark übertrieben. Elitekrieger. Ihr seid ja nur zu zweit und müsstet schon den ganzen Tag von früh bis spät durchs Lager laufen, damit man eurer überhaupt gewahr würde. Vielleicht bekomme ich dann die Gelegenheit, um endlich mal dein Schwert …“ Sie rümpfte wieder die Nase. „ … in Ruhe zu begutachten.“

Viviane lächelte.

„Deine Zunge ist so scharf wie mein Schwert im Urzustand. Sei daher unbesorgt, zum Opferfest werde ich dir deinen Wunsch erfüllen. Und … da fällt mir gerade ein … heute Morgen habe ich tatsächlich ein wirklich einzigartiges Gewand geschenkt bekommen. Wenn es nicht mehr so heiß ist, ziehe ich es bestimmt mal an. An so einem schwülen Tag bleibt einem jedoch nur das Wasser zur Abkühlung.“

„Apropos Abkühlung: Silvanus wollte auch gerade zum See. Der Ärmste hat eine Abkühlung wirklich nötig. Er verströmt eine Hitze wie Arcturus im Simiuisonna. Ich bin richtig ins Schwitzen gekommen.“

„Du solltest nicht zu nah ran gehen, Furia. Schweiß macht Schlieren auf deinem überaus weißen Teint.“

„Oh ja, wie recht du hast!“ Furia hielt ihren Arm gegen den von Viviane. „Man kann den Unterschied von einer Königstochter zu einem Bauernkind deutlich sehen. Aber keine Sorge, Viviane. Ich stand ja im Schatten. So konnte ich mich der Anziehungskraft restlos hingeben, die Silvanus umgibt. Hach, er ist ja sooo gefährlich maskulin! So animalisch! Seine Muskeln! Seine dunklen Locken und diese Augen! Er hat so eine düstere Aura, verlockend wie eine laue Sommernacht! Ich wäre die perfekte Mondgöttin für ihn.“

„Heute Nacht wird ein Gewitter toben, Furia. Doch danach wünsche dir wieder ruhige Sommernächte, bis zu dem Moment, wenn der große Wolf die Mondgöttin verschlingt.“ Viviane schürzte die Lippen und legte den Kopf schief. „Wusstest du eigentlich, dass mein Schutzgeist eine Wölfin ist? Nein? Macht nichts. Das ist im Moment auch nicht wichtig, ich muss ins Wasser! Hast du Lust mitzukommen? Nein? Ach, wie konnte ich das vergessen! Ein simpler See ist ja unter deinem Niveau! Du bevorzugst natürlich den Teich der Weisheit! Ist zwar ziemlich weit bis dorthin …“ Sie zeigte hinauf in den Himmel. „ … aber du, als angehende Mondgöttin, schaffst das schon! Bis zum nächsten Mal, Furia!“

Furia hob schlapp die Hand zum Gruß. Ihre Augen schauten traurig und sie flüsterte, mehr als dass sie rief: „Bis bald, Viviane!“ Da drehte sich Viviane noch einmal um, schon präsentierte sie wieder ihren überheblichen Blick. Viviane johlte aber nur: „Die Kette ist übrigens ein echter Hingucker! Passt gut zu dir!“, und schon ging sie weiter.

Verdutzt, ja sogar fast geschmeichelt, tastete Furia ihren Hals entlang und ließ ihre Finger auf den enormen Edelsteinen verweilen, streichelte sie gedankenverloren und flüsterte mehr zu sich selbst: „Ja, sie ist wirklich einzigartig, ein Geschenk meiner Mutter, kurz bev …“ Sie schluckte, ihr Blick verschwamm, mit schierer Willenskraft kämpfte sie die Tränen zurück. Plötzlich räusperte sich jemand hinter ihr. Erschrocken drehte sie sich um.

Da stand Hirlas, Naschus jüngster Bruder. Schon wieder einer aus dem Hirschclan. Sofort kam in ihre Augen der harte, undurchdringliche, leicht höhnische Ausdruck zurück. Nur noch ein geringer verräterischer Schimmer war von ihrer Trauer übrig, doch Hirlas hatte den Kopf schon unten.

„Was willst du.“

Hirlas räusperte sich wieder und neigte den Kopf noch tiefer, er hatte schließlich mächtig mit seinen Gesichtsmuskeln zu kämpfen.

„Hohe Herrin …“ Er räusperte sich noch einmal und kniff sich fest in den Arm. Jetzt passte die Mimik. „Furia, Tochter des stattlichen Naharrix, ich wollte mich bei dir nach Perdite erkundigen. Ich habe sie noch nicht gesehen und da sie doch …“

„Perdite ist tot,“ fiel Furia ihm ins Wort.

Hirlas konnte gerade noch einen Entsetzensschrei unterdrücken und tarnte sein Keuchen mit einem Husten. Mit dieser Wendung hätte er nie und nimmer gerechnet. Ihm war ganz schwindelig. Furia durfte nichts merken. Sicherheitshalber behielt er seinen Kopf unten.

„Was ist mit ihr geschehen? Ist sie im Kindbett gestorben?“

„Im Kindbett gestorben!? Was redest du da für Schwachsinn!?“

„Das ist kein Schwachsinn!“, fuhr Hirlas empört auf, besann sich aber sofort und senkte den Kopf noch tiefer.

Furia zog die Augenbrauen zusammen und schaute bedrohlich funkelnd auf ihn herab. Ihr fiel aber ein, dass Viviane noch nicht weit genug weg war und die war immerhin eine gute Freundin von Hirlas. Also senkte sie die Stimme zu einem, ihrer Meinung nach, angenehmen Tonfall.

„Rede und sage mir gefälligst, wie du auf derlei Gedanken kommst!“

Hirlas scharrte nervös mit den Zehen kleine Kieselsteine hin und her.

„Das ist so, hohe Herrin: Letztes Samhain war unser König Gort doch Gast bei deinem Vater, Naharrix, genau wie alle anderen Könige der Hermunduren. Und als er wieder zurückkam, hat er uns erzählt, Perdite hätte einen Krieger von Naharrix zum Mann erwählt.“

Furia schnaubte verächtlich.

„Wie kommt euer König darauf?“

„Nun, hohe Herrin, er hat sie gesehen … ich meine, König Gort hat Perdite und den Krieger gesehen, wie sie … äh … also … ich meine …“

Furia beendete das Gestammel mit einem herrischen Schlag durch die Luft.

„Ich weiß schon, was du damit sagen willst. Ja, Perdite hat sich mal wieder einen heißen Stein geholt, damit ihr Lager nicht abkühlt“, leierte Furia gelangweilt herunter. Verächtlich winkte sie ab, beugte sich ganz nah zu Hirlas und zischte: „Um es präzise zu sagen: Perdite dürfte jedes Lager eines Mannes, von den Thuringer Bergen bis Raino gewärmt haben. Dein älterer Bruder Naschu kann sicher ein Lied davon singen. Er würde in dem großen Chor gar nicht auffallen, denn mindestens …“ Furia schürzte die Lippen und sah sich in der Gegend um. „ … mindestens zehn Dutzend Männer müssten Klagelieder, vielleicht sogar Schmählieder auf Perdite singen, so ruchlos hat dieses Weibstück alle an der Nase herum geführt.“

Hirlas lief rot an vor Zorn, doch Furia seufzte übertrieben und beugte sich an sein Ohr, was ihm sofort das Blut zu den Füßen trieb.

„Und wenn mich nicht alles täuscht, hat sie auch genauso oft die Hilfe der Kräuterfrauen in Anspruch genommen, damit sie ohne Last von einen auf den anderen weiter hüpfen konnte, wie eine emsige Biene, die von Blume zu Blume schwirrt.“

Hirlas starrte sie ungläubig an, doch sie seufzte: „Armer Naschu! Ich hatte ihn vor ihr gewarnt, aber er wollte nicht auf mich hören! Tja, er war damals noch genauso grün hinter den Ohren wie du, Hirlas.“

Hirlas’ Fuß verharrte über einem Kiesel und kickte sein Blut wieder hochwärts. Sofort breitete sich eine sehr dunkle Zornesröte über sein Gesicht bis hin zu den Ohren. Fest ballte er seine Hände zu Fäusten und krampfte sie im schnellen Takt seines Herzens.

Furia betrachtete seine Reaktion auf ihre wohl überlegten Worte genau. Mit einem langen Stoßseufzer schob sie ihren Körper gegen seinen, wobei ihr Busen eingequetscht wurde, und legte ihm versöhnlich die Hand auf die Schulter.

„Zürne mir nicht, Hirlas“, schnurrte sie wie ein Kätzchen und krallte ihm ganz leicht ihre rot lackierten Fingernägel in die Oberarme. „Hmmm, deine Muskeln sind so fest, so männlich … Ich wollte dich mit meiner Rede garantiert nicht beleidigen, oh, nein! Ich meinte damit dein Alter, nicht deine stattliche Erscheinung, die dich schon mindestens zwei Jahre älter erscheinen lässt, vielleicht sogar drei. Sei also versichert, Hirlas …“ hauchte sie seinen Namen und ließ ihre Fingerspitzen seinen Hals empor gleiten. Ihr Mund wanderte hinterher. „Im Vergleich mit deinem Bruder, als er so alt war wie du … und sich mit Perdite einließ … bist du …“

Sie legte ihre Fingerspitzen unter sein Kinn, hob seinen Kopf an und ging im gleichen Augenblick etwas in die Knie. Ihre fest gewordenen Brustwarzen scheuerten bei dieser Bewegung über seinen Oberkörper. Hirlas fühlte es durch den Stoff ihres Kleides hindurch und er wusste, dass er sie in keinster Weise beleidigen durfte. Also lautete die Devise: Still halten und so tun, als merke er nichts. Leider war sein Penis in beiden Punkten anderer Meinung.

Furia lächelte wissend, rieb ihren Oberschenkel an der Wölbung seiner Hose und betrachtete diese nachdenklich mit halb gesenkten Lidern, während sie mit ihren roten Fingernägeln leicht über seinen Hals schabte.

„Nein, da ist keinen Vergleich möglich. Du bist viel reifer als Naschu damals war. Viel größer und viel … männlicher!“

Hirlas bekam ganz große Augen und starrte sie an. Furia leckte sich die Lippen und beobachtete seinen Brustkorb, der sich vorstreckte und seine Hände, die sie beinahe gepackt hätten. Er hatte sie zwar wieder zurückgezogen und versuchte, seine Atmung unter Kontrolle zu bringen, sein Mienenspiel verriet aber alles. Wie leicht es doch war, eine wütenden Mann zu besänftigen, zu schmeicheln, sich gefügig zu machen … Da hüstelte schon wieder jemand hinter ihr.

Diesmal selbst rot vor Zorn, drehte sie sich um und fauchte: Was willst du!“

Es war Susanne.

Schon wieder eine vom Hirschclan. Furia kniff die Augen zusammen und Susanne senkte schnell den Kopf. Hastig biss sie sich auf die Lippen, damit ihr kein unbedachtes Wort entschlüpfte.

„Hohe Herrin, ich suchte nach Hirlas. Wir waren am See verabredet. Und da ich gerade dorthin unterwegs war, dachte ich, wir könnten zusammen …“

„Ja, ja. Ich weiß. Die gemeine Jugend trifft sich am See.“

Furia legte Hirlas die Hand auf die Schulter und schubste ihn zu Susanne.

„Da! Nimm Hirlas ruhig mit. Wir haben lange genug geschwatzt. Ich hoffe …“ Damit wandte sie sich an Hirlas. „ … ich habe deine Frage hinreichend beantwortet, und ich hoffe für dich …“ Bei diesen Worten sah sie ihm bedeutsam in die Augen. „ … dass du in der Wahl deiner Gefährtin … wesentlich umsichtiger vorgehst.“

Hirlas sah Furia fest in die Augen und nickte.

„Das werde ich, hohe Herrin. Das werde ich.“

„Nun, dann ist ja alles gesagt. Ich wünsche euch gemeinen Leuten viel Vergnügen bei eurem … Gehabe.“

„Danke, hohe Herrin.“

Furia kniff ihre roten Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und knurrte Hirlas hinterher, der sich bei Susanne einhaken wollte. Diese warf ihm jedoch einen strafenden Blick zu und stampfte sogar mit dem Fuß auf, als ihr sein mittlerer Bereich ins Auge stach. Mit hängenden Kopf trottete Hirlas hinter ihr her und musste schließlich rennen, um mit ihr Schritt zu halten.

Furia leckte sich über die Lippen und ließ ihren Blick von Hirlas Rückenpartie bis zu seinen Unterschenkeln schweifen. Da spürte sie einen warmen Lufthauch an ihrem Ohr. Zwei Hände glitten über ihre Flanken bis zu den Oberschenkeln und etwas Hartes presste sich dagegen.

Furia zog scharf die Luft ein, fasste nach den Händen und führte sie zu ihren steifen Brustwarzen. Ein Biss in den Nacken und der feste Griff entlockten ihr ein wohliges Seufzen, denn nun wurde sie zu ihrem Vergnügen abgeholt. Oh, wie hatte sie es eilig.

Loranthus zog sich das Hemd über den Kopf. Viviane zerrte dagegen und rutschte es wieder zurecht.

„Du brauchst dich nicht ausziehen, Loranthus.“

„Aber wir wollen doch …“

„Das kannst du dir wirklich sparen. Kostet alles nur Zeit und ist vollkommen unnötig.“

„Ich will aber nackt!“

„Und ich will, dass du angezogen bleibst!“

Viviane schien die Diskussion eindeutig Spaß zu machen und je mehr sie schmunzelte, desto störrischer schüttelte Loranthus den Kopf.

„Aber du hast doch gesagt, wir wollen dort rüber auf die kleine Insel im See! Ich schwimm doch nicht mit Kleidern!“

„Wir müssen nicht schwimmen, Loranthus. Was meinst du, warum sich alle mit Bratwürsten eingedeckt haben. Siehst du jemanden essen?“

Loranthus sah sich um und starrte in mindestens fünf Dutzend Augenpaare, von deren Besitzern er etliche kannte und den Rest noch kennenlernen würde. Wie blamabel! Er hatte ganz vergessen, dass sie nicht alleine am Ufer des Sees standen, er mit heruntergelassenen Hosen, sie in sein Hemd verkrallt. Da bekamen die Hermunduren doch gleich den richtigen Eindruck von ihrem griechischen Gast. Und wie konnte es auch anders sein, alle jungen Leute schienen sich prächtig zu amüsieren, feixend schwenkten sie ihre Bratwürste. Als hätte er diese Gedankenstütze nötig.

„Nein.“

„Na also, keine Panik. Lauf uns einfach nach.“

Viviane stellte sich ans Wasser, alle reihten sich hinter ihr ein und Silvanus schob Loranthus kurzerhand zwischen Beth und Ria. Die beiden kicherten und kamen ihm gefährlich nahe.

„Was habt ihr denn vor? Ich geh da nicht so rein! Ich will mich ausziehen!“

Ria raffte von hinten sein Hemd zurecht und ruckelte am Gürtel, bis alle Falten da lagen, wo sie ihrer Meinung nach hingehörten.

„Hört, hört! Ausziehen will er sich! Früher warst du doch immer der Letzte, Loranthus?! Woher der Sinneswandel?“

Beth drehte sich um, grinste verschwörerisch und steckte ihm ein Stück Bratwurst in den offenen Mund.

„Wenn ich meine Wurst gegessen habe, helfe ich dir dabei, Loranthus. Aber jetzt hältst du dich besser an mir fest, damit du nicht daneben trittst. Der Weg hat einige Tücken, die kenne ich besser als du.“

Da Loranthus nicht reagierte, nahm sie seine Hände und zog sie um ihren Bauch.

„Noch fester!“, verlangte sie und zerrte weiter, bis seine Finger gegeneinander stießen. Da gurrte sie: „So ist es gut!“ und passte sich seufzend seinen Konturen an. „Wenn du willst, kannst du mir auch mein Kleid hochhalten. Bleibt es trocken, gebe ich dir noch was von meiner Wurst ab.“

Derart angespornt, raffte Loranthus so viel von ihrem Kleid, wie er in seinen Händen unterbringen konnte, doch Beth hatte sich mehr davon erhofft. Also drückte sie ordentlich Stoff zwischen seine wehrlosen Finger und noch ein Stück Bratwurst in seinen offenen Mund, der gerade protestieren wollte. Dann trällerte sie: „Es kann los gehen, Viviane!“ und schon ruckte der Tausendfüßler an.

Loranthus setzte einen Fuß vor den anderen und dachte an Kinderspiele zu Beltaine, nebenbei kaute er genüsslich. Bei jedem kleinsten Richtungswechsel lugte er nach unten und wunderte sich, dass er nicht einsank. Den ganzen Weg bis hinüber zur Insel wurden seine Füße nur bis zu den Knöcheln nass.

Am anderen Ufer angekommen, drehte sich Beth schelmisch grinsend zu ihm um und schnurrte: „Du kannst jetzt wieder loslassen, Loranthus. Und weil mein Kleid nicht nass geworden ist, bekommst du auch die versprochene Belohnung von mir. Hier deine Bratwurst. Jetzt habe ich noch eine übrig. Willst du die auch noch verdienen?“

Ria nahm Loranthus die Antwort ab.

„Nun lass ihn sich doch erst mal umsehen, Beth! So, wie er guckt, gibt es in seiner Heimat keine Inseln im Wasser.“

„Doch, die gibt es!“, beteuerte Loranthus mit dicken Hamsterbacken. „Aber keine kann man so betreten, wie ihr es hier macht! Das ist wirklich einzigartig!“

Viviane trat dazu.

„So einzigartig ist das gar nicht, Loranthus. Schon seit vielen Generationen kommen die jungen Leute zu Lugnasad hierher. Das hat Tradition. Mein Großvater Anu meinte, dass es früher vielleicht zwei Senken waren. Die große Flut aus der Zeit, als die Götter noch unter uns weilten, hat sie überschwemmt und miteinander verbunden. Der Weg ist ziemlich schmal und hat so seine Tücken, wie du vielleicht bemerkt hast. Großvater Anu hat ihn mir schon als Kind gezeigt, damit ich ihn mir einpräge. Wir sammeln immer weiße Kieselsteine, um ihn zu kennzeichnen. Sie leuchten sogar im Mondlicht.“

„Weißt du, Viviane, eure Götter haben hier ein Wunder vollbracht. Da habe ich gedacht, mich könne nichts mehr in diesem Land in Staunen versetzen, aber das hier glaubt mir zu Hause keiner.“

Viviane lachte und Beth zog Loranthus mit sich.

„Komm hinter die Hecke, Loranthus! Die anderen warten schon alle! Die glauben dir auch nicht, dass du so lange einer duftenden Bratwurst widerstehen kannst. Und wenn wir gegessen haben, wird getanzt!“




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