Wenn ich wär, wie ich nicht bin
Kirsten Steineckert


Kirsten Steineckerts Geschichten und Gedichte reflektieren entscheidende Momente im Leben, Kindheitserinnerungen, Liebeserfahrungen und Lebenskrisen. Sie erzählt von Menschen, denen sie begegnet ist, von Rita, die ihren Mann nicht verlässt, obwohl er sie schlecht behandelt, von den Großeltern, deren Liebe bis ans Ende ihrer Tage hält oder Robert, der dank seiner Frau, die Sucht besiegt. Ihre Texte erzählen liebevoll und mit Heiterkeit von der Lust und dem Frust, sich jeden Tag neu der Liebe und den Alltäglichkeiten im wirklichen Leben zu stellen. Und das mit allen Zweifeln und mit Mut, um den Alltag intelligent und mit Herz zu meistern. Sollten sich Leser angesprochen fühlen, wäre dies rein zufällig, aber nicht ganz unbeabsichtigt.







WENN ICH WÄR,

WIE ICH NICHT BIN

Geschichten und Gedichte von

Kirsten Steineckert

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2017


Kirsten Steineckert

Biografische Angaben

Geboren: 1951 in Berlin.

Studium der Germanistik und

Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität

Berlin, erst Redakteurin beim Kinderfernsehen,

dann Autorin beim DEFA-Studio für

Synchronisation und seit 1978 als freischaffende

Autorin tätig: Veröffentlichungen von Gedichten,

Liedern, Kurzgeschichten, Lesungen und Auftritte

mit literarisch-musikalischen Veranstaltungen.


Bisherige Veröffentlichungen:

Dazwischen, Gedichte, Spotless-Verlag 1997

...Und jeden Morgen weckt mich die Taube,

Eine poetische Reportage – Tagebuchnotizen,

Texte, Briefe, Träume und Gedichte 1991 – 1994,

Scheunen-Verlag1998, zweite Auflage 2001

Herzwende, Gedichte und Geschichten,

Scheunen-Verlag 2005


Impressum:

Bibliografische Information durch die

Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.dnb.de (http://www.dnb.de) abrufbar.

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Titel-Illustration und Fotos: Fredy Conrad

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de (http://www.engelsdorfer-verlag.de)




INHALT


Cover (#u4c7dec52-38fb-5862-a34b-584059f775ab)

Titel (#u3006541c-c329-590f-b43e-72864f4ff0c1)

Über die Autorin (#uc7277fc3-01ce-5b79-8c11-1bfbd0c714ec)

Bisherige Veröffentlichungen (#u957f265f-4658-5e9d-b462-ce2e22651ad3)

Impressum (#ua0f0e8a1-dfbf-568f-be23-90b873d1f1b6)

Vati als Kapitän (#ubabe0c3a-bf74-5975-ad63-54b1c7aa795a)

Frühschoppen (#ud354b55b-f48a-567a-99f0-2e231a61f05b)

Liebe für eine Mark (#u1d0f7973-777b-58ac-97ee-e8d13c27a155)

Schönhauser Allee (#uba175771-5548-5249-ba99-19f74c8e6aa2)

Schwänzen (#u861299bc-972a-5c7f-a76b-8a3a987f3381)

Meine Großeltern (#u570f35d7-a57f-5a4a-b81b-14135781580b)

Familientisch (#u7088ccfb-905c-569c-b0df-cb9d235241c0)

Meine Großeltern II (#u5e258fbd-54d4-528c-839a-20671a69cade)

Eine Französin (#uee90ed1e-fa96-5a0a-b1cd-c1a7d8b5c921)

Nachbars Sohn (#uaf28a048-0d3d-5360-9026-e629771dad33)

Rummelzeit (#u9c01253c-eeae-5984-8405-b448047355e7)

Unterm Magistratsschirm (#uc2f78853-723e-5aea-acf6-3df663b6e32a)

Frühling in der Schönhauser (#u6238fe8f-52af-5de3-bfd6-7cbbea4ccf78)

Der Mathelehrer (#u08004d17-a8b9-5f2d-80ba-8da5caf99ae4)

Der Nachbar (#u8b9e78af-044f-55b6-99a8-6dbdaae2d09d)

Komm doch in den Garten Eden (#u7a152518-0136-53fc-a027-5f6d63a9cd4d)

Dorfgespräch (#u47bcdb03-0f35-5ef0-b141-d925eb3801ba)

Garten deiner Lüste (#u7326b6d5-6780-5e1c-b99b-8be643158dbc)

Erste Gedichte (#u7a451652-6f3d-53c3-8a3f-eebbd53e05b7)

She loves you, yeah, yeah (#ud6379c71-8116-5f46-a47d-c4772fc6aa78)

3 x 3 bleibt 9 (#u42061139-8b7f-5539-9ffd-c5b591787f51)

Abschied (#ua334e443-c3a5-5a42-b552-f2ddce96ad0c)

Ich hab den Wundervogel tanzen sehn (#u72b4e962-ab36-5d26-bb84-d9d1947f17bb)

Intermezzo (#u37349b85-711e-5fde-a53d-d118631de6ab)

Wenn ich wär, wie ich nicht bin (#ueb9efcc8-7c21-5260-9a69-67e160f8631f)

Erste Ehejahre (#u2743eb93-47c3-5bae-b0ca-2554531bc5e9)

Vor der Haustür (#ua98f3709-a272-5f7a-b9a3-7864365861bb)

Brigitte (#ud835286d-4c39-5e4f-8bed-66a8c5557630)

Fatale Hilfe (#u845a5706-4390-5aee-aa05-d007a14b2991)

Thomas B (#u46586223-9bba-5072-b496-fa809ff59611).

Wenn ein Gewitter kommt (#ua827ee20-0b6b-5cc0-931a-4f055ebc979d)

Otto (#u718fd933-72ed-5b7d-9c97-a277d0efd9d4)

Für Daniel (#uf92c86dd-e940-5c20-afda-7ccd0676bf02)

Robert (#uc524169b-fb76-521d-a651-90e93b6dec37)

Frau Kabunke (#u5ee5081d-6bcc-5832-ae23-145b3a1e8514)

Familie hatten wir so nicht (#uadb7622d-92f4-51a1-80ca-b0cec4926ef9)

Familienleben (#uda4d3592-097f-5d5b-a017-e2a13d2aae83)

Wende (#uf92a2535-ca20-55e2-b064-9817fad43581)

Alltag (#u43b27eb2-0d4d-5518-bdac-3f778611a595)

Eine Begegnung (#uc8534e55-4c33-57c0-9b2a-860ce33e3cca)

Tage, die wie Jahre sind (#uda985af5-a784-5525-81c4-1a9a17880e55)

Der Neue (#u89794c1d-0e31-50e7-9c7c-2810e98531c2)

Karline (#u7131083e-690b-58d9-b104-263a624d58cd)

Kerstin (#u93663b86-83d9-5cf2-a544-a640e6f74b2d)

Späte Einsicht (#uf396d4af-22a0-504b-bbc2-8a4afda91a4f)

Rita, 32, alleinstehend, ein Kind (#ud5fccb4a-869e-5189-bbec-c3993973fd53)

Wo ick großjeworden bin (#u74a25912-6bdb-53c0-8ce9-2d13cd0c73bd)

Lena (#ud5b6e810-d48c-51d6-b8a6-c2f810ea522e)

Wetterwechsel (#u5300f5b9-2ee8-5932-a2fa-0ddb12847d1e)

Wahre Liebe (#u7cda3095-4275-5598-b700-2c987bfc5827)

In der Psychiatrie (#ufeef19ac-8c43-57d4-afbf-2f504a20bd4c)

Friedhof der Vergangenheit (#ub3dfdcd2-8f84-5db0-af1f-1f353bc9b78b)

Josi (#ucf494de6-a756-5e63-b47c-a41046568c08)

Ausbruch (#u745f60bb-1d81-59f5-98c6-83c44af8fd7b)

Nachtangeln (#u2fac48e5-8f0f-563d-a832-04b7dc397040)

Es gibt Tage (#ue212c72c-8c8a-5cb8-8ccd-caffc58d19bc)

Manfred und Moni (#u92720bc9-dbae-5a22-95eb-d47b70023089)

Mein Schutzengel (#u72981b59-1c7b-503a-82d7-a456d76303b1)

September (#uddb47c81-0290-578c-b68d-658df5c08547)

Bis auf den Grund (#u7c797bbb-23a5-5c9c-a69f-3977f6ca1588)

Tina (#u6ab7323a-aa53-589d-b829-415b23bb6a80)

Fluch der Technik (#u7a719ba3-d455-5f96-af76-a59e9e3a8203)

Noch einmal (#u8236f9d2-6755-52f3-b527-abfe879e87a7)

Erwachen (#u7752f8b7-4320-5ae9-bd46-cdebe48b1966)

Böse Geister (#u1df2e7a2-8e8a-5248-bd5f-331adbaf932d)

Früher war mehr Lametta (#ud7488ebf-e458-5cf9-8d20-89255a8bf531)

Herbstlied (#u60500252-abaf-5870-ba0d-ac8a14d419c6)

Fast Spanien (#u1c134475-feab-59b9-8eff-409082e8aefd)

Helena, Paris, Amor und Psyche (#uf757ef01-0565-5c2d-94a2-2e687cd47bda)

Alte Liebe (#u929633ed-2ac6-5923-bc5d-fde0f18c4836)

Es ist ein Stern gefallen (#u16e1e283-d26a-5172-b51d-51e5c8b1767f)

Mama (#u04780a77-f735-5711-824a-bcbaa73ea238)

Nachwort (#u1a80e1a8-75c3-5056-b585-36c5f9e8b640)




VATI ALS KAPITÄN


Heute hatte Vati seinen guten Tag. Er hat mit uns gespielt. Manchmal macht er das; dann kommt er ins Kinderzimmer und verkündet stolz, dass wir miteinander spielen wollen. Natürlich brechen wir in hellen Jubel aus, damit er nicht enttäuscht ist. Wir spielen jedes Mal dasselbe: Seefahrer.

Wir holen die Papiermützen vom Fasching aus dem Schrank. Vati setzt sich eine Kapitänsmütze auf den Kopf und wird gleich ein Stück größer. Er schickt meinen Bruder hinter den Tisch ans Steuer und mich unter den Tisch in die Kombüse. Wir warten geduldig bis Vati uns mit hartem Kommando-Ton zu sich ruft, dann ist das Unwetter dran. Er beschimpft uns, weil wir den Kurs nicht eingehalten haben, schickt uns weg und hält weiter Ausschau.

Wenn Mutti die Tür aufmacht, kriegt sie Arrest. Da macht sie inzwischen Abendbrot. Vati macht das Spiel viel Spaß. Nur das letzte Mal gab es Streit. Mein Bruder hat einfach gefragt, ob er auch einmal Kapitän sein darf. Da war Vati sauer. Er riss sich die Mütze vom Kopf, schmiss sie in die Ecke und rannte wütend aus dem Zimmer. Dabei zischte er zwischen den Zähnen: »Dann spiel ich eben überhaupt nicht mehr mit euch!«

Es dauerte lange, bis er uns verziehen hatte.




FRÜHSCHOPPEN


Mein Vater hat jeden Sonntag mit mir einen Spaziergang zum Frühschoppen zu Jaschinsky’s in die Eckkneipe gemacht. Dort hatte er seinen Stammplatz. Gleich neben der Theke. Nach einer gewissen Weile wurde ich hungrig, wahrscheinlich nach dem 3., vielleicht aber auch 6. Bier; keine Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse meines Vaters.

Onkel Jaschinsky liebte es nicht, wenn ich die anderen Gäste störte und er seinen guten Freund Walter nach Hause schicken musste, damit die leibliche Mutter dem Kind das Mittagessen machen konnte.

Damals wäre es undenkbar gewesen, dass ein »gestandenes Mannsbild«, sich dafür verantwortlich gefühlt hätte. Dazu hatte man ja seine Frau. Mein Vater war keine Ausnahme, er war so wie seine Generation war.

Papa macht Kind mit Mama, Mama bleibt mit Kind zu Hause. Wenn Papa jagen geht, macht sie alles schön für den Jäger. Wenn er mit Beute nach Hause kommt, dankt sie ihm für seine Heldentaten und tut die Suppe auf. Er streicht dem Kind über den Kopf, wenn es brav war, auch mal Mama, wenn er meint, sie hätte es verdient. Papa gibt Mama Küsschen, auch wenn sie gerade nicht will und tut ihr weh, wenn sie es erst recht nicht will. Manchmal hat sie einfach anderes zu tun oder teilt seine Freude an der Freude nicht.

Wenn er laut wird, das Kind in der Tür steht und Mama retten will, lachen beide und tun so, als wäre alles nur ein Spiel. Manchmal wird Papa auch sehr böse, wenn Mama immer öfter nicht so will, wie er. Darauf kann er keine Rücksicht nehmen, sie hat gefälligst ihren ehelichen Pflichten nachzukommen.

Schlimm genug, dass sie immer noch darauf herumreitet, dass er mal mit der Sekretärin was hatte; oder mit der Neuen vom Vertrieb. Da war sie doch schwanger und was hat sie denn erwartet, mit dem Bauch! Schon im 6. Monat war doch die Taille weg, also bitte, das muss sie doch verstehen. Na gut, über die paar Pfund, die sie jetzt noch zu viel hat, da sieht er großzügig hinweg. Sie wird sich doch wohl ein bisschen zusammenreißen können, sonst muss sie sich nicht wundern ... Er ist ja schließlich auch nur ein Mann.

Mama wollte sich nicht weiter wundern, da hat sie eines Tages Kind und einen Koffer genommen und ist in eine andere Wohnung gezogen.

Da hat sich Papa aber gewundert.




LIEBE FÜR EINE MARK


Mein Vati hat mich sicher geliebt. Mit Zärtlichkeiten tat er sich aber sehr schwer. Nie sah ich, dass er meine Mutter nur einfach mal so in den Arm nahm, immer war es ein „Sich-tapsig-Annähern“, „Grobes- auf-den-Hintern tatschen“, zu lautes Gelächter über zotige Witze. Er liebte es, mich abzukitzeln. Aber sein Abkitzeln war meist sehr rüde. Ich fand es nach kurzer Zeit nicht mehr lustig, es tat weh. Ab dem Punkt schien es ihm aber immer mehr Spaß zu machen. Er kannte kein Maß und kein Einhalten, ich hasste es. So wurden Lachtränen oft zu echten.

Er konnte seine Zuneigung schlecht zeigen. Vor allem meine Mutter hatte darunter sehr zu leiden. Er liebte sie aufrichtig und konnte sie deshalb nie endgültig loslassen, auch nach der Scheidung nicht.

Seine Liebe mir gegenüber bewies er auf seine Art. Ich war noch nicht mal 4 Jahre alt, da spielten wir Kinder auf der Straße. Mit bunter Kreide bemalten wir die Geh- und Fahrwege. Damals musste man keine besondere Angst vor Autos haben, 1954 gab es wenige, im Osten noch weniger als im Westen, und die paar, die es gab, fuhren in dieser Nebenstraße selten.

Ich wusste, dass mein Vater zu einer bestimmten Zeit nach Hause kommen würde und sah immer wieder gespannt und sehnsüchtig in diese Richtung. Endlich hielt die Straßenbahn, er stieg aus, ich sprang auf und lief ihm voller Vorfreude entgegen.

Ich streckte ihm meine Arme entgegen, er lächelte, strich mir wuschelig über den Kopf, kramte in seinen Taschen und steckte mir ein Geldstück in die Hand. Ich hatte keine Ahnung, was ich mit dem Geld anfangen sollte, nahm es aber dankbar entgegen.

Dass dieses komische Gefühl im Bauch Enttäuschung war, verstand ich erst später, als alles, wofür er einen belobigen oder bestrafen wollte, mit Geld vergolten wurde. Wenn man etwas falsch machte, musste man 10 oder sogar 20 Pfennige abgeben. Ein nicht aufgehängtes Handtuch, schmutzige Schuhe, beim Einkauf etwas vergessen: es wurde abgerechnet. Für eine gute Zensur oder fürs Auto waschen bekam man etwas.

Als ich ihn ab meinem 12. Lebensjahr fast 30 Jahre lang nicht sehen durfte - weil seine neue Frau es ihm verboten hatte und er sich dem beugte - ersparten wir uns gegenseitig viel Geld.




SCHÖNHAUSER ALLEE


Seit meinem 10. Lebensjahr wohnten wir in Berlin in der Schönhauser Allee. Die Wohnungen hatten wunderschöne große Zimmer mit Stuck an der Decke und, was besonders wichtig war in diesen Zeiten, ein Bad innerhalb der Wohnung. Es gab auch hier Hinterhöfe, dafür aber das volle Leben vorne raus. Da fuhren nicht nur die U-Bahn direkt vor unserem Fenster vorbei, sondern auch die Straßenbahn und Autos in zweierlei Richtungen.

In der zweiten Etage lebten wir in der ersten Zeit mit dem zweiten Mann meiner Mutter und seiner Tochter Christine zusammen. Nachdem er nach 3 Jahren ausgezogen war und Christine später nachholte, blieben meine Mutter und ich in der schönen Altbauwohnung zurück.

Ich wohnte in einem winzigen Kämmerchen, das direkt von der Küche abging. Es war das ehemalige Dienstbotenzimmer mit dazugehörigem Dienstbotenaufgang, der sich als außerordentlich praktisch für heimliche Rendezvous herausstellte.

Wenn meine Mutter nicht unbedingt bemerken sollte, dass mein Freund länger blieb als erlaubt, erklomm er die herrliche Wendeltreppe, die vom Hof direkt in die Küche führte, und so konnten wir unbemerkt miteinander die Zeit verbringen. Bis wir hörten, dass vorne die Wohnungstür aufgeschlossen wurde, dann hatte er gerade noch genug Zeit, um über denselben Weg zu verschwinden.

Gerne schlief ich aber auch bei meiner Mutter, deren Schlafzimmer direkt an der Straße lag. In der Nacht sahen wir die Lichter der Autos über die Schlafzimmerdecke laufen. An den Krach hatten wir uns gewöhnt. Damals ahnte man noch nichts von Langzeithörschäden. Außerdem war der Autoverkehr lange nicht so schlimm wie heute.

So lagen wir oft nachts nebeneinander und konnten uns alles erzählen. Die intimsten Geheimnisse vertrauten wir uns an, stundenlang war sie bereit, mir zuzuhören, das eine oder andere zu- oder abzuraten und kurz vor dem Einschlafen legte sie ihre Hand in die Mitte des großen Bettes, so dass ich mein Gesicht darauf legen konnte. Das gab mir das Gefühl der Geborgenheit und des Verstandenseins, was mich aber nicht davon abhielt, meine Pubertät voll auszuleben, alles besser wissen zu wollen, und ungeduldiger mit meiner Mutter zu sein, als sie es mit mir war.

Aber immer, wenn ich wieder mal auf die Nase gefallen war, wusste ich, wer mir beim Aufstehen helfen würde. Immer wieder meine Mutter.




SCHWÄNZEN


So ab der 2. Klasse verspürte ich – wie Millionen anderer Kinder – nicht immer Lust darauf, jeden Morgen in die Schule zu gehen. So kam auch ich, wie Generationen vor und nach mir, auf die glorreiche Idee, Bauch-, Kopf- oder sonstige Schmerzen zu erfinden. Morgens gejammert half für den ganzen Tag.

Natürlich durfte ich zu Hause bleiben und als erstes war Fiebermessen dran. Was wenig brachte, da ich erst mit 12 Jahren herausfand, dass neben einem geheizten Ofen Fieber zu messen sehr viel sicherer war. In den Jahren bis dahin musste ich mit Bauchschmerzen mein Glück versuchen. Zu meinem Leidwesen glaubte mir meine Mutter nicht immer. Manchmal hat sie Gnade vor Recht ergehen lassen und ich durfte zu Hause bleiben, das aber nur, wenn keine wichtigen Arbeiten anstanden.

Aber meine kluge Mutter hatte eine wunderbare Idee. Sie schenkte mir einen Tag im Jahr, an dem ich ohne Ausreden zu Hause bleiben dürfte. Einfach so. Ab diesem Zeitpunkt überlegte ich jedes Mal, wenn mich die Lust am Schwänzen überkam, ob ich diesen Tag nehmen solle. Aber ... Was wäre, wenn dann noch so ein Tag käme, an dem die Lust aufs Schwänzen viel größer wäre? Und dann wäre der Tag weg! Nein, so hob ich ihn mir jedes Mal wieder auf. Ich kann mich nicht erinnern, ihn je genutzt zu haben. Es hätte ja immer noch ein besserer Tag kommen können.

Mein Mann bot mir vor 2 Jahren an, dass er mir einen großen ganz besonderen Wunsch erfüllen wolle. Mir fiel bisher keiner ein, der so besonders wäre, dass ich ihn einlösen wollte. Dann wäre er ja weg und vielleicht käme dann noch irgendein anderer, viel wichtigerer daher. So blieb er bisher unerfüllt.

Manchmal denke ich, vor einigen Lieben hätte eine Fee kommen und mir Einhalt gebieten sollen. Mit der Aussicht, es käme noch eine nächste, viel bessere, größere Liebe. Ich hätte mir so manchen Irrtum und Kummer ersparen können. Andererseits, wenn ich mich wie als Kind verhalten und immer abgewartet hätte, würde ich heute noch auf die Liebe warten.

Und das wäre verdammt schade, schade auch um manchen gelebten Irrtum.




MEINE GROßELTERN


Meine Großmutter war eine sehr resolute Frau. Mit ihrem grauen Haarkranz, kräftigen Hüften und imponierendem Busen wirkte sie in der kleinen Zweizimmerwohnung noch gewaltiger, als sie war. Sie sprach immer sehr laut, was an der Schwerhörigkeit meines Großvaters lag. Er war klein und schmächtig, wirkte fast demütig neben meiner Großmutter. Seine Stirn war immer in Falten gelegt, was seinem Gesicht einen erstaunten, fast erschrockenen Ausdruck verlieh.

Beeindruckend waren seine mächtig abstehenden Ohren, die er einem entgegenstreckte, wenn er – wieder einmal – kein Wort verstanden hatte. Aber meist machte er sich gar nicht mehr die Mühe, dem Unverstandenen nachzuforschen, er nickte der Einfachheit halber oder brummelte freundlich etwas Zustimmendes vor sich hin. Das wiederum rief den Unmut meiner Großmutter hervor, die nach 50 gemeinsam verlebten Jahren ihren Mann besser kannte, als sich selbst.

Kennengelernt hatten sie sich mit 16. Großvater war ihr Erster und – wie sie betonte – Letzter. Mit 18 heirateten sie. Großvater arbeitete sein Leben lang bei der Bahn als Beamter. Daran änderte auch der Krieg nichts. Man befand ihn als zu klein für einen deutschen Soldaten. Ich habe nie gehört, dass er das in irgendeiner Weise bedauert hätte. So lebten meine Großeltern ein Leben, in dem sich nur die Jahreszeiten änderten. Jeden Morgen, nachdem Großvater seine Mehlsuppe gegessen hatte, ging er zur Arbeit, begleitet von den wohlwollend ermahnenden, lautstarken Worten meiner Großmutter.

Er solle nicht vergessen, die Brote aufzuessen, vorsichtig über die neue Kreuzung zu gehen und die Mütze nicht wieder liegen zu lassen. Wenn er weg war, räumte Großmutter die Wohnung auf, schwatzte zwischendurch ausgiebig mit der Nachbarin über die Nachbarn, ging einkaufen und kochte für den Abend vor.

Punkt 15 Uhr trank sie eine Tasse Kaffee, legte danach die Schürze ab und zog sich eines der beiden festlichen Kleider an, die sie besaß, beide großgeblümt, aus leichtem Stoff in hellen Farben. Dazu eine Bernsteinkette, nur sonntags die mit den Perlen. Sorgfältig kämmte sie ihr Haar und wirkte ab 15.30 Uhr um Jahre jünger. Immer wieder sah sie kurz in den Spiegel, öffnete dann das Fenster, legte ein Kissen auf die Fensterbank und blickte erwartungsvoll die Straße entlang, als würde etwas ganz Ungewöhnliches geschehen.

Punkt 16 Uhr bog Großvater um die Ecke und sah gespannt nach oben. In diesem Moment jubelte Großmutter ihm ein, durch heftiges Winken begleitetes: »Huhu!« entgegen, das Großvater mit einem kurzen Heben der Hand beantwortete. Dann eilte sie zur Wohnungstür, um seine Schritte auf der Treppe zu verfolgen, ihn begeistert in die Arme zu schließen, als hätte sie ihn wochenlang nicht gesehen und auch nicht mehr mit seiner Rückkehr gerechnet. Undenkbar für uns, dass sie einen anderen Mann auch nur angesehen hätte.

Erst auf ihrem Sterbebett erwähnte sie einen Offizier, mit dem sie einmal spazieren gegangen sei. Natürlich war da nichts weiter, aber ein ruhiges Gewissen habe sie erst jetzt, wo sie es endlich gebeichtet habe und auf Großvaters Vergebung hoffe. Sie hatte viel leiser gesprochen als sonst. Großvater schwieg und lächelte, wie er meist lächelte, wenn er nichts verstanden hatte.

Nach Großmutters Tod hatte Großvater plötzlich viel Zeit. Er kümmerte sich nur noch um seinen Garten, der am Rande der kleinen Stadt lag. Jeden Tag ging er in die Laubenkolonie, versorgte seine Blumen; und bog Punkt 16 Uhr um die Ecke seiner Straße.

Immer noch den Kopf erwartungsvoll nach oben gerichtet.




Familientisch


Noch einmal am Familientisch

mit Vaters Sonntagsbraten

er hat von seiner Weihnachtsgans

nie das Rezept verraten.

Noch einmal satt mit dem Glas Wein

in Mamas Sessel fallen

willkommen und verstanden sein

der schönste Platz von allen.

Es lebe der Familientisch

er soll noch lang bestehn

weil immer einer vor der Zeit

aufstehn muss und gehn.




MEINE GROßELTERN II


Meine Großeltern hielten es für selbstverständlich, dass die Familie sie regelmäßig besuchte. So mussten wir sonntags zum Kuchenessen und Doppelkopfspielen antreten: »Oh, bist du groß geworden! Bist du auch brav?!«, riefen sie jedes Mal fast wie aus einem Munde und umarmten mich heftig.

Über die Welt wurde da nicht groß geredet. Meine Mutter versuchte manchmal von ihrer Arbeit zu erzählen, von den bedrohlichen Geschehnissen in der Welt, die doch alle beschäftigten, oder wie wichtig es ist, sich für den Frieden einzusetzen. Meine Großeltern schauten sie nur gelangweilt an, zumal sie der Meinung waren, Frauen sollten sich nicht mit diesen Dingen beschäftigen. Gut kochen können und lieb zum Ehemann sein, das genügte voll auf.

»Ja, Krieg ist schlimm«, klagte meine Großmutter einmal. »Wir haben auch Opfer für den Krieg gebracht: jeden Monat fünfundzwanzig Mark für einen Bauernhof in der Ukraine, den wir dann nie gesehen haben!« Das Gesicht meiner Mutter verzog sich.

»Und was wäre aus den Bauern geworden, die vorher ihr Zuhause dort hatten?« Meine Großmutter winkte ab »Na, die kannten wir ja gar nicht, hätten die auch nie zu sehen bekommen.«

Meine Mutter schaute sie einen kurzen Augenblick unverwandt an, schluckte zweimal, sah den drohenden Blick ihres Mannes, der kein Wort gegen seine Eltern duldete, es sei denn, es kam von ihm.

Dann wandte sie sich an meinen Großvater und fragte ihn so freundlich wie möglich: »Was machen denn deine grünen Bohnen dieses Jahr? Sofort sprang meine Großmutter auf. Und noch bevor mein Großvater richtig antworten konnte, kam sie mit einer Tüte grüner Bohnen aus der Küche.

»Hier, Mädel, sowas gibt es nicht zu kaufen! Koch deinem Mann mal was Schönes«, und dann mit liebevollem Blick zum Großvater, »Gut, dass wir wenigstens unseren Garten haben!«

Wir sind an diesem Sonntag nicht mehr lange geblieben.




EINE FRANZÖSIN


Ich war etwa 11, als ich wieder einmal einen Sommer mit meiner Mutter im Schriftstellerheim am Schwielowsee verbrachte. Ich wollte mit meiner Freundin Ilona in diesem Jahr etwas ganz Besonderes unternehmen. Vielleicht wollte ich auch nur mein schauspielerisches Talent ausloten, jedenfalls beschloss ich bei einem Spaziergang die Chaussee entlang spontan als Französin aufzutreten. Innerhalb der Villa im Schriftstellerheim, vor all den Leuten, die mich seit Jahren kannten, ging das schlecht. Aber man könnte ja außerhalb des Grundstückes fremden Leuten begegnen.

Es dauerte auch nicht lange und unser Flanieren stieß auf die Neugier ebenso gelangweilter junger Motorradfahrer. Die hielten neben uns und wollten ein Gespräch anfangen.

Glücklicherweise sahen wir etwas älter aus und so glaubten sie meine Geschichte, dass ich, eine Französin, gerade frisch in Deutschland angekommen sei. Ilona erstarrte vor Schreck und ich hatte Angst, sie könnte uns alles vermasseln mit – was weiß ich – haltlosem Gekicher oder anderen verräterischen Äußerungen, so erklärte ich spontan, dass meine Freundin stumm sei und beeindruckte die Jungs mit meinem charmanten Akzent, den ich früher schon immer mal wieder ausprobiert hatte.

Wir verabschiedeten uns schnell, versprachen aber uns am nächsten Tag an gleicher Stelle wieder einzufinden. Ilona erklärte mich für völlig verrückt und ich ihr, dass sie morgen unbedingt wieder mitkommen müsse. Sie dürfe auch wieder schweigen. So zogen wir am nächsten Tag los.

Ich weiß nicht mehr, worüber wir uns unterhielten. Wahrscheinlich habe ich von meiner fantastischen französischen Heimat geschwärmt. Ilona verdrehte ab und zu französisch die Augen. Plötzlich hielt ein weiterer Motorradfahrer neben uns und verkündete, dass er eine tolle Überraschung für uns hätte. Französische Landsleute, mit denen wir uns am nächsten Tag treffen könnten. Tolle Überraschung. Ich wurde blass, versprach aber zu kommen.

Natürlich erschienen wir am nächsten Tag nicht. Stattdessen wagte sich einer der Jungs auf das Gelände des Schriftstellerheims und fragte nach der Französin. Keiner konnte ihm weiterhelfen. In dem Moment trat ich aus der Tür. Er sprach mich an, aber ich tat höchst erstaunt und behauptete, ihn noch nie gesehen zu haben.

»Ach, du meinst vielleicht meine französische Zwillingsschwester!?« Und ich erzählte ihm eine aufregende Geschichte von den Zwillingen, die als Babys getrennt wurden. Die eine, die mit dem Vater nach Frankreich ging und ich, die ich mit der Mutter in Deutschland blieb. Er schien nicht sehr überzeugt zu sein.

Meine Mutter war es, die mich mal wieder rettete. Eigentlich wollte mich ja unser Heimleiter etwas auflaufen lassen und sich unwissend stellen, aber weder er, noch meine Mutter, brachten es letztendlich übers Herz, mich hängen zu lassen. So kamen sie dazu und bestätigten meine abenteuerliche Geschichte.

Dann wurde der arme Junge des Hofes verwiesen und ich war vor einer Totalblamage gerettet.




Nachbars Sohn


Links die Schrankwand mit drei Büchern

in der Mitte steht der Tisch

dass die Sitzecke grad rumpasst

die Plasteblumen sehen aus wie frisch

wenn man Gläser nimmt, gibt’s Deckchen

dass es keine Ränder macht

und der Fernseher, der flimmert

bis Vater irgendwann erwacht.

Und draußen riechts nach Feuer

man fiebert, da vibriert die Luft

da ahnt man schon die Abenteuer

und Frauen mit verruchtem Duft

dahin geht manche Sehnsucht

verliert sich in der Nacht

ein Gutenachtkuss von Mama

dann wird die Türe zugemacht.

Morgens Müsli, für Vati Schinken

der trinkt den Kaffee im Stehn

zwei, drei Worte, wer was tun soll

weil wir uns erst abends sehn

Küsschen auf die linke Wange

nicht, wie man’s aus Filmen kennt

und man träumt von Marilyn Monroe

die man erst noch Mama nennt




RUMMELZEIT


Anfang der 60er-Jahre zog ein Rummel auf den Arkonaplatz im Prenzlauer Berg. Meine Freundin Ev und ich mussten natürlich unbedingt hin. Nicht wegen des Kettenkarussells oder des kleinen Riesenrads, was wahrscheinlich extra klein gehalten war, damit man in der Höhe nicht über die bewachte Berliner Mauer gucken konnte. Aber das reizte uns sowieso weniger.

Die Walzerbahn war es. Die Walzerbahn, bei der sich die Wagen auch noch um sich selbst drehten. Der Clou waren die dazugehörigen jungen Männer, die uns sehr beeindruckten, da sie während der Fahrt aufsprangen, kassierten und die einzelnen Wagen höchstpersönlich anschubsten. Die sahen fast alle auch noch gut aus, rochen nach Abenteuer, Reiselust und Verwegenheit. Was insofern komisch war, weil sich ihre Weltläufigkeit auf die Rummelplätze zwischen Suhl und Rügen beschränkte.

Trotzdem reizte es uns, vielleicht um irgendetwas zu finden, was wir selbst nicht benennen konnten. Meine Mutter bat mich, nicht hinzugehen, zumal sie wusste, dass sich auf dem Rummel immer ein Pulk von jungen Männern traf, vor denen man sich als junges Mädchen in Acht nehmen sollte. Das überzeugte mich nicht. Ich versprach ihr trotzdem, mich ihrem Wunsch zu beugen. Aber die Versuchung war zu groß. So zogen meine Freundin und ich heimlich los.

Obwohl wir Stunden damit verbracht hatten, uns schick zu machen, ignorierten uns die Jungs von der Walzerbahn. Stattdessen kamen jene Jungs, vor denen mich meine Mutter gewarnt hatte. Diese hatten zwar keine langen Haare, keinen Parka oder Jesuslatschen, damals für viele der Inbegriff der Anarchie. Sie machten durch ihr Auftreten Angst. Erst kamen ein paar dumme Sprüche, dann rückten sie schon als geschlossener Pulk näher an uns ran, mit anzüglichen Worten, denen wir noch nichts entgegenzusetzen hatten.

Nun sahen meine Freundin Ev und ich nicht wie 13 aus und bemühten uns auch älter zu wirken. Man glaubte uns die 15/16 Jahre sicher. Als die Jungs mit ihren »Späßchen« nicht auf die erwartete Reaktion stießen, sondern auf unsichere Gegenwehr, wurden sie grob.

Einer riss mir die Kette vom Hals. Die hatte ich gerade geschenkt bekommen, eine silberne Kette mit einem Käfig, in dem ein Vogel saß. Ich liebte sie sehr. Und ohne diese Kette hätte ich nicht nach Hause gehen wollen. Als alle Schreierei und Diskussionen nicht halfen, kam einer der Jungs mit dem Ultimatum, dass ich die Kette am nächsten Tag zurückbekäme, wenn ich nach der Schule in den Park gegenüber käme.

Was sollte ich machen? Ich willigte ein. Einen Tag konnte ich den Verlust der Kette vielleicht verbergen. Zuhause verschwieg ich mein Problem und verbrachte die Nacht damit, mehrere Gebete an sämtliche Götter zu schicken, dass ich ohne Probleme meine Kette zurückbekäme. Dann, so schwor ich, würde ich in meinem Leben nie wieder einen Rummel betreten.

Am nächsten Tag gingen wir heldenhaft zu diesem Treffen. Noch heute Dank an meine treue Freundin Ev, die am liebsten zu Hause geblieben wäre, mich aber nicht allein lassen wollte. Die Jungs erschienen wieder als feixende Horde, die um uns herumschlich, wie eine Löwenherde um die Gnus. Wir hatten schreckliche Angst, da im weiteren Umkreis kein Erwachsener zu sehen war.

Nach etlichen Annäherungsversuchen, die wir abzuwehren versuchten, hatten die Jungs begriffen, dass wir alles andere, als sich zierende Sexobjekte waren. Sie versuchten noch einen kleinen Vorstoß und verlangten, dass ich ihren Anführer küssen sollte. Es half nichts, ich musste es tun.

Da ertönten in der Ferne Stimmen und in noch weiterer Ferne eine Polizeisirene. Einem guten Einfall folgend, tat ich so, als würde ich einen Schreck kriegen und rief: »Oh Gott, jetzt hat meine Mutter doch die Polizei geholt!«

Da hatten es alle auf einmal sehr eilig. Und ich hatte meine Kette zurück. Total erleichtert rannten wir zu mir nach Hause. Dort erwartet uns schon meine Mutter mit diesem Blick, den ich bis heute nicht ertragen kann. Der Blick zwischen Enttäuschung und Verletztsein, den ich gerne gegen einen Wutanfall ausgetauscht hätte.

»Wo wart ihr?« Letzte Chance, die Wahrheit zu sagen. »Ach, nirgends, sind nur so rumgelaufen.« Chance verpasst, falsche Antwort. Als falsche Aussage erkannt. Noch einmal nachgefragt, wieder die Chance verpasst. Dann bekam ich die erste und letzte Ohrfeige meines Lebens. Ev erstarrte. Alles hätte sie erwartet, aber das nicht. Dabei zischte meine Mutter noch: »Ich weiß, wo ihr euch aufgehalten habt.« Ich kam nicht einmal dazu, darüber nachzudenken, woher sie das wissen konnte, fragte auch nicht. Der Schock saß. Ich heulte, rannte weg und Ev hinterher.

Danach sagte meine Freundin, dass ich eigentlich froh sein könne, denn bei ihren Eltern sei dieses Verhalten Alltag und sie viel zu tun hätte, sich über eine einzelne Ohrfeige aufzuregen. Geschämt haben wir uns trotzdem.

Nach einer Weile, ich war immer diejenige, die länger schmollte, kam meine Mutter in mein Zimmer. Ich erzählte ihr alles und wir lagen uns weinend in den Armen. Ihr tat alles ebenso leid wie mir. Es war die einzige, aber wohlverdiente Ohrfeige meines Lebens. Später gab meine Mutter zu, dass sie eigentlich gar nichts gewusst hatte und ihr nur mein auffällig unauffälliges Verhalten aufgefallen war.

Eine Mutter sieht so etwas eben.




UNTERM MAGISTRATSSCHIRM


Wenn mich einer fragt, was ich an Berlin am meisten liebe, fallen mir nicht die Rathauspassagen, der Fernsehturm oder die gewiss sehr imposanten neuen Hotels ein, sondern die Schönhauser Allee. Nicht deshalb, weil ich Häuser mit Vergangenheit den Neubauten vorziehe. Jedenfalls nicht nur deshalb.

Wenn ich in die Schönhauser fahre, und das tue ich in gewissen Abständen, bekomme ich dieses Herzklopfen, das alle Leute kennen, die nach längerer Zeit den Ort ihrer Kindheit besuchen. Das ist für mich die Schönhauser.

Als ich 8 war, sind wir hingezogen. Zwei Jahre später hatte ich meinen ersten Freund. Gerd Galantowitsch hieß er und ging, wie ich, in die 5. Klasse. Sein Vater besaß eine »Bügelanstalt« am Ende der Schönhauser. Ich stand oft vor dem Fenster und sah zu, wie er das dampfende, zischende Bügelding bediente, dessen richtigen Namen ich bis heute nicht weiß. Inzwischen ist eine Schnellreinigung an ihre Stelle getreten.

Auch den winzigen Gemüseladen gleich daneben gibt es nicht mehr, und nicht den dazugehörenden Lagerraum, in den ich mich mit meiner Mädchenbande flüchtete, verfolgt von Gerd Galantowitsch und seinen Freunden.

Die alte Ladenbesitzerin kannte uns alle, verteilte erst einmal Äpfel und vermittelte dann, als der Abgeordnete der Jungs ein Ultimatum stellte: »Entweder ist Kirsten wieder die Freundin von Gerd, oder wir warten vor dem Laden, bis die Mädchen rauskommen und verprügeln sie alle!«

Aber ich hatte meinen Stolz. Galantowitsch hatte tags zuvor mit meiner Todfeindin Renate zu lange gesprochen. Das forderte Rache. Die alte Gemüsefrau öffnete uns eine Seitentür zum Hof und wir entkamen.

Die kleinen Läden liebte ich besonders an der Schönhauser. Da gab es zum Beispiel die beiden Schwestern, denen die Drogerie gehörte. Ein winziger Kramladen, zu dem drei gefährliche Stufen hinunterführten. Öffnete man die Tür, schlug eine Glocke an, und die beiden Schwestern lächelten verbindlich. Immer bediente die Ältere die Kasse; die Jüngere holte die Kartons mit Waschpulver aus dem Lager und hielt ein kleines Schwätzchen mit den Stammkundinnen.

Ein paar Häuser weiter wohnte der Dichter, meine erste große Liebe. Heute wie damals sehe ich zu seinem Fenster hinauf, wenn ich dort vorbeigehe. Ich weiß auch die Stelle noch, wo ich am Straßenrand stand und mich aus Liebeskummer vor ein Auto werfen wollte, so, dass er’s sieht!

Außer einem wütenden Autofahrer ist nichts passiert. Für Momente klopft das Herz wie damals.

Manchmal gehe ich unter den Magistratsschirm. So nennen die Berliner das eiserne Gerüst, auf dem die U-Bahn hoch über der Schönhauser durch die Allee donnert. Dort warte ich, bis ein Zug kommt. Dann schreie ich, so laut ich kann, und genieße wie als Kind das Gefühl, dass keiner mich hört.




Frühling in der Schönhauser


Mich weckt das Lärmen der erwachten Stadt

der letzte Schnee ist heut schon erster Tau

der Frühlingswind, der fegt den Himmel glatt

und Regen wäscht den Morgen nebelblau!

Ich komm erwartungsvoll aus meinem Haus

und trage endlich wieder Minirock

die Nachbarin schaut aus dem Fenster raus

und unterhält sich mit der Frau vom vierten Stock!

Die Leute stehen an der Ecke Schlange

nach ersten Veilchen und Vergissmeinnicht

ich warte heut auf dich besonders lange

denn ohne Blumen kommst du sicher nicht!




DER MATHELEHRER


In der 8. Klasse bekamen wir einen neuen Mathelehrer, jung, schlank, gutgelaunt und gutaussehend. Wir Mädchen waren hin und weg. Sofort verbesserten sich unsere Zensuren in dem ansonsten eher verhassten Fach. Ich schaffte es, innerhalb eines Jahres von der 4, die ich meist nur mit Mühe erreichte, auf eine 3. Alles für ihn. Und die Aufregung vor oder nach seinem Unterricht. Wen von den Mädchen hatte er öfter angesehen und welches Mädchen gar nicht, was ja besonders auffällig war.

Das Beste: Er war nicht verheiratet. Das gab es doch immer mal wieder, dass Lehrer sich in ihre Schülerinnen verliebten. Aussichtslos schienen unsere Chancen also keinesfalls.

Aber wie ihm näherkommen? Da kam uns der Einfall, eine Party zu organisieren, zu der er eingeladen wurde. Ich flehte meine Mutter an, dass diese bei uns stattfinden könnte. Sie war einverstanden.

Die Vorbereitungen waren aufregend. Den Jungs aus unserer Klasse gingen wir mit unserem Getue ziemlich auf die Nerven, aber auch sie fanden die Sache toll. Nach etlichen Überredungsversuchen sagte Herr Meinhard zu. Meine Mutter versprach uns sogar ein kaltes Buffet und verabredete sich mit ihrer Freundin; dann hätten wir unsere Ruhe.

Am Abend der Party waren wir völlig überdreht vor Erwartungen. Mit welcher von uns würde er zuerst tanzen und wie lange. Endlich trafen die ersten Jungs und Mädchen ein und früher als erwartet auch unser Lehrer.

Bevor meine Mutter die Wohnung verlassen konnte, begrüßte er sie und verstrickte sie sofort in ein philosophisches Gespräch. Die Musik wurde gestartet und die Jungs saßen gelangweilt in den Ecken. So begannen wir Mädchen allein zu tanzen, möglichst nah um unseren Lehrer herum. Stundenlang redete der weiter mit meiner Mutter. Und nicht nur das, er flirtete sogar mit ihr. Was uns vollends empörte.

Irgendwann stand meine Mutter endlich auf, verabschiedete sich und er ergriff die Gelegenheit und verschwand ebenfalls. So mussten wir tief enttäuscht den Abend mit den Jungs aus unserer Klasse verbringen.

Als ich später neben meiner Mutter im Bett lag, sagte sie, dass es ihr leid täte, aber sie hätte leider nicht anders handeln können; denn, wenn sie vorher aufgestanden wäre, dann wäre auch Herr Meinhard gegangen. Das war mir dann auch klar.

Dieser Abend war noch lange Gesprächsthema bei der Erörterung, was hätte sein können, wenn ... Im nächsten Jahr verkündete er offiziell seine Verlobung mit unserer Sportlehrerin, die wir daraufhin nicht mehr besonders mochten. Das war’s aber auch mit unserem Bemühen um gute Mathe-Noten.




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