Gottes Herz für dein Dorf
Johannes Reimer


Kaum ein anderes Thema verursacht in Deutschland in Sachen Gemeindeentwicklung so viel Skepsis wie Gemeindebau auf dem Land. Kaum ein Pastor zieht noch begeistert aufs Land. Funktioniert Gemeindearbeit auf dem Dorf überhaupt noch? Gibt es nicht auf dem Land genug Kirchen, die nicht funktionieren, weil die Menschen nicht mehr hingehen oder sich aufgrund demografischer Gegebenheiten zu einer Kirche in der nächsten Stadt orientieren? Ist ländliches Gemeindewachstum also ein Relikt aus vergangener Zeit?

Aus eigener Erfahrung weiß Johannes Reimer, auf dem Dorf Gemeinde zu bauen und zu leben, funktioniert! So lautet daher auch die ermutigende Botschaft dieses Buches. Doch die Kirche muss sich dafür verändern. Auf dem Land wird sie sich künftig viel mehr um den Alltag der Menschen bemühen müssen als um die Durchführung eines traditionellen Gottesdienstes. Reimer ist überzeugt: Kirchliches Leben muss sich viel stärker außerhalb eines dörflichen Gemeindezentrums abspielen. In diesem Buch zeigt er neue Ideen und Strategien dazu auf.







Johannes Reimer ist Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach, Professor Extraordinarius an der Universität von Südafrika und leitet das „Netzwerk für Frieden und Versöhnung“ der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA). Er ist verheiratet mit der Pädagogin Cornelia Reimer, hat drei Kinder und lebt in Bergneustadt.


JOHANNES REIMER

Gottes Herz

für dein Dorf

Ideen und Strategien für Gemeinde auf dem Land









Inhalt


Cover (#uafd3857f-a446-505d-a1db-5958e0c1e31a)

Titel (#ub5c30ff6-a6e6-5040-bd02-611c6728fd95)

Impressum (#u2ea2465e-e46e-5211-98a7-ee6417efb06c)

Vorwort (#u2156a636-d1d0-5920-8007-4e2a69eb2d9f)

Abkürzungen (#u2dff9e8e-b1fc-5371-9109-a6462444a61e)

Kapitel 1  Auf dem Land geht nichts, oder? (#u1b0056ea-2791-5aff-ac8b-577fdcbbb2e7)

1.1.Gemeindebau auf dem Land – ein Relikt aus vergangenen Zeiten? (#ub09d3ac5-2492-46cd-928b-637a53ed8fb7)

1.2.Lasst die Kirche im Dorf, aber wie? (#udd362f43-19f6-436a-8392-dc3582a99319)

1.3.Die Chancen stehen gut (#u5d58a538-f5a7-47b6-9294-b771bb2e47ce)

Fragen zum Nachdenken (#uc0f283ef-7cc4-4815-aa1c-aae604c26d9b)

Kapitel 2  Der ländliche Raum und Kirche (#u5983c553-ccb3-5968-b161-c424fba4c2d8)

2.1.Was ist unter „Land“ zu verstehen? (#u9ae88f19-9182-4e08-a9ae-14e356c07a4f)

2.2.Was ist wichtig auf dem Land? (#u704032a4-baa7-498a-b25f-cec24833e78f)

2.3.Menschen und Gemeinschaft (#u80ed6359-e262-49d8-b236-aabe52d2b10c)

2.4.Typen ländlicher Räume und Gemeinden (#uc72231b4-f50d-4251-bd06-6f2063f48d2f)

2.5.Kirche auf dem Dorf (#u9436cb39-f61a-4d42-96d0-062a4e858481)

Fragen zum Nachdenken (#ue58fbbf1-a19b-47ee-a472-a2c3d15a1c05)

Kapitel 3  Dorfgemeinde – Begriff und Wirklichkeit (#u6ae660e9-0b71-5b84-971d-a8c8468f6ce1)

3.1.Dorfgemeinde – was ist gemeint? (#ubec76b78-4317-4062-b8df-99939791ff32)

3.2.Erwartungen an die Dorfgemeinde (#u0db250fc-1994-43dd-ab57-655dce543e76)

3.3.Wir hatten einen Traum (#ua287d00c-9c75-4399-aa1c-ae6df3747f1a)

Fragen zum Nachdenken (#u87440e85-807b-4d61-b7d0-33c7d7616ea2)

Kapitel 4  Gemeindeaufbau im ländlichen Raum (#ub2882c01-d92e-5b82-8dcd-6174008256dd)

4.1.Gemeindeaufbau verstehen (#ufbd3f607-79cf-4ae6-a0eb-fa0fb6bf3226)

4.2.Gemeindegründung und Gemeindepflanzung (#ufbee1d3a-8454-4f8f-bacb-76985983adb0)

4.3.Gemeindeaufbau, -entwicklung und -wachstum (#u6c143995-6f8e-4a93-a96d-750189b9f758)

4.4.Gemeindeaufbau auf dem Land als Fortpflanzungsprozess (#u9b5f5132-eb59-4c40-bedf-e05cea8054f6)

4.5.So bauen andere (#u64a0c3af-eaa7-4b8d-874e-92829a270ef9)

4.5.1.Ortsbezogen oder überörtlich (#u64a0c3af-eaa7-4b8d-874e-92829a270ef9)

4.5.2.Integriert und wachsend (#u82b79651-15f0-4ae3-8b85-e4b2969f15f4)

4.5.3.Alter Inhalt – neue Formen (#u0fb71665-d54e-408e-b20a-19811ff0f383)

Fragen zum Nachdenken (#u33703b85-480e-4635-a3ce-cac079d5c354)

Kapitel 5  Gemeinden, die das Dorf verändern (#u900b8f9b-0e17-5bc3-97eb-4f70938a0523)

5.1.Nahe bei den Menschen (#u7c4869b1-f928-4a42-80f1-6c6ffe4ef991)

5.2.Mit den anderen für Dorferneuerung (#u5602ad74-a2c9-493f-a827-636cd141286c)

5.3.Wo können und sollen sich Christen engagieren? (#ud13ae28b-aaf2-4f78-886c-e56e4b39e66b)

5.4.Ganzheitlich transformieren (#u192f1b66-9015-40b0-ade1-a6dc9304c05a)

Fragen zum Nachdenken (#ua14e2625-0506-4f57-a513-5c83bd76b696)

Kapitel 6  Bausteine auf dem Weg zur Landgemeinde (#u7769b883-53ce-5d31-b282-dda876b838b8)

6.1.Flexibel und doch mit beiden Füßen auf der Erde (#u6abbf23a-31e4-4ee7-96bb-f45f63e05d71)

6.2.Von den Briten lernen (#u30f51f9a-f2d9-4a34-a62b-07c43a63a883)

6.3.Eine Gemeinde – viele Gottesdienste (#u7253cc15-6ad7-4ba7-b19a-633f57177c49)

6.4.Land-Dorf-Netzwerke (#u4c710b67-c24c-42e9-bd31-d59f9d0c0fd1)

6.5.Eine internationale Dorfgemeinde (#u675e4057-7851-475b-97c0-b1b0ac9cde95)

6.5.1.Diasporale Gemeinschaften – was ist gemeint? (#u675e4057-7851-475b-97c0-b1b0ac9cde95)

6.5.2.Diasporas – eine neue Perspektive für Mission (#u5043fd7e-ea3c-4b6e-a0e8-d7505e8ee149)

6.5.3.Die ethnokonfessionelle Falle (#uc42afcf1-24b1-405e-96d4-4b894b017e87)

6.5.4.Gemeinde für die Völker im Dorf (#u96b973a1-f6c5-4110-b9f5-3c87606da3fb)

6.6.Familie als Ziel und Agent des Gemeindeaufbaus (#u28632b6b-9700-42f5-87f1-8e1d03a5a45a)

6.6.1.Familie – Herz des Gemeindeaufbaus (#u28632b6b-9700-42f5-87f1-8e1d03a5a45a)

6.6.2.Gemeindekultur als Beziehungskultur (#ua8b43561-464a-4e8a-b59c-421b5672d95d)

6.6.3.Die Struktur ist wichtig (#u87a510d3-c726-4c5b-af15-57557f1a1e1b)

6.6.4.Familie als Anliegen der Mission (#ud2779a06-a601-448f-aa53-04bc17cc9842)

6.6.5.Familie als Träger der Mission auf dem Land (#u6b97355c-8687-43a1-a84d-593427c07832)

6.6.6.Glauben wachsen lassen (#u4813ddce-12a7-4d44-b88a-a8384a9f965b)

6.6.7.Wie wird Gemeinde zu einer familienzentrierten evangelistischen Gemeinde? (#u33c02f5e-3003-4876-838f-5273e48e1d25)

6.6.8.Eine Familienakademie verändert alles (#ubfd090f5-9956-4c69-ba94-d1a08024a558)

6.7.Bausteine im Gemeindeaufbau auf dem Land (#u53b2fad0-0387-472f-ba47-1007c75f7123)

Fragen zum Nachdenken (#u984b1d35-65ec-4523-b0f0-77b9a7b5abe4)

Kapitel 7  Gemeindeaufbau durch eine einsatzfähige Gemeinschaft (#u9b4fb99e-1137-5542-a62c-400fd3f9480f)

7.1.Gott baut seine Gemeinde durch Jünger (#uc6482d4f-2186-40ca-aef7-c6cd012f65a7)

7.2.Familie – Basisagent für den Gemeindeaufbau (#ua92a3346-2916-49cf-997b-4c3ee797d3e5)

7.3.Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst (#ubdc85d64-2a7e-498b-919e-ca19ae56204e)

7.4.Familien-Cluster als Trainingszelle (#ua6b92735-6674-4508-b66d-4366ce4a21be)

7.5.Die lokale Gemeinde ist wichtig (#u3ef24f9a-b61a-4f47-9bd7-ec3ef23ff242)

Fragen zum Nachdenken (#uf4c1198e-e324-4907-819c-78f3aae5dd28)

Kapitel 8  Evangelisieren, wo jeder jeden kennt (#uc37f0c19-e0fd-5197-91cc-f0c4a651d3ae)

8.1.Ohne Evangelisation geht es nicht (#u903c81ed-b92f-42f8-9269-a1252cb2bff6)

8.2.Evangelisation durch gute Nachbarschaft (#u3590cefa-715a-4c91-8aab-b8e06c310311)

8.3.Familienevangelisation in der Praxis (#u383ea221-045a-4ba3-a449-2d2bb57b0c87)

8.3.1.Nachbarn werden Freunde (#u383ea221-045a-4ba3-a449-2d2bb57b0c87)

8.3.2.Auch Nachbarn brauchen mal Hilfe (#u7eacd15d-7f20-4b82-a277-08887e9ca399)

8.3.3.Helfen, wo ein Wunder gebraucht wird (#ub1029e70-05f3-43bc-97a1-465d6b9e82ae)

8.4.Anbindung an die Gemeinde ist wichtig (#ufdea7941-c73a-4695-b50e-582e461377a3)

8.4.1.Gemeide hilft (#ufdea7941-c73a-4695-b50e-582e461377a3)

8.4.2.Der Freund meines Freundes ist auch mein Freund (#u4b736004-3f13-4c2a-abb1-812cbbe262fe)

8.4.3.Ich kenne da einen (#u3e30a9f4-2a27-473d-b7da-63dd6a470963)

8.4.4.Heute einmal kinderfrei (#u5ef724d0-105c-4a8f-b8d2-63893374e52a)

8.5.Unsere Kirche braucht Hilfe (#u1e02d503-4342-49e3-894a-bcfcecf55196)

8.6.Wir haben da eine Möglichkeit (#ubc0fbfa8-ba3d-4109-8b70-4de7d087c7d1)

8.7.Vom Freundestreff zum Gemeindeangebot (#u1e287704-22e2-47cc-99f7-93d053bb19f5)

8.7.1.Gemeindeanbindung im Visier (#u1e287704-22e2-47cc-99f7-93d053bb19f5)

8.7.2.Gemeinwesen-Mediation (#u28f67c3e-0d0b-4043-89bb-4d264186c235)

8.7.3.Lebensberatung und -begleitung (#u3c4c9160-25cf-4fc7-86d2-c5653a84d1c0)

8.7.4.Aus der Kreativ-Werkstatt der Landgemeinde (#ud1498985-b38b-4cad-91ba-b5c0047bfe13)

8.8.Vom Erlebnis zum Gespräch (#u56c54c4f-faeb-462e-840a-41e83e7be138)

8.9.Vom Gespräch zur Entscheidung (#ud511005a-24fe-40e0-a387-8dd966c979f8)

8.10.Von der Entscheidung zur missionalen Familie (#u06f4a267-c41d-44d2-8aae-c8a0529561f8)

Fragen zum Nachdenken (#uc19e786c-3aba-449f-93e2-da086e6861b6)

Kapitel 9  Dorf braucht Gemeinde (#uf0c42773-cfe5-505a-a0fd-efd94ae07fe1)

9.1.Zukunft auf dem Dorf? (#ue6a2ed63-afe9-4612-83b9-3a76cab6d2a4)

9.2.Auf das Gemeindeverständnis kommt es an (#ub0c2cca3-defb-4f97-a0fa-ad87a1dc5a7f)

9.3.Vielfalt als Bereicherung (#u43be0bde-f39f-48d8-809a-43c15d8618b6)

9.4.Gottesdienst als die Mitte der Gemeinde (#u4b84e14a-a7fe-405c-a3a6-e17ef68c1b1c)

9.5.Neue Strukturen wagen (#uf2d2abe5-4b5f-49e5-8404-04561b9fa31e)

9.6.Neue Leiter braucht das Land (#u8f61fe00-9bd9-44ed-b3da-7abf4c412804)

9.7.Mit den Menschen – Gemeinde im ländlichen Netzwerk (#uf14a0929-ba61-4341-98b5-71ef5d141dab)

9.8.Entscheidungsfreudig bleiben (#ueb4eacfe-68f1-4bc2-a974-c0af8413e030)

Fragen zum Nachdenken (#u1ce69402-9d2f-4c8d-b479-77f14dbd7ecc)

Verzeichnis der Abbildungen (#u374daac1-6565-5902-8c72-ccf9020fed79)

Personenregister (#u9b25a067-e0a1-5b55-a49f-8203504cdc2f)

Sachregister (#ud11d2827-5ad3-55f4-9859-917bd2193033)

Bibelstellenregister (#u1430bd64-4e22-5479-a056-36b6b296966c)

Bibliographie (#u7c657b2f-526f-4ba8-8596-36ef395185ed)




Vorwort


„Wir haben vor, Gemeinde auf dem Dorf zu bauen“, erzählte ich vor einigen Jahren einem Freund, der als Experte für Gemeindegründung durch unser Land zog. – „Unnütz, funktioniert sowieso nicht“, meinte er. „Auf dem Dorf kann sich geistliches Leben in Deutschland nicht entwickeln.“

Zugegeben, die Worte meines Freundes schockierten und provozierten mich gleichermaßen. Aber beeindrucken ließ ich mich von ihm nicht. Wir gründeten die Gemeinde. Und sie wuchs zu einer erstaunlichen Größe heran. Wenn ich ehrlich bin, dann hat kaum ein anderes Projekt mich jemals mit so viel Genugtuung und Freude erfüllt wie dieses. Gemeindeaufbau auf dem Land funktioniert! Das und nicht weniger ist die Botschaft dieses Buches. Es ist eine Liebeserklärung an den Gemeindebau auf dem Land.

Entsprechend widme ich das Buch allen meinen Freunden in dem kleinen oberbergischen Dorf Brüchermühle. Hier haben wir in wenigen Jahren eine Gemeinde aufgebaut, die mit einer Handvoll hingegebener Leute begann und zu einer Größe von mehreren Hundert Mitgliedern heranwuchs. Ihr habt mir Hoffnung verliehen, dass auch in den Dörfern Westeuropas lebendiges Gemeindeleben entstehen kann. Danke!

Dieses Buch ist aber weniger ein Erfahrungsbericht, auch wenn Erfahrungen aus dem Gemeindeaufbau auf dem Dorf, wie ich sie selbst gemacht habe, reflektiert werden. Vielmehr geht es mir um eine grundsätzliche Einführung in den Gemeindebau in ländlichen Räumen. Wie kann und wie sollte Gemeinde auf dem Land gebaut werden? Was sind die Spezifika des ländlichen Raumes und welche Rolle spielen sie im konkreten Gemeindebau vor Ort? Antworten auf diese und ähnliche Fragen füllen die Seiten dieses Buches. Sie wollen ermutigen und herausfordern zugleich.

Johannes Reimer




Kapitel 1

Auf dem Land geht nichts, oder?











1.1.Gemeindebau auf dem Land – ein Relikt aus vergangenen Zeiten?


Kaum ein anderes Thema verursacht so viel Skepsis in Deutschland wie Gemeindebau auf dem Land. Kirchengemeinden auf dem Dorf? Ja, die gibt es noch. Und ja, die Kirchen sind alle am Kämpfen. Allerdings findet man kaum noch einen Pastor, der begeistert aufs Land ziehen würde. Geht Gemeindebau im Dorf überhaupt? Gibt es nicht auf dem Land genug Kirchen, die nicht funktionieren, weil die Menschen nicht mehr hingehen oder sich in die nächste Stadt orientieren? Es ist erstaunlich, wie weit manch ein Dorfbewohner bereit ist, Sonntag für Sonntag zu fahren, um den von ihm favorisierten Gottesdienst zu besuchen. Zwanzig bis fünfzig Kilometer in eine Richtung sind da keine Seltenheit. Und das Sonntag für Sonntag. Dabei könnte man ja auch im eigenen Dorf Versammlungen anbieten ...

Geht nicht? – Warum? Weiß man nicht mehr, wie Gemeinde auf dem Dorf funktioniert? Oder weiß man nicht mehr, was Gemeinde an sich ist? Gilt Luthers geflügeltes Wort aus seinen Schmalkaldischen Artikeln – „Es weiß, Gott Lob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche ist: nämlich die heiligen Gläubigen und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören“ (nach Johannes 10,3) – auch auf dem Lande nicht mehr?




Die meisten Gemeindegründungsinitiativen machen tatsächlich einen großen Bogen um das Dorf, weil man hier, wie der britische Gemeindegründungsexperte Stuart Murray unterstreicht, auf der einen Seite oft rigide Verhältnisse antrifft, also festgefahrene Mentalitäten, Misstrauen allem Fremdem und Ungewohntem gegenüber; und auf der anderen Seite die Bereitschaft der jüngeren Familien steht, die Fahrt in die nächste Stadt auf sich zu nehmen.




Ist Gemeindeaufbau auf dem Land ein Relikt aus vergangenen Zeiten? Immer stärker breitet sich eine nie dagewesene Frustration aus angesichts einer radikalen Kontextveränderung für die Kirche, die der katholische Autor Rainer Bucher in dem markanten Satz zusammenfasst: „Wenn nichts bleibt, wie es war.“




Auf dem Land bleibt für die Katholische Kirche in Deutschland nichts, wie es war. Allein im Zeitraum von 1990 bis 2011 hat sie 2000 Pfarreien „eingespart“, sprich zu größeren pastoralen Einheiten zusammengeschlossen. Das ist immerhin jede siebte Pfarrei. Und die meisten dieser Einsparungen fanden im ländlichen Raum statt.




Untersuchungen in Gemeinden unterschiedlicher konfessioneller Prägung scheinen diesen Trend zu bestätigen. Katholische


 wie evangelische


 Gemeinden auf dem Land schrumpfen, werden zusammengelegt, Pfarrstellen werden gestrichen und kirchliche Angebote zurückgenommen.

Dabei ist Westeuropa hier eher die Ausnahme. So kommen in manchen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas die meisten Menschen in Landgemeinden zum Glauben. Hier kennen sich die Menschen, hier wirkt das Lebenszeugnis des zum Glauben an Jesus gekommenen Menschen sofort und unmittelbar.

Warum dann nicht auch in Europa? Man kennt sich doch auch auf dem deutschen Dorf. Fehlt hier das entsprechende Zeugnis? Überwiegt die Skepsis, weil hier Menschen, die Christus kennen, sich weniger auf ihr Zeugnis und mehr auf Form und Struktur ihrer Kirchen verlassen? Meint Murray das, wenn er von „festgefahrener Mentalität“ spricht?

Es gilt jedenfalls zu untersuchen, warum Gemeindebau auf dem Land in Europa, vor allem in Westeuropa, zum Problem geworden ist. Denn erst wenn man versteht, wo der Schuh drückt, kann man den Fehler beheben. Wenn man weiß, welche Modelle des Gemeindebaus auf dem Land nicht funktionieren und welche es gerade tun, kann man adäquat über ruralen Gemeindebau reden.

George Barna, der nordamerikanische Experte in Sachen Gemeindebau, behauptet mit Recht, dass „jede Kirche einer absolut einzigartigen Zusammenstellung von Umständen gegenübersteht, denen gegenüber sie aufgerufen ist zu dienen“.


 Das gilt natürlich auch für Landgemeinden. Man wird deshalb nicht umhin können, sich mit den Besonderheiten des ländlichen Raumes, der ländlichen Kultur usw. intensiv auseinanderzusetzen, wenn man nach Lösungen für das offensichtliche Problem sucht.

Der deutsche Gemeindeaufbau-Spezialist Prof. Christian Möller ermutigte seine Leser, sich nicht nur über den Zustand der Kirche zu beschweren. Es sei zwar richtig, dass viele Gemeinden in Deutschland vor enormen Problemen stünden. Aber das negative Reden über diese Probleme mache diese nicht weniger aktuell. Er schreibt: „Die Fixierung auf den Mangel beschreibt nicht nur Fakten, sie schafft auch Fakten.“


 Gemeinde muss auch erglaubt werden, so Möller. Gott ist auch in Deutschland immer noch ein Gott, der Veränderung will und Veränderung und Erneuerung bewirken kann. Und davon sind Stadt und Land betroffen. Man wird Mut, und hier vor allem Glaubensmut, brauchen, um sich neu der Gemeinde auf dem Land zuzuwenden.




1.2.Lasst die Kirche im Dorf, aber wie?


Glaubensmut ermutigt zur Tat. Zur Aktion. Natürlich kann damit aber nicht jener blinde Aktivismus gemeint sein, der unser Land von Zeit zu Zeit mit immer neuen kreativen Ideen überschwemmt. Da kann man Professor Möller verstehen, dass er sich im Vorwort seines Buches mit dem programmatischen Titel „Lasst die Kirche im Dorf!“


 gegen die Flut an exotischen Ideen wehrt, die zwar gut gemeint sind, aber selten gut sind, weil sie das Nächstliegende übersehen und die Probleme nur noch vergrößern. Möller meint damit Ideen für die parochiale Struktur seiner Landeskirche, in der er ein überaus großes Potenzial zum Gemeindeaufbau im postchristlichen Deutschland erkennt. Sicher, er hat dabei die Kirche auf dem Land nicht besonders im Blick. Ihm geht es vielmehr um die Gemeindesituation im Ganzen. Aber das schließt die Landgemeinde zumindest mit ein.

Keine Frage, man kann Möller nur zustimmen, dass es wohl kaum um immer neue Experimente gehen kann. Nicht alles Neue, Amerikanische, Britische oder auch Erweckliche aus der südlichen Hälfte des Globus ist bei uns in Deutschland, und erst recht nicht auf dem Land, angebracht. Aber die Kirche im Dorf so zu belassen, wie sie einmal war, ist mit Sicherheit auch keine Option. Denn das so bewährte Parochialsystem mit den Landeskirchen ist selbst längst zum Problem geworden.

Die Lösung kann wohl kaum in Durchhalteparolen bestehen. Davon gab es genug. Ansätze müssen gefunden werden, neue Wege zum Herzen der Menschen auf dem Land zu finden. Und da werden auch altbewährte Formen, wenn nötig, weichen müssen. Eine Suche nach solchen Wegen ist dringend angesagt.




1.3.Die Chancen stehen gut


Die gängige Meinung über den Gemeindebau auf dem Land lautet: „Es geht auf dem Land fast nirgendwo um Wachstum, sondern schlicht und einfach ums Überleben.“


 Tausende ziehen in die Städte. Ganze Dörfer gleichen Friedhöfen. Bauernwirtschaften geben auf, weil die Agrarindustrie ihnen das Wasser abgräbt. Schulen und Volksschulen, Industriezweige, Lebensmittelläden, Arztpraxen, Apotheken und viele andere lebensnotwendige Einrichtungen schließen. Das Leben auf dem Land ist zum Risiko geworden. Wenn noch Menschen auf den Dörfern bleiben, dann sind es die alten und die gebrechlichen.

Karl Schäfer, Küster und Kirchenältester aus Niedermöllrich in Hessen, bringt die Lage auf den Punkt: „Ist doch nichts mehr da: Wir hatten zwei Metzger, die sind weg. Die Post ist weg. Die Wirtschaft ist zu. Nur die Kirche ist noch da. Wenn sie die uns auch noch wegnehmen, haben wir gar nichts mehr.“




Aber stimmt das denn? Sieht man sich die Entwicklung des ländlichen Raumes an, so muss man an dieser Stelle deutlich differenzieren. Keine Frage, immer noch leiden weite Teile Westeuropas unter massiver Landflucht. Die wenigen Chancen, einen Ausbildungsplatz und später einen Job zu finden, treiben vor allem junge Leute zur Flucht in die Großstadt. Aber es entsteht auch neues Leben auf dem Land, im Schatten der Großstädte. Immer mehr Menschen kommen in den überteuerten Städten nicht an. Vor allem der Wohnraum ist kaum noch zu bezahlen. Da nimmt man lieber die ein oder andere Stunde Anfahrt zur Arbeit in Kauf und sucht sich eine Wohnung oder gar ein günstiges Haus auf dem Land. Andere ziehen aus der Stadt, weil sie ihren Kindern den Lärm dort nicht mehr zumuten und dafür die Schönheit der Natur bieten wollen. So entsteht, vor allem in der Nähe der Städte, eine ganz neue Landbevölkerung.

Seit Jahren beobachten wir diesen Trend. Auch im europäischen Ausland. Der Brite Stuart Murray sieht in seinem Land einen solchen Prozess im Gange. Immer mehr Menschen ziehen auch in England wieder aus der Stadt aufs Land. Die einen, weil sie der Enge entfliehen wollen, die anderen, weil sie sich das immer teurer werdende Leben in der Stadt nicht leisten können. Gerade im Umfeld der Großstädte entsteht so auch in Großbritannien neues Landleben.

Hierfür besteht dringender Bedarf an neuen Gemeindekonzepten und damit auch an Gemeindegründungen.




Wir werden in Zukunft mehr Landgemeinden brauchen, weil sich eine neue Landbevölkerung etabliert, die zwar nicht klassisch rural denkt, aber auf dem Land ihr neues Zuhause gefunden hat. Die Landbevölkerung wird sicherlich ausgedünnt. Und doch nicht überall. Man muss deshalb differenzieren. Verallgemeinerungen helfen da nur wenig.

Aber nicht nur Menschen ziehen aufs Land. Gesundheitsbewusste Sozialfirmen entdecken zum Beispiel das Land als Ressource. Bemerkenswert ist etwa die Entscheidung mancher Sozialkonzerne, ihre Angebote von den Städten aufs Land zu verlegen.




Sicherlich ist die neue Landbevölkerung keineswegs offener für den Glauben als diejenige, die vom Land flieht. Eher umgekehrt. Für die neue Landbevölkerung gilt, was Martin Reppenhagen für die westliche Gesellschaft insgesamt beschreibt:

„Säkularisierung, Individualisierung und Pluralisierung haben dazu geführt, dass die vormaligen Mehrheitsreligionen ihre kollektive Bedeutung für die Gesellschaft verloren haben. Dadurch kam es zwar nicht zu einem Verschwinden der Religion, aber durch ihre Privatisierung und Individualisierung zu einer deutlichen Schwächung ihrer gesellschaftlichen Prägekraft.“




Und der Pastoraltheologe Bernhard Spielberg spricht von der „Exkulturation der Kirche“, womit er die zunehmende Distanz der Kirche zu sozialen und kulturellen Entwicklungen in der Gesellschaft beschreibt.




Wer aufs Land zieht, zieht nicht notwendigerweise zu den christlichen Landgemeinden. Es fällt auf, wie viele neue spirituell-orientierte Sekten sich gerade auf dem Land ansiedeln. Die Folge: Nicht an der Kirche, sondern am bunten spirituellen Markt orientieren sich die Leute. Hier Gemeinde zu bauen wird daher ein Umdenken verlangen sowie neue, vor allem spirituell neue Wege und Formen des Glaubens. Dazu will dieses Buch ermutigen.




Fragen zum Nachdenken:


1.Wohnen Sie auf dem Land? Wie steht es um Ihre Kirche im Dorf?

2.Besuchen Sie eine Dorfgemeinde oder fahren Sie lieber in die nächste Stadt? Warum?

3.Was machen Dorfgemeinden Ihrer Meinung nach falsch? Was würden Sie im Leben Ihrer Dorfgemeinde anders gestalten?

4.Hat die Kirche auf dem Land eine Zukunft? Begründen Sie Ihre Position!

5.Kennen Sie lebendige Dorfgemeinden? Was zeichnet diese Gemeinden aus?




Kapitel 2

Der ländliche Raum und Kirche











2.1.Was ist unter „Land“ zu verstehen?


Der Zuzug städtischer Bevölkerung aufs Land macht es notwendig, den ländlichen Raum neu zu definieren. Wurde dieser noch vor wenigen Jahrzehnten vor allem ökonomisch bestimmt – auf dem Land ging die Bevölkerung vor allem ihrem Lebenserwerb in der Landwirtschaft nach –, so sieht die Lage heute wesentlich anders aus. Ein Großteil der Landbevölkerung lebt nicht mehr von der Landwirtschaft, sondern von der in der Nähe angesiedelten Industrie. Auch die Landbevölkerung ist in Westeuropa im Wesentlichen urbanisiert worden und kann nicht mehr nur in den Kategorien von gestern beschrieben werden. „Der ländliche Raum war noch nie so vielschichtig und unübersichtlich wie heute. Viele Berufe, Lebensstile und Kulturen treffen aufeinander.“




Sicher, es gibt noch den klassischen ländlichen Raum, aber nicht mehr durchgängig. Bischof Anthony Russell von der Anglikanischen Kirche in England unterscheidet daher zwischen vier Kategorien des ländlichen Raumes, die er folgendermaßen nennt


:

(a) städtischer Schatten,

(b) zugängliches Land,

(c) weniger zugängliches Land,

(d) marginalisiertes, entferntes Land.

In diesen ländlichen Räumen hat sich eine jeweils andere Kultur etabliert. Während der erste Raum dem urbanen am nächsten ist, unterscheidet sich der letzte wesentlich vom Leben in der Stadt.

Wir werden diese Typen unterscheiden müssen, wenn wir vom Gemeindebau auf dem Land reden. Denn kontextualisierter Gemeindebau nimmt den Kontext ernst, und wenn dieser sich wesentlich unterscheidet, dann müssen sich auch die gemeindlichen Angebote unterscheiden.

Im Sinne des Gemeindebaus kann es allerdings nur um Menschen gehen. Egal, wie und warum sie aufs Land gezogen sind – hier leben sie, und hier müssen sie pastoral versorgt werden. Insofern werden sich auch die Konzepte des Gemeindebaus diesen Menschen anpassen müssen. Denn wandelt sich die Landbevölkerung, dann müssen sich auch Konzepte des Gemeindebaus auf dem Land verändern.




2.2.Was ist wichtig auf dem Land?


•Was ist also wirklich wichtig auf dem Land?

•Wo und inwieweit unterscheiden sich die einzelnen ruralen Räume von der Stadt und voneinander?

•Wie empfänglich ist die Landbevölkerung für das Evangelium?

•Geht es hier um ein traditionelles ökonomisches Bewusstsein oder eher um eine Bevölkerung, die sich aus ökologischen und anderen Gründen auf dem Land niederlässt?

•Was bestimmt das Leben und was bestimmt den Glauben auf dem Dorf?

Auf dem Dorf gelten eigene Regeln. Jeder, der einmal aus der Stadt aufs Land gezogen ist, wird das festgestellt haben. Eine dörfliche Umgebung entschleunigt Prozesse, verlangsamt den Lebensrhythmus, bringt Ruhe und Muße auf die Tagesordnung. Und damit auch einen gewissen Hang zu Tradition.

Untersuchungen in England zeigen, dass der ländlichen Bevölkerung selbst da, wo sie sich nicht mehr zur Kirche hält, letztlich das Kirchengebäude wichtig ist. Die Autoren von Faith in the Countryside schreiben:

„Sie (die Kirche, Anm. d. Verf.) ist ein Totem, ein Fixpunkt der eigenen Identität, sogar für solche Menschen, die kaum über ihre Schwelle kommen ... sogar solche, die nichts mehr mit dem Christentum zu tun haben, sind oft dabei, wenn Geld gesammelt wird, um das Kirchengebäude zu renovieren.“




Traditionsbewusstsein kann zu einer gewissen Erstarrung von Gemeindeinhalten und Strukturen führen. Karl Barth schrieb vor Jahren über eine in Traditionen verhaftete Gemeinde: „Sie kann sich nicht mehr erneuern, sondern erzeugt immer wieder Gesetzlichkeit, und die Freude am Evangelium erlischt.“


 Das ist sicher ein Grund, warum man heute auf dem Land so wenig geistliches Leben findet. Aber Traditionen haben auch positive Seiten. Sie halten Symbole hoch, die für Fremde zu einem willkommenen Anlass werden können, sich doch einmal Gedanken über den eigenen Glauben zu machen.

Mir fällt an dieser Stelle Sabine ein. Sie ist 50 und erst vor Kurzem aus Köln in das kleine idyllisch gelegene Dorf im Sauerland gezogen. Mitten im Dorf liegt die jahrhundertealte katholische Kirche. Schon lange werden hier keine regelmäßigen Gottesdienste mehr angeboten. Aus Pfarrermangel, wie es offiziell heißt. Sabine ist weder katholisch noch gläubig. Trotzdem sagt sie von sich:

„Ich gehe mittlerweile regelmäßig in die Kirche. Die Ruhe in ihren Räumen, das sakrale Etwas, tut mir gut. Die Erinnerungen nach der Scheidung von meinem Mann verstummen dann. Irgendwie finde ich hier zu mir selbst. Manchmal rede ich vor mich hin, klage den alten Mauern meine Situation. Oder auch den Bildern an den Wänden. Neulich konnte ich mir sogar zum ersten Mal vorstellen, dass es vielleicht doch so etwas wie Gott gibt.“

Sabine ist bei Weitem nicht die Einzige, die so etwas in verlassenen Landkirchen erlebt. Tausende begeben sich auf ihrer Suche nach Stille, Sinn und spiritueller Lebenstiefe aufs Land. Manche Landregionen werben bereits mit entsprechenden Angeboten, so beispielsweise das Tölzer Land in Bayern.


 Pilgerschaften, Wanderschaften, Zeiten der Stille und des Schweigens – all das scheint der gestressten Seele in unserer schnelllebigen Welt gutzutun.

Natürlich bezieht sich ein solch dörfliches Traditionsbewusstsein nicht nur auf das Kirchengebäude und die Erhaltung religiöser Bräuche. Da kann es auch um ein altes Backhaus oder den Dorfversammlungsplatz gehen. Wo wenige Menschen auf beschränktem Raum zusammenleben, sind gemeinsame Werte von ganz besonderem Interesse. Sie nicht zu fördern ist auf kurz oder lang kontraproduktiv. Man gewinnt Beachtung bei den Menschen nur dann, wenn man ihren Lebensstil und ihre Geschichte wertschätzt.

Es macht daher Sinn, altbewährte Strukturen mit Leben zu füllen, statt völlig neue zu schaffen. Die Renovierung einer alten Kirche kann deshalb mehr bewirken als der Bau eines völlig neuen Gemeindezentrums. Der Aufbau neuer Formen des Glaubens sollte traditionelle Strukturen berücksichtigen.




2.3.Menschen und Gemeinschaft


Christliche Gemeinden auf dem Land müssen auf die Menschen in ihrem Gemeinwesen hören und sich ihrer Geschichte und Tradition stellen. Dass die Landbevölkerung schon lange nicht mehr so einheitlich gestrickt ist und, besonders in der Nähe der Städte, recht bunt zusammengewürfelt wurde, scheint nur bedingt bei den Gemeindeaufbau-Experten angekommen zu sein. Hier braucht es kreative Neuansätze. Der Glaubenssatz von Donald McGavran, der lange die Gemeindeentwicklung dominiert hat, hat sich im großen Ganzen als falsch erwiesen. McGavran schrieb:

„Menschen werden gerne Christen, wenn sie dazu nicht Rassen-, Klassen-, oder Sprachbarrieren überwinden müssen. [...] Alle Menschen bauen Mauern um ihre eigene gesellschaftliche Gruppe.“




Heute wissen wir, dass es weniger die Konzentration auf die homogene Zielgruppe, sondern ein gemeinwesen-zentrierter Ansatz im Gemeindebau ist, der in der Stadt wie auf dem Dorf Erfolg verspricht. Menschen suchen Gemeinschaft im Alltag, und je bunter dieser Alltag ist, desto schneller suchen sie nach integrativen Wegen, mit Menschen, so anders diese auch sein mögen, gut und nachbarschaftlich auszukommen.




2.4.Typen ländlicher Räume und Gemeinden


In ihrer Studie zu Kirche im ländlichen Raum unterscheidet die EKD sieben Typen ländlicher Räume. Die Autoren der Studie schreiben: „So ist – in Aufnahme einer verbreiteten Unterscheidung nach Zentrenerreichbarkeit und Bevölkerungsdichte – zwischen: Peripherieräumen (dünn besiedelte Gebiete, größere Entfernung zu Zentren), Zwischenräumen (erweitertes Umland der Zentren, mittlere Siedlungsdichte) und Zentralräumen (städtische Siedlungsgebiete mit Siedlungskorridoren, hohe Siedlungsdichte) zu unterscheiden.“




Diese Typen reflektieren die komplexer gewordene soziale Welt auf dem Land:

Typ 1:Strukturschwache Räume

Der strukturschwache Raum beschreibt das, was Bischof Russel als das „marginalisierte, weit entfernte Land“ bezeichnet hat. Die EKD-Studie spricht auch vom „Peripherieraum mit geringer Bevölkerungsdichte“


. Entfernt von der Stadt, Industrie und Entwicklungsschwerpunkten stellt sich dieser Raum in jeder Hinsicht als weniger entwickelt dar.

Mit einer Bevölkerungsdichte von weniger als 100 Einwohnern pro Quadratkilometer stehen diese Räume in allen Fragen gesellschaftlicher Entwicklung hintenan. Die soziale, infrastrukturelle und demographische Erosion sind an der Tagesordnung. Die Bevölkerung überaltert, junge Leute ziehen auf der Suche nach Arbeit weg. Und die Kirche verliert ihre Mitglieder und Mitarbeiter. Was das im Einzelnen heißen kann, zeigt das Beispiel der Evangelisch-Lutherischen Kirche Mecklenburgs:

„Die Propstei Stargarder Land in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs umfasst 10 Kirchgemeinden, in denen 53 Kirchen und Kapellen stehen, drei Gemeindezentren und viele Pfarrhäuser und in der knapp 6.000 Mitglieder leben. Sie wohnen auf einer Fläche von ca. 50 Kilometern Länge und 25 Kilometern Breite. Es gibt 7,5 Pfarrstellen, drei Stellen für gemeindekatechetische Mitarbeitende (die sich fünf Mitarbeitende teilen), einen Jugendmitarbeiter (für eine Hälfte des Kirchenkreises), eine befristete Projektstelle für Kirchenmusik (finanziert von der Landeskirche) und einige kleine Honorarstellen für Kirchenmusik und Sekretariatsarbeit.

Die Bevölkerungszahlen in der Region gehen stark zurück, sie sind zwischen 1989 und 2003 um knapp 12 % gesunken, die Zahl der Gemeindeglieder sogar noch stärker. Drei Viertel dieses Verlustes sind darauf zurückzuführen, dass mehr Menschen sterben als geboren werden, ein Viertel hängt mit der Abwanderung aus der Region zusammen. Das Land verliert wichtige Unternehmen und gut ausgebildete Menschen. Die Zahlen der Arbeits- und Ausbildungsplätze gehen zurück. Etwa 20 % der Einwohner sind arbeitslos. Vor 13 Jahren war Mecklenburg-Vorpommern noch das jüngste Bundesland, 2020 wird es wohl das älteste sein. Damit ist deutlich, dass das Land nicht nur seine Jugend verliert, sondern auch seine Dynamik und Zukunftsfähigkeit.“ 







Die Kirchgemeinden werden immer kleiner und älter, es gibt kaum junge Familien, die Entfernungen zwischen den Predigtstätten sind groß. Und die Kirche sieht wenige Perspektiven für diesen Raum.

Typ 2:Periphere Räume mit einzelnen Entwicklungsfeldern

Periphere Räume oder in den Worten Russels „weniger zugängliche Räume“, markieren die Grenze zwischen strukturschwachen und dynamischen Regionen.


 In peripheren Räumen können sich neben effektiver Landwirtschaft auch touristische Betriebe ansiedeln, was die Chancen auf Arbeit für die ansässige Bevölkerung erhöht und auch saisonale Arbeiter anzieht.




Der Fremdenverkehr bietet auch den Kirchen neue missionarische Möglichkeiten. Das EKD-Papier schlägt unter anderem eine Art „Kirche auf Zeit“ vor.


 Gemeint ist ein kirchliches Angebot, das sich gezielt an die Saisonarbeiter richtet, und damit aber auch der verbleibenden einheimischen Bevölkerung pastorale Betreuung garantiert. In der Saat- und der Erntezeit sind es dann vor allem die landwirtschaftlichen Hilfskräfte, die angesprochen werden, im Sommer die Urlauber.

Typ 3:Periphere Räume mit ausgesprochener Eigendynamik

Dieser Typ zeichnet sich durch Nähe zu den Klein- und Mittelstädten aus. Hier siedeln sich an zentralen Verkehrsadern der Region mittelständische Wirtschaftsbetriebe in ländlichen Industriezonen an. Sie bieten Arbeit. Der günstige Wohnraum auf dem Land, vorhandene Arbeit und Ausbildung für junge Leute mindern die Abwanderung der Bevölkerung und unterstützen den Ausbau der Infrastruktur vor Ort.







Der Raum bietet sehr gute Voraussetzungen für den kirchlichen Gemeindeaufbau.

Typ 4-5:Ländliche Räume im weiteren Umfeld von Verdichtungsgebieten

Bei den ländlichen Räumen im weiteren Umfeld von Verdichtungsgebieten handelt es sich um klassische Zwischenräume, die in der Nähe der Städte entstehen und die sowohl die aufs Land ziehende städtische als auch die in die Stadt drängende ländliche Bevölkerung anziehen.




In diesen Räumen herrschen günstige wirtschaftliche Bedingungen, was sich nicht nur positiv auf die Bevölkerungsdichte, sondern auch auf die missionarischen Möglichkeiten der Kirche auswirken kann.


 Die Zwischenräume führen aber auch zu einer zunehmenden Bereitschaft der Menschen, über die Zäune ihres Dorfes zu blicken und nach kirchlichen Alternativen in der Nachbarschaft zu suchen. Traditioneller Kirchenerhalt wird so eher problematisch.

Typ 6-7:Ländliche Räume im engeren Umfeld von Verdichtungsgebieten

Die hier genannten Räume grenzen direkt an urbane Gebiete an und bieten der Stadt Wachstumsräume. Hier kommt es zu den typisch suburbanen Entwicklungen, die je nach Stadt positiv oder negativ ausfallen. Wächst die Stadt, so wächst die Zwischenstadt, der Vorort, mit, geht sie ein, so leidet auch das verstädterte Umland.







Gemeindeaufbau trifft in wachsenden suburbanen Räumen auf günstige Voraussetzungen. Die zuziehende Bevölkerung stellt jedoch die traditionellen Konzepte in Frage. Gemeinden sehen sich herausgefordert, Programme anzupassen. Neue Formen finden günstigen Boden. Besonders Freikirchen finden ihre Räume.


 In nicht wachsenden Städten wird der Aufbau zur großen Herausforderung.




2.5.Kirche auf dem Dorf


Die Kirche gehört zum europäischen Dorf wie die Landwirtschaft. Das ist seit Jahrhunderten so. Hier liegen die Wurzeln christlicher Identität Europas. Dörfer entstanden einst um die Kirche herum und die Städte um die Dörfer. Als im Mittelalter immer mehr städtische Siedlungen entstanden, blieben am Anfang die Pfarrkirchen außerhalb dieser in den Dörfern. Ein klassisches Beispiel ist die Stadt Ulm. Bevor das Ulmer Münster gebaut wurde, wurde das kirchliche Leben von dem auf dem Land liegenden Kloster Reichenau bestimmt. Erst mit dem zunehmenden ökonomischen Erfolg der Stadt wanderten auch die kirchlichen Autoritäten dorthin. Die Dorfbewohner wehrten sich, ihre Pfarrei in die Stadt zu verlegen. Daher pflegt man bis heute „Lass die Kirche im Dorf“ zu sagen.

Die Kirche auf dem Dorf ist somit ein Symbol christlicher Identität und immer noch in einem Gemeindemodell verhaftet, das aus einer Zeit kommt, als wir in Europa noch christlich waren. Tim Chester und Steve Timmis nennen es das „christliche System“, das nach dem Motto zu funktionieren schien: „Ring the bell and the people come“ (Lass die Glocken läuten, und die Menschen kommen).




Die Glocken mögen auf dem Dorf immer noch läuten, nur die Menschen kommen nicht mehr. Der Säkularismus hat auch die Landbevölkerung erfasst. Was gestern noch so selbstverständlich war (Jeder Bauer hatte seine Kirche.), ist heute ganz und gar nicht mehr selbstverständlich. Wer heute Gemeinde auf dem Land bauen will, der muss damit rechnen, dass auch hier die meisten Menschen der Kirche den Rücken gekehrt haben, auch wenn zumindest die traditionelle Landbevölkerung immer noch formal der Kirche angehört.

Die neue Landbevölkerung geht dagegen nicht mehr geschlossen zur Kirche, jedenfalls nicht in den durchs Kirchenjahr bestimmten Gottesdienst. Man hat die dörfliche Bevölkerung in vier Gruppen eingeteilt:

(a) die Kirchenzentrierten;

(b) die Kirchenkulturellen;

(c) die Kirchendistanzierten und

(d) Anti-Kirchlichen.




Dabei ist die erste Gruppe bei Weitem die Kleinste, und sie vermag es immer weniger, ein kirchliches pastorales Angebot für alle anzubieten, was Bernhard Spielberg als potenzielle Gefahr ansieht, dass die Kirche in eine „pastorale Mittelmäßigkeit“ abrutscht.




Wenn überhaupt, dann ist die Kirche auf dem Land zu einem Ort undefinierter spiritueller Suche geworden. Obgleich das alte Gemäuer der Dorfkirchen auf einen gewissen säkularisierten Menschentyp eine magische Anziehungskraft auszuüben scheint. Die Frage aber lautet: Können Kirchen wieder zu Plätzen vitaler christlicher Spiritualität werden? Ich glaube: Ja, das können sie. Und Erfahrungen bestätigen meine Vermutung. Aber hierfür muss Kirche wieder zu ihrer eigenen Bestimmung zurückkehren und eben Kirche werden.




Fragen zum Nachdenken:


1.Wie erleben Sie das Dorfleben?

2.Was gehört typischerweise zum Dorf? Welche Charakteristika dörflichen Lebens finden Sie gut? Welche weniger?

Warum?

3.Zu welchem Typ ländlicher Raum gehört das Dorf, in dem Sie leben?

4.Was macht Ihrer Meinung nach kirchliches Leben in Ihrem Dorf so schwierig?

5.Wie würden Sie es verändern? Geht das überhaupt?




Kapitel 3

Dorfgemeinde Begriff und Wirklichkeit











3.1.Die Dorfgemeinde


Die klassische Dorfgemeinde gibt es nicht mehr. Die EKD konstatiert:

„Es gibt nicht den einen ländlichen Raum, sondern sehr unterschiedliche ländliche Räume mit divergierenden Entwicklungstendenzen und folglich verschiedenen Herausforderungen und Chancen für das missionarische Wirken von Kirche.“




Gemeindeaufbau auf dem Land wird sich deshalb auf unterschiedliche Gemeindekonzepte konzentrieren müssen, wenn man zu den entsprechenden Ergebnissen kommen möchte. Dabei ist es wichtig zu klären, was wir unter Gemeinde verstehen. Mit Luther entscheiden wir uns bewusst für den Begriff Gemeinde und nicht Kirche. Gemeinde ist, wo sich die Gläubigen versammeln.

Jesus drückt diesen Gedanken mit dem griechischen Begriff ekklesia aus, wenn er in Matthäus 16,18 sagt: „Ich will meine Gemeinde (ekklesia) bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden.“

Ekklesia beschreibt hier eine aus der Welt herausgerufene Gemeinschaft, die Verantwortung für die Welt übernehmen soll.


 Sie ist von ihrem Wesen her missionarisch und somit missional.


 Dabei steht „Welt“ an dieser Stelle immer für das lokale Gemeinwesen.


 In diesem Gemeinwesen hat sie ihren Platz.

Hier soll sie …

„Salz der Erde und Licht der Welt“ (Matthäus 5,13-15),

Botschafterin der Versöhnung mit Gott und Mensch (2. Korinther 5,18-20),

Gottes auserwähltes Volk (1. Petrus 2,10),

königliches Priestertum (1. Petrus 2,9-10) sein.

Mit anderen Worten: Mit seiner Gemeinde zeigt Gott den Menschen seine eigene Gestalt, den Leib Christi (Epheser 1,23), seine Gerechtigkeit (2. Korinther 5,21), ja sein Königreich. Sie ist „eine Bundesgemeinschaft, Zeichen und Vorgeschmack, Agent und Instrument der Herrschaft Gottes“.




Der ekklesiale und damit lokale Charakter der Gemeinde als Versammlung der zur Verantwortung für die Welt berufenen Menschen bestimmt ihre kontextuelle Gestalt. Sie ist gesandt, wie Jesus gesandt wurde (Johannes 20,21). Und er kam in die Welt der Menschen als „Mensch wie wir ... nur ohne Sünde“ (Hebräer 4,15). Nur so konnten Menschen seine göttliche Herrlichkeit sehen (Johannes 1,1,14).

Analog dazu kann und muss die Gemeinde im Dorf eben das sein, was sie im Dorf ist – Dorfgemeinde, die die Verantwortung für Lebensräume im Dorf zugesprochen bekommen hat. Ihre Aufgabe im Dorf besteht darin, dem Leben Grundzüge eines unter der guten Herrschaft Gottes stehenden Gemeinwesens zu vermitteln. Mit anderen Worten, sie setzt sich für soziale Räume ein, in denen Gerechtigkeit, Wohlbefinden, Lebensfreude und Frieden herrschen. In solchen Räumen leben, arbeiten und feiern Menschen gern.

Hier wird das Wirklichkeit, was der Prophet Jesaja einmal seinem eigenen Volk Israel zugesagt hat: Menschen arbeiten und genießen das Werk ihrer Hände, sie bauen Häuser und leben selbst darin, sie setzen sich füreinander ein und kennen Gott persönlich (Jesaja 65,1ff.).

Natürlich ist das eine Vision, eine Zielvorgabe, aber nichts weniger meint Jesus, wenn er seinen Jüngern befiehlt, die Völker zu Jüngern zu machen (Matthäus 28,19-20).

Der Begriff Volk = griechisch ethnos steht für den soziokulturellen Raum und ist am besten als Gemeinwesen zu übersetzen. Man kann daher auch übersetzen: „Gehet in alle Welt und machet zu Jüngern alle Gemeinwesen.“ In unserem Fall ist das Gemeinwesen ein Dorf. Was aber bedeutet es, wenn die christliche Gemeinde sich auf dem Land bemüht, das ganze Dorf zum Jünger Jesu zu machen? Doch nur das Eine – dass die Einwohner des Dorfes so leben, wie Jesus es seine Jünger gelehrt hat.

Die Gemeinde Jesu ist somit für die Menschen da. So hat es Dietrich Bonhoeffer formuliert: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“


 Als solche müsse sie sich am allgemeinen Leben der Menschen beteiligen.


 Auch wenn andere, allen voran der Heidelberger Missionswissenschaftler Theo Sundermeier, Bonhoeffers Satz kritisiert haben und statt einer Kirche für Andere von der Kirche mit Anderen gesprochen haben


, bleibt klar – Gemeinde Jesu ist „von ihrem Wesen her als missionarische Gemeinde zu sehen“


. Sie ist es, weil Gott einen Plan mit den Menschen hat. Um Menschen geht es ihm. Für sie gab er „seinen eingeborenen Sohn hin auf das alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben“ (Johannes 3,16).

Deswegen existiert die Kirche im Dorf, weil Gott Interesse an den Menschen dort und am Gelingen ihres Zusammenlebens hat. So gesehen ist sie der beste Liebesbeweis Gottes. In der Zuwendung Gottes zu den Menschen zeigt sich seine souveräne Herrschaft.

Es ist hilfreich, zwischen Gemeinde als Bewegung und Gemeinde als Institution zu unterscheiden.


 Kirche im Dorf ist zunächst und vor allem Gemeinde Jesu, aber als Dorfgemeinde wird sie sich als dörfliche Institution etablieren müssen, wenn die Einwohner in ihr eine Institution erkennen sollen, die zu ihnen gehört.

Jesus beispielsweise kam zu den Seinen, und man hat an seinem Äußeren erkannt, dass er Jude war. Paulus wiederum ging zu den Griechen und wurde unter ihnen wie ein Grieche (1. Korinther 9,19 ff.), um sie für Jesus zu gewinnen. Und so lehrte er auch die Gemeinde in Korinth – und folglich auch uns. Denn wenn wir aufs Land gehen, um die Landbevölkerung für den Glauben an Jesus zu gewinnen, sollte die Landbevölkerung an der Gemeinde erkennen, dass diese zu ihnen gehört.

Dekan Martin Reppenhagen hat acht Charakterzüge einer missionarischen Gemeinde formuliert. Danach (1) hat eine Gemeinde eine missionale Berufung, (2) lebt sie Nachfolge und Jüngerschaft mit der Bibel als Grundlage, (3) geht sie Risiken ein im Kontrast zur Welt, (4) verkörpert sie Gottes Absichten für die Welt, (5) hat sie den Gottesdienst im Zentrum, in dem sie Gott feiert, (6) lebt sie in Abhängigkeit zum Heiligen Geist und im Gebet, (7) ist sie Zeugin, Agentin, Instrument und Zeichen des anbrechenden Reichs Gottes (mit vorläufigem Charakter) und (8) hat sie eine missionale Autorität in der Gemeinde, um die missionale Berufung zu fördern.




Alle diese Positionen beziehen sich auch auf die Gemeinde im Dorf, aber das dörfliche Leben wird jedem der acht Charakterpunkte seinen eigenen Stempel aufdrücken. Nur wer auf dem Dorf angekommen ist, kann auch eine Dorfgemeinde bauen. Edmonson schreibt mit Recht: „Effektive Evangelisation auf dem Land kann nur von Menschen gestaltet werden, die das ländliche Leben verstehen und sich hingegeben haben, auf dem Land zu leben.“


 Und der britische Gemeindeaufbau-Experte Stuart Murray behauptet gar, dass man kaum Gemeinden auf dem Land mit Menschen von außerhalb bauen kann.







3.2.Erwartungen an die Dorfgemeinde


Gemeinde ist Gottes Pflanzung, aber sie ist in menschlicher Gestalt in der Welt. In ihr sehen Menschen Gottes Herrschaft im Vollzug. Hier können sie das Evangelium sehen, erfahren und hören. Durchaus können die Menschen Gottes Absichten am Leben der Gemeinde auch missverstehen. Was also können Menschen von der Gemeinde Jesu auf dem Dorf erwarten?

In einer Untersuchung im Unterallgäu, die erforschte, was Dorfbewohner von der Kirche im Dorf erwarten, sind unter anderem folgende Ergebnisse zutage getreten


.

Die Kirche soll …

(1)Glauben vermitteln,

(2)das Dorf zusammenbringen,

(3)soziales Leben schaffen und unterhalten,

(4)unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in die Gemeinschaft integrieren,

(5)seelsorgerliche Betreuung leisten,

(6)für Menschen in Notlagen sorgen,

(7)Menschen zum Ehrenamt motivieren,

(8)Heimatgefühle stiften sowie

(9)Ruhe und Kontemplation bieten.

Damit beschreiben die Unterallgäuer ziemlich genau die Bedürfnisse in ihrem Lebensraum. Die Kirche soll Verantwortung für ihren Lebensraum übernehmen, diesen gestalten und zum Besseren transformieren. Unmissverständlich schließen ihre Wünsche geistliche und soziale Aspekte ein. Glauben, Seelsorge und Gebet stehen hier neben sozialem Miteinander, Fürsorge, Integration und Heimat. Kann das eine Dorfgemeinde leisten? Muss sie es gar? Sind die Erwartungen nicht zu hoch geschraubt? Und wenn sie es nicht schaffen kann, wie soll der Gemeindeaufbau all das leisten? Welche Art von Aufbau braucht die Gemeinde, und wer kann ihn leisten?




3.3.Wir hatten einen Traum


„Ein Traum von der Gemeinde: Mut zum Missionarischen Gemeindeaufbau“, so betitelt Bernd Schlottoff sein überaus lesenswertes Buch zum missionarischen Gemeindebau.


 Offenbar muss man ein Träumer sein, wenn man heute noch missionarische Gemeinden bauen will. Das gilt vor allem für den Gemeindeaufbau auf dem Land.

Ich bin ein solcher Träumer. Aber der Traum, den ich da träume, ist weniger das Ergebnis eines überreizten Gehirns, sondern einer von Gott geschenkten Vision. Mir wurde sie, zusammen mit einigen anderen, zum ersten Mal 1999 geschenkt. Gerade nach einem längeren Auslandsaufenthalt nach Deutschland zurückgekehrt, standen meine Frau und ich vor der Frage, welcher Gemeinde wir uns in der neuen Heimat im Bergischen Land anschließen würden. Doch dazu kam es nicht. Denn ein befreundetes Ehepaar sprach uns an, eine neue Gemeinde zu gründen, und zwar auf dem Dorf. Zugegeben, ich hätte mir einen solchen Auftrag niemals selbst gegeben. Ich bin eigentlich ein Stadtmensch. Obwohl auf dem Land geboren, habe ich den allergrößten Teil meines Lebens in der Stadt gelebt. Das Dorfleben war mir fremd. Die Einladung unserer Freunde traf uns also überraschend und stieß erst mal auf Ablehnung. Aber der Gedanke, gegen alle Vernunft den Gemeindeaufbau auf dem Land zu wagen, reizte uns.

Nach viel Gebet und dem Drängen unserer Freunde gaben wir schließlich nach. So entstand das Gemeindegründungsprojekt in Brüchermühle im Bergischen Land. Es sollte ein ausgesprochen gesellschaftstransformatives Projekt werden und die Gemeinde, die wir bauten, eine missionale Gemeinde. Martin Schulten hat in seiner wissenschaftlichen Arbeit das Projekt und die Ergebnisse beschrieben.




Die EfG Brüchermühle wurde im Jahr 1999 als eingetragener Verein von zwei Ehepaaren und fünf weiteren Freunden gegründet. Im Dorf gab es keine eigene Kirche, und Gottesdienste wurden lediglich unregelmäßig im Rahmen einer landeskirchlichen Gemeinschaft gehalten. Der Ort selbst – ein Ortsteil der Sammelgemeinde Reichshof – wurde in den 1970er-Jahren in die Gemeinde Reichshof (mit dem Rathaussitz in Denklingen) eingemeindet, die im Rahmen der Gebietsreform aus über einhundert einzelnen Ortschaften entstanden ist.


 Schulten schreibt:

„Das Dorf selbst mit seinen angrenzenden Nebendorfteilen hat 1891 Einwohner und besaß für diese Größe eine erstaunlich gute Infrastruktur. Mit zwei Tankstellen, einer Postfiliale, einem Lebensmittelmarkt, zwei Gaststätten, zwei Bankfilialen, einem Friseur, zwei Autowerkstätten, einer Fahrschule, einem Sportplatz, einem Bäcker, einem Drogeriemarkt und diversen anderen Geschäften, Handwerks- und Handelsbetrieben waren die Einkaufsmöglichkeiten für ein solches Dorf gut ausgeprägt, obwohl seit Anfang der 90er-Jahre ein Abbau der Infrastruktur begann. Das Hallenbad wurde aus Kostengründen Anfang der 90er-Jahre geschlossen, und die Bausubstanz zerfiel zusehends. Die Arbeitsmarktsituation der Bürger in diesem Dorf stellte sich so dar, dass sich zwei größere, produzierende Gewerbe nachhaltig in Brüchermühle angesiedelt hatten und viele Arbeitsplätze, die multikulturell besetzt waren, zur Verfügung standen.“




Trotz dieser bemerkenswerten Lage sah man in Brüchermühle überall Spuren des beginnenden Zerfalls. Langfristig schien die Aushöhlung der Infrastruktur unabwendbar.

In diesem Dorf wollten wir nun eine missionale und dorfadäquate Gemeinde bauen. In unserem Gemeindehandbuch hieß es: „Das Ziel ist nicht, Gemeinde zu erhalten und ein attraktives Gemeindezentrum mit frommen Programmen aufzubauen, sondern Verbreitung des Evangeliums und Transformieren der Gesellschaft vor Ort. Dies soll in erster Linie in und um Brüchermühle geschehen (Kirche fürs Dorf). Der Blickwinkel der Gemeinde ist extern fokussiert.“




Die Konzentration auf die Menschen vor Ort war somit in der DNA der Gemeinde angelegt. Im Handbuch heißt es weiter: „Die Menschen, die Jesus Christus noch nicht kennen, sollen durch die erfahrbare Liebe und Annahme von Christen auf die gute Nachricht hingewiesen werden und selbst Jünger Jesu werden.“




Ein weiteres klares Bekenntnis zur Gesellschaftsrelevanz findet sich im Handbuch: „Gemeindewachstum geschieht dort, wo Christen entsprechend ihrer Begabung den Auftrag Gottes ernst nehmen und auf die Bedürfnisse und Not der Welt eingehen. Die Menschen im Dorf sollen ihre Bedürfnisse ausdrücken können, und die Gnade Gottes soll dort hineinkommen. In dieser Schnittmenge liegen der Auftrag und Dienst. Das Streben der Gemeinde ist, Gottes Gegenwart in die Welt zu bringen durch missionarische Arbeit als Dienst und Gemeinschaft mit den Menschen im Lernen voneinander.“


 Schulten schreibt:

„Dies wird sowohl bei der Auswahl der Räumlichkeiten, die EfG Brüchermühle ist im Frühjahr 2000 bewusst aus dem privaten Wohnzimmer in öffentliche Räume gezogen, als auch in den allerersten Anfängen bei der Arbeit mit Drogenabhängigen sichtbar, denn die EfG Brüchermühle hatte von Beginn an sowohl Kontakte zu Drogenabhängigen als auch zu den Bewährungshelfern und Ämtern aufgenommen, um mit ihnen gemeinsam zusammenzuarbeiten. Schon nach wenigen Monaten hat die EfG Brüchermühle dem Bürgermeister der politischen Gemeinde einen Entwurf einer gesellschaftsrelevanten Gemeinde „Kirche fürs Dorf“ vorgelegt. Darin wurde vorgeschlagen, das seit sechs Jahren zerfallende alte Schwimmbad in ein Gemeindezentrum zu verwandeln, das sowohl dem Dorf als auch der EfG Brüchermühle dienen sollte, ein Ort, an dem das gesellschaftliche Leben des Dorfes stattfindet. Im Hof sah der Entwurf Outdoor-Aktivitäten mit einer Grillstelle, Spielplatz, Volleyballplatz usw. vor. Es sollte ein Dorfzentrum entstehen, das als säkularer Treffpunkt in der Woche auf die Bedürfnisse der Dorfbewohner eingestellt ist und am Sonntag einen Gottesdienst anbietet.“




Die Gemeinde verstand ihre Vision „Gemeinsam die Zukunft gestalten“ so, dass sie diese gemeinsam mit anderen Sozialakteuren vor Ort umsetzen wollte. Der lokale Fußballverein erhielt Räume im neu entstandenen Gemeindezentrum, genauso wie der Gesangsverein die Möglichkeit erhielt, im Saal Konzerte aufzuführen. Schon bald entstanden eine Musik-, Ballett- und Malschule für Kinder, Kurse für Jugendliche ohne Schulabschluss, eine Beschäftigungsgesellschaft für Arbeitslose, Gymnastikkurse für Frauen u.v.m.

Wie deutlich die Vision des gemeinsam gestalteten Lebens auch mit Menschen verstanden wird, die noch keine Christen sind, wird im Gemeindehandbuch sichtbar, wenn im Punkt 4.1. die 5 Glaubensziele der Gemeinde Brüchermühle beschrieben werden. Unter dem Aspekt der Gemeinschaft wird ausgesagt: „Gemeinschaft – ich will mit anderen Christen und mit meinen Mitmenschen echte Gemeinschaft in gegenseitiger Anteilnahme leben.“




Diese gesellschaftstransformative Vision der EfG Brüchermühle drückte sich vor allem in den folgenden 4 Aspekten aus:

•Wir wollen eine Gemeinde im Dorf sein.

•Wir wollen eine Gemeinde für andere sein.

•Wir wollen Gemeindebau als Bau des Reiches Gottes leben.

•Soziale Arbeit ist ein integraler Teil unseres Gesamtauftrags.

Die EfG Brüchermühle hat sich von Anfang an lokal positioniert und sowohl in ihrem Auftrag als auch in ihrer Vision dem Dorf Brüchermühle verpflichtet. Sie wollte eine Gemeinde für die Menschen vor Ort sein, eine „Gemeinde für andere“


.

Dass Gemeinde nicht für sich, sondern für andere da ist, ist gerade in den Anfangsjahren der Gemeinde Brüchermühle an der Entwicklung der Mitglieder und Taufzahlen sichtbar geworden. Die weit überwiegende Zahl der neuen Mitglieder sind Menschen, die als Nichtchristen in Kontakt zur Gemeinde gekommen und dort getauft worden sind. Von 2000 bis 2005 schlossen sich der Gemeinde 251 Menschen an, wovon 214 in der Gemeinde zum Glauben kamen und getauft wurden.


 Es gab nur vereinzelt Übertritte bzw. Überweisungen aus anderen Gemeinden, da dies konzeptionell nicht gewollt war.

Das Geheimnis des Wachstums der Gemeinde lag vor allem in der Mitarbeit aller Gemeindeglieder, die sich bewusst in ihrem Alltag für die Belange des Reiches Gottes in der Gesellschaft einsetzten. Im Gemeindehandbuch der EfG Brüchermühle heißt es:

„Gemeindewachstum geschieht dort, wo Christen entsprechend ihrer Begabung den Auftrag Gottes ernst nehmen und auf die Bedürfnisse und die Not der Welt eingehen. Die Menschen im Dorf sollen ihre Bedürfnisse ausdrücken können, und die Gnade Gottes soll dort hineinkommen. In dieser Schnittmenge liegen Auftrag und Dienst. Das Streben der Gemeinde ist, Gottes Gegenwart in die Welt zu bringen, durch missionarische Arbeit als Dienst und Gemeinschaft mit den Menschen im Lernen aneinander.“




Mitglieder der Gemeinde schlossen sich dem Bürgerverein des Dorfes an, spielten im lokalen Fußballklub, und die Gesamtgemeinde trat als Sponsor für den Sportverein des Ortes auf. Die Vorgabe war klar: „Kontakte werden geknüpft und dadurch Interesse und Offenheit gegenüber dem Glauben geschaffen. Auch Berührungsängste gegenüber der Gemeinde werden abgebaut.“




Mehr noch: Die Gemeinde nahm bald unterschiedliche soziale Aufgaben am Ort wahr. Zu ihr kamen immer mehr Menschen, die ohne Arbeit waren und sozial absackten. Eine Analyse unter den neuen Mitgliedern der Gemeinde ergab, dass über 100 Personen aus ihrem Umfeld keine Arbeit hatten. Viele von ihnen hatten keinen Schulabschluss.


 Diese Arbeitslosen hatten auf dem primären Arbeitsmarkt kaum eine Chance. So entstand die Christliche Beschäftigungsgesellschaft Brüchermühle (CBB) – heute Christliche Beschäftigungsgesellschaft im Bergischen.


 Die CBB organisierte Schuldnerberatung für hoch verschuldete Bürger des Ortes, nahm sich der Situation der Arbeitslosen an und bot ihnen Resozialisierungsprogramme an – Hausarbeiten und einfache Bauarbeiten, Reparatur von Rollstühlen, Pflasterarbeiten. Sogar die Unterhaltung einer eigenen Tankstelle mit dem dazugehörigen Autoservice kam dazu.




Um diese Menschen auch schulisch besser zu stellen, wurde die Ausbildungsinitiative für Beschäftigungssuchende Brüchermühle (ABB) ins Leben gerufen. Vor allem Jugendliche erhielten hier die Möglichkeit zur Weiterbildung, sodass sie ihren Schulabschluss nachmachen konnten. Das Lehrpersonal wurde aus den Reihen arbeitsloser Lehrer rekrutiert. An der lokalen Grundschule bot die CBB Nachmittagsbetreuung für Kinder an, deren Eltern beide arbeiteten.

Aus einem denkbar kleinen Anfang wurde bald eine ansehnliche kirchliche Arbeit. Mitten auf dem Land. Der Einsatz hatte sich gelohnt, und der Beweis war erbracht – auch auf dem Land kann man Gemeinden bauen und entwickeln. Meine eigenen Erfahrungen machen mir Mut, dass auch in anderen Teilen des Landes Gemeinden aufblühen.

W. Frost ordnet der Beziehung zwischen Christen und Noch-nicht-Christen eine ganz hohe Stellung zu, wenn er schreibt: „Das Ziel jeder Mission ist, dass Noch-nicht-Christen verstehen, dass Jesus für sie ist, das heißt, dass er das Beste der Gruppe will; dass er auf ihrer Seite ist. In einer Welt, in der viele Noch-nicht-Christen inzwischen annehmen, dass Gott sie ablehnt (vielleicht, weil sie den Eindruck gewonnen haben, dass Gottes Leute sie ablehnen), ist es wichtig, diese Botschaft zu einem Hauptziel der inkarnierenden Gemeinde zu machen: Wir wollen Menschen helfen, den Kontakt zu einem Gott zu suchen, der sie sucht und ihre Freundschaft begehrt.“




Im Verlauf seiner Strategiebeschreibung kommt der Autor zu dem Punkt, dass es Orte geben muss, an denen man Christus entdecken kann. Er sagt: „Die Gesellschaft braucht Gelegenheiten, bei denen Christen und Noch-nicht-Christen, die mehr über das Evangelium erfahren wollen, sich in einer nicht-bedrohlichen Umgebung treffen können, in der sie respektiert werden.“







Fragen zum Nachdenken:


1.Was verstehen Sie unter Gemeinde?

2.Was sagt die Bibel über Kirche und Gemeinde?

3.Wie verhält sich Ihrer Meinung nach die Gemeinde als Gottes Idee zur Kirche als Organisation, wie wir sie heute kennen?

4.Welche Rolle kommt dem Kontext, in dem die Gemeinde existiert, für die Gestaltung des Gemeindelebens zu?

5.Wie müsste Ihrer Meinung nach Gemeinde im Dorf sein?




Kapitel 4

Gemeindeaufbau im ländlichen Raum










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