Der taube Himmel
Herbjørg Wassmo


Ganz allein hat die fünfzehnjährige Tora Johansen in Breiland, weit weg von zu Hause, ihre Schwangerschaft geheim gehalten, ihr Kind zur Welt gebracht und es vergraben. Tora ist fast daran zerbrochen. Dann ist es – wie schon so oft – ihre klarsichtige Tante Rakel, die ihr hilft, aus dem Abgrund herauszufinden. Es gelingt Rakel, Tora aus ihrer traumatischen Starre zu lösen. Doch den Kampf gegen den Krebs verliert sie: Sie, die Unerschrockene, Aufrechte, spürt nur allzu deutlich, dass sie den kommenden Winter nicht mehr erleben wird. Rakels Tod reißt eine Lücke in die Gemeinde auf Toras Heimatinsel. Und in ihr Leben. Tora versucht die Lücke zu schließen, indem sie selbst zu Rakel wird …








Herbjørg Wassmo




Der taube Himmel


Tora-Trilogie Band 3

Deutsche Neufassung von Gabriele Haefs

Literaturbibliothek

Argument · Ariadne


Diese Neuübersetzung entstand mit finanzieller Unterstützung von NORLA.

Titel der norwegischen Originalausgabe:

Hudløs himmel

© Gyldendal Norsk Forlag AS 1986. All rigths reserved

Alle Rechte vorbehalten

© Argument Verlag 2015

Umschlaggestaltung: Martin Grundmann

Foto: © Francesca Woodman, Untitled,

Boulder, Colorado 1972–1975,

courtesy George and Betty Woodman

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

ISBN 978-3-86754-870-0

Erste Auflage 2015


Für Hjørdis – meine Mutter




1


Es schneite in Breiland. Große flauschige Flocken blieben wie frisch geschorene nasse Wolle überall liegen. Einige unsichere Fußspuren von dem steinigen Hang bis zu den ersten Häusern mussten versteckt werden. Sie mussten vor Elisifs Gott versteckt werden. Der war zwar weit weg und hatte sich mit so vielem herumzuschlagen, und bisher hatte er kein besonderes Interesse an Fußspuren gezeigt, aber man konnte nie wissen. Deshalb – und nur deshalb schneite es stark und anhaltend. Weiche dichte Flocken, die auf dem warmen Gesicht zerflossen. Ein mildes dampfendes Tauwetter umgab sie und ließ die Eiszapfen in den roten Haaren schmelzen, drehte feuchte Locken um einen unsichtbaren Finger.

Irgendwo ließ sie sich zum Ausruhen auf die Knie sinken. Ihre roten, geschwollenen Hände steckten in dem Schneehaufen. Sie hatte sie noch nie gesehen. Wie ein Messerstich traf sie die Erinnerung, dass sie die Handschuhe oben am Hang vergessen hatte. Oder auf dem Weg verloren? Sie beruhigte sich, so wie es Tante Rakel machte, wenn etwas passiert war: »Das ist nicht schlimm, Tora. Niemand weiß, dass es deine Handschuhe sind!«

In dem leeren Rucksack schlug der hölzerne Schöpflöffel hin und her, als sie dann weiterging. Er jammerte und jammerte. Dass er nie Steine und Erde gegraben habe, und er leugnete, ihr jemals geholfen zu haben. Und Tora bat ihn stumm, sich ruhig zu verhalten. Denn irgendwer könnte seine Behauptungen doch hören.

»Es schneit. Alles ist jetzt vorbei.«

Trotzdem verstärkte sich das Geräusch des Holzes gegen das Segeltuch, bis von überallher ein Echo kam. Sie kniete abermals nieder, damit es Frieden gäbe. Schloss die Augen und war in sich selbst versunken.

Als sie wieder aufschaute, war das Moor voller Gänseblümchen. Mit gelben Köpfen in der Mitte. Staubgefäße im schwachen Wind. Das ganze Moor wogte. Das Licht aus den Häusern lag ruhig über dem Ganzen. Sie spürte, dass sich etwas im Mund und in den Nasenlöchern sammelte. Aber es wollte nicht heraus. Der Löffel war jetzt still. Eine gewisse Freude stach ein Loch nach dem anderen in sie hinein. Alles war vorüber. Und sie lebte noch!

Während sie durch ein Meer von Gänseblümchen wanderte, begriff sie, dass sie nicht in ihrem Körper war. Sie hörte keinen Laut, spürte nicht, dass die Füße auf der Straße gingen. Der Himmel wölbte sich mächtig und weiß über ihr. Der Rauch aus den Schornsteinen malte grobe Zeichen in das viele Weiß.

Bald standen die Torpfosten zu beiden Seiten der Straße. Ein paarmal sah sie menschliche Gestalten weiter vorn. Sie verschwanden, ehe sie sie erreichte. Sie wäre am liebsten losgerannt. Aber sie hatte blutverkrustete Einlagen zwischen den Beinen, auch wenn sie nichts davon merkte. Hatte gelernt, dass Dinge eben da sind, auch wenn man sie nicht spürt.

Sie bog automatisch ein, als sie zu Frau Karlsens Haus kam. Sie war auf das Schlimmste gefasst: Frau Karlsen stand auf der Treppe, schloss die Haustür ab und drehte ihr in dem braunen Mantel den Rücken zu. Sie ließ die Arme entsetzlich langsam am Körper herabsinken, die braune Handtasche in der rechten Hand. Die Tasche baumelte wie ein Pendel, während sie sich zu Tora umwandte.

Ein überraschtes Lächeln ließ das blutleere Gesicht aufleuchten, als sie Tora erblickte.

»Ach, du warst fort? Ja, ich hab wohl gemerkt, dass du nicht da warst, weil du auf mein Klopfen nicht geantwortet hast. Wollte dich zu Tee und Kuchen einladen. Ich hab den Eindruck, dass du’s mit dem Essen nicht so genau nimmst. Du gehst ohne Mütze? Bei dem Wetter! Meine Liebe, du musst ein bisschen besser auf dich aufpassen. Na ja, es geht mich ja eigentlich nichts an.«

Sie machte eine Handbewegung zu dem Schneewetter hin und seufzte tief, beinahe entzückt. Dann zog sie langsam ihre Handschuhe an.

»Alles ist fertig für die Beerdigung. Es wird eine schöne Beerdigung, davon bin ich überzeugt. Eine richtige Feierstunde für uns alle. Du musst auf jeden Fall runterkommen.«

Sie bürstete ein wenig Schnee von dem Mantelsaum, der an dem verschneiten Treppengeländer vorbeigestrichen war. Dann floss sie unendlich langsam durch Tora hindurch und verschwand in der Blumenwiese. Tora kam es vor, als ob eine Tür geöffnet würde und der Blumenduft zu ihr hereinströmte, als Frau Karlsen hindurchstrich.

Sie hatte Frau Karlsen bestimmt noch nie vorher gesehen. Sie bekam direkt Lust, ihr hinterherzulaufen und sich ein bisschen zu wärmen. Aber sie rettete sich in ihr eigenes Elend und lief nirgendwohin. Mühsam stieg sie die Treppen hoch. Sie wusste, dass der Spiegel da hing und ihr alles enthüllen würde, falls sie sich umdrehte.

Während sie in der Tasche nach dem Schlüssel suchte, verschwand alles, was gewesen war. Die Menschen, die Blumenwiese, das Bündel in der Geröllhalde, der Löffel. Es blieb bei der Tür stehen und kam nicht weiter.

Weil sie es nicht mitnehmen wollte.

Es war ineinander verstrickt. Alles. Wenn sie das eine ablehnte, würde sie auch das andere ablehnen. Sie konnte nicht einfach das Schlimmste abwählen.

Der Hahn über dem Ausguss im Flur tropfte stetig. Sie wankte dorthin. Die solide Brandmauer, an der man den Ausguss befestigt hatte, war warm. Sie legte beide Hände und die Stirn dagegen. Blieb vornübergebeugt stehen. Dann trank sie langsam von dem herben Wasser. Sah, wie es durch die Löcher verschwand. Das moorhaltige Wasser hatte ekelhafte braune Flecken in dem emaillierten Becken hinterlassen. Ein ewiger Schlund nach unten. Der alles, was sie nicht schlucken konnte, hinaus ins Meer schickte.

Als sie den Hahn zudrehte, floss sie fort. Hielt sich an der widerlichen Gummikante des Beckens fest. Aber das nützte nichts. Sie wurde in den Schlund gezogen. Dicke schwarze Tropfen trafen sie in den Nacken und drückten sie hinunter. Schließlich lag sie am Rand eines der Löcher und konnte sich nicht mehr festhalten. Die Rohre waren viel weiter, als sie gedacht hatte. Sie fiel und fiel. Schwerelos wie eine Schneeflocke. Es war feucht und warm in der Kloake. Beinahe sicher. Sie ließ sich los. War gewiss auf dem Weg zum Meer. Es spielte irgendwie keine Rolle mehr. Sie fiel und floss.

Der Raum zeichnete sich ab, als sie in der Türöffnung stand. Die Fensterkreuze teilten den Fußboden in acht graue Vierecke, obwohl die Vorhänge zugezogen waren. Es war fast dunkel hier drinnen. Nur die Lichter von der Straße drangen durch die verschneiten Fenster. Sie öffnete die Ofentür, bevor sie das Licht einschaltete. Es war noch Glut im Ofen. Keine Spur von der blutigen Wachstuchdecke.

Tora begriff, dass sie sich mit den Dingen anfreunden musste, um alles zuzudecken. Sie hatte sich bei dem Ausguss mit einem Geschmack nach Blei und Kloake im Mund wiedergefunden. Es war noch nicht Schluss.

Sie tastete nach dem Schalter neben der Tür. Kaltes Licht flammte auf. Wie ein Urteil. Blutflecken auf dem Boden? Sie hatte doch geputzt, ehe sie weggegangen war. Warum hatte sie sie nicht gesehen? Sie kamen ihr entgegen. Direkt vom Boden herauf. Saugten sich fest in den Augen, so dass sie wie geblendet war. Sie fand draußen im Gang einen Putzlappen und wischte die Flecken weg. Spülte den Putzlappen in dem eiskalten Wasser im Ausguss gut aus und hängte ihn wieder auf. Niemand sollte merken, dass sie ihn benutzt hatte.

Dann zog sie vorsichtig die Jalousien herunter. Der Raum wurde gelb, wie gewöhnlich. Es war jedes Mal so, wenn sie die Jalousien herunterzog. Jetzt fand sie einen gewissen Trost darin.

Sie schloss die Tür zu und zog sich langsam aus. Die Mütze und der Schal, die sie sich in den Schritt gelegt hatte, zeigten alle nur möglichen Schattierungen in Rot. Sie stand zögernd damit vor der offenen Ofentür. Dann legte sie sie schnell in die Flammen. Das Feuer kam gleichsam aus dem Ofen heraus und über sie. Brannte ihr im Gesicht, wurde in ihren Kopf hineingesaugt. Der Kopf weitete sich zu einem Ballon und schwamm im Zimmer herum, mit allem in sich.

Und alles war in dem gelben Licht. Das sich immer im Kreis bewegte.

Tora legte sich ins Bett und dachte an Frau Karlsens Mann, der tot war. Er lag steif und still in dem Altersheim, in dem er mehrere Jahre gewohnt hatte. Er hätte der alte Vater von Frau Karlsen sein können, dachte Tora. Oder – vielleicht war es das offene Grab, das sie so erschreckt hatte, dass sie nicht gewagt hatte, die Leiter hinunterzusteigen und das kleine Loch zu graben, um das Bündel zu verstecken?

Das Bündel? Das Vogeljunge? Das aus ihr herausgeglitten war, als sie auf der Wachstuchdecke vor dem Bett lag und sich in Stücke reißen ließ. Aber das Bett hatte sie gerettet. Es war genauso sauber und ordentlich, wie es immer gewesen war. Und die alte Wachstuchdecke existierte nicht mehr. Die Flammen hatten sie verzehrt. Sie hatte im Bauch des Ofens gejammert, lange.

Das Grab – oder Frau Karlsens Mann – hatte sie gezwungen, das kleine Bündel in die Geröllhalde zu legen und Steine darüber zu rollen. Und sie hatte vergessen, die Leiter wieder an ihren Platz zu hängen! Hatte solche Angst vor dem offenen Grab gehabt.

Der Totengräber von Breiland watete bis zu den Waden im nassen Schnee und sah so aus, als ob er wenig von den Sommerplänen des Herrn begriff. Vermutlich hatte er Regen erwartet, denn er hatte das frisch ausgehobene Direktoren-Grab nicht zugedeckt. Und jetzt konnte man sich gut vorstellen, dass der Schnee da unten in der Tiefe einen ruhigen Platz gefunden hatte. Ansonsten hatten sich die Leute angestrengt, an diesem verflixt kalten Ende eines langen Winters am Leben zu bleiben.

So eine Idee konnte auch nur ein Totengräber an einem solchen Außenposten haben, dass nämlich der Frühling zeitig kommen würde. Aber das Leben war nicht immer einfach. Er blieb stehen und betrachtete die alten Haken an der weißen Wand des Geräteschuppens. Leer. Die Leiter war weg! So weit entfernt von Haus und Hof brauchte doch wohl kein Mensch eine Leiter?

Der Totengräber starrte den Neuschnee an, als ob er glaubte, dass die Leiter über den Boden geflogen sei, ohne eine Spur zu hinterlassen. Er war kein ängstlicher Mann – bei Tageslicht. Und so viel wussten alle: dass es einer Leiter unmöglich war, sich von allein zu bewegen! Er wischte sich übers Kinn und schüttelte seinen wuchtigen, windgepeitschten Körper. Eine Bewegung, die eine Art verwirrte Einsamkeit widerspiegelte.

Dann ließ er den Blick über den Friedhof schweifen. Als ob er den Wind für den Entführer hielte. Blinzelnde Augen in dem leicht nebligen Licht. Zögernd ging er zu dem offenen Grab, als sein Fuß auf einmal gegen etwas Hartes und Unfreundliches stieß, das ihn beinahe zu Fall gebracht hätte. Er heftete schließlich den Blick auf die quadratischen Erhöhungen unter ihm im Neuschnee. Die Leiter. Er trat dagegen, so dass die Eiskruste abfiel und das weiße Holz zum Vorschein kam. Er lud sich die Leiter auf die Schulter und schielte stirnrunzelnd in das Grab, als ob er zu sich selbst sagte: »Dieser Bursche geht da nicht hinunter, und wenn es bis zum Rand hinauf schneit. Es bleibt allemal Platz für einen abgemagerten Alten und seinen Sarg.«

Der Totengräber hängte die Leiter an ihren Platz und schob sich einen Priem unter die Oberlippe. Dann trottete er zum Gemeindehaus und in die Kaffeestube. Die Männer bekamen die Geschichte von der Leiter erzählt. Sie wechselten Blicke und sagten nichts. Sie hatten schon häufiger vom Totengräber Gespenstergeschichten gehört. Wussten, wie sehr sie ihn durch höhnische Worte verletzen konnten, deshalb schwiegen sie. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um einen windschiefen alten Totengräber zu demütigen. Zwei Zwangsauktionen standen bevor, außerdem waren Milch und Butter teurer geworden. Zehn Öre pro Liter und eine Krone und fünfundzwanzig Öre pro Kilo.

Von nun an würde er sein Brot ohne Butter und Milch herunterwürgen müssen, bei dem Lohn, den so ein armer Kerl bekam. Allein davon konnte man schon eine Gänsehaut kriegen.




2


Die Geräusche kamen durch Schichten von Wirklichkeit zu ihr. Ein Klopfgeräusch? Der Schmerz einer verrenkten Schulter. Schaler Geschmack von altem Durst. Ein Gefühl, dass jemand sie anfasste. Oder die Tür?

Tora schlug die Augen auf. Die Türklinke bewegte sich langsam nach unten und wieder rauf. Dann stand sie still, und ein vorsichtiges Klopfen erfüllte ihren Kopf mit einem ohrenbetäubenden Lärm.

Sie versuchte sich umzusehen. Die offene Ofentür, aus der keine Wärme mehr kam. Der muffige Geruch. Die Steppdecke halb unter dem Bett. Der Flickenteppich. Wo war der Flickenteppich?

»Biste zu Haus, Tora?«

Die Stimme war deutlich. Als ob sie aus ihr selbst käme.

Sie holte tief Luft, während sie versuchte, die Zunge zu bewegen und das Gehirn zum Funktionieren zu bringen. Aber es ging nicht. Die Stille lag wie eine Mauer zwischen der Tür und ihr.

»Ich hab dir was zu essen gemacht, wenn du überhaupt was magst.«

Frau Karlsens Stimme hallte wie ein vorwurfsvolles Echo aus allen Ecken wider.

»Es geht mir nicht gut, wissen Sie …«

Ihre Stimme trug. Erstaunlich. Sie kroch über den Boden und legte sich Frau Karlsen zu Füßen. Demütig.

Die Klinke bewegte sich wieder nach unten.

»Willste nicht aufschließen, damit ich nach dir sehen kann? Haste Fieber?«

»Nein, ich möcht mich nur ein kleines bisschen ausruhn.«

»Ja, aber willste nicht, dass ich dir was zu essen bring?«

»Nein, ich hab keinen Hunger … Vielen Dank!«

»Na gut.«

Die Stimme auf dem Flur wurde verschlossen und mürrisch. Aber sie nahm die ganze Frau Karlsen die Treppe mit hinunter. Die Stille tat so gut. So gut.

Sie öffnete mit Mühe das vereiste Fenster und atmete den Abend in langen Zügen ein.

Die Bewegungen waren langsam und lautlos.

Am nächsten Morgen ließ sie Frau Karlsen zu sich herein.

Frau Karlsen stand mit dem Tablett in den Händen in der offenen Tür und war ein Mensch. Nicht mehr und nicht weniger.

»Du bist krank«, stellte Frau Karlsen ohne zu zögern fest. Die Stimme war trocken und sicher und ohne Misstrauen. Tora konnte aufatmen. Kaffeeduft und Frühstück. Frau Karlsen hatte den Kaffeekessel unten aus der Küche mitgebracht und ließ ihn auf einem dicken schwarz-rot karierten Topflappen neben dem Bett stehen. Sie hätte gerne mit Tora zusammen Kaffee getrunken, aber es war so viel zu tun.

Außerdem hatte sie ein wenig Angst, sich anzustecken. Ja, Tora solle das nicht missverstehen, aber sie könne sich bei der Beerdigung doch nicht krank ins Bett legen.

»Du hast ’nen Brief bekommen. Und ich hab auch die Zeitung mitgebracht«, sagte sie und las mit feierlicher Stimme vor: »Mordtragödie in Hollywood. Die vierzehnjährige Cheryl erstach den Gangster, der das Leben ihrer Mutter Lana Turner bedrohte! Fürchterlich, was die Jugend in Hollywood alles anstellt. Ja, sie ist nicht viel jünger als du. Du kannst froh sein, dass du in friedlicheren Verhältnissen lebst. Das muss ich schon sagen.«

Am Rand des Tabletts lag Ingrids Brief.

»Haste Fieber? Das kommt davon, dass du immer halbnackt gehst. Auch wenn man jung ist, kann man doch nicht nackt draußen rumlaufen. Es ist noch nicht Frühling, das weißte doch. Es ist eiskalt. Bleib nur ruhig liegen! Du gehst heut auch nicht in die Schule! Ich werd anrufen und sagen, dass du krank bist!«, erklärte sie schon in der Tür – und war weg.

Ingrid lag in dem Brief. Tora konnte heute ihre Worte nicht ertragen.

Mit jedem Mundvoll Brot und Käse wurde eine zarte Freude in ihr entfacht. Alles fügte sich zusammen, bis sie auf das Kissen sank und es wagte, sich selbst zu berühren.

Im Laufe des Vormittags musste sie mehrmals aus dem Bett, weil ihre Brüste zu zerspringen drohten. Sie flossen über, so dass sie ein Handtuch auflegen musste. Einmal sah sie sich in dem Spiegel im Treppenhaus: eine unbeholfene, lächerliche Gestalt mit ausgestopfter Brust unter dem Nachthemd. Sie ähnelte Ole in Været, als er sich beim Schulabschluss in irgendeinem Sketch in dem großgeblümten Kleid seiner Mutter als Frau ausgestopft hatte. Sie wünschte sich so sehr, dass sie es nicht sei, die da stand, damit sie hätte lachen können. Lachen – viel und laut.

Einmal war sie auf der Toilette und glaubte zu weinen. Ihre Brüste fühlten sich wund an. Sie versuchte, selbst zu saugen. Aber sie kam nicht dran. Sie drückte vorsichtig, damit die Milch herauslaufen sollte. Manchmal tauchte das Bild des kleinen Wesens vor ihr auf.

Es war fast nicht auszuhalten.

Bei Frau Karlsen unten klappten ab und zu die Türen. Sie stellten sicher Möbel um. Einmal rief sie zu ihr herauf, wie es gehe. Und Tora holte tief Luft und antwortete. Es gehe gut.

Frau Karlsen kam nicht oft. Trotzdem war es eine Erleichterung, als Tora endlich das bekannte Geräusch vernahm, das ihr sagte, dass Frau Karlsen die Haustür abschloss und zu Bett ging.

Da erst konnte Tora den Schlaf zu sich hereinlassen. Ihr Kopf war den ganzen Nachmittag eine schmerzende Eiterbeule gewesen. Sie hatte sich mit Mühe durch das Zimmer geschleppt, um alle Details nachzuprüfen, das Ganze mit den Augen zu ordnen – bis Frau Karlsen das nächste Mal erschien. Sie überlegte, ob sie nachts die Tür zuschließen sollte. Was würde Frau Karlsen sagen, wenn sie mit dem Frühstückstablett kam, ehe sie zur Bank ging? Aber sie musste. Ertrug es nicht, dass einfach jemand kam und sie sah. Die Decke könnte heruntergerutscht sein, so dass die Milchflecken von der überquellenden Brust sichtbar würden. Sie könnte ein Detail übersehen haben, das Frau Karlsen dann auffallen würde.

Nachts nähten Randi und sie die Lappen des Bettüberwurfs zusammen, den Randi ihr geschenkt hatte. Alle Nähte waren aufgegangen. Randi tröstete sie und meinte, sie würden es schon wieder hinkriegen, aber Tora war so beschämt, dass sie Randi kaum anzusehen wagte. Und während sie so saßen, kam Onkel Simon mit einem dicken Seil, band sie zusammen und lachte gutmütig. Trotzdem stimmte etwas nicht, und als sie an sich hinuntersah, war das Tau aus gedrehter Haut gemacht und fühlte sich kalt und tot an den Armen an. Ein Netz von Blutadern wuchs aus dem Tau in ihren Kopf hinein. Aber die anderen merkten nichts. Schließlich konnte sie keinen einzigen Lappen mehr annähen. Die Arme waren wie gelähmt.

Tora wurde wach und machte Licht.

Sie schlug die Decke zur Seite und sah an sich hinunter.

Es war vier Uhr.

Sie zwang die Füße, bis zum Schrank zu gehen, und holte die Strickdecke heraus. Die Blutflecken waren wie getrocknete dunkle Schollen in dem vielen Rot. Als ob die Decke schon immer dazu bestimmt gewesen wäre, ein schmuddeliges Vogeljunges einzuhüllen. Tora wickelte sich in die Decke. Steckte die Füße in die Filzpantoffeln und setzte sich an den Tisch.

Die Hand fuhr mechanisch zum Schalter und knipste die Schreibtischlampe an. Ein Buch nach dem anderen landete auf der Tischplatte.

Dann fing sie an, englische Vokabeln zu lernen.

Die Beerdigungsgäste brachten eine unwahrscheinliche Habgier mit ins Haus. Die laute, schrille Stimme von Frau Karlsen versuchte gleichsam, die Gäste daran zu hindern, ganz in ihre Seele einzudringen. Aber es nutzte wenig. Sie hatte bestimmt genauso viel Angst vor der Familie ihres Mannes wie Ingrid vor den Rechnungen, die mit der Post kamen. Tora ertappte sich dabei, dass ihr Frau Karlsen leidtat.

Aber die Gäste wurden auch zu einer Bedrohung für Tora. Sie konnten irgendwann im oberen Flur und auf der Toilette auftauchen. Es war besonders eine Frau, die sich wie ein Gespenst bewegte. Lautlos. Das Knirschen ihrer Schritte hörte man erst, ein paar Minuten nachdem sie vorbeigegangen war. Sie öffnete die Schränke im Dachgeschoss, wenn Frau Karlsen zum Einkaufen fort war. Tora hörte, wie sie sich an den Türen bis zu ihrem Zimmer entlangdrückte. Dann wurde es still. Sie sah ihr leuchtendes, bösartiges Auge durch das Schlüsselloch bis zu ihrem Bett.

Zum ersten Mal in ihrem Leben wurde ihr bewusst, wie wenig sie die Menschen mochte. Das Dachgeschoss hatte ihr allein gehört, außer wenn der Mann, der auf dem Frachtschiff fuhr, für ein oder zwei Tage nach Hause kam. Jetzt wurde es von raschelnden, schwatzenden, murmelnden Wesen in Beschlag genommen – die nur eine Sache im Auge hatten: den alten Karlsen unter die Erde zu bringen und herauszufinden, was er in den Schränken und Schubladen hinterlassen hatte. Die Trauergäste redeten, als ob sie vorhätten, auch Frau Karlsen zu beerdigen. Die Worte strömten durch die Wände direkt in Toras Ohr. Sie hatte das schreckliche Gefühl, dass sie einen Mord planten.

Einer von den Männern redete ununterbrochen davon, dass das Haus keinen Pfifferling wert, das Grundstück aber eine Goldgrube sei. Er hatte eine Stimme wie das auflaufende Wasser unter dem Plumpsklo im Tausendheim. Die Stimme leckte feucht und schlabbernd durch die Wände, so dass Tora sie in ihrem Gesicht spürte, während sie mit geschlossenen Augen dalag. Sie war die ganze Zeit vor lauter Angst in Schweiß gebadet.

Die Geräusche ihrer Körper auf den knackenden Matratzen, das Wasser, das in die Waschschüsseln lief, die Stimmen, die quer durch die Wände bis zu ihr drangen, worüber sie sich nicht im Klaren waren, das Schnarchen, Atmen – alles war ihr so widerlich, dass sie sich am liebsten bei Frau Karlsen ausgeweint hätte, als die abends heraufkam und fragte, wie es mit ihrer Grippe stehe.

Aber natürlich sagte sie nichts davon. Sie verkündete stattdessen mit bleichem Lächeln, dass sie am nächsten Tag in die Schule gehen wolle. Ob Frau Karlsen ihr eine Entschuldigung schreiben könne?

Tora segnete die spitzen Ellenbogen, die aus den schwarzen Kleiderärmeln herausstachen, und den schmalen Mund in dem gequälten Gesicht, als Frau Karlsen eine gehaltvolle Entschuldigung schrieb, die sie ausführlich mit Fieber und Halsschmerzen und Grippe begründete. Und darunter: Stella Karlsen, Zimmerwirtin.

Stella! Was für ein sonderbarer Name. Für eine wie Frau Karlsen! Stella! Hieß so nicht ein Stern? Oder ein Schiff? Das Pferd vom Pastor auf der Insel hieß auch Stella.

»Es ist besser, du gehst morgen nicht mit auf den Friedhof!«

Frau Karlsens Stimme wurde von den Wänden aufgesaugt, und das Gesicht wuchs und wuchs. Tora schüttelte den Kopf und schluckte. Hätte so gerne etwas gesagt – etwas Nettes. Aber es war nicht möglich.

»Es ist zu kalt für dich, wo du gerade krank warst. Aber komm zum Kaffee runter. Um vier!«

Tora schloss die Tür hinter ihr ab und suchte ihre Kleider für den nächsten Tag zusammen. Zögernd zog sie die Jeans an. Der Reißverschluss ging wieder zu! Merkwürdig, dass ein Körper wieder so wurde wie vorher. Sie stand mitten im Zimmer und sah an sich hinunter. Traute sich nicht auf den Flur, um sich im Spiegel zu betrachten. Es könnte doch jemand kommen. Noch zitterte sie ein wenig, wenn sie länger stand. Aber morgen würde es besser sein. Viel besser! Sie versuchte, sich in dem kleinen Spiegel zu betrachten, den sie an der Wand hängen hatte, fühlte sich schwindlig und elend. Aber die Neugier war zu groß. Sie kletterte unsicher auf einen Stuhl und hielt sich an der Wand fest. Der Hose war deutlich anzumerken, dass zuletzt ein anderer Körper sie getragen hatte. Sie schien von jemandem geliehen zu sein, der ein paar Nummern größer trug.

Während sie sich so musterte, ging es ihr auf, dass sie – abgesehen von den laufenden und schmerzenden Brüsten und den Blutungen – ungeschoren davongekommen war.

Konnte sie es wagen, daran zu glauben? Sie drehte sich ein bisschen, um ihren eingesunkenen Hosenbund auch von der Seite sehen zu können. Sie kletterte vom Stuhl herunter und sank mit den Jeans ins Bett. Die Augen liefen über. Ein Strom der Erleichterung.

Aber das kalte, tote Bündel im Geröll?

»Was für ein Bündel?«

Weit draußen auf dem Fjord glitt das Tauwetter heran. Nasskalt und lauernd und ohne eine andere Hoffnung, als dass es ein fremder Frühling aus dem Süden war.




3


Tora ging nach der Schule in den Supermarkt und kaufte zwei Pakete Binden. Sie steckte sie schnell in das Plastiknetz zu den Schulbüchern. Erst als sie auf dem Weg nach draußen war, fiel ihr ein, dass sie sich etwas zu essen hätte kaufen sollen. Aber sie konnte einfach nicht noch einmal hineingehen. Es roch da drinnen so stark nach Fleisch.

Den ganzen Tag hatte sie durch die Menschen hindurchgesehen. Sie lösten sich vor ihr auf.

Jeder hatte seinen Lichtschimmer. Meistens in bläulichen Nuancen. Aber auch in roten und gelben. Besonders um die Köpfe. Das machte sie unnahbar und unwirklich. Tora hielt sie von sich fern. Einmal strich Jon im Korridor an ihr vorbei. Er hatte ein weißes Licht um sich. Sie fühlte sich verschwitzt und schmutzig. Er hob eine Hand, als ob er sie anfassen wollte. Sie floh hinter die Toilettentür.

Sie fühlte wieder so etwas wie Einsamkeit. Saß dort, bis es zur Stunde schellte.

Alle standen in Gruppen oder zu zweit da. Ein paarmal streifte sie der Gedanke, dass sie nur in irgendeinen Kreis hineinzugehen und so zu tun brauchte, als ob sie dazugehörte. Aber es wurde nichts daraus.

In den beiden ersten Stunden war es ganz gut gegangen. Sie hatte die Entschuldigung abgeliefert. Die Pausen waren schlimmer. Meistens hielt sie sich auf der Toilette auf. Hoffte, der aufsichtführende Lehrer würde nicht merken, dass sie immer von dort kam, wenn es klingelte.

Frau Ring, die sie in Englisch hatten, kommentierte laut, dass sie noch nicht gesund aussehe. Ob sie nicht zu früh aufgestanden sei? Und das Licht um Frau Rings Kopf explodierte. Frau Ring fragte vorsichtig, ob sie Aufgaben gemacht habe, ob jemand mit den Aufgaben bei ihr gewesen sei.

Tora räusperte sich und sagte, dass sie ab den Aufgaben für Samstag drei Seiten weiter gelernt habe. Sie wurde starke Verben abgefragt. Konnte antworten. War froh, dass sie irgendwie mit dabei war.

»Danke!«, sagte Frau Ring und machte hinter Toras Namen ein Zeichen.

Die Wände beugten sich über Tora. Lange. Als sie aufsah, war sie nicht mehr im Kreis. Ihre Minute war vorüber. Alle Blicke hafteten an dem, der jetzt abgefragt wurde.

Da entdeckte sie es: dass die Telefondrähte, die von der Hauswand zu dem Pfosten bei der Eingangspforte führten, voller Spatzen waren. Spatzen! Winzig kleine Vögel, die zurückgekommen waren. Warum? Wozu kamen sie? Wussten sie nicht, was für ein Leben Vogeljunge heutzutage zu erwarten hatten? Und das Licht um Frau Rings Kopf wurde zu einem kleinen roten Nest aus Handtüchern, in dem ein bläulicher kleiner Vogel saß. Er pfiff ein bisschen heiser. Als ob er nicht genug Luft bekäme.

Tora dachte nicht an die englischen Verben.

Die Stimmen kamen und gingen, sie sah die Münder sich wie in einer Welle bewegen. Sie fing bei Frau Ring an und pflanzte sich durch die ganze Klasse fort. Aber sie konnte nicht hören, was gesagt wurde. Sie dachte an Frits. Er hörte auch nichts. Zum ersten Mal verstand sie, wie das war. Die Kugellampen schwankten leicht über ihrem Kopf. Im Takt, als ob jemand sie in Bewegung gesetzt hätte. Anne drehte sich zu ihr um, öffnete den Mund, und es wogte und wogte. Und es galt nicht ihr. Sie hatten alle ihr Licht, ihre Wellen.

Es war die letzte Stunde. Die Augen: Sandpapier auf einer Wunde. Sie trödelte lange, nachdem es geklingelt hatte. Wartete, bis alle gegangen waren. Als sie nach draußen an die Luft kam, hatte sie das Gefühl, tagelang die Treppen im Tausendheim geputzt zu haben, während die Haustür zu dem eiskalten Schnee hin offen stand, und hinter jeder Schmutzspur, die sie weggeputzt hatte, wurde neuer Schmutz gemacht.

Sie war in ihr Zimmer gegangen, hatte sich angezogen hingelegt und war eingeschlafen. Um vier Uhr kam Frau Karlsen in einem neuen schwarzen Kleid herauf und lud sie zum Kaffee ein. Tora hatte die Tür nicht abgeschlossen. Sie schaute schnell an sich hinunter, wie es ihr zur Gewohnheit geworden war, bevor sie Frau Karlsen bat hereinzukommen. Ob sie noch nicht gesund sei? Frau Karlsens Stimme klang aufgesetzt teilnahmsvoll. Ob sie ein paar Schnittchen nach oben haben wolle? Tora zwang sich zu antworten. Sie setzte sich auf und klagte, dass sie sich noch ziemlich elend fühle. Frau Karlsen möge bitte entschuldigen, aber sie könne nicht nach unten kommen …

Eine fremde Frau mit einem harten, stechenden Blick kam mit einem Tablett. Sie war in Schwarz, wie Frau Karlsen, und trug um beide Handgelenke schwere Armbänder. Sie sagte »Bitte« und »Lass dir’s gut schmecken« und versuchte ein paar Worte mit Tora zu wechseln, während ihre Augen wie Motten umherschwirrten – Tora erkannte ihre Stimme wieder. Sie hatte sie durch die Wand gehört. Sie glich einer der bösen Gestalten aus Alice im Wunderland. Oder war sie eine der Figuren, die auf den Spielkarten abgebildet waren?

Tora aß.

Noch hatte sie Ingrids Brief nicht geöffnet. Sie fasste den Entschluss, nie mehr auf die Insel zurückzukehren. Kaute die sorgfältig zurechtgeschnittenen Brote und dachte immer wieder daran.

Dann setzte sie sich an den Tisch und holte die Bücher hervor. Brauchte viel Zeit. Es flimmerte und barst vor ihren Augen. Ingrids Brief wuchs aus der Tischschublade und klebte sich an alles, was sie in die Hand nahm. Schließlich zog sie ihn langsam heraus und schlitzte ihn mit einer Stricknadel auf.

Ingrid schrieb vom Wetter. Vom Ausbleiben der Fische, so dass sie ohne Verdienst sei und Tora ein wenig auf das Geld warten müsse, das sie zum Leben brauche. Eine Woche? Die Buchstaben kamen ihr entgegen wie einsame blaue Spuren im Schnee. Kreisten um ihre Arme. Sie baten Tora zu sparen, so dass sie jedenfalls Ostern nach Hause kommen könne. Die Buchstaben schwebten um ihre schmerzenden Schultern, die sie bis zu den Ohren hinaufgezogen hatte. Sie musste den Kopf schützen. Warum las sie diesen Brief? Er hatte nichts mit ihr zu tun. Sie konnte und wollte diese Ingrid nicht erreichen.

Tora wechselte die Binde und lernte Geschichte.

Gegen Abend stiegen sie in Grüppchen die Treppe herauf, klapperten mit den Kofferdeckeln und raschelten in ihren Zimmern mit irgendwelchen Sachen. Sie war sich nicht ganz sicher, wie Frau Karlsen alles überstanden hatte. Sie hörte sie nicht, zunächst. Ein ungutes Gefühl beschlich Tora. Trugen sie nicht schwere Gegenstände durch die Halle? Schleppten sie nicht etwas hinter sich her? Überall war Durcheinander, und endlich hörte Tora Frau Karlsens erregte Stimme, die »gute Fahrt« wünschte. Dann fiel die Haustür ins Schloss, und die letzten Gäste verschwanden wie unwillige Krebse die Treppe hinunter und in ihren Autos. Kurz darauf hörte sie jemanden pfeifen, Love me tender, love me true. Es war Frau Karlsen.

Sie stand auf dem Gipfel des Veten und stürzte den Berg hinunter. Sie sah sich selbst in der Geröllhalde liegen. Nein, es war Almar! Ganz zerschlagen. Sie näherte sich ihm sehr schnell, und gerade als sie auf die großen grauen Steine stieß, sah sie das Vogeljunge. Jemand hatte es ausgegraben.

Sie kämpfte eine Weile mit der Decke, ehe sie ganz wach wurde. Dann ging sie zum Fenster, das nur einen Spaltbreit offen war, und öffnete es weit gegen die dunkle Nacht. Die Luft kam wie ein Schmerz auf sie zu. Eine Erinnerung an etwas, das sie früher empfunden hatte.

Allmählich wurde sie ruhig. Und die Wiese mit den Gänseblümchen wuchs vertrauensvoll bis hinauf an das Fensterbrett der ersten Etage. Sie nahm deutlich den Geruch wahr. Es tropfte gleichmäßig aus der Dachrinne.

Als sie sich wieder zum Raum umdrehte, sah sie direkt auf die Wand über dem Bett. Das abscheuliche Gemälde von dem Schiff im Sturm. Düstere Farben. Hässlich mit der polierten, verschönernden Gischt. Sie war augenblicklich beim Bett, nahm das Bild von der Wand, hielt es einen Moment vor dem Fenster hoch, bereit, es hinauszuwerfen. Sie stand ratlos vor dem offenen Fenster, das Gemälde über den Kopf haltend.

Es wurde ihr schwindlig vor Anstrengung. Die Arme sanken herunter.

Sie stellte das Bild mit der Vorderseite zur Wand draußen im Gang neben die Tür.

Sie hätte nach dem Vogeljungen in der Geröllhalde sehen sollen, aber es ging nicht. Denn da hätte sie alle Blumen zertreten müssen. Dass jemand das kleine Grab gefunden hatte, war wohl unmöglich. Der Löffel hatte gründliche Arbeit geleistet. Jedes Mal, wenn sie auf den Löffel schaute, der in der Schublade lag, war sie ihrer Sache sicher. Das Vogeljunge war gut verborgen. Niemand sollte es schänden können. Jedes Mal, wenn sie mit hoher Geschwindigkeit durch den Himmel fiel und das offene kleine Grab sah, gelang es ihr, sich zu wecken, ehe es zu spät war.

Der Himmel war überall so offen. Das war ihr unangenehm. Die Luft war so klar. Alles war durchsichtig und lastete wie ein Druck auf ihr. Jede Nacht jagte sie über den Himmel und hinunter auf die Geröllhalde. Jede Nacht endete sie vor dem offenen Fenster. Der Abfluss war so groß. Während sie dahinraste, spürte sie den Wind auf der Haut. Im Gesicht. War leer wie ein flatterndes Kopfkissen auf der Leine im Wind.

Sie stand in Frau Karlsens Badewanne. Das Wasser strömte an ihr herunter. Warmes Wasser. Ihr schwindelte in endlosen Augenblicken.

Langsam seifte sie sich ein. Die Haare. Den Körper. Spülte sich ab und seifte sich erneut ein. Es war schon lange her, dass sie etwas als so wohltuend empfunden hatte. Man konnte sich darin ausruhen. Die Muskeln und die Haut bekamen wieder Leben. Unter dem Wasserstrahl. Sie wärmte sich. Erfrischte sich. Sie war sie selbst, so wie sie es vorher nie gewesen war.

Ein paarmal spürte sie den Boden unter sich weichen, wenn sie in das Loch sah, durch welches das Seifenwasser mächtig schäumend und ruckweise in den Abfluss gesaugt wurde. Rosa. Sie konnte sich nicht an das viele Blut gewöhnen. Einmal musste doch Schluss sein. Sie sollte sich doch wohl nicht zu Tode bluten.

Seifengeruch. Sie spülte die Haare, die sich spröde und sauber anfühlten, wenn sie mit den Fingern durchfuhr. Der Dampf stand wie eine Wolke vor dem kleinen halboffenen Fenster hoch oben an der Wand. Der Plastikvorhang mit seinen grellen violetten Blumen hing steif herunter. Alles war fremd, aber schön. Sie hatte das Gefühl, es vorher nie gesehen zu haben.

Sie trocknete sich sorgfältig ab. Zog frische Wäsche an. Ließ das weite Hemd über den Jeans hängen. Hatte eine richtige Binde im Schritt, als ob sie ganz normal ihre Tage hätte.

Sie riss das Fenster wegen des Dampfes weit auf, wagte aber nicht, die Tür zur Küche zu öffnen. Frau Karlsen war nur einkaufen gegangen, sie konnte jederzeit zurückkommen. Tora hatte die Erlaubnis zu baden. Trotzdem durfte Frau Karlsen sie nicht im Bad sehen. Es half auch nichts, dass sie angezogen war. Die Spuren könnten sie verraten. Unerwartet. Katastrophal. Nur ein winzig kleines Detail.

Das Mädchen von der Insel spürte die Blicke im Nacken – auf dem Schulhof, in den Fluren oder auf der Straße. Sie war nie gesprächig gewesen. Aber jetzt schien sie die Sprache vollkommen verloren zu haben. Nur wenn sie die Aufgaben abgefragt wurde, brachte sie eine Art an sich selbst gerichtetes Flüstern zustande. Eine Stimme, die so wenig benutzt wurde, dass sie immer von neuem versuchen musste, einen Klang zu finden. Die Sätze kamen direkt aus dem Buch, durch das Mädchen hindurch und in den Raum. Es war, als ob ein Tonbandgerät in ihrem Magen säße. Aber im Übrigen konnte man von ihr nichts hören.

Vor allem Anne versuchte, Kontakt zu ihr zu bekommen. Ob sie ins Kino gehen wollten? Ins Café? Tora hatte tausend Entschuldigungen. Man kam nicht an sie heran. Seit sie damals im Herbst ohnmächtig geworden war, war in den Augen der anderen etwas Geheimnisvolles an ihr hängen geblieben. Sie sprach nie über sich selbst. Die anderen wussten kaum, wo sie wohnte. Sie war glatt wie ein Aal. Saß an ihrem Tisch. Ging in den Pausen hinaus. Erhob sich auf Kommando wie ein Soldat und leierte ihre Aufgaben herunter. Schrieb, was ihr diktiert wurde. Alles gleichermaßen ausdruckslos, wie ein Roboter.




4


Ingrid wartete auf Post von Tora. Schließlich wusste sie sich keinen anderen Rat mehr, als nach Bekkejordet zu gehen und Simon und Rakel zu fragen, ob sie das Telefon benutzen dürfe.

Nach Worten suchend, erklärte sie, dass sie Ingrid Toste sei. Toras Mutter. Ob Tora krank sei, weil sie nicht schreibe.

Frau Karlsen zeigte freundliche Teilnahme. Ja, Tora habe eine unangenehme Grippe gehabt und im Bett gelegen, aber das sei schon eine Woche her. Die Schulaufgaben hätten sie wohl am Schreiben gehindert. Sie sei immer zu Hause, immer ruhig und ordentlich. Ja, die beste Untermieterin, die sie je gehabt habe. Es sei schön, einen Menschen im Haus zu haben, wenn man Witwe geworden sei. Sie habe ja viele Jahre allein gelebt, natürlich, weil der Mann krank und bettlägerig und im Altersheim gewesen sei. Und das sei gutgegangen. Aber es sei doch etwas anderes, zu wissen, dass man allein war. Ingrid machte vorsichtig, aber entschieden Schluss und legte auf.

»Was hat sie gesagt?«, fragte Rakel und sah die Schwester fragend an.

»Dass sie Witwe geworden ist.«

»Witwe?«

»Ja, Frau Karlsen. Aber die Tora war nicht da. Sie lernt sicher so viel, dass sie keine Zeit zum Schreiben hat … Sie hat die Grippe gehabt …«

»Aber hat sie dir nicht gesagt, wann die Tora nach Haus kommt?«

»Ich hab vergessen zu fragen. Sie hat so viel geredet. Ich hab direkt Kopfschmerzen davon.«

Rakel lachte und schenkte noch mehr Kaffee ein. »Ja, ja, nun kommt sie Ostern wohl, du wirst schon sehn.«

Ingrid schaute auf die Tischdecke. »Ich glaub fast, dass sie nicht kommt!«

»Warum sollte sie denn nicht kommen?«

»Sie ist seit Weihnachten nicht mehr zu Haus gewesen. Ja, sie hat natürlich auch nicht genug Geld, um zu fahren. Geld hat sie von mir nicht grad viel bekommen.«

»Liebe Ingrid, da hätt sie ja wohl schreiben können, wenn sie blank ist.«

»Nein, die Tora nich.«

»Soll ich ihr denn ’n paar Kronen schicken?«

»Nein, was ich ihr geschickt hab, reicht bestimmt bis Ostern.«

Rakel fasste Ingrid am Arm. »Aber da haste doch getan, was du konntest. Und wenn sie nur Geld bis Ostern hat, dann muss sie ja nach Haus kommen.«

»Sie schreibt ja auch nicht.«

»Vielleicht hat sie sich verliebt.«

»Die Wirtin hat gesagt, dass sie nie fortgeht. Ich bin ganz unruhig deswegen. Ich denk überhaupt an nichts andres mehr, als was die Tora macht.«

»Das versteh ich gut.«

Wie so oft, wenn sie zusammensaßen und redeten, hielt Ingrid den Blick gesenkt. Es irritierte Rakel auch diesmal. Aber sie ließ es sich nicht anmerken. Ingrid hatte ihre Gründe.

Und Rakels Kümmernisse wurden dagegen zu einer Bagatelle. Wirklich kein Grund, sich wichtig zu machen. Das Geschäft blühte in dieser Saison wie noch nie. Den Schafen ging es gut im Stall, und der Frühling und der Almauftrieb standen bereits vor der Tür.

Rakel hatte weniger Schmerzen. Sie wusste wohl, dass das Übel noch da saß. Aber die Ärzte hatten ihr Leben und Gesundheit so gut wie versprochen. Sie reiste immer wieder zur Behandlung nach Oslo. Hatte sich schon fast ans Reisen gewöhnt.

Sie stellte sich vor, es sei eine Ferientour. Versuchte, nicht daran zu denken, dass sie ins Krankenhaus musste, zu Bestrahlung und Untersuchungen, Proben. Übernachtete in Bodø im Hotel, bevor sie das Flugzeug nach Süden nahm. Ging in Geschäfte. Ins Kino. Hatte in sich einen versiegelten Raum, in dem sie alles versteckte, was ekelhaft und krank war. Aber jedes Mal, wenn sie in den breiten Türen des Krankenhauses stand, war die Gerichtsverhandlung im Gange.

Auf dem Heimweg graute ihr bereits vor der nächsten Tour. Die Sehnsucht nach Simon war ein Garten voller Früchte, von denen sie nicht zu essen wagte. Sie schien sich einzubilden, dass sie dafür bestraft würde. Deshalb kaufte sie sich etwas zum Anziehen, statt ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Satinblusen. Moderne Faltenröcke mit glattem Hüftteil. Alle Arten von Schuhen. Je mehr Warnungen sie über die Krankheit bekam, umso mehr suchte sie Zuflucht in diesen Nichtigkeiten. Sie war sich selbst klar darüber. Lächelte bitter über ihr eigenes Verhalten.

Aber wenn sie Ingrids Sorgen sah, ihre Plackerei, damit es vorne und hinten reichte, wurden ihre eigenen Kümmernisse so klein.

Sie wünschte, sich in Ingrids Schoß ausweinen und Erleichterung finden zu können. Aber das war unmöglich. Ingrid würde auch das noch auf sich nehmen und Rakels Krebs der langen Kette von Schicksalsschlägen hinzufügen, die sie jeden Tag im Tausendheim in sich verschloss. Hätte Ingrid doch etwas mehr Fähigkeit zur Freude gehabt!

»Soll ich mal nachhören, wie es ihr geht? In der Schule anrufen?«, fragte sie vorsichtig.

»Nein«, sagte Ingrid müde.

»Ich find, du solltest das hier nicht so schwernehmen. Du wirst schon sehn, da ist irgendein Grund. Mach dir doch nicht solche Sorgen. Davon wird’s auch nicht besser.«

»Du hast gut reden«, murmelte Ingrid. Sie zog sich den verschlissenen Mantel an. »Du hast kein Kind, an das du denken musst.«

»Nein, da haste recht, Ingrid«, sagte Rakel mit flammenden Wangen.

Es erstaunte sie jedes Mal, wenn Ingrid sie verletzte. Es war jedes Mal der gleiche Schock. Sie glaubte immer, es sei unmöglich, so etwas von Ingrid gesagt zu bekommen. Aber sie konnte ihr nicht widersprechen. Konnte es nicht, weil sie überzeugt war, dass die andere gar nicht ahnte, was sie Schlimmes gesagt hatte. Manche Menschen merkten nie, dass sie eine tödliche Lawine auslösen konnten.

Und Rakel, die sonst über alles ungeniert redete, sank in sich zusammen und verbarg ihre Wunden vor ihrer einzigen Schwester.

Rakel legte den Napfkuchen auf einen geblümten Teller mit gebogenem Rand. Sie hielt den Teller gegen das Licht und betrachtete ihn einen Augenblick. Als ob sie ihn auf Katzenhaare oder eine andere Unreinlichkeit hin inspizieren wollte. Dann stellte sie ihn entschlossen ab.

»Der Henrik sagt, das ist der Dank dafür, dass ich sie auf die Schule nach Breiland schick. Es steigt ihr zu Kopf. Zu Haus ist ihr nichts mehr gut genug. Er meint, dass sie schon Weihnachten bockig und trotzig war«, murmelte Ingrid.

»Ach so, der Henrik sagt das.« Rakel grinste nicht einmal.

Ingrid verstand trotzdem die Spitze und senkte den Kopf. Hatte gelernt, den Kopf zu beugen. Das konnte sie am besten.

»Ja, ich weiß, was du vom Henrik hältst. Er trägt in alle Zukunft einen Stempel. Aber du kannst ihm ja wohl gönnen, eine Meinung über die Sache zu haben.«

»Ich gönn dem Henrik alles Gute, meine Liebe. Und ich hab den Henrik bis zum Geht-nicht-mehr verteidigt, ob das nun bei dem Gerichtsverfahren war oder zu Haus, wenn ich mit dem Simon gestritten hab. Jetzt will ich davon nichts mehr hören. Aber ich hab nie gesehn, dass der Henrik sich bemüht hätte, anderen das Leben zu erleichtern. Das muss ich doch mal sagen, wenn wir schon dabei sind.«

»Was meinste?«

»Stell dich nicht so dumm! Hat er jemals auch nur den kleinen Finger gerührt, um für dich oder Tora irgendetwas zu tun? Das weißte wohl. Wie ihr miteinander auskommt, wenn ihr allein seid, das geht mich nichts an … Ich mein nur, du solltest dich von ihm scheiden lassen!«

Sie hatte es ausgesprochen. Ohne Einleitung. Hart. Ohne Umschweife. Der Nachklang war das Schlimmste.

Von Ingrid kam kein Laut.

»Ja! Liebste ihn denn etwa?«

Rakel schrie es heraus wie eine Anklage. Stand da, die Hände in die Seiten gestemmt. Mit halb offenem Mund. Bereit, den nächsten Satz herauszuschleudern. Bereit, Ingrid in Grund und Boden zu reden, wenn sie sich verteidigte. Sie zu überzeugen. Sie von sich selbst zu erlösen. Zum ersten Mal störte sie die schnurrende Katze auf der Torfkiste.

Ingrid legte den Kopf auf den Tisch, schützte ihn mit ihren dünnen Armen, so gut sie konnte.

Rakel betrachtete sich selbst. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Sie schämte sich so, dass ihre Wangen brannten. Wusste nicht, was schwerer wog: ihr eigener Hochmut – oder dass sie ihn dazu benutzt hatte, sich für einen gedankenlosen Satz über ihre Kinderlosigkeit zu rächen. Es ging ihr auf, dass es vielleicht nur wenige gab, die bereit waren, Mensch für andere Menschen zu sein. Dass sie da keine Ausnahme bildete. Aber sie war nicht fähig, die Hand auszustrecken und Ingrid zu berühren. Es war, als ob etwas sie festhielte.

Sie ging zögernd durch den Raum und wischte die Krümel vom Küchenschrank, um Zeit zu gewinnen.

»Kümmer dich nicht um das, was ich sag, Ingrid.«

»Ich weiß nicht, was mit mir los ist, dass ich so wenig aushalte …« Ingrid hielt die Tränen zurück und zog ein Taschentuch hervor.

»Du hast es nicht gut, Ingrid. Du hast zu viel Verantwortung, zu viel Schinderei. Du solltest einen Mann haben, der ’n bisschen auf dich aufpasst, nicht einen, der kritisiert, dass die Tora auf die Schule geht, und der dir das Leben sauer macht.«

»Der Henrik hat’s auch nicht so leicht …«

Rakel hat plötzlich das ekelhafte Gefühl, sich zu langweilen. Sie weiß, dass sie ein paar tröstende Worte finden müsste. Ablenken davon, dass Tora weit weg und Henrik ewig schlechter Laune ist – bis irgendetwas Ingrids Stimmung wieder aufhellt. Aber sie steht einfach da und langweilt sich. Hat das Gefühl, dass sie mit Ingrid nicht wie mit einer Ebenbürtigen reden kann. Weiß nicht, warum sie sich doppelt so alt fühlt, obwohl Ingrid älter ist und viel, viel mehr erlebt hat. Sie hat immer mit Erstaunen festgestellt, dass Ingrid nie etwas aus all dem lernt, durch das sie hindurchmuss. Ingrid wird nur immer tüchtiger bei ihrer Arbeit. Hat keinen Drang zur Auflehnung, keinen Trotz, schluckt Hass und Groll herunter – und lässt sich immer wieder schlagen.

Ingrid raffte den alten Mantel um sich, stand auf und war bei der Tür. Sie sah Rakel mit einem seltsamen Blick an. »Nein, ich muss jetzt machen, dass ich wegkomm, es ist schon spät …«

Ihre Stimme klang wie gewöhnlich.

Rakel blieb stehen.

Sie sah, wie Ingrid die Gartentür öffnete und wieder schloss, ohne ein Auge auf das Haus oder das Küchenfenster zu werfen. Sah sie die Hügel hinuntergehen. Langsam. Stetig. Alles war gesagt.

Nichts war gesagt. Nichts war entschieden.

Kurz bevor Ingrid in dem Wäldchen verschwand, kam Rakel zu sich. Sie riss die Tür zum Windfang auf und ergriff das erste Beste, was sie da draußen fand. Simons Stalljacke. Schlüpfte in ein Paar abgeschnittene Stiefel und stürmte taumelnd auf dem matschigen Weg Ingrid nach. Erreichte sie schnell. Sprang sie von hinten an und hielt sie fest.

»Ich bin einfach schrecklich, Ingrid!«

Ingrid fuhr sich mit steifen Händen über das Gesicht. »Du willst doch nur in allem Ordnung haben. Ordnung …«

Rakel begleitete Ingrid die Hügel hinunter bis zu den ersten Häusern. Da kehrte sie um, weil sie nur die Stalljacke und die abgeschnittenen Stiefel anhatte. Sie zeigte an sich hinunter und lachte. Sie lachten beide ein wenig.

»Ich versuch, mehr über Tora zu erfahren, dann komm ich zu dir runter.«

Ingrid nickte. »Ich bin’s ja nur, die sich aufregt. Du hast ja recht. Was soll denn hier auf der Insel aus Tora werden? Ich bin auch mal von hier geflohn … Danach war’s zu spät. Es ist, als ob alles mich erstickt hätte – und es mir ermöglichte zu leben, ohne zu atmen.«

Sie hob die Hand zum Gruß. Eine schwerelose Bewegung. Ein heimliches Verstehen. Wie damals, als sie junge Mädchen gewesen waren und sich stritten, aber genötigt gewesen waren, wieder Freundinnen zu werden, weil sie nur einander hatten. Gemeinsamen Kummer. Gemeinsame Geheimnisse. Gemeinsame Schrammen und Träume.

Der Schnee war trotz allem zusammengeschrumpft auf den Wiesen und Äckern. Er schmolz am Waldrand und in den Gräben. Aber der Frost biss Rakel in die Ohren.




5


Jeden Tag brach sie eine Scheibe Brot in Stücke und legte sie auf die Fensterbank. Winzig kleine Bissen. Dann setzte sie sich auf einen Hocker und wartete. Die schwarze Krähe. Die schimmernde, glänzende Elster. Sie kamen. Drehten jäh im Flug ab, wenn sie sie sahen. Verstanden, dass sie Wache hielt. Dass die Bröckchen nicht für sie waren. Es war nicht deren Junges, das sie in die Geröllhalde gelegt hatte.

Oh nein, wirklich nicht. Sie wussten sicher, mit wem sie die Bröckchen teilen wollte.

Sie zog langsam das Gummi von ihrem Pferdeschwanz und schüttelte die Haare aus. Sie lüftete sie, während sie dasaß. Sie wartete wohl auf ein Rotkehlchen. Oder einen Finken. Einen Wintervogel. Einen, der nicht vor dem Winter flüchtete.

Sie aß ihr eigenes Brot und trank Milch. Die Nachmittagssonne zitterte und lebte wie ein offenes Feuer. Rollte das Licht zu ihr hin und machte sie schwindlig. Der Himmel war eine Feuerglut. Die Abende wurden so hell. Waren nichts, um sich darin zu verstecken. Das Glas stand schwankend auf einem Hocker neben ihr. Das Brot hielt sie in der Hand. Es krümelte gleichmäßig auf ihren Pullover. Sie konnte den schwachen Wollgeruch wahrnehmen, der sich mit dem Geschmack von Brot und Käse und Milch mischte.

Zeitweise vergaß sie sich und vergaß, warum sie da saß. Kaute nur. Aber jedes Mal, wenn sie anfing zu frieren, erinnerte sie sich an den Vogel. Wollte er sich nicht bald sein Essen holen? Auch heute nicht?

Sie nahm die Bröckchen um genau zehn Minuten nach vier von der Fensterbank und schloss das Fenster. Gleich darauf hörte sie immer, dass Frau Karlsen die Haustür aufschloss.

Manchmal erinnerte sie sich an Ingrid. Oder an Onkel Simon und Tante Rakel. Frau Karlsen hatte erzählt, dass Ingrid angerufen habe. Dass sie auf einen Brief von Tora warte. Sie hatte das ganz streng gesagt, so wie der Pastor auf der Insel, als sie in den Konfirmandenunterricht ging. Frau Karlsen war zur Stiefmutter in dem Märchen vom Schneewittchen geworden. Sie schwatzte Tora Ermahnungen auf, die ebenso rot und giftig waren wie der Apfel, den Schneewittchen aß, bevor sie umfiel.

Den erhobenen Zeigefinger hin- und herbewegend, sagte Frau Karlsen: »Man darf nie vergessen, seiner Mutter zu schreiben.«

Und Tora blendete das Geräusch ihrer Stimme aus.

Die anderen hatten die Osterprüfungen an den Tagen gehabt, an denen Tora krank zu Hause gelegen hatte. Der Oberlehrer ließ etwas von einem ärztlichen Attest verlauten. Sie hatten ihn in Mathematik. Tora saß mit geradem Rücken und blassen Wangen da. Der Pullover verhüllte ihre Hüften. Schützte sie jetzt noch immer, obwohl sie nichts mehr zu verbergen hatte. Auch das war gefährlich.

Er sah vom Klassenbuch auf und versuchte, dem Blick des Mädchens zu begegnen. Aber Tora hatte bereits Blickkontakt mit der Weltkarte über der Tafel.

Schließlich ergriff Anne die Initiative: »Tora hat eine Entschuldigung abgegeben. Von der Wirtin. Liegt sie nicht im Klassenbuch?«

»Ja, aber sie hat mehr als drei Tage gefehlt«, bemerkte der Oberlehrer ungerührt.

»Das ist doch nie so genau genommen worden. Hauptsache, die Zimmerwirtin oder die Eltern haben unterschrieben. Sie kann doch jetzt nicht mehr vom Doktor ein Attest erbitten. Sie ist schließlich wieder gesund.«

Verhaltenes Kichern. Eine altbekannte Übelkeit stieg in Tora hoch. Sie sah die blauen Adern um die Nasenflügel des Oberlehrers. Die kalten Augen ohne Ausdruck. Angst breitete sich langsam aus. Sie ging in eine Wut über, die Tora nicht mehr beherrschen konnte. Sie spürte, dass die Schenkel unter dem Tisch zitterten. Ein sonderbar sprödes Läuten war in ihrem Kopf. Wie ein Sausen. Ein Zustand wie nach einem Fieberanfall. Warme Wollbüschel flogen vor ihren Augen vorbei. Sie griff nach dem Tisch, um das Zittern unter Kontrolle zu bekommen. Registrierte, dass der Mundwinkel sich ihrer Kontrolle entzogen hatte. Wusste, wie sie jetzt aussah. Das ließ sie noch wütender werden.

»Da könnt ich nicht dran denken. Mir war schlecht. Außerdem hatte ich kein Geld von zu Haus … Ich glaub nicht, dass der Doktor in Breiland was umsonst macht.«

Alle Gesichter wandten sich in erstauntem Respekt Tora zu. So eine lange Rede hatten sie bisher kaum je von ihr vernommen. Das Mädchen sah ganz wild aus. Ihr Gesicht war beinahe entstellt. Irgendetwas stimmte nicht mit dem Mund. Sicher eine Art Lähmung.

Der Oberlehrer sah verlegen ins Klassenbuch. Das hatte er nicht erwartet. Wollte nur den starken Mann markieren. Er hatte ein solches Bedürfnis nach Ordnung, gerade an diesem Tag. Und da endete es damit, dass er echte Verzweiflung sah. Er war beleidigt deswegen und prüfte nicht einmal mehr die Anwesenheitsliste. Merkte nicht, dass Gunlaug nicht auf ihrem Platz saß, weil sie mit ihren Aufgaben nicht fertig geworden war.

Aber als er ins Lehrerzimmer kam, ließ er ein paar Bemerkungen fallen, dass ihm die Klasse etwas ungeregelt vorkomme. Es gebe da einige aufsässige Elemente. Die anderen Lehrer sahen kaum auf. Antworteten nicht. Die Kaffeetassen waren halb leer, der Kaffee nur noch lauwarm. Es war schon lange her, dass die Tassen Freude gemacht hatten.

Der Klassenlehrer war nicht anwesend. Niemand fühlte sich verpflichtet, dem Oberlehrer zu antworten. Der konzentrierte Geruch nach Achselschweiß und Pfeifentabak mischte sich mit dem von Staub, Tinte und kaltem Kaffee. Jeder hatte mit sich zu tun. Undiszipliniertheit war ein Teil ihrer Lebensaufgabe, für jeden von ihnen. Der eigentliche Lebensprozess. Es war beinahe Blasphemie, das Wort auszusprechen. Es hatte so etwas wie eine heilige Schwäche in sich.

Tora wurde nicht mehr nach einem Attest gefragt. Aber sie bekam Hausaufgaben, damit man hieb- und stichfeste Noten für das Osterzeugnis machen konnte. Das war nicht schlimm. Sie nahm die Aufgaben mit in ihr Zimmer und ließ sich Zeit.

Alle Aufgaben, die ein normales Wissen verlangten, waren einfach. Sie hatte viel Platz in ihrem Kopf. Als ob Hausputz und großes Aufräumen gewesen wäre. Was sie aus den Büchern lernen konnte, saß beinahe schon, ehe sie den Text fertig durchgelesen hatte. Aber bei allem, wo sie eigene Gedanken entwickeln musste und was nicht in den Büchern stand, war es hoffnungslos, etwas Vernünftiges zustande zu bringen. Sie hatte das eigene Denken verloren. Konnte nur mechanisch lernen. Von hier bis da. Wie ein Roboter. Mathematikaufgaben nach bestimmten Regeln lösen. Verben konjugieren. Historische Fragen voller Namen und Zahlen beantworten. Zahlen! Sie waren magisch und gut.

Aber das nützte ihr nichts, wenn sie einen Aufsatz schreiben musste. Viele Seiten voller Gedanken, die nur aus ihr selbst kommen sollten. Vielleicht schrieb sie etwas, was zu Fragen nach dem Attest führte.

Die Wörter waren so gefährlich.

Sie bekam schreckliche Kopfschmerzen, wenn sie die Wörter durchsiebte. Misstrauisch setzte sie sie in Reih und Glied auf eine Linie. Wusste, dass sie hinter ihr her waren. Es kostete sie viele Stunden, einen Aufsatz über ihre Begegnung mit der Realschule in Breiland zu schreiben. Ihre Gedanken waren voller Brüche, wie die Gletscher im Frühling. Bodenlos, wie die Moore rund um das Jugendheim auf der Insel.

Sie brachte den Aufsatz einigermaßen zuwege. Drei Seiten. Nicht mehr und nicht weniger. Sie versuchte nicht einmal, das Ganze durch Abschnitte und Zwischenräume in die Länge zu ziehen. Ließ es sein. Am letzten Schultag vor Ostern bekam sie ihn zurück. Mit der Note »ausreichend«. Sie starrte fast ungläubig auf die Note. Der Kommentar des Norwegischlehrers war gehässig. Aber er äußerte kein Misstrauen, was ihr Fehlen während der Osterprüfungen betraf. Tora verbesserte in der Pause die Rechtschreibfehler und lieferte den Aufsatz wieder ab.

Die Norwegischnote war »befriedigend«. Sonst sah das Zeugnis gut aus. Sie war glimpflich davongekommen. Sie wurde nicht zusammengestaucht, und es wurde auch keine Unterschrift von zu Hause verlangt.

Da musste sie auch nicht nach Hause fahren. Sie hatte sich bereits entschlossen. In der Nacht vor Schulschluss. Während sie im Bett lag und sich ausstreckte und spürte, dass der Schlaf sich immer mehr zurückzog, und das Tageslicht sich immer deutlicher an den Vorhängen abzeichnete und die Konturen der Möbel und Dinge im Zimmer sichtbarer werden ließ.

Sie fühlte sich beinahe glücklich. So leicht war es also. Sich zu entschließen. Für eine lange Zeit nicht mehr auf die Insel. Vielleicht nie mehr. Ihn nie mehr sehen! Nie mehr die steilen Treppen zu den Räumen im Tausendheim hinaufgehen. Nie mehr den merkwürdigen Geruch im Treppenhaus wahrnehmen. Nie mehr gezwungen sein, mit ihm an einem Tisch zu sitzen.

Sie würde Ingrid schreiben. Sagen, dass sie Ostern woandershin wollte. Auf eine Hütte. Zusammen mit Freunden. Freundinnen. Sonst würde es ihr wohl nicht erlaubt werden. Die Idee war ihr in der Schule gekommen. Viele wollten auf eine Hütte. Und sie wollten alle zu Hause sagen, dass sie mit Freundinnen hinwollten. Machten aus, sich gegenseitig zu decken, falls gefragt wurde. Kicherten nervös und fühlten sich sehr erwachsen.

Der Brief wurde kurz. Ohne Schnickschnack. Bat nicht um Geld. Sie brachte ihn sofort zur Post.

Die Erleichterung machte sie schwindlig. Sie saß lange auf einem Stahlrohrstuhl in der Post, nachdem sie den Brief abgeliefert hatte. Der Postbeamte sah sie ganz seltsam an, und sie bekam Angst, dass er fragen würde, ob sie krank sei. Diese Frage ertrug sie nicht.

Dann ging sie in die Bibliothek. Lieh sich ein Netz voll Bücher aus. Sie kaufte Brot, Kaffee, Ziegenkäse und vier Eier. Trug alles zusammen hinauf in ihr Zimmer und setzte sich vor das offene Fenster, um den Vogel zu füttern. Sie hatte keinem Menschen erzählt, dass sie Ostern in Breiland bleiben werde. Alle hielten es für selbstverständlich, dass sie nach Hause fuhr.

In Sicherheit! Viele Stunden konnte sie hier mutterseelenallein sitzen, ohne dass jemand zu wissen brauchte, wo sie war.

Zehn Minuten nach vier schloss sie das Fenster, weil Frau Karlsen zu erwarten war. Die Vogelmutter kam nicht. Tora reckte sich nach allen Seiten, bevor sie das Fenster heranzog und die Haken einhängte. Die Bröckchen hatte sie hinaus in den Schnee gefegt. Sie waren gelbe Flecken da unten in all dem Weiß. Jeden Morgen waren sie fort. Sie hörte das Geschrei und Gekrächze der Krähen. Es war nur eine Frage der Zeit, wann Frau Karlsen entdecken würde, warum sich so gierige Vögel in der Nähe ihres Hauses aufhielten.

Tora schob den Gedanken von sich. Sie musste Kontakt zu der kleinen Vogelmutter bekommen. Erzählen, wohin sie das Junge gelegt hatte.




6


Rakel entschloss sich, nach Breiland zu fahren. Das komme so plötzlich, meinte Simon. Sie erklärte, dass sie Menschen sehen müsste, sonst würde sie ersticken. Alles sei so klein auf der Insel …

Ob das seine Schuld sei? Nein, versicherte sie ihm. Aber so leicht war er nicht zu überzeugen.

Schließlich musste sie mit der Sprache herausrücken, dass nämlich Ingrid ganz verzweifelt war, weil sie einen kurzen, kalten Brief von Tora bekommen hatte, in dem sie ihr mitteilte, dass sie Ostern nicht kommen werde, weil sie mit Freundinnen auf eine Hütte wolle.

Simon meinte, dass es doch prima sei, dass das Mädchen Freundinnen habe. Es sei doch wohl nicht schlimm, wenn sie Ostern nicht nach Hause komme. Rakel seufzte und gab ihm recht, aber sie bestand trotzdem darauf, nach Breiland zu fahren. Da könne sie nach Tora sehen. Ein bisschen allein sein. Ins Kino gehen. Sie habe Bauchweh, fügte sie hinzu. Da zog er den Kopf ein und sagte nichts mehr.

Rakel musste handeln, wenn die Gedanken sie plagten. Immer musste sie etwas tun. Sie war eben so.

Sie dachte darüber nach, was wohl der Grund für Toras Brief sein könnte. Ein Freund, von dem sie der Mutter nichts zu erzählen wagte? Nein, da hätte sie versucht, mit vielen Details, vielen Entschuldigungen eine Erklärung zu finden. Da hätte sie wahrscheinlich einen netten Brief mit überzeugenden Lügen geschrieben.

Simon brachte Rakel in dem kleinen Motorboot über den Fjord. Sie versprach, gleich nach ihrer Ankunft anzurufen. Stand da in ihrem neuen blauen Wollmantel, den sie beim letzten Besuch in Oslo gekauft hatte. Er war ein Schild gegen neugierige Augen, damit die Leute nicht ihren abgemagerten, kranken Körper sehen sollten, wenn sie in Været spazieren ging. Sie sollten nur nicken und sagen: Rakel Bekkejordet war in der Hauptstadt und hat sich einen neuen Mantel angeschafft …

Keiner sollte sehen, dass es eine Entschädigung für Schmerzen war.

Aber Simon wurde ganz weich bei ihrem Anblick. Er fuhr allein über den Fjord zurück und spürte immer noch ihren Duft. Mitten durch die salzige Gischt. Er drehte den Motor voll auf und stellte fest, dass er gut lief.

Der Bus fuhr um Millionen von Kurven und hielt ununterbrochen, so schien es Rakel. Sie hatte sich bereits überlegt, wie sie sich verhalten sollte, wenn sie nach Breiland kam. Sie wollte Frau Karlsen anrufen und nach Tora fragen. Dann wollte sie zu dem Haus gehen. Wenn niemand aufmachte, würde sie sich ein Hotelzimmer nehmen und das Weitere überdenken.

Es war grau in Breiland. Rakel hatte sich ein für alle Mal eine Meinung darüber gebildet. Seit sie erfahren hatte, dass sie zu Tests und Untersuchungen nach Breiland musste. Das war schon lange her. Trotzdem war der Grauton da. Ein für alle Mal. Sie brachte es nicht über sich, diesen Eindruck zu revidieren.

Der Ton im Telefon war auch grau. Es klingelte in einem Raum, den sie nicht sehen konnte. Niemand hob ab. Sie hatte es im Voraus gewusst. Sie knöpfte den Mantel zu, nahm die Reisetasche vom Boden auf und dankte der Verkäuferin dafür, dass sie das Telefon hatte benutzen dürfen.

Ging geradewegs hinaus in den bleigrauen Tag.

Das Haus fand sie leicht. Wusste ungefähr, wo es war. Es brannte Licht im Flur und in der ersten Etage. Ein gelber, ängstlicher Schein, der über alten Schnee floss. Da oben waren die Jalousien heruntergezogen. Ein Schild über der Messingklingel. Herrschaftlich. Trotz aller Kümmernisse konnte Rakel sich ein solches Schild in Bekkejordet vorstellen. An der Haustür: Simon und Rakel Bekkejordet. Nur um zu irritieren und zu verwirren. Und weil es ihr gefiel. Und weil es einfacher so wäre. Dazu dann die Klingel. Sie musste beinahe lachen.

Niemand öffnete. Sie zog einen Handschuh aus und benutzte den nackten Zeigefinger. Als ob das helfen würde. Ein Ritual, um die Menschen herbeizuzaubern. Sie spürte, wie das Geräusch sich von ihrer Fingerkuppe bis in das Haus fortpflanzte. Bis zu dem Zimmer, in dem Tora war. Ein Ruf, eine Ankündigung, dass sie, Rakel, gekommen war. Aber das Haus antwortete mit beleidigter Stille. Verwunschen und verschlossen.

Eine Bewegung da oben? Sie war sich nicht sicher. Sie klopfte laut an die Tür. Tat kund, dass sie sich nicht ohne weiteres zufriedengeben würde. Aber es geschah nichts. Sie überlegte, dass Tora vielleicht eine gewisse Zeit brauchte, um sich vorzubereiten. Nahm einen Bleistift aus der Handtasche und riss eine Seite aus dem Notizbuch heraus. Dann schrieb sie, dass sie da gewesen sei und wiederkommen werde. Schob den Zettel in den Türspalt und wandte sich zum Gehen.

Als sie ein letztes Mal hinaufsah, bemerkte sie einen Schatten am Fenster. Die Jalousie schnellte hoch. Sie glaubte, den scharfen Knall zu hören.

Tora stand wie ein gekreuzigter Schatten da. Die Sprossen im Fenster waren echt genug. Ein Kreuz. Rakel hob die Hand. Versuchte zu lächeln. Das Fenster wurde langsam nach außen aufgestoßen. Toras rotes Haar erschien in der Fensteröffnung. Rakel wusste nicht, was sie erwartet hatte.

Vielleicht ein Lächeln? Eine Entschuldigung? Ein kleines Hallo?

Aber nichts von alledem. Es war, als ob Tora sie nie gesehen hätte. Als ob sie einen zufälligen Hausierer betrachtete und wünschte, dass er seinen Spruch aufsagte und dann wieder ging.

»Hallo! Ich hab schon geglaubt, dass niemand zu Haus ist. Kann ich raufkommen?«

Es war immer noch kein Laut aus dem offenen Fenster zu vernehmen.

Der Kopf verschwand, das Fenster wurde geschlossen. Einen Augenblick stand Rakel mit einer verwirrenden Lawine von Gedanken da. Einer davon war, dass Tora ihr wohl nicht öffnen würde. Aber kurz darauf hörte sie von drinnen Schritte, und der Schlüssel wurde umgedreht.

Der Mensch in der Tür war Tora. Und war nicht Tora. Rakel blieb auf der Treppe stehen. Ihre Augen fuhren blitzartig über das junge Mädchen. Dann blickte sie verlegen zur Seite. Hatte das Gefühl, durch ein Schlüsselloch geschaut zu haben.

Das dichte Haar hing in Strähnen über die Schultern. Das Gesicht wirkte verlebt und war entsetzlich bleich. Die Augen sahen sie an, ohne zu sehen. Derselbe graue Pullover, den sie schon Weihnachten angehabt hatte. Aber der Babyspeck, die runden Formen, die Frische – die waren verschwunden. Sie konnte diesen Menschen nur mit abgrundtiefem Unglück in Verbindung bringen.

Aber natürlich. Dieser Mensch hatte den Brief an Ingrid geschrieben.

Rakel wartete nicht länger, dass Tora etwas sagen würde, sie folgte ihr einfach die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Blieb an der Tür stehen. Schweigend. Betrachtete eingehend die triste, schwere Tapete, das schmale, altmodische Bett, die dunklen Vorhänge, das Licht der Straßenlaternen, das frech durch die hohen, kahlen Fenster hereinbrach. Den Fleck auf der Wand, wo einmal ein Bild gehangen hatte, die Wachstuchdecke mit den grellen Blumen. Die großen, alten Sessel und die Plüschdecke auf dem runden Tisch. Alles hatte bessere Tage gesehen, lange vor Toras Geburt.

Rakel hängte ihren Mantel in den Gang, schlüpfte aus den Stiefeln, rieb sich die Hände, während sie zum Ofen ging.

»Es ist schön warm hier«, sagte sie und verschwand fast in einem der Sessel. Tora setzte sich auf die äußerste Kante des Schreibtischstuhls.

Auf dem Schreibtisch lagen Bücher. Tora hatte sicher gerade für die Schule gearbeitet. Auf dem Bett lagen verstreut zehn, zwölf Bücher mit Bibliothekseinband. Sonst war alles blitzsauber. Aufgeräumt bis ins kleinste Detail.

»Du lernst und lernst«, sagte Rakel lächelnd und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, um sie ein wenig in Ordnung zu bringen.

Tora nickte.

»Biste allein hier?«, fragte Rakel vorsichtig.

»Ja. Frau Karlsen ist über Ostern bei Verwandten.«

Endlich konnte man ihre Stimme hören. Ganz konkret.

»Und du? Du willst nich nach Haus, hab ich gehört?«

»Hat die Mama dich geschickt?«

»Nein, keineswegs! Ich hab in Breiland was zu erledigen. Ich hab mich selbst geschickt. Aber ich musste auch nach dir sehn.«

Plötzlich fasste Rakel einen Entschluss. Ehrlich sein. Wenn sie durch diese Schale durchdringen wollte.

»Aber ich hab den Brief gesehn, den du nach Haus geschrieben hast. Du gehst also nicht auf irgendeine Tour – eine Hüttentour, nicht wahr?«

Tora starrte Rakel an. Das Gesicht, der Körper, aber vor allem die Augen spiegelten genau den Ausdruck wider, den Rakel bei Tieren gesehen hatte, wenn sie geschlachtet werden sollten. Sie schluckte.

»Was ist eigentlich los, Tora?«

»Nichts! Ich kann nur nicht. Es ist teuer und … Möchtste Kaffee?«

Das Mädchen schien aus einer Art Trance zu erwachen. Sie erhob sich jäh und ging ein paarmal ziellos im Zimmer umher. Ein nervöser, geschäftiger Tanz. Auf der Suche nach dem kleinen Kaffeekessel, der auf dem Tisch mit den Schulbüchern stand. Rakel deutete schließlich darauf. Zwei rote Flecken erschienen auf Toras Wangen. Rakel sah, wie der Schweiß auf Stirn und Oberlippe ausbrach. Sie hielt sich zurück, damit Tora sich beruhigte. Erinnerte sich plötzlich an die Episode mit Ingrid, als sie ihr geradeheraus gesagt hatte, dass sie Henrik verlassen solle. Man sollte den Menschen nicht so viel sagen. Es wurde schnell zu viel für jemanden, der den Gedanken schon gedacht und ihn dann verworfen hatte.

In mancherlei Hinsicht ähnelte Tora ihr selbst. Aber sie war trotzdem Ingrids Tochter, Ingrids Schande. Rakel war nie eines Menschen Schande gewesen.

Tora war bereits auf dem Weg nach draußen, um Kaffeewasser zu holen. Rakel merkte, dass sie sich in ein gefährliches Gebiet hineingeschwatzt hatte. Das konnte alles so undurchdringlich machen, dass sie keinen Zugang zu dem Mädchen bekam.

»Wirste dich Ostern hier amüsieren, wo du ja nicht nach Haus fahren willst?«

»Nein … Ja, das heißt …«

Tora stand mit dem Rücken zu ihr und brauchte lange, um die elektrische Kochplatte anzudrehen. Bald darauf zischte es unter dem Kessel. Sie stand gebeugt über der Platte und konnte nicht von dem Deckel mit dem roten Bakelitknopf loskommen.

»Wisch den Kessel ab, Tora! Ich werd ganz nervös, wenn das Wasser dauernd auf der heißen Platte zischt.«

Tora streckte mit einem Ruck den Nacken und nahm einen Lappen.

»Ja«, sagte sie. Lange nachdem sie den kleinen Handgriff getan hatte.

Es war schlimmer, als Rakel gedacht hatte.

»Haste Liebeskummer, Tora?« Sie versuchte, ihrer Stimme einen warmen und behutsamen Klang zu geben, aber sie merkte selbst, wie hohl sie sich anhörte.

»Nein.«

»Erzähl mir, warum du nicht nach Haus willst. Es bleibt unter uns.«

»Nein, alles ist in Ordnung.«

»Etwas muss es doch sein. Das merken wir beide, deine Mutter und ich. Sogar der Henrik hat’s gemerkt.«

Das Zittern begann gleichsam am Rocksaum. Pflanzte sich durch den kleinen Körper fort. Die Halsadern zeichneten sich plötzlich blau unter der Haut ab. Der Mund öffnete sich, und der eine Mundwinkel fiel herunter, als ob er sich ausgehakt hätte. Das Mädchen stand kerzengerade mit hängenden Armen da und zitterte.

Rakel erhob sich und nahm sie in den Arm. Der Pullover war feucht. Schweiß strömte über das Gesicht, und sie wischte ihn zaghaft fort, wie Tränen. Die Haare kräuselten sich am Haaransatz und sahen wie frisch gewaschen aus.

»Ich wart auf jemanden – verstehste …«

»Auf wen wartest du denn?«

»Auf eine, die was zu essen bekommen muss. Eine, die ihr Junges verloren hat.«

»Eine, die … was?«

Sie starrten einander in die Augen. Rakel wich aus.

»Es ist eine Vogelmutter. Sie kann jederzeit kommen.«

»Tora!«

Der Raum schwankte um sie beide. Ganz langsam. Decke und Wände. Der Fußboden. Sie waren Spielbälle im leeren Raum des Herrn. Rakel streckte die Hand aus, aber niemand ergriff sie. Tora streckte die Faust aus, aber niemand ergriff sie. So war das nun einmal.

Rakel schluckte und holte tief Luft, dann sagte sie sehr energisch: »Erzähl mir davon! Alles!«

»Nein. Geh jetzt bitte.«

Mit bittender Stimme. Wie Hasenpfötchen auf verharschtem Schnee.

»Ich geh nicht! Erzähl mir absolut alles!«

»Du sollst gehn!«

»Nein!!!«

Rakel verlor vollständig die Fassung und schüttelte das Mädchen heftig. Ließ sie plötzlich los und sah beschämt auf ihre Hände. Tora zog die Knie an und rutschte bis hinauf ans Kopfende, schlang die Arme um die Beine und verbarg das Gesicht. Wiegte sich sanft in ihrem eigenen Rhythmus hin und her. Hin und her. Von einer Seite zur anderen. Sie war eine Uhr. Ein Pendel, das die Minuten zwischen ihnen vorantrieb.

»Ich werd den Doktor für dich holen. Tora, du bist ja wie von Sinnen.«

Tora sah auf, mit wilden Augen. »Ich bin nicht wie von Sinnen. Ich werd auch brav sein. Ich werd alles tun, was du willst, wenn du nur nicht …«

Das Kaffeewasser kochte über. Rakel stand auf, um es in Sicherheit zu bringen. Verschüttete mehrere Löffel Kaffee, als sie den Kaffee in den Kessel geben wollte. Hörte sich sagen: »Leg dich hin und ruh dich ein bisschen aus, Tora. Du bist müde. Ich trink derweilen meinen Kaffee hier hinten und schau in deine Bücher.«

Rakel blieb am Fenster stehen und sah hinaus, ziellos. Sie stellte die gesprungene Tasse auf die Fensterbank. Das Nachmittagslicht war bläulich. Eine einsame Lärche bewegte unruhig ihre Zweige gegen etwas Unsichtbares. Irgendjemand musste vor langer Zeit ein Loch in die Erde gegraben und den Baum gepflanzt haben. Ihn behütet, ihn zum Wachsen gebracht haben. Wie zum Trotz gegen die Natur. Allzu nahe am Pol. Vielleicht lag es an der Stärke des Baumes. Vielleicht war es die schwarze, umklammernde Liebe der Erde zu den Wurzeln.

Während sie die Lärche betrachtete, geschah es. Ein spröder Laut gegen die Fensterscheibe. Ein Picken. Einsam und von nirgendwoher, wie die Luft, die sie einatmete. Unglaublich, wie alles, womit wir uns umgeben, auf das Konto »Selbstverständlichkeit« geht!

Eine Goldammer klammerte sich an die schmale Kante des Fensters. Breitete die Flügel aus und streckte den kleinen, krummen Hals vor. Klopfte. Herzschläge gegen eine kalte Fensterscheibe. Poch, poch, poch.

Toras Gesicht glättete sich. Der Körper löste sich und war auf dem Sprung zum Fenster. Endlich hatte sie die Hände an den Fensterhaken. Der Vogel schwang sich einen Augenblick empor, als ob er das Ganze geplant hätte. Ein zitternder Propeller in der Luft. Tora öffnete das Fenster. Schnell. Als ob sie Übung darin hätte. Als ob sie die Haken geschmiert, alle Trägheit aus den morschen, winternassen Fensterrahmen entfernt hätte. Als ob das Leben genau auf diesen Augenblick eingestellt wäre. Sie ging zu der Brottüte, holte ein paar Brocken, kam zurück und legte sie vorsichtig auf das Fensterbrett. Der Vogel saß ruhig in der Lärche und wartete. Wartete? Konnte das möglich sein? Rakel bekam das sonderbare Gefühl, Zeugin einer Opferhandlung zu sein. Eines Rituals, mit ihr selbst als auserwählter Zeugin. Tora stand mit leuchtendem Gesicht da, während der Vogel ein paar Bissen aufpickte, zu seinem Zweig flog, zurückkam und noch ein paar Bissen holte.

Mehrmals wiederholte sich das. Dann blieb er ruhig in der Luft stehen und bewegte nur die Flügel. Eine Art Gruß. Tora hob die Hand. Dann war er fort.

Die Bröckchen lagen wie Brandmale auf dem Fensterbrett.

Rakels Schultern fielen herunter. Tora war wieder im Zimmer.

Sie wandte sich um und sah Rakel an. Nickte stumm. Dann schloss sie sorgfältig das Fenster.

»Er wird’s jetzt allein schaffen! Hast du’s gesehn?«

Rakel versuchte, in Toras Welt hineinzukommen. Sie nickte nur ein wenig mit dem Kopf.

Sie aßen Wurstbrote, die Rakel mitgebracht hatte. Dazu tranken sie Kaffee. Saßen an dem runden Tisch mit der Plüschdecke, die Arme ziemlich hoch, weil die Armlehnen der Sessel so hoch waren.

Rakel wartete. Etwas musste ja geschehen. Sie wusste, dass sie nicht in der Lage war, Tora ohne weiteres zu verstehen. Spürte trotzdem intuitiv, dass sie auf dem richtigen Weg war.

»Frau Karlsen ist Witwe geworden«, sagte Tora schließlich und kaute nachdenklich. Ihr Gesicht hatte etwas Farbe bekommen.

»Ja, ich hab’s gehört. Nimmt sie’s schwer?«

»Er war im Altersheim. Ich glaub nicht, dass sie’s versteht. Dass er tot ist, mein ich.«

»Das ist oft so. Als deine Großmutter starb …«

»Ich glaub nicht, dass wir sterben«, unterbrach Tora. Es war deutlich, dass sie nicht zuhörte.

»Das müssen wir alle, Tora.«

»Nein, ich glaub, das ist nur eine Lüge! Ich glaub, dass wir die ganze Zeit da sind, auch wenn wir uns nicht zeigen. Deswegen macht sich auch Elisifs Gott nicht die Mühe, den Henrik sterben zu lassen. Er ist ja doch da. Die ganze Zeit.«

Rakel setzte den einen Fuß, den sie auf den anderen gestellt hatte, auf den Boden, als ob er eine Sache wäre. Er stand einen Augenblick in der Luft. Die Hand, die eigentlich die Kaffeetasse zum Mund führen wollte, sank in den Schoß.

»Warum soll der Henrik nicht sterben?«, fragte sie mit steifen Lippen.

»Nein, er kann nicht sterben. Menschen wie er können nicht sterben … Aber das macht nichts – denn ich komm ja nicht nach Haus!«

»Weil du den Henrik nicht magst?«

»Niemand mag den Henrik.«

»Hör mal zu! Du brauchst den Henrik nicht zu mögen, auch wenn er mit deiner Mutter verheiratet ist. Du kannst deswegen ruhig nach Haus fahren. Du brauchst mit dem Henrik nicht mal zu reden. War er Weihnachten hässlich zu dir?«

»Nein. Ich war gemein.«

»Wie denn?«

»Ich hab die Kaffeetasse so weit weggestellt, dass er nicht drankam, denn er hatte ja den Fuß in Gips. Ich hab ihn nicht gestützt, wenn er Hilfe brauchte, um aufs Klo zu kommen.«

Tora grinste. Die Augen glänzten wie im Fieber.

»Warum, Tora?«

»Jemand muss das machen. Damit er versteht, dass er nicht sterben kann.«

Etwas Unheimliches kroch aus den Wänden, so dass es Rakel nasskalt über den Rücken lief.

»Sag endlich, warum du den Henrik nicht leiden kannst. Was hat er dir getan? Hat er dich geschlagen? Dir gedroht?«

»Alle wissen, dass er schlägt. Ich will nicht dahin. Ich muss den Vogel füttern.«

Tora vergrub ihre Finger in Rakels Windjacke, beugte sich vor und sah ihr in die Augen. Jemand hatte mehrere Kerzen tief drinnen hinter der Netzhaut angezündet. Nun flackerten sie im Wind. Wind woher?

Wie ein Kind. Ein kleines Kind, dachte Rakel. Tora ließ Rakels Jacke los. Lachte. Es hörte sich an, als ob Heftzwecken in einer Tabakbüchse klapperten.

»Alle wissen, was der Henrik tut, außer einer Sache.«

Tora schloss den Mund. Ganz fest. Schürzte die Lippen und wiegte sich hin und her.

»Was für eine Sache?«

»Er weiß nicht, dass er ein Vogeljunges hat. Er weiß nicht, dass die Vogelmutter um Brot an meinem Fenster bettelt. Er weiß nichts von sich selber.«

»Dass er ein Vogeljunges hat …?«

»Du hast doch den Vogel gesehn, nicht wahr? Er kam, obwohl du hier warst! Nicht wahr?«

»Ja, Tora, ich hab den Vogel gesehn. Kannste mir erklären, was der Henrik mit dem Vogel zu tun hat?«

»Er ist der Vater von dem Vogeljungen, verstehste das nich … Er ist zu groß, um der Vater von einem Vogel zu sein …«

Rakel versuchte klar zu sehen. Irgendetwas stimmte nicht mit der Tapete. Über dem Bett waren die Bahnen nicht richtig nebeneinandergeklebt. Das Samtmuster passte nicht aufeinander. Die Augen wanderten von der einen Tapetenbahn zur anderen.

»Halt mich nicht zum Narren, Tora.«

Toras Augen schauten durch Rakel hindurch. Die Stimme wurde eindringlich leise. Als ob sie einen Traum erzählte, der Eindruck auf sie gemacht hatte. Als ob sie von einem Buch berichtete, das sie gelesen hatte.

»Er war klein, verstehste. Schon blau. Niemand wusste davon, deshalb starb er einfach. Aber die Mutter trauerte …«

Dann erstarrte sie plötzlich. Rang nach Atem. Die Fäuste hämmerten auf den Sessel. Staub wirbelte auf. Ein alter, trockener Geruch ließ Rakel übel werden. Toras Augen waren voller Tränen, und aus der Kehle kamen irgendwelche Laute.

Rakel erhob sich und zog sie von dem Sessel hoch. Sie landeten alle beide auf dem Fußboden. Der Flickenteppich verrutschte unter ihnen. Das Nachmittagslicht war sparsam hier unten. Machte den Raum flach. Schob die Wände auseinander. Die Decke mit dem abscheulichen mehrarmigen Kronleuchter wurde drohend. Die vergilbten Bakelitschirme hatten von zu starken Birnen Risse bekommen. Rakel zählte die Schirme. Sechs.

Tora schlürfte ihr Weinen in sich hinein. Fuhr mit dem Ärmel übers Gesicht. Schluchzte noch ein wenig. Sie war zwei Jahre alt. Lag im Schoß der Tante. Hatte sich das Knie fürchterlich aufgeschlagen, so dass sie weinen musste. Aber es gab Abhilfe für alles. Rakel legte einen Lappen auf. Die Tante legte immer einen Lappen auf. Sie blies auf die Wunde, bis der Schmerz weg war. So war es immer gewesen.

»Hier! Hier kam das Vögelchen raus. Und dann starb es einfach! Aber ich hab das Blut aufgewischt. Alles verbrannt, Tante. Nicht wahr, es ist jetzt schön hier?«

Zuerst zeigte sie mit einem zitternden Finger auf den Teppich unter ihnen. Dann machte sie eine weit ausholende Bewegung mit der Hand und schickte ein zerbrochenes Lächeln in den Raum.

»Niemand hat’s gesehn, Tante Rakel.«




7


Es ruhte ein blasser Feiertagsfriede über Været. In der Woche vor Ostern war es ihnen gegangen wie einer Henne, die ein Ei legen will. Aber sie gackerte nicht viel. Stakste nur hierhin und dahin, während die Zeit verging. Und das Nest blieb leer.

Die Fischer sahen verhärmter aus als sonst. Einige sagten ganz offen und sehr verbittert, dass das Zugnetz der Fischerei mehr schade als das Grundnetz. Sie blieben bei Laune, indem sie sich gegenseitig herausforderten, wie Tigerjunge in einem ernsthaften Spiel um eine Beute, die sie nicht zu töten schafften.

Normalerweise fischten sie bis Mitte April. Aber nicht in diesem Jahr. Die Zugnetzfischer leugneten, dass sie daran schuld seien, obwohl es sogar in der Zeitung stand, dass der Fischfang bis zum »Zugnetz-Tag« gut gewesen sei. Zusätzlich fischten die verdammten Krabbenkutter alle kleinen Fische in der Barentssee bis hinunter zur norwegischen Territorialgrenze weg. Piratenpack! Man musste es nach Ostern in Finnmark probieren. Über eines waren sie sich einig in den Fischerhütten, bei Tabaksrauch und Schwarzgebranntem: die Zwölfmeilenzone! Das wäre für sie die Rettung.

Simon hörte an diesem Karfreitag den Männern zu. Sonst kam er nicht oft her. Er konnte, um die Wahrheit zu sagen, den Gestank nicht aushalten. Aber das sagte er nicht laut. Deshalb hieß es auch, er hänge seiner Frau am Rockzipfel. Es konnte ihm egal sein, was die Leute redeten. Simon mochte keine Erklärungen abgeben. Er vergab den Leuten gerne jede Dummheit, nur nicht, dass sie stanken. Das sagte er aber nur zu Rakel. Sie lachte und meinte, er sei verwöhnt. Runzelte die Stirn und ermahnte ihn, seinesgleichen nicht zu verachten. Ein Fischer musste riechen, wenn er zu seiner Frau kam! Ja, ja. Sogar Simon konnte gewisse Dinge, die er nicht mochte, mit Wohlwollen betrachten, wenn Rakel sie in Schutz nahm.

An diesem Abend war Simon Strohwitwer. Er war zu Hause in Bekkejordet im Kreis herumgelaufen und hatte Daumen gedreht. Zu guter Letzt hatte es ihn nach Været und in die Tobiashütte gezogen. Dort war nicht viel von Karfreitag zu spüren. Die einheimischen Fischer waren nach Hause gekommen, und die auswärtigen waren weggefahren. Der Tabaksqualm von den Heimkehrern war ebenso grau wie der von den Fremden, auch wenn die Einheimischen etwas hellere Kleider anhatten. Sie hatten Frauen auf der Insel, die alles in Ordnung hielten.

Die Köchin hatte eine liebevolle Hand gehabt und einen Kätzchenzweig in einer Flasche auf den Tisch gestellt. Die Flasche wackelte jedes Mal gefährlich, wenn die Männer den Ellenbogen wechselten, um das feiertäglich gesäuberte Haupt zu stützen, oder eine Karte auf den Tisch knallten und den Stich mit einer ausholenden Armbewegung einholten.

»Die Heimen mit Netzen und dem ganzen Kram, Echolot und übriger Ausrüstung, kommt nach Ostern zur Zwangsauktion«, verkündete einer der Männer und strich sich ernst übers Kinn. Als ob er erstaunt wäre, dass dort ein Bart wuchs, strich er ungläubig noch ein paarmal darüber. Dann begann er an den Stoppeln zu zupfen, um sie mit der Wurzel auszureißen.

»Pul dir nicht im Gesicht rum, Mann, du bist hier nicht allein. Es wird wohl noch mehr passieren als nur das, nach dieser Saison!«, sagte eine bissige Stimme.

Simon hatte immer ein ungutes Gefühl, wenn das Gespräch diese Wendung nahm. Früher oder später würde ein Sündenbock für die schlechten Zeiten gefunden werden.

Henrik saß mit gesenktem Kopf beim Ofen. Er hatte die Stiefel ausgezogen und war in sich zusammengesunken, als ob er schliefe. Aber alle wussten, dass er leidlich nüchtern war und dass er das Gespräch wie ein Habicht verfolgte, auch wenn er sich kaum einmischte.

»Biste lange auf dem tollen Schiff gefahren?«, fragte Håkon, einer von denen, die man sehr oft in der Tobiashütte hören konnte.

»Zwei Jahre. Weiß der Teufel, wie es jetzt weitergeht, es ist nicht mehr viel übrig, wovon wir nach Finnmark fahren können, wenn die Fischerbank ihr Geld bekommen hat.«

»Sie sind wie der Teufel, wenn man ihnen den kleinen Finger reicht, nehmen sie gleich die ganze Hand!« Einar spuckte auf den Boden. »Man sollte beim Simon anheuern«, fügte er hinzu und schielte gleichzeitig zu Simon hin.

»Meine Mannschaft ist komplett«, sagte Simon. »Aber es gibt wohl eine Möglichkeit. Sie können ja nicht einfach die Boote nehmen. Das wäre doch, wie die Leute in den Schuldturm zu werfen. Es ist doch klar, ohne Arbeitsplatz kann keiner seine Schulden bezahlen.«

»Du redst wie ’n Pastor«, fauchte Einar.

»Pastor kannste selber sein«, meinte Simon gutmütig.

»Wo ist übrigens die Rakel zu Ostern?«

»In Breiland, soviel ich weiß.«

»Habt ihr da Verwandte?«

»Nein.«

Henrik richtete sich in seiner Ofenecke auf. »Manche sind so stinkvornehm, dass sie Ostern nicht mehr zu Haus feiern können. Sie wohnt wohl im Hotel, die Rakel? Und strickt Osterhäschen, was?«

Simons Gesicht verdunkelte sich. Er brachte keine Antwort heraus. Es wurde still um den Tisch. Die Männer senkten den Kopf und vermieden, Simon anzusehen.

Da war der schroffe Håkon, der ein böses Maul hatte, der aber eher weinte als eine Frau und half, wo er nur konnte. Da war der sture, naive »Himmelsnarr«, den die Leute nicht für einen ordentlichen Menschen hielten, weil er schielte und mit dem Kopf wackelte. Da war Nas-Eldar, der den Lastwagen vom Dahl fuhr, der überall war, nur nicht da, wo er sein sollte. Da war Einar von der Veranda-Dachstube, der einst vom Pfarrhof vertrieben wurde, weil er es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, Speck aus dem Vorratshaus des Pfarrhofs mitzunehmen – und der plötzlich ein Dieb war, als der neue Pastor kam. Er las Bücher und kam wie ein Prophet mit Warnungen über die allen Dingen innewohnende Teufelei. Der Grünschnabel war auch da. Er war viel zu jung, um mit den alten Männern in der Hütte zu sitzen, aber er wurde trotzdem geduldet, weil er solche Schwierigkeiten hatte, eine Frau zu finden, und weil sich doch irgendwer um ihn kümmern musste. Schließlich war da noch Kornelius, der keinen Spitznamen und keine Besonderheit hatte, der es aber auch nie sehr eilig hatte, nach Hause zu gehen. Und noch zwei andere. Alle waren gleichermaßen verlegen.

Einar, der sonst den Mund als Letzter aufmachte. Leise, während er an einem Loch im Zahn lutschte: »Du sollst jetzt Ruh geben, Henrik. Du weißt, es ist noch so zeitig im Jahr, dass der Mist friert, wenn man ihn ausstreut.«

»Du hast ein ziemlich scharfes Maul, wie ich hör. Was meinste damit?«, fragte Henrik. Er war sauer wie ein Seemannshandschuh, der wochenlang benutzt worden war.

»Wenn du dich nicht anständig benimmst, dann schmeißen wir dich raus. Wir beziehen Stellung. Ist das klar? Für den Simon. Du hast mal im Gefängnis gesessen, reicht das nicht? Ich versteh nicht, dass der Simon es nach der Brandgeschichte noch über sich bringt, mit dir in einem Raum zu sitzen.«

Niemand hatte es für möglich gehalten. Trotzdem geschah es. Henrik fuhr hoch, erstaunlich schnell. Dann saß seine gesunde Faust mitten in Einars Gesicht. Der alte Mann zuckte ein bisschen, ehe er vom Stuhl glitt.

Henrik stand mit wilden Augen mitten im Raum. Der Alte lag wie ein Sack vor dem Ofen. Die Männer waren aufgesprungen. Hocker und Lederstiefel. Sonderbare Kehllaute. Eine Art Fauchen. Wie auf Kommando fielen sie über Henrik her. Endlich! Sie hatten lange darauf gewartet. Jetzt war die Gelegenheit da. Simon war mittendrin, ohne es selbst zu wissen. Alle schlugen drauflos, als ob das ganze Leben, die Gefahr eines Konkurses, der fehlgeschlagene Fischfang, unbezahlte Rechnungen – alles sich in ihren Fäusten konzentrierte. Die Arme flogen wie Windmühlenflügel und trafen das Ziel wo auch immer.

Schließlich nahmen die Männer wahr, dass zwei Körper am Boden lagen. Einar und Henrik. Sie standen mit hängenden Armen im Kreis um die beiden herum und atmeten schwer. Der Karfreitag schlich sich barfuß zu ihnen herein, aber es gab keine andere Möglichkeit. Der Mann musste fertiggemacht werden. Endlich! Der Schächer kam ans Kreuz. Um die Wahrheit zu sagen, es waren bestimmt viele Schächer. Aber Christus war nicht da. Deshalb nahmen sie Strafe und Vergebung in die eigene Hand. Es war nicht zu ändern.

Håkon weinte ein wenig, als er sah, wie übel es um Einars Nase stand. Er verfluchte und beschimpfte einen am Boden liegenden Henrik, der überhaupt nicht imstande war, einen Laut zu hören. Jemand holte eine Schüssel Wasser und fing unbeholfen an, das Elend in Ordnung zu bringen.

Simon sah lange zu. Sein Oberkörper war ganz steif, aber er spürte, wie gut es getan hatte draufloszuschlagen. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, wie wenig es von den Problemen, die zwischen Bekkejordet und dem Tausendheim bestanden, gelöst hatte. Dennoch: Was für eine Erleichterung war es gewesen! Die Männer hatten mitgemacht. Es gab keinen Zweifel daran, wer Simon war – und wer Henrik! Aber beim Weiterspinnen dieses Gedankens: Wusste Henrik, warum Rakel in Breiland blieb? Während Simon es nicht wusste? Da schoben sich rote Wolken vor seine Augen. Er stieß mit dem Stiefel gegen den leblosen Körper, ganz kurz. Hart.

Simon wollte nicht dabei sein, wenn sie Henrik nach Hause zu Ingrid brachten, nachdem sie ihn mühsam wieder zum Leben erweckt hatten. Er war feige. Außerdem war er verwirrt über die süße Rache, die in den wütenden Schlägen gelegen hatte.

Simon erinnerte sich an Situationen, in denen er geprügelt hatte. Es waren nicht viele. Ein paarmal in seiner Jugend. Als er noch seine Männlichkeit beweisen musste. Dann den jungen Burschen bei dem Tanz auf dem Kai, der sich an Tora gehängt hatte. Henrik. Was war mit diesem Mann los? Henrik schien gewissermaßen Simons Leben zu steuern. Wusste, wann er zupacken musste. Wusste, wo Simon verwundbar war. Er hatte den seltsamen Gesichtsausdruck gesehen, als Henrik nach der Schlägerei aufgewacht war. Die Augen waren beinahe froh gewesen. Erleichtert. Als ob er um die Prügel gebeten hätte. Glücklich wäre über die Schläge … Und die Männer – beschämt. Gute Männer. Waren dennoch viele gegen einen gewesen. Eine schlimme Sünde.

Einar wurde es schlecht von dem Schlag. Er kotzte ein bisschen. Auf diese Weise wurde die Bestrafung gerechtfertigt.

So erklärten sie es auch Ingrid. Henrik hatte den alten Einar geschlagen. Sie malten es nicht weiter aus. Und Ingrid war es nicht gewohnt, dass man ihr erklärte, was vorgefallen war, deshalb sagte sie nichts.

Bei Einar gab es keine Frau. Man konnte ihn nur ins Bett legen und das Beste hoffen. Ingrid versprach, nach ihm zu sehen. Das sei ja das Wenigste, was sie tun könne, meinten die Männer – mit so einem verdammten Kerl im Haus wie Henrik. Trotzdem waren sie nicht sehr fröhlich gestimmt, als sie sich trennten und jeder nach Hause ging. Der Nachmittag und der Abend waren nicht so geworden, wie sie sich das gedacht hatten. Und sie erzählten zu Hause nicht viel. Um bei der Wahrheit zu bleiben, sie erzählten gar nichts.

Aber alles wurde in gewisser Weise in Ordnung gebracht. Die Leute, die ins Tausendheim gehörten, wurden dahin verfrachtet, die anderen gingen dorthin, wohin sie gehörten. Alle wurden in die richtige Schublade sortiert. So hielten sie es seit Generationen.

Um die Fischgestelle am Wegrand stank es schon nach Frühling. Der scharfe Geruch nach Fisch, der vor dem hellen Himmel zum Trocknen aufgehängt war. Gegen Mittag taute der Schnee um die Steine ein wenig auf. Abends fror es wieder, und es bildeten sich Eisnadeln auf den Wegen und an den alten Grashalmen vom Vorjahr, die im Wind schwankten.

Simon ging, die Hände auf der Lenkstange, den Hang hinauf und verfluchte den Schnaps. Alles lief verkehrt. Er hätte sich nicht auf den angebotenen Schnaps einlassen sollen.

Er hatte sich wie ein Kind aufgeführt! Kurz vor dem Gartenzaun von Bekkejordet traf ihn die Erkenntnis wie ein Pfahl. Dass dieser Abend sie alle rammen würde. Nicht in erster Linie Henrik. Aber ihn selbst, Rakel und vielleicht am meisten: Ingrid.

Auch wenn er nicht verstand, was in Ingrids Kopf vor sich ging, so würde er es doch ungern sehen, wenn ihre Situation sich verschlimmerte.

Er brauchte nicht lange für den Rückweg. Bald stand er vor Ingrids Küchentür und klopfte an. Zögernd. Er wusste nicht, wie man ihn empfangen würde. Aber es sollte gehen, wie es wollte. Es war doch alles falsch. Die Stimme von drinnen klang dünn. Aber sie trug erstaunlich gut. Wie ein Ruf über das Wasser bei dichtem Nebel.

»Herein!«

Sie war mit irgendetwas hinten am Küchenschrank beschäftigt. Drehte sich nicht gleich um, als er eintrat. Aber Henrik richtete die tiefen, dunklen Augen sofort auf ihn. Er zog sich gerade die Stiefel aus. War im Gesicht übel zugerichtet.

»Guten Abend«, sagte Simon, nahm die Mütze ab und blieb stehen.

»Setz dich!«, sagte Ingrid leise, ohne ihn anzusehen. Wandte sich dann aber um und kam bis an den Lichtkegel beim Tisch. Sie hatte eine Mullbinde und Jod in den Händen.

Simon setzte sich in ihrer Nähe an den Tisch. Als ob sie eine Art Verbündete wäre. Er wusste nicht, ob er Angst vor Henrik hatte, jetzt, da er allein war. Jedenfalls war es so etwas wie eine Prüfung, durch die er hindurchmusste, um sich selbst wieder in die Augen sehen zu können.

»Henrik hatte Probleme«, sagte sie bemerkenswert neutral. Wie die Stimme, die im Radio den Wetterbericht vorlas. Sie feuchtete ein Stückchen Mull mit Jod an. Ging fünf kleine Schritte zum Herd, neben dem der Mann saß. Reinigte die Wunde. Holte rasch zwei Heftpflaster aus der Schürzentasche und klebte sie über Kreuz auf das Stück Mull. Henrik rührte sich kaum. Schnitt nur Grimassen wie ein kleiner Junge, als das Jod ihn traf.

»Ja, ich war auch dabei«, sagte Simon und räusperte sich.

Sie drehte sich um. Blitzschnell. Als ob sie ihren Ohren nicht traute. Ihre Blicke hielten einander stand.

»Ich fürchte, ich hab mich auch an der Schlägerei beteiligt …« Simon spürte plötzlich, wie warm es in dem Raum war. Das Gefühl zu ersticken lähmte den Rest seiner Rede, die er sich überlegt hatte.

»Warum das denn?«, flüsterte Ingrid wie betäubt. Sie sah wie von weit her auf Henrik und legte automatisch Schere, Pflaster, Jod, Mullbinde zu einem unordentlichen Haufen auf den Tisch.

»Er hat schlecht über Rakel gesprochen, und ich bin nicht der Mann, so was hinzunehmen«, erklärte Simon, als ob nur Ingrid und er im Raum wären.

Ingrid sah von einem zum anderen. »Schlecht? Wieso schlecht?«

»Nun, es war wohl nicht so bös gemeint, oder?«, räumte Simon ein und sah Henrik fragend an. Wollte ihn mit hineinziehen.

»Was haste gesagt?«, fragte Ingrid und sah Henrik an.

Die Möwen da draußen hatten etwas gefunden, worum sie sich zankten. Sie schrien, als ob auch sie den Sachverhalt erklären wollten.

»Das ist alles Unsinn.« Henrik stand auf und schleuderte seine Stiefel unter den Herd.

»Ja, was nun war oder nicht war, wir hätten’s auf eine andre Art und Weise bereinigen sollen, Henrik. Ich hätt mich nicht in die Schlägerei in der Tobiashütte einmischen sollen. Aber du bist nun mal so, dass selbst ein Stein vor Wut zerspringen könnte. Ja, ich hab’s bisher nicht gesagt. Wir haben wohl seit dem Brand überhaupt nicht mehr miteinander geredet … Aber wie dem auch sei, ich möcht jetzt einen Schlussstrich ziehn. Ich kann die Menschen nicht argwöhnisch anschaun und mich fragen, wie sie zu mir stehn. Unsre Frauen sind Schwestern … Wir können das Leben unsrer Frauen nicht durch unsre Feindschaft zerstören. Das war nicht richtig.«

Die lange Rede hatte er nun doch losgelassen. Simon fühlte sich erleichtert und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Die Kugellampe über dem Tisch ergoss ihr Licht über seine blonden Haare.

Hinten in der Ecke beim Herd war es warm. Aber das Licht hielt sich von dort fern. Henrik war ein Tier, das sich da hinten rührte. Bewegte ein bisschen den gesunden Arm. Ein Schatten.

Ingrid wusste nicht, was sie von dem Ganzen halten sollte.

»Es gibt kaum was, worüber wir zu reden hätten, mein ich«, fing Henrik an. Aber die Stimme verriet ihn. Sie taugte nicht viel. Es war nicht üblich auf der Insel, dass Feinde in der Küche zusammensaßen, um alten Groll aus der Welt zu schaffen. Die Worte waren eingeschlossene Stiefkinder.

»Na schön, es könnte so aussehn. Aber ich glaub nicht, dass du so gemein bist, Henrik.«

»Gemein!«, schrie Ingrid. Ihr Schrei zerriss die Luft, und Simon konnte kaum noch atmen. »Gemein? Warum sagste so was, Simon?«

»Weil ich nicht weiß, was ich sagen soll! Weil ich ihn nicht zu fassen krieg, den Mann, mit dem du zusammenlebst!«

Simon verlor die Fassung, aber hatte sich schnell wieder in der Hand. Er sah klar Henriks Fähigkeit, die Menschen zum Kochen zu bringen, während er selbst am Rand saß und einfach nur anwesend war. Die Wut pochte wieder hinter Simons Stirn. Die Lust, noch einmal auf diesen Burschen loszugehen!

»Ich begreif nicht, was du gegen Rakel und mich hast, Henrik. Versteh nicht, was wir dir eigentlich getan haben. Verstehst du’s selbst?«

Es kam keine Antwort. Die Wände saugten die Worte an. Gierig. Als ob es darauf ankäme, sie möglichst schnell unsichtbar zu machen.

Er strich sich entmutigt übers Gesicht. Wurde sich allmählich dessen bewusst, dass er bei einem um gut Wetter bat, der gar nicht daran interessiert war, etwas in Ordnung zu bringen. Er sah sich in der Küche mit den schäbigen Wänden um. Die Farbe war abgewaschen oder abgerieben worden, schon lange bevor Ingrid mit ihrem Schmierseifenwasser angefangen hatte. Die armseligen Möbel. Die abgetragenen Kleidungsstücke am Haken neben der Tür. Der Geruch eines Hauses, in dem viele Menschen lebten. Die Türen konnten neugierige Augen und Ohren nicht ausschließen. Wahrscheinlich klebten Ohren im Treppenhaus an den Wänden. Um zur Stelle zu sein, wenn etwas los war. Die Ohnmacht gegenüber dem eigenen Schicksal konnte dadurch gelindert werden, dass man miterlebte, wie das Leben anderer Menschen zerbrach. Einen Augenblick sah er Rakels Familie vor sich, dann erhob er sich müde und machte sich fertig zum Gehen.

Henrik und Ingrid folgten ihm stumm mit den Augen. Getrennt, ohne Kontakt zueinander. Simon empfand es als eine Erleichterung, seine eigenen Schritte auf dem abgetretenen Holzfußboden zu hören.

»Du – ihr könntet schon erzählen, was in der Hütte gesagt worden ist.« Ingrid sah endlich von einem zum anderen. Es rauschte wütend in den Rohren über ihren Köpfen. Eine Art Signal, dass die Welt sich drehte – noch.

Simon blieb stehen – und versuchte dankbar, die Worte, die Henrik in der Tobiashütte gebraucht hatte, wiederzugeben. Was Einar geantwortet hatte. Den Schlag. Die Schlägerei.

Henriks Gesicht war eine nicht gestrichene Bretterwand.

»Die Rakel ist in Breiland, um nach der Tora zu sehn, das wisst ihr doch?«, fügte er hinzu.

»Warum denn? Wie meinste das?« Ingrid wurde unruhig. War auf dem Sprung. Knickte in der Mitte etwas zusammen.

»Die Rakel hat angerufen und gesagt, dass sie vor morgen nicht nach Haus kommt. Denn der Tora geht’s nicht besonders gut.«

»Hat sie nicht gesagt, was ihr fehlt?«, fragte Ingrid.

»Nein. Nur, dass sie noch bleibt. Ich dachte, ihr wüsstet …«

»Nein«, sagte Ingrid. Sie zog sich mit steifen Händen die verschlissene geblümte Schürze aus. Legte sie auf dem Tisch ordentlich zusammen. »Ich geh jetzt mit dir nach Haus, Simon, und dann ruf ich in Breiland an. Ich muss was Genaueres erfahren.«

Henrik hob endlich den Kopf. Die Schwellungen von den harten Schlägen wurden immer bedenklicher. Er sah ziemlich fertig aus.

»Du gehst nirgendwo mit ihm hin!«

Beide drehten sich zu Henrik um.

»Ich ruf nur kurz an und frag, wie es aussieht, verstehste das nich?«

»Ich will nicht, dass du nach Bekkejordet raufläufst wie ein Flittchen!«

Die Stimme klang wie alte dürre Kiefernstämme, die im Sturm brachen. Einer nach dem anderen. Ein einsamer Ruf. Den Simon verstand. Im tiefsten Herzen. Er wusste nicht, warum. Es war einfach so. Endlich erkannte er die Eifersucht, die Gedanken und Reaktionen dieses Mannes antrieb.

»Geh du nur anrufen, Ingrid. Ich bleib solange hier unten und leiste dem Henrik Gesellschaft. Kochste Kaffee, Henrik?«

Über das Gesicht des Mannes in der Herdecke huschten Schatten. Scham? Ein Funken Trauer? Ein Eingeständnis? Ingrid sah ratlos aus, aber sie ging. Als die Tür hinter ihr zufiel, überkam Simon ein Gefühl des Unbehagens. Es schien alle seine Gedanken zu überdecken. Er zwang sich, Henrik den Rücken zu kehren, während er selbst Kaffee kochte. Holte die Kaffeedose und ließ Wasser in den Kessel laufen. Heizte ein. Alles in der verkehrten Reihenfolge. Aber der Kaffee kam zum Kochen. Und die Geräusche im Haus erinnerten ihn daran, dass er mit Henrik nicht allein war. Zu guter Letzt zwang er sich auf den Stuhl, der Henrik am nächsten stand, und sah den Mann abwartend an.

»Du redst nicht viel, Henrik. Aber du sagst jedenfalls Bescheid, so dass du’s immer so hinkriegst, wie du’s haben willst.«

»Das schert mich den Teufel, was ihr glaubt.«

»Ja, das wissen wir.«

Simon sagte mit Absicht wir. Überlegte, wie er es anfangen sollte.

»Glaubste wirklich, Henrik, dass Ingrid und ich was miteinander haben, so dass wir nicht zusammen nach Bekkejordet gehn dürfen? Man hat dauernd den Eindruck, dass du nicht ganz richtig im Kopf bist, mein Junge.«

»Ich scheiß darauf, was du denkst. Aber du sollst zum Teufel noch mal meiner Frau nicht nachstellen.«

»Ich glaub, du spinnst. Andrerseits ist es ein Wunder, dass sie dich immer noch hierhaben will, so wie du dich benommen hast – mit dem Brand und dem Alkohol. Aber das geht ja niemand was an.«

»Halt’s Maul!«

»Na schön.«

Simon passte auf den Kessel auf. Dann machte er den Kaffee fertig. Langsam und umständlich. Rakel hatte es ihm beigebracht. Nahm zwei Tassen heraus und schenkte ein.

»Du bist sehr vertraut hier, wie ich seh«, stichelte Henrik mit einem Grinsen. »Du warst wohl öfters hier, während ich gesessen hab? Was?«

»Hör mal zu, jetzt reicht’s mir bald. Lass uns von was anderm reden. Warum haste meinen Betrieb angesteckt, Henrik? Ich hätte nie geglaubt, dass sich mal die Gelegenheit bieten würde, dich zu fragen. Aber jetzt tu ich’s. Warum, Henrik?«

»Ich hab nie gesagt, dass ich’s getan hab!«

»Aber du hast’s getan!« Simons Herz hämmerte. »Du hast’s getan!«, wiederholte er. Die Stimme war leise und atemlos.

»Ja. Es ist so …«

Simon sah die ganze Zeit dem Mann direkt in die Augen. Jetzt schien der Blick dort hinten in der Ecke zu bersten. Kam und ging. Hatte keinen Anfang. Kein Ende.

Das Wort Ja – bedeutete nichts. Aber das Gesicht des anderen!

Der Mann schielte zur Tür, als ob er darauf wartete, dass jemand hereinkäme. Um im nächsten Moment die Augen wieder auf Simon zu richten. Es lag etwas wie eine Bitte in ihnen.

»Aber warum?«, flüsterte Simon. Fenster und Türen hatten Augen und Ohren. Das ganze Haus hielt die Luft an.

Simon schlürfte den glühend heißen Kaffee, aber er ließ Henrik nicht aus den Augen.

»Ich weiß nicht …«

Simon hatte schon den Mund geöffnet für den nächsten Schachzug, aber er hielt inne.

»Ja, vielleicht bin ich gemein. Und wenn schon. Ist doch egal. Aber jedenfalls weiß ich, was die Hölle ist! Verstehste? Ich weiß es.«

Henrik erhob sich. Stand zusammengesunken da und sah vor sich hin. Dann bewegte er sich seitwärts bis zur Mitte des Raumes. Wie ein verletzter Krebs scharrte er über den Boden.

»Vielleicht muss ich ja so sein. Gemein!« Sein Lachen klang heiser und gepresst.

»Erzähl mir, Henrik, von deiner Hölle.«

Es war noch immer Karfreitag. Der schwarzgebrannte Fusel steckte ihm noch immer im Körper.

Henrik griff nach Simons Hand. Er schwankte wie ein großer, unförmiger Stamm, den jemand vergeblich aufzurichten versucht hatte. Dann sank er über Simons Schulter in sich zusammen.

»Keiner hat mit mir geredet. Kein Mann hat bisher mit mir geredet. Weißte das, du Blödmann? Weißte, was es heißt, nie mit dabei zu sein? Nie den Respekt zu bekommen, den man zum Leben braucht?«

Simon wurde es übel, aber er schluckte die Übelkeit herunter. Er hörte sich alle Vorwürfe gegen jedermann an. Hörte sich an, was für eine leichtfertige Frau Ingrid war, was für ein anspruchsvolles Mädchen Tora. Was für eine Kindheit Henrik gehabt hatte. Wie alle versagt hatten. Der Krieg. Die Torpedierung. Das Gefängnis.

Simon fühlte sich allmählich besser. Aber die Leere war schlimmer. Dieser Mann war blind gegenüber sich selbst. Er hatte sich nie selbst scharf angesehen.

»Ist dir nie aufgegangen, dass du vieles von dem Missgeschick, das dir widerfahren ist, selbst verschuldet hast?«, fragte Simon schließlich. Henrik stand da mit gesenktem Kopf. Der rechte Kiefer kippte gleichsam unsicher nach unten. Ein armer Hund. Das war er.

Simon wusste nicht, was er von diesem Besuch erwartet hatte. Sein Gewissen zu erleichtern? Und jetzt stand er bis zu den Knien in Henriks verspieltem Leben. Die Stimme des Mannes schwamm wie altes Laub im Hochwasser. Runter in den Graben damit. Als Simon ging, wusste er nicht, ob er mit einem Feind Frieden geschlossen oder ob die Feindschaft sich noch verstärkt hatte. Aber er wusste zwei Dinge, als Ingrid zurückkam. Niemand ging bei Frau Karlsen in Breiland ans Telefon – und: Er hatte sein eigenes Gewissen wegen des Geschehens in der Tobiashütte so erleichtert, dass er Rakel davon erzählen konnte.

Er hoffte nur, dass Henrik nicht alles an Ingrid ausließ, wenn sie allein waren. Der Bursche schaute schon wütend drein, als sie nur die Treppe heraufkam. Simon verstand die Menschen nicht. Natürlich hatte er auch manchmal Wut auf Rakel. Aber er konnte seine Wut nicht an ihr auslassen. Wenn er sie ansah, wurde er ganz weich. Wie ihr Strickgarn. Die Wolle, die sie von den Schafen schoren. Wenn Rakel ihn umarmte, spürte er erst richtig, dass sie ihm immer gefehlt hatte. Sie machte ihn stark. Gab den Tagen, zu denen er aufstand, Farbe. Sie!

Vielleicht, weil er immer so sicher gewesen war, dass er der Mann war, den sie haben wollte.

Es wehte ein scharfer Wind von der Bucht. Der Frühling setzte sich fest. Simon stand auf dem Hügel und sah über die Landschaft. Das tat er oft. Hatte das Fahrrad zum zweiten Mal an diesem Abend hinaufgeschoben. Draußen leuchtete der Horizont. Die Inseln lagen in einer Art schimmernder Dämmerung. Simon gehörte nicht zu den Menschen, die Visionen und ein außergewöhnliches seelisches Erlebnis hatten, wenn sie eine so schöne Natur sahen. Er lebte in ihr und mit ihr. Aber manchmal machte er seine großen blauen Augen weiter auf als sonst – und sah. Das weckte einen gewissen Widerhall in ihm, bei dem er sich sehr wohlfühlte. Genauso wie nach einer guten Mahlzeit mit Rakel, die ihm bei Tisch gegenübersaß. Aber er grübelte es nicht weg. Ließ nicht zu, dass es Besitz von ihm ergriff.

Jetzt stand er da oben und schaute auf seinen neuen Betrieb. Er hob sich in der Dämmerung ab. Mit dem weißen Anstrich stach er aus all dem Grauen und Blauen hervor. Schob sich von selbst in jedermanns Blickfeld.

Simon besaß. Er verwaltete. Er war nicht besonders hochmütig. Er hatte im Tausendheim für klare Verhältnisse gesorgt, auch wenn Rakel nicht da war. Er stand in der Dämmerung und war froh. Das war alles.

Trotzdem brannte eine gewisse Unruhe in ihm. Warum kam sie nicht nach Hause? War Tora wirklich krank? Oder wollte sie von der Insel fort – von ihm? War es zu eng für sie in Simons Reich? Hatte er während seines ganzen Erwachsenenlebens auf die Katastrophe gewartet, die ihn in den Abgrund stürzen würde? Weil Simon, der uneheliche Junge aus Bø, von einem Leben wusste, in dem man sich immer überflüssig fühlte und allen Leuten im Weg war. In dem man immer zu viel aß, zu viel herumlungerte. So war es bei den Pflegeeltern gewesen. Bis er als junger Kerl auf die Insel gekommen war, weil der Onkel kräftige Fäuste für die Arbeit brauchte.

Und dann war der Onkel ebenso passend und zuverlässig gestorben, wie im Herbst die Johannisbeeren gepflückt werden. Und Simon wurde über Nacht König. Er hatte um einen Onkel, den er kaum gekannt hatte, nicht getrauert. Hatte nur ein paar von den schlechtesten Möbeln in die Scheune befördert und war die Buchführung durchgegangen. Er verstand nicht allzu viel davon und fuhr damit zum Steuerberater nach Breiland, der ihm sagen konnte, dass Geschäft und Gebäude und Boot sozusagen schuldenfrei waren. Ebenso Wohnhaus und Hof. Dreitausend Kronen sollten an die Mission gehen, aber alles andere – Grundstücke und Bankkonto – gehörte ihm. Simon war zwanzig Jahre alt. Er vergaß nie, wie leicht es gewesen war. Und er hatte eine tief verwurzelte Angst, dass er ebenso leicht alles wieder verlieren könnte. Der Brand war eine Warnung gewesen.

An dem Tag, nachdem der Onkel unter die Erde gekommen war, hatte er sich Felder und Wiesen und das ganze Umland, Wohnhaus und Ställe angesehen. Mit den Händen in den Hosentaschen. Als ob er Angst hätte, es könnte etwas vor seinen Augen verschwinden, wenn er es anfasste. Nach ein paar Tagen ging er in den Fischereibetrieb, machte heimlich Skizzen und plante Verbesserungen und Modernisierungen.

Ein Wunder löste das andere ab. Rakel war das größte. Sie zog mit ihren drei Schafen zu ihm herauf und blieb. Anfangs ging sie noch jeden Abend von Bekkejordet in das kleine Fischerhaus zu ihren Eltern, weil der Vater es so wollte. Aber ihre roten kräftigen Haare waren überall zu finden. Im Schafstall, in der Ofenecke, in der Speisekammer und im Dachgeschoss. Sogar in Simons Bett. Und ihr Geruch blieb zurück wie der Geruch von getrockneten Blumen, die im Herbst in dem kleinen Nebenraum hingen. Sie waren so jung. Es fehlte ihnen nichts. Zunächst.

Simon und Rakel hatten ihre Hochzeit selbst ganz groß ausgerichtet. Ohne jemanden um Rat zu fragen. Und die Braut war nicht schwanger.

Der Schafstall war in jedem Frühling voller Lämmer. Ebenso sicher, wie das Licht über den Inseln in die Bucht kam. Aber Rakels Leib blieb flach. Der Segen wolle sich in diesem Haus nicht einstellen, hieß es. Jedoch Simon wusste. Auch wenn Rakel nach Breiland fuhr und zurückkam und ihm erzählte, dass sie keine Kinder bekommen könne, Simon wusste. Manchmal weinte es in ihm deswegen. Aber er konnte es nicht ertragen, dass Rakel weinte. Deshalb wagte er nicht, es ihr zu zeigen.

Er war unfruchtbar, nicht Rakel. Er wusste es seit der Zeit, als er ein armer Kerl gewesen war, der sich seine Freude holte, wo er sie bekommen konnte, ohne dass ihn das Gewissen sonderlich plagte, wie wohl das Schicksal des Mädchens aussehen werde. Aber es kam nie ein Kind. Darüber hatte er sich ab und zu gewundert.

Sie waren einander Kinder, Geliebte, Gesinde und Träume. Sie spielten wie Tierkinder, drinnen und draußen. Bis die Freude herausbrach wie heißblütige junge Pferde. Gelegentlich ließen sie Zorn und Angst aneinander aus, um sich im nächsten Augenblick zu gegenseitigem Trost aneinanderzuschmiegen. In Haus und Hof wuchs und gedieh alles.

Simon stand auf dem Hügel und sah nach Været hinunter und über den Fjord. Und er vermisste Rakel so sehr, dass sein Blick getrübt war und die großen, starken Hände unruhig und schutzlos auf dem Fahrradlenker lagen.




8


Rakel wusste nicht, wie viele Stunden vergangen waren.

Jetzt lagen Tora und sie jedenfalls in dem großen Hotelbett. Die Dunkelheit hatte sich wie eine nasse Plane über sie ausgebreitet. Toras Geschichte hatte sie beide so eng miteinander verbunden, dass sie wohl nie mehr voneinander loskommen würden. Es war eine Geschichte, wie Rakel sie noch nie gehört hatte. Nicht in den Fischerhäusern, nicht auf der Straße, und auch in ihrer wildesten Phantasie hätte sie sich so etwas nicht vorstellen können. Sie würde sie bestimmt niemandem erzählen. Die Geschichte war jetzt zu ihrer Last geworden. Weil Tora überleben musste. Das sah Rakel deutlich.

Als sie auf dem Fußboden saßen, war die Wirklichkeit mehr gewesen, als Rakels Verstand fassen konnte, auch wenn sie ihr als Gleichnis von einem Vogeljungen präsentiert wurde. Rakel brachte es bis zu einem gewissen Grad fertig, den nächsten Tag zu verdrängen. Die Gesichter, denen sie begegnen musste. Die Situationen, die sie auf die Probe stellen würden – jeden Tag.

Sie sah auf das schlafende Mädchen neben sich im Bett und gestand sich ein, dass sie den Gedanken nicht denken konnte: Henrik! Ein jammervolles Gefühl, Tora nicht erlösen zu können. Alles ungeschehen zu machen.

Tora hatte tiefe Ringe unter den Augen. Sie glich der Großmutter, als diese im Sterben lag. Die gleiche straffe Haut über den Backenknochen. Aber es zuckte und lebte in dem Gesicht und im ganzen Körper. Sie kämpfte. Wollte nicht aufgeben. Tief im Schlaf befangen.

Während Rakel das Gesicht auf dem Kissen betrachtete, überfiel sie ein so leidenschaftlicher Hass, dass er das Mitleid für Tora erstickte. Jeden vernünftigen Gedanken erstickte. Sie nahm den Hass auf sich. Spürte, wie stark sie davon wurde. Ingrid würde die Wahrheit nie überleben – und »Henrik konnte nicht sterben«. Tora hatte recht. Er war verflucht, er hatte sich in eine Situation gebracht, in der es ihm nicht vergönnt war zu sterben. Sonst wäre er ertrunken oder vor langer Zeit vom Blitz erschlagen worden! Rakel gelobte, dass sie die Rechnung für alles begleichen würde, was der Herrgott versäumt hatte. Dafür war sie geboren worden.

Dieses Kind zu beschützen, dem das Leben gerade die Haut abzuziehen versuchte. Gott mochte ihnen allen helfen. Sie hatte es noch nicht klar vor Augen, wie sie das schaffen würde. Aber schaffen würde sie es.

Und mit diesem Gedanken glitt sie in einen leichten Schlaf.

Im Halbschlaf tasteten sie nacheinander. Die eine hatte jemanden bekommen, mit dem sie ihre Angst teilen konnte. Tora bekam eine Hälfte ihres Ichs zurück. Eine leere Hälfte, um alle Dinge darauf aufzubauen. Sie fing an zu träumen.

Rakel und sie ruderten im Sturm. Sie waren seekrank. Erbrachen sich über das ganze Boot, das gleichzeitig das Bett war. Aber dann wurde das Meer außerhalb des Lichtkegels der Lampe ruhig, dort, wo das Meer sonst tobte, und die Bucht machte eine Biegung und verschwand hinter der Landzunge. Sie lagen im Wasser und planschten und wuschen sich rein. Schwammen nur im Sonnenschein. Das tat so gut. Sie spürte, wie der ganze Körper sich dort im Wasser ausruhte.

Aber Rakel hatte die Hälfte der Angst bekommen, die sie nicht zu tragen gewohnt war. Sie war anders als die Angst vor Krebs oder Brand. Sie hatte jetzt die Verantwortung für Tora, deren Kopf sich zu verwirren drohte. Rakel sah das Grab oben in der Geröllhalde vor sich. Sie mussten beide dorthin. Sie dachte an all die Monate, in denen Tora mit dieser Sache allein gewesen war. Monate? Sie maß die Dunkelheit mit den Augen. Ob es wohl mehr als nur Monate gewesen waren? Ob es sich über einen langen Zeitraum erstreckt hatte? Übelkeit breitete sich aus. Kochte hoch. Sie musste sich im Bett aufsetzen, um den Mageninhalt bei sich zu behalten. Wand sich behutsam aus den dünnen Mädchenarmen. Blieb lange sitzen, ließ die Beine über die Bettkante hängen. Den Kopf nach unten, das rote Haar glühte, ohne dass jemand es sah. Dann beschwor sie den Hass herauf, um sich zu schützen. Bitter und gut. Sie würde ihn schon erledigen. Ihn erledigen. Ihn erledigen! Und wenn sie Jahre dafür brauchen sollte!

Es rührte sich neben ihr. »Schläfste nich, Tora?«

»Nein.«

»Denkste an alles, was du mir gesagt hast?«

»Ja.«

»Das darfste nich. Ich hab’s auf mich genommen. Es ist meine Angelegenheit. Und es bleibt unter uns. Wenn du glaubst, dass ich zu irgendwem hinlauf, damit der Henrik hinter Schloss und Riegel kommt, dann kann ich dir nur sagen, dass ich das nich tu. Ingrid würde mit demselben Boot untergehn, fürcht ich … Das haste auch gedacht, was, Tora?«

»Ja.«

»Wir werden jetzt Pläne machen, du und ich. Du musst mir vertrauen, und du musst darauf vertraun, dass das, was ich sag, richtig für dich ist. Glaubste, dass du das schaffst, Tora?«

»Ja, Tante Rakel.«

Die Stimme war ein leises Schwirren, wie wenn man Zucker auf eine Scheibe Brot streut. Sie hatte die Erlaubnis, ganz klein zu sein in Tante Rakels Bett. Die Dunkelheit war außerhalb des Bettes und schloss sie gemeinsam ein. Tora legte den geschundenen Körper und den leeren Kopf ganz nah an Rakels Körper. Sie wurde aufgefangen als das Bündel, das sie war. Der Tante Stimme rieselte auf sie wie lauwarmes Wasser. Sie war noch nie in ihrem Leben so erleichtert gewesen. Und sie hatte den flüchtigen Gedanken, dass, wenn man nicht wusste, wie es war, durch die Glut zu waten, man vielleicht auch nicht wusste, was Linderung war.

Rakel knipste die Nachttischlampe an. Dann holte sie am Waschbecken ein Handtuch und trocknete ihre Gesichter ab. Behutsam und gründlich. Nahm sich Zeit. Legte die Steppdecke gut um sie beide und sagte: »Du brauchst ein andres Zimmer. Das ist mal das Erste.«

»Warum denn?«

»Weil das Zimmer das ungemütlichste ist, das ich je gesehn hab. Allein die Tapete ist so, dass man am liebsten gegen die Wand rennen möchte. Da kannste nich bleiben.«

Sie sagte nicht: Dort ist es passiert.

»Aber Frau Karlsen?«, murmelte Tora.

»Sie kann ja an andre vermieten. Komm mir doch nicht mit solchen Fragen. Wir brauchen uns um die Frau Karlsen keine Sorgen zu machen!«

»Nein …«

»Glaubste, dass du’s schaffst, nach Ostern wieder in die Schule zu gehn?«

»Ja, ich geh schon über eine Woche wieder in die Schule. Es ist lang her, dass ich … krank war …«

»Wie ging’s … wie haste dich gefühlt? Ich mein – hattest du irgendwo Schmerzen, nachdem … nach allem, was geschehn ist?« Rakel sah Tora hilflos an.

Tora schlug die Augen nieder. Es tropfte und lief unter den Wimpern hervor. Unablässig.

»Ja. Aber jetzt ist’s vorüber. Ich blute nur noch. Das war anfangs am schlimmsten. Hier auch. Es hat so gedrückt.«

Sie machte eine schnelle Bewegung über die Brüste. Rakel reichte ihr das Handtuch. Sie trocknete sich das Gesicht ab. Dann waren sie eine Weile still. Aber sie waren die ganze Zeit mit den Gedanken beieinander. Irgendwo im Haus schlug eine Uhr fünf schwere Schläge. Das Licht kroch unmerklich zu ihnen herein.

»Wir tragen jede unseren Teil zu dieser Arbeit hier bei, Tora. Ich werd alles, was nötig ist, auf der Insel in Ordnung bringen, bei deiner Mutter. Ich verschaff dir ein andres Zimmer. Und du versuchst, dein eignes Leben zu leben, als ob nichts geschehn wäre. Verstehste? Nichts ist geschehn. Für alles hab ich jetzt die Verantwortung. Genauso wie es vorher seine Verantwortung war. Gott helfe ihm!«, murmelte sie.

»Aber, Tante Rakel?«

»Ja?«

»Ich fühl mich so kaputt. Wie tot.«

»Das musste in dich hineinfressen. Bissen für Bissen. Nich du bist kaputt, mein Kind. Er ist kaputt. Es ist seine Schande. Nich deine! Hörst du? Nicht deine! Sag dir jeden Tag: Es ist nich meine Schande. Du wirst sehn, es kann zu einem Segen werden, auch wenn wir’s jetzt noch nich erkennen können.«

Tora hörte Rakels Worte wie von der Kanzel in der Kirche. Die energische Pastorenstimme der Tante über allen Bankreihen, zwischen allen Kronleuchtern: »Es ist seine Schande, nich deine. Nich deine! Es kann zu einem Segen werden … Segen. Segen.«

Sie saßen eine Weile schweigend da.

»Weißte, Tora, ich glaub, ich hab noch nie jemand so bewundert, wie ich dich bewundre. Du hast für die ganze Familie was geleistet. Für deine Mutter, für mich, für Simon. Ganz allein. Ich kenn keinen Menschen, der eine so große Leistung vollbracht hat. Du musst nun auch noch den Rest schaffen. Das musste einfach um deinetwillen. Für dein eigenes Leben. Dein Körper gehört dir. Deshalb musste da durch.«

Tora saß mit gesenktem Blick da.

Sie hatte aufgehört, von dem Vogeljungen zu reden. Rakel merkte, dass die wenigen Worte, die sie sagte, normal klangen. Eine Erleichterung, an die sie sich klammerte. Rakel sandte ein drohendes Gebet nach oben. Stumm. Mit trotzigen Augen: »Lieber Gott, lass ihren Verstand keinen Schaden genommen haben, sonst weiß ich nich, was ich tu. Ich wetze alle Schlachtmesser in Bekkejordet und geh los auf diesen Teufel von Mann. Hörst du, Gott?«

Sie beschwor den Herrn zu erscheinen. Dort im Bett bei ihnen. Der Mund stand halb offen, und die Gedanken lagen wie Stacheldraht in ihrem Kopf. Wenn sie in die Welt gesetzt worden war, um zu hassen, dann war es jetzt Zeit, den Hass hervorzuholen.




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