Was uns frei macht
Matthias Beck


Kritiker werfen dem Christentum vor, es sei auf die Sünde fixiert und von einengenden Geboten und Verboten geprägt. Das sei auch der Grund, warum sich immer mehr Menschen vom Glauben abwenden und anderweitig nach spiritueller Erfüllung suchen. Stimmt das? Ganz im Gegenteil: Der Theologe Matthias Beck zeigt, dass das Christentum auf einer grundlegend positiven Ethik fußt, und entschlüsselt das volle Potenzial der biblischen Botschaft. Wer diesen befreienden Glauben für sich entdeckt, findet in ihm jene Stärke, die es für ein glückliches und erfülltes Leben braucht.







Matthias Beck

Was uns

frei macht

Für eine Spiritualität

der Entfaltung









Inhalt


Cover (#u91f5fc61-ee3b-535f-b815-164c5887b1a4)

Titel (#uba58dcfc-af68-586b-8280-6791775b9560)

Impressum (#uca73ee65-bcd9-5497-9e54-feda7962cb47)

Vorwort (#u6931025d-3798-53f4-9fc7-9815475b2a01)

Hinführung (#ue4ea299b-9bcc-467e-8983-216fe776ddeb)

Zur Frage von Müssen, Sollen und Wollen (#u8b24e2f6-57e1-4b0a-8615-3c61172eb8e6)

Bilder vom blühenden und entfalteten Leben (#uf5bd3b24-bfbf-538d-bdf5-2ab4d610bdf0)

Du darfst und du sollst (#u0ded425b-f0fe-487d-9132-49243320d979)

Du sollst Frucht bringen (#u0484ddb5-abda-4cd0-a453-d72e6ad45595)

Du sollst mehr Frucht bringen – Vom Guten zum Besseren (#u545e7b30-716d-40b9-8f0e-e9a899d06e8c)

Die bessere Alternative (#u545e7b30-716d-40b9-8f0e-e9a899d06e8c)

Die Reinigung (#ulink_04b63670-0b69-51fa-81dd-45f318bbf7af)

Du sollst aus fünf Talenten zehn machen (#ua4ed31bc-5bbc-5dce-8d5e-c528b074acf7)

Du sollst vollkommen sein – Du sollst Frieden stiften (Seligpreisungen (#uf8b0769f-3078-480e-b069-5a5f1d1c6c07))

Arm sein vor Gott (#uf8b0769f-3078-480e-b069-5a5f1d1c6c07)

Trauernde werden getröstet (#u26c79a9d-ea27-4d19-a15c-398644f796d9)

Wende keine Gewalt an – stifte Frieden! (#uc44b50b9-af89-43d2-8259-fd76dcf84407)

Seid barmherzig! (#u47512b47-9f93-44e6-8e18-76dff3f5f7df)

Von den Handlungen zu den Haltungen (#u86157d1f-2d6f-4aff-b610-71385b3ce192)

Du sollst vorausschauend handeln – die klugen Jungfrauen (#u00451744-d9ab-4b7c-bfd6-d71312eb8cfb)

Du darfst und sollst dich selbst lieben – Selbstliebe (#u4696460e-11ae-4ab5-b18b-e5d263dc2709)

Du darfst und sollst Gott lieben – Gottesliebe (#ued7e0bad-f825-4370-9b6c-18d2b3a7b358)

Du darfst und sollst den anderen lieben (#uc8bfcf00-0b50-435b-9338-a271fb5a73b5) – Nächstenliebe

Wer ist der christliche Gott? – Der entfaltete Gott (#u4b8d675d-297c-4b80-b3b6-aac9f79ee119)

Gott und Mensch – Die Zwei-Naturen-Lehre (#ubb0b0502-8fbe-481f-924f-9fdb138efb16)

Menschlicher Wille und göttlicher Wille – wie findet der Einzelne seine Berufung? (#ubb3bf119-1ac6-4c41-9fa9-ae8cdf40fd90)

Was blockiert das Blühen und die Entfaltung? (#u673865d0-8bdd-58cf-b3a7-230a46182a74)

Äußere und innere Blockaden – Laster und Wurzelsünden (#u827c2aa3-9ebf-43e5-a688-c12884bd3df2)

Du sollst keine fremden Götter neben mir haben (#u41190515-1941-4257-ab36-8436866b06cc)

Du sollst dir kein Bild machen – von Gott nicht und vom Menschen nicht (#u631622c6-b288-45c9-8c42-b06db9a78b67)

Projektion: Der Balken im eigenen Auge (#u260f9a91-2d91-41cc-a995-5e451c06725a)

Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert (#u574cf856-0ccc-47a6-ba96-89706467797d)

Der Mann konnte keine Auskunft geben (#ucee24bbd-5e25-456b-b448-d6a9077bc4b3)

Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! (#u27ff1af4-dded-4d14-8f7d-121735ff7615)

Warum hast du deine Talente nicht vermehrt? (#u26a4334e-0a9b-4586-99f2-fea57ba8d289)

Zusammenfassung: Was blockiert die Entfaltung des Lebens am meisten? (#uf6b7e395-c55c-5957-84c8-337eca9b59da)

Praktische Hinweise (#u740a8c7c-cd3d-5095-9893-26be56875486)

Hinführung (#uf9d928c9-15c4-51db-8018-5c0a79e5becb)

Was ist christliche Spiritualität? (#uab05cd38-7b2e-48aa-a2bd-689c9fc3e1b8)

Unterscheidung der Geister – erster Zugang (#uab05cd38-7b2e-48aa-a2bd-689c9fc3e1b8)

Unterscheidung der Geister – konkret (#ua1614692-cd26-4821-bac5-b77909820cfd)

Die inneren Stimmungen im Menschen (#ud96c2b49-f9cd-4e6f-b60d-2c375fcf0f7c)

Zusammenfassung – Eine Ethik der Entfaltung (#ubd5458e3-8933-5c41-9c6f-2c47f963c4b6)

Anmerkungen (#u8473b4e7-7827-5a5a-b863-21ad34f158a5)

Die Bestseller von Matthias Beck (#u968b586b-b192-5ffc-96e6-f0ccbbe6271e)

Impressum (#uca73ee65-bcd9-5497-9e54-feda7962cb47)




Vorwort


Die Welt ist in Aufruhr. Es gibt Turbulenzen in der Politik, Wirtschaft, beim Klima. Sie ist orientierungslos und treibt dahin, von Notlösung zu Notlösung. In Krisenzeiten gab es immer wieder Versuche, sich seiner selbst zu vergewissern. In der griechischen Philosophie fragte sich Aristoteles, was Menschen angesichts zerbrechender Strukturen wirklich suchen. Seine Antwort: Sie suchen ihr Glück und ein gelingendes Leben. Später war es Augustinus, der fragte, was noch bleiben würde, wenn der Mensch von allen getäuscht werde. Seine Antwort: Es bleibt, dass ich weiß, dass ich es bin, der getäuscht wird. Wieder Jahrhunderte später formuliert René Descartes seinen berühmten Satz: Cogito ergo sum. Ich denke, also bin ich. Ich weiß in all dem Chaos, dass ich bin, da ich denke. So komisch es klingt: Im äußeren Durcheinander fällt der Mensch je neu auf sich selbst zurück.

Eine aufgeklärte christliche Philosophie und Spiritualität kann den auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen auffangen, stärken und wieder gemeinschaftsfähig machen. Die Botschaft: Es gibt in dir selbst einen Grund, der trägt. Du trägst alles in dir, was du zum Leben brauchst. Das klingt komisch. Lebt der Mensch nicht von der Gemeinschaft? Selbstverständlich brauchen Menschen einander. Der Mensch ist primär Mitmensch. Aber auch Gemeinschaften scheinen nicht mehr zu tragen, nur noch die Internet-Kommunität. Aber trägt sie wirklich?

Daher stellt sich die Frage, ob nicht jeder Einzelne in sich (göttliche) Ressourcen trägt, die es zu entdecken gilt. Vielleicht kommt der äußerliche, verunsicherte Mensch erst jetzt zu seiner tiefsten Quelle zurück. Vom Ich zum Du. Das Buch zeigt einen Weg dazu auf.








Hinführung


Manche Menschen assoziieren mit dem Begriff „Ethik“ etwas Positives, manche aber auch eine Fülle von Verboten. Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht lügen, du sollst nicht morden, so steht es in den Zehn Geboten. Von einer christlichen Ethik meinen manche sogar, dass sie das Leben blockiere. Für viele Menschen hat das katholische Christentum nichts Befreiendes. Dieses Buch will ein anderes Bild zeichnen. Es widmet sich der Darstellung eines Weges zur Befreiung des Menschen hin zu seiner individuellen Selbstentfaltung. Diese ist keine reine Selbstverwirklichung oder Egoismus, sondern Verwirklichung des innersten Wesens des Einzelnen,


 die Verwirklichung des Göttlichen in ihm. Dieses übersteigt das Ich des Menschen „um ein Unendliches“.


 Jeder Einzelne kann in seinem tiefsten göttlichen Grund zu sich selbst und zum anderen finden.

Die Begriffe Ethik und Moral werden oft synonym verwendet. Sie sind aber zu unterscheiden. Moral bezieht sich eher auf das gelebte Leben. Ethik hingegen ist die wissenschaftliche Reflexion auf die gelebte Moral. In der Ethik als wissenschaftliche Reflexion wird gefragt, warum wir so handeln. Ethik liefert Begründungen. Es geht dabei unter anderem um das tiefere Verständnis von inneren Haltungen (Tugenden) und menschlichen Handlungen (Normen). Ethik ist die Lehre vom guten Handeln und richtigen Leben. Eine „gute“ Ethik soll dem Leben des Menschen in seiner Verbundenheit mit anderen dienen. Sie hilft, dass Menschen ihr Glück finden und das Leben gelingt. So sollte auch eine christliche Ethik zur Freiheit, zum Glück und zu einem Leben in Fülle führen. Eine „gute“ Ethik ist außerdem universal, wie Immanuel Kant es formuliert hat. Sie gilt für alle Menschen.

Die inneren Haltungen werden auch als Tugenden bezeichnet. Der Begriff „Tugend“ hat mit „Tauglichkeit“ zu tun. Richtige innere Haltungen sollen tauglich sein für das Leben. Aristoteles postuliert im Anschluss an Plato vier derartige Tugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß. Klugheit meint dabei, langfristig zu planen und das Ende von Handlungen zu bedenken.


 Gerechtigkeit heißt, dass man den anderen Menschen gerecht werden soll (personale Gerechtigkeit), jedem das Seine gibt, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt, dass man faire Geschäfte macht (Tauschgerechtigkeit) und sich um eine gerechte Verteilung der endlichen Güter dieser Welt kümmert (Verteilungsgerechtigkeit).

Tapferkeit ist ein Begriff aus dem Militär und meint die rechte Mitte (Maß) zwischen Feigheit und Tollkühnheit. Der feige Soldat bleibt im Schützengraben, der tollkühne rennt blind ins Feld. Die rechte Mitte ist die Tapferkeit: Der Tapfere überwindet etwa seine Feigheit und handelt klug und überlegt. Tapferkeit ist heute wohl eher mit Zivilcourage oder Mut zu übersetzen. Die Tugend des Maßes durchzieht alle anderen Tugenden. Sie ist nicht das Mittelmaß, sondern die rechte Mitte zwischen zwei Extremen.

Für die Medizin heißt die rechte Mitte die richtige Dosis: nicht zu viel, nicht zu wenig. „Die Dosis macht das Gift“, heißt es bei Paracelsus. Tugenden lernt man nicht aus Büchern, sondern man muss sie täglich einüben und vollziehen. Ein gerechter Mensch wird man dadurch, dass man sich jeden Tag bemüht, gerecht zu entscheiden und zu handeln. Dieses ständige Üben formt langsam den Charakter. Goethe hat es so zusammengefasst: „Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein Charakter in dem Strom der Welt.“




Ethik bezieht sich also auf innere Haltungen und äußere Handlungen des Menschen. Zum richtigen Handeln bedarf es einiger Regeln, Normen genannt. Diese Regeln kann sich der Mensch selbst ausdenken oder sie kommen aus einem religiösen Hintergrund. Erstere führen zu einer philosophischen Ethik, Letztere zu einer theologischen, wie zum Beispiel zu den Zehn Geboten. Als philosophische Ethik ist die erwähnte Tugendethik von Aristoteles zu nennen oder die philosophische Reflexion über den Begriff der Menschenwürde bei Immanuel Kant. Oft durchdringen sich philosophische und theologische Zugänge.

Um genauer zu verstehen, was theologische Ethiken sind, muss kurz über die Frage nachgedacht werden, was Religionen sind. Vergleicht man die fünf großen Weltreligionen, Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam, zeigen sich Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede: Der Hinduismus hat – ebenso wie in anderer Weise die griechische Philosophie – einen Vielgötterhimmel im Hintergrund. Von diesem würde der Philosoph Ludwig Feuerbach vermutlich sagen, dass diese Götter Projektionen des Menschen seien. Diese Götter stehen oft als Chiffren für das Unerklärliche wie Naturkatastrophen, die das Leben zerstören, aber auch für erhaltende Kräfte, die das Leben fördern. In der hinduistischen Ethik geht es unter anderem darum, ob angesichts des Kastenwesens – wenngleich politisch abgeschafft – alle Menschen gleich sind oder ob die unterschiedliche Kastenzugehörigkeit auch zu einer unterschiedlichen Bewertung des jeweiligen Menschen führt.

Der Buddhismus ist zum Teil eine Religion ohne personalen Gott. Er ist eher eine Lebensphilosophie. Hier geht es unter anderem um die Frage nach der Herkunft des Leidens und dass dieses Leiden vor allem durch die Anhaftung des Menschen an innerweltliche Dinge entsteht. Die Aufgabe des Menschen ist es, sich langsam aus diesen Anhaftungen zu lösen. Schrittweise kann er so aus dem Leidensprozess und dem Kreislauf der Wiedergeburten herauskommen. Hinduismus und Buddhismus haben eine Reinkarnationsvorstellung im Hintergrund, die ihrerseits zu bestimmten Ethiken führt.




Erst mit dem Judentum ändert sich etwas Grundlegendes in der Religionsgeschichte: Das Judentum geht davon aus, dass der Gott, den es Jahwe nennt, von sich selbst sagt, dass er „Da ist“. „Ich bin Da“ (Ex 3,14)


. Er sagt von sich, dass es ihn „gibt“. Man nennt das die Selbstoffenbarung Gottes. Das Judentum ist somit eine Offenbarungsreligion. Der Gott Jahwe zeigt sich in dieser Welt. Er spricht und handelt am Volk Israel. Das Volk spürt, dass die vielen Götter, die es auch in Israel gab, keine Kraft haben. Jahwe aber erfahren sie als einen machtvollen Gott, der das Volk Israel aus der Knechtschaft Ägyptens befreit. Diese Befreiung feiert es jedes Jahr beim Pessach-Mahl.

Damit die Menschen die erlangte Freiheit nicht wieder verlieren, gibt Gott ihnen die Zehn Gebote. Sie sind ein Regelwerk, das kein Selbstzweck ist, sondern dem Menschen und seiner Freiheit dienen soll. Das Christentum setzt die Dynamik des Judentums mit der Auffassung eines sprechenden Gottes fort. Das Sprechen Gottes wird in Jesus Christus Mensch.


 Das göttliche Sprechen kommt dem Menschen auf menschliche Weise entgegen. Das Wort Gottes ist ein Gegenüber, wirkt aber auch im Menschen. Göttliches und Menschliches verbinden sich. Das Göttliche wird innerweltlich begreifbar


 und – teilweise – verstehbar. Der Mensch darf und soll Gott verstehen lernen. So kann sein Leben Frucht bringen. „Ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt“ (Joh 15, 16). Für das vorliegende Buch sind verschiedene Aspekte aus der ethischen Debatte von Bedeutung. Aus dem Judentum kommen Themen wie Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe, aus der griechischen Philosophie – vor allem der Nikomachischen Ethik des Aristoteles – Reflexionen über das Glück des Menschen


 und aus dem Christentum die „Dreifaltigkeit“ der Liebe mit Gottesliebe, Selbstliebe, Nächstenliebe bis hin zur Feindesliebe sowie die Hinführung zu einem Leben in Fülle (Joh 10,10).


 Im Christentum wird die äußere Befreiungsbewegung des Judentums zur inneren Befreiung des Menschen fortgesetzt. Jeder Mensch soll zu sich selbst hin befreit werden.


 Es geht um die äußere Freiheit (Handlungsfreiheit), die innere Freiheit (Willensfreiheit) hin zur Wesensfreiheit, die besagt, dass der Mensch befreit werden soll dazuhin, sein eigenes Wesen zu finden.


 Dazu sollte er den Anregungen des guten Geistes in seinem Inneren folgen (dem Heiligen Geist, der heilend und heilbringend wirkt), damit sein Leben heil und ganz wird.

Dieser „Stimme“


 des göttlichen Geistes zu folgen ist keine Fremdbestimmung, sondern Hinführung zur Selbstbestimmung. Der Mensch kann sich erst vom anderen Größeren her selbst finden. Er soll sich immer wieder neu übersteigen, transzendieren. Das führt aus christlicher Sicht zur Fülle des Lebens, zum Glück, zur Vollendung, zum Fruchtbringen, zur Entfaltung. Eine „gute“ religiöse Erziehung sollte dieser Entfaltung des Menschen dienen, allerdings immer mit dem Hinweis auf die Benachteiligten, Armen, Kranken, Gefangenen, denen auch geholfen werden muss. Diese Entfaltung geht nie geradlinig vonstatten, sondern immer auch durch die Gebrochenheit, Endlichkeit, Schuldverstrickung und das Leiden hindurch. Das ist das Kreuz der Welt. Daher sind auch Leid und Tränen unvermeidlich. Aufs Ganze gesehen sollte aber die Fülle des Lebens entstehen. „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).




Zur Frage von Müssen, Sollen und Wollen


Eines sei noch für alle Überlegungen eingefügt: Es kommen in diesem Buch immer wieder Begriffe vor, wie „du sollst“, „du musst“, „du darfst“, „du willst“, „Gott will“. Das klingt nach Zwang, aber es soll um Freiheit gehen – um einen Zusammenfall der Gegensätze. Nikolaus von Kues verwendet dafür den Begriff der coincidentia oppositorum:


 In Gott fallen die Gegensätze zusammen. Für den hier vorliegenden Kontext heißt das zum Beispiel: Das Wollen und das Müssen fallen in bestimmten Bereichen zusammen. Wenn du leben willst, musst du essen und trinken. Wenn du die Autofahrt überleben willst, musst du in der Kurve die Geschwindigkeit reduzieren. Wenn du als Musiker deine Talente entfalten willst, musst du üben. Wenn du einmal frei einen Beruf ergreifen willst, musst du lesen und schreiben lernen. Die Beispiele kann man fortsetzen. In einer Bemerkung über Nikolaus von Kues heißt es: „Aus seiner Sicht sind die Gegensätze in Gott eingefaltet (Hervorhebung d. Verf.), in der Welt ausgefaltet (Hervorhebung d. Verf.).“


 Für dieses Buch gilt: Jedes Sollen oder Müssen ist ein Müssen in Freiheit. Der Mensch kann es auch lassen. Wenn er aber die Freiheit erlangen will, muss er manches tun: „Wer sich nicht selbst befiehlt, bleibt immer ein Knecht“


, heißt es bei Goethe. Aber es ist ein Müssen oder Sollen, das von innen herandrängt, weil es dem Wesen des Menschen entspricht, und kein von außen aufoktroyiertes Müssen oder Sollen. Ideal wäre es, wenn aus dem Sollen langsam ein Wollen würde.

Und noch etwas anderes: Es wird sehr viel von Entfaltung und erfülltem Leben gesprochen. Aber es gibt leider auch den geschundenen und unterdrückten Menschen, den Armen und den Analphabeten, es gibt das große Leid und das Kreuz in der Welt. Es gibt Menschen, die äußerlich nie in ihrem Leben zur Entfaltung kommen. Dies wirft all die Fragen auf, die mit dem Theodizee-Problem zusammenhängen: Wie kann der gute und allmächtige Gott dieses große Leid in der Welt zulassen? Wenn er es verhindern könnte und es nicht tut, wäre er nicht gut, und wenn er es nicht verhindern kann, ist er nicht allmächtig. Auch dies hat letztlich mit der Freiheit des Menschen zu tun. Gott will den Menschen frei, und das beinhaltet das Risiko, dass der Mensch sich von Gott abwendet. So geschah es im Paradies und so geschieht es immer wieder. Dies ist eine der Ursachen für das große Leid in der Welt. Zu all diesen Fragen will dieses Buch keine Stellung nehmen, sie wurden an anderer Stelle bearbeitet.






Bilder vom  blühenden  und entfalteten  Leben





Du darfst und du sollst


Ein neues Leben beginnt. Ein Mensch tritt ins Sein. Er ist da. Schrittweise versteht er, was Dasein bedeutet. Ungefragt wurde er von den Eltern in dieses Dasein gebracht, „in die Welt geworfen“ (Heidegger). Jetzt ist er da. Er darf sein und soll sein. Es geht um das Dürfen und Sollen des Daseins: Du bist da, und es ist gut, dass du da bist. Idealerweise bist du von den Eltern gewünscht, gewollt und willkommen auf dieser Welt, von Gott her unbedingt bejaht. Und nun darfst du schrittweise der werden, der du bist, du sollst es sogar. Es gibt also ein zweifaches Sollen: Das erste Sollen ist ein Geschenk: Du darfst sein und sollst sein, du bist willkommen. Das zweite Sollen ist ein Sollen als Aufgabe: Du sollst und kannst mithelfen, dass sich das entfalten kann, was in dir angelegt ist. Hier kommen freie Entscheidungen ins Spiel. Der Mensch kann einschwingen in die Entfaltung seines Daseins, er kann sich aber auch verweigern.

Die alte Philosophie hat das Dürfen als ein Sollen formuliert, als Auftrag und Imperativ: „Werde, der du bist“ und „Erkenne dich selbst“.


 Jeder soll der werden, der er schon ist, er soll sich selbst erkennen. Eine eigenartige Formulierung: Jemand ist schon da und soll noch werden, sich entfalten. Dieses Werden der Entfaltung ist eine Bewegung aus der Wirklichkeit in die Möglichkeit und aus der Möglichkeit in die Wirklichkeit.


 Es gibt die Wirklichkeit des schon Verwirklichten und die Wirklichkeit des noch Möglichen. Das ist Werden.


 Dieses Werden geht zum Teil von selbst, es muss aber auch mitgestaltet werden.

Das Sein ist schön, gut und wahr. Das kann schon das Kind im Gegenüber zur Mutter und zum Vater „erkennen“. Durch das Lächeln der Eltern hindurch erkennt das Kind das gesamte Sein in seiner Einheit, Gutheit, Wahrheit und Schönheit: Im Lächeln der Mutter sieht das Kind die mütterliche Liebe und wird durch sie „ins Bewußtsein gerufen.“


 Im weiteren Verlauf dieser Begegnung eröffnet sich dem Kind laut Hans Urs von Balthasar „der Horizont des gesamten unendlichen Seins und zeigt ihm vier Dinge: 1. Daß es ‚eins‘ ist in der Liebe mit seiner Mutter, obwohl ihr gegenübergestellt, also daß alles Sein ‚eins‘ ist. 2. Daß diese Liebe ‚gut‘ ist: also alles Sein gut ist. 3. Daß diese Liebe ‚wahr‘ ist, also alles Sein ‚wahr‘ ist. 4. Daß diese Liebe ‚Freude‘ weckt, also alles Sein ‚schön‘ ist.“


 So wäre es ideal. Leider werden Kinder auch abgelehnt und haben es somit sehr schwer, zu erkennen, dass das Leben wahr, gut und schön ist.

Es geht im Leben um die Entfaltung dessen, was schon angelegt ist. Ein Blatt entfaltet sich im Frühjahr. Am Baum entfalten sich die Blätter, im Herbst blüht er und bringt Frucht. Ein Mensch wird gezeugt und der Embryo entfaltet sich zum erwachsenen Menschen. Dabei geht es zunächst um die körperliche Entfaltung, dann um die seelische und geistige. Die körperliche Entfaltung geschieht weithin von selbst (bei entsprechender Nahrung), an der seelischen und geistigen kann und muss der Mensch mitwirken. Auch der Kosmos entfaltet sich und dehnt sich aus. Im Urknall ist das Ganze gleichsam eingefaltet und verdichtet, dann entfaltet es sich bis heute. Selbst im Göttlichen spricht das Christentum von der Drei-Faltigkeit Gottes. Diese „Faltigkeit“ ist aber keine Entfaltung im Sinne eines innerweltlichen Werdensprozesses, sondern das göttliche Sein ist schon immer entfaltet. Das Werden ist das Phänomen des Endlichen und Relativen. Dieses Werden hat eine Zielrichtung: Aus dem Samen wird der große Baum, aus der Zygote


 ein erwachsener Mensch.




Du sollst Frucht bringen


Man stelle sich den Samen eines Apfelbaumes vor. Er wird in den Boden eingesetzt und wächst heran. Wenn alles gut geht, wird er zum Baum und wird größer. Er wächst von selbst. Nach einiger Zeit trägt er Früchte. Sie ernähren den Menschen. Der Baum bringt von selbst die Frucht hervor, aber er muss auch gut gepflegt werden, braucht Wasser, Licht und Nahrung. Wie steht es mit dem Menschen? Soll er auch Frucht bringen? Geht das auch von selbst? Oder muss er da mitwirken?

Das Leben beginnt ganz klein. Ein Spermium befruchtet eine Eizelle. Neues Leben tritt ins Sein. Der Embryo wächst heran. Ab dem dritten Monat wird er Fetus genannt. Der Fetus wird geboren, die Nabelschnur durchtrennt. Die Trennung von Mutter und Kind beginnt. Aus der Einheit in Verschiedenheit von Mutter und Kind wird das Gegenüber zweier Individuen. Sie schauen sich an. Sie haben ein Antlitz,


 ein Gesicht. Sie kommunizieren jetzt als Gegenüber, wie sie dies schon im Mutterleib in anderer Weise getan haben. Das Kind braucht Zuwendung. Kinder, die nur ernährt werden, sterben. Man muss mit ihnen sprechen, sie berühren, anschauen, anlächeln. Zunächst geht diese Kommunikation nonverbal vonstatten, später mit Worten. Der Mensch ist auf Kommunikation und Beziehung angewiesen.

Das Kind wächst heran. Es lernt laufen, sprechen, denken. Es wird angesprochen und antwortet, es wird angeblickt und blickt zurück, es wird geliebt und liebt zurück. So lernt es sprechen, schauen, lächeln, lieben. So könnte es weitergehen. Aber es kommen neue Herausforderungen hinzu: Es soll lesen und schreiben lernen, einen Beruf ergreifen, den richtigen Lebenspartner finden. Das Leben steht nicht still, es geht weiter. Die Zeit ist nicht anzuhalten und nicht zurückzudrehen. Es geht immer nach vorne.

Die Zeit läuft immer weiter: Die letzten Minuten, die vergangen sind, kommen nie wieder, und die nächsten Minuten waren noch nie da. Insofern – so ähnlich sagt es der Philosoph Martin Heidegger – „gibt“ es keine Vergangenheit, weil sie schon vorbei ist. Und es gibt auch keine Zukunft, weil sie noch nicht da ist. Es gibt nur die Gegenwart der Vergangenheit, die Gegenwart der Zukunft und die Gegenwart der Gegenwart. Vergangenheit und Zukunft fallen in der Gegenwart zusammen. Eigentlich gibt es immer nur das Jetzt. Dies ist ein Hinweis auf die Ewigkeit. Denn die Ewigkeit ist „ständige“ Gegenwart, ist „ständiges“ Jetzt!

Bei Leben und Zeit gibt es eine Dynamik in die Zukunft hinein. Und doch kommt die Zukunft auf den Menschen zu (zu-kunft). Er kann sie nicht machen. Er fällt geradezu immer neu in die auf ihn zukommende Zukunft hinein. Er weiß nicht einmal genau, ob sie kommt. Die kommenden Minuten waren noch nie da. Aller Voraussicht nach kommen sie, genau wissen kann es der Mensch nicht. Die Welt könnte untergehen oder jemand stirbt, dann ist zumindest die eigene Zukunft in dieser Welt dahin. Die Zukunft kommt und baut sich unter jedem Schritt des Menschen neu auf. Sie ragt als noch Kommende in die Gegenwart hinein: Wir machen Pläne, erwarten ein Kind, hoffen auf einen guten Ausgang.

Leben ist im Werden. Es ist Vorübergang. Gibt es in dieser Bewegung des Vorübergehenden auch Bleibendes? Leben wächst: körperlich, seelisch, geistig. Wachstum ist ein zentrales Phänomen des Lebens. Das körperliche Wachstum kommt irgendwann an ein Ende. Aber seelisches Wachstum geschieht ein Leben lang, ebenso wie das geistige Wachstum. Der Mensch ist nie fertig. Er verändert sich äußerlich und verwandelt sich innerlich. Halten wir die Frage nach dem Bleibenden noch offen.

Der zitierte Apfelbaum bringt von selbst die Frucht hervor. Der Mensch muss sich zum Fruchtbringen entscheiden. Er kann sein Leben auch absterben und verwelken lassen. Er kann scheitern. Wer Freiheit denkt, muss auch Scheitern denken. Der Mensch kann sein Ziel verfehlen: Das meint der griechische Begriff hamartia. Im Deutschen wird dieser Begriff meist mit Schuld übersetzt, entweder im Sinne des Schuldig-Bleibens oder des Schuldig-Werdens. Jemand bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück, bleibt sich selbst und dem Leben etwas schuldig. Er bringt keine Frucht. Er verdorrt. Er verfehlt sein Ziel.

Wie kommt es zu diesem Fruchtbringen beim Menschen? Es ist ja offensichtlich ein Fruchtbringen, das einerseits von allein geht und gleichzeitig mitgestaltet werden muss. Die Entwicklung und das Werden drängen heran und der Mensch kann mit dieser Lebensbewegung mitschwingen und zur Entfaltung beitragen oder sich dagegen entscheiden. Er sollte versuchen, die innere Entfaltungsdynamik nicht zu blockieren. So geht es um ein Zulassen dessen, was sich von innen entfalten will und um ein Mitwirken daran. Es geht dabei nicht um eine ständige Leistung, die überfordert.

Woher zieht der Apfelbaum seine Nahrung zur Entfaltung? Aus etwas anderem, das er selbst nicht ist: aus der Erde, in der er wurzelt, aus Wasser, Luft, Sonnenenergie. Woher zieht der Mensch seine Nahrung? Auch aus etwas anderem: aus seiner Ernährung, dem Wasser, der Luft, der Sonnenenergie. Aber auch das Seelische braucht Nahrung. Sie bekommt der Mensch aus guten menschlichen Beziehungen: im Kindesalter vor allem von den Eltern, später von Freunden, Lebenspartnern. Beziehungen können aneinander reifen. Das geht nicht ohne Konflikte. Entscheidend für die glückende Reifung ist, dass diese Konflikte immer wieder gelöst und Missverständnisse geklärt werden.

Woher kommt die geistige Nahrung? Offensichtlich aus Geistigem: von Menschen, aus der Schule, aus einem Buch, dem Nachdenken über die Welt, aus Erkenntnis, Selbsterkenntnis, Welterkenntnis, Erkenntnis der letzten Dinge, Dialog mit dem anderen. All diese Dialoge wurzeln letztlich in einem Dialog mit dem letzten geistigen Grund des Seins, dem Göttlichen. Aus ihm wächst alles empor. Er ist die Quelle und der Urgrund von allem.

Derselbe Urgrund des Seins wohnt im Menschen als Seelengrund.


 In diesem letzten Grund darf und soll der Mensch Wurzeln schlagen. Von dort her wächst ihm alles zu: Kraft, Erkenntnis, Einsicht, Verständnis für sein Leben. Auch hier wieder beides: Diese Wurzeln sind schon da, sie bringen Nahrung herbei und doch sollte sich der Mensch diesem Grund immer wieder aktiv zuwenden. Hier kommt seine Freiheit ins Spiel. Darin liegt die eigentliche Entscheidung, die jeder täglich neu treffen kann: sich immer wieder diesem letzten Seinsgrund zuzuwenden, damit aus ihm das Leben sprießen kann und zur Entfaltung kommt. Wenn die menschlichen Wurzeln in gutem Boden verankert sind, wird das Leben auch gute Früchte tragen.

So wie der Mensch täglich essen muss, kann er sich auch immer wieder nach innen seinem Seelengrund zuwenden, still werden und in sich hineinhorchen. Die eigentliche geistig-geistliche Nahrung kommt aus dieser tiefsten Dimension. Es liegt in der Entscheidung des Menschen, sich ihr immer wieder hörend zuzuwenden. Das nennt man zum einen „Reflexion“ (reflectere: sich nach innen beugen). Der Mensch besitzt die Freiheit, über das eigene Leben, das Leben der anderen und das Leben an sich nachzudenken. Dieses Sich-nach-innen-Wenden kann man auch als Gebet oder Meditation bezeichnen.


 Der Mensch hört in das eigene Innere hinein oder formuliert „nach draußen“ Gebete: still werden, um in der Stille die schweigende Stimme aus dem Inneren zu vernehmen. Reflexion und Gebet können sich durchdringen. Aus christlicher Sicht wohnt im Seelengrund das Göttliche, der gute Geist, der Heilige Geist. Dieser „spricht“ in der Weise des Schweigens.


 Er ist „Teil“ des menschlichen Gewissens, das eine Mischung ist aus weltlichen Stimmen von Vater, Mutter, Schule, kulturellen Prägungen und anderen Über-Ich-Strukturen


 und der göttlichen Wahrheitsstimme. Im Laufe des Lebens geht es immer mehr darum, die weltlichen Stimmen von der göttlichen unterscheiden zu lernen. Die Tradition nennt das die „Unterscheidung der Geister“ (siehe dazu das Kapitel über die Unterscheidung der Geister (#uab05cd38-7b2e-48aa-a2bd-689c9fc3e1b8)). In Anlehnung an das Wachstum der Pflanzen beschreibt das Neue Testament diese je neue Zuwendung als ein Bleiben: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich heraus keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt“ (Joh 15, 4-8). Die Verherrlichung Gottes ist das gelingende und fruchtbringende Leben des Menschen. Aber auch das Gegenteil wird gesagt: „Jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen“ (Mt 3,10).

Nun kann man fragen, was diese Frucht denn ist. Es ist zum einen die Dynamik der Entfaltung des Lebens mit dem richtigen Beruf (Berufung), der Erfüllung der innerweltlichen Aufgaben, der Entwicklung der inneren Tugenden von Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß sowie der christlichen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe, von denen es heißt, dass die größte unter ihnen die Liebe ist. Und so wird das Fruchtbringen auch mit der Tugend der Liebe verbunden: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. Dies trage ich euch auf: Liebt einander!“ (Joh 15,16-17)




Du sollst mehr Frucht bringen – Vom Guten zum Besseren


– Die bessere Alternative –

Ein Apfelbaum kann einhundert Äpfel hervorbringen oder zweihundert. Zweihundert ist besser als einhundert. So würde eine innerweltliche Philosophie argumentieren. Man kann mehr Menschen damit ernähren. Wie bringt der Baum mehr Frucht? Vielleicht durch bessere Düngung, bessere Wasserversorgung, mehr Licht, Genmanipulation? Aber geht es um mehr Quantität (mehr Äpfel) oder um mehr Qualität (bessere Äpfel)? Wie kann der Mensch mehr Frucht bringen? Und um welche Früchte geht es?

Oft wird in der Ethik unterschieden zwischen „Gut und Böse“ oder gut und schlecht. Hier geht es um „gut“ und „besser“. Immer wieder geht es im Neuen Testament um dieses Verhältnis: „Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr kümmert es dich nicht, daß meine Schwester die ganze Arbeit mir alleine überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere (Hervorhebung d. Verf.) erwählt, das soll ihr nicht genommen werden“ (Lk 10, 38-42).

„Besser“ heißt in diesem Fall, dass Maria zuerst auf das Wort Jesu hört und dann erst wieder zu arbeiten beginnt. Es ist die Priorität, um die es hier geht: erst das Hören, dann das Tun. In der Sprache der Mönche: erst das Beten, dann das Arbeiten – ora et labora. Oder wie es bei Ignatius von Loyola heißt: contemplativus in actione – betend in der Arbeit. Das bedeutet nicht – wie noch im Mittelalter –, dass das kontemplative Leben in einem Kloster als höherwertig eingestuft wird als das aktive Leben draußen in der Welt, sondern im Alltag die richtige Priorität zu wählen: aus der Stille in die Arbeit, aus dem Sonntag in den Alltag.

Es geht um eine Ethik der Komparative, um eine Ethik des „Mehr“. Für einen Franz von Assisi wäre es gut gewesen, das Geschäft seines Vaters zu übernehmen. Viele Menschen tun dies. Für ihn war es aber besser, auf alles zu verzichten, in Armut zu leben und einen Orden zu gründen. Besser heißt in diesem Fall, dass er erst so seinen inneren Frieden und die Erfüllung seines Lebens gefunden hat. Christlich gesprochen ist er einem persönlichen Anruf Gottes gefolgt. Das Geschäft des Vaters zu übernehmen wäre gut und das „Normale“ gewesen, für ihn persönlich aber ein Irrweg. Er wäre damit dem An-Ruf Gottes ausgewichen, hätte sich abgesondert vom konkreten Willen Gottes. Wahrscheinlich wäre er schrittweise in eine Traurigkeit verfallen und hätte sein Leben verfehlt.

Das Bessere anzunehmen oder abzulehnen ist ein Akt der Freiheit, aber dennoch nicht beliebig. Der Mensch soll das Bessere wählen, weil es für ihn und die Welt das Bessere ist. Das Bessere ist hier, dem konkreten Willen Gottes zu folgen und nicht nur allgemeinen Gesetzen oder dem Angebot des Lebens und der Familie. Dies hat wiederum zwei Effekte: Zum einen findet der Mensch durch sein Jawort seinen inneren Frieden, seine tiefste Mitte und Identität. Wenn er so mit sich selbst (in Gott) eins ist, kann er sich und den anderen besser annehmen und lieben. Er kann damit Gott, sich selbst und den anderen Menschen mehr dienen und besser zur größeren Liebe unterwegs sein. Zum anderen fügt er sich besser in den Gesamtplan Gottes für die Welt ein und dient so auch der Gesellschaft. Der göttliche Plan ist allerdings kein starrer Plan im Sinne einer Vorherbestimmung, sondern abhängig von der Mitwirkung des Menschen. Auch Maria, die Mutter Jesu, musste ihr Jawort geben zum Plan Gottes und ihrer Berufung, den göttlichen Sohn zur Welt zu bringen. Das Ja des Menschen zum göttlichen Ruf dient auch der Verbesserung der Welt.

Die Theologie drückt dieses Wählen des Besseren so aus: „Von da aus ist, dort wo das ‚bessere Mittel‘ konkret angeboten wird und als solches wirklich und zwar für hier und jetzt erkannt wird, mit ihm nicht nur eine sittliche Möglichkeit, sondern eine sittliche Forderung für den betreffenden Menschen gegeben (und gleichzeitig ermöglicht), obwohl der andere Weg an sich auch einen positiven sittlichen Wert darstellt.“


 Auch hier fallen das Sollen und das „Müssen“ mit einer freien Entscheidung zusammen und münden – wenn es gut geht – in ein eigenes inneres Wollen. Dieses innere Wollen ist ein Wollen, das der Mensch wirklich aus seinem tiefsten Wesen heraus will und nicht nur oberflächlich. Das tiefste Wollen führt auf Dauer zu tiefer Freude, das andere womöglich nur zu kurzfristigem Spaß. Am Ende will der Mensch das, was er soll, weil es gut ist und ihm selbst und anderen guttut.

Biblisch ist dieses Bessere immer wieder an anderen Stellen erwähnt: Ein reicher Jüngling fragt Jesus, was er tun muss, um in das Himmelreich zu gelangen. Er erhält die Antwort: „Halte die Gebote.“ Der Jüngling sagt, das habe er ein Leben lang getan. Und jetzt erhält er die Antwort für das Bessere: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmelreich haben; dann komm und folge mir nach“ (Mt 19, 21). Leider konnte der junge Mann dem nicht folgen. Er war sehr reich und konnte sich davon nicht trennen. Er geht traurig davon. Dieses „Wenn du vollkommen sein willst …“ wird in der Bergpredigt noch zu einem Sollen weitergetrieben: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer Vater im Himmel ist“ (Mt 5, 48).

Der Mensch soll und darf an seiner Vervollkommnung und der Vervollkommnung der Welt mitwirken. Dieser ist im Letzten der Ruf zur Vollkommenheit in der Liebe, sogar bis hin zur Feindesliebe: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5, 44). Das ist das Tiefste und letztlich Erlösende, was eine Religion dem Menschen „anbieten“ kann, dass er seine natürliche Abwehr gegen den Feind überwindet und versucht, ihn zu lieben und für ihn zu beten. Das durchbricht den Rachegedanken, die Vergeltungsspirale und das „Aug um Aug“- und „Zahn um Zahn“-Prinzip. Jesus Christus hat genau das durchbrochen und die Liebe durchgehalten bis zum Ende. Er wurde dafür gekreuzigt. Darin besteht die Erlösung: in der gegen alle Widerstände durchgehaltenen Liebe. Durch diesen „Gehorsam der Liebe“ wurde die Absonderung (Sünde) der ersten Menschen im Paradies überwunden.

Im Blick auf die Weigerung, diesem besseren Weg zu folgen, spricht Karl Rahner – das wird manchen überraschen – sogar von Sünde. Der Begriff Sünde wird ja nicht so gerne gehört. Man assoziiert damit immer, dass jemand etwas falsch gemacht hat, niedergedrückt ist, bereuen, wiedergutmachen, beichten muss. Es geht aber um etwas Tieferes, nämlich dass der Mensch etwas unterlässt, was ihm zum größeren und erfüllteren Leben gedient hätte: „Eine Weigerung ihm gegenüber (dem besseren Weg, Anm. d. Verf.) wäre die ausdrückliche Verweigerung des Willens zum größeren Wachstum in der Liebe Gottes und also Schuld, Sünde.“




Sören Kierkegaard drückt noch genauer aus, worum es geht: um die Angst, nicht zur eigenen Größe, Wahrheit und Berufung durchzustoßen. Dies nennt er Sünde: „Sünde ist: vor Gott verzweifelt nicht man selbst sein wollen oder vor Gott man selbst sein wollen“


 und an anderer Stelle: „Sünde ist Verzweiflung“


 und schließlich: „Diese Form von Verzweiflung ist: verzweifelt nicht man selbst sein wollen, oder noch niedriger: verzweifelt nicht ein Selbst sein wollen, oder am allerniedrigsten: verzweifelt ein anderer sein wollen als man selbst, ein neues Selbst sich wünschen.“


 Schließlich kommt Kierkegaard zu dem Schluss, „daß der Grund, warum der Mensch eigentlich am Christentum Ärgernis nimmt, darin liegt, daß es zu hoch ist, … weil es den Menschen zu etwas Außerordentlichem machen will.“




Es geht also um die Größe des Menschen, die dieser nur von Gott her einlösen kann. Das Nichteinlösen führt zur Selbstentfremdung, zum Nicht-Selbstsein. Diese persönliche Berufung des Einzelnen geht weit über die Erfüllung allgemeiner Normen hinaus.


 Dazu noch einmal Rahner: Vom Grundphänomen einer ganz persönlichen Berufung müsse deutlicher werden, „daß die Sünde über ihre Eigenschaft als Verstoß gegen das Gesetz Gottes hinaus auch und ebenso ein Verstoß ist gegen einen ganz individuellen Imperativ des individuellen Willens Gottes, der Einmaligkeit begründet. Wäre von da Sünde nicht deutlicher erkennbar als Verfehlen der persönlich-individuellen Liebe Gottes?“




Warum ist Sünde Sünde, könnte man fragen? Oder: Was ist so schlimm an der Sünde? Sie ist letztlich so schlimm, weil der Mensch sich selbst verfehlt. Er lebt an seiner Berufung vorbei und verfehlt seine eigene Mitte und Identität. Er wird sich selbst fremd und damit auch den anderen. Er verliert seine innere Einheit, seine Ganzheit, sein Heilsein. Er verliert schließlich seine Liebesfähigkeit. Es geht im Christentum nicht primär darum, dass Sünde ein Verstoß gegen ein Gesetz oder gegen das System der katholischen Kirche ist, sondern dass es im Letzten um die Selbstverfehlung geht. Das ist ja das „Schlimme“ und Tragische an der Sünde, dass der Mensch sich selbst zerstört. So bringt die Sünde den (inneren) Tod. Aus der Sünde als dem Absondern folgt, dass der Mensch sich selbst, dem anderen und letztlich auch Gott etwas schuldig bleibt. Schließlich fällt er womöglich auch in Schuld im Sinne der Übertretung einer Norm.




Leider ist in der Geschichte das Phänomen der Schuld oft „nur“ als Normübertretung oder als die Verletzung eines Systems gesehen worden und nicht als die tiefer liegende und folgenreichere Beziehungsstörung zu Gott, die den Menschen sich selbst entfremdet und innerlich tötet. Das Zerstörende der Sünde wird ihres Ernstes beraubt und verharmlost, wenn die Sünde im Sinne der Schuld nur in der Übertretung von Normen gesehen wird. Selbst wenn der Mensch äußerlich alle Normen erfüllt, ist er noch kein guter Mensch. Denn jeder soll ein „positiv Einmaliger“ (Rahner) werden, sich selbst finden und die Liebe umsetzen. Mancher findet sich sogar erst durch die Verfehlung hindurch und manch liebloser Gesetzestreuer, der vermeintlich alles richtig macht, ist ein herzloser Mitmensch. Die erkannte und bereute Verfehlung kann demütiger, bescheidener, verständnisvoller und liebevoller machen. Da es gerade im Christentum um die Vervollkommnung in der Liebe geht und diese Liebe nicht nur die Nächstenliebe meint, sondern auch die Selbstliebe, Selbstfindung und Selbstannahme, ist die Anbindung an den letzten Seinsgrund, an den Weinstock, von zentraler Bedeutung. Denn die richtige Selbstliebe (die kein Narzissmus ist) hat ihre Basis in der Gottesliebe. Die Selbstliebe ist geradezu Voraussetzung und „Maßstab“ für die Nächstenliebe: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ist die Gottesbeziehung (Gottesliebe) gestört, sind es auch die Selbstbeziehung (Selbstliebe) und die Beziehung zum Nächsten (Nächstenliebe).

Vielleicht noch ein anderer Zusammenhang: Auf dem Weg zur Vollkommenheit in der Liebe ist es zunächst von untergeordneter Bedeutung, welchen Beruf der Mensch ergreift. Allerdings findet der Mensch besser seine innere Mitte und seinen Frieden, wenn er auch seine „richtige“ Berufung findet und ihr folgt. Insofern hängen das Finden der Berufung und die Liebesfähigkeit zusammen. Wer ständig an sich vorbei lebt und innerlich zerrissen ist, wird auch nicht lieben können: weder sich selbst noch den anderen, geschweige denn den Feind. Nur wer mit sich selbst im Einklang ist, kann sein Glück finden. Immanuel Kant meint sogar, dass es eine Verpflichtung zum Glück gibt, da der Unglückliche meistens auch seine Umgebung unglücklich macht.

– Die Reinigung –

Der Satz „Ihr sollt mehr Frucht bringen“ kann auch etwas ganz anderes besagen. Denn das Gleichnis vom Fruchtbringen beginnt so: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt (Hervorhebung d. Verf.) er, damit sie mehr Frucht bringt“ (Joh 15,1-2). Dieses Gleichnis kann in zwei Richtungen interpretiert werden. Zum einen, dass diejenigen Menschen, die keine Frucht in ihrem Leben bringen, vom Weinstock abgeschnitten werden und – wie es später heißt – verdorren. „Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen“ (Joh 15, 6).

Die Zielrichtung des Evangeliums ist aber so, dass Gott genau das nicht will. Er will nicht, dass überhaupt ein Mensch verloren geht. Von Jesus heißt es, dass er zu unserem Heil und zu unserer Heilung auf diese Welt gekommen ist und nicht für unser Verderben. Er ist der Heiland. Er soll die Welt nicht richten, sondern retten. „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“ (Joh 3,17). An anderer Stelle heißt es: „Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19,10). Er sagt zu seinem Vater, dass niemand verloren gegangen sei (außer Judas), den er ihm anvertraut habe. „Und ich habe sie behütet und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllt“ (Joh 17,12).

Hans Urs von Balthasar meint, die Hölle sei leer, es sei denn, jemand wolle hinein. Und das ist wohl der Ernst des Lebens, der im vorliegenden Gleichnis ausgesprochen werden soll. Einen Automatismus der Rettung, dass am Ende des Lebens schon alles gutgehen wird, gibt es nicht. Dann würde Gott die Freiheit des Menschen nicht wirklich ernst nehmen und am Ende wäre alles gleichgültig. Gott nimmt aber den Menschen sehr ernst und will seine freie Entscheidung. Das beginnt schon in der Paradiesgeschichte und zieht sich durch das ganze Neue Testament. Der Mensch ist aufgefordert, an seinem Heil, seiner Rettung, seinem Glück und seinem gelingenden Leben mitzuwirken: „Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil!“ (Phil 2,12) Der Mensch kann es nicht aus eigener Kraft, er muss es auch nicht. Diese Aussage soll ihn nicht entmutigen, sondern entlasten. Aber der Weg gelingt nach diesem Gleichnis nur, wenn er angebunden bleibt an den Quell des Lebens, an den Weinstock. Er soll sich daher nicht von der Kraftquelle des Weinstockes abkoppeln, denn getrennt vom Weinstock kann er nichts tun. Es ist wohl eher als Mahnung zu verstehen denn als ein endgültiges Urteil.

Der „Aufwand“, an diesem Weinstock dranzubleiben, ist relativ gering, verglichen mit den Anstrengungen der Menschen, ohne diese Anbindung aus sich heraus Frucht bringen zu wollen. Sie versuchen dies oft mit allen Möglichkeiten der Lebensverbesserung, mit dem, was die Medizin Enhancement nennt: mehr Leistungsfähigkeit durch Genmanipulation, Doping, Medikamente, Wellness und vieles mehr. Hier geht es um Selbstoptimierung. Das aber meint das Evangelium genau nicht.

Der Christ weiß, dass er sich nur sehr begrenzt selbst optimieren kann. Er wird optimiert durch das göttliche Wirken. Daran kann er teilnehmen. Dazu braucht er zunächst nur eines: eine gute Verbindung zum Weinstock, dann wird ihm alles andere dazugegeben. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere hinzugegeben“ (Mt 6,33). Er soll den Kontakt nicht abreißen lassen, damit er Frucht bringen kann. So kann für den Christen eine Art Gelassenheit entstehen, dass er das Fruchtbringen nicht selber machen muss, sondern „nur“ zulassen soll, dass der Durchfluss der Kraft, die vom anderen kommt, nicht behindert wird. Dann kann er mit dieser Kraft mitwirken. In der Heiligen Messe heißt es: „Frucht des Weinstocks und der menschlichen Arbeit“. Dies steht im krassen Gegensatz zur ständigen Überforderung im innerweltlichen Wettlauf, der ohne die Anbindung an den Weinstock aus sich heraus nach Verbesserung und Fruchtbringen sucht. Nicht selten endet dies in der Situation des Ausgebrannt-Seins (Burnout). Die vom Weinstock abgeschnittenen Reben verbrennen (Mt 15, 6). Davor will das Gleichnis warnen.

Zusammengenommen mit dem zweiten Teil des Gleichnisses, dass diejenige Rebe, die Frucht bringt, gereinigt wird, um noch mehr Frucht zu bringen, sieht man wohl die ganze Richtung des Gleichnisses: Gott will, dass das Leben des Menschen zur vollen Entfaltung kommt und mehr Frucht bringt. Da im Leben nie alles geradlinig verläuft und jeder Mensch (außer Maria, die Mutter Jesu) von Schattenseiten, Fehlern, Schuldverstrickungen betroffen ist, müssen diese Verstellungen im Lauf des Lebens aufgearbeitet, „gereinigt“ und erlöst werden. Nur so kann der Mensch ganz zu sich selbst heranreifen. Es ist wie im Gleichnis vom Unkraut und vom Weizen. Jedes Leben enthält beides. Nichts ist rein in dieser Welt, sondern immer auch „verunreinigt“ und von Unkraut durchsetzt. Man soll das Unkraut nicht sofort herausreißen, damit nicht auch der Weizen mit herausgerissen wird (Mt 13, 24). Auf die Frage, ob das Unkraut ausgerissen werden soll, wird geantwortet: „Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus“ (Mt 13, 29). Beides soll und darf wachsen und langsam wird sich das eine vom anderen trennen.

So auch beim Weinstock. Die Rebe soll wachsen und im Laufe des Wachstums wird sie befreit von Verunreinigungen. Der Winzer selbst nimmt diese Reinigung vor. Auf das Leben übertragen könnte man es so interpretieren: Da ist jemand gut unterwegs im Leben, bringt durchaus Frucht, wird aber wegen seiner Erfolge hochmütig und übermütig. Hier kann es sein, dass ihn womöglich Einbrüche im Leben, Leidensprozesse oder Krisen demütiger machen. Krisen des Lebens – aber auch positive Erfahrungen – können durchaus die Reben reinigen, damit sie mehr Frucht bringen. Die Kirchenväter haben von der Pädagogik Gottes gesprochen. Nun greift Gott ja meistens nicht aktiv in das Leben ein. Er wirkt – wie die Theologie sagt – durch Zweitursachen, also durch Ereignisse des Lebens und durch Menschen hindurch. So könnte man auch von der Pädagogik des Lebens sprechen. Wenn man hier das Wort Jesu ernst nimmt: „Ich bin … das Leben“ (Joh 14,6) und so nahezu von einer Gleichsetzung der Person Jesu mit dem Leben ausgeht, könnte man sagen, dass die Pädagogik Gottes mit der Pädagogik des Lebens zusammenfällt oder zumindest Ähnlichkeiten aufweist. Das Leben hat seine eigene Pädagogik und Logik. Es „enthält“ den Logos Gottes. Der Mensch, der sich zu weit vom wahren Leben entfernt, kommt womöglich zu Fall. Wie der Volksmund sagt: Hochmut kommt vor dem Fall.

Die Reinigung der Reben am Weinstock könnte auch noch anders gedeutet werden. Es kann bedeuten, dass der Mensch sich im Lauf seines Lebens – spätestens in der Lebensmitte – auch seinen Schattenseiten stellen muss sowie dem, was bisher verdrängt wurde.


 Das Dunkle des Unbewussten sowie das Tote im Inneren kommen langsam ans Licht. Augustinus hat es in etwa so formuliert: Die Wahrheit bricht sich Bahn, dem, der sich ihr öffnet, eröffnet sie sich, dem, der sich ihr verschließt, verschließt sie sich. Der griechische Begriff für Wahrheit heißt a-letheia (wörtlich: das Unverborgene). Das Verborgene, das oft unangenehm ist, tritt langsam ans Licht. Es kommt an die Oberfläche, kann angeschaut und erlöst werden. Auch in ihm stecken kreative Kräfte. Der Mensch kann sich diesem oft schmerzhaften und tränenreichen Prozess der Bewusstwerdung stellen und ihm zustimmen. Dies ist zum einen notwendig, damit das Unbewusste nicht zerstörerisch im Menschen wirkt und womöglich zu Depressionen führt. Zum anderen schlummert auch im Verdrängten und in den Schattenseiten noch kreatives Potenzial. Wenn das ans Licht kommt, kann mehr Frucht daraus werden. Der Weg der „Wahrheitung“ und der Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten, die nicht gerne angeschaut werden und vielleicht Erschrecken auslösen, ist oft ein schmerzlicher und lebenslanger Prozess. Er muss oft mehr erlitten werden, als dass er gewollt ist. Er wird dem Menschen quasi von innen her „aufgedrängt“. Aber es gibt eine Zusage, wenn man sich ihm stellt: „Die Wahrheit wird euch freimachen“ (Joh 8,32) und: „Ihr werdet mehr Frucht bringen“. (Joh 15,2)




Du sollst aus fünf Talenten zehn machen


Der Begriff „Talent“ kann als Geldstück verstanden werden oder als Begabung. Hier geht es zunächst um die Begabung. Sie hat etwas zu tun mit Gabe: Jedem Menschen ist etwas mitgegeben. Manches ist in den Genen verankert, manches in den epigenetischen Verschaltungen, die auch mit dem Lebensstil des Menschen zu tun haben.


 Vieles wird gefördert durch eine gute Erziehung und Bildung, einiges leider auch blockiert und zerstört durch schlechte Familienverhältnisse. Die Begabung, die zum Teil erblich ist, muss gefördert werden, sonst versiegt sie und kommt nicht zur Entfaltung. Es ist immer beides: Anlage und Förderung, Begabung und Arbeit. Mozart hatte ein großes musikalisches Talent. Wenn er nicht geübt und mit seinem Vater daran gearbeitet hätte, hätte sich das Talent nicht entfalten können. Dies ist ein Auftrag an den Begabten, ebenso an die Eltern und an den Staat, Bedingungen zur Verfügung zu stellen, die der Entfaltung des Angelegten dienen.

Allerdings darf sich die Verwirklichung der Anlagen nicht nur auf die Verbesserung der intellektuellen Fähigkeiten oder des Sachverstandes beziehen, sondern muss auch die Ausbildung des ethischen Bewusstseins umfassen. Der Mensch sollte auf allen Ebenen gebildet werden: auf der Sachebene, auf der ethischen, wie man gut und richtig handelt, und auf der spirituellen, wie man seine Innenwelt am besten verstehen kann. Anders ausgedrückt: Er sollte auf der Vernunftebene, der Verstandesebene und auf der Herzensebene durchgebildet werden. Oder wie Dostojewski sinngemäß sagte: Lieben heißt, aus dem anderen das herauslieben, was Gott als Bild in ihn hineingelegt hat. Das ist Bildung im umfassenden Sinn. Wenn jemand nur auf der Sachebene gut ausgebildet ist, kann er sein Wissen nicht allein für gute Zwecke nutzen, sondern ebenso Banken überfallen, Kriege planen oder Cyberattacken durchführen. Also muss die Frage lauten, wozu man die Talente nutzt. Das Christentum ist hier ganz klar: Die Talentvermehrung sollte immer im Dienst am Menschen stehen, am anderen und an sich selbst. Daher geht es bei der Talentvermehrung immer auch um die Einübung ethischer Standards: um die Aneignung der Tugenden von Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß sowie der christlichen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe. Ebenso sind ethische Vorstellungen, die durch Immanuel Kant mit dem Begriff Menschenwürde belegt wurden, von großer Bedeutung. Dieser Begriff besagt, dass jeder Mensch um seiner selbst willen geachtet werden soll. Das ist die philosophische Zusammenfassung dessen, was in der griechischen Philosophie mit der Tugend der Gerechtigkeit angedacht war, dass man jedem Menschen gerecht werden soll, im Judentum mit der Gottebenbildlichkeit des Menschen und im Christentum mit der Aussage des Paulus, dass vor Gott alle Menschen gleich sind. Letztlich ist der Begriff der Menschenwürde die philosophische Durchreflexion der Vorstellung von der Nächstenliebe und in weiterer Konsequenz der Feindesliebe im Christentum. Denn auch der Feind soll um seiner selbst willen geachtet werden. Er darf zum Beispiel nicht gefoltert werden, weil dies der Menschenwürde widerspricht. Aus dem Begriff der Menschenwürde sind die Menschenrechte hervorgegangen.

Das Neue Testament fasst die Talentvermehrung im Kontext der Ethik sehr klar zusammen: Auf das Gleichnis von der Talentvermehrung folgt das Gleichnis vom Weltgericht. Es heißt dort: „Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen“ (Mt 25, 31-36).

Auf die Rückfragen der Menschen, wann sie den Menschensohn arm, krank und obdachlos gesehen haben, antwortet er: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 40). Hier ist die Zielrichtung des Handelns und der Verwirklichung der Talente klar aufgezeigt: Der Mensch soll seine Talente auch im Dienst am Armen, Hungrigen, Durstigen, Fremden, Obdachlosen, Kranken und Gefangenen vermehren. Und umgekehrt: „Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben“ (Mt 25, 45-46).

Nimmt man das Talent als Geldstück und Währung, tritt Ähnliches zutage. Das Menschenbild des Christentums zeigt den Menschen als je unterschiedlich: Jeder hat unterschiedliche Talente, die er nutzen soll. Der eine hat mehr künstlerische Talente, der andere handwerkliche, der Dritte unternehmerische, der Vierte wissenschaftliche. Jeder soll im Orchester der Menschen sein eigenes, für ihn stimmiges Instrument spielen. Zweifelsohne darf der Mensch Geld verdienen und unternehmerisch tätig sein. Allerdings sollte das Geld letztlich immer wieder dem Menschen dienen und nicht sich selbst. Wenn Geld nur noch mit Geld verdient wird und nur der eigenen Geldvermehrung dient, kann es wie ein Krebsgeschwür entarten, die Reichen reicher und die Armen ärmer machen und so letztlich die Gesellschaft und die Wirtschaft selbst zerstören.

Was das Eigentum angeht, so sagte schon Thomas von Aquin, man solle jedem Menschen Eigentum geben, dann würde er sich auch darum kümmern. Wenn – wie im Kommunismus – theoretisch allen alles gehört, besteht oft keine Bereitschaft, sich um die Dinge gebührend zu kümmern. Die sozialistische und kommunistische Planwirtschaft ist nicht zuletzt daran gescheitert, vor allem aber am falschen Menschenbild, das verkennt, dass eben nicht alle Menschen gleich sind. Von ihrer Würde her sind diese zwar gleich, aber sie haben unterschiedliche Talente, Begabungen und Interessen.

Zusammengefasst: Christlich gesehen darf der Mensch unternehmerisch tätig sein und Geld verdienen, aber er soll dabei die an den Rand der Gesellschaft gedrängten Menschen nicht vergessen. Es geht dabei um Tugenden wie Nächstenliebe und Gerechtigkeit. Für eine gelingende Gesellschaft sind diese Tugenden von großer Bedeutung. Auf struktureller Ebene kommt die soziale Marktwirtschaft dieser Forderung recht nahe, dass Menschen in wirtschaftlichen oder anderen Notlagen nicht alleingelassen werden. Ein reiner Kapitalismus, der sich nicht um Arme und Benachteiligte kümmert, ist mit dem Christentum nicht vereinbar. Auf die nicht haltbare Unterstellung, dass man sich zwischen Wirtschaft und Ethik entscheiden müsse (also Wirtschaft nicht ethisch sein könne), ist wohl umgekehrt zu antworten, dass das ethisch Richtige sich auf Dauer auch als das wirtschaftlich Erfolgreiche herausstellen wird.




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