Ich kann mir die Arbeit nicht leisten
Rainer Voigt


Dieses Buch beschreibt einen Feldversuch am lebenden Menschen. Frank-Peter Sommer hat am eigenen Leib durchlebt, was es heißt, arbeitslos zu sein und allein wegen seines frühen Geburtsdatums gar nicht mehr zu Vorstellungsgesprächen eingeladen zu werden. Bekanntermaßen spaltet dieses Thema die Nation. Während die einen sagen, für Nichtstun gibt es zu viel Geld, behaupten die Anderen, dieses Geld reicht nicht zum Leben. Die einen meinen, es macht bei der Fülle staatlicher Fürsorge keinen Sinn zu arbeiten und wiederum andere, der Staat ist nicht in der Lage, allen Menschen eine Arbeit zu ermöglichen. Dabei haben viele von denen, die darüber reden, diese Situation nicht selbst erlebt. Vor allem die salbungsvollen Bemerkungen der meisten Politiker gehören eher zur Satire als zur Politik. Deshalb war es dem Protagonisten wichtig, die Erfahrungen selbst zu machen und nicht dem Gehörten über Dritte oder dem Schwager des Onkels des Nachbarn auf den Leim zu gehen. Natürlich ist alles gespickt mit den Erfahrungen, die in einem langen Arbeitsleben bereits gemacht wurden und den vielfältigen Problemen des Alltags, die auch Arbeitslosengeldempfänger bewältigen müssen. Herausgekommen ist ein authentisches Spiegelbild unserer Gesellschaft. Lösungen der Probleme werden nicht vorgegeben. Was ganze Generationen von schlauen Wissenschaftlern nicht in der Lage sind zu postulieren und die Lenker der Nation in Persona gut bezahlter Politiker nicht fertig bringen, kann man von einem kleinen Durchschnittsbürger schlichtweg nicht erwarten. Aber das Buch wird hoffentlich zum Nachdenken anregen und manchem das Erkennen der Schieflage der derzeitigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage erleichtern.











Ich kann mir dieArbeit nicht leisten

von

Rainer Voigt

Engelsdorfer Verlag

2015




Dieses Buch beschreibt einen Feldversuch am lebenden Menschen. Frank-Peter Sommer hat am eigenen Leib durchlebt, was es heißt, arbeitslos zu sein und allein wegen seines frühen Geburtsdatums gar nicht mehr zu Vorstellungsgespräche eingeladen zu werden. In der Regel verhinderte das familiäre Umfeld den Absturz in tiefere finanzielle Abgründe. Die seelischen Folgen eines solchen Absturzes auf Hartz-IV Niveau sind auch nicht zu unterschätzen. Bekanntermaßen spaltet dieses Thema die Nation. Während die einen sagen, für Nichtstun gibt es zu viel Geld, behaupten die Anderen, dieses Geld reicht nicht zum Leben. Die einen meinen, es macht bei der Fülle staatlicher Fürsorge keinen Sinn zu arbeiten und wiederum andere, der Staat ist nicht in der Lage, allen Menschen eine Arbeit zu ermöglichen. Man ist sich quasi selbst überlassen und muss als Alternative einen der inzwischen Gott sei Dank auslaufenden Ein-Euro-Jobs annehmen. Oft sind Arbeitsangebote in kleinen Firmen auch nicht anders – zum Teil mit Konditionen sogar unterhalb von Hartz-IV. Die zunehmende Zahl der so genannten „Aufstocker“, also derjenigen, die trotz Volltimejob noch Stütze bekommen, unterstreicht diese Tendenz1. Dabei haben viele von denen, die darüber reden, diese Situation nicht selbst erlebt. Vor allem die salbungsvollen Bemerkungen der meisten Politiker gehören eher zur Satire als zur Politik. Deshalb war es dem Protagonisten wichtig, die Erfahrungen selbst zu machen und nicht dem Gehörten über Dritte oder dem Schwager des Onkels des Nachbarn auf den Leim zu gehen. Natürlich ist alles gespickt mit den Erfahrungen, die in einem langen Arbeitsleben bereits gemacht wurden und den vielfältigen Problemen des Alltags, die auch Arbeitslosengeldempfänger bewältigen müssen. Herausgekommen ist ein authentisches Spiegelbild unserer Gesellschaft. Lösungen der Probleme werden nicht vorgegeben. Was ganze Generationen von schlauen Wissenschaftlern nicht in der Lage sind zu postulieren und die Lenker der Nation in Persona gut bezahlter Politiker nicht fertig bringen, kann man von einem kleinen Durchschnittsbürger schlichtweg nicht erwarten. Aber das Buch wird hoffentlich zum Nachdenken anregen und manchem das Erkennen der Schieflage der derzeitigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage erleichtern.

Trotz alledem sind alle Handlungen frei erfunden oder so anonymisiert, dass keine Rückschlüsse auf die tatsächlichen Handlungen oder Personen möglich sind. Sollte es Ähnlichkeiten mit heute lebenden Personen geben, hat dieses nichts mit dem in diesem Buch beschriebenen Sachverhalten zu tun.

Zum Autor

Rainer Voigt, Jahrgang 1952, ist „Autor aus Leidenschaft“. Nach einer Wendegeschichte aus dem Osten, zwei Science Fiktion nicht ohne Anspruch und einem humoristischen Unterhaltungsbuch, widmet er sich erneut der aktuellen Geschichte zu. Seinen Lebensunterhalt verdient er im turbulenten deutschen Arbeitsmarkt als Elektriker, Konstrukteur, oder Vertriebsingenieur, immer auf der Suche nach einer neuen Geschichte.




Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de (http://dnb.dnb.de) abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelfoto © Tino Hemmann

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

www.engelsdorfer-verlag.de (http://www.engelsdorfer-verlag.de)




Inhaltsverzeichnis


Cover (#uf0ffcd51-7fdc-5f12-9aed-b8b4f767c7f0)

Titel (#u16a85281-37c8-5b41-9927-961a2f8f5c85)

Zum Buch / zum Autor (#u49ffb7d8-e7f3-5ccf-a39a-b4957253fd37)

Impressum (#uf7da88d0-ceaf-57e9-9ac1-d4b45b235c94)

1. Vorstellung (#uf966b068-e116-42ea-933d-818636e39eb3)

2. Arbeitslos (#ulink_55025e93-38ea-57ef-b8b4-05ba19aa7c66)

3. Frank-Peters Mutter (#ulink_db438b5e-4e10-5383-87cc-eba9740e988f)

4. Rückblick (#ulink_0642c539-bc86-50b2-94af-dd0f4855748d)

5. Der neue Start (#ulink_0cafbff4-8ed3-50e1-a727-ac559c830812)

6. Ein verheißungsvoller Arbeitgeber (#ulink_016917bd-241d-5c06-8bdb-1c12f8005563)

7. Wieder beim Entsorger (#ulink_70d6354d-7fa7-5edb-a37d-4d9118edc68f)

8. Historie - Aufbauhilfe West (#ulink_8f33e23d-92d4-5013-9333-a1617eae2191)

9. Die nächste Etappe (#ulink_339b445d-1957-57e9-a33c-d06f42d96773)

10. Rückzahlung eines Knöllchens! (#ulink_92585baa-e831-5aaa-988c-6adf047fdf5d)

11. Wieder ein Wechsel (#ulink_d669f635-2872-53b9-97e9-75eceaf66dd6)

12. Das Pflegeheim (#ulink_a72030e8-2f80-550e-b67a-3c80b4862764)

13. Zurück zu den Baustellen (#ulink_94235051-2b0a-570c-acae-2ede8c4c2192)

14. Mindestlohn (#ulink_3ae250e3-2829-5947-9b45-54c61201cc2b)

15. Ohne Worte (#ulink_272b191d-7416-50c9-9f8a-85d037e5cedd)

16. Neue alte Arbeitsstelle (#ulink_030e0e09-a816-540c-b74c-f429021d1e32)

17. Neue Hoffnung (#ulink_ad1b4a19-0f8b-5440-b01d-75ac1b91ab6b)

18. Neue alte Baustelle (#ulink_84590240-463a-5522-9224-05dfc2f37b2c)

19. Das neue Jahr mit Festanstellung (#ulink_eb58821f-b0b5-57d1-acd2-63aa12ef0125)

20. Ein Körnchen Wahrheit (#ulink_a5161146-7cb8-585e-b9b4-4a08ada88ede)

21. Eine gefährliche Situation (#ulink_d6aefabc-bc13-56a4-8d47-dd7167843758)

22. Günther (#ulink_944ed7fc-eac2-567a-9f0b-a5a4c86afe2c)

23. Das Leben geht weiter (#ulink_5e6b5776-9ef9-502d-809c-d528a9b91c9f)

24. Burn out? (#ulink_1e2ea72a-448f-57eb-8453-623d35c911d8)

25. Wer hat, bekommt auch (#ulink_97911814-8f23-56ce-b85c-25f3d3bf12f7)

26. Abstand (#ulink_64c9ada8-d01b-5bb2-97a8-46c8a4a1c4a9)

27. Fazit (#ulink_05ecf5f5-f2ac-52e8-8286-e9e512386c5c)

28. Quellennachweis (#ulink_208d6c37-5e0e-5f51-ae54-68271d5f2756)

29. Werke des Autors im selben Verlag (#ulink_3195e03a-7bad-5ef2-b3fe-7ebdc9fe34f2)

Fußnoten (#ulink_a07796b2-b867-57fd-9cf1-585d13eec5bb)





Ich kann mir die Arbeit nicht leisten




1. Vorstellung


Es ist die Geschichte von Frank-Peter Sommer, einem Bürger, den man als normal einschätzen kann. Aber in all den Jahren, die er nun schon im Berufsleben ist bzw. ab und zu auch nicht, sind ihm so viele Dinge passiert, die man eigentlich der Fiktion zuschreiben würde. Oft saß Frank-Peter Sommer mit seiner Frau abends bei einem Bier oder einem Glas Rotwein zusammen und sie erzählten sich gegenseitig, was während des Tags so passiert war. Sie meinte dann, dass er das doch mal aufschreiben solle. Und auch wenn sich seine Nachbarin Waltraud, mit der sie schon seit Jahren befreundet sind, zu ihnen gesellte und sie ihren Geschichten lauschten kam wieder dieses Gefühl auf, dass man über solche spannenden, traurigen und teilweise frustrierenden Alltagsgeschichten viel zu wenig von den Leuten, die es selbst erlebt haben, aus erster Hand liest. Außerdem lernt man auf dem Bau interessante Leute kennen, die gern auch ihre authentischen Erfahrungen weitergeben. In Büchern und Filmen geht es doch meistens nur um Action oder Romanzen, und am besten alle mit einem Happy End. Leider funktioniert das im wahren Leben eher selten. Frank-Peter Sommer fing also an Tagebuch zu führen und solche Geschichten zu sammeln, die ihm so im Alltag passiert sind.

Frank-Peter Sommer hat Elektriker gelernt, damals, in der DDR. Da wurde den Lehrlingen in einem Großbetrieb nicht nur das schmale Fachwissen eingebläut, das nur für einen bestimmten Arbeitsplatz der auszubildenden Firma reichte, sondern es gab eine sehr umfangreiche Ausbildung. Beim Elektriker gab es zum Beispiel praktische Arbeiten bei der Wohnungsinstallation, Schaltschrankbau, Maschinen und Anlagen sowie Freileitungen und Kabel. Man konnte mit dieser Ausbildung in allen Bereichen bestehen. Gleichzeitig konnte er in dieser Ausbildung das Abitur erwerben. Nach dieser Ausbildung hat Frank-Peter Sommer ein Direktstudium zum Hochschulingenieur für Informationselektronik absolviert. Zugegeben, die Computertechnik, wie wir sie heute verstehen, steckte noch in den Kinderschuhen, ist mit der heutigen Technik nicht vergleichbar. Die Ausbildung beinhaltet aber die Grundlagen für eine Einarbeitung in nahezu jedes Fachgebiet. Lange arbeitete er auch in diesem Fach, projektierte Telefonanlagen kümmerte sich um die sichere Gestaltung von Maschinen und Produktionsabläufen. Die Wende beendete abrupt diese Arbeit.

Dann kamen erste Weiterbildungen, die zwar die verlernten Englisch-Kenntnisse auffrischten und den Anschluss an die Computernutzung brachten, aber auch viel warme Luft enthielten. Dermaßen ausgerüstet und nachgebildet konnte er in einer Kleinstadt in der Nähe von Leipzig das örtliche Kabelfernsehen mit aus der Taufe heben. Von der Planung bis zur Realisierung konnte er so Erfahrungen sammeln, die ihm später sehr hilfreich waren. Die neuen Firmenstrukturen waren noch nicht gefestigt und Aufgaben nicht in ausreichendem Maße verfügbar, so dass weitere Betriebswechsel und Lehrgänge folgten.




2. Arbeitslos


Ein Jahr war Frank-Peter Sommer schon arbeitslos, bereits ein ganzes Jahr! In dieser Zeit ist viel passiert. Die turnusmäßigen Besuche beim Arbeitsamt, die Durchforstung der auf einer Internetplattform des Arbeitsamtes für ihn bereitgestellten Arbeitsangebote, das zigfache Kopieren der Bewerbungsunterlagen und deren Versendung mit jeweils einem separaten Anschreiben, alles hielt ihn ordentlich auf Trab. Wenn man diese Bewerbungen gewissenhaft betreibt, bleibt kaum „Freizeit“. Außerdem besuchte er häufig seine Mutter, die unweit von ihm wohnte und half ihr beim Einkauf und anderen täglichen Dingen, über die noch berichten wird.

An Bewerbungen hat es Frank-Peter Sommer wahrlich nicht mangeln lassen. Seine Hoffnung, die Spezialisierung in einem CAD-Computerprogramm in die Waagschale zu werfen, ging leider nicht auf. Vermutlich hatte er ein Kainsmal in Form seines Geburtsjahres auf der Stirn. Vom Arbeitsamt, oder wie es neu heißt, von der Agentur für Arbeit oder Arbeitsagentur, der Begriff Jobcenter wird ab 2011 folgen, die wechselnden Namen sind für ihn irrelevant, kam bezüglich seiner Ingenieurqualifikation und seiner nachgewiesenen Erfahrungen nichts, gar nichts. Man beschränkte sich ausschließlich darauf, seine Berufsqualifizierung als Elektriker als einziges Kriterium zu verwenden. Aber in der Regel gab es bei den von der Arbeitsagentur vermittelten Stellen überhaupt keine Reaktion, nicht einmal telefonisch waren einige dieser Firmen erreichbar. Oder es waren Zeitarbeitsfirmen und private Arbeitagenturen. Wieso können die privaten Arbeitsagenturen die Aufgaben, die eigentlich die behördliche Arbeitsagentur selbst machen müsste, von dieser vermittelt bekommen? Gibt es hier Absprachen auf höherer Ebene, auf diese Art und Weise die Zeitarbeitsfirmen zu füttern und damit das Lohnniveau um einen deutlichen Betrag zu senken? Mehr als zwei Drittel der Vermittlungsvorschläge dieser privaten Arbeitsagenturen waren dann auch Beschäftigungsverhältnisse bei Zeitarbeitsfirmen und fast ausschließlich bundesweite Montage. In einem Gespräch mit einer Mitarbeiterin der Arbeitsagentur erfuhr Frank-Peter Sommer sehr viel später, dass viele dieser Mitarbeiter nur befristet angestellt sind und nach kurzer Zeit selbst wieder entlassen werden. Damit fehlt denen die Motivation für mehr Engagement im Job. Es sind halt auch nur arme Schlucker.

Weit mehr Aktivitäten als von der Agentur kamen deshalb von Frank-Peter Sommer selbst. Er durchforschte die Tageszeitungen ständig nach infrage kommenden Arbeitsplätzen, notierte sich die Telefonnummern und Emailadressen von Firmenfahrzeugen, die er in der Stadt sah und versuchte diese Firmen zu kontaktieren. Auch die Gelben Seiten wurden von ihm intensiv unter die Lupe genommen. Nach Drohungen der Agentur für Arbeit, flexibler werden zu müssen und auch einer Montagetätigkeit aufgeschlossen gegenüber zu stehen, schloss Frank-Peter Sommer, inzwischen 58 Jahre alt, einen Vertrag mit einer Zeitarbeitsfirma, die ihm vollmundig versprach, einen Einsatz im Tagespendelbereich zu gewährleisten. Das war ihm wichtig, denn er hatte die Betreuung seiner Mutter übernommen und die unzähligen Behördengänge ließen sich nicht mit einer Montagetätigkeit unter einen Hut bringen.




3. Frank-Peters Mutter


Das Schicksal hatte es mit der Mutter von Frank-Peter Sommer nicht immer gut gemeint. Ihr egozentrischer Charakter mit hypochondrischen Elementen war nicht förderlich, mit Männern auf Dauer gut zusammen leben zu können. Viele Episoden aus ihrer Jugend, die symptomatisch für die Erklärung ihres Charakters waren, erfuhr er sehr viel später von seinem Vater und der Schwester seiner Mutter. Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann, seinem Vater, kurz vor der Silberhochzeit lernte sie mit knapp 50 Jahren einen 14 Jahre jüngeren Arbeitskollegen kennen. Dass dieser bis dahin Junggeselle geblieben war, erregte keinen Argwohn in ihr. Nach der unausweichlichen Scheidung, der zweiten, versicherte sie sich nach einiger Zeit doch wieder der Arbeitskraft ihres zweiten „Ex“, derer sie vor allem im Garten bedurfte. Nur hatte dieser jetzt wieder eine eigene Wohnung und damit ein Rückzugsgebiet. Trotzdem war er immer öfter in der Wohnung seiner Mutter, die nach kurzer Zeit wieder anfing, Kleinlichkeiten zum Streit zu suchen. Wenn sie in der Stube war, saß er in der Küche am zweiten Fernsehgerät. Den zusätzlichen Stromverbrauch des Fernsehers, die fehlende Hilfe im Haushalt, die sie erwartete, weil sie ihn bekochte und auch seine Wäsche wusch, kurz, es kam immer häufiger zum Streit, bei dem sicher auch ihr Ex nicht immer schuldlos war. Es gab keine größeren Reisen mehr, die sie anfangs mit ihrem zweiten Ehemann gern unternommen hatte. Frank-Peter Sommer hatte ihr ein Auto sehr günstig überlassen, weil er sich in seiner Familie zu dieser Zeit kein zweites Auto mehr leisten konnte. Diesen Skoda Favorit kaufte er nach der Wende als Neuwagen für weniger als 12.000 DM (!). Das Auto wurde nur von seiner Frau für ihre Fahrten zur Arbeit gebraucht. Mit diesem, „ihrem“ Auto fuhr ihr Ex sie nun gelegentlich zu gewünschten Zielen, mehr nutzte dieser das Auto aber für sich, was auch wieder Streit provozierte.

Als ihre Wohnung wegen der hohen Leerstandsquote in ihrem Dorf nicht mehr vom Vermieter gewartet und dem Verfall preisgegeben wurde, musste eine neue gesucht werden. Frank-Peter Sommer suchte eine in seiner Nähe, eine in der großen Stadt. Einmal konnte er ihr so besser helfen, wenn Hilfe gefordert war, zum anderen dachte er damals noch leichtgläubig, dass seine Kinder von der Oma verwöhnt werden könnten. Je mehr Zeit sie hatte, umso mehr Argumente erfand sie, dass es für sie unzumutbar wäre, den Enkeln mal ein Mittagessen zuzubereiten. „Ich soll wohl für die Enkel kochen? Dann kommt jeder zu einer anderen Zeit und ich muss die ganze Zeit das Essen warm halten. Und dann mäkeln sie vielleicht, weil ihnen mein Essen nicht schmeckt.“ Den Umzug bewältigte er nahezu allein. Der Balkon ihrer neuen Wohnung in der großen Stadt glich einem Garten. Über 30 Tomatenpflanzen versorgten sie mit Gemüse. Dazu kamen nahezu alle Küchenkräuter und jede Menge Blumen. Die Beschaffung der Blumenerde, deren Entsorgung im Spätherbst, alles waren Aufgaben für Frank-Peter Sommer. Aber zunehmend wurde sie bösartig. Zuerst gegen seine Kinder, dann gegen seine Ehefrau, selbst den Hausmeister zeigte sie mehrfach bei der Polizei an, weil dieser angeblich über die Feuerleiter Steine2 von ihrem Balkon geklaut haben sollte. Fast täglich vermutete sie Einbrüche in ihren Keller und wusste sofort den oder die Schuldigen. Nur gab es am Keller keinerlei Einbruchspuren. Zentimeterdick lag der Staub am Metallprofil über der Tür. Trotzdem sicherte sie ihren Keller fortan zusätzlich mit einer monströsen Eisenkette und einem weiteren Sicherheitsschloss. Unabhängig davon erzählte sie weiterhin von ständigen Einbrüchen und Diebstählen. Einen nach dem Anderen ihrer einstmals guten Bekannten vergraulte sie auf diese Art und Weise. Selbst ihre langjährige Klöppelfreundin aus dem Erzgebirge, die wöchentlich lange mit ihr telefonierte, geriet wegen aus dem Zusammenhang genommener Gesprächsfetzen in die böse Schublade, wurde als Erbschleichering denunziert und der Kontakt gemieden.

Mit unendlicher Geduld hatte seine Mutter früher neben ihrer Arbeit in drei Schichten in einem Braunkohletagebau Handarbeiten gemacht. Sie strickte Pullover, knüpfte Netze aus dicken Wollfäden, nähte aus Stoffresten Taschen und hatte sich, unterstützt durch einen Zirkel, sehr gut in die schwierige Klöppeltechnik eingearbeitet. Wahre Wunderwerke entstanden so unter ihren Händen. Das führte aber andererseits dazu, dass sie sich mit allen Dingen, die sie für brauchbar hielt, bevorratete, was später noch zu lesen sein wird. Mit der Rente hatte sie auch dafür mehr Zeit.











Klöppelarbeiten

Während Frank-Peter Sommer händeringend nach Arbeit suchte, erhielt er eines Tages die Hiobsbotschaft, dass seine Mutter, die jetzt in Leipzig unweit von ihm wohnte, in der Uniklinik lag. Mehrere Tage hatte er sie nicht besucht, was eigentlich nicht ungewöhnlich war. Oft genug meldete sie sich nach einiger Zeit, wenn größere Einkäufe zu tätigen waren oder sie anderweitig Hilfe brauchte. Frank-Peter Sommer erfuhr, dass ihr Zustand bedenklich war und wurde in die Uniklinik gebeten. Dort teilte man ihm mit, dass sie einen Schlaganfall und einen Herzinfarkt erlitten hatte und etwa zwei Tage in ihrer Wohnung gelegen haben musste, bis auf dem Hof spielende Kinder ihr Wimmern hörten und Hilfe riefen. Die kommenden 48 Stunden würden entscheiden, ob sie überleben wird. Sie überlebte, würde jedoch nach Einschätzung der behandelnden Ärztin nie mehr selbstständig laufen und sich selbst versorgen können.

Völlig unvorhergesehen kam dieser Zusammenbruch nicht. Seit geraumer Zeit war sie sehr eigen, mied Kontakte zu Frank-Peters Frau und seinen Kindern, sah immer und überall nur das Böse. Alle um sie herum würden sie bestehlen und ihr nach dem Leben trachten. Er ahnte, dass dieses eine Form ihrer Altersdemenz war und wunderte sich, dass die Hausärztin, mit der seine Schwester bereits telefoniert hatte, keine Möglichkeit sah, diesen Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Scheinbar das Gegenteil war zu befürchten. Immer dann, wenn seine Mutter von der Hausärztin kam, gab es neuen Streit. „Die Ärztin hat auch gesagt, dass der Hausmeister mich beklaut“. Oder: „Ich soll meine Schwiegertochter nicht mehr ins Haus lassen!“ Frank-Peter Sommer besuchte sie in der Regel wöchentlich, auch wenn seine Besuche manchmal in Streit ausarteten. Seine Mutter erzählte in einer besserwisserischen Art irgendeine Geschichte, die wirklich nicht stimmte. Widersprach er nicht, kam bei nächster Gelegenheit: „du hast ja auch gesagt“ oder etwas in einer ähnlichen Art. Später musste er feststellen, dass sie alles, was gesagt wurde, auf winzige Zettelchen aufschrieb und somit beim nächsten Gespräch bestens vorbereitet war. Widersprach er, belehrte sie ihm, dass er nicht lügen solle oder dass er nicht die Meinung seiner Frau vorbringen solle. Sie diskutierte nicht ungeschickt solange, bis sie Recht bekam, auch wenn sie während der Diskussion oftmals ihren Standpunkt änderte. Es wurde immer schwieriger, mit ihr auszukommen. Frank-Peter Sommer half in dieser Situation, dass er sich im Internet intensiv mit der Demenz beschäftigte. Als er verinnerlicht hatte, dass dieses eine Krankheit ist, konnte er besser damit umgehen. Jetzt lag sie, dem Tode näher als dem Leben, in der Uniklinik.

Das große Glück in dieser Situation war, dass Frank-Peter Sommer die vorläufige Betreuung übernehmen und mit einem Attest der Uniklinik sofort die Pflegestufe eins beantragen konnte. Diese wurde auch umgehend, wenn auch vorläufig, genehmigt. Das ist nicht unbedingt alltäglich, wie es in manchen TV-Sendungen aufgedeckt wurde. Einen ganzen Tag telefonierte er eine Liste mit allen im Umfeld verfügbaren Pflegeheimen ab, die er von der Uniklinik erhalten hatte. Meistens erhielt er sofortige Ablehnungen, andere gaben an, dass vorübergehend alles belegt sei, aber das kann sich täglich ändern. Allerdings gibt es eine lange Warteliste. Am Ende des Tages hatte er Glück. Kurzfristig konnte er für seine Mutter einen Platz in einem Pflegeheim organisieren, wo sie bereits eine Woche später einzog. Nun lag sie, die eigentlich mehr vom Leben erwartet hatte, in einem Pflegeheim, nicht mehr in der Lage, ein Buch zu lesen oder eine Fernsehsendung zu verfolgen. Die durch die Demenz zunehmend in eine mehr oder weniger heile, zumindest aber in eine eigene Welt entrückte Dame begann auch im Pflegeheim zum Problemfall zu werden. Doch davon später mehr.

Seit über einem Jahr besuchte er nun wöchentlich, gelegentlich auch öfter, die betagte Dame im Pflegeheim. Nach einer sehr schweren Anfangsphase ging es ihr zunehmen besser, vermeintlich besser. Sie konnte sogar die Mediziner „überzeugen“, dass sie, obwohl überwiegend bettlägerig und auf einen Rollstuhl angewiesen, nicht die Pflegestufe II benötigt. Wenn das Personal mit ihr mehr üben würde, könnte sie längst wieder laufen, ließ sie die Ärzte bei der Einstufungsbegutachtung stolz wissen. Dabei schaffte sie es auch erstmals allein vom Bett in den Rollstuhl zu kommen. Zu einem regelrechten Zusammenbruch kam es, als Frank-Peter Sommer ihr offenbaren musste, dass dieses Zimmer nun ihr zuhause sei. Sie würde nie mehr in ihre Wohnung kommen. Für die alte Frau brach eine Welt zusammen. Sie schluchzte herzzerreißend und er vermochte nicht, ihr angemessen Trost zu geben. Frank-Peter Sommer oblag es in dieser Situation, ihre Betreuung dauerhaft zu übernehmen und die Wohnung aufzulösen. Zu dieser Zeit konnte Frank-Peter Sommer eher froh sein, von jeglicher organisierter Arbeit freigestellt zu sein, denn die Wohnungsauflösung erwies sich, wie später noch berichtet werden wird, zumindest für einige Monate als regelrechter Volltimejob. Man hat die Wahl, nahezu alles aus einer Wohnung wegzuschmeißen oder aber zumindest zu sichten, wichtige Dinge für die Nachwelt aufzubereiten und zu verschenken und erst dann wegzuschmeißen, wenn wirklich keine Verwendung mehr gegeben ist. Letzteres erschien Frank-Peter Sommer in Würdigung an seine Mutter und deren langem Arbeitsleben als die bessere Alternative. Trotzdem bemühte er sich auch in dieser schweren Zeit redlich um Arbeit.




4. Rückblick


Frank-Peter Sommer hatte vor seiner Arbeitslosigkeit fast zwei Jahre lang in einer mittelständischen Firma gearbeitet, die Schaltschränke produziert. Nach kurzer Montagetätigkeit in dieser Firma, die ihm durch eine Zeitarbeitsfirma vermittelt worden war, kam er mit dem Meister Karlheinz Jungnickel ins Gespräch. Karlheinz Jungnickel las in seiner Mittagspause immer Bücher. „Was für Bücher liest du da“, fragte er ihn. „Eigentlich alles“, antwortete er, „nur gut muss es sein“. Bei diesen Gesprächen erfuhr Karlheinz Jungnickel von Frank-Peter Sommers Computerkenntnissen und seiner Qualifikationen und delegierte ihn ins Büro, wo gerade ein Engpass bei der Computerbearbeitung der Revisionsunterlagen eingetreten war. Mit kurzer Anlernzeit konnte er mithalten, weil er mit einem ähnlichen Computerprogramm bereits Erfahrungen hatte. Später wurde er gebeten, eine Bewerbung zu schreiben. Von sich aus wäre er keinesfalls auf diese Idee gekommen, soweit lag sie außerhalb seiner Vorstellungskraft. Frank-Peter Sommer wurde dank seiner Ingenieurausbildung als Techniker fest eingestellt und erhielt den Auftrag, ein neues CAD-Programm in der Firma einzuführen. Diesem Programm war intuitiv sehr schwer beizukommen, die zweitägige Schulung mit zehn Projektanten lieferte nur Einstiegsinformationen zu Idealprojekten. Einen großen Teil seiner Freizeit nutzte er in den kommenden Wochen und Monaten, um sich über Internetforen und andere Quellen mit diesem Programm zu beschäftigen. Der Durchbruch war nicht einfach, einige Male schien die Stimmung in der Chefetage schon gegen dieses Programm zu pendeln, zumal überzogene Erwartungen damit verknüpft waren. Diese bestanden unter anderem aus unklaren Forderungen zu Standardisierungen, an denen sich einige Bereichsleiter seit Jahren erfolglos versuchten. Sicher hatten sie selbst schon eine Menge Zeit und Herzblut in derartige Ziele eingebracht, aber selbst mit ihren Erfahrungen, die nach Jahrzehnten zu messen sind, gelang ihnen bisher nicht einmal eine Einführung im kleinen Stil. Nun, mit dem neuen Programm konnte man die schwere Last von den Schultern werfen und dann jemand verantwortlich machen, wenn es nicht klappt. Die zweite überzogene Erwartung war, dass auf Knopfdruck die Unterlagen in einer anderen Sprache ausgegeben werden sollten. Erst einmal muss hierzu alles Erforderliche dem Computer beigebracht werden. Und letztendlich waren die Chefetagen davon überzeugt worden, dass ebenfalls auf Knopfdruck verschiedene Darstellungsarten der notwendigen Unterlagen bereit stehen. Vielleicht ist das in einer späteren Version des Programms problemlos möglich, aber hier galt es, Neuland zu betreten und alle Programmschritte einzeln vorzubereiten. Für jedes Schaltzeichen, das nicht standardmäßig als Zeichnungssymbol vorhanden war, musst selbiges erstellt werden und sorgte bereits hier für Kontroversen in den verschiedenen Betriebsebenen und bei den Projektanten. War dem einen ein Symbolelement zu groß, meinte der andere, er könne es nicht erkennen. Man kann es sicher nicht jedem Recht machen und an dieser Stelle hatte Frank-Peter Sommer weder die Autorität noch die Unterstützung von jemanden mit einer solchen und so begannen die verschiedenen Leitungsebenen sich in Details zu verlieren, ohne den mit dem neuen Programm erreichbaren Produktivitätsschub zu begreifen. Auch die Arbeitsverteilung in der Projektierung war eine Widerspiegelung der inneren Hierarchie und sorgte für ein angespanntes Betriebsklima.

Schließlich war Frank-Peter Sommer jedoch so sattelfest im Umgang mit dem CAD-Programm, dass er die Projektanten nun selbst schulen und relativ schnell erforderliche neue Artikel in die Datenbank eingliedern konnte. Auch gelang es ihm zusehends, Fehler der Projektanten im Umgang mit dem Programm zu lokalisieren und Standards durchzusetzen. In der Firma gab es jedoch in verantwortlichen Stellen einige Mitarbeiter, die diesem Programm grundsätzlich ablehnend gegenüber standen. Auch zählte Frank-Peter Sommer nicht zum inneren Zirkel seines unmittelbaren Chefs Peter Peisker, teilte mit ihm nicht die Rauchpausen. Frank-Peter Sommer war schon immer Nichtraucher. Ein junger Projektingenieur, Mathias Biedermann, der weder über Erfahrungen noch über sonderlich gefestigtes Fachwissen verfügte, schaffte es mit einer Art Bauernschläue, dem Chef, der ihm im Großraumbüro am Schreibtisch gegenüber saß die Fragen so zu stellen, dass dieser ihm die Lösung seiner Probleme praktisch vorkaute. Die Schleimspur war schon sehr breit, die dieser Kollege legte und die meisten anderen Kollegen außer dem Chef selbst merkten dieses angewidert. Der Choleriker Marco Haferkorn sonnte sich regelrecht in seinen Posen über die Widersprüche, die das Computerprogramm noch hatte und profilierte sich als oberschlauer Projektant. Marco Haferkorn beherrschte das Vorgängerprogramm dieses CAD-Programms, aber nicht als CAD-Programm, sondern in einer von ihm vergewaltigten Form als Zeichenprogramm. Jeden Fehler von Frank-Peter Sommer, auch vermeintliche und solche, die Marco Haferkorn wegen seiner Arroganz und seiner Lernunwilligkeit für das neue Programm als Fehler zu deuteten neigte, trug er in extra organisierten Tratschrunden in die nächste Instanz. Michael Dobrindt, der mit keinem der verwendeten Computerprogramme richtig klar kam, erst recht nicht mit dem CAD-Programm, entwickelte sich ebenfalls zur Betriebsbremse. Seine offensichtlichen eigenen Schwächen schob er nach der Methode „haltet den Dieb“ immer lauter auf das Programm und dessen Unvollkommenheit. In der Tat gab es einige wenige Probleme mit diesem Programm, die jedoch auch dank seiner Zusammenarbeit mit der Softwarefirma und einem sehr engagiertem Forum mit jedem update geringer wurden, aber mit denen Michael Dobrindt nie auch nur im Entferntesten konfrontiert wurde. Es war die Faulheit einiger Projektanten, einmal gelerntes mit dem geringsten Aufwand immer wieder zu verwenden und sich gegen alle Neuerungen zu sperren. Wer klug genug war, konnte sich ausmalen, dass bei sachgemäßer Anwendung des neuen CAD-Programms die Projekte in wesentlich kürzerer Zeit erstellt werden konnten und letztlich einige der Projektanten nicht mehr benötigt werden würden. In der Abteilung gab es auch Kollegen, die mit Frank-Peter Sommer sehr gut und auch gern zusammen arbeiteten und die mit dem Programm zunehmend erfolgreicher wurden. Kurz, es gab eine Reihe von ungelösten Problemen und es waren in der Chefetage Begehrlichkeiten entstanden, die Frank-Peter Sommer als Einzelkämpfer nicht einlösen konnte.

Als 2009 die vermeintliche Krise ihre Tentakel auch nach dem Mittelstand streckte wurde seitens der Geschäftsleitung die Gelegenheit genutzt, einige eingefahrene Wege zu verlassen und die Weichen in der Firma neu zu stellen, wie sie von den firmeneigenen Lobbyisten langfristig vorbereitet worden waren. Sehr viel später erfuhr Frank-Peter Sommer auf der Handwerkermesse „eva“ von einer Vertreterin der Softwarefirma: „Ach ja, sie waren doch derjenige, der in dieser Firma die Software zum Laufen gebracht hatte und als alles lief, hat man sich ihrer entledigt“. So wurde das Geld für die sicher sehr teuren Lizenzen des CAD-Programms gekürzt und sein Arbeitsplatz gestrichen. Seine über die Stechkarte nachweisbaren Überstunden konnte er nicht mehr abfeiern, bekam dafür auch keinen finanziellen Ausgleich. Etwa drei Arbeitstage musste er so dem Unternehmen schenken, das nicht einmal ein Dankeschön für sein Engagement übrig hatte. Heute werden in Deutschland Arbeitnehmer wegen des Verzehr einer Maultasche, die sonst in den Müll wandert oder eines eingelösten Pfandbons von weniger als einem Euro fristlos gekündigt, hier bemächtigt sich der Arbeitgeber an etwa fünfundzwanzig Stunden geleisteter Arbeitszeit zum Nulltarif, ohne das rein rechtlich die gleichen Normen wie für Arbeitnehmer gelten. Für Frank-Peter Sommer war es schon die zweite Erfahrung dieser Art, diese jedoch eher in einer für ihn banalen Größenordnung.

Die erste Erfahrung dieser Art hatte Frank-Peter Sommer, als er bei einer kleinen Elektrofirma arbeitete. Im Radio hörte er vom Fachkräftebedarf einer Elektrofirma, reagierte sofort und meldete sich beim Radiosender. Dort bekam er die Firmenanschrift, telefonierte umgehend mit dem Firmeninhaber und wurde eingeladen. Die Firma bestand neben dem Chef Otto Hermenau und dessen Ehefrau, welche die Buchführung übernommen hatte, aus einer Sachbearbeiterin, einer Praktikantin als Sekretärin, aus einem selbstständigen Mitarbeiter Falk Schuster, der neben seiner eigenen Selbstständigkeit 30 Wochenstunden ausschließlich für Antennen- und Telefonanlagen zuständig war und aus dem einzigen Elektriker Heinrich Keller. Ab und zu orderte der Chef noch die Hilfe des Sohnes des ehemaligen Firmeneigners Hilmar Keitel, dessen Namen die Firma noch verwendete und der seinerseits selbständiger Elektromeister war. Frank-Peter Sommer wurde auf der Basis einer 35-Stunden-Arbeitswoche eingestellt, natürlich mit sechs Monaten Probezeit. Mit Heinrich Keller war er also in dem Zweimannteam, das für vier unproduktive Planstellen die Kosten einspielen durfte. Seine Lohnkosten wurden zum überwiegenden Teil von der Arbeitsagentur getragen. Otto Hermenau war ein absoluter Pedant, der mit unrealen zeitlichen Vorgaben seine mangelhafte Kompetenz mehr als einmal unter Beweis stellte. Der Chef hatte auf den Baustellen niemals selbst mit gearbeitet, nur hin und wieder war er zu Kontrollen erschienen. Auf einer Baustelle eines seiner Bekannten wurde das gesamte für diese Baustelle zu verwendende Material in einem der Kellerräume eingelagert, die Baustelle aber immer wieder für eine oder zwei Wochen verlassen, weil der Bauherr den überwiegenden Teil der Bauarbeiten in Eigenleistung realisierte. Frank-Peter Sommer erfuhr durch seinen Kollegen, dass Otto Hermenau fast einen ganzen Tag seine beiden Büromädels sämtlich Lieferscheine für diese Baustelle durchsuchen ließ um am Ende festzustellen, dass ein Kleinteil von etwa 40 Cent verschwunden war. Die obligatorische Reaktion des Chefs war ein winziger Zettel in der für Frank-Peter Sommer bestimmten Ablage, auf der „bitte Rücksprache“ stand, oder in diesem Fall: „wo ist das Material mit der Bestellnummer xyz?“. Die Nummer sagte ihm nichts, er hatte das Material weder bestellt noch eine Übersicht, welche Bestellnummern die einzelnen Artikel hatten. Frank-Peter Sommer ignorierte erst einmal diesen unsinnigen Zettel, zumal die Rücksprachen in der Regel bedeuteten, dass nach Feierabend in der Firma angetanzt werden durfte. Die Schreibweise auf dem Zettel wurde aggressiver, die Rücksprache wurde zwingend vom Chef verlangt. Nun erfuhr er auch, um was es sich bei der angegebenen Bestellnummer handelte, ein kleines Zwischenrähmchen für einen Schaltereinsatz. Die Frage des Chefs nach dem Verbleib des verschollenen Teils war in einer unterstellenden Form: „Wo haben sie das fehlende Teil?“ „Mir geht das in diesem Fall nichts an“, antwortete er. „Die Baustelle war auf ihre Veranlassung mehrmals für längere Zeit verlassen worden, für das Material gab es keinen gesicherten Raum und außerdem ist der finanzielle Verlust durch die Beschäftigung von zwei Leuten fast über einen ganzen Tag zum Aufspüren dieses „Vorkommnisses“ ungleich größer als der vermeintliche Materialverlust.“ Frank-Peter Sommer beteuerte noch einmal, dass er sich nichts vorzuwerfen habe und mit den Zetteln von Otto Hermenau nichts anfangen kann. Bestimmt war das der Anfang vom Ende, wenn es Otto Hermenau nicht schon von vorneherein darauf angelegt hatte, ihn nur über den Zeitraum des von der Arbeitsagentur bezuschussten Lohnanteils zu beschäftigen. Sein Arbeitsvertrag war über täglich 35 Stunden abgeschlos- sen worden, was sich in der Praxis als nicht durchführbar zeigte. Er konnte nicht nach sieben Stunden sein Werkzeug fallen lassen, zumal er die erste Zeit mit Heinrich Keller zusammen arbeitete. Die Arbeitzeit betrug in der Regel 9 … 10 Stunden, um dem Aufgabendruck zu entsprechen. Für Frank-Peter Sommer waren diese überzähligen Stunden Bestandteil seines Überstundenkontos, dass er wöchentlich dem Chef zu melden hatte. Mehrmals musste er die Ehefrau des Firmeninhabers, die für die Buchhaltung zuständig war, anmahnen, ihm wenigstens am Jahresende eine Übersicht seiner Überstunden zu bestätigen, versprochen war ihm das monatlich. Die erste dieser Überstundenübersichten wies ein gehöriges Manko zu seinen Lasten auf und machte Frank-Peter Sommer das erste Mal stutzig. Nach seiner Intervention wurde es halbherzig korrigiert.

Zu den einzelnen Projekten gab es in dieser Firma keine Arbeitsberatungen und keinerlei Projektabsprachen, die erforderlichen Unterlagen wurden nur ungenügend bereitgestellt, einige zu erbringende Leistungen waren aus den Unterlagen gar nicht zu entnehmen. Nur Heinrich Keller wusste aus seiner langen Zeit in der Firma, was dann zu machen war. Frank-Peter Sommer konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass nach seiner Probezeit, die gleichzeitig das Ende der Förderung durch das Arbeitsamt bedeutete, eine Weiterführung des Arbeitsverhältnisses nicht gewünscht war. Als einmal neue Schaltertypen einzubauen waren, informierte der Chef nur den „Altknecht“ Heinrich Keller zu den Anschlussdetails, Frank-Peter Sommer durfte dem Gespräch nicht beiwohnen und wurde zwei Meter weiter an die „Arbeit“ verwiesen. Dann erfuhr er, dass bereits neue Mitarbeiter gewonnen worden waren, die aber niemals Kontakt zu Heinrich Keller und ihm hatten und auf „heimlichen“ Baustellen beschäftigt wurden. Obwohl ein Firmenfahrzeug ungenutzt in einer der Nebenstraßen parkend abgestellt war, musste Frank-Peter Sommer die ersten vier Monate zu allen Baustellen mit seinem privaten PKW fahren. Erst als die damit verbundenen Materialtransporte von ihm mit dem Hinweis, dass sein PKW kein Bestandteil der Firma sei, abgelehnt wurden und Heinrich Keller nun auch Frank-Peter Sommer auf abgelegenen Baustellen, auf denen er allein arbeitete, mit Material versorgen musste, bekam er das Firmenauto. Heinrich Keller hatte sich beim Chef beschwert, weil seine eigene Arbeit dadurch ineffektiv wurde, zumal die Baustellen oft weit auseinander waren. Der Firmenwagen, ein Renault Rapid, war ihm bereits mit der Einstellung zugesagt worden. Viel zu lange hatte er gewartet, dass der Chef seiner Zusage von selbst nachkam. Gespräche mit dem Arbeitgeber Otto Hermenau waren so gut wie nicht möglich und wenn es doch einmal klappte, endeten sie in formalen Kleinigkeiten.

Der ungerechtfertigte Leistungsdruck durch unrealistische Zeitvorgaben und das zunehmende Mobbing verursachten ernsthafte gesundheitliche Probleme. Ganz schlimm wurde es, als Heinrich Keller zu einer Leistenbruchoperation ins Krankenhaus einrückte und Frank-Peter Sommer ohne richtige Übergabe angefangene Objekte allein fertig stellen musste. Innerhalb von zwei Monaten hatte er einen Gewichtverlust von über zehn Kilogramm zu verkraften. Frank-Peter Sommer zog die Notbremse und kündigte nach genau sechs Monaten. Lange versuchte er, die ausstehenden Bezüge einzufordern, wurde anfänglich hingehalten, später wurde ihm mitgeteilt, dass er keine Forderungen mehr hätte. Seine geleisteten Überstunden waren plötzlich weg, sie wären angeblich niemals angewiesen worden. Die Urlaubstage des alten Jahres waren von Gesetzes wegen und seiner Unkenntnis über die besondere Gesetzeslage ohnehin futsch und Frank-Peter Sommer zog vor Gericht. In weiten Teilen seiner Forderungen bekam er Recht, aber lange nicht die ausstehenden Bezüge. Seinem ehemaligen Chef wurden dagegen einmal die Grenzen der Willkür aufgezeigt, ohne fraglich die Konsequenzen dazu voll auszuschöpfen. Rechtsstaat Deutschland! Warum zum Teufel gibt es eine besondere Rechtssprechung für die Mitnahme des Urlaubsanspruchs ins nächste Jahr während der Probezeit? Beschäftigten in der Probezeit steht während der Probezeit kein Urlaub zu, wohl aber Urlaubsanspruch. Das heißt übersetzt, die Tage gehen nicht verloren. Im Unterschied zu „normalen“ Beschäftigten muss der Beschäftigte während der Probezeit aber im alten Jahr seinen Urlaubsanspruch geltend machen. Nur dann, und das steht im Gesetzbuch, hat er ein Anrecht, seine Ansprüche ins neue Jahr zu retten. Wer also am 01. Juli einen neuen Job beginnt und ein halbes Jahr, wie fast überall üblich, Probezeit hat, die dann am 31. Dezember des Jahres enden würde, kann in seinem Arbeitsvertrag bereits lesen, dass es in dieser Zeit keinen Urlaub gibt. Es steht aber nicht drin, dass er diesen trotzdem beantragen muss! Schon hier beginnt mit juristischem Rückenwind eine schreiende Ungerechtigkeit. Auf diese Art und Weise hatte Frank-Peter Sommer weit über eintausend Euro als Verluste zu verbuchen. Normale Praxis in den Betrieben ist, dass der Urlaubsanspruch bis 31. März erhalten bleibt.




5. Der neue Start


Der neue Start ins Berufsleben war fast überstürzt. Am 31. 05. 2010 bekam Frank-Peter einen Anruf. Ein privater Arbeitsvermittler versprach Arbeit schon am nächsten Tag. Auch ein vorwiegend regionaler Einsatz stelle kein Problem dar. Bereits für den Nachmittag wurde „vor den Räumlichkeiten“ des künftigen Arbeitgebers ein Termin vereinbart, man wolle anschließend gemeinsam zu dem Arbeitgeber gehen. In der Praxis gestaltete sich das so, dass direkt in den Räumlichkeiten einer Zeitarbeitsfirma der erste Kontakt stattfand. Nach der Erteilung der Genehmigung zur Vermittlung an die Zeitarbeitsfirma und Einbehalt des Vermittlungsgutscheines wechselte lediglich der Gegenüber. Später konnte Frank-Peter aus einer unbedachten Äußerung der Chefin der Zeitarbeitsfirma die Erkenntnis gewinnen, dass der private Arbeitsvermittler quasi ein Angestellter der Zeitarbeitsfirma war oder zumindest mit dieser kungelt, und nur für die Abfassung des Vermittlungsgutscheines ein Gewerbe eingetragen hatte.

Diese Zeitarbeitsfirma in Teuma ist im Tarifverbund der christlichen Gewerkschaft organisiert. Während der Einarbeitungszeit gibt es, wie schon berichtet, regulär keinen Urlaub, jedoch Urlaubsanspruch auf der Basis von zwanzig Tagen im Jahr. Eventuell benötigter Urlaub ist separat zu vereinbaren. Aus einer früheren Pleite mit Totalverlust des Urlaubs während der Einarbeitungszeit wusste Frank-Peter, dass die Juristen eine böse Stolperfalle eingebaut hatten. In der Probezeit wird der Urlaub nicht, wie allgemein üblich, automatisch bis Ende März ins nächste Jahr übernommen, er muss definitiv beantragt werden, obwohl Urlaub während der Einarbeitungszeit ausgeschlossen ist3. Fatal für eine halbjährliche Probezeit, die am ersten Juli eines Jahres beginnt. Die Urlaubstage werden indes angesammelt. Nur dann, wenn der Antrag abgelehnt wird, weil er ohnehin nicht angetreten werden kann gilt, dass der Urlaubsanspruch die übliche Frist bis Ende März erhalten bleibt. Wer macht solche Gesetze, die einmal unverständlich sind, nicht allgemein bekannt gemacht werden und zum anderen die bereits Benachteiligten noch einmal bestraft? Der bekannte deutscher Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) schrieb: Gesetze verraten nicht das, was ein Volk ist, sondern das, was ihm fremd erscheint“

Der Tarif der christlichen Gewerkschaft wurde im Nachhinein im Internet gefunden, ausgedruckt und studiert. Er erwies sich rückständiger als der allgemeine gewerkschaftliche Zeitarbeitstarif. Auch der Arbeitsvertrag enthielt nach genauem Studium einige „Eier“ und zeigte sich in einigen Passagen unverständlich. So sollte bei einer vorzeitigen Kündigung eine Vertragsstrafe gezahlt werden!






Was ist eine vertragswidrige Kündigung und was versteht man unter ‚Arbeitstage bis zum Ablauf der einzuhaltenden Kündigungsfrist’?

Die Probezeit wird grundsätzlich in der niedrigsten finanziellen Eingruppierung begonnen. Wenn Arbeitnehmer generell nach der Probezeit, so sie sich nicht als Eier legende Wollmilchsauen entpuppen, entlassen werden (genügend arme Schweine stehen bereits in den Startlöchern), braucht die Staffelung des Tarifs niemals ausgeschöpft zu werden. Interessant ist das dann auf dieser Lohnbasis erzielbare Arbeitslosengeld! Organisierte und verordnete Spirale der Armut! Unbekannt ist, wie ausgewiesene Spezialisten den Leihfirmen gegenüber dargestellt und abgerechnet werden.

Mit einem glaubhaft vorgebrachten Arztbesuch am 03. 06. 2010 konnte Frank-Peter die Arbeitsaufnahme am kommenden Tag abwenden. Der organisatorische Aufwand für bereits geplante und gebuchte Termine in dieser Woche brauchten also nicht neu aufgerollt werden, obwohl seitens der Chefin der Arbeitszeitfirma eine Variante mit sofortigem Start und Freistellung für den 03. 06. 2010 ins Spiel gebracht worden war. Nach erneuter Rücksprache mit der Elektrikerfirma reicht der Start am 07. 06. 2010, weil wegen Bauverzugs ein früherer Einsatz eh nicht möglich war. Frank-Peter schaute im Internet nach der Adresse der Elektrikerfirma und fuhr auch schon mal hin, damit nicht unvorhergesehene Dinge, wie Umleitungen oder ähnliches die geplante Fahrzeit außer Kontrolle bringen würden.

Am Donnerstag konnte somit die lange geplante Fahrt zu den Verwandten erfolgen. Dort bekam Frank-Peter einen Anruf, ob er nicht doch am Wochenende in die Geschäftsstelle kommen könne. Mann bat ihn inständig, im Rahmen der abgesprochenen Ausnahme, eine Woche als Urlaubsvertretung Montage in den alten Bundesländern zu übernehmen. Nun bekannte Frank-Peter, dass er nach Wahrnehmung seiner medizinischen Termine das Wochenende anders genutzt habe und nicht in der Region sei. Die Urlaubsvertretung würde er übernehmen, alle Daten dazu sollten per E-Mail zugesandt werden. Daraus entnahm Frank-Peter, dass er am Montag den 07. 06. 2010 früh 05 : 00 Uhr im über 300 km entfernten Buscheck hinter Kassel bei Ullrich Geibel, Inhaber einer Elektrikerfirma, erwartet wurde. Das Navi in Frank-Peters Auto war bestimmt mit einer rund zehn Jahre alten Software ausgerüstet und kannte die neue Autobahn A 38 nicht, die eine direkte Verbindung von Leipzig nach Göttingen bot. Von dort ist es nicht weit bis Kassel. Unterwegs kam die Meldung: „kann Route nicht berechnen“, die mit OK bestätigt wurde. In Kenntnis dessen, dass nach Göttingen Kassel anvisiert werden sollte, war eine Fahrt nach Ausschilderung möglich. Bei einem Stau wurde das Navi überprüft: es hatte sich abgeschaltet. Die erneute Eingabe der gespeicherten Zieladresse führte glücklicherweise zum pünktlichen Erscheinen.

Buscheck war eine einzige Baustelle, alle Straßen waren gesperrt. Große Radlader versperrten die Zufahrten in den Ort und riesige Rohre lagen neben den Erdwällen der aufgebrochenen Straße, um irgendwann darin verbaut zu werden. Das hatte schon der Firmenchef in einem Telefonat am Tag vorher bemerkt und ein Abholen angeboten. Frank-Peter nutzte dieses. Als Ullrich Geibel mit seinem 5er BMW Touring erschien, vernahm Frank-Peter eine deutliche „Fahne“. Ullrich Geibel muss am Tag zuvor ordentlich gefeiert haben. Von Buscheck ging es mit einem Firmenfahrzeug weiter Richtung Bonn, nachdem der Angestellte des Firmeninhabers, Freddy geweckt worden war. Freddy erklärte später, dass er sich grundsätzlich wecken lässt, weil die Absprachen zum Arbeitsbeginn durch den Chef in der Regel nicht eingehalten werden. Die Baustellen waren allesamt Finger-Häuser, eine Holzständer-Fertighauskonstruktion. Bereits am zweiten Tag der Errichtung, das Erdgeschoss ist in der Regel bereits auf der Bodenplatte oder dem Kellergeschoss erstellt und das Obergeschoss wird gerade errichtet, müssen die Elektriker auf die Baustelle, um bei gegenseitiger Behinderung mit den Rüstern mit der Installation zu beginnen und der Hausbaufirma den Vorteil einer Zeiteinsparung von 1 … 2 Tagen zu ermöglichen. Innerhalb von etwa zwei Tagen ist die gesamte Elektrik verlegt und bereits die meisten Installationsgeräte, wie Schalter und Steckdosen verdrahtet. Alle elektrischen Arbeiten sind soweit beendet, dass der Estrichbeton im Inneren auf die Bodenplatten gegossen werden kann und der Trockenbau von Decke und Wänden von den Rüstern beendet werden kann. Der Zeitdruck forderte auch Opfer. Einer der Rüster hatte sich versehentlich mit dem Luftdrucknagler an einer Dachlatte festgeschossen. Da die Nägel einen eingewalzten Drall gegen unbeabsichtigtes Lockern haben, konnte man ihn auch nicht so einfach herausziehen. Deshalb wurde die Dachlatte rund um den festgenagelten Finger heraus gesägt und mit zum Arzt genommen. „Der Knochen ist angeschrammt“, lautete kurz die Information zur Diagnose. Was der gebeutelte Monteur beim Arzt alles gesagt hat, entzieht sich Frank-Peters Kenntnis. Er muss aber so gekonnt geschwindelt haben, dass sich die Balken gebogen haben, denn normalerweise kommt nach jedem Unfall die Berufsgenossenschaft. Das blieb dieser Baustelle aber erspart, nur der arme Schlucker musste nach Hause.

Am ersten Tag waren Restarbeiten an zwei nebeneinander errichteten Häusern in der Nähe von Bonn erforderlich. Abgeschlossen werden konnten diese nicht, weil eine Schalterabdeckung fehlte. Mit einer entsprechenden Mängelliste bekam Freddy die Unterschrift eines der Bauherren. Der Zweite verweigerte sie mit dem Hinweis, dass er sich erst einmal in Ruhe alles durchlesen und auch im Haus kontrollieren müsse. Von diesem Bauherren berichteten die Rüster folgende Geschichte, die schnell unter allen Beschäftigten, nicht nur dieser Baustelle die Runde machte: Die Ehefrau des Bauherren kam eines tags auf die Baustelle. Die Putzer, die gerade Restarbeiten an der Fassade ihres Hauses erledigt hatten und nun am direkt daneben liegenden Haus arbeiteten, hatten ein Radio am Baustellenstrom der Bauherrin angeschlossen. Lauthals und mit unangemessenen Worten beschwerte diese sich darüber, wieso von ihr Strom genommen würde, obwohl am Nachbarhaus gearbeitet wird! Später wurde auch bekannt, dass dieser Bauherr, ein Lehrer, genau berechnet hatte, dass ihm durch die vom örtlichen Stromanbieter verschuldete verspätete Abschaltung des Baustroms über vierzehn Euro Verlust entstanden seien, die dieser nun durch die Installationsfirma ersetzt haben wollte. Kopfschütteln unter den Bauleuten war die geringste der daraufhin einsetzenden Reaktionen. Auf der nächsten Baustelle bekam Frank-Peter mit, wie Freddy die Bauherrin großmäulig überzeugte, auf die im Projekt ausgewiesenen Niederspannungslampen, im Volksmund „Spots“ genannt, im Bad zu verzichten. Absolut bestimmend, ja fast schon überheblich sprach er mit der Bauherrin. „Haben sie sich das gut überlegt mit den Niederspannungslampen im Bad? Sie wissen schon, dass damit nur eine punktuelle Beleuchtung stattfindet? Die Lampen haben eine relativ geringe Lebensdauer und die Verhältnisse im Bad reduzieren diese noch weiter. Vor allem eins, ihr Haus besteht aus Holz und die Wärmeentwicklung der Lampen könne vor allem bei einer Störung eine Gefahr für das Haus bedeuten!“ Die Bauherrin lenkte ein. Frank-Peter sprach anschließend mit Freddy, dass er bei bisherigen Baustellen in solchen Fällen in die Gipskartondecke Zusatzgehäuse aus Glasfaser-Gips einbauen musste. „Halt´ die Klappe“, meinte Freddy. „Ich weiß, was es alles gibt, habe aber keine Lust, so etwas einzubauen. Das ist alles Mehraufwand!“ „Ist schon OK, im Beisein der Bauherrin würde ich so etwas auch nicht erzählen“, antwortete Frank-Peter. Freddy, ein sportlicher junger Typ von 26 Jahren, war nicht zimperlich im Umgang mit den Kunden. Er trat dominant auf und duldete keinen Widerspruch. Es ist eigenartig, dass die Bauherren sich von ihm wegen nicht vorhandener eigener Fachkompetenz einlullen ließen. Freddy sammelte auch die Schnittreste des Kupferkabels ein, die er privat zu Geld machte. An den Wochenenden verdient Freddy mit Schwarzarbeit, wie er stolz berichtete, eine Menge Geld. Mit seinem Chef hatte er ein herzliches Verhältnis, aber erst, nachdem beide hart aneinander geraten waren und Freddy kündigen wollte. Bei gelegentlichen gemeinsamen Arbeiten mit dem Chef, so berichtete Freddy, habe er diesen immer regelrecht vorgeführt. Er habe weniger Fehler als der Chef gemacht und war auch bedeutend schneller. So hat dieser wohl erkennen müssen, dass er schlecht auf Freddy verzichten konnte. Am Ende der Woche kam die Hiobsbotschaft: die Montage soll um eine weitere Woche verlängert werden, weil nur dann die Urlaubsvertretung richtig abgesichert ist. In dieser zweiten Woche wurden Häuser im Umfeld der Firma installiert. Die Hinfahrt war auch wieder von Problemen des Navis geprägt, die 80 km Umweg brachten und die eingeplante Zeitreserve bis auf die letzte Sekunde aufzehrte.

Diese Woche arbeitete Frank-Peter mit Torsten, dem Altknecht in der Firma. Torsten lebte seit vielen Jahren mit seiner Partnerin in einer Lebensgemeinschaft, die leider kinderlos blieb. Eine Heirat kommt für ihn heute aus steuerlichen Gesichtspunkten nicht mehr in Frage. Seine Partnerin ist Vertreterin und dadurch zeitlich straff eingespannt. Ein so genanntes Familienleben gibt es nur an den Wochenenden, die Woche über machte jeder seins, auch wenn, wie in diesem Fall, Torsten in unüblicher Manier jeden Tag nach Hause kam. Frank-Peters Übernachtung war im 15 km entfernten Goldenhagen organisiert worden. Jeweils am Morgen wurde ein Lunchpaket bereitgestellt, üppig bezüglich Wurst, schließlich war die Unterkunft auch gleichzeitig eine Schlachterei. Mit einer trockenen Brotscheibe in der einen und einer Wurst in der anderen Hand wurde in der zehnminütigen Frühstückspause, die man sich als einzige Pause am Tag auf Kosten des Chefs gönnte, nicht gerade der kulinarische Höhepunkt erreicht, von hygienischen Bedingungen ganz zu schweigen. Torsten war mit Frank-Peters Arbeit zufrieden. Frank-Peter gab sich leidlich Mühe, fragte, wenn er Dinge nicht verstand. Vor allem waren das Sachen, die Frank-Peter von anderen Baustellen anders kannte und die ihm dort, wenn er so wie hier arbeiten würde, mehr als nur Ärger eingebracht hätten. Dafür war es hier unumgänglich, in die Glasisolierung zu greifen und die Leitungen zwischen Glasisolation und Deckenlattung entlang zu ziehen. Die mikroskopisch feinen Glasbruchstücke verursachten einen ständigen Hustenreiz und ein Jucken am ganzen Körper. Vielfach kamen in den Folgetagen vermutlich Reste der Glasisolierung in kleinen schmerzhaften Pusteln an den Armen und den Händen wieder aus dem Körper heraus.

Ein Anruf kam von der Chefin. Der Firmenchef aus dem Westen möchte Frank-Peter auch weiterhin beschäftigen, wenn er es wünscht, werden die Weichen dahingehend gestellt. Mit Verweis auf den vereinbarten lokalen Einsatz lehnte Frank-Peter dankend ab und ließ über Torsten an den Chef übermitteln, dass er am kommenden Montag nicht mehr hier antreten werde, weil er nur als Urlaubsvertretung die Stelle ausgefüllt habe. Das habe nichts damit zu tun, dass er sich nicht wohl gefühlt habe, aber er ist für die kommende Woche bereits verplant. Bewusst hat Frank-Peter keine direkte Ablehnung einer Montagetätigkeit durchblicken lassen, um seine Zeitarbeitsfirma nicht zu diskreditieren. Eine Entscheidung mit Folgen. In der darauf folgenden Woche bekam Frank-Peter einen Anruf von seiner Chefin. Ullrich Geibel, der Inhaber der Firma habe bei einer Mitarbeiterin der Zeitfirma angerufen und diese „rund“ gemacht. Er verlangt Frank-Peter auf der Baustelle, sobald dieser wieder verfügbar ist. Mit Frank-Peter sollte aber nicht direkt gesprochen werden. Frank-Peter verteidigte Ullrich Geibel, der am Wochenende seinen 50. Geburtstag gefeiert habe und davon wohl noch etwas angetüdelt gewesen sein könnte. Außerdem sieht ja jeder die Dinge so, wie er es selbst gern haben möchte. Zusagen wären jedenfalls nicht gemacht worden. Im Gespräch mit Torsten habe dieser Frank-Peter gegenüber erwähnt, dass der Kollege, den Frank-Peter die vierzehn Tage vertreten hat, nicht so zuverlässig sei. Dieser habe zwei Gänge: langsam und ganz langsam. Wenn er auf der Baustelle gerufen wird, vergeht oft eine Ewigkeit, bis er sich meldet. Die Arbeit gehe ihm nicht sonderlich von der Hand. Da aber Ullrich Geibel von der Hausbaufirma Druck bekommt, diese ihrerseits die Rüsterbrigaden auf 39 erhöht hat und die Produktion von Fertighäusern wieder hochfährt (sehr zu Lasten der Qualität, wie die Rüster dies kommentierten), wolle Ullrich Geibel ab der folgenden Woche zwei Monteure von der Zeitarbeitsfirma abfordern. „Gibt es hier im Umfeld keine Arbeitszeitfirmen, müssen da aus Leipzig die Leute herangeholt werden?“, fragte Frank-Peter Torsten. „Einige wenige gibt es hier, wir hatten auch schon Leute von denen. Aber die meisten vermitteln nur für lokale Arbeiten, Montage will keiner machen und dann passiert es, dass wir absolute Pflaumen bekommen, die wir nach zwei Tagen wieder abmelden müssen.“ Für ihn, Torsten, rechnet sich das nicht. Die Zeit für das Anlernen und kontrollieren fehle ihm bei der eigenen Arbeit. Allein ist er oft schneller und gewiss, dass ihm später nicht noch Probleme aus verdeckten Fehlern zu schaffen machen werden.

Die dritte Woche begann mit einem chaotischen Hin- und her. Erst sollte der Montag „beschäftigungsfrei“ sein, weil es bei der angekündigten Elektrikerfirma Bauverzug in den Aufträgen gab. Am Montag wäre also Abrechnung der Stundenzettel möglich. Dann ein Anruf, dass doch noch am Sonnabend abgerechnet werden muss. Am Montag und Donnerstag gibt es Arbeit als Müllmann in Wölzen, dafür ist Ausrüstung erforderlich, die auch noch abgeholt werden muss. Die Tage dazwischen gelten als Rufbereitschaft. Mit der Abgabe der Stundenzettel gab es die nachgewiesenen Tankkosten und 50 Euro für die eigene Fahrzeugnutzung während der Montage. Auslöse gab es nicht, weil die Unterkunft vom Westchef bezahlt wurde! Später erfuhr er von anderen Kollegen aus seiner Zeitarbeitsfirma, dass diese einen Leihwagen für diese Fahrten erhalten hatten.

Am Montag, den 21. Juni begann der Einsatz als Müllmann, als Beifahrer. Das ist wichtig, denn der Fahrer, dessen Arbeit Frank-Peter großen Respekt entgegen brachte, fährt das große Auto und hilft nur an absoluten Schwerpunkten. Frank-Peters Aufgabe bestand darin, in der Kleinstadt Mölben die gelben Säcke einzuladen. Christian, der Fahrer warnte Frank-Peter, dass die gelben Säcke von fünf Wochen eingesammelt werden müssten und es sehr, sehr viel werden würden. Es wurden viele. Einmal musste das Auto zu Firma zurück um den Inhalt zu entsorgen. 5,6 Tonnen erbrachte die erste Fahrt. Wenn man vom durchschnittlichen Gewicht eines „gelben Sackes“ von weniger als einem Kilo ausgeht, kann man sich vorstellen, wie viele dieser Beutel Frank-Peter mit einem „Bückling“ von der Straße aufklauben und über die hintere, recht hohe Bordwand in das Fahrzeug befördern musste. In der orangefarbenen Arbeitskleidung staute sich die Wärme. Die Gummihandschuhe sammelten ebenfalls Schweiß, der beim Ausziehen wie ein kleiner Wasserfall heraus lief. Die Fahrten zwischen den einzelnen, vermutlich willkürlich von den Bürgern gewählten Ablagestellen der gelben Säcke durfte Frank-Peter auf dem Tritt am Heck des Fahrzeuges mitfahren. Der Kopf befindet sich dann genau in Höhe der Hecköffnung mit den zum Teil bereits zerstampften Müllsäcken. Aus diesem Konglomerat von fauligen und gärenden Lebensmittelresten, man stelle sich nur eine alte Fischbüchse vor, waberte ein bestialischer Gestank. Dem drohenden Brechreiz konnte Frank-Peter nur begegnen, indem er den Kopf seitwärts vom Fahrzeug in den Fahrtwind hielt. Probleme gab es mit Säcken, die bereits seit Tagen auf der Straße deponiert worden waren und von Krähen zerhackt oder von Katzen zerrissen worden waren. Auch von Bürgern sehr nachlässig gepackte Säcke mit scharfkantigen Blechdosen gehörten zu denen, die sich während des Transports in das Fahrzeug zerlegten und den Inhalt auf die Straße verteilten. „Den Besen hatte man mir geklaut“, beteuerte Christian. So musste, zwar mit Handschuhen, aber jedes Krümel einzeln mit der Hand aufgesammelt werden. „Einmal haben sich Bürger beschwert, weil ich nicht alle Krümel von der Straße aufgefegt hatte“, erklärte Christian. „Ich musste dann noch mal dorthin und die Straße kehren. Natürlich in meiner Freizeit!“

Es gab auch Lichtblicke. Von Bürgern, die, so vermutete Frank-Peter, auch Dinge entsorgt bekamen, die nicht bereits durch den grünen Punkt bezahlt worden waren (Plaste aus DDR-Zeiten), bekam Christian einen Beutel mit zwei Päckchen Kaffee, die er redlich mit Frank-Peter teilte. Die ortsansässige Großküche, die mehr als vereinbart entsorgt wurde, wartete ihrerseits mit zwei Freikarten für Mittagessen auf. „Das darf man in der Firma nicht erzählen“, bemerkte Christian, „wir haben unterschrieben, dass wir alles, was wir von den Kunden als Zuwendung bekommen, in der Firma abgeben müssen. Das kostenlose Mittagessen würden wir als Geldwertevorteil angerechnet bekommen“. Weiter erzählte Christian mit leicht verbittertem Unterton: „Früher gehörten wir zu den stadteigenen Firmen von Otrecht und hatten ein Einkommen nach öffentlichem Tarif. Dann wurde die Firma privatisiert, man macht die gleiche Arbeit und bekommt etwa den halben Lohn dafür. In seiner Familie ist jetzt die Frau Hauptverdiener. Sie arbeitet in der Gemeinde wo er wohnt als Sekretärin im Bürgermeisteramt. Auch die beiden Fahrzeuge, auf die sie angewiesen sind, sind über die Frau zugelassen und versichert. Die Rubrik „öffentlicher Dienst“ beschert diese Vorteile, die zu nutzen sie gezwungen sind. Christian war vor der Wende Taxifahrer in Leipzig. Dann erbte er das Haus der Schwiegereltern und begann es umzubauen und zu renovieren. Als die Wende kam, fand er eine Anstellung als Hausmeister in einem Ferienobjekt, an dem er sich auch finanziell beteiligte, als es von einigen Kollegen von der Treuhand übernommen wurde. Nach fünf Jahren kam dann das Aus. Seine Frau hörte von dem Job bei der Entsorgungsfirma und er bewarb sich mit 50 Jahren. Der Chef der Entsorgungsfirma hatte zuvor mit einer Reihe junger Leute schlechte Erfahrungen gemacht. Zum einen wollte ein Teil von ihnen „nur“ Auto fahren, zum anderen wanderten die jungen Leute bereits nach kurzer Zeit in die alten Bundesländer ab. Zurück blieb das Chaos in der Firma, die Gefahr lief, die Konzession zu verlieren. Christian erhielt die Stelle, musste aber zähneknirschend klein bei geben, als der Entsorger privatisiert wurde und der Verdienst bedeutend gekürzt, nach seinem Reden halbiert, wurde. „Aus deiner Firma haben wir auch Fahrer“, sagte Christian zu Frank-Peter. „Die sind seit Jahren hier und können auch alle Autos fahren. Gelegentlich haben diese mit dem Chef gesprochen, ob er sie nicht direkt einstellt und jedes Mal eine Absage bekommen. So wären sie für den Chef billiger, ließ dieser durchblicken.“ Frank-Peter sollte bei seinem nächsten Einsatz die Bekanntschaft eines Fahrers machen, der von der gleichen Zeitarbeitsfirma wie er kam und der mit vier weiteren Kollegen der Zeitarbeitsfirma seit über fünf Jahren als Kraftfahrer arbeitete. Manchmal gab es mehr Zeitarbeiter als Festangestellte, erfuhr Frank-Peter später. Auch seien schon einmal einigen Festangestellten gekündigt worden, nicht aber Zeitarbeitern. Am Abend, nach über 13 ½ Stunden Arbeit hatte Bewegung und Schweiß in diskrete Körperregionen den so genannten „Wolf“ geschnitten, schmerzhafte Hautirritationen am Rektum. Sicherlich eine Ursache dafür, dass sich wenige Wochen später unangenehme und störende Hämorrhoiden meldeten. Frank-Peter hielt tapfer durch, wurde auch von seinem Kollegen gelobt, der sofort von weit jüngeren Kollegen erzählte, die sich bereits mittags ins Auto setzten und unter Weinkrämpfen den nahenden Kreislaufkollaps ankündigten. Von der Arbeitszeit wird eine Stunde für die Mittagspause abgezogen, die in Summe aber nicht genommen werden konnte. Christian wollte nicht erst um neun zu Hause sein. Die Arbeitszeiten in dieser Firma waren alles andere als kalkulierbar. Zum Teil sind dafür objektive Gründe zu nennen, wie der nicht planbare Aufwand an zu entsorgendem Gut. Zum anderen hatte Frank-Peter den Eindruck, dass die bedingungslose Ausbeutung der Angestellten und Zeitarbeiter bis zur physischen Grenze, einige kämen nie vor 19 : 00 Uhr von der Tour zurück, preiswerter ist, als weitere Leute einzustellen und eventuell Schichtbetrieb einzuführen. Die Festangestellten und Leiharbeiter (Kraftfahrer) erhielten den gleichen Lohn, wurde Frank-Peter erzählt. Es sind exakt 8,02 Euro. Nur beim Zeitarbeiter werden ausschließlich sieben Stunden ausbezahlt und die überschüssige Stunden auf ein Zeitkonto gut geschrieben, um davon bei Auftragsflauten den Lohn zu bezahlen. Die auftragsbedingten Schwankungen der Wirtschaft bekommt auf diese Art und Weise der Letzte in der Kette zu spüren, der Zeitarbeiter. Auch von den jährlich in der Müllfirma zu Weihnachten ausgezahlten Zuwendungen sieht der Zeitarbeiter nichts.

Der nächste Einsatz sollte am Donnerstag sein, dazwischen ist so genannte Rufbereitschaft, die eine ständige Erreichbarkeit und den sofortigen Start bis 10 Uhr einschließt. Eigentlich müsste diese Zeit entsprechend einer schwammigen und unverständlich formulierten Passage im Tarif von der Firma bezahlte Zeit sein, schließlich hält sich ja Frank-Peter in dieser Zeit permanent für die Firma zur Verfügung. Frank-Peter erfuhr von Kollegen dieser Zeitarbeitsfima, dass die Chefin die Rufbereitschaft nicht bezahlt und von den Mitarbeitern diese Verfügbarkeit erwartet. Modernes Sklaventum, konstatierte Frank-Peter. Abends kam ein Anruf, dass auch am Mittwoch das Erscheinen beim Entsorger verordnet wird. Planungen im privaten Bereich sind bei den unkalkulierbaren Arbeitszeiten unter diesen Umständen irrelevant.

Der Mittwoch brachte die Bekanntschaft mit Wilhelm Brandt, 60 Jahre alt und seit fünf Jahren als Zeitarbeiter in der Entsorgerfirma. Es wurde Papier in Dobernig und Umgebung geholt, eine vergleichsweise einfache Arbeit, wenn Frank-Peter an den Montag dachte. Nur die undichte Hydraulik am Heck des Fahrzeuges, die während der Fahrten auf dem Trittbrett die Jacke versaute, ärgerte Frank-Peter. Mit diesen Sachen muss Frank-Peter abends mit seinem Auto wieder nach Hause fahren. Wenn er sich damit das Fahrzeug verschmutzt, bekommt er von seiner Frau mächtig Ärger. Sie ist es, die dieses Fahrzeug normalerweise nutzt. Frank-Peter hat es nur, weil „sein“ Fahrzeug in der Werkstatt war.

Feste Arbeitszeiten gibt es, wie schon erwähnt, nicht. Auch Mittwoch blieben nach Abzug der Pause netto 10 ½ Stunden. „Man kann nie wissen, wie viele Papiertonnen die Leute auf die Straße stellen“, bemerkte Wilhelm Brandt, der ihm auf der Fahrt zum Einsatzort seine ganze Lebensgeschichte erzählte und dabei selbst intime Details seiner Seitensprünge nicht ausließ. Wilhelm Brandt war schon immer Kraftfahrer. Nach der Wende wurden die Arbeitszeiten immer unkalkulierbarer, der Stress schröpfte seine Batterie und wenn er abends nach Hause kam, ging nichts mehr. „Meine Frau hat sich nun jemand gesucht, der sie besser vögeln kann und mich und die beiden Töchter zurück gelassen. Inzwischen ist sie aber tot, Kehlkopfkrebs. Das habe ich ihr jedoch nicht gewünscht“. Die Scheidung war schnell vollzogen. Damals verdiente er 1500 DM, die Frau 750 DM. Das „neue“ Scheidungsrecht sieht vor, dass er in diesem Fall für die Rente einen Versorgungsausgleich zu zahlen habe. Ihm wird also seine mögliche Rente um entscheidende Beträge gekürzt, auch wenn die Frau nun keine Rente mehr bekommt und er inzwischen vergleichsweise wenig verdient. Nach einem Jahr habe er sich auf Anraten seiner Kinder eine Bekannte gesucht, achtet aber penibel darauf, sie nur „Bekannte“ zu nennen und in ihrem Haus ein „eigenes“ Zimmer zu bewohnen, um dem Finanzamt oder wenn es darauf ankommt, im Falle von Hartz IV, der Arge keine Angriffsflächen zu bieten. Wilhelm Brandt erzählte Frank-Peter von seinen kleinen Schiebereien mit Sand und Schotter zu DDR-Zeiten, die fest in das damalige Berufsleben eingebunden waren. Als Kraftfahrer gehörte man schon zu den „Privilegierten“. Im Februar sollte Wilhelm Brandt vom Entsorger „abgemeldet“, sprich „entlassen“ werden. Die Fürsprache der Kollegen, dass er ja die Touren kennt und fast alle Autos fahren kann, machte die Entscheidung rückgängig. Der Chef der Entsorgerfirma, Herr Aurich, soll früher selbst Kraftfahrer gewesen sein. Erst wurde er Disponent und nach der Wende Chef. Andere, die ihn von früher kannten, erzählten unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass Aurich früher viel Scheiße gebaut hatte. Jetzt tut er sich gottgleich fehlerfrei und ist verantwortlich für ein angespanntes Klima in der Firma. Dabei kann man manchmal gar nichts dagegen machen, wenn man in den engen Straßen an einem Baum oder Ast den Rückspiegel einbüßt. Einmal hatte Wilhelm Brandt unterwegs ein Brötchen gekauft und beförderte das Einpackpapier in die Mülltonne der Firma, als er zum Feierabend eintraf. Sofort wurde er zum Chef gerufen. „Wieso entsorgen sie ihren Hausmüll bei uns in der Firma“, wurde er barsch gefragt. Wilhelm Brandt wusste anfänglich gar nicht, worum es eigentlich geht, bis ihm das Licht aufging und er seinem Ärger Luft machte.

Für den Donnerstag stand Sperrmüll in Tollensee und Schabitz auf dem Plan, wieder war Frank-Peter als Beifahrer für Wilhelm Brandt eingesetzt. 11,52 Tonnen wurden mit zwei Wagenladungen zusammengetragen, mehr als zwei Drittel davon durch Frank-Peter allein. „Sperrmüll sieht eigentlich anders aus“, bemerkte Frank-Peter zu Wilhelm, als er die aufgestapelten Schutthaufen an den Straßenrändern bemerkte. „Hör auf, wer weiß wie lange das noch so gehen wird“, empörte sich Wilhelm Brandt. „Die Leute legen alles vor die Haustür, Papier, Plaste, alte Fernseher, Reifen, Bauschutt, kurz, alles was in einem Haus nach einer Renovierung oder einem Erbfall anfällt. Wenn sie wenigsten eine Flasche Bier oder ein paar Euro geben würden.“ Diese Zuwendungen gab es. Bei drei kleinen Asbestplatten waren zwei Flaschen Bier hinter dem Lichtmast versteckt. Frank-Peter fragte Wilhelm Brandt: „Nehmen wir die Asbestplatten auch mit?“ „Nein, auf keinen Fall!“ „Aber hier stehen zwei Flaschen Bier.“ „OK, ich habe mich geirrt, es sind Spanplatten im Asbestplattendesign, lade sie auf!“ Eine kleine Gärtnerei hatte zwei große Paletten verdorbener Himbeeren, die nur noch mit grauen Pelzköpfchen aus der Verpackung schimmerten und eine Palette Plastverpackung. Wilhelm Brandt kannte sich mit den speziellen Geschäftsbedingungen vor Ort aus und die Paletten wurden gleich mit dem Gabelstapler in den LKW befördert. An der nächsten Straßenecke kam der Gärtner erneut mit seinem Stapler. Auf der Palette waren zwei große Melonen, eine Stiege Erdbeeren und zwei Stiegen Spargel. Beinahe zu viel für den eingeschränkten Stauraum im Fahrerhaus des LKW.

Zum Feierabend erkundigte sich Frank-Peter nach seinem Einsatz am nächsten Tag, denn Wilhelm Brandt rechnete fest mit ihm und hatte schon die Stellen für Frühstück und Mittag in die Fahrtroute kalkuliert und entsprechende Verhaltensregeln ausgegeben: „Beim Frühstück bezahlst du den ersten Kaffee und der zweite ist umsonst. Mittag können wir im Drahtseilwerk essen, da ist es sehr preisgünstig und bedeutet für uns keinen Umweg.“ „Wir sind morgen voll und brauchen sie nicht“, sagte die Disponentin. „Melden sie sich bei ihrer Chefin!“ Diese rief gegen 21 : 00 Uhr an und legte den nächsten Tag als Rufbereitschaft fest. Frank-Peter hat selbst noch keine Erfahrung damit und auch nicht zur möglichen finanziellen Regelung. Sein Kollege auf dem LKW erklärte ihm jedoch glaubhaft, dass es dafür in dieser Firma keine Vergütung gebe. Man erwartet Leistung, nämlich sofort bei Anruf in die Spur zu gehen, muss sich zu Hause aufhalten, weil je nach Einsatz verschiedene Arbeits- oder Arbeitschutzkleidung zu wählen ist und kann privat bis 10 : 00 Uhr nichts unternehmen. Diese Wartezeit wird aus dem bereits gefülltem Stundenkonto, also aus bereits geleisteter Arbeit berechnet. Damit werden doppelte Leistungen nur einmal vergütet. Prompt kam am nächsten Tag 7 : 00 Uhr ein Anruf, man müsse auf die Rufbereitschaft von Frank-Peter zurückgreifen. Der Entsorger habe bei der Neuen Messe in Leipzig ein Auto mit einem Fettabscheider, bei dem ein zweiter Mann „zum Knöpfchendrücken“ gebraucht würde. Frank-Peter bekam die Telefonnummer des Fahrers und zog sich die orangefarbene Arbeitsschutzkleidung an, zu der die noch immer hydraulikölverschmierte Jacke vom Mittwoch gehörte. In diesem Augenblick klingelte erneut das Telefon und der Einsatz wurde abgeblasen. Der Bereichsleiter Aurich habe einen in der Nähe befindlichen eigenen Mitarbeiter umgesetzt. Es ist schon eigenartig, ging es Frank-Peter durch den Kopf. Während die Festangestellten oder die beim Entsorger fest angestellten Zeitarbeiter wenigstens noch einige soziale Einrichtungen nutzen konnten, wie etwa eine Dusche oder die Möglichkeit zum Umziehen, gab es für ihn dies Möglichkeiten nicht. Es wurde erwartet, dass er in Arbeitssachen auf einen kleinen Wink seiner Chefin hin mit seinem privaten Fahrzeug zum Einsatz fährt und die Gefahr einer völligen Verschmutzung billigend in Kauf nimmt. Auch Anrufe mit seinem privaten Telefon werden unabgesprochen erwartet. Bei der Sperrmüllabfuhr bekam Frank-Peter Farbe über Hosen, Schuhe und T-Shirt, als er mit Wilhelm Brandt eine alte Kommode in das Auto hob. Zum Glück war die Farbe bis zum Feierabend trocken, als er in sein Auto stieg. Die Chefin war in einer anderen Beziehung kulant. Frank-Peter war bei seiner Montagetätigkeit ein Werkzeug abhanden gekommen. Es war kein Baumarktwerkzeug, sondern Profitechnik und die 20 Euro schmerzten. Mit Sicherheit war es nicht geklaut worden, sondern bei dem Chaos auf der Baustelle verloren gegangen. Frank-Peter durfte es neu besorgen und bekam die Summe mit dem ausdrücklichen Hinweis auf die Kulanz ersetzt. In der vorhergehenden Zeitarbeitsfirma konnte er wählen zwischen Werkzeug von der Firma und der Verwendung eigenen Werkzeugs, wofür er Werkzeuggeld erhielt. Hier wurde die Nutzung eigenen Werkzeugs vorausgesetzt, weil man dann angeblich besser auf das Werkzeug aufpasst, so die Chefin.




6. Ein verheißungsvoller Arbeitgeber


Freitagnachmittag gab es die versprochene Order für die kommende Woche. Frank-Peter sollte sich bei einer Firma mit Status GbR in der Holbestraße melden und es würde von dort nach Halle gehen. Auf dem Rückweg fuhr Frank-Peter dort vorbei. Es handelte sich um ein Bürogebäude, also bezüglich einer Elektrofirma eher eine Briefkastenadresse. Leider war 15 : 30 Uhr niemand mehr da, auch der telefonische Ansprechpartner war nicht erreichbar. Frank-Peter hätte gern gewusst, in welchem Outfit er am Montag erscheinen soll und welcher Art sein persönliches Werkzeug sein sollte. Dafür war die Internetpräsenz der Firma professionell. Und auch eine funktionierende Telefonnummer konnte Frank-Peter finden und erhielt Ordner, etwas zum Kabelschneiden mitzunehmen.

Während der körperlich oft schweren Arbeit verspürte Frank-Peter niemals Müdigkeit und auch die Erschöpfung hielt sich in Grenzen. Anders am Wochenende. Eine schmerzhafte Müdigkeit bemannte sich seiner und ließ ihn die Fernsehsendungen, wenn überhaupt, nur noch als Hörspiel wahrnehmen. Hinzu kam, dass seine Frau vor wenigen Tagen an der Bandscheibe operiert worden war und nun eine Reihe weiterer Handgriffe der täglichen Kleinarbeit von ihm und der noch im Haushalt lebenden Tochter übernommen werden musste. Am Sonnabend war Frank-Peter seit langem wieder mal in seinem Garten, der zusehends dem Verfall preisgegeben war. Mit dem Auto war es nur eine Fahrt von zehn Minuten, seine Frau jedoch war krank, er die Woche über in den alten Bundesländern oder nach einem langen Arbeitstag für den Garten zu kaputt. Wenn er nach Hause kam, war als erstes eine Dusche oder ein Bad und neue Wäsche angesagt. Der Hunger war das geringere Übel, der Durst marterte mehr. Und dann, nach 20 : 00 Uhr noch in den Garten zu fahren, wo man zu dieser Zeit sowieso keinen Rasen mehr mähen kann, stellte keine Option dar. Der Garten existierte jedoch noch und die Grillwurst schmeckte am Wochenende auch mal ohne Bier ganz gut.

Die neue Arbeitswoche startete am 28. Juni, nachdem bei zwei Großhändlern Ware abgeholt worden war, mit einer Fahrt nach Unterkribbel. Hier sollten in einem Kühllager von Kaufland Telefonleitungen gezogen werden. „Die Arbeitszeit beginnt auf der Baustelle“, erläuterte Conny. Die Materialbeschaffung von den beiden Großlagern ist also privates Hobby! Vielleicht würde sich einen Rechtsanwalt finden, der den Arbeitsort in Leipzig als Beginn der Arbeitszeit einklagen könnte, aber dafür hatte Frank-Peter Sommer kein Geld und keine Zeit. Die geplante Aufgabe erwies sich vor Ort als kleine Nebenaufgabe, die aufgrund der örtlichen Gegebenheiten jedoch nicht an einem Tag fertig gestellt werden konnte. Die eigentliche Aufgabe sollte darin bestehen, eine Menge Datenkabel in Schaltschränke und an neu errichtete Arbeitsplätze der Zwischenetage zu bringen und anzuschließen. Ein Teil der Kabel war von einer anderen Firma verlegt worden und wartete in Ringen gebündelt an markanten Punkten auf den eigentlichen Kraftakt. Andere Kabel waren außer Sichtweite und es war ungewiss, ob sie an irgendeiner Stelle in den abgehangenen Decken auf ihre Neuentdeckung warteten oder schlichtweg vergessen worden waren. Conny, 23 Jahre alt, telefonierte lange mit seinem Chef und mit der Firma, welche die Leitungen verlegt hatte. Am Ende kam heraus, dass vermutlich die ganze Woche hier gearbeitet werden muss, wenn jedoch noch Kabel zu ziehen wären, können daraus locker 14 Tage werden. Zum Glück für Frank-Peter befand sich im Auto die Jacke eines Kollegen, denn 2 °C wäre auf Dauer für das T-Shirt die unpassende Kleiderordnung. Conny, eigentlich Cornelius, erzählte Frank-Peter, dass sie in der Regel 10 Stunden ohne Pause durcharbeiten, damit sie bei akzeptablen Stunden auch einen Feierabend haben. Für Frank-Peter sah die Woche bezüglich Arbeitszeit nicht sonderlich rosig aus. Zwar musste er sich 7 : 00 Uhr in der Firma einfinden und kam 17 : 30 Uhr dahin zurück, aber diese 10 ½ Bruttostunden brachten für den Stundenzettel „nur“ acht anzurechnende Stunden, seine eigene Fahrzeit zur Firma natürlich nicht mitgerechnet. Wenn dann am Freitag keine Beschäftigung für Frank-Peter möglich ist, weil Conny dringend auf eine andere Baustelle muss, werden für die Abrechnung nicht einmal die 35 Stunden Mindestarbeitszeit erreicht. Er hat ja seinen Untervertrag mit dem Arbeitgeber, namentlich mit dem der Leipziger Anschrift und nicht mit einer Baustellenanschrift. So kann man auch seinen Gewinn maximieren. Frank-Peter glaubt nicht, dass Conny ebenfalls nur die Zeit auf den Baustellen gut geschrieben bekommt, es wird wohl ein weiteres Mittel sein, die modernen Arbeitssklaven zu schröpfen. Indes war die Arbeit anspruchsvoll aber im Gegensatz zu den bisherigen Tätigkeiten körperlich nicht so aufreibend. Die Temperaturunterschiede waren für den Kreislauf anstrengend. Gerade noch Arbeit in der 2° C „warmen“ Kühlhalle, musste dann in den Zwischendecken und in den darüber liegenden Dachgeschossdecken Kabel verlegt werden, wo die Technik der Klimageräte ihre warme Luft hinein pustete. Der Weg im Dachbereich erinnerte Frank-Peter an einen Hindernislauf. Er schlängelte sich über Rohrbrücken und krabbelte auf den Knien unter tief liegenden Betonträgern hindurch. Anfangs musste sich Frank-Peter noch die einzelnen Arbeitsschritte für spezielle Installationen zeigen lassen, die Technik schreitet rasant voran und diese Art Technik, die hier verbaut wurde, hatte Frank-Peter noch nicht in den Händen gehabt. Dann ging ihm die Arbeit jedoch locker von der Hand und – obwohl nicht ganz so schnell wie Conny – brauchte er sich bezüglich der Qualität seiner Arbeit nicht zu schämen. Conny, sehr rührig, vermochte jedoch nicht in einer Weise vorausschauend die Arbeit zu organisieren, die für einen reibungslosen Ablauf erforderlich gewesen wäre. Für die sicher seltenen „groben“ Arbeiten, etwa das Verlegen der Kabel in den Zwischenebenen, auf Betonpfeilern oder auf Kabeltrassen mit der Erstellung der notwendigen Durchbrüche fehlte das Werkzeug selbst am dritten Tag. Lange Bohrer, Kegelbohrer, Schutztüllen für die Kabel, alles kleine Dinge, welche den Fortgang der Arbeit ungemein behinderten, ebenso Prüfgeräte für die Verfolgung nicht bezeichneter Kabel. Aus diesem Grund war am Donnerstag die Arbeit eher als ursprünglich geplant zu Ende. Der Freitag war für Frank-Peter frei geplant, da Conny auf eine andere Baustelle musste, die er aber nicht näher erklärte. „Das ist nicht schön“, kommentierte Frank-Peter. „Dein Chef fordert Leute an und dann ist keine Arbeit da. Ich komme so nicht einmal auf die Mindeststundenmenge von 35 Stunden!“ Man einigte sich, dass die fehlenden drei Stunden für die Mindeststundenzahl als Vorgriff auf Stunden der kommende Woche geschrieben werden sollte. Conny unterschrieb den Stundezettel.

So verschwiegen wie Conny zu seinen Arbeiten für den Chef am Freitag war, in anderen Dingen war er mehr als offenherzig. Im Gemüsekühllager sah er ein junges Mädchen, die sofort seinen Testosteronspiegel explodieren ließ. Lange überlegte er, wie er den Kontakt herstellen könnte und borgte sich schon mal zehn Euro, um das Mädchen zu einem Kaffee in die Betriebskantine einzuladen. Dann fehlte im entscheidenden Moment doch der Mut und Conny sah „sein“ Mädchen gerade noch auf dem Weg nach Hause aus der Halle entschwinden. Für den Montag nahm er sich erneut vor, Arbeiten in der Gemüsehalle vorzutäuschen um mit dem Mädchen in Kontakt zu kommen. „Die lächelt so süß, wenn ich sie anschaue“, verriet er Frank-Peter. Auf der Heimfahrt erkannte Conny seine Lieblingsmusik auf seinem Lieblingssender. Er drehte die Musik auf eine Lautstärke, die bei längerem Genuss eine sichere Anwartschaft auf die Benutzung von Hörgeräten gebracht hätte und begann hinter dem Lenkrad, seinen Körper im Rhythmus der Musik zu bewegen. Zum Glück klingelte sein Handy und Conny drehte die Lautstärke zurück. Bei den Unterhaltungen waren die Reaktionen von Conny nicht vorherzusagen. Ohne richtig das Gesagte zu erfassen, nahm Conny bei belanglosen Themen urplötzlich ohne erkennbaren Grund eine Kontrastellung ein.

Auch die folgende Woche gab es Arbeit an gleicher Stelle. Montag hatte Conny sein Betriebshandy vergessen. Die Fahrt auf die Baustelle wurde also mit einem Umweg zur Wohnung von Conny gestartet. Dienstag verschlief es Conny, Frank-Peter musste 40 Minuten warten. Die Werkzeuge für die im Kühllager zu verrichtenden Arbeiten wirkten bis auf die teuren Messgeräte eher amateurhaft, so genanntes Heimwerkerniveau. Der Akkuschrauber war den Aufgaben nicht gewachsen, die Akkus schon am Ende ihres Berufslebens. Einen Kegelbohrer für stufenförmig zu vergrößernde Bohrungen für Kabeldurchführungen hatte Conny von einer anderen Firma auf der Baustelle geborgt. Der Chef brachte eine Lochkreissäge, ein für diese Aufgabe untaugliches Teil. Nur Frank-Peter hatte einen Hammer in seinem privaten Handwerkzeug. „Für solche groben Arbeiten sind wir nicht vorbereitet“, kommentierte Conny. Zum Glück fand man mit Hilfe eines netten Mitarbeiters der Errichterfirma für das automatische Kleinteilelager eine Lösung, die mit der schwachbrüstigen Akkumaschine gerade noch zu bewältigen war. Auf der Heimfahrt erzählte Conny, dass er abends Frauenbesuch erwartet. Er würde etwas Leckeres kochen. Dann gibt es einen schönen griechischen Wein und danach geht es zur Sache. Dafür gebrauchte er aber andere Worte, die hier so nicht wieder gegeben werden können. Bisher sei er jedes Mal, wenn er Frauenbesuch hatte, zur Sache gekommen. Im Januar hatte er sich von seiner langjährigen Freundin getrennt und eine lange Zeit gebraucht, bis er den Kopf für andere Beziehungen wieder frei hatte. Dafür lebte er sich jetzt aus. Sein Rekord waren an einem Abend drei Mädchen, die sich nur um 30 Minuten bei den Besuchen verfehlten. „Das war ganz schön knapp“, erzählte Conny mit breitem Grinsen.

Auch am Mittwoch hatte Conny das Betriebshandy nicht bei sich. „Der Akku ist wohl runter?“, fragte Frank-Peter. Conny nickte. Die Arbeiten waren so gut von der Hand gegangen, dass gegen 16 : 00 Uhr alles geschafft war. Da kam Conny mit der Hiobsbotschaft: „Morgen haben wir keine Arbeit für dich, ich muss auf eine andere Baustelle!“ „Aber am Freitag bleibt es beim Einsatz ab Nachmittag?“, fragte Frank-Peter. Conny tat erstaunt. „Wer hat etwas von Freitag gesagt?“ Frank-Peter hatte von Conny sogar erfahren, wo der Einsatz sein sollte, im Petersbogen in Leipzig. Am ersten Tag in dieser Firma war er vom Chef gefragt worden, ob ein Einsatz an besagtem Freitag am Nachmittag bis zum Abend für Frank-Peter möglich wäre, was Frank-Peter bejahte, was vom Chef mit offensichtlicher Freude aufgenommen wurde. „Am Freitag haben wir für dich auch nichts“, sprach Conny. „Dein Einsatz ist damit heute beendet!“ Frank-Peter hatte das Gefühl, als ob mit verdeckten Karten gespielt wird. Sicher gab es am Folgetag noch Arbeit auf dieser Baustelle, wenn die Lieferung vom Großhandel endlich eintrifft. Dann wäre aber Arbeit für einen und auch nur für begrenzte Zeit möglich. Aus den Äußerungen von Conny den Kontaktpersonen gegenüber vermutete Frank-Peter auch diese Option.

Das kann man ja auch sagen und muss sich nicht hinter anderen Baustellen verstecken. „Was ist mit der Baustelle in Halle?“, wollte Frank-Peter wissen. Derentwegen war er eigentlich angefordert worden. „Die sind so gut wie fertig“, ließ Conny wissen. Die Arbeit auf dieser Baustelle war alles in allem sehr angenehm, auch wenn Frank-Peter mit dem Elektrosteiger, eine akkubetriebene Hebebühne, in acht Meter Höhe direkt vor der Kaltluftdüse Rohre verlegen und Kabel einziehen musste. Die „feineren“ Arbeiten an Datenkabeln waren dagegen fast wie die Arbeit im Büro, aber in der Regel Arbeit auf den Knien. Bis zu diesem Mittwoch kam Frank-Peter abzüglich der drei Stunden aus dem Vorgriff der Vorwoche auf magere 22 Stunden. Damit wird er weder sich noch seine Familie ernähren können. Abzuwarten bleibt, wie der Einsatz für den Donnerstag geregelt werden kann.

Frank-Peter telefonierte mit seiner Chefin, die er erst abends erreichte. Natürlich kam keine Freude auf wegen der unseriösen Abmeldung. Die wäre normalerweise vom Chef zu tätigen. Von diesem hatte seine Chefin aber keine Informationen bekommen. Sie eröffnete Frank-Peter, dass sie gegenwärtig im lokalen Bereich keine Arbeit habe, der Westunternehmer in Buscheck hingegen sich mehrmals pro Woche nach Frank-Peter erkundigt. Wenn sich bis Freitag nichts im lokalen Umfeld auftut, wird wohl eine Überbrückung mit Montage anstehen. Genau das wollte aber Frank-Peter vermeiden. Er rief seinen Freund Werner Lichtblau an, der bei SINNELS arbeitet. Dieser war ebenfalls bei einer Zeitarbeitsfirma beschäftigt und arbeitete bereits seit vielen Jahren bei SINNELS. Voriges Jahr hatte man dort die vermeintliche Wirtschaftskrise genutzt, um sich massiv von Personal zu trennen. Damit das juristisch unanfechtbar wird, hat man zuerst alle Zeitarbeiter entlassen. Werner Lichtblau gehörte dazu. Die Zeitarbeitsfirma, nach deren eigenen Worten die größte in Deutschland, hat ihn, weil er für SINNELS spezialisiert war und auch schon seinen 60. Geburtstag hinter sich hatte, sofort gekündigt. Anschließend hat man bei SINNELS die Festangestellten dezimiert, aber nach Einschätzung von Werner Lichtblau waren fachliche Kriterien keine Entscheidungsoptionen. Nachdem diese Bereinigung erfolgreich über die Bühne gegangen war, wurden die entlassenen spezialisierten Zeitarbeiter wieder reaktiviert, Werner Lichtblau gehörte zu den handverlesenen Spezialisten, die angefordert wurden. Als Werner Lichtblau wieder mit der untersten Tarifeinheit bei SINNELS beginnen sollte, hat sich der Betriebsrat stark gemacht und eine Einstellung mit mindestens 70 % des vergleichbaren Lohnes der Festangestellten verlangt und auch durchgesetzt. In einem Stufenplan sollte es innerhalb von zwei Jahren eine Angleichung auf 100 % geben. Werner Lichtblau brauchte keine Minute angelernt zu werden, wusste, wo und wie er sich in den Betriebsräumen zu bewegen hat und was er zu tun hat. Er hatte davon gehört, dass seine Zeitarbeitsfirma nicht alle Anfragen nach qualifiziertem Personal erfüllen kann. So erhielt Frank-Peter Adresse, Ansprechpartner und Telefonnummer, um diese seiner Chefin mitzuteilen. Ein weiterer Anruf galt seinem früheren Arbeitgeber Hans-Dieter Wermann von kurz nach der Wende. Dort hatte seinerzeit zwar Frank-Peter von sich aus gekündigt, als keine ausreichenden Arbeitsaufgaben mehr vorhanden waren, aber zum damaligen Chef ein gutes Verhältnis behalten. Über Verwandtschaft erfuhr er, dass dieser Hans-Dieter Wermann seine Firma neu ausgerichtet und erweitert hatte und dass er an Frank-Peter Interesse hatte. Schon lange hatte Frank-Peter versucht, Hans-Dieter Wermann telefonisch zu erreichen. Jetzt klappe es und er vereinbarte ein Gespräch für den Sonnabend. Abends erreichte er seine Chefin von der Zeitarbeitsfirma. Er informierte sie zu der schwammigen Abmeldung und auch zu seinen geplanten Aktivitäten. Da im regionalen Bereich Fachkräfte mit seiner Qualifikation nicht gebraucht werden, würde er ab Montag erneut als Müllfahrer in Wölzen arbeiten.

Frank-Peter traf sich mit Günter Hans-Dieter Wermann und dieser zeigte ihm die neu entstehende Produktionsstätte. Frank-Peter war beeindruckt, was sich Hans-Dieter Wermann alles zumutete. Hans-Dieter Wermann suchte gute Leute für den Vertrieb und – obwohl an diesem Tag nicht die Details besprochen worden – entnahm Frank-Peter einigen nebenbei gemachten Äußerungen, dass der Start des Vertriebs auf nebenberuflicher Basis beginnen solle, um bei Eignung und nachhaltigem Erfolg mit einer Selbstständigkeit gekrönt zu werden. Bei einer solchen Andeutung des nebenberuflichen Einstiegs stellte Frank-Peter aber sogleich dar, dass diese Option für ihn nicht möglich sei. Durch die Anstellung bei einer Zeitarbeitsfirma fehle ihm dazu schlichtweg die Zeit. Er ist so von früh bis abends unterwegs. Er wies Hans-Dieter Wermann auf die Möglichkeit hin, ihn bei der Arbeitszeitfirma zu buchen. Was Frank-Peter dann am Ende für Tätigkeiten ausübt, kann ja der Chefin von Frank-Peter egal sein. Frank-Peter bekam eine Menge Unterlagen mit, um sich mit den Produkten von Hans-Dieter vertraut zu machen. „Der Vertrieb funktioniert nur, wenn man sich mit den Produkten identifiziert“, sprach Hans-Dieter Wermann. Seiner Chefin berichtete er, dass in dem Gespräch positive Ansatzpunkte erkennbar waren, die Firma unter anderem produziere Schaltschränke (was auch tatsächlich der Fall war). Durch den Ortswechsel der Firma wäre aber mit einem eventuellen Erfordernis für Zeitarbeiter nicht vor einem viertel Jahr zu rechnen.




7. Wieder beim Entsorger


Der Montag war einer der wärmsten Tage des Jahrhunderts, wenn man den Nachrichten glauben schenkte und Frank-Peter war wieder beim Entsorger. Bei über 37° C warnten Radiostationen vor körperlicher Belastung. Das einzige, was Frank-Peter beim einsammeln der gelben Säcke zu seiner Sicherheit machen konnte, war einen Schritt langsamer zu arbeiten. Zwei Flaschen Wasser durfte er früh von der Entsorgerfirma entgegennehmen, eine weitere und eine Thermoskanne Tee waren schon in seinem Rucksack. Trotzdem musste er Mike nachmittags bitten, einen Supermarkt anzufahren, damit er sich zwei weitere Flaschen mit Getränken kaufen kann. Mike, etwa 25 Jahre und 1,95 Meter groß, kam mit der Hitze in der klimatisierten Fahrerkabine gut zurecht, auch wenn er die Klimaanlage nur auf einen moderaten Wert eingestellt hatte um sich nicht zu erkälten. Frank-Peter konnte wählen, ob er mit Jacke einen Hitzschlag riskiert oder ohne Jacke einen deftigen Sonnenbrand an Oberarmen und Hals. Er riskierte letzteres. Die Arbeit ging wirklich bis an die physische Leistungsgrenze. Die erste Pause gab es 9 : 00 Uhr bei einem kleinen Imbiss, die nächste kurze Pause 11 : 00 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt waren die Temperaturen bereits bei über 35° C angelangt. Anders als bei seiner ersten Fahrt mit Christian half Mike sehr wenig. Es waren auch nicht so viele solcher Sammelschwerpunkte, wo das unbedingt Sinn gemacht hätte, obwohl ein bisschen mehr Unterstützung kollegialer gewesen wäre. Aber Frank-Peter war nun mal der Leiharbeiter, der die Drecksarbeit zu machen hatte. Die Tour begann in Großbernhardsdorf, dem Wohnort von Mike, ging über Kleinbernhardsdorf, Teile von Gomma nach Nerchen. Als Frank-Peter 16 : 00 Uhr glaubte, die Schicht wäre gelaufen, fuhren sie noch nach Kussmark, um dem dortigen Kollegen zur Hilfe zu kommen. „Das muss aber der Alte nicht wissen“, sagte Mike auf der Fahrt. „Das Auto des Kollegen hat so einen blöden Trommelcontainer und wenn dort sehr viel geladen worden ist, schaltet sich die Technik ab. Und nur wegen eines einzigen Straßenzuges erst entleeren fahren und danach den Rest einsammeln, ist Scheiße.“ Die Extrembelastung, die Frank-Peter an diesem Tag bereits absolvieren musste, interessierte den jungen Fahrer nicht.

Mike hatte in der Landwirtschaft gelernt. Als er mit der Lehre fertig war – er fuhr alle großen Fahrzeuge, half bei der Bullenzucht, schor die Schafe – wurde er entlassen. „Deine Kolchose wäre mit dir pleite gegangen, du hast zu viel verdient“, witzelte Frank-Peter, erntete aber nur einen mitleidigen Blick. „Das nimmt sich nicht viel, der Verdienst in der Landwirtschaft und hier!“ Seine Arbeit dort wird aktuell von den Lehrlingen gemacht, aber die heißen jetzt Auszubildende. Einige Trainingsmaßnahmen später, die nichts brachten außer die Statistik zu schönen und nach zwei Monaten beim Straßenbau ist Mike seit zwei Jahren „befristet“ beim Entsorger beschäftigt. Seine befristete Anstellung wurde bereits zweimal verlängert. „Warum bist du noch hier und nicht im Westen?“, fragte Frank-Peter. „Es können doch nicht alle weggehen!“ war die Antwort. Mike war in der freiwilligen Feuerwehr und hatte eine Freundin, die beim Amtsgericht in Gomma arbeitete. Als sie dort ganz langsam vorbeifuhren, hupte Mike. Frank-Peter erfuhr, dass die Festangestellten beim Entsorger ein dreizehntes Monatsgehalt bekamen, das den kargen Verdienst etwas relativierte. Die Zeitarbeiter bekamen solche Zuwendungen eben so wenig wie die volle Auszahlung der geleisteten Stunden. Erst wenn das (Über-)Stundenkonto voll ist, beginnt die komplette Auszahlung.

Frank-Peter ging es nicht um die schwere Arbeit, obwohl jemand Ende der Fünfzig seinen Körper damit keinen Gefallen tut, schon gar nicht bei diesem Wetter. Ihm ging es um die sklavenähnliche Vergütung und die unsozialen Arbeitsbedingungen. „Das ist doch nicht das Ende deiner Karriere?“, fragte er Mike. „Was willst du machen“, antwortete dieser, „du bekommst einfach keinen andere Arbeit und schon gar keine mit ordentlicher Bezahlung. Solche guten Stellen werden doch nur vererbt.“ „Komisch, du wirst wohl mit deinen jetzt jungen Jahren im Alter keine Rente mehr bekommen, aber womit zahlst du etwas für deine eigene Vorsorge ein? Vielleicht solltest du Hartz IV-Aufstockung für einen Rentenfond beantragen!“ Mike nickte stumm. Eigentlich war Frank-Peter die ganze Woche beim Entsorger eingeplant. Während seines Aufenthaltes am hinteren Tritt des Fahrzeugs, das etwas moderner als das der ersten Fahrt war und ihn nicht mehr zum einatmen der stickigen Luft aus dem Container zwang, erhielt er einen Anruf, dass er am nächsten Tag in Leipzig arbeiten würde und vor der Heimfahrt zurück rufen möchte. So erfuhr Frank-Peter, dass er in unmittelbarer Nähe seiner Wohnung als Vertretung für einen erkrankten Mitarbeiter der Zeitarbeitsfirma zu Einsatz kommen soll. Zum Glück für Frank-Peter, denn einen weiteren Tag beim Entsorger hätten die schmerzhaften Verspannungen im Schulterbereich nur schlecht verkraftet.




8. Historie - Aufbauhilfe West


Vor einigen Tagen bekam Frank-Peter einen Anruf von Woitek, seinem langjährigen Arbeitskollegen aus der Zeit, als er bei Friedrich Rübner aus Jacobstädt in Bad Elbis-Solbach und in Bad Kaiser beschäftigt war. Woitek war „der letzte Mohikaner“, der letzte aus der alten Truppe, die noch bei Friedrich Rübner angestellt waren. Bisher war Friedrich Rübner immer noch auf Woitek angewiesen, weil er bei seinen Geschäften mit Polen auf einen zuverlässigen Dolmetscher angewiesen war. Nun war ihm gekündigt worden, weil er sich geweigert hatte, an einem Freitag nach der regulären Arbeit gegen 20 : 00 Uhr auf einen Anruf hin die 70 km zu Friedrich Rübner zu fahren und Parkett zu laden. Woitek war Pole, genauer noch, er war Schlesier. Schlesier erhielten früher problemlos die deutsche Staatsbürgerschaft und so war erst sein Bruder, dann Woitek in die Bundesrepublik gekommen, um hier ihr Glück zu suchen. Friedrich Rübner war Geschäftsmann durch und durch. Nach der Wende hatte er als „Wessi“ keine Probleme, eine größere Anzahl Immobilien in Leipzig zu erwerben. Das Geld dazu, so erfuhr Frank-Peter von Woitek, hat Friedrich Rübner, der eine Fluglizenz hatte und früher auch ein kleines Flugzeug, mit Goldschmuggel aus der Türkei beschafft. Kurz vor der Landung in Frankfurt hat er das Gold über einem Waldstück abgeworfen, wo schon ein Mittelsmann wartete, um es bei Zollkontrollen nicht verzollen zu müssen. Diese Geschichte hatte Friedrich Rübner Woitek nach einigen Gläsern Bier und Schnaps prahlerisch erzählt. Auch zweifelhafte Immobiliengeschäfte in verschiedenen bundesdeutschen Orten mehrten seinen Reichtum. Außerdem hatte Friedrich Rübner in der Zeit der Ölkrise große, Sprit schluckende Autos billig aufgekauft und mit hohem Gewinn nach Ägypten weiter verkauft. Seine damalige Frau, die als „Königin Mutter“ ein Quartier in dem von Friedrich Rübners Tochter Katrin Rübner betriebenen Seniorenheim bezogen hatte, musste die Fahrten bis zum Hafen Rotterdam übernehmen und dann mit dem Stapel Bargeld in der Tasche per Zug die Heimreise antreten. „Königin Mutter“ erzählte Frank-Peter diese und andere Geschichten, als er diese bei einer seiner Heimfahrten nach Leipzig zu einer weiteren, in Leipzig wohnenden Tochter Sonja mitnahm. In Leipzig fand Friedrich Rübner eine Baufirma, die aus dem ehemaligen Baukombinat hervorgegangen war und mit dem nun problemlos beschaffbaren Material die Sanierung von Häusern auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Gustav, der Firmenchef, war früher im Baukombinat Parteisekretär. Friedrich Rübner überredete Gustav, dass dieser mit seinen Ortskenntnissen und den fachlichen Voraussetzungen und Friedrich Rübner mit dem Geld zusammen firmieren können. Damit Gustav nicht das Gefühl hat, überrannt zu werden, solle er als geschäftsführender Gesellschafter die Geschicke der Firma in der Hand behalten. Ein guter Freund von Friedrich Rübner richtete sich in einem der ersten teilsanierten Häuser in der Karl-Egner-Straße ein, welches Friedrich Rübner gehörte. Er sollte den Verkauf der sanierten Immobilien übernehmen. Dieser Freund machte angeblich aus dem 170 m


 Büro eine Art Bordell, lebte gut und teuer und wusste garantiert nicht, wie man Immobilien an den Mann bringt. Es kam, was kommen musste, die Firma von Gustav ging Pleite. Gustav haftete nun mit seinem Privatvermögen für die Verluste, während Friedrich Rübner den größten Teil seiner Häuser zum Nulltarif saniert bekommen hatte. Vielleicht deshalb haben dann vermutlich geprellte Handwerker dieses Haus in der Karl-Egner-Straße angezündet. Noch heute kündet weithin sichtbar der stehen gebliebene Giebel an der denkmalgeschützten Fassade von dem einst stolzen Gründerzeitgebäude.






Abgebranntes Haus in der Karl-Egner-Straße

Es hört sich abenteuerlich an, wie Frank-Peter zu Friedrich Rübner und dessen Konglomerat von Firmen kam. Frank-Peter hörte im Jahre 2004 nach langer Arbeitslosigkeit durch Vermittlung des Sohnes einer Arbeitskollegin seiner Frau, Patrik Steude, von einer Arbeitsstelle in Bad Elbis-Solbach und wagte das Abenteuer. Nur allein mit dessen Zusage, dass Elektriker gebraucht würden, packte er eine Reisetasche und sicherte sich eine Mitfahrt in der zu diesem Zeitpunkt noch existierenden Fahrgemeinschaft. Patrik Steude hatte auch eine Schlafgelegenheit organisiert. Frank-Peter wusste zu diesem Zeitpunkt weder sicher, ob es eine Einstellung geben würde, noch zu welchen Konditionen. Auch seine Arbeitskleidung entsprach nicht den heutigen Normen, eine Niethose und abgeschriebene Lederschuhe mussten fürs erste herhalten. Er hatte zwar Elektriker gelernt und mehr als einmal in den letzten Firmen in diesem Fach mitgearbeitet, aber die vielen neuen Bauteile und die teilweise neuen Technologien waren ihm noch nicht geläufig. Dass es nur kurze Zeit dauert bis man dieses Wissen aufholt, sollte sich später herausstellen. Abends im Dunklen kam man in dem Objekt an. In den spärlich beleuchteten Gängen wirkte alles gespenstig. Patrik Steude zeigte Frank-Peter seine Schlafgelegenheit. Am Morgen begann Frank-Peter wie alle anderen 7 : 00 Uhr mit seiner damals unvollkommenen Arbeitskleidung bei den „alten“ Elektrikern und meldete sich dann 9 : 00 Uhr im Büro bei Veronika, der dritten Tochter von Friedrich Rübner. Nur 8,50 Euro kann man ihm zahlen, verkündete Veronika, die ein bildhübsches Gesicht hatte. Unterkunft und Verpflegung waren kostenlos. Arbeitszeit ist von 7 : 00 Uhr bis 18 : 00 Uhr täglich zehn Stunden, weil die Pausen heraus gerechnet werden. Gern kann man auch danach noch länger arbeiten. Die Wochenenden werden durchgearbeitet, damit man in der zweiten Woche am Donnerstag nach der Arbeit die Heimreise antreten kann. Die Rückfahrt war ohnehin nicht möglich, er war auf die Fahrgemeinschaft angewiesen und so sagte Frank-Peter zu, wohl wissend, dass alle anderen vor ihm einen höheren Stundenlohn bekommen hatten. Zwei Tage später kreuzte auch der Bauleiter Werner Adler auf. Die Elektriker hatten eine Sonderstellung, sie unterstanden nicht dem Bauleiter, sondern wurden vom Elektriker Gerhard Lochmann in die Arbeiten eingeteilt, einem ortsansässigen „Wessi“. Nach kurzer Zeit bemerkte er wohl, dass Frank-Peter gewissenhaft und schnell arbeitet und zog sich selbst mehr und mehr aus der aktiven Arbeit zurück. Er verbrachte immer mehr Zeit im Hausmeisterbüro bei Kaffee und Kuchen, den er durch seine guten Kontakte mit der Küche immer in ausreichender Menge bekam. Zudem glich dieses Hausmeisterbüro eher einer Kneipe, denn zusammen mit Rudolf Hausmann, dem damaligen Lebensgefährten der Chefin qualmten beide um die Wette. War Friedrich Rübner im Haus, schloss er sich auch schon mal im Hausmeisterbüro ein, damit er beim Nichtstun nicht auch noch erwischt werden würde. Als Gerhard Lochmann wegen einer Gallenoperation und einigen Komplikationen danach für längere Zeit ausfiel, übernahm Frank-Peter den Elektropart der Baustelle. Weil Friedrich Rübner die Elektrofirma, die das ursprüngliche Objekt gewartet hatte zu teuer war und er mit eigenen billigen Fachkräften vor allem aus dem Osten weit günstiger arbeitete, hatte er die Zusammenarbeit aufgekündigt. Daraufhin beseitigte die alte Elektrofirma alle Unterlagen der vielen im Haus verteilten Schaltschränke. So war es vor allem in einem der beiden zusammenhängenden Häuser oft ein Glückspiel, Fehler zu suchen und neue Komponenten, etwa die elektrischen Türöffner einzubauen und in Betrieb zu nehmen. Werner Adler, der Bauleiter, zwei Jahre älter als Frank-Peter, machte mit goldenem Kettchen und zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren auf sich aufmerksam. Der frühere Jugendbrigadier des Baukombinates Karl-Marx-Stadt4 machte rein äußerlich nicht den Eindruck, dass er auf einer Baustelle seinen Lebensunterhalt verdient. Den Zuhälter würde man ihm indes bedenkenlos abnehmen. Aber das sind nur Äußerlichkeiten, nach denen man sich nicht richten soll, obgleich die Verhaltensweise von Werner Adler eine objektive Beurteilung schwer machte. Nach und nach sickerten erst Gerüchte, später sichere Informationen zu dessen Beziehungen mit Krankenschwestern durch, denn das Bauobjekt war bereits zum Teil mit dem Haus eins fertig und in Betrieb. Immer wenn eine Etage in diesem Haus zwei fertig wurde, bekam es kurz danach bereits Bewohner. In einem anderen Objekt von Friedrich Rübner, in Bad Kaiser, welches Frank-Peter später auch noch kennen lernte und die gesamte Elektrik einer in der Nähe befindlichen Baustelle plante und selbst installierte, hatte Werner Adler auch noch eine feste Beziehung. Immer, wenn diese Beziehungen offenkundig wurden, verloren die jeweiligen Krankenschwestern ihren Job. Als Bauleiter nahm er sich allerhand Freiheiten heraus. Während für alle anderen 18 : 00 Uhr Feierabend war, kam Werner Adler dann schon frisch geduscht aus seinem Quartier, dass er mit niemanden teilen musste. Da Werner auch ein Zimmer in Bad Kaiser hatte, kam er an den Montagen der Anreise auch nicht immer pünktlich, seine wöchentliche Abreise war in der Regel Donnerstag. Sehr viel später konnte Frank-Peter auch selbst sehen, dass Werners Stundeabrechnung all diese Fehlzeiten ausließen und selbst Wochenenden mit Stunden abgerechnet wurden, an denen Werner weit von den Baustellen entfernt war.

Das Objekt in Bad Elbis-Solbach hatte schon beachtliche Dimensionen. Eines Tages sollten an den Enden der Korridore die Heizungen neben den schmalen Türen an die Seite versetzt werden, damit ausreichend breite Fluchttüren eingebaut werden konnten. Zuerst wurden die Heizungen an die Seite verlegt, aber aus einem unerklärlichen Grund blieben jedoch die schmalen Türen. Werner erzählte unter dem Mantel der Verschwiegenheit, dass der Gutachter auf Friedrich Rübners Kosten drei Wochen Urlaub auf Mallorca verleben durfte, wo ihm alle Unkosten beglichen wurden. Im Gegenzug hat er alle Gutachten blanko unterschrieben. Das Gleiche traf auch für das gesamte Haus zu. Werner erzählte, dass am Anfang der Baumaßnahmen des als Kurhotel geplanten, aber nie in Betrieb gegangenen Hauses eine Entkernung erfolgte, wo auch jede Menge tragende Wände entfernt wurden. Bei eine kräftigen Sturm hätte alles wie ein Kartenhaus zusammenfallen können. Nun sind aber wieder ausreichend Wände eingebaut, die das Haus stabilisieren. Als Friedrich Rübners Tochter Katrin eine 14-tägige Urlaubsreise in die USA antreten wollte, holten sie Gerhard Lochmann und Frank-Peter, um die Elektroarbeiten in ihrem Wohnbereich abzusprechen. Katja hatte eine etwa 300 m


 Wohnung auf den Dach des Hauses, die weder über einen eigenen Stromzähler noch über eine Wasseruhr verfügte. Katrin äußerte ihre Wünsche – und – dass nach dem Urlaub alles fertig sein sollte. Aus diesem Wunsch nach vierzehn Tagen Arbeit wurden Monate, die gesamte Wohnung wurde total umgebaut. Es war Frank-Peters erste Bewährungsprobe, denn alle elektrischen Arbeiten hatte er allein zu machen. In notwendigen Arbeitspausen im elektrischen Bereich half er bei der Parkettverlegung oder auch beim Trockenbau. Am Ende waren es mehr als 120 Lichtschalter und Steckdosen und mehrere tausend Meter Elektrokabel, die die edel sanierte Wohnung verschlang. Hinzu kam noch, dass die Brandmeldeanlage auch diesen Bereich des Hauses sichern musste. Die Brandmeldeanlage hatte Frank-Peter von Anbeginn als Einziger verlegt und installiert. Nur für die Inbetriebnahme und Programmierung erschien eine Spezialfirma. Selbst die Berechnung der erforderlichen Menge an Brandmeldern im großen Speiseraum überließ man Frank-Peter, der zu Hause mithilfe eines Computerprogramms ein Maßbild für die Standorte der Brandmelder erstellte. An manchen Tagen arbeitet Frank-Peter die vollen zehn Stunden auf der Leiter stehend in den Korridoren, um Komponenten der Brandmeldeanlage zu installieren oder auch den Schwesternruf zu installieren. Heftige Krämpfe in den Beinen und den Armen meldeten sich hier in den Nächten zum ersten Mal und brachten endlose schlaflose Stunden. Außerdem war er einer der wenigen, die zum Feierabend am Abend nicht sagen konnten, ob es draußen geregnet oder bereits geschneit hat. Ein anderer Elektriker, auch aus der Nähe von Leipzig, hatte Friedrich Rübner vorgerechnet, dass sich für ihn Überstunden nicht rechnen. Mit den Überstunden komme er in eine neue Steuerklasse und hat von 100 Euro Bruttolohnerhöhung aufgrund der Überstunden weniger als 20 Euro Netto für sich. Nach vierzehn Tagen war dieser Elektriker entlassen worden. Peter, der einzige „Wessi“, der eigenartigerweise mit der Ex vom Elektriker Gerhard Lochmann liiert war, rief eines Tages Friedrich Rübner an und erklärte ihm, dass er einige der geplanten Arbeiten nicht machen kann, ihm fehle das Fachwissen dafür. Peter war kein gelernter Elektriker, hatte sich aber gut eingearbeitet. Solange ihm jemand sagte, was zu machen sei, ging auch alles gut. Als Gerhard Lochmann dann krankheitsbedingt ausfiel, gab es niemand mehr, der ihm die Aufgaben zuwies. Auch Peter hatte noch vierzehn Tage, die er wegen anteiligen Urlaubs aber komplett der Firma fern blieb. Immer wenn Arbeiten abgeschlossen waren, wurden die jeweiligen Fachleute entlassen. Damit keine Ansprüche auf Abfindung entstehen können, wurden die Leute von Friedrich Rübner alle drei Jahre in eine andere seiner vielen Firmen umgesetzt. Einmal kam sogar das Gerücht auf, dass die „neue“ Firma dem Vernehmen nach eine Baufirma sei und damit die Anstellung nicht mehr im Baunebengewerke, sondern im Bauhauptgewerke mit den dort verbindlichen Tarifstrukturen erfolge. Ein Irrtum, denn die neue Firma war ebenso wieder eine Immobilien- und Gartenfirma, am Verdienst änderte sich nichts. Zu Gute halten muss man aber, dass es den Lohn immer pünktlich gab. Auch das soll heute in Deutschland nicht mehr durchweg passieren.

Überhaupt mutete am Anfang die Baustelle in Bad Elbis-Solbach wie aus dem vorigen Jahrhundert an. Es schien nicht nur so, als wären die Quartiere mitten auf der Baustelle, sie waren es! Nur in manchen amerikanischen Filmen hatte Frank-Peter ähnliche Kulissen gesehen.






Ein Leben auf der Baustelle, provisorische Türen zu den Schlafgelegenheiten

Erstaunlicherweise hatte Friedrich Rübner immer rechtzeitig Hinweise erhalten, wenn ihm vermutlich von gekündigten Mitarbeitern der Zoll auf die Baustelle geschickt wurde. Er ließ dann die Polen, die seit Jahren als Schwarzarbeiter bei ihm malochten, „verschwinden“. Die Vorwarnzeiten wurden immer kürzer und Friedrich Rübner drohte dem Rest der Mannschaft, die Baustelle zu schließen. Wenn abends noch Einkäufe getätigt werden mussten, gab es immer welche, die für die Polen, die die Spitznahmen Lolek und Bolek erhielten, vor allem Bier mitbrachten. Diese wollten die preiswerteste Sorte, der Kasten solcherart Bier kostete 5,95 Euro. Frank-Peter hat es auch probiert. Ab dem zehnten Bier war es halbwegs genießbar.

Der Geschäftssinn von Friedrich Rübner war ungebrochen. Durch Kontakte seiner polnischen Schwarzarbeiter erhielt Friedrich Rübner Zugang zu einer polnischen Firma nahe der ukrainischen Grenze, die Parkett herstellt. Bei den Fahrten dahin war stets Woitek als Dolmetscher mit dabei. Die Lebensgefährtin von Friedrich Rübner, eine ehemalige Busunternehmerin, verfügte mit den Busgaragen noch über immensen Lagerraum und Friedrich Rübner kaufte Parkett. Wenn er den kompletten Sattelzug mit Parkett für 30.000 Euro abnimmt, kostet der Quadratmeter Friedrich Rübner nur etwa sieben Euro. In zwei Monaten luden in der Regel drei Sattelzüge Parkett ab, wusste Woitek zu berichten. Über ebay wurde das Parkett zu Preisen von 17 Euro bis 24 Euro angeboten, die preiswerteste Art der Anzeige, wie Friedrich Rübner bekannte. Im Gegensatz zu den lokal erscheinenden Presseerzeugnissen konnte er so europaweit für seine Waren werben, das auch noch zeitlich unbefristet. Da er ganz akkurat bei ebay auch angab, dass er als Firma tätig ist, Telefonnummer und Adresse angab, braucht es nicht zu wundern, dass nach 3 Jahren nur etwa 100 Bewertungen auf seinem ebay-Konto registriert waren. Jeder ernsthafte Kunde wird bei seiner Kaufentscheidung nicht die anonyme Bestellung bei ebay nutzen, sondern erst einmal eine telefonische Anfrage, eventuell eine Musterbegutachtung vornehmen. Ist hier eine Gesetzeslücke oder ist Friedrich Rübner nur besonders clever? Die Polen wurden bei den Parkettverkäufen stets als Fachleute mit angeboten, weil Friedrich Rübner sonst keine Garantie gewähren könne. Als Frank-Peter davon erfuhr, rechnete er nach und kam auf die Summe von monatlich über 100.000 Euro Schwarzgeld, das Friedrich Rübner auf diese Art und Weise einnahm. Schließlich war das Risiko von Schwarzarbeit zu hoch geworden und die Polen mussten sich selbstständig machen. Dazu wusste Woitek, der mit seinen Landsleuten einen guten Kontakt pflegte, eine unglaubliche Geschichte, die er Frank-Peter erzählte: „Frank-Peter, du wirst es nicht glauben, aber Lolek ist mit seinem Start als Selbstständiger mit Friedrich Rübner zur Bank, um sich ein Konto einzurichten. Er kennt allerdings weder die Kontonummer, noch hat er eine EC-Karte, die hat ihm Friedrich Rübner gleich abgenommen. Dafür ist der Alte aber kontoberechtigt. Lolek und Bolek bekommen jetzt pro Stunde je sechs Euro netto.“

„Für sechs Euro kann doch ein Selbstständiger niemals arbeiten“, entgegnete Frank-Peter. Woitek nickte und fuhr fort: „Lolek hat wegen der Steuer und der mögliche Rückerstattung beim Alten nachgefragte, weil dieser die Steuererklärung und den gesamten Schreibkram für die beiden macht und bekam zur Antwort, dass etwa im Mai die Unterlagen (zum abheften5) kommen werden. Lolek hat aber niemals die Steuererklärung unterschrieben. Gute Freunde des Alten6 haben erzählt, dass dieser sich über die beiden Polen beschwerte. Sie arbeiten nicht mehr so wie früher“ – 12 … 14 Stunden pro Tag hat Frank-Peter selbst beobachtet – „und sie werden zunehmend aufmüpfig. Damit kann nur die Frage von Lolek nach der Steuerrückerstattung gemeint sein. Auf diese Firma zugelassen ist ein kleiner Lieferwagen, Sprit und alles, was mit diesem zusammenhängt, zahlt der Alte.“ Die Vermutung liegt natürlich sehr nahe, dass Friedrich Rübner mit diesem Konto seine Einnahmen aus dem Internet-Parketthandel verschleiert. Im Falle eines Falles wird er natürlich von allem nichts wissen und den beiden Brüdern die Arschkarte zuspielen. Sklaverei der modernen Art!

Das Holz für das Parkett wird mit organisierter Kriminalität in der Ukraine gestohlen, wusste Woitek weiter zu berichten. Bei der Einfuhr nach Polen gibt es ordentlich deklarierte Papiere. Bringt der Fahrer seinen Teil der Papiere dann zum Grenzer zurück, werden die kompletten Papiere dieser Einfuhr vernichtet und der Fahrer, sowie der Grenzer erhalten ihren Anteil am Gewinn. Einmal sollen auch radioaktiv verseuchte Bäume aus der Umgebung von Tschernobyl verarbeitet worden sein. Für dieses verstrahlte Parkett gab es in Polen keine Abnehmer. Friedrich Rübner kaufte den gesamten Posten. Wer weiß, bei wem jetzt die Filme immer schon belichtet sind, wenn sie in einen Fotoapparat einlegt werden – aber jetzt gibt es ohnehin Digitalfotoapparate.

Als ein riesiges altes Villengrundstück in Bad Kaiser, das Friedrich Rübner zu äußerst günstigen Konditionen erworben hatte, in sechs Eigentumswohnungen umgebaut werden sollte, wurde Frank-Peter gefragt, ob er sich diese Arbeit zutraue. Da er inzwischen genügend Erfahrungen gesammelt hatte, sagte er zu und hatte ab sofort eine über 100 km weitere Fahrstrecke. Das Quartier wurde in der Nähe der Baustelle in einem Pflegeheim von Friedrich Rübner, welches er verpachtet hatte, unter dem Dach aufgeschlagen. Nach einem Aufstieg über eine Aluleiter – die Klapptreppe war Jahre zuvor von besoffenen Bauleuten gekillt worden – war erst einmal in gebückter Körperhaltung so lange zu „gehen“, bis die ansteigende Dachschräge einen aufrechten Gang ermöglichte. Besonders wenn am Sonntag die Anreise mit der gefüllten Reisetasche erfolgte, war es schon ein akrobatischer Akt, die Stiege zu erklimmen.






Aufstieg ins Quartier

Schlafstätten musste man sich erst selber bauen, auf große Holzklötzer gestellte Lattenroste. Gemessen an den Polen, die bei der Parkettverlegung oft nur auf alten Matratzen schlafen, die sie auf das Parkett legen, dass sie tagsüber verlegen, und mit den Lösungsmitteldämpfen des Parkettklebers in ein Koma fallen, waren es luxuriöse Bedingungen. Werner Adler war mit kollabierendem Blutdruck für längere Zeit ausgefallen und so übernahm Sven Bachmann die Baustelle. Sven Bachmann war mit seinen Eltern Anfang der neunziger Jahre in den Westen gekommen und hatte Klempner gelernt.






Frank-Peters Quartier mit dem Selbstbaubett

Ahnung hatte er nicht, Kompetenz auch nicht, aber er wusste sich bei Friedrich Rübner in einer Weise wichtig zu machen, dass es schon regelrecht penetrant war. Friedrich Rübner hatte einen Narren in Sven Bachmann gefressen. Wie schon früher mit Werner Adler auf deren gemeinsamen Fahrten von Bad Elbis-Solbach nach Bad Kaiser, wo beide wohnten, hatte sich Sven Bachmann Werners großzügige Stundenabrechnung angewöhnt. Da er diese Unterlagen immer Friedrich Rübner persönlich gab, war es den anderen Beschäftigten auf der Baustelle auch lange Zeit nicht bekannt, wie unverfroren betrogen wurde. Natürlich macht jeder einmal einen Fehler und auch Sven Bachmann. Er vergaß seinen Stundezettel auf der Baustelle, ebenso Werner, als er nach einer Kur wieder die Führung übernahm. Werner rechnete 220 Stunden im Monat ab, war jedoch nach Frank-Peters Übersicht weniger als 150 Stunden auf der Baustelle.






Werners Adlers Stundenzettel

Die bei der Entkernung der Villa demontierten Kupferkabel machten ebenfalls diese Beiden zu barer Münze und spendierten dem Rest der Truppe einmal ein Päckchen Kaffee. Auch hier verplapperte sich Sven Bachmann und die tatsächlichen Einnahmen von mehreren hundert Euro wurden bekannt. Das Husarenstück der beiden war jedoch, dass sie auf Friedrich Rübners Kosten Dachabdeckung besorgten und einer Oma, die ein Haus gegenüber der Baustelle hatte, die Nebengebäude neu bedachten. Immer in der Mittagspause, wenn die anderen drei der Truppe rund 5 km in das von Friedrich Rübner verpachtete Pflegeheim fuhren, wo sie kostenfrei beköstigt wurden, waren die beiden fleißig. Werner Adler richtete sich in einer der Wohnungen, die aus dem Zimmerverbund der Villa gebaut wurden, eine Bastelstube und eine Pflanzaufzucht ein. Er hatte die Räumlichkeit mit Bedacht ausgesucht. Eine kleine Treppe führte in ein Obergeschoß. Mit Fenstern nach allen Seiten hatte Werner „seine“ Leute stets im Blick und sah auch rechtzeitig, wenn Friedrich Rübner aufkreuzte. Dort bastelte er Gestecke für Weihnachten oder renovierte alte Möbel. Für seine Pflanzaufzucht baute Werner extra einen Tisch und regelte die Elektroheizung auf Maximum.






Werner Adlers „Bastelecke“






… und seine Pflanzenzucht






Dafür muss kräftig geheizt werden

Alle Dinge, die auf der Baustelle falsch liefen, waren zum Glück nicht Frank-Peter zuzuordnen, er war ernsthafter und bemühte sich, Qualitätsarbeit zu leisten. Sven Bachmann hat sich vom Fachhändler sauteure „reflektierende“ Folie aufschwatzen lassen, die unter den Estrich kommt um die Wärme der Fußbodenheizung nicht nach unten in den Keller verschwinden zu lassen. Wie soll das im Dunklen mitten im Beton funktionieren? Das Ergebnis sah so aus, dass nach Zuschalten der elektrischen Fußbodenheizung vierzehn Tage lang nichts passierte. Zumindest nicht in der Wohnung. Dafür war die Kellerdecke richtig handwarm. Frank-Peter kontrollierte jeden Tag die Zählerstände, trug die Daten in den Computer ein wenn er an den Wochenenden zu Hause war und errechnete, dass die größte der so entstandenen Wohnungen pro Monat bei voller Heizung über fünfhundert Euro Stromkosten verbraucht. Da ist noch keine Lampe an, kein Liter Wasser zum Duschen erwärmt und kein elektrisches Gerät angeschaltet. Erst sehr viel später, als Frank-Peter nicht mehr auf dieser Baustelle war, soll die Kellerdecke isoliert worden sein. Eines Tages wurden Kupferbleche geliefert. Werner Adler und Sven Bachmann machten eine alte Blechbiegemaschine wieder flott und bauten aus den Kupferblechen eine Wanne, die mittig zwischen zwei Dächer als Dachrinne eingebaut wurde. Sven Bachmanns Fachkenntnisse beim Löten reichten nur, um das Blei-Zinn-Gemisch flüssig zu machen und es auf die Kupferbleche laufen zu lassen. Mit Löten hatte das nichts zu tun. So verwunderte es nicht, dass das erste Regenwasser einen Weg durch die verunstalteten Kupferbleche direkt in die darunter liegenden Wohnungen fand. Im Ergebnis dieses niederschmetternden Resultats wurde Dachpappe auf die Kupferbleche geklebt! Man hätte so auch verzinktes Blech nehmen und dieses mit Euroscheinen bekleben können. Das hätte die gleichen Kosten verursacht, wäre aber schneller gegangen.











Vom „Spezialisten“ gelötet

Das riesige Grundstück diente zwischendurch als Müllhalde für allerlei Sachen. Darunter auch für ausrangierte Bleiakkus, die aus einer demontierten Notbeleuchtungsanlage aus Bad Elbis-Solbach stammten. Sie wurden vom LKW einfach abgekippt und erhielten dadurch Risse in den Gehäusen. Ein halbes Jahr später war die Akkusäure weg. Wo diese Akkus letztlich abgeblieben sind, konnte Frank-Peter auch nicht in Erfahrung bringen.






Im freien gelagerte defekte Bleiakkus

Eine Überraschung erlebte Frank-Peter trotzdem mit „seiner“ Elektrik. Ab und zu hatten ihm Kollegen, auch Sven Bachmann schon einmal zur Hand gehen müssen. Sven Bachmann wurde mit seinen „Gynäkologenhänden“ gebraucht, wenn Kabel in den Wänden des Trockenbaus gesucht werden musste. Er konnte seine Arme bis zu den Ellenbogen in die ausgesägten Löcher stecken, wo Frank-Peter nicht einmal mit der Hand hinein kam. Frank-Peter und der Fliesenleger sollten ganz schnell mal für drei Tage nach Leipzig, wo eine ehemalige Apotheke in einem von Friedrich Rübners Häusern zu einer Tierarztpraxis umgebaut werden sollte. Aus diesen drei Tagen wurden geschlagene drei Monate. Sven Bachmann sollte in dieser Zeit die Elektrokabel für die Beleuchtung des mit 80 m


 größten Wohnzimmers in die Decke einbringen, damit die Trockenbauarbeiten abgeschlossen werden können. Frank-Peter gab dazu die erforderlichen Eckdaten und schärfte Sven Bachmann ein, die Lampenauslässe sinnvoll anzuordnen, wie er es von einer eigenen Wohnung auch erwarten würde. Als Frank-Peter nach drei Monaten wieder auf dieser Baustelle aufkreuzte, sah er die Bescherung. Sven Bachmann hatte das absolute Maximum der abgesprochenen Eckdaten installiert: zweiundzwanzig Lampenauslässe mit einundzwanzig verschiedenen Schaltmöglichkeiten! Und das in einem Wohnzimmer. Die Aufregung war natürlich groß. Die Beschaffenheit der Decke ließ keine Entfernung von Kabeln zu. Stundenlang saß Frank-Peter am Computer, den er inzwischen mit in sein Quartier genommen hatte, um eine sinnvolle Zusammenstellung der mit jeweils einem Schalter zu steuernden Lampen zu finden und auch in der Perspektive Änderungen zuzulassen. Im Ergebnis dieser Überlegungen musste Frank-Peter eine weitere Unterverteilung einbauen, die ausschließlich für die Verwaltung der Wohnzimmerbeleuchtung zuständig war. Welch Aufwand durch die Fehleinschätzung des „gesunden Menschenverstandes“ von Sven Bachmann durch Frank-Peter. Übrigens gab es für die Arbeit an der Tierarztpraxis in Leipzig bei den in den alten Bundesländern angestellten Bauarbeitern keine Auslöse. Die kostenlose Verpflegung und Unterkunft, die als Bestandteil des relativ niedrigen Lohnes vereinbart war, fiel ebenso weg. Nur Frank-Peter profitierte von kürzeren Fahrwegen, der Fliesenleger, der einige Kilometer hinter Halle wohnte, hatte durch die täglichen Fahrten sogar mehr Fahrkilometer pro Woche als mit den Fahrten auf die Baustelle in den alten Bundesländern.






Qualitätsarbeit auch bei ungewollten Zusatzkomponenten






Verstärker und Verteiler für Kabelfernsehen

Frank-Peter hatte auf dieser Baustelle die Planung und Installation der gesamten elektrischen Anlage, für die Telefonvorbereitung und das Kabelfernsehen übernommen, eigenverantwortlich über den mit Friedrich Rübner befreundeten Elektromeister Rolf Teubner das Material bestellt und die Anlagen fertig gestellt. Als ein Fachmann des örtlichen Betreibers der Kabelfernsehanlage wegen der geplanten Zuschaltung des Fernsehsignals die Anlage inspizierte, war er begeistert. „Mit wem muss ich reden, wenn wir diese Anlage käuflich übernehmen wollen?“, wurde Frank-Peter von dem Angestellten gefragt.

Nachdem Frank-Peter nach Erfüllung seiner Aufgaben entlassen worden war, rief ihm Woitek abends an. „Du, der Rolf Teubner war bei Friedrich Rübner, er hat deine Arbeit in höchsten Tönen gelobt!“ Rolf Teubner war ein guter Freund von Friedrich Rübner und Elektromeister. Über Rolf Teubner wurden sämtliche Elektromaterialien bestellt, auch schon die der Seniorenheime. Für diesen ein gutes Einkommen zum Nulltarif. Die lobenden Worte indes müssen bei Friedrich Rübner einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, denn Jahre später rief er bei Frank-Peter an und bot ihm Arbeit bei der Sanierung eines seiner Leipziger Häuser an. Da hatte Frank-Peter aber bereits wieder eine feste Arbeitsstelle und lehnte dankend ab.




9. Die nächste Etappe


Durch die Zeitarbeitsfirma in Teuma wurde er an eine Elektrofirma vermietet, die in der ehemaligen EHfL, jetzt Kunstakademie, umfangreiche Installationsarbeiten zu bewältigen hatte. Pünktlich traf er früh an der mit dem nächsten Arbeitgeber vereinbarten Stelle einen Monteur, der fast gleichaltrig wie Frank-Peter war. Thilo Eckert ließ sich vom Firmenfahrzeug bringen, das aber gleich darauf zur nächsten Baustelle fuhr. Thilo Eckert war sympathisch und erklärte genau, was zu tun sei. Die Arbeit war angenehm, erforderte Genauigkeit und branchenübergreifende Kenntnisse. So musste Frank-Peter als erstes einen Anschlussschutzkasten einbetonieren. Anschließend wurden Funktionskontrollen an Seilzuganlagen für Lampen in einer riesigen Halle, der Soltauhalle, durchgeführt. Die Halle war komplett eingerüstet, Thilo war auf der Rüstung in einer eingezogenen Arbeitsebene unter der Decke und Frank-Peter unten an einem dicken Strang Kabel. Man rief sich die zu prüfenden Kabelnummern zu. Nicht immer erfolgreich bei den Geräuschen der anderen Gewerke, wie etwa die zwei Meter nebenan arbeitende Mischmaschine. In diesem Augenblick kam der Chef und holte, als er das sah, aus dem Auto zwei Handfunkgeräte. Eine wesentliche Arbeitserleichterung. Das erste Mal seit Wochen war pünktlich Feierabend. Auch der folgende Tag war angenehm. Obwohl bei der Wärme wieder Kabel gezogen wurden, war das Arbeitsklima nicht von der Hektik geprägt, die Frank-Peter auf anderen Baustellen stets kennen gelernt hatte. Thilo Eckert erzählte seine Lebensgeschichte. Sein Sohn, jetzt 33, sei schon mit 18 aus dem Haus gegangen. Er hatte wie er Elektriker gelernt und ging danach zur Bundeswehr, wo er jetzt noch beschäftigt ist. Einzig die verschiedenen Standorte mit den langen Heimfahrten am Wochenende zu Frau und Kind waren ein Problem. Sein Sohn wohnte im Nachbarhaus von Thilo Eckert, der seit sieben Monaten stolzer Opa war. Thilo Eckert war früher Elektriker in der Landwirtschaft. Er hatte Berufsausbildung mit Abitur gemacht, wollte auch studieren, war aber nach dem Militärdienst der Meinung, dass er zu lange aus dem Lernbetrieb heraus war. Dafür baute er sich ein Häuschen auf Bodenreformland. „Und war der frühere Eigentümer da und wollte das Land wieder haben?“, fragte Frank-Peter. „Natürlich, aber an das bereits vergebene Bodenreformland kam der nicht mehr ran, nur an das, was noch im Besitz der Kommune war“. Thilo Eckert erzählte von seinem früheren Arbeitgeber, der einmal in Konkurs gegangen war. Die Beschäftigten hatten davon nur wenig mitbekommen. Das Verfahren wurde mangels Masse eingestellt, die Frau übernahm die Firma. Nach sieben Jahren setzte sie die Firma auch in den Sand und der alte Firmeninhaber war danach wieder der Chef. Auch hier sollte das Verfahren mangels Masse eingestellt werden. Einer der kleinen Chefs einer geprellten Firma, die ihre Außenstände nun unwiderruflich den Bach herunter gehen sah, hatte einen Schwager bei einer Bank. Dieser fand heraus, dass sein Chef noch über ein weiteres Konto mit 80.000 Euro verfügte, genau dem Zahlungseingang der letzten Baustelle. Dieses machte der kleine Chef bei Gericht geltend. Das Konto wurde nun in die Konkursmasse einbezogen und es kam nicht zu einer Einstellung mangels Masse. Hier zeigt sich grenzenlose Raffgier. Wie die Arbeitnehmer oder die geprellten Lieferanten abschneiden, interessiert herzlich wenig. Oder sollte man das „herzlich“ in diesem Zusammenhang verbieten?

Abends fuhr Frank-Peter noch in den Garten, die Pflanzen brauchten dringend Wasser, vor allem diejenigen, die in Kübeln standen. Hier kam er ins Gespräch mit der Tochter seines Gartennachbarn Ulrike. Sie ist Kontrolleurin bei den Leipziger Verkehrsbetrieben.

„Ich denke, die Kontrolleure sind von einer Fremdfirma?“, fragte Frank-Peter. „Ja, aber diese ist eine 100-prozentige Tochter der Verkehrsbetriebe“. Frank-Peter erfuhr, dass mit der Ausgliederung der Kontrolleure in eine Tochtergesellschaft 1997 der Lohn um 300 Euro verringert wurde. Urlaubsgeld wurde gestrichen und das Weihnachtsgeld wurde in 1/​12-Teilen jeden Monat gezahlt, aber nur, wenn man nicht krank ist. Als erstes nach diesem Lohneinschnitt musste sie ihr Auto verkaufen. Zum Glück bekamen sie im Jahr 2000 einen Haustarifvertrag. Die neuen Kollegen erhalten 800,- Euro im Monat, sie gerade einmal 100 Euro mehr, aber das seit dem Jahr 2000. Jede Lohnerhöhung der „neuen“ Kollegen wird aufgrund des Haustarifes bei ihr nur umgerechnet.

„Seit nunmehr 10 Jahren mit dem gleichen Einkommen, aber alles herum wird ständig teurer!“, schimpfte sie. „Ich weiß nicht, wie lange sich die Leute das noch gefallen lassen!“

„Noch lange“, sprach Frank-Peter, „noch lange. Für eine Solidarisierung untereinander geht es den Leuten ja noch zu gut“.

„Und dann wissen sie nicht, was sie machen sollen“, ergänzte die Frau, die die 50 schon ein Weilchen erreicht hatte.

Am Donnerstag kam der Chef auf die Baustelle. Er war mit dem Fortgang der Arbeiten sehr zufrieden, obwohl Frank-Peter andere Tempos gewohnt war. Hier war auch nicht jeder Handgriff planbar und die benötigte Zeit mit anderen Leistungen nicht vergleichbar. Er sprach Frank-Peter gleich mit „du“ an und verkündete: „Also, du wirst mindestens vierzehn Tage hier gebraucht.“ Beim Frühstück holte Thilo Eckert einen Brief aus der Tasche. „Mein Lohnzettel“, verkündete er. „Du hast doch bestimmt einen zweistelligen Stundenlohn?“, fragte Frank-Peter. „Bei meinem vorherigen Arbeitgeber hatte ich 8,40 Euro, jetzt habe ich 8,20 Euro“, berichtete Thilo Eckert und zeigte Frank-Peter seine Lohnbescheinigung. Auszuzahlender Betrag 1044 Euro, konnte Frank-Peter lesen. „Ist es nicht komisch, dass die Elektriker auf den Baustellen den niedrigsten Lohn haben, aber die fundierteste Ausbildung nachweisen müssen?“, begann Thilo Eckert. „Jeder Trockenbauer, der in vierzehn Tagen angelernt wird, bekommt mehr!“ Thilo Eckert kannte unendlich viele Witze. Damit lag er mit Frank-Peter gleichauf und die Arbeit verging wie im Fluge, auch wenn das schwül warme Wetter die ganze Woche körperlich von ihnen viel abverlangte. Selbst Freitagmittag war es noch 35° C und die Luft im großen Hörsaal, wo die Kabel gezogen wurden, stickig. Jedes einzelne Kabelpaar, das gezogen werden musste, war eher eine leichte Aufgabe. Nachdem aber pro Tag zwei Kilometer Leitung gezogen worden waren, merkte man jeden daran beteiligten Muskel. Bis Dienstag zog Frank-Peter mit seinem Kollegen acht Kilometer Datenleitung im großen Hörsaal, wobei Frank-Peter die Position auf dem Gerüst bekam. Diese acht Kilometer wurden zwar von zwei Kabeltrommeln abgespult, aber Frank-Peter musste wie bei Klimmzügen auf dem Gerüst jeden Meter Stück für Stück von den Trommeln ziehen.






Ein Bündel Datenkabel bei der Verlegung






Der große Hörsaal mit dem Raumgerüst. Oben links sind die Datenkabel erkennbar.

Eines Tages kam der Elektroplaner in den Hörsaal. Das war gut, denn es gab einige Detailfragen zu klären. Nebenbei bemerkte Frank-Peter: „Das ist ja eine riesige Baustelle. Gibt es auch schon einen Fertigstellungstermin?“ Der Ingenieur winkte ab. „In der Tat, die Baustelle ist gewaltig. Aber wir bauen nicht nach Termin, sondern nach Finanzen. Immer wenn Geld da ist, wird gebaut. Und gegenwärtig gibt es wieder Fördermittel!“ Dieses bauen nach dem Geldbeutel ist eine riesige Geldvernichtungsmaschine. Allein im großen Hörsaal ist ein Raumgerüst seit März aufgebaut. Betrachtet man nur die Mietkosten dieses Gerüsts, von den anderen Baustelleneinrichtungen ganz zu schweigen, ist schnell klar, dass es hier eine Menge Leute geben muss, die sich eine goldene Nase verdienen.

Am Mittwoch wollte Frank-Peter seine Stundezettel vorbereiten. Er hatte eine Folientasche, in der neben einem Block ein Notizbuch und die Stundezettel verstaut waren. Der Schreck war groß, als Frank-Peter erkennen musste, dass die vermeintliche Reserve an Formularen nach Entnahme der vergangenen Woche nur der leere Block war. „Scheiße“, entfuhr es ihm. Die Stundenzettel als Formulare für den Tätigkeitsnachweis waren alle. Es war bereits 17 : 00 Uhr. Wenn er anruft und sich neue schicken lässt, ist nicht sicher, dass diese auch am Donnerstag im Briefkasten stecken werden. Also rief Frank-Peter bei seiner Zeitarbeitsfirma an und erkundigte sich, wie lange noch jemand im Büro anzutreffen sein würde. Man versprach, auf Frank-Peter zu warten und so fuhr er nach Teuma, um neue Stundenzettel in Empfang zu nehmen. Dort erfuhr er von der Chefin, dass sein derzeitiger Arbeitgeber mit ihm sehr zufrieden sei und bereits eine Verlängerung des Einsatzes von Frank-Peter beantragt habe. „Die andern waren doch bestimmt auch alle zufrieden?“, wollte Frank-Peter wissen. „Ja, sehr sogar, vor allem der aus dem Westen. Irgendetwas müssen sie dem gesagt haben. Er fragt jedes Mal nach Ihnen!“

Die Lohnüberweisung war das reinste Desaster. Für die Arbeit des ersten Monats, davon vierzehn Tage Montage in den alten Bundesländern, gab es gerade einmal 83 Euro mehr, als das Arbeitslosengeld betragen hatte, rund 885 Euro. Diese 83 Euro wurden aber mehr als aufgebraucht durch die damit verbundenen Unkosten, wie Verpflegungskostenmehraufwand, Fahrkosten zu den einzelnen Arbeitsstellen (auch wenn mit dem Jahressteuerlohnausgleich ein kleiner Teil als Rückerstattung wieder zurück kommt), den Dauerbetrieb der Waschmaschine am Wochenende für die Arbeitssachen, Arbeitsschutzschuhe und nicht zu unterschätzen die fast wöchentlichen Fahrten zur Zeitarbeitsfirma, natürlich in der Freizeit. Für diese „immense“ Lohnzahlung gibt es auch noch einen Haken: fast eine weitere Hälfte unbezahlter, aber erforderlicher Stunden als Fahrzeit, unbezahlte Anfahrten zu den Großhändlern, Wartezeiten, weil ein Monteur verschlafen hatte usw. Die privaten Belange wurden der Arbeit völlig untergeordnet und blieben dabei auf der Strecke. In dieser Konstellation kommt Frank-Peter zu dem Schluss, dass er lebt um zu arbeiten, nicht umgekehrt, wie ihm schlaue Personaltrainer in unzähligen Schulungen einzureden versuchten. Zu den Fahrkosten hatte Frank-Peter vor Jahren einmal eine interessante Studie des ADAC gelesen. Demnach sind die Spritkosten nur ein kleiner Teil der tatsächlichen Kosten. Fahrzeugversicherung, Unterhaltungskosten, Abschreibung …, wenn Frank-Peter dieses alles in seine Rechnung einbezieht, muss er zwangsläufig feststellen, dass sich die Arbeit nicht lohnt. Mit dem realen Nettolohn, also abzüglich der oben angeführten umfangreichen Nebenkosten, liegt Frank-Peter mit seinem Einkommen deutlich unter Hartz IV. Der Vollständigkeit halber sei aber erwähnt, dass für den ersten Monat eine Woche fehlt, der Start war am 07. 06. 2010! Trotzdem stellt sich die Frage, ob sich Frank-Peter die Arbeit überhaupt leisten kann? Legt er sich dagegen zu Hause in seinen Sessel, bezieht Hartz IV (sofern er bezugsberechtigt wäre), hat er alle diese Ausgaben nicht und es bliebe am Ende sogar noch mehr übrig. Er könnte dann auch mit Schwarzarbeit hier und da ein paar Euro hinzu verdienen. Der Markt dafür ist riesengroß. Wenn er, wie er später noch feststellen wird, offiziell bei einem Kunden einen Schalter wechselt, ist eine Anfahrtspauschale, mindestens eine halbe Stunde Arbeitszeit und die zu vernachlässigenden Materialkosten fällig. Alles in allem sind das etwa 70 Euro. Für 25 Euro wechselt Frank-Peter diesen Schalter als Schwarzarbeit. Es wird immer gesagt, Schwarzarbeit macht die Wirtschaft kaputt. Das trifft bestimmt dort zu, wo ganze Grundstücke in dieser Art entstehen. Nicht selten sind die Bauherrn Juristen und andere Personen des öffentlichen Lebens. Die kleinen Handlangungen dagegen würden niemals beauftragt werden, wenn die offiziellen Gebühren erhoben werden würden. Das kann sich der kleine Mieter mit seinem schmalen Einkommen oder seiner Bonsai-Rente nicht leisten, zumal in den meisten Mietverträgen steht, dass Kleinreparaturen bis 70 Euro, neuerdings meistens bis 100 Euro vom Mieter selbst zu tragen sind. Warum eigentlich? Ist die Miete nicht schon genug? Diese Aufwendungen fehlen also in den Aufrechnungen niemals!

Am 26. 07. 2010 arbeitete Frank-Peter mit dem seit einer Woche aus dem Urlaub zurück gekehrten Marco Rechenberger7, Thilo Eckert hatte für einen Tag vorbereitende Arbeiten in der Firma zu erledigen. In ihrem Materialraum mussten sie Lampen für die Installation vorbereiten. Die werksseitig montierten Kabel waren zu lang und mussten gekürzt werden. Dabei erzählte der sonst so wortkarge Marco Rechenberger, dass seine Eltern beide arbeitslos seien und Hartz IV bezogen. Seine Mutter, Jahrgang 1955 ist gelernte Verwaltungsfachfrau, sein Vater, Jahrgang 1951, also ein Jahr älter als Frank-Peter, Kfz-Elektriker. Er ist schon so lange arbeitslos, dass er keinen Mut mehr hat, eine Arbeit anzunehmen. Er traut sich den heutigen Stress einfach nicht mehr zu. „Wirkt sich das nicht aufs Familienleben aus?“, fragte Frank-Peter. Marco Rechenberger nickte stumm und nachdenklich.

Abends traf Frank-Peter im seinem Wohnhaus einen Mitbewohner, der seit kurzer Zeit Rente bekam. „Die haben mir den Abschied wahrlich sehr leicht gemacht“, sprach Dietmar Dullmann, einst Hausmeister mit Leib und Seele in einer der größten Wohnungsgenossenschaften Deutschlands. Erst haben sie allen 90 Hausmeistern den Lohn um 400 Euro gekürzt, weil das Unternehmen angeblich rote Zahlen schreibt. Es muss gespart werden, hieß es. Dietmar Dullmann, die nahe Rente schon sicher, fragte auf einer Betriebsversammlung: „Der Bereich Hausmeister besteht doch nicht nur aus den 90 Hausmeistern, sondern auch noch aus einer Verwaltung und einer nicht mal geringen Führungsetage. Werden dort auch solche Einsparungen vorgenommen?“ Es wurde dort nicht gespart, sagte er verbittert zu Frank-Peter. Als nächstes sollten die Überstunden, die noch aus dem vergangenen Jahr stammten, ersatzlos gestrichen werden. Dietmar Dullmann ist sofort zum Betriebsrat und hat damit gedroht, vor Gericht gehen zu wollen. Seine Überstunden wurden daraufhin nicht gestrichen, wohl aber die aller anderen Hausmeister, die sich nicht trauten, den Mund aufzumachen. Deren Zeit bis zur Rente ist noch bedeutend länger und die Möglichkeit, missliebige Kollegen zu kündigen schwebte wie ein Damoklesschwert über deren Häuptern. Erpressung mit staatlicher Genehmigung?

Am Dienstag erfuhr Frank-Peter, was für vorbereitende Arbeiten Thilo Eckert in der Firma gemacht hatte. Er durfte Leuchtenteile für die große Halle umlackieren. Die Firma hatte weiße bestellt und silberfarbene sollten eingebaut werden. Weiß ist die Standardfarbe und ohne Preisaufschlag zu bekommen, konnte Frank-Peter später bei anderen Produkten feststellen. Der Chef war dagegen, dass Thilo Eckert die Umlackierung auf der Baustelle vornimmt, denn das darf keiner sehen, sagte er. So gab es also einen Tag Innendienst für Thilo Eckert und neue Erfahrungen beim Umgang mit Sprayflaschen und Felgenlack.

Auf der Gerüstdecke arbeitete auch ein Malermeister. Der war damit beschäftigt, die ursprüngliche Farbgebung wenigstens an einem kleinen Teil der Decke als Hommage an den Denkmalschutz wieder herzustellen. „Warum wird nicht die ganze Decke so gemalt?“, fragte Frank-Peter. Der Malermeister schaute über seinen Brillenrand und machte eine unmissverständliche Körperbewegung. „Das ist viel zu teuer!“, und mit einem Blick auf die von Frank-Peter und Marco Rechenberger installierten Lampen, die zum Leuchtenwechsel an einem eingebauten Lift herabgelassen werden können mit einem verschmitztem Augenzwinkern: „weil eure Lampen zu viel kosten!“ In einer anderen Halle zeigte Thilo Eckert Frank-Peter, wie dort damals die Farbgebung vorgenommen wurde. Die gesamte Wand wurde mit einem farbigen Putz versehen. Anschließend wurde eine zweite, andersfarbige Putzschicht darüber aufgetragen und das gewünschte Muster so tief ausgeschnitten, dass dort die erste Farbschicht sichtbar wurde. Im Rahmen der Rekonstruktion hat man sich aber dort nur auf Farbe verlassen. Die Grundsteinlegung für das gesamte Areal war 1953. Damals hatte das geschundene und mit vielen Kriegsnarben verunstaltete Land die Mittel aufbringen können, die gesamte Decke der riesigen Halle und die Wände der anderen Hallen farblich anspruchsvoll zu gestalten und eine regelrechte Talentfabrik für Künstler entstehen zu lassen.

In den Medien wurde in diesen Tagen eine Statistik veröffentliche. Demnach stieg in Deutschland und überproportional in Ostdeutschland zum einen der Anteil an Minilohn-Empfängern und zum anderen war bei Neueinstellungen der Anteil der Zeitarbeiter von 25 % in Januar auf über 34 % gestiegen. In Ostdeutschland hatten 2008 fast 13 Prozent der Beschäftigten in den neuen Ländern einen Stundenlohn von unter sechs Euro. Im Westen seien es dagegen 5,4 Prozent gewesen. Jeder fünfte Beschäftigte (20,7 Prozent)8 erhielten 2008 einen Niedriglohn. Nach einer OECD-Definition heißt das, Betroffene im Westen bekamen weniger als 9,50 Euro, in Ostdeutschland weniger als 6,87 Euro brutto pro Stunde. Etwa jeder dritte Geringverdiener (gut 2,1 Millionen) arbeitete sogar für Stundenlöhne unter sechs Euro brutto, 1,15 Millionen für weniger als fünf Euro. Seit 1998 ist die Zahl der Geringverdiener um fast 2,3 Millionen gestiegen! Sind denn die Ossis alle doof? Gibt das nicht auch mit der damit verbundenen Kaufkraft eine Rückwirkung auf die Industrie und den seit 20 Jahren erwarteten Aufschwung? Schlaue Gewerkschaftsfunktionäre deuteten dies als eine staatlich gewollte Maßnahme zur Lohnsenkung. Der DIHT-Präsident kritisiert hingegen die seiner Meinung nach noch zu wenigen Lenkungseingriffe vom Staat, damit noch kürzere Kündigungsfristen möglich werden und noch mehr befristeter Anstellung keine Bremse für einen Aufschwung sind. Warum wird immer der Wolf gefragt, wenn es um vegetarische Kost geht? „Gesundheit ist eine hässliche Krankheit - sagen die Bakterien.“9. Mit gleicher Präsenz müssten einmal die Arbeitnehmer gefragt werden, was sie vom Minilohn und von den Lohnsenkungen halten. Selbst in den relativ gut zahlenden Firmen werden durch Tarifwechselaktionen Zustände geschaffen, die für Neueinstellungen gewaltige Einschnitte bringt und bei den so hoch gelobten Tariferhöhungen den „alten“ Mitarbeitern nur eine Verschiebung des so genannten Auffüllbetrages bringt. Quasi erfahren diese dann im Laufe der Jahre eine Lohnkürzung in Höhe der Teuerungen. Frank-Peters Ehefrau hat so seit mehr als zehn Jahren keine Lohnerhöhung mehr erfahren. Die Beeinflussung durch die Medien ist schon prekär. Wenn Eisenbahner (gleiches betrifft auch alle anderen Bereiche) streiken, kolportiert die Presse die Auffassung der Arbeitgeber, die Beschäftigten würden die Bahnkunden als Geisel für die Durchsetzung ihrer (natürlich überhöhten) Lohnforderungen missbrauchen. Ist es nicht eher umgekehrt? Die oberen Führungsetagen missbrauchen die Bahnkunden als Geißel, um die Arbeitnehmer mit Dumpinglöhnen zu erpressen?

Der Mittwoch brachte einen neuen Baustellenbereich im gleichen Areal. „Ganz schnell“ sollte am Treppenhaus hinter dem großen Hörsaal mit den Arbeiten angefangen werden. Also erst einmal Aktionismus, damit es nach Arbeit aussieht. Was sich so banal anhörte, erwies sich bei näherer Betrachtung als Arbeit für die nächsten vierzehn Tage. Der Denkmalschutz verlangte die Verwendung der alten Lampen. Die heutigen Vorschriften und der erkennbare Verschleiß durch über fünfzig Jahre Betrieb erlaubten indes die unsanierte Nutzung nicht mehr. Wer zum Teufel ist also nun für die Aufarbeitung der Lampen zuständig? Absprache? Fehlanzeige! Erst einmal wurden diese sehr vorsichtig demontiert, ein Kraftakt im Treppenhaus. Wie immer lassen die Verantwortlichen die Monteure „wursteln“, um sie bei Schäden abzustrafen, aber keinesfalls bei erfolgreichen Engagement mit Lob zu verwöhnen. Die Verantwortung wird durch Unterlassung von notwendigen Absprachen einfach nach unten delegiert. Der Haustechniker Dietmar Lohmann lagerte die Lampen auch freundlicherweise ein, damit sie im Bereich der Baustelle nicht noch mehr zu Schaden kommen. Die vorhandenen Unterlagen warfen für Marco Rechenberger und Frank-Peter eine Menge Fragen auf, die entscheidenden Einfluss auf Arbeit hatten. In einem Telefonat versprach der Chef, am Donnerstag auf die Baustelle zu kommen. Und er kam. Wie immer tat er sehr wichtig und versprühte eine Aura, die nach Hektik anmutete. Auch er hatte für einige der Fragen keine Antworten und wollte diese mit dem Elektroplaner klären. Für Frank-Peter hatte er eine schlechte Nachricht: „Du bist ab kommender Woche abgemeldet! Das hat nichts mit dir zu tun“, sprach er zu Frank-Peter. „Aber du siehst ja, die großen Hängepartien haben wir geschafft und jetzt können die eigenen Leute allein weiter machen!“ Frank-Peter hatte an diesem Tag ein Kabelsuchgerät von zu Hause mitgebracht, um den Verlauf der Zuleitungen zu den Lampen herauszubekommen und wenigstens die alten Rohre nutzen zu können. „Das erspart eine Menge Arbeit“, meinte Thilo Eckert, als er Frank-Peter bei der Arbeit zusah. Wenn Zeitarbeiter als „Feuerwehr“ auf die Baustellen bestellt werden und dort mehr machen, als man das von normalen Gesellen erwarten könnte, müssten doch diese Spezialisten, die also die Karre aus dem Dreck ziehen, einen höheren Verdienst bekommen, als die Festangestellten. Das würde ihren Einsatz sicher auch zeitlich befristen. Aber damit will sich in der Politik ja niemand beschäftigen. Die Wirtschaft soll schon selber machen, was sie für richtig hält. Den Unternehmen zumindest erspart es eine Menge an Kosten und flexibler ist man alledem. Auftragsschwankungen werden so besser abfedert und auf die Schultern der Kleinen verladen. Reicht das nicht mehr, muss der Staat mit Hartz IV die Grundsicherung übernehmen. Sicher kann man nicht alle Firmen über den gleichen Kamm scheren. Ein gewisser Trend ist jedenfalls nicht zu verkennen.

Als uralte Schalter demontiert wurden, fiel Frank-Peter die kyrillische Schrift auf. „Da siehst du mal“, sprach Thilo Eckert, dem er das Typenschild zeigte, „da heißt es immer, die Russen haben als Reparationen alles weg geholt, hier haben sie sogar geliefert!“ Ein Irrtum, wie sich bei genauer Betrachtung des Typenschildes heraus stellte. Es handelte sich ein Erzeugnis des Stalin Werkes in Berlin-Treptow.






Die Typenschilder der demontierten Schalter in deutscher und kyrillischer Schrift

Von vier Schaltern war ein Typenschild in deutscher Sprache, drei in russischer. Das bedeutet, dass dort Produkte vor allem als Reparationsleistung für die Sowjetunion hergestellt wurden und ein Teil der Produktion seinerzeit für die Kunstschule abgezweigt worden war. Der Freitag war gekennzeichnet von Stemmarbeiten mit dem Bohrhammer. Obwohl der Schutt gleich zusammengekehrt wurde, zog eine gewaltige Staubwolke durch den 800 Meter langen Quergang. Jeder Schritt aus diesem Areal heraus zeichnete eine weiße Fußspur, die jeden Kriminalisten begeistert hätte. Aber hier nicht. „Du wirst am Montag bestimmt vom Bauleiter etwas zu hören bekommen“, sprach Frank-Peter zu Marco Rechenberger. Der zuckte mit den Schultern. „Als man hier den Putz abgehackt hat, war mit Folie eine Staubschutzwand errichtet worden. Vielleicht machen wir das auch. Aber jetzt ist schon der größte Teil der Wandschlitze gestemmt“. Nicht ganz, wusste Frank-Peter. Es kam noch einiges auf die Kollegen zu. Aber das mussten sie ohne ihn erledigen.




10. Rückzahlung eines Knöllchens!


Frank-Peter ist ein Wunder widerfahren, dass kaum zu fassen ist.

Eines Tages Mitte April flatterte Frank-Peter ein Strafbefehl (Knöllchen) ins Haus. Das Auto war auf seine Frau zugelassen, also war es erst einmal an sie adressiert. In der Begründung stand, dass das Fahrzeug am 08. März in der Gottschedstraße 23 verkehrswidrig geparkt wurde. Nach sechs Wochen kann man schlecht jeden Schritt nachvollziehen und weil Frank-Peter den Behörden in dieser Beziehung nicht über den Weg traute, vor allem wegen einer integrierten Drohung auf der Rückseite des Schreibens hat Frank-Peter den Widerspruch nicht gewagt und zähneknirschend bezahlt. Ein Widerspruch zu diesem Zeitpunkt hätte im ungünstigsten Fall den Weg vor ein Gericht eröffnen können. Das wiederum ist mit Zeit und vielleicht auch mit erneutem finanziellem Aufwand verbunden. Beides Dinge, über die Frank-Peter nicht verfügte. Außerdem waren gleich zwei Polizeiobermeister als Zeugen benannt worden. Für Frank-Peter war das ärgerlich, denn solche Sonderausgaben versuchte er seit Jahren zu vermeiden. Allerdings ist manchmal eine unklare Beschilderung oder eine ungünstige Warteposition, während die Ehefrau zum Beispiel in der Apotheke ein Rezept einlöst, eine Ursache, dass Vorschriften auch von Frank-Peter nicht erkannt oder schlichtweg ignoriert werden. Die angegebene Adresse hat ihm aber keine Ruhe gelassen, insgeheim ahnte er schon eine Verwechslung mit seiner Adresse. Spät, vielleicht zu spät suchte Frank-Peter dann diese beschriebene Stelle auf und musste feststellen, dass er in diesem Teil der Gottschedstraße seit Jahren nicht mehr mit dem Auto eingefahren war. Dieser Straßenabschnitt zwischen Käthe-Kollwitz-Straße und Thomasiusstraße ist eine so genannte verkehrsberuhigte Zone, das heißt, von einer Richtung (Thomasiusstraße) ist das Einfahren durch das Verkehrszeichen 267 nicht gestattet, allerdings auch nicht das Ausfahren in Richtung Käthe-Kollwitz-Straße. Im Bereich ab Gottschedstraße 17 ist auf beiden Seiten Parken erlaubt, rechts schräg zur Fahrtrichtung, links längs zur Fahrtrichtung. Es würde schon an Dummheit grenzen und auch akrobatische Aktionen erfordern, wenn er an dieser beschriebenen Stelle auf der linken Fahrbahnseite falsch geparkt haben sollte. Schon anhand dieser Tatsache entbehrt die Beschuldigung jeder Grundlage.

Lange überlegte Frank-Peter, was er unternehmen könnte. Es wurmte ihn mächtig, voreilig bezahlt zu haben. Wenn er aber niemals in dieser Straße mit dem Auto war, ist dann die Behauptung der „beiden“ als Zeugen genannten Polizeiobermeister nicht Falschbeurkundung zu seinem Nachteil? Als erstes schrieb Frank-Peter eine Beschwerde an das Ordnungsamt über die Art und Weise der Erlangung von Verwarngeldern und als zweites erstattete er eine Anzeige bei der Polizei wegen Falschbeurkundung. Daraufhin bekam seine Frau einen Anruf vom Polizeichef. Es war schon bühnenreif, was sich dann abspielte. So teilte der Chef der Polizei mit, dass es sich bei den angegebenen Zeugen nicht um zwei Polizisten handle, sondern um einen, wo man den Vornamen mit POM (Polizeiobermeister) und den Familiennamen erneut mit POM angegeben hatte. Diesen hatte man befragt und dabei feststellen müssen, dass es tatsächlich eine Falscheingabe gewesen sei, der richtige Ort ist die Straße, in der Frank-Peter wohnt. Der Tatvorwurf bleibt allerdings bestehen. Man werde eine Ortsbesichtigung vornehmen und sich dann gegenüber der zentralen Bußgeldstelle positionieren und auch seiner Frau eine Antwort zukommen lassen. Der Polizeichef äußerte sich noch besserwisserisch, dass die Bezahlung eines Verwarngeldes als Eingeständnis zu werten sei und eigentlich damit alles erledigt sei. Auch die Straße, in der Frank-Peter wohnt, ist eine verkehrsberuhigte Straße, eine „halbe“ Einbahnstraße.






Der ominöse Anhörungsbogen mit der „falschen“ Straße und „zwei“ Zeugen, wobei einfach der Vorname und der Familienname eines POM separat verwendet wurden

Immer wieder erhalten Einwohner von einem diensteifrigen Polizisten, vielleicht sogar von demselben, Knöllchen, wenn sie aus Richtung der einzig einzufahrenden Seite links parken, nicht aber von den allgegenwärtigen Politessen. Alle diese Knöllchen wurden bisher nach Protest der Anwohner zurück genommen.

Einige Tage später erreichte Frank-Peter ein Schreiben der Polizei. Darin wurde amtlich festgestellt, dass man eine Ortsbesichtigung gemacht hätte und außer der falsch angegebenen Straße hält man am Tatvorwurf des falschen Parkens fest. So ein Schreiben kam dann auch vom Ordnungsamt, allerdings wieder mit den zwei Polizeiobermeistern als Zeugen. Frank-Peter hatte die Sache insgeheim aufgegeben und wollte es dabei belassen. Um sein Gewissen zu beruhigen, verfasste er ein letztes Schreiben an die Bußgeldbehörde:

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit lege ich Widerspruch gegen die Verwarnung gemäß Ihrem Schreiben vom 04. 05. 2010 ein.

Die irrtümliche Bezahlung der Gebühr basierte auf falschen Angaben, die Sie in Ihrem Schreiben bestätigen. Die gleiche Bestätigung habe ich auch von der Polizeidirektion erhalten. Damit ist Ihre auf dieser Basis ausgesprochene Verwarnung nichtig. Ich halte es für nicht vertretbar, wenn Sie eine auf offensichtlich falschen Angaben bestehende Verwarnung gegen eine andere vermeintliche Ordnungswidrigkeit aufrechnen.

Zudem ist in Ihrem Schreiben selbst wieder eine Unkorrektheit, die den Eindruck erwecken lassen, dass es sich um zwei POM als Zeugen handelt.

Ich bitte um Rücküberweisung der von mir aus den o. g. Gründen irrtümlich überwiesenen Gebühr sowie um eine Neuzustellung des Bescheides mit der Möglichkeit einer Stellungnahme. Vorsorglich möchte ich darauf verweisen, dass andere Bürger aus meinem Wohnbereich ebenfalls diese auf falschen Daten basierende Verwarnung erhalten haben und auf deren Widerspruch hin Sie das Verfahren eingestellt haben. Bei der Vielzahl mir vorliegender Einstellungen von Ordnungswidrigkeitsverfahren wegen Parken in der Manetstraße der letzten Jahre wäre die Ihnen ebenfalls seit Jahren vorliegende schriftliche Anmahnung einer rechtsverbindlichen Parklösung gemeinsam mit allen daran beteiligten Vertretern angeraten.

Mit freundlichen Grüßen

Zwei Wochen danach kam seine Frau von der Bank und zeigte Frank-Peter verwundert einen Zahlungseingang von fünfzehn Euro von der Stadt Leipzig! Erst nach einigem Überlegen kamen beide darauf, dass es sich hierbei um die Rückzahlung der entrichteten Gebühr für das Verwarngeld handelte, einem Umstand, an den beide von Anfang an niemals geglaubt hatten. Aber vielleicht zieht in den deutschen Amtsstuben doch Bürgernähe und Verständnis ein. Oder er wurde Zeuge eines kleinen Weltwunders?




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