Welche Farbe hat der Wind
Aleksandar Žiljak


Aleksandar Žiljaks Geschichten werden auf der ganzen Welt gelesen: USA, China, Dänemark oder Deutschland. In dieser Zusammenstellung sind erstmals sieben von ihnen vereint. Vier deutsche Erstveröffentlichungen und drei bereits im NOVA-Magazin erschienene Storys beweisen, dass gute Science Fiction durchaus öfter übersetzt werden sollte.

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Der Wind hatte die Farbe des Verdurstens, als ich dich das erste Mal sah, Gordana. Du hast in der Bar auf mich gewartet. Ich kann dich immer noch an diesem Tisch in der Ecke sehen. Ich kam spät, müde und verschwitzt.

Du hast mich gefragt, ob ich immer noch einen Assistenten brauchte. Ich habe dich nach deinen Kenntnissen gefragt.

Natürlich ist ein hiesiger Bronto wilder als das mürrischste Nashorn, aber es gab nach wie vor nur diese eine Erde. Ein ewiger Traum, den nur eine Handvoll Auserwählter verwirklichen können, die reich genug sind, um etwas von den strengen Abschussquoten zu bekommen.







Aleksandar Žiljak



Welche Farbe hat der Wind



SF Erzählungen



fantastic episodes XVI



© 2017 Begedia Verlag für diese Ausgabe

© 1999 bis 2011 Aleksandar Žiljak



Umschlaggestaltung – Christian Günther

Korrektur und Satz – Harald Giersche



Übersetzung aus dem Englischen – Tommi Brem

und Michael K. Iwoleit



ISBN – 978-3-95777-110-0 (epub)



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Die Toten


SS-Gewinnkalkulation der Arbeitsleistung von KZ-Gefangenen



Gewinne

Durchschnittliche tägliche Verleihgebühren:  RM 6,--

abzüglich Verpflegung: RM 0,60



Durchschnittliche Lebenserwartung

9 Monate = 270 x RM 5,30 = RM 1.431,--

abzüglich Kleidungsverschleiß: RM 0,10

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Gewinne aus der Verwertung einer Leiche



1. Goldzähne  3. Wertgegenstände

2. Kleidung  4. Geld



abzüglich Kosten für die Einäscherung: RM 2,--

Durchschnittlicher Nettogewinn: RM 200,--

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Gesamtgewinn nach 9 Monaten    RM 1.631,--

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*



Die elektrische Klingel schrillt grell durch die Dunkelheit und reißt 41-571512 aus dem trüben Sirup des Schlafs. Er schlägt die Augen auf, die tief in sein hohlwangiges Gesicht eingesunken sind. Die düsteren Gestalten neben ihm begrüßen ihn mit eben solchen Augen. Kahle Köpfe werden benommen angehoben, steife Glieder rühren sich, Fingernägel kratzen über feuchte Bretter, als Körper sich umdrehen. Die Stromsparlampen an der Decke werden eingeschaltet, kaum hell genug, um die Finsternis halbwegs aus der Baracke zu vertreiben. Die Türen der Baracke werden lautstark aufgestoßen, und in einem Schwall kalter Luft tritt der Bokor ein, begleitet von Wachleuten. Die Wachen postieren sich schnell entlang der zwei Reihen von Schlafkojen.

Der Zauberer bleibt im Gang zwischen den Kojen stehen, eine Peitsche in der Hand. Er mustert die Körper in den Kojen, dann hebt er langsam, in einer fast theatralisch steifen Geste, die linke Hand und befiehlt mit einer Grabesstimme:

»Aufstehen! Aufstehen!«

Die Wachen stürmen mit gezückten Schlagstöcken voran, versetzen den ausgemergelten nackten Körpern Stöße und überschütten sie mit Obszönitäten. Die Leiber winden sich übereinander wie Regenwürmer in der Erde, die von der Zauberei des Bokors zum Leben erweckt wurden. Die Wachen tragen schwarze Uniformen, sind mit Pistolen und Maschinenpistolen bewaffnet und Panzern aus Kevlar geschützt. Sie tragen Helme mit hochgeklappten Visieren auf den Köpfen. Einige tragen Gasmasken auf den Gesichtern. Die Luft in der ungeheizten Baracke stinkt nach feuchter Friedhofserde, und einige haben sich nie daran gewöhnen können, auch nach jahrelangem Dienst im Lager nicht.

Die Dreifachkojen sind aus Brettern gezimmert, gestützt von Pfosten und Balken. Zwischen den Kojen ist jeweils ein halber Meter Platz. Sie erstrecken sich in zwei langen Reihen entlang der fensterlosen Wände der Hütte. Unverständliches Zeug murrend, ziehen sich die Leiber aus den Kojen, springen und fallen auf den Betonboden. Die von oben fallen über die, die aus den unteren Kojen gekrochen sind. Alles ist eine stinkende Masse aus totem Fleisch, das zuckt und tropft, sich erhebt und wankt, schläfrig dahinstolpert und unartikuliert vor sich hinmurmelt, begleitet von den Flüchen der Wachen und den Befehlen des Bokors, als sie sich entlang der Kojen aufstellen. Rechts von 41-571512 bückt sich ein Aufseher, der eine Maske trägt, zwischen die Kojen. Er trägt ein rotes Band um den linken Arm. Seine Faust umklammert einen Knüppel, der länger ist als die Schlagstöcke der anderen Wachen. Er stößt damit den Körper an, der in der unteren Koje liegt. »Steh auf, Mann!«, ruft er. Der Körper rührt sich nicht. Nach einem weiteren Stoß steht der Aufseher auf und wendet sich dem Bokor zu.

»Der hier ist hinüber«, meldet er mit einem Ekel in der Stimme, der selbst durch die Maske hörbar ist.

»Sie sind alle definitionsgemäß - wie Sie es so schön ausdrücken - hinüber, Aufseher«, sagt der Bokor und zuckt die Achseln. Der Aufseher packt den reglosen Körper am linken Handgelenk und scannt den tätowierten Barcode mit einem Lesegerät. Dann tippt er etwas in das Gerät. Das Gesicht des Bokor bleibt völlig ausdruckslos, als er sich ein Mikrophon an die Lippen hält. »Wir haben einen für die Einäscherung in 5-b.«

Unter den wachsamen Augen des Bokor stellen die Wachen die benommenen Gestalten in Reihen zu je vier Leuten auf. Einige von ihnen leisten schwachen Widerstand, heben die Hände, flennen, wimmern, als versuchen sie etwas zu sagen, ein Bitten, ein Betteln, eine Obszönität über die Lippen zu bringen, doch sie werden mit Knüppelschlägen und Stiefeltritten zum Schweigen gebracht. 41-571512 hebt nie die Hände. Er flennt nie, versucht nie etwas zu sagen, bleckt nie vergilbte Zähne in blutendem Zahnfleisch. 41-571512 ist ein gehorsamer Zombie. Zur Belohnung wird er weniger geschlagen als die anderen.

»Folgt mir!«, befiehlt der Bokor ihnen allen, dreht sich um und geht hinaus. Gehorsam wie alle anderen trottet 41-571512 in die neblige Morgendämmerung der Industrie- und Gewerbezone hinaus, schlurft und stolpert über den kalten, feuchten Asphalt. Endlose Kolonnen nackter toter Körper - Arbeitskommandos - strömen aus den Baracken und stellen sich in Reihen auf, angetrieben von den tödlichen Stimmen der Bokors und den Flüchen und zuckenden Peitschen ihrer Wachen.

Mit nahezu militärischer Präzision - soweit dies von Toten erwartet werden kann - formieren sich die Kommandos zu Brigaden, wobei vier Baracken je eine Brigade bilden. Nachdem sie sich gut zehn Minuten über den betonierten Hof gewälzt haben - umgeben von Stacheldraht, unter den überkreuzten Scheinwerferstrahlen, die wie Messer in den Nebel über dem Fluss Sava eindringen, und den starren, wachsamen Blicken von MG-Schützen, denen nichts entgeht - sind die Zombie-Brigaden schließlich bereit für den morgendlichen Appell.



*



»Können Sie unseren Zuschauern nun endlich das Geheimnis der Zombies enthüllen?«

»Wie Sie selbst sagten, ist es ein Geheimnis. Ich kann Ihnen so viel sagen: die von Zombietech, Ltd. entwickelten, patentierten Technologien kombinieren die überlieferten Weisheiten haitianischer Voodoo-Zauberer mit den jüngsten Resultaten biologischer Forschung. Diese Technologien...«

»Noch einmal bitte, zur Klarstellung für unsere Zuschauer: Zombies sind tot, ja?«

»Natürlich. Jeder Zombie ist eine klinisch tote Person, bevor das Zombifizierungsverfahren angewendet wird.«

»Ich frage dies, weil - gewissen Legenden zufolge - auch ein Lebender in diesen Zustand versetzt werden kann, nachdem er betäubt und durch Verabreichung bestimmter Drogen...«

»Nein, nein, das ist nichts als Unsinn und Aberglaube! Man kann nur einen Verstorbenen in einen Zombie umwandeln.«

»Außerdem befürchtet die Öffentlichkeit eine Epidemie. Angeblich handelt es sich um einen Virus, und sollte er freigesetzt werden...«

»Ich kann Ihnen und der Öffentlichkeit versichern, dass nicht die geringste Gefahr besteht! Zombie-Apokalypse und solcher Unfug, das ist Romero und Milla Jovovich... Hollywood und Spielekonsolen, aber es hat nichts mit der realen Welt zu tun! Die Umwandlung eines Toten in einen Zombie ist ein streng individualisiertes Verfahren. Relativ einfach und ökonomisch profitabel, aber streng individualisiert.«



*



41-571512 nimmt eine Silikon-Tastatur aus einem Kasten neben ihm und setzt sie sorgfältig in den Deckel eines Mobiltelefons ein. Er spürt im Rücken den Blick eines Wachmanns, der hinter ihm und seinen Kollegen wachsam auf und ab geht. Der Bokor ist in der Nähe. Einmal hat er mit seiner düsteren Stimme »Arbeitet! Arbeitet!« befohlen. Es gibt nicht viel für ihn zu tun. Das Fließband trägt den Handy-Deckel zum nächsten Fertigungsschritt weiter und befördert einen neuen Deckel zu 41-571512. Er nimmt eine neue Tastatur und setzt sie vorsichtig ein. Das Fließband bringt einen neuen Deckel. Er nimmt eine neue Tastatur...

Nach dem Appell bringen die Wachen die Zombies zum Frühstück. Sie werden die ganze Zeit von Bokors begleitet, von Wachen aufmerksam beobachtet, von Kameras in den Ecken hoch unter der Decke aufgenommen. Sie bekommen einen Brei auf weißen Plastiktellern vorgesetzt. Sie essen mit weißen Plastiklöffeln. »Essen!«, befiehlt der Bokor, und sie essen. Wie Maschinen schaufeln sie den Brei mit ihren Löffeln zusammen, führen die Löffel an ihre Münder und schlucken den Brei. Niemand weiß, woraus der Brei besteht, aber die Zombies werden bald wacher, als seien ihre Sinne geschärft worden. Die Befehle der Bokor sind auf einmal klar zu verstehen. Die Worte verhallen nicht mehr hohl in ihren Kleinhirnen, sondern werden zu genau bestimmten Abfolgen gelernter Operationen, die ausgeführt werden müssen. Danach führen die Wachen die Zombies in die Duschen. Zunächst übergießen sie die Zombies mit einem flüssigen Desinfektionsmittel und einem Enthaarungsmittel. Wenn der Bokor es befiehlt, verteilen alle Zombies die Substanz über ihren Körper, bis sie schäumt. Dann duschen sie mit kaltem Wasser und werden zuletzt mit warmer Luft getrocknet. Erst dann hüllen die Zombies ihre nackten Körper in weiße, kittelartige Anzüge mit großen Zombietech-Logos auf dem Rücken. Sie streifen sich graue Überschuhe über die Füße und Latexhandschuhe über die Hände und betreten, gemäß dem Befehl des Bokor, gehorsam in Viererreihen die kühle, weißgestrichene Fabrik. Hier verteilen sie sich, und jeder Zombie nimmt seinen Arbeitsplatz ein, der mit einer weißen Nummer auf einem blauen Schild über dem Fließband gekennzeichnet ist. Um genau 7:00 Uhr morgens signalisiert eine elektrische Glocke, dass das Fließband in Bewegung gesetzt wird. Der Bokor befiehlt »Arbeitet! Arbeitet!«, und die Zombies machen sich ans Werk.

Eine Schicht dauert vierzehn Stunden mit zwei fünfzehnminütigen Pausen für Latrinengänge, aber 41-571512 weiß das nicht. Er weiß nicht, wie spät es ist. Er weiß nur, ob es dunkel oder hell, Nacht oder Tag ist. Er fängt mit der Arbeit an, wenn die Glocke schellt und der Bokor den entsprechenden Befehl erteilt. Er hört mit der Arbeit auf, wenn die Glocke erneut schellt und der Bokor den entsprechenden Befehl erteilt. Zwischen den beiden Momenten, wenn die Glocke klingelt, besteht sein Leben ausschließlich aus dem sorgfältigen Einsetzen von Silikontastaturen in die Deckel von Mobiltelefonen.

Ganz plötzlich schreit der Zombie, der drei Plätze hinter 41-571512 arbeitet, ohne erkennbaren Grund drauflos. Er nimmt einen Kasten und schlägt wild darauf ein. Einzelteile verstreuen sich über das Fließband und fallen zu Boden. Wütend drischt er mit den Fäusten auf den Deckel vor ihm ein und zerschmettert ihn. Dann steht er auf, hüpft auf und ab, heult und brabbelt wie irr, während er die Plastikteile zertrampelt. Der nächste Wachmann zückt seinen Schlagstock. 41-571512 wendet seinen Blick sofort wieder dem Handy-Deckel zu, der vor ihm angehalten hat, während der Wachmann fluchend auf den Rücken des Zombies einprügelt. Der Zombie schreit und versucht sich mit den Händen gegen die Schläge zu verteidigen, die auf ihn einprasseln. »Das reicht, du Schwanzlutscher!«, schreit der Wachmann und schlägt dem Zombie quer über die Rippen. »Hörst du auf damit? Hast du mich verstanden, hörst du auf?« Die Zombies ringsum wahren Abstand, murmeln ihre unartikulierten Proteste, wagen es aber nicht, ihrem Kameraden zu helfen. 41-571512 sitzt einfach an seinem Platz und wirft nur Seitenblicke auf den Tumult links von ihm. 41-571512 sitzt immer nur an seinem Platz und schaut weder nach links noch nach rechts. Er ist ein gehorsamer Zombie. Auf diese Weise bekommt er weniger Schläge ab als die anderen.

Der Bokor läuft herbei, in Begleitung von zwei Wachen. Der Zauberer wickelt seine Peitsche auseinander und schlägt damit durch die Luft. »Ruhe!«, befiehlt er, mit einer leichten Spur Unsicherheit in der Stimme. Solche Dinge geschehen gelegentlich, und niemand weiß warum. Wer kann schon sagen, welche Schraube im Kopf eines Zombies locker ist? »Ruhe!« Diesmal klingt die Stimme des Bokors entschlossener. Aber der wild gewordene Zombie gehorcht nicht, und die beiden Wachen stürzen sich auf ihn, verprügeln ihn mit ihren Schlagstöcken und treten ihn mit ihren Stiefeln. Der erste Wachmann tritt keuchend zu Seite und greift nach seiner Pistole. »Du verfluchter Scheißkerl! Du willst mit mir Faxen machen?«

»Das reicht!« ruft der Bokor. »Beherrschen Sie sich, verstanden?« 41-571512 starrt dumpf vor sich hin, wagt es nicht einmal, der Rauferei einen Blick zuzuwerfen. Er hört nur die dumpfen Schläge und das Wimmern, das leiser wird und schließlich in ein verweintes Winseln übergeht. »Das reicht«, vernimmt er die wütende Stimme des Bokors. »Auseinander! Schluss jetzt, habe ich gesagt!«

Auf den Befehl des Bokors hin hören die Wachen auf und treten zurück, ohne ihre Blicke von dem reglosen, zusammengeprügelten Bündel abzulassen, das nur noch zittert und stöhnt. In einer theatralischen Geste reckt der Bokor eine eiserne Faust in die Höhe und gräbt die steifen Finger in die Luft. »Setzt euch«, befiehlt er den anderen Zombies, und als er, immer noch mit der Peitsche drohend, davon überzeugt ist, dass sie ihm gehorchen, wendet er sich dem Zombie zu, der auf der Erde liegt.

»Schau mich an!« Von der Faust der Bokors geführt, hebt der Zombie den Kopf. Seine Augen blicken in die des Zauberers. »Steh auf«, befiehlt der Bokor, und der Zombie steht auf. »Setz dich!« Mit einem Zucken der Peitsche zeigt der Bokor auf den freien Arbeitsplatz, und diesmal gehorcht der Zombie widerstandslos.

»Bringt neue Teile für Platz 32«, befiehlt der Bokor in sein Mikrophon, und kurz darauf bringt ein Techniker mit sichtlichem Unbehagen im Gesicht - alle haben auf den Überwachungsmonitoren gesehen, was passiert ist - einen neuen Kasten und stellt ihn neben den beruhigten Zombie. Ein anderer Techniker kehrt die Plastikscherben und verstreute Teile vom Fließband zusammen. Als sie fertig sind, entlässt der Bokor sie mit einem Nicken und befiehlt dann: »Arbeitet! Arbeitet!«

Der Zombie nimmt ein Teil aus dem Kasten, das Fließband setzt sich wieder in Bewegung, und die Produktion geht weiter.



*



»Es gibt Gegner des Verfahrens, die es als eine reine Unmenschlichkeit betrachten. Als eine moralische Verfallserscheinung unserer Gesellschaft...«

»Ich kann Ihnen versichern, dies sind die Stimmen religiöser Fanatiker und diverser Anarcho-Terroristen, Antiglobalisten und desgleichen. Lassen Sie mich eines klarstellen: ohne Zombiearbeit dürften die westlichen Wirtschaftssysteme kaum mit Regionen wie China oder Südasien oder Lateinamerika konkurrieren können. Würden Sie zwölf Stunden täglich für einen Euro arbeiten? Und das Kapital fließt dorthin, wo es Arbeit zu diesem Preis gibt oder noch billiger.«

»Zombies sind profitabel?«

»Zombies sind profitabel. Das Zombifizierungs-Verfahren selbst ist billig. Die täglichen Wartungskosten sind minimal. Nahrung, Hygiene, Arbeitskleidung - das alles fällt bei Zombies nicht sonderlich ins Gewicht. Was auch für die Unterbringung gilt - Zombies können alle erdenklichen klimatischen Bedingungen tolerieren. Ihre Lebenserwartung... Nun, das ist individuell verschieden, aber wir halten einige inzwischen schon seit Jahren in Betrieb. Und was die Moral anbelangt... Wissen Sie, ich betrachte es so: Zombietech, Ltd. ermöglicht es unseren geliebten Angehörigen, die nicht mehr bei uns sind, weiterhin produktive Mitglieder der Gesellschaft zu sein. Und Sie werden mir sicher zustimmen, dass dies in unseren krisenhaften Zeiten sehr wichtig ist.«



*



Eingezwängt in einen Bewegungsspielraum von einem halben Meter zwischen den nackten Brettern unter und über ihm, starrt 41-571512 dumpf in die Dunkelheit. Er ist umgeben von stinkenden Leichen, lautem Schnarchen, gedämpftem Gemurmel. Jemand schläft unruhig, und die Bretter quietschen unter der Last eines Körpers, als er sich umdreht.

Der Schlaf will sich nicht einstellen. Es gelingt ihm nicht, in einen dichten, zähen Strudel zu versinken. In seinen Ohren hallen Schreie und Flüche und Schläge wider. 41-571512 hat keine Ahnung, was mit dem Zombie drei Plätze hinter ihm los ist. Er kennt ihn, er schläft auf den Brettern über ihm. Jeden Tag marschiert er in derselben Schlange mit ihm zur Arbeit, aber er hat ihn nichts gefragt. Die Toten sprechen nie miteinander. Die Toten gehorchen nur. Irgendwo in einem entlegenen Winkel seines Zombie-Bewusstseins spürt 41-571512, dass etwas nicht stimmt. Er kann nicht sagen was. Er spürt nur Tag für Tag, dass etwas nicht ist, wie es sein sollte, dass ihnen etwas weggenommen wurde. Das Leben? Der Tod?

41-571512 versucht sich zu erinnern, was vor den Baracken war. Wo war er, was hat er getan und wie hat er gelebt vor der Arbeit am Fließband? Er schließt die Augen und versucht aus den fernsten Winkeln seines Geistes Erinnerungen hervorzulocken. Es muss etwas vor der Fabrik gewesen sein! Aber was? Er hebt seine linke Hand und versucht die Nummer unter dem Barcode am Handgelenk zu lesen. Natürlich kann er sie im Dunkeln nicht erkennen, aber als er mit den Fingern seiner Rechten über die Haut streicht, spürt er, dass sie an dieser Stelle eintätowiert ist. Diese Nummer. Ist sie das einzige, was ihn von den anderen unterscheidet? 41-571512? Oder hatte er auch einmal einen Namen? Er versucht sich daran zu erinnern, aber es gelingt ihm nicht. So angestrengt er auch sucht, er findet nur Leere, Dunkelheit und Nebel, und auf einmal ist er darüber sehr bestürzt.

Gab es vorher jemand anderen, außer Zombies und Bokors und Wachen? Mit wem hat er gelebt vor dem Lager und dem Fließband? Und wo sind diese Leute jetzt? Er versucht sie vor seinem inneren Auge heraufzubeschwören, aber er kann nicht. Und wie ist er hierher gekommen? Wurde er zur Bestrafung hergeschickt? Und wenn ja, für welche Verbrechen? Plötzlich erfüllt ihn Angst. Wo sind diese Fragen hergekommen? Und während er sich fragt, ob es ihm überhaupt erlaubt ist, solche Fragen zu stellen, spürt er, dass die Antworten von höchster Wichtigkeit sind. Für ihn. Für all die anderen, sein Arbeitskommando und die ganze Brigade. Doch die Antworten entziehen sich ihm, ganz gleich, wie sehr er sich bemüht, wie tief er in sein Inneres abtaucht - er findet sie nicht. Und das erfüllt ihn mit Kummer und Zorn.

41-571512 liegt bewegungslos auf den Brettern, umgeben von Toten, Dutzenden Toten, und aus geschlossenen Augenlidern strömen ihm Tränen über die Wangen.



*



»Erklären Sie unseren Zuschauern, über welche geistigen Fähigkeiten die Zombies verfügen.«

»Das kommt drauf an. Die Erfahrung zeigt, dass dies mit den intellektuellen Fähigkeiten und Merkmalen der Person zusammenhängt, aus der ein Zombie geschaffen wurde. Wichtig ist, dass sie gehorchen und sich an komplexen Produktionsabläufen beteiligen können, solang der Fertigungsprozess in voneinander klar getrennte, einfache Operationen zerlegt wird.«

»Haben sie ein Gedächtnis?«

»Natürlich! Sie erinnern sich daran, was sie gelernt haben. Das ist wichtig für, sagen wir, das Essen, Duschen, Anziehen... Es wäre wirklich sehr zeitraubend, wenn wir ihnen das jeden Tag neu beibringen müssten. Und was ihre Arbeit betrifft... Es ist wichtig, dass sie jeden Tag dieselben Operationen durchführen, dass jeder Tag dem vorherigen gleicht. Plötzliche Änderungen in der täglichen Routine verwirren sie.«

»Erinnern sie sich daran, wer sie waren? Erinnern sie sich an das Leben, das sie geführt haben, als sie noch lebten?«

»Nein, diese Erinnerungen sind verschwunden, zusammen mit Emotionen und abstraktem Denken. Und das sollte eigentlich keine Überraschung sein... Sehen Sie, die uninformierte Öffentlichkeit macht einen entscheidenden Fehler. Sie betrachtet die Zombies als lebende Wesen. Aber das sind sie nicht mehr. Betrachten Sie sie als Roboter. Dinge. Werkzeuge.«



*



Sie fällt ihm in einer Schlange weiblicher Arbeiter auf, die nach dem Morgenappell zum Frühstück marschieren. Weibliche Zombies sind in ihrem eigenen Bereich der IGZ untergebracht. Aber sie gehen gleich neben den Männern zur Arbeit und wieder zurück, getrennt durch einen dreifachen Stacheldrahtzaun.

Sie muss eine Neue sein. 41-571512 hat sie noch nie unter all diesen hohlwangigen Gesichtern, leeren Blicken und hageren nackten Körpern gesehen. Und er ist sich sicher, dass sie ihm aufgefallen wäre. Er verfolgt sie aus den Augenwinkeln, ohne innezuhalten, ohne den Kopf zu wenden, ohne zu zeigen, das er die andere Schlange von Toten überhaupt wahrnimmt. 41-571512 hält immer den Kopf gesenkt, den Blick auf den Boden vor ihm gerichtet, und schaut nie nach rechts und links. Er ist ein gehorsamer Zombie. Sein Kopf ist leer. Er denkt nicht an das andere Geschlecht. Er weiß nicht einmal, was das ist. Auf diese Weise fängt er sich weniger Schläge und Tritte als die anderen ein. Aber er hat das neue Mädchen bemerkt, das Funkeln in ihren braunen Augen, das süße ovale Gesicht und die hübsche, nach oben gebogene Nase, die vollen Lippen, den Körper. 41-571512 hat keinen Zweifel, dass sie neu ist. Sie ist höchstwahrscheinlich gestern eingetroffen.

Die Schlangen kriechen unter wachsamen Blicken, angetrieben von Befehlen und Peitschenschlägen, auf die Kantine zu. Am Eingang zum Frauenbereich steht ein Aufseher mit einer roten Binde um den Arm. Er ist groß und stämmig und begrüßt jede einzelne tote Frau, die die Kantine betritt, mit einem gierigen Blick. In einer Hand hält er einen Knüppel aus verschlungenem Stacheldraht. Die Frauen ducken sich, wenn sie an ihm vorbeigehen, als versuchten sie sich so klein wie möglich zu machen, unsichtbar zu werden. Und dann bleibt sein Blick an der Neuen hängen, und er grinst kurz, kaum wahrnehmbar, aber 41-571512 entgeht seine Lüsternheit nicht. Er spürt einen Stich in der Brust, etwas Neues und Unerklärliches, das ihn mit Wut erfüllt. Und dann dreht der Aufseher den Kopf, und sein Blick richtet sich durch den Stacheldraht auf 41-571512, der sofort wegschaut. Er ist ein guter Zombie. Er erregt keine Aufmerksamkeit. Aber er hat die Abscheu des Aufsehers bemerkt und wie fest er den Knüppel umklammert hielt.



*



»Es gibt Gerüchte über sexuellen Missbrauch...«

»Das sind reine Lügen und Unterstellungen, die wir von Zombietech, Ltd. mit aller Entschiedenheit zurückweisen! Lassen Sie uns eines klarstellen: als Vorwürfe dieser Art aufkamen, haben wir sofort eine gründliche interne Untersuchung durchgeführt. Und ich kann Ihnen sagen, dass wir nicht den kleinsten Hinweis auf die Misshandlung, geschweige denn den sexuellen Missbrauch, von Zombies in Industrie- und Gewerbezonen entdeckt haben. Bewerber um eine Stelle in unseren Betrieben müssen sich ausgiebigen psychologischen Tests unterziehen, und unter keinen Umständen erlauben wir, dass unsere Zombies von Perversen und Psychopathen betreut werden. Ich versichere Ihnen, dass alles, was Sie möglicherweise über den sexuellen Missbrauch von Zombies, insbesondere weiblichen, gehört haben, nichts als ein Haufen boshafter Verleumdungen ist.«



*



Jeder neue Morgen ist ein Morgen mit ihr. Er lebt, um sie zu sehen, wenn auch nur heimlich durch den dreifachen Zaun, in einer Reihe nackter, ausgezehrter Körper. Und jeder neue Abend ist ein Abend mit ihr, wenn sie alle von der Arbeit in die Baracken zurückkehren. Ein kurzer Blick auf sie, bevor die Türen zugeschlagen werden, macht das Grau in Grau ringsum erträglich.

Auch heute morgen marschiert 41-571512 in der Schlange zur Arbeit. Er schaut nach vorn, schlurft mit den Füßen, stumm, wankend, schleppend wie der Nebel über dem Fluss Sava, der sich durch die IGZ wälzt. Und er wirft verstohlene Blicke, die dem Wachmann nicht auffallen, durch den Zaun und sucht nach ihr.

Und er findet sie, eine in einer langen Schlange von Toten: gebeugt, gebrochen, den Blick starr zu Boden gerichtet. 41-571512 fragt sich wieso, was passiert ist, warum sie sich so verändert hat. Gestern sah sie noch nicht wie eine Tote aus. Sie ging aufrecht und hatte ein Funkeln in den Augen... Was ist mit ihr passiert?

Dann erreichen die Frauen die Tore des Kantinengebäudes und gehen an ihrem Aufseher vorher. Sie ziehen sich vor seinem gierigen Blick in sich selbst zurück, bevor seine Faust den Stacheldrahtknüppel packt. Die Frau geht an dem Aufseher vorbei. Er macht eine Bemerkung und grinst. 41-571512 kann nicht hören, was er ihr gesagt hat, aber sie erstarrt plötzlich und hebt den Kopf. Wut lässt ihren Körper erzittern, und ihre braunen Augen sind voller Hass. Sie spuckt dem Aufseher ins Gesicht, eingekreist von den entsetzten Blicken der anderen Frauen ringsum.

Das Gesicht des Aufsehers verzerrt sich zu einer animalischen Grimasse. Er brüllt auf, hebt die Hand und schwingt den Knüppel. Der Stacheldraht trifft das Mädchen quer über das Gesicht, bricht ihr die Nase ab, reißt eine Wange auf, zerschneidet ihre Lippen und sticht ein Auge aus. Andere Frauen kreischen und laufen durcheinander, während der Aufseher flucht und schreit, mit seinem Knüppel zuschlägt und mit jedem neuen Schlag totes Fleisch aus dem Leib des Mädchens reißt. Sie schreit vor Schmerzen, wimmert und heult, sinkt zu einer zerschundenen, blutigen Masse in sich zusammen, während die Schläge auf sie einprasseln. Der starke Arm zerfleischt ihren Rücken und entblößt das Rückgrat. Der Stacheldraht reißt Fleischstücke von ihren Rippen. Andere Wachen schreiten ein, schieben die Frauen mit Schlagstöcken zur Seite, dirigieren sie in eine Richtung und bringen sie zum Schweigen. Jemand ruft etwas. Ein Bokor eilt herbei, holt mit seiner Peitsche aus und lässt sie auf den Rücken des Aufsehers niederfahren.

Der Aufseher blickt mit einem mordlüsternen Ausdruck in den Augen auf. Seine Faust umklammert den Knüppel, von dem Blut und kleine Fleischstücke tropfen. »Vor aller Augen, du Dummkopf?« schreit der Bokor, außer sich vor Zorn. »Willst du, dass sie alle Amok laufen, du Idiot?«

»Was zum Teu...«, knurrt der Aufseher mit Schaum vor dem Mund, aber der Bokor schlägt noch einmal zu, diesmal quer über seine Arme, und der Aufseher verstummt, zitternd vor Wut.

»Melde dich auf der Stelle in der Zentrale! Und jetzt raus hier. Ich entbinde dich von deinem Posten!« Sofort flankieren zwei Wachen den Aufseher, und auf ein Nicken des Bokors hin bedeuten sie ihm, dass er mitkommen soll. Er wirft noch einen Blick auf das blutig geprügelte Mädchen und spuckt angewidert aus, bevor er sich von den Wachen abführen lässt.

Der Bokor geht auf das Mädchen zu. Ein Wachmann sieht ihn fragend an. Der Zauberer schüttelt nur den Kopf. Der Schaden ist zu groß. Ohne ein Wort zieht der Wachmann eine Pistole und feuert zwei Schüsse in den Kopf des Mädchens ab. Andere treiben die Frauen mit Schlagstöcken zum Frühstück, während der Bokor über sein Mikrofon meldet, dass ein Zombie eingeäschert werden soll.

Erst in diesem Moment wird sich der Bokor der starren Blicke durch den Zaun bewusst, der Schlange von Männern, die stehengeblieben sind, und ihrer Wachen, die wütend ihre Schlagstöcke zücken und deren Blicke ihn streifen, bevor sie sich wieder den Zombies zuwenden. Einige Wachen legen die Hände auf ihre Pistolen und Maschinenpistolen und sind bereit, bei der leisesten Provokation zu ziehen. Und dann lässt ihr Bokor seine Peitsche knallen, hebt theatralisch eine Hand und befiehlt mit seiner düsteren Stimme: »In einer Reihe aufstellen! In einer Reihe aufstellen!«

Der Bokor muss seinen Befehl mehrmals wiederholen, bevor die Zombies sich endlich beruhigen, langsam, viel zu langsam, und widerwillig gehorchen. Unter den aufmerksamen Blicken ihrer Wachen bilden sie wieder eine Schlange. 41-571512 folgt ihnen wie in Trance, während ein unerklärlicher Schmerz seinen Brustkorb durchbohrt. Den Blick auf den Nacken des Toten vor ihm gerichtet, marschiert er zur Arbeit. Das letzte, was er hört, sind die Worte, die der Bokor über sein Mikrofon an die Wachen richtet.

»Strenge Überwachung heute, verstanden? Heute und die nächsten zwei Tage! Und diese Vollidioten da drüben werden noch von mir hören!«



*



»Freier Wille? Lächerlich. Wie kann ein Toter einen freien Willen haben?«



*



Der Schmerz wird unerträglich, zerreißt ihn von innen, brennt und ätzt wie Säure, zerrt an ihm, durchbohrt und zerfleischt ihn, während 41-571512 eine Silikontastatur aus dem Kasten nimmt und in den Deckel eines Handys einsetzt. Das Fließband trägt den Deckel weg und holt einen neuen. 41-571512 zwingt sich, nach einer neuen Tastatur zu greifen und sie in den Deckel einzusetzen. Das Fließband bringt einen neuen Deckel. Er nimmt eine neue Tastatur. Und dann verschwimmt sein Blick, eine Träne rinnt ihm über die Wange und noch eine, eine nach der anderen, und er kann nichts dagegen tun. Er sieht den geschundenen Körper des Mädchens vor sich, zerfleischt von aufgewickeltem Stacheldraht. Und das animalische Gesicht des Aufsehers, während er brüllt und ihr Fleisch mit Schlägen bis zu den Knochen aufreißt, bis sie nicht mehr wiederzuerkennen ist, bis zum Tod.

Die Augen voller Tränen, sitzt 41-571512 einfach nur da, und die Handy-Deckel ziehen ohne Tastaturen an ihm vorbei. Der Zombie neben ihm sieht ihn verwirrt an. Die Deckel stapeln sich, verursachen eine Stauung auf dem Fließband. Die Ordnung des Fließbands ist gestört, löst sich ganz auf, und eine vorhersehbare Gleichmäßigkeit schlägt in Chaos um. Der Fertigungsprozess ist unterbrochen, während die Tränen strömen und auf die Deckel tropfen.

»He!« ruft eine Stimme hinter 41-571512. »Was zum Teufel ist mit dir los? Arbeite!« Der Wachmann winkt seinem Kollegen zu und kommt mit gezücktem Schlagstock vorsichtig näher. Auch der zweite Wachmann kommt herüber, und als er die Stauung auf dem Band sieht, gibt er ein Handzeichen. Eine Glocke tönt durch die Fabrikhalle, und das Fließband hält an.

»Wir haben hier einen Aussetzer!« warnt der zweite Wachmann über sein Mikrophon.

»Arbeite, hörst du?« befiehlt der erste Wachmann, aber 41-571512 reagiert nicht, als habe er den Wachmann gar nicht wahrgenommen. Er sieht nur den zerhackten Körper des Mädchens und das Monster, das mit dem Knüppel in der Faust über ihr steht. »Komm schon, arbeite!«

»Das liegt wohl an der Scheiße, die heute passiert ist«, sagt der zweite Wachmann mit Unbehagen. Er schaut sich nervös um. Sein Blick geht zwischen 41-571512 und der anderen Wache hin und her, dann wirft er einen Blick über die Schulter. »Warte besser auf den Bokor!«

»Ja ja, der Bokor wird's schon richten! Du willst mir doch nicht sagen, dass dieser Kadaver sich verliebt hat? Arbeite, du Scheißkerl!« Der erste Wachmann stößt 41-571512 die Spitze seines Schlagstocks in die Rippen. 41-571512 zuckt zusammen, hebt den Blick und wischt sich wütend die Tränen weg. »Na los, arbeite!« fährt ihn der Wachmann noch einmal an. 41-571512 nimmt eine Tastatur aus dem Kasten, doch im selben Moment hat er wieder das Mädchen vor Augen und knirscht mit den Zähnen. Sie knacken und quietschen. Er beißt sie so fest aufeinander, dass er sie fast im blutenden Zahnfleisch zermalmt. Etwas kocht in ihm, steigt hoch und zerplatzt, etwas, das wer weiß wie lang in Ketten gelegen hat, versklavt von Obszönitäten und Tritten und Peitschenschlägen und den Befehlen einer Grabesstimme. Und schließlich bricht es unaufhaltsam aus, wie ein Vulkan. Mit einem wilden Geheul drischt der Zombie mit beiden Fäusten auf die Handy-Deckel vor ihm ein. Er zertrümmert, was er in die Finger bekommt, das Plastik zerspringt, und Splitter fliegen umher, während der Zombie zerstört, zerlegt und auseinanderreisst und eine unsagbare Befriedigung bei all der Zerstörung empfindet. Er schlägt wieder und wieder zu und greift nach dem Kasten mit den Tastaturen und wirft sie durch die Gegend. Er springt von seinem Stuhl auf, hebt ihn hoch und schleudert ihn mit unbändiger Wut gegen das Metallgestell des Fließbands, während beide Wachen Verstärkung herbeirufen und fluchend und mit hoch erhobenen Schlagstöcken auf ihn losgehen.

Schläge treffen seinen Rücken, seine Rippen, seinen Kopf, doch 41-571512 beachtet sie nicht. Zwei weitere Wachleute laufen herbei und schlagen ihn, doch 41-571512 spürt keinen Schmerz mehr. Er wirft den Stuhl, der scheppernd zu Boden fällt. Ringsum eifern ihm die anderen Zombies nach, schreien wild durcheinander und zerstören alles in Reichweite. Einer wirft mit Leiterplatten und stürzt sich dann mit Begeisterung auf die Gehäuserückseiten, in die er sie montieren soll. Ein anderer drischt mit einem Stuhl auf den Nietroboter ein. Der Tote neben ihm schleudert die montierten Mobiltelefone auf den Boden, trampelt darauf herum und zertrümmert sie zu winzigen Bruchstücken. Weiter unten am Fließband, an der Teststation, schlagen zwei Zombies die Monitore ein. An der Packstation zerreißen die Zombies Kartons, Bedienungsanleitungen und Garantiescheine. Sirenen heulen durch die Werkshalle, als 41-571512 den Arm eines Wachmanns packt, den Mann zu sich zieht, auf das Fließband wirft und sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihn lehnt. Der Wachmann schreit, als 41-571512 ihm mit einem einzigen brutalen Ruck den Arm von der Schulter reißt. Blut spritzt ihm entgegen, und 41-571512 genießt das Blut, seine Farbe, den Geruch, die Wärme, die Fülle, mit der es aus der Wunde schießt und seinen dünnen Kittel durchtränkt.

Ein Wachmann feuert mit seiner Pistole. Mehrere Kugeln treffen 41-571512 im Rücken, aber er nimmt sie bloß als vage, stumpfe Piekser wahr. Zwei Zombies stürzen sich auf den Wachmann. Andere flüchten, als die Toten ihm den Helm vom Kopf reißen. Ein Toter vergräbt seine Zähne in den Hals des Wachmanns, und der andere drückt ihm die Augen aus dem Schädel. Überall fließt Blut, während 41-571512 schreit, auf das angehaltene Fließband springt, den Arm hochhebt und wild krakeelt, heult und unverständliches Zeug brabbelt. Alle Zombies in der Halle springen auf und rufen durcheinander. Ihre Schreie, die Sirene, Schüsse und Detonationen verschmelzen zu einem ohrenbetäubenden Lärm.

Die Techniker und die restlichen Wachen laufen hinaus. 41-571512 springt vom Fließband, wedelt mit den Händen und ruft allen zu, dass sie ihnen folgen sollen: hinaus, durch die Tore und in die Freiheit. Die Massen strömen aus der Fabrikhalle und werden mit Maschinengewehrsalven von den Wachtürmen beschossen. Neben 41-571512 stürzt ein Zombie zu Boden, dem ein Geschoss den Schädel zerschmettert hat und auf einer Seite das Gehirn herausquillt. Aber die Flut ist nicht mehr aufzuhalten! 41-571512 läuft über den Hof, und die Zombies folgen ihm. Während Projektile ihm um die Ohren pfeifen, holt er einen Wachmann ein und reißt ihn zu Boden. Binnen Sekunden fällt ein wütender Mob über den Mann her und reißt ihn in Stücke. Seine unmenschlichen Schreie ertrinken in einer Flut von Blut.

Die Maschinengewehre feuert weiter von den Türmen herunter. Die Zombies torkeln in einem Kugelhagel vorwärts, fallen zu Boden. Manche richten sich wieder auf, stolpern weiter, fallen wieder, erheben sich von neuem. Andere bleiben mit durchlöcherten Köpfen liegen. 41-571512 steht auf, und Blut tropft von seinem Körper, das Blut seiner Unterdrücker. Sein Blick streift über den Hof: Maschinengewehre; Tote, die sich erheben; Wachen, die um ihr Leben kämpfen oder davonlaufen, um ihre Haut zu retten; hilflose Bokors, deren Befehle niemand mehr beachtet; die Zombies; der Stacheldraht und die Freiheit dahinter; Leben; Maschinengewehre; Tod; Maschinengewehre - auf den Türmen.

41-571512 läuft weiter, springt über die leblosen Körper hinweg, stürzt sich in das Getümmel und zwängt sich durch die Massen von Toten hindurch. Ein Wachmann stellt sich ihm in den Weg und feuert mit einer Maschinenpistole auf ihn. Die Kugeln durchbohren 41-571512, halten ihn aber nicht auf. Er rammt den Wachmann, stößt ihn dabei zu Boden, entreißt ihm die Maschinenpistole und wirft sie zur Seite. Andere Zombies fangen den entwaffneten Wachmann ein, beißen ihn mit ihren verfaulten Zähnen tot und reißen ihn mit ihren dürren, knotigen Händen in Stücke. 41-571512 erreicht den Wachturm. Über ihm mähen die Maschinengewehre alle auf dem Hof nieder. Er klettert ungehindert und unaufhaltsam die Leiter hoch. In dem ganzen Gemetzel nimmt kein Wachmann ihn zur Kenntnis.

41-571512 klettert Sprosse um Sprosse höher. Und als er die letzte Sprosse erreicht, springt 41-571512 den Schützen an, reißt ihn von seiner Waffe weg und wirft ihn wie eine Stoffpuppe auf den Hof hinaus, wo er von der Masse zerrissen wird. Der Ladeschütze greift nach seiner Pistole, aber 41-571512 ist sofort bei ihm, legt ihm die Hände um den Hals und beißt ihm ins Gesicht. Die Hände drücken zu und zermalmen seinen Kehlkopf. 41-571512 beißt große Fleischstücke heraus, schluckt sie und beißt noch mehr ab, und es ist ein herrliches Gefühl! Er lacht über dem toten Körper und kichert und johlt vor Freude. Und dann packt er die Maschinenpistole und lehnt sein Gesicht an den Kolben. Er weiß nicht, woher er weiß, wie es geht, aber er drückt den Kolben an seine Schulter und fasst den Griff mit der rechten Hand. Sein Zeigefinger krümmt sich von ganz allein um den Abzug. Als Kimme und Korn auf einer Linie sind, drückt 41-571512 den Abzug. Er spürt die Rückschläge in der Schulter, aber er hat die Waffe fest im Griff, als er auf die benachbarten Türme feuert. Die Einschläge sind ohrenbetäubend. Er feuert auf den nächsten Turm. Und dann auf den dritten und letzten. Die MG-Schützen bekommen gar nicht mit, von wo sie der Tod ereilt.

41-571512 feuert und feuert, doch plötzlich verstummt das Maschinengewehr. Der Patronengurt ist am Ende angekommen, alle Kugeln sind verbraucht. 41-571512 sieht hinunter: die Menge unter ihm wälzt sich voran, steigt über die Leichen hinweg. Die befreiten Sklaven reißen das Tor nieder und strömen in die Freiheit hinaus. Eine Welle unbändiger Freude bricht alle Dämme, zerreißt alle Ketten, fegt alle Angst und Flüche und Schläge und Bosheiten beiseite. Weißer Rauch steigt aus den Türen einer der Schlafbaracken auf. Die Hütte steht bald lichterloh in Flammen, und wenig später auch die anderen. Zombies mit Fackeln in den Händen laufen umher und bejubeln die Flammen. 41-571512 blickt über den dreifachen Stacheldrahtzaun hinweg: weibliche Zombies entkommen aus ihren Werkstätten. Es ist niemand mehr da, der sie aufhalten könnte. Ihre Wachen und Bokors wurden entweder getötet, als sie den Aufstand im Männerbereich des Lagers niederzuschlagen versuchten, oder sie sind davongelaufen. Beim Anblick der befreiten Frauen ist 41-571512 wieder mit Traurigkeit erfüllt. Zu spät für das Mädchen. Aber dann wischt er sich die Tränen weg und blickt auf.

Die warme Morgensonne vertreibt den letzten Hauch der grauen Kälte. Über dem IGZ hat sich der Nebel vom Fluss Sava gelichtet. Neue Freude erfüllt 41-571512, als er von seinem Platz auf dem Wachturm den Tag begrüßt, der vor ihnen liegt. Einige Zombies bleiben stehen und heben den Blick. Sie winken ihm zu, plappern fröhlich vor sich hin, jubeln ihm zu, weil er es war, der sie vom Tod zum Leben geführt hat. Auch andere bleiben stehen und jubeln ihm zu. Rings um ihn wogt ein Meer von Freiheit, als wollten sie ihn fragen, wohin sie jetzt gehen sollen, wohin als nächstes, welchen Weg sie nehmen werden? Und vielleicht weiß 41-571512 nicht alle Antworten. Aber er weiß, dass der Albtraum vorbei ist und die Sonne das Vorzeichen eines neuen Zeitalters für sie ist: die Toten sind ins Leben zurückgekehrt. Er zieht das Oberteil seines Arbeitsanzugs aus, der mit dem Blut seines Folterers getränkt ist, und schwenkt es über seinem Kopf, ruft ihnen allen zu, dass sie sich darunter versammeln sollen, unter der roten Flagge der Freiheit.



Deutsch von Michael K. Iwoleit




Die Argosie


Tagane stellte ihre Schale ab und betrachtete mit Sorge die Wolken im Westen, die sich bis hinauf zur Stratosphäre erhoben. Sie waren die Vorboten eines Gewitters. Auf der Steuerbordseite, eine halbe Meile entfernt, schwebten mehrere strahlend gelbe Blimps etwa fünfzehn Meter über den Wellen. Ihre Tentakel hingen bis zur Wasseroberfläche hinab und reichten zehn bis zwanzig Meter in die Tiefe, sanfte tödliche Fallen für alles, was sich in ihnen verfing. Marmorartige Muster auf ihren Blasen pulsierten friedlich zwischen Schwarz und Violett und gaben nicht zu erkennen, dass sich ein Gewitter zusammenbraute. Aber Tagane wusste, dass die Blimps nicht so niedrig schweben würden, wenn sie kein herannahendes Unwetter spürten. »Wir tauchen heute Nacht!«, sagte sie zu niemand bestimmtem.

»Sollen wir auf den Inseln nach einem Unterschlupf suchen?«, fragte Slaven. Mina hatte bereits aufgegessen. Sie aß gewöhnlich schneller als andere. Conrad beachtete die anderen nicht und holte sich einen Nachschlag aus dem Topf. Nur Roberta hob den Blick und begann schneller zu essen, gekochte Algen, die sie sich mit Essstäbchen in den Mund schaufelte. »Wir tauchen heute Nacht«bedeutete, dass es Zeit wurde, die Langleinen aus dem Wasser zu ziehen.

»Das würden wir nicht mehr schaffen«, sagte Tagane.

»Vielleicht wird das Gewitter nicht so stark.« Slaven hatte keine rechte Lust, die Leinen einzuholen. Sie wussten alle nur zu gut, dass nicht genug Zeit gewesen war, um etwas zu fangen. Jedenfalls nichts Erwähnenswertes.

»Wir werden nichts riskieren.« Tagane wandte sich den anderen zu: Slaven, Roberta, Mina und Conrad. »Ihr wisst alle, welche Gewässer unsere Argosie gerade durchquert.« Sie nickten wie ein Mann. Die Argosie ist so gut wie der Kapitän, dachte Tagane. Und der Kapitän ist so gut wie die Seeleute. »Los, esst auf, und dann machen wir uns an die Arbeit.«



*



Slaven hatte wie üblich recht. Gerade einmal etwas über fünfzig Pfund Flinkschwänze und ein paar Stachelfische. Sie vergeudeten nur ihre Köder. Große Klinker und 'kudas kamen nur nachts an die Oberfläche, wenn der Ozean in Flammen stand.

Aber Tagane hatte wie üblich auch recht. Während sie die Leinen einholten, alle Haken sicherten und die Fische ausnahmen, wurde der Wind stärker. Die Wellen begannen gegen die Flanken der Argosie zu spritzen und ihr Deck zu nässen, und das Schiff, offenbar unbeeindruckt von dem bevorstehenden Gewitter, blähte alle vier Segel. Die Argosie pflügte durch den aufgewühlten Ozean und zog schäumendes Kielwasser hinter sich her, vom Wind voran geschoben, getrieben von Instinkten aus einer Zeit, an die sich niemand mehr erinnern konnte.

»Soweit es uns betrifft...« Slaven trat von hinten an Tagane heran und schlang ihr die Arme um die Hüfte. Tagane nickte. Seine Berührung beruhigte sie. Tief in ihren Inneren murmelte die Argosie. Ihre Lust trieb auch Tagane an. Der Wind zerwühlte ihr pechschwarzes Haar und wälzte von Westen bleischwere Wolken heran. Auf einmal zuckte ein Blitz durch die Gewitterfront. Dann noch einer und noch einer. Es ist Zeit, beschloss Tagane. Die Argosie hielt immer noch ihre Segel ausgebreitet: ledrige Membranen von gut neun Metern Spannweite, von den starken Armen getragen und so gedreht und geneigt, dass sie möglichst viel Wind einfingen und die Argosie immer auf Kurs hielten. Aber die Argosie war schwer, angeschwollen, tief eingesunken; das Gewitter würde ihr einige Schwierigkeiten bereiten. Und sie spürte Taganes lautloses Flehen, ihr Unbehagen vor dem unbändigen Wind und dem entfesselten Ozean. Die Instinkte würden warten müssen.

Die Argosie ließ zwei Segel sinken und zog die Arme in ihre Schale. Roberta, Mina und Conrad hatten sich bereits ins Schiffsinnere zurückgezogen, in die längsseitigen Septa, die ihnen als Unterkunft dienten. Die Wellen schlugen höher, spülten übers Deck, und Schaum strömte die Seiten der Schale hinab. Schließlich zog die Argosie die letzten beiden Segel ein. Tagane spürte mehr, als dass sie hörte, wie die Kammern sich mit Wasser füllten und die Schale abzutauchen begann. In wenigen Minuten würden die Wellen über der Schale und den Personen zusammenschlagen, die sich darunter verbargen. Die Argosie würde in die stillen Tiefen versinken, sicher vor dem Toben eines tropischen Gewitters. »Gehen wir«, sagte Tagane und führte Slaven ins Schiffsinnere.

Ein naher Blitz flackerte über die innere Perlmuttschicht des Septums. Tagane warf durch die Sichtluke einen letzten Blick auf die von elektrischen Entladungen zerrissene Gewitterfront, ehe die Wellen über ihnen zusammenschlugen. Die Kammern waren gefüllt, und es ging abwärts. Vom Wind gepeitscht und von Blitzen durchstochen lief das Meer über ihnen förmlich Amok: eine heulende Bestie mit Schaum vor dem Mund, die mal stöhnte, dann wieder brüllte und jedes lebende Ding tief in die Stille hinein trieb, in eine Dunkelheit, geschmückt mit schillerndem Leuchtplankton wie Sterne in der Nacht.

Roberta lag auf einer Matratze aus getrockneten Algen. Conrad streckte sich neben ihr aus, nahm ihre Hand, küsste ihre Finger und leckte das Salz von der Handfläche. Roberta bewegte sich im Schlaf und seufzte kaum hörbar - man konnte sonst nicht viel tun unter Wasser. Mina hängte überall in der Kammer Lampen auf, kleine getrocknete Blimp-Blasen, gefüllt mit einem feinen Pulver, das aus getrockneten Fackelwürmern hergestellt wurde. Sie tauchte ihre Finger in eine Schüssel Wasser und besprenkelte das Pulver in allen Lampen. Wenn sie befeuchtet wurden, glühten sie in einem weichen grünlichen Licht, das durch die Sichtluken in die Tiefe drang. Ab und zu schlängelte sich ein Arm der Argosie durch das Licht.

Die Argosie sank immer tiefer, und das Gewitter war zuletzt nur noch ein gedämpftes Donnern von oben. Etwas schwamm durch das grünliche Leuchten, irgendetwas Großes, das selbst die Ausmaße des größten 'kudas übertraf. Tagane strengte ihre Augen an, aber die Dunkelheit hatte das Ding bereits verschluckt. Sie starrte noch eine Zeitlang in die Schwärze, dann zuckte sie die Achseln. Wer weiß, was in diesen Tiefen lauert, dachte sie. Aber sie fühlte sich sicher in der mächtigen, stabilen Schale der Argosie, die dem Druck in 1.500 Faden Tiefe standhalten konnte. Sie fühlte sich geschützt, bewacht von Dutzenden starken Armen. Die Jahrhunderte waren der einzige Feind einer ausgewachsenen Argosie.

Mina nickte in Richtung Roberta und Conrad, die umschlungen in den trockenen Algen lagen und sich küssten. Roberta spreizte schamlos die Beine. Conrad schob ihren knallbunten, blümchengemusterten Sarong hoch, entblößte ihren straffen Unterbauch und berührte sie dort, wo es am schönsten war. Seine Finger kraulten ihr Schamhaar, streichelten die Schamlippen und reizten ihre Klitoris. Mina verdrehte die Augen, als wollte sie sagen: »Die beiden haben auch nur das Eine im Sinn.« Aber Tagane übersah nicht das lüsterne Funkeln in Minas neckischen grünen Augen. Die Leidenschaft sprang von der Argosie auf all ihre Passagiere über. Tagane spürte, wie sie durch ihren Körper strömte, auf ihrer Haut prickelte und sie feucht zwischen den Beinen machte.

Tagane streckte eine Hand nach Mina aus, die andere nach Slaven. Sie zog die beiden zur anderen Matratze und gab sich ihnen hin. Slaven zog sein T-Shirt und seine Jeans-Shorts aus. Sein Schwanz richtete sich stolz auf, während Mina Taganes beige Hose aufknöpfte und sie ihr über die Beine zog. Slaven zog ihr das weiße Flanellhemd aus und entblößte ihre vollen Brüste, dann wartete er darauf, dass Mina sich aus ihrem orangefarbenen Overall schälte. Schließlich nahmen sich beide ihres Kapitäns an und bedeckten ihr Gesicht und ihren Hals, ihre Brüste und ihren Bauch mit sanften, warmen und feuchten Küssen. Sie versank glücklich in einem kochenden Strudel, entflammt von ihrem schweren, heißen Atem, gereizt von ihren Fingern, Zungen und Lippen, und stöhnte in Extase, als Slavens Schwanz in ihre Möse glitt. Mina liebkoste und küsste sie beide, voll brennender Sehnsucht beim Anblick Slavens, der Tagane in langsamen, stetigen Stößen fickte, bis er schließlich erstarrte und in ihr kam, sie mit Sperma füllte. Im selben Moment kam es auch Tagane, und Mina fingerte sich fieberhaft zum Orgasmus, dann sackten alle drei auf der Matratze zusammen, Leib an Leib an Leib. Roberta und Conrad trieben es neben ihnen, er in ihr, sie um ihn, und das alles im Innern der Argosie, tief im Schoß des Ozeans, der ihr Leben war.



*



Das Gewitter ging vorbei, und der Ozean funkelte. Die Argosie trieb an der Oberfläche, ließ ihre Arme müßig durchs Wasser schlängeln, hatte die Segel eingezogen und ließ ihre Schale sanft von den Wellen umspülen. Tagane und ihre Mannschaft traten aufs Deck hinaus, ihre Leidenschaften befriedigt. Fürs Erste. Der Himmel über ihnen war mit Sternen gesprenkelt, der Ozean ringsum brannte.

Nach dem Gewitter war das Leben aus seiner Zuflucht in der Tiefe an die Meeresoberfläche zurückgekehrt: unermessliche Massen mikroskopischer Stachelkästchen, winzige Geschöpfe, die sich mit filigranen Schalen schützten, bewehrt mit Stacheln und ausgestattet mit Leuchtorganen. Ihnen folgten Fackelwürmer und Borstenwürmer und Lanzenköpfe; Schlangenschlucker, Gaffer und Beilfische und andere Tiefseefische, die bei Nacht an die Oberfläche kamen. Außerdem gefräßige Klinker und 'kudas und Stachelfische und wer weiß was noch, das im Ozean der Lichter, Fackeln und Laternen, die die Dunkelheit mit hellen Farben zerrissen, nach Nahrung suchte. Grün- und Blautöne, gelb, rot, weiß: glühend, miteinander verschmelzend und ineinander strömend, während das Plankton wimmelte. Schulen bildeten und zerstreuten sich und sammelten sich erneut, während rings um die Argosie das Leben wogte.

Tagane betrachtete den Ozean, der sie umgab. Sie hatte immer schon den Eindruck gehabt, dass die Farben nach einem Gewitter am strahlendsten leuchteten. In der Ferne erblickte sie dunkle Gebilde, die durch das Grün schnellten, etwas Großes und Ungewohntes, das sie noch nicht gefangen hatten. Was vielleicht auch besser so war, dachte sie. Rund fünfzig schwarze Blimps erhoben sich sechzig Meter über die Wasseroberfläche, von marmorartigen Mustern überzogen, die organgefarben leuchteten und sie immer an glühende Magmaklumpen erinnerten, die gerade erkalteten.

Plötzlich setzte sich die Argosie ruckartig in Bewegung. Tagane spürte ihre Unruhe für einen Moment, bevor sie ihre starken Arme hoch über die Wasseroberfläche hob und alle vier Segel ausbreitete, um möglichst viel vom leichten Wind einzufangen. Mina sprang auf die Füße, Roberta und Conrad nach ihr. »Meinst du ...?«, fragte Slaven.

»Möglicherweise«, nickte Tagane. Sie spürte, dass sie alle von neuer Unruhe erfasst wurden. Und die Argosie auch. »Wurde auch Zeit.« Mit Lasten beladen, bewegte sich die Argosie recht schleppend und war wenig geneigt, ihren Kommandos Folge zu leisten und in die gewünschte Richtung zu segeln, den Fischen, Algen und Fackelwürmern hinterher, von denen sie lebten.

Die Argosie segelte dahin, von einem Verlangen getrieben. Langsam und träge, aber sie segelte und zog ein helles Kielwasser hinter sich her. Als ob er das wortlose Flehen der Argosie erhörte, blies der Wind etwas stärker. Das Schiff und seine Mannschaft ließen die Blimps hinter sich, segelten über den flammenden Ozean, gefolgt von einer Schule Klinker, die sicheren Abstand zu den Armen der Argosie hielten. Tagane lehnte sich gegen die Reling. Der Wind schlug ihr kalt ins Gesicht und zerwühlte ihr Haar. Sie warf einen Blick auf Slaven, Roberta, Mina und Conrad. Die Anspannung zwischen ihnen nahm erneut zu. Auch in Tagane. Erwartungen, Nervosität, Unruhe. Sie betrachtete noch einmal ihre Seeleute, die Kameraden, mit denen sie die Argosie teilte. Ihretwegen lebte sie nicht auf den Inseln, in der Sicherheit festen Bodens unter ihren Füßen. Ihretwegen war sie auf dem Meer unterwegs und den Wind, den Strömungen und den Launen der Argosie ausgeliefert. Vor einem Gewitter konnten sie sich in die Tiefe zurückziehen. Vor den Ungeheuern waren sie durch die Arme eines wohlwollenden Ungeheuers geschützt. Ihretwegen, erkannte Tagane, segele ich. Und mit ihnen fühlte sie sich lebendig.

Man muss nicht leben, aber man muss segeln. Ein uraltes Sprichwort, das noch von der Erde stammte. Tagane hatte es vor langer Zeit gehört. Aber auf der Argosie gab es diesen Unterschied nicht. Leben und Segeln waren ein und dasselbe. Tagane begriff, dass sie sich ein Leben ohne Segeln nicht mehr vorstellen konnte. Und in gewisser Weise - gegen jede Logik, denn sie alle wussten, das sie nur Passagiere waren, die von der Gnade eines unendlichen Ozeans eingelullt wurden, der sich in Wahrheit nicht um seine Kinder scherte - erfüllte es sie mit Freude und Frieden.

»Tagane, schau mal! Da drüben«, wurde sie von Conrads Ruf aufgeschreckt. Sie hob den Blick, sah in die Richtung, in die sein Finger zeigte, und sah eine ferne Schale und Arme und vier ausgebreitete Segel. Eine zweite Argosie.

Bevor sie etwas sagen konnte, spürte Tagane, dass die Kammern sich rasch mit Wasser füllten, schneller als üblich. »Rein mit euch!«, befahl sie, und sie alle verkrochen sich hastig in der Schale, in ihrer Luftblase, während die Argosie tauchte, getrieben von einem Instinkt, über den sie keine Kontrolle hatte.



*



»Er ist riesig«, flüsterte Mina, ihre Nase an die Sichtluke gedrückt. Tagane entging nicht das Zittern, das ihren zerbrechlich wirkenden Körper durchfuhr. Sie spürte es selbst. Sie alle spürten es - es war das Zittern der Argosie. Anspannung. Erwartung. Süßes Verlangen.

»Er ist nicht größer als unsere Argosie«, sagte Slaven.

Aber auch nicht viel kleiner, befand Tagane. Das Männchen war in etwa fünfzig Faden Tiefe zur Ruhe gekommen, die Arme angelegt, die Segel eingezogen. Seine Schale war ein dunkles, eiförmiges Gebilde inmitten der schimmernden Aquarelle der Farben. Er wartete darauf, dass ihre Argosie auf ihn zukam.

»Siehst du jemanden?«, fragte Conrad. Tagane schaute durch die Sichtluken, aus denen milchig grünes Licht drang, das das Männchen einhüllte. Und ja, sie sah einen Mann. Sie winkte ihm zu. Er winkte zurück. Und dann erschien ein zweiter Kopf neben ihm, der Kopf einer Frau.

»Wir haben Gäste!«, rief Tagane. Alle waren begeistert. Es wurde Zeit für ein wenig Veränderung. Sie drängten sich alle neben Tagane um die Lichtluke zusammen, um zu sehen, was auf sie zukam.

»Ich kann nichts sehen«, klagte Roberta. Die Argosie näherte sich dem Männchen, der zweiten Argosie.

»Sie kommen mir nicht bekannt vor«, sagte Slaven. Er winkte den drei Köpfen zu, die sie inzwischen aus dem Männchen beobachteten. »Es könnten Leute aus dem Norden sein. Die nördliche Strömung ist in diesen Monaten recht stark.«

Und dann, durch den brennenden Ozean, streckte die Argosie einen Arm aus und berührte das Männchen. Sie betastete seine Schale und strich über seine Arme. Sie umfuhr sein riesiges Auge und streichelte sein Schild. Tagane wusste, dass das Weibchen immer als erstes einen Arm ausstreckt. Das Weibchen lädt immer als erstes zum Tanz. So verlangen es die Tradition und die Sitten der Argosies.

Das Männchen musste nicht lang umgarnt werden. Taganes Herz machte einen Sprung, als es seine Arme ausbreitete und auf die Argosie zukam. Auch sie streckte ungeduldig ihre Arme aus. Das Männchen verharrte für einen Moment, dann kam es ganz nah. Sein Saugrohr verband sich mit dem der Argosie. Wer immer sich im Männchen aufhielt, das wusste Tagane, würde durch das Saugrohr in ihre Argosie hinüber steigen. Die Mannschaft des Männchens kommt immer zum Weibchen hinüber. Sie alle - Tagane, Slaven, Roberta, Mina und Conrad - starrten angespannt auf die fleischige Membran vor dem Eingang der Kammer.

Die Membran öffnete sich, und ein mittelalter blonder Mann in Begleitung zweier jüngerer Frauen betrat ihr Zuhause. Die Mannschaft der anderen Argosie bestand nur aus drei Leuten, was Tagane ein wenig beruhigte. Es wäre ihr alles andere als recht gewesen, wenn sieben oder acht Männer die Kammer betreten hätten, mit vielleicht einer oder zwei Frauen. Und Mannschaften konnten sich ihre Schiffe nicht aussuchen. Die Argosies trafen die Wahl.

Sie sind auch nervös, erkannte Tagane. Sie spürten das Drängen des Männchens, so wie Tagane das Drängen ihrer Argosie spürte. Und sie kennen uns nicht, wie auch wir sie nicht kennen. Tagane lächelte. Ein Lächeln brach immer das Eis. Die Frauen antworteten mit einem sichtlichen Flattern ihrer Herzen. Der Mann lächelte auch. »Ich bin Sven«, sagte er. Der Kapitän, der den Besuch abstattete, ist immer der oder die erste, die sich vorstellt. »Tilda und Marina.«

Tagane stellte sich und dann ihre Seeleute vor. »Kommt rein«, sagte sie und begrüßte die Gäste in ihrer Argosie mit offenen Armen. Sie musterte die drei, während sich die Membran hinter ihnen wasserdicht schloss, und kam schließlich zu dem Schluss, dass sie die Besucher mochte.

»Ihr müsst aus dem Norden kommen«, sagte Slaven und trat auf sie zu.

»Ja, der nördliche Strom ist in diesem Jahr sehr stark«, erwiderte Sven mit einem Nicken. Sein Blick blieb an Roberta und Mina hängen. Er mochte Tagane und ihre Seeleute auch, vielleicht die ersten fremden Gesichter, die er seit Monaten gesehen hatte. Trotzdem blieben Tilda und Marina etwas reserviert.

Dann erzitterte die Argosie. Sie wussten alle, was gerade geschah. Sie konnten es in sich spüren, in ihren Herzen pochen, in ihren Schläfen trommeln. Die Weibchen und das Männchen klammerten sich aneinander, verschlangen ihre Arme, zwei Argosies, die sich in lebhaften Zuckungen vereinten. »Unsere Argosie ist ziemlich ungeduldig«, sagte Tilda mit trockenem Mund, als müsse sie sich entschuldigen.

»Ja«, brummte Tagane, nahm Sven an der Hand und führte ihn zur Matratze. Der Kapitän machte den Anfang. So war es Tradition und Sitte bei den Seeleuten. »Und unsere Argosie hört kaum noch.« Die Argosie erzitterte wieder, diesmal stärker. Ihr Verlangen traf Tagane wie ein Blitzschlag, riss sie auseinander und verbrannte sie zu Asche wie einen alten Baum. Mit zittrigen Fingern streichelte sie Svens unrasierte Wangen, zerzauste sein Haar und zog ihn an sich, so wie die beiden Argosies sich gerade mit ihren kraftvollen Armen umklammerten. Sie küssten sich, anfangs kurz, unsicher, und dann sahen sie einander in die Augen - Augen, die nichts als Verlangen ausdrückten - und küssten sich wieder und konnten mit dem Küssen nicht mehr aufhören, angetrieben von der Lust ihrer Argosies. Sie zogen sich hastig aus, und Sven drückte Tagane sanft in die trockenen Algen. Tagane spreizte die Beine für ihn, bereit für ihn, feucht für ihn, und nahm ihn - hart und angeschwollen - in sich auf, nahm ihn ebenso, wie er sie nahm, gab sich ihm hin, wie er sich ihr hingab, mit Freude, hieß ihn willkommen, so wie ihre Argosie das Männchen willkommen hieß. In den Nebel ihrer Leidenschaft versunken, fickten die beiden Kapitäne, geborgen in einem schwitzenden, zitternden, brennenden Meer aus den Körpern ihrer Seeleute.

All das kam Tagane in kurzen Momentaufnahmen zu Bewusstsein, in Ausbrüchen von Farbe, die in den Ozean ringsum ausströmte. Smaragdgrün: Conrad mit Tilda, die auf ihm ritt, von seinem Schwanz aufgespießt, und mit ihrem unbändigen kastanienbraunen Haar durch die Luft peitschte, und Mina - die süße, stets hilfreiche Mina -, die beide liebkoste und küsste. Orange: Marina, in einem orgasmischen Krampf, die Beine eng um Slaven geschlungen. Himmelblau: Slaven, der nach einem lautstarken Orgasmus in sich zusammensackte, erschöpft, mit schweißnasser Stirn, Roberta an seiner Seite liegend, gleich neben Marina, die sie mit einem Lächeln akzeptierte, und die beiden küssten und umarmten und streichelten sich; und Roberte, die nach unten rutschte und Marinas angeschwollene Möse leckte, von krausem blonden Haar an der Nase gekitzelt, während sie sich an Slavens Samen erfreute, der zwischen den Schamlippen hervor rann. Grün: Sven, der stöhnte und Worte in einer nordischen Sprache hervor bellte, die Tagane nicht verstand, dann erstarrte und sie mit seinem Sperma füllte, und sie genoss es ebenso wie er und schloss sich ihm nach einer kurzen Pause an, als er Mina befummelte, ihren Hintern anhob und in sie eindrang. Feuerrot: Slaven, der Tilda wilde fickte, immer wieder seinen Schwanz in sie hinein stieß. Gelb: Conrad, der sich zu Marina und Roberta gesellte, und dann kam auch Tagane dazu, fasste ihn am Schwanz, positionierte ihn vor Marina und führte ihn ein; und er drang in sie ein, und die beiden bumsten, während Roberta und Tagane sie küssten und streichelten und ihnen den Schweiß von der salzigen Haut leckten, bevor sie sich einander zuwandten. Violett: Mina und Sven, dem es nach mehreren Minuten heftigen Stoßens kam, aber er hatte immer noch nicht genug, und seine starken Arme drehten Mina auf den Bauch; und er küsste und tätschelte ihren straffen Hintern, bevor er sie von hinten bestieg. Weiß: Slaven und Tilda, die sich neben ihnen aneinander pressten. Acht Körper, zu einem heißen, schwitzenden Malstrom aus Küssen und Lecken, Streicheln, Reiben und Reizen, Ficken und Bumsen vereint. Ein kontinuierlicher Strom von Orgasmen, die zu einem einzigen großen Höhepunkt ineinander übergingen, den Worte nicht beschreiben können. Atemlos, mit schwindendem Bewusstsein, während die beiden Mannschaften und die zwei Argosies ein neues Leben schufen, inmitten des Feuerwerks unzähliger Lebewesen, mit denen sie den Ozean teilten.



*



Das Feuerwerk verpuffte, die Nacht ging in die Dämmerung über. Tagane befreite sich aus dem Bündel von Leibern, die ausgestreckt auf den Algen lagen. Ganz vorsichtig, um sie nicht zu wecken, zog sie Marinas Hand von ihren Brüsten und eine Locke ihres blonden Haars von ihrem Hals, dann stand sie zitternd auf, kaum imstande, auf ihren Beinen zu stehen. Sie hatte Hunger. Das kann warten, beschloss sie und trat an die Sichtluke. Die beiden Argosies hatten immer noch ihre Arme verschlungen. Tausende transparenter Kugeln, so groß wie Taganes geballte Faust, trieben im Meer. Eier, befruchtete Eier. Befruchtet in einer Nacht der Instinkte und Leidenschaften und süßer Hingabe von Mensch und Tier, in einem Ozean, der sie alle nährte, der ihr Zuhause war - einem Ozean des Lebens.

Tagane wusste nicht, wie lang sie durch die Sichtluke starrte. Plötzlich spürte sie einen warmen Atem in ihrem Rücken. Die unrasierte Wange lehnte sich an ihr Gesicht. Tagane hob eine Hand und fuhr mit den Fingern durch Svens Haar. Sven ließ seine Hand auf ihren Bauch sinken und streichelte ihn sanft und fürsorglich. Der Drang war befriedigt, alles war gemäß den Traditionen und Sitten der Argosies und Seeleute getan worden. »Woran denkst du?«, flüsterte Sven und küsste ihren Hals.

Die Leiber auf den Matratzen rührten sich. Mina murmelte etwas im Schlaf. Slaven drückte sie an sich, und sie wurde wieder ruhig. Conrad schlummerte neben Roberta, Tilda und Marina. Alle vier schliefen fest, und Tagane wusste, dass sie eine ganze Zeit nicht mehr aufwachen würden. Mit ihrer Hand bedeckte sie Svens Hand auf ihrem Bauch. Vielleicht hatte in der letzten Nacht ein neues Leben begonnen, wer wusste das schon? Wenn sie Glück hatten, mochten sie alle mit Kindern gesegnet sein.

Tagane sah durch die Sichtluke zwei neue kleine Argosies, gerade erst gezeugt, in die Tiefe sinken, wo sie schlüpfen und wachsen und reifen und - wenn sie das Glück hatten, unzähligen, mit scharfen Zähnen gespickten Kiefern zu entkommen - eines Tages groß und mächtig an die Meeresoberfläche zurückkehren würden. Als ausgewachsene Argosies.

Und Argosies brauchten immer Kapitäne und Seeleute.



Deutsch von Michael K. Iwoleit




Fußspuren am Strand


Zähne. Scharf, nach hinten gebogen und gezackt, um besser Fleisch zerreißen zu können. Zähne, die sich durch eine friedliche Herde Iguanodons beißen, die im frühen Morgenlicht grasen.

Die Meute brüllender Megalosaurier - graue, mit grünen Tarnflecken gesprenkelte Raubtiere - jagte über die Waldlichtung und stürzte die Iguanodons in blinde Panik.

Inmitten der schrecklichen Schreie war Sie, auf die Hinterbeine aufgerichtet, während sie durch die aufgeschreckte Herde lief, sich nur der Zähne eines Megalosauriers bewusst, der den Abstand immer mehr verringerte, der schneller war als Sie, dessen speicheltriefende Kiefer nur darauf warteten, sich in Sie zu verbeißen. Instinktiv - es blieb keine Zeit zum Denken - schwang sie Ihren kraftvollen Schwanz und holte aus. Der Megalosaurier wich geschickt dem tödlichen Schlag aus, der ihn beinahe am Kopf erwischte, kam dabei aber aus dem Tritt. Seine Kiefer schnappten ins Leere. Aber der Räuber gab nicht auf.

Nichts als diese Kiefer im Kopf, tauchte Sie geräuschvoll zwischen die hohen Palmfarne, Gingkos und Magnolien in der Hoffnung, die blutrünstige Bestie abzuschütteln, wenn sie durch das Dickicht abgebremst wurde und Ihr einer Chance zur Flucht gab. Sie sprang über einen umgestürzten, moosbedeckten Baumstamm. Ihr wuchtiger Körper preschte durch Sprösslinge, ihre schweren Füße zertrampelten Schachtelhalme und Farne unter ihr. Aufgeschreckte Insekten stoben nach rechts und links davon. Etwas Winziges, Haariges flitzte ins Dickicht und rettete sich im letzten Moment davor, zertreten zu werden.

Sie hörte einen Schrei hinter sich - das Geräusch tiefer Wunden und eines nahen Todes. Ein schwerer Körper brach mit einem dumpfen Laut in sich zusammen. Sein steifer Schwanz trommelte hilflos auf den Boden. Für einen Moment sah sie Vorderbeine durch die Luft zucken, als das unglückliche Geschöpf versuchte, seinen Angreifer mit spitzen Daumenstacheln zu erdolchen. Die Laute des Tötungsaktes wurden leiser, während Sie weiter lief. Hungrige Raubtiere knurrten und fauchten, während sie sich um die besten Stücke Fleisch balgten, die einem noch lebenden Iguanodon aus dem Leib gerissen wurden. Heißes Blut schoss hervor und färbte die Welt rot.

Angetrieben von Panik, von den Schreien eines gnadenlosen Gemetzels, die in Ihrem Kopf widerhallten, hatte Sie gar nicht bemerkt, dass Ihr Verfolger Ihr gar nicht mehr nachjagte - dass er umgekehrt war, um sich seinen Anteil an dem Gemetzel zu sichern. Als Sie längst in Sicherheit war, hetzte sie immer noch kopflos durch den Wald, bis schließlich eine Spur Vernunft Ihren Schrecken überwog und Ihr sagte, dass es vorbei war. Erschöpft und außer Atem hielt sie inne und lauschte dem Pochen ihres Herzens in ihren Ohren.

Ringsum flüsterte der uralte Wald: das leise Schnattern kleiner gefiederter Dinosaurier, die sich unter Farnen versteckten, mit Krallenfüßen durch trockene Blätter scharrten, auf der Suche nach etwas, das klein genug war, um es packen und verschlingen zu können; die Pfiffe von Pterosauriern, die über ihr Libellen jagten, mit grauen, ledrigen Flügeln schlugen, während sie geschickt hohe Bäume umkurvten. Dies waren alles vertraute Geräusche, die Sie jeden Tag hörte.

Erleichtert kam sie zu dem Schluss, dass die Gefahr gebannt war, Sie den Räuber abgeschüttelt hatte.

Aber wo befand Sie sich nun? Sie schaute sich um.

Die hohen Sequoien - dicke Säulen mit rötlicher Rinde - kamen Ihr nicht bekannt vor. Nach einer kurzen Erkundung wurde Ihr klar, dass Sie diesen Teil des Waldes noch nie gesehen hatte. Sie hob den Kopf, holte tief Luft und stieß einen langen, traurigen, durchdringenden Ruf aus. Dann horchte Sie. Jedes lebende Wesen im Wald ringsum verstummte, aus dem täglichen Einerlei geschreckt durch diesen fremdartigen, lauten Ruf. Sie rief erneut und lauschte. Stille. Sie rief ein drittes Mal - aber es kam keine Antwort. Das konnte nur eines bedeuten: Sie hatte sich so weit von der Herde entfernt, dass die anderen Sie nicht mehr hörten. Und das erfüllte Sie mit Unbehagen, Angst, Beunruhigung. Den ganzen Tag rief und horchte Sie, rief und horchte, rief und horchte. Schließlich rief Sie nur noch und wurde mit jedem unbeantworteten Ruf ein Stück verzweifelter. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Sie von der Geborgenheit der Herde getrennt.

Zum ersten Mal in Ihrem Leben war Sie allein.



*



Vesna sitzt auf der Bank unter den Kiefern. Über dem Meer lodert der Sonnenuntergang und setzt den Himmel in Flammen. Hinter ihr, in einem Lorbeerbusch, warnt ein kleiner Dinosaurier mit wachsamen Augen, dass eine Katze umher schleicht. Der Dinosaurier hat Flügel, schwarze Federn und einen gelben Schnabel. Neben Vesna, auf Blättern in ihrer Mappe skizziert, ruhen einige andere Dinosaurier: ferne Verwandte der Schwarzdrossel mit den wachsamen Augen, der tschilpenden Spatzen, der Blaumeise über ihr und der Möwen, die vom Meer zurückkehren.

Eine blonde Haarlocke fällt Vesna über die Augen. Sie wischt sie ärgerlich weg. Und dann entladen sich die aufgestauten Gefühle dieses Tages wie Magma von irgendwo tief in ihrem Innern, und ihre wasserblauen Augen füllen sich mit Tränen. Vesna bedeckt ihr Gesicht mit den Händen, und ein Schluchzen erschüttert sie. Der Knoten in ihrem Bauch, der sich seit heute früh zusammengeballt hat, droht zu platzen. An der Grabungsstätte ist es ihr irgendwie gelungen, sich zusammenzureißen, ihre Tränen vor den Kollegen zu verbergen, Fragen und mitleidigen Blicken auszuweichen. Jetzt aber ...

Das Schluchzen bringt Erleichterung, und nach einigen Minuten beruhigt sie sich, schnieft, wischt die Tränen von den Wangen und fühlt sich etwas besser. Taschentücher. Sie greift nach einer Packung Papiertaschentücher in ihrer Tasche.

Plötzlich wird sie einer Hand gewahr, die ein ordentlich zusammengefaltetes, völlig sauberes Taschentuch hält.

Die junge Frau hebt ihren tränenfeuchten Blick. Ein Herr, den sie auf über sechzig schätzt, steht vor ihr, das graue Haar mit einem Mittelscheitel, der Schnurrbart sauber gestutzt. Er trägt einen tadellosen, sandfarbenen Anzug, passend für den frühen Herbst, einen Schal um den Hals und einen Spazierstock in der anderen Hand.

»Danke.« Vesna nimmt das Taschentuch, wischt ihre Tränen weg und schnäuzt sich die Nase. Sie gibt das Taschentuch mit einem verlegenen Lächeln zurück, als täte es ihr leid, dass sie sich zum Narren gemacht hat. Sie fragt sich, wie lang er hier gestanden hat. »Ich fürchte ...«

»Das ist überhaupt kein Problem, junge Dame«, erwidert der Mann mit einer leichten Verbeugung. Vesna lächelt erneut und seufzt. Es wird spät, Zeit zu gehen. Sie hebt ihre Tasche und ihre Mappe auf. Lorbeer, Oleander und Kiefern versinken in der Dunkelheit. Die Nacht schleicht sich in verborgene Winkel des Gestrüpps, und Dinosaurier, die heute Vögel sind, suchen sich einen Schlafplatz und werden verstummen. Von der kiesbedeckten Promenade dringt Licht herüber. Es wird Zeit, in ihr billiges Hotelzimmer zurückzukehren, wo sie wahrscheinlich noch mehr weinen wird.

»Entschuldigen Sie, junge Dame.« Vesna spürt eine Spur Dringlichkeit, fast etwas Flehendes in der Stimme des Mannes. Sie hält inne. »Ich habe den Eindruck - verzeihen Sie mir, wenn ich mich irre -, dass Sie einen anstrengenden Tag hinter sich haben. Wenn Sie erlauben: Vielleicht kann ich Sie irgendwo zum Abendessen einladen?«

Sein Angebot kommt für Vesna ganz überraschend. Sie weiß nicht, was sie antworten soll. Der Mann, der vor ihr steht, könnte ohne weiteres ihr Großvater sein. Ein Dinosaurier, denkt sie boshaft und schämt sich sogleich dafür. Irgendwie hat sie das Gefühl, dass er, ebenso wie die Dinosaurier, nicht in diese Welt und Zeit gehört, und genau das könnte der Grund sein, warum sie sich plötzlich von ihm angezogen fühlt. Und warum auch nicht?, fragt sie sich nach kurzem Nachdenken.

»Vesna.« Sie lächelt, als sie sich vorstellt und dem Mann die Hand hinhält. Er nimmt ihre Hand in seine und küsst sie behutsam, wie ein wahrer Gentleman. Vesna hebt eine Augenbraue, überrascht und amüsiert über die altmodischen Manieren des Mannes. Sie versucht sich zu erinnern, ob schon einmal jemand auf diese Weise ihre Hand geküsst hat. Nein, bis heute nicht.

»Šarić. Professor Šarić.« Der Mann stellt sich mit einer leichten Verbeugung vor. Etwas an dieser Verbeugung erfüllt sie mit Zuversicht, und sie gestattet ihm, sie bei sich unterzuhaken, und führt sie über den Gehweg. Nach zehn Minuten erreichen sie ein Restaurant mit einer gemütlichen Terrasse. Im selben Moment, als der Mann ein gemeinsames Abendessen vorschlug, hat Vesna bemerkt, wie hungrig sie ist. Irgendwo über ihnen, in der dichten Kiefernkrone, ruft ihr ein kleiner nachtaktiver Dinosaurier, gedrungen, mit braunem Federkleid, großen gelben Augen und einem schwarzen Schnabel - eine kleine Eule -, von seinem Ast aus zu, bevor er sich auf die Jagd begibt.



*



Sie folgte dem Bach, den Sie an dem Tag entdeckte, nachdem die Megalosaurier Ihre Herde angegriffen hatten, und erreichte nach fünf Tagen das Meeresufer. Der Bach murmelte durch den Wald, floss mit anderen Bächen zusammen und weitete sich nach zwei Tagen zu einem trägen Fluss. Klares Wasser stillte ihren Durst - klares Wasser, das Sie durch ein seltsames, unbekanntes Land führte.

Vor Ihr erstreckte sich das Meer. Zum ersten Mal in Ihrem Leben sah Sie Plesiosaurier, deren ferne, kleine Köpfe sich auf langen, gräulichen Hälsen hoch über die Wellen erhoben, unter ihnen ihre Körper und die Flossen, die durchs Wasser schlugen. Gegen die Wolken zeichneten sich die Silhouetten großer Pterosaurier ab, die ihre Kreise zogen, von aufsteigender warmer Luft getragen, ihre langen Flügel bewegungslos. Mehrere kleine Pterosaurier - mit gefalteten Flügeln und langen Schwänzen, nackten roten Köpfen und mit nadelspitzen Zähnen gespickten Kiefern - labten sich an einem toten Fisch am Strand.

Sie schritt über den weichen Sand und hielt inne, um an einer großen, spiralförmigen, an den Strand gespülten Ammonitenschale zu schnüffeln. Der Geruch von Verwesung aus dem Inneren der Schale war neu für Sie. Neugierig stupste Sie die Schale mit Ihrer Nasenspitze an, aber nichts kroch daraus ins Freie. Als Sie wieder aufblickte, bemerkte Sie eine Spur von Fußabdrücken, die über den Strand führte, dann abknickte und unter den Palmfarnen und Araukarien verschwand. Sie sah genauer hin und entdeckte weitere Fußabdrücke, ganz winzige, die die flinken Füße eines kleinen Dinosauriers zurückgelassen hatten. Und große, kreisrunde Abdrücke, die Spuren eines Sauropoden, einem Herdentier wie Sie selbst, das Sie einmal gesehen hatte, mit Beinen dick wie Baumstämmen, die einen massigen Körper trugen, einem langen Hals und peitschenartigem Schwanz. Sie blickte zurück: Sie selbst hatte auch Fußabdrücke hinterlassen. Aber da war noch eine andere Reihe von Fußspuren. Ihre Nüstern blähten sich, als Sie den schwachen, verblassten Geruch einatmete, den Geruch erkannte und erstarrte. Ein Megalosaurier war hier vor einiger Zeit auf der Pirsch gewesen. Vielleicht hatte er hier nach Aas gesucht, bevor er in den dunklen Wald zurückgekehrt war. Oder vielleicht jagte er immer noch. Zähne... Auch hier lauerte Gefahr, erkannte Sie. Sie musste vorsichtig sein. Dennoch war Sie relativ sicher, solang Sie sich am Strand aufhielt. Es wäre für einen Fleischfresser schwierig, sich auf offenem Gelände an Sie heranzuschleichen und Sie anzuspringen.

Unversehens schallte ein tiefer, hohler Ruf über den Strand, und die Pterosaurier, die den Fisch verspeisten, hoben erschrocken ihre nackten Köpfe.



*



Vesna drückt den grünen Knopf und blickt auf den beleuchteten Bildschirm ihres Handys. Keine neuen Nachrichten. Sie weiß, dass ihre Hoffnungen trügerisch sind. Slaven wird nicht zurückrufen. Er hat nicht den Mumm dafür. Es ist ihm sogar gleichgültig. Vesna schwört hoch und heilig, dass sie nie wieder eine Beziehung mit einem Kerl von der Art eingehen wird, die per Handy Schluss machen.

Sie lehnt sich auf der Bank zurück und lässt sich von der Brise vom Meer kühlen. Weiße Dinosaurier gleiten über den Himmel, verzückt von der Freiheit, die sie dort oben genießen. Auf einem Felsen in der Nähe streitet sich eine braune Jungmöwe mit einem ausgewachsenen Vogel um einen Bissen, ein Stück Brot. Der ausgewachsene Vogel gewinnt, und der Jungvogel streckt die Flügel aus, hebt ab und fliegt in geringer Höhe über den Wellen, um an anderer Stelle entlang der Küste sein Glück zu versuchen.

Vesna breitet ihre aufgeschlagene Mappe vor sich aus. Sie ist nicht recht bei der Sache, als sie durch die Zeichnungen versteinerter Fußabdrücke blättert. Sie sind mit einem präzise gezeichneten Quadratgitter überzogen. An der Grabungsstätte ist dasselbe Gitter mit straff gespannten Seilen markiert. Heute morgen hatte das Team reichlich damit zu tun, weitere dreißig Quadratmeter freizuräumen, Büsche auszureißen, Erde und Steine beiseite zu schaffen. Der neu freigelegte Abschnitt ist noch nicht aufgeteilt, deshalb hat Vesna die Zeichnungen noch nicht skaliert.

Die Gegenwart einer anderen Person reißt Vesna aus ihrer Träumerei. Šarić steht höflich neben der Bank und versucht sich nicht anmerken zu lassen, dass ihn der Inhalt ihrer Mappe interessiert.

»Neugier spiegelt Intelligenz wider, Professor«, neckt Vesna ihn und wendet den Blick wieder den Zeichnungen zu.

»Danke.« Der Professor wird rot.

Vesna lächelt und rückt ein Stück zur Seite, eine wortlose Einladung, die er erleichtert annimmt. Heute erschien ihm der Spaziergang anstrengender als sonst. Das Alter... »Darf ich?«

»Natürlich.« Vesna reicht ihm die Zeichnungen. Der Professor erkennt gleich, dass es sich um eine Serie von Zeichnungen handelt, die aufeinander folgen.

»Ist es das, worüber die Leute reden?«

Vesna nickt. Ganz Istria ist aus dem Häuschen wegen des neusten Fundes: hunderte versteinerte Fußabdrücke. Mindestens fünf Dinosaurier-Arten und zahllose Einzeltiere: Iguanodons, ein riesiger Sauropode neben zahlreichen kleineren Pflanzenfressern - einige davon wahrscheinlich Hypsilophodons - und ein Fleischfresser.

»Sie stammen aus der frühen Kreidezeit.« Vesna zeigt auf die Übersichtskarte. »Das hier ist ein Sauropode. Sehen Sie hier, er ist einfach vorbeimarschiert. Es war ein großes Exemplar - beachten Sie den Durchmesser der Fußabdrücke! Zwanzig Meter lang, vielleicht noch länger. Und das hier ist ein großer Raubsaurier, vermutlich ein Megalosaurier oder etwas Ähnliches. Wir können die genaue Spezies, der ein Carnosaurier angehört, noch nicht allein aufgrund der Fußabdrücke bestimmen... Und dies hier sind die Iguanodons...« Vesna verstummt, als sie die verwirrten Blicke des Professors bemerkt.

»Wissen Sie, ich arbeite in einem ganz anderen Fachgebiet. Englisch, Deutsch, Italienisch... Dinosaurier... Ich weiß nur, dass es sie gegeben hat.«

»Tut mir leid.« Vesna entschuldigt sich mit einem Lächeln. »Manchmal vergesse ich mich. Hier.« Sie zieht einige Rekonstruktionen hervor, die sie gezeichnet hat, als sie gerade keine Fußabdrücke sorgfältig ins Gitter kopieren musste. Professor Šarić nickt, beeindruckt von ihrem Talent, längst ausgestorbene Tiere in ihren detaillierten Bleistiftzeichnungen wieder zum Leben zu erwecken.

»Dies da sind also die Fußabdrücke von Iguanodons?«

»Ja, da sind wir uns ziemlich sicher. Aber wir wissen nicht, was diese hier bedeuten. Niemand hat je etwas Vergleichbares gefunden! Schauen Sie, wie die Erde zertrampelt wurde.« Vesna nimmt ihm die Zeichnung ab und zeigt aufgeregt auf die entsprechenden Stellen. Der Blick des Professors folgt ihrem Finger, während er das Papier überfliegt. »Dies hier war ein Tier. Es hat sich dem zweiten, kleineren Tier genähert. Sehen Sie - das ist diese Spur. Und jetzt schauen Sie hier...« Vesna überblättert mehrere Zeichnungen. »Sie haben sich gegenüber gestanden. Das ist für sich genommen nicht so bemerkenswert, nicht wahr? Aber schauen sie genauer hin! Als ob sie sich in diese Richtung umgedreht hätten, aber immer noch einander zugewandt...«

»Vielleicht haben Sie gekämpft«, vermutet Professor Šarić.

»Nein, das glauben wir nicht.« Vesna betrachtet die Zeichnung. »Dafür sieht es zu geordnet aus. Seit einigen Woche schon versucht das gesamte Team, sich einen Reim darauf zu machen. Aber es ist uns nicht gelungen. Vielleicht werden wir nie erfahren, was es zu bedeuten hat«, seufzt sie.

Der Professor studiert die Zeichnungen genauer und runzelt konzentriert die Stirn. Das Muster der Fußabdrücke kommt ihm irgendwie bekannt vor. Bis...

Verdammt, es kann nur... Aber das ist unmöglich!

Trotzdem - wenn es menschliche Füße wären, gäbe es nicht die Spur eines Zweifels, keinen Moment lang. Er beginnt kaum hörbar eine Melodie zu summen, und Vesna sieht ihn verwirrt an.

Ja, das ist es! Es kann gar nichts anderes sein, ganz gleich, was andere dazu sagen. Und das arme Kind sieht es nicht. Aber wie auch. Diese Jugend von heute...

Schließlich gibt der Professor die Zeichnung Vesna zurück, nachdenklich, ohne ein Wort zu sagen. Er lächelt nur auf eine rätselhafte Art.



*



Ihr Herz bebte! Sie erkannte sofort den Ruf eines Männchens Ihrer eigenen Spezies. Sie antwortete, machte eine Pause, um zu horchen, und erhielt gleich eine Antwort. Durch die Wellen stapfend, die an den Strand spülten, eilte Sie über den feuchten Sand und scheuchte mehrere Pterosaurier auf, die mit wild schlagenden Flügeln und protestierenden Schreien empor stoben. Wo war Er? Warum konnte Sie Ihn nicht sehen? Schließlich blieb Sie aufgeregt stehen und rief Ihn erneut.

Er trat unter den Baumfarnen hervor. Solang Er sich nicht bewegte, machte das Spiel von Sonnenlicht und Schatten, die von Blättern auf Seinen kräftigen braunen Körper mit den schmalen weißen Streifen geworfen wurden, Ihn nahezu unsichtbar. Er beobachtete Sie aufmerksam. Sie blieb wie angewurzelt stehen. So gern Sie Ihn auch begrüßen wollte, so sehr Sein Anblick Sie freute, blieb Sie aus Vorsicht stehen und kam keinen Schritt näher. Sie wusste, dass Sie Ihm nicht vertraut war, eine Fremde. Vielleicht bewachte Er Seine Herde. Wenn dies der Fall war, würde Er Sie angreifen, um Sie von Seinem Territorium zu vertreiben.

Sie standen einander fast bewegungslos gegenüber und nahmen sich eine ganze Zeit gegenseitig in Augenschein. Keine anderen Iguanodons traten aus den Schatten. Sie hörte keine anderen Herdenmitglieder. Das Männchen war allein, ebenso wie Sie. Beide allein, beide unsicher. Jede plötzliche Bewegung konnte als ein Akt der Aggression aufgefasst werden. Daher ihre Unsicherheit. Misstrauen. Einsamkeit.

Und schließlich kam Sie zu dem Schluss, dass Sie nicht mehr allein sein konnte.



*



Vesna steigt die steinernen Stufen hinab. Der Professor sitzt auf einem Felsen unter der Wand, die über einer kleinen Einbuchtung aufragt. Das Meer streicht sanft über den Sandstrand. Es ist spät am Nachmittag, und einige Spaziergänger oben auf der Promenade unterhalten sich laut und lachen über einen Scherz, den einer von ihnen gemacht hat. Über ihnen stößt ein kleiner Dinosaurier einen klangvollen Schrei aus, während er die Krone einer Flaumeiche systematisch nach dem einen oder anderen Insekt durchsucht. Er hat einen grünlichen Rücken, eine gelbe Brust und einen Bauch mit einem schwarzen Streifen in der Mitte, außerdem eine schwarze Krone und Kehle und weiße Wangen: eine Kohlmeise.

Als er Vesna herabsteigen sieht, stockt Professor Šarić der Atem. Er erstarrt wie versteinert und bringt kein Wort heraus.

»Stimmt etwas nicht?« fragt Vesna, besorgt über seinen Anblick. Sie trägt ein einfaches cremefarbenes Kleid mit einer weißen Strickjacke, die sie sich über die Schultern geworfen hat, und einen weißen Schal um den Hals geschlungen. Nichts Besonderes, nichts Kalkuliertes. Die Herbstnachmittage und -abende sind kühler geworden.

»Haben Sie...« Der Professor machte eine Pause, ohne den Blick von Vesna abzuwenden. »Haben Sie schon einmal etwas - jemanden - so Schönes gesehen, dass es weh tat? So sehr, dass es ihr Herz zusammengekrampft hat und...«

Für einige verlegene Augenblicke weiß Vesna nicht, was sie antworten soll. Ohne den Schmerz in den Augen des Professors würde sie seine Worte als simple Schmeichelei oder Neckerei abtun. Aber so... Irgendwie hat sie das Gefühl, dass die Dinge nicht so laufen werden, wie sie es erwartet hat. Wie und warum konnte etwas, das einfach eine harmlose, angenehme Gesellschaft sein sollte - nur gedacht, um die Bitterkeit wegzuwischen, die nach Wochen voller Kämpfe und Tränen zurückgeblieben ist - sie so kalt erwischen? Und hat sie das Recht, so mit einem alten Mann zu spielen? Sollte sie sich nicht besser entschuldigen, umdrehen und gehen?

Nein, das würde es noch schlimmer machen, ihn noch mehr verletzen. Sollte sie...

»Verzeihen Sie.« Professor Šarić nimmt Vesna an der Hand und führt sie von der Treppe zum Strand. Ihr Füße sinken leicht in den feuchten Sand ein. »Ich wollte Sie nicht beunruhigen oder dergleichen. Ich rede manchmal Unsinn. Das hier ist der Grund, warum ich Sie hergebeten habe.« Erst jetzt bemerkt Vesna den CD-Spieler, den der Professor unter den Überhang gestellt hat, geschützt vor den Wellen. »Vielleicht sind Sie ein wenig enttäuscht, aber ein Plattenspieler mit einem Hornlautsprecher war wirklich ein bisschen zu schwer zum Tragen.« Vesna lacht über den Scherz des Professors, während er die Abspieltaste drückt. Unter der Wand klingt Musik hervor. Ein Walzer. Vesna kann sich nicht erinnern, ob sie ihn je zuvor gehört hat. Jedenfalls ist es kein Stück, das in Clubs oder im Radio gespielt wird.

»Tschaikowsky. Manche finden das Stück etwas süßlich, aber ehrlich gesagt langweilt Strauß mich schon seit Ewigkeiten. Darf ich?« Der Professor hält Vesna eine Hand hin. Sie zögert und weiß nicht recht, was sie als nächstes tun soll.

»Ich fürchte, ich habe noch nie zu solcher Musik getanzt«, gesteht sie und wird rot.

»Es ist ganz einfach - lassen Sie sich einfach gehen.« Der Professor lächelt, als Vesna seine Hand fasst. Die Wärme vergangener Zeiten strömt durch ihre Handflächen. Nicht so ferne Zeiten wie die, die sie in ihrer Mappe skizziert hat, aber dennoch für immer vergangen. Zeiten, die weder besser noch schlechter waren als die Gegenwart, aber verloren sind und nie wiederkehren werden. Der Professor legt Vesna einen Arm um die Hüfte und führt sie über den Strand. Nach einigen unbeholfenen Schritten finden Vesnas Füße ihren eigenen Rhythmus, und sie und der Professor fliegen über den Sand, im Einklang mit der Melodie des Walzers, bezaubert von den schwungvollen Bewegungen des Tanzes. Die Welt um den Professor und Vesna existiert nicht mehr. Verschwunden sind der warme Nachmittag und die glucksenden weißen Dinosaurier am Himmel, das Meer und die flüsternden Bäume. Geblieben sind nur die beiden Tänzer, eingesponnen in einer eigenen Zeit, die nie vorübergehen wird...

Doch dann endet der Walzer, und der wirbelnde Tanz erlahmt und bricht ab. Vesna taumelt, errötet und außer Atem, hält sich aber auf den Beinen, gestützt von den Händen des Professors. Sie bricht in ein freudiges Lachen aus. Es ist Ewigkeiten her, seit sie sich zuletzt so amüsiert hat.

»Und jetzt werfen Sie einen Blick auf die Fußabdrücke, Vesna.« Der Professor lächelt wissend, wie ein Lehrer, der sich über den Anblick eines Schülers freut, der kurz davor ist, neues Wissen zu erwerben, eine neue Ebene der Erkenntnis zu erklimmen.



*



Sie verbrachten den ganzen Tag miteinander, Sie und Er, durchstreiften die Küste und den Wald, stillten ihren Hunger mit Massen saftiger Sprossen, tranken aus dem kühlen Fluss. Gelegentlich, zwischen zwei Bissen, anfangs schüchtern und dann immer mutiger, berührte Er Ihren Hals mit Seinem Schnabel. Dann versuchte Er Ihre Wange zu lecken - nur eine flüchtige Berührung mit Seiner langen, flinken Zunge. Anfangs entwand Sie sich Ihm, wedelte in einer spielerischen Warnung mit ihrem kräftigen Schwanz, als wollte Sie ein lästiges Insekt vertreiben. Aber Er war hartnäckig. Sie wich Ihm immer wieder aus, tat so, als fühle Sie sich belästigt. Einmal versuchte Sie sogar, Ihn mit Ihrem Schnabel zu beißen und Ihn mit Ihrem Daumendorn zu stechen, aber Sie meinte es nicht so. Er sprang zur Seite und näherte sich Ihr erneut, leckte Sie und rieb Seinen kräftigen Körper an Ihrer Flanke.

Sie zog sich von Ihm zurück und musterte Ihn aus einiger Entfernung, verschaffte sich einen genauen Eindruck von Ihm. Dann wandte Sie sich von Ihm ab und gab sich desinteressiert. Sie ging etwas tiefer in den frischen Wald hinein und suchte nach etwas Saftigem, an dem sie herumknabbern konnte. Und Er folgte Ihr auf dem Fuße. Wo immer sie hineinbiss, biss auch er hinein. Je wärmer der Tag wurde, um so näher kamen sie sich, Leib an Leib beim gemeinsamen Festmahl.

Hier waren sie vor neugierigen Blicken versteckt, in Sicherheit vor hungrigen Kiefern mit scharfen, gezackten Zähnen. Außerdem war es hier still. Die einzigen Geräusche, die Sie hörte, war das Summen von Insekten und die schlagenden Flügel von Pterosauriern. Sie hatte das Gefühl, es war genau der richtige Ort, um ein Nest in den weichen Boden zu scharren und mit trockenen Blättern zu polstern. Der richtige Ort, um Eier zu legen und sie unermüdlich zu bewachen, bis die Jungen schlüpften. Er beobachtete Sie, als Sie zu dem Schluss kam, dass es tatsächlich der ideale Ort war, um Junge großzuziehen, sie wachsen zu sehen, bis sie groß genug waren, um sie sicher in die feindliche äußere Welt zu führen.

Den ganzen Tag über zeigte Er Ihr Sein Revier im Wald am Meer, bis die Schatten länger wurden und der Wald in Dunkelheit versank.

Und dann blieb Sie stehen, drehte sich um und folgte dem Fluss zurück zum Strand. Als Sie die Wellen brechen hörte, rannte Sie durch die Schatten. Und Er lief Ihr hinterher, dass der Boden unter ihnen bebte.

Am Strand, genau am Rande des Meeres, blieb Sie stehen und wartete, dass Er zu Ihr aufschloss. Dann richtete Sie sich auf den Hinterbeinen auf. Sie sah Ihn an, ein Männchen in seinen besten Jahren, und Er sah Sie an, ein junges Weibchen, das bereit war, mit Ihm eine Herde zu gründen. Auch Er richtete sich auf, und sie berührten sich mit den Vorderbeinen und fingen an, sich instinktiv in kleinen Kreisen zu drehen. Sie drehten sich immer wieder, nach den Regeln eines uralten Rituals, dessen Bedeutung sie beide nicht verstanden, das aber ihre Vereinigung für immer besiegeln würde. Sie drehten sich immer weiter umeinander, einem urzeitlichen Instinkt in ihnen folgend, und ihre kräftigen Beine hinterließen Fußabdrücke im Sand.

Sie drehten sich immer noch, als die großen Pterosaurier durchs Dämmerlicht segelten, über den tanzenden Geliebten Kreise zogen, bevor sie ihre nächtlichen Ruheplätze weit draußen auf den Klippen aufsuchten. Sie und Er tanzten, und das Meer war die einzige Musik, die sie brauchten. Die Wellen sangen für sie, der Wind flötete, die Pterosaurier schlugen mit ihren ledrigen Flügeln. Sie tanzten, wie sie in den kommenden Jahrzehnten tanzen würden, wie ihre Eltern getanzt hatten und auch ihre Kinder tanzen würden.

Das hungrige Brüllen eines Fleischfressers schallte durch den Wald, aber sie beachteten es nicht, hielten keine Sekunde inne. Sie waren zusammen, stark und unzertrennlich. Kein Räuber konnte ihnen etwas anhaben. Sie tanzten für neue Generationen, so harmonisch, als hätten sie ihr ganzes Leben miteinander getanzt, als hätten sie sich nicht erst heute morgen kennengelernt. Sie tanzten in einem langsamen, schwerbeinigen Rhythmus, zwei dunkle Gestalten vor dem dämmernden Himmel, der in Rot- und Orange- und feurigen Goldtönen glühte.

Und dann, als unter den funkelnden Sternen die Nacht einbrach, hörten Sie und Er auf zu tanzen und ergaben sich einander. Unter Seiner keuchenden Masse vergaß Sie Ihre alte Herde und Zähne und Tod und Schrecken. Ihr Instinkt führte sie in die Zukunft, zu einem großen Nest mit Eiern und Jungtieren, die aufwachsen und eines Tages denselben Tanz zum Rhythmus des Lebens tanzen würden.



*



Vesna schmiegt sich an die Brust des Professors. Seine sanfte Hand liegt auf ihren Brüsten. Die Herbstabende sind kühl, doch die Wärme des Professors breitet sich angenehm über Vesnas Rücken aus, und sie genießt seinen ruhigen Atem in ihrem Haar.

Heute Nacht hat es sie einige Zeit gekostet, um zu verstehen. Zeit, um die Proportionen der Tiere in Betracht zu ziehen, ihre Anatomie und wie sie sich bewegten. Zeit, um das Offensichtliche zu akzeptieren, wie unmöglich es auch erschien. Aber so sehr sich ihr Verstand sträubte, so sehr ihr innerer Wissenschaftler ihr zuflüsterte, dass es nicht sein könnte, konnte es am Ende keinen Zweifel mehr geben. Ihre und Šarićs Fußabdrücke am Strand, im Sand, die Eindrücke, die ihre Schuhe hinterlassen hatten... Vesna tauschte sie in Gedanken gegen die Fußabdrücke der Iguanodons in ihren Zeichnungen aus.

Vor vielen, vielen Millionen Jahren hatten zwei Iguanodons miteinander getanzt. Sie hatten nicht bloß uralte Rituale des Umwerbens, Rufens und Zurschaustellens durchgeführt und ritualisierte Kämpfe ausgetragen, die gelegentlich in etwas Ernstes umschlagen konnten - das wäre nicht mehr gewesen als das, was Paläontologen seit Jahrzehnten angenommen hatten. Nein, diese beiden hatten getanzt! Sie hatten sich einander zugewandt, sich an den Vorderbeinen gehalten und sich umeinander gedreht, Kreise gezogen und einander umhergewirbelt, wie Menschen es tun. Sie hatten getanzt!

Warum? Auch dafür hatte das Experiment an diesem Nachmittag eine Erklärung geliefert. Als Vesna, begeistert über ihre Entdeckung, den Professor umarmte und, ohne sich recht bewusst zu sein, was sie tat, küsste. Und als sie sich dann gegenseitig in die Augen sahen, nun erst ganz begriffen, was sie hier taten, und sich wieder küssten. Nur um schließlich, nach dem besten Abendessen, das Vesna je zu sich genommen hatte, im Apartment des Professors zu landen, in seinem Bett, in einer heißen, schweißigen, keuchenden Umarmung, das auf Dauer Vesnas Einstellung zu älteren Herren veränderte.

»Schläfst du nicht?« Die Frage des Professors ist ein Flüstern in ihrem Ohr. Er beginnt sich sanft an ihrer Hüfte zu reiben, und die junge Frau nimmt mit Freude zur Kenntnis, dass diese Nacht noch längst nicht vorbei ist.

»Irgendetwas beunruhigt mich.« In einem Winkel ihres Kopfes fragt sich Vesna, warum sie so störrisch darauf beharrt - gewöhnlich mit katastrophalen Konsequenzen -, jede Beziehung zu analysieren, die sie eingeht. Warum kann sie es nicht einfach geschehen lassen, von Anfang bis Ende, ohne etwas zurückzuhalten? Warum kann sie nicht auf ihr Herz hören, wenn es ihr zuflüstert, dass sie endlich gefunden hat, wonach sie suchte?

»Was?« Der Professor küsste Vesna auf die Wange. Seine Hand streichelt ihre Brust, eine erregende Berührung, die ihren ganzen Körper vor Verlangen beben lässt. Sein und ihr Atem beschleunigen sich. Vesna dreht ihm das Gesicht zu und sieht ihm in die Augen. Sie küssen und küssen sich immer wieder, bis sie sich ihm öffnet, die Beine spreizt und sich atemlos der Leidenschaft ergibt, stöhnt, als seine Lippen sich um ihre Brustwarze schließen und sein Schnurrbart die weiche Haut kitzelt. Und als der Professor mit langsamen Stößen in sie eindringt, dankt Vesna den beiden urzeitlichen Ungetümen, die ihr geholfen haben - Äonen nach ihrem Tod, Millionen Jahre nach dem Aussterben ihrer Spezies -, eine neue Liebe zu finden.

Und später, sehr viel später, mit einem Gefühl von Behaglichkeit und Erfüllung, als sie dem Professor das verschwitzte Haar zerzaust und ihm einen sanften Kuss auf die Stirn drückt, fragt sie: »Die Iguanodons. Wer hat ihnen ihren Walzer gespielt?«



Deutsch von Michael K. Iwoleit




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