Die 50 bekanntesten archäologischen Stätten Deutschlands
Wolfram Letzner


Deutschland bietet eine Fülle archäologischer Ausgrabungsstätten und interessanter Museen – auch für Sie ist das Richtige dabei! Ob der Drususstein in Mainz, die Wikingersiedlung Haithabu in Schleswig-Holstein, ob das Römermuseum in Haltern am See, der Ausgrabungspark in Kalkriese, wo einst die Varusschlacht tobte, oder die jüdische Mikwe in Speyer – der vorliegende Band unterbreitet Ihnen ein weites Spektrum an Sehenswertem. Wählen Sie aus der Vielzahl archäologischer Stätten von der Prähistorie bis zum Beginn des Mittelalters direkt in Ihrer Nähe oder am jeweiligen Urlaubsort! Das handliche Buch informiert Sie über neueste Forschungsergebnisse und ermöglicht Ihnen einen historischen Einblick.







Wolfram Letzner

Die 50 bekanntesten

archäologischen Stätten

Deutschlands







Impressum:

208 Seiten mit 53 Abbildungen und einer Karte

Titelbild: Trier, Porta Nigra; Goseck, Sonnenobservatorium; Haitabu, Wikingerschwert

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de (http://dnb.d-nb.de) abrufbar.

© 2013 by Nünnerich-Asmus

Verlag & Media,

Mainz am Rhein

978-3-943904-37-6

Gestaltung und Druckvorstufe: Komplus GmbH

Lektorat: Frauke Itzerott

Gestaltung des Titelbildes: Komplus GmbH

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es auch nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege (Fotokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten und zu verbreiten.

1. digitale Auflage 2013

Digitale Veröffentlichung: Zeilenwert GmbH


INHALT

Cover (#ua489e386-037d-572b-b683-30fcaefca66d)

Titel (#ued5dcada-5778-5e7c-a067-744a72508a6b)

Copyright (#uf1c98529-08ce-55c2-abcf-7059cf814b07)

Vorwort (#u9b5f60de-de34-57c5-8e9a-d51f56456cf2)






SCHLESWIG-HOLSTEIN

[01]Haithabu – eine frühmittelalterliche Handelsmetropole im hohen Norden Deutschlands mit Welterbestatus (#u42c729f9-1b5e-5df8-aa0a-5431957a177d)

[02]Das Danewerk – nicht nur die Römer bauten befestigte Grenzen (#u8b8e80ee-0ce5-5e25-8990-a2a9cec0a15f)

MECKLENBURG-VORPOMMERN

[03]Groß Raden – ein eindrucksvolles Freilichtmuseum (#u867d6d64-2917-5075-88bf-0d2faab9a08e)

[04]Plate-Peckatel (Lkr. Ludwigslust-Parchim) – ein Grab mit einem besonderen Fund (#u5dbd9ced-0eb8-56cc-97fa-ffcd32663b51)

[05]Das Tollensetal – Archäologie eines Schlachtfeldes aus der Bronzezeit (#u019322bb-13a8-51e0-bcd3-276087929d5c)

BRANDENBURG/BERLIN

[06]Seddin – ein Königsgrab? (#uf93875cb-cedc-52d3-b852-4dfd7600f15f)

[07]Vetschau – Slawenburg in Raddusch, der Zerstörung entkommen (#ue295bae3-5e92-5397-ac0e-83d3322a55f3)






BREMEN

[08]Bremen – die Domgrabung (#ubbb4472f-dd66-5214-9d7a-fcb7a4c31a56)

HAMBURG

[09]Hamburg – Wandern auf den Spuren der Vorzeit (#ub0726411-1c45-51bd-bc47-18cd52d2f9e4)

SACHSEN

[10]Dresden-Coschütz – die „Heidenschanze“ (#uf9c69d1c-d9a2-54c7-a2b2-462c21a839da)

THÜRINGEN

[11]Großbodungen – Ein Schatzfund besonderer Art (#u21bb9757-4350-5cb4-b15b-240627c13983)

[12]Oberdorla – Archäologisches Freilichtmuseum Opfermoor Vogtei (#ub8deb7cc-0ef8-5f01-b9ce-ed3ebb5c9dc0)

[13]Westgreußen – Die „Funkenburg“ eine germanische Siedlung (#uc4d7889a-c6af-51d7-9ac6-575aac493c17)






NIEDERSACHSEN

[14]Bramsche/Kalkriese – Eine Schicksalsstunde der Deutschen? (#ueb084444-0b33-50a3-a158-ba8f84821035)

[15]Heeseberg – ein strategischer Punkt über Jahrtausende (#u90d6746b-e83a-5afe-b8a0-2eb44f70143e)

[16]Northeim: Harzhornschlacht – Geheimoperation Schlachtfeldarchäologie (#ue018b8d2-0599-504a-b4b3-0448899c69eb)

[17]Osterode – Die Lichtensteinhöhle (#ubf3bb898-303e-594d-a414-f48646e3660e)

[18]Pestrup – nichts als Gräber (#ua094e135-14ba-5c5a-bcc2-fb63a1798adb)

[19]Schöningen – Ausgrabung unter Extrembedingungen (#u653d904b-7de9-51ac-b03b-9932c99a11a1)

SACHSEN-ANHALT

[20]Gommern – römischer Luxus für einen germanischen Fürsten im 3. Jh. n. Chr. (#u89fb061b-be46-5169-a423-da25fafa95bd)

[21]Goseck – der älteste Monumentalbau in Europa mit astronomischem Bezug (#u8f3ee408-4225-5a8f-a7ff-ec4385bd9e4b)

[22]Nebra – Es begann mit einem Kriminalfall (#u1147cda2-0179-527e-98e9-04e0c4217a62)






NORDRHEIN-WESTFALEN

[23]Haltern am See – War das römische Lager das lange gesuchte Aliso? (#u14ec21e1-d000-5893-b229-fd06f53f5e60)

[24]Köln – seit mehr als 2000 Jahren Stadt (#ufca28750-dfc4-56e1-8d88-07458cda312a)

[25]Krefeld – Gräber machen eine Stadt bekannt (#u3fa7defd-5602-5c65-9e8b-4b0e2a0d9a09)

[26]Mettmann (Neanderthal) – hier irrte Virchow (#uf65562cf-548d-5605-bc86-a8b1787bbc7a)

[27]Xanten – die einzige nicht überbaute römische Stadt Deutschlands (#u96366055-9ea4-5c58-9c4e-04d7acd1a145)

[28]Zülpich – Badeluxus in der Provinz (#u2a76c9ab-8cc7-5b2f-882b-44503ad5e9f9)






RHEINLAND-PFALZ

[29]Ingelheim – die Kaiserpfalz (#u9a711d68-c327-529c-89a9-5ee622346c08)

[30]Mainz – Hauptstadt einer römischen Provinz (#u3a47bc47-3637-5eb1-9253-22239d621c65)

[31]Bad Neuenahr-Ahrweiler – vom Luxusanwesen zum Friedhof (#ued6b2c64-9942-562a-b01c-0b585ae88889)

[32]Trier – Residenz römischer Kaiser und älteste Stadt Deutschlands (#u983dfe28-3a47-536b-80b3-d44c1bc68318)

HESSEN

[33]Bad Homburg – Die Saalburg (#u2139273c-f91d-5741-ba3b-aa418a17e53e)

[34]Waldgirmes – Eine römische Stadt, die es eigentlich nicht geben dürfte (#u7b893b80-1871-539f-9e57-8e27583d9c26)

SAARLAND

[35]Bliesbruck-Reinheim – Parc Archéologique Européen/Europäischer Kulturpark (#u661a4583-a83c-5d5e-97ef-654c3cda6301)

[36]Perl (Lkr. Merzig) – Villa Borg: Antike Erleben! (#uf4acd0a9-1928-50aa-bebd-d34f26d7bcdc)






BADEN-WÜRTTEMBERG

[37]Aalen – Ein bedeutendes Kastell am Limes (#u8d248dbe-e3e6-5cd9-907d-e79c98387093)

[38]Badenweiler – ein Ort mit Badetradition (#ua9919d98-60a2-5b42-b021-a0272b149829)

[39]Breisach – Kelten und Römer auf dem Münsterberg (#u960dbe6f-0b2d-5684-9c6d-cef4c9ac490b)

[40]Ditzingen-Hirschlanden – die älteste freistehende Großskulptur Mitteleuropas (#u6b25318c-be81-5d7a-979b-693045fb59a5)

[41]Eberdingen-Hochdorf – ein Jahrhundertfund zur Geschichte und Kunst der Kelten (#u1cf1b021-52e2-59ce-8cbd-c40dda5fb11a)

[42]Hechingen-Stein – Römisches Landhaus oder Raststätte? (#u0d86e0be-a29f-5fa9-84de-025a6fe86ae0)

[43]Herbertingen (Heuneburg) – die Stadt Pyrene des Herodot? (#u60497958-e7f3-5d14-b31f-348301258298)

[44]Ladenburg/Lopodunum – die größte römische Stadt Baden-Württembergs? (#u1a7d11e5-614a-545f-ba5f-0e7e6eccf755)

[45]Osterburken – Die massive Front des UNESCO Weltkulturerbes am Limes (#uf58d0a36-fec0-5cff-a9fa-0b20f4074d8e)






BAYERN

[46]Augsburg – mehr als 2000 Jahre Geschichte (#u5fad1c83-7a0d-5771-8640-550d673e117a)

[47]Faimingen – der größte römische Tempel Süddeutschlands (#u4125fccc-8774-583f-b5f1-5326c40801a3)

[48]Kempten – von der Keltensiedlung zur Römerstadt (#ud49d17ba-cf53-57df-b67c-946db6b47ecb)

[49]Manching – eine frühgeschichtliche Großstadt an der Donau (#ub2e97376-50e6-5871-a419-5e025dcbf950)

[50]Oberstimm – eines der ältesten Kastelle Raetiens (#u3410a7e4-30eb-54b7-8fa2-0678783531f0)






LANDESMUSEEN (#uedd9a16a-87c5-5afb-9c4f-a8a1a7bc19c7)

GLOSSAR (#udfed2524-f3c8-5574-9cae-ca1589cdf9cf)

ABBILDUNGSNACHWEIS (#u71c483cb-1d65-5dec-83ab-50c1fdb57547)




Vorwort


In den letzten Jahrzehnten ist die Archäologie als Fachwissenschaft in ihrem ganzen Facettenreichtum durch Fernsehsendungen und begleitende Publikationen überaus populär geworden; diese haben das Interesse an der Vergangenheit und ihrer Erforschung jenseits von Indiana Jones und artverwandten Charakteren geweckt. Aus der subjektiven Sichtweise des Autors heraus scheint es aber so, als stelle man überwiegend archäologische Stätten mit beeindruckenden Baudenkmälern und spektakulären Funden in fernen Ländern vor. Dabei ist doch auch Deutschland reich an archäologischen Fundstätten, die bisher nur zu einem geringen Teil erforscht wurden. Allein durch die Luftbildarchäologie, einer mit Beginn der Fliegerei entstandenen Prospektionsmethode, konnten bisher in der Bundesrepublik rund 100.000 Fundstätten erfasst werden.

Von den ausgegrabenen archäologischen Orten oder erhaltenen Denkmälern Deutschlands zählt eine Reihe zum UNESCO Weltkulturerbe, die unbedingt in eine Publikation über bekannte archäologische Stätten gehört. Aber dies muss nicht zwangsläufig heißen, dass das, was nicht zum Welterbe zählt, unbekannt oder unbedeutend ist. Hinsichtlich des Bekanntheitsgrades wird man zum einen differenzieren müssen, was überregional bekannt ist und so Eingang in diesen Band finden konnte, und zum anderen, was nur regional im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit verankert ist, aber dennoch so wichtig ist, um hier berücksichtigt zu werden.

Bei der Auswahl der archäologischen Stätten spielte aber noch ein ganz anderer Aspekt eine Rolle: Viele Orte, von denen man gefühlsmäßig glaubt, hier gäbe es bedeutende Ausgrabungen, erweisen sich bei näherem Hinsehen als wenig ergiebig. Ein Beispiel dafür ist etwa Regensburg, das römische Castra Regina. Hier liegt der römische Ort unter der Altstadt, die mit mehr als 1000 Gebäuden, die aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit stammen, zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt.

Neben diesen Auswahlkriterien war es von Relevanz, eine quantitativ ausgewogene Auswahl hinsichtlich der geografischen Lage innerhalb Deutschlands zu treffen. Natürlich kommt so den Flächenländern ein größerer Anteil zu als den „Stadtstaaten“ Berlin, Bremen und Hamburg.

Eine andere Frage bei der Auswahl war, welcher Zeitraum überhaupt berücksichtigt werden sollte. Nach gründlicher Überlegung schien es geraten, eine abschließende zeitliche Grenze im frühen Mittelalter, also im 9 Jh. n. Chr. zu ziehen, weil wir für das Hochmittelalter und die Zeit danach große intakte Denkmäler besitzen, die eher in den Bereich der Kunstgeschichte als in den der Archäologie gehören.

Eine spannende Frage für den Autor war es auch, wie er Ausgrabungen und ihre Ergebnisse darstellen sollte, weil Archäologie in vielen Fällen zugleich auch Zerstörung bedeutet oder das Ausgegrabene für den Laien nur schwer zu erschließen ist. Glücklicherweise sind die Funde in den Museen zugänglich und viele Fundorte in den letzten Jahrzehnten museal so aufgearbeitet worden, dass der Besucher die Faszination der Ausgrabungsstätte nachvollziehen kann. Weitaus leichter und noch anschaulicher darstellen kann man dies mit Rekonstruktionen an Ort und Stelle, die sich unter dem großen Begriff der Freilichtmuseen subsummieren lassen. Diese Einrichtungen gibt es in Deutschland schon seit mehr als 100 Jahren; in diesem Zusammenhang sei das „Saalburgmuseum“ bei Bad Homburg (s. S. 135ff (#u2139273c-f91d-5741-ba3b-aa418a17e53e).) genannt, das auf die Initiative und mit der Förderung Kaiser Wilhelms II. (1888–1918) entstand.







Norddeutschland

Schleswig-Holstein

1 Haitabu

2 Danewerk

Mecklenburg-Vorpommern

3 Groß-Raden

4 Plate-Peckatel

5 Tollensetal

Brandenburg/Berlin

6 Seddin

7 Vetschau

Bremen

8 Bremen

Hamburg

9 Hamburg

Sachsen

10 Dresden-Coschütz

Thüringen

11 Großbodungen

12 Oberdorla

13 Westgreußen

Niedersachsen

14 Bramsche/Kalkriese

15 Heeseberg

16 Northeim

17 Osterrode

18 Pestrup

19 Schöningen

Sachsen-Anhalt

20 Gommern

21 Goseck

22 Nebra

Nordrhein-Westfalen

23 Haltern am See

24 Köln

25 Krefeld

26 Mettmann

27 Xanten

28 Zülpich

Süddeutschland

Rheinland-Pfalz

29 Ingelheim

30 Mainz

31 Neuenahr-Ahrweiler

32 Trier

Hessen

33 Bad Homburg

34 Waldgirmes

Saarland

35 Bliesbruck-Reinheim

36 Perl

Baden-Württemberg

37 Aalen

38 Badenweiler

39 Breisach

40 Ditzingen-Hirschlanden

41 Eberdingen-Hochdorf

42 Hechingen-Stein

43 Herbertingen

44 Ladenburg

45 Osterburken

Bayern

46 Augsburg

47 Faimingen

48 Kempten

49 Manching

50 Oberstimm



Wer als Besucher noch vor rund 40 Jahren an das in ländlicher Idylle am Haddebyer Noor gelegene Haithabu kam, fand kaum mehr vor als den großen Wall und er vermochte sich kaum vorzustellen, dass hier im 8. Jh. n. Chr. der wichtigste Handelsplatz Nordeuropas existierte, der bis in das 11. Jh. hinein Bestand hatte. Neben den archäologischen Befunden zeichnen vor allem aber auch schriftliche Quellen wie die im Jahr 965 entstandene Beschreibung des arabischen Reisenden und Diplomaten Ibrahim ibn Yaqub oder die 1076 entstandene Chronik Adams von Bremen ein lebhaftes Bild der Stadt am Noor.




[01] Haithabu – eine frühmittelalterliche Handelsmetropole im hohen Norden Deutschlands mit Welterbestatus


Schleswig-Holstein




Die Erforschung – vom vergessenen Ort zum Weltkulturerbe


So wie bei vielen Stätten hatte sich im Laufe der Jahrhunderte jegliche Erinnerung an den Standort Haithabus verflüchtigt. Die komplizierte Geschichte zwischen Dänemark und dem Norddeutschen Bund bzw. Preußen mit zwei Kriegen im 19. Jh. erleichterten eine Erforschung sicherlich nicht. Erst 1897 war es ein dänischer Archäologe, Sophus Müller, der die erhaltenen Wallanlagen mit Haithabu verband. Seine Vermutung wurde in den folgenden Jahren durch Ausgrabungen verifiziert, die jedoch bald nach Beginn des Ersten Weltkrieges zum Erliegen kamen und erst 1930 wieder aufgenommen werden konnten. Nach einer erneuten Kriegsunterbrechung konnte man ab 1959 umfangreiche Ausgrabungen durchführen, die in mehreren Abschnitten erfolgten und die Grundlage für das Freilichtmuseum Haithabu lieferten. Man wird sich aber immer wieder vor Augen führen müssen, dass bislang nur etwa fünf Prozent der Siedlungsfläche intensiv erforscht wurden.




Geschichte der Stadt


Eine ausführliche Darstellung der Geschichte Haithabus ist an dieser Stelle nicht möglich, weil die vielen Fakten und Details für den Leser nur wenig hilfreich sind. Aus diesem Grund ist geraten, sich auf die Grunddaten zu beschränken.

Ursprünglich waren Teile Norddeutschlands von Angeln und Sachsen besiedelt, von denen aber große Bevölkerungsteile im Laufe der Völkerwanderung nach England auswanderten und dort ihre Königreiche errichteten. Diese Wanderbewegung bot nun anderen germanischen Stämmen, den Dänen und Jüten, in der ersten Hälfte des 8. Jhs. die Möglichkeit zum Nachrücken bis zur Schlei und zur Eckernförder Bucht.

Natürlich brauchten die Menschen Plätze, an denen sie siedeln konnten. Ein solcher Platz bot sich am Haddebyer Noor, einer Bucht, die fast vollständig von der Ostsee abgetrennt war und heute gänzlich zu einem Binnensee geworden ist. Solche Plätze boten seefahrenden Völkern einen sicheren Hafen für ihre Schiffe und Waren.

Spätestens um 770 – so glaubt man in der Forschung – wurde Haithabu von Dänen gegründet. Im 9. Jh. entstanden in unmittelbarer Nähe zur Erstgründung zwei weitere, abgesetzte Siedlungsbereiche, von denen aber schon gegen Ende des 9. Jhs. zwei aufgegeben wurden, während der dritte, fortbestehende Siedlungskern in das Danewerk, einem Befestigungswerk mit sehr komplexer Baugeschichte (s. S. 15 f (#u8b8e80ee-0ce5-5e25-8990-a2a9cec0a15f).), eingebunden wurde.

Diese Neuordnung des Siedlungsplatzes Haithabu lässt sich vielleicht mit der Zerstörung des slawischen Handelsortes Reric in der Nähe von Wismar durch die Dänen im Jahr 808 erklären. Die dort ansässigen Kaufleute wurden nämlich entweder freiwillig, was das Wahrscheinlichere ist, oder zwangsweise nach Haithabu umgesiedelt.

Ein Bedeutungsgewinn für den Ort dürfte auch der Umstand gewesen sein, dass ab 811 die nahe Eider zum Grenzfluss zwischen dem Frankenreich und dem Reich der Dänen wurde, sodass Haithabu Umschlagplatz für den bilateralen Handel werden konnte.

Die nächsten Jahrhunderte, die von Auseinandersetzungen zwischen dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und Dänemark um den Besitz von Schleswig bestimmt waren, vermochten es nicht, Haithabu als Handelsplatz von europäischer Bedeutung zu beschränken.

Wie muss man sich Haithabu in seiner Blütezeit vorstellen? In den lange andauernden Ausgrabungen ließ sich ein differenziertes Bild gewinnen und im 26 ha großen Freilichtmuseum Haithabu darstellen.

Erhalten hat sich der große Halbkreiswall, der die Siedlung seit dem 10. Jh. zur Landseite hin abschirmte. Von der Innenbebauung hingegen fanden sich naturgemäß nur noch Spuren. Die Ausgrabungen zeigten, dass das typische Haus in Haithabu das Hallenhaus war. Wie es scheint, gab es zwei unterschiedliche Größen, die im Wesentlichen hinsichtlich ihrer Breite variierten. Der schmalere Typus war bei einer Länge von 17 m 3,5 m breit, während der breitere Typus eine Breite von 7 m aufwies und 17,5 m lang war. Sie bestanden aus Holz oder Flechtwerk. Bei der Eindeckung der Häuser geht man von Reet oder Stroh aus, das über Jahrhunderte hinweg die Dachlandschaften Norddeutschlands prägte. Aufgrund dieser Ergebnisse entschloss man sich, insgesamt sieben Häuser zu rekonstruieren und für den Besucher zugänglich zu machen. Während der Winterzeit aber sind diese Häuser nicht zugänglich.

Im Hafenbereich, der zu den besterforschten mittelalterlichen Häfen zählt, konnte dessen Infrastruktur untersucht werden. Innerhalb des Hafens kamen wichtige Funde ans Tageslicht. Besondere Bedeutung kam dabei einem Schiffsfund zu, der geborgen und jetzt im Haithabu-Museum ausgestellt ist. Um die Bedeutung des Hafens zu zeigen, wurden einige Hafenanlagen rekonstruiert. (Abb. 1) (#ulink_7af2591c-7e98-570d-8eaa-251c6a205f88)






Abb. 1  Haitabu, Museum. Schiffsfund aus dem Hafen, Rekonstruktion.

Aufgrund der schriftlichen Quellen war schon zu vermuten, dass die Siedlung einen kosmopolitischen Charakter besaß. Tatsächlich spiegelten die Nekropolen die Anwesenheit von Menschen unterschiedlicher Herkunft wider.




Wikinger Museum Haithabu


Der Besucher einer Ausgrabungsstätte will heute in der Regel mehr sehen als einige Relikte im Gelände. Diesem Wunsch kommt das Haithabu-Museum mit seinem Freigelände und den Ausstellungsräumen nach. Die Architektur betreffend greift der Museumsbau die Form wikingerzeitlicher Schiffshäuser auf.

Die Ausstellungskonzeption von 1985 wurde 2010 den veränderten Anforderungen angepasst. In fünf Räumen werden unterschiedliche Themen dargestellt. Mit dem reichen Fundmaterial aus den Ausgrabungen in Verbindung mit den unterschiedlichsten Medien wird ein anschauliches Bild der Stadt gezeichnet, angefangen mit der Darstellung des täglichen Lebens über den Handel bis hin zum Hafen und seinen Funden. Hier nimmt besonders das 1979 geborgene und konservierte Kriegsschiff einen zentralen Punkt ein.

Am Haddebyer Noor 2, 24866 Busdorf, Tel. 04621-813 222, www.schloss-gottorf.de/haithabu/das-museum/haithabu (http://www.schloss-gottorf.de/haithabu/das-museum/haithabu)

Literatur

U. Drews, Fernhandelsbeziehungen zwischen den Welten. Neue Dauerausstellung im Museum der wikingerzeitlichen Siedlung Haithabu, AW 42/1, 2011, 85–87; B. Maixner, Haithabu – Fernhandelszentrum zwischen den Welten. Begleitband zur Ausstellung (2010).



Das größte Bodendenkmal Norddeutschlands liegt in Schleswig-Holstein. Dabei handelt es sich um das Danewerk, das vom frühen Mittelalter bis zum Deutsch- Dänischen Krieg von 1864 immer wieder seine Funktion als Verteidigungsanlage erfüllte.




[02] Das Danewerk – nicht nur die Römer bauten befestigte Grenzen


Schleswig-Holstein




Der Verlauf


Das Danewerk ist kein durchgehendes Verteidigungs- oder Grenzsystem. Ein großer Streckenabschnitt erstreckt sich über rund 30 km von Hollingstedt bis nach Haithabu. Eine Verlängerung sowohl nach Osten als auch nach Westen war aufgrund der Topografie nicht nötig.

Ein anderer Abschnitt, der „Ostwall“, ist zwischen dem Windebyer Noor und der Schlei verortet. Weil ihm aber später keine Bedeutung mehr zugemessen wurde, verfiel er und ist nur noch an wenigen Stellen zu sehen.




Chronologie und Befund


Eine zentrale Frage ist natürlich, wann dieses System entstand und wie es letztendlich aussah. Folgen wir den historischen Fakten, so zeichnet sich eine Entstehung des Danewerks in mehreren Bauphasen ab, die eine äußerst komplexe Abfolge von Baumaßnahmen widerspiegeln. Neuere Forschungen vertreten die Ansicht, es habe bereits vor dem 7. Jh. Vorläufer gegeben.

Zu den unterschiedlichen Wallphasen lässt sich feststellen, dass es sich immer wieder um Holz-Erdwerke unterschiedlicher Breite und Höhe handelte, denen zumeist Gräben vorgelegt waren. Daneben fanden an der Wallfront aber auch reguläre Mauern aus Feldstein und später aus Ziegeln Verwendung.

Die wichtigsten Phasen lassen sich mithilfe der Dendrochronologie – darunter versteht man eine Methode zur Altersbestimmung, die auf der Zählung von Jahresringen bei Bäumen basiert – datieren und mit historischen Erfordernissen verbinden. So entstand der Wall der Bauphase I 737 und lässt sich als Sperrwerk gegen sächsische und slawische Expansionsversuche verstehen.

Die darauffolgende Hauptbauphase gehört aufgrund von C14-Untersuchungen in die Jahre um 800. Ihre Entstehungszeit erklärt sich vor allem aus der veränderten politischen Lage in Norddeutschland. Karl der Große hatte in den vorangegangenen Jahren die Sachsen unterworfen und das fränkische Reich war nun unmittelbarer Nachbar der Dänen geworden, sodass ein größerer Konflikt zunächst nicht ausgeschlossen werden konnte.

Gut 160 Jahre später – genauer gesagt im Jahr 968 – wurde der Wall wieder massiv verändert, vor allem was Breite und Höhe betraf. In Dänemark sorgten nämlich die Gebietserweiterungen unter dem römisch-deutschen Kaiser Otto I. (936–973) im Bereich der Ostsee für Unruhe.

Die letzte große Ausbauphase fällt in die Jahre um 1170. Die „Waldemarsmauer“ (Abb. 2) (#ulink_9048bb43-4f1d-5ba4-98a2-1c2b0a7ce5e3), von der man z. B. ein Stück in der Nähe der Gemeinde Dannewerk sehen kann, war 7 m hoch und 2 m breit; dahinter lag wieder ein Erdwall. Von großer Bedeutung ist dieser 3,7 km lange Mauerbau, weil es sich um das älteste profane Bauwerk aus Ziegelsteinen in Norddeutschland handelt.






Abb. 2  Groß-Dannewerk, Danewerk. Abschnitt der Waldemarsmauer.

Zu Beginn des 13. Jhs. verlor der Wall an Bedeutung und verfiel, da die Beziehungen zwischen Dänen und Deutschen sich harmonischer gestalteten.

Auf eine Frage ist aber noch einzugehen: War das Danewerk ein undurchdringliches Sperrwerk? Diese Frage ist mit Sicherheit zu verneinen, auch wenn es nur einen Durchlass gab. Dabei handelt es sich um das „Wieglesdor“, das an einem alten Handelsweg, dem Ochsenweg, lag. Mit dem Bedeutungsverlust des Danewerks wurde seine Funktion im 12. Jh. hinfällig. Erst im Jahr 2010 wurde es wiederentdeckt und ausgraben.

Literatur

C. v. Carnap-Bornheim, Der Danewerk-Atlas (2008); H. H. Andersen, Das Danewerk: zur Wehr des ganzen Reiches (1996); W. Kramer, Die Datierung der Feldsteinmauer des Danewerks. Vorbericht einer neuen Ausgrabung am Hauptwall, AKorrBl 14, 1984, 343–350 Taf. 42.



In der idyllischen Landschaft der Sternberger Seen stößt der interessierte Besucher auf eine archäologische Besonderheit: die Rekonstruktion des slawischen Tempelortes am Groß Radener See. Damit entstand ein eindrucksvolles Museum, das z. B. durch die Ausstattung einzelner Gebäude Einblicke in das Leben eines slawischen Ortes vor dem Jahr 1000 gewährt.




[03] Groß Raden – ein eindrucksvolles Freilichtmuseum


Mecklenburg-Vorpommern




Die Grabungsgeschichte


Etwa ein Kilometer nordöstlich des Dorfes Groß Raden, unweit von Sternberg, liegt ein Binnensee, der in der Literatur als Sternberger oder Groß Radener See bezeichnet wird. Sicherlich wäre der See heute einer von vielen in Mecklenburg-Vorpommern, hätte nicht schon im Jahr 1842 der Archivar und Leiter der Großherzoglichen Sammlungen in Schwerin, George Christian Friedrich Lisch (1801–1883), von einem Bodendenkmal, einem auf einer flachen Insel gelegenen slawischen Burgwall mit einem Durchmesser von 50 m, berichtet. Im Jahr 1905 entging der Wall nur knapp der Vernichtung und systematische archäologische Untersuchungen erfolgten erst zwischen 1973 und 1980. Dabei kamen erstaunliche Ergebnisse zum Vorschein, die schon 1983 dazu führen sollten, dass an dieser Stelle ein Freilichtmuseum errichtet wurde.




Ausgrabungen und Ergebnisse


Bei den archäologischen Untersuchungen wurden nur etwa 50 Prozent der Siedlung – das entspricht rund 7000 m² oder etwa der Größe eines Fußballfeldes – ausgegraben. Die Bedingungen, die die Archäologen vorfanden, kann man als ideal bezeichnen, weil hier nie Ackerbau betrieben wurde und der feuchte Untergrund auch erwarten ließ, dass organisches Material zu finden sei.

Bei den Ausgrabungen zeigte sich vor allem auch eine Veränderung in der Landschaft: Als die slawische Siedlung entstand, gab es eine Halbinsel, der eine Insel vorgelagert war. Heute stellt sich die Situation anders dar. Der Bereich zwischen der Halbinsel und der Insel ist im Laufe der Jahrhunderte verlandet. Um den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen, musste man bei der Anlage des Museums mittels „Kanälen“ die Anmutung einer Insel schaffen.

Die Archäologen stellten bei ihren Ausgrabungen fest, dass zunächst im 9. Jh. eine Siedlung auf der Halbinsel entstand, die durch einen Graben und eine Palisade mit Wehrgang gesichert war. Der Zugang erfolgte über eine heute rekonstruierte Brücke, die zum einzigen Tor führte.

Innerhalb des so begrenzten Siedlungsgebietes vermuteten die Ausgräber 40 Häuser, die eng beieinander standen. Es handelte sich dabei um recht einfache Gebäude mit einer Grundfläche von 20 m², die aus Holz und einer Art Fachwerk errichtet waren. Exemplarisch sind einige dieser Häuser wieder errichtet worden.

Das Besondere an der Siedlung war aber, dass ihr ein Plan zugrunde lag. Nachgewiesen werden konnte dies, da man einen heute wieder vorhandenen Bohlenweg fand, der die Siedlung durchschnitt und zu einem Brückenbau führte, dessen Länge mit 100 m angegeben wird und der die Verbindung zur Insel darstellte. Zu beiden Seiten des Bohlenwegs standen die Häuser.

Eine Antwort auf die Frage, warum in dieser Phase eine Brücke zur Insel geschlagen wurde, lässt sich vermuten. Auf der Insel konnten nämlich Reste von Gebäuden nachgewiesen werden, die in der Forschung als Speicherbauten gedeutet werden.

Blickt man auf den Plan der Siedlung, so erkennt man im südwestlichen Teil Groß Radens ein Gebäude, dass innerhalb der Siedlung isoliert ist und zu dem ebenfalls ein Bohlenweg führte. Dieser 7 x 11 m große Bau war mit einigem Aufwand errichtet worden, weil seine Wände aus einer doppelten „Stabbohlenwand“ bestanden. Außerdem war er von Pfosten umgrenzt, die in regelmäßigen Abständen nachgewiesen werden konnten. Bei den äußeren Bohlen glaubt man, in deren oberen Abschlüssen stilisierte Menschendarstellungen erkennen zu können. An den Schmalseiten des Gebäudes ließen sich Lücken nachweisen, die auf jeweils einen Eingang hindeuten. Ob das Gebäude überdacht war, ließ sich bei den Ausgrabungen nicht eindeutig ermitteln. In der Rekonstruktion hat man sich dafür entschieden, ein Walmdach zu bauen.

Wie aber ist der Bau zu interpretieren? Weil man in der Nähe der Eingänge Pferdeschädel gefunden hatte, entstand die Vermutung, es handele sich um einen Tempel. Gestützt wird diese Vermutung durch Beschreibungen slawischer Tempel in mittelalterliche Quellen, wie etwa in der Gesta Danorum des Chronisten Saxo Grammaticus (ca. 1140–1220).

Interessante Einblicke in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Ortes bot ein kleiner Werkplatz, der von den Wohnhäusern getrennt angelegt war. Der Grund dafür konnte die Archäologie liefern: Man grub hier eine Reihe von Kuppelöfen aus, die zur Keramikherstellung und zum Backen von Brot dienten. Von ihnen ging eine latente Gefahr aus, die die ganze Siedlung hätte zerstören können. Oft genug sind im Mittelalter ganze Städte abgebrannt.

Weiter konnte in der Siedlung eine differenzierte Wirtschaft durch die Funde dokumentiert werden: Schmiede, Böttcher und andere Handwerke ließen sich beobachten.

Etwa um das Jahr 930 veränderte sich offenbar die Sicherheitslage in Groß Raden, denn die Insel erhielt einen Holz-Erde-Wall. Nur ein Zugang war vorhanden, den man aufgrund seiner Konstruktion als Tunneltor bezeichnet.

Nur wenige Jahre später, um 950, wurde die Siedlung einschließlich der Inselbebauung vollständig zerstört. In der Forschung denkt man daran, hier eine Verbindung mit einem Feldzug des späteren römisch-deutschen Kaisers Otto I. im Jahr 955 gegen die hier ansässigen Slawen zu ziehen. Allerdings – auch das legen die Befunde nahe – scheint ein ausreichendes Bevölkerungspotential in Groß Raden verblieben zu sein, da ein schneller Wiederaufbau erfolgte.

Wesentliche Veränderungen gegenüber der ersten Siedlungsphase bestanden in einer veränderten Wohnarchitektur. Die Häuser wurden größer und in Blockbauweise angelegt. Auf einen Wiederaufbau des Tempels verzichtete man, vielleicht weil die Einwohner des Ortes den Kult auf die Insel verlegten.

Die Insel erhielt einen neuen, größeren Kreiswall mit einem Innendurchmesser von 25 m und einer Höhe von mindestens 8 m. Entlang des Walls entstanden Gebäude, die bislang nicht gedeutet werden konnten. Wie bei seinem Vorgänger erfolgte der Zugang durch ein Tunneltor, das 2009 rekonstruiert wurde. (Abb. 3) (#ulink_e0795b2b-dcbf-5e16-97db-5f99b84ca9f1)






Abb. 3  Groß Raden, Freilichtmuseum (Slawische Siedlung). Blick auf die Insel mit dem Ringwall. Im Vordergrund die Brücke, die die Siedlung auf der Halbinsel mit der Befestigung verbindet.

In einer letzten Phase wurde der Wall nochmals verstärkt, doch reichte dies nicht aus, um die Siedlung Groß Raden im 10. Jh. vor dem endgültigen Untergang zu bewahren.

Archäologisches Freilichtmuseum Groß Raden, Kastanienallee, 19406 Groß Raden, Tel. 03847-2252, www.freilichtmuseum-gross-raden.de (http://www.freilichtmuseum-gross-raden.de)

Literatur

D. Jantzen, Das Archäologische Freilichtmuseum Groß Raden. Altslawischer Tempelort des 9. und 10. Jahrhunderts. Ein Führer durch das Freigelände ²(2012).



Im 19. Jh. war Plate-Pekatel Ort eines sonderbaren Fundes, der in der Forschung seit seiner Auffindung reichlich Anlass zur Deutung bietet. Aus einem bedeutenden Grabhügel der Bronzezeit kam ein merkwürdiges Objekt zum Vorschein, das die Frage „Kult- oder Tischgerät?“ aufwirft.




[04] Plate-Peckatel (Lkr. Ludwigslust-Parchim) – ein Grab mit einem besonderen Fund


Mecklenburg-Vorpommern

Im 19. Jh. gab es in Peckatel vier Grabhügel, die in einer Niederung lagen. Sie erweckten das Interesse von George Christian Friedrich Lisch (1801–1883), der in den Jahren 1843 und 1845 zwei der Hügel ausgraben konnte. Der dritte Hügel wurde durch den Eisenbahnbau 1888 zerstört und der letzte fiel den Interessen des Eigentümers zum Opfer.

Glücklicherweise hatte Lisch die Hügel soweit aufgenommen, dass wir heute ihre Größe kennen. Sie hatten etwa einen Durchmesser von 30 m und ihre Höhe schwankte zwischen 1,5 und 3 m.

Der Hügel I war mit einer Steineinfassung aufwendiger konstruiert als Hügel II. Bei den Bestattungen in beiden Hügeln handelte es sich sowohl um Körper- als auch Brandbestattungen.

Interessant war aber aufgrund der Beigaben Hügel I. In ihm fand man zahlreiche Gegenstände aus Bronze. Dazu zählten ein Messer, ein Griffzungenschwert, ein Tüllenbeil und eine Fibel. Herausgehoben waren aber ein Armring aus Gold und ein seltsames Gefäß aus Bronze, das auf ein Gestell mit vier Rädern montiert war: ein Kesselwagen. Ein genauerer Blick auf diesen und seine Bestandteile zeigt, dass das Objekt selbst eine Höhe von 35,5 cm hat. Die schon erwähnten Räder haben einen Durchmesser von 10,7 cm und sind wie die Achsen gegossen. Diese sind über geschmiedete Gestänge mit einem Fußelement verbunden, das den eigentlichen Kessel aus getriebenem Bronzeblech mit einem Buckeldekor trägt. Vier tordierte Griffe sind am Gefäßrand angebracht. (Abb. 4) (#ulink_8f2024d9-3424-50d8-b2ca-6b75aa8a3073)






Abb. 4  Schwerin, ehemals Museum für Vor- und Frühgeschichte. Kesselwagen aus Peckatel.

Gesichert ist somit, dass hier jemand beigesetzt worden war, der in seiner Heimat eine bedeutende Rolle gespielt hatte. Aber wie war dieser Kesselwagen zu deuten? Diese Frage musste sich auch der Ausgräber gestellt haben, der den Fund zunächst als singulär betrachten musste. Inzwischen hat sich zwar der Denkmälerbestand etwas erweitert, doch einer präzisen Deutung entziehen die Kesselwagen sich weiterhin. In der Forschung finden sich zwei Deutungsvarianten: Einmal könnte es sich um Tischgerät gehandelt haben, weil die meisten dieser Objekte aus Gräbern geborgen wurden. Die andere Lesart sieht in diesen Gegenständen eher Kultgerät, wobei ein großer Bogen von Griechenland bis in den Nahen Osten geschlagen werden muss. Dabei stützt man sich auf Münzbilder aus dem griechischen Kranon oder verweist auf derartige Wagen im Tempel von Jerusalem. Aufgrund der Funde können wir heute den Grabhügel in die späte Bronzezeit datieren. Damit kommen wir in die Jahre von 1200 bis 1000 v. Chr.

Literatur

S. Hansen, Archäologische Funde aus Deutschland (2010) 50 f. Abb.; G. Rennebach, C 2 Peckatel, in: J. Herrmann (Hrsg.). Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik (1989) 435 f. Abb. S. 436.



In der idyllischen Landschaft am Flüsschen Tollense stießen in den 1990er-Jahren Hobby-Archäologen auf Funde aus der Bronzezeit, deren nähere Untersuchung ein vorgeschichtliches Drama ans Tageslicht brachte. Seit 1996 werden nun archäologische Untersuchungen und begleitende Forschungen, durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert, durchgeführt. Sie belegen eindrucksvoll, dass das Leben in der Bronzezeit keineswegs immer friedlich war.




[05] Das Tollensetal – Archäologie eines Schlachtfeldes aus der Bronzezeit


Mecklenburg-Vorpommern

Was führte dazu, dass an der Tollense so intensiv geforscht wird? Zu den ersten Entdeckungen gehörten eine Holzkeule und ein menschlicher Oberarmknochen, in dem eine Pfeilspitze steckte. Diese Funde erweckten das Interesse der Archäologen des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommerns und der Kollegen der Universität Greifswald.

Die ersten Ausgrabungen brachten Skelettreste von Menschen und Pferden in nicht korrekter anatomischer Lage ans Tageslicht. Darunter befand sich auch ein eingeschlagener Schädel. Diese Funde deuteten darauf hin, dass es sich um Opfer einer gewalttätigen Auseinandersetzung handelte. Zusätzliche Bedeutung besaß der Fund, weil man auch Material fand, das durch C14-Analysen in die Zeit von 1300 bis 1110 v. Chr. datiert werden konnte. Damit bot sich die Deutungsmöglichkeit, hier den Schauplatz einer größeren kriegerischen Auseinandersetzung in der Bronzezeit zu sehen. Diese Interpretation verdichtete sich, als im Jahr 1999 eine zweite Holzkeule und weitere Skelettreste gefunden wurden.

Im Laufe der Jahre hat sich das Projekt inhaltlich entwickelt. Neben weiteren Ausgrabungen an verschiedenen Stellen, auch unter Wasser, erfolgten Begehungen, die Pfeilspitzen aus Bronze und Feuerstein zum Vorschein brachten. Daneben richtet sich das Interesse auf die Erforschung der bronzezeitlichen Landschaft und die Rekonstruktion der damaligen Bevölkerung durch naturwissenschaftliche Methoden wie Isotopenuntersuchungen, Paläogenetik sowie die Anthropologie.

Der Leser wird an dieser Stelle fragen, warum sich an der Tollense die organischen Funde so gut erhalten haben. Dies erklärt sich durch die geologischen Bedingungen. Im Laufe der letzten Jahrtausende sorgte der Anstieg des Meeresspiegels der Ostsee durch den daraus resultierenden Rückstau für die Anhebung des Wasserspiegels an den Flüssen des Hinterlandes. Dies trug zur Torfbildung entlang der Flüsse bei, die eine Schicht mit einer Stärke von teilweise mehr als 4 m ausbildete. Und der Torf ist es, der organische Materialien durch Luftabschluss und durch die im Boden befindlichen Gerbstoffe konserviert.

Hatte man schon zu Anfang der Untersuchungen erkannt, dass es sich hier um Opfer von Gewalt handelte, verdichtete sich mit der zunehmenden Zahl von Skelettfunden die Deutung dahingehend, dass nun von einem Schlachtfeld gesprochen werden kann (Abb. 5) (#ulink_1bc1ae96-6606-5a9d-84c9-ae70f8a08d74); man konnte die Skelettreste mehr als 100 Menschen zurechnen. Deren Alter lag zwischen 20 und 40 Jahren. Es handelte sich überwiegend um Männer. Hier gefundene Skelettreste von Frauen und älteren Kindern sprechen nicht zwangsläufig gegen eine Schlachtfeldtheorie, da sie als Beteiligte und Opfer durchaus in Frage kommen.






Abb. 5  Tollensetal, Blick über eine Ausgrabungsfläche. Im Vordergrund sind deutlich Skelettreste erkennbar.

Bei den bisherigen Untersuchungen kam man zu dem Ergebnis, dass der Fundort nicht unbedingt auch Tatort gewesen sein muss. Darauf deuten die ungeordneten und nicht im anatomischen Zusammenhang liegenden Skelettreste hin; die Leichen müssen vor ihrer endgültigen Ablagerung im Wasser getrieben und dort zerfallen sein. Die Fundsituation entspricht nicht der einer Begräbnisstätte, zumal keine Grabbeigaben gefunden wurden. Eine Opferstätte anzunehmen wäre spekulativ.

Das Tollenstal war noch für weitere Überraschungen gut. Im Uferprofil des Flusses konnten an einer neuen Fundstelle weitere Skelettreste unterhalb der Wasserlinie geborgen werden. Ein Fund inmitten der Knochen war außergewöhnlich; man entdeckte einen goldenen Spiralring. Ein ähnliches Stück war bereits im Vorjahr an anderer Stelle im Tollensetal gefunden worden.

Derartiger Schmuck stammt in Mecklenburg-Vorpommern sonst überwiegend aus Gräbern und Depotfunden.

Neben einem Oberschenkelknochen entdeckten die Archäologen an derselben Fundstelle zwei dunkel gefärbte, spiralförmig gewundene Ringe, deren Material als Zinn identifiziert werden konnte. Weil sich Gegenstände aus Zinn nur sehr schlecht im Boden erhalten, gibt es nur wenige Funde aus der Vorgeschichte.

Denken wir heute an Zinn, so fällt uns zunächst ein, dass dieses Material über viele Jahrhunderte hinweg in besseren Haushalten für Teller, Tassen und andere Gefäße genutzt wurde. Aber im Lauf der Menschheitsgeschichte kam dem Material eine ganz andere Bedeutung zu: Zinn war ein Rohstoff, ohne den die Bronzezeit nicht denkbar gewesen wäre; Bronze entsteht durch die Verbindung von Kupfer und Zinn, einem seltenen und daher kostbaren Rohstoff, der über weite Strecken gehandelt wurde.

Will man die Funde bewerten, so kann man der Interpretation der dort tätigen Archäologen folgen: „Der Nachweis eines Gruppenkonflikts der Bronzezeit von bislang ungeahntem Ausmaß verleiht den Fundstellen im Tollensetal überregionale Bedeutung. Mit dem Auftreten von Gold und Zinn bekommt die Deutung des Konflikts eine zusätzliche Dimension.“

Literatur

D. Jantzen – T. Terberger, Gewaltsamer Tod im Tollensetal vor 3200 Jahren, AiD 2011/4, 6–11.



Von der Pleite zum Superfund! Unter diesem Motto könnte der Grabhügel von Seddin stehen, der im späten 19. Jh. aus wirtschaftlichen Gründen von den damaligen Eigentümern ausgebeutet werden sollte. In der Gegend gab es neben dem „Königsgrab“ zahlreiche andere Grabhügel, die durchweg im 19. Jh. abgetragen wurden, da man das Steinmaterial der Grabkammern (Findlinge) und anderes Geröllmaterial aus den Hügeln gut für den Straßenbau verwenden konnte.




[06] Seddin – ein Königsgrab?


Brandenburg • Berlin

Wer heute das „Königsgrab“ von Seddin, wie es in der Literatur immer noch genannt wird, besuchen will, muss sich zunächst an der Ortsangabe Groß Pankow, Ortsteil Wolfshagen, orientieren. Schon vor langer Zeit war Seddin dem Ort Wolfshagen zugeschlagen worden. Die Grabanlage findet sich etwa 2 km südwestlich des Ortskerns von Seddin und ist über die K 7017 zu erreichen, von der man rechts abbiegt.




Der Grabhügel und seine Funde


Ein Hügel, der einen Durchmesser von etwa 90 m und eine Höhe von 11 m aufwies und ein Volumen von rund 30.000 m³ – das entspricht etwa dem Fassungsvermögen von 100 Transportcontainern – besaß, zeichnete sich im 19. Jh. noch deutlich im Gelände ab. Im Jahr 1888 erweckte er das Interesse des Grundeigentümers, der, so heißt es, große wirtschaftliche Schwierigkeiten hatte. In der lokalen Überlieferung wurde der Hügel mit der Grablege eines Riesen in Verbindung gebracht, der in einem goldenen Sarg beigesetzt sei. Schatzsuche war also das Motiv und von einer wissenschaftlichen Ausgrabung konnte daher auch keine Rede sein. (Abb. 6) (#ulink_50d601a6-f9e8-5b81-b50d-166dced281df)






Abb. 6  Seddin, Königsgrab. Zeichnerische Rekonstruktion (Schnitt durch den Grabhügel und Grundriss der Grabkammer).

Nachdem der Besitz seinen Eigentümer gewechselt hatte, sollte die wirtschaftliche Ausbeutung weitergehen, nun aber mit realistischen Plänen: Statt nach Gold zu suchen, ging es nun um die Gewinnung von Steinmaterial aus dem Hügel. Im Herbst 1899 stieß man bei der Steingewinnung in der Mitte des Hügels auf einen Steineinbau, bei dem es sich nur um eine Grabkammer handeln konnte. Diese Kammer, deren Höhe und Durchmesser später mit 2 m angegeben wurde, besteht in seinem Grundriss aus einem Neuneck aus aufrecht stehenden Steinblöcken; die Abdeckung ist ein falsches Gewölbe, d. h. Steinplatten wurden so übereinander gelegt, dass die jeweils folgende ein kleines Stück vorsprang. Die Steinblöcke wiesen einen Lehmverputz auf, der wohl bemalt war.

Im ersten Moment gewann offenbar der Schatzsucherinstinkt die Oberhand. Ohne fachliche Anleitung und ohne Dokumentation wurde die Kammer geöffnet und die wertvollen Funde geborgen. Entweder hatte man die Befürchtung, der Wert des Ausgegrabenen könne durch Gerüchte an die zuständigen Behörden gelangen, oder der Finder war zur Einsicht gekommen, was er auf seinem Grund gefunden habe, müsse doch gemeldet werden.

Die Funde wurden nun von Seiten des Staates gesichert und zunächst in das Märkische Provinzialmuseum nach Berlin gebracht. Nach 1945 gelangten die Funde, soweit sie die Wirren des Zweiten Weltkrieges überstanden hatten, in das Museum für Vor- und Frühgeschichte zu Berlin. Mit der Einrichtung des Brandenburgischen Landesmuseums im Jahr 2008 wurden sie dorthin abgegeben. Zeitgleich mit der Sicherung der Funde erfolgte die Unterschutzstellung des Grabhügels. Im Zuge dieses Verfahrens wurde die Grabkammer zugänglich gemacht; dieser Zustand ist noch heute aktuell.

Die Funde verteilen sich auf mehrere Bestattungen. Die Hauptbestattung war die eines etwa 30- bis 40-jähren Mannes, dessen Leichenbrand (Asche und Knochenreste) in einer reich verzierten, aus mehreren Teilen gefertigten Urne aus Bronzeblech beigesetzt wurde. Die Urne selbst fand sich in einem rund 0,5 m hohen Tongefäß; ob kultische Gründe für diese Art der Aufbewahrung verantwortlich waren oder ob man die kostbare Urne vor Schäden schützen wollte, lässt sich nicht beantworten.

Neben der Hauptbestattung fanden sich zwei Nebenbestattungen, die vom Material der Urnen deutlich bescheidener waren. Es handelte sich um Tongefäße, in denen jeweils der Leichenbrand einer 20 bis 30 Jahre alten Frau gefunden wurde.

Das Inventar des Grabes erwies sich als überaus reich, weil es neben der Urne der Hauptbestattung zahlreiche Bronzeobjekte enthielt. Darunter befanden sich u. a. ein Schwert, ein Messer, ein Rasiermesser, ein Tüllenbeil, zwei Schalen, Schmuck und eine gegossene Tasse. Aufsehenerregend waren aber zwei Nadeln aus Eisen, die zu dieser Zeit besonders wertvoll waren.

Die kostbare Ausstattung des Grabes und die beiden Nebenbestattungen – die Forschung sieht in ihnen Witwenopfer – deuten darauf hin, dass es sich hier um die Grablege einer hochrangigen Persönlichkeit gehandelt haben muss. In gewisser Weise spiegelt sich dies auch in der Bezeichnung des Grabhügels als „Königsgrab“ wider.

Bei der Datierung des Grabes ging man lange Zeit davon aus, dass es um 800 v. Chr., also in der späten Bronzezeit, angelegt wurde. Archäologische Untersuchungen im Jahr 2003 erbrachten Fundmaterial, welches sich für eine C14-Analyse eignete. Dabei kam man auf das Datum 829 v. Chr.; allerdings muss man bei dieser Methode hinsichtlich ihrer Genauigkeit doch einige Abstriche machen. Bei weiteren Untersuchungen in der Nähe des Grabhügels fand man mehrere Feuergruben, deren Inhalte ebenfalls C14-Analysen erlaubten. Hier erhielt man Daten, die zwischen 1101 und 904 v. Chr. liegen. Damit stellt sich die Frage, ob diese Gruben mit dem Grab in Verbindung stehen.




Schloss-Museum Wolfshagen Prignitz


Im Schloss-Museum, das mit den ersten Räumen im Jahr 1998 eröffnet wurde, wird im Wesentlichen eindrucksvoll die Wohnkultur des märkischen Adels dargestellt, die während der Zeit der ehemaligen DDR weitgehend vernachlässigt, wenn nicht gar zerstört wurde. Ein Raum ist jedoch den Funden aus dem „Königsgrab“ von Seddin gewidmet. Schon das Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin hatte dem jungen Museum Kopien von Funden zur Verfügung gestellt, sodass ein Besucher heute nicht zwangsläufig nach Brandenburg an der Havel fahren muss, um im dortigen Landesmuseum die Originale zu sehen.

Putlitzer Straße 16, 16928 Groß Pankow (Ortsteil Wolfshagen), Tel. 038789-61063, www.schlossmuseum-wolfshagen.com (http://www.schlossmuseum-wolfshagen.com)

Literatur

J. May – T. Hauptmann, „König Hinz“ kommt in die Jahre. Neues vom Königsgrab Seddin, Lkr. Prignitz, in: Archäologische Gesellschaft in Berlin und Brandenburg e.V. – Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege – Archäologisches Landesmuseum und Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.), Archäologie in Berlin und Brandenburg 2003 (2005) 54–56; E Probst, Deutschland in der Bronzezeit (1999) 337. 341. 345 Abb. S. 351; H. Wüstemann, C 4 Seddin, in: J. Herrmann (Hrsg.), Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik (1989) 437 f. Abb. S. 437.



Zur Zeit der ehemaligen DDR bestand ein großer Bedarf an einheimischen Energieträgern. Vorzugsweise wurde die im Tagebau gewonnene Braunkohle benötigt. Daher entstand auch der Tagebau Seese-Ost südlich von Lübbenau in der Lausitz, der jedoch nach den Ereignissen vom Herbst 1989 und der Wiedervereinigung Deutschlands eingestellt wurde. So entging die Slawenburg der endgültigen Vernichtung und erlebte sogar eine Wiederauferstehung.




[07] Vetschau – Slawenburg in Raddusch, der Zerstörung entkommen


Brandenburg • Berlin

Unweit von Vetschau hatte man schon im 19. Jh. eine Fundstelle entdeckt, die sich als slawische Wallburg erwies, von deren Typ bis heute in der Region rund 40 Anlagen nachgewiesen wurden. Rudolf Virchow, der große Mediziner, Jurist und Altertumsforscher des 19. Jhs., hatte 1880 die Anlage erstmals erwähnt und 1957 war sie unter Denkmalschutz gestellt worden. Als sich die Realisierung des Tagebaus Seese-Ost abzeichnete, begann man 1984 mit einer Rettungsgrabung, bei der die ganze Anlage untersucht werden konnte. Auf die Ausgräber kam allein aufgrund der zu bewegenden Erdmassen eine gewaltige Arbeit zu.




Von der Ausgrabung zum Museum


Im Lauf der archäologischen Untersuchungen ergab sich eine komplexe Baugeschichte, die sich in drei Phasen gliedern ließ. Vom Entwurf her handelte es sich immer um Kreisanlagen, die von einem Holz-Erde-Wall mit einem großen vorgelegten Graben umgeben waren. Für die früheste Befestigung, die auch als Vorbild für die Rekonstruktion diente, geht man von einem äußeren Durchmesser von 56 m und einem Inneren von etwa 36 m aus. Für den Wall wurde eine Höhe von etwa 7 m erschlossen. Das benötigte Holz wurde in der unmittelbaren Umgebung geschlagen, sodass eine Landschaft mit freiem Sichtfeld entstand. Das benötigte Erdmaterial konnte aus dem Grabenaushub gewonnen werden. (Abb. 7) (#ulink_9e8a2593-a76a-5dac-b605-f607a69689d2)






Abb. 7  Raddusch, slawische Befestigung. Der Nachbau wird heute als Museum genutzt.

Zur Burganlage gehörte auch eine „Vorburg“, die wohl eher Siedlungscharakter gehabt haben dürfte. Als man sie untersuchte, fand man allerdings keine verwertbaren Spuren, weil die Landwirtschaft im Laufe der Zeit alle Spuren vernichtet hatte.

In der Burg wurden auch zwei Toranlagen gefunden, die man aufgrund ihrer Bauform als Tunneltore bezeichnet. Ein Tor befand sich im Nordwesten. Der andere Zugang konnte im Osten nachgewiesen werden. An den Innenseiten des Walles waren Unterkünfte eingerichtet, die an Kasematten erinnern. Außerdem fanden die Ausgräber im Bereich des „Burghofes“ Spuren von Gebäuden, bei denen es sich sowohl um Pfostenbauten als auch um Blockbauten handelte, von denen einige Öfen aufwiesen. Der Wasserversorgung dienten vier Brunnen.

Allgemein geht man davon aus, dass diese slawischen Befestigungsanlagen als Fluchtburgen genutzt wurden. Da aber eine Innenbebauung nachgewiesen wurde, stellt sich die Frage, ob hier nicht die Angehörigen einer Oberschicht einen dauerhaften Wohnsitz besaßen. Diese Frage lässt sich aber nicht zweifelsfrei beantworten.

Die Datierung der Anlage von Raddusch wie auch die der slawischen Befestigungsanlagen in der Lausitz beläuft sich auf das 9. und 10. Jh. und reizt damit das in diesem Buch vorgesehene Zeitfenster aus. Als Grund für die umfangreichen Befestigungen wird gerne angeführt, in dieser Phase habe das junge Heilige Römische Reich Deutscher Nation zunehmend in Richtung Osten expandiert und die hier siedelnden Slawen massiv unter Druck gesetzt.




Die Rekonstruktion der Burg als Museum


Nachdem der Tagebau Seese-Ost eingestellt worden war, kam für die Region die Frage auf, wie es wirtschaftlich weitergehen sollte. Tourismuskonzepte spielten dabei in den 1990er-Jahren eine bedeutende Rolle. So wurde ab 1992 die Idee entwickelt, in Raddusch die Slawenburg wieder aufzubauen. Damit sollte ein Ort entstehen, an dem die Archäologie der gesamten Region präsentiert werden konnte. Im Jahr 2003 wurde schließlich die Slawenburg als Museum eröffnet.

Bedingt durch die zusätzliche Nutzung entstand eine Idealrekonstruktion im äußeren Erscheinungsbild, die sich in den Dimensionen an der ersten Bauphase orientierte. Nach außen ist die Anlage mit einer Verkleidung aus Eichenholz und Lehm versehen, während das Wallinnere aus einer Ringkonstruktion aus Beton besteht, in der sich heute die Ausstellungsräume und die touristische Infrastruktur befinden.

Die ständige Ausstellung hat die Zielsetzung, die archäologischen Funde aus der Niederlausitz zu präsentieren. Sie umfasst dabei alle zeitlichen Perioden. Natürlich finden sich hier auch viele Funde, die in Raddusch gemacht wurden. Ein Stück, das besondere Aufmerksamkeit verdient, ist der „Götze von Raddusch“, die Darstellung eines slawischen Gottes; diese Bildnis wurde in einem der Brunnen geborgen und wird um die Mitte des 10. Jhs. datiert.

Im Umfeld des Museums, einem etwa 111 ha großen Freigelände, wurde versucht, die historische Landschaft nachzubilden, so wie sie sich im 9. oder 10. Jh. darstellte. Darüber hinaus errichtete man einen „Zeitsteg“, auf dem die Natur und die lokalen Kulturen in verschiedenen Zeitaltern dargestellt werden.

Slawenburg Raddusch, Zur Slawenburg 1, 03226 Vetschau, OT Raddusch, Tel 035433-55522, www.slawenburg-raddusch.de (http://www.slawenburg-raddusch.de)

Literatur

M. Ullrich, Slawenburg Raddusch – Eine Rettungsgrabung im Niederlausitzer Braunkohleabbaugebiet (2003); M. Ullrich, F 46 Raddusch, in: J. Herrmann (Hrsg.), Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik (1989) 651 f.



Als Karl der Große kam, entdeckten die Ur-Bremer das Christentum. Diese Geschichte findet ihren baulichen Niederschlag im St. Petri-Dom, dessen älteste bauliche Überreste bis in diese Zeit zurückreichen. Während der letzten Renovierungen konnten unter der Kirche wichtige Funde gemacht werden, die heute im Dom-Museum ausgestellt sind.




[08] Bremen – die Domgrabung


Bremen

Wenn wir uns in Bremen und Bremerhaven in einem Zeitfenster bewegen wollen, dass bis zum frühen Mittelalter reicht, stehen wir im Hinblick auf Ausgrabungen weitgehend auf verlorenem Posten. Dies liegt vor allem daran, dass beide Städte erst mittelalterliche Gründungen sind. Mit dem Fund der „Kogge von 1380“ im Jahr 1962 bei Baggerarbeiten im Bremer Hafen, die sich heute im Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven befindet, gibt es einen für den hier abgesteckten Zeitrahmen leider etwas zu späten Sensationsfund.

Die mittelalterliche Gründung bedeutet aber nicht, dass an dieser Stelle vorher nie Menschen siedelten. An der Weser sind Siedlungen bekannt, die zwischen dem 1. Jh. n. Chr. und dem 8. Jh. entstanden sind. Eine von ihnen ist durch den aus Alexandria stammenden Geografen Claudius Ptolemaeus um die Mitte des 2. Jhs. n. Chr. namentlich überliefert worden.

Wollen wir uns der frühen Geschichte Bremens zuwenden, so kommen wir schnell zur Rolle der Kirche, die ihr Missionswerk 782 begann, und der Erhebung der Stadt zum Bischofssitz um 787 durch Karl den Großen. Und dieser bedarf einer entsprechenden Kirche, dem heutigen St. Petri-Dom, der nun seit mehr als 1200 Jahren in unterschiedlicher Ausführung Bestand hat. (Abb. 8) (#ulink_82624c2c-b594-5b5f-9b61-4477ef04747d)






Abb. 8  Bremen, St. Petri-Dom. Der Sakralbau ist über Jahrhunderte hinweg entstanden. Während der letzten Renovierungsarbeiten wurden auch archäologische Untersuchungen durchgeführt; die Funde werden im Dom-Museum (im Dom selbst) ausgestellt.

Aber auch Kirchen bedürfen im Lauf der Zeit umfangreicher Restaurierungen, die oft mit archäologischen Untersuchungen verbunden sind. Da der Dom aber wieder für den Gottesdienst genutzt werden sollte, war es unmöglich, die archäologischen Befunde in situ darzustellen. Zum Abschluss der letzten Renovierungsarbeiten richtete man daher im Dom selbst das Dom-Museum ein, das in den Räumen neben dem Hochchor gelegen ist.




Das Dom-Museum im St. Petri-Dom


Für das hier bestimmte Zeitfenster dürften vor allem die konservierten Fundamentreste einer Apsis und zwei Kleinfunde interessant sein, die sich in das 9. Jh. datieren lassen. Dabei handelt es sich um einen silbernen Denar und einen Schwertgurt aus Bronze. Darüber hinaus kann der Besucher anhand einer Fotodokumentation die Baugeschichte des Domes verfolgen.

Aber die Ausgrabungen haben natürlich auch Funde aus späterer Zeit ans Tageslicht gebracht, die entsprechend präsentiert werden. Spektakulär sind etwa die Funde aus sieben mittelalterlichen Bischofsgräbern, die Textilien, Bischofsstäbe und Sakralgeräte enthielten. Weil die Textilien besonders lichtempfindlich sind, ist der Ausstellungsraum stark abgedunkelt. Inzwischen wurde ein weiterer Raum für Textilien eingerichtet. Ergänzt wird die Museumssammlung durch sakrale Kunst, Urkunden, Siegel u. Ä.

www.stpetridom.de/index.php?id=40 (http://www.stpetridom.de/index.php?id=40)

Literatur

I.Weibezahn, Das Dom-Museum in Bremen (2007).



Für den Besucher stellt sich die Freie und Hansestadt Hamburg als weltoffene Metropole, die viele Interessen bedient, dar. Wer aber nach archäologischen Spuren in der Stadt sucht, muss sich in die Peripherie begeben.




[09] Hamburg – Wandern auf den Spuren der Vorzeit


Hamburg




Der Wanderweg


In den 1970er-Jahren kamen Wanderpfade aller Art in Mode. Dieser konnte und wollte sich das Helms-Museum nicht verschließen und errichtete in der Fischbeker Heide, im Stadtteil Hamburg-Neugraben gelegen, einen archäologischen Wanderpfad. Diese Gegend bot sich an, weil hier zahlreiche ur- und frühgeschichtliche Denkmäler zu besichtigen sind. Der Pfad, im Jahr 2002 nochmals überholt, ist mit Informationstafeln ausgestattet und weist insgesamt elf Besichtigungspunkte auf.

Bei diesen Besichtigungspunkten handelt es sich um Gräber, die vom Neolithikum über die Bronzezeit bis hin zur vorrömischen Eisenzeit reichen. (Abb. 9) (#ulink_0e7bde6e-bb01-5f15-979d-38c9ee2816d6)






Abb. 9  Hamburg, Archäologischer Wanderpfad „Fischbeker Heide”. Der Wanderweg führt an verschiedenen Grabhügeln vorbei, so an diesem Hügel aus der Bronzezeit.

Bei einigen der Gräber konnte während der archäologischen Untersuchungen auch Keramik des frühen Mittelalters gefunden werden. Diese steht nicht mit den Bestattungen in Verbindung. Die Archäologen glauben vielmehr, dass hier alte heidnische Kulte weiter praktiziert wurden, als das Christentum schon zwangsweise durchgesetzt wurde.

Ein rekonstruierter Grabhügel, der nicht zum originalen Bodendenkmal gehört, mag den Besucher irritieren. Es handelt sich dabei um ein bronzezeitliches Grab aus Lüllau, das an seinem ursprünglichen Standort nicht erhalten werden konnte.




Informationshaus „Schafstall“


Ergänzende Information zu den archäologischen Funden am Wanderpfad erhält der Besucher durch eine kleine Ausstellung, die durch das Archäologische Museum Hamburg eingerichtet wurde.

Fischbeker Heideweg 43, 21149 Hamburg, Tel. 040-7026618, www.hamburg.de/info-fischbek/147470/start-info-fischbek.html (http://www.hamburg.de/info-fischbek/147470/start-info-fischbek.html)

Literatur

B. Sielmann, Archäologischer Wanderpfad in der Fischbeker Heide (1975).



Auf einem Bergsporn oberhalb der Weißeritz, etwa 300 m nordwestlich des alten Dorfkerns von Coschütz, liegt eine gewaltige vorgeschichtliche Befestigungsanlage, die Heidenschanze, die nur knapp der vollständigen Zerstörung entging.




[10] Dresden-Coschütz – die „Heidenschanze“


Sachsen




Forschungsgeschichte


Schon im 18. Jh. hatte man auf dem Bergsporn die ersten Funde gemacht. Aber wirkliches Forschungsinteresse weckte die Heidenschanze erst im Jahr 1851 mit den ersten Ausgrabungen. Systematische Untersuchungen erfolgten in den 1930er- und 1950er-Jahren. (Abb. 10) (#ulink_2478fec2-18ba-5107-b698-2386626aa1b7)






Abb. 10  Dresden, Ortsteil Coschütz. Blick auf die vorgeschichtliche Befestigung/Siedlung „Heidenschanze”.

Die Heidenschanze barg aber für die Archäologen einige Probleme, weil hier ein Steinbruch existierte, der erst 1954 geschlossen wurde. Durch dessen Ausbeutung ging ein Teil der Anlage, die einmal mindestens 4 ha groß gewesen sein dürfte, für die Forschung verloren.




Die Befunde


Was ergaben die Forschungen? Schon bei den Ausgrabungen der 30er-Jahre zeigte sich, dass die Heidenschanze zunächst eine unbefestigte Siedlung der Lausitzer Kultur war und zwischen 1200–1000 v. Chr. existierte. Aber schon in dieser Phase errichteten die Bewohner eine Befestigung, die etwas vereinfacht gesagt aus einer etwa 2 m starken Konstruktion aus Holz, Erde und Steinen bestand.

Um das Jahr 1000 v. Chr. brannte diese Befestigung ab und wurde durch eine neue ersetzt, die ca. 20 m vor der älteren Anlage errichtet wurde. Sie war in den Maßen des Walles mächtiger und verfügte außerdem über zwei Gräben, die den Sporn abriegelten. Mit der neuen Befestigung etablierte sich hier auch eine neue Kultur, die Billendorfer Kultur, die von ca. 700–500 v. Chr. datiert wird.

Interessant waren aber auch die Befunde im Inneren der Heidenschanze, weil man nämlich mehrere Siedlungsschichten beobachten konnte, in denen Hausgrundrisse, Abfall- und Vorratsgruben gefunden wurden. Vor allem anhand der Keramikfunde ließ sich eine Siedlungskontinuität feststellen, die von etwa 1200–500 v. Chr. reichte. Danach wurde der Platz verlassen und erst wieder in den Jahren um 900 n. Chr. durch slawische Siedler besetzt.

Besonders die Ausgrabungen aus den 1950er-Jahren beleuchteten die wirtschaftliche Situation in der Heidenschanze. Es wurden Werkstätten gefunden, die auf eine größere Keramikproduktion und Metallverarbeitung hindeuteten. Weil durch die Nutzung als Steinbruch Teile der Heidenschanze verloren gingen, rechnete die Forschung die wenigen Werkstattfunde hoch und kam zu dem Ergebnis, dass der Heidenschanze wohl eine wichtige Rolle in Produktion und Handel und daher eine zentrale Funktion zugekommen sei, die über die Rolle eines Rückzugspunktes hinausgegangen sei.

Die Forschungen erlaubten aber auch einen Blick auf die Speisekarte der Einwohner, indem man die Knochenfunde statistisch auswertete. An der Spitze der Fleischproduzenten standen Rind und Schwein, während Schaf und Ziege nur einen relativ geringen Anteil ausmachten. Daneben wurde in der Siedlung der Heidenschanze auch Wild aller Art gegessen.

Literatur

W. Coblenz, C 34 Dresden-Coschütz, in: J. Herrmann (Hrsg.), Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik (1989) 479–481.



Ein Zufallsfund aus Großbodungen ist ein eindrucksvoller Zeuge zu den germanischen Angriffen auf das Römische Reich während der Völkerwanderungszeit. Ein Angehöriger der Oberschicht versteckte im 5. Jh. einen Teil seiner Beute aus einem der Raubzüge, konnte diese aber nie wieder bergen. War er selbst Opfer eines Angriffs geworden?




[11] Grossbodungenen – Ein Schatzfund besonderer Art


Thüringen

Im thüringischen Landkreis Eichsfeld liegt der kleine Ort Großbodungen, der mittlerweile zur Gemeinde Am Ohmberg gehört. An historischen Denkmälern ist eine mittelalterliche Burg erhalten, die hier aber nicht unser Interesse findet. Dieses gilt vielmehr einem Schatzfund, der schon im Jahr 1936 gemacht wurde.

Wie so oft führte keine systematische Suche zu dem Fund; vielmehr war es ein fleißiger Bauer, der beim Kartoffelhacken im Bereich der Wüstung Reichsdorf fündig wurde. Gewissenhaft wurde der Fund gemeldet und das Museum in Halle führte eine Untersuchung der Fundstelle durch. Es zeigte sich dabei, dass es sich hier um einen Depotfund handelte, weil sich weder Grab- noch Siedlungsspuren nachweisen ließen.

Aufgrund der Funde war auch schnell die zeitliche Stellung des Fundes klar. Er wurde in der frühen Völkerwanderungszeit – im 1. Drittel des 5. Jhs. – niedergelegt und muss als Beutegut eines germanischen Adligen interpretiert werden.

Woraus erklärt sich diese Deutung? Der glückliche Finder hatte einen „Silberklumpen“ mit einem Gewicht von 808 g gefunden. Als die Restauratoren in Halle diesen „Klumpen“ in mühseliger Arbeit auflösten und die einzelnen Elemente glätteten, wurde zunächst einmal klar, dass hier verschiedene Gegenstände mit roher Gewalt zerteilt worden waren, ein Verfahren, mit dem Germanen ihr Beutegut aufteilten.

Betroffen von diesem Aufteilungsverfahren waren etwas Zierrat aus Silber, eine Silberplatte, die ursprünglich einen Durchmesser von 26 cm hatte und aufgrund ihres Motivs – dargestellt war ein Kaiser mit seinen Begleitern – als Kaiserplatte bezeichnet wurde, sowie ein handwerklich hervorragender Silberkessel mit Reliefverzierung und weitere Silbergefäße. Daneben waren auch noch Bruchstücke von zwei Bronzegefäßen aufgetaucht. (Abb. 11) (#ulink_c8f8db52-33b0-5826-aeac-ae28632e2f30)






Abb. 11  Sammelaufnahme des Schatzfundes von Großbodungen.

Außerdem gehören 21 Goldmünzen zu dem Schatzfund, die zwischen 350 und 423 n. Chr. geprägt wurden. Diese Funde sind es vor allem, die eine entsprechende Datierung des Hortfundes ermöglichen.

Die Funde aus Großbodungen werden voraussichtlich ab Ende 2014 wieder im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) zu besichtigen sein. www.lda-lsa.de/landesmuseum_fuer_vorgeschichte/ (http://www.lda-lsa.de/landesmuseum_fuer_vorgeschichte/)

Literatur

B. Schmitz, E 33 Großbodungen, in: J. Herrmann (Hrsg.), Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik (1989) 562 f. mit Lit.



Nach dem Zweiten Weltkrieg begann man damit, zwischen den Orten Ober- und Niederdorla, in der Nähe von Mühlhausen gelegen, Torf abzubauen. Hatte man anfangs im Torf nur geringe Reste von Knochen gefunden, so kamen 1957 größere Mengen an Tierschädeln und anderen Tierknochen sowie bearbeiteten Hölzern ans Tageslicht. Aus diesen Zufallsfunden sollte sich eine bedeutende Grabung entwickeln: Zwischen 1957 und 1964 wurde ein Kultbereich ausgegraben, der über 1500 Jahre bestand, in denen sich Landschaft und Kult gleichermaßen veränderten. Heute vermittelt ein Freiluftmuseum einen Eindruck von der Geschichte des Platzes.




[12] Oberdorla – Archäologisches Freilichtmuseum Opfermoor Vogtei


Thüringen

Die ältesten Spuren des Heiligtums stammen aus dem 6. Jh. v. Chr. Am Südrand einer großen Erdsenke, die man geologisch auch als Erdfall bezeichnet, konnten mehrere Komplexe freigelegt werden. So fand man einen rechteckigen Feueraltar, der aus Muschelkalk bestand und an einer Seite von einem halbrunden Stein-Erde-Wall eingefasst war. Bei den Ausgrabungen konnten noch Spuren von Speiseopfern und Kultmahlzeiten beobachtet werden, die von den Archäologen mit Festlichkeiten im Frühjahr, daher wohl in Verbindung mit einer Vegetationsgottheit, in Zusammenhang gebracht wurden.

Neben diesem Altar entstand ein Rundheiligtum mit einer Umwallung. In der Mitte der Anlage fand sich eine Steinstele, die von den Ausgräbern als Symbol und Sitz der hier verehrten Gottheit verstanden wurde. Wie auch an dem schon genannten Altar wurde hier geopfert; bevorzugte Opfertiere scheinen wohl Ziegen gewesen zu sein.

Ergänzt wurde der gesamte Bereich – Altar und Rundheiligtum – in dieser Zeit durch kleinere Opferstätten mit ovalem Grundriss, der durch Steinlagen oder Ruten gekennzeichnet war.

Landschaftliche Veränderungen stellten sich in der mittleren und späten Latènezeit ein. In der Senke war nach und nach ein kleiner See entstanden, der zum Mittelpunkt der kultischen Handlungen wurde. Aufgrund der Umweltbedingungen blieben die hölzernen Reste der Heiligtümer erhalten und erlaubten eine Rekonstruktion. (Abb. 12) (#ulink_e7581064-6b67-5e69-918e-832144604963)






Abb. 12  Oberdorla, Blick über das Opfermoor.

Weil die Bevölkerung zu dieser Zeit unter dem Einfluss der keltischen Kultur stand, orientieren sich auch Kulte und Bauwerke an diesen Vorbildern. Die Ausgräber stellten einen Bezug zu apsisförmigen Anlagen her, die u. a. in einem Trierer Tempelbezirk nachgewiesen wurden. Im Inneren standen kleine Altäre, deren Erdmaterial durch Flechtwerk abgestützt wurde. Hier waren dann auch einfache Idole aufgestellt.

Gegen Ende des 1. Jhs. v. Chr. veränderten sich die Bevölkerungsstrukturen. Die germanischen Hermunduren drangen in das Thüringische ein und passten den Sakralbezirk von Oberdorla ihren Vorstellungen an. Dazu errichteten sie am Seeufer ein großes Rundheiligtum, in dem sich kleinere Bezirke fanden. Hier waren Kultpfähle und ein Astgabelidol aufgestellt.

Wie schon bei den älteren Heiligtümern gab es in der Mitte der Anlage einen Altar, der aus Holz bestand. Auch hier konnten Tieropfer nachgewiesen werden.

An der Westgrenze des Heiligtums jedoch kamen „unschöne Aspekte“ der germanischen Kulthandlungen ans Tageslicht. Teile menschlicher Schädel zeigten, dass hier Menschen geopfert wurden. Aber nicht nur hier gab es Zeugnisse von Menschenopfern: Im Norden des Sakralbezirks fand man nämlich zwei Opferstätten, anhand derer ein weiteres Schädelopfer nachgewiesen wurde. Diese Menschenopfer lassen sich gut mit der schriftlichen Überlieferung bei Tacitus (ann. 13, 57, 1–2) verbinden. Er schrieb nämlich: „Im gleichen Sommer (58 n. Chr.) kam es zu einer großen Schlacht, als sie sich einen für die Salzgewinnung ergiebigen Grenzfluss gewaltsam anzueignen versuchten. [. . .] Aber der Krieg ging für die Hermunduren günstig, für die Chatten umso verhängnisvoller aus, weil beide für den Fall des Sieges das gegnerische Heer dem Ziu und Wotan geweiht hatten, nach dem Pferd und Mann, kurz alles der Vernichtung anheimfällt.“

Im 3. Jh. n. Chr. entstand ein isoliertes Heiligtum, dessen Kultbild auf eine germanische Adaption der Diana, der römischen Göttin der Jagd, hinweisen soll. Neben Opfern von Wildtieren fand man die Knochen von Haustieren, unter denen auch Skelettreste von römischen Ochsen gefunden wurden. Diese darf man als deutliches Zeugnis der engen Verbindungen der Hermunduren zum Römischen Reich sehen.

Abgesehen von den Opfern bot das Heiligtum noch eine weitere Besonderheit. Man entdeckte nämlich den Sarg eines etwa 15-jährigen Mädchens, das kurzerhand als Priesterin gedeutet und somit das Grab zu einem „Heiligen Grab“ erhoben wurde. Im 4. Jh. n. Chr. wurde das Grab zerstört. Ein gesellschaftlicher Umbruch könnte die Ursache dafür gewesen sein.

Trotz dieser Veränderungen blieb dem Ort der Sakralcharakter erhalten. Im 5. Jh. n. Chr. entstanden hier zwei Schiffsheiligtümer, die einer männlichen und einer weiblichen Gottheit zugeordnet werden konnten.

Die Bedeutung als Opferplatz konnte sich bis in das Hohe Mittelalter, also bis in das 11. Jh. hinein erhalten. Allen Bemühungen der Christianisierung zum Trotz opferte die Bevölkerung im ehemaligen See – inzwischen war er zum Moor geworden – Gefäße und Hunde. Altbewährtes gab man eben nicht auf!




Opfermoor-Museum


Die archäologischen Funde aus dem Opfermoor sind auf drei Museen verteilt. In Niederdorla werden Objekte aus den Grabungen im Opfermoor-Museum aufbewahrt, das am Nordrand von Niederdorla liegt. Ein weiterer Teil der Funde ist im Museum am Lindenbühl, dem Kreisheimatmuseum, ausgestellt, während der letzte Teil des Fundgutes im Museum für Ur- und Frühgeschichte in Weimar liegt.

In dem großen Freigelände des Museums werden wichtige Teile der Kultstätte, die oben erwähnt wurden, in Rekonstruktionen vorgestellt. Sie vermitteln überaus anschaulich den Charakter einer Opferstätte.

Zweckverband „Mittelpunkt Deutschlands“, Schleifweg 11, 99986 Niederdorla, Tel. 03601-756040

Literatur

Thüringisches Landesamt für Archäologische Denkmalpflege (Hrsg.), Heiligtümer der Germanen und ihrer Vorgänger in Thüringen – die Kultstätte Oberdorla: Forschungen zum alteuropäischen Religions- und Kultwesen (2003); G. Behm-Blancke, Heiligtümer, Kultplätze und Religion, in: J. Herrmann (Hrsg.), Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik. Denkmale und Funde (1989) 174–176.



„Ihre Dörfer legten sie nicht in unserer Art so an, dass die Häuser eng nebeneinander stehen und eine Straße bilden: jeder umgibt seinen Hof mit einem freien Raum [. . .] Nicht einmal Bruch- oder Backsteine sind bei ihnen in Gebrauch; sie verwenden zu allem [. . .] roh behauenes Bauholz. Manche Stellen <an den Außenfronten ihrer Häuser> überstreichen sie freilich mit einer gewissen Sorgfalt mit einer so weißglänzenden Erdmasse, dass sie den Eindruck von Bemalung erweckt. Sie sind auch gewohnt, unterirdische Höhlen auszuheben, über die sie eine starke Dungschicht legen; das ist dann eine Zufluchtsstätte für den Winter und ein Getreidespeicher; [. . .]. (Tacitus, Germania 16)




[13] Westgreußen – Die „Funkenburg“ eine germanische Siedlung


Thüringen

Wer heute die „Funkenburg“ in Westgreußen besucht, wird in mancherlei Hinsicht die Ausführungen des römischen Geschichtsschreibers P. Cornelius Tacitus (ca. 55 – ca. 117/120 n. Chr.) nachvollziehen können, weil er noch heute Dinge sehen kann, die der römische Gelehrte bereits erwähnte. Aber an anderer Stelle wird er auch überrascht sein von der Größe der Anlage, die so gar nicht mit den Vorstellungen des Tacitus in Einklang zu bringen ist.

Als vor mehr als 40 Jahren der damalige Bodendenkmalpfleger U. Müller auf einem Bergsporn unweit von Westgreußen immer wieder Begehungen durchführte, konnte er nicht ahnen, was daraus entstehen sollte. Seine Lesefunde, die er an das Museum in Weimar weiterleitete, veranlassten das dortige Museum, auf dem Bergsporn Ausgrabungen durchzuführen. Daraus entwickelte sich eine Großgrabung, die von 1974 bis 1980 dauern sollte. Erstaunliches kam dabei ans Tageslicht: Man konnte nämlich ein komplette germanische Siedlung ausgraben, die vom 3. bis zum Ende des 1. Jhs. v. Chr. bewohnt war und dann ganz offensichtlich verlassen wurde, wie die vielen Funde belegen konnten.

Insgesamt wurden während der Grabung 40.000 m² – das entspricht der Fläche von etwa fünf Fußballfeldern – untersucht. Dabei kamen zwei Abschnittswälle im Nordwesten zum Vorschein, die jeweils von einem 4 m tiefen Graben begleitet wurden. Aufgrund dieser beiden Befestigungen entschied man sich dazu, von einer „Vorburg“ und einer „Hauptburg“ zu sprechen. Der Aushub diente zur Aufschüttung eines ebenfalls 4 m hohen Walls. (Abb. 13) (#ulink_7d4a87fe-3791-5c01-be26-9e4135097681) Zu den steil abfallenden Seiten des Sporns fanden sich wohl nur Palisaden. Bei der Suche nach einem Tor im äußeren Wall wurden die Archäologen nicht fündig, doch ein entsprechender Zugang zur Siedlung muss hier bestanden haben. Im inneren Wall hingegen wurden zwei sehr unterschiedliche Tore gefunden: ein aufwendiges Kammertor mit Einbauten und ein ganz einfaches Tor. Außerdem war dieser Wall durch einen zusätzlichen Turm gesichert.






Abb. 13  Westgreußen „Funkenburg“. A Kasse/Shop/Verwaltung; B Toiletten; C Experimentierfeld; 1 Tore; 2 Torturm; 3 Turm; 4 Langhaus; 5 Grubenhäuser; 6 Grubenhütte mit Grassodendach; 7 Speicher; 8 Grubenspeicher; 9 Backöfen; 10 Wildkräuter; 11 Getreide und Feldfrüchte.

Insgesamt fanden die Ausgräber über 50 Gebäude. Dabei wurden in der „Vorburg“ eine Reihe kleinerer Gebäude beobachtet. Diese waren entweder ebenerdig oder in den Boden eingetieft. Ein ganz anderes Bild zeigte hingegen die Innenbebauung der „Hauptburg“: Hier konnten ein großes Pfostenhaus (8 x 13 m), zahlreiche ebenerdige Speicherbauten (3 x 4 m) und Grubenhäuser ausgegraben werden. Außerdem entdeckte man rund 600 Gruben, die unterschiedliche Zwecke erfüllten. Dabei gab es solche, die in der Mitte einen Pfosten besaßen, der auf eine Überdachung schließen ließ. Sie wurden daher als Speichergruben interpretiert, die den von Tacitus beschriebenen entsprechen. Dazu kamen noch kleinere Funde unterschiedlicher Art.

Das große Pfostenhaus ließ natürlich die Frage nach der Nutzung offen, da es schon aufgrund seiner Größe ein Alleinstellungsmerkmal besaß. Weil man in der Nähe Spuren von Tier- und Menschenopfern fand, schlossen die Ausgräber schnell auf eine kultische Verwendung. Diese Deutung mag aus den Zeitumständen heraus opportun gewesen sein. Eine nicht minder plausible, damals aber vielleicht nicht politisch korrekte Interpretation könnte sein, hier den Sitz eines „Stammesfürsten“ zu sehen.

Ein großer, unbebauter Platz im Zentrum der „Hauptburg“, den man bei Ausgrabung nachweisen konnte, könnte dann vielleicht auch mit kultischen Handlungen verbunden gewesen sein, wäre aber auch durchaus als Versammlungsplatz zu deuten.

Als die Archäologen im Jahr 1980 abrückten, war von den Ausgrabungen nicht mehr viel zu sehen. Nur der Wall zwischen Vor- und Hauptburg, den man mit der Grabenverfüllung wieder aufgebaut hatte, zeugte von deren Tätigkeiten. Diese unbefriedigende Situation führte dazu, dass schon 1984 die Ortsgruppe des Kulturbundes, einer dem Staat nahestehenden Organisation, damit begann, erste Rekonstruktionen vorzunehmen.

Nach dem Ende der ehemaligen DDR entstand der Verein „Funkenburg e. V.“, der in den folgenden Jahren die Chance nutzte, umfassende Rekonstruktionen an Ort und Stelle durchzuführen und so die Grabungsergebnisse durch Rekonstruktionen bis 1999 zu visualisieren. Es entstand ein eindrucksvolles Freilichtmuseum, bei dem das Wallsystem mit den Toren, das große Pfostenhaus sowie eine Reihe von kleineren Gebäuden die Möglichkeit bieten, Geschichte hautnah zu erleben.

www.funkenburg-westgreussen.de (http://www.funkenburg-westgreussen.de)

Literatur

S. Barthel, Rekonstruktion einer germanischen Burganlage in Westgreußen, Lkr. Sondershausen, Ausgrabungen und Funde 39, 1994, 238–246; S. Barthel, D8 Westgreußen, in: J. Herrmann (Hrsg.), Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik (1989) 504 f.



Keine andere Schlacht als die im Teutoburger Wald hat die Gemüter der Deutschen seit mehr als 2000 Jahren so bewegt. Arminius, der Held dieser Schlacht, wurde seit dem späten 18. Jh. zur Symbolfigur für eine deutsch-nationale Identität und einen Nationalstaat. Einen Schönheitsfehler hatte die Geschichte aber: Man wusste nicht, wo dieser heroische Kampf stattgefunden hatte. Erst seit gut 20 Jahren neigt die Forschung dazu, das Schlachtfeld im niedersächsischen Kalkriese, nördlich von Osnabrück zu lokalisieren.




[14] Bramsche/Kalkriese – Eine Schicksalsstunde der Deutschen?


Niedersachsen




Furor Teutonicus – der historische Hintergrund


Germanien, ein römisches Trauma? Blickt man auf die römische Geschichte, so zeigt sich, dass es im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zu Konflikten zwischen Rom und den Germanen gekommen war. Und diese gingen nicht immer zugunsten der Römer aus.

Für römische Feldherren und Politiker bestand daher immer wieder der Rechtfertigungsgrund für einen Angriffskrieg und Gebietserweiterungen, man müsse der Gefahr aus dem Norden zuvorkommen. Caesars Eroberungen waren nach dessen Ermordung im Jahr 44 v. Chr. durch den folgenden Bürgerkrieg nicht ausreichend gesichert. Um 17/16 v. Chr. war es zu einer erneuten Invasion eines germanischen Stammes, der Sugambrer, gekommen, wobei eine Legion vernichtend geschlagen worden war. Der Verlust einer Legion mochte zwar bedauerlich sein, doch unverzeihbar war der Verlust des Legionsadlers, dem ein großer Symbolwert anhaftete.

Der aus dem Bürgerkrieg siegreich hervorgegangene Augustus, der Adoptivsohn Caesars, nahm die Niederlage sehr persönlich, weil er gerade in Rom ein „Goldenes Zeitalter“ verkündet hatte. Unter anderem war es ihm gelungen, eine der größten römischen Niederlagen jüngerer Zeit diplomatisch zu relativieren. Aus Prestigegründen hatte M. Licinius Crassus (115–53 v. Chr.) in seinem Konsulat (55 v. Chr.) eine Ermächtigungserklärung des Senats durchsetzen können, die es ihm erlaubte, gegen die Parther Krieg zu führen. Das Parthische Reich, das sich über weite Teile des Nahen und Mittleren Ostens erstreckte und mit Rom um die Vormacht in der Region konkurrierte, wurde in Rom als „Erzfeind“ betrachtet. Auf seinem Feldzug verlor Crassus bei Carrhae, dem heutigen Harran in der Türkei, im Jahr 53 v. Chr. nicht nur die Schlacht, sondern auch sein Leben. Nur ein Viertel der römischen Armee konnte sich retten. Neben den gewaltigen Verlusten an Truppen war es für die Römer aber überaus schmerzlich, dass die Feldzeichen verloren gingen. Diese hatte Augustus durch geschickte Verhandlungen zurückerhalten und die Schmach der Niederlage verringert.

Die Niederlage gegen die Sugambrer verlangte daher nach einer schnellen und harten Reaktion, wollte Augustus seine Position in Rom nicht gefährden. So ging der Kaiser von 16–13 v. Chr. nach Gallien und verlegte Truppen aus dem Landesinneren an die Rheingrenze, schon mit der Absicht, das Reichsgebiet über den Fluss hinaus auszudehnen. Eine Gelegenheit für eine militärische Intervention bot sich im Jahr 12 v. Chr., als die Sugambrer erneut in die römische Provinz eindrangen. Drusus, der Stiefsohn des Augustus, wehrte den Angriff ab und führte zwischen 11 und 9 v. Chr. drei Feldzüge durch, die bis zur Elbe und zur Weser führten.

Nach dem tragischen Tod des Drusus, der im Jahr 9 v. Chr. vom Pferd gefallen war, übernahm dessen Bruder Tiberius das Oberkommando und konnte in mehreren Feldzügen das Land weitgehend unter römische Kontrolle bringen. In der Folge entstanden nicht nur weitere römische Feldlager, sondern es gab auch eine zivile Siedlung, Lahnau-Waldgirmes (s. S. 138f (#u7b893b80-1871-539f-9e57-8e27583d9c26).), die man als Beleg für die Existenz einer Provinz Germania verstehen kann.

Um das Jahr 7 n. Chr. herum wollte man von römischer Seite eine reguläre Provinz in Germanien errichten. Diese Aufgabe fiel dem P. Quintilius Varus zu, einem durchaus fähigen und verdienten Mann. Durch seine rigorosen Maßnahmen zur Durchsetzung römischen Rechts auf allen Ebenen geriet er aber in Konflikt mit den traditionellen Wertvorstellungen der Germanen. Widerstand regte sich. Der Cherusker Arminius, der in der römischen Armee als Offizier diente und Varus begleitete, machte sich diese Stimmung zunutze. Insgeheim organisierte er eine Allianz aus mehreren germanischen Stämmen, die die Römer aus der Heimat vertreiben sollte.

Ein geeigneter Zeitpunkt fand sich im Jahr 9 n. Chr. Wie der römische Geschichtsschreiber Cassius Dio (ca. 150 – ca. 235 n. Chr.) berichtete, befand Varus sich mit seinen drei Legionen auf dem Rückmarsch von der Weser in sein Winterquartier. Durch das Vortäuschen eines kleineren Aufstandes wurde das Heer von seinem regulären Weg abgelenkt und in eine Falle gelockt, aus der es kein Entkommen gab. Die Topografie – auf der einen Seite einer Senke fand sich ein Gebirgszug und auf der anderen ein großes Moor – und das Wetter erlaubten es den Römern nicht, den Feind, der sich hinter Schanzen verbarg und immer wieder blitzartig zuschlug, zu einer regulären Schlacht zu stellen. In einem viertägigen Kampf wurden drei Legionen vernichtet und Germanien blieb frei!

Der Ort dieser katastrophalen Niederlage Roms wurde im Gegensatz zum Schlachtverlauf in den schriftlichen Quellen nicht näher bestimmt, sieht man einmal von der Angabe „saltus teutoburgiensis“ des römischen Historikers Tacitus (um 55 – ca. 117/120 n. Chr.) ab. So war der Forschung ein breiter Raum für Spekulationen gegeben. Unzählige Theorien über Ort und genauen Ablauf der Schlacht entstanden.




Das Schlachtfeld


Schon Theodor Mommsen, der große deutsche Altertumswissenschaftler des 19. Jhs., hatte aufgrund von Münzfunden in Kalkriese die Vermutung aufgestellt, die Varusschlacht habe hier stattgefunden. Im Jahr 1987 forcierten weitere Funde von Münzen und militärischen Objekten umfassende archäologische Untersuchungen, die relativ schnell Verbindungen zur überlieferten Topografie eines Schlachtfeldes erlaubten. Aus den ersten Untersuchungen entwickelte sich ein Großprojekt der Archäologie, bei dem sich die Ausgrabungen mittlerweile über rund 30 km² erstrecken.

Eine riesige Fundmenge kam im Laufe der Jahre zusammen, die insgesamt mit einer militärischen Auseinandersetzung zu verbinden ist: Reste von Waffen, Fahrzeugen und Gespanntieren, Werkzeuge, Münzen und persönlicher Habe der getöteten Legionäre. Vieles davon war beschädigt, sodass die plündernden Germanen es auf dem Schlachtfeld liegen ließen.

Anrührend sind aber auch die Bestattungen der gefallenen Römer. Nicht die Germanen, sondern römische Truppen unter Germanicus sorgten im Jahr 13 n. Chr. für die Beisetzungen in Gruben.




Museum und Park Kalkriese


Ein zentraler Punkt im Kampfgeschehen konnte auf dem „Oberesch“ lokalisiert werden. Weil die Funde in der breiten Öffentlichkeit Aufsehen erregten, stand schon im Jahr 2000 fest, dass in unmittelbarer Nähe zum Schlachtfeld die Ergebnisse der Grabungen präsentiert werden müssten. So entstanden 2002 das Museum und der 240.000 m² große Park Kalkriese auf dem „Oberesch“. Hier bot sich nämlich die Gelegenheit, die kriegerischen Ereignisse an Ort und Stelle zu präsentieren. Der Verlauf des germanischen Walls wird dabei durch Eisenstangen, die im Museum auch als Stelen bezeichnet werden, gekennzeichnet. Dort, wo er gesichert ist, stehen die Stangen dichter, während diese im nicht gesicherten Verlauf in größeren Abständen gesetzt sind. Darüber hinaus ist auch ein Wallabschnitt rekonstruiert worden. Der Marschweg der Römer ist mit rostigen Stahlplatten belegt. Außerdem ist im Landschaftspark auch der Versuch unternommen worden, die Umwelt des Jahres 9 n. Chr. darzustellen.

Das Museum selbst weist eine außergewöhnliche Architektur auf, die durch einen 40 m hohen, rostigen Turm dominiert wird. (Abb. 14) (#ulink_08a5da34-623d-59da-a3f1-7cf366931331) Vortragssäle und ein Ausstellungsbereich komplettieren das Haus. Neben der Präsentation der Funde werden im Museum auch Zeugnisse der schriftlichen Überlieferung und Forschungsgeschichte gezeigt.






Abb. 14  Bramsche, Museum und Archäologischer Park Kalkriese. Aussichtsturm.

Es ist selbstverständlich, dass nur eine Auswahl der Funde im Museum präsentiert werden kann. Das Material reicht von Münzen, über Teile der militärischen Ausrüstung der römischen Truppen bis hin zu Objekten des täglichen Bedarfs wie etwa Geschirr oder einige Luxusgegenstände für die Offiziere, die die plündernden Germanen übersehen hatten. Ein absolutes Prunkstück ist aber die Gesichtsmaske eines römischen Helms, der schon zu Anfang der Ausgrabungen gefunden wurde.

Angesichts der neuartigen Aufgabe, die Archäologie eines Schlachtfeldes darstellen zu wollen, ging man im Museum und Park Kalkriese neue Wege. Diese Bemühungen wurden im Jahr 2005 mit der Verleihung des seit 2002 ausgelobten Kulturerbepreises der Europäischen Union (Europa Nostra – European Heritage Award 2004) honoriert.

Da die archäologischen Forschungen in Kalkriese noch nicht endgültig abgeschlossen sind, wird es auch zukünftig noch Veränderungen im Museum geben.

Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH, Museum und Park Kalkriese, Venner Straße 69, D-49565 Bramsche-Kalkriese, www.kalkriese-varusschlacht.de (http://www.kalkriese-varusschlacht.de)

Literatur

LWL-Römermuseum in Haltern am See (Hrsg.), 2000 Jahre Varusschlacht. Imperium (2009); Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese (Hrsg.), Varusschlacht. Konflikt (2009); G. Moosbauer, Die Varusschlacht (2009).



Der Heeseberg im Harz war zu unterschiedlichsten Zeiten ein Punkt, an dem Geschichte gemacht wurde. In der Bronzezeit war er Sitz einer florierenden Handelsmetrople, im frühen Mittelalter eine Trutzburg gegen das Machtstreben der Frankenkönige.




[15] Heeseberg – ein strategischer Punkt über Jahrtausende


Niedersachsen

Der Heeseberg mit seinen 200 m Höhe liegt in der Gemeinde Heeseberg zwischen den Ortsteilen Watenstedt und Beierstedt im Landkreis Helmstedt. Aufgrund der Lage zwischen den rund 300 m hohen Mittelgebirgszügen des Elm, südöstlich von Braunschweig gelegen, und den Feuchtgebieten des Großen Bruchs war der Platz schon in vor- und frühgeschichtlicher Zeit prädestiniert, hier verlaufende Handelswege zu kontrollieren. Seit 1998 laufen archäologische Untersuchungen durch das Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Universität Göttingen.




Die Ausgrabungsergebnisse und ihre historische Einordnung


Aufgrund der bereits vorliegenden Untersuchungen zeigt sich folgendes Bild: Bereits für die Jungsteinzeit lassen sich auf dem Heeseberg Siedlungsspuren nachweisen. Jedoch gewann der Platz erst in der Bronzezeit an Bedeutung.

Bis 1998 war man davon ausgegangen, dass die Befestigung mit ihrer Fläche von etwa 25.000 m² – das entspricht gut drei Fußballfeldern – um etwa 1100 v. Chr. entstanden sei. Ausgrabungen im Wallbereich, der noch mit einer Höhe bis zu 5 m erhalten ist, (Abb. 15) (#ulink_07e046fe-f80a-5e41-8a7b-fa2cc0fa63f8) konnten sowohl das Baudatum des ersten Walles als auch die Baugeschichte insgesamt klären. Danach wurde der älteste Wall zwischen 1130–1020 v. Chr. angelegt. Sowohl naturwissenschaftliche Methoden (C14-Datierung) und die Keramikfunde belegen dies. Der Wall um 1100 v. Chr. bestand aus einer Holzkonstruktion. Diese Verteidigungsanlage wurde im 9. Jh. v. Chr. durch eine massive Steinmauer als Verblendung ersetzt. Etwa um 700 v. Chr., zu Beginn der Eisenzeit, folgte der Mauer eine Palisadenkonstruktion. Innerhalb der aufwendigen Befestigungen konnte in dieser Zeit eine intensive Besiedlung beobachtet werden, wie zahlreiche Gruben im Inneren der Anlage belegen.






Abb. 15  Heeseberg, Hünenburg. Der mächtige Wall ist heute noch immer gut erhalten.

Bei der Durchsicht der älteren Funde, von denen man annahm, es handele sich um Erosionsmaterial, regte sich der Verdacht, dass es auch außerhalb der Befestigung, am Südhang des Berges, eine Siedlung gegeben haben könnte. Mit den heute allgemein üblichen Methoden der Prospektion – Luftbilder und geophysikalische Untersuchung – konnte bis zum Jahr 2008 eine Siedlung mit einer Größe von mindestens 150.000 m² – das entspricht etwa der Fläche von 21 Fußballfeldern – ausgemacht werden.

Die Prospektionsmaßnahmen wurden durch gezielte Ausgrabungen begleitet, weil weder Luftbilder noch geophysikalische Methoden in der Lage waren, über Einzelheiten, besonders aber Datierungsfragen, Auskunft zu geben. So legten die Archäologen innerhalb der Siedlung vor allem Gruben frei, die sehr unterschiedlich ausfielen. Anhand von Pfostenlöchern konnten auch Häuser nachgewiesen werden. Dabei handelte es sich um dreischiffige Wohnbauten mit einer Breite von etwa 5 m und einer Länge von 12 m. Summiert man alle Funde, kann man sich durchaus eine kleine stadtähnliche Siedlung vorstellen – auch wenn nicht alle Bauten gleichzeitig genutzt wurden.

Was aber war die Ursache für den Wohlstand der Siedlung? Eingangs war darauf verwiesen worden, dass sich hier mehrere Fernwege trafen, also ideale Voraussetzungen für Handwerk und Handel bestanden. Als Handelsware kommen etwa Roherze, Metallgeräte und das begehrte Salz infrage. Um 600 v. Chr. brach die Besiedlung ab und die Forschung war lange Zeit der Ansicht, erst im frühen Mittelalter sei der Heeseberg wieder besiedelt worden. Dies ist insofern richtig, als dass hier keine größere Siedlung existierte. Mit den neuen Ausgrabungen konnte aber ein germanisches Gehöft des 2./3. Jhs. n. Chr. nachgewiesen werden.

Im 6. oder 7. Jh. drangen die „Altsachsen“ in die Gegend ein – dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss verschiedener westgermanischer Stämme, die sich selbst als Sachsen bezeichneten, heute aber Altsachsen genannt werden, um sie von den heutigen Sachsen und der so betitelten Region klar unterscheiden zu können. Natürlich erkannten sie den strategischen Wert des Heesebergs und befestigten ihn erneut mit Erdwall und Palisade.

Der Name der Befestigung könnte Ocsioburg, Hocseburg oder Hohseoburg gewesen sein. Ein entsprechender Ort wird in fränkischen Reichsannalen mehrfach in den 40er-Jahren des 8. Jhs. als Sitz des sächsischen Fürsten Theoderich erwähnt, der den Aufstand gegen den fränkischen Hausmeier Pippin (714–768, ab 751 König der Franken) unternahm.

Der sächsische Widerstand gegen die Franken wurde erst durch die Sachsenkriege Karls des Großen zwischen 772 und 804 endgültig gebrochen. Die sächsische Festung auf dem Heeseberg wurde im Laufe dieser kriegerischen Auseinandersetzungen, in denen sie möglicherweise eine zentrale Rolle spielte, zerstört. Bis zu den neuen Ausgrabungen war man davon ausgegangen, der Ort sei danach aufgegeben worden. Jedoch nutzten fränkische Truppen den Platz weiter, denn die strategischen Anforderungen an einen Platz veränderten sich nicht. Wie lange allerdings die fränkische Besetzung des Heesebergs dauerte, konnte noch nicht sicher geklärt werden.




Heeseberg-Museum Watenstedt


Das Heeseberg-Museum befindet sich in den Gebäuden eines denkmalgeschützten Bauernhofs. Neben den archäologischen Funden vom Heeseberg finden sich eine volkskundliche Sammlung sowie Fossilien.

Literatur

I. Heske, Bronzezeitlicher Herrschaftssitz mit Außensiedlung, AiD 2010/4, 8–13; H. Brandorff, Das Heeseberg-Museum in Watenstedt (2008); S. Grefen-Peters – H. Zellmer, Von der Salzwiese zum Steppenrasen: Erlebnispfad Heeseberg – Großes Bruch – Hünenburg (2008).

Nordstraße 32, 38384 Watenstedt, Tel. 05345-296, www.samtgemeindeheeseberg.de (http://www.samtgemeindeheeseberg.de)



Im Jahr 2008 stand ein seltsamer Fund am Beginn der sensatio-nellen Entdeckung eines antiken Schlachtfeldes im Harz! Wer waren die Akteure, wer war der Sieger und warum kam es hier zur Schlacht? Diese Fragen konnten durch umfangreiche Untersuchungen geklärt werden, die die Beziehungen zwischen dem freien Germanien und dem Römischen Reich im 3. Jh. n. Chr. in einem neuen Licht erscheinen lassen. Wäre das freie Germanien vielleicht doch beinahe noch römisch geworden?




[16] Northeim: Harzhornschlacht – Geheimoperation Schlachtfeldarchäologie


Niedersachsen

Lange glaubte man, mit der katastrophalen Niederlage des Varus im Jahr 9 n. Chr. sei den Römern jegliche Lust vergangen, im freien Germanien Einfluss zu nehmen. Spätere Feldzüge der Römer in germanisches Gebiet, von denen die Quellen berichten, wurden zumeist als Abwehr feindlicher Angriffe oder als begrenzte Strafexpeditionen verstanden.

Im Jahr 233 n. Chr. waren die Alamannen, ein germanischer Stamm, einmal mehr in römisches Reichsgebiet eingefallen und bis Mainz vorgedrungen. Dies war möglich geworden, da der Kaiser Severus Alexander (222–235 n. Chr.) für einen Feldzug im Orient Truppen aus den westlichen Provinzen abgezogen hatte.

Nachdem der Kaiser den Krieg im Orient verloren hatte, widmete er sich dem Vergeltungsangriff gegen Germanien. Dazu zog er 234 n. Chr. in Mainz ein Heer zusammen und bereitete den Aufmarsch durch eine Brücke über den Rhein vor. Statt nun den Feldzug auch durchzuführen, wollte er den Alamannen aber lieber riesige Geldsummen bezahlen. Die Truppen in Mainz, darunter die 4. Legion, meuterten, ermordeten Severus Alexander und riefen den erfahrenen Feldherrn Maximinus Thrax (235–238 n. Chr.) zum neuen Kaiser aus. Maximinus führte den Feldzug durch, doch wurde über dessen Verlauf und Ausmaß fast nichts überliefert.

Umso bedeutender sollte daher ein Ereignis im Jahr 2008 sein, als zwei glücklicherweise ehrliche Sondengänger unweit der Stadt Northeim in einem Waldstück immer wieder auf Metallfunde stießen. Die Vielzahl der Objekte veranlasste die Finder, sich mit der zuständigen Kreisarchäologie in Verbindung zu setzen, auch auf die Gefahr hin, sich gewaltigen Ärger einzuhandeln, da es sich bei ihrem Hobby eigentlich um ein illegales handelt.

Die Fachleute erkannten schnell, dass hier eine ganz besondere Fundstelle vorliegen müsse. Sofort begann man unter größter Geheimhaltung die Stelle zu begehen. Zahllose Metallgegenstände – Waffen, Münzen und Schuhnägel, mit denen die Sohlen römischer Soldatenstiefel beschlagen waren, und andere militärische Ausrüstungsgegenstände – deuteten auf die Anwesenheit einer größeren römischen Truppe hin. Aufgrund der Verteilung der Funde und ihrer Zusammensetzung war schnell klar, dass hier kein römisches Lager zu finden war, sondern dass es sich offenkundig um ein antikes Schlachtfeld handelte.

Die weiterführenden Untersuchungen, die den Begehungen folgten, erlaubten es, den Ablauf des Geschehens zu rekonstruieren. Danach war eine römische Armee vermutlich bis zur Elbe vorgestoßen. Weil bei deren Rückmarsch eine schmale Senke zwischen dem Harzhorn im Westen und dem unwegsamen Bergland im Osten passiert werden musste, blockierten die Germanen den Weg, um aus sicherer Position heraus die Römer angreifen zu können. Jedoch konnten die Römer aufgrund der überlegenen Waffentechnik und eines geschickten Umgehungsmanövers den Durchbruch erzwingen und in verschiedenen Einzelgefechten die germanischen Gegner besiegen. Damit war der Rückweg frei. (Abb. 16) (#ulink_baa514e2-a49b-5836-8e8c-a7c490a7763d)






Abb. 16  Northeim. Die Landschaft am Harzhorn.

In den nächsten Jahren wird man den Verlauf der Schlacht noch viel genauer darstellen können. Drei Voraussetzungen für diese Prognose spielen dabei eine wichtige Rolle: Das Schlachtfeld lag seit den Geschehnissen so abseits, dass es nie bebaut oder auch nur als Ackerland genutzt wurde. Daneben bot der kalkhaltige Boden optimale Voraussetzungen für die Konservierung von Metallobjekten. Und schließlich muss man das Verhalten der damaligen Konfliktparteien näher betrachten. Die siegreichen Römer wollten ihren Erfolg nicht aufs Spiel setzen, indem sie sich um das Aufräumen eines Schlachtfeldes kümmerten, während die Germanen, die sonst gerne das Schlachtfeld plünderten, den Ort ihrer Niederlage aus religiösen Gründen oder des Aberglaubens wegen mieden.

Noch heute lassen sich die Positionen der Gegner genau nachvollziehen. Dort, wo viele römische Pfeilspitzen gefunden wurden, befanden sich die Ziele der Römer, die germanischen Stellungen. Genauso lässt sich aus der Verteilung der Schuhnägel ein römisches Bewegungsprofil ableiten.

Die Ausgräber stellten sich natürlich sofort die Frage, mit welchem geschichtlichen Ereignis diese Schlacht verbunden gewesen sein könnte. Eine Antwort gaben die Funde: Unter den zahlreichen römischen Münzen stammten die jüngsten aus dem Jahr 228 n. Chr.; damit musste die Schlacht nach diesem Datum stattgefunden haben. Im Jahr 2011 kam ein weiterer Schlüsselfund ans Tageslicht: Eine hervorragend erhaltene römische Pionieraxt konnte durch eine Inschrift dem Material der 4. Legion zugeordnet werden, die 234/235 n. Chr. zu den in Mainz ansässigen Truppen gehörte. Damit war klar, dass hier ein Zeugnis jenes Feldzuges vorlag, den Severus Alexander geplant, Maximinus Thrax aber durchgeführt hatte. Die Dimensionen deuten auch darauf hin, dass Rom sein Interesse am freien Germanien im 3. Jh. n. Chr. noch nicht verloren hatte und vielleicht ein Abschnitt unserer Geschichte neu bewertet werden muss.

Das Schlachtfeld kann mit Führern besichtigt werden. Weitere Informationen: www.roemerschlachtamharzhorn.de/besucher-information.html (http://www.roemerschlachtamharzhorn.de/besucher-information.html)

Literatur

F. Haedecke, Roms vergessener Feldzug – Das Schlachtfeld am Harzhorn, in: A. Hesse (Hrsg.), Deutschlands Supergrabungen (2012) 76–83; M. Geschwinde – P. Lönne, Die Spur der Sandalennägel. Hintergründe zur Entdeckung eines römischen Schlachtfeldes. AiD 2009/2, 38–39; M. Geschwinde – H. Haßmann – P. Lönne – M. Meyer – G. Moosbauer, Roms vergessener Feldzug. Das neu entdeckte römische Schlachtfeld am Harzhorn in Niedersachsen, in: Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese (Hrsg.), 2000 Jahre Varusschlacht II, Konflikt (2009) 228–232.



Höhlen – geheimnisvolle Welten unter der Erde! Noch heute geht von diesen Räumen eine große Faszination aus. Dafür gibt es viele Gründe: Mancher Besucher erfreut sich einfach an den Naturwundern, die Höhlen bieten können, andere wiederum werden von ihrer Neugier angetrieben, in Bereiche vorzustoßen, die vielleicht noch nie ein Mensch betreten hat. Vor Tausenden von Jahren aber hatten Höhlen eine ganz andere Funktion. Sie boten als Wohnraum Schutz gegen menschliche oder tierische Feinde und schlechtes Wetter oder waren Kultorte und letztlich auch Begräbnisstätten.




[17] Osterode – Die Lichtensteinhöhle


Niedersachsen




Die Höhle und ihre Überraschungen


Als im Jahr 1972 eine Gruppe von Höhlenforschern am Nordwesthang des Lichtensteins unweit von Osterode auf der Suche nach einem mittelalterlichen Geheimgang eine Höhle entdeckte, konnten die Beteiligten noch nicht ahnen, welche sensationelle Entdeckung sie gemacht hatten. Statt des vermeintlichen Geheimgangs fand man eine natürliche Höhle, die letztendlich den Namen der über ihr gelegenen Burgruine Lichtenstein erhalten sollte. Das Ereignis, das die Höhle schließlich weltbekannt machen sollte, fiel in das Jahr 1980: In der inzwischen gut erforschten Höhle stießen die Höhlenforscher auf eine unpassierbare Engstelle. Neugierig, was da noch kommen könnte, erweiterten sie die Engstelle und erschlossen fünf neue Kammern.

Völlig überraschend stieß man auf unzählige Knochenreste und zahlreiche Gegenstände, die natürlich die Archäologen auf den Plan riefen. Bei den nun folgenden Ausgrabungen zeigte sich, dass hier die Skelette von 40 Menschen – Männer, Frauen und Kinder – ruhten. Zwischen den menschlichen Überresten lagen Ringe, Armreifen, Gürtelhaken, Keramik und viele andere Dinge, die schnell eine Datierung der Fundstelle in die Zeit von ca. 1000–700 v. Chr. ermöglichten. Außerdem wiesen andere Funde, Knochen von Nutz- und Wildtieren, aber auch Feuerstellen auf rituelle Mahlzeiten hin. (Abb. 17) (#ulink_07a0c45a-f26e-5fdb-9cda-5af945e9878b)






Abb. 17  Osterode, Lichtensteinhöhle.

Schnell spekulierte man darüber, warum die Toten hier bestattet worden waren. Diese Frage drängte sich umso mehr auf, weil in der „Urnenfelderkultur“, so nennt die Forschung eine bronzezeitliche Kultur, in dieser Zeit die Bestattungssitten von der Körperbestattung zur Totenverbrennung wechselten. Schnell verbreiteten sich Theorien, die von Massenmord über Menschenopfer bis hin zu Kannibalismus reichten. Diese Hypothesen konnten aber alle inzwischen ausgeräumt werden. Tatsache ist, dass die Lichtensteinhöhle als Grablege verstanden werden muss.

War der Fund allein schon spektakulär, so sollten naturwissenschaftliche Untersuchungen noch ganz andere überraschende Ergebnisse liefern. Als man noch vermutete, es könnte sich hier um einen Opferkult handeln, interessierten sich ab 2002 die Anthropologen der Universität Göttingen für die Skelettreste. Aufgrund der Umgebungsbedingungen war das Knochenmaterial in einem so guten Zustand, dass DNA gewonnen und analysiert werden konnte. Schließlich war klar: Die in der Höhle Beigesetzten gehörten alle zu ein und derselben Großfamilie.

Bald nach dieser Erkenntnis, im Jahr 2007, führte man bei Bewohnern der Region ebenfalls DNA-Tests durch. Überraschend zeigte sich, dass einige der heute hier lebenden Menschen Nachkommen jener Menschen aus der Höhle waren und so auf einen Stammbaum mit mehr als 120 Generationen zurückblicken können.




HöhlenErlebnisZentrum Iberger Tropfsteinhöhle


Das HöhlenErlebnisZentrum vereinigt zwei Museen. Dabei handelt es sich um das „Museum am Berg“, das den Funden aus der Lichtensteinhöhle gewidmet ist, während sich das „Museum im Berg“ der Geologie der Region widmet.




Museum am Berg


Weil die Originalhöhle „Lichtenstein“ selbstverständlich nicht be-sichtigt werden kann, hat man hier ein Museum geschaffen, das unter Nutzung der verschiedensten Medien die Kultur der Bronzezeit anschaulich darstellt.

Im Zentrum des Museums ist aber die Kopie der Lichtensteinhöhle in Originalgröße zu sehen. Dabei mag sich mancher Besucher die Frage stellen, wie die dort Bestatteten wohl ausgesehen haben mögen. Diese Frage wird eindrucksvoll beantwortet, wenn man vor unter Verwendung moderner Methoden rekonstruierten Köpfen einer kleinen Familie, bestehend aus den Eltern und einer Tochter, steht. Durch diesen Anblick wird man zu der Erkenntnis kommen, dass diese Menschen uns trotz einer zeitlichen Distanz von rund 3000 Jahren sehr nahe stehen.

Literatur

St. Flindt, Die Menschen aus der Lichtensteinhöhle: Größter DNA-Pool der Bronzezeit (2010); J. Udolph, Lichtensteinhöhle, Siedlungskontinuität und das Zeugnis der Familien-, Orts- und Gewässernamen, in: S. Brather (Hrsg.), Historia archaeologica. Festschrift für Heiko Steuer zum 70. Geburtstag (2009) 85-105; R. Lange, Der Nachfahre – Ein Leben im Schatten des Lichtensteins (2008).

An der Tropfsteinhöhle 1, D-37539 Bad Grund, www.hoehlen-erlebnis-zentrum.de (http://www.hoehlen-erlebnis-zentrum.de)



Eindrucksvoll liegt inmitten einer idyllischen Heidelandschaft das größte Hügelgräberfeld Nordeuropas, in dem sich noch heute ein Hügel an den nächsten reiht. Stellt man sich aber die Landschaft vor rund 2500 Jahren vor, so muss diese Begräbnisstätte noch eindrucksvoller gewesen sein, denn so manches Grab ist im Laufe der Zeit verschwunden.




[18] Pestrup – nichts als Gräber


Niedersachsen

Etwa 3 km südöstlich von Wildeshausen liegt ein riesiges Gräberfeld in der Heide, das 1992 zum Grabungsschutzgebiet erklärt wurde. Auf 39 ha finden sich 531 Hügelgräber, von denen ein Teil in den Jahren 1958/59 untersucht wurde. Es ist davon auszugehen, dass die Nekropole am Ende ihrer Belegungszeit sogar etwa 1000 Grabhügel aufwies. (Abb. 18) (#ulink_19cbb1ba-a80b-5797-ac6d-1650dd926cc3) Dieser Schwund lässt sich sicher auf Raubgrabungen zurückführen, die wohl im 19. Jh. massiv zunahmen. Daneben gab es in diesem Jahrhundert aber auch die ersten systematischen Grabungen. Der Oberkammerherr Friedrich von Alten (1822–1894), dem wir den Hinweis auf die Raubgrabungen verdanken, führte hier in den Jahren 1876, 1880 und 1882 verschiedene Ausgrabungen durch. Unter den Gräbern, deren Normalgröße zwischen 8 und 13 m liegt, gibt es einige, die durch ihre Größe auffallen und daher unter der Bezeichnung „Königsgräber“ geführt werden. An ihrer Basis haben diese Hügelgräber einen Durchmesser von rund 30 m und waren mindestens 1 m hoch.






Abb. 18  Pestrup, Gräberfeld. Das Gräberfeld wurde über viele Jahrhunderte genutzt. Es ist eines der größten in Europa.

Das Gräberfeld ist in vielerlei Hinsicht von Interesse, weil man hier Bestattungssitten von der späten Bronzezeit bis in die frühe Eisenzeit, also vom 9. bis zum 2. Jh. v. Chr., nachvollziehen kann.

Bei einigen Gräbern, die aufgrund der Beigaben in das 5. Jh. v. Chr. datiert werden konnten, ließ sich ein Phänomen beobachten, das der Ausgräber J. Petzold als „rituelles Pflügen“ bezeichnete. Man muss sich den Vorgang so vorstellen: Bevor der Tote verbrannt wurde – Brandbestattungen wurden vom Belegungsbeginn des Gräberfeldes bis zu seinem Ende im 2. Jh. v. Chr. vorgenommen – pflügte man im Acker ein schmales Beet. Darauf errichte man den Scheiterhaufen und verbrannte den Toten. Danach sammelte man die Knochenreste ein, füllte sie in Urnen und erhöhte das „Beet“ wallartig.

Literatur

E. Probst, Deutschland in der Bronzezeit (1999) 319. 478 Anm. 15.



Im Schatten der großen Bagger fanden die Archäologen an der Abbaukante des Braunkohletagebaus von Schöningen Zeugnisse der Menschheitsgeschichte, die unsere Vorstellungen über das Leben der frühen Menschen in mancherlei Hinsicht berichtigen. Die hier gefundenen Speere, die als die ältesten erhaltenen Jagdwaffen der Menschen gelten, und der Fundplatz selbst belegen nicht nur den Erfindungsreichtum unserer Ahnen, sondern geben auch Auskunft über das Leben einer urgeschichtlichen Sippe vor rund 400.000 Jahren.




[19] Schöningen – Ausgrabung unter Extrembedingungen


Niedersachsen

Tagebaue sind Fluch und Segen für die Archäologie, weil einerseits großflächig archäologische Denkmäler zerstört werden, andererseits aber Funde ans Tagelicht kommen, die sonst wahrscheinlich nie gefunden würden. Ein solcher Fall ist auch der Braunkohletagebau in Schöningen, Landkreis Helmstedt, in dem eine Reihe vor- und frühgeschichtlicher Fundstellen entdeckt wurde.

Im Jahr 1992 stieß man tief unter dem heutigen Niveau (8–15 m) auf Schichten, die dem Paläolithikum, der Altsteinzeit, zugerechnet werden müssen.

Eine Fundstelle aber erwies sich für die Forschung als überaus wichtig. Man konnte die Spuren eines Sees feststellen, in dessen Umfeld bis Ende des Jahres 1997 mehrere Tausend Einzelfunde gemacht wurden. Dabei handelte es sich um die Reste von Jagdbeute und Steinwerkzeugen. Herausragend aus der Fundmasse waren aber hölzerne Objekte: Schon 1994 fand man ein Wurfholz, für das man nach Aussagen der Ausgräber im entsprechenden Zeitraum keine Parallelen kennt. Wenig später, im Spätsommer 1995, kam der sensationelle Fund zutage. Dabei handelte es sich um sieben Speere aus Fichtenholz mit einer Länge von 1,82 m bis etwa 2,50 m. (Abb. 19) (#ulink_ead6ba09-241a-5ecb-a296-7ead1c1dae1b) Dass es sich dabei keineswegs um primitive Waffen handelte, belegten die sorgfältige Zurichtung der Spitzen und wohlüberlegte Wahl des Schwerpunktes im vorderen Bereich, also einem idealen Punkt für einen Wurfspeer.






Abb. 19  Schöningen, Speer VII in Fundlage.

Wie alt aber sind diese Speere und von wem wurden sie angefertigt? Der erste Teil der Frage lässt sich natürlich nicht auf das Jahr genau beantworten, weil hier archäologische und naturwissenschaftliche Methoden an ihre Grenzen stoßen. Jedoch können wir den Funden aufgrund ihrer Lage und ergänzend dazu aus Vergleichsfunden bei den Steingeräten ein Alter von etwa 300.000 Jahren zuweisen. Damit sind die Speere von Schöningen die bislang ältesten erhaltenen Jagdwaffen der Menschheit. Aufgrund der Datierung können wir eine Antwort auf den zweiten Teil der Frage geben, wer die Speere angefertigt hat, weil wir uns auch hier in zeitlichen Dimensionen bewegen, die nicht viele Deutungsmöglichkeiten liefern. So können wir festhalten, dass diese Jagdwaffen vom homo erectus, dem aufrecht gehenden Menschen, einem Vorläufer des heutigen Menschen, gefertigt wurden.

Neben der Tatsache, dass es sich hier um die ältesten Jagdwaffen des Menschen handelt, barg die Fundstelle aber noch weitaus wichtigere Informationen über das Leben unserer Vorfahren in der Altsteinzeit. Hatte man nämlich lange Zeit geglaubt, der homo erectus habe sich überwiegend von Aas ernährt, so widerlegt der Fundplatz Schöningen diese Theorie. Hier fanden sich nämlich Knochen von Jagdbeute, bei der es sich um Wildpferde handelte. Zwischen 15 und 20 Tiere wurden hier erlegt und verarbeitet.

Darüber hinaus beleuchtet Schöningen auch das geistige Potential und das soziale Verhalten. Die Anfertigung von funktionierenden Waffen setzt Erfahrung und Planung voraus; der Jäger oder die Jägerin musste schon im Vorfeld einer Jagd die Waffe herstellen. Die Anzahl der getöteten Pferde deutet auf eine größere Gruppe von Jägern hin; daher muss der homo erectus in entsprechenden Gemeinschaften gelebt haben. Wie diese allerdings ausgesehen haben, lässt sich aus den Funden nicht erklären.




Das Forschungs- und Erlebniszentrum „paläon“


Die Speere aus Schöningen werden zurzeit noch im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover aufbewahrt und ausgestellt. Jedoch wird gegenwärtig ein interdisziplinäres Forschungs- und Erlebniszentrum in Schöningen selbst errichtet, das eine Gesamtschau zur eiszeitlichen Landschaft der Region geben soll. Die Eröffnung ist für das Frühjahr 2013 vorgesehen.

Da noch keine weiteren Informationen vorliegen, sei auf den „Förderverein Schöninger Speere – Erbe der Menschheit e. V.“ verwiesen, der auch die genannte Website unterhält.

Literatur

S. Hansen, Archäologische Funde aus Deutschland (2010) 12 f. Abb. 13; H. Thieme (Hrsg.), Die Schöninger Speere. Mensch und Jagd vor 400.000 Jahren (2008).

Paläon – Forschungs- und Erlebniszentrum, Paläon 1, 38364 Schöningen, www.palaeon.de (http://www.palaeon.de/), www.erbederMenschheit.de (http://www.erbederMenschheit.de)




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