Verschollene Länder
Burkhard Müller


Kaum werden neue Länder geboren, da senden sie auch schon auf Briefmarken gedruckt ihre Hoheitszeichen in alle Himmelsrichtungen hinaus. Ob Sowjetbayern oder Lundy, Heligoland oder das Königreich Hawaii, TannaTuva oder das Deutsche Reich: Auf ihren Marken verkünden sie ihren Anspruch auf staatliche Souveränität.

Burkhard Müller lässt nun seiner 1998 begonnenen ersten Reise in die Welt dieser gezackten Kleinkunstwerke eine zweite folgen und entdeckt seinen Lesern winzige, große, absurde, aber auch bedrohliche Reiche, die alle das gleiche Schicksal teilen: Sie sind im Ozean der Zeit ebenso wieder untergegangen, wie sie einst aus ihm aufgetaucht waren. Er versteht es, aus ihren Briefmarken eine verborgene Geschichte herauszulesen, denn sie haben, wenn man sie genau genug ansieht, ein Gesicht; es verrät oft mehr und anderes, als die Herausgeber im Sinn hatten.











Burkhard Müller

Verschollene Länder

Eine Weltgeschichte in Briefmarken









Burkhard Müller, Jahrgang 1959, ist Dozent an der Technischen Universität Chemnitz. Er schreibt regelmäßig für die Kulturseiten der »Süddeutschen Zeitung«. 2008 wurde er mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet. Im zu Klampen Verlag erschienen in den vergangenen Jahren »Schlussstrich. Kritik des Christentums« (2004); »Der König hat geweint. Schiller und das Drama der Weltgeschichte« (2005), »Die Tränen des Xerxes. Von der Geschichte der Lebendigen und der Toten« (2006) und »Lufthunde. Portraits der deutschen literarischen Moderne« (2008).




Inhalt


Cover (#ud5bcf93c-5d0c-5bbc-bd03-efbfdb296664)

Titel (#u02bbc2e7-7b9c-52d8-9aac-36a915d6dfaa)

Über den Autor (#u25af55b8-1b02-5dd7-a476-008129b70f58)

Vorwort (#ulink_da0b2600-553a-5973-8d32-d1ed9e6e47f0)

Thule (#u7f48e9ba-9473-578b-b335-c2f009cf8719)

Panamakanalzone (#uf17a619d-c467-5803-a0ec-ccb1a64b73d0)

Königreich Hannover (#u83526933-3842-5815-b4e4-c58e21431c2f)

Biafra (#ue879a46b-6a2a-5b5e-a3a9-e764794d7940)

Flandern (#u68409163-4f33-5d7c-b2fd-0926393cf90a)

Königreich Hawaii (#ub76bbb91-9006-54dc-9838-e22e67446f21)

Das Land ohne Namen (#ud8e2664a-cadc-5979-80f6-ab740f56f170)

Labuan (#ua471baa3-f79c-5516-874e-a2de605940be)

Palästina (#u4dd679b0-f4ac-5d3e-a640-175911df814d)

Spitzbergen (#u7eb3da43-9597-558c-bde0-0bfffd0b2edb)

Obervolta (#u83db99c5-e558-56a2-9a06-6221d66a4e83)

Empire Français (#u51468a3a-6511-58ad-89cc-bcd2cbd499fc)

Südvietnam (#u25c68397-d53e-5ee9-bc84-fb189d378977)

Sansibar (#ube3d3a8a-ebb1-5b87-b7d5-b231b073022b)

Valle Bormida (#u187fe01c-e2a3-5440-9ade-ed74520c70bb)

Karolinen (#udcb4e71e-18b2-5c48-a833-5d08a1a33e20)

Tannu-Tuva (#u9a4934f6-153c-5def-a8c1-f2744250f528)

Konföderierte Staaten von Amerika (#uec1d6cf3-123f-5635-889d-6c70ff73e1a9)

Martinique (#u6734c0f1-0364-521b-b69a-baaceb29d4c9)

Sowjetunion (#uac1bb0cc-d234-5864-9da7-09b9a2891026)

Neue Hebriden (#u1f48f32d-12da-5547-8238-d4c51be8d4dc)

Nordschleswig (#u675021d5-78d8-53c5-b772-e52a164da5a2)

Das Reich, in dem die Sonne nicht untergeht (#u75469627-467e-5c76-bd87-10cc2d701035)

Schwarzflaggenrepublik (#ua4fcf336-1136-5245-b053-d1fc2a532130)

Hatay (#u92f5b965-ad6d-51cb-a51b-91acfa8a2062)

Generalgouvernement (#u5bcbf2bc-c942-5c4b-8248-d1cc9acdacd8)

Occussi Ambeno (#u59271514-f04f-55b9-89d2-d79e685f2e83)

Hedschas (#ufa00e43c-fb49-5785-8026-ff97e0285de4)

Angra (#u1628944b-2666-5744-9733-3d7defaf18a5)

Ingermanland (#u50c6c491-729e-5d6b-8844-610c2115a006)

Oranje (#uaef80964-adef-565a-a154-f4b92f325805)

Bolivar (#u3216994c-6ff2-5658-9372-7632114f776e)

Vereinigte Arabische Republik (#uff10b66e-b7ff-5335-98d2-64a65b935c7b)

Königreich Neapel (#ub9cd9258-c92d-50e0-b36d-311e128e3464)

Reichsprotektorat Böhmen und Mähren (#ud325747a-7c65-528f-b5b6-51c9f718a607)

Neufundland (#uf9834796-bb3c-5876-9806-2ce0a7b0ab33)

Französisch-Äquatorialafrika (#u52367a19-27a3-5bb5-ab94-1378fb0940dc)

Feuerland (#ucd7e57be-1616-5122-93ca-8b3969f1afdd)

Fiume (#u2ded0c32-a83d-5e4f-bfbb-b3283cf87fca)

Lundy (#udccaf2f8-d066-5974-8d08-d931f8636ae4)

Mandschukuo (#u9758b03c-29c2-5157-8c4f-a885023657d8)

Elobey, Annobón und Corisco (#ufe21b2b8-ca59-5cfc-814a-80d72fdfa318)

Kaiserreich Mexiko (#u1352cd98-dea5-56b0-9839-58288d5a87ae)

Hyderabad (#uda9bee1e-803f-593c-8652-4512535af41c)

Osmanisches Reich (#u8422aa20-8585-50ca-8322-ce9f7fc033ab)

Rhodesien (#ud3e7f4ff-12b2-578d-acff-6c0aad5b09df)

Estado da India (#u093ee5fb-9b4f-5e3c-80f5-c0ee12dc0864)

Buenos Aires (#ucdfbec41-9051-596d-b6b4-955e556eca6d)

Futsches Reich (#u7ce2f54f-a976-5f10-ba98-bfa5767b5bd4)

Katalonien (#uea2c5484-d2b2-52bd-8194-2da1748b8753)

Inseln unter dem Winde (#ua1ea4c78-a898-5c59-b473-99c808be2187)

Königreich Sedang (#u44e7d12c-789e-54cd-bd9e-8273fc83d002)

Zaire (#ub68c9f8f-5e70-54c8-9e6d-1b513ac41928)

Vereinigtes Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (#uba74df58-3a80-5ec1-9861-c80475cba9ad)

Persien (#ud708ab63-6f67-5ee5-be18-1f86e415ce76)

Tanger (#u6fc4dff5-afc6-5d2c-a2c2-a3378ba3d0b7)

Charkhari (#u8d923d17-a4ea-51bb-91ae-64ae06b8fcf8)

Batum (#u5ae43cc3-f538-5aba-a965-698721170c91)

Rhodos (#uf4beffa0-79e3-5277-9859-ac098ebcf959)

Deutsche Lande (#uee99ce22-d98a-5fd4-9842-bf4f3385f1ed)

Impressum (#ulink_c6e6a61b-d263-5b33-8bbc-7f74e161f1fd)




Vorwort


Die politische Geographie des Erdballs ist komplett. Kein Flecken Land, der nicht unter die Souveränität eines der 196 Staaten fiele, die es im Jahr 2013 gibt und die sich sämtlich eingerichtet haben, als müssten sie bis in alle Ewigkeit dauern. Nur ungern lassen sie sich daran erinnern, dass es nichts Fragileres gibt als Grenzen. Alle Grenzen, die älter sind als die ihrigen und andere Rechtsgebilde einschlossen als sie selbst, sind ihnen darum nicht einfach nur vergangen; sie sind hinabgedrückt und überdeckt worden, wie die Grundmauern römischer Villen, über die jahrhundertelang der Pflug gegangen ist, als gäbe es sie nicht, und die sich nur dem Blick aus luftiger Höhe verraten. Geht man nur bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, nicht weiter also als bis zu einer Zeit, in der die letzten weißen Flecken der Weltkarte verschwinden und Rohstoffmärkte, Eisenbahnen und Telegrafen für den modernen innigen Zusammenhang aller Weltteile sorgen, so zeigt sich doch, dass seither weit mehr Länder untergegangen sind als sich haben erhalten können – dreimal, vielleicht sogar fünfmal so viel.

Große Reiche sind darunter, wie die Sowjetunion und das Reich der Osmanen, winzige Splitter wie Tanger und Batum; altehrwürdige, die schließlich zu Grabe getragen werden, wie Österreich-Ungarn, und Eintagsfliegen wie die Republik Hatay; historische Landschaften, die für kurze Zeit ins Licht der Eigenständigkeit treten wie Ingermanland oder die Inseln unter dem Winde, und kurzlebige Kunstgebilde wie das Kaiserreich Mexiko oder das Kaiserreich Mandschukuo (überhaupt pflegen Kaiserreiche die unsichersten Konstruktionen zu sein); wohlbekannte wie die Tschechoslowakei und solche, von denen Sie höchstwahrscheinlich noch nie etwas gehört haben, wie Occussi Ambeno oder Elobey, Annobón und Corisco; vernichtete Staaten, befreite Kolonien, Besatzungsgebiete, abtrünnige Provinzen, Schwindelprojekte, heikle Zwischenzonen und Kompromissbildungen jeder Art.

Eines aber haben alle diese Länder gemeinsam: Sie beglaubigen sich durch ihre Briefmarken. Ihre Armeen zerstoben, ihre Politiker versauerten im Exil, für eine eigene Architektur haben oftmals Zeit und Mittel nicht gelangt. Immer aber haben sie, und wenn sie nur drei Tage währten und drei ratlose Funktionäre zu ihrer Verfügung hatten, den Weg an einen Druckstock gefunden, der ihnen die kleinen gezähnten Zettel auswarf.

Diese kleinen gezähnten Zettel! Beweglicher sind sie als ein Gesandter, luftiger als eine Fahne, einprägsamer als eine Hymne, beredter als ein Kanonenboot. Und dauerhafter als all diese miteinander. Ermöglichung des Briefverkehrs ist ihr Vorwand, wie Tanz der Vorwand der Liebe. Wie kleine Flaggen prangen sie, Abzeichen der Hoheit – denn nur staatliche Hoheit darf sich unterstehen, Briefmarken zu edieren (und wo eine nicht hoheitliche Stelle sich dessen untersteht, da rümpft der »Michel-Katalog«, die Bibel der Sammler, die Nase und spricht von »privater Mache«). Doch sie verraten mehr als Flaggen. Flaggen sind im Grunde langweilig, sie tragen einen Anspruch, aber keinen Ausdruck vor sich her; sie sind Zeichen, aber kein Gesicht.

Briefmarken hingegen, obwohl viel heraldischer Geist in ihren Entwurf eingeht, machen sich los von dieser Starrheit. Und seien sie noch so unbedeutend in ihren Abmessungen, und mag der Londoner Stahlstich sie noch so auf die steife Oberlippe verpflichten, der finster-schwammige Offsetdruck des Stalinismus aufs Kollektiv und die Unzulänglichkeit der heimischen Printtechnik aufs unüberwindlich Lokale: Sie bleiben leibhaftige Bilder. In ihnen gibt ein Land ahnungslos seine Physiognomie preis, sie sind Plappermäuler der Souveränität, die mehr erzählen, als ihrem Auftraggeber lieb ist.

Mit beileibe nicht allen dieser untergegangenen Gebiete hat es ein gutes Ende genommen. Keines wurde ganz freiwillig aufgegeben, und in den Briefmarken mancher von ihnen tritt, kaum verhüllt, der Schrecken der Geschichte hervor. Aber er ist ausgestanden, es ist vorbei mit ihnen. O würde sich nur alles, was die Geschichte hinterlassen hat, so in Wohlgefallen auflösen wie diese kleinen Bilder, die nun verlassen herumliegen wie die Karten eines Spiels, an dessen Regeln sich keiner mehr erinnert!

Die »Verschollenen Länder« verdanken ihre Existenz zwei Serien von Zeitungskolumnen, die in der »Berliner Zeitung« und in der »Süddeutschen Zeitung« abgedruckt worden sind. Ein Vorläufer dieses Buchs ist mit dem gleichen Titel vor 15 Jahren schon einmal erschienen. Unter den 60 Einträgen der vorliegenden Ausgabe wurden 20 aus dem früheren Buch übernommen, 40 aber sind ganz neu, sodass auch, wer noch das alte kennt, hoffentlich genügend Neues findet.

Ich möchte an dieser Stelle allen jenen danken, die mir geholfen haben. Zwei große Philatelisten, Niels Petersen in Chemnitz und mein Bruder Uli, haben mich an ihren so eigenwilligen wie universalen Sammlungen teilhaben lassen; sie haben mir das Wichtigste geschenkt, die Bilder der Briefmarken selbst. Eske Bockelmann hat sie für mich eingescannt. Und meine Lektorin Anne Hamilton hat, wie schon so manches frühere Buch, auch dieses mit geduldiger Ermunterung, Urteilskraft und Humor auf den Weg gebracht. Auch an meinen Großvater denke ich zurück, der meinen Geschwistern und mir vor fast einem halben Jahrhundert, als wir noch Kinder waren, für diese bunten Schätze die Augen geöffnet hat.











Es mag ja eine Fabel sein, dass die Inuit (Eskimo sagt man nicht mehr, so wenig wie Zigeuner und Neger) 200 verschiedene Wörter für Schnee hätten. Aber mit einer gewissen Präzision können sie ihre arktische Lebenswelt schon beschreiben: »Die Oberfläche der Schollen ist eine verwüstete Landschaft aus ivuniq, aus von der Strömung und dem Zusammenstoß der Platten nach oben gepressten Eisstaus, aus maniilaq, Eisbuckeln, und aus apuhiniq, dem Schnee, den der Wind zu harten Barrikaden komprimiert hat. Derselbe Wind, der die agiupinniq gezogen hat, die Schneefahnen, denen man mit dem Schlitten folgt, wenn sich der Nebel auf das Eis gelegt hat.« Auch hikuaq und puktaaq spielen eine gewisse Rolle, zwei weitere Typen von Eisschollen, deren Unterschied zu erläutern hier aber zu weit führen würde.

Nicht zu weit allerdings führt es für Fräulein Smilla, deren besonderes Gespür für Schnee dem Weltbestseller von Peter Høeg aus dem Jahr 1996 den Titel gibt. Dieses Gespür kommt ihr sogar noch in Kopenhagen zugute, wohin es sie wie so viele Grönländer verschlagen hat. Dort erkennt nur sie aus den Spuren, die der kleine Jesaja im Neuschnee auf dem Dach hinterlassen hat, dass er nicht von sich aus gesprungen ist, sondern weil er über irgendetwas zu Tode erschrak. Und so setzt sich die Geschichte in Gang, die Smilla aus der dänischen Hauptstadt nach langen Jahren zurückführt an den Ort ihres Ursprungs.

Fräulein Smilla stammt aus Thule, oder wie es in ihrer Muttersprache heißt: Qaanaaq. Selbst im generell entlegenen und unwirtlichen Grönland stellt es einen besonders unwirtlichen und entlegenen Punkt dar. Das Thermometer kann hier absinken bis auf minus 58 Grad. Wer hier im Freien urinierte (und uriniert wurde immer im Freien), musste eine Decke um sich breiten und die Luft darunter zuvor mit einem Primuskocher erwärmen, sonst froren ihm empfindliche Teile ab. Was nur hatten die Einheimischen getan, bevor der Kontakt mit der westlichen Zivilisation ihnen einen Primuskocher bescherte? Und doch vermochten sie dort zu leben. »Naammassereerpoq«, wie der kleine Jesaja sagt: Man gewöhnt sich an alles.

Thule: Dieses Wort hatte der westlichen Zivilisation immer einen Schauder über den Rücken gejagt. Der Name geht zurück auf den griechischen Seefahrer Pytheas, der im 4. Jahrhundert vor Christus weiter nach Norden vordrang als jeder andere Mensch der Antike. Er sprach davon, mit seinem Schiff bis an den Rand eines »geronnenen Meeres« gelangt zu sein, also wohl eines gefrorenen. Die Griechen waren ja einiges an Fabulierkünsten von ihren Reiseschriftstellern gewohnt – aber das ging eindeutig zu weit! Und doch tauchte der Name durch die Jahrhunderte immer wieder auf, gern mit dem Zusatz »Ultima Thule«: Thule, nach dem nichts mehr kommt, der letzte, extreme Raum, wo sich noch Menschen halten konnten. Ultima Thule, so nennen die Geografen bis heute das nördlichste Stück Land auf dem Globus, immer eine andere, neue Klippe vor der grönländischen Küste, denn im geronnenen Meer lassen sich Fels und Eis schwer unterscheiden. Gretchen im »Faust« singt ihr Märchenlied vom König in Thule; aus Thule ist Prinz Eisenherz gebürtig. Die Thule-Gesellschaft träumte in der Zwischenkriegszeit von einem hochnordischen Atlantis der Arier und übte beträchtlichen Einfluss auf Himmler und die SS aus. Die Amerikaner nannten ihren nördlichsten Luftwaffen-Stützpunkt, 1200 Kilometer jenseits des Polarkreises, Thule. Wer »Thule« in die Suchmaschinen eingibt, dem purzeln Angebote eines Produzenten von Wintersportgerätschaften entgegen.

Das Thule von Fräulein Smilla und unserer Briefmarke aber ist das geheimnisvollste von allen. Denn hier kam ein Bodenschatz vor, den es nur hier gab: Kryolith. Schon der Name weckt Assoziationen von Seltenheit und Gefahr. Kryolith verbindet die griechischen Wörter für Stein und Frost; und genau so, glasig und von einer milchigen Weiße, sah der Stoff auch aus, wie Eis, das unter dem ungeheuren Druck der Gletscher einen höheren Grad von Festigkeit erlangt hatte. Es erwies sich als unentbehrlich bei der Produktion von Aluminium. Thule mit seinen arktischen Bergwerken besaß das Weltmonopol auf diesen Froststein. Seiner Abgeschiedenheit wegen erhielt es eine eigene Post mit eigenen Marken zugebilligt. Erleichterten diese schönen, originellen, obwohl sehr kühlen und gleichsam mit frostklammer Hand entworfenen Postwertzeichen die Kontrolle der Kommunikation? Peter Høegs Roman gibt zu verstehen, dass alles, was mit Thule zusammenhing, der Zensur, Vertuschung, Geheimhaltung unterworfen war. Fräulein Smilla hat es mit einer dicht gewobenen Verschwörung zu tun.

Was wohl seither mit den Leuten von Thule geschehen ist? Ich weiß es nicht. Schon in Høegs Buch häufen sich die Zeichen des Verfalls. Die einstmals freien Robbenjäger, die von einer sozialdemokratischen Politik als »Norddänen« zur Sesshaftigkeit gezwungen werden sollen, begehen Selbstmord, so Smillas Bruder, oder verschwinden einfach im Eismeer, so Smillas Mutter. Und was ist mit Smilla selber? Sie hat sich jedenfalls entschlossen, keine Kinder zu haben. Das Buch schließt: »Erzähl uns, werden sie kommen und zu mir sagen. Damit wir verstehen und abschließen können. Sie irren sich. Nur was man nicht versteht, kann man abschließen. Die Entscheidung bleibt offen.«











Sie wissen sicherlich, was ein Palindrom ist: ein Satz, der von vorn wie von hinten gelesen das Gleiche ergibt, z. B.: »A man, a plan, a canal: Panama.«

Der Mann war Theodore Roosevelt; der Plan bestand darin, den Isthmus von Panama unter den Auspizien der USA zu durchstechen; und zur Rechtfertigung seines Projekts hielt er einen Satz wie diesen für völlig ausreichend. Die abgebildete Briefmarke – einige Jahrzehnte nach jener unbeschwerten Pionierzeit gedruckt – leistet schon etwas mehr Argumentationsarbeit: »The Land Divided – the World United« ist hier als Motto des Kanalwappens zu lesen.

Tatsächlich hatten die USA nicht nur ein Land geteilt, um ihren Kanal zu erhalten, sondern gleich zwei. Panama war ein Bestandteil Kolumbiens; als sich aber das kolumbianische Parlament einen bereits unterzeichneten Vertrag, der den USA freie Hand auf dem Isthmus gegeben hätte, zu ratifizieren weigerte, da ermunterten die USA eine örtliche Revolte. Im November 1903 erklärte sich die bisherige Provinz Panama für unabhängig, wurde unverzüglich von den Vereinigten Staaten anerkannt und gewährte diesen ebenso postwendend den gewünschten Vertrag, in dem ihnen die Hoheitsrechte über den zu bauenden Kanal und einen Saum von acht Kilometern Breite zu beiden Seiten eingeräumt wurde. Der neue Staat wurde so gleich zu Beginn in zwei separate Hälften zerlegt und verzichtete auf jeden Einfluss auf die Kanalzone und ihre Nutzung. Er beklagte sich nicht: Denn nur zu diesem Zweck war er schließlich ins Leben gerufen worden. Am 15. August 1914 fuhr das erste Schiff durch den neuen Kanal – ein Ereignis, das damals in Europa, das andere Sorgen hatte, fast nicht zur Kenntnis genommen wurde.

Verwaltet wurde die Kanalzone von der Panamakanal-Gesellschaft, deren Aufsichtsrat das amerikanische Verteidigungsministerium ernannte; einziger Gesellschafter war die US-Armee. Die Vereinigten Staaten hatten nämlich noch einen zweiten Verwendungszweck für dieses Territorium gefunden: als Militärstützpunkt und Trainingsgelände für die Elitetruppen befreundeter Staaten, die hier besonders den Häuser- und Dschungelkampf erlernten; 42 Prozent der Fläche in der Kanalzone war oder ist militärisch genutzt.

Die Präsenz der USA, die so fühlbar ins Fleisch der Souveränität schnitt, wurde in Panama und anderen Ländern der Region zunehmend als Provokation empfunden. Schließlich lenkte der Demokrat Jimmy Carter ein und handelte einen neuen Kanalvertrag aus, der den alten, »ewigen« ersetzte und die schrittweise Übertragung des Kanals an Panama bis zum Jahr 2000 vorsah. Die republikanischen Präsidenten, die ihm folgten, zeigten beim Abzug indes keine Eile. George Bush stellte die Verhältnisse klar, als er 1989 aus der Kanalzone heraus Panama angriff und dessen amtierenden Präsidenten, Manuel Noriega, wie einen gewöhnlichen Kriminellen jagte, stellte und vor ein US-Gericht brachte.











Im Weißen Pferd zu Milbenau sitzen sie zusammen, die Männer und die Mümmelgreise mit ihren langstieligen Pfeifen und schlafmützenartigen Kopfbedeckungen und politisieren, teils ängstlich, teils empört, aber einig in der Grundfrage: »Kreuzhimmel-tausenddonnerwär,/​uns’ olle König mot weer her!!«

Der olle König, den die Stammtischrunde in Wilhelm Buschs »Der Geburtstag oder die Separatisten« meint, ist Georg V. von Hannover, der blinde König Georg – die Briefmarke deutet sein Gebrechen behutsam durch das schwere Lid und den vergrößerten Tränensack an. Er war der zweite König, seit Hannover im Jahre 1837 seine mehr als 100 jährige Personalunion mit Großbritannien aufgekündigt hatte, weil es die weibliche Erbfolge, die Thronbesteigung der Prinzessin Victoria, nicht akzeptieren wollte. In den 29 Jahren seiner eigenstaatlichen Existenz bewies das Königreich keine glückliche Hand, weder nach innen noch nach außen. Es begann sein Dasein, indem König Ernst August die Verfassung aufhob, die »Göttinger Sieben«, die dagegen protestierten, angeführt von den Brüdern Grimm, aus ihren Professuren verjagte und die Empörung des gesamten liberalen Deutschlands erregte.

Sein ebenso erzkonservativer Nachfolger Georg verärgerte nicht nur das Bürgertum, sondern stieß auch seinen mächtigsten und bedenklichsten Nachbarn, Preußen, durch Unnachgiebigkeit vor den Kopf. Obwohl Hannover zwischen den preußischen Kernlanden im Osten und den rheinisch-westfälischen Gebieten Preußens im Westen wie in einen Schraubstock eingezwängt lag, kam es, nach einem missglückten Versuch der Neutralität, im Krieg von 1866 auf die Seite Österreichs zu stehen. Das Ergebnis konnte niemanden überraschen: Bismarck ergriff mit Freuden die Gelegenheit, eine Landbrücke zwischen den beiden bislang getrennten Teilen Preußens zu bauen, vertrieb den König ins Exil und errichtete die Provinz Hannover. (Den sogenannten Welfenschatz, der dem Herrscherhaus gehört hatte, strich Bismarck in seine Privatschatulle ein und benutzte ihn später z. B., um dem bayerischen König den Bau seiner Schlösser zu finanzieren, womit er ihm den Beitritt zum Reich schmackhaft machte.)

Die Revolte der königstreuen Bauern in Buschs Bildergeschichte beschränkt sich schließlich darauf, ihrem blinden vertriebenen König etwas zum Geburtstag zu schenken. Aber ach, selbst das wird vereitelt: Die Kiepe voll Branntwein Marke »Busenfreund« wird vom betrunkenen Fritze Jost in den Dorfteich gekippt, zum Gaudium der Gänse und Schweine; der Wagen mit den Eiern fällt von der Brücke, so dass die Ehrenjungfern »in Dotter merklich eingehüllt« werden; die aus Butter vom Bäckermeister Knickebieter geformte Statue einer Henne – schon vorher vom Künstler etwas im Umfang verringert (»Und, da das Ganze ein Symbol,/​So kann’s nicht schaden, wenn es hohl«) – gerät unter das Gesäß des Kutschers. Zum Schluss sitzen alle, wie zu Anfang, wieder am Stammtisch und genehmigen sich einen Köhm.

Und wie hat der hannoversche Untertan Busch sich zum Sturz seines Landesvaters gestellt? Das ist nicht so leicht zu sagen. Im Proömium, das er seiner Geschichte voransetzt, mischen sich Furcht vor dem Neuen, gemütlicher Rückzug ins Private, Zerknirschung über den eigenen »Hochverrat« und der Zynismus des »bösen Menschen«, der da denkt: »Na, die hat’s erwischt!« 20 Jahre zuvor hatte die Aufregung noch zur Revolution gereicht; jetzt langt es nur noch zu einer kräftigen Prise aus der Tobaksdose.











Folgender Aufruf ging im August 1968 durch die deutschen Zeitungen: »Jedermann weiß es oder kann es wissen: Der Bürgerkrieg in Biafra ist zum Völkermord gesteigert worden. Die Blockade verursacht täglich den Hungertod von mehreren tausend Zivilisten, hauptsächlich Kindern. Die Ausrottung von acht Millionen Ibos steht bevor. In wirtschaftlicher und machtpolitischer Konkurrenz fördern west- und osteuropäische Staaten ein Verbrechen. West und Ost werden an Biafra scheitern, wenn sie dem Begriff Koexistenz nicht durch gemeinsame Hilfe einen humanitären Sinn geben. Die Not in Biafra fordert alle zur Entscheidung.«

Im August 1968 war Deutschland ja eigentlich ziemlich stark mit sich selbst beschäftigt und höchstens noch mit seinem tschechoslowakischen Nachbarn, wo gerade die sowjetischen Panzer einrollten. Aber dieser Aufruf, unterzeichnet von Marion Gräfin Dönhoff, der Herausgeberin der »Zeit«, dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch und dem deutschen Schriftsteller Günter Grass, drang dennoch durch. Ich war damals acht Jahre alt, doch ich erinnere mich lebhaft an das allgemeine Entsetzen, das die Bilder von Kindern auslösten, deren Beine wie Stengel und deren Bäuche wie Trommeln wirkten, mit Nabeln, die darüber hinaus noch einmal halbkugelig vorquollen, Haut und Haare von einer absurden Kupferfarbe und die Augen unglaublich groß. Wer so aussah, dem war nicht mehr zu helfen, das war klar, der hatte nur noch Tage, vielleicht Stunden zu leben. Im »Biafra-Kind« fand das Schicksal Afrikas seinen in den Augen der Welt bis heute wirksamen katastrophalen Ausdruck.

Doch helfen wollten alle. Ein Hamburger Rentner spendete 4000 Mark, sein gesamtes Vermögen. Selbst der Playboy Gunter Sachs veranstaltete im fernen Sylt ein Benefiz-Fußballspiel. Allein, es erwies sich als sehr schwierig, die eingesammelte Hilfe auch an Ort und Stelle zu schaffen. Denn Ursache dieser Hungersnot war eine Blockade.

Wie konnte es dazu kommen? Als Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas, 1960 seine Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft erlangte, war man sich einig: Zustände wie im Kongo, der in Krieg und Anarchie zerfiel, seien in diesem gut organisierten Land nicht möglich. Aber es wurde noch schlimmer.

Der junge Staat umfasste Völkerschaften, die sich zwischen Savanne und Regenwald verteilten, 500 verschiedene Sprachen hatten und teils Muslime, teils Christen waren oder ihren alten lokalen Religionen anhingen. Die Gegensätze konnten nicht größer sein. Jedes Volk hatte das Gefühl, sich der Übervorteilung durch die anderen notfalls mit Gewalt erwehren zu müssen. Nach einer Serie von Putschen und Gegenputschen im Jahr 1966 wurden im ganzen Land Angehörige des südöstlichen christlichen Volks der Ibo gejagt, zwei Millionen von ihnen flohen zurück in ihre alte Heimat. Eine neue Aufteilung der nigerianischen Bundesstaaten sollte ihr Gebiet vom Nigerdelta trennen, wo es Erdöl gab, die wichtigste Einnahmequelle des ganzen Landes.

Da entschieden die Ibo sich zur Sezession. Der Militärkommandant der Region, Oberleutnant Chukwuemeka Odumegwo Ojukwu, rief am 30. Mai 1967 die Republik Biafra aus; die Ölquellen sollten selbstverständlich dazugehören. Die Reaktion des nigerianischen Zentralstaats ließ nicht lange auf sich warten. In zwei Speerspitzen stießen nigerianische Truppen über den Niger nach Biafra vor. Doch Biafra, das so gut wie keine ausgebildeten Streitkräfte hatte, das seine Rekruten in dreiwöchigen Crash-Kursen mit Stöcken exerzieren ließ (Gewehre waren Mangelware) und über genau zwei veraltete Militärflugzeuge verfügte, schlug sich unerwartet gut. Nach einem Jahr Krieg bestand die Republik immer noch. Am 18. Mai 1968 fiel jedoch Port Harcourt, Biafras einziger Hafen. Von nun an sperrte Nigeria alle Importwege auf dem Land, und aus der Luft lässt sich keine komplette Bevölkerung ernähren. Das Rote Kreuz stellte die Arbeit ein, nachdem mehrere seiner Versorgungsflugzeuge abgeschossen worden waren.

Trotzdem hielt Biafra, dessen unbesetztes Territorium zusehends schrumpfte und das zweimal vor dem anrückenden Feind die Hauptstadt wechseln musste, noch bis zum Januar 1970 aus. Über die Zahl der Toten durch Kämpfe, Massaker und Unterernährung gibt es bis heute keine verlässlichen Zahlen, die meisten Schätzungen gehen von einer bis zwei Millionen aus, ein rundes Zehntel der Bevölkerung. Das Land war weitgehend zerstört, es wurde unter Militärverwaltung gestellt, Angehörige des Volks der Ibo für Jahrzehnte nicht in Verwaltung und Armee zugelassen. Die Versöhnung, zu der Nigerias Präsident Yakubu Gowon nach dem Sieg aufrief, fand nicht statt.

Aber es ist auch etwas Positives bei diesem Krieg herausgekommen. Bernard Kouchner, damals Aktivist vor Ort, hatte die Ohnmacht der offiziellen Hilfsorganisationen erlebt, besonders des quasi regierungsamtlichen Roten Kreuzes, das sich auf Absprachen mit der Staatsgewalt einlassen musste, die fast einer passiven Mittäterschaft gleichkamen. Hier musste etwas Neues ins Leben gerufen werden, eine Einrichtung, die sich von Staaten nichts sagen ließ und selbst entschied, wo und wie zu helfen sei. So gründete er, mit seiner Biafra-Erfahrung im Rücken, die »Médecins Sans Frontières«, die Ärzte ohne Grenzen.











Als die Bewohner der südlichen Niederlande, die mit den nördlichen durch den Wiener Kongress zwangsvereint worden waren, sich 1830 gegen ihre Regierung erhoben, da wollten sie nur eines: die Holländer los sein. Was sie sonst noch wollten, blieb höchst unklar; selbst um auch bloß einen Namen für den neuen abgespaltenen Staat zu finden, der nicht an die niederländische Gemeinschaft erinnerte, musste man einen tiefen Griff in die Geschichte tun: Belgien sollte er heißen, nach der römischen Provinz Belgica 1800 Jahre zuvor.

Belgien schloss zwei ganz verschiedene Völkerschaften ein. Die Flamen im Norden, die Niederländisch sprachen, fühlten sich den französischsprachigen Wallonen im Süden gegenüber benachteiligt. Der Norden war landwirtschaftlich orientiert, konservativ, ärmer, und bis zum Ende des Jahrhunderts war Flämisch nicht einmal offizielle Landessprache.

Das gedachte die deutsche Besatzungsmacht auszunutzen, die zweimal, in beiden Weltkriegen, das neutrale Belgien überrannte. Im Ersten Weltkrieg sorgte sie für die Gründung einer flämischen Universität, im Zweiten appellierte sie an die rassische Solidarität der Germanen, zu denen die Flamen schließlich auch gehörten.

Eine »Freiwillige Legion Flandern« wurde aufgestellt, die man jedoch sicherheitshalber nur im Osten kämpfen ließ, wo die Versuchung, zum Feind überzulaufen, geringer schien. Die Briefmarke der Feldpost »voor onze jongens an het oost front« ist ein propagandistisches Juwel. Es kämpft das Gute schlechthin gegen das Böse schlechthin. Die bildliche Tradition ist die des Engelsturzes, nur dass der Erzengel Michael vor dem Wolkenhimmel um seine Flügel und den Schild mit der Aufschrift »Wer ist wie Gott« verkürzt wurde; umso wuchtiger kann er das Schwert mit beiden Händen schwingen und den Satan vor die Brust treten. Dieser lässt sich, im Gegensatz zum zeitlosen Minikleid der germanischen Lichtgestalt, an seinem zeitgenössischen Kostüm, besonders der spitzen Mütze, ohne weiteres als Angehöriger der Roten Armee identifizieren. Mit einer Hand scheint er um Gnade zu flehen; aber mit der anderen hält er noch die Waffe gefasst (unklar, was für eine: Wäre es ein Schwert, käme ein lächerlicher Kontrast zur Uniform heraus; wäre es aber ein Gewehr, wie hat er diesen Kampf verlieren können?). Pardon braucht ihm also nicht gewährt zu werden.

Aneinander gerieten Flamen und Wallonen erst, als der Krieg vorüber war. Nun standen sich nämlich die Regierung, die ins englische Exil gegangen, und König Leopold, der in der Hand der Deutschen geblieben und von ihnen bei ihrem Abzug mit nach Österreich genommen worden war, feindlich gegenüber. Die Flamen ergriffen überwiegend Partei für den König, die sozialistisch und liberal gesinnten Wallonen aber wollten ihn nicht mehr haben. Ein Bürgerkrieg wurde nur vermieden, indem Leopold weise zurücktrat und Platz für seinen Sohn Baudouin machte – den einzigen wirklichen Belgier, wie er anerkennend genannt wurde, denn von ihm allein ließ sich unmöglich sagen, ob er Wallone oder Flame war. Er hat Belgien lange vor der Spaltung bewahrt, die ihm heute möglicherweise bevorsteht.











Die Königinnen von Hawaii! Adelbert von Chamisso traf sie auf seiner Weltreise 1817 an, die Gattinnen des großen Reichsgründers Kamehameha, der den ganzen Archipel mithilfe einer eigenen Flotte und Artillerie unter seiner Herrschaft vereinigt hatte. Sie lagen in einem Strohhaus auf dem Boden, der weich mit Matten gepolstert war, Chamisso nahm unter ihnen Platz, und »fast unheimlich wurden mir, dem Neulinge, die Blicke, die meine Nachbarkönigin auf mich warf«. Sein Begleiter, der Botaniker Eschscholtz, dessen Königin »sich noch handgreiflicher ausgedrückt« hatte, war schon vor ihm geflüchtet.

Die freien Sitten der »Sandwich-Inseln«, wie Hawaii damals noch hieß, »die allgemeine, zudringliche, gewinnsüchtige Zuvorkommenheit des andern Geschlechts; die ringsher uns laut zugeschrieenen Anträge aller Weiber, aller Männer namens aller Weiber« verwirrten und verdrossen Chamisso. Aber er erkannte an, dass nur Scham den Menschen eingeboren, die Keuschheit jedoch lediglich eine Tugend gemäß den menschlichen Satzungen sei, und dass »Keuschheit als Tugend diesem Volke fremd« war. Allzu Beschämendes seiner Schilderungen verhüllte er in Latein. Aber Chamisso bewies in seiner Verlegenheit auch Humor. Eine Hawaiianerin aus der ersten Kaste hatte, indem sie sich lautlos im Kanu anschlich, ihn im Bad belauscht und erhob lautes Gelächter: »Ich war wie ein unschuldiges Mädchen, das ein Flegel sich den Spaß macht im Bade zu beunruhigen.«

Unter den folgenden Königinnen begannen die Sitten sich zu ändern. Kaahumana, Kamehamehas Lieblingsfrau, wurde nach seinem Tod Regentin für den unfähigen Thronfolger und trat zum Christentum über. Ihr folgte im Amt Kinau, Kamehamehas Tochter, und dieser wiederum Kekauluohi, Mutter der Könige Kamehameha IV., der die tatkräftige Königin Emma zur Frau hatte, und Kamehameha V. »Diese edlen Frauen«, urteilt die »Encyclopaedia Britannica«, »hätten jeder Nation zur Ehre gereicht.« Sie hatten den schwierigen Übergang Hawaiis, das sich im Schnittpunkt britischer, französischer und amerikanischer Annexionsgelüste befand und dank seiner Lage zwischen drei Kontinenten von Gesindel aus aller Herren Länder überflutet wurde, von einer polynesischen Stammesgesellschaft zu einem gemischtrassigen modernen Staat zu bewerkstelligen. Unter ihrer Herrschaft wurde Hawaiianisch zur Schriftsprache, zwei Zeitungen erschienen, es entstanden eine weithin demokratische Verfassung, ein Gesetzgebungs- und Justizwesen und eine moderne Ökonomie, und die Mächte der Welt mussten Hawaiis Souveränität bestätigen.

Letzte in der Reihe dieser Herrscherinnen war Königin Liliuokalaui, Dichterin und Komponistin, die 1891 auf den Thron gelangte; ihr Bild erscheint auf der Briefmarke. Obschon die Souveränin, erscheint sie doch wie in Ketten gelegt – in Perlenketten allerdings: Eine trägt sie um den Hals, eine zweite umfängt das Medaillon; dazu trägt sie ein weiteres Halsband und ein europäisches Kleid, das Haar ist gebändigt zu einer aufgesteckten Frisur. Von ihren Anträgen hatten europäische Reisende wohl nichts mehr zu befürchten. Wie das Design der Marke erkennen lässt, war der amerikanische Einfluss inzwischen übermächtig geworden. Nur zwei Jahre später wurde Liliuokalaui gestürzt und eine provisorische Regierung gebildet, die den Anschluss an die USA betrieb und erreichte.

Da war das Hawaii, das Chamisso gesehen hatte, schon in die graue Vorzeit versunken. Wie hatte er die Tänze der Männer und Frauen bewundert, deren Leidenschaft und Anmut in seinen Augen nichts auf der Welt zu gleichen schien! Und nichts auch ihren Zuschauern: »So hingerissen und freudetrunken wie die O-Waihier von diesem Schauspiel waren, habe ich wohl nie bei einem andern Fest ein Publikum gesehen.« Welch unendlicher Verlust, dass sich dies nicht malen ließ und dass die, die es versuchten, solch elende Stümpereien abgeliefert haben! Und der romantische Christ Chamisso fügt, drei Jahre vor der Ankunft der ersten Missionare, voll Trauer hinzu: »Es wird nun schon zu spät.«











Es gibt ein paar wenige Länder, die es verschmähen, auf ihre Briefmarken zu schreiben, wie sie heißen. Großbritannien tut es aus Stolz, hat es doch die Briefmarke erfunden, und alle späteren Benutzer haben sich von ihm zu unterscheiden, statt umgekehrt. Das Land, um das es hier geht, aber tut es aus Verlegenheit; außer einer in allen vier Ecken wiederholten Ziffer, viel Ornamentik und der reichlich unverbindlichen Allegorie eines Merkur-Kopfes bietet es dem Betrachter nichts dar.

Was auch hätte es schreiben sollen? »Die Gesamtheit der im Reichsrat vertretenen Kronen und Länder«? Etwas lang für eine Marke, und zudem hätte es die nicht-deutschsprachigen Bürger (und das war die Mehrheit) erbost. Selbst so wäre es aber nur eine schnöde Abbreviatur gewesen für: die Königreiche Böhmen, Dalmatien und Galizien, die Erzherzogtümer Österreich unter und ob der Enns, die Herzogtümer Salzburg, Steiermark, Kärnten, Krain, Schlesien und Bukowina, die Markgrafschaften Mähren und Istrien, die gefürsteten Grafschaften Tirol, Görz und Gradisca, das Land Vorarlberg und die Stadt Triest mit Gebiet. Entsprechend tummelten sich auf dem Wappenschild dieses Gebildes, neben allen möglichen verschiedenfarbigen Löwen und Adlern mit ein oder zwei Köpfen, eine rotbewehrte goldene Ziege, eine Dohle, ein silbergehörnter Büffelkopf, ein schwarzbewehrter goldener Steinbock sowie ein feuerspeiendes silbernes Pantel mit Hörnern auf grünem Grund.

Dies alles bezeugte den Sammeleifer des Hauses Habsburg, das durch Kriege, Heirat, Tausch, Heimfall ein riesiges Reich erworben hatte und nun feststellen musste, dass das Prinzip der dynastischen Addition nicht mehr ausreichte, um es zusammenzuhalten; im Zeitalter des Nationalismus begann es in allen seinen vielen Nähten zu krachen. Reformen schienen unausweichlich; aber es zeigte sich, dass man das Ganze wie einen Magneten in beliebig viele kleine Stücke zerlegen konnte und noch immer jedes davon nach Plus und Minus auseinanderwies. Der größte derartige Schnitt war bereits 1867 geschehen, im sogenannten Ausgleich, als der ungarische Reichsteil in den Rang eines eigenen Staates erhoben wurde, mit eigenem Parlament und eigener Regierung und mit der westlichen Hälfte nur noch in der Person des Monarchen verbunden, der diesseits des Grenzflusses Leitha Kaiser, jenseits davon aber König hieß.

Ungarn wurde seiner diversen Völkerschaften durch seine unbedenklichen Mittel ganz gut Herr; nicht aber »Cisleithanien«. Hier erhoben die Tschechen, Italiener, Polen und Slowenen ihre Ansprüche, die Tschechen spalteten sich zudem noch in Alttschechen und Jungtschechen, die im Parlament übereinander herfielen, die Polen waren nur zur Zusammenarbeit zu bewegen, wenn man ihnen ihrerseits freie Hand gegen die ruthenische Minderheit ließ, die deutschen Liberalen sonderten sich in den Klub der Liberalen und die Fortschrittspartei. Besonders seit die Christdemokraten und die Sozialdemokraten in den 1890er-Jahren an Stärke gewannen, stand außerdem noch ein parteipolitisches Prinzip quer zum nationalen und vermehrte die Verwirrung. Der Sprachenstreit wurde zum Angelpunkt aller Politik, über Fragen wie die Beschriftung tschechischer Straßenschilder scheiterten Budgets und Kabinette. Jede lokale Streitigkeit besaß das Potenzial, das ganze Reich zu erschüttern, und wenn es beispielsweise den Slowenen zur Unzeit einfiel, dass ihnen in der vorwiegend deutschen Stadt Cilli ein Untergymnasium versprochen worden war, dann konnte man offenbar dieses Versprechen weder halten, ohne die deutschen, noch es brechen, ohne die slowenischen Abgeordneten gegen sich aufzubringen: So stürzte 1895 die Regierung Hohenwart.

Im Nachhinein erstaunt es, dass dieses Gebilde sich dennoch so lange hielt und dass es erst des äußeren Gewaltakts des Ersten Weltkriegs bedurfte, um es zu zersprengen. Seine Dichter, an denen es reich gewesen war, reagierten auf den Zusammenbruch unterschiedlich: Robert Musil mit Spott, Joseph Roth mit Wehmut, Hugo von Hofmannsthal, indem er das Faktum, so gut es ging, verleugnete, Karl Kraus mit grimmiger Genugtuung. In dem langen »Nachruf«, den er ihm 1919 hielt, begrüßt er es nachdrücklich, dass dieser »nationale Gemischtwarenladen«, dieser »k. k. Misthaufen« (für »kaiserlich« und »königlich«, d. h. österreichisch und ungarisch) endlich abgeräumt worden sei.

Ob etwas Besseres nachgekommen ist? Sieben Nachfolgestaaten, jeder stolz auf seinen Namen, teilten sich den habsburgischen Bestand; bis heute sind es zwölf geworden. Wo früher ein Land war, wie beschaffen auch immer, da laufen nunmehr Tausende von Kilometern frischer Grenzen; und wie jeder weiß, der seit den Neunzigern Nachrichten gehört hat: Nicht allen diesen Schnitten ist es gelungen, gut zu vernarben.











Es ist schon spät in der Nacht. Sandokan, der malaiische Piratenkönig, sitzt inmitten seiner Schätze in Gesellschaft seines Freundes Yanez und brütet dumpf vor sich hin.

»›Gibt es einen Gedanken, der dich quält?‹, begann Yanez von Neuem. ›Bald könnte man glauben, du grämst dich, weil dich die Engländer so hassen.‹

Wieder schwieg der Pirat.

Der Portugiese stand auf, zündete sich eine Zigarette an, ging zu einer Tür hinüber, die von der Wandverkleidung verdeckt wurde, und sagte:

›Gute Nacht, mein Bruder.‹

Bei diesen Worten fuhr Sandokan auf. Er hielt den Portugiesen zurück und sagte:

›Auf ein Wort, Yanez.‹

›Sprich nur.‹

›Weißt du, dass ich nach Labuan segeln will?‹

›Du! … Nach Labuan!‹«

Das ist Irrsinn, wie sie alle beide wissen. Denn auf Labuan, wenige Kilometer vor der Küste von Nordborneo gelegen, unterhalten die Briten eine starke Garnison. Schon seit 1846 sitzen sie hier; in diesem Jahr hatten sie den Sultan von Brunei besiegt und ihn gezwungen, die bislang unbesiedelte Insel abzutreten. Sie schien ihnen der ideale Posten, um von dort aus die Seeräuberei im Südchinesischen Meer zu bekämpfen. Sich dorthin aufzumachen, heißt für Sandokan, sich in die Höhle des Löwen zu wagen.

Aber hier lebt die wunderschöne blonde Marianna, genannt »die Perle von Labuan«. Ein einziges Mal nur hat Sandokan sie erblicken dürfen; doch so, dass es sich ihm eingebrannt hat für immer. Ein böser Onkel hält sie in der Festung wie eine Gefangene; und es ist klar, da wird der Pirat sie herausholen, koste es, was es wolle!

»Sandokan war vorgesprungen, mit wutverzerrten Lippen, wild funkelnden Augen, die Hände krampfhaft geschlossen, so als hielten sie eine Waffe umklammert. Es war jedoch nur ein kurzes Aufblitzen. Er setzte sich an den Tisch, leerte in einem einzigen Zug ein noch gefülltes Glas und sagte mit vollkommen ruhiger Stimme:

›Du hast recht, Yanez. Und dennoch werde ich nach Labuan gehen. Eine unwiderstehliche Macht treibt mich an diese Gestade und eine Stimme flüstert mir zu, dass ich dieses Mädchen mit dem goldenen Haar sehen muss, dass ich … ‹

›Sandokan! … ‹

›Still, mein Bruder. Lass uns schlafen gehen.‹«

Der »Tiger von Mompracem«, wie sich Sandokan auch nennen lässt (und wie auch der Titel des Romans lautet, während die deutsche Fernsehverfilmung, mit Lex Barker und Senta Berger, es bei »Sandokan« bewenden ließ), wird schließlich alle Hindernisse überwinden und mit Marianna entfliehen; aber es wird ihn und seine britischen Todfeinde Hunderte von Toten kosten – nicht zu viel für eine gute Oper, wie der Autor Emilio Salgari, Italiens Gegenstück zum deutschen Karl May, sich wohl gesagt hat.

Labuan war zunächst eine eigenständige Kronkolonie und wurde seit 1890 von der British North Borneo Chartered Company verwaltet. (Man achte beim abgebildeten Exemplar darauf, dass es, ungewöhnlich für das Zeitalter des Kolonialismus, auch chinesisch und arabisch beschriftet ist.) Es gehört heute zu Malaysia und genießt seit 1984 den Status eines Bundesterritoriums.

Labuan hat heute 100.000 Einwohner und ist ein bedeutendes internationales Finanzzentrum geworden, spezialisiert auf schariaverträgliche islamische Finanzstrukturen und wealth management. Ungefähr gleich weit von Singapur, Manila und Hongkong entfernt, zieht es den Luxustourismus an und empfiehlt sich für Hochseefischen, Wracktauchen und Golf. Mit Sandokans Dschungelparadies dürfte es nicht mehr viel Ähnlichkeit haben.











Sorgsam wie eine diplomatische Note ist die Briefmarke der britischen Mandatsverwaltung konstruiert. Sie zeigt den Jerusalemer Felsendom, heilig den Muslimen, weil hier der Prophet Mohammed zum Himmel auffuhr, heilig den Juden als der Ort von Abrahams Opfer. Strikt symmetrisch wie das Heiligtum ist die Beschriftung, rechts in Arabisch, links in Hebräisch, und wie seine Kuppel wölbt sich der internationale Name über beiden. Sieht die Marke nicht aus wie das Emblem der »Balfour Declaration«? Diese lautet:

»Seiner Majestät Regierung betrachtet die Errichtung eines Heimatlandes für das jüdische Volk in Palästina mit Wohlwollen und wird ihr Möglichstes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, mit dem Vorbehalt, dass nichts geschehen soll, was in die bürgerlichen und religiösen Rechte vorhandener nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status, den die Juden in anderen Ländern genießen, eingreift.«

Selten in der Historie hat ein so kurzer Text – 67 Wörter im englischen Original – für so dauerhafte Unruhe gesorgt wie diese Erklärung, die der britische Außenminister Arthur Balfour am 2. November 1917 abgab. Die Geschichte Palästinas im 20. Jahrhundert – und nicht nur Palästinas – ist im wesentlichen die Geschichte der unterschiedlichen Interpretation dieses Schriftstücks, und meist geschah diese Interpretation gewaltsam. Als die Deklaration verkündet wurde, herrschte im Land Krieg; die Alliierten hatten der mit den Mittelmächten verbündeten Türkei bereits Jerusalem entrissen, aber in Samaria und Galiläa standen noch osmanische und deutsche Truppen. Der vorsichtige Wortlaut mit seinem vorsätzlich »dualen Charakter« bemühte sich um die Unterstützung beider Bevölkerungsteile, der Araber und der Juden. Das konnte schon damals nicht gelingen: Die Zionisten nahmen den Text als die Zusage eines jüdischen Staates (die er, genau betrachtet, nicht enthält), die palästinensischen Araber ließen sich durch seine Garantien keineswegs beruhigen.

Palästina war schon in ältesten Zeiten ein Streitobjekt dieser beiden Völker gewesen. Man braucht sich nur an die Konsonanten zu halten (die Vokale spielen in den semitischen Sprachen eine geringere Rolle), um zu erkennen, dass sich in den Palästinensern niemand anderes verbirgt als die biblischen Philister. Auch die Orte des Kampfes sind dieselben geblieben, nur die Taktik hat gewechselt: Hatte der jüdische Recke Samson noch die Tore der Philisterstadt Gaza ausgehoben und weggetragen, um ihren Widerstand zu brechen, so sollte die israelische Regierung später zum selben Zweck Gazas Tore geschlossen halten.

Die Neuzeit für Palästina begann mit Theodor Herzls Buch »Der Judenstaat« und der jüdischen Immigration, die daraufhin kurz vor 1900 einsetzte. Als Großbritannien 1918 das Mandat übernahm, sah es sich bereits mit zwei Nationen konfrontiert, von denen jede das Land ganz für sich in Anspruch nahm; es zu verwalten, erwies sich als eine undankbare Aufgabe. Durch die fortdauernde jüdische Einwanderung – 1920 waren nur 12,9 Prozent der Bevölkerung jüdisch, 1929 bereits 18,9 Prozent, 1940 knapp ein Drittel – fühlten sich die Araber bedroht, zumal sie an ökonomischer Kraft weit zurückstanden. Als eine britische Kommission eine Teilung des Landes vorschlug, lehnten die Araber dies empört ab, und 1938 brach der offene Bürgerkrieg aus, es gab mehrere Tausend Tote. Der Konflikt konnte nur durch Landung massiver Truppenverbände beendet werden. Ein arabischer Gegenvorschlag, den Juden eine autonome Sonderstellung in einem palästinensischen Staat zu gewährleisten, wurde wiederum von diesen aufs entschiedenste zurückgewiesen.

Im Zweiten Weltkrieg hielten die beiden feindlichen Lager im Großen und Ganzen Frieden – nicht nur die Juden, die einsahen, dass Großbritannien in seinem Kampf mit dem faschistischen Deutschland nicht geschwächt werden durfte, sondern bemerkenswerterweise auch die Araber. Gelöst waren die Probleme damit aber nicht; sie tauchten heftiger denn je wieder auf, als die britische Mandatsmacht 1948 abzog und einem neuen Staat das Feld räumte: Israel.











Diese Briefmarke präsentiert sich vor allem als ein Bild – als ein Bild so, wie man es sich vor 100 Jahren gern übers Sofa hängte. Das Wichtigste an einem solchen war der wuchtige, reich verzierte Rahmen, der dem, was innen gemalt war, seine Bedeutung zusprach, es dem Vergnügen des Betrachters empfahl und ihn zugleich versicherte, es im Griff zu haben. Europäische Mächte legten ein solches System von Zierleisten gern um ihre kolonialen Postwertzeichen und machten so das ferne beherrschte Land zum Guckkasten.

Oft schweift der Blick dabei vom Meer, über das die Kolonisatoren kamen, in die Vorgebirge des Hinterlands. Nicht so im Fall von Spitzbergen. Hier blickt man vom Land aufs Meer, denn aus diesem kam der Reichtum. Der Name des neu gewonnenen Territoriums steht da in einem geschwungenen Balken, der krönt und beherrscht; und ihm gleichberechtigt zur Seite, in heraldischer Kartusche, die Wertangabe, der Preis, stellvertretend für den Weltmarkt; auf ihn war die Inselgruppe, das letzte größere Stück Land Europas vor dem Nordpol, vergleichsweise spät, aber desto schneller und gewaltsamer gezogen worden.

Was Spitzbergen dem Markt zu bieten hatte, waren Walprodukte – das wertvolle Öl etwa oder die Barten, mit denen die Riesen der kalten Meere die winzigen Krebse, von denen sie sich ernähren, aus dem Wasser filterten. Fischbein, hart und elastisch, war unentbehrlich zur Stabilisierung des weiblichen Fundamentalkleidungsstücks im 19. Jahrhundert, des Korsetts. Die schönsten und längsten Barten besaß der Grönlandwal, der außerdem zutraulicher und weniger angriffslustig ist als andere Walarten und sich darum den Walfängern besonders anbot. Ein totes Exemplar wird an einer Kette gerade an den Strand geschleift, kein allzu großes, wie die beigegebenen Möwen erkennen lassen, keines von denen jedenfalls, die es auf 18 Meter Länge und anderthalb Tonnen Fischbein im Wert von 3000 Pfund brachten, nach heutigem Geld gewiss fast eine Million Euro. Mehr als 60.000 von ihnen wurden erbeutet. Man musste, obwohl der zweite Wal, der im Hintergrund hereingebracht wird, noch an eine gewisse Fülle denken lässt, offenbar schon mit den Zwergen unter den Riesen vorliebnehmen.

Erst 1596 war Spitzbergen, dieser nördlichste Punkt Europas, überhaupt entdeckt worden; schon zehn Jahre später stand der Walfang in Blüte, und englische, deutsche, norwegische, schwedische, dänische, holländische und französische Schiffe harpunierten um die Wette, so lange, bis der Grönlandwal im weiten Umkreis ausgerottet war. Die Inseln selbst, vergletschert und gebirgig, hatten dabei wenig interessiert. Erst im Jahr 1920 einigte man sich darauf, das bisherige Niemandsland Norwegen zu überlassen. Seither heißt der Archipel »Svalbard«. Russland erhielt zum Ausgleich gewisse Sonderrechte, z. B. das, Bergwerke zu betreiben.

Mehr als durch Kohle und Walfang ist Spitzbergen (wie es im Deutschen weiterhin eigensinnig heißt) heute bekannt durch seine Pflanzensamenbank. Tief im Permafrostfels des arktischen Archipels sollen Samenproben möglichst aller von Menschen genutzten Pflanzenvarietäten eingelagert werden, auf dass die Vielfalt nie erlösche. 175 Staaten, d. h. so gut wie alle, haben ihre Mitarbeit zugesagt.











Preisfrage: Für wen ist es nützlich, wenn ein Volk das Lesen und Schreiben lernt? Für das Volk? Wir sehen es links: Der Vater, die einfache Hacke des afrikanischen Bauern geschultert, legt zögernd den Finger an die Nase; bereitwilliger scheint die Mutter, die zwar ihre nackte Brust noch unbefangen wie in alten Zeiten dem Lehrer darbietet, aber bereits nicht mehr dem Betrachter der Briefmarke; und gar nicht zu bremsen ist das kleine Kind, das nach Tafel und Kreide geradezu giert – nach seiner Zukunft scheint es zu greifen.

Oder für den Lehrer? Ihm hat es schon etwas eingebracht, europäische Kleidung jedenfalls, und das heißt wohl auch: ein bisschen Wohlstand.

Auf alle Fälle aber dem Staat, der diese Briefmarke zum Welttag der Alphabetisierung herausgibt, eine stolz selbst entworfene und nicht einen der üblichen in Paris gedruckten Stahlstiche. Mehr als die anderen Staaten, die Frankreich 1960 in Scharen aus der Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit entlassen hatte, musste Obervolta, das rückständigste, weil einzig küstenlose Land Westafrikas, darum ringen, ein Staat erst überhaupt zu werden. Stämme funktionieren auch, wenn keiner in ihnen lesen kann; Staaten nicht. Und in Obervolta konnten sehr wenige Leute lesen – noch in den 1970er Jahren besuchten nur zehn Prozent der Kinder eine Schule. 95 Prozent der arbeitenden Bevölkerung waren in der Landwirtschaft beschäftigt, und es gab im ganzen Land exakt 68 Ärzte, einen auf 74.000 Einwohner: niederschmetternde Strukturdaten.

Wenn man eine Geschichte Westafrikas liest, so erscheint Obervolta darin so gut wie überhaupt nicht, es nimmt weniger Platz ein als selbst das winzige Gambia und das verschlafene Portugiesisch-Guinea. Irgendwann in den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gerät es, wie das ganze Umland eben auch, in die Hände der Franzosen. Die Schlachten gegen die einheimischen muslimischen Reichsgründer, der koloniale Wettlauf der europäischen Mächte um die Rohstoffe, die große imperialistische Ausbeutung finden woanders statt. Selbst der Name scheint wie eine einfallslose Fußnote: Obervolta. Er leitet sich ab von den drei wichtigsten Flüssen des Landes, dem Schwarzen, dem Weißen und dem Roten Volta, die weiter im Süden, in der Goldküste, zu einem einzigen zusammenfließen, ein Stromsystem von der Größe etwa des Rheins. Aber diese Flüsse sind keine Lebensadern: Nicht schiffbar, von Hochwasser, Schlafkrankheit und Flussblindheit bedroht, bleiben ihre Täler auf eine Breite von fünf bis zehn Kilometern unbesiedelt. Es knüpft sich keine Hoffnung daran.

So bedeutete es einen forcierten Akt des Willens zur Nation, als sich das Land im Jahr 1980, nach dem Putsch des ehrgeizigen jungen Offiziers Thomas Sankara, in Burkina Faso umbenannte, was mit »Land der Unbestechlichen« wiedergegeben wird. Das mag vage und hochgestochen klingen; aber es äußert sich darin unverkennbar, anstatt einer bloßen geografischen Bezeichnung, eine politische Absicht. Die Frage bleibt: Was haben die drei links im Bilde davon? Bis heute nicht viel; Burkina Faso zählt nach wie vor zu den ärmsten Staaten der Erde.











Eins, zwei, drei, ich zähl’ herum –/​Der Louis ist Napolium!« So spielen die grausamen Kinder bei Wilhelm Busch. Natürlich will keiner Napolium sein, denn der war im Preußisch-Französischen Krieg entsetzlich vermöbelt worden und wird es folglich auch hier.

Am 2. September 1870 war es den preußischen Truppen gelungen, Napoleon III., Kaiser von Frankreich, in der Schlacht von Sedan gefangen zu nehmen; nur zwei Tage später endete sein Reich. Der Sedanstag blieb, bei meist herrlichem Wetter, der Nationalfeiertag des Zweiten Deutschen Kaiserreichs, das sich dank dieses Krieges gegründet hatte. Dass es darüber das Zweite Französische Kaiserreich zugrunde richtete, schien ihm nicht von übler Vorbedeutung für sein eigenes Schicksal.

Die Franzosen ehren ihren Staat durch Revolutionen. Sie zählen ihre Republiken so respektvoll durch wie ihre Monarchen; die Erste, Zweite, Dritte, Vierte, Fünfte Republik gilt ihnen so viel wie Ludwig der XIII., XIV., XV., VI. und VIII. Bei Kaiserreichen brachten sie es indes nur auf zwei. Wie kam es aber dann, dass auf Napoleon I., den Herrscher Europas, Napoleon III. folgte? Ach, es war eine dynastische Schmach wie die Lücke zwischen dem 16. und dem 18. Ludwig. Ein Ungekrönter, Misshandelter lag hier vor und schrie nach postumer Genugtuung. Erst Napoleon III. vermochte das Werk seines Ahnen (genau genommen bloß seines Onkels) fortzuführen.

Louis-Napoleon Bonaparte war im Herzen ein Abenteurer. Auch sein Onkel war natürlich einer gewesen; aber der kam ruhmvoll früh ans Ziel und musste nicht bis ins fortgeschrittene Alter so viele schmähliche Aufschübe ertragen. Seine Jugend verbrachte er in verschiedenen Orten des Exils, unter anderem in Augsburg, wo er Deutsch so gut lernte, dass ihm die Franzosen später nicht mehr abnahmen, er sei ganz einer der Ihren. Auch in Italien, in den Verschwörerkreisen der schlapphuttragenden Carbonari, war er zugange. Im Jahr 1836 gedachte er es dem Onkel nachzumachen, der anno 1815 siegreich (wenn auch kurz) aus dem Exil zurückgekehrt war, überquerte die deutsche Grenze und unternahm in Straßburg einen Putsch. Er wurde verhaftet; entfloh ins Schweizer Exil; ein Krieg zwischen der Schweiz und Frankreich wurde knapp vermieden. Von England aus, wo er am längsten blieb, versuchte er es noch einmal. Mit 50 Getreuen landete er in Boulogne in der Absicht, Frankreich zu bezwingen. Diesmal wurde er zu ewiger Festungshaft verurteilt.

Von der saß er, ungewöhnlich für sein quecksilbriges Temperament, wirklich sechs Jahre ab. Dann brach er, weil er Morgenluft witterte, aus dem Gefängnis aus, indem er seine Kleider mit einem Bauarbeiter tauschte, und entkam. In Frankreich begann gerade die Revolution von 1848; er wurde ins neue Parlament entsandt. Bei der anstehenden Präsidentenwahl gewann er, weil den vielen sonst ungebildeten Bauern der Provinz der Name »Napoleon Bonaparte« noch etwas sagte. So wurde er zum Oberhaupt der Zweiten Republik, einer der kurzlebigeren.

Das Ende bereitete er ihr selbst. Da er nicht verfassungsgemäß wiedergewählt werden konnte, zog er es vor, einen Staatsstreich zu begehen, und rief sich ein Jahr später, 1852, zum neuen Kaiser aus. Auf den Briefmarken ließ er sich abbilden wie ein römischer Imperator auf seinen Münzen. Der kombinierte Schnurr- und Kinnbart ist seine höchstpersönliche Zutat, sein Markenzeichen. Er war, soweit man überhaupt Kaiser gelten lässt, kein schlechter. Um König zu werden, reicht die Geburt; Kaiser müssen immer etwas beweisen. Unter Napoleon III. gewann Frankreich seine alte Stellung in Europa zurück, er brachte die industrielle Revolution in Gang und verschaffte Frankreich den Rang der zweitgrößten Ökonomie der Welt (nach Großbritannien), er half die Einheit Italiens herbeizuführen. Andere Ausgriffe missrieten. Belgien kriegte er nicht, dafür sorgte Bismarck. In Mexiko wurde sein Kandidat für das wieder errichtete mexikanische Kaiserreich, Erzherzog Maximilian, standrechtlich erschossen. Zweite Kaiserreiche bringen einander kein Glück.











Auf der Genfer Konferenz verzichtete Frankreich 1954 auf seine indochinesischen Kolonien und entließ sie, nach einem langen und zähen Krieg, in die Unabhängigkeit. Doch da war Vietnam bereits in zwei Teile zerbrochen: in eine kommunistische Nord- und eine westlich orientierte Südhälfte, die sich an ihrer schmalsten Stelle berührten. Natürlich erklärten beide das Land für unteilbar. So ist der Norden auf dieser Briefmarke Südvietnams mitvertreten, wenn auch in einer merkwürdig abgeknickten und verschobenen Position, wobei die eigentliche Bruchstelle durch die südvietnamesische Flagge verdeckt ist.

Während sich im Norden ein straffer und effizienter Aufbau vollzieht, herrscht im Süden ein korrupter Polizeistaat, der keinen Rückhalt in der Bevölkerung besitzt und besonders nicht in den 16.000 Dörfern. 1957 nimmt hier die Guerillabewegung der Viet Minh, die 1960 in den Vietcong übergeht, ihre Tätigkeit auf, mit dem Ziel, einen vom Norden dominierten Gesamtstaat zu erzwingen. Die amerikanischen Präsidenten Eisenhower und Kennedy waren indes entschlossen, Südvietnam um jeden Preis zu halten. Ihr Nachfolger Johnson beginnt, trotz gegenteiliger Wahlversprechen, mit massiven Truppenentsendungen. Im Juli 1965 befinden sich bereits 75.000 amerikanische Soldaten im Land, im Dezember 168.000, Ende 1967 schließlich mehr als eine halbe Million.

Johnson setzt, da auf die schwache und arrogante Regierung in Saigon kein Verlass ist und die Bevölkerung die fremden Eindringlinge hasst, auf reine militärische Gewalt. Das dicht besiedelte, dschungelreiche Land lässt sich nicht kontrollieren? Dann ändert man diese Faktoren eben! Systematisch werden Urwald und Felder mit Chemikalien zerstört, deren Gift bis heute nachwirkt. Die klassische Taktik des »Clear and Hold«, Säubern und Halten, verfängt nicht? So schaltet man um auf »Search and Destroy«, Suchen und Zerstören. »Wir brannten jede Hütte nieder, deren wir ansichtig wurden«, berichtet ein amerikanischer Soldat. »Die Bevölkerung sieht entsetzt zu, während wir ihre Habseligkeiten und Nahrungsmittel verbrennen. Jawohl, wir verbrennen den ganzen Reis und erschießen alles Vieh.« Und nicht nur dieses. Ganze Landstriche werden zu »Free-Kill«-Gebieten erklärt. Ein schönes Wort, Free Kill! Hier wird auf alles geschossen, was sich bewegt, am liebsten mit MGs von Flugzeugen aus, die mit 600 Stundenkilometer dahindonnern, auf Bauern im Reisfeld. Johnson, entschlossen, das Übel an der Wurzel zu packen, befiehlt die Bombardierung Nordvietnams. 2,8 Millionen Tonnen Bomben gehen in vier Jahren nieder, doppelt so viele wie im Zweiten Weltkrieg auf Deutschland, und er erreicht – nichts. Johnson, der erklärt hatte, er wolle nicht der erste amerikanische Präsident sein, der einen Krieg verliert, zieht es vor, auf eine zweite Amtszeit zu verzichten, und vererbt den totalen politisch-militärischen Misserfolg seinem Nachfolger Nixon. Dem bleibt es 1973 vorbehalten, mit der dünnen Bemäntelung eines Friedensvertrags das Schlachtfeld zu räumen. Saigon hält noch für die Schamfrist eines Jahres allein aus, ehe es im Frühjahr 1974 in die Hand des Vietcong fällt. 1976 vereinigen sich die beiden Staaten.

Amerika beklagt die 50.000 amerikanischen Soldaten, die in Vietnam umgekommen sind. Die drei Millionen vietnamesischen Toten, überwiegend Zivilisten, die es bei seinem Abzug hinterlassen hat, hält es für nicht der Erwähnung wert.




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