Glauben - Wie geht das? Matthias Beck „Wozu noch Christentum?“ So fragen sich viele. Kann man das Christentum dem modernen Menschen des dritten Jahrtausends überhaupt noch zumuten? Steht der christliche Glaube im Widerspruch zur Vernunft? Sind die säkulare Ethik oder die esoterische Spiritualität ein zeitgemäßer Ersatz für das Christentum? Der Autor greift diese Themen auf und zeigt ein Christentum, das Antworten auf die drängenden Fragen des heutigen Menschen gibt. Wer bin ich? Wie finde ich mein Glück? Wie bekomme ich den richtigen Beruf? Wie finde ich den richtigen Lebenspartner? Warum gibt es so viel Leid in der Welt? Hat meine Krankheit einen Sinn? Der Kern der christlichen Botschaft wird neu herausgearbeitet, die Botschaft von der Größe und Einmaligkeit des Menschen wird überzeugend dargelegt. Es wird gezeigt, dass Christentum Befreiung, Lebensentfaltung und Leben in Fülle ist. Und damit genau das, was sich jeder Mensch wünscht. Matthias Beck Glauben ~ Wie geht das? Wege zur Fülle des Lebens ISBN 9783990401989 © 2013 by Styria premium in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG Wien · Graz · Klagenfurt Alle Rechte vorbehalten Bücher aus der Verlagsgruppe Styria gibt es in jeder Buchhandlung und im Online-Shop (http://styriabooks.at) UMSCHLAGGESTALTUNG: Bruno Wegscheider COVERFOTO: commons.wikimedia.org (http://commons.wikimedia.org) 1. DIGITALE AUFLAGE: Zeilenwert GmbH 2013 Inhalt Cover (#u8d5ba4bb-a018-5627-95f2-07bbf7319e1b) Titel (#uaaff3904-b255-5b88-8410-afd294972bf6) Impressum (#ud17e0d29-1d73-53e7-ad96-e4b3d8008f44) Vorwort (#u4c3ac0f2-3bb3-58f8-9f33-4dcd007e2b32) Hinführung (#ufa38410f-f9d5-5241-9bce-8ac54f9193ee) TEIL A: DER HINWEG ZUM CHRISTENTUM (#uf0a835b3-2dc9-5207-b658-8f21f4411336) I. Die Perspektive des Menschen (#ulink_2890c174-170c-59d0-9dc4-ca9eb5b72813) 2. Die Fragen des Menschen (#u9fd11b8f-1637-573b-b84b-d7b7d2ace29b) 3. Der Mensch und seine Alltagserfahrungen (#u76304de7-5eb5-531c-a849-f8d57a45bb1a) 4. Die Sehnsucht nach Liebe (#ue63926a3-4105-5fe9-8c00-cecf2ba00c74) 5. Die Suche nach dem Absoluten (#u48887f19-9355-52b2-ba60-dd6dc51e43bd) 6. Das Absolute – Was ist das? (#u967d3410-1350-51ab-9250-fe981f83350b) 7. Der Mensch auf der Suche nach dem Unerklärlichen (#ua841d66a-82a7-5bed-88f0-5632aa16a40f) 8. Annäherungen an plausible Gottesvorstellungen (#u8cdb5227-a315-5f3e-8848-133e598478aa) 9. „Falsche“ und „richtige“ Gottesvorstellungen (#ua4007969-b4da-5f25-8300-794433cc1c21) 10. Das Absolute als Person (#u064d4bad-2129-5865-bb84-d24d1b4a5a45) 11. Der Gott des Alten Testamentes (#u2d4c46fd-1dbd-5e58-88c6-0fec4ad71727) TEIL B: DAS CHRISTENTUM (#u8e336608-90f6-5c4b-960a-4d4fc8e141bd) 1. Das Neue Testament, ein erster Zugang (#ulink_9ab98454-f33e-59bc-8802-b154219c4e18) 2. Das dreifaltige Gottesbild – Die Grundstruktur der Welt ist Beziehung (#u9ed0ae83-cf4a-5987-bdce-7ea862185959) 3. Die drei göttlichen Personen in der Welt (#uc1113050-25d0-52e6-924c-1662c4714ec7) 4. Der göttliche Sohn – Das menschliche Gegenüber (#u16182e6f-804d-5c3d-80c5-5daef4c2b24d) 5. Die Zwei-Naturen-Lehre Jesu – Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust (#uce249869-05ac-5c5b-b4b8-2ff1d568d99f) 6. Das zentrale Geschehen – Die Auferstehung (#ue7e5b979-181d-5ed3-a5c1-a411e51ddbf0) 7. Maria – Die irdische Gottesmutter (#u5c9efe9a-27d3-592a-a6d2-99084c75bb74) 8. Glauben – Was ist das? (#ube6b02f6-0b7c-57e4-9f33-733d933ecddb) 9. Ist Gott wirklich Mensch geworden? – Die Schriften des Neuen Testamentes (#u1b88162c-1218-50d3-bb4c-704a58c46640) 10. Der Heilige Geist – Sein unsichtbares Wirken (#u524bf932-52c0-5296-89c9-82f9eac3b89e) 11. Unterscheidung der Geister – Zentrale Herausforderung für die Gegenwart (#u6b98e1cb-1d70-5d0b-a714-393e9b0e5419) 12. Das „Sprechen“ Gottes und die Berufung des Menschen (#u81902755-bdc5-5e1a-acaa-afe365228b18) TEIL C: DIE SAKRAMENTE – HEILIGE UND HEILENDE ZEICHEN (#u363401c6-2123-5b94-acd9-78f56c1a8b64) 1. Das Wirken des Heiligen Geistes in den Sakramenten (#ulink_c0a70f04-fd4c-5861-9cd9-2879b52c0b84) 2. Taufe – Befreiung aus der Schattenwelt des Todes (#u3cbb3709-6b63-5f3b-ac38-1f1e58b27b94) 3. Eucharistie 75 – Nahrung des Geistes (#u2770423f-eb03-5842-b121-603d92062aec) 3.1. Die Eucharistie als Mahlfeier (#ulink_ea7364d7-5311-594f-aaf4-c1d691035ba4) 3.2. Die Opferfeier (#ulink_967f9754-e681-54b6-ac45-7995f19c648f) 4. Firmung – Erkenntnis und Integration statt Desintegration (#u937603c9-b6e7-5549-af47-5107d2f8859c) 5. Beichte – Heilung durch Erkenntnis und Lossprechung (#u1f6e1ff5-9484-54c5-9ce7-4ba3e1f164e5) 5.1. Was ist Sünde? (#ulink_cf4410e8-12b0-54b2-853f-35b43e41e2f2) 5.2. Was ist Schuld? (#ulink_08beaf3f-810a-55db-a558-9c92109a4cd5) 5.3. Was sind Wurzelsünden? (#ulink_73170a94-7ccc-5970-996c-a63925e0c0c4) 5.4. Wie sollte eine Beichte aussehen? (#ulink_89f9a1c8-0b0e-57cb-bf17-626cff87e8c6) 6. Krankensalbung (#u729f7c84-f592-5834-8fec-07de1d150fe8) 7. Ehe – Polarität und Transzendenz (#u415e4ae0-b88d-5ad4-9162-2b70adb6b404) 8. Priesterweihe – Ein Tor zum Göttlichen (#u6db32b73-e9bc-5152-8c63-90282223ae73) TEIL D: WAS IST CHRISTENTUM? – DIE AUSWIRKUNGEN DES DREIFALTIGEN GOTTESBILDES (#ue6349a69-99f8-56cc-851a-02c705f67a3c) 1. Was bedeutet Erlösung? (#ulink_3e94f88b-7f69-569e-8aa9-5b2acb7eb65a) 2. Leid, Kreuz und Auferstehung (#u14da6852-6253-527a-a91f-e917874dd947) 3. Freiheit (#uc36d6c0d-8edd-5f3a-bf94-27a232d47adf) 4. Christentum und Politik (#uabea9510-a6c9-56a3-b89a-1879607b9db1) 5. Christentum und Naturwissenschaften (#ua34c6c1c-a06d-556f-89b4-e46563f8d914) 5.1. Heliozentrisches und geozentrisches Weltbild – Evolution und Schöpfung 5.2. Geist und Materie – Seele und Leib (#ulink_bc3bcd24-40d7-5868-b696-d35e37ce3d83) 5.3. Wissenschaftstheoretisches (#ulink_c180f673-9607-54ee-a1d6-ea332116d7f3) 5.4. Natur als System von Wechselwirkung und Selbststeuerung (#ulink_4e744493-490e-5192-9726-6cc5cb7e2ad5) 5.5. Erkenntnisse der Naturwissenschaften und Gottesbilder (#ulink_d0f9532f-b834-51ec-944b-2bd819bc60ed) 6. Christentum und Medizin (#u0ac8cf66-1c78-5c4a-b31a-00a49b0b85e2) 6.1. Allgemeine Bemerkungen 6.2. Genetik, Epigenetik und der Geistcharakter des Menschen (#ulink_2a7832dd-f400-5523-a19a-640b6fa424b3) 7. Christentum und Psychologie – Reifungsphasen und Spiritualität (#ud0821f51-4e24-5fb6-aae5-a60565bd5c16) 7.1. Kindheit und Pubertät 7.2. Lebensmitte – Wer bin ich? (#ulink_7f06840c-bf83-5551-89cc-5f31383bea66) 7.3. Alter – Was kann ich noch tun? (#ulink_a7dcc5a7-f4ed-5b58-a21e-45151fcbf015) 8. Christentum und Wirtschaft (#u08c93804-c412-5b9c-aa71-74893d2bef43) 9. Christentum und Kunst, Kultur, Bildung (#u9c4942ec-0fcf-5619-9918-99834b40bc69) 10. Praktische Anleitungen (#u2ce52538-3d09-58d4-9c4d-fc183be58efd) 10.1. Gebet und Meditation 10.2. Das Vaterunser (#ulink_d658035d-45a5-593e-b8ab-d46c1f78293c) 11. Zusammenfassung – Was ist Christentum oder: Warum soll jemand Christ werden? (#ube20ef14-67b7-5c93-b187-21307feb9546) Anmerkungen (#u04055826-3cf1-5a91-8d7d-81ed9b12d950) Literaturverzeichnis (#u717ec6ed-937a-51c7-a0b7-5d9665213806) 1. Vorwort Das Buch ist entstanden aus vielen Anfragen: Was ist das Christentum überhaupt? Wozu braucht man es? Was sind die Grundaussagen des Christentums? Wie lassen sich diese mit der naturwissenschaftlich geprägten Welt vereinbaren? Kann man sie in eine moderne Sprache übersetzen? Ist das Christentum tauglich für den Alltag? Kann man mit ihm sein Leben meistern? Ist das Christentum überhaupt noch sinnvoll oder längst überholt? So gibt es viele Fragen von Menschen, die wirklich auf der Suche sind. Auch wollen manche Christen Argumente bekommen, um sich gegen Angriffe verteidigen zu können. Dann gibt es andere, die sich über das Christentum informieren wollen. Schließlich gibt es ein Eigeninteresse des Autors an diesem Buch, nämlich den Versuch zu unternehmen, das Christentum in seinen fundamentalen Aussagen so darzustellen, dass es verständlich ist und von den Verstellungen der Geschichte gereinigt wird. Die Glut unter dieser Asche soll wieder zum Brennen gebracht werden. Vieles ist im Laufe der Geschichte zubetoniert, entstellt und manches nahezu vollständig ruiniert worden. Die zentralen Aussagen des Christentums aber sind sehr tief. Sie müssten eigentlich jeden Menschen erreichen können. Das Buch will ausdrücklich kein wissenschaftlich theologisches oder dogmatisches Buch sein. Davon gibt es genügend. Es will den Menschen mit seinen Alltagsfragen in den Mittelpunkt stellen. Um das in seiner ganzen Tiefe tun zu können, werden immer wieder theologische Aussagen auf den Alltag hin zugespitzt. Es geht also nicht darum, eine dogmatisch ausgefeilte Darlegung des Christentums zu liefern, sondern darum, den Versuch zu unternehmen, Grundaussagen des Christentums in den Alltag zu übersetzen. Dadurch kommt es zu einer Durchmischung von dogmatischen Grundaussagen und Alltagsrelevanz. Manche Aussage entspricht daher womöglich nicht vollständig dem letzten dogmatischen „Schliff“. Aber vielleicht wird sie so besser vom „normalen Menschen“ verstanden, der keine theologische Vor­bildung mitbringt. Das ist das Anliegen des Buches: verständlich darzustellen, was Christentum ist, und ein bisschen Appetit darauf zu machen – auch für den Agnostiker und Atheisten. Wien, im August 2013 2. Hinführung Dient der christliche Glaube dem Menschen im Alltagsleben? Hilft er zu seiner Lebensentfaltung oder verhindert er sie? Ist er ein Relikt aus der Geschichte oder ist er hochaktuell? Ist er veraltet und muss durch Neues ersetzt werden? Geht es ohne ihn vielleicht besser im Leben? Anders gefragt: Ist das Christentum längst überholt und veraltet? Geht es im Christentum nicht vor allem um Verbote? Oder ist es eine Befreiung zum wahren Leben? Ist die Frage nach Gott sinnlos geworden oder beschäftigt sie den Menschen nach wie vor? Ist nicht vollständige Gleichgültigkeit der Gottesfrage gegenüber eingekehrt? Ist die Frage nach Gott nicht mehr relevant, weil vieles naturwissenschaftlich erklärbar ist? Muss die Frage nach Gott heute ganz anders gestellt werden als in der Vergangenheit? Sollte sich unser Gottesbild ändern? Muss man sich von Zerrbildern Gottes verabschieden, um zum wahren Gott durchzustoßen? Oder ist Gott verschwunden und hat sich verlaufen, wie Friedrich Nietzsche meinte? Vielleicht ist der von Nietzsche in einem verzweifelten Aufschrei proklamierte Tod Gottes nicht dessen Tod, sondern nur der Tod von falschen Gottesbildern? Gibt es „richtige“ und „falsche“ Gottesbilder, gibt es den „wahren“ Gott? Die Frage nach Gott interessiert mich nicht, sagen manche Menschen. Sie brauchen die Hypothese „Gott“ nicht. Sie wollen normal sein. Vielleicht haben sie Recht, vielleicht ist ihre Intuition richtig. Vielleicht lebt es sich ohne Gott besser und freier? Gott zu brauchen, steht immer in der Gefahr, ihn zu gebrauchen, ihn in eigene Bilder zu pressen, ihn zu benutzen und zu instrumentalisieren, um mit den eigenen Defiziten und Ängsten zurechtzukommen. Man verwendet ihn dann als Lebenshelfer, als Lückenbüßer für Unerkanntes und Projektionsfläche für Unerfülltes. Vielleicht macht man ihn auch verantwortlich für all das Leid, das in der Welt existiert, das er vermeintlich in der Welt zulässt und nicht unterbindet. Gott zu brauchen, kann andersherum heißen, sich seine eigenen Schwächen, Ängste, Sorgen und Unvollkommenheiten einzugestehen und diese mit Gott zu teilen. Es kann Ausdruck von Reife sein, sich seiner Endlichkeit und Unvollkommenheit bewusst zu sein. Dann würde man Gott nicht brauchen im Sinne des Gebrauchens, Nutzens und Benutzens, sondern der Einzelne würde eine reife Beziehung zu ihm eingehen, nahezu auf Augenhöhe. So wie ein Freund zum Freund eine Beziehung hat. Zu einem Menschen zu sagen: „Ich brauche dich, ich kann ohne dich nicht leben“, kann Ausdruck tiefster Liebe sein. Ohne den anderen fehlt ein wesentlicher Teil meines Lebens. Derselbe Satz „Ich brauche dich“ kann Ausdruck tiefster Liebe, aber auch falscher Abhängigkeit und Symbiose sein. Die Abhängigkeit von Menschen macht auf Dauer unfrei, die Abhängigkeit von Gott macht frei. Das wird zu zeigen sein. Den Menschen, die sagen, Gott interessiert mich nicht, müsste man sagen: Womöglich geht es im Christentum primär gar nicht um Gott, sondern um den Menschen. Womöglich ist der christliche Gott in diese Welt gekommen, um dem Menschen zu dienen und ihm zu seinem Heil zu verhelfen. Oder soll der Mensch Gott dienen? Aber wozu sollte er ihm dienen? Braucht Gott den Dienst des Menschen? Braucht er den Gottesdienst am Sonntag, geht es ihm dann besser? Oder ist es umgekehrt: Der Mensch braucht den Gottesdienst, den Dienst Gottes an ihm? Gott will dem Menschen dienen! Er wäscht ihm die Füße. Ist das nicht eine eigenartige Vorstellung, dass Gott der Diener des Menschen sein will und nicht sein Beherrscher? Er ist doch der Herr. Aber sein Herrsein besteht im Dienen. Und zu diesem Dienst braucht er wiederum Menschen (Arbeiter im Weinberg), die ihm bei seinem Dienst am Menschen helfen. So ist es wohl eine Wechselwirkung: Gottesdienst ist Gottes Dienst am Menschen, aber Gottesdienst ist ebenso Dienst des Menschen an und für Gott im Dienst am Menschen. Klingt das zu kindlich oder geht es dem christlichen Gott wirklich um das Leben jedes einzelnen Menschen, um dessen Lebensentfaltung und um dessen Leben, das zur Fülle kommen soll? Vielleicht ist der „wahre Gott“ ein Gott, der ganz im Dienst in dieser Welt aufgeht, der sich an die Welt verschwendet, sich darin verliert und geradezu in ihr verschwindet. Er ist kaum wahrnehmbar, um in aller Stille dem Menschen zu helfen, dass sein Leben gelingt. Womöglich ist Gott deshalb Mensch geworden. Wenn dem so ist, warum öffnet der Mensch sich dann nicht für diesen Gott? Warum findet er ihn nicht? Sucht er ihn nicht, hat er Angst vor ihm oder traut er ihm nichts zu? Er müsste sich ihm öffnen, da Gott sonst keinen Zugang zum Menschen findet. Gott respektiert die Freiheit des Menschen, sich zu verschließen und „Nein“ zu sagen. Er scheint auch hinzunehmen, dass mancher gleichgültig an ihm vorüberschlendert. Wer sich ihm aber öffnet, dem öffnet auch er sich, der bekommt alles. Gott wirkt offensichtlich still und indirekt in dieser Welt, durch Menschen, durch Ereignisse, durch Freude und Leid. Er kommt in dieser Welt nicht so vor wie ein Gegenstand, wie ein Baum, wie ein Mensch. Er ist implizit in den Dingen und nicht explizit daneben. Und dennoch hat er sich einmal in der Geschichte explizit gezeigt und sich ausgedrückt in einem Menschen. Er ist Mensch geworden. Das ist der christliche Glaube. Der Mensch will frei sein. Was aber ist wahre Freiheit? Ist Freiheit nicht Beliebigkeit? Oder geht es darum, frei zu werden von falschen Abhängigkeiten? Frei zu werden von äußeren Unterdrückungen und frei zu werden von inneren Blockaden, die verhindern, dass der Mensch zu sich selbst kommt, sein eigenes Wesen vollzieht und seine Identität findet? Ist wahre Freiheit nicht jene, die den Menschen zu sich selbst hin befreit, dazu hin, sein tiefstes Wesen zu vollziehen? Womöglich kann man dieses Wesen erst vollziehen, wenn man in jemand anderem seinen Halt findet, der das eigene Leben übersteigt. Erst wer das Absolute in sich entdeckt, mit diesem Absoluten eins wird, kann auch mit sich selbst stimmig und eins werden. Dann kann er auch den anderen lieben. Wenn das so ist, dann sind Leben und Freiheit nicht mehr beliebig, sondern im Gegenteil sehr verbindlich, da der innerste Kern eines Menschen nicht beliebig austauschbar ist. Es ist eben genau jener einzigartige Mensch in seiner Einmaligkeit, der gerade nicht der andere ist. Søren Kierkegaard hat es so formuliert, dass die größte Verzweiflung des Menschen darin besteht, nicht man selbst sein zu wollen, sondern ein anderer: „Diese Form von Verzweiflung ist: verzweifelt nicht man selbst sein wollen, oder noch niedriger: verzweifelt nicht ein Selbst sein wollen, oder am allerniedrigsten: verzweifelt ein anderer sein wollen als man selbst, ein neues Selbst sich wünschen.“ Von hier aus gesehen hat Freiheit etwas zu tun mit Verantwortung für sich selbst, für das Gelingen des eigenen Lebens, mit innerer Anbindung und Verbindlichkeit, dann auch mit der Verantwortung für den anderen. Verantwortung zum Selbstsein, das klingt egoistisch. Aber ein gutes Selbstverhältnis scheint Voraussetzung dafür zu sein, auch ein gutes Verhältnis zum anderen zu haben. Wie kommt man dahin? Kann man das alleine schaffen oder muss man zu sich selbst hin befreit werden? Muss man erlöst werden von Hindernissen, die einen vom eigenen inneren Wesenskern trennen und vom wahren Lebensstrom abschneiden, von Blockaden, die einen daran hindern, zum eigenen Leben vorzustoßen? Hat der Mensch nicht Sehnsucht danach, seine eigene Größe und Einmaligkeit zu entdecken, seine Talente zu nutzen und neue hinzuzugewinnen? Womöglich ist das, was die Psychotherapie versucht, nämlich Menschen zu helfen, ihre Verstellungen und Blockaden zu lösen, um zur eigenen Lebensentfaltung zu kommen, ein Teil dessen, was auch das Christentum will. Vielleicht gehören Psychotherapie und Spiritualität zusammen. Dann müsste eine gute Psychotherapie offen sein für die spirituelle und religiöse Dimension des Menschen. Umgekehrt könnte eine gute spirituelle Begleitung des Menschen manche Erkenntnis aus der Psychologie integrieren. Umgekehrt: Wenn Psychotherapie nicht offen ist für die religiöse Dimension des Menschen und das Religiöse selbst als pathologisch und krankmachend bezeichnet wird (es gibt durchaus krankmachende Religiosität), steht sie in der Gefahr, Teilerkenntnisse der Psychologie zur Erkenntnis des ganzen Menschen zu machen und zu Fehlschlüssen zu kommen. Dann werden seelische Phänomene nicht in ihrer ganzen Tiefe erfasst und es kommt zu Fehlinterpretationen. Wenn auf der anderen Seite eine religiöse Erziehung meint, ohne ein Grundwissen an Psychologie auszukommen, läuft auch sie Gefahr, in die Irre zu gehen. Jede einzelne Wissenschaft kann in ihrer Autonomie ihren begrenzten Bereich erforschen, ihre Erkenntnisse bleiben aber immer relativ und endlich. Wenn das Relative zum Absoluten erklärt wird und zum einzigen Zugang zur Welt, wird seine Interpretation den Phänomenen des Menschen nicht gerecht. Teilgebiete erfassen nie das Ganze, sondern je nach methodischem Zugang nur Ausschnitte aus der Wirklichkeit. Sie können im Rahmen ihrer Einzelwissenschaften wie Naturwissenschaften, Psychologie, Medizin die Welt mit ihren Methoden erforschen, aber sie sollten offen sein für die Begrenztheit ihrer Erkenntnisse, und wissen, dass die Welt und der Mensch größer sind, als das, was mit einem wissenschaftlichen Zugang zu erforschen ist. Erst in der Zusammenschau der Wissenschaften, vor allem zusammen mit Philosophie und Theologie, die integrative Wissenschaften sind, kommt das Ganze in den Blick. Das Ganze ragt aber über das irdische Leben hinaus. Daher bleibt auch ein „ganzheitlicher“ Zugang zum Menschen, der rein innerweltlich ist, im Letzten rudimentär. Das Ganze ragt in die Unendlichkeit und das Absolute hinein, die Welt aber ist endlich und alles Erkennen Stückwerk. (1 Kor 13, 9) So kann auch der rein wissenschaftliche Zugang zum Menschen diesen nicht ganz erfassen. Das Innenleben des Einzelnen bleibt letztlich nur ihm zugänglich und auch hier bleibt vieles rätselhaft. Vieles bleibt im Unbewussten verborgen. Trotz dieser Endlichkeit der Erkenntnis wollen der christliche Glaube und die ihn reflektierende Theologie das Ganze des Lebens in den Blick nehmen und zur tieferen Erkenntnis führen. Der Mensch soll die tieferen Dimensionen des Lebens und der Welt erkennen können. Schon in vorchristlicher Zeit hat Aristoteles in seiner Metaphysik gesagt, dass der Mensch von Natur aus nach Erkenntnis strebe. Der Mensch ist neugierig und will wissen, wer er ist, wie die Welt funktioniert und warum vieles so mühsam ist. Der Mensch ist das Wesen der Frage. (Rahner) Christlicher Glaube geht davon aus, dass ein richtig verstandener Glaube zur tieferen Erkenntnis der Welt führt: zur Erkenntnis der eigenen Person, der Person des anderen und der Welt. „Ich glaube, damit ich einsehe“ (credo ut intelligam) ist ein Wort von Anselm von Canterbury aus dem 12. Jahrhundert. Glaube ist eine tiefere Weise des Wissens (nicht eines Geheimwissens!) und des Erkennens. Das vorliegende Buch versucht zu zeigen, dass der christliche Glaube zu dieser tieferen Erkenntnis des Lebens führen kann. Da der Glaube nach Einsicht strebt, sucht der christliche Glaube nach intellektueller Auseinandersetzung. Der Glaube sucht den Intellekt (fides quaerens intellectum), heißt es ebenfalls bei Anselm von Canterbury. Das Wort „Intel-lekt“ kommt von intus legere, und das heißt so viel wie: zwischen den Zeilen lesen oder in den Dingen lesen, hinter die Welt des Scheines blicken. Aus christlicher Sicht sollte das Denken und Fühlen nicht auf der oberflächlichen Ebene des Scheines oder der wissenschaftlichen Erfassung der Welt stehen bleiben. So wichtig dies ist, diese Sicht erfasst nicht die ganze Dimension des Lebens. Christlicher Glaube eröffnet den Blick über die endliche Welt hinaus. Das Christentum erschließt dem Menschen einen großen Horizont: den Blick in sein Inneres, auf den anderen Menschen und die Welt sowie weit darüber hinaus in das, was man Ewigkeit, Himmel oder Sein bei Gott nennt. Zum Erfassen des Ganzen gehört auch die Komplexität der eigenen Lebenserfahrung: Glück und Unglück, Freude und Leid, Aufbau und Zerstörung sowie die vielen unbewussten Anteile im Menschen, die der Einzelne nur schwer erkennen kann. Daher ist das Christentum keine einfache Lehre vom gelingenden Leben oder eine Philosophie der Glückserfahrungen, sondern es verweist nüchtern auf die Realität des Alltags mit Krankheit und Leid, Endlichkeit und Tod sowie auf die Gefahr, das Leben gänzlich zu verfehlen. Der Begriff „Glück“ taucht in den Schriften des Neuen Testamentes kaum auf (außer im Kontext der (Glück-)Seligpreisungen der Bergpredigt). Das Neue Testament spricht von der Fülle des Lebens. Das heißt, das Leben soll voll, ausgefüllt und erfüllt werden, und das geht durch alle Lebenserfahrungen, positive wie negative, hindurch. Der Mensch soll sein Leben zur Fülle bringen, und dies kann er offensichtlich nicht allein aus sich selbst heraus. „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10, 10) So stehen die Befreiung und die Größe des Menschen im Mittelpunkt der christlichen Lehre, aber es wird auch auf die Gefahren der Unfreiheit, des Scheiterns und der Abgründe hingewiesen. Von dieser Lehre der Größe und der Freiheit des Menschen scheint vieles verschüttet zu sein. Viele Menschen assoziieren mit dem Christentum eher die Lehre von der Unfreiheit und der Sünde, von Verboten und Einengungen. Von dieser Art der einengenden Religion befreien sich die Menschen und wenden sich vom Christentum und der Frage nach Gott ab. Sie brauchen die Hypothese „Gott“ nicht, denn ohne Gott und ohne Kirche geht es ihnen viel besser in ihrem Leben. Der aufgeklärte Mensch ist säkular eingestellt, er braucht die Suche nach Gott nicht. Diese Suche ist seiner Meinung nach nur für die Schwachen und Hilflosen, die mit dem Leben nicht zurechtkommen. So beginnen viele Menschen ohne religiöse Anbindung zu leben. Sie entfernen sich nicht nur von der Institution Kirche, sondern vom Christentum insgesamt. Sie suchen ihr Heil ganz ohne Religion, oder sie wenden sich anderen Religionen zu. Auf der anderen Seite sind aber spirituelle Gruppen und Esoterik gefragt. Der Markt der Spiritualitäten ist groß. So droht in Europa das Christentum eher an den Rand zu geraten. Der Mensch erwartet von ihm nichts mehr. Mancher schämt sich sogar dafür, ein Christ oder ein Katholik zu sein. Christentum scheint mit der nüchternen naturwissenschaftlichen Welt nicht vereinbar zu sein. Es ist in den Augen vieler ganz irrational und wird belächelt, da doch die Welt intelligent und rational ist und man längst über religiöse Fragen hinausgewachsen ist. An dieser Stelle soll zurückgefragt werden: Kennen die Menschen eigentlich das Christentum, das sie ablehnen? Gibt es nicht ein großes Nichtwissen? Dieses Nichtwissen hat der Einzelne nicht immer selbst zu verantworten. Das Christentum ist vielerorts schlecht vermittelt worden. In vielen Fällen hat es durch schlechte Vermittlung zum „Atheismus“ geführt. Atheismus kommt aus dem Christentum selbst, so hat es das Zweite Vatikanische Konzil gesagt. (GS 19) Auf der Rückseite dieses Nichtwissens zeigt sich aber die Suche vieler Menschen nach der tieferen Dimension ihres Lebens. Die existenziellen Fragen nach gelingenden Beziehungen, nach Liebe, Glück, Leid und Tod drängen sich auf. Sie sind da, und so gibt es doch eine Sehnsucht nach Antworten und nach Spiritualität. Viele suchen im Internet nach Lebens-Angeboten und „basteln“ sich selbst ihre Lebensphilosophie zusammen. Sie haben Zugang zu nahezu allen Informationen. Allerdings kann das Internet mit seiner Flut an Informationen den Menschen innerlich nicht erfüllen, es kann ihn auch verwirren. Und so bleibt die Frage, wo der Einzelne Orientierung findet, all das Vielerlei zu ordnen. Wo sind die Menschen, die helfen, die Vielfalt der Informationen zusammenzudenken? Mancher verliert in diesem Überangebot die Orientierung. Hinzu kommt das ständige Vernetzt-Sein durch die Handy-Kultur. Das muss nicht schlecht sein, birgt aber die Gefahr des ständigen oberflächlichen Kommunizierens, der dauernden Verfügbarkeit, des schnellen Änderns von Plänen mit einem Verlust an Verbindlichkeiten. In all dem Vielerlei sucht der Mensch Halt und Orientierung. Der Ruf nach Ethik und Spiritualität ist Ausdruck einer solchen Suche. Das vorliegende Buch möchte Antworten auf die sich stellenden Fragen geben. Die verlorengegangene, verschüttete oder erst neu zu entdeckende Botschaft vom Christentum mit seiner Lehre vom gelingenden Leben soll ans Licht gehoben werden. Denn Christentum ist die Lehre von der Erfüllung des Lebens, von der Größe des Menschen in seiner Ausrichtung auf einen letzten Grund, den alle Menschen Gott nennen. (Thomas von Aquin) Es ist Antwort auf die tiefste Sehnsucht des Menschen nach Angenommensein und Geliebtsein. Es gibt Orientierung und Halt auf dem Weg durch die Zeit. Es verhilft zu einem erfüllten Leben. Es gibt Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Das Buch möchte zeigen, dass Christentum nicht etwas Zusätzliches zum Leben ist, sondern entdecken hilft, was sich aus dem Leben heraus von selbst zeigen will. Es will das ans Licht heben, was von sich aus sowieso schon „da“ ist. Es zeigt das Natürlichste, Selbstverständlichste und Normalste des menschlichen Lebens auf. Christentum ist ganz normal und ganz menschlich, es ist keine Sonderwelt. Es zeigt, wie das Leben geht, es ist insofern eine Lebens­philosophie. Es will dem Menschen zunächst sagen: Sei „normal“ und menschlich. Allerdings: Aus christlicher Sicht wird das Menschliche erst dann menschlich, wenn es sich selbst übersteigt. Der Mensch übersteigt den Menschen um ein Unendliches. (Pascal) Daher darf der Mensch nicht auf der rein menschlichen Ebene stehen bleiben. Zu sagen: das ist doch ganz menschlich, könnte zu wenig sein. Um wirklich menschlich zu werden, muss der Mensch mehr werden, als er ist, er soll – so komisch das klingt – vergöttlicht werden. Er soll sich je neu überschreiten auf das Göttliche hin, um ganz Mensch zu werden. Natürlich ist er schon „ganz“ Mensch durch seine Zugehörigkeit zur Spezies Mensch. Und so kommt ihm Menschenwürde zu, unabhängig von Alter, Rasse, Geschlecht und genetischer Ausstattung. Aber im Lebensvollzug muss er dieses Menschsein immer wieder neu einholen. Er muss sich je neu überschreiten auf die je neue Lebenssituation und den Nächsten hin, und schließlich auf den letzten Grund allen Seins. Erst von dort her wird er ganz Mensch und kann ausloten, was sein konkretes Menschsein bedeuten könnte. „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch Euer himmlischer Vater ist.“ (Mt 5, 48) Das vorliegende Buch will versuchen, all diese Inhalte in einfacher Sprache darzustellen. Es will weder eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben und seinen Dogmen leisten, noch eine theologische Grundsatzdiskussion führen. Es will den christlichen Glauben für den Alltag transparent machen. Daher ist das Buch auch für Atheisten und Agnostiker geeignet, die sich einfach informieren wollen. Dabei muss hier und da etwas vorausgesetzt werden, was erst später erläutert werden kann. Mit etwas Geduld wird der Leser seine Fragen beantwortet bekommen. Teil A ~ Der Hinweg zum Christentum I. Die Perspektive des Menschen Der Mensch kommt ganz nackt zur Welt. Er ist nicht gefragt worden, ob er leben will. Niemand ist gefragt worden. Er muss dieses Leben leben, ob er will oder nicht. Er kann sich das Leben auch nehmen. Mancher tut dies, weil er mit ihm nicht zurechtkommt. Die meisten Menschen nehmen das Leben aber an. Zunächst hat der Mensch keine Wahl. Er wird ins Leben hingeworfen, er ist der Geworfene, wie Heidegger sagt. Der junge Mensch ist hilflos und auf andere Menschen angewiesen. Er kommt viel zu früh auf die Welt. Er ist eine physiologische Frühgeburt . Das heißt, er müsste aufgrund seiner Komplexität etwa zwei Jahre im Mutterbauch heranreifen, um einigermaßen „fertig“ für die Geburt zu sein. Aber er kommt bereits nach neun Monaten auf die Welt. Daher ist er ganz unreif. Die Mutter und die Eltern müssen ihm helfen, zu überleben und ins Leben zu finden. Zum Überleben und zum Leben genügt es auf Dauer nicht, ihm nur zu essen zu geben. Jemand muss mit dem Kind sprechen und es anschauen. Ein Kind, das zwar ernährt wird, aber mit dem niemand spricht und das von niemandem berührt wird, stirbt. Der Mensch braucht Zuwendung, Gespräch, Kontakt, Liebe. Im Laufe seines Lebens sollte der Einzelne vom rein physischen Überleben zu einem eigenen Leben kommen und letztlich zu einem Leben in Fülle. Dieser Weg vom Überleben zum wirklichen Leben ist ein langer Reifungsprozess. Der Mensch kommt zunächst vom Du der Eltern her zum Ich. Die Eltern haben ihn gezeugt. Das Kind kommt vom anderen Menschen her zum Leben, es wird ernährt und lernt vom anderen. Es wird angesprochen und ant-wortet. Es spricht selbst zunächst nicht und später aus der Perspektive des Du: „Paul Auto putt macht.“ Erst dann kommt das Kind langsam vom Du zum Ich, vom Du-sagen zum Ich-sagen. Es wird angesprochen und angeblickt. Es ant-wortet und blickt zurück. Es ist ein Gegen-worter und ein Gegen-blicker. Es bekommt mehr und mehr Ver-ant-wort-ung und hat ein Ant-litz („litz“ heißt blicken, also gegen-blicken). Auch die Mutter hat ein Antlitz, ein Gesicht. Mutter und Kind blicken einander an. Ein Dialog beginnt: von Ant-litz zu Antlitz, von Angesicht zu Angesicht, von Wort zu Gegen-Wort (Ant-Wort). Mit diesem Dialog wird das Kind schrittweise in das Phänomen der Beziehung eingeführt, es wird zu einem sozialen Wesen herangebildet und sozialisiert. Es kann nur in der Gruppe überleben, allein ist es verloren. Das Kind reift heran, lernt laufen und sprechen, es lernt, sich in die Gemeinschaft einzufügen. Bei den ersten Versuchen, das Laufen zu lernen, ist es noch unsicher. Es fällt hin und steht wieder auf. Der Schmerz des Hinfallens lässt es aufmerksamer werden. Es will den Schmerz vermeiden und lernt so durch Übung und mehr Aufmerksamkeit das Laufen. Später lernt es Lesen und Schreiben, auch das oft durch Versuch und Irrtum. In all diesen Lernprozessen muss es sich mit dem Leben, mit sich selbst, den Eltern und mit anderen Kindern auseinandersetzen. Es stellt viele Fragen und wird immer wieder in Frage gestellt. Wenn es gut geht, bekommt es vernünftige Antworten und eine gute Atmosphäre, in der auch seine religiösen Fragen Platz haben. Oft aber bekommen Kinder keine Antworten und ihr Fragen endet. Sie hören einfach auf zu fragen. Wenn keine Antworten von den Eltern kommen, kommen sie entweder von anderen Menschen oder aus dem Internet. So versucht der junge Mensch, sich in der Welt zurechtzufinden. Er baut sich langsam „seine eigene Welt“. Die Welt scheint in der virtuellen Welt des Internet grenzenlos zu sein. Im konkret vollzogenen Leben treten aber immer wieder Grenzen auf. Der Mensch erfährt sie schmerzlich. Er bekommt die Endlichkeit und Unvollkommenheit immer wieder zu spüren. Neben Glück und Freude erfährt er Krankheit, Leid, Mühsal, Scheitern, Tod. Angesicht dieser Erfahrungen stellt der junge Mensch oft schon früh die großen Warum-Fragen: Warum gibt es dieses Leid, warum Krankheit, warum Tod, warum überhaupt etwas und nicht vielmehr Nichts. (Leibniz) Warum gibt es mich, und was ist der Sinn meines Lebens? Wenn der junge Mensch Glück hat, können ihm seine Eltern darauf einige Antworten geben oder kluge Rückfragen stellen. Oft aber gehen die Fragen ins Leere. Manchem wird das Fragen auch abgewöhnt. In der Pubertät kommen andere Fragen hinzu. Während kleinere Kinder noch nach Antworten für das ganze Leben suchen und die großen „Warum-Fragen“ stellen, geht es jetzt um ganz alltägliche Dinge: Wann bekomme ich ein Handy, wie komme ich durch die Schule, wie ist das mit der ersten Liebe und wann kann ich den Führerschein machen? Später kommen andere Fragen hinzu: Wie finde ich den richtigen Beruf und den richtigen Lebenspartner? Der Mensch als Wesen der Frage ist ständig vom Leben herausgefordert und infrage gestellt. Er kann nach allem fragen, ist auf das ganze Sein hin offen, ja er kann sogar sich selbst zur Frage werden. „Ich bin mir zur Frage geworden“, so hat es Augustinus in einer wichtigen Umbruchsphase seines Lebens formuliert. 2. Die Fragen des Menschen Schon das kleine Kind hat Fragen. Es schaut neugierig in die Welt. Es will die Welt erkunden. Es tastet sich voran. Es fasst die Gegenstände an, be-greift sie. Später will es die Welt geistig begreifen. Es will die Welt und sich selbst verstehen lernen. Ein heranwachsendes Kind sucht nach etwas und weiß vielleicht noch gar nicht wonach. Es hat ein Problem, das es nicht lösen kann. Es stößt auf ein Wort, das es aufhorchen lässt, oder auf ein Ereignis, das sein Leben verändert. Es wird herausgefordert, auf das Geschehene zu reagieren. Es wird von etwas bewegt, über das es nachdenken möchte. Vielleicht nimmt es später ein Buch zur Hand, um Antworten zu finden. Es ist neugierig geworden. Es schlägt das Buch auf und liest: Wort für Wort, Kapitel für Kapitel, das ganze Buch. Womöglich findet es Antworten. Vielleicht wendet es sich auch gelangweilt ab. Das Buch ist nichts für mich. Es findet darin nicht, was es sucht. Was sucht es eigentlich? Oft weiß es das nicht genau. Irgendetwas bewegt sein Herz. Aber was ist das? Was bewegt den (jungen) Menschen im Innersten, was bringt in ihm eine Saite zum Klingen? Welche Fragen sollen ihm beantwortet werden? Immerhin: Irgendetwas löst in ihm eine innere Bewegung aus. „Movere“ heißt bewegen, so entsteht ein Motiv. Ein anderer Mensch hört gerne Musik. Er merkt, dass ihn das innerlich anspricht. Manchen bewegt ein schöner Sonnenuntergang, ein Bild, ein Gespräch, ein Wort. Und dann ist da die erste Liebe, welch ein wunderbares Gefühl. Die Welt steht einem offen, es gibt keine Grenzen mehr. Mancher ist aber auch durch nichts zu bewegen. Er ist tot und abgestorben. Null Bock auf nichts. Da ist nur der trübe Alltag, Schule, Arbeit, Pflichterfüllung. Da bewegt sich nichts, da ist alles grau. Wie kommt man da heraus? Wie kann das Leben bunt werden? Wie kann das Leben lebendig, farbig und spannend werden? Wer gibt Antwort auf diese Fragen? Die Eltern, die Schule, der Staat? Mit jedem Tag tauchen neue Fragen auf, vielleicht wird alles immer grauer, vielleicht geht aber auch jemandem ein Licht auf, etwas leuchtet ihm ein, ein erstes inneres Verstehen, es wird heller. So kommen neue Herausforderungen, neue Probleme, neue Fragen. Irgendwie muss man damit fertigwerden. Das Leben geht weiter. Das Leben lässt einen nicht in Ruhe. Die Zeit kann niemand anhalten. Es kann auch sein, dass ein Kind mit seinen Eltern durch die Stadt geht und fragt, was diese eigenartigen Gebäude mit den hohen Türmen sind. Es bemerkt womöglich, dass sie anders aussehen als normale Häuser. Vielleicht fragt es, wer da wohnt. Manchmal lernt es etwas davon in der Schule. Das könnte im Geschichtsunterricht sein, in Religion oder in einem anderen Fach. Vielleicht sagt ihm jemand, dass dies eine Kirche ist, vielleicht auch eine Synagoge, eine Moschee. Was aber ist eine Kirche, eine Synagoge, eine Moschee? Haben diese Gebäude etwas mit Religion zu tun? Was ist überhaupt Religion? Religion interessiert mich nicht, sagen viele. Sind es nicht Gebäude aus alter Zeit ohne Bedeutung für die Gegenwart? Sie gehören zur Kultur des Landes. Braucht man sie oder soll man sie nicht besser abreißen? Wahrscheinlich sind die Fragen, die sich den Menschen stellen, überall auf der Welt ähnlich: Wie finde ich mein Glück, wie gelingt mein Leben, warum ist die Welt so ungerecht, wieso gibt es Krankheit und Leid, warum gibt es so viele Tränen, wie steht es mit dem Tod, warum zerbricht meine Liebe, wieso gibt es nichts Bleibendes? Wie steht es mit der Beziehung zum Mitmenschen, zu den Eltern, zur ersten Liebe. Wie verdiene ich viel Geld, wie finde ich einen guten Beruf, wie einen guten Lebenspartner. Neben all diesen Fragen gibt es aber auch das Staunen über die Welt. Das Staunen über die Größe des Kosmos und des Weltalls, das seit 13 Milliarden Jahren existiert und sich nach wie vor ausdehnt. Es gibt auch das Staunen über einen Organismus, über einen Grashalm, der mittels Photosynthese Sonnenlicht, Wasser und CO in Stärke (Zucker) verwandeln kann. Grüne Pflanzen sind eine der Grundlagen des Lebens und gewaltige chemische „Fabriken“. Alles Philosophieren beginnt mit dem Fragen, dem Staunen über die Welt oder mit dem Verzweifeln am eigenen Leben. In früheren Zeiten war es wohl eher das Staunen über die Schönheit und Größe der Natur. „Ho anthropos“ ist der griechische Begriff für Mensch. „Anthropos“ heißt frei übersetzt: das Wesen, das schaut und staunt über die Großartigkeit der Welt. Heute ist es vielleicht eher der Zweifel, die Leere oder gar die Verzweiflung, die den Menschen nachdenken und philosophieren lässt. So versucht der Mensch, sein Leben schrittweise zu bewältigen. Eines scheint deutlich zu sein: Es gibt eine Vielfalt der Zugänge zum Leben, jeder ist dort in seine Umgebung hineingeworfen und muss nun damit zurechtkommen. Aber sowohl das Schöne als auch die Grenzerfahrungen, die der Mensch macht, führen ihn über seine kleine Welt hinaus. In dem Maße er die Grenze als Grenze und das Endliche als endlich erkennt, ist er mit seinem Geist implizit schon darüber hinaus. Er steht schon in einem anderen, einem „absoluten Raum“, sonst könnte er die Grenze gar nicht als Grenze und das Endliche gar nicht als endlich erkennen. (Hegel) Der Mensch denkt über das Leben nach. Er fragt, warum die Dinge so sind. Dies ist eine Art zu philosophieren. Insofern ist jeder Mensch ein Philosoph. Der eine ist es mehr, der andere weniger. Der eine fragt nach dem Unerklärlichen, der andere nimmt es als gegeben hin. Der eine „muss“ nachdenken und will die Dinge verstehen, der andere versteht gar nicht, warum man sich so viele Gedanken macht. Er will das Leben einfach leben und genießen. Antworten auf die Fragen geben die Eltern, die Schule, die Universität, die Philosophie, die Wissenschaften, die Religionen, vielleicht auch die Theologie. 3. Der Mensch und seine Alltagserfahrungen Es verbindet offensichtlich alle Menschen miteinander, dass sie bestimmte Erfahrungen in ihrem Leben machen. Das sind Alltagserfahrungen, Erfahrungen von Freude und Trauer, von menschlichen Begegnungen, überschwänglichem Glück sowie Erfahrungen von Verzweiflung und Angst. All diese Erfahrungen betreffen den Menschen in seiner ganzen Existenz, es sind existenzielle Erfahrungen. Sie treffen den Menschen in seinem Zentrum, sie gelangen mitten ins Herz. Es sind Erfahrungen, die mit der Totalität seines Lebens zu tun haben. Spätestens hier geht es ums Ganze. Da kann es vorkommen, dass jemand vor Glück nicht weiß, wohin er damit gehen soll. Oder jemand ist verzweifelt und will nur noch sterben. Er weiß nicht ein noch aus, gibt alles aus der Hand und will nur noch aus diesem Leben verschwinden. Die schon erwähnte Philosophie der Grenzerfahrungen zeigt, wie der Mensch an seine Grenze stößt und nicht weiterweiß. Entweder er bringt sich um oder er ändert sein Leben und seine Einstellung zu ihm. Es kann auch sein, dass jemand überwältigt ist von der Schönheit eines Sonnenunterganges, der Faszination der Musik, der unglaublichen Dynamik einer Liebe. Es kann sein, dass er das alles einfach hinnimmt, es kann aber auch sein, dass er anfängt, darüber nachzudenken, was das alles bedeutet, was da auf ihn zukommt, und wie das alles zu erklären ist. Er macht sich Gedanken, er schreibt etwas auf. Diese Erfahrungen tauchen im Menschen auf. Es sind Erfahrungen des inneren Friedens, der Freude und der Lebensdynamik, aber auch der Zerrissenheit, der inneren Getriebenheit und der Unruhe. Ganz vorsichtig fragt jemand seinen Nachbarn, ob er diese Erfahrungen kennt. Niemand will allein sein mit seinen Erfahrungen. Plötzlich sind da mehrere mit ähnlichen Erfahrungen, man tauscht sich aus. Irgendwann schreibt jemand diese Erfahrungen auf. Sie könnten auch für andere Menschen interessant sein. Vielleicht tritt in diesen Erfahrungen etwas Grundsätzliches zutage, was viele Menschen betrifft. Sind diese Erfahrungen verallgemeinerbar? Manch einer fragt sich, ob es rein innerweltliche Erfahrungen sind oder ob sich in diesen Erfahrungen auch eine ganze andere Dimension zeigt, die das Menschliche übersteigt. Es gibt Erfahrungen, die über die menschliche Fassungskraft hinausragen und die der Mensch womöglich nicht versteht. Einzelne Menschen oder gar ein ganzes Volk bringen ihre Lebenserfahrungen mit dem Wirken einer absoluten oder personalen Macht in Verbindung. Sie glauben, dass manche Erfahrungen nicht anders erklärbar sind als mit dem Wirken des Absoluten, mit dem Handeln Gottes. Und das haben sie aufgeschrieben. So sind die Heiligen Bücher der Religionen entstanden und so auch die Bücher des Alten und Neuen Testamentes, die Bücher des Judentums und des Christentums. Die Frage ist, ob in diesen Büchern nur menschliche Erfahrungen und Gedanken aufgeschrieben sind, die die Menschen von damals betrafen, oder ob es denkbar ist, dass diese Erfahrungen allgemeingültig sind und in ihnen so etwas wie ein göttlicher Geist zu entdecken ist. Ob dem Menschen in diesen Schriften etwas entgegenkommt, das er sich selbst so nicht ausdenken kann und das seinen Horizont übersteigt. 4. Die Sehnsucht nach Liebe Ein Phänomen, das immer wieder die Fassungskraft des Menschen übersteigt, ist jenes der Liebe. Liebe ist zunächst Antwort auf das zuerst Geliebtwerden. Das Kind wird von der Mutter und den Eltern geliebt und lernt so ganz langsam, was Liebe ist. Es wird angesprochen und spricht zurück, es wird angeblickt und blickt zurück, es wird angenommen und kann langsam lernen, sich auch selbst anzunehmen. Es ist zunächst ganz passiv und kann zum Geliebtwerden nichts beitragen. Geliebtwerden meint hier idealerweise ein Angenommensein, ein zur Entfaltung-gebracht-Werden und nicht durch den Egoismus der Eltern in der Selbstwerdung Blockiertwerden. Mit zunehmendem Alter muss sich das Kind zu diesem Angenommensein und Geliebtwerden verhalten. Es kann sich positiv oder negativ dazu stellen, es kann die Liebe annehmen oder sie ablehnen. Wenn es geliebt wird, ist das positive Antwortengeben auf das Geliebtwerden das „Normale“. Es ist einfach ein Zulassen ohne Widerstand. Die Ablehnung des Geliebtwerdens erfordert eher einen Kraftaufwand. Der Mensch muss sich aktiv dagegen auflehnen. Er stemmt sich gegen etwas, was da ist, er weist aktiv etwas zurück was ihm „gratis“ entgegenkommt. Ist er nicht geliebt worden, kennt er das Gefühl des grundsätzlichen Angenommenseins nicht und es fällt ihm schwer, später eine neue Liebe zuzulassen, die er nicht kennengelernt hat. Angesichts des Nicht-geliebt-worden-Seins spürt er implizit, dass es eigentlich anders sein sollte. Also auch der Entzug von Geliebtwerden und Angenommensein weist darauf hin, dass es eigentlich so etwas wie Liebe geben sollte. Jeder Mensch kann im Laufe seines Lebens solche Erfahrungen des Nicht-geliebt-Werdens machen, aber er kann die Erfahrungen des Geliebtwerdens auch noch nachholen und so nachträglich etwas empfangen, was ihm nicht von Anfang an entgegengebracht worden ist. Das Kind lebt vom Du und vom Angenommensein durch den anderen. Jeder Mensch ist daher in seiner Biografie zunächst der Angesprochene, der Angeblickte, der Geliebte. Er wird angesprochen, bevor er selbst sprechen kann, er wird angeblickt, bevor er zurückblicken kann, er ist der Geliebte, bevor er lieben kann. Allerdings ist dieses Geschehen ein ständiger Dialog, und dieser Dialog verläuft nicht so sehr in einer zeitlichen Abfolge des zunächst Geliebtwerdens und des späteren Zurückliebens, sondern in einer ständigen Wechselwirkung mit unterschiedlichen Rollen. So stellt sich die Frage, ob man vom innerweltlichen Geliebtwerden und Angenommensein zurückschließen kann auf ein letztes Geliebtwerden und Angenommensein. Dieses Angenommensein sollte im Raum des Absoluten vollkommener und bleibender sein als das innerweltliche. Es sollte die reine Liebe sein ohne Mängel, ohne Fehler, ohne Zurückweisung und Enttäuschung, ohne Zerbrechen und ohne Ende. Denn innerweltliche Liebeserfahrungen haben immer auch mit den schmerzlichen Erfahrungen des Abnehmens der Liebe, des Zerbrechens der Liebe und dem Scheitern von Beziehungen zu tun. Diese schmerzlichen Erfahrungen bringen den Menschen zur Reife, sie zeigen ihm die Endlichkeit der Welt sowie die eigene Fehlerhaftigkeit. Aber implizit wünscht sich doch jeder Mensch, dass es nicht so sein sollte, dass es einen Zustand geben sollte, in dem eine tiefe Liebe nicht mehr zerbricht, dass Beziehungen gelingen und aller Streit ein Ende hat. Er sucht den Raum des Geborgenseins und Angenommenseins, des Nicht-mehr-Zerbrechens und des Nicht-mehr-enden-Könnens. Es ist die Sehnsucht nach einer Liebe, die bleibt und nicht mehr untergeht. Ob es diese letzte absolute Liebe gibt, kann der Mensch von sich aus nicht wissen. Er kann sie sich wünschen, er kann sie in den Himmel und in „Gott“ hineinprojizieren, aber er kann nicht wissen, ob es diese letzte Liebe „wirklich“ gibt. Ob es sie gibt, kann dem Menschen nur von ihr selbst her gezeigt werden. Sie selbst muss sich zeigen und offenbaren. Sie muss aus der Verborgenheit in die Ent-borgenheit heraustreten. Sie muss da sein und sich ent-decken lassen. Das heißt, dass die Decke der Verdeckung und Verborgenheit weggezogen werden muss hinein in die Ent-deckung und Unverborgenheit. Diese letzte Liebe muss sich zeigen und entdeckt werden. Das griechische Wort für Unverborgenheit heißt „aletheia“. Dies wird im Deutschen übersetzt mit „Wahrheit“. Liebe hat etwas mit Entdeckung, mit Unverborgenheit und mit Wahrheit zu tun. Liebe ist ein Geschehen zwischen Personen. Auch die letzte Liebe muss daher personalen Charakter haben. Gott ist die Liebe, heißt es im ersten Johannesbrief (1 Joh 4, 16b). Die Wahrheit ist in einem bestimmten Sinn ebenfalls ein dialogisches und personales Geschehen. Wahrheit hat man nicht, sondern Wahrheit ereignet sich und tritt im Vollzug des Lebens aus der Verborgenheit ans Licht. Dieses Sich-Zeigen ist ein Prozess, ein Weg. Dieser Prozess ereignet sich im persönlichen Leben und auch in der Weltgeschichte. Die Wahrheit zeigt sich aus der Sache und aus dem Vollzug heraus. Wahrheit bewahrheitet sich im Vollzug. Die Wahrheit hat also auch einen personalen Aspekt und einen Aspekt des Prozesses und des in Erscheinung-Tretens. „Ich bin die Wahrheit“ heißt es im Johannesevangelium (Joh 14, 6). Aus christlicher Sicht ist die Wahrheit personal und lebendig, sie zeigt sich im Vollzug. 5. Die Suche nach dem Absoluten Liebe ist großartig, aber Liebe wird auch enttäuscht. Im Enttäuscht-Werden und im Vertrauensbruch liegt eine tiefe Kränkung. Jemand ist vom besten Freund enttäuscht worden, womöglich wurde er sogar bewusst getäuscht oder verraten. Dieser Schmerz sitzt tief. Nach einer solchen Erfahrung können manche Menschen oft lange Zeit kein neues Vertrauen aufbauen oder bleiben gar ein Leben lang misstrauisch. Ist aber der akute Schmerz zur Ruhe gekommen, kann trotz allen Enttäuscht-Seins und in allem Zerbrochenen die Sehnsucht nach dem Nicht-enttäuscht-Werden, nach dem Unzerbrechlichen und nach dem Absoluten aufkeimen. Wenn gesagt wurde, dass der Mensch das Endliche nur deshalb als endlich erkennen kann, weil er schon im Raum des Absoluten steht, dann gilt dies in ähnlicher Weise für das hier Gesagte. Angesichts der Endlichkeit, des Mangels und der Fehlerhaftigkeit menschlichen Handelns erkennt der Mensch, dass es so nicht sein sollte. Er spürt intuitiv, dass es anders sein könnte, dass der Mensch dem anderen vertrauen können sollte, dass eine Liebe gelingen könnte und ein Vertrauen nicht immer gebrochen werden muss. Bezog sich die erste „Absolutheitsausrichtung“, (dass der Geist immer schon auf das Absolute ausgerichtet ist), auf das Erkennen, die Wahrheit und die theoretische Vernunft im Sinne Kants, bezieht sich die hier beschriebene Ausrichtung auf das Absolute im Bereich der Ethik und des Handelns des Menschen. Das Absolute zeigt sich indirekt auch hier im Bereich der praktischen Vernunft im Sinne Kants. Es geht um die Miterfahrung des Absoluten im Fehlerhaften des Handelns. Auch der Mangel weist indirekt auf das Positive und Absolute hin, sonst könnte man den Mangel nicht als Mangel erkennen. Im Hintergrund scheint das Gute, sogar das absolut Gute auf. Die Intuition sagt dem Menschen, dass all das Negative, das Mangelhafte, das Böse nur die eine Seite des Lebens sein kann, und dass all das, was ihm widerfahren ist, nicht in Ordnung ist, und dass es so nicht sein sollte. Angesichts dieser Erfahrung dieses Nicht-sein-Sollenden beginnt die Suche nach dem Darüber-Hinaus. Das Enttäuscht-Werden, das Zerbrechliche, der Schmerz und das Leid kann doch nicht alles gewesen sein. Da muss es doch noch etwas ganz anderes geben. Vielleicht wird später einmal alles anders, im Jenseits, drüben, nach dem Tod. So ist manch religiöser Glaube entstanden. Aber das hilft zunächst nichts für das Leben, diese Vertröstung auf das Jenseits. Damit macht man es sich zu leicht. Dennoch bleibt etwas Richtiges daran. Die Erkenntnis, dass die Welt ungerecht ist weist darauf hin, dass es so etwas wie eine ausgleichende Gerechtigkeit geben muss (wie immer sie aussieht). Nicht wenige religiöse Vorstellungen funktionieren so, dass man den Menschen auf die Zeit nach dem Tod vertröstet. Der Schurke und der Verbrecher können doch nicht ungestraft davonkommen, und der „Gute“ muss doch belohnt werden. Das innerweltliche Gutsein lohnt sich ja oft nicht, der Böse und der Rücksichtslose kommen viel besser durchs Leben, der Gute hat oft das Nachsehen. Dieses Ungleichgewicht muss irgendwie ausgeglichen werden, dass es dem Guten dann im Jenseits besser geht und der Böse bestraft wird. Sicher ist daran etwas Richtiges, aber es muss differenziert werden. Schon im Judentum ging es um Fragen der (ausgleichenden) Gerechtigkeit, und auch im Christentum wird danach gefragt, ob nach dem Tod ein Ausgleich für das irdische Leben stattfindet. Der Blick ins Jenseits ist verständlich, aber er birgt die Gefahr, dass man sich in dieser Welt nicht um die Gerechtigkeit und das Gute kümmert. Der Mensch wird auf das Jenseits vertröstet, aber es geht zunächst um das Leben in dieser Welt. Selbst wenn es kein Leben nach diesem Tod geben sollte, bleibt die Suche des Menschen nach dem Guten bestehen. Ob es das Gute gibt, kann er zunächst nur aus seinen innerweltlichen Erfahrungen heraus beurteilen. Er kann in all dem innerweltlich Schlechten das Gute finden, in all dem Vertrauen-Brechenden auch das Vertrauen-Schenkende. Es gibt offensichtlich auch dieses Gute und Vertrauen-Schenkende, es gibt Menschen, die es verkörpern, aber es ist oft leise und leicht zu übersehen. Und es gibt dieses Gute indirekt als den Aufschrei gegen das Böse, Schlechte, Verräterische, Vertrauen-Brechende. Innerweltlich wird es allerdings immer endlich bleiben. Es bleibt die Frage, ob es in all dem innerweltlich Guten einen Hinweis gibt auf das Gute an sich – und was dieses Gute an sich sein könnte. Die Suche nach dem Absoluten bleibt. 6. Das Absolute – Was ist das? Fragen nach dem Absoluten können philosophisch und theologisch beantwortet werden. Die philosophische Frage könnte lauten: Wie finde ich im Relativen des Lebens so etwas wie das Absolute. Geht das überhaupt, dass man im Relativen das Absolute findet? Zwei Zugänge wurden schon beschrieben. Der erste war der, dass der Geist des Menschen immer schon auf das Absolute ausgerichtet ist, da der Mensch das Endliche nur dann als endlich erkennen kann, wenn er schon im Raum des Absoluten steht. Sonst könnte er das Relative nicht als relativ erkennen. Der zweite war der, dass der Mensch angesichts des Schlechten, Bösen und Ungerechten implizit eine Ahnung hat, dass es doch das Gute und Gerechte geben müsste. Und drittens zeigt sich gerade angesichts dieser Ahnung etwas über die Struktur der Welt. Denn diese Welt ist asymmetrisch gebaut: Die Lüge ist die Abweichung von der Wahrheit, und nicht umgekehrt. Das Unglück ist die Abweichung vom Glück, die Ungerechtigkeit ist die Abweichung von der Gerechtigkeit, und nicht umgekehrt. Ohne dass der Mensch genau wissen muss, was die Wahrheit, was das Glück oder was die Gerechtigkeit ist, nimmt er doch unbewusst am Positiven Maß, um sich zu orientieren. Er bezeichnet das Positive als Wahrheit und den Mangel als Lüge, er ist auf der Suche nach dem Glück und erkennt vor diesem Hintergrund sein Unglück. Er empfindet etwas als ungerecht, und das kann er nur, weil er eine Ahnung von Gerechtigkeit hat. Ohne das implizite Maßnehmen am Positiven kann der Mensch sich in der Welt nicht zurechtfinden. Er kann nicht von Lüge zu Lüge und vom Bösen zum Bösen fortschreiten. Natürlich gibt es das leider in der Welt, aber jeder sieht sofort ein, dass es so nicht sein sollte. Daher ist das Böse als Mangel an Gutem beschrieben worden. (Thomas von Aquin) Man müsste es wohl noch zuspitzen: Das Böse ist das pervertierte Gute, es kommt oft unter dem Anschein des Guten, verdreht die Dinge, zieht seine Kraft aus dem Guten und wendet sich gegen den Menschen. Daher ist es so bedrohlich und zerstörerisch. Letztlich ist in allem Endlichen und Falschen doch das Richtige und Absolute still und unbemerkt implizit anwesend. Es ist irgendwie da, man kann es aber nicht genau fassen. Man kann sekundär darauf reflektieren, dass es die Gegenwart und Anwesenheit eines unausgesprochenen Horizontes ist, der in all den Bewertungen, die der Mensch vornimmt, gegenwärtig ist. So hat das Absolute auch einen Hang zum Bleibenden. Der Mensch möchte den Moment des größten Glückes festhalten. Er weiß, dass es wieder vergeht, aber er möchte es festhalten, er möchte, dass es bleibt, am liebsten ewig: „Möcht ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön“, heißt es bei Goethe; und bei Friedrich Nietzsche: „Alle Lust will Ewigkeit.“ Das Absolute will Ewigkeit, der Mensch findet immer wieder ein Stück Ewigkeit in der Zeit, das Absolute weist hin auf diese Ewigkeit, es ist eine Art Zeitlosigkeit und Raumlosigkeit. Es ist einfach da, still und unbemerkt, implizit in den Dingen und im Relativen. Es ist anwesend und da, scheu und zerbrechlich, geradezu verborgen und hilflos, aber es ist da. Und es ist anders da als ein Baum oder ein Mensch. So ist das Absolute zunächst in den Phänomenen versteckt „da“ und man muss es eigens ans Licht holen, um es zu erkennen. Es ist still und unaufdringlich. Man muss sich ihm ausdrücklich zuwenden. Neben der Suche nach dem Absoluten in den Dingen hat der Mensch auch immer gesucht nach dem Absoluten hinter dieser Welt, hinter den sichtbaren Dingen oder jenseits des Todes. Es kann die Vorstellung sein, dass in der Welt Kräfte wirken, die der Mensch nicht erklären kann. Es könnten Engel und Dämonen am Werk sein, Schicksalsmächte und Dunkles, vielleicht auch ein guter Gott. Es kann die Vorstellung einer ausgleichenden Gerechtigkeit im Jenseits sein, die Auffassung von der Unsterblichkeit der Seele, jene von der Auferstehung von den Toten oder vom Paradies, es kann die Auffassung von Wiedergeburt oder Reinkarnation sein. All dies sind Vorstellungen, die über das Innerweltliche und den Tod hinausgehen, sind der Blick ins Unendliche und absolute Sein. Offensichtlich liegt im Menschen und in den Dingen dieses Streben nach dem „Darüber hinaus“. So stellt sich die Frage nach dem Finden des Absoluten in den Dingen und nach dem Finden des Absoluten jenseits von den Dingen. Die Suche nach dem Absoluten in den Dingen ist dem Menschen indirekt möglich (das Absolute im Relativen, das Unsichtbare im Sichtbaren, das Unendliche im Endlichen, das Gute im Bösen), die Suche nach dem Absoluten, das explizit als Grund der Welt in dieser Welt auftritt, kann der Mensch zwar unternehmen, aber er wird keine endgültigen Antworten bekommen. Es ist die Frage, wie der Mensch „wissen“ kann, ob es dieses Absolute hinter allem und als Grund von allem geben kann, ob da etwas Größeres ist oder nicht vielmehr nichts. Die Frage ist auf einen ersten Blick nicht schwer zu beantworten: Denn das, was den Menschen und seine Erkenntnis übersteigt, kann er zunächst nicht wissen. Das ist ja genau das Problem, dass er etwas erahnt von einer anderen Dimension, die er nicht ausdrücklich erkennen kann. Er sehnt sich nach etwas ganz Anderem, von dem er nicht weiß, ob es das gibt. Wie aber bekommt er Zugang zu dem, was er nicht kennt und von dem er nicht genau weiß, ob es das gibt? Dieses „Jenseitige“ übersteigt die Erkenntnisfähigkeit des Menschen, da es ja gerade mehr sein soll als all das, was der Mensch aus sich heraus in dieser endlichen Welt erfassen kann. Hier gibt es wohl nur eine einzige Lösung: dass dieses Jenseitige sich von sich aus zeigen muss, dass es in Erscheinung treten muss. Es muss sich von sich her zeigen, sonst kann der Mensch nicht wissen, ob es das gibt. Anders gefragt: Gibt es neben der Erscheinungsweise des Absoluten in den Phänomenen auch noch eine ganz andere Erscheinung des Absoluten im Relativen, die sich explizit zeigt und aus der Verborgenheit hervortritt? Kann der letzte Grund von allem sich ausdrücklich in dieser Welt zeigen? Bevor auf diese Frage eingegangen wird, sollen noch andere Fragen des Menschen auf der Suche nach dem Absoluten und dem Unerklärlichen behandelt werden. 7. Der Mensch auf der Suche nach dem Unerklärlichen Neben der Suche nach dem Absoluten hat das Denken der Menschen immer schon versucht, das Unerklärliche zu erklären. „Der Mensch strebt von Natur aus nach Erkenntnis“, so heißt es im ersten Satz der Metaphysik von Aristoteles. Und das ist gut so, könnte man sagen. Der Mensch will verstehen, wie die Welt funktioniert, welche Kräfte in ihr wirken und was die Welt im Innersten zusammenhält. (Goethe) Er sucht Erklärungsmodelle für die Welt. Mit seinem Geist versucht er, die Natur zu verstehen. Er will einerseits wissen, wie sie funktioniert, und andererseits will und muss er sie gestalten. Er gestaltet Natur, um von ihren Gewalten nicht zermahlen zu werden. Aber über diese Naturbeherrschung hinaus will er sein Denken und Fühlen auch ausdrücken in Musik, Wort, Bild, Skulptur und Gebäuden. Er schafft Kultur. Er denkt nach über den Tod, er wird mit Fragen konfrontiert, die er nicht lösen kann, es bleibt immer ein Rest des Unerklärlichen. Auch im Bereich moderner Naturwissenschaften tauchen mit einer beantworteten Frage 20 neue Fragen auf. Das Nichtwissen wird mit jedem Wissen größer. Es steigt nahezu exponentiell. Das Leben und seine Interpretationen entziehen sich dem vollständigen Zugriff. Da man lange Zeit in der Geschichte keine naturwissenschaftlichen Erklärungen für Naturphänomene hatte, hat man oft Göttergeschichten „erfunden“, die das Unerklärliche und Unverständliche irgendwie erklärbar und „fassbar“ machen. Man findet diese Göttergeschichten in Mythen und Mythologien. Womöglich sind aber auch diese „Geschichten“ nicht nur aus der menschlichen Perspektive erfunden worden, sondern es wirkte in ihnen schon ein anderer (göttlicher) Geist. Religionen sind keine reine Philosophie. Allerdings kann man argumentieren, dass wohl auch in einer platonischen oder aristotelischen Philosophie bereits ein göttlicher Geist gewirkt hat. Bereits an dieser Stelle stellt sich die Frage, wie der Begriff der Religion zu definieren ist (was hier nicht geleistet werden kann) und wie menschliches und göttliches Wirken zusammenwirken. So war man auf der Suche nach dem Unerklärlichen und belegte dieses mit Göttergestalten. Denn hatte man das Unerklärliche erst einmal personifiziert und einen Götternamen dafür gefunden, konnte man diese Götter anbeten, ihnen etwas opfern und sie gnädig stimmen. Sollten Göttergestalten für die Kräfte der Natur stehen, kann man die zerstörerischen oder erhaltenden Kräfte in der Natur besser „bändigen“. Mit Hilfe der Opfer für die Götter konnte man sie selbst und damit auch die Natur „gnädig stimmen“ und ihrer besser „Herr“ werden. Man konnte Rituale entwickeln für die Anbetung oder das Opfer für die Götter. Diese Zeiten der vielen Götter sind in der westlichen, naturwissenschaftlich geprägten Welt weithin vorbei, wenngleich sich auch im Christentum noch Relikte dieser Vorstellungen finden. Heute versucht man das Unerklärliche mit Hilfe der (Natur-)Wissenschaften zu erklären. Man stellt bestimmte Hypothesen auf und versucht diese mit naturwissenschaftlichen Methoden zu bewahrheiten (verifizieren) oder abzulehnen (falsifizieren). Die alten Göttergestalten, die Platzhalter für das Unerklärliche waren, sind in den Hintergrund getreten. Bestimmte Gottesvorstellungen sind von den Naturwissenschaften verdrängt worden. Viel Unerklärliches ist erklärbar geworden. Wenn naturwissenschaftliche Erkenntnisse derartige Gottesvorstellungen zurückdrängen, dann scheinen sich Gottesvorstellungen im Lauf der Zeit zu ändern. So lief es auch in der Geschichte. Von Naturreligionen über die „Vergöttlichung“ von Unerklärlichem verlief die Geschichte über den Vielgötterhimmel des Hinduismus, der in anderer Weise auch in der griechischen Philosophie und im Umfeld des Volkes Israels zu finden war, hin zum Eingottglauben des Volkes Israel. Die Suche nach dem Unerklärlichen ragt auch über den Tod hinaus. Der Tod ist für den Menschen dunkel und undurchdringlich, er weiß nicht, was dahinter ist. Gleichzeitig ragt der Mensch mit seinem Denken über den Tod hinaus, aber er bekommt von drüben keine Antwort. Das Dunkel des Todes wird nicht erhellt. Allein die menschlichen Gedanken ragen darüber hinaus und machen sich Vorstellungen vom Jenseits. Angesichts der Endlichkeit und des Todes entsteht auch das Nachdenken über ein Leben nach dem Tod. Und wiederum sind es die Religionen, die nicht nur über das Unerklärliche in der Welt und über ihre Gottesvorstellungen reflektieren, sondern auch über ein Weiterleben nach dem Tod: in Asien im Zusammenhang mit Reinkarnationsideen, im Judentum im Kontext mit Vorstellungen einer ausgleichenden Gerechtigkeit für die Ungerechtigkeiten dieser Welt (die Jenseitsvorstellungen entwickeln sich im Volk Israel erst relativ spät in den Makkabäerbüchern), im Christentum über ein Sein bei Gott in Form einer leiblichen (nicht körperlichen!) Auferstehung, im Islam mit Paradiesvorstellungen. Im Folgenden soll nun zusammengefasst werden, ob sich aus dem bisher Dargestellten einige plausible Gottesvorstellung entwickeln lässt und sich richtige von falschen Gottesvorstellungen trennen lassen. 8. Annäherungen an plausible Gottesvorstellungen Wenn man die Suche des Menschlichen nach dem Absoluten, seine Suche nach dem Unerklärlichen, seine Sehnsucht nach Bleibendem, seine Sehnsucht nach Liebe und Angenommensein und seine Sehnsucht nach Unzerstörbarem über den Tod hinaus zusammendenkt, kann man versuchen, sich heranzudenken an Gottesvorstellungen, die für ihn einigermaßen plausibel sind. Mancher Mensch setzt einfach voraus, dass es einen Gott „gibt“. Aber woher weiß er das? Schafft er sich nicht seinen Gott nach seinem Bild? Erfindet er nicht einen Gott nach den Kriterien, die seiner Sehnsucht entsprechen? Vielleicht sind diese Vorstellungen auch Ausdruck davon, dass er mit dem Leben nicht zurechtkommt und Angst hat vor dem Leben oder dem Tod? Möglicherweise will er auch jemanden verantwortlich machen für das Chaos und das Leid in der Welt? Wie kommt der Mensch von seinem erfundenen und gedachten Gott zum „wahren“ Gott? Wie kommt er von dem Gott, den er selber projiziert hat, (Feuerbach) zu jenem Gott, der „wirklich“ da ist, der „existiert“, und der das Sein im Innersten zusammenhält? Wie schafft er den Überstieg aus seiner menschlichen Perspektive hinein in jenen Raum, der wirklich der Raum Gottes selbst ist? Kann der Mensch überhaupt in jene andere Dimension Gottes hineinkommen, so dass er tatsächlich von Gott her auf die Welt schaut? Anders gefragt: Wie kann „Gott“ den Menschen hinüberziehen auf seine Seite, sodass der Mensch von dort her die Welt und die eigene Existenz betrachtet? Die erste Frage nach Gott geht – so hatten wir schon gesagt – vom Menschen aus. Es ist die philosophische Frage nach dem Absoluten. Die zweite Frage ist, ob es dieses Absolute gibt und wie dieses Absolute in dieser Welt „da“ ist. Die dritte Frage ist, wie man es findet. Die vierte, ob das Absolute indirekt da ist oder direkt, ob es personal ist, apersonal oder sächlich. Diese Fragen wurden bisher schon teilweise beantwortet. Die zentrale Frage aber ist, ob es denkbar ist, dass dieses Absolute über das indirekte und implizite Dasein in den Dingen auch explizit selbst in Erscheinung treten und mit dem Menschen Kontakt aufnehmen kann. Kontakt aufnehmen mit dem Menschen kann nur ein Wesen, das mindestens die „Ausstattung“ des Menschen hat: Es muss Geist, Vernunft, Verstand und möglichst auch Gefühl und Gespür haben. Es müsste ein personales Gegenüber sein, das von sich selbst sagen kann, welche Eigenschaften es besitzt. Es müsste sich in einem ersten Schritt dem Menschen zeigen und bekannt geben, dass es da ist und als personales Gegenüber in Erscheinung tritt. Zweitens müsste es über das Bekenntnis seines Daseins hinaus auch etwas über sein So-sein aussagen, nämlich wie es ist, ob es gut oder böse, barmherzig oder unbarmherzig, liebend oder strafend ist. Es müsste schrittweise sein Innerstes preisgeben. Es müsste sich offenbaren. Sonst wären es wieder nur menschliche Projektionen. Wenn man die Frage stellt, ob dieses Absolute abstrakt oder konkret, implizit oder explizit ist, ob es sächlich ist wie ein Schicksal, personal mit bestimmten Eigenschaften oder apersonal, dann kann man zunächst auf die Sprache rekurrieren, denn diese stellt nur eine gewisse Auswahl zur Verfügung: Ich, du, er, sie, wir, ihr, sie sind personale Pronomina, die für Personen stehen, „es“ ist ein sächliches Pronomen wie zum Beispiel „das Schicksal“. Das Apersonale als dritte Möglichkeit könnte man als die Öffnung auf das nichtthematisierte Personale bezeichnen. Wenn man in den Meditationen des Zen-Buddhismus leer werden soll und sich gerade nicht einem Du zuwendet wie in einem Gebet (das auch sehr still und ohne Worte sein kann), dann kann dieses Leer-Werden Raum schaffen für das Sein und eine unthematisierte Öffnung darstellen auf ein nicht thematisiertes „Du“. An dieser Stelle kann der Mensch sich offensichtlich entscheiden, was ihm plausibel erscheint. Er kann an eine Schicksalsmacht glauben, die er nicht beeinflussen kann und die alles Mögliche bewirken kann in dieser Welt, Gutes und Böses, Krankheit und Gesundheit, Glück und Unglück, Heil oder Unheil. Er kann sich auch durch das Leer-Werden einem apersonalen Sein öffnen, das da anwesend ist und alles durchwirkt. Er kann dieses Sein und den Grund allen Seins aber auch mit einer personalen Macht verbinden, die gut ist. Ob es diese Macht gibt, ob sie gut ist und ob sie die Wahrheit ist, kann man indirekt erschließen, letztlich wissen kann man es erst, wenn diese „Macht“ sich selbst dem Menschen zeigt. Das Gute müsste sich als der Gute in der Welt zeigen. So entwickelt sich hier ein Dialog: Der Mensch kann seine Plausibilitäten durchgehen: ob es plausibler ist, an irgendein höheres unberechenbares Wesen zu glauben, das hinter allem steht, an ein Du, das denkt und einen Willen hat – oder an etwas Apersonales oder an ein Nichts. Und wenn er sich entschließt, zum Beispiel an ein personales Du zu glauben, das es gut mit dem Menschen meint, das seiner Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit, Sinnfindung und Ewigkeit entgegenkommt, dann kommt es offensichtlich nur noch darauf an, dass dieses Du, das der Mensch sich erhofft, ihm auch tatsächlich aus der göttlichen Welt entgegenkommt. Dieses letzte Gute müsste alles innerweltlich Gute übersteigen und Urheber all des Guten sein. Selbst wenn der Mensch an nichts glaubt, wird er sich doch schwertun, zu leugnen, dass – wie schon ausgeführt – man sich am Positiven orientieren muss, um das Negative als negativ zu erkennen, und am Absoluten, um das Relative als relativ zu verstehen. So zeigen sich schon aus einer innerweltlichen Logik bestimmte Asymmetrien und legen bestimmte Attitüden des Absoluten nahe. Es gibt schon in dieser Welt Hinweise, dass nicht alles gleich gültig ist, dass es Unterschiede und Orientierungsmöglichkeiten für eine Ausrichtung in der Welt gibt. Wenn der Mensch auf der Suche nach dem Absoluten ist, legen sich Werte wie Wahrheit und Güte, Lebensbejahung und Sinnfindung, Logik des Geistes sowie Personalität mit Vernunft und Willen für dieses Absolute nahe. Inwieweit ein apersonales Denken das personale überragen kann, soll hier nicht diskutiert werden. So verhält sich der Mensch in allem, was er tut, irgendwie zu diesem absoluten Horizont des Seins unabhängig davon, ob dieser Horizont sich seinerseits zeigt. Dieser unthematische Horizont, der immer da ist, muss eigens thematisiert werden. Damit tut der Mensch sich schwer, denn seine Weltinterpretation ist heutzutage weithin eine naturwissenschaftliche. Aus dieser „Welterklärungsformel“ versucht er sein Leben zu verstehen. Und zu dieser Welterklärung gehört manchmal auch die Frage nach Gott. Aber hier wird es schon schief. Denn hier wird Gott zu etwas Zusätzlichem zur Welt gemacht statt ihn zu sehen als denjenigen, der in allem anwesend ist. Er ist in allem anwesend „da“ und gleichzeitig jenseits von allem, er ist der Grund von allem. So muss der Mensch vor allem an seinen Gottesbildern arbeiten. Denn den Gott, den es in der Vorstellung des Menschen „gibt“, den gibt es womöglich gar nicht. Wenn es Gott als Gott gibt, dann ist dieser anders als die Vorstellung des Menschen von ihm. Die Projektion des Menschen aus seiner Perspektive in Gott hinein kann immer nur zu einem „Übermenschen“ führen, niemals aber zu dem Gott als Schöpfer, Grund und innerste Mitte dieses unglaublichen Universums vorstoßen. So wie sich Gottesbilder in der Geschichte immer wieder ändern, so ändern sich auch die Gottesvorstellungen in der Biografie des Einzelnen. Man müsste herausarbeiten, in welchen Lebensphasen welche Gottesbilder auftauchen. Vielleicht sind es zunächst ganz kindliche und naive Gottesbilder, dann kritische Hinterfragungen, dann unbewusste und unreflektierte Übernahmen von Gottesvorstellungen der Eltern, aus der Tradition, schließlich vielleicht durchreflektierte und für sinnvoll erachtete, aufgeklärte Gottesvorstellungen, oder auch totale Ablehnungen. Bei Letzterem muss man fragen, welcher Gott oder welche Gottesvorstellungen eigentlich abgelehnt werden. Meistens wird ein Gott abgelehnt, den der Mensch sich selbst gemacht hat und den es gar nicht gibt. Oft gibt es auch die Haltung des „Ich weiß nicht“ (Agnostiker) oder des „Es-ist-mir-egal“ bis hin zu der Äußerung, dass Menschen sagen: „Wir glauben nicht an Gott, wir sind auch keine Atheisten, wir sind einfach ganz normal.“ 9. „Falsche“ und „richtige“ Gottesvorstellungen So kann man zusammenfassend noch einmal nach richtigen und falschen Gottesbildern Ausschau halten. Es war von den Projektionen des Menschen die Rede, dass er sich einen Gott nach seinem Bild entwirft. Dasselbe Phänomen gibt es auch zwischen Menschen. Der Mensch macht sich ein Bild vom anderen. Wenn er sich aber ein Bild vom anderen macht, kann er diesen anderen nie als den wirklich anderen erfassen. Er wird ihn immer nur so sehen, wie er ihn sich durch seine eigene Brille vorstellt. So findet keine wirkliche Begegnung statt. Begegnung heißt, sich immer wieder vorgefertigte Bilder korrigieren zu lassen, dadurch seine Vorstellungen vom anderen abzubauen und den anderen langsam als den wirklich anderen zu erkennen. Diese Projektionen geschehen auch im Verhältnis des Menschen zu Gott. Mit den vorgefertigten Gottesbildern wird man aber Gott nie als Gott erkennen lernen. Ein gute religiöse Erziehung sollte darauf abzielen, beide Projektionen im Laufe des Lebens langsam abzubauen: die Projektion des eigenen Bildes in den anderen Menschen hinein, das dem anderen als dem anderen niemals gerecht werden kann, und die Projektion in Gott hinein, die nie Gott als Gott erreicht und oft nur einen Götzen hinterlässt. Daher heißt es schon im Alten Testament: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen.“ (Ex 20, 4) Und an anderer Stelle: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege“ (Jes 55, 8), und: „So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ (Jes 55, 9) Ohne Bilder kommt der Mensch aber nicht aus, er lebt in Bildern und Vorstellungen. Es ist daher eine lebenslange Aufgabe, sich immer wieder von diesen Bildern zu verabschieden: Man muss sich die Bilder vom Mitmenschen, aber auch von Gott immer wieder korrigieren lassen. Max Frisch hat herausgearbeitet, dass es das Ende der Liebe ist, wenn der Mensch sich ein Bild vom anderen Menschen macht und ihn in dem Sinne „feststellt“. Die Feststellung: „So bist du eben“, ist das Ende der Liebe. Es ist – meint Frisch –, gerade so, dass wir von dem Menschen, den wir lieben, am wenigsten sagen können, wer er ist. Wir lieben ihn einfach. Das Ende der Liebe ist dann gekommen, wenn wir meinen, sagen zu können, wer der andere ist: So bist du eben. Ich bin mit dir fertig. Liebe hat also etwas mit der Schwebe des Lebendigen zu tun, mit dem Nicht-ganz-fassen-Können des anderen Menschen, dem Nicht-ganz-erfassen-Können von sich selbst und letztlich auch mit dem nicht Erfassen-Können des Göttlichen. Diese Schwebe des Lebendigen muss man aushalten lernen. Es ist geradezu wie das Gehen oder Schweben über das Wasser ohne feste Haltestricke. Diese Schwebe hat etwas zu tun mit der Dynamik des Lebens, mit dem Sich-Entwickeln, dem Weiter-Streben, dem Sich-Übersteigen, dem je neu Entdecken und Entdeckt-Werden. Diese etwas verunsichernde Entdeckungsreise gelingt wiederum nur mit einer festen inneren Anbindung an den Grund allen Seins und in einer festen Verankerung im Absoluten, in dem, den die Christen Gott nennen, der innerlich Halt und Stand bietet trotz aller Veränderungen. Gerade die Liebe soll versuchen, die Veränderungen mitzugehen und die selbstgemachten Bilder vom anderen langsam abzubauen. Sie soll sich bemühen, den anderen Menschen, der diese Veränderung durchmacht, aber auch den Unbekannten, mehr und mehr zu entdecken und zu „verstehen“. Auch sich selbst soll der Mensch durch all die Veränderungen hindurch besser verstehen lernen. Das Eigenartige ist: Wenn man zum Beispiel ein fröhlicher Mensch ist, dann wird man auf Dauer dieser fröhliche Mensch nur bleiben, wenn man sich innerlich immer wieder verändert und weiterentwickelt. Menschen sagen: Bleib, wie du bist. Daran ist etwas richtig: Man soll so fröhlich bleiben, wie man ist, aber das geht nur, wenn man sich innerlich verändert, weiterwächst und mit dem Lauf des Lebens mitgeht. Was für Menschen gilt, gilt auch in ganz anderer (analoger) Weise für den letzten Grund des Seins. Der Mensch soll sich kein Bild von Gott machen, da Gott sonst immer in die kleine Welt des Menschen gepresst wird. Ein solches Gottesbild kann Gott nicht Gott sein lassen, sondern macht eine Karikatur aus ihm. Aus falschen Gottesbildern kommen viele „Atheismen“. Viele Atheisten kämpfen gegen selbstgemachte, verzerrte und falsche Gottesbilder. Sie lehnen einen Gott ab, den es nicht gibt. Sie wenden sich von einem Gott ab, den sie sich selbst zusammengebaut haben. Dieser „Gott“ hat mit dem „wahren“ Gott nichts zu tun. Denn den Gott, den es gibt, gibt es nicht, so ähnlich hat es Dietrich Bonhoeffer formuliert. Dieser Gott, den es gibt, ist jener Gott, von dem wir uns ein Bild gemacht haben, der so in der Welt vorkommen soll wie ein Baum oder ein Mensch, und den es so geben soll, wie wir ihn gerne hätten. Er soll verdinglicht werden, damit man ihn gebrauchen kann. Er soll dem menschlichen Willen gehorchen. Gerade so aber kommt Gott in der Welt nicht vor. Er ist zunächst der Namenlose, der Jahwe des Judentums, dessen Namen man nicht aussprechen und von dem man sich kein Bild machen soll. Er ist das verschwebende Schweigen, das sich langsam beginnt zu zeigen, sich zu äußern und in die Öffentlichkeit tritt. Vielleicht kann man im Schweigen des Zen-Buddhismus eine Ahnung von diesem schweigenden Gott bekommen. Später wird er sich in der Gestalt eines Menschen zeigen. 10. Das Absolute als Person So kommen wir zurück zu der oben zurückgestellten Frage, ob es möglich ist, dass der letzte Grund von allem und das Absolute, das in allem gegenwärtig „da“ ist, sich auch ausdrücklich, explizit und „persönlich“ in dieser Welt zeigen kann. Und da muss man sagen: Genau davon geht das Volk Israel aus, dass der letzte Grund von allem, das ewige Schweigen, das Absolute und das Unerklärliche sich selbst in dieser Welt gezeigt hat. Das ist die eigentliche Revolution in der Religionsgeschichte. Es sind nicht mehr die vielen Götter, die die Menschen sich entworfen haben (selbst wenn ihre Vorstellungen schon von einem göttlichen Geist getrieben waren), es sind auch nicht mehr die „falschen Gottesbilder“, die der Mensch sich gemacht hat, sondern es ist der eine Gott Jahwe selbst, der aus seiner dunklen Verborgenheit ans Licht tritt. Er allein hat die Macht, sich selbst zu zeigen und damit alle anderen Vorstellungen von Gott, die der Mensch sich macht, zu übertreffen. Er übertrifft alle Vorstellungen des Menschen von ihm und verkehrt sie zum Teil sogar ins Gegenteil. Dieser letzte Grund spricht und handelt. Er bewirkt etwas. Insofern hat er Züge, die dem Menschen bekannt sind. Was sprechen und handeln heißt, weiß der Mensch aus seiner eigenen Erfahrung. So ist dieser Gott „bekannt“ und unbekannt zugleich, er ist dem Menschen nah, indem er spricht und handelt, und er ist fern und unverständlich zugleich. Dieser Gott ist Geist und er bewirkt etwas: Er schafft die Welt und schafft Ordnung: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.“ (Gen 1, 1) Der Geist Gottes schwebte über den Wassern wie eine Henne über ihren Eiern brütet. So wurde aus dem Tohuwabohu (das griechische Wort dafür ist Chaos) eine geordnete Welt. Es wurde aus dem Nichts etwas ins Sein gesetzt (creatio ex nihilo), und aus dem Chaos Ordnung geschaffen. Durch Gottes Wort, durch seinen Logos („Logos“ heißt Wort, aber auch Logik, Sinn, Urvernunft) wird etwas ins Sein gesetzt: „Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.“ (Gen 1, 3) Dieser göttliche Geist ist also der Urheber und Urgrund des Seins, er ist Logik, Vernunft und Wort, er hat aber auch Emotionen. Er spricht und denkt, aber er zürnt auch (Gen 6, 6) und hat Gefallen an etwas. Damit ist er auch Urheber des menschlichen Geistes, genauer des Menschen als Ganzes mit seinem Denken und Fühlen. Er hat diese Welt hervorgebracht in dem, was Schöpfung genannt wird. Der Gott Jahwe wird also gesehen als jemand, der spricht, der handelt, der etwas bewirkt und so der Urheber von allem ist. Er ist der Schöpfer, er versteht sich aus sich selbst heraus, er ist ohne Anfang und ohne Ende, aber er kann Anfang und Ende, Raum und Zeit setzen, und so hat die endliche Welt einen Beginn und wohl auch ein Ende. Ebenso hat das Leben des einzelnen Menschen einen Beginn und ein Ende. So ist die Auffassung von Raum und Zeit von einer gewissen Linearität geprägt (Anfang, Beginn und Ende), während asiatische Reinkarnationslehren eher eine zirkuläre Zeitauffassung vertreten. Die jüdische Auffassung dessen, den die Juden Jahwe nennen, ist jene eines personalen Gegenübers, das sich aus sich selbst heraus versteht, das aus sich selbst heraustritt und den Menschen anspricht, so dass der Mensch umgekehrt auch ihn ansprechen kann. Der Mensch kann zu diesem Gott beten, er kann ihn anbeten, anrufen und verherrlichen, er kann ihm aber auch seine Not, sein Wehklagen und sein Hadern entgegenbringen. Die Psalmen im Alten Testament geben davon Zeugnis. 11. Der Gott des Alten Testamentes Noch einmal kann man hier rückfragen, ob das nicht alles eine Projektion des Menschen ist. (Feuerbach) Ob das alles wirklich so war, kann doch niemand sagen. Niemand hat Gott je gesehen, heißt es im Alten Testament, also könnten doch die ganzen Geschichten auch Erfindungen des Menschen sein. Das Alte Testament ist ja von Menschen über viele Jahrhunderte aufgeschrieben worden. Es ist in vielen Psalmen und Geschichten die einfache Schilderung der Not des Menschen. Er schreit sie zum Himmel, er weint, er jammert, er klagt. Die einzige Frage lautet: Kommt dem Wehgeschrei des Menschen von Jahwe her Hilfe zu? Und darauf gibt das Alte Testament eine klare Antwort: Ja, Gott hat unser Schreien erhört. Er hat nicht alles Leid von uns genommen, aber er hat geantwortet und er hat uns von unseren Fesseln befreit, speziell von den Fesseln der Gefangenschaft in Ägypten. (Ex 3, 7) Und diese Befreiungstat ist für das Volk Israel nicht anders zu erklären als mit einem Eingreifen Gottes in die Geschichte. Diese Erfahrung des Handelns Gottes ist so überwältigend, dass das ganze Volk davon berichtet. Das ist bis heute das große Fest in Israel: das Pessahfest, die Befreiung des Volkes Israel aus der Knechtschaft Ägyptens. (Ex 20, 2) Diese ist nur zu erklären mit dem Handeln Gottes, der dem Volk signalisiert: Ich bin da, (Ex 3, 14) es gibt mich, ich handle an dir und ich bin der einzige Gott, der diese Macht hat, dir zu helfen. Diese Macht haben die vielen anderen Götter nicht. Das ist die Kurzbotschaft Gottes an den Menschen. Diese Erfahrung des befreienden Handeln Gottes muss für das Volk Israel so überwältigend gewesen sein, dass es daraus alle seine anderen Zugänge zu Gott ableitet. Aus dieser Erfahrung heraus wird das Alte Testament über mehrere hundert Jahre hinweg verfasst. Es sind die Hinterlassenschaften der Erfahrungen eines Volkes, das seine Erfahrung von der Befreiung nicht anders interpretieren kann als mit dem gewaltigen Handeln Jahwes. Er ist in unsichtbarer Ferne, sein Name darf nicht genannt werden und man soll sich von ihm kein Bild machen. Er ist der Unaussprechliche, Unsichtbare, Bildlose, aber er hat als Einziger diese gewaltige Macht, sein Volk gegen alle Widerstände zu befreien. Er handelt an seinem Volk, schließt einen Bund mit ihm und führt es aus der Knechtschaft Ägyptens in die Freiheit hinaus. Er vermittelt seinem Volk, dass er dessen Knechtschaft nicht ertragen kann, dass er Mitleid mit ihm hat und es befreien will. Gleichzeitig schärft er diesem Volk ein, dass es diese Freiheit nur dann aufrechterhalten kann, wenn es an der Erhaltung dieser Freiheit mitarbeitet und sich an einige Regeln hält. Diese Regeln sind die Zehn Gebote. Sie dienen der Freiheit des Volkes und jedes einzelnen Menschen. Diese befreiende Tat Gottes führt zur Handlungsfreiheit des Menschen. Diese äußere Befreiung wird später im Christentum fortgesetzt hin zur inneren Befreiung jedes einzelnen Menschen von seiner inneren Knechtschaft. Es geht hier religionsgeschichtlich um den Umbruch vom gedachten und projizierten Gott hin zu jenem Gott, den es „wirklich“ gibt. Es ist der Umbruch geschehen vom gedachten, vorgestellten und in den Himmel hineinprojizierten Gott hin zum wahren Gott, der sich selbst zeigt, der da ist („Ich-bin-da“) und der in dieser Welt handelt. Das Volk Israel geht davon aus, dass es möglich ist, dass der letzte Grund allen Seins, also der Schöpfer des gesamten Universums, anfängt, sich selbst zu zeigen und den Menschen anzusprechen. Das Sein und das Absolute haben sich schon immer ausgedrückt in dem Seienden, in den Dingen und den Ereignissen der Welt. Das Neue aber ist, dass jetzt nicht mehr nur das Sein im Seienden „spricht“, sondern dass der Grund von allem, der Schöpfergott selbst, der allem Sein zugrunde liegt, anfängt zu sprechen und zu handeln. Er ruft das Volk und einzelne Menschen in einen besonderen Dienst (Abraham, Moses, die Propheten). Jahwe tritt aus seinem Versteck heraus und erweist seine Macht gegenüber allen anderen Göttern und Völkern durch seine Befreiungstat. Besonders dieses machtvolle Handeln überzeugt das Volk, dass hier Gott selbst am Werk sein muss. Daher sprechen auch alle Befreiungsgeschichten (Auszug aus Ägypten, Durchzug durchs Rote Meer) von der gewaltigen Befreiungstat Gottes, die gewalttätig klingt: Die Ägypter werden total vernichtet. (Ex 14, 26–31) So ist zwar das Alte Testament von Menschen aufgeschrieben worden, aber ihre Erfahrung ist für sie nicht anders zu interpretieren als durch das machtvolle Handeln Gottes. Es wurde schon erwähnt, dass im Hebräischen das Sprechen und Handeln sehr nahe beieinander liegen. Das hebräische Wort „dabar“ für „Wort“ und „Sprechen“ ist sehr viel wirklichkeitsnäher als das griechische Pendant, Logos. Logos ist eher abstrakt und wirklichkeitsfern während „dabar“ geradezu Wirklichkeit schafft, und daher heißt es im Buch Genesis: „Gott sprach, es werde Licht! Und es wurde Licht.“ (Gen 1, 3) Das Sprechen Gottes schafft Wirklichkeit. Die Erfahrung des Volkes Israel ist eben das Sprechen, Handeln und Wirken Gottes. Gott wirkt mit Macht, er ist wirklich. Und so ist es nur zu verständlich, dass Gott auch der „Bewirker“, der Schöpfer der Welt ist. Er erschafft die Welt aus dem Nichts durch sein Wort. Gottes Sprechen ist Handeln, und dies bewirkt eine Initialzündung, sodass die Welt sich dann von selbst weiterentwickeln kann. Gott spricht und das Ganze wird. Er gibt sein Vermögen an die Welt weiter, sodass die Welt aus sich selbst heraus werden und sich selbst übersteigen kann. Dieser Werdeprozess ist Ausdruck der großen Wirk-, Entwicklungs- und Entfaltungskraft des Göttlichen. Jahwe setzt etwas in Gang, was dann alles Weitere aus sich selbst heraus entlässt und von selbst weiterentwickeln kann. Das „von selbst“ ist fast ein göttliches Prinzip. Die Welt entwickelt sich von selbst evolutiv weiter, die Sonne scheint von selbst, die Embryonalentwicklung geht von selbst, das Herz schlägt von selbst und vieles mehr. Gott ist der Schöpfer dieses riesigen Kosmos, der sich nach wie vor ausdehnt und weiterentwickelt. An diesem Wort, Sprechen und Handeln des Schöpfers, an seinem Logos hat die menschliche Vernunft Anteil. Logos ist nicht nur Wort, sondern auch Ur-Vernunft, Ur-Wort, Ur-Sinn. Dieser Logos liegt der Welt voraus, er liegt ihr zugrunde und findet sich in allem: in den Gesetzen der Natur, in der Logik der Vernunft, im Sprechen des Menschen, sogar in den Begriffen der verschiedenen Sprachen. Da dieser Logos dem Menschen und der Natur innewohnt, kann der Mensch die Logik der Sprache und des Denkens verstehen lernen, er kann die Logik der Welt mit ihren Naturgesetzen schrittweise begreifen, er kann Naturwissenschaft betreiben und so die Logik der Welt immer besser verstehen. Er kann den Logos aber nicht nur im Denken, in der Welt und ihren Gesetzen finden, sondern auch tief in seinem Inneren als das innere Wort (Gadamer) und den Seelengrund in sich, den er als die Stimme Gottes identifizieren kann. Der Mensch soll an diesem Logos, der in allem zu finden ist, sein Maß nehmen. Von ihm her soll er seinen eigenen Sinn finden. Wenn der Schöpfergott mit seinem Logos die Welt erschafft und sie durch diesen Logos im Sein erhält, dann ist dieser Gott keiner, der ständig wie ein Baumeister an der Entwicklung von Tieren oder Pflanzen herumbastelt oder sich Naturgesetze ausdenkt und diese dann in der Welt umsetzt. Wenn Gott der Schöpfer ist, dann ist mit seinem Logos im Schöpfungsakt und in jedem Moment alles gegeben: die Möglichkeit zur Expansion des Kosmos, die Entstehung von Leben und menschlichem Geist, die evolutive Entwicklung der Welt, die Naturgesetze, schließlich alles, was diesen Kosmos ausmacht und im Innersten zusammenhält. Gott ist nicht jemand, der im Laufe der Zeit an der Welt herumkorrigiert. Es heißt ausdrücklich „Im Anfang (Herv. v. Verf.) war der Logos und der Logos war bei Gott, und der Logos war Gott“ (Joh 1, 1) und nicht „Am Anfang“. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt es bei Herrmann Hesse, also ist der Logos in allem Anfanghaften und in allem Ursprünglichen und Anwesenden „da“ und gegenwärtig. Der Schöpfergott schafft alles aus diesem Logos heraus und hält alles im Sein. Er ist der Ursprung schlechthin, aus dem alles je neu ursprünglich aufspringt. Man spricht auch von der „creatio continua“, von der kontinuierlichen Schöpfung, die in der „creatio ex nihilo“, in der Schöpfung aus dem Nichts, schon grundgelegt ist. Diese Schöpfung aus dem Nichts wird im Buch Genesis als ein Sechs-Tage-Werk geschildert. (Gen 1, 1–31) Man darf sich das wohl nicht so vorstellen, dass Gott die Welt in sechs Tagen aus Einzelteilen zusammensetzt, dass er jeden Stern einzeln und die Sonne und den Mond und jedes einzelne Tier erschafft. Aus dem Vielen wird durch Zusammensetzung keine Einheit, sondern umgekehrt: Die Vielheit entfaltet sich aus dem Einen. So ist wohl mit der Schöpfungsgeschichte eher ein kontinuierlicher Werdeprozess und Entfaltungsprozess gemeint. Insofern ist der Gedanke der Schöpfung durchaus mit dem Gedanken einer evolutiven Entwicklung der Welt zu vereinbaren. Allerdings kann die naturwissenschaftliche Theorie, die diese evolutive Entwicklung verstehen helfen will – wie im Kapitel über Christentum und Naturwissenschaften näher ausgeführt wird –, zwei Übergänge kaum erklären: den Übergang vom Unbelebten zum Belebten und vom tierischen Bereich hin zum menschlichen Geist. Theologisch kann man es sich hier leicht machen und sagen: Wenn sich aus dem Unbelebten etwas Belebtes entwickelt und vom Belebten eine Entwicklung hin zum menschlichen Geist stattfindet, dann muss beides schon von Anfang an in der Schöpfung verborgen da gewesen sein, das sich dann evolutiv herausbildet. Es fragt sich nämlich, wo und wie das wirklich Neue entsteht, also die lebendige Pflanze aus unbelebter Materie und der menschliche Geist aus dem Tier. Rein innerweltlich stellt sich die Frage, ob sich das Leben aus der unbelebten Materie herausentwickeln kann und ob der menschliche Geist aus dem Tier entsteht? Das Phänomen der Evolution mit dem Entstehen von Neuem, des Belebten aus Unbelebtem und des Geistes aus Nicht-Geistigem wird mit dem Begriff der Emergenz belegt. Dazu mehr im Kapitel über Christentum und Naturwissenschaft. Aristoteles verwendet für die Entfaltungsdynamik des Lebendigen den Begriff der Selbstbewegung. Er hat diese Vorstellungen in seiner Physik entwickelt (von „Physis“, „Natur“). Er sah, dass alles Lebendige in der Welt sich verändert und dass Veränderung ein Phänomen von Raum und Zeit ist. Auf der Suche nach dem letzten Grund schloss er, dass es hinter allem Veränderlichen einen letzten Grund geben müsse, der selbst nicht veränderlich ist. Dieser Grund ist jenseits von Raum und Zeit und somit der Veränderung nicht unterworfen. So kam er auf den unbewegten Beweger als den letzten Grund des Seins. Das klingt aus seiner Perspektive plausibel. Von einem Schöpfergott im hier beschriebenen Sinn wusste er wohl nichts. Das Judentum geht mit der Konzeption des Schöpfers und der Schöpfung, die in der Lage ist zur aktiven Selbstentfaltung, Selbstbewegung und Selbsttranszendenz (Selbstüberstieg) des Lebendigen, wohl darüber hinaus. Das Göttliche ist von hier aus nicht der unbewegte Beweger, sondern – so könnte man sagen –, der aus sich selbst heraus seiende Schöpfer, der sich aus sich selbst heraus versteht und insofern selbst-verständlich ist, der das Leben anstößt und im Leben etwas anstößt, das dann „von selbst“ weiter werden kann. So kann man die Gottesvorstellungen des Volkes Israel wie folgt zusammenfassen: Der Grund allen Seins, der die Dinge überhaupt erst zu dem macht, was sie sind, zeigt sich nicht nur in den Dingen, sondern er tritt explizit aus sich selbst heraus und beginnt zu sprechen. Das ist ein Paradigmenwechsel in der Weltgeschichte. War der Mensch bisher von sich aus auf der Suche nach dem letzten Grund und den innersten Zusammenhängen der Welt, beginnt nun dieser letzte Grund sich selbst als eine Person zu zeigen. Er kommt dem Menschen „von drüben“ entgegen. Er geht auf den Menschen zu. Sein Wirken wird aufgeschrieben im Alten Testament in menschlichen Worten. Und dieses machtvolle Wirken ist Indiz seiner Existenz und seines wirklichen und wirkenden Da-seins. Das „Ich-bin-Da“ ist eine Bezeugung seines eigenen Daseins. Aber dieses Dasein Gottes, nach dem die Menschen so lange gesucht haben, ist nicht so „da“ wie ein Ding, sondern eher in der Weise des Vorübergangs, des unerkannten und oft auch unbemerkten innerweltlichen und innerseelischen Wirkens, des indirekten Anwesend-Seins. Die Schriften des Alten Testamentes entstanden über viele Jahrhunderte. Es sind Erfahrungen von Menschen mit einer anderen Dimension des Seins, mit Erfahrungen, die sie rein innerweltlich nicht erklären können und die sie ihrem Gott zuschreiben. Das Aufgeschriebene ist nicht mehr nur Wort des Menschen, sondern ein von der Erfahrung göttlichen Handelns inspiriertes Menschenwort. So stammen die Antworten auf die Fragen des Menschen nicht mehr nur aus seinen eigenen Überlegungen, sondern vom Schöpfergott selbst. Die unglaubliche Größe und unfassbare Dimension der Schöpfung und des Schöpfergottes kommen auf den Menschen zu. Es mussten womöglich erst einige Milliarden Jahre vergehen, bis der Mensch das aushalten konnte. Er selbst, der Mensch, kam vor ca. zweihunderttausend Jahren auf diese Welt. Erst vor 3500 Jahren war er so weit evolutiv herangereift, dass er dieses Sprechen und die beginnende Nähe Gottes aushalten konnte. Noch im Alten Testament heißt es: „Wer Gott sieht, stirbt.“ Moses (1250 v. Chr.) hat Gott nur schemenhaft gesehen. Er fragt Gott nach seinem Namen, und es wird ihm gesagt, er solle dem Volk sagen, dass der Name des unbekannten Absoluten ist: „Ich-bin-da.“ (Ex 3, 13–20) Dies ist eigentlich eine philosophische Antwort. „Ich-bin-da“ heißt einfach ausgedrückt: Es gibt mich. Ihr Menschen habt so lange nach mir gesucht, und nun zeige ich mich und offenbare der Welt, dass es mich gibt. Mit dieser Selbstoffenbarung tritt Gott erstmals in der Geschichte an die Öffentlichkeit und offenbart sich selbst als Da-sein. Der Mensch beginnt seinerseits langsam, sich auf diesen personalen Gott einzulassen. Erst jetzt kann der Mensch offenbar diese „Direktheit“ Gottes ertragen. Der Mensch hat Gott gesucht, und Gott lässt sich finden, indem er seinen Namen preisgibt. Es findet ein dialogisches Geschehen statt: Der Mensch sucht und findet Gott, Gott gibt sich zu erkennen und der Mensch beginnt, sich auf diesen personalen Gott einzulassen. Der Gott führt sein Volk durch die Wüste in die Freiheit, aber das Volk versteht nicht genau, was Gott von ihm will, es murrt. Da entschließt sich Gott – wenn man das so menschlich sagen darf –, sich noch genauer der Welt zu zeigen: Er wird Mensch. Man kann es auch philosophischer ausdrücken: Das Göttliche verdichtet sich in dieser Welt und zeigt, was es ist: menschlich. Das Dasein wird zum So-sein. Und das heißt im Umkehrschluss: Das Menschliche muss vergöttlicht werden, damit es wirklich menschlich wird. Das allein Menschliche steht in der Gefahr, hinter dem Menschlichen zurückzubleiben. Teil B ~ Das Christentum 1. Das Neue Testament, ein erster Zugang Im Christentum bekommt der absolute Gott eine konkretere menschliche Dimension. Der ferne Gott Jahwe, dessen Namen man nicht aussprechen und von dem man sich kein Bild machen darf, kommt nach christlicher Auffassung dem Menschen noch mehr entgegen: Sein wirkendes Wort wird Mensch. Diese Weise des Da-seins Gottes konkretisiert sich nun in der Weltgeschichte in seinem So-sein. In kleinen Schritten zeigt Gott immer mehr, wer er ist und wie er ist. Der Mensch gewordene Gott ist das Bild Gottes in dieser Welt. Der Christ darf sich jetzt ein Bild von Gott ­machen, Jesus Christus ist die Ikone Gottes. So offenbart sich Gott in der Geschichte schrittweise und in kleinen Dosen. Die Wahrheit kommt prozesshaft ans Licht. Der Mensch kann sie offenbar nur in dieser Dosierung ertragen, sonst würde er von ihrer geballten Kraft erschlagen. Der Mensch kann die ganze Wucht Gottes nicht aushalten, sonst würde er auf der Stelle sterben. Der langsamen und schrittweisen Offenbarung Gottes entspricht das langsame Heranreifen des Menschen, der Gott entgegenreift. Das scheint in der Weltgeschichte so zu sein und auch in jeder einzelnen Biografie. Damit entstehen viele Fragen, die schrittweise beantwortet werden sollen. Es ist, wie zwischen zwei Menschen, die sich kennenlernen. Mit jeder Begegnung lernt man einander besser kennen und verstehen. Es ist ein gegenseitiges Sich-Öffnen. So ist es auch in der Beziehung des Menschen zu Gott. In dem Maße sich der Mensch für Gott öffnet, kann sich auch Gott dem Menschen öffnen. Nach dem Satz von Augustinus: Die Wahrheit bricht sich Bahn. Dem, der sich ihr öffnet, eröffnet sie sich, dem, der sich ihr verschließt, verschließt sie sich. Dieses dialogische Geschehen scheint sich auch in der Geschichte ereignet zu haben: Der Mensch wird reif für die Öffnung auf die Nähe Gottes hin, und Gott entspricht dieser Öffnung durch seine Menschwerdung. So kommt er dem Menschen näher. Gott zeigt also in der Geschichte nicht nur, dass es ihn gibt, sondern auch, wie es ihn gibt und was für Wesenszüge er hat. Das Dasein Gottes konkretisiert sich in dem So-sein des Mensch gewordenen Sohnes durch die Menschwerdung des göttlichen Wortes. Der Logos Gottes wird Mensch. Die Urlogik Gottes, der Logos Gottes lebt das Leben eines Menschen. Das ist die Auffassung des Christentums. Bisher war das Da-sein Gottes bekannt, aber doch eher aus der Ferne, distanziert, schemenhaft. Niemand kann Gott sehen und am Leben bleiben. „Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben.“ (Ex 33, 20) Jetzt wird das Wort Gottes sichtbar in der Person Jesus Christi. Er wird der Sohn genannt und nennt seinerseits Jahwe seinen Vater. Durch diese Menschwerdung zeigt Gott sein Gesicht und Antlitz. Das So-sein Gottes zeigt sich als Liebe und Barmherzigkeit. Gott ist menschlich, Gott ist gut, er ist kein strafender Gott. Dieses Geschehen kann man interpretieren als eine Verdichtung und Konkretisierung des göttlichen Geistes in das Wort und des göttlichen Wortes in menschlicher Gestalt. Gott lässt sich als Mensch auf die Bedingungen von Raum und Zeit ein. Der göttliche Geist verdichtet sich nicht nur im Wort, das Mensch wird, sondern in anderer Weise auch in jedem Menschen und in wieder anderer in jedem Begriff. Jeder Begriff in den vielen Sprachen der Welt enthält den göttlichen Geist. Und dieser göttliche Geist wohnt auch in jedem einzelnen Menschen, man nennt ihn den göttlichen Geist, den Heiligen Geist (später mehr dazu). Dieser ist dem Menschen innerlicher als er sich selbst sein kann (Augustinus), also nahezu noch näher im Menschen als der göttliche Geist im Sohn als Gegenüber. Bevor dieses Zueinander von Vater, Sohn und Heiligem Geist genauer betrachtet wird, kann man noch einmal einen Schritt zurücktreten und die Menschwerdung des göttlichen Wortes anders betrachten: Gott offenbart sich dem Volk Israel, aber das Volk Israel versteht nicht genau, was Jahwe von ihm will und widersetzt sich seinen „Anordnungen“. Seine Regeln sind zu schwer einzuhalten. Lieber fällt es wieder in seine alten Abhängigkeiten im Haus Ägypten zurück, als den Weg in die Freiheit weiterzugehen. Denn diese Freiheit muss immer wieder mühsam erkämpft werden, sie führt auch durch die Wüste. Die Mühsal des Weitergehens in die Freiheit führt immer wieder in die Versuchung, umzukehren und zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückzukehren. Da war zwar Knechtschaft und Gefangenschaft, aber es war bequemer. Freiheit und Eigenverantwortung erfordern tägliche Arbeit, gehen durch Einsamkeit und Wüste hindurch und machen auch Angst. Der Weg in die Freiheit ist beschwerlich. Aber er geht unaufhaltsam weiter und ist nahezu unumkehrbar. So wie ein Kind, das gezeugt wurde, geboren werden muss, da es sonst, wenn es im Geburtskanal stecken bleibt, stirbt und den Organismus der Mutter vergiftet, so muss sich auch Freiheit immer weiter nach vorne entwickeln auf mehr Freiheit hin. Bevor genauer bestimmt wird, was diese Freiheit ist, soll noch einmal festgehalten werden, dass der Mensch auch in der Geschichte erst langsam zu dieser Freiheit heranreift. Er wird erst langsam durch seine eigene Entwicklung hindurch freiheitsfähig. Wie in der Kindheitsentwicklung ein Werdeprozess stattfindet vom Gehorsam des Kindes seinen Eltern und anderen Über-Ich-Strukturen gegenüber hin zum Freiwerden des jungen Menschen zur Selbstbestimmung (was dann auch mehr Verantwortung bedeutet), so gibt es auch einen Reifungs- und Befreiungsprozess des Menschen in der Weltgeschichte hin zum Mündigwerden des Einzelnen und zu seiner Autonomie. Man kann den Prozess der inneren Reifung des Menschen hin zur Befähigung zum Freiheitsvollzug auch so nachzeichnen: Der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten mit der befreienden Tat Gottes ist in der Weltgeschichte relativ jung. Erst vor etwa 3500 Jahren beginnt Gott, sich ganz langsam dem Volk Israel mit seinem Befreiungshandeln zu nähern. Es beginnt seine Selbstoffenbarung. Und erst vor etwa 2000 Jahren verdichtet und konkretisiert sich der göttliche Logos zu einer menschlichen Gestalt mit dem Ziel, den Menschen auch innerlich zu befreien. Erst jetzt beginnt nach der äußeren Befreiung im Alten Testament der lange Prozess der inneren Befreiung des Menschen im Neuen Testament. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ (Gal 5, 2) Auch dieser Prozess dauert in der Weltgeschichte einige Zeit. Was in der Biografie des Einzelnen zehn oder 20 Jahre dauert, dauert in der Weltgeschichte vielleicht 1000 oder 2000 Jahre. Nach dem alten Satz, „dass beim Herrn ein Tag wie 1000 Jahre und 1000 Jahre wie ein Tag sind.“ (2 Petr 3, 8) Auch die europäische Geschichte musste sich erst mühsam über viele Kriege zu dieser Befreiung hin durchkämpfen. In Nordafrika und in den muslimischen Ländern beginnt sie gerade erst. Es sieht so aus, als würde die äußere Befreiung, die im Judentum begonnen hat und die sich als innere Befreiung des Menschen im Christentum weiterentwickelt, erst jetzt in der Gegenwart ganz langsam beim Menschen ankommen. Der Mensch befreit sich mehr und mehr von Über-Ich-Strukturen und äußeren Autoritäten. Das hat mit der 68er Generation begonnen und setzt sich fort im Raum der Kirche. Der Mensch emanzipiert sich von äußeren Über-Ich-Strukturen. Er will sich von äußeren Autoritäten nichts mehr sagen lassen. Er möchte selbst entscheiden können, was er tut, und er möchte selbst herausfinden, worum es im Leben geht. Er möchte Zusammenhänge verstehen lernen sowie innere geistliche Erfahrungen machen, und nicht mehr nur Befehlen, Geboten oder Verboten folgen. Er braucht Argumente, um einsehen zu können, warum er so oder so handeln soll, und er bedarf der Reflexion über seine inneren Erfahrungen, um sein Innenleben verstehen zu können und zu erkennen, was in ihm vorgeht. Es ist der Überstieg von der äußeren Autorität hin zur inneren Autorität. Dies ist die wahre Autorität (von „augere“: „wachsen lassen“). Denn diese innere Autorität macht den Menschen nicht klein und unterdrückt ihn, sondern macht ihn groß und führt ihn in die Freiheit und Autonomie. Und so gehört beides zusammen: Ethik und Spiritualität. Es ist eine zentrale Aufgabe für das Christentum, dem Menschen ethische Argumente für sein Handeln zu liefern und ihm zu helfen, seine inneren Erfahrungen und Seelenregungen verstehen zu lernen. Das eine ist die äußere Autorität der Normen, und das andere ist die innere Autorität der Wahrheitsstimme, des Gewissens, der Stimme Gottes. Die verschiedenen Stimmen und Seelenregungen im Menschen unterscheiden zu lernen (s. u.), nennt die Tradition die „Unterscheidung der Geister“. Gerade diese Kenntnis ist heute von zentraler Bedeutung für konkrete Entscheidungsfindungen im Alltag. In beiden Bereichen müsste der Mensch von heute besser unterrichtet werden. Es scheint so zu sein – allem Wehklagen zum Trotz –, dass Gott dem Menschen heutzutage noch näher kommt als im Judentum und im bisherigen Christentum: Der Mensch kann Gott und sein Wirken in seiner leiblichen Verfasstheit erspüren. Aber er braucht „Lehrer“, die ihm helfen, das zu entdecken. Es scheint nämlich so zu sein, dass das Normalste und Selbstverständlichste in der Welt zu etwas Göttlichem wird: dass man sich über etwas freuen kann, dass man sich irgendwie fühlt, dass man irgendwie in Stimmung ist, dass man – wie Heidegger sagt – immer irgendwie gestimmt ist: fröhlich, traurig, gelangweilt, interessiert, zerrissen oder ganz bei sich, in seiner Mitte oder „außer sich“. All diese Stimmungszustände haben etwas mit dem Verhältnis des Menschen zu Gott zu tun. Diese inneren Gestimmtheiten verstehen zu lernen, wäre heutzutage ein wichtiges Desiderat für die Vermittlung von christlicher Spiritualität. Denn Gott zeigt sich ganz still und ganz verborgen, er will gefunden und entdeckt werden. Vielleicht sollte man deswegen auch nur ganz sparsam über ihn reden, umso mehr mit ihm. Eine solche christliche Spiritualität sollte dem Menschen durch konkrete Alltagsanleitungen helfen, gute Entscheidungen zu treffen. Es ist eine Spiritualität der richtigen Entscheidungen und des Handelns aus der inneren Mitte heraus. Diese Entscheidungen wären nicht von außen aufoktroyiert, sondern von innen her als richtig und tragfähig erkannt (vgl. das Kapitel über die Unterscheidung der Geister). Anders gesagt: Wenn Gott dem Menschen innerlicher ist als er sich selbst ist, (Augustinus) dann kann der Mensch aus dieser inneren Mitte heraus bessere Entscheidungen treffen als ohne diese Anbindung – und die Wahrheit nicht nur besser erkennen, sondern sie vor allem tun, und das heißt, das Richtige tun! Daher heißt es im Neuen Testament: „Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht.“ (Joh 3, 12) Vielleicht kann man als Zwischenresümee Folgendes feststellen: Es hat den Anschein, als würde die Welt immer säkularer. Ein Teil davon ist auch sicher richtig. Aber vielleicht gibt es auch eine andere Seite der Medaille: Gott rückt dem Menschen innerlich immer näher. Es ist die Zeit der Suche nach innerer Erfahrung, die Zeit der Mystik, zumindest eine Zeit der Sehnsucht danach. Wieder anders betrachtet wird die Welt scheinbar immer unabhängiger von Gott oder bestimmten Gottesbildern. Man braucht Gott offensichtlich nicht in der Medizin, weil vieles machbar geworden ist, man braucht ihn nicht als Erklärungslückenbüßer in der Natur, weil vieles naturwissenschaftlich erklärbar geworden ist, man braucht ihn kaum noch in der Ethik, weil sehr vieles philosophisch durchreflektiert wurde (Menschenwürde, Menschenrechte, Personencharakter des Menschen, Schutz des Individuums). Der Mensch scheint ihn auch nicht zu brauchen, er kommt offensichtlich auch ohne Gott ganz gut aus. So wird die Welt säkularer, und es fragt sich, ob das Christentum selbst zu dieser Säkularisierung beigetragen hat, weil der Glaube die intellektuelle Auseinandersetzung sucht (fides quaerens intellectum, der Glaube sucht den Intellekt). Vieles, was früher zum Thema Glauben gehörte, ist heute entweder erklärbar oder unwesentlich geworden. So müssen wir im Folgenden weiterfragen, wie es um die Frage nach Gott und den Glauben heute steht, wie Gott sich heute zeigt und welche Transformationsprozesse zurzeit ablaufen. Um sich zunächst der Frage nach Gott und seiner Erscheinungsweise im Menschen Jesus Christus zu nähern, kann man zwei Wege wählen. Man kann entweder fragen, ob das überhaupt denkbar ist, dass Gott Mensch geworden ist, und dann von dort aus das Verhältnis von Gott Vater und dem Mensch gewordenen Sohn rekonstruieren. Dann stellt sich das Problem, dass man einige Voraussetzungen übernehmen muss, die erst hinterher erklärt werden können. Oder man geht den umgekehrten Weg – der hier eingeschlagen wird –, dass man zunächst die Setzung des Christentums mit einem dreifaltigen Gottesbild übernimmt und dann rückwärts aufrollt, wie es dazu gekommen ist: beide Wege haben ihre Schwäche, weil man immer zuerst etwas voraussetzen muss, was erst später erklärt werden kann. Dem Leser kann diese Mühe leider nicht erspart bleiben. Wenn er offen ist, kann er den Weg gut und leicht mitgehen. Es ist auch der Versuch, das Gottesbild mit Grundstrukturen der Welt in Verbindung zu bringen. 2. Das dreifaltige Gottesbild – Die Grundstruktur der Welt ist Beziehung Man kann einen ersten Zugang zur heutigen Gottesfrage finden, indem man sich dem christlichen Gottesbild zuwendet. Es ist ein Gottesbild, bei dem das Wort des Gottes Mensch wird. Dieser Mensch gewordene Gott (Jesus Christus) nennt den Gott Jahwe seinen Vater. Das Verhältnis beider wird vermittelt durch den einen göttlichen Geist, den Heiligen Geist. Die Theologie sagt, dieser Gott sei ein Gott in drei Personen. Und dann geht es um die Frage, wie man sich dieses Verhältnis von Vater, Sohn und Heiligem Geist vorstellen kann. Es geht dabei um das Verhältnis dieser drei göttlichen Personen vor der Erschaffung der Welt und nach der Erschaffung der Welt, also in dieser Welt. Es geht auf der einen Seite um ein innergöttliches Geschehen und auf der anderen Seite um das Verhältnis dieses Gottes zum Menschen in dieser Welt. Philosophisch kann man es so ausdrücken: Der Grund allen Seins ist nicht eine starre Substanz, sondern ein dynamisches Beziehungsgeschehen zwischen Vater, Sohn und Geist. Es ist ein Beziehungsgeschehen des Dialoges und der Liebe, und in dieses Beziehungsgeschehen ist der Mensch mit hineingenommen. Gott ist also schon vor Erschaffung der Welt ein Beziehungsgeschehen in sich selbst in der Gemeinschaft von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Er ist sich selbst genug und braucht die Welt nicht als Gegenüber. Das bedeutet zweierlei: Er ist in sich ein Liebesgeschehen dreier Personen und er ist dadurch ganz frei. Gott braucht die Welt und den Menschen nicht als ein „Liebesobjekt“. Er ist alles in sich und kann daher die Welt aus voller Freiheit schaffen. Daran hängt – das wird später ausgeführt – auch der ganze Freiheitsgedanke des Menschen. Gott hätte die Schaffung einer endlichen Welt auch lassen können. Die theologische Antwort auf die Frage, warum es die Welt gibt, kann eigentlich nur so lauten: weil Gott es aus seiner Freiheit heraus wollte. Es gab keine Notwendigkeit zur Welt. Wie die Welt dann entstanden ist, ob durch Urknall oder anders, ist eine naturwissenschaftliche Frage. Gott setzt eine Initialzündung und dann entwickelt sich die Welt von selbst. Wenn die Welt durch die Initialzündung des Urknalls entstanden ist und die Urknall-Theoretiker mit dem Urknall die Nichtexistenz Gottes aufweisen wollen, müsste man sie fragen, ob das Nichts überhaupt knallen kann, ob da, wo nichts ist, überhaupt etwas aus dem Nichts entstehen kann. Anders gesagt: Wo nichts ist, knallt auch nichts. Das Entstehen aus dem Nichts ist das, was die Theologie Schöpfung nennt. Gott allein, der sich aufgrund seines innergöttlichen Beziehungsgeschehens aus sich selbst heraus versteht und insofern selbst-verständlich ist, kann etwas aus dem Nichts ins Sein setzen (creatio ex nihilo, Schöpfung aus dem Nichts). Wenn er diese Welt aus dem Nichts schafft, was nur er selbst kann, kann er sie so schaffen, dass sie sich dann von selbst weiterentwickelt. Insofern – das wurde schon gesagt – kann Schöpfung durchaus evolutiv vonstattengehen. Wenn es diese Einheit der drei göttlichen Personen vor Erschaffung der Welt gibt, dann ist es eine Einheit in Verschiedenheit, eine Einheit von Beziehungen, eine Einheit in Polarität (der Vater ist ganz anders als der Sohn), eine Einheit in Pluralität. Das ist die Grundlage dafür, dass es auch in der Welt Spuren von Polarität gibt (Plus- und Minuspol, Mann und Frau), Spuren von Pluralität (zum Beispiel unterschiedliche Positionen in einer Demokratie oder die Pluralität von Weltanschauungen und Religionen) und die Einheit der Beziehung innerhalb einer Liebe (die Liebe zwischen verschiedenen Menschen). Mit der Schaffung einer endlichen Welt und mit dem Menschen hat Gott auch eine endliche Freiheit geschaffen. Damit hat er die Möglichkeit eröffnet, dass der Mensch „Nein“ sagt zu Gott. Damit geht Gott das Risiko ein, dass der Mensch sich gegen ihn wendet und damit letztlich auch gegen sich selbst und gegen den anderen. Genau das hat der Mensch auch getan. Angesichts dieses vollzogenen „Nein“ des Menschen zu Gott (geschildert mit dem Ungehorsam in der Paradiesgeschichte; Gen 1, 3) und des Missbrauches der Freiheit kommt es im Alten Testament sogar zu der Aussage: „Da reute es den Herrn, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh“ (Gen 6, 6). Mit der Schaffung endlicher Freiheit hat sich Gott womöglich auch seiner Allmacht beraubt. Vor der Schöpfung war er allmächtig, er konnte die Welt schaffen oder auch nicht. Nach der Schaffung des Menschen mit seiner Freiheit war er es womöglich nicht mehr, denn jetzt ist er auf das Mitwirken des Menschen in der Welt angewiesen. Er kann an der Freiheit der Menschen vorbei womöglich nichts tun. Er kann den Menschen nicht zu sich hinzwingen. Denn dieser Zwang widerspräche der Freiheit und der Liebe. Die Freiheit ist offensichtlich der Preis der Liebe, denn Liebe geht nicht ohne Freiheit. Niemand kann zum Lieben gezwungen werden. Wenn Gott innerhalb seines Beziehungsgeschehens die Liebe ist (1 Joh 4, 8), dann will er keine Menschen als Marionetten und keine Wesen, die irgendwelchen Schicksalsmächten unterworfen sind, sondern Wesen, die aus ihrer Freiheit und ihrem Willen heraus „zurücklieben“ und etwas Selbständiges tun. „Ohne die Annahme des freien Willens und seiner selbstursächlichen Letztverantwortung könnte sich der Mensch überhaupt nicht als Subjekt betrachten; er wäre vielmehr ein Spielball fremder Kräfte, die ihren Streit in seiner Seele austragen.“ Und so soll der Mensch auch aus freien Stücken der Liebe Gottes mit seiner Gegenliebe antworten. Liebe ist immer Antwort auf Geliebtwerden. Allerdings sind sowohl der freie Wille als auch das Lieben-Können „angeschlagen“. Der Mensch neigt zum Nein gegen Gott, er will das Gute tun, tut doch das Böse und versteht sich selbst nicht. (Röm 7, 19) Das liegt daran, dass der Mensch hineingestellt ist in die Unheilsgeschichte der Welt. Er bekommt von den Eltern das an Verstellungen mit auf den Weg, was die Eltern nicht aufgelöst haben. Und so geht das durch die Generationen hindurch. Letztlich geht es zurück bis zu den ersten Menschen, die sich von Gott abgewendet haben. Durch diese Abwendung begann die Unheilsgeschichte der Welt. Der einzelne Mensch, aber auch ganze Völker sind in sie verwickelt, ob sie wollen oder nicht. Die theologische Tradition hat hieraus die Lehre von der Erbsünde entwickelt. Diese hat nichts mit persönlicher Schuld zu tun, sondern mit dem Hineinverwobensein in diese unheilvolle Weltgeschichte. Aus dieser inneren Verwobenheit, Gebrochenheit, Zerrissenheit und der daraus resultierenden Unfähigkeit, seine Freiheit wirklich vollziehen zu können, muss der Mensch befreit werden. Der Mensch muss zur Freiheit befreit werden, (Gal 5, 1) damit er das Gute auch wirklich tun kann. Die Auffassung vom dreifaltigen Gott sagt auch etwas aus über die Grundstruktur der Welt. Der Grund von allem (Gott) ist ein Beziehungsgeschehen, er ist ein ständiger Dialog (Trialog) zwischen den göttlichen Personen. Darin kann man wieder Mehreres erkennen: zum einen, dass diese Grundstruktur – wie schon erwähnt – Bedingung der Möglichkeit der Liebe und der Freiheit ist und dass der Mensch nur frei werden kann, wenn auch Gott ganz frei ist. Gleichzeitig kann der Mensch nur deshalb lieben, weil er in diesen Dialog der Liebe eingebunden ist. Innerweltlich heißt das, dass er sich dieser Liebe aktiv zuwenden sollte, da er letztlich nur aus dieser Angebundenheit heraus sich selbst und damit den anderen dauerhaft zu lieben vermag. Daher ist das Gebot der Selbstliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe auch genau so zu lesen: In der Anbindung an Gott findet der Mensch seinen inneren Halt. Er ist von Gott bedingungslos angenommen und geliebt. Dadurch kann er schrittweise ein gutes Selbstverhältnis und eine gute Selbstliebe aufbauen sowie auch alle seine eigenen Schattenseiten akzeptieren lernen. Er kann all seine Projektionen, mit denen er sich ein Bild von sich selbst und vom anderen macht, schrittweise zurücknehmen. Er kann auch, weil er von Gott unbedingt angenommen ist, alle Kompensationsversuche, die ihn seine Minderwertigkeitsgefühle überdecken lassen, zurücknehmen und so immer authentischer werden. So wird er langsam ein gutes Verhältnis zu sich selbst finden (Selbstliebe) und von dort aus auch den anderen annehmen und lieben lernen. Da er so immer authentischer wird, wird er selbst auch immer liebenswerter und attraktiver. Ohne in der Quelle der Liebe und der Wahrheit verankert zu sein, wird der Mensch letztlich nicht zu seiner Wahrheit, seiner Authentizität und Attraktivität finden, und seine Kraft zum Lieben wird im Laufe des Lebens abnehmen. Sie reicht dann nicht für ein ganzes Leben, und die Lichter gehen zu früh aus. Selbsterkenntnis, Erkenntnis des anderen als des anderen und Erkenntnis Gottes gehören ebenso zusammen wie Selbstliebe, Gottesliebe, Nächstenliebe. 3. Die drei göttlichen Personen in der Welt Die drei göttlichen Personen sind also in einem dynamischen Zueinander vor Erschaffung der Welt „da“ und zeigen sich in unterschiedlicher Weise auch in dieser Welt. Der Schöpfergott Jahwe, der vom göttlichen Sohn als der Vater bezeichnet wird, zeigt sich indirekt in der Größe und Schönheit seiner Schöpfung. Der Sohn zeigt sich als Mensch unter den Menschen. Er lebt den Menschen vor, wie das Leben geht. Und er sagt von sich als dem menschlichen Gegenüber: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18, 20) Dieser göttliche Sohn wird schließlich getötet und hinterlässt der Welt nach seinem Tod den göttlichen Geist, den Heiligen Geist. Dieser Geist zeigt sich im Innersten des Menschen als Teil seines Gewissens (s. u.). Er zeigt sich auch in der Welt, in der Kirche und in den Heiligen Zeichen der Kirche, die als Sakra-mente (Heilige Mittel) bezeichnet werden. Dieser Geist wirkt indirekt in den Zeichen der Zeit sowie in den Ereignissen des Lebens. Er ist der Geist, der lebendig macht, (Joh 6, 63) und die Früchte dieses Heiligen Geistes sind Liebe, Freude und innerer Friede. (Gal 5, 22) So wie Gott sich in seiner Dreifaltigkeit in dieser Welt zeigt, so kann der Mensch umgekehrt dieses Wirken des dreifaltigen Gottes in dieser Welt erkennen. Er kann – wie erwähnt – Gott als den Vater in der Schöpfung erkennen, den Sohn in jedem zwischenmenschlichen Kontakt und den Heiligen Geist in seinem Innersten, aber auch in den Sakramenten, in der Kirche, in der Welt. Allerdings kann man die drei göttlichen Personen nicht so auseinanderdividieren, das man hier den Vater, da den Sohn und dort den Heiligen Geist erkennt. Es ist der eine Gott und der eine Geist, der in allem wirkt. Der ganze Kosmos ist durchwirkt und getragen von diesem dreifaltigen Gott. Daher geht es bei einer solchen Auffassung von der Dreifaltigkeit auch nicht darum, diese Dreifaltigkeit als ein Dogma des Christentums auswendig zu lernen, sondern zu verstehen, was sie für den Alltag des Menschen aussagt. Sie sagt nämlich nicht nur etwas aus über Gott, sondern auch etwas über sein Verhältnis zur Welt und zum Menschen sowie über die Struktur der Welt. Es geht also um etwas Grundsätzliches und Existenzielles, und nicht um etwas, das der Mensch zusätzlich auswendig lernen muss. Er muss einmal darauf hingewiesen werden, dass sich im Menschen sowie in den Strukturen der Welt der dreifaltige Gott in je unterschiedlicher Weise zeigt. Dieser Gott ist also in allem und nicht neben allem. Es stellt sich dabei immer wieder die Frage, woher der Mensch das alles weiß, woher er weiß, dass der christliche Gott ein dreifaltiger Gott ist und dass er Mensch geworden ist. Es muss hier wiederholt werden, was schon gesagt wurde, dass der Mensch zwar an das Absolute herandenken kann, aber von sich aus nicht wissen kann, wie es ist. Das Absolute selbst muss sich zu erkennen geben und sich zeigen, es muss sich offenbaren. Das hat der Gott Jahwe getan, indem er sich in der Schöpfung geäußert hat, und dadurch, dass er einzelne Menschen wie die Propheten, Mose und Abraham berufen hat. Schließlich hat er sich geäußert in seinem Sohn als Mensch. Judentum und Christentum sowie später der Islam werden deshalb auch als Offenbarungsreligionen bezeichnet. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/matthias-beck-23861337/glauben-wie-geht-das/) на ЛитРес. 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